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Don Juan und Don Quichote

Karl Plepelits

Don Juan und Don Quichote

Cassiopeiapress Roman





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Don Juan und Don Quijote

Liebe und Leben, Kultur und Natur in Spanien

von Karl Plepelits

ROMAN

IN NEUER DEUTSCHER RECHTSCHREIBUNG

Nirgendwo in Europa findet der Reisende eine vergleichbare Vielfalt an faszinierenden Landschaften.

Nirgendwo in Europa erlebt der Reisende eine derart abwechslungsreiche und faszinierende Geschichte.

Nirgendwo in Europa trifft der Reisende auf eine vergleichbare Faszination von Kunst, Kultur und Alltagsleben.

Nirgendwo in Europa wartet eine vergleichbare Zahl an herrlichen Kathedralen und Kirchen, an faszinierenden Burgen und Schlössern auf Kunstfreunde und Gläubige.

Nirgendwo in Europa gibt es eine vergleichbare Zahl von farbenprächtigen, ausgelassenen, inbrünstigen Fiestas und Ferias.

Nirgendwo in Europa strömt eine vergleichbare Zahl von Pilgern berühmten Wallfahrtsstätten zu, nirgendwo sonst sind die Pilgerfahrten selbst ein vergleichbares Erlebnis.

Und nirgendwo in Europa erlebt unser Erzähler eine derart herzzerreißende Liebe.

© der Printausgabe 2013 by EDITION BÄRENKLAU/Ein EDITION BÄERENKLAU eBook, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius (ViSdP)

www.edition-baerenklau.de

© 2013 des Romans „Don Juan und Don Quijote“ by Karl Plepelitts

© Cover 2013 by Steve Mayer

Ein CassiopeiaPress E-Book

© der Digitalausgabe 2013 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Die Liebe liebt das Wandern –

Gott hat sie so gemacht –

Von einem zu dem Andern.

Fein Liebchen, Gute Nacht!

Dies behauptet jedenfalls der Wanderer in Schuberts berühmtem Liederzyklus „Die Winterreise“. Und? Hat er recht? Nun, nach meiner langjährigen Erfahrung lautet die Antwort ganz klar: Ja und nein. Es kommt ganz drauf an ...

Erster Teil

1

 

„Hilfe, meine Tasche“, kreischt mit sich überschlagender Stimme eine meiner Damen mitten in meinem schönen Vortrag über die Entstehung und Geschichte der Plaza Mayor, der „guten Stube“ Madrids, die meine von der Schönheit des Platzes (oder meines Vortrags) faszinierte Reisegruppe gerade besichtigt. Vor Schreck bleiben mir die Worte in der Kehle stecken.

„He, so ein Gauner“, brüllt fast gleichzeitig eine männliche Stimme. Und schon jagen, aufgeregt schreiend, drei Herren aus der Schar meiner Zuhörer und dazu mehrere Passanten oder Gäste der Gastgärten der nächstgelegenen Cafés einem Flüchtenden nach. Im nächsten Augenblick liegt er wie ein frommer Muslim in der Moschee mit der Nase voran auf dem Boden und betet vielleicht zu Allah, man möge sein Leben schonen. Offenbar hat ihm jemand ein Bein gestellt.

Muss der Arme wirklich um sein Leben fürchten? Nein, er rappelt sich auf, nimmt, wie man so schön sagt, seine eigenen Beine unter die Arme und ist im nächsten Augenblick in der Menge verschwunden. Seine Verfolger kehren im Triumph zurück, halten mit Siegerstolz die Kriegsbeute in die Höhe und überreichen sie unbeschädigt unserer sichtlich geschockten Frau Längle, während sich Neugierige anschleichen und uns, aufgeregt schwatzend und den Sittenverfall der heutigen Zeit und die überhandnehmende Arbeitslosigkeit beklagend, anstarren, als wären wir Straßenkünstler, die diesen Vorfall nur inszeniert haben, um die Passanten zu unterhalten. Soll ich vielleicht mit meiner Reiseleiterkappe herumgehen und absammeln?

 

Samstag, 25. August 2012. Von Zürich kommend, war ich mit meiner Reisegruppe zu Mittag in Madrid gelandet. Wir bezogen unser Hotel und machten als Erstes Siesta. Danach sammelten wir uns zu einem gemeinsamen Spaziergang durch die Altstadt. Dieser führte uns zunächst zur Puerta del Sol. Sie heißt zwar „Tor der Sonne“, erklärte ich, ist aber ein großer, länglicher, schöner und außerordentlich belebter Platz und gilt als „Herz Madrids“. Der Name kommt daher, dass einst dort wirklich ein Stadttor stand. Aber das wurde schon im 16. Jahrhundert, im Rahmen des Ausbaus der Stadt zu einer Königsresidenz, abgerissen. Die Mitte des Platzes nimmt, umrahmt von zwei großen Springbrunnen, die Reiterstatue von König Karl III. ein. Er regierte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts; aber die Statue selbst ist erst 18 Jahre alt. Ihr benachbart ist die ehemalige Hauptpost mit einem Uhrturm, daher auch als „Haus der Uhr“ bezeichnet. Die Uhr selbst läutet in der jeder Silvesternacht mit zwölf Glockenschlägen das neue Jahr ein. Davor haben sich Tausende Menschen versammelt und verzehren bei jedem Glockenschlag eine Weinbeere. Diese zwölf Weinbeeren sollen im neuen Jahr Glück bringen. Denn die Puerta del Sol ist der Ort, wo die Bürger von Madrid traditionell Silvester feiern. Und sehen Sie? Hier, gegenüber dem Haus der Uhr, ist in den Boden eine große Granitplatte eingelassen, und auf ihr lesen wir in Messingbuchstaben: „Km.0“ und (übersetzt) „Ursprung der radialen Straßen“; außerdem ist eine geographische Karte des spanischen Festlandes dargestellt. Und Sie sehen, dass Madrid, ganz im Gegensatz zu Wien, ziemlich genau im Zentrum des Landes liegt.

Lustig und äußerst fotogen fanden alle die Skulptur „Oso y Madroño“, „Bär und Erdbeerbaum“, aus dem Jahr 1967: Der Bär steht auf seinen Hinterbeinen, lehnt sich mit den Vorderbeinen an den Stamm eines Erdbeerbaumes und frisst die Früchte ab. Diese Skulptur, sagte ich, ist ein beliebter Treffpunkt, oder soll ich sagen, ein beliebtes Rendezvousplätzle, der Madrider Bürger, zumal sich unter dem Platz ein wichtiger Knotenpunkt der U-Bahn und des Eisenbahnnahverkehrs befindet. Übrigens, die Madrider U-Bahn gilt neben der U-Bahn Seoul als die am schnellsten expandierende U-Bahn der Welt. Allein seit 1994 hat sich die Länge des Streckennetzes mehr als verdoppelt.

Von der Puerta del Sol waren es nur ein paar Schritte bis hierher, zur Plaza Mayor. Und hier begegnete uns dieser unliebsame Zwischenfall.

Sobald sich der Aufruhr gelegt hat, erhebe ich aufs Neue meine Stimme und setze gerade zu Ehren der Retter von Frau Längles Handtasche zu einer Lobeshymne an. Da pflanzt sich unverhofft ein Polizist vor mir auf und verlangt in schroffem Ton meine Führungserlaubnis zu sehen.

Eine solche Situation ist mir neu. Gehört habe ich von Kollegen und Kolleginnen zwar schon des Öfteren, dass sie während der Führungen belästigt worden seien, weil sie keine Führungserlaubnis vorweisen konnten; eine solche bekommen im Normalfall ohnedies nur Spanier. Ich selbst erlebe dieses Ungemach jetzt zum ersten Mal. Natürlich versuche ich mich herauszureden, indem ich meinem lieben Freund und Helfer klarmache, dass ich im Augenblick gar keinen Vortrag halte, sondern meine Leute vor den Straßenräubern warnen wolle; und ob er nicht gesehen habe, wie wir soeben von einem solchen überfallen worden seien. Aber meine schöne Rede scheint ihn nicht die Bohne zu beeindrucken. Ohne Führungserlaubnis dürfe ich nicht führen, und falls ich diesem Verbot zuwiderhandle, müsse er mir ein Bußgeld aufbrummen. Und er nennt eine so absurd hohe Summe, dass ich mich verhört zu haben glaube. Aber ich habe mich nicht verhört; ich frage extra nach: 200.000 Euro.

Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen? Nur, eine Entscheidung muss sehr rasch getroffen werden. Ich kann meine Leute nicht ewig warten lassen. Soll ich ihn auffordern, sich lieber um die Kriminellen zu kümmern als um harmlose Touristen und ihren Reiseleiter? Nein, ein Uniformierter lässt sich nicht gern von einem einfachen Zivilisten, noch dazu einem Ausländer, vorschreiben, was er tun und lassen soll. Am Ende befördert er mich dann gleich in den Polizeikotter, und meine Leute stehen alleine da und finden in diesem verwinkelten Altstadtviertel vielleicht nicht einmal in unser Hotel zurück.

Während ich noch innerlich mit mir kämpfe, steht zu meiner Überraschung eine ältere Dame neben mir und beginnt mit dem Polizisten zu palavern. Zugleich entnimmt sie ihrer Handtasche irgendeinen Ausweis und hält ihn ihm unter die Nase. Was sie ihm erzählt, höre ich gar nicht; so sehr nimmt mich ihre Erscheinung gefangen. Und in meinem Kopf nistet sich der Gedanke ein, ich könnte ihr schon einmal begegnet sein. Jedenfalls erinnert sie mich an irgendjemanden. Nur, an wen?

Ehe ich noch diesem Rätsel auf die Spur komme, endet das Palaver, und mein Freund und Helfer wendet sich wieder mir zu und verkündet, ich könne meiner Strafe entgehen, falls ich diese Dame hier als lokale Führerin akzeptiere; sie sei nämlich im Besitz des begehrten Dokuments.

Nun, das ist zwar nicht ganz in meinem Sinn. Erstens führe ich weit lieber selbst, und zweitens verlangen lokale Führer erfahrungsgemäß ein Heidengeld als Lohn. Aber gut, was bleibt mir anderes übrig? Und überhaupt verlangen sie natürlich keine so irrwitzige Summe.

Ich blicke vom Uniformierten zur Fremdenführerin. Und wieder frage ich mich: Von wo kenne ich sie? Wo bin ich ihr schon einmal begegnet?

Mit großen Augen blickt sie mich an. „Bist du nicht der Schurli aus Wien?“, sagt sie leise auf Spanisch.

„Ja, ja“, erwidere ich verblüfft und fühle mich nun total verwirrt. Schurli – so verballhornte man meinen schönen Namen Georg, als ich noch klein war und ich mich nicht dagegen wehren konnte. Wieso weiß sie das? Oder verwechselt sie mich mit irgendeinem anderen Schurli aus Wien? Aber wieso spricht sie mich dann gleich von vornherein auf Spanisch an, als verstünde es sich von selbst, dass alle Reiseleiter Spanisch können? Und wieso bilde ich mir dann selber ein, dass ich sie kenne?

„Kennst du mich nicht mehr?“, fährt sie fort. „Ich bin doch die Carmen aus Forcall. Erinnerst du dich nicht?“

Wie? Was? Träume ich? Halluziniere ich?

„Ha, die Carmen, meine Carmen“, rufe ich verblüfft aus und habe keine Scheu, ihr vor der ganzen Reisegruppe, vor all den Neugierigen, vor dem Polizisten um den Hals zu fallen. Ich bin sprachlos, fassungslos, habe mit den Tränen zu kämpfen. Vor mir steht meine erste, meine einzige Liebe, und wir wären heute garantiert ein altes Ehepaar, hätten uns nicht die Schicksalsgötter oder vielmehr Carmens stockkonservative und rasend katholische Angehörige auseinandergerissen. Und siehe da, auch ihre Augen stehen voller Tränen, und ihre Wangen leuchten wie ein Sonnenuntergang auf einem Strand in Teneriffa.

Unsere öffentliche Liebesszene wird durch die schnarrende, ungeduldig klingende Stimme unseres Freundes und Helfers unterbrochen. „Na, was ist? Nehmen Sie die Dame als lokale Führerin oder nicht?“

„Ja, ja. Ja, selbstverständlich“, stoße ich nicht ohne Mühe hervor. Mir steckt ein dicker Pfropfen im Hals. „Und danke.“

„Danke? Wofür?“, erwidert er, sichtlich verwundert, erhält aber keine Antwort mehr und trollt sich nach kurzer Bedenkzeit.

Carmen strahlt mich an. „Also nimmst du mich?“

„Aber sicher. Mit dem allergrößten Vergnügen. Und sag mir bitte, dass ich jetzt nicht träume.“

„Und nicht, dass du glaubst, ich will ein Geld von dir. Für dich mache ich das selbstverständlich gratis. Aber wir sollten deine Leute nicht länger warten lassen. Stellst du mich ihnen vor?“

Nun, die Frauen haben ja doch immer die besten Ideen. Und meine Leute haben nicht so viel Geld ausgegeben, um dann müßig herumzustehen und einem öden Palaver auf Spanisch zuzuhören, auch wenn es auf einem der schönsten Plätze ganz Spaniens ist.

Und weiter Carmen: „Eins noch. Sprichst du, oder soll ich ...“

„Na, du natürlich. Damit ich dich hören und nach Herzenslust anschauen kann.“

Ich suche mich zu sammeln, wende mich meinen Leuten zu und stelle Carmen offiziell als unsere lokale Führerin vor. Sie begrüßt meine Gruppe, natürlich auf Deutsch, entschuldigt sich für die bewusste Unannehmlichkeit und bittet, ihr als Erstes zum Reiterstandbild Philipps III. im Zentrum des Platzes zu folgen. Zweifellos eine weise Entscheidung. Wir haben ja diesen verkehrsfreien, exakt rechteckigen, auf allen vier Seiten von Arkaden unter aufeinander abgestimmten Fassaden umkränzten Platz unter einer dieser Arkaden betreten und sind vor ungläubigem Staunen über dessen strenge Schönheit gleich beim Eingang stehen geblieben. Dadurch hatte es der Gauner sicher wesentlich leichter, sich unbemerkt anzuschleichen und danach blitzartig zu verschwinden.

Vor besagtem Reiterstandbild angekommen, wirft sich Carmen in Positur und beginnt in fast perfektem Deutsch:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir stehen hier auf der Plaza Mayor, dem Herzstück des alten Stadtzentrums, das von den spanischen Habsburgern erbaut wurde. Deshalb heißt dieses Stadtviertel Madrid de los Austrias. Die Habsburger nennen wir bis heute “los Austrias“. Vor uns, im Zentrum des Platzes, erhebt sich die Reiterstatue von König Philipp III., geschaffen zur Erbauungszeit des Platzes selbst, das heißt, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, nach dem Vorbild der römischen Imperatoren, konkret, des Kaisers Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom. Allerdings genießt Philipp III. damit genaugenommen zu viel der Ehre. Diese Ehre gebührt von Rechts wegen seinem Vater Philipp II. Er hat den berühmten Architekten Juan de Herrera mit der Errichtung dieses Platzes beauftragt, und diesem ist deren strenge, schmucklose, ja fast hochmütige Bauweise zu verdanken. Sie entspricht vollkommen der Auffassung Philipps II. vom Ideal seiner eigenen königlichen Würde. Übrigens ist Philipp II. auch der eigentliche Gründer der Stadt selbst. Vor ihm war Madrid ein ziemlich unbedeutender Ort. Hauptstadt des Königreiches war entweder Toledo oder Valladolid. Erst Philipp II. erhob im Jahre 1561 Madrid zur Hauptstadt. Übrigens versuchte sein Sohn 1601 diese Entscheidung rückgängig zu machen, indem er den Hof wieder nach Valladolid verlegte. Zugleich beendete er die Bauarbeiten an der Plaza Mayor. Aber schon 1607 kehrte man endgültig nach Madrid zurück. Und nun ließ Philipp III. die Plaza Mayor fertigbauen. Darum ist er eben hier verewigt, und darum ist auch in manchen Beschreibungen zu lesen, er sei der Schöpfer des Platzes. Hier steht seine Reiterstatue allerdings erst seit dem 19. Jahrhundert. Früher hätte es an dieser Stelle ja auch nur gestört. Wobei gestört, werden Sie jetzt fragen. Nur Geduld. Die Antwort folgt sogleich.

Zuerst darf ich Sie bitten, ihre Blicke auf diese eine von zwei spitzen Türmchen umrahmte und mit Fresken geschmückte Fassade zu richten, mit den drei Fahnen auf dem Mittelbalkon im ersten Stock, darüber die Inschrift PLAZA MAYOR, das spanische Wappenschild als Relief und die zierliche goldene Krone mit dem Kreuz auf dem Dach. Dieses Gebäude nennt sich „königliches Haus der Bäckerei“, weil es ursprünglich wirklich als solche diente. Auf dem Balkon wohnte die königliche Familie den Veranstaltungen bei, die auf diesem Platz stattfanden. Und sie werden ja schon bemerkt haben, dass sämtliche Gebäude rundum in allen Stockwerken mit Balkonen versehen sind. Diese waren, wie wir aus zeitgenössischen Darstellungen wissen, bei den angesprochenen Veranstaltungen voll mit Menschen, und vor den Arkaden in den Erdgeschossen wurden stufenförmige Tribünen errichtet, damit rundum wie in einem römischen Amphitheater möglichst ganz Madrid Platz fand, konkret, bis zu 50.000 Personen.

Und damit kommen wir der Frage, warum eine Königsstatue hier nur gestört hätte, schon näher. Also, was für Veranstaltungen fanden hier statt? Antwort: Königsproklamationen, Heiligsprechungen, Reitturniere, Stierkämpfe, Aufführungen von Werken der größten Dramatiker Spaniens Lope de Vega und Calderón de la Barca, und so weiter, vor allem aber Autodafés.

Zwischenruf: „Auto? Und das im 17. Jahrhundert?“

Und Carmen, lachend: Das hat natürlich nichts mit dem griechischen Wort auto zu tun, sondern kommt vom lateinischen actus. Autodafé, wie man mit dem portugiesischen Wort im Deutschen sagt, spanisch heißt es auto de fe, lateinisch actus fidei, bedeutet Akt des Glaubens. Darunter verstand man ein von der Heiligen Inquisition angestrengtes Gerichtsverfahren, inklusive Folter, versteht sich, gegen sogenannte Ketzer, die in aller Regel zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurden, und die Vollstreckung dieses Urteils. Ihnen ist sicher bekannt, dass die Inquisition in Spanien besonders arg gewütet hat. Jedenfalls wurden diese leider nur allzu häufigen „Akte des Glaubens“ als große Glaubensdemonstrationen veranstaltet, zugleich als Volksbelustigung.

Carmen lächelt mich an und fragt nach dem weiteren Besichtigungsprogramm. Nun, unser nächstes Ziel ist die grandiose Plaza de Oriente, eine begrünte Oase zwischen Königspalast und Oper. Hier versammeln wir uns vor einer weiteren Reiterstatue mit zwei schönen Brunnen an ihrem hohen Sockel. Diesmal ist es Philipp IV., der Sohn des auf der Plaza Mayor verewigten Philipp III.

Und Carmen beginnt zu erzählen:

Sie staunen wohl über den gewaltigen Gebäudekomplex gegenüber. Das ist der Palacio Real, der Königspalast, erbaut um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Davor stand an dieser Stelle ein Alcázar, eine arabische Burg, die auch die spanischen Könige nutzten. Am Heiligen Abend des Jahres 1734 wurde sie ein Raub der Flammen. Diese Katastrophe dürfte dem König Philipp V. gerade recht gekommen sein. Er war nämlich der erste Herrscher aus der noch jungen Bourbonendynastie, die nach dem Erlöschen der spanischen Linie der Habsburger im Jahre 1700 und dem darauf folgenden Spanischen Erbfolgekrieg an die Macht gekommen war, und wünschte eine dem Escorial der Habsburger ebenbürtige Residenz, die alle übrigen europäischen Fürstenresidenzen in den Schatten stellen sollte. Neben dem Palast erhebt sich die Kathedrale von Madrid. Und wenn man die beiden Riesenbauten so anschaut, könnte man glauben, das sei ein geplantes Gesamtkunstwerk, nicht wahr? Die Hauptfassade mit den Doppeltürmen entspricht mit ihren säulengeschmückten Galerien den Fassaden des Palastes und bildet zu diesem ein architektonisches Gegengewicht. Aber der Bau der Kirche begann 1879. Und erst 1993 konnte sie von Papst Johannes Paul II. eingeweiht werden.

„Hat hier nicht der Felipe seine Letizia ...“, wirft eine meiner Damen mit schüchterner Stimme ein, ohne ihre Frage zu beenden.

Und Carmen: Richtig. In dieser Kirche wurden am 22. Mai 2004 Kronprinz Felipe und Letizia Ortiz getraut.

„War die denn nicht schon einmal ...“

Jawohl, Letizia war schon einmal verheiratet, aber nur standesamtlich. Und damit galt diese Ehe für die katholische Kirche als nicht existent.

Wenn wir uns jetzt umdrehen, sehen wir das Teatro Real, die Madrider Oper. Ihr künstlerischer Direktor ist seit 2010 Gérard Mortier, den Sie bestimmt als einstigen Leiter der Salzburger Festspiele kennen. Übrigens kann sich Spanien, wie Sie alle wissen, mehrerer weltberühmter Opernsängerinnen und -sänger rühmen. Ich nenne nur Victoria de los Ángeles, Montserrat Caballé, Plácido Domingo, José Carreras.

Wir setzen unseren Spaziergang fort und gelangen zur ausgedehnten Plaza de España, auch sie eine grüne Oase mitten in der Stadt. Carmen steuert zielstrebig auf ein großes Wasserbecken, nein, auf ein hohes, von einer Kugel gekröntes Denkmal zu, das sich wunderbar in diesem Wasserbecken spiegelt. Am Fuße dieses Denkmals, aber immer noch in beachtlicher Höhe thront auf hohem Sockel ein Herr aus weißem Marmor, gekleidet wie ein Hidalgo, ein niederer spanischer Adeliger des 17. Jahrhunderts, und blickt mit ernster Miene auf zwei seltsame Reiter aus Bronze herab, einen langen Dünnen in Ritterrüstung mit hoch erhobener Lanze in der Hand auf einem Pferd und dahinter, mit dessen Helm auf dem Kopf und dessen Schild auf dem Rücken, einen kleinen Dicken auf einem Esel.

Carmen bittet, uns rund um diese würdigen Herren zu versammeln, und beginnt mit feierlicher Stimme im Ton einer Rezitation:

„An einem Orte von la Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Hidalgo, einer von jenen, die eine Lanze im Lanzengestell, einen alten Schild, einen dürren Gaul und einen Windhund zum Jagen haben.“

Und im normalen Ton: Darf ich vorstellen?

Sie zeigt zum Herrn aus weißem Marmor hinauf: Miguel de Cervantes Saavedra, der berühmteste Dichter in spanischer Sprache, Autor des berühmtesten und einflussreichsten Werks der spanischen Literatur, des wichtigsten Zeugnisses des sogenannten siglo de oro, des Goldenen Zeitalters Spaniens im 16. und 17. Jahrhundert.

Sie zeigt auf die beiden Reiter aus Bronze: Don Quijote de la Mancha, der Ritter von der traurigen Gestalt, spanisch: el caballero de la triste figura, auf seiner Rosinante, spanisch Rocinante, und sein dicker, treuer Schildknappe Sancho Pansa, spanisch Panza – ein sprechender Name; er bezeichnet einen dicken Bauch. Nicht dargestellt ist Don Quijotes Auserwählte mit dem ebenfalls sprechenden Namen Dulcinea; dulce heißt süß. Heinrich Heine schrieb 1837 in der Einleitung zu einer Ausgabe des Don Quijote: „Cervantes stiftete den modernen Roman, indem er in den Ritterroman die getreue Schilderung der niederen Klassen einführte, indem er ihm das Volksleben beimischte. Die Neigung, das Treiben des gemeinsten Pöbels, des verworfensten Lumpenpacks zu beschreiben, gehört nicht bloß dem Cervantes, sondern der ganzen literarischen Zeitgenossenschaft, und sie findet sich, wie bei den Poeten, so auch bei den Malern des damaligen Spanien; ein Murillo, der dem Himmel die heiligsten Farben stahl, womit er seine schönen Madonnen malte, konterfeite mit derselben Liebe auch die schmutzigsten Erscheinungen dieser Erde.“

Zwischenruf: „Aber diese zwei Hochhäuser ... Irgendwie erdrücken sie dieses Denkmal.“

Und Carmen: Da ist was dran. O ja. Aber sie gelten nicht nur als interessantes architektonisches Ensemble, sondern auch als eines der bestgelungenen Beispiele für die Architektur des 20. Jahrhunderts in Spanien. Sie stammen beide aus den Fünfzigerjahren.

Und damit könnte unser Spaziergang durch die Altstadt schon zu Ende sein. Ist es aber nicht. Denn Carmen hat eine Idee. „Du, Schurli, wir könnten deinen Leuten noch rasch den Tempel von Debôd zeigen. Ist nur ein paar Schritte von hier.“

„Was für einen Tempel? Du meinst wohl Kirche, wie? Weil, im Spanischen sagt man ja gern Tempel statt Kirche.“

„Nein, nein, ich meine den ägyptischen Tempel von Debôd. Kennst du den nicht?“

„Noch nie gehört.“

„Shame on you, Mister Obama.“

„Versteh ich dich richtig? Hier, in Madrid, steht ein echter ägyptischer Tempel? Wie kommt der hierher?“

„Geschenk der ägyptischen Regierung.“

„Ja, dann, nichts wie hin.“

Und Carmen führt uns durch einen Park einen Hügel hinauf zu einem, nein, zwei Wasserbecken, in deren Mitte sich auf Plattformen ein kleiner altägyptischer Tempel und davor zwei Pylonen erheben. Während alle staunen, erklärt sie:

Debôd war ein nubischer Ort 15 Kilometer südlich von Assuan. Und so wie Abu Simbel und viele andere einzigartige Kunstdenkmäler Nubiens drohte er überflutet und damit für immer zerstört zu werden. Als Dank für die Hilfe bei der Rettung Abu Simbels beschenkte die ägyptische Regierung Holland, Italien, die USA und Spanien mit je einem der geretteten kleineren Tempel. Der Tempel von Debôd wurde auseinandergenommen, die Einzelblöcke wurden auf einem Schiff nilabwärts nach Alexandria gebracht, dort auf ein anderes Schiff verladen, über Valencia hierher transportiert und an dieser Stelle wiedererrichtet.

Übrigens staunen wir auch über das faszinierende Panorama, das man von hier aus genießt. In der warmen Jahreszeit, so Carmen, kommen viele Menschen hierher, um im Gras zu picknicken, sich zu unterhalten oder Musik zu machen oder einfach zuerst den Sonnenuntergang und dann den beleuchteten Tempel zu bewundern.

Ehe wir endgültig aufbrechen, wendet sich Carmen noch einmal an die Gruppe:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, in Madrid und überhaupt in Spanien sind die Nächte lang. Das Nachtleben dauert bis in die frühen Morgenstunden. Cafés, Restaurants und Tascas, wo man sich mit Tapas und einem Gläschen Wein verwöhnen kann, haben bis lang nach Mitternacht geöffnet. Sollten Sie um Mitternacht noch einen Abendbummel machen wollen ...

Homerisches Gelächter unterbricht ihre Rede.

Ja, wir Spanier lieben das Nachtleben. An einem milden Sommerabend habe ich auf einer Reise Folgendes erlebt: In der französischen Grenzstadt Hendaye waren die Straßen um acht Uhr leer. Zur selben Zeit begannen im spanischen Irún die Straßen vor Leben zu pulsieren. Die beiden Städte gehen praktisch ineinander über, sind nur durch die Staatsgrenze getrennt. Ja, Sie würden staunen: In Spanien bummeln um drei Uhr noch immer Menschen durch die Stadt, auch solche in meinem Alter.

„Ja, und wann schlafen sie?“, so eine Stimme aus dem Publikum.

Während der Siesta, der Zeit der geheiligten Mittagsruhe bis 16 oder 17 Uhr. Da ruft niemand an, und die Geschäfte sind geschlossen. Obwohl, neuerdings ist man bestrebt, die Siesta zu verkürzen. Supermärkte sind sowieso durchgehend geöffnet. Aber ohne Siesta wäre dieses ausgedehnte Nachtleben unmöglich.

„Bitte“, so eine andere Stimme, „was sind Tapas?“

Ach so, ja. Tapas sind kleine Appetithäppchen von allem, was man sich vorstellen kann. In einer Tapas-Bar sucht man sie sich aus einem Schaukasten aus und verzehrt sie im Stehen zusammen mit einem Gläschen Wein oder einem Glas Bier. Sie sind das kulinarische Highlight der spanischen Küche. Viele Spanier nutzen die Tapas, um in geselliger Runde von Bar zu Bar zu ziehen und so quasi nebenbei abendzuessen. Überhaupt spielt sich das tägliche Leben bei uns weitgehend in der Öffentlichkeit ab. Falls sie also noch Lust zu einem nächtlichen Bummel haben, in der Umgebung Ihres Hotels, also in der Gran Vía und in den Nebenstraßen, konzentriert sich das Madrider Nachtleben.

Wieder antworten meine Leute mit homerischem Gelächter. Offensichtlich sind sie viel zu müde, als dass ihnen der Sinn nach weiteren strapaziösen Vergnügungen stünde.

Unterdessen frage ich Carmen leise, ob sie Zeit habe, noch ein bisschen mit mir zu plaudern.

„O ja“, sagt sie mit schelmischem Lächeln. „Bis zum 12. September. Da hat nämlich mein ältester Sohn Geburtstag.“

Ich glaube zu träumen. „Heißt das ...“, stammle ich. Und dann versagt mir die Stimme. Carmen nickt heftig und hat plötzlich Tränen in den Augen.

Im Hotel angekommen, entlasse ich meine Gruppe und stürze mich mit Carmen ins Madrider „Nachtleben“. Wir klappern die Bars der Umgebung ab, stärken uns mit einigen Tapas und etlichen Gläschen Wein, umarmen und küssen uns ab und zu schüchtern und haben uns so viel zu erzählen, dass wohl 1001 Nacht kaum ausreichen würde. So lange kennen wir uns schon. So lange lieben wir uns schon. So lange haben wir uns nicht gesehen.

 

 

2

 

Oktober 1949. Mitternacht. Ein freier Platz am Rand des Dorfes Forcall in den Bergen von Valencia.

Ausgehungert, verängstigt, übermüdet entsteigt der kleine Schurli zusammen mit fünf anderen österreichischen Kindern und dem Pfarrer von Forcall einem Autobus. Aus der Dunkelheit stürmt, in der Hand eine Sturmlaterne, eine unheimliche Gestalt auf sie zu. Es ist aber kein Gespenst, kein Räuber. Es ist der Nachtwächter. Er palavert ein Weilchen mit dem Pfarrer. Dann schmettert er mit Stentorstimme eine Opernarie: „Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen“ und so weiter. Natürlich versteht der kleine Schurli kein Wort der unbekannten Sprache. Aber er kennt die Melodie. Später wird er erfahren, dass der Nachtwächter verkündet hat, der hochwürdige Herr Pfarrer sei mit den sechs österreichischen Kindern eingetroffen, und man möge sie jetzt abholen. Nach und nach tauchen weitere unheimliche Gestalten mit Laternen auf, halten sie den Kindern vors Gesicht, durchbohren sie mit ihren Blicken und scheinen zu beratschlagen, welches sie sich aussuchen sollen. Den Anfang macht der Pfarrer selbst. Er behält sich wie selbstverständlich das bestgenährte, genauer, das am wenigsten unterernährte Kind. Und so wird eins nach dem anderen fortgeführt. Zuletzt steht, zitternd vor Angst, der Verzweiflung nahe, nur noch der Schurli da. Ihn scheint niemand zu wollen. Kein Wunder, sieht er doch zum Gotterbarmen aus. Nicht umsonst bedenkt ihn daheim in Wien sein Stiefvater zum Spaß, aber zu Schurlis immerwährendem Ärger ständig mit so ehrenden Bezeichnungen wie Gandhi oder halbe Portion und liebt es zu scherzen, am Schurli sei ja gar nichts dran, man könne ihn nicht einmal schlachten lassen. Sachlich betrachtet, trifft er mit solchen Aussagen natürlich den Nagel auf den Kopf. Der Schurli wog zuletzt gerade einmal 14 Kilo, und während der tagelangen Eisenbahnfahrt und der zwei oder drei Wochen im Quarantänelager hat er bestimmt nichts zugenommen. Eher im Gegenteil.

 

Aber genau dies, mein eklatantes Untergewicht, war der Grund, warum ich jetzt, mitten in der Nacht, mutterseelenallein in einem unbekannten Ort, in einem fremden Land auf bessere Zeiten wartete und nicht daheim in meinem Bettchen schlummerte, um am nächsten Morgen für den Unterricht gerüstet zu sein. Und natürlich war ich auch kein Einzelfall. Im Gegenteil. In den Notjahren nach dem Zweiten Weltkrieg war die Hälfte der österreichischen Kinder hochgradig unterernährt. Mangelkrankheiten und ein dramatischer Anstieg der Kindersterblichkeit waren die Folgen. Deshalb führten die Caritas und andere Organisationen sogenannte Kinderverschickungen ins Ausland durch. Als erstes Land nahm die Schweiz Kinder auf. Sie war ja, ebenso wie Spanien, von der Furie des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben.

An den Abschied von meiner Mutter am Wiener Westbahnhof erinnere ich mich noch sehr genau. Versehen mit einer vor meiner Brust baumelnden rosaroten Karte, auf der alle meine Daten und dazu meine persönliche Nummer und auch die Waggon- und Abteilnummer verzeichnet waren, wanderte ich inmitten einer dichtgedrängten Schar von Kindern und Erwachsenen an der Hand meiner Mutter auf der Suche nach meinem Abteil einen unendlich langen Zug entlang. Biblisches Heulen und Zähneknirschen umtoste uns. Und da sprach der kleine Schurli mit stolzgeschwellter Brust die geflügelten Worte: „Schau, Mutti, die weinen alle. Ich weine nicht.“ Nein, ich weinte nicht, auch nicht, als ich zusammen mit mindestens zehn anderen Kindern in einem Abteil dritter Klasse stand und ihr aus dem offenen Fenster zuwinkte, während sich der Zug in Bewegung setzte. Aber sie, sie weinte.

Weil ich so leicht war, durfte ich in einem der Gepäcksnetze schlafen, während die meisten Kinder entweder auf den Holzbänken oder gar auf dem Boden liegen mussten. Nach fünf oder sechs Tagen erreichten wir den spanischen Grenzbahnhof in einem Ort namens Irún. Dort hieß es umsteigen, weil die spanische Eisenbahn eine breitere Spurweite hat. (Heutzutage haben es die Reisenden bequemer. Ihr Zug wird an der Grenze einfach für die spanische Breitspur umgerüstet. Die neugebauten Strecken des Hochgeschwindigkeitsverkehrs AVE haben ohnedies bereits die europäische Normalspur, und auf diese soll bis 2020 das gesamte spanische Bahnnetz umgestellt werden.) Damals hörte ich zum ersten Mal Zivilisten in einer fremden Sprache sprechen und staunte nicht schlecht. Bis dahin war ich ja der festen Überzeugung gewesen, alle, die eine fremde Sprache sprechen, seien Uniformträger. Schließlich kannte ich keine anderen Ausländer als die Soldaten der Besatzungsmächte.

In einem großen Bahnhof, auf dessen Schild Pamplona stand, war die Reise vorläufig zu Ende. Wir bildeten eine lange Kolonne und wurden in ein Jugendlager geführt. Dort wurden wir gebadet, desinfiziert, neu eingekleidet; auch unsere Kleider und sonstigen Besitztümer sollten desinfiziert werden.

Die zwei oder drei Wochen in diesem Lager waren für mich der reinste Horror. Es ging zu wie beim Militär oder in einem Strafgefangenenlager. Nun flossen auch bei mir die Tränen, denn hier folterten mich zwei böse Dämonen, zumal des Nachts: Angst und Heimweh. Nach etwa einer Woche kam ein weiterer böser Dämon hinzu: Von nun an mussten wir jeden Morgen im großen Hof in Reih und Glied antreten. Ein weiblicher „Feldwebel“ brüllte bestimmte Nummern, die Kinder mit der jeweiligen Nummer hatten vorzutreten, und alle Aufgerufenen wurden, ohne dass man sich von ihnen noch verabschieden konnte, auf der Stelle fortgeführt.

Eines Morgens wurde auch meine Nummer gebrüllt. Ich erschrak, trat vor, zitterte am ganzen Leib. Was sollte jetzt mit mir und den mit mir zusammen Aufgerufenen geschehen? Niemand verriet es uns.

Nun, man drückte uns unsere Köfferchen mit unseren desinfizierten Habseligkeiten in die Hand und führte uns zum Bahnhof, wo wir vor Wochen aus dem Zug gestiegen waren. Jetzt wartete auf uns ein anderer Zug, und der fuhr, wie ich später erfuhr, nach Valencia. Aber dort kam ich nie an. Denn schon unterwegs musste ich in einem Bahnhof, auf dessen Schild zu lesen stand Castellón de la Plana, überstürzt von einigen liebgewordenen Freunden Abschied nehmen und gemeinsam mit fünf anderen Kindern aussteigen. Ein geistlicher Herr nahm uns in Empfang und steckte uns in einen uralten, klapprigen Autobus. Es folgte eine stundenlange Rumpelei über staubige, kurvenreiche Straßen, unterbrochen nur durch einen kurzen Halt, um mir Gelegenheit zu geben, meinen spärlichen Mageninhalt von mir zu geben. Am Rande eines in tiefer Dunkelheit liegenden Dorfes hielt der Fahrer endlich an. Ausgehungert, verängstigt, übermüdet stiegen wir aus und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Der Nachtwächter rief unsere zukünftigen Pflegeeltern herbei. Nach und nach tauchten Menschen aus der Dunkelheit auf, begutachteten uns wie Schafe auf dem Tiermarkt und suchten sich jeder ein Pflegekind aus. Zuletzt stand, wie das Männlein im Walde, ich alleine da und machte mich bereits auf einen langsamen Hungertod in der Fremde gefasst, als zu meiner unsagbaren Erleichterung ein Mann und eine Frau erschienen. Freundlich lächelnd, nahm mir der Mann meinen Koffer aus der Hand; ich hatte ihn, wohl aus purer Angst, nicht abgestellt; die Frau reichte mir die Hand, und so marschierten sie mit mir davon. Sie führten mich in ein großes, überraschend schönes Haus und boten mir als Erstes duftendes Weißbrot und herrliche Butter an, für mich damals ungewohnte Köstlichkeiten, dazu einen ganzen Krug voll Milch; und das war offensichtlich keine Magermilch wie daheim. Aber trotz meines Hungers trank ich nur die Milch. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten und gab durch Zeichen zu erkennen, dass ich nur noch eines wolle: schlafen. Und hurra, auf mich wartete ein weiches Himmelbett. Die Frau zog mir die Kleider aus und ein Nachthemd an und deckte mich liebevoll wie eine Mutter zu, beide zeichneten mir mit dem Finger ein feierliches Kreuzchen auf die Stirn, und schon umfingen mich die weichen Arme des Schlafgottes.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, standen wie zwei gute Feen die Pflegeeltern an meinem Bett, lächelten mich an und sagten: „Buenos días.“

Aha, dachte ich, das heißt wahrscheinlich Guten Morgen, und versuchte die Worte nachzusprechen.

Und dann hörte ich zu meiner Überraschung ein feines, hohes Stimmchen zwitschern: „Buenos días.“ Hinter den Beinen der Pflegemutter lugte neugierig ein kleines Mädchen hervor und blickte mich mit großen Augen an. Und das war ein so süßer Anblick, dass ich wie verzaubert die Kleine anstarrte, ehe ich auch ihr antworten konnte. Die Großen lachten, und der Mann zeigte auf sie und sagte: „Carmen.“ Dann zeigte er auf die Frau und sagte: „Mamá.“ Und indem er auf sich selber zeigte, sagte er: „Papá.“

Mich erwartete ein köstliches und unvorstellbar reichhaltiges Frühstück. Satt war ich allerdings sehr schnell. Mein Hunger war groß, mein Appetit war klein. Mamá und Papá machten darob ein bekümmertes Gesicht, ebenso Inés, die Haushälterin. Noch bekümmerter wurden ihre Gesichter, als sie mich auf die Waage stellten. Ich hingegen fühlte mich sogleich ebenso geborgen wie in Muttis Armen. Das einzig Störende war der Umstand, dass ich mich mit ihnen nicht verständigen konnte außer in der Zeichensprache.

Ihnen erging es offenbar nicht anders. Denn Papá nahm einen Zettel und einen Bleistift zur Hand und spazierte, begleitet von der neugierigen Kleinen, mit mir durchs ganze Haus, deutete auf verschiedene Gegenstände, sagte mir den jeweiligen Namen auf Spanisch vor, schrieb ihn auf den Zettel, drückte mir den Bleistift in die Hand, und ich schrieb die deutsche Bezeichnung daneben. Sobald wir auf diese Weise 30 oder 40 Vokabeln gemeinsam erarbeitet hatten, stellte er mir „el sillón“, den Lehnstuhl, auf die Terrasse, überließ mir unsere Aufzeichnungen und zog sich, aufmunternd lächelnd, zurück. Und damit wusste ich, jetzt soll ich mir die Vokabeln einprägen. Die Kleine aber setzte sich neben mich auf den Boden, blickte andächtig zu mir auf, korrigierte diensteifrig meine Aussprache und lachte sich über meine Fehler zu Tode.

So ging das Tag für Tag. Bald begann Papá mit mir ganze Sätze zu bilden, ebenso die Kleine. Sie wich gar nicht mehr von meiner Seite, schien direkt einen Narren an mir gefressen zu haben. Oder vielleicht war sie einfach froh, nicht mehr als Einzelkind dahinleben zu müssen. Und obwohl ich zwei Jahre älter war, genoss ich ihre Gesellschaft, sogar dann, wenn ich mit den anderen österreichischen Kindern herumtollte und Carmen sich getreulich an meine Fersen heftete.

Nach drei Wochen wurde ich zusammen mit den anderen Österreichern in die Schule geschickt. Dies war eine einklassige Volksschule, das heißt, in einem Raum wurden vier Schulstufen unterrichtet, übrigens von einer gar gestrengen Klosterschwester. Auf diese Weise lernte ich die spanische Sprache rasend schnell.

Carmen ging zu meinem Bedauern noch nicht zur Schule. Nach und nach erfuhr ich, dass sie gar kein Einzelkind war, sondern die benjamina, das Nesthäkchen, von Papá und Mamá. Sie hatte nicht weniger als sechs ältere Geschwister. Aber die wohnten alle nicht mehr im Haus, sondern entweder im Internat oder in einer Kaserne oder im Priesterseminar. Auch Papá selbst entstammte einer kinderreichen Familie. Er hatte sieben Brüder und eine Schwester, eine Nonne; und die sieben Brüder waren allesamt Geistliche. Auch Papá und Mamá waren sehr fromm. Vor jeder Mahlzeit wurde ein Tischgebet gesprochen, und am Abend bekam ich vor dem Einschlafen jedes Mal ein Kreuzchen auf die Stirn gezeichnet. Zwei ihrer Töchter dachten sogar daran, ebenfalls ins Kloster zu gehen. Über Mamás Familie erfuhr ich merkwürdigerweise nichts.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich es nicht besser hätte treffen können. Papá war als Altbürgermeister und Fabrikant der große „patrón“ des Ortes. Praktisch alle Einwohner von Forcall gewannen ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt durch ihn. Somit verstand es sich von selbst, dass alle im Dorf ausnehmend freundlich zu mir waren, vor allem, wenn ich Carmen an meiner Seite hatte. Papá ließ in Heimarbeit „Espandrillos“ produzieren, das waren Leinenschuhe mit Hanfsohle. Die Heimarbeiter arbeiteten meistens vor ihren Häusern. Ihnen dabei zuzuschauen und zuzuhören war für uns ein spannendes Vergnügen. Denn dabei wurde fast immer geplaudert oder auch gesungen.

Forcall liegt inmitten von steinigen Bergen auf einer Anhöhe zwischen zwei Flüssen. Auf den Abhängen waren Felder in Terrassenform angelegt, die mit einem ausgeklügelten System bewässert wurden. Unterhalb jeder Stützmauer verlief ein breiter Wassergraben. Diese Terrassenfelder waren bei Tag unser liebster Spielplatz. Nach einem Regen krochen Weinbergschnecken über die Mauern. Und da drückte man uns Kindern einen Jutesack in die Hand und trug uns auf, die Schnecken einzusammeln. Von unten konnte man sie nicht erreichen; da war ja der Wassergraben. Also musste das von oben her geschehen. Einer legte sich auf den Bauch, zwei hielten ihn an den Füßen, und er ließ sich kopfüber hinunter und sammelte die Schnecken ein. Daheim wurden sie zu einem köstlichen Mahl mit einer herrlichen Sauce zubereitet. Wenn es finster wurde, tobten wir uns bis in die Nachtstunden auf dem Hauptplatz aus. Und niemand schickte uns ins Bett oder schimpfte, weil wir lärmten.

Was mir besonders deutlich in Erinnerung geblieben ist, das waren die Familienfeste, zu denen meist die ganze Großfamilie zusammenkam. Ein solches Fest („Fiesta“) wurde zum Beispiel zu Weihnachten gefeiert, und ich merkte, dass dies hier kein besinnliches Fest ist, sondern dass es da reichlich ausgelassen zugeht. Zwar gab es zu meiner Enttäuschung weder einen Christbaum noch eine Bescherung. (Erst neuerdings gewinnt in Spanien der Christbaum inklusive Bescherung zunehmend an Beliebtheit.) Aber es wurde eine wunderschöne Krippe, spanisch Belén „Bethlehem“, aufgestellt, übrigens nicht nur mit Ochs und Esel, sondern auch mit einem Stier, dem Symbol Spaniens. Rundherum versammelten sich alle und sangen Weihnachtslieder. Nur, weihnachtlich klangen die für meine Ohren nicht. Das waren beschwingte, fröhliche Gesänge.

Am Heiligen Abend, sie nannten ihn Noche Buena „Gute Nacht“, gab es zuerst ein fröhliches Festmahl mit Truthahnbraten und einer köstlichen Süßigkeit als Abschluss, die sie Turrón nannten. Danach besuchten wir gemeinsam die Mitternachtsmette. Man nannte sie Misa del gallo „Messe des Hahns“, weil dieser, so erzählte mir Mamá, die Geburt des Jesuskindes als Erster verkündet hat. In der Kirche stand eine besonders kunstvolle Krippe, und weil alle das Jesuskind küssten, küsste ich es natürlich auch. Und nach der Mette gingen wir schlafen? O nein, das ganze Dorf versammelte sich auf dem Hauptplatz zu einer fröhlichen Fiesta. Frieren musste niemand. Denn hier brannte bereits ein großes Feuer. Wein wurde ausgeschenkt, man plauderte und lachte bis in die frühen Morgenstunden, sang lustige Weihnachtslieder, klatschte den Takt dazu und tanzte rund ums Feuer. Ob diese Nacht heilig war, weiß ich nicht. Still war sie jedenfalls nicht.

In gewisser Weise begann Weihnachten schon am 22. Dezember mit der Weihnachtslotterie, deren Ergebnisse von der ganzen Familie stundenlang im Radio mitverfolgt wurden. Papá erklärte mir, es gebe kaum jemanden im ganzen Land, der kein Los erworben hätte. Erheiternd fand ich zweierlei: Losnummern und Gewinne wurden von Schülern aus einem Waisenhaus singend vorgetragen. Und den Hauptgewinn gewann in diesem Jahr ein Mann, der die richtige Zahl angeblich geträumt hatte.

Keine Enttäuschung bedeutete das Fest der Heiligen Drei Könige (Día de los Reyes). Schon am 5. Januar zogen die Reyes Magos in feierlicher Prozession hoch zu Ross durch die Straßen, während wir Kinder mit Blechdosen Krach machten, und warfen uns Süßigkeiten zu. In der Nacht legten sie uns Geschenke unter die Krippe, auch mir. Ich erhielt neue Kleider und dazu etwas Sensationelles: einen Fotoapparat. Und wieder gab es ein ausgedehntes Festmahl.

Das größte Fest war aber Ostern und davor die Karwoche. Am Karfreitag wurden in einer feierlichen Prozession reich geschmückte Figurengruppen, die die Leidensgeschichte Christi und das Leiden seiner Mutter darstellten, durch die Straßen getragen. Ein schauriger Anblick waren Männer, die sich selbst geißelten. Am Ostersonntag fand eine große Fiesta statt mit Musik, Tanz, Essen, Trinken. Beim Trinken lernte ich übrigens eine merkwürdige Gewohnheit kennen. Der selbstgemachte Hauswein wurde in einer zweihenkeligen Glas- oder Tonkaraffe mit langem, spitzem Ausguss gereicht, aus dem man, ohne am Mund anzusetzen, in weitem Bogen den Wein in den Mund laufen ließ. Ich musste beim Zuschauen jedes Mal lachen, und wenn ich es selbst probierte, war ich nachher stets von oben bis unten nass. (Wein gilt in Spanien nicht als alkoholisches Getränk, sondern als wesentlicher Bestandteil jeder Mahlzeit, und Kinder sind davon in keiner Weise ausgeschlossen.)

Apropos Trinken. Im Zentrum des Hauptplatzes, des schönsten Spielplatzes, den man sich nur denken kann – er war rechteckig und umgeben von einer geschlossenen Häuserfront mit Arkaden und hieß Plaza Mayor – stand der Dorfbrunnen. Von dort holte man das Wasser. Wasserleitung gab es nämlich keine. Und ein ungeschriebenes Gebot lautete: Wenn du irgendwohin gehst, sollst du deinen Tonkrug mitnehmen, beim Dorfbrunnen abstellen, am Rückweg anfüllen und auf der Hüfte oder auf dem Kopf nach Hause tragen und das Wasser in eine Zisterne schütten. Auch wir Kinder hatten jeder einen kleinen Krug und trugen unser Scherflein zur Wasserversorgung des Hauses bei, auch schon die kleine Carmen. Wäsche gewaschen wurde allerdings im Fluss am Fuß des Berges. Dies war Aufgabe der Frauen, die jedes Mal einen langen und steilen Weg zurückzulegen hatten. Dass die Hygiene keinen besonders hohen Stellenwert besaß, versteht sich unter diesen Umständen wohl von selbst. Badezimmer gab es nicht, und eine Ganzkörperwäsche fand nur zu den Feiertagen statt. Und Toiletten? Nun, die waren wie Balkone an die Häuser angebaut, und es ging im freien Fall zwei Stockwerke tief hinunter in den Schweinestall.

Aber was zählte das schon im Vergleich zur überwältigenden Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wurde? Ich verlebte eine himmlische, heimwehlose Zeit in grenzenloser Freiheit und in einem wunderbaren Land mit herrlicher Vegetation, mit köstlichem Essen in Hülle und Fülle. Ja, und mit einer süßen kleinen Freundin. Übrigens entwickelte ich bald einen ungeheuren Appetit und machte Papá, Mamá und Inés glücklich. Tatsächlich wog ich am Ende meines zehnmonatigen Aufenthaltes in Forcall nicht mehr 14, sondern 26 Kilo.

 

 

3

 

August 1950. Später Abend. Wien, Westbahnhof.

Übermüdet, unausgeschlafen, verschwitzt, aber glücklich und mit einer großen Sehnsucht im Herzen entsteigt der kleine Schurli einem unendlich langen Zug, findet sich, verwirrt von biblischem Heulen und Zähneknirschen, inmitten einer dichtgedrängten Menschenmenge wieder und weiß nicht, wohin. Endlich taucht zu seiner Erleichterung seine Mutter auf und fällt ihm aufschluchzend um den Hals. Hinter ihr steht sein Stiefvater und schluchzt zwar nicht, staunt aber über die wundersame Metamorphose der einstigen halben Portion; der Schurli sei nicht wiederzuerkennen, habe sich zu einem richtigen Dickerl gemausert, jetzt zahle es sich bald sogar schon aus, ihn schlachten zu lassen. Von der Schluchzenden und den Schurli Umarmenden wird er dafür sanft gerügt. Er möge doch endlich mit diesen blöden Scherzen aufhören. Aber trotzdem ist es gut, dass er mitgekommen ist. Denn im Gepäckswaggon warten über 50 Kilo Lebensmittel und dazu eine Riesentraube Bananen darauf, entladen und in Schurlis Heim befördert zu werden.

 

Ja, so viel hatte mir Papá zum Abschied mitgegeben, damit ich in Wien nicht gleich wieder vom Fleisch falle. Der Abschied selbst war schwer und tränenreich. Und wer vergoss die meisten und die heißesten Tränen? Erraten: Die süße kleine Carmen. Dazu ein Dickerl namens Schurli. Und wie lautete Papás Kommentar dazu? „He, ihr tut ja so, als wärt ihr Romeo und Julia.“ Und damit mochte er nicht einmal so unrecht haben.

Und nun stand ich auf dem Wiener Westbahnhof, wurde von meinen österreichischen Eltern mit Umarmungen, Tränen, blöden Scherzen begrüßt und musste ihnen mitteilen, dass wir nicht sofort nach Hause gehen können, sondern zuerst noch eine Unmenge an Lebensmitteln in Empfang nehmen müssen. Also wurde der Stiefvater losgeschickt, um unser Leiterwagerl zu holen. Das dauerte natürlich, denn bis zu unserem Domizil waren es mindestens drei Kilometer. Inzwischen bewachte ich mit Mutti auf dem Bahnsteig unsere Schätze und beantwortete ihre Fragen, freilich nur so lange, bis ich in ihren Armen eingeschlafen war.

Als ich wachgeküsst wurde, stand der Stiefvater mit dem vollbeladenen Leiterwagerl vor uns und blies mitnichten zum Aufbruch, sondern roch angelegentlich am Bananenbüschel und fragte, was denn das für Früchte seien. Ich sagte, bananas, und wie die auf Deutsch heißen, weiß ich leider nicht. So groß war die Neugier, dass ich auf der Stelle zeigen musste, wie man sie verzehrt. Und? Mutti war begeistert. Er hätte das schon abgebissene Stück am liebsten ausgespuckt und überließ mir dankend den Rest.

Am nächsten Morgen lag ein dicker Stoß Briefe aus Forcall auf dem Küchentisch, alle auf der linken Seite aufgeschlitzt und mit einem braunen Klebstreifen wieder verschlossen und überdies mit einem zusätzlichen Stempel der österreichischen Zensurstelle versehen; der gleiche Stempel zierte jede Seite des Briefes selbst. Und meine Aufgabe war es nun, sie alle vorzuübersetzen, soweit sie auf Spanisch abgefasst waren. Das war nämlich der überwiegende Teil ihres Inhalts. Auf Deutsch, sprich, aus meiner Feder (genauer, aus meinem Bleistift) stammten nur jeweils kurze Mitteilungen, wie „Mir geht es hir sehr gut, ich bien auf dem land“ oder einfach „Vile busi vom Schurli“, aber auch: „Wir haben eine Karmen sie ist 5. jare alt und furchtbar süs.“ Jetzt erfuhr ich also, was Papá und Mamá geschrieben hatten. Es ging hauptsächlich um mein Befinden, mein Essverhalten und meine allmähliche Gewichtszunahme. Aber dann war auch Folgendes zu lesen: „Georg spricht immer besser Spanisch. Ständig erklärt er uns, er wolle noch 20 Jahre in Spanien bleiben, und ob ihn nicht wenigstens unsere Carmen nach Wien begleiten könne. Aber wir hoffen, dass er nächstes Jahr wieder für einige Monate zu uns kommt.“

Und wann kam der kleine Schurli wieder zu Papá und Mamá, nicht zu vergessen „die furchtbar süse Karmen“? Nun, der kleine Schurli leider gar nicht mehr. Zur allgemeinen Überraschung fiel ich nicht mehr allzu sehr vom Fleisch und kam daher für weitere Kinderverschickungen nicht in Frage, und selber konnten wir uns eine solche „Weltreise“ nicht leisten, zumal wir auch den unbeschreiblichen Papierkrieg, der dafür erforderlich gewesen wäre, allein hätten durchstehen (und bezahlen) müssen. So brauchte man zum Beispiel für jedes Land, das durchfahren wurde, ein Visum und etwas Ähnliches sogar innerhalb Österreichs für die einzelnen Besatzungszonen. Aber dafür gingen zahllose Briefe hin und her, und anhand beigelegter Fotografien konnte ich mitverfolgen, wie die süße kleine Carmen immer größer und süßer wurde. Vergessen hätte ich sie ohnedies nicht, zumal nachdem ich im Lateinunterricht das Wort carmen gelernt hatte. Es bedeutet „Lied“ und „Gedicht“, in mittelalterlichem Latein auch „Zauber“, und dies erschien mir eine wunderbar passende Erklärung ihres Namens.

Wann konnte ich also endlich wieder bei ihr und meiner lieben spanischen Familie sein? Antwort: Erst im Jahre 1960. Aber unterdessen war ich kein kleiner Schurli mehr und bestand auf meinem korrekten Namen Georg. Die Einzige, die mich nach wie vor Schurli nennen durfte, war die süße Carmen.

 

 

4

 

Im Juni 1960 bestand ich die Matura und wurde zu meinem Entzücken mit einem Drei-Gang-Rad belohnt. Bisher gab es für mich ja nur das klapprige Ein-Gang-Rad meines im Krieg gefallenen Vaters. Und da beschloss ich spontan, mit Zelt und Schlafsack in mein zweites Heimatland zu radeln und meine Lieben in Forcall zu besuchen. (Mittlerweile bedurfte es keines Papierkriegs mehr.)

Gesagt, getan.

21. Juni: Start.

1. August: Ankunft in Forcall.

Ich hätte noch früher ankommen können, denn ich erlebte einen einzigen Regentag und keinen einzigen Patschen, sprich, Reifendefekt. Aber um meine Kräfte zu schonen, ließ ich mir Zeit und schickte fleißig Ansichtskarten nach Wien und nach Forcall und warf mich an jedem schönen Strand, an dem ich vorbeikam, in die Fluten des Mittelmeers, besonders eifrig an der Costa Brava gleich hinter der spanischen Grenze. Zwar, als „brav“ empfand ich diesen Küstenabschnitt überhaupt nicht. Landschaftlich außerordentlich reizvoll, das schon. Aber anstrengend. Hier führt die Straße über die Ausläufer der Pyrenäen, und es ist ein nahezu ständiges Auf und Ab. (Natürlich wusste ich längst, dass bravo im Spanischen nicht brav, sondern wild bedeutet. Ein braves Kind ist un niño bueno, wörtlich „ein gutes Kind“). Und hier, an der „Wilden Küste“, legte ich in einem hübschen Fischerdorf namens La Escala einen ganzen Ruhetag ein, um für den Rest meiner Fahrt gerüstet zu sein.

Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass ich mein ganzes Spanisch verlernt hatte. Nein, mein ganzes nicht. Aber alle meine Übung im Spanischsprechen und –hören hatte sich in Luft aufgelöst. Erschwerend kam hinzu, dass unter den Spaniern ein allgemeiner Wettbewerb ausgerufen zu sein scheint, wer am rasantesten sprechen kann. Und ich konnte nur hoffen, dass sich dieser beklagenswerte Zustand bis zu meiner Ankunft in Forcall ändern werde.

Bald danach musste ich Barcelona, die zweitgrößte Stadt Spaniens, durchqueren. Sie erwies sich als reinster Hexenkessel, und ich sah zu, dass ich sie so schnell wie möglich hinter mich brachte, ohne unter die Räder irgendeines feindlichen Fahrzeugs zu geraten. Auf diese Weise achtete ich fast ausschließlich auf den Verkehr. (Erst Jahrzehnte später sollte mir klarwerden, was ich dabei versäumt hatte.)

Kein Hexenkessel war hingegen, etwa 100 Kilometer weiter, Tarragona, die nächste größere Stadt. Das begann schon kurz davor. Da erhebt sich nämlich in einer kleinen Grünanlage zwischen den beiden Fahrbahnen der modernen Straße, aber über dem Originalpflaster der antiken Straße ein wohlerhaltener einbogiger römischer Triumphbogen. Tarragona selbst faszinierte mich so sehr, dass ich hier einen weiteren Ruhetag einlegte. Ich fand eine wahre Museumsstadt vor: gotische Kathedrale, perfekt erhaltene Stadtmauer aus römischer und sogar schon vorrömischer Zeit mit einem Fundament aus riesigen Steinblöcken, hervorragend erhaltenes Amphitheater und zahlreiche weitere römische Ausgrabungen. Aber um das eindrucksvollste Monument aus der Römerzeit zu sehen, musste ich auf Empfehlung einer freundlichen Bäckersfrau drei oder vier Kilometer ins Landesinnere radeln. Es ist die „Brücke des Teufels“, ein fabelhaft erhaltener zweistöckiger Aquädukt. Tarragona selbst liegt erhöht auf einer Terrasse oberhalb eines langen und an diesem heißen Tag sehr belebten Sandstrandes. Durch mich wurde er schließlich noch belebter. Und ich spürte, wie dadurch meine Kräfte erneuert wurden. Neue Kräfte verlieh mir aber auch der Gedanke, dass ich meinem Ziel bereits verlockend nahe war.

Tags darauf überquerte ich den Ebro am Rande seines Deltas inmitten grenzenloser Reisfelder und erreichte bald danach Vinaroz. Und diese Stadt war für mich ein wichtiges Etappenziel. Meine Straßenkarte belehrte mich nämlich, dass ich schon hier ins Landesinnere abbiegen sollte und nicht erst in Castellón de la Plana. Dadurch würde ich mir gut und gern 100 Kilometer ersparen.

Also dann: Abschied vom Mittelmeer, das mich seit Genua getreulich begleitet hatte, und hinein in die Berge. Die Straße war entgegen meinen Befürchtungen asphaltiert. Nach einer Passhöhe ging es wieder bergab, bis vor mir an einem Berghang eine Fata Morgana erschien, quasi ein Himmlisches Jerusalem mit Stadtmauer und imposantem Stadttor, überragt von einer Akropolis: die Stadt Morella. Bedauerlicherweise, nein, glücklicherweise führte die Straße an ihr vorbei. Denn jetzt zog es mich unwiderstehlich und im Sturmschritt, sprich, mit weit überhöhter Geschwindigkeit nach Forcall. Es ging ja nach wie vor bergab.

Keine zehn Minuten später musste ich unvermittelt eine Notbremsung einlegen und konnte nur mit viel Glück einen Sturz vermeiden. Was war passiert? In einer Linkskurve war ich an einer jungen Dame vorbeigesaust, die ein Fahrrad bergauf schob und deren Gesicht mir unheimlich bekannt vorkam. Ich machte hektisch kehrt und fuhr ihr hinterher. Sie war stehen geblieben, schaute mir nach, brach in gewaltiges Jubelgeschrei aus, ließ ihr Fahrrad fallen und rannte mir entgegen, und ich erkannte, dass sie in natura noch hübscher war als auf den Fotos. Ich stieg ab, lehnte mein Rad eilig an die nächstbeste Stütze (fallen lassen durfte ich es ja nicht; es war ja viel zu schwer und viel zu kostbar bepackt), und schon lagen wir uns in den Armen, als wären wir ein altes Liebespaar. Wie beim Abschied vor zehn Jahren flossen die Tränen in Strömen. Für die ausgetrocknete, nach Wasser lechzende Vegetation wäre das nur ein Segen gewesen. Aber sie hatte leider nichts davon, denn wir standen mitten auf der Straße und behinderten den Verkehr.

Dies ist keineswegs ein Scherz. Denn während wir uns noch heulend umarmt hielten, hörten wir es plötzlich hupen und sprangen wie aufgescheuchte Rehe auseinander und zur Seite. Wir hatten nicht bemerkt, dass vor uns ein Auto angehalten hatte; es hätte uns sonst auf dieser schmalen Straße überfahren müssen. Der Fahrer winkte aus dem offenen Fenster und schrie „Hola“. Carmen erwiderte den Gruß, seufzte und sagte leise „Oje“.

„Wieso oje?“, murmelte ich ernüchtert.

„Ein Bekannter aus Forcall.“

„Und? Ist das schlimm?“

Sie verzog das Gesicht, zuckte mit der Schulter. „Egal. Sollen sie sich doch das Maul zerreißen, wenn es ihnen Spaß macht. Ich freue mich jedenfalls, dass du endlich wieder bei uns bist. Papá und Mamá werden sich genauso ... fast genauso freuen. Und Jesús auch. Der ist nämlich gerade auf Besuch bei uns.“

„Dein Bruder?“

„Ja. Wir sind sehr stolz auf ihn. Er hat erst kürzlich sein Doktorat gemacht. Aus Theologie. Du weißt ja, er ist Priester. Dadurch war er wenigstens vom Militärdienst befreit. So wie's aussieht, wird er's in der kirchlichen Hierarchie noch weit bringen.“

„Aha. Gratuliere.“

Befangenes Schweigen trat nun ein, nicht wegen der zehnjährigen Entfremdung, vielmehr wegen einer beunruhigenden Anziehungskraft, die wir beide zu spüren schienen.

Ich deutete auf ihr Fahrrad. „Und du? Wohin ... Oder wolltest du mir ...“

„Natürlich wollte ich dir ... Damit du mir nicht verlorengehst.“

„Und damit wir uns gebührend begrüßen können, ohne dass uns missgünstige Augen ...“

„Klar. Nur ...“

Sie errötete, blickte mir schweigend in die Augen, und ich spürte, wie mir innerlich heiß wurde. Dann umarmten wir uns neuerlich, bei weitem schüchterner als zuvor, schwangen uns auf unsere Räder und fuhren nebeneinander weiter bergab, nicht im Sturmschritt, sondern schön gemächlich, mussten aber bald wieder absteigen. Denn inzwischen war auf einem Bergkamm vor uns das langersehnte Forcall in Sicht gekommen, und unsere Route begann aufs Neue anzusteigen; und da Carmen kein Gangrad besaß, bedeutete das schieben. Aber dabei konnten wir wenigstens nach Herzenslust plaudern (und ich stellte zu meiner Genugtuung fest, dass meine Spanischkenntnisse sich langsam aus dem Versteck, in das sie sich zurückgezogen hatten, hervorwagten).

Als Erstes kam der Vorfall von vorhin zur Sprache. Derartige Beispiele von „Unmoral“, so Carmen, dürfen wir uns „oben“, sie meinte, in Forcall, und überhaupt in Sichtweite anderer nicht erlauben. Angeblich wird dadurch ihre Ehre und zugleich die Ehre der ganzen Familie beschmutzt.

„Auch durch eine Umarmung? Oder, sagen wir, durch einen Kuss?“, warf ich, verstört und zugleich innerlich merkwürdig entflammt, ein.

Carmen errötete. „Ja, ja, eben. Angenommen, uns sieht dabei ein Polizist. Der nimmt uns gleich aufs Kommissariat mit. Und dann ... Frage nicht. Du weißt nicht, wie brutal es da zugeht. Und dann schmachten wir zwei bis drei Tage im Kittchen.“

„Jetzt hör auf. Und was ist, wenn sich, sagen wir, einer unsterblich in dich verliebt und dir seine Liebe beweisen möchte?“

Carmens Wangen begannen zu glühen. „Dann muss ich mich möglichst abweisend verhalten, das heißt, mich mit aller Kraft zur Wehr setzen“, sagte sie kichernd. „So haben wir es bei den Schwestern gelernt.“

„Den Klosterschwestern deines Internates?“

„Genau. Und beim Pater Adolfo, unserem Religionsprofessor.“

„Aha. Und was lernen die Schülerinnen in einer staatlichen Schule?“

„Das ist es ja. Es gibt bei uns, soviel ich weiß, nur kirchliche Schulen. Und da lernt man vor allem zweierlei: die Liebe zu Gott, sprich, zur katholischen Kirche, und die Liebe zum Vaterland, sprich, zu unserem geliebten Oberhaupt.“ („Caudillo“ im Originalton; gemeint war natürlich Franco.)

„Das klingt aber nicht so, wie wenn dich der Pater Adolfo und die lieben Schwestern recht überzeugt hätten, wie?“

Carmen blickte mich erschrocken an. „Sag nicht, dass dich das stört.“

„Aber nein, nie im Leben. Im Gegenteil ...“

„Da bin ich aber froh. Nur, meine Familie darf das nicht wissen. Unter keinen Umständen. Die sind ja alle so fromm. Und so patriotisch.“

„Und du nicht?“

„Na ja, nach außen natürlich schon. Muss ich ja. Sonst geht's mir schlecht. Aber meiner inneren Überzeugung entspricht das schon lang nicht mehr. Und weißt du, warum? Weil bei uns die katholische Lehre von der Minderwertigkeit der Frau offizielle Geltung hat.“

„Was du nicht sagst.“

„In Biologie haben wir gelernt: Die biologischen Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht haben bedeutende Auswirkungen auf Intelligenz, Handlungsweise und Gefühlsleben. Auch fehlt den Frauen das schöpferische Talent. Dieses hat Gott der männlichen Intelligenz vorbehalten.“

„Jetzt mach einen Punkt.“

„Und es gilt das Wort des Apostels Paulus: Der Mann ist das Haupt der Frau. Sie gilt, rechtlich gesehen, als minderjährig. Und damit steht sie auf der Stufe von unmündigen Kindern, Taubstummen und Irren und besitzt keinerlei Erb- und Eigentumsrechte. Konsequenterweise haben die Frauen bei uns kein Wahlrecht. Sie sind ja nicht intelligent genug. Auch sonst sind sie in vielfacher Hinsicht benachteiligt, vor allem beruflich. Sie sollen ja nach Möglichkeit gar keinen Beruf ausüben, sondern schön daheim bleiben und Mann und Kinder versorgen. Darum ist unser wichtigstes Schulfach Hauswirtschaft, damit wir für Heim und Herd perfekt ausgebildet werden. Die Familie ist ja die Keimzelle des spanischen Staates. Übrigens ist die verheiratete Frau von Gesetzes wegen verpflichtet, ihrem Mann zu gehorchen. Sie ist vollständig seiner Willkür ausgeliefert.“

Carmen warf mir einen merkwürdigen Blick zu, lächelte abgründig, errötete. „Und darum habe ich mir geschworen, nie zu heiraten. Natürlich ohne deshalb gleich ins Kloster zu gehen wie Pilar und Marisol.“

„Deine Schwestern?“

„Genau.“

Schade eigentlich, dachte ich. Die Carmen als Ehefrau – ein reizvoller Gedanke. Und es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

„Und? Was werden deine Eltern dazu sagen? Wünschen sie sich keine Enkelkinder von dir?“

Carmen lachte hell auf. „Meine Eltern? Na klar. Die würden meine Absicht, ledig zu bleiben, nie verstehen. In ihren Augen gibt es für eine Frau nur die Alternative: Nonne oder brave, demütige, gehorsame Ehefrau und Mutter. Schließlich hören sie das täglich im Radio und jeden Sonntag in der Predigt. Ich selber habe diesen Schmus früher ja genauso wiedergekäut. Aber seit einiger Zeit ...“

„Seit einiger Zeit“, versuchte ich zu ergänzen, „bist du dabei, erwachsen zu werden und selbständig zu denken?“

„Du sagst es. Einen Ehekandidaten haben sie übrigens schon für mich. Den Sohn eines Geschäftspartners in Valencia.“

Mir fiel das Herz in die Hose (oder die Seele zu den Füßen, wie die Spanier sagen). Ich muss ein maßlos enttäuschtes Gesicht gemacht haben; denn Carmen lachte laut auf und sagte: „Oh, keine Angst. Den werde ich bestimmt nicht heiraten. Weißt du, so ein typisches Muttersöhnchen. Und ein Macho (im O-Ton: machista), wie es im Buche steht. Aber schön. Und reich.“

„He, da bestehen ja noch Aussichten ...“, entfuhr es mir, und ich griff mir erschrocken auf den Mund. Carmen blickte mich mit großen Augen an, wurde neuerlich knallrot, sagte aber nichts mehr. Und als sie nach längerem Schweigen den Mund wieder auftat, sagte sie: „Und bitte vergiss nicht: Kein Wort darüber zu meinen Eltern oder sonst wem.“

„Versteht sich doch von selbst“, sagte ich und lächelte sie an. Sichtlich erleichtert, schenkte sie mir ein süßes Lächeln.

Während wir uns langsam Forcall näherten, begegneten uns die ersten Dorfbewohner. Und alle reagierten auf die gleiche herzerfrischende Weise: Zuerst starrten sie uns an, als wäre ich ein Alien, danach verfielen sie in ein enthusiastisches Geschrei des Wiedererkennens, der Begrüßung; nur die kleinen Kinder blieben unbeeindruckt. Dieselbe Wirkung zeigte mein Auftreten im Dorf selbst und in enorm verstärktem Ausmaß schließlich in Carmens Elternhaus. Die Freude, mich wiederzusehen, war überwältigend. Mamás Begrüßung unterschied sich kaum von Carmens Begrüßung auf der Straße: Sie umarmte mich und drückte mich an ihren Busen. Gleiches gilt für die Begrüßung durch Inés, die alte Haushälterin. Und ich sagte mir, na also, so schlimm kann dann unsere vermeintliche Liebesszene nicht gewesen sein.

Papá drückte mich nicht an seinen Busen, sondern begrüßte mich mit den obligatorischen Küsschen auf beide Wangen. Dann führte er mich in mein altes Zimmer, entnahm einem Schrank ein mit einer blauen Schleife zusammengebundenes Päckchen. Auf der Schleife las ich: Georg. Und was enthielt das Päckchen selbst? Alle meine Briefe und Fotos, dazu meine Befunde und sonstigen auf mich bezüglichen Schriftstücke von damals. Er hatte sie alle fein säuberlich aufbewahrt. Und wenn ich dachte, jetzt überreicht er sie mir feierlich als ewiges Andenken, so war dies ein großer Irrtum. Nein, sie würden hier für alle Zeiten aufbewahrt, für mich als Anreiz, dieses Haus als mein zweites Heim zu betrachten und es so oft wie möglich zu besuchen. Hierauf führte er mich in ein nagelneues Badezimmer, komplett mit Wasserhähnen, Waschbecken, Bidet und Badewanne. Stolz erklärte er mir, Forcall besitze neuerdings eine Wasserleitung.

Als ich schon im Bett lag und gerade dabei war, ins Traumland zu übersiedeln, öffnete sich leise die Zimmertür, und herein huschte eine dunkle Gestalt, setzte sich schweigend auf die Bettkante, legte mir einen Finger auf die Lippen, küsste mich, flüsterte (mit Carmens Stimme) „Gute Nacht, Schurli“ und huschte wieder aus dem Zimmer, ehe ich mich noch von meiner glückseligen Überraschung erholt hatte.

Die nächsten Tage waren hauptsächlich dem Schlafen, Spazierengehen, Plaudern, Essen geweiht; Papá, Mamá und Inés waren rührend besorgt, ich könnte wieder vom Fleisch fallen. Ungeheuren Spaß machte es, mit Carmen durch die altvertrauten Gassen zu bummeln, alte Bekannte zu begrüßen. Und dabei fiel mir etwas auf, was ich schon seinerzeit registriert, aber nicht weiter beachtet hatte. Die meisten Dorfbewohner sprachen, nicht mit mir, aber untereinander einen Dialekt, der überhaupt nicht spanisch klang. Carmen erklärte mir, dieses Idiom nenne man zwar einen Dialekt des Spanischen, aber in Wirklichkeit sei es eine eigene Sprache, und die heiße Katalanisch. Bei den Behörden sei sie verpönt. Die wollen, genauer, der Caudillo will, dass alle Spanier Spanisch sprechen.

Bald wagte ich es, Carmens Vorbild nachzueifern und ihr meinerseits durch kleine Zärtlichkeiten meine stetig wachsende Zuneigung zu bezeigen. Und anstatt sich dagegen zur Wehr zu setzen, wie sie es bei den Nonnen gelernt hatte, schien sie sich darüber zu freuen, erwiderte sie sogar. Und als ich ihr einige Tage später gestand, ich sei ja so verliebt in sie, errötete sie und lächelte mich vielsagend an.

Dies geschah am fünften Tag nach unserer Wiederbegegnung und an eben der Stelle, wo diese stattgefunden hatte. Mich hatte das Verlangen überkommen, mit ihr zusammen jenes Himmlische Jerusalem namens Morella zu besuchen, an dem ich vorbeigefahren war, ohne einen Blick durch das Stadttor zu werfen. Und als wir die Stelle, wo wir uns begegnet waren, erreichten, beschlossen wir in wortlosem Einvernehmen, unsere damalige Begrüßung zu wiederholen, aber zur Sicherheit ein Stückchen abseits in einem kleinen Gehölz, damit uns keine missgünstigen Augen sehen können und sich niemand über unsere „Unmoral“ das Maul zu zerreißen braucht.

Während wir uns zärtlich umarmt hielten, sagte ich: „Carmencita?“ (Das ist eine Koseform wie Schurli.) „Ich bin ja so verliebt in dich.“ Worauf sie, wie gesagt, errötete und mich vielsagend anlächelte. „Und?“, fuhr ich fort. „Bleibst du bei deinem Schwur, nie zu heiraten? Weil ich ...“

An dieser Stelle versagte mir die Zunge ihren Dienst. Aber auch Carmencitas Zunge streikte. Nur ihre Lippen streikten nicht. Sie lächelten so süß, dass ich spontan die meinen auf sie drückte.

Vor dem Stadttor mit seinen imposanten Türmen angekommen, stellte mir Carmen als Erstes eine Sehenswürdigkeit außerhalb der Stadtmauer vor: einen zweistöckige Aquädukt.

„Aber wieso besteht er nicht aus römischen Rundbögen, sondern aus gotischen Spitzbögen?“

Carmen lachte. „Weil er gotisch ist.“

Und indem ich ihn genauer betrachtete, fielen mir zwei weitere Unterschiede zur „Teufelsbrücke“ nahe Tarragona auf: Erstens, er ist wesentlich niedriger, vor allem in der oberen Etage. Und zweitens, deren Pfeiler stehen nicht wie bei der Teufelsbrücke über den unteren Pfeilern, sondern, wenig sinnvoll, über den Spitzen der unteren Spitzbögen.

Während wir hierauf Hand in Hand durch Morellas treppenförmig ansteigende Gassen bummelten, fühlte ich mich, so allein mit Carmen, wirklich wie im Himmlischen Jerusalem. Auf der Rückfahrt vergaßen wir nicht, rechtzeitig zu bremsen, um auch diesmal an der bewussten Stelle zu halten und uns in das Wäldchen zurückzuziehen. Und nun streikten weder Carmens Lippen noch Carmens Zunge. Süß lächelnd, sprach sie die denkwürdigen Worte: „Du? Schurli? Deinetwegen, ich meine, für dich könnte ich meinem Schwur glatt untreu werden.“

„Ja? Wirklich?“, rief ich aus und drückte sie an mich.

„Nur ... Weißt du, bis zur Hochzeit ...“

„Aber wo denkst du hin. Ich hatte doch nie vor ...“

„Oh, da bin ich aber froh.“

Und sie schmiegte sich an mich, legte ihren Kopf auf meine Schulter und küsste meinen Nacken.

Der nächste Tag war Sonntag. Erster Programmpunkt war der gemeinsame Kirchgang. Während wir nach der Messe die Kirche verließen, flüsterte mir Carmen, sichtlich bestürzt, plötzlich zu: „Siehst du, wer gerade mit Papá spricht?“

„Ja, ja“, flüsterte ich zurück. „Was ist mit dem?“

„Das ist doch der Autofahrer, der uns am Dienstag überrascht hat, als wir uns begrüßten.“

Und ja, bald danach kam Papá mit ungewohnt ernster Miene auf mich zugestapft und berichtete, der Betreffende habe uns bei sittenwidrigem Verhalten ertappt und sei moralisch empört. „Aber“, fügte er besänftigend hinzu, „ich habe ihn beruhigt und ihm gesagt, ihr habt euch halt nach zehn Jahren wiedergesehen, und so weiter. Nur, sei bitte so gut und achte darauf, dass Carmen nicht noch mehr in Verruf gerät, ja?“

Ich versprach's und fühlte mich wie der größte Feigling. Aber konnte ich ihm so aus heiterem Himmel eröffnen, Carmen und ich seien so gut wie verlobt, und die eheliche Verbindung mit dem reichen Muttersöhnchen könne er sich abschminken? Ausgeschlossen.

Auf dem Heimweg flüsterte mir Carmen zu, ihr gegenüber sei die väterliche Rüge schon etwas weniger sanft ausgefallen. Aber auch sie habe es nicht übers Herz gebracht, ihm reinen Wein einzuschenken.

Und nun zur großen Katastrophe dieses Tages, einer Familienfiesta zu meinen Ehren. Zu diesem Behufe hatte Papá nach guter, alter Sitte die gesamte weitverstreute Verwandtschaft nach Forcall eingeladen und dazu noch Francisco, den designierten Schwiegersohn aus Valencia, samt Familie. Am Nachmittag wurde im Garten ein langer Tisch aufgestellt, und um den herum versammelte sich die Gästeschar und ließ sich stundenlang mit allerlei Köstlichkeiten fester und flüssiger Natur verwöhnen. An diesem Tag fiel garantiert niemand vom Fleisch, und überdies blieb kaum einer nüchtern. Ich auch nicht. Nur, den gestrigen Ausflug mit Carmen hatte ich trotzdem als wesentlich vergnüglicher empfunden. Es erwies sich als unmöglich, auch nur ein privates Wort mit ihr zu wechseln, geschweige denn irgendwann „sittenwidriges Verhalten“ an den Tag zu legen. Außerdem musste ich pausenlos der gesamten Schar Rede und Antwort stehen; schließlich war ich der Anlass dieser Fiesta; und das wurde umso anstrengender und umso weniger vergnüglich, je höher der allgemeine Alkoholpegel stieg. Mein einziger Trost war Carmens Anblick und waren die Blicke, die sie mir zuwarf.

Aber dann, es war schon finster geworden, und die ersten Gäste begannen sich zu verabschieden, fiel mir auf, dass Carmen nirgendwo zu sehen war. Verblüfft und sogar ein wenig beunruhigt, gab ich vor, dorthin zu müssen, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht, und machte mich unauffällig auf die Suche. Im Klo war sie nicht. Im Bad auch nicht. Auch nicht in der Küche. Dort traf ich nur Mamá, Inés und mehrere Nachbarinnen bei emsiger Arbeit. Fündig wurde ich erst im oberen Geschoss. Dort hörte ich zu meinem Entsetzen Carmen schreien, wenn auch stark gedämpft; es klang mehr wie ein Röcheln, als läge sie in den letzten Zügen. Wo kam es her? Ha, aus ihrem Schlafzimmer. Voller böser Vorahnungen stieß ich die Tür auf, und was bekam ich zu sehen? Francisco, das schöne und reiche Muttersöhnchen aus Valencia, kniete, zum Teil entblößt, über der schon fast entkleideten Carmen auf ihrem Bett, hielt ihr mit der einen Hand den Mund zu, riss ihr mit der anderen die restlichen Kleidungsstücke vom Leib und ließ sich durch mich nicht stören; wahrscheinlich hatte er im Eifer des Gefechts mein Eindringen gar nicht wahrgenommen. Ich wollte schon schreien: Hör sofort mit diesem Unfug auf! Aber in der Aufregung hatte ich mein ganzes Spanisch vergessen. Stattdessen ließ ich meine Fäuste sprechen. Und die erwiesen sich als weit wirkungsvoller, als es Worte je gewesen wären. Er ließ von Carmen ab, wandte mir ein weinerliches Gesicht zu und starrte mich mit offenem Munde an. Ich riss ihn mit solcher Heftigkeit von Carmen und vom Bett herab, dass er auf dem Fußboden landete und einen Schmerzensschrei ausstieß. Ihn aus dem Zimmer zu befördern gelang mir nicht mehr, denn im nächsten Moment hing Carmen schluchzend an meinem Hals, und ich war so erschüttert, dass ich sie meinerseits umarmte und durch hilfloses Streicheln zu trösten suchte.

Wie lang wir so verharrten, könnte ich nicht sagen. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren, nicht nur durch die innere Erschütterung, sondern vor allem durch die intensive Berührung ihrer nackten Haut, die in mir höchst verwirrende Gefühle hervorrief. Aus diesem Zustand der Verzauberung erwachte ich erst, als plötzlich Mamás Stimme hinter uns zu hören war; und die klang alles andere als freudig. Erschrocken fuhren wir auseinander, ich sprang auf, als hätte mich ein Skorpion gestochen – aber zu spät. Mamá war zwar schon wieder verstummt, starrte uns aber mit aufgerissenen Augen an wie zwei Gespenster und schien nicht weniger erschrocken zu sein. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Betroffen blickte ich Carmen an. „Glaubst du, ist das schlimm?“

Sie zog ein schmerzliches Gesicht, nickte, zuckte mit der Schulter und begann sich anzuziehen, blieb dann aber schweigend sitzen und starrte mit trübsinniger Miene ins Narrenkastl (wie meine Mutter zu sagen pflegte). Schließlich raffte sie sich seufzend auf, nahm mich bei der Hand und marschierte mit mir in den Garten zurück; unsere Verstellung war ja mittlerweile sinnlos geworden. Und wie empfingen uns die Feiernden? Ich staunte: mit donnerndem Applaus. Trotzdem trennte ich mich zur Sicherheit sofort von Carmen und begab mich an meinen Platz, gespannt, was als Nächstes passieren würde. Ob der Applaus auch mir galt? Ich bezweifelte es, zu Recht, wie sich sogleich herausstellen sollte.

Man ließ uns nicht lange warten.

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