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different boys - Die komplette Staffel

Inhalt

  1. Cover
  2. different boys – Die Serie
  3. Colin und Tom
  4. Freunde und Familie
  5. Über den Autor
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6

different boys – Die Serie

ALLE FOLGEN ERSTMALS IN EINEM EBOOK!

Die neue Gay-Romance-Serie »different boys« erzählt die turbulente Geschichte von Colin und Tom, den Zwillingsbrüdern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide nur versuchen, ihr Leben, die Liebe und das Glück zu meistern.

Colin und Tom

Colin hält Monogamie für den größten Betrug an der Menschheit und stürzt sich von einem erotischen Abenteuer ins nächste. Sein Job als Flugbegleiter führt ihn dabei rund um die Welt zu den angesagtesten Gay-Hot-Spots und heißesten Kerlen.

Tom umgibt sich lieber mit anderen Dingen, die das Leben schöner machen. Er hat in Köln seinen eigenen Designladen für Wohnaccessoires eröffnet. Doch zwischen all den leuchtenden Kerzenständern und kuscheligen Kissen vermisst er eins mehr als alles andere: den perfekten Mann fürs Leben – bis der ihm eines Tages wortwörtlich vor die Füße fällt.

Freunde und Familie

Für zusätzlichen Wirbel und Konfusionen im Leben der Zwillinge sorgen Mutter Ela und ihre besten Freunde Jenny, Basti, Daggi, Valeska und Adrian. Und dann ist da noch Schwester Lisa, deren erzkonservativer Mann einen Keil in die Familie treiben will.

Über den Autor

Norman Stark ist das Pseudonym eines erfolgreichen Autors, der seit vielen Jahren vor allem für zahlreiche deutsche TV-Produktionen Geschichten entwickelt und Drehbücher verfasst. Er lebt mit seinem Partner in Köln und kennt sich in der bunten schwulen Welt bestens aus.

Kapitel 1

Tom: Happy Birthday, bro!

Colin: Auch Happy Birthday, bro!

Tom: Gleich bei Mama?

Colin: Jo, gleich bei Mama ☺

Der Typ sah einfach zum Anbeißen aus. Ein Körper, geformt wie der Prototyp einer griechischen Statue. Samtige schokobraune Haut umschmeichelte die runden Konturen seiner Muskeln. Wie vom Himmel herabgestiegen und sanft zu Boden geschwebt lag er vor ihnen.

»Ich nehme die Brust«, beschloss Tom, griff zum Messer und stach es in die Herzgegend des Adonis, während ihn etliche Augenpaare gespannt dabei beobachteten. Die übrigen Anwesenden tanzten ausgelassen zum stampfenden Beat aus den Lautsprechern, die sich mit gut gelauntem Gelächter ein Duell lieferten. Stickige Hitze hing im Raum – schließlich war der rappelvoll –, und an der Theke knubbelten sich dementsprechend viele Durstige und lechzten nach kühlem Bier oder Stärkerem. Kurzum: Es war eine gelungene Party.

»Du kannst die Brust haben, solange du mir das da übrig lässt«, grinste Colin und zeigte auf die dicke Beule unter dem knapp sitzenden Slip.

»Natürlich, Bruderherz«, säuselte Tom und reichte Colin das Messer. »Ich habe ja schon das Herz der Sahneschnitte erobert.« Während Colin das von ihm favorisierte Körperteil sorgfältig herausoperierte, biss Tom genussvoll mit geschlossenen Augen in das Bruststück in seiner Hand.

»Wirklich köstlich«, schwärmte er und schmatzte. »Lass mich raten … Aprikosenmarmelade?«

»Da kennt sich jemand aus!«, lobte Sophie und zwinkerte neckisch mit ihren grünen Augen.

»Mit Männern oder mit Torten?«, fragte Maren amüsiert. Wie ein unschuldiges Mädchen legte sie ihren grazilen Zeigefinger an ihre zu einem Kussmund geschürzten Lippen.

»Mit beidem«, befand Tom selbstbewusst und lachte. »Bei Männern ist Colin sicher erfahrener, aber bei Backwaren habe ich den feineren Geschmack.«

Während Tom den Prachtkerl entlang der Kanten seines Sixpacks aufteilte, stopfte Colin sich das Gemächt aus Biskuit, Sahne, Aprikosenmarmelade und Schokoglasur gierig in den Mund und stöhnte lustvoll. »Ich würde mal sagen, ich hab wohl das beste Stück abbekommen.«

»Unser Kuchen scheint euch ja zu schmecken. Aber verschluck dich nicht, Colin!«, warnte Maren kichernd, als sie sich ein Stück des Sixpacks reichen ließ, doch Sophie klopfte ihr beruhigend auf die Schultern und griff zielstrebig nach dem Happen mit dem Bauchnabel. »Glaub mir, meine Liebe, darin hat Colin Übung. Den haut ein großes Teil nicht so schnell aus den Socken!«

»Immerhin hättest du dann eine großartige Schlagzeile«, lachte Tom. »Kölner Flugbegleiter an Kuchen-Penis erstickt!«

Colin boxte seinem Bruder gespielt entrüstet auf die Schulter. Sophie verzog den Mund ironisch zu einer Trauermiene. »Wir reisen extra aus Hamburg an, um euren Geburtstag zu feiern – und du stirbst einen qualvollen Erstickungstod, weil du bei Männern den Hals nicht vollkriegen kannst? Das wäre zu tragisch.«

»Das sagt die Richtige. Du und Maren wart immer meine leuchtenden Vorbilder«, schmunzelte Colin. »Niemand schleppt so elegant Männer ab wie ihr.«

Während sich nun auch andere Gäste am Kuchenmann erfreuten und seinen süßen Leib vertilgten, wechselten Sophie und Maren ein konspiratives Grinsen und schwiegen. Ein entlarvendes Schweigen, für das sie jedoch nicht die Spur von Scham verspürten. Ganz im Gegenteil. Colin und Tom kannten die beiden schon seit vielen Jahren und staunten immer über ihre wilden Sexabenteuer. Dabei gingen sie eigentlich einer seriösen Arbeit nach. Als Journalistinnen für das Boulevardblatt BLITZ holten sie die dunklen Geheimnisse der Größen aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung ans Tageslicht. Das hatten sie drauf. Aber ebenso geschickt, wie sie heikle Fakten an die Öffentlichkeit brachten, zerrten sie Männer ins Bett.

»Ich stehe euch für weiterführende Ratschläge jederzeit zur Verfügung«, schnurrte Sophie und schob den zarten Kuchen mit sanft geschlossenen Augenlidern zwischen ihre rot geschminkten Lippen, wobei sie lasziv ihre Zungenspitze hervorblitzen ließ.

 In diesem Moment drängelte sich ein kleiner Mann mit einem rundlichen Gesicht, über das sich ein fröhliches Strahlen zog, durch die dicht an dicht stehenden Gäste. Er lief nach vorne zur Theke und klatschte auffordernd in die Hände. Die Musik wurde heruntergefahren, und alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf ihn. Basti ist doch eigentlich gar nicht der Typ, der große Rede schwingt, wunderte sich Tom. Basti war die gute Seele in Toms Design-Laden, dem A-TOM auf Kölns Modemeile, der Ehrenstraße. Wer wissen wollte, wie man mit passenden Accessoires mehr Glanz in die eigenen vier Wände bringen konnte, war bei Basti an der richtigen Adresse. Wer den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Szene erfahren wollte, ebenso.

Vor 60 Leuten zu stehen, war Basti aber offensichtlich nicht gewohnt. Verlegen knispelte er mit der rechten Hand an seinem linken Zeigefinger und lächelte unsicher. »Ich finde«, setzte er stammelnd an, »dass Tom und Colin jetzt ein Ständchen verdient haben.«

»Bitte nicht«, flehten Tom und Colin wie aus einem Mund. Aber Basti hatte seine Arme schon unerschrocken in die Luft gehoben und wirbelte sie wie ein Dirigent bei den ersten Takten einer Ouvertüre herum, während die Gäste artig Happy Birthday anstimmten. Basti ruderte furios mit seinen kurzen Armen, aber der Gesang eierte zielsicher an den richtigen Noten vorbei, wiederholte sich in dissonanten Tonhöhen und schwoll zu einem Crescendo an, bevor er nach einem tragend dahingeschluchzten »Hap-py Birth-day to you!« verebbte.

Colin und Tom klatschten frenetisch in die Hände. Trotz der miserablen Gesangseinlage hatten ihre Freunde ihnen mit der Ode eine riesige Freude gemacht. Die Brüder waren sich einig gewesen, dass sie es zum Start ihres 29. Lebensjahres noch einmal richtig krachen lassen wollten. Denn jenseits der 30er-Zone des Alterungsprozesses erwartete einen die Diaspora eines Lebens, in dem man auf die Hautpflege mit Faltenauffüllern umsteigen musste und auf den gängigen Dating-Plattformen wie Dudz gnadenlos durchs Suchraster flog. Da traf es sich gut, dass sie beide am selben Tag Geburtstag hatten und ihr Schicksal teilen konnten. Sogar fast auf die Minute genau: Colin war geschlagene zwei Minuten früher aus der beengten Bleibe gepresst worden, in der sie neun Monate miteinander verbracht hatten. Die Frau, die das alles tapfer ertragen hatte, stand hinter der Theke und strahlte voller Glück: Ela.

 Ela hieß eigentlich Manuela, aber viersilbige Vornamen waren zu Zeiten, als sie selbst noch weit von der 30er-Zone entfernt war, nicht en vogue. Zum Soundtrack der 70er zwischen Abba, Bee Gees und den Jackson 5 passte etwas Peppiges wie Elap. Das Kabuff, in dem Colin und Tom die Vorstufe zum nächsten Lebensjahrzehnt feierten, war Elas Reich. In einer kleinen Gasse in der Kölner Altstadt gelegen, war die urige Kneipe zu einer Institution der Kölner Szene aufgestiegen. Hier fand man zwar kein extravagantes Interieur, wie in einem angesagten Club, und man bekam auch keine brandneuen Cocktail-Kreationen kredenzt, aber Elas gastfreundliches Naturell und auch der reichliche Kölsch-Ausschank hatten sie und das Kabuff fest in den Herzen etlicher Kölner Schwulen und Lesben verankert.

Nachdem alle feierlich auf die Zwillinge angestoßen hatten, trat Ela zu ihren Söhnen, breitete unter ihrem wallenden Umhang mit dem hawaiianischen Muster die Arme aus und legte sie ihren Jungs um die Schultern. Sie seufzte glücklich und zog die Köpfe der Zwillinge voll mütterlicher Herzlichkeit an ihre üppige Brust. »Wie gut, dass ich euch habe!«

Colin und Tom versanken mit ihren Gesichtern in Elas Busen wie in einem flauschigen Daunenbett. Schlagartig fühlten sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt. Damals hatten sie die körperliche Nähe zur mütterlichen Brust dankbar hingenommen. Aber mit 29 Jahren waren sie nun doch zu alt dafür. »Ist ja gut, Mama«, schnaufte Tom erstickt und stemmte sich behutsam gegen ihre Umklammerung. »Wir haben dich doch auch lieb.«

»Hmpf!«, nickte Colin zustimmend. Seine Atemwege waren vollends von Elas Leibesfülle versperrt. Dann wurstelte er sich aus ihrer Umarmung und schnappte nach Luft, während Ela vor Rührung schluchzte.

»Bevor wir gleich alle in Tränen ausbrechen, habe ich ein passendes Gegenmittel«, versprach Daggi hinter ihrem Mischpult und ließ ihren Zeigefinger wie eine ballistische Rakete auf den Startknopf ihrer Schaltzentrale niedersausen. Explosionsartig fluteten die Klänge von Lady Gagas Poker Face den Raum, und flächendeckend begannen die dicht gedrängten Körper im Takt zu tanzen. Daggi war hauptberuflich Automechanikerin und hatte, trotz ihrer Vorliebe für Holzfällerhemden, ein gut ausgeprägtes Gespür für den richtigen Song zur richtigen Zeit. Deshalb hatten Colin und Tom die musikalische Gestaltung des Abends vertrauensvoll in ihre Hände gelegt.

Belustigt beobachtete Tom, wie Maren und Sophie mit ihrem Kennerblick zielsicher die einzigen Hetero-Männer in der Menge ausfindig gemacht hatten und sich nun mit aufreizenden Hüftschwüngen an sie herantanzten. Sie würden die Nacht bestimmt nicht allein verbringen. Genauso wenig wie Colin, an den sich gerade Adrian herantanzte, nachdem dieser ihn schon den ganzen Abend mit seinen Blicken ausgezogen hatte. Adrian hatte breite Schultern, eine kräftige Brust, starke Oberarme und den Nimbus eines potenten Mannes. Und damit passte er genau in Colins Beuteschema. Tom schüttelte den Kopf. Auch wenn ihm Adrian rein optisch gefiel, einen Jagdtrieb wie Colin hatte Tom nie entwickelt. Man merkte eben doch, dass sie zweieiige Zwillinge waren und unterschiedliche Gene mitbekommen hatten. Nicht nur, dass er selbst dunkle Haare hatte, während Colins Kopf von einem blonden Stoppelschnitt gekrönt wurde. Auch in ihrem Umgang mit Männern bewegten die Zwillinge sich in verschiedenen Welten.

Ela rotierte mittlerweile wieder emsig hinter der Theke und zapfte ein Kölsch nach dem anderen, um den Flüssigkeitsbedarf der wild tanzenden Meute zu decken.

»Soll ich dir etwas helfen, Mama?« Tom wusste, dass seine Mutter sogar die Musik selbst spielen würde, wenn sie nur könnte. Sie tat alles für ihre Zwillinge und auch für ihre jüngste Tochter Lisa. Aber er wollte nicht, dass sie den ganzen Abend ackerte wie eine Angestellte.

»Kommt gar nicht infrage«, schritt Lisa ein. Tom hatte sein Schwesterherz den ganzen Abend kaum zu Gesicht bekommen. Doch jetzt schlüpfte sie mit ihrem zierlichen Körper hinter die Theke, strich entschlossen ihre brünetten Haare zurück und reichte Ela leere Kölschgläser an. »Du und Colin sollt heute in Ruhe feiern. Man wird schließlich nur einmal 29«, lächelte sie Tom an.

»Das ist lieb, Lizzy«, dankte Ela ihr herzlich.

»Ich helfe dir ja gerne, aber nenn mich bitte nicht immer Lizzy!« forderte Lisa zickig.

»Natürlich, Lisa«, gehorchte Ela mit erhobenen Brauen und zapfte stumm weiter. Colin hatte den giftigen Kommentar des Nesthäkchens auch mitbekommen. Ihre drei Jahre jüngere Schwester war nicht immer so verkniffen gewesen. Früher war es ihr egal, ob man sie Lisa oder Lizzy nannte – oder auch Stöpsel, wie Colin und Tom sie getauft hatten. Sie war glücklich, solange sie mit ihren beiden großen Brüdern Zeit verbringen konnte. Und als Colin und Tom sie und Ela mit ihrem doppelten Coming-Out überraschten, protzte Lisa stolz in der Schule damit, dass sie zwei schwule Brüder hatte, und verpasste allen, die sich darüber lustig machten, böse Kopfnüsse. Aber diese Zeiten lagen lange zurück. Heutzutage wäre es ihr sicher lieber, ihre beiden Brüder hätten hübsche Frauen geheiratet und ihr viele Nichten und Neffen geschenkt. Der Grund für ihren Persönlichkeitswandel quetschte sich gerade an die Wand neben der Theke, als wäre er in einem Käfig mit widerlichen Schlangen eingepfercht: Horst. Lisas Göttergatte und der Erzeuger ihrer beiden Kinder. Mit griesgrämiger Miene kippte er sein Bier herunter. Pils – und das in Köln! »Er ist eben sehr heimatverbunden«, würde Lisa darauf entschuldigend sagen. So wie sie ihn immer in Schutz nahm. Horsts Heimat erstreckte sich im Nirgendwo des Erzgebirges. Dort, wo die Luft rein, die Wiesen grün, die Frauen gehorsam und die Männer heterosexuell waren. Horst war erzkonservativ und unterzog mit seinem kleinbürgerlichen Katechismus Lisa zusehends einer Gehirnwäsche. Die Trennlinie zwischen gut und schlecht war in seiner übersichtlichen Welt genauso scharf wie die Furche seines Seitenscheitels, der bereits ergraut war. Colin und Tom gehörten für ihn in die schlechte Schublade. Es war ein Wunder gewesen, dass Lisa die Einladung zur Feier annehmen durfte. Und ein noch größeres Wunder war es, dass Horst sogar mitgekommen war. Aber offensichtlich nur, um auf Lisa aufzupassen und zu zeigen, wie sehr ihm das alles hier missfiel.

Wahrscheinlich betete er hinter seiner missmutigen Fassade um ein mahnendes Zeichen des Himmels. Und dieses eine Mal wurde er offensichtlich erhört. Denn gerade als Daggi Madonnas Girl Gone Wild röhren ließ, ging plötzlich gar nichts mehr. Mit einem Schlag wurde es stockfinster, und Madonna verstummte. Stattdessen ging ein Raunen durch die beunruhigte Menge.

Colin spürte, wie ihm jemand zwischen die Beine fasste. Im nächsten Moment hörte er Adrians Stimme an seinem Ohr: »Ich habe dir noch gar nicht dein Geburtstagsgeschenk überreicht.«

Gleichzeitig hörte man Daggis energische Kommandos in der Dunkelheit: »Keiner bewegt sich! Es soll ja niemand verletzt werden. Ich habe alles im Griff!« Doch Colin dachte gar nicht daran, stillzuhalten. Er fingerte an Adrians Hosenbein entlang und presste seine Hand auf die deutlich verhärtete Stelle unter dem Reißverschluss. »Darf ich es sofort auspacken?«, fragte er flüsternd.

»Wenn du die Verpackung nicht zerreißt, gerne.«

Ein blässlicher Lichtkegel erschien an der Wand und kroch hin und her wackelnd in Richtung Abstellkammer.

»Wir checken nur kurz die Sicherungen«, verkündete Daggi, während Ela ihr mit einer Taschenlampe den Weg leuchtete. Doch die Finsternis entfachte bei den Gästen eine anregende Wirkung. Weil sie nichts mehr sehen konnten, redeten und lachten sie umso angeregter.

Auch Colin fand es anregend, dass Adrian und ihn niemand beobachten konnte, obwohl sie umringt waren von ihren Freunden. Fast wie im Darkroom, dachte er, zog vorsichtig den Reißverschluss von Adrians Hose auf und ließ seine Finger hineingleiten. Er stieß auf etwas Hartes, das in regelmäßigen Abständen fordernd nach draußen zuckte. Adrian war offensichtlich angetan, genau wie Colin. Er umschloss Adrians bestes Stück mit den Fingern und spürte seinen heißen Atem auf dem Gesicht. Colin bewegte den Kopf langsam nach vorne, bis ihre Lippen aufeinandertrafen. Feucht und hitzig begannen sie sich zu küssen, während Colin Adrians Schaft massierte.

Klack. Erbarmungslos grell ging das Licht wieder an. »So, geht doch«, dröhnte Daggis raue Stimme aus der Abstellkammer. Das geht gar nicht, schoss es Colin zeitgleich durch den Kopf. Er und Adrian waren doch gerade mittendrin. Hastig wichen sie auseinander und Colin versuchte eilig, seine Hand aus dem Hosenschlitz seines Gegenübers zu befreien. Doch sein Handballen hatte sich am Reißverschluss verhakt. Er steckte fest. Und das blieb nicht unbemerkt. Neben ihnen ertönte ein amüsiertes Kichern. Colin wand und drehte seinen Arm mit einem gepeinigten Grinsen. Doch seine hektischen Bewegungen wurden immer mehr zum Blickfang. Wie zwei Ringer standen sie im Rampenlicht, mit dem Unterschied, dass sie nicht miteinander gerungen, sondern aneinander gefummelt hatten. Und das sorgte für allgemeine Erheiterung. Tom verdrehte seufzend die Augen. Dass sein Bruder gerne handgreiflich wurde, wenn er dabei einem Mann näherkommen konnte, war allgemein bekannt. Nur dass er es in aller Öffentlichkeit und vor allem auf seiner eigenen Geburtstagsfeier praktizierte, war ein Novum.

»Moment, ich helfe dir », sagte Adrian ein wenig angespannt und knöpfte vor den Augen aller seine Hose auf, was aus den hinteren Rängen mit einem begeisterten »Yeah!« bejubelt wurde. Colin befreite seine Hand aus ihrem Gefängnis und hielt sie zum Beweis samt der anderen beschwichtigend in die Luft. »Es gibt nichts mehr zu sehen. Bitte feiert einfach weiter«, befahl er ironisch.

 Adrian schloss räuspernd seinen Reißverschluss und erklärte schmallippig, er müsse mal kurz auf die Toilette. Mit hochrotem Kopf zog er sich zurück, während sich die übrigen Gäste mit einem Grinsen auf den Lippen abwandten und den Anschein erweckten, als wäre nichts passiert.

Bis auf einen: Horst. Er knallte sein Glas hart auf den Tisch, sodass sich die Umstehenden irritiert zu ihm umdrehten, und fällte sein Urteil: »Lisa, wir gehen!«

Das war eine Anordnung, ein Befehl, dem Lisa Folge zu leisten hatte. Horst packte sie hart am Handgelenk. Lisa schaute hin- und hergerissen zu Colin und Tom. »Aber …«

»Die Feier nimmt einen Verlauf, der mir nicht zusagt«, verkündete Horst abschätzig. »Außerdem haben wir den Babysitter nur bis 21 Uhr gebucht. Oder willst du Vivienne und Leonel nicht noch gute Nacht sagen?«

Schuldgefühle. Das war Horsts übliche Masche, um Lisa gefügig zu machen. Er putzte sie immer runter, sodass sie sich vorkam wie eine schlechte Ehefrau – und wie eine Rabenmutter obendrein. Auch jetzt war die unterschwellige Anklage herauszuhören, dass sie sich wohl lieber mit ihren schwulen Brüdern vergnügen wollte, als sich ihren Kindern zu widmen.

»Ach, Horst, ein bisschen Zeit habt ihr doch noch«, versuchte Ela zu deeskalieren. »Lisa sieht ihre Brüder so selten. Komm, ich hol dir noch ein Pils.«

»Kein Bedarf«, giftete Horst zurück und zerrte weiter an Lisas Arm. »Nun komm schon, wir gehen jetzt!«

Daggi beäugte den aufkeimenden Krach mit unwohlem Gefühl und schmiss ihre Playlist wieder an. Aber auch Lady Gaga konnte nicht verhindern, dass alle auf den Streit aufmerksam wurden und die Gespräche verebbten.

»Horst, das ist doch jetzt wirklich übertrieben«, wagte sich Colin vor. »Wir wollen doch alle nur unseren Spaß haben. Jeder auf seine Weise.«

Horsts Augen verengten sich, und er senkte wie ein angriffslustiger Bulle seinen fleischigen Kopf. »Was ihr hier unter Spaß versteht, finden wir einfach nur abartig!«, grollte er verächtlich.

»Horst!«, entfuhr es Ela getroffen. Auch den anderen verschlug es den Atem.

»Wir?«, hakte Colin provokant nach und richtete den Blick fragend auf seine Schwester. »Du etwa auch?«

Lisa hob nur verzagt die Schulter und schielte unsicher zu Horst. Sie wagte nicht, ihm zu widersprechen.

»Na, sehr liebenswert«, schnaubte Colin sarkastisch, und Tom legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter. »Lass …«

Horst wandte sich zur Tür und zog Lisa wie ein Stück Vieh hinter sich her. Lisa machte keine Anstalten, sich zu widersetzen und stolperte ihm nach. »Tschüss ihr Lieben, feiert noch schön«, stotterte sie hilflos.

»Komm doch mal wieder auf einen Kaffee in meinem Laden vorbei«, rief Tom ihr noch hinterher. Er wollte nicht, dass der Graben zwischen ihnen noch tiefer wurde, als er eh schon war. Doch ehe Lisa darauf antworten konnte, hatte Horst sie schon grob aus der Kneipe gezogen. Krachend schlug die Tür zu und brachte die Partystimmung zum Erliegen. Alle blickten verlegen zu Boden und schwiegen.

»Na, herzlichen Glückwunsch!«, ließ Basti trocken fallen. Nach Feiern war jetzt niemandem mehr zumute.

***

Sophie brachte es auf den Punkt: »Was für ein Arsch!«

Maren stimmte betreten zu. Gemeinsam mit Tom, Colin und Ela saßen die Hamburgerinnen an der Theke und versuchten, die drei wieder aufzubauen. Nach Horsts lautstarkem Abgang war die Stimmung zwar auf den Nullpunkt abgesackt. Aber Daggi setzte ihr gesamtes Arsenal an lebensbejahenden Schlagern von Helene Fischer dazu ein, die gute Laune wieder anzufachen, und Basti ging mit einem Tablett herum und verteilte Sekt, damit alle auf den Schreck einen trinken konnten. Das half. Anstatt betretenen Schweigens erfüllte schon bald wieder fröhliches Gelächter den Raum, und auf der Tanzfläche wurde ausgelassen geschwoft.

Ela war indes nicht so leicht aufzuheitern.

»Leider ist dieser Arsch mein Schwiegersohn«, seufzte sie betrübt und schaute sich suchend um. »Ich glaube, nach dieser Vorstellung brauche ich etwas Härteres zu trinken.«

Basti reichte Ela eines der übrig gebliebenen Sektgläser: »Hier, trink doch einen Champagner, das hilft!«

Ela nahm mit einem verhaltenen Lächeln das Glas entgegen. »Ist leider nur Sekt.«

»Ach, echt?!«, stutze Basti. »Na egal, Hauptsache es knallt!«

»Genau«, sagte Ela ergeben, setzte das Glas an die Lippen und lehnte ihren Oberkörper nach hinten, sodass ihr der Sekt in einem Schwall in den Mund rann und sie sich an dem prickelnden Schaum beinahe verschluckte.

»Ich verstehe überhaupt nicht, woher Lisa diesen Männergeschmack hat? Bob ist doch auch nicht so!«, zerbrach sie sich weiter den Kopf.

»Der ist ja wohl eher das krasse Gegenteil«, erwiderte Tom sarkastisch, und Colin nickte: »Mit Familienwerten hat der nun wirklich nichts am Hut.«

»Hat der sich eigentlich heute bei euch gemeldet?«, fragte Ela betreten.

Tom und Colin schüttelten den Kopf. Dieser Bob sendete so gut wie nie ein Lebenszeichen von sich. Und das, obwohl ihn mit Colin, Tom und auch Lisa viel verband. Er war nämlich ihr Vater.

Bob McBride war 1979 als amerikanischer GI nach Deutschland gekommen und dreizehn Jahre später als dreifacher Vater und unehrenhaft herauskomplimentierter Soldat wieder verschwunden. Mit felsenfesten Prinzipien und eiserner Disziplin war Bob McBride ein Vorzeige-Amerikaner und als solcher bei einer Sauftour mit seinen Kameraden ausgerechnet Ela in die Arme gelaufen. Das war 1981. Bob war damals in Darmstadt stationiert und suchte Ablenkung vom drögen Armee-Alltag in den Kneipen und Bars, die sich in der Nähe der Soldatensiedlungen niedergelassen hatten. Auch Ela hatte Ablenkung gesucht, aber vor allem eine Gelegenheit, mit ihrem ersten Job den Auszug bei ihren spießigen Eltern zu finanzieren. Die Liebe von Ela und Bob war stürmisch – so stürmisch, dass Ela zuerst Tom und Colin bekam und später noch Lisa. Zu dem Zeitpunkt hatte Ela ihren Traumprinzen jedoch schon so weit mit ihren Idealen von Frieden und Freiheit angesteckt, dass er erst bei der Armee desertierte und dann bei seiner neuen Familie. Von diesem Zeitpunkt an musste sich Ela mit ihren drei Kindern alleine durchschlagen. Bob ging zurück in die USA, wo er sich ausgerechnet im Kaff Gaylord in Michigan ein neues Leben mit einer neuen Frau aufbaute. Das Letzte, was man von ihm gehört hatte, war eine E-Mail zu Weihnachten vor drei Jahren. Als Anhang schickte er ein Foto, auf dem er vor seinem Trailor-Home stolz den abgetrennten Kopf eines Hirsches in die Kamera hielt.

»Ich schaue mal nach Adrian«, entschied Colin ernüchtert. »Der traut sich wohl gar nicht mehr raus.«

Colin verschwand auf der Toilette, und Tom beschlich eine Ahnung, wie sein Bruder sich von dem kleinen Eklat ablenken würde. Leider war er selbst nicht so talentiert darin, seinen Frust zu kompensieren, und an schnellem Sex auf der Toilette hatte er sowieso kein Interesse.

Auf einmal schob sich eine Hand mit einem Kölsch vor seine Brust.

»Auf den Schreck kannst du das sicher gut gebrauchen«, meinte der edle Spender und lächelte Tom aufmunternd an. Tom drehte ihm irritiert den Kopf zu und wunderte sich. Er sah den Typen zum ersten Mal – und das auf seiner eigenen Geburtstagsparty! Sein Gegenüber konnte die Verwunderung in Toms Blick erahnen.

»Ich bin Sascha. Adrian hat mich mitgebracht«, klärte er das Mysterium auf. »Tut mir leid, dass er hier gerade für etwas Trouble gesorgt hat.«

Tom wiegelte eilig ab. Wortreich erläuterte er, dass Colin die Sache ja forciert habe und der eigentliche Übeltäter sowieso sein Schwager sei, der ein grundsätzliches Problem mit Schwulen habe.

Sascha versuchte die vielschichtigen Informationen genauso schnell zu verarbeiten, wie Tom sie herunterratterte, aber am Ende seines Redeschwalls lächelte Sascha kapitulierend. »Das musst du mir mal in Ruhe erklären«, schlug er vor. »Aber jetzt wäre es eher an der Zeit, dass du endlich dieses Kölsch trinkst, ehe es die Temperatur meiner Hand angenommen hat.«

»Sorry …«, lächelte Tom verlegen und stieß mit ihm an. Das Kölsch war wirklich schon lauwarm und schmeckte schal, aber Saschas charmante Art machte das wieder wett.

»Und du hast hier einen Designer-Laden in der Nähe?«, erkundigte sich Sascha interessiert. Offensichtlich hatte er sich vorab über die Gastgeber der Party informiert. »Vielleicht sollte ich demnächst mal vorbeischauen«, überlegte er. »Ich bin vor Kurzem umgezogen, und meine neue Bleibe ist noch etwas kahl.«

»Ich bin zwar kein Möbelhaus«, erläuterte Tom schelmisch, »aber wenn du auf ausgefallenes Design abfährst, finden wir sicher etwas, das in deine Wohnung passt.«

»Ein bisschen Ahnung von Design sollte ich schon haben«, erklärte Sascha gut gelaunt. »Ich bin Art Director in einer kleinen Werbeagentur im Agnesviertel. Kunst und Kommerz liegen manchmal eben dicht beieinander.«

Tom stimmte ihm lachend zu. »Frag mich mal. Irgendwie muss man sein Geld ja verdienen.«

Saschas Humor gefiel ihm – und wenn er ehrlich war, gefielen ihm auch seine leicht abstehenden Ohren, die ihm etwas Jungenhaftes verliehen. »Noch ein Kölsch?«, fragte er ihn, und Sascha nickte. »Gerne.«

Tom vertiefte sich mit Sascha in ein Gespräch über unterschiedliche Vorhangstoffe und vergaß völlig, dass er noch rund 60 andere Gäste hatte, mit denen er ein paar Worte wechseln sollte. Aber Colin war ja auch noch da. Oder besser gesagt: Er war wieder da. Gerade kam er mit Adrian von der Toilette zurück, und ihre leuchtenden Gesichter ließen vermuten, dass sie ihre Privatsphäre intensiv ausgekostet hatten.

»Ihr seht etwas abgekämpft aus«, stellte Ela trocken fest. »Erfrischung gefällig?«

Sie reichte den beiden ein Kölsch, und Colin prostete Adrian verrucht lächelnd zu. »Wir können gerne öfter anstoßen

Adrian lachte auf. »Dann solltest du öfter deinen Geburtstag feiern.«

Adrian hatte auf der Toilette seine Scheu schnell abgelegt und sich als energiegeladener Hengst entpuppt, der seine Zunge kraftvoll einzusetzen wusste. Colin genoss das wohlige Nachglühen in seinem Schritt. Anscheinend hatte Adrian seine Hormone erst richtig in Wallung gebracht. Egal, dachte er, die Nacht ist noch lang und die Party im TRX nicht mehr weit.

Allmählich setzte bei den Gästen Aufbruchsstimmung ein. Es war mittlerweile schon nach zwei Uhr. Sophie und Maren hatten zu den beiden anfangs gesichteten Heteros wieder Kontakt geknüpft. Sophie strich ihrer Eroberung mit klaren Absichten über die Brust, und Maren schaute ihrer neuen Bekanntschaft tief in die Augen und leckte sich verrucht über die Lippen. Ganz offensichtlich wurden sie sich mit den Männern handelseinig, denn wenig später verabschiedeten die vier sich. Tom und Colin wünschten ihnen vielsagend noch viel Spaß in Köln und versprachen, sie bald wieder in Hamburg zu besuchen.

Daggi schob zum Finale der Party Atemlos von Helene Fischer auf ihre Playlist. Alle konnten den Text Wort für Wort auswendig und sangen fröhlich mit. Doch einer stach aus der Menge heraus und zeigte seine Liebe mit vollem Körpereinsatz: Henning.

Henning hatte erst vor wenigen Wochen einen runden Geburtstag gefeiert. Die Feier war keine wilde Party, sondern ein gesetztes Essen bei ihm zu Hause gewesen, bei dem er beweisen wollte, dass man auch lecker kochen konnte, wenn man nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Gewürze und Salz verzichtete. Es war trotzdem ein netter Abend gewesen, und die vielen Büchergeschenke über die sakrale Kunst des frühen Mittelalters hatten Henning große Freude bereitet. Er war eigentlich ein typischer Bücherwurm. Aber heute entfesselte Helene Fischer einen ungeahnten Bewegungsdrang in ihm.

Ekstatisch stieß er die Arme in die Luft und grölte »A-tem-los«. Um ihn herum bildete sich schnell eine Freifläche, weil alle befürchteten, bei seinem hemmungslosen Tanz Blessuren zu erleiden. Doch Henning wollte seine überschäumende Freude nicht alleine ausleben, sondern sie mit jemandem teilen, und somit packte er sich Basti, bevor dieser die Flucht ergreifen konnte. Henning zog ihn an seine schmale Brust und wiegte sich mit ihm im Takt. Basti ließ die Gefangennahme stoisch über sich ergehen, auch wenn er sich mit seiner Körperfülle locker gegen die unfreiwillige Tanzeinlage hätte wehren können. Henning plärrte ihm »Atemlos durch die Nacht« ins Ohr. Und genauso musste es dem armen Basti gerade ergehen, bei dem vielen Alkohol, den der begnadete Sänger bereits getrunken hatte. Die anderen Gäste beobachteten den seltsamen Paartanz vergnügt.

Colin lachte leicht mitleidig. »Henning ist ja ein lieber Kerl«, raunte er Tom ins Ohr, »aber anscheinend bekommt er langsam Torschlusspanik.«

Tom konnte darüber nicht lachen. Er würde nicht immer 29 bleiben. Irgendwann würde er auch 40 … oder 50 sein wie Henning. Ob er dann genauso allein sein und sich verzweifelt jüngere Typen krallen würde, die keine Aussicht hatten, jemanden abzubekommen? Tom schluckte. So wollte er nicht enden. Alt und einsam. Nein, danke!

Kapitel 2

Eigentlich bekam Tom am frühen Morgen überhaupt nichts herunter. Auch keine Fritten. Doch Sascha hatte bei der kleinen Bude in der Kölner Altstadt das Komplettpaket geordert: zweimal Pommes rot-weiß. Dabei aß Tom seine Fritten eigentlich immer pur. Aber nachdem er den ganzen vorherigen Abend gefühlt alle alkoholischen Getränke hinter Elas Bar verkostet hatte, lechzte sogar sein Körper nach Fett und Salz. Außerdem wollte er Saschas Einladung, noch eine Runde in der Morgenluft zu drehen, auf keinen Fall ausschlagen. Nun saßen sie auf dem Mäuerchen, das die Altstadt zum Rhein hin umschloss, und überlegten gemeinsam, welche Möbel zu Saschas neuer Wohnung passen würden. Die ersten Sonnenstrahlen vom kühl-blauen Morgenhimmel legten einen schimmernden Schleier aus Gold auf die mittelalterlich nachgebauten Fassaden, und ein Frachtkahn tuckerte gemächlich über den grau dahinfließenden Strom.

Sascha tunkte eine Fritte in die fettige Mischung aus Ketchup und Mayonnaise, die seine Mahlzeit krönte, und sein Blick blieb an dem rot-weiß verzierten Kartoffelschnitz in seiner Hand haften. »Vielleicht würde so ein Stuhl von Gerrit Rietveld in mein Wohnzimmer passen«, überlegte er laut. »Du weißt schon, der rot-weiße, der aussieht wie Mondrian in 3D.«

»Du meinst wohl den rot-blauen Stuhl«, grinste Tom ihn an, und Sascha räusperte sich verlegen. »Äh, ja, genau der. Da wollte ich einmal mit meinem Design-Wissen angeben … Fail!«

Hastig stopfte sich Sascha die Fritte in den Mund. Tom tätschelte ihm tröstend die Schulter. »Ein Versuch war es wert. Ansonsten stimme ich dir ja sogar zu. Rietveld hat sich von Mondrian inspirieren lassen. Du hast da übrigens Ketchup.«

»Was, wo?«, erschrak Sascha.

Tom deutete auf die Stelle schräg links unter der Nase in seinem eigenen Gesicht. Sascha streckte die Zunge heraus und versuchte, den Klecks mit der Zungenspitze zu erreichen. Dabei drehte und reckte er sie und legte noch dazu angestrengt die Stirn in Falten, bis Tom irgendwann laut losprustete und ihm eine Packung Taschentücher entgegenstreckte. »Versuch’s doch mal hiermit.«

Dankend nahm Sascha das Taschentuch an und wischte sich das Gesicht sauber, ehe er eine weitere Runde Pommes mit Ketchup vertilgte, die erneut Spuren hinterließ. Tom schaute Sascha belustigt an. Er wollte besser nichts mehr dazu sagen. Sein Heißhunger auf Fritten und die leichte Unsicherheit in der Farbgebung berühmter Design-Objekte passte zunächst nicht zum Image eines erfolgreichen Art Directors einer Werbeagentur. Aber Tom gefielen diese kleinen Schwächen.

Sascha spürte plötzlich Toms Blick auf sich ruhen und hielt irritiert inne. »Is was?«, nuschelte er mit vollem Mund. »Hab ich wieder Ketchup irgendwo?«

Tom schüttelte lächelnd den Kopf, und ohne nachzudenken kam ihm die Frage über die Lippen: »Sollen wir bei mir noch etwas trinken?«

***

Sascha strich mit den Fingerspitzen sachte über die Oberfläche der schwarz glänzenden Skulptur, die aus ineinander verschränkten Bögen bestand und entfernt an eine große Blume erinnerte. Dann ging er einen Schritt zurück und betrachtete sie fasziniert.

»Bist du gerade nach Köln gezogen oder wieso hast du eine neue Wohnung?«, erkundigte sich Tom, während er ein paar Kerzen auf dem Fenstersims entzündete.

Sascha winkte mit einer beiläufigen Geste ab. »Ich wollte nur aus meiner alten Wohnung raus. Nichts weiter. Ist das hier ein Einzelstück?«, fragte Sascha mit Blick auf die Skulptur.

»Ja, ist die nicht der Wahnsinn? Ich bin mir sicher, ich kann dir ein ähnliches Stück von dem Künstler beschaffen, wenn du magst«, versicherte ihm Tom. Sascha hatte wirklich Ahnung von Kunst, wie Tom beeindruckt feststellte, und allmählich spürte er, wie seine Befangenheit sich immer mehr in Luft auflöste. Auf dem Heimweg hatte er sich noch den Kopf darüber zerbrochen, ob es richtig war, Sascha spontan nach Hause einzuladen. Das war ansonsten wirklich nicht seine Art, sondern eher Colins Metier. Tom schüttelte den Gedanken schnell ab. Was für ein Unsinn, sich mit seinem Bruder zu vergleichen. Der würde sich mit seinen Besuchern nie über Kunst unterhalten, sondern sie direkt ins Bett zerren. Nein, so wie es gerade lief, hatte alles schon seine Richtigkeit.

»Magst du etwas trinken?«, schlug Tom vor und öffnete den Kühlschrank.

»Was kannst du mir denn anbieten?«, wollte Sascha wissen und äugte über Toms Schulter hinweg in den Kühlschrank. Sachte berührten sich dabei ihre Arme, und Tom merkte, wie er eine Gänsehaut bekam.

Sascha deutete auf eine Flasche Sekt. »Was dagegen, wenn wir die hier köpfen?«

»Überhaupt nicht«, schmunzelte Tom, »ich habe schließlich Geburtstag!«

»Nicht mehr«, zwinkerte Sascha. »Der ist schon seit circa sechs Stunden vorbei. Aber keine Sorge, ich sag’s niemandem.«

Tom schenkte ihnen zwei Gläser ein, als sein Handy plötzlich piepte. Eine Nachricht von Colin: Bin im TRX. Komm doch auch!

Tom überlegte kurz: Sollte er? Er könnte Sascha ja mitnehmen. Aber dann schob er den Gedanken wieder fort. Er hatte zwar keine Ahnung, wo oder wie die Nacht mit Sascha enden würde, aber er wollte es herausfinden.

Sorry, hab andere Pläne, tippte er als Antwort und stellte das Handy auf lautlos.

»Auf dich!« Sascha erhob das Glas und lächelte. Tom stieß mit ihm an und verlor sich für einen Moment in Saschas Augen. Sie nahmen einen Schluck Sekt, ohne die Blicke voneinander zu lösen. Toms Herz klopfte wie wild in seiner Brust. Da war er: der typische Moment der Stille, in dem alles möglich war. Man musste sich nur entscheiden und den ersten Schritt wagen.

Tom stellte sein Glas ab und verhakte zwei Finger in der Knopfreihe von Saschas Hemd. »Schön, dass du noch mitgekommen bist.«

Vorsichtig zog er ihn näher zu sich heran. Sascha nahm die Aufforderung an, und die beiden versanken ohne nachzudenken in einem Kuss. Saschas Lippen fühlten sich vom Sekt noch etwas kühl an. Aber sie waren weich und geschmeidig. Tom öffnete vorsichtig seinen Mund und tastete sich mit der Zungenspitze nach vorn. Auch Sascha teilte seine Lippen. Sanft ließen sie ihre Zungen umeinander kreisen. Immer begieriger pressten sie dabei ihre Arme um ihre Körper. Dann bewegte Sascha seine Hüften in einem ruhigen Takt, und Tom passte sich dem Rhythmus an. Und mit wiegenden Schritten bewegten sie sich in Richtung Schlafzimmer.

Kapitel 3

Colin hatte keine Ahnung, wie spät es inzwischen war. Womöglich war es draußen schon hell. Es war ihm auch völlig egal, denn in den dunklen Gewölben des TRX unter der Aachener Straße spielten Uhrzeiten keine Rolle. Man war losgelöst vom Rest der Welt und ihrem regelmäßigen Rhythmus. Das Einzige, was hier den Takt angab, war der wuchtige Beat aus den mannshohen Lautsprechern. Die bunten Strahlen der Lichtanlage schossen im selben Takt wie die Musik, sodass grelle Blitze die schweißbenetzten Körper beleuchteten. Eng war es hier unten. Und heiß. Muskeln rieben an Muskeln. Und die Luft war mit Dampf gesättigt wie in einem tropischen Regenwald. Mit jedem Atemzug strömte Colin das Aroma purer Männlichkeit in die Nase und heizte seine Lust weiter auf. Ein glatzköpfiger Typ, dessen definierte Brust von einer gestutzten Behaarung bedeckt wurde, lehnte an der linken Box. Ein groß gewachsener Südländer mit dichtem schwarzem Haar schob ihm gerade seine Zunge in den Rachen und quetschte währenddessen seinen Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen. Der Glatzköpfige bäumte sich lustvoll auf und krallte seine Finger in den prallen Hintern des Südländers. Colin hatte den Kleineren schon einmal in der Sauna abgecheckt und erinnerte sich, dass er ein großes Gerät vorzuweisen hatte.

»Willste was?«, schrie ihm ein junger Kerl mit Crew-Cut plötzlich durch den Lärm ins Ohr und grinste ihn dann verstrahlt an. In der Hand hielt er einen kleinen Plastikbeutel mit feinen Kristallen, die verlockend im Lichterregen glitzerten. Meth. Die Modedroge, die Menschen zu echten Zombies mutieren ließ. Viele Jungs hier brachten sich mit diesem Stoff auf Touren. Colin liebte Partys und er liebte auch Sex. Aber von Drogen ließ er die Finger. Genau wie von gehärteten Fetten und zuckrigen Limonaden.

»Ne, lass mal stecken«, wies er den Dealer ab, der schulterzuckend weiterzog und sein nächstes Verkaufsgespräch begann. Das schien erfolgreicher zu verlaufen, denn ein Tütchen und ein Bündel Geldscheine wechselten die Besitzer.

Colin schloss für einen Moment die Augen. Müdigkeit senkte sich wie eine schwere Decke auf ihn herab. Das hat man davon, wenn man keine Drogen nimmt, dachte er sich und blickte nun doch auf sein Smartphone. Es war bereits sieben Uhr morgens. Erschrocken realisierte Colin, dass er in weniger als sechs Stunden in Richtung L.A. abheben würde. Zwölf Stunden an Bord und kaum einen Moment, um das Schlafdefizit mit einem Power-Nap auszugleichen. Außerdem hatte er Tom versprochen, gemeinsam die Spuren der Party in Elas Kabuff zu beseitigen. Er sah ernüchtert ein, dass er die Clubnacht wohl ohne eine scharfe Nummer zuende gehen lassen musste, wenn er wenigstens noch zwei oder drei Stunden Schlaf bekommen wollte. Immerhin hatte er heute ja schon mit Adrian seinen Spaß gehabt. Colin äugte ein letztes Mal zu der Glatze und dem Südländer herüber, die sich prächtig amüsierten, dann wandte er sich in Richtung Ausgang.

»Willst Du schon gehen?«

Jemand hatte sich ihm in den Weg gestellt. Da es nahezu komplett finster um ihn herum war, konnte Colin nur die Silhouette erkennen. Und die sah vielversprechend aus. Breite Schultern ragten über einem V-förmig definierten Oberkörper auf. Schamlos streckte Colin die Hand aus und presste sie dem Unbekannten in den Schritt. Der harte Schwanz unter dem strammen Jeans-Stoff fühlte sich bekannt an, und auch der Geruch, den der Kerl verströmte, kitzelte Erinnerungen an einige aufregende Stunden wach.

»Eric?«

»Danke für die nette Begrüßung«, lächelte sein Gegenüber. Im selben Moment wurde sein Gesicht von einem Lichtstrahl erhellt, der durch den Raum sauste. Colin hatte sich nicht geirrt. Es war Eric. Und der grinste ihn begehrlich an. »Wolltest du wirklich schon gehen, oder kann ich dich irgendwie überzeugen zu bleiben?«

Eric hatte tausend Argumente, die Colin am Gehen hindern würden. Er war der Prototyp eines Mannes, von dem die halbe schwule Bevölkerung nachts träumte und am nächsten Tag mit einer Morgenlatte aufwachte. Eric hatte ein attraktives Gesicht, das von seinen kurzen braunen Haaren eingefasst wurde. Von den Schultern bis zu den Waden war sein Körper bepackt mit gestählten Muskeln, die alle von einer festen und nur leicht behaarten Haut bedeckt wurden. Aber sein schlagkräftigstes Argument hielt Colin gerade in der Hand. »Da musst du schon etwas sehr Überzeugendes anbieten, damit ich bleibe!«, forderte er selbstbewusst und schloss seine Hand fester um Erics bestes Stück.

Wortlos packte Eric Colins Kopf mit seinen kräftigen Händen, presste ihm seine vollen Lippen auf den Mund und drang mit seiner Zunge forsch in Colins Mund ein.

Eric packte Colin am Hosenbund und riss seinen Unterleib an sich heran, sodass sich ihre Schwänze durch den Stoff trafen. Dann ließ er sein Becken kreisen, zog seinen Kopf zurück, und für einige Augenblicke strich sein heißer Atem über Colins Gesicht. »War das überzeugend genug?«, fragte er schließlich.

»Oh ja«, keuchte Colin und drängte Eric zum Durchgang in den Darkroom. Heute war schließlich sein Geburtstag und Eric war das Geschenk, das er sich selbst machte …

Kapitel 4

Ein Lufthauch strich über Toms Wange. Zart und warm. Sein Körper, der sich kurz zuvor noch in einem Schwebezustand irgendwo zwischen Schlaf und Wachsein befunden hatte, materialisierte sich allmählich unter der Bettdecke. Woher kommt dieser Luftzug, fragte er sich, während sein Hirn ein Areal nach dem anderen hochfuhr. Tom beschloss, noch ein Ründchen weiterzuschlafen und wollte sich gerade zur Seite drehen. Doch da lag etwas im Weg. Oder besser gesagt: jemand. Irritiert schlug Tom die Augen auf und schaute geradewegs in ein friedlich schlafendes Gesicht mit leicht abstehenden Ohren. Der dazugehörige Typ atmete ruhig im Schlaf. Das war der Lufthauch, der Tom aus seinen Träumen geholt hatte. Eine Lawine an Erinnerungen fegte die letzten Bollwerke seiner Verschlafenheit weg. Das Kölsch auf der Party, die Fritten am Rhein, der Sekt bei ihm zu Hause … Tom schloss die Augen und ließ die Nacht in Gedanken erneut ablaufen. Er hatte Sascha sanft in sein Schlafzimmer manövriert, während sie sich unablässig geküsst hatten. Etwas ungelenk waren sie dann aufs Bett gefallen und hatten sich darüber kaputtgelacht, erinnerte sich Tom schmunzelnd. Doch irgendwann hatte ihm Sascha das T-Shirt über den Kopf gezogen und ihn zärtlich am Hals entlang bis zu seinen Brustwarzen geküsst. Tom hatte ihm das Hemd aufgeknöpft und sanft seinen trainierten Oberkörper gestreichelt. Eng umschlungen waren sie dann aufs Kissen gesunken und hatten sich pausenlos weitergeküsst. Schließlich hatten sie sich gegenseitig mit sanften Handgriffen zum Höhepunkt gebracht. »Blümchensex«, würde Colin verächtlich dazu sagen. Aber es war trotzdem sehr intensiv und romantisch gewesen. Auch wenn sie nur ein paar Stunden geschlafen hatten, fühlte Tom sich jetzt frisch und erholt. Behutsam zog er Sascha in seine Arme und schmiegte seine Wange an Saschas. Seine Bartstoppeln kratzten sanft auf Toms Haut. Er genoss die Nähe und die Wärme, die von Saschas Körper ausging. Sogar sein Atem glich sich allmählich Saschas an.

Von draußen drang Sonnenlicht herein und tauchte das Zimmer in ein kräftiges Orange. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Vielleicht könnte er mit Sascha noch etwas frühstücken gehen, ehe er mit Colin die Kneipe seiner Mutter aufräumen musste. Oder er könnte sich am Abend mit Sascha auf ein Glas Wein treffen. Dann könnte er ihm auch ein paar Vorschläge bezüglich seiner Wohnungseinrichtung machen.

Saschas Brustkorb hob sich, als er einen tiefen Atemzug nahm. Träge rollte er daraufhin aus Toms Armen auf seinen Rücken. Tom schaute ihm lächelnd dabei zu, wie er sich reckte und streckte. Im Moment des Aufwachens unterschied einen Erwachsenen nur wenig von einem Baby. Sascha blinzelte ins grelle Tageslicht. Anscheinend musste er auch erst mal seine Erinnerungen sortieren, bis ihm klar wurde, wie er mit diesem Kerl in diesem Bett gelandet war.

»Guten Morgen«, grüßte ihn Tom fröhlich.

»Morgen«, gab Sascha nuschelnd zurück und lächelte nur lahm. Sascha brauchte wohl noch etwas Anschubhilfe, um wieder in die Gänge zu kommen.

»Soll ich dir einen Kaffee machen?«, fragte Tom.

Doch Sascha drehte sich weg und schwang schwerfällig die Beine aus dem Bett. »Nee, lass mal.«

Ohne Tom eines Blickes zu würdigen, stand er auf und zog sich wortlos seine Hose und sein Hemd an. Tom begriff nicht, was auf einmal mit ihm los war. Wo war der Sascha von letzter Nacht geblieben?

»Du kannst echt noch zum Frühstück bleiben!«

»Ich muss los in die Agentur«, blockte Sascha ab. »Habe später noch einen Termin.«

»Und wie wäre es mit heute Abend? Wir könnten uns auf ein Glas Wein treffen«, schlug Tom vor. »Ich wollte dir doch auch ein paar Vorschläge für deine Wohnung …«

Saschas Blick wehte wie ein Eissturm durch den Raum. Tom wusste augenblicklich, dass er sich keine weitere Mühe geben musste. Sascha atmete tief durch und nahm einen sachlichen Ton an, mit dem er vermutlich auch die Rahmenbedingungen eines neuen Werbeauftrags aushandelte: »Hör mal zu. Du bist echt ein netter Kerl, und die Nacht mit dir war auch sehr schön. Aber es war eben nur für eine Nacht.«

Sascha balancierte auf einem Bein und zwängte einen Fuß nach dem anderen in seine modischen Sneaker. Mit ruckartigen Bewegungen zog er die Schnürsenkel straff. In Tom stürzte die Fröhlichkeit ein wie eine Sandburg, die von einer gischtenden Welle umspült wurde. »Ist schon okay«, log er heiser.

Sascha zog die Mundwinkel auseinander, was wohl wie ein aufmunterndes Lächeln anmuten sollte, aber Tom sah darin eher eine abschätzige Grimasse.

»Tschüss!« Steif klappte Sascha den Unterarm nach oben. Damit wollte er wohl zum Abschied winken. Aber er sah dabei eher aus wie ein Verkehrspolizist, der einen heranrasenden Autofahrer stoppen wollte. Dann öffnete er die Schlafzimmertür und huschte hinaus. Ein kühler Windstoß fegte durch das Zimmer. Wenige Momente später hörte Tom die Wohnungstür ins Schloss fallen. Stille kehrte ein. Erdrückende Stille. Fassungslos starrte er auf die Tür, die durch den Luftzug in ihren Angeln pendelte.

***

Daggi musste mindestens eine Packung Eier zum Frühstück verdrückt haben. Sie wuchtete den massigen Verstärker auf das Rollbrett, als wäre er eine Kiste federleichter Daunen. Der Abend war scheinbar spurlos an ihr vorübergegangen und ihre Energie unerschöpflich. Colin und Tom hatten Ela versprochen, das Schlachtfeld im Kabuff nach der Party aufzuräumen. Ihre Mutter hatte den ganzen Tag geackert und sollte sich ein wenig von dem ganzen Stress erholen. Das fiel ihr allerdings sehr schwer. Sie hatte mittags bei Tom geklingelt und besorgt gefragt, ob sie wirklich nicht mit anpacken sollte. Der hatte sie daraufhin nur einsilbig abgewimmelt. Er war wegen Saschas unverfrorener Abfuhr noch derart geladen, dass er sich schwer zurückhalten musste, seine Mutter nicht wütend anzupflaumen.

Außerdem hatte Colin ja versprochen zu kommen. Bisher fehlte er allerdings, und Tom vermutete auch, warum. Irgendwann hatte ihn sein Bruder über den restlichen Verlauf der Nacht – besser gesagt, des Morgens informiert: Habe Eric wiedergetroffen. Der Typ ist einfach der Hammer … Kann was später werden nachher.

»Soweit ich es beurteilen kann, bist du ja hübsch anzusehen«, bellte ihn Daggi gerade an. »Mir wäre es trotzdem lieber, du würdest mit anpacken, statt dekorativ in der Gegend rumzustehen.«

»Klar, sorry …« Tom riss sich von seinen Gedanken los und begann eilig eines der Kabel aufzuwickeln. Daggi schaute ihn prüfend an.

»Alles okay mit dir? Du wirkst, als seist du etwas neben der Kappe.«

»War eine lange Nacht«, erwiderte Tom kurz angebunden. »Ich bin todmüde. Das ist alles.«

»Ich kann ja etwas Schwung in die Hütte hier bringen, dann kommst du wieder auf Touren«, schlug Daggi vor und startete die Playlist mit den größten Hits von Cher auf ihrem Smartphone.

»No matter how hard I try …«, schmetterte Daggi los und schaukelte dabei kraftvoll mit den Hüften hin und her, während sie einen der Lautsprecher abmontierte.

Cher und Daggi. Das war eine der außergewöhnlichsten Liebesbeziehungen, die Tom jemals kennengelernt hatte. Cher war zweifelsohne eine der Göttinnen auf jeder Schwulenparty, wenngleich Lady Gaga fleißig an ihrem Thron sägte. Lesben und Cher – das war eine gewagte Mischung wie Vanille-Eis an Jägerschnitzel. Aber Daggi vergötterte die exotische Sängerin mit der rauchigen Stimme und kannte all ihre Songs auswendig. Das hatte sie mit Tom gemeinsam. Jedoch vermied er es, im Gegensatz zu Daggi, andere mit diesem Wissen zu beglücken, und sang eben nicht lauthals drauflos, sobald auch nur aus weiter Ferne ein Cher-Hit zu vernehmen war. Zu allem Übel störte Daggi sich nicht weiter daran, dass sie die Noten genauso wenig traf wie ein Schwuler den Basketballkorb.

»No I don’t need you anymore …”, Daggi kam nun richtig in Fahrt und stampfte bei jedem anymore mit dem Fuß auf, sodass die Gläser im Regal vibrierten. Dabei zog sie die Augenbrauen so finster zusammen, als wollte sie einem unsichtbaren Gegenüber gleich an die Gurgel springen.

Bei so viel gefühltem Vanille-Eis an Jägerschnitzel wurde es Tom noch flauer im Magen. Ob es am Alkohol lag oder an der Wut auf Sascha, die da oberhalb seines Bauchnabels rumorte, konnte Tom nicht sagen. Wahrscheinlich war es beides, und in der Kombination fühlte er sich noch elendiger.

»Jetzt kommt der schönste Song!«, freute sich Daggi und stellte ihr Telefon auf volle Lautstärke.

Love hurts … quäkte es larmoyant aus dem winzigen Lautsprecher. Ja, hörte Tom sein Herz ächzen, Liebe tut manchmal weh. Zumindest wenn man auf so einen Arsch wie Sascha hereinfiel. Er war es eigentlich nicht wert, dass Tom noch eine weitere Kalorie in seinem Hirn dazu verbrannte, um an Sascha zu denken. Wie konnte der Typ sich so was überhaupt rausnehmen? Erst freundlich ranwanzen und nach erfolgreicher Triebabfuhr einfach kaltschnäuzig die Biege machen! Das kannte Tom normalerweise nur aus den genervten Berichten seiner Freunde, die sich auf Dudz ein Date klargemacht hatten und im Nachhinein noch nicht einmal den Namen des Menschen erfuhren, mit dem sie Körperflüssigkeiten ausgetauscht hatten.

»Love hurts!«, schmetterte Daggi haarscharf an Chers Tremolo vorbei. Tom hatte das Gefühl, dass seine Ohren gleich platzen würden.

»Kannst du das mal abstellen?«, raunzte er Daggi an.

Erschrocken fuhr sie herum und würgte den Song ab. »Ich dachte, du magst Cher?!«

 »Ich mag Cher ja«, erklärte Tom. »Nur gerade jetzt halt nicht …«

»Was ist denn los mit dir?«, fragte Daggi irritiert.

Tom seufzte niedergeschlagen und begann, seinen ganzen Frust vor ihr auszubreiten. Angefangen mit dem Ketchup auf den Pommes, über den rot-blauen Stuhl von Rietveld, den Sekt, die Kuschelei, den Sex und schließlich das dramatische Finale am Morgen.

Daggi hörte sich alles tapfer an und nickte fortwährend, um ihre Anteilnahme kundzutun. Nur als Tom das Thema Sex streifte, zwirbelte sie sich unwohl räuspernd am Ohrläppchen. Aber Toms Leid erweichte selbst Daggis robustes Gemüt, und sie nahm ihn tröstend in den Arm. Dabei schrubbte sie mit einer Hand auf seinem Rücken herum, wobei Tom das Gefühl hatte, sie würde ihm die oberste Hautschicht abschmirgeln. Aber gerade war es ihm wichtiger, von ihr einfach nur in den Arm genommen zu werden, sodass er etwas Hautverlust gerne in Kauf nahm.

»Hey!«, kam es plötzlich vom Eingang herüber. Tom und Daggi drehten sich ruckartig um. Es war Colin, der gerade ziemlich aufgedreht hereinspazierte.

»Na, hast du dich schön mit Eric vergnügt?«, erkundigte Tom sich spitz. Doch Colin war so gut drauf, dass er den vorwurfsvollen Unterton nicht registrierte.

»Es war großartig!«, strahlte er breit grinsend und berichtete übersprudelnd, wie er mit Eric von der Tanzfläche in die Kiste gekommen und die Party zu Hause unvermindert weitergegangen war. Daggi stöhnte leicht auf und legte geräuschvoll einen der Lautsprecherständer zusammen. Das war dann doch zu viel, selbst für ihre sehr robuste Seele. Auch für Tom war das muntere Geplapper von Colin über die wilde Nacht mit Eric wie Essig auf den Kratzspuren, die Saschas Abgang bei ihm hinterlassen hatte. »Weißt du was? Das interessiert hier gerade niemanden! Pack lieber endlich mit an. Du bist schon spät genug«, schnitt er ihm gereizt das Wort ab und deutete auf die Plastikkörbe mit Altglas.

»Sorry, dass ich eine schöne Nacht hatte«, entschuldigte sich Colin irritiert. »Hab ich irgendwas falsch gemacht?«

Tom blitzte ihn wütend an: »Na ja, den Fehler, den du immer machst: Eric! Als wüsstest du nicht, wie der drauf ist. Safe ist für Eric ein Fremdwort. Aber dir geht es ja immer nur um deinen Spaß. Und in der Zeit können wir sehen, wo wir bleiben!«

Colin wusste nicht, warum Toms Zorn ihn wie ein Gewitter aus heiterem Himmel traf. Wie erstarrt stand er da, nur seine Augäpfel drehten sich zu Daggi und blickten sie fragend an.

Daggis sensible Ader beschränkte sich auf ihren Hang zu Cher-Songs, ansonsten war sie eher die Frau fürs Grobe. Das war auch jetzt der Fall.

»Tom hat heute Nacht ’ne Abfuhr kassiert. Deswegen ist er mies drauf.«

»Vielen Dank für die Aufklärung!«, blaffte Tom sie an.

»Also, ich finde sie ganz hilfreich«, gestand Colin und schlug einen sanfteren Ton an. »Immerhin verstehe ich jetzt, wieso du so scheiße drauf bist.

Wer war es denn?«

»Ist doch egal«, brummte Tom und wünschte sich, es wäre wirklich so.

Colin musterte seinen Zwillingsbruder ahnungsvoll. »Ich versuche mal zu eruieren: Du hast letzte Nacht diesen Typen abgeschleppt …«

Tom nickte stumm.

»Und jetzt würdest du ihn gerne wiedersehen?«

Tom nickte erneut. Colin war auf der richtigen Spur. Wie üblich.

»Er dich aber nicht?«

Tom nickte und ließ den Kopf hängen. Colin zog ihn tröstend in seine Arme. »Warum gerate ich immer an die Falschen?«, fragte Tom sich ernüchtert.

Colin schob ihn behutsam von sich weg, legte seine Hände auf Toms Schultern und sah ihm fest in die Augen. »Weil du das Falsche erwartest. Ein One-Night-Stand ist kein Heiratsantrag. Und ein Cockring kein Ehering!«

Daggi knibbelte wieder räuspernd an ihrem Ohrläppchen. Dann beugte sie sich über die Kiste mit den Verbindungskabeln, kramte verlegen darin herum und wünschte sich wahrscheinlich, dass sie sich in Luft auflösen könnte, um sich die Details schwulen Kopulationsverhaltens nicht anhören zu müssen.

Tom hatte es geahnt: Colin versuchte wieder einmal, ihn zu belehren wie ein kleines unerfahrenes Landei, das gerade seine schwule Neigung entdeckt hatte und zum ersten Mal mit großen Augen durch die harsche Wirklichkeit der großstädtischen Schwulenszene tapste. Und natürlich erhob sein zwei Minuten älterer Bruder dabei seine Prinzipien zur allgemein gültigen Richtschnur, die auch für Tom gelten sollte.

»Warum hast du nicht einfach Spaß mit den Jungs, die du dir anlachst, anstatt dich selbst unglücklich zu machen, indem du immer zu viel von ihnen erwartest? Die reale Welt ist eben keine Romantic Comedy, in der sich der One-Night-Stand als Traumprinz entpuppt!«, versuchte Colin ihm in einem besserwisserischen Ton klarzumachen, der Tom verdammt gegen den Strich ging. Ruckartig zog er seine Schultern unter Colins Händen weg und blitzte ihn sauer an. »Was ist die Realität denn sonst? Ein Porno in Dauerschleife wie bei dir? Am besten bare, weil es ohne Gummi noch viel geiler ist?«

Colins Gesichtszüge vereisten. »Du hast doch überhaupt keine Ahnung! Weder von mir noch von meinem Leben!«

Colin schnappte sich den Plastikkorb mit dem Altglas. »Ich bringe das weg! Es soll ja nachher nicht heißen, dein verkommener Bruder hätte dich hängen lassen.«

Die Flaschen schlugen klirrend aneinander, als Colin wutentbrannt nach draußen verschwand.

Fast im gleichen Augenblick tat Tom der Streit leid. Er hatte all seinen Frust an Colin ausgelassen. Natürlich ging es ihn nichts an, was Colin wann, wie oft und vor allem mit wem trieb.

Wie ein leichtes Beben rüttelten Selbstzweifel an Tom. Sein Bruder war schließlich glücklich mit seinem Leben. Hatte Colin vielleicht doch ein kleines bisschen recht?

»Kannste mir mal die Stange halten«, bellte Daggi plötzlich von hinten. Tom zuckte zusammen. In seinem Kopf blitzte kurz die bizarre Vision der Hobby-DJane mit einer riesigen Erektion auf, die er jedoch schnell wieder in die hintersten Winkel seines Hirns verbannte. Verdutzt drehte er sich um. Daggi streckte ihm auffordern einen Lautsprecher-Ständer entgegen. Tom ergriff das Ende und sie klappte die drei Beine des Ständers ein.

»Nach Bruderliebe klang das aber gerade nicht«, konstatierte sie nüchtern und presste unnachgiebig gegen eines der Beine, das sich ihr störrisch widersetzte.

Tom schnaufte nachdenklich und sagte schließlich: »Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich zu idealistisch bin.«

Daggi rupfte ihm den Ständer aus den Händen und stellte ihn zum Rest ihres Equipments. »Lass dich von Colins Gerede nicht irre machen. Männer denken eben nur mit ihrem Schwanz«, war für Daggi klar, »also gar nicht! Wir Frauen haben keine Schwänze, können dafür aber klar denken. Nimm dir ein Beispiel daran!«

»Das Problem ist aber: Ich habe einen Schwanz …«, erinnerte Tom sie. Daggis Blick wanderte kurz zu seinem Schritt und dann wieder hinauf. »Ach ja, stimmt«, kam es trocken von ihr. »Da kann man wohl nichts machen.«

***

»Eric ist eine Sau.«

Manchmal konnte Basti Dinge gut auf den Punkt bringen. Energisch stampfte er dabei einen Pappkarton platt, in dem die lackierten Blumentöpfe aus Frankreich eingetroffen waren. Normalerweise war Basti immer Feuer und Flamme, wenn neue Ware in Toms Laden angeliefert wurde. Dann wuselte er durch den Laden, um auszutesten, wie man sie am besten zur Geltung bringen konnte. Aber wenn die Sprache auf Eric kam, konnte kein noch so edler Blumentopf ihn in eine fröhliche Stimmung versetzen.

»Jeder weiß doch, dass der zwar einen Gummi-Fetisch hat, aber keine Gummis benutzt!«, giftete er.

»Das will Colin aber nicht hören«, seufzte Tom matt und stapelte die Blumentöpfe in eines der Regale. »Ich hoffe nur, dass er auch bei ihm seinen Prinzipien treu bleibt und sich schützt«, fügte er hinzu, als sein Handy auf dem Tresen rappelte. Colin hatte geschrieben.

»Wenn man vom Teufel spricht«, kommentierte Tom und öffnete die Nachricht: Sorry. Wollte keinen Zoff. Vergiss den Typen einfach. Das Leben geht weiter. Lieber Drücker, C.

Das Leben geht weiter. Tom atmete frustriert durch. Auch wenn Colin sich mit Säuen wie Eric abgab, er schien doch der Glücklichere von ihnen beiden zu sein.

Basti streckte seinen Hals, um einen Blick auf Toms Handy zu werfen.

»Ihm tut der Streit leid«, erklärte Tom und schickt Colin eine hastig getippte Antwort: Kein Ding. Wollte dich auch nicht anpampen. Ich war nur schlecht drauf. Sorry und guten Flug. T.

Niedergeschlagen ließ er das Handy zurück in seine Hosentasche gleiten und rangierte mit den Blumentöpfen im Regal herum.

»Henning hat dich gestern ja ziemlich hart rangenommen«, versuchte er, ein anderes Thema anzuschneiden, und lachte bemüht. »Zumindest auf der Tanzfläche.«

 »Das hat mir auch schon gereicht«, ächzte Basti. »Weiter wäre Henning bei mir auch nicht gekommen. Keine Chance …«

Irritiert spürte Tom plötzlich Bastis forschenden Blick auf sich.

»Bei dir und Sascha verlief der Abend wohl etwas anders«, deutete sein Assistent hintersinnig an.

Tom zuckte zusammen. Basti war als wandelndes Klatschblatt der Szene berühmt und gefürchtet. Manchmal erweckte er den Eindruck, er habe mehr Informanten als einst die Stasi und könne Informationsquellen anzapfen, an denen sich selbst die NSA die Zähne ausbiss. Basti erfasste den verblüfften Ausdruck in Toms Gesicht und schob vorauseilend eine wortreiche Erklärung nach: »Ich war heute Morgen mit Boris einen Kaffee trinken. Und der ist doch mit Adrian so.« Basti verschränkte den Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand. Adrian und Boris waren dicke Freunde, das wusste Tom auch.

»Und Boris hat erzählt, dass Adrian erzählt hat, dass Sascha …«

Basti machte eine bedeutungsvolle Pause, so als müsste er eine schreckliche Nachricht überbringen. »Dass Sascha bei dir gepennt hat«, sagte er schließlich mit einem schicksalsschweren Blick.

Tom stöhnte innerlich auf. Die Weitergabe pikanter Details aus seinem Privatleben funktionierte wohl reibungslos. Leugnen war also zwecklos, und Tom nickte niedergeschlagen. »Kaum dass er wach war, ist er auch schon aus der Wohnung geflüchtet.«

»Ach, nimm dir das nicht so zu Herzen«, riet Basti mitfühlend und warf eine Kapsel in die kleine Espresso-Maschine hinter dem Tresen. Mit einem dumpfen Brummen bemühte sich das Gerät tapfer, etwas hervorzupressen, was original italienischem Espresso nahekam. »Sascha wurde erst vor drei Wochen abgeschossen. Von seinem Exfreund. Nach sechs Jahren!«, zählte Basti seine geheimdienstlichen Erkenntnisse auf und malte in der Luft mit dem ausgestreckten Zeigefinger Kreise auf seine Schläfe. »Kein Wunder, dass der gerade etwas am Rad dreht.«

Mit einem Klacken vollendete der emsige Kaffeebereiter sein Werk, und Basti reichte Tom die Tasse mit dem tiefschwarzen Sud. Tom trank einen Schluck. Von dem beißend bitteren Geschmack zog sich seine Zunge zusammen. Ekelhaft, was er seinen Kunden da zumutete. Aber das Gebräu enthielt Koffein. Und Tom brauchte die biochemische Keule, um wieder einigermaßen in Fahrt zu kommen.

»Ach, was soll’s! Sascha war eben nur für eine Nacht«, erklärte Tom und merkte zugleich, wie aufgesetzt sein lockerer Tonfall klang. One-Night-Stands gehörten ebenso wenig zu seinen charakterlichen Eigenschaften wie eine monogame Liebesbeziehung zu Colin. Aber Sascha war einfach ein ärgerlicher Fleck auf der Tischdecke, ein Kratzer auf dem Handy-Display. Tom ärgerte sich, dass er sich darüber ärgerte. »Lassen wir das Thema Sascha einfach sein«, winkte er ab. »Es ist sowieso Zeit für die Mittagspause, und ich will mich entspannen und nicht aufregen.«

Basti nickte einsichtig. »Darf ich dich dann zu einem entspannenden Mittagessen einladen? Bei Celentano?«

Es gab wirklich nur einen einzigen Grund, zu Celentano zu gehen. Und das war nicht die Qualität des Essens. Darüber sah Basti jedoch ausnahmsweise hinweg, denn der Anblick des italienischen Kellners entschädigte für die fade Pizza und die weichgekochten Nudeln.

»Und ich darf stumm dabeisitzen, während du dem Kellner wieder schöne Augen machst?«, ahnte Tom. »Nein danke. Ich habe gerade genug von Gefühlsduselei.«

***

Basti war alleine losgestiefelt und sicher nicht ganz unglücklich darüber, den italienischen Kellner ungestört anflirten zu können. Tom war lieber im Laden zurückgeblieben und hatte für eine Kundin eine Internetbestellung zusammengepackt. Frau Weber war der Liebe wegen von Köln nach Wiesbaden gezogen, aber in Design-Fragen blieb sie Tom weiterhin treu und ließ sich regelmäßig mit neuen exklusiven Artikeln versorgen. Da sich Tom in der Mittagspause sowieso etwas die Beine im Belgischen Viertel vertreten wollte, konnte er dabei die Bestellung gleich zur Post bringen.

Er trat auf die Straße und verschloss die Tür seines Ladens, den Karton hatte er unter den Arm geklemmt. Unwillentlich grübelte er noch immer darüber nach, dass Sascha sich gerade getrennt hatte. War das eine Entschuldigung dafür, ihn so abzuservieren? Nachdenklich lief er los und trat auf die Ehrenstraße, die vor allem zur Mittagszeit von einer Masse an Fußgängern in Beschlag genommen wurde.

»Achtung!«, rief jemand plötzlich von hinten, gleichzeitig schrillte eine Fahrradklingel. Nahezu zeitgleich wurde Tom von etwas gerammt. Die Wucht schleuderte den Karton aus seinem Arm. Er knallte auf den Asphalt und platzte auf, und der komplette Inhalt flog über die Straße. Im selben Moment sah Tom aus dem Augenwinkel einen Mann zu Boden stürzen, zwischen dessen Beinen ein sportliches Trekking-Rad verkeilt war. Pochend flammte in Tom ein dumpfer Schmerz auf, an der Stelle, wo ihn der Radfahrer angefahren hatte.

»Hast du keine Augen im Kopf oder was?«, brüllte Tom den Radfahrer an, der sich am Boden hin und her wand und schließlich leicht benommen zu ihm aufblickte.

»Ich habe noch versucht auszuweichen«, beteuerte er und hielt sich ächzend seine Hand, mit der er sich beim Sturz abgestützt hatte. Sichtlich schmerzgeplagt versuchte er sich aufzusetzen. »Aber du bist ja einfach so ohne zu schauen auf die Straße gelaufen.«

»Man hätte ja auch mal klingeln können!«, fauchte ihn Tom unbeherrscht an.

»Ich habe geklingelt, aber du hast mich nicht wahrgenommen, so gedankenversunken wie du warst.«

Der Radler massierte sein Handgelenk und ließ die Hand im Kreis rotieren. So weit schien nichts gebrochen zu sein. Tom wollte ihn anschnauzen, aber sein Zorn hatte ja eigentlich nichts mit dem Radler zu tun, gestand er sich ein. Am liebsten würde er diesem Sascha lauter Beschimpfungen an den Kopf werfen. Aber der war ja gerade nicht da. Also bekam der arme Radler all seine Wut ab, obwohl er weitaus mehr in Mitleidenschaft gezogen war als Tom.

Vorsichtig zog der Radfahrer gerade seine schlanken Beine unter dem Fahrrad hervor und versuchte aufzustehen, sank aber mit einem Stöhnen wieder zurück. Tom riss sich zusammen und streckte ihm hilfsbereit seine Hand entgegen: »Tut mir leid. Ich glaube, es war tatsächlich meine Schuld.«

Der Radfahrer ergriff seine Hand, und Tom zog ihn wieder auf die Beine. »Au«, ächzte er erneut und humpelte auf einem Bein.

»Alles ok?«, erkundigte sich Tom besorgt.

»Ja, ist ja noch alles dran«, erklärte der Radfahrer und quälte sich zu einem Lächeln, wobei sich kleine Grübchen auf seinen Wangen bildeten.

»Ich war in Gedanken«, presste Tom entschuldigend hervor.

»Wohl eher in Trance, würde ich meinen«, grinste der andere. »Du hast nicht einmal nach rechts oder links geschaut!«

Tom überspielte seine Trübsal mit einem bedauernden Lächeln. »Ich habe schlecht geschlafen letzte Nacht, sodass ich wohl etwas neben der Spur bin heute.«

»Darf ich ganz ehrlich zu dir sein? So siehst du auch aus!«, lachte der Radler und streckte seine Hand aus. »Ich heiße übrigens Michael.«

»Tom«, stellte er sich vor und schlug ein. Michael musste ein dickes Fell haben. Den Unfall und Toms ruppige Tirade schien er schon vergessen zu haben. »Komm her, ich helfe dir eben, den Kram aufzusammeln«, bot er sich an und wies auf das Chaos auf der Straße.

Ehe Tom etwas dagegen einwenden konnte, hatte Michael schon die Eierbecher aus buntem Plastik im 70er-Jahre-Stil aufgeklaubt und in den Karton zurückgelegt.

Die verstreuten Design-Artikel zogen mittlerweile das Interesse eines wissbegierigen Jack Russel Terriers auf sich, der gerade ein mit neonfarbenen Stickereien verziertes Kissen beschnupperte. Das andere Ende seiner Leine hielt eine ältere Dame in der Hand, deren auslandende Hutkrempe hin und her federte, während sie tadelnd den Kopf schüttelte und die spitze Nase kraus zog.

»Lass das, Hannibal!«, schimpfte sie. »Das ist bah!«

»Das ist überhaupt nicht bah!«, widersprach Michael energisch und riss dem kleinen Vierbeiner das Kissen unter der Nase weg. Doch damit stachelte er dessen Jagdtrieb erst recht an. Der Hund machte einen Satz in die Luft und verbiss sich im Kissen, als wäre es ein flüchtiges Kaninchen, das er ganz allein zur Strecke bringen musste. Gefährlich knurrend rupfte der Vierbeiner an einer Ecke des Kissens und stemmte sich mit seinen vier kurzen Beinchen energisch zurück, während Michael die andere Ecke wacker festhielt. Die Besitzerin der Kampfmaschine zerrte überfordert an der Leine. »Lassen Sie gefälligst meinen Hannibal in Ruhe!«

»Ihr guter Hannibal sollte lieber das Kissen in Ruhe lassen!«, entgegnete Michael und hob den Arm mit dem Kissen in die Luft. Doch der Hund dachte nicht daran, den Kampf um das moderne Design-Objekt aufzugeben. Er ließ das Kissen nicht los, sondern baumelte wie ein nasser Sack am Stoff und strampelte mit den Beinen in der Luft. Dazu knurrte er aus tiefster Kehle, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Bei Tom löste das Spektakel einen Lachanfall aus. Dass die Stickereien auf dem Kissens teure Handarbeit war, juckte ihn gerade überhaupt nicht. Auch nicht, als der Stoff mit einem »Ratsch« vor erbarmungslosen Zugkräften kapitulierte. Daraufhin plumpste Hannibal mit einem bunten Stofffetzen im Maul auf den Boden und blieb verdutzt stehen. Michael stolperte, von der Last befreit, einen Schritt nach hinten und starrte betreten auf das versehrte Kissen in seiner Hand.

»Was fällt Ihnen ein, meinen Hannibal derart zu provozieren?!«, fuhr das Frauchen des verwirrt dreinschauenden Hündchens Michael an. »Ich werde sie anzeigen, wenn mein Hannibal bleibende Schäden davonträgt!«

Aufgewühlt zog sie Hannibal an der Leine zu sich heran und hob ihn behutsam auf, wie ein dem Tod geweihtes Vögelchen. »Lass dich nicht von diesem unmöglichen Mann ärgern«, beschwor sie ihn betulich. Doch Hannibal legte auf die tröstenden Worte keinen Wert und strampelte widerwillig mit den Beinen, sodass seinem Frauchen der ausladende Hut vom Kopf rutschte. Darunter kamen lockige Haare zum Vorschein, denen ein nachlässiger Friseur einen Lila-Ton verpasst haben musste – eine Farbe, in der das A-TOM neuerdings Suppenschüsseln anbot.

»Sie sollten besser ihren Friseur verklagen – wegen farblicher Grausamkeit«, konterte Michael lachend. »Zum Glück muss Hannibal nicht darunter leiden. Hunde sind nämlich farbenblind.«

Während Tom sich schwer zusammenreißen musste, um nicht lauthals loszuprusten, warf die Dame Michael einen tödlichen Blick zu. Dann ließ sie Hannibal wieder zu Boden, hob ihren Hut auf und reckte empört die Nase in die Luft.

Mit einem strengen Ruck an der Leine gab sie Hannibal die Sporen und marschierte voran. Der Vierbeiner trabte ihr unwillig hinterher, behielt aber als Trophäe den bestickten Stofffetzen im Maul.

»Du hast dich wacker geschlagen«, entschied Tom lachend, nachdem die Dame samt Hund entrüstet in der Menge verschwunden war, und klopfte Michael anerkennend auf die Schulter. Die fühlte sich stark und muskulös an.

»Das Kissen habe ich trotzdem nicht retten können.« Schief lächelnd ließ Michael die Reste des Kissens in die Kiste fallen, Tom sammelte noch die zusammengerollten Tischsets aus Latex auf, die in den Rinnstein gekullert waren, und packte sie ebenfalls zurück in den lädierten Karton.

»Hast du öfter mit wilden Bestien zu tun?«

»Na ja, wie man es nimmt«, antwortete Michael. »Ich bin Arzt an der Uni-Klinik.«

»Ah, ich verstehe. Wer sind dort die Bestien? Die Patienten oder die Kollegen?«, frotzelte Tom.

Michael grinste schelmisch. »Die Patienten kann ich zur Not ruhigstellen. Die Kollegen dagegen nicht. Zumindest nicht auf legalem Weg«.

Tom lachte und hob die Kiste auf. Michaels lockere Art munterte ihn auf. Überhaupt machte Michael einen ziemlich entspannten Eindruck. Wie alt mochte er wohl sein? Tom musterte sein Gesicht und die kleinen Fältchen, die sich von seinen Augenwinkeln in Richtung der Schläfen zogen. Michael mochte sicher an die vier Jahrzehnte auf dem Buckel haben, aber in den Jahren hatte er immerhin viel gelacht. Außerdem wirkte er mit seiner großen Statur und den dichten Haaren sehr vital. Michael hatte seine Blicke verfolgt und schaute ihn jetzt ebenfalls interessiert an. Toms Antennen knisterten. Spätestens jetzt hätte ein Hetero den Blick abgewandt und irgendetwas Belangloses von sich gegeben, um die aufgeladene Situation zu entschärfen. Doch Michael versank in seinem Blick und lächelte auf eine Art, die Tom in seinen Bann zog.

»Danke, dass du mir geholfen hast«, sagte Tom schließlich, »und sorry noch mal für den Unfall.«

»Am meisten hat wohl das Kissen abbekommen«, winkte Michael ab und schaute zum Schild, das über dem Eingang zu Toms Laden angebracht war.

»A-TOM – Design und Accessoires«, las er und grinste. »Wenn ich also das nächste Mal bunte Eierbecher brauche oder wild bestickte Kissen, schaue ich wohl am besten bei dir vorbei?«

Tom machte eine einladende Geste mit seiner Hand. »Gerne auch jetzt, wenn du Zeit hast. Dann spendiere ich dir einen Espresso auf den Schreck – auch wenn der lausig schmeckt, wie ich vorhin feststellen musste.«

Michaels Augenbrauen vollführten einen kleinen Hüpfer. »Besser als der Kaffee im Krankenhaus ist er bestimmt! Ich nehme gerne einen«, freute er sich, stellte sein Fahrrad auf und wollte es gerade an einen Laternenmast ketten, als aus seiner Jacke eine Art Kuckucksuhr ertönte. Michael zog sein Handy heraus und las die eingetroffene Nachricht. Sein eben noch fröhlich strahlendes Gesicht nahm einen ernsten Zug an.

»Ist was passiert?«, fragte Tom besorgt nach.

»Eine Not-OP. Ich muss sofort los!«, erklärte Michael gehetzt. Er bestieg eilig sein Fahrrad und nickte Tom zum Abschied zu. »Das mit dem Espresso holen wir nach!«

Tom wurde von Michaels überstürztem Aufbruch kalt erwischt. Gerade noch hatte er sich darauf gefreut, ihm bei einer Tasse Espresso seinen Laden zu zeigen. Michael hätte bestimmt etwas aus seiner Kollektion gefallen, und er hätte es ihm als Wiedergutmachung für den Unfall schenken können – doch nun sah er Michael eilig in die Pedale treten und davonfahren. Und er hatte nichts von dem sympathischen Fremden, keine Telefonnummer, keinen Facebooknamen. Rein gar nichts.

»Michael!«, hörte er sich selbst rufen. Michael bremste ab und drehte sich zu ihm um. »Ja?«

Doch die Worte klebten an Toms Zunge und wollten einfach nicht hinaus. Wie die Warnung eines unsichtbaren Geistes hörte Tom die Stimme seines Bruders: Du erwartest immer zu viel von den Männern. Damit tust du dir nur selbst weh. Das Leben ist keine Romantic Comedy! Und Saschas Abfuhr hatte wehgetan. Warum also sollte er dieses Risiko wieder eingehen?

»Ähm – fahr vorsichtig!«

Mehr brachte Tom nicht heraus. Michael lächelte ihn mit seinen warmen Augen an und bedankte sich. Mit einem Schwung saß er wieder auf dem Sattel und verschwand Slalom fahrend zwischen den Fußgängern.

Kapitel 5

»All doors in flight and cross check.« Colin konnte seine Anweisungen als Purser wie im Schlaf aufsagen. In der Boeing 747 setzten sich nun alle 16 Flugbegleiter in Bewegung und aktivierten die Notrutschen. Später würden sie auf sein Geheiß hin das Essen servieren, abräumen und zollfreie Ware verkaufen. Alles zum Wohle der 356 Passagiere an Bord.

 Die Maschine rollte gemächlich zur Startbahn, während die Passagiere per Monitor über die Sicherheitsvorkehrungen unterrichtet wurden. Colin blickte durch das kleine runde Fenster der vorderen Tür hinaus auf das Vorfeld des Flughafens. Es regnete leicht und das Grau der sich tief dahinwälzenden Wolken verschwamm mit dem Grau der Asphaltwüste. Colin war froh, dem ungemütlichen Klima, das gerade in Deutschland herrschte, entfliehen zu können. In weniger als zwölf Stunden erwartete ihn nicht nur die kalifornische Sonne, sondern auch ein reichhaltiges Angebot an kalifornischen Kerlen, deren Qualitäten er zu schätzen gelernt hatte. Tom würde ihm wieder unterstellen, es zügellos mit einfach jedem zu treiben, der ihm vor die Linse kam, ohne auch nur ansatzweise an die möglichen Gefahren zu denken. Was für ein Bullshit, dachte Colin und schüttelte den Kopf. Er wusste schließlich genau, wie weit er gehen konnte, ohne sich dem Risiko auszusetzen, irgendetwas Fieses einzufangen. Gummis gehörten eben dazu, wenn es auch ein lästiges Unterfangen war, da beim Überziehen jedes Mal die heiße Atmosphäre abkühlte, wie ein Guss aus Eiswasser nach dem Saunagang. Immerhin hatten Tom und er sich wieder vertragen. Sie hielten die Funkstille beide nie lange aus, wenn es zwischen ihnen mal gekracht hatte. Und eigentlich krachte es immer dann, wenn sie sich umeinander Sorgen machten. Dieser kleine naive Kerl. Wenn Tom nur endlich verstehen würde, was er alles verpasste und mal mit offenen Augen durch seine kleine Disney-Welt laufen würde!, dachte Colin.

Jenny piepte ihn vom Posten im mittleren Teil der Kabine über die Interkom an. Während sie mit einem hocherhobenen Daumen signalisierte, dass sie seine Anweisung befolgt hatte, vermeldete sie über die Sprechverbindung ihre neuesten Erkundungen. »Dunkle Haare, blaue Augen, dicke Oberarme. Ami. Platz 34 C.«

 Colin grinste sie über die Köpfe der Passagiere an und sprach leise in den Hörer: »Hat er denn auch Potenzial?«

 »Er blättert schon die ganze Zeit in einer Sportzeitschrift und gafft die aufgepumpten Jungs an. Wenn du mich fragst, ist das ein verspätetes Geburtstagspräsent für dich«, kam es über das Telefon zurück.

»Danke für den Hinweis, Agent Park. Zurück auf Ihren Posten und halten Sie potenzielle Gefahren vom Zielobjekt fern, bis ich die Mission abschließen konnte«, ordnete Colin gespielt streng an.

»Aye, aye, Sir!«, antwortete Jenny zackig. Sie legte auf und schickte Colin noch ein konspiratives Lächeln über den Gang, ehe sie in der Bordküche verschwand.

Colin stellte an seinem Panel die Beleuchtung in der Kabine optimal ein und sicherte den Vorhang für den Start. Jeder Handgriff erfolgte ganz ohne Nachdenken. Vorbereitung, Start, Flug, Landung – alles hatte er schon tausendfach erlebt. Sobald Jenny aber teil der Crew war, war so ein Flug trotz der Routine ein kleines Highlight. Denn wenn es um das allseits beliebte Thema »Männer« ging, tickten sie beide genau gleich. Genau wie er würde Jenny lieber mit dem Fallschirm mitten über dem Atlantik abspringen, als sich für den Rest ihres Lebens an einen einzigen Mann zu ketten. Damit war sie das krasse Gegenteil von seiner Schwester Lisa.

Männer flogen auf Jenny wie die Insekten auf ein zuckerglasiertes Stück Obstkuchen. Das hatte sie vor allem ihrem Vater zu verdanken. Er vererbte ihr nicht nur den in seiner Heimat Korea typischen Nachnamen Park, sondern auch die sanften asiatischen Gesichtszüge. Ihre mandelförmigen Augen ließen Männerherzen höher schlagen, und Jenny brauchte sich gar nicht anzustrengen, um sich die besten Exemplare dieser Gattung zu angeln. Und genau wie Colin ließ sie sich keine Gelegenheit entgehen. Das war auch notwendig, denn ihr Leben als Flugbegleiterin war viel zu schnelllebig, um darauf zu setzen, über eine wochenlange Balzperiode eine dauerhafte Bindung aufzubauen. Also gab man sich besser mit dem zufrieden, was einem während des Alltags über den Weg lief.

Mit röhrenden Motoren schoss die Boeing 747 in den grauen Himmel über Frankfurt und stieß wenig später durch die Wolkendecke. Goldenes Sonnenlicht durchflutete die Kabine. Was für ein Glücksgefühl. Das war genau der richtige Zeitpunkt, um sich den Passagier auf Platz 34 C genauer anzusehen.

Die Anschnallzeichen wurden ausgeschaltet. Sofort ging es belebter in der Kabine zu. Einige Passagiere eilten zur Toilette, weil sich in den 20 Minuten der Startphase ein starker Harndrang aufgestaut hatte. Andere vertraten sich nur die Füße. Colin schritt leichtfüßig den Gang zur mittleren Bordküche herab, wo Jenny und ihre Kollegin Heike den Wagen mit den Getränken startklar machten.

»Heike, könntest du bitte Frank vorne in der Business helfen?«, bat er sie freundlich. Heike schob eine Weinflasche zwischen die Softdrinks auf dem Cart und schaute ihn verdutzt an.

»Aber ich bin doch mit Jenny …«, wandte sie ein, während Jenny hinter ihrem Rücken schon ahnungsvoll grinste.

»Ich bin mir sicher, mit Frank hast du vorne in der Business genauso viel Spaß«, versicherte ihr Colin und unterstrich seine Bitte, indem er sich den Getränkewagen schnappte und auf den Gang hinausschob. Jenny folgte ihm, während Heike sichtlich irritiert nach vorne stiefelte.

»Die Arme ist ganz durcheinander. Ist das etwa alles Teil deines Schlachtplans?«, fragte Jenny kichernd.

»Ich muss doch mal die Lage checken«, gab Colin kess zurück und wandte sich an den ersten Passagier am Gang. »Darf ich Ihnen ein Getränk anbieten?«

So arbeiteten sie sich Reihe für Reihe an den Platz 34 C heran. Colin konnte über die Köpfe der anderen Passagiere hinweg schon den Insassen ausmachen. Jenny hatte allem Anschein nach nicht zu viel versprochen. Mr. 34 C hatte kurzes, gescheiteltes Haar. Unter den dunklen Augenbrauen glänzten zwei wasserblaue Augen. Noch einen O-Saft und einen Kaffee. Und wieder einen Tomatensaft. »Bitte sehr«, lächelte Colin und wunderte sich trotz seiner zehn Jahre Dienst in der Luft mal wieder, warum an Bord Tomatensäfte reißenden Absatz fanden, während sie in den erdverbundenen Supermarktregalen versauerten.

Reihe 30. Nun konnte Colin auch die Flanke des Zielobjekts ausmachen. Ein muskulöser Oberarm ruhte auf der Armstütze. Oberhalb des Bizeps spannte sich ein sportliches Poloshirt um die braungebrannte Haut.

Reihe 33. Colin reichte einer hübschen Latina am Fenster einen weiteren O-Saft, dann schob er den Wagen eine Reihe weiter. Er war am Ziel. Da saß Mister 34 C und blickte aus seinen wasserblauen Augen zu ihm hinauf. Das Heranpirschen hatte sich gelohnt. Sein Oberkörper war optimal gebaut: breite Schultern, schlanke Taille. Der Typ maß bestimmt einen Meter neunzig, weswegen sich seine Knie in den Vordersitz gruben. Es gab Situationen, da war Colin der limitierte Komfort der Passagiere richtig peinlich. Um den Makel auszugleichen, spendete er dem Herrn ein besonders aufmerksames Lächeln.

»Was darf ich Ihnen offerieren?«, fragte er in flüssigem US-Englisch.

»Diet Coke«, bestellte Mr. 34 C und erwiderte Colins Lächeln. Seine blendend weißen Zähne glänzten im hellen Licht der Kabine und schoben ihn auf Colins persönlicher Attraktivitätsskala noch einige Stufen nach oben. Agent Park observierte die Ereigniskette gespannt. Mit geschmeidigen Bewegungen füllte Colin einen Becher mit Cola und reichte ihn der attraktiven Fracht. Der Typ nahm das Getränk dankend entgegen und senkte den Blick wieder auf seine Zeitschrift. Jennys Mund umspielte ein bedauerndes Lächeln. So leicht ist Mr. 34 C nicht zu beeindrucken, dachte Colin. Aber er gab nicht auf, schließlich hatte das Spiel gerade erst begonnen. »Ich möchte mich im Namen von K-Air noch einmal bei Ihnen entschuldigen, dass sie nicht wie gewünscht den Platz am Notausgang mit mehr Beinfreiheit bekommen haben.«

Jennys Lächeln verschwand, und auch Mr. 34 C schaute irritiert auf. »Wie bitte?«

Colin ging elegant über die Frage hinweg und lächelte dienstbeflissen. »Bei Ihrer stattlichen Größe ist der Sitzabstand wirklich viel zu eng. Ich habe Ihnen einen Platz in der Business Class besorgt. Sobald wir den Service beendet haben, führe ich Sie dorthin.«

Jenny blieb der Mund offen stehen, während der Passagier rechts neben ihr ungeduldig auf seinen Kaffee wartete. Mr. 34 C zog verwundert die Augenbrauen zusammen, bis sich ein wissendes Grinsen auf seine Lippen legte.

»Was für ein Glück!«, gab er erleichtert zurück. »Mir tun die Knie schon weh«

Colin versetzte dem Wagen einen Stoß, um Jenny aus ihrer ungläubigen Starre zu wecken. Kopfschüttelnd wandte sie sich mit dem Kaffee an den wartenden Passagier und setzte sich dann in Bewegung, um auch die restlichen Gäste zu bedienen.

Als sie den Wagen schließlich wieder in der Bordküche verstauten, platzte Jenny heraus: »Du setzt wirklich alle Mittel ein, um Beute zu machen, oder? Ein Upgrade kostet sonst mindestens 1.000 Euro!«

»Für das Wohlergehen unserer Passagiere an Bord tue ich eben alles«, rechtfertigte sich Colin gut gelaunt und reichte Jenny eines der Staufächer aus der oberen Reihe des Wagens.

»Und für dein Wohlergehen wohl auch«. Lachend räumte Jenny die Servietten in das Fach und schob es zurück. Jenny kannte ihn einfach zu gut, gestand sich Colin vorfreudig ein, während er den echten Namen von Mr. 34 C aus der Passagierliste heraussuchte.

»Dann werde ich mich mal dem Wohlergehen von Jake Bleston annehmen«, kündigte er an und schlüpfte durch den Vorhang.

***

Jake Bleston war ein guter Schauspieler. Man kaufte ihm die Rolle des schmerzerfüllten Passagiers ohne Zweifel ab, während Colin ihn in die Business Class geleitete und ihm einen der freien Liegesessel am Fenster anbot. »Ich bin mir sicher, hier finden Sie alle Annehmlichkeiten, die Sie wünschen, Mister Bleston.«

Zuvorkommend nahm er ihm die Sporttasche ab und packte sie in das darüberliegende Gepäckfach. Jake Bleston ließ seinen athletischen Körper in den weichen Sitz gleiten und rekelte sich genüsslich. Colin beobachtete ihn fasziniert. Blestons markantes Sixpack zeichnete sich unter dem Shirt ab wie die Zierleisten eines schnittigen Sportwagens.

»Das nenne ich herausragenden Service«, seufzte er wohlig, »aber jetzt mal im Ernst: Womit habe ich das verdient?«

Erwartungsvoll schaute er Colin an.

»Manche Gäste bedürfen eben einer Vorzugsbehandlung, vor allem, wenn sie groß gewachsen und sportlich gebaut sind«, entgegnete Colin und wippte vielsagend mit den Augenbrauen. Bleston reagierte mit einem aufgeschlossenen Lachen. Colins Flirtversuch schien bei ihm zu landen. Wieder mal den richtigen Riecher gehabt, freute er sich heimlich.

»Wenn ich schon eine Vorzugsbehandlung genieße, dann bringen Sie mir doch zur Einstimmung bitte einen Gin Tonic«, wünschte sich Bleston.

»Kommt sofort«, antwortete Colin und lief wieder zurück in die Bordküche, wo Jenny schon neugierig auf ihn wartete. »Und?«

»Volltreffer!«, strahlte Colin und öffnete zischend eine Dose Tonic Water.

»Schade eigentlich«, gab Jenny zurück. »Der hätte mir auch gefallen.«

Jake Bleston legte Wert auf gesundes Essen. Er hatte sich das Gericht mit Hühnchen bestellt und das Weißmehlbrötchen abgelehnt. Eine kleine Ausnahme erlaubte er sich aber dennoch: Gut gelaunt schenkte ihm Colin vom australischen Chardonnay nach. »Exzellent« fand Jake den Wein, und Colin lief mit der Flasche in der Hand Patrouille, um möglichst oft eine Gelegenheit zu bekommen, mit Bleston ein wenig Small Talk zu führen.

»Er lebt in Irvine und arbeitet für einen Software-Hersteller im Silicon Valley, der ein Office in Deutschland betreibt«, unterrichtete er Jenny in der Bordküche über seine neuesten Erkenntnisse.

»Noble Wohngegend«, konstatierte Jenny beeindruckt. »Lebt er da mit Frau und zwei Kindern oder ist er solo und für dich zu haben?«

»Wenn mich meine Antennen nicht täuschen, dann bin ich im Landeanflug. Und meine Antennen haben mich noch nie getäuscht.«

Colin durchsuchte die Kühlfächer. »Haben wir irgendwo noch eine Flasche vom australischen Chardonnay?«

»Ist denn keiner mehr da?«, wunderte sich Jenny.

»Anscheinend habe ich alle vorrätigen Flaschen strategisch einsetzen müssen.«

»Du hast ihm den kompletten Vorrat eingeflößt?« Jenny schüttelte tadelnd den Kopf. »Wenn das mal nicht zu viel des Guten war.«

»Keine Sorge, ich setze auf erprobte Methoden«, konterte Colin.

»Ah, hier ist ja noch eine!« Zufrieden zog Colin eine neue Flasche Chardonnay aus dem Kühl-Compartment. »Und jetzt beginnt die Anbahnung eines Dates.«

»Eine Verabredung für später, wenn wir gelandet sind, oder etwa ein Stelldichein hier an Bord?«, bohrte Jenny neugierig nach und fuhr sich lasziv mit der Zungenspitze über ihre Lippen. »Die Räumlichkeiten der Toilette in der ersten Klasse bieten ja viel Freiraum.«

»Du kannst ja Gedanken lesen«, lachte Colin schelmisch. »Aber wieso eigentlich oder

Colin war scharf darauf, herauszufinden, wie weit Jake Bleston gehen würden. Er hatte den Quickie auf der Bordtoilette selbst getestet und wusste, wie man sich auf den zwei Quadratmetern so lautlos vergnügen konnte, dass es das Gemüt der Passagiere nicht unnötig erregte.

 »Na dann: viel Glück!«, schickte ihm Jenny noch flüsternd hinterher. Colin ging den Gang zwischen den Sitzreihen entlang und pries den Wein an. Ein aufgedunsener Glatzkopf, dem seine Krawatte den dicken Hals abzuschnüren schien, streckte ihm fordernd sein Glas entgegen. Ansonsten waren die Passagiere in Geschäftsunterlagen vertieft, arbeiteten konzentriert an ihren Laptops oder schauten gelangweilt Filme aus dem Bordprogramm. Die meisten Gäste in der Business Class verströmten eine graue Tristesse, stöhnte Colin innerlich. Umso mehr freute er sich, Jake Bleston geködert zu haben, und beugte sich zu seinem Platz herab. »Darf ich Ihnen noch etwas Chardonnay –«

Colin verstummte entgeistert. Bleston war tief und fest eingeschlafen. Seinen Kopf hatte er auf dem angewinkelten Arm abgestützt, was seinen Bizeps prall hervortreten ließ. Auf dem Bildschirm des Unterhaltungssystems schlugen gerade zwei muskulöse Typen aufeinander ein. Aber selbst das schien ihn nicht mehr wachgehalten zu haben. Frustriert blickte Colin auf die Flasche Wein in seiner Hand. »Zu viel des Guten«, murmelte er zu sich. Jenny hatte es geahnt. Verdammt. Kein Anbahnung eines Dates und schon gar kein Sex auf der Toilette. Die verbleibenden sieben Stunden des Fluges würden verdammt öde werden.

Kapitel 6

Tom kam in seinen Laden zurück. Er hatte die Bestellung für Frau Weber sorgfältig vom Straßenstaub gereinigt, in eine neue Kiste gepackt und zur Post gebracht. Seine Gedanken kreisten nun fortwährend um Michael wie eine Raumsonde um einen unbekannten Planeten. Und Michaels Lächeln war die Anziehungskraft, die ihn im Orbit hielt.

Seufzend warf Tom die Tür ins Schloss. Erst schleppte er diesen Sascha ab, der ihn danach fallen ließ wie eine leere Frittenschale. Als wäre das nicht schon Grund genug, den Umgang mit anderen Männern in den Ruhemodus zu schalten, hatte sein instinktgetriebenes Stammhirn anscheinend andere Pläne. Es suchte wohl einen Ersatz für Sascha und hatte dafür Michael auserkoren. Natürlich, Michael war bestimmt ein wirklich cooler Typ. Aber mehr auch nicht, versuchte Tom sich einzubläuen. Er kannte diesen Typen doch gar nicht. Und nur weil er todesmutig gegen eine urbane Bestie gekämpft hatte, hieß es noch lange nicht, dass Michael nun die Heldenfigur war, die Tom aus seinem Frust würde retten können. Es war trotzdem sehr lustig gewesen, wie Michael den Köter an dem Kissen in die Luft gezogen hatte. Tom erwischte sich dabei, wie er verträumt schmunzelte, und versuchte daraufhin, den Gedanken schnell wieder zu verdrängen. Mit ruckartigen Bewegungen schob er auf einer Anrichte ein paar Zuckerdosen in Reih und Glied, die mit einem dümmlichen Sinnspruch versehen waren: Das Leben ist so süß, wie du es dir machst. Tom schnaubte. Das Leben konnte auch ziemlich bitter schmecken, wenn man sich dumm anstellte.

Hinter ihm öffnete sich die Ladentür. Tom wollte sich gerade mit einem freundlichen »Guten Tag« der Kundschaft zuwenden, als er Lisas leise Stimme vernahm: »Hallo.«

Seine Schwester hatte sich nur einen Schritt in seinen Laden vorgewagt. In einem für den anbrechenden Frühling viel zu warmen Mantel stand sie da, die Beine steif nebeneinander wie eine ungelenke Porzellanpuppe. Lisa fror ständig, weshalb sie sich auch bei angenehmen Temperaturen in dicke Pullover und Jacken hüllte. Auch das war früher ganz anders gewesen, erinnerte sich Tom. Lisa hatte sich bei 15 Grad Außentemperatur in die Ostsee gestürzt, als sie mit Ela und Bob einmal in den Urlaub gefahren waren. Während Colin und Tom damals schon etwas zarter besaitet waren und höchstens kreischend die Zehen ins Wasser gehalten hatten. Horst schien sämtliche Energie aus Lisa zu ziehen.

Tom grüßte sie leicht verwundert. Nach ihrem erzwungenen Abgang während der Party hatte er erfahrungsgemäß darauf gesetzt, dass Lisa eine Weile Funkstille halten würde, um Horst wieder milde zu stimmen. Sie schien seinen fragenden Blick zu spüren.

»Es tut mir leid«, fing sie kleinlaut an, »dass wir gestern so früh gehen mussten. Aber ich hatte Vivienne und Leonel versprochen, dass wir ihnen noch gute Nacht sagen.«

»Ist schon in Ordnung.« Tom lächelte milde. Doch Lisa ahnte, dass es das nicht war.

»Ich weiß, ihr glaubt immer, Horst würde mich bevormunden. Aber das stimmt nicht!«, beteuerte sie eindringlich.

Was folgte war eine Leier abgedroschener Vorwände, weswegen Lisa es angeblich nicht gelang, ihren Brüdern mehr zu Zeit zu widmen als nur pflichtschuldige Kurzbesuche. Lisa geriet darüber so in Fahrt, dass sie ihren dicken Mantel aufknöpften musste. Aber die Sätze klangen für Tom wie vorher zurechtgelegt und auswendig aufgesagt. Er wusste genau, dass Lisa sorgfältig genau die Momente abpasste, in der sie unter Horsts Radar hindurchschlüpfen konnte, weil der zum Beispiel auf der Arbeit war. Wie oft hatte Tom schon versucht, Lisa die Augen zu öffnen. Doch es war hoffnungslos. Normalerweise hätte er in einem dieser Momente wie jetzt die Ohren auf Durchzug geschaltet, sich im Stillen eingehämmert, dass nicht Lisa vor ihm stand, sondern eine Vorzimmerdame ihres Gatten Horst, die dessen Verachtung für schwule Männer mit zuckerglasierten Ausreden überspielen musste. Normalerweise.

Aber heute war nicht einer dieser normalen Tage. Tom war viel zu geladen. Heute würde er nicht seine Klappe halten.

»Red doch keinen Müll«, fauchte Tom seine Schwester an, als sie die tückenreiche Terminplanung ihres Lebens als Hausfrau und Mutter beklagte und es angeblich deshalb nicht schaffte, ihre Brüder öfter zu sehen. Lisa machte ein Gesicht, als hätte er sie geohrfeigt. Eigentlich wurde Tom nie laut. Aber gerade war es ihm gleichgültig, ob er seine Schwester verletzte. Manche Dinge lernt man eben nur, wenn sie wehtaten. Und jetzt bot sich ihm die Möglichkeit, ihr endlich mal die Meinung zu sagen – er war gerade in der richtigen Stimmung dafür.

»Horst diktiert dir einfach jeden Schritt, jeden Handgriff, jedes Wort!«, polterte Tom los. »Du sollst so funktionieren, wie er es gerne hätte. Wie eine Statistin in seinem Heimat-Romantik-Film. Häuschen im Bergischen. Kühe drumherum, auf keinen Fall irgendwelche Schwule oder Andersdenkende.«

Lisa war für einen Moment sprachlos. Dann knallte sie energisch mit der Hand auf den Tresen und reckte kämpferisch das Kinn hoch: »Horst ist ein lieber und fürsorglicher Ehemann. Er tut alles für mich und unsere Kinder. Was ist dein Problem?«

Stellte sich Lisa nur so blöd, oder war sie es mittlerweile wirklich? Tom verlor die Beherrschung. »Horst ist ein homophobes Arschloch! DAS ist das Problem!«

Lisas Augen verengten sich. »Bitte? Horst ist ein Arschloch? Immerhin führen wir eine intakte Beziehung, während ihr euch jedes Wochenende durch irgendwelche Darkrooms vögelt! Erzähl mir doch nicht, dass du damit glücklich bist!«

Eines musste man Lisa lassen: Sie wusste, wie sie Tom an seiner empfindlichsten Stelle erwischen konnte. Jetzt fühlte er sich, als hätte Lisa ihm eine gelangt. Oder direkt in den Bauch geboxt. Tom wirbelte wütend herum und stieß dabei eine der kitschigen Zuckerdosen von der Anrichte. Mit einem hässlichen Klirren zersprang sie auf dem Boden in lauter scharfkantige Scherben.

»Bravo«, schnaubte Tom, stapfte ins Hinterzimmer und holte eine Kehrschaufel aus der Pantry-Küche. Als er zurückkam, kniete Lisa schon am Boden und sammelte sorgsam die Bruchstücke wieder auf.

»Lass mal, ich mach das schon«, wies Tom an. Lisa ließ daraufhin die Scherben aus ihrer Hand in die Kehrschaufel purzeln. »Pack sie am besten in Zeitungspapier, sonst schlitzen sie dir den Müllsack auf.«

Tom seufzte und schaute seine Schwester nachdenklich an. Für alle Lebenslagen hatte sie stets einen praktischen Hausfrauentipp parat. Aber eine eigene Meinung hatte sie nicht mehr. Das hatte Horst aus ihr gemacht. Das Gefühl von Mitleid ergoss sich über Toms Wut und besänftigte ihn.

»Danke«, sagte er und zwang ein mildes Lächeln auf seine Lippen. Lisa errötete und ihre Lidränder füllten sich mit Tränen.

»Es tut mir leid, was ich gesagt habe.« Ihre Worte bebten leicht. Tom verstand ihre Lage: Sie wurde zwischen den Fronten zerrieben. Hier die wilde Welt, in der sich Geschlechtergrenzen zu einem bunten Allerlei auflösten. Und auf der anderen Seite, dort, wo sie mit Horst lebte, das heile Land, in dem die Zeit stillstand.

Tom fegte die restlichen Scherben auf. »Mir tut es auch leid«,

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