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Doppelköpfe

1. KAPITEL

»Herr Kohaupt?«

»Ja, bitte?«

»Ich bin Estelle«, stellte sie sich vor und schwieg erwartungsvoll, als müsste ihm ihr Name alles sagen.

Mirko hatte sich zu ihr umgewandt und blickte nun in ein Paar braune Augen, wie er sie noch nie gesehen hatte.

Sie ruckten.

Mit winzig kleinen Bewegungen glitten die Augäpfel ständig leicht hin und her, als hätte sie vergessen, wie man einen Punkt fixiert.

Mirko kam sich vor wie ein Pendel, dessen Bewegungen sie in einem fort folgte, und doch stand er still, wie vom Schlag gerührt.

Was für eine Frau!

Sein Blick irrte hinab in ihren Ausschnitt.

»Oh nein!«, rief sie. »Ich mache es mit Dildos und Vibratoren, wenn gewünscht auch mit Schälgurken und Rüben, sofern nicht verdorben und von länglicher Form, einzelnen Exemplaren oder kleinen Bündeln von Karotten, Schwarzwurzeln oder Spargel, wenn geschält oder wenigstens geputzt. Auch Türklinken, Kerzen und Schuhanzieher sind genehm, Letztere am besten schön stabil und durchgehend geriffelt oder genoppt. Ansonsten treibe ich es vor der Kamera gerne mit Frauen, und da mit Zunge und Fingern, Fuß oder Faust und auch mal mit einem Strapon, wie man bei uns im Geschäft einen Umschnall-Dildo nennt. Mehr aber ist nicht! Ein Schwanz aus Fleisch und Blut kommt nicht in Frage! Von den erwähnten Sachen abgesehen gehört meine Möse nur meinem Zukünftigen, und damit ist es mir ernst! Sie brauchen sich gar nichts einzubilden. Außer fotografieren läuft nichts!«

›Meinem Zukünftigen‹, hatte sie gesagt.

Verdammt! Sie war schon vergeben.

»Ich hoffe, er weiß es zu würdigen!«, entfuhr es Mirko.

»Ich habe ihn noch nicht kennen gelernt«, sagte sie leise und sah ihn wieder so merkwürdig an, »aber wenn er vor mir steht, werde ich es wissen.«

Statt sich zu freuen, dass sie noch frei war, kam ihm nun der Sinn ihrer ersten Worte zu Bewusstsein.

Er wurde rot.

»Psst!«, sagte er. »Nicht so laut.«

Verstohlen schaute er zum Gehsteig. Hoffentlich hatte es niemand gehört.

»Welche Fotos?«, fragte er.

»Wie – welche Fotos? Sie sind gar nicht Marco Kohaupt? Aber es ist doch die Stimme von vorhin ... Hmm? Ihr Herr Vater ist der Fotograf? Ich hatte mein Kommen telefonisch angekündigt; warum empfängt er mich nicht? Hier ist doch ›Am Hunnengraben 9‹, oder? Stimmt die Hausnummer nicht?«

Sie zog einen Ausdruck hervor und blickte verständnislos darauf.

Marco Kohaupt?, durchfuhr es Mirko. Ich glaube es nicht!

Er entriss ihr den Zettel, als ginge es um sein Leben.

Es war eine Anzeige des Wand-Web, Rubrik: ›Wer-Was-Wo‹.

»Marco Kohaupt, professioneller Fotograf«, las er halblaut, »Adresse blablabla, sucht junge, schlanke Sex-Darstellerin mit starker weiblicher Ausstrahlung, rasiert, nur ohne Silikon, für Farbposter der Extraklasse. Kein männlicher Partner, nur Einführung eines außergewöhnlichen Gegenstandes. Ein Sortiment an passender Reizwäsche ist mitzubringen: Mini-Tanga, Büstenhebe, Strapse, Overknee-Stiefel und -strümpfe, et cetera. Eigene Schminkkenntnisse sind erwünscht. Zahle 100 Euro pro begonnene Stunde plus Fahrtkosten für die billigste Verbindung. Geschätzte Dauer: fünfzehn Minuten.«

»Professioneller Fotograf«, wiederholte er. »Professionell! Ich erinnere mich, dass er einmal Mitglied eines Fotozirkels unserer Schule war und dies und das geknipst hat, Enten und Blumen und hin und wieder auch mal Leute. Aber das ist schon Jahre her. Mit einer Kamera, einer eigenen gar, habe ich ihn seither nie gesehen.«

»Geknipst ...? Sagten Sie: geknipst?« Estelle schien einer Ohnmacht nahe oder einem Wutausbruch.

»Und dafür stehe ich früh um drei auf und fahre einen halben Tag durch die Lande! Geknipst! Ich möchte von einem Profi ins rechte Licht gestellt werden, endlich mal auf einem Poster oder wenigstens auf großformatigen Fotos zu sehen sein, in einer Ausstellung, bekannt werden, berühmt, lukrative Aufträge erhalten ...«

»Reingelegt!«, schrie sie. »Wie oft denn noch! Immer wieder falle ich auf solche Typen rein, die einen nur ins Zimmer locken wollen und dann sonst was von einem verlangen! Und ich hatte mich so gefreut, dachte, endlich sei der Durchbruch da, sei Schluss mit diesen albernen Sex-Bildergeschichten, wo ich bisher nur winzigklein zusammen mit vielen andern Darstellern zu sehen war, mit den Heften zweifelhaften Charakters oder den Angeboten für billige, schmuddlige Sex-Filmchen, die ich immer wieder ablehnen muss ...«

Sie fing sich wieder. »Wenn es sich so verhält, bekomme ich mein Fahrgeld zurück und eine Aufwandsentschädigung in Höhe von wenigstens 50 Euro. Falls nicht, sehen ich Ihren Vater vor Gericht! Haben Sie das verstanden?«

»Bruder«, sagte er. »Marco ist mein Bruder. Und ich verstehe nicht, weshalb er so etwas tut. Es sei denn ...«

Er mochte es nicht wahrhaben, aber plötzlich sah er sich, Marco und die ganze 3 b im Deutschen Hygiene Museum in Dresden, gleich neben Stadion und Zoo, wenn er sich recht erinnerte, die Gläserne Frau umringen, hörte Frau Pahls Erklärungen, und alles bekam auf einmal Sinn.

»Seht her«, sagte Frau Pahls, »schaut auf den Kopf der Gläsernen Frau! Das Großhirn eines jeden Homo sapiens bestand aus zwei Hälften, verbunden durch Millionen Nervenfasern, dem so genannten Balken. Um Herr einer Krankheit namens Epilepsie zu werden, trennte man versuchsweise diese Verbindung; das Verhalten der Patienten aber blieb normal. Staunend und ungläubig erkannten die Ärzte, dass der damalige Mensch sozusagen über zwei Hirne verfügte, jedes mit eigenem Bewusstsein, die unter dem Kommando der linken Hirnhälfte eng zusammenarbeiteten, aber auch bis zu einem gewissen Grad unabhängig voneinander handeln konnten. Die eine Hälfte zum Beispiel erfasste Einzelheiten und redete wie ein Wasserfall, die andere sah stets das Ganze und war stumm. Beim Gehen sah es so aus, dass die linke Hirnhälfte das rechte Bein bewegte, und die rechte Hirnhälfte das linke Bein. Erstaunlich, dass diese Menschen überhaupt vom Fleck kamen und nicht ständig stolperten, nicht wahr?«

Die Jungen grölten und die Mädchen kicherten, und alle versuchten sie, mit nur jeweils einem Bein zu laufen, während sie das andere nachschleifen oder seltsame Schlenker vollführen ließen.

Frau Pahls ließ sie gewähren und sah ihnen schmunzelnd zu. Dann fuhr sie in ihrem Vortrag fort.

»Selbstverständlich war dies kein akzeptabler Zustand. Deshalb versuchte die Evolution schon lange, ihn zu ändern. Zum einen erzeugte sie immer wieder Schlangen mit zwei Köpfen und bei den Menschen Zwillingskinder, die auf verschiedene Weise aneinandergewachsen waren. Aber auch diese so genannten siamesischen Zwillinge verfügten jeweils über doppelte Hirne.

Zum anderen stritten die beiden Bewusstseine in den Köpfen dieser armen Menschen mitunter heftig um das Vorrecht. Es kam immer wieder zu ›gespaltenen Persönlichkeiten‹ und zur ›fremden Hand‹, die ein Eigenleben zu führen begann, sich weigerte, Türen zu öffnen, oder dem Besitzer mitunter sogar an die eigene Kehle ging.

Endlich aber war es soweit! Seit nunmehr einem Jahrhundert teilt sich bis auf wenige Ausnahmen jedes Hirn frühestmöglich im Mutterleib, und jede Gehirnhälfte entwickelt ihren eigenen Körper. Deshalb gibt es euch alle zweimal, und jeder von euch hat nur ein Bewusstsein. Wir sind der Neue Mensch. Bis auf die Schädelform sehen wir aus wie der Homo sapiens, und doch sind wir unendlich höher entwickelt als er. Jeder von uns kann seine Neigungen voll entfalten und muss keine Geisteskrankheiten fürchten.

Nur etwas ist schlimm: Diejenigen von euch, welche die rechte Gehirnhälfte des Ur-Embryos besitzen, die so genannten Rights, werden ihr Leben lang benachteiligt sein, nicht so intelligent, nicht so entschlussfreudig, nicht so aktiv, immer im Schatten des dazugehörigen Lefts bleiben – von welchem sie sich aber nicht trennen können: Left und Right sind inniger miteinander verbunden als früher eineiige Zwillinge. Sie müssen immer beieinander sein, im gleichen Haus leben, können höchstens für ein-zwei Tage getrennte Wege gehen, dann müssen sie sich wieder sehen. Sie werden ein Left-Right-Paar heiraten wie jeder heutige Mensch – der Left die Left, der Right die Right, und niemals andersherum, denn Left-Right-Beziehungen funktionieren nicht – zu groß sind die Gegensätze, da nützt alles Verlieben und Begehren nichts.«

»Wer von uns ist der Left und wer der Right?«, wollten Frank und Franko Reister wissen.

»Das wird sich erst in der Oberstufe zeigen«, sagte Frau Pahls, »meist im elften oder zwölften Lebensjahr, ganz selten später; die Unterstufe meistert selbst ein Right. Dann aber wird einer plötzlich bessere Zensuren haben und sich ein ansprechenderes Hobby suchen als der andere, und dies wird so bleiben: im Beruf, beim Erfolg im Leben ... Ihr werdet es früh genug merken. Wichtig ist nur, dass ihr diese Unterschiede akzeptiert, dass ihr zueinander haltet, was immer auch geschieht, dass der Left für den Right sorgt und ihn nicht verachtet, dass der Right den Left nicht beneidet oder gar hasst und immer dessen Weisungen folgt.«

»Die Schauspielerinnen Thurid und Thorina Perk sind beide Lefts«, sagte Rica Much. »Warum sollen Rico und ich es nicht auch sein?«

Frau Pahls wurde plötzlich sehr ernst.

»Thorina Perk ist eine Schauspielerin«, sagte sie, »Thurid Perk hingegen hält sich nur für eine. Denn Thurid Perk ist keine Left. Thurid Perk ist eine Pseudo-Left.«

»Was ist das: eine Pseudo-Left?«, war unausweichlich Ricas nächste Frage.

»Ein Right, der sich gegen sein Schicksal aufbäumt«, sagte Frau Pahls, »nicht wahrhaben will, dass er ›das falsche Ende‹ erwischt hat, sich einbildet, dass er der Left sei, und irgendwann felsenfest davon überzeugt ist.

Pseudo-Lefts gibt es äußerst selten. Aber wen es trifft, der braucht viel Verständnis und ist nur schwer von seiner Wahnvorstellung abzubringen. Gelingt dies aber und fällt dann eine Welt für ihn zusammen, so ist dringend ärztliche Hilfe und psychologische Betreuung nötig.«

»Vater oder Bruder«, riss Estelle Mirko aus seinen Kindheitserinnerungen, die für ein-zwei Sekunden in ihm aufgeblitzt waren.

»Von mir aus kann er Ihr Meerschweinchen sein! Entweder er setzt mich groß und farbig ins Bild, wie versprochen, oder er zahlt.«

Sie blickte ihm wieder mit ruckenden Augäpfeln ins Gesicht, wütend und entschlossen. Dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte sie. »Sie sehen ja zum Fürchten aus.«

»Beim schwarzgehämmerten Fingernagel!«, brüllte Mirko, und nunmehr blieben die Leute wirklich stehen und schauten zu ihnen herüber. »All die Jahre tat er nichts, saß nur phlegmatisch herum, und nun, wo es darauf ankommt, wo ich endlich meine Chance habe und sie nutzen muss, wo es alles andere als passt, da entpuppt er sich als ...«

»Als was?«, fragte sie verständnislos.

»Kommen Sie mit!« Mirko ergriff ihre Hand, zog sie hinter sich her zur Eingangstür. »Ich zeige es Ihnen! Gleich werden Sie alles verstehen.«

Völlig überrumpelt, ließ sie alles mit sich geschehen. Eine Treppe, ein paar hastige Schritte, und sie standen im Obergeschoss, das weitläufig war, geräumig und hell.

»Sie leben gut«, sagte sie.

»Die Villa gehört uns nicht«, sagte er, »und schon gar nicht das Grundstück.«

Bekümmert schaute er zu einem der vielen großflächigen Fenster hinaus.

»Nichts gehört uns außer ein paar persönlichen Sachen. Wir sind Waisen, Heimkinder, letzte Woche erst volljährig geworden. Wie Sie sicher wissen, ist die Geburtenrate trotz der ›Doppelausgaben‹ von Lefts und Rights inzwischen so gering, dass ein Kinderheim es sich leisten kann, den wenigen Abgängen für ein Jahr ein derartiges Domizil zur kostenlosen Verfügung zu stellen, nur Strom und Wasser müssen wir zahlen. Abgesehen von unseren Ersparnissen, die nicht allzu hoch sind, haben wir zwölf Monate Zeit, um durch unserer Hände Arbeit unabhängig zu werden. Das heißt, ich muss es werden, denn Marco kann nichts. Dann müssen wir unseren Nachfolgern weichen.

Seit ich elf bin, schnitze ich, war klar, dass ich der Aktivere, der Left bin. Ich habe mir hundertfach in die Finger geschnitten, mir Schwielen geholt und trotz aller Schwielen und Schnitte, der Schmerzen und der Rückschläge, der vielen verkorksten Figuren, nicht aufgegeben. Jahr für Jahr habe ich meine Kenntnisse vervollkommnet. Inzwischen kann ich alles herstellen, was es an Volkskunst gibt. Ich habe jeden Dreh raus, selbst im Drechseln bin ich firm. Was ich in Angriff nehme, gelingt, sei es nun aus Nussbaum, Kirschbaum, Elfenbein oder Palisander! Was ich anfertige, kann man nicht vom Original unterscheiden. Und wofür das alles? Dafür, dass dieser unterbelichtete Spinner mir alles kaputtmacht? Oh nein!«

»Unterbelichteter Spinner? Sie sprechen von Ihrem Bruder!«

»Der mir jetzt besser nicht in die Quere geraten sollte! Habe ich eine Wut im Bauch – er ist ein Pseudo-Left, wie mir gerade klargeworden ist, dieser blöde, einfältige, beschränkte Right! Gerade jetzt kommt er mir damit, die ganzen Jahre tat er nichts, ließ nichts von seiner Krankheit erkennen! Das heißt: Nicht einmal hat er mich Left genannt, kein einziges Mal, die ganzen Jahre nicht! Die Krankheit hat also schon die ganze Zeit in ihm gekeimt. Warum fällt mir das erst jetzt auf? Beim stumpfen Hohleisen: Womit habe ich das verdient?«

Mirko deutete mit der einen Hand auf die zahllosen Figuren und Figürchen auf den Fensterbrettern, auf die Räuchermännchen und Nussknacker und Engel, Pyramiden und Schwibbögen, allesamt Zeugnisse seiner Fingerfertigkeit, während er mit der anderen noch immer Estelle festhielt.

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