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Die zweite Kreuzigung

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Inhaltsübersicht

PROLOG

ERSTES KAPITEL Treibsand

ZWEITES KAPITEL Ain Suleiman

DRITTES KAPITEL Die Stadt Wardabaha

VIERTES KAPITEL Simon von Cyrene

FÜNFTES KAPITEL Im trüben Winter

SECHSTES KAPITEL Die Stimmen der Toten

SIEBENTES KAPITEL Ein nächtlicher Besuch

ACHTES KAPITEL Das Beinhaus

NEUNTES KAPITEL Zwischen Himmel und Hölle

ZEHNTES KAPITEL Auf der Verliererseite

ELFTES KAPITEL »Ein frevler, böser Mensch wird verjagt und gestürzt werden.«

ZWÖLFTES KAPITEL Die blaue Donau

DREIZEHNTES KAPITEL Transsilvanien

VIERZEHNTES KAPITEL Ilona

FÜNFZEHNTES KAPITEL Die Wolfshöhle

SECHZEHNTES KAPITEL Draculas Braut

SIEBZEHNTES KAPITEL Dracula

ACHTZEHNTES KAPITEL Kinder der Nacht

NEUNZEHNTES KAPITEL Fallender Schnee und schimmernde Sonne

ZWANZIGSTES KAPITEL Ein Mann für alle Fälle

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Ein Fremder in fremdem Land

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL Die Straße ins Nirgendwo

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL Zu den Waffen

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL Blutende Liebe

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL Oea

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL Der Weg nach Kufra

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL Das Meer aus Sand

ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL Nach dem Regen

NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL König Salomos Quelle

DREISSIGSTES KAPITEL Maryam

EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL Sarah

ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL Der Todesengel

DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL Jesus

Für Beth, die Frau meines Schicksals, in Liebe von ihrem antiken Wertstück

PROLOG

Woodmancote Hall

bei Bishops Cleeve

Gloucestershire

England

Dezember 2008

 

Weihnachten kam in diesem Jahr nach Woodmancote auf Flügeln von Eis und Schnee, den der heftige Wind an den Steinmauern und Scheunentoren der Hamberley-Farm zu hohen Wehen aufhäufte. Der Wintereinbruch war spät in diesem Jahr, dafür aber besonders heftig. Bizarre Gebirge arktischer Wolken am Herbsthimmel hatten ihn angekündigt. Auf Radio 4 hieß es, das liege an der Erderwärmung, und unten im Pub nickten die Grauköpfe dazu und unkten, das Wetter werde erst noch schlimmer, bevor es sich wieder bessere. Es waren kauzige alte Männer, die wohl schon zu viele Winter gesehen und zu viele Weihnachten erlebt hatten.

Der Schnee bedeckte Felder, Dächer und Hecken wie dicker weißer Samt und schien so bald nicht schmelzen zu wollen. Als die letzten Flocken gefallen waren, folgten sternklare Nächte, in denen Mond und Sterne das Weiß silbern erstrahlen ließen, Vögel von den Bäumen fielen und die gefrorenen Beeren an den Zweigen knackten. Viele Tiere überlebten den Frost nicht – Schafe auf den Feldern, Eichhörnchen in Baumhöhlen voller Nüsse, Eulen einsam in dichten Eibenbäumen.

Schon die ganze Woche vor Weihnachten erstrahlte Woodmancote Hall im Lichterglanz. Er kam von Glühbirnen und Kerzen, von zwanzig Holzfeuern, von einem Dutzend Kronleuchtern und von den Lichterketten, die Bäume und Kaminsimse schmückten. Von drinnen ertönte leise Musik. Der Chor des Kings-College sang alle Choräle, die man sich denken konnte: Einst in König Davids Stadt, Stille Nacht, Erinnere dich, o Mensch …

Wenn man draußen auf dem Rasen stand oder gar über die weite Fläche von Parget’s Meadow herüberschaute, wirkte das Haus wie ein Schiff auf Wellen von Schnee, ein behaglicher, freudvoller Ort, an dem man vor dem kalten Winter Zuflucht finden konnte. Solange die Vorhänge vor den hohen Fenstern noch nicht geschlossen waren, strömte das Licht in reicher Fülle heraus und warf Muster aus Hell und Dunkel auf das unberührte Weiß.

Der betagte Gerald Usherwood, Lord und Herr auf Woodmancote, seit 700 Jahren Sitz seiner Familie, hatte als junger Mann seinem König beim Militär gedient. Jetzt sollte er sein 83. Weihnachten erleben und am Tag darauf seinen 84. Geburtstag. Festbeleuchtung und Musik galten ihm. Es sollte ein großes Fest werden, um Weihnachten, seinen Geburtstag und den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften zu feiern, den er zwei Wochen zuvor in Stockholm empfangen hatte.

Die Verwandten erschienen zuhauf. Woodmancote Hall war zwar geräumig, aber kein großes Haus. Seine zehn Zimmer und ein paar hastig hergerichtete Räume unter dem Dach reichten bei weitem nicht aus, um diese Zahl an Großeltern, Eltern, Kindern, Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen aufzunehmen. Verspätete Gäste, die nicht mehr in Haus oder Gartenhäuschen unterkamen, mussten sich mit Zimmern im Dorf oder in Bishops Cleeve begnügen. Die Verteilung der Räume hatte Geralds ältestem Sohn George, der zusammen mit seiner Frau Alice die Verantwortung für das große Familientreffen trug, nicht wenig Kopfzerbrechen bereitet.

Zu den Gästen gehörten vier Gruppen von Usherwoods, einige Draytons, eine Handvoll Cornwallises, die Grevilles aus Canterbury, ein oder zwei Ellises, die Naseby-Zwillinge und ein paar entfernte Cousins aus Madeira, die seit über vierzig Jahren keinen Fuß mehr nach England gesetzt hatten. Manche Gäste kamen sogar noch von weiter her – aus den Staaten oder aus Kanada. Geralds einziger noch lebender Bruder Ernest war da, vom Krebs gezeichnet, aber fest entschlossen, ein weiteres Jahr zu leben. Auch »Chips« Chippendale, wie Gerald ein Überlebender der Long Range Desert Group, der LRDG, aus dem Nordafrika-Feldzug des Zweiten Weltkrieges, war gekommen und zeigte sich in hervorragender Form. Für vier der fünf Kinder des Jubilars war es selbstverständlich, ihrem Vater samt Ehepartnern und Kindern die Ehre zu erweisen. Es sollte ein rauschendes Fest werden. Einen großen Teil des Preisgeldes hatte man darauf verwendet.

In den Tagen der Vorbereitung auf Weihnachtsessen und Geburtstagsfeier war im Hause ein ständiges Kommen und Gehen von Gästen, die Geschenke brachten und sich mit dem Gastgeber fotografieren lassen wollten. Die Kinder, in Hochstimmung von der Aussicht auf Weihnachten und eine Party ohne Ende, liefen schüchtern oder voller Übermut durch die verfallenen Gänge und über die Wendeltreppen des Hauses wie in Alain-Fourniers verlorenem Land1 .

 

»Tut mir leid, Großvater«, sagte er, als er im Bentham Room, dem zentralen Raum von Woodmancote mit seiner elisabethanischen Täfelung und dem beeindruckenden Kamin des Niederländers Grinling Gibbon, auf Gerald zuging. Das alte Gemäuer prangte im Festtagsschmuck. Girlanden aus Efeu, Stechpalme, Mistelzweigen und Wacholder mit schwarzen Beeren daran bedeckten, mit Hunderten goldener Glaskugeln geschmückt, die Wände. Der Kamin war mit Weihnachtsstrümpfen behängt. Überall im Raum standen auf kleinen Tischchen Flaschen mit hausgemachtem Schlehen-Gin, den Gerald wie jedes Jahr bereits vor einigen Monaten angesetzt hatte, um Wärme, Freude und Schwung in das Weihnachtsfest zu bringen.

»Ich hätte nicht übel Lust, dich übers Knie zu legen und dir den Hintern zu versohlen, junger Mann«, antwortete Gerald mit einem Augenzwinkern. Ethan wusste, wie unberechenbar sein Großvater war. An seinem späten Erscheinen nahm er zu Recht Anstoß. »Jedes Jahr das Gleiche. Du kommst als Letzter und gehst als Erster.«

»Du wirst dich doch nicht an einem Polizisten vergreifen wollen. Ich müsste dich glatt am Heiligabend festnehmen und ins Gefängnis stecken. Willst du das?«

Gerald gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Heute war er in Feststimmung. Ethan lächelte ihm zu. Einen Jüngeren hätte er umarmt. Aber nicht seinen Großvater.

»Komm und lass uns einen Gin probieren«, sagte Gerald und zog ihn am Ärmel zu einem der Tische beim Kamin direkt neben der Weihnachtskrippe. »Er ist mir dieses Jahr besonders gut gelungen«, erklärte er. »Die Früchte sind größer und waren Wochen eher reif. Er ist gut durchgezogen. Das schmeckt man.«

Er schenkte seinem Enkel ein Glas ein und blickte ihn erwartungsvoll an. Ethan nippte an dem klaren Getränk und nickte beeindruckt. »Der ist wirklich gut«, meinte er und nahm einen kräftigen Schluck. »Genau das Richtige nach der Fahrt in der Kälte draußen.«

»Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst deine junge Frau mitbringen?«

Den erhobenen Zeigefinger kannte Ethan von vielen vergangenen Weihnachtstagen. Warum hast du deinen Kumpel aus der Schule nicht mitgebracht? Wo ist deine Schwester? Wo hast du das Mädchen versteckt, von dem ich schon so viel gehört habe? Und wo ist deine Frau?

Ja, dachte Ethan, wo ist meine Schwester? Und wo ist meine Frau? Verse von Byron, die bei Abis Begräbnis erklungen waren, gingen ihm durch den Kopf:

Und du bist tot? – so schön und zart,

So selt’ne Lieblichkeit,

Wie je im Staub geboren ward,

Geknickt vor ihrer Zeit!

Schon bei Paulines Totenfeier hatte man diese Verse gesprochen. Seine zwei Jahre jüngere Schwester war mit fünfzehn an Leukämie gestorben. Bevor sie krank wurde, hatte sie jeden, der sie sah, in Entzücken versetzt. Eine große Zukunft wurde ihr prophezeit. Die hatte sie mit ins Grab genommen, das nun ein Stein mit ihrem Namen zierte.

Ethans Frau Abigail war fünfundzwanzig gewesen, als sie starb. Das lag jetzt acht Jahre zurück. Er war damals gerade dreißig geworden. Nun ging er schon auf die vierzig zu, aber wenn er morgens erwachte oder abends Schlaf zu finden suchte, war der Schmerz immer noch unerträglich. Dann bohrte sich der Gedanke an sie durch sein Hirn wie ein Wurm, der kein Ende hat.

»Ich habe keine junge Frau, Großvater.«

Gerald runzelte die Stirn.

»Ich nahm an …«

»Da liegst du falsch. Frauen bleiben nicht lange bei mir. Sie meinen immer, ich sei mit meinem Job verheiratet.«

»Ein Mann braucht eine Frau, Junge. Das müsstest du doch allmählich wissen. Selbst nach dem schrecklichsten Einsatz in der Wüste war unser erster Weg immer in den Puff, wenn wir zurückkamen. Oder wir verbrachten eine Nacht mit einem Mädel vom MTC2. Die musste man nicht unbedingt lieben, weißt du?«

Ethan lächelte und sagte nichts. Frauen hatten seinen Großvater immer sehr beschäftigt. In den vierzig Jahren seiner Ehe mit Edith hatte es stets irgendwo eine befreundete Dame gegeben. Als Edith vor fünfzehn Jahren starb, vergab sie ihm alle seine Sünden. Es hieß, er habe seitdem keine Frau mehr angerührt.

Einer der Enkel, dem Aussehen nach ein Ellis, schlenderte herbei und zog Gerald mit sich fort. Ethan blieb allein bei der Krippe zurück, einem hübschen Stück Kunstgewerbe mit italienischen Figuren. Dort fand ihn sein Vater und schleppte ihn zu der Horde Tanten und Cousinen, die er zur Hälfte noch nie im Leben gesehen hatte. Nach dem Abendessen wurden die kleineren Kinder, die nur noch an den alten Mann mit dem weißen Bart dachten, im Haus zu Bett gebracht oder ins Dorf gefahren. Die Verbliebenen ließen sich im Langen Zimmer mit seinen vielen gemütlichen Sofas und Sesseln nieder. Alte Freundschaften wurden aufgefrischt, alte Feindseligkeiten begraben oder neu angefacht.

»Du musst Ethan sein«, sagte da eine Stimme. Als er sich umwandte, stand hinter seinem Sessel eine dunkelhaarige Frau von Mitte bis Ende zwanzig. Er wusste nicht, wer sie war, aber irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Er erhob sich.

»Das ist wohl so«, sagte er. »Und du bist …?«

Sie musste lachen.

»Du hast keine Ahnung, was?«

Er schüttelte den Kopf.

»Du siehst jemandem ähnlich, aber ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind.«

»Natürlich sind wir das. Denk mal nach.«

Er prüfte ihre Züge. Kurzes schwarzes Haar, leuchtende Augen, blasse Wangen und ein Kirschmund. Während er noch in seinem Gedächtnis kramte, wurde ihm klar, dass ihn die Erinnerung gar nicht interessierte, sondern viel mehr die erstaunliche Klarheit dieser Züge, ihre Schönheit und der geheime Anspruch aus fernen oder nahen Tagen, den sie auf ihn zu erheben schien.

»Ich bin Sarah«, sagte sie. »Deine Nichte, falls du es vergessen hast. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, war ich zehn Jahre alt. Deine Eltern haben dich nach Canterbury mitgebracht. Damals fand ich dich furchtbar groß. Ich war wochenlang in dich verknallt. Du kamst gleich nach Mr. Boko, meinem Pony.«

Er musterte sie eingehend, und langsam kehrte die Erinnerung zurück. Das Pony war scheckig und kurzatmig gewesen.

»Du hast dich sehr verändert«, sagte er.

»Danke.«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich habe nicht gesagt, zum Besseren.«

»Ethan, mit zehn war ich ein dummes kleines Ding mit schlechten Zähnen. Der alte Boko war eine Schönheit gegen mich. Ich kann mich nur zum Besseren verändert haben.«

Er überlegte, welchen Eindruck sie wohl auf ihn gemacht hatte, als sie zehn und er zwanzig Jahre alt war.

»Stimmt«, sagte er. »Nur zum Besseren. Und wie!« Er maß sie mit einem bewundernden Blick. Solche eleganten und selbstbewussten Frauen waren in seiner Familie selten.

»Setz dich doch wieder«, sagte sie. »Ich nehme mir einen Stuhl. Wir haben achtzehn Jahre nachzuholen.«

Nach zwei Stunden hatten sie zehn davon abgehandelt und wollten sich gerade die letzten acht vornehmen, da erhob sich Ethans Vater.

»Wir haben es jetzt halb zwölf. Wer zur Mitternachtsmesse möchte, müsste sich langsam auf den Weg machen. St. Benedikt ist nicht groß, und bald gibt es dort nur noch Stehplätze.«

Als ob er, ein Priester im Tweedanzug, ein Zeichen gegeben hätte, erklang in diesem Moment das Geläut der Gemeindekirche durch die stille Nacht. Es war, als seien Engel auf die Erde herabgestiegen. Oder als Engel verkleidete Dämonen, dachte so mancher später.

Man griff nach Hüten und Mänteln, schlüpfte in bereitstehende Galoschen, und kleine Gruppen bildeten sich. Die Straße vom Haus zur Kirche hatte man vom Schnee befreit, als es noch hell war. Die ältesten Gäste wurden gefahren, aber wer unter sechzig war, ging zu Fuß. Bald wand sich eine lange Schlange von Kirchgängern durch die verschneite Landschaft. Nur das sanfte Licht des Mondes, das den Schnee zum Glitzern brachte, fiel auf ihren Weg. Vor ihnen blinkten die Fenster des Kirchleins wie Leuchtfeuer einer von Gott erfüllten jungfräulichen Welt. Selbst die zahlreichen Nichtgläubigen überlief ein Schauer – nicht von der Kälte, sondern von der Schönheit dieses Bildes. Als sie näher kamen, drang Gesang an ihr Ohr.

Sarah hakte sich bei Ethan unter und stand mit ihm während der ganzen Messe im Hintergrund der Kirche. Der Gemeindechor sang sich wacker durch mittelalterliche Choräle und moderne Wiegenlieder, die durch den geschmückten Raum schwebten, als sei nur Frieden in der Welt. Er sang gegen Finsternis und Kälte, gegen graues Elend und schwarzen Kummer an. Die nahe Geburt des neuen Gottes schien alles Böse zu vertreiben, eine Linie zwischen gestern und heute, zwischen Dunkelheit und kommendem Licht zu ziehen.

Ethan schaute und lauschte, stimmte in die Choräle ein, wo dies erwartet wurde, erinnerte sich und versuchte zugleich zu vergessen. Sarah stand dicht bei ihm. Sie hatte von den Dämonen gehört, von den Nächten, die seine Tage überschatteten. Obwohl sie nicht an Engel, höhere Mächte oder einen Gott in der Krippe glaubte, betete sie für ihn.

 

Gerald, sein alter Kamerad Chips und ein halbes Dutzend sehr betagter Gäste waren zu Hause geblieben. Während die anderen sich dem Bridge hingaben, zogen sich die beiden alten Soldaten nach oben in Geralds Arbeitszimmer zurück. Chips betrat zum ersten Mal diesen Raum, wo der Herr von Woodmancote die Andenken an sein ganzes Leben aufbewahrte. Sie lagen verstreut auf Tischen und Tischchen herum oder waren in Schränke und Schubfächer gestopft. Bücherregale an allen Wänden reichten vom Boden bis zur Decke, gefüllt mit einem bunten Gemisch von Bänden aller Art, Farbe, Einband und Größe. Manche standen ordentlich aufgereiht, andere waren achtlos darübergelegt. Selbst den Fußboden bedeckten Bücherstapel, einige emporgewachsen wie Stalagmiten, andere übereinander gefallen wie nach einem Erdbeben. Dies war das Allerheiligste des Hauses, ein Refugium, zu dem außer den engsten Anverwandten kaum jemand Zutritt hatte.

Zu beiden Seiten eines großen Kamins standen zwei Sessel, beide abgeschabt und nicht mehr sehr bequem, aber wie mit diesem Raum verwachsen. Dort ließen sich die beiden Freunde nieder. Gerald hatte im Vorbeigehen eine Flasche seines Lieblingswhiskys Benromach mitgenommen, die er nun auf dem kleinen Tischchen zwischen ihnen abstellte. Zwei Gläser und einen Krug Wasser hatte Mrs. Salgueiro, die portugiesische Haushälterin, bereits vorsorglich dort deponiert.

Die beiden hatten sich seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. In dieser Zeit waren alte Freunde krank geworden oder bereits verstorben. Die früheren regelmäßigen Treffen gab es schon seit Jahren nicht mehr. Das Gedächtnis der beiden Alten, einst messerscharf, war stumpf geworden. Aber wenn auch viele Erinnerungen allmählich verblassten, die Zeit, die sie gemeinsam in den Wüsten Nordafrikas verbracht hatten, stand ihnen so deutlich vor Augen, als sei es gestern gewesen. Während sie nun ihren Whisky schlürften und an übelriechenden Pfeifen sogen, erwachte sie vollends zum Leben. Geralds alte Geschichten brachten Chips auf gewagte Witze, die sie sich in den langen Tagen und Nächten erzählt hatten, da der Tod beinahe selbstverständlich war und Augenblicke wie dieser weit außerhalb ihrer Vorstellungswelt lagen.

»Hast du sie immer noch hier bei dir?«, fragte Chips nach dem dritten Whisky.

Gerald nickte.

»Ja, hier, wo sie immer waren.«

»Und wer kriegt sie, wenn du einmal nicht mehr bist?«

Gerald zuckte die Achseln.

»Weiß ich noch nicht. Hab nicht darüber nachgedacht. Vielleicht ein Museum?«

»Du weißt, dass wir das ausgeschlossen haben«, antwortete Chips und hob das Glas an die Lippen. Er war ein hochgewachsener Mann, schon etwas gebückt, aber drahtig, als hätten seine Muskeln an Kraft und Elastizität nichts eingebüßt.

»Und du?«, fragte Gerald. »Oder einer von den anderen?«

Chips zuckte die Schultern.

»Wir sind froh, dass du sie aufbewahrst. Aber du wirst immer älter – wie wir alle. Es ist an der Zeit, dass wir eine neue Möglichkeit finden. Das haben wir doch schon so oft besprochen. Wir müssen endlich zu Potte kommen.«

Gerald maß seinen alten Freund mit einem nachdenklichen Blick. So viele Jahre waren vergangen. Kaum zu glauben, wie nahe sie sich damals standen. Sie hatten immer zusammengehalten, alle miteinander, in den Schrecken des Krieges und in der trüben Nachkriegszeit. Jemand hatte sie einmal die Unbesiegbaren genannt. Aber als Leary von einer Tretmine getötet wurde, geriet der Name in Vergessenheit.

»Du meinst, heute Abend?«, murmelte Gerald. »Ich wollte eigentlich bis nach den Feiertagen warten. Bis alle anderen weg sind. Vielleicht kommt Donaldson doch noch vorbei, möglicherweise auch Skinner. Ich habe beide eingeladen. Es kann sein, dass sie bei dem Schnee auf den Straßen nicht durchgekommen sind. Du hast Glück gehabt.«

Chips fuhr sich mit einer Hand über die Wangen. Als er jünger war, hatte er einen Bart getragen, ihn aber abrasiert, als er im mittleren Alter grau zu werden begann.

»Und das Mädchen?«, fragte er jetzt.

»Das Mädchen? Welches Mädchen?«

»Ach, tu doch nicht so. Das ich heute Abend hier gesehen habe. Du weißt genau, welches ich meine.«

Gerald nickte.

»Manchmal vergesse ich es schon. Es sind so viele gewesen. Aber sie ist kein Mädchen mehr. Sie ist jetzt eine erwachsene Frau. Das kann dir doch nicht entgangen sein.«

»Weiß sie von der Sache?«

Gerald goss ein wenig Wasser in sein Glas und trank es gierig aus. Seine Leber machte ihm neuerdings Ärger. Doktor Burns hatte ihm geraten, mit harten Getränken vorsichtig zu sein. Er schüttelte den Kopf.

»Nein«, antwortete er. »Noch nicht. Ich habe ihr bisher nichts gesagt. Sie ist noch nicht so weit. Wenn die Zeit kommt, spreche ich mit ihr, alter Junge. Das weißt du.«

 

Die Wangen gerötet, das Haar von Reif bedeckt, der Atem im Lampenlicht eine gefrorene Wolke, so kehrten die Gäste nach Woodmancote Hall zurück. Sie kamen in Gruppen zu zweien und dreien, lachend oder in ernste Gespräche vertieft, allesamt vom Geist der Weihnacht erfüllt. Ethan begleitete immer noch Sarah, die sich fest an seinen Arm klammerte, weil sie fürchtete, in den hohen Stiefeln auszugleiten, in die sie wegen des Schnees geschlüpft war. In ihrem Kopf hallten die Choräle wider, und ihre Lippen waren blaugefroren. Sie redete viel, antwortete auf seine Fragen und stachelte seine Neugier an. Sie sprachen über Bücher, Filme und Reisen, über Eltern und Verwandte. Dabei stellten sie fest, dass sich ihre Wege schon mehrmals beinahe gekreuzt hätten. Es war noch zu früh, um über seine verstorbene Frau zu sprechen oder ihren Bruder, der mit einundzwanzig Jahren in eine Nervenklinik gekommen war und diese wohl nicht mehr verlassen würde. Ein Instinkt, aus Ungemach oder Gewissen entstanden, sagte ihnen, dass sie dafür noch Zeit haben würden.

Im Hause angekommen, wurde viel geschnauft, gehustet und mit den kalten Füßen gestampft. Schneebrocken fielen auf Fußmatten, wo sie bald zu Wasserlachen schmolzen.

Im Salon hatte Senhora Salgueiro warme Mince Pies, das süße Weihnachtgebäck, und Glühwein bereitgestellt. Die Erwachsenen drängten sich um die Tische, hungrig von der Kälte und der Anstrengung, so lange auf dem steinernen Fußboden der Kirche gestanden zu haben. Die größeren Kinder, die sie begleitet hatten, wurden auf ihre Zimmer geschickt, wo Süßigkeiten, Ingwerbier, gefüllte Weihnachtsstrümpfe und ein unruhiger Schlaf sie erwarteten.

Die Erwachsenen, weniger erregt von der Erwartung großer Ereignisse, waren vom Alter, dem üppigen Essen und der späten Stunde stärker beansprucht als ihre Sprösslinge. Zugleich fühlten sie sich durch den glitzernden Weihnachtsbaum in so eleganter Umgebung und – jedenfalls für die meisten – angenehmer Gesellschaft zu nostalgischen Gedanken angeregt. Sie wären gern schlafen gegangen, wollten aber diesen besonderen Abend noch ein wenig auskosten. Doch einer nach dem anderen musste den ungleichen Kampf bald aufgeben.

Ethan brachte Sarah zu ihrem Zimmer hinauf.

»Danke, Ethan«, sagte sie. »Du warst sehr nett zu einer armen Verwandten.«

»Sarah«, ermahnte er sie sanft, »ich bin Polizist, kein Bankier.«

»Das mag ja sein. Aber ich bin Wissenschaftlerin. Das bedeutet, ich bin arm wie eine Kirchenmaus.«

Zum ersten Mal erwähnte sie, was sie beruflich tat.

»Das wusste ich nicht.«

»Ich habe erst vor einigen Jahren promoviert und arbeite jetzt als kleine Lehrkraft mit trüben Karriereaussichten. Wenn ich Glück habe, bekomme ich mit fünfzig vielleicht eine Dozentur. Aber mit deiner Erlaubnis möchte ich nun zu Bett gehen. Um ehrlich zu sein: Ich werde gleich tot umfallen. Dir geht es doch sicher genauso. Den Weihnachtsmann werden wir dann allerdings wohl verpassen.«

Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie sanft auf die Wange. Sie errötete leicht, wünschte ihm rasch eine gute Nacht und verschwand hinter ihrer Tür.

 

Ob der weißbärtige Alte in dieser Nacht tatsächlich kam, ist nicht bekannt, denn das Haus wurde morgens gegen halb sechs vorzeitig geweckt. Die Ursache war ein gellender Schrei, gefolgt von weiteren Schreien, die nach und nach in heftiges Schluchzen übergingen. Dann war es wieder totenstill. Alle Gäste, außer jenen, die gerade im Tiefschlaf lagen, fuhren in ihren Betten hoch. Ethan war als Erster auf den Beinen und aus dem Zimmer.

Die Schreie waren eindeutig nicht aus einem der Dachstübchen in seiner Nähe gekommen, sondern von weiter unten, wahrscheinlich aus dem ersten Stock. Nur in einem dünnen Morgenmantel und vor Kälte zitternd, eilte er die schmale Treppe hinunter. Hinter sich hörte er Türen klappen. Im ersten Stock herrschte bereits große Aufregung. Einige Zimmertüren standen weit offen, und ein halbes Dutzend Gäste, alles Männer in Pyjama oder Morgenmantel, umringten eine schluchzende Frau. Senhora Salgueiro, Lockenwickler in den Haaren und in einen wattierten Morgenrock gehüllt, wurde von Ethans Vater getröstet. Von Zeit zu Zeit rief sie auf Portugiesisch aus: »Ai, que medo! Que susto! Os pobres homens!«, und heulte wieder laut auf. Sie wollte sich gar nicht beruhigen.

Guy Usherwood, der mit diesen Rufen nichts anfangen konnte, atmete erleichtert auf, als er seinen Sohn kommen sah.

»Was ist hier los, Vater?«

»Keine Ahnung. Ich kann die Frau nicht dazubringen, Englisch zu sprechen. Sie muss etwas Schreckliches erlebt haben, das ist klar. Schau sie dir an: Sie ist weiß wie die Wand und zittert am ganzen Leib.«

Da ging eine weitere Tür auf, und Sarah trat heraus. Sie trug einen mit Goldborte abgepaspelten schwarzen Überwurf, und ihr kurzes Haar stand nach allen Seiten ab. Als sie sah, was los war, trat sie zu der in Tränen aufgelösten Frau, legte einen Arm um sie und suchte sie ihrerseits zu beruhigen.

Die kam allmählich zu sich und fand ihre Sprache wieder.

»Senhor Usherwood! Und sein Freund. No gabinete … im Arbeitszimmer. Bitte …«

Noch einmal heulte sie laut auf und schlug die Hände vors Gesicht, als wollte sie sich vor einem Schreckensbild schützen.

Ethans Vater, das älteste anwesende Familienmitglied, schickte sich an, den Raum zu betreten. Aber Ethan hielt ihn zurück.

»Da ist offenbar etwas passiert, Dad. Vielleicht hatte Großvater einen Herzanfall. Ich bin derartige Dinge mehr gewohnt als du. Lass mich zuerst reingehen.«

Der Vater schwankte einen Augenblick, gab dann aber nach. Ethan ergriff den Türknauf und drehte ihn widerwillig. Sollte seinem Großvater etwas passiert sein, würde es ihm das Herz brechen. Er trat in den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Drinnen brannten noch ein paar Lampen. Das Feuer im Kamin war erloschen, weshalb der Raum in kaltem, trübem Licht lag. Ethan brauchte ein paar Sekunden, um seine Augen daran zu gewöhnen. Er suchte bei der Tür nach einem Schalter, fand aber keinen. So weit er sich erinnerte, war es im Arbeitszimmer seines Großvaters stets dämmrig gewesen.

Als er etwas besser sehen konnte, durchforschte er mit seinen Blicken den Raum. Nun erblickte er, was Senhora Salgueiro fast die Sinne geraubt hatte. An Bilder von schrecklichen Verbrechen und schwerer häuslicher Gewalt war Ethan gewöhnt, aber nichts in seiner bisherigen Erfahrung hatte ihn auf den Anblick vorbereitet, der sich ihm jetzt bot.

Rechts vom Fenster mit den zugezogenen Vorhängen stand eine lange Reihe Bücherschränke, die von mehreren geriffelten Pfeilern aus Eichenholz voneinander getrennt waren. An diese hatte jemand den Körper von Ethans Großvater geschlagen. Dem Nobelpreisträger hatte man die Kehle durchgeschnitten, seine Arme über Schulterhöhe angehoben und mit kleinen Messern an zwei Pfeilern fixiert. Diese musste man mit solcher Wucht eingerammt haben, dass sie seinen Körper in dieser Stellung hielten. Ethan sah Blut auch an anderen Teilen des Rumpfes, was bedeutete, dass man ihm mehrere Messerstiche versetzt hatte, bevor er den Gnadenstoß erhielt. Auf dem Teppich vor ihm breitete sich eine riesige Blutlache aus.

Mit Chips Chippendale war man auf andere Weise verfahren. Sein Mörder hatte ihn zunächst enthauptet, bevor er seinen Leichnam mit Seilen an den zwei großen Wandleuchtern befestigte. Der Kopf lag zu seinen Füßen. Die Augen hatte man ihm ausgestochen, auf einen Teller gelegt und diesen vor den Kopf gestellt. Auch hier viel Blut, das, inzwischen geronnen, im Lampenlicht glitzerte.

Es war der Morgen des Weihnachtstages, und Ethan glaubte über sich das Rauschen riesiger, furchterregender Flügel zu hören. Nicht die von Engeln, Cherubim oder Seraphim, sondern die groben Hautflügel von Dämonen. Er schüttelte den Kopf, denn er wusste, dass sein eigenes Blut ihm in den Ohren rauschte, während es durch sein von dem Anblick wie betäubtes Hirn strömte.

Er tat einen tiefen Atemzug, dass ihm die Lungen von der kalten Morgenluft schmerzten. Dann ging er zur Tür und öffnete sie ein wenig. Er schob sich durch den Spalt, schloss sie sofort hinter sich und wandte sich der erwartungsvollen Menge der Verwandten zu, die sich inzwischen auf dem Korridor eingefunden hatte.

»Die verborgene Stadt Wardabaha ist weiß wie eine Taube, und ihr Tor ist mit einem geschnitzten Vogel geschmückt.

Stecke den Schlüssel in den Schnabel des Vogels und öffne damit das Tor.

Tritt ein, und du wirst große Reichtümer finden, ebenso den König und die Königin schlafend in ihrem Schloss.

Komm ihnen nicht zu nahe, aber nimm den Schatz.«

 

Aus dem arabischen Zauberbuch des 15. Jahrhunderts

Kitab al-la’ali al-makhfiyya.

ERSTES KAPITEL

Treibsand

Westliche Wüste

Libyen

16. Mai 1942

 

Der Sandsturm kam kurz nach Mittag von Süden. Ihm war ein heißer Wind vorausgegangen, den die einheimischen Araber einen qibli nennen. Dieser glühende, alles verschlingende Hauch scheint direkt aus den Tiefen der Hölle zu wehen. Er verbrennt und erstickt alles, was mit ihm in Berührung kommt. Qiblis hatten sie schon früher überstanden. Ganze Tage gingen darüber hin, an denen man nichts anderes tun konnte, als diese Folter zähneknirschend zu ertragen, zu fluchen, zu schwitzen, möglichst stillzuliegen – und das bei Temperaturen bis zu 65 Grad Celsius.

Den zweiten Tag kämpften sie nun bereits gegen den aktuellen qibli an, als Corporal Skinner einen Fluch vom Stapel ließ, so lästerlich, dass er damit die heiße Luft hätte in Flammen setzen können.

»Ich glaub diese verdammte Scheiße einfach nicht!«, waren die ersten verständlichen Worte, die dann folgten. Diesen Satz hatte er schon so oft ausgestoßen, dass zunächst keiner Notiz davon nahm.

»Lieutenant«, sagte er dann, »ich denke, Sie sollten sich mal aufsetzen und einen Blick riskieren.«

Lieutenant Usherwood stöhnte und arbeitete sich unter der niedrighängenden Tarnplane hervor, wo sie Schutz gesucht hatten.

»Sorry, Sir. Ich war eben pinkeln. Ich dachte, das sollten Sie sehen.«

»Was denn?«, fragte der Kommandeur in müdem Ton.

Skinner streckte die Hand aus. Am südlichen Horizont verschwand die Mittagssonne gerade hinter dunklen, fast schwarzen Wolken, die sich über den Wüstensand heranwälzten. Gerald Usherwood griff nach seinem Fernglas und blickte in die gewiesene Richtung. Natürlich, das waren keine Wolken, sondern gewaltige Schwaden von Sand am ganzen Horizont von Ost nach West, die ein immer stärker werdender Wind genau in ihre Richtung trieb.

»Alle Mann in die Fahrzeuge!«, befahl der Lieutenant. »Das wird in ein par Minuten hier sein!«

»Bis zum Sammellager ist es nicht allzu weit, Skipper. Sollten wir nicht versuchen zurückzukommen, solange es noch geht? Die Vorräte werden knapp, und die Sache kann Tage dauern.«

Usherwood schüttelte den Kopf.

»Das ist zu riskant. Wir könnten uns leicht verirren. Nachts können wir die Funkpeilung nicht benutzen, und auf den Sonnenkompass möchte ich mich bei einem solchen Sturm nicht verlassen. Wir haben genügend Zeit, ins Lager zurückzukehren, wenn es vorüber ist. Schaffen Sie schnell noch ein paar Essgeschirre in die Wagen.«

Der Sammelpunkt für ihre Patrouille aus zwei Fahrzeugen lag in etwa 150 Kilometern Entfernung bei Rebiana. Von ihrem Basislager in der Oase Kufra waren sie als Kommando von sechs Chevrolets gestartet. Aber die zwei LKWs unter Lieutenant Usherwoods Befehl waren dann auf der Suche nach Quellen weiter nach Westen tief in das Sandmeer von Rebiana vorgestoßen. Die Übrigen hatten nach Norden auf Taiserbo zugehalten, weil es hieß, deutsche vorgeschobene Einheiten betrieben dort Aufklärung hinter den britischen Linien.

Etwas Großes braute sich zusammen. Zwei Wochen zuvor war in Kairo nur davon die Rede gewesen. Selbst bis nach Kufra, dem westlichen Hauptquartier der LRDG, das man erst vor einem Jahr von den Italienern erobert hatte, sickerte etwas durch.

Gerüchte wollten wissen, Rommel plane, längs der Ghazala-Linie an der Küste vorzustoßen. Jeder, der diese verteidigen wollte, hatte das Problem, dass er sich mit einer Flanke an die See anlehnen und jeden Angreifer zurückschlagen konnte. Aber in südlicher Richtung verlor sich die Frontlinie in der offenen Wüste, die bis ins tiefe Afrika reichte. Dort konnten die Deutschen alle Verteidigungsanlagen umgehen und den Briten in den Rücken fallen. Patrouille R suchte nun nach leichten deutschen Truppen, die in der Gegend umherstreifen konnten, während Usherwoods Sandboys einen Weg noch weiter westlich suchten, als bisher je ein britischer Soldat vorgedrungen war.

Ihr Ziel waren Brunnen, vor allem eine Oase namens Ain Suleiman, Salomos Quelle genannt, die ein verlorenes Paradies sein sollte. Zahllose Legenden rankten sich um diesen verwunschenen Ort. In der Überlieferung der Beduinen hieß es, von ihr sei das Wasser für die magische Stadt Wardabaha gekommen, die König Salomo einst in der Wüste errichtete und von der nach arabischer Tradition aller Zauber ausgeht. Ein blau verschleierter Tuareg aus dem Fezzan behauptete, es gebe sie immer noch, und sie sei von einem Stamm seiner Brüder, einem Zweig der Kel Ajjer von Ghat, bewohnt. Aber kein Forscher der modernen Zeit hatte den Ort je zu Gesicht bekommen. Auf keiner Karte war er verzeichnet, es sei denn im Kopf mancher Leute, wo seine Koordinaten ständig wechselten. In der Royal Geographical Society machten seriöse Männer in Schlips und Kragen ihre Witze über Ain Suleiman und die verborgene verwunschene Stadt.

Aber Gerald Usherwood glaubte daran. Er hatte genügend Tamasheq gelernt, um mit den Tuareg in ihrer eigenen Sprache zu verkehren, was von den Herren in Schlips und Kragen niemand konnte. Gerald hatte Vertrauen zu den Wüstenbewohnern gefasst. Ain Suleiman sei immer noch da, meinten sie, aber niemand wisse den Weg dorthin. Es liege im schlimmsten Teil der Wüste, sei nicht einmal mit Kamelen erreichbar und vielleicht schon völlig versandet. Er spürte, dass sie etwas vor ihm verbargen. Er nahm an, sie wussten den Weg genau, hielten es aber für klüger, sich nicht mit Italienern, Deutschen oder Briten einzulassen. Wenn sie etwas geheim hielten, so glaubte er, dann mussten sie gute Gründe dafür haben.

Kaum hatten sie ihre Sandbrillen aufgesetzt, da schlug der Sturm auch schon zu. Soeben noch unter blauem Himmel, fanden sie sich plötzlich wie in dickem Nebel wieder, wo man kaum noch fünf, sechs Meter weit sehen konnte.

Bei fest verschlossenen Türen und Fenstern wehrten die Fahrzeuge die schlimmste Wirkung des Sandsturms ab, aber der Staub, fein wie Puder, kroch durch jede Ritze und jeden Spalt, die er finden konnte. Nach und nach legte er sich als feine Schicht auf alles in der Kabine. Jedermann schlang seine Gutra, das traditionelle arabische Kopftuch, so fest um den Kopf, wie er nur konnte. Doch der Sand war nicht aufzuhalten. Er fand seinen Weg hinter die Schutzbrille, in Ohren, Nase und Kehle, durch die Uniform bis in die Stiefel der Soldaten, wo er heftig scheuerte.

Gerald hatte schon so viele Sandstürme hinter sich, dass er in seiner Lunge eine ganze Wüste vermutete. Er wusste, dass man nichts anderes tun konnte, als den knirschenden Sand zwischen den Zähnen zu ignorieren, die tränenden Augen geschlossen zu halten und das Ganze auszusitzen. Dieser Sturm aber war einer der schlimmsten, den er je erlebt hatte, das wurde ihm sofort klar. Er konnte einen Tag dauern oder auch eine Woche. Niemand vermochte das genau zu sagen.

Alle Männer der Patrouille waren alte Hasen, die sich mit Wüstenwinden auskannten. Zur LRDG wurde keiner genommen, der nicht mit ein paar Unannehmlichkeiten zurechtkam. Die Briten, Neuseeländer, Australier oder Inder gehörten allesamt zu der merkwürdigen Art Mensch, der die leeren Weiten und die glühende Hitze der Sahara mehr bedeuteten als ihre Heimatorte, ob nun die Home Counties bei London, das neuseeländische Wellington oder das indische Calcutta. Sie suchten geradezu diese Ruhe, aber auch die überall lauernde Gefahr. Da saßen sie also und warteten, bewahrten Funkstille, sangen die neuesten Hits und erzählten sich Geschichten von alten Schlachten, die sie geschlagen, und Frauen, die sie im Bett gehabt hatten.

Der Sturm tobte drei Tage lang. Am dritten Tag kurz nach sechs Uhr morgens war er dann abrupt vorbei.

»Danken wir Gott dafür«, sagte Gerald. Zu Hause in Gloucestershire hatte er keine Zeit für Gott übrig. Zur Kirche ging er nur, weil er der Gutsherr am Ort war und wusste, dass er auf seinen Namen und die Familie Rücksicht nehmen musste. Aber hier in der Wüste, wo man so unendlich weit blicken konnte und nachts das ewige Licht endloser Galaxien vom Himmel strahlte, hatte er den Weg zum Glauben gefunden. Wäre er nicht mit der Church of England aufgewachsen, dann wäre aus ihm wohl ein fanatischer, asketischer Moslem geworden, dessen Herz die Rauheit dieser Gegend gehärtet hatte.

Auf jedem der beiden LKWs war über dem Armaturenbrett ein Sonnenkompass montiert. Zusammen mit den neuesten Navigationstafeln der Royal Air Force bei Tag und den Theodoliten bei Nacht gab der Sonnenkompass den Patrouillen die Möglichkeit, sich in bislang auf keiner Karte erfasstem Gelände zu bewegen. Im Handumdrehen hatten sie sich wieder orientiert. Etwas länger dauerte es schon, die Fahrzeuge aus dem angewehten Sand auszugraben und für den Start Sandmatten auszulegen. Dann klopften sie sich gegenseitig ab, so gut es ging, und nahmen ihre Fahrt in Richtung Westen wieder auf.

Eine Kette riesiger Dünen, jede um die hundert Meter hoch, drängte sie von der geplanten Route weiter nach Süden ab. Sie rollten durch eine völlig unbelebte Gegend unter einem grausamen Himmel, an dem kein Flugzeug, ja nicht einmal ein Vogel sich zeigte. Irgendwo im Norden war ein Krieg im Gange, aber hier glaubte man, dass alle Kanonen schwiegen. Es war, als hätte der Krieg sein Ende gefunden, und nichts sei geblieben als diese Ödnis und der allgegenwärtige Tod.

Es dämmerte schon, als Staff Sergeant Chippendale, der Beifahrer und Schütze auf Geralds Chevrolet, einen leisen Pfiff ausstieß. Max Chippendales größte Begabung, die ihn auch zur LRDG gebracht hatte, war sein Adlerblick. Mit dem Feldstecher suchte er ständig den Horizont vor ihnen ab, vor allem, wenn sie den Kamm einer Düne erreicht hatten und sich langsam auf deren Westflanke hinabrollen ließen.

Aufgeregt packte er den Fahrer beim Arm.

»Halt die Karre an, du Trottel!«, rief er aufgeregt. »Weary« Leary, der Kiwi aus Neuseeland, den Gerald sich von Patrouille T ausgeliehen hatte, riss das Steuer herum, womit er das Fahrzeug direkt vor dem steilen Abhang zum Stehen brachte.

»Was ist los?«, fragte der Lieutenant von hinten.

»Bin mir nicht sicher, Chef. Da vorn ist etwas. Einen Moment noch.«

Chippendale, der vor dem Krieg Professor für Altphilologie in Oxford gewesen war, prüfte immer wieder das weite Land, das vor ihnen lag. Dabei kräuselte er die Lippen und murmelte etwas kaum hörbar vor sich hin. So war es, wenn etwas Chips Chippendale sehr erregte. Er reichte Gerald das Glas, der es nahm und damit hinaus auf die Düne sprang.

»Mittlere Entfernung, Chef. Sieht aus, als hätten wir es gefunden.«

Das hatten sie in der Tat. Sie hielten direkt auf die Oase zu. Wäre der Sturm nicht gewesen, dann hätten sie sich weiter nördlich auf ihrer alten Route bewegt und wären glatt daran vorbeigefahren.

»Ain Suleiman«, flüsterte Gerald. »Salomos Quelle.«

Er ahnte nicht, was dort noch im Wüstensand vergraben lag. Ein Geheimnis, viel größer als nur eine Oase oder eine versunkene Stadt, Unheil verkündender als eine Wüstentrasse zum Sieg in einem Krieg, tödlicher als Rommels Panzer oder alle Bataillone von Hitlers Reich.

Ein Windstoß trieb weiter unten an der Westflanke der großen Düne den Sand vor sich her. Gerald stieg wieder ein.

»Wir wollen hinunterfahren und uns das anschauen«, sagte er.

Leary schwang das Steuerrad wieder herum, legte den ersten Gang ein, ließ den Chevrolet sachte über den Dünenkamm kippen und langsam nach unten rollen.

Ain Suleiman erwartete sie, eingehüllt in jahrhundertelanges Schweigen, die fernste aller Ansiedlungen, wo Menschen lebten.

ZWEITES KAPITEL

Ain Suleiman

Westliche Wüste

18. Mai 1942

 

Als sie sich der Oase näherten, erwachte der verschlafene Ort durch das Heulen der Motoren zu hektischem Leben. Hunde bellten. Männer stürzten aus den niedrigen Zaribas hervor und zogen blaue Tücher über die Gesichter. Andere kamen von weiter weg herbeigelaufen, wo sie die Kamele versorgt hatten. Ihnen folgten Frauen in schwarzen Tüchern und Kinder jeden Alters, einige bekleidet, die jüngsten nackt.

Gerald schoss plötzlich durch den Kopf, dass er und seine Männer die ersten fremden Wesen sein könnten, die diese Menschen je gesehen hatten. Dann mussten die LKWs, mit denen sie von der Düne herab auf sie zurollten, ihnen wie schreckliche Monster aus den Tiefen der Hölle vorkommen. Er befahl Leary anzuhalten und gab auch Bill Donaldson im zweiten Chevvy das Zeichen, auf die Bremse zu treten. Bei diesem Manöver versanken die Räder fast bis zu den Achsen im weichen Sand.

»Motor abschalten!«, befahl Gerald. Beide Maschinen verstummten. Schweigen breitete sich aus, so tief und weit wie der Ozean, nur unterbrochen von den Schreien der Kamele und dem Gebell der Hunde. Über der Oase kreisten Hunderte kleiner Vögel. Im Westen färbte sich die Sonne rotgolden und sank langsam in den heißen Dunstschleier herab, der über dem ganzen Horizont lag.

Gerald stieg aus und befahl den anderen, es ihm gleichzutun, aber die Waffen an Bord zu lassen.

»Tut nichts, um die Leute zu erschrecken«, ordnete er an. »Das Reden überlasst mir. Clark, Sie bleiben hier und sichern uns mit dem Maschinengewehr.«

Sie setzten sich in Bewegung. Gerald schritt als Erster selbstsicher auf die Gruppe von Tuareg-Männern zu, die sich vor den Frauen und Kindern zu deren Schutz aufgebaut hatten. Sie alle waren in den Tagelmoust gehüllt, die indigofarbene aufwendige Kopfbedeckung, die nur die Augen frei lässt.

Gerald wandte sich um und rief Max Chippendale zu sich.

»Max, sehen Sie den Kerl ganz vorn? Er gehört den Imashaghen, der herrschenden Klasse, an. Der Kleinere zu seiner Rechten ist der Anislem, der Priester. Auf den müssen wir aufpassen. Wenn es Ärger gibt, dann steckt er dahinter.«

Die Tuareg warteten geduldig, bis die fünf Soldaten näher kamen. Es waren sämtlich schlanke, hochgewachsene Gestalten mit den scharfen grauen Augen der Wüstenbewohner. Hinter den Imashaghen standen ihre Gefolgsleute, während sich ein paar schwarze Sklaven zusammen mit den Frauen und Kindern furchtsam bei den Hütten drängten. Wenn Geralds Schätzung zutraf, lebten in der Ansiedlung etwa einhundert Seelen und vielleicht dreißig Kamele.

Als die Soldaten auf die Oase zuschritten, spürten sie nach dem langen Aufenthalt in der Wüste sofort, wie die Luft sich veränderte. Zuvor ätzend und trocken, wurde sie nun feucht und sanft, schmeichelte ihren Lungen wie Balsam oder Öl von den Olivenbäumen, die am jenseitigen Ufer des kleinen Sees wuchsen. Gerald atmete tief durch. Er hatte nur wenige Augenblicke, um den Anführer der Tuareg zu überzeugen, dass sie in guter Absicht kamen. Kurz überschlug er, welchen Teil ihrer Rationen sie als Geschenk zum Zeichen ihres guten Willens entbehren konnten. Jeder der Tuareg-Männer trug ein kurzes Schwert an seinem linken Schenkel, und Gerald wusste, dass sie hervorragende Kämpfer waren, die auch mit dieser einfachen Waffe schreckliche Wirkungen erzielten. Außerdem notierte er bei sich, dass bei zwei der Imashaghen Gewehre, italienische Karabiner Carcano M91/38, hinter der Schulter hervorlugten.

Wenn es Ärger geben sollte, hatten er und seine Männer ihre Dienstpistolen und Teddy Clark, der das Browning-MG mit fester Hand zu führen verstand. Ein Massaker war das Letzte, was er sich wünschte. Wenn er die Wahl zwischen dem Leben eines seiner Soldaten und eines Angreifers hatte, dann wusste er, wofür er sich entschied. Aber er war sich nicht sicher, wie er weiter damit leben würde.

»Al-salam alaykum«, rief er den überall gültigen muslimischen Gruß und fügte auf Tamasheq hinzu: »Ma toulid?«

Der Mann in der Mitte, der seine Brüder weit überragte, musterte ihn unverwandt hinter seinem blauen Tuch. Er durchbohrte ihn förmlich mit seinen Augen, die weder nach links noch nach rechts abschweiften. Gerald stand stocksteif da und wartete auf eine Antwort.

Der Anislem, einen Koran demonstrativ in der rechten Hand, reckte sich zur Seite und flüsterte kurz etwas ins Ohr seines Herrn. Hinter Gerald waren die Soldaten zum Stehen gekommen. Er glaubte ihre Nervosität körperlich zu spüren, vielleicht war es aber auch nur seine eigene. Mit diesen Männern hatte er die aufregendsten Tage seines jungen Lebens verbracht. Sie hatten gemeinsam gekämpft, in denselben Sand gepisst, sich gegenseitig vor Fliegen geschützt und von Läusen gereinigt, waren gemeinsam auf der Suche nach Frauen ins Bordell gegangen. Wieder und wieder hatten sie zusammen die Wüste durchstreift und waren stets lebend zurückgekehrt.

Gerald wartete geduldig auf eine Antwort. Die Menschen in der Wüste lebten in einem fast zeitlosen Raum, wo sich von einem Jahr zum anderen, von einem Jahrhundert zum anderen kaum etwas veränderte. Kein Tuareg ließ sich von Fremden drängen. Schließlich aber fasste der Anführer einen Entschluss.

»Alaykum al-salam«, antwortete er. »Al-khayr ras, al-hamdu li’llah

Langsam und mit Unterbrechungen erklärte Gerald nun, wer er sei und woher er mit seinen Männern komme. »Min al-Qahira«, sagte er, »von Kairo.« Selbst hier, tief in der Wüste, war Kairo ein Begriff. Der Tuareg hörte gleichmütig zu. Sein Blick verriet weder Kälte noch Wärme. Die übrigen Imashaghen warteten ab. Keiner rührte sich vom Fleck oder hob auch nur die Hand, um die Fliegen zu verscheuchen, die sie umschwärmten. Das waren Kel Tamasheq, sie standen stramm wie Gardesoldaten und blickten ohne erkennbare Regung starr vor sich hin.

»Menschen haben dieses Land erreicht, die keine Freunde der Muslime sind«, erklärte Gerald. »Sie verachten die Araber, weil sie angeblich einer minderwertigen Rasse angehören, sie hassen die Schwarzen, weil sie keine weiße Haut haben, sie schauen auf die Berber, die Tibu und die Kel Tamasheq herab, weil sie auf Kamelen reiten. In meiner Sprache nennt man diese Leute die Deutschen. Mein Volk ist hierhergekommen, um Krieg gegen sie zu führen. Wenn sie den Krieg gewinnen, dann werden sie die Moscheen zerstören, die Gebildeten töten und alle Muslime zu Sklaven machen. Sie werden Soldaten in die Wüste schicken, eure Frauen und Kinder als Sklaven in ihr Land verschleppen, wo es immer dunkel und kalt ist.

Meine Landsleute sind keine Muslime, aber wir sind das größte Volk der Erde und waren immer Freunde der Muslime, wohin wir auch gingen. Wir sind gekommen, um mit euch zu sprechen. Wir brauchen eure Hilfe, um diesen Krieg zu führen, und wir bringen Geschenke zum Zeichen unserer Freundschaft.«

So redete er etwa zehn Minuten lang. Die Tuareg ließen nicht erkennen, was sie dachten. Vielleicht machten sie sich innerlich über ihn lustig. Oder überlegten, wie sie ihn töten könnten.

Der Anislem, ein gebildeter Mann, der den Koran und die Traditionen des Propheten in den Schulen von Timbuktu studiert hatte, musterte die Ungläubigen eingehend. Sein Rang war an den Ledertäschchen mit dem Koran und anderen heiligen Schriften zu erkennen, die er über seine Schultern geschlungen trug. In der linken Hand hielt er einen Rosenkranz aus Bernstein, dessen Kugeln er in seinen knorrigen Fingern drehte. Sein Name war Scheich Harun agg Da’ud. Er hatte viele Jahre unter den Kel Adrar in Ghadames weiter im Norden gelebt. Seit langem diente er den Menschen von Ain Suleiman, zelebrierte Hochzeiten, begrub die Toten, schrieb Koranverse, die als Amulette getragen wurden, und führte die alten Tifinagh-Schriften fort, die die Geheimnisse der Oase enthielten. In diesen Fremden sah er wie in den Italienern, denen er in Ghadames, und den Franzosen, denen er in Timbuktu begegnet war, eine Bedrohung seines Ansehens und seiner Autorität.

Als Gerald geendet hatte, bewahrte der Anführer eine Weile Schweigen. Gerüchte von dem Krieg im Norden waren bereits zu ihm gedrungen, aber er wusste nicht, wer dort gegen wen kämpfte, und das Ergebnis war ihm gleichgültig. Vielleicht sagte der Fremde die Wahrheit, vielleicht auch nicht. Immerhin war er ein Ungläubiger, der Erste, den er in seinem Leben sah.

Gerald flüsterte Leary zu, er möge mit Bill Donaldson zu den LKWs zurückgehen und ein paar Dinge als Geschenke bringen. Das Schweigen hielt an.

Die Männer waren mit einem Armvoll einfacher Dinge bald zurück. Die legten sie vor dem Anführer nieder. Gerald präsentierte die krude Mischung militärischer Habseligkeiten eine nach der anderen: zwei Paar Wüstensandalen indischen Ursprungs, die jeder Soldat trug, einen von den Deutschen erbeuteten Kanister, eine Sandbrille für den Anführer, den kleinen Wüstenherd aus Donaldsons Wagen, ein Zelt und ein paar von ihren Verpflegungsrationen.

Am Ende nahm Gerald seine eigene 38er Smith & Wesson ab und hielt sie dem Anführer samt Tasche und Halfter hin.

»Ich zeige dir, wie man sie lädt und damit schießt«, sagte er dabei.

Sein Gegenüber bewegte sich immer noch nicht. Selbst der ärmste Tuareg hatte seinen Stolz. Gerald musste warten. Auf den Dünen tanzten Sandschleier in einer leichten Brise. Die Palmen raschelten mit ihren Wedeln. Irgendwo schrie ein Baby. Es dürfte nicht schwer sein, den Ort mit Gewalt zu erobern, dachte Gerald. Auf jeden Chevvy waren zwei luftgekühlte 30er Browning-MGs montiert. Ein Kommandeur der Waffen-SS hätte sie sicher eingesetzt. Gerald betete inbrünstig, das nicht tun zu müssen.

Dann streckte der Anführer der Tuareg die Hand aus und nahm die Waffe entgegen.

»Danke«, sagte er. »Ich schätze das sehr. Wie auch alle anderen Geschenke.«

»Es wird mehr und bessere geben, wenn du uns hilfst.«

»Mein Name ist Si Musa agg Isa Iskakkghan. Ich herrsche über diese Oase. Du und deine Männer sind uns willkommen. Über die anderen Dinge reden wir später.«

In diesem Augenblick kam eine junge Frau, die sich bisher mit den anderen im Hintergrund gehalten hatte, nach vorn gelaufen. Sie war sichtlich erregt, und als Gerald genauer hinsah, bemerkte er, dass dies auch auf die anderen Frauen zutraf.

»Si Musa!«, rief sie. »Frag die Fremden, ob sie Medizin bei sich haben. Vielleicht wissen sie, wie man unseren Sohn retten kann.«

Musa wandte sich nicht nach ihr um. Die Frau war dunkelhäutig und schön, hatte blendend weiße Zähne und große Augen, die vom Weinen gerötet waren.

»Geh zu den Frauen zurück, A’isha«, sagte ihr Ehemann. »Scheich Harun hat für unser Kind gebetet. Er wird es später wieder tun. Wenn Gott will, wird Yaqub am Leben bleiben. Wenn nicht, wird er sterben.«

Aber A’isha rührte sich nicht vom Fleck.

»Lass die Fremden ihre Macht ausprobieren, Si Musa. Wenn unser Kind überlebt, dann zeigt uns Gott damit, dass man ihnen trauen kann. Wenn es stirbt …«, sagte sie mit einem Seufzer, »dann müssen sie wieder gehen.«

In einer der Hütten schrie das Kind noch lauter. Das schwindende Licht legte einen purpurroten Schleier über die Oase. In der Ferne schimmerte der Sand und malte Trugbilder von Schlössern mit Zinnen und Türmen an den Horizont.

Si Musa, der wie seine Frau innerlich um seinen Sohn und Erben bangte, gab schließlich nach. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging, gefolgt von seiner Frau, in die Oase hinein. Gerald gab Donaldson ein Zeichen. Der war nicht nur der Navigator und einer der Fahrer der Truppe, sondern auch ihr Arzt. Der Schotte studierte gerade in Edinburgh Medizin, als der Krieg ausbrach.

»Was ist, Chef?«, fragte er.

»Holen Sie die Erste-Hilfe-Tasche, Bill. Machen Sie schnell. Ihr Kind ist krank.«

In der Hütte des Anführers brauchte Donaldson nur Sekunden, um seine Diagnose zu stellen. Mit dem Einbruch der Dunkelheit kühlte die Luft ab, aber ihm stand der Schweiß auf der Stirn.

»Tetanus«, verkündete er. »Ziemlich fortgeschritten, wie es aussieht. Verkrampfte Kiefer, und das Kind ist abgemagert. Fragen Sie die Mutter, wie lange es diese Wunde schon hat.«

Er wies auf einen langen, nicht verheilten Schnitt am Unterarm des Jungen. Er war rot und geschwollen. Das Kind, das zwischen eineinhalb und zwei Jahre alt zu sein schien, hatte daran gekratzt und damit die Sache noch verschlimmert.

Gerald fragte, aber keiner konnte die Zeit exakt bestimmen. In der Wüste zählte man die Jahreszeiten und die Jahre, vielleicht noch die Monate. Tage und Wochen interessierten niemanden.

Der heilige Mann hatte sich hereingeschlichen und beobachtete aus einer Ecke des Raumes die Szene. Vor allem ließ er das sterbende Kind nicht aus den Augen. Er murmelte etwas vor sich hin. Ob es ein Gebet oder ein Fluch war, konnte Gerald nicht ausmachen.

Donaldson packte ein Fläschchen mit Gegengift aus und gab dem Kind eine Spritze in den Arm. Die Mutter, die schon alle Hoffnung verloren hatte, protestierte nicht. Si Musa agg Isa beobachtete den Priester, als suchte er herauszufinden, was im Kopf des alten Mannes vorging.

 

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