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Doktor Middleton

Doktor Middleton

 

Es war ein kalter, doch freundlicher Nachmittag des Monats Februar, als ein einzelner Reiter – ein junger Mann von etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahren – aus dem damals noch nicht sehr bedeutenden Städtchen V. in Illinois herauskam und die breite Straße durch die Prärie verfolgte. Von seinem Äußern ließ sich übrigens nicht viel erkennen, da er, der Sitte jener kalten Gegenden gemäß, sich in einen gewaltig großen weißen Flanellüberrock ganz eingeknöpft hatte. Nur die hellen Augen mit dem oberen Teil eines Paares durch den Nordwestwind geröteter Wangen sahen zwischen dem aufgeschlagenen Kragen des Rockes und unter dem Schutz einer feinen, dunkelbraunen Otterfellmütze hervor.

Der untere Teil der Beinkleider war ebenfalls in ein großes Stück blauen Flanells eingeschlagen, der unter den Knien von grünen Strumpfbändern zusammengehalten wurde und dadurch eine Art Gamaschen bildete. Einen einfachen eisernen Sporn trug er an seinen rechten Hacken geschnallt und auf der linken Schulter eine der langen, sehr schön gearbeiteten Kentuckierbüchsen, durch welche die Bewohner jener Gegenden den Ruf solch ausgezeichneter Schützen erlangt haben.

Der Reiter schien jedoch, trotz des Gewehrs, gar nicht zur Jagd eingerichtet zu sein, indem weder Kugeltasche noch Pulverhorn an ihm zu sehen war, sondern er trabte scharf auf seinem kleinen, rauhaarigen Pony die hartgefrorene Straße entlang, die häufig an seiner Seite und vor ihm auffliegenden Präriehühner keines Blickes würdigend. Er hatte vor sich einen einzelnen Reiter bemerkt und versuchte nun, diesen einzuholen, um den langweiligen Weg durch die einförmige und, so weit das Auge schauen konnte, mit dürrem gelben Grase bedeckte Prärie erträglicher und interessanter zu machen.

Es war ein trauriger Anblick, diese ungeheure, gelbe, wogende Fläche. Im Osten schienen dunkle und durch die einzeln hervorbrechenden Sonnenstrahlen ganz schwarz aussehende Wolkenmassen auf dem Horizont des Grasmeeres zu lagern, denen hier und da durchschimmernde Stellen des blauen, in das Grüne spielenden Himmels einen nur noch wilderen, traurigeren Anstrich gaben; kalt und schneidend kam der scharfe Nordwest über die weiten Flächen von den großen Seen herunter, und selbst die Strahlen der Mittagssonne vermochten nicht den frostigen Reiter zu erwärmen, der sein kleines, munteres Pferdchen zu immer neuen Sprüngen antrieb, um sich durch den etwas hohen Trab desselben ein wenig warm schütteln zu lassen.

Er hatte endlich den vor ihm Reitenden eingeholt und hielt an dessen Seite sein Pony ein wenig an, um gleichen Schritt mit dem behaglich forttrabenden Tiere des anderen zu halten.

„Wie geht’s, Doktor, wie geht’s?“, rief dieser, ihn erkennend. „Habt Euch auch in der Kälte nach der Stadt gemacht? Wetter noch einmal, der Nordwester schneidet durch Mark und Bein. – Aber wartet nur, lange hält’s nicht mehr an; seht Ihr die dunklen langen Streifen dort in den Wolken? Sie gehen alle von Osten nach Westen, das bedeutet Schnee oder Regen, und dann lässt auch die Kälte etwas nach.“

„Ich will’s hoffen!“, rief der junge Mann, dem andern die Hand zum freundlichen Gruß hinüberreichend, die dieser herzlich schüttelte. „Aber sagt mir, Smithfield, friert Ihr denn gar nicht? Mir zieht, hol’s der Teufel, die Kälte durch den dicken Flanellrock durch, dass mir die Knochen im Leibe klappern, und Ihr sitzt da im bloßen Halse so gemütlich auf Eurem Pferde, als ob wir August statt Februar schrieben und der Wind links anstatt rechts herkäme.“

Der also Angeredete war ein freundlicher alter Mann mit schneeweißen Haaren, die kurz und kraus unter dem alten, abgetragenen Filzhut hervorsahen. Er trug ein dunkelblaues, wollenes, mit gelbroten Fransen besetztes Jagdhemd, ebensolche Beinkleider, doch ohne die Fransen, und grobe, gelbe, selbstgemachte Schuhe. Das weiße reine Hemd stand vorn, trotz der bitteren Kälte, offen und zeigte den von der scharfen Luft dunkelrot gefärbten Hals bloß. Aus dem durch einen braunen, ledernen Gürtel zusammengehaltenen Jagdhemd sah der hölzerne Griff eines gewöhnlichen Messers hervor, sonst trug er keine Waffen. Er sah freundlich zum Doktor hinüber und antwortete:

„Ihr sitzt zu viel in der Stube, Doktor, zu viel hinter dem warmen Ofen; wenn Ihr dann einmal hinausgeht, packt Ihr Euch ein, dass die Nase kaum vorguckt, und jedes kalte Lüftchen jagt Euch einen Schauer durch Mark und Bein. Ja, ja, Doktor, wäre unser liebes Land hier nicht so flach, dass der im Sommer verdunstende Regen die schädlichen Fieber erzeugte, Ihr solltet verdammt wenige von den Landleuten unter Eure Patienten zählen. – Aber apropos, Doktor, was haltet Ihr von der nächsten Wahl? Ihr kommt weit im Lande herum und hört, wie die Leute darüber denken, glaubt Ihr nicht, dass wir’s durchsetzen? Es wäre doch eine Schande, wenn unser alter Hickory nicht durchschlagen sollte.“

„Gebt Euch zufrieden, Smithfield, die Whigs kommen auf keinen grünen Zweig, wir haben das Ruder einmal in den Händen und werden es nicht so schnell hergeben, wenigstens nicht ohne einen ordentlichen Kampf. Das Volk ist zu vernünftig und hat Jeffersons Lehren noch zu sehr im Kopf, um sich von den Whigs den Kopf verdrehen zu lassen; unser County ist auf jeden Fall für Van Buren, und ich hoffe, auch der Staat.“

„Das ist mir sehr lieb zu hören; denn da drinnen im Städtchen prahlten die Kerle so verdammt viel von ihren Whigssiegen und von dem ‚aus dem Felde schlagen‘ der Demokraten, dass ich selber eigentlich gar nicht wusste, woran ich war, ’s ist aber doch nur Marktschreierei. Ich bringe übrigens diesmal auch eine Stimme mehr mit als das vorige Mal: Mein Junge ist jetzt alt genug zum Stimmen, und der ist ein Demokrat mit Leib und Seele; es ist auch sein Glück, er dürfte mir sonst nicht im Hause bleiben. – Aber sagt mir einmal, Doktor, ich dachte immer, Ihr jagt gar nicht, und jetzt, sehe ich, tragt Ihr solch eine kapitale Büchse auf der Schulter. Blitz noch einmal, das Gewehr muss ich schon irgendwo gesehen haben – ist es aus der Stadt?“

„Nein, heute Morgen, als ich beim Büchsenschmied drinnen war, um mir ein paar Kugeln zu meiner Pistole zu holen, bat mich der, dies Gewehr mit nach Hause zu nehmen und es an John Singers mit erster Gelegenheit zu schicken.“

„John Singers? Dacht ich’s doch; manche Nacht hab ich mit John und dem Gewehr da schon draußen im Wald gelegen, manche, manche Nacht, und jetzt weiß ich auch, warum ich die Büchse nicht gleich wiedererkannte: John hat den Messingbeschlag unten abnehmen lassen und raues Eisen dafür daran genommen.

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