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Die verbotene Pforte

Als Ravensburger E-Book erschienen 2013

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH.

© 2013 Ravensburger Buchverlag
Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Dieser Sammelband enthält die drei Einzelbände:
»Reise nach Yndalamor« (erstmals erschienen 2007)
»Im Land der Tajumeeren« (erstmals erschienen 2007)
»Das Königreich der Kitsune« (erstmals erschienen 2008)
© 2007 und 2008 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Umschlaggestaltung: Anne Seele unter Verwendung einer Illustration von Helge Vogt

ISBN 978-473-47276-5

www.ravensburger.de

TEIL I
DIE REISE NACH YNDALAMOR

DAS GESETZ DER TAVERNE

Niemand bringt eigenes Essen mit. Schon gar nicht Essen, das sagen kann, wo es wohnt.

Keine magischen Duelle, keine Verfluchungen. Falls doch: Wanja zeigt euch gerne eure Tür.

Im Interesse der eigenen Sicherheit: Keine Witze über den Stammtisch der Schicksalsfrauen, Vegetarier oder unsere Katze. Wer über Wanja Witze macht, hat es nicht anders gewollt.

Gegen Witze über Elfen kann ich nichts machen. Wer solche Ohren hat, braucht sich nicht zu beschweren.

Achtung, Dämonen und Hexen: Es werden hier keine Kinder geopfert. Es werden keine Erwachsenen geopfert. Es wird gar nichts geopfert, außer vielleicht der letzte Dalar, um die Schankschulden zu bezahlen. (Wir verstehen uns, Baba Jaga?)

Banshees und Sirenen sind von den Karaoke-Wettbewerben ausgeschlossen.

Draußen bleiben: Tiere, die beißen, spucken, stechen. Tiere mit magischen Fähigkeiten. Alle anderen Tiere. Leute, die sich in Tiere verwandeln können, betreten die Taverne gefälligst in ihrer zivilisierten Gestalt. Es sei denn, das Tier IST ihre zivilisierte Gestalt.

Wer die Katze quält, den wird Wanja quälen.

Seit der Sache mit Fairy-Sam gibt es neue Türen-Regeln: Eine kaputte Tür kostet 18 Dupeten, ein kaputtes Schloss 4 Dupeten. Zu zahlen an Wanja. Persönlich.

Hausverbot haben: alle Elfen. Welche Überraschung!

Costas H. Dopoulos

HINTER DER MAUER

Die Dämonen hatten eine Torte bestellt. Sie hatte nicht viel mit den rosa eingefärbten Marzipan- und Sahne-Kolossen zu tun, wie die Schicksalsfrauen sie gerne für ihre Patenkinder in Auftrag gaben. Das Ungetüm, dem Dopoulos gerade den letzten Schliff gab, erinnerte eher an einen verkohlten Berg. Die Sahne darauf war mit Pfeffer und getrockneter Oktopustinte dunkel eingefärbt.

»Gib mir eine Zierschnur, Tobbs!«, brummte Dopoulos. »Eine müsste noch im Karton sein.« Tobbs ließ sich auf den Knien neben der großen Kiste nieder, die unter dem Tisch stand. Alles Mögliche fand sich darin: Marzipankugeln, Zuckerperlen und »Spinnenschleier« aus Salzwurzelsirup, die man malerisch über Gebäck und Kuchen breiten konnte. Und natürlich auch jede Menge Kerzen. In Dopoulos’ Taverne wurde oft Geburtstag gefeiert, auch wenn die meisten Geburtstagskinder nach den ersten hundert Jahren die Lust daran verloren. Manche der Kerzen sahen aus wie Eiszapfen, andere waren unscheinbare Bündel gelblicher Stangen. Tobbs beugte sich tief über die Kiste und suchte nach den auffälligen glutroten Kerzen, die der Wirt erst vor einigen Tagen unter den Sirupnetzen versteckt hatte. Sein Herz machte einen freudigen Satz, als er sah, dass die Kerzen verschwunden waren.

»Schlägst du da unten Wurzeln?«, rief Dopoulos.

Tobbs griff sich die Zierschnur und schoss mit hochrotem Kopf nach oben. Dopoulos sah ihn scharf an.

»Was grinst du denn wie ein betrunkener Schnapsgeist?«

»Hier ist sie!«, rief Tobbs statt einer Antwort und hielt dem Wirt die Schnur hin. »Aber sie ist rot-weiß geringelt – sieht aus wie eine Zündschnur, oder?«

Dopoulos zuckte mit den Schultern. »Das ist die einzige, die wir noch haben. Na, für heute lass uns hoffen, dass die Dämonen nicht etwas Ähnliches denken und ein paar Tricks damit versuchen.« Er seufzte und legte seine Stirn in Falten. »Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich schlage drei Kreuze, wenn diese Veranstaltung vorbei ist.« Seine Halbglatze glänzte im Licht der Öllampen und seine dicken Finger zitterten, während er versuchte, die Schnur möglichst dekorativ an der Torte anzubringen.

»Das wird bestimmt aufregend!«, erwiderte Tobbs gut gelaunt. »Wanja hat erzählt, dass die Dämonenfrauen sehr gut tanzen können.«

»Ja, und dabei beißen sie dir den Kopf ab«, brummte der Wirt. »Also, sei höflich und halte dich fern von der Braut. Ich habe keine Lust, mir einen neuen Schankjungen zu suchen. Und sag Wanja, sie soll dir endlich mal das Haar schneiden – so ein magerer, schlaksiger Kerl und so viele Haare! Du siehst aus wie ein Pony. Ein Wunder, dass du überhaupt noch etwas siehst.«

Tobbs strich sich die schwarzen glatten Strähnen aus der Stirn. Die nächste Frage lag ihm bereits auf der Zunge, aber er befolgte Wanjas Rat und zählte, statt zu fragen, langsam bis zwanzig. Es gab Tage, da konnte man Dopoulos fast alles sagen, und Tage, da brodelte unter der scheinbar so ruhigen Oberfläche ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen konnte. Wenn Dopoulos’ Augenringe so dunkel waren wie heute und seine Augen so verschwollen von der durchwachten Nacht, dann war Vulkantag, und es war besser, ihm nicht zu widersprechen. Siebzehn … achtzehn … neunzehn …, zählte Tobbs in Gedanken, doch die Frage, die wichtigste Frage von allen, ließ sich nicht mit Zählspielchen einschläfern. Schließlich konnte Tobbs nicht länger widerstehen.

»Und nach der Hochzeit …«, platzte er heraus, »also morgen, meine ich, dann feiern wir …«

»… deinen Geburtstag, jaja«, knurrte Dopoulos.

»Und dann erzählst du mir alles, was du herausgefunden hast über …«

»… die Leute, die dich damals hier vergessen haben, jaja.«

»Wanja und du, ihr wart deswegen letzte Woche so lange in der Stadt, nicht wahr? Ihr habt nachgeforscht!«

Dopoulos gab keine Antwort. Vielleicht hatte er die Frage tatsächlich nicht gehört, viel wahrscheinlicher war jedoch, dass er sich wieder einmal taub stellte.

»Den dreizehnten, stimmt’s?«, bohrte Tobbs weiter. »Ich werde dreizehn. Oder nicht?«

Dopoulos drückte die Zündschnur tiefer in die Sahne. »Wenn es dir wichtig ist – ja. Wahrscheinlich. Vermutlich. Wer weiß das schon so genau. Jedenfalls siehst du aus wie jemand, der dreizehn Jahre alt ist. Bisschen mickrig vielleicht, aber trotzdem.«

»Aber du hast doch gesagt …«

»Jaja. Aber du weißt ja, wie es hier in unserer Taverne ist. Eine Nacht kann ein Jahr sein und ein Jahr ein Tag. Hier verläuft die Zeit nicht immer so wie an anderen Orten. Erinnerst du dich noch an Muttke Pillepie?«

Tobbs nickte eifrig. »Sie kam am Sonntag in die Taverne und war zwanzig Jahre alt – und am Montag kam sie wieder – und da war sie plötzlich eine alte Frau. Sie sagte, sie sei fünfzig Jahre nicht in der Taverne gewesen, und fragte mich, ob ich Tobbs’ Enkel sei.«

»Siehst du, genau das meine ich.«

»Aber Muttke kam durch eine der magischen Türen. Hier in unserem Land und in der Taverne ist immer dieselbe Zeit und …«

»Hör mal, Schankjunge«, unterbrach ihn Dopoulos ungeduldig. »Geh doch mal raus und sieh nach, wie weit Wanja mit dem Gaul ist. Geburtstag ist Geburtstag und Hochzeit Hochzeit. Und jetzt kommt erst einmal die Hochzeit. Wir müssen anfangen, den Gastraum herzurichten. Tische rücken, Stühle aus dem Keller holen, Lampions aufhängen und so weiter. Na los, geh, geh, geh!« Er fuchtelte mit seiner riesigen Hand in der Luft herum. Ein Sahneklecks landete auf Tobbs’ Handrücken. Tobbs leckte ihn ab. Beißender Pfeffergeschmack trieb ihm die Tränen in die Augen.

»Ach, und stell im Nebenraum das Warnschild für die Todesfeen auf«, fügte Dopoulos hinzu. »Sie sollten wissen, dass es heute Abend vielleicht knallen wird. Schließlich wollen wir nicht, dass am Montag die Leute tot von den Stühlen fallen, nur weil die Todesfeen in meiner Taverne am Sonntag aus dem Kreischen nicht mehr rausgekommen sind.«

Tobbs schluckte seine Enttäuschung mit der Pfeffersahne hinunter, nickte und machte sich auf den Weg. Er musste sich beeilen, denn von der Konditorküche bis zum großen Wirtsraum war es eine ordentliche Strecke, genauer gesagt vier Gänge, drei schmale Flure und der erste kleine Wirtsraum, der meistens für den Stammtisch der Schicksalsfrauen reserviert war. Tobbs hatte sich schon oft gefragt, was sich der Erbauer des Wirtshauses wohl dabei gedacht hatte, mehr Gänge als Räume anzulegen. Und jedes Jahr schienen noch mehr Gänge dazuzukommen, aber Tobbs wusste natürlich, dass es eine Täuschung war. Tatsächlich wurden es nur mehr Türen – alleine zwanzig befanden sich im ersten Flur. Von innen sahen sie unscheinbar aus. Nur die Türglocken klangen unterschiedlich und verrieten, wer an der Tür war. Götter aus dem Land Yndalamor kündigten sich durch das Klingeln von Opferglöckchen an. Standen die Dämonen aus dem Olitai-Gebirge vor der Tür, erklang Donnergrollen. Für die Sylvanier hatte Dopoulos eine Klingel mit einem Fledermausschrei angebracht und für die Leute aus Wanjas Heimat Kasatschok-Musik. Es gab Abende, da hörte sich der Lärm im Gang an wie das ohrenbetäubende Konzert einer verrückten Band, begleitet von Heulen, Schreien, Kreischen und Wolfsgeheul. Doch die Bewohner der Länder vor den Türen konnten klingeln, so viel sie wollten – solange Dopoulos sie nicht in seine Taverne ließ, blieben sie, wo sie waren.

Die Tür, durch die in wenigen Stunden die Dämonen des Olitai-Gebirges eintreten würden, befand sich am Ende des Flurs. Die Türzarge trug die Spuren von Feuer und Ruß. Tobbs schauderte, als er daran vorbeirannte. Eine Dämonenhochzeit! Noch nie hatte es so etwas in der Taverne gegeben. Tobbs stürmte in den nächsten Flur und durch den kleinen Wirtsraum, bis er endlich den Hintereingang der Taverne erreichte, der in den Hof führte. Als er das blonde Mädchen sah, das dort stand, war es bereits zu spät, noch umzukehren.

»Hallo, Tobbs!«

Tobbs blieb stehen und räusperte sich. »Guten Tag, Anguana. Ich hab’s eilig. Ich muss zu Wanja …«

Er machte Anstalten, an ihr vorbeizueilen, doch Anguana trat wie beiläufig einen Schritt zur Seite und schnitt ihm den Weg ab. Jetzt erst bemerkte er, dass sie etwas in den Händen hielt, so behutsam, als würde sie im Käfig ihrer hohlen Hände einen Schmetterling bergen. Ihre Augen strahlten so hell wie blaue Eiskerzen.

»Ich … wollte dir gratulieren«, flüsterte sie. »Du hast heute Geburtstag. Wanja hat es mir erzählt. Herzlichen Glückwunsch.« Tobbs seufzte und rang sich ein Lächeln ab.

»Danke. Das ist … wirklich nett von dir. Und jetzt muss ich aber …«

Er verstummte, als sie die Hände ausstreckte und einen Schritt auf ihn zutrat. Ihr langer blauer Rock schleifte über den Boden. Auch heute konnte Tobbs es sich nicht verkneifen, einen verstohlenen Blick auf den Saum zu werfen, über den Anguana so oft stolperte. Jeder in der Taverne wusste, was sich darunter verbarg – aber jeder, dem sein Glück lieb war, würde sich davor hüten, Anguana zu verspotten. Warum auch? Im Grunde war sie einfach nur ein nettes Mädchen – und, wenn man es genau nahm, sogar hübsch. Wenn sie nur nicht jedes Mal so große, ängstliche Augen bekäme, sobald Tobbs ihr über den Weg lief! Und das passierte nicht gerade selten. Seit einigen Tagen hatte Tobbs das Gefühl, dass er kaum einen Schritt machen konnte, ohne dass Anguana wie durch Zauberei neben oder hinter ihm auftauchte und versuchte, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Dabei lief sie jedes Mal rot an und begann zu stottern. Tobbs wusste, dass Anguana aus keinem der Türenländer stammte, sondern aus den Bergen südlich der Stadt kam. Und er wusste auch, dass die Menschen dort Wesen wie sie entweder sehr liebten oder sehr hassten. Tobbs liebte sie nicht und hasste sie nicht – sie ging ihm nur auf die Nerven.

»Du weißt, dass es Glück bringt, wenn … jemand wie ich einen Glückwunsch ausspricht?«, fragte sie leise.

Tobbs fuhr sich nervös durch das Haar. »Ja … danke. Glück kann ich immer gebrauchen.«

»Du hast es nun«, sagte Anguana ernst. »Verschwende es nicht. Das hier ist Anguanas besonderes Geschenk.« Vorsichtig klappte sie die Hände auseinander. Tobbs blickte Hilfe suchend über ihre Schulter.

Auf dem Hof stand Wanja in ihrer ledernen Schmiedeschürze und beschlug ein Pferd. Doch sie machte keine Anstalten, Tobbs beizustehen, stattdessen zuckte sie nur die Schultern und beugte sich wieder über den Huf, den sie gerade für das Eisen zurechtschnitt.

Tobbs seufzte und sah sich endlich das weiße Ding in Anguanas Händen an.

»Oh … danke«, sagte er und versuchte, erfreut auszusehen. »Das ist ein schöner … äh … Spinnenkokon?«

Anguana lächelte geheimnisvoll. »Schau doch hinein!« Vorsichtig ließ sie das seltsame Geschenk auf Tobbs’ Handfläche rollen.

Tobbs hielt sich den Kokon vor die Nase und drehte ihn hin und her. »Da ist ein blauer Faden drin.«

»Garn!«, rief Anguana. »Garn, das niemals ausgeht! Ich habe es selbst gesponnen. Da, wo ich herkomme, ist es das Schönste, was ein Mensch bekommen kann. Freust du dich?«

Tobbs gab sich geschlagen und schenkte ihr das Lächeln, auf das sie so lange gewartet hatte.

»Ja, sicher«, sagte er. »Es ist sehr … äh … nützlich. Danke!«

Endlich richtete sich Wanja auf und winkte ihn zu sich heran.

»He, Tobbs! Komm mal her, ich brauche deine Hilfe. Entschuldige, Anguana. Wir haben es heute eilig.«

Anguana zuckte zusammen. »Natürlich«, murmelte sie. »Wir sehen uns bestimmt später noch.« Und mit einem Mut, den Tobbs ihr nie zugetraut hätte, umarmte sie ihn zum Abschied und rannte durch die Hintertür ins Wirtshaus. Verdutzt sah Tobbs ihr nach. Auf dem schlammigen Boden, der von den Regenfällen der letzten Tage durchweicht war, zeichneten sich Anguanas Fußspuren ab: ein Menschenfuß und – daneben, ganz klein und irgendwie verschämt – der Abdruck eines Ziegenhufs.

Wanjas Lachen riss Tobbs aus seinen Gedanken. »Nun mach doch nicht so ein Gesicht, nur weil ein Mädchen dir etwas geschenkt hat. Nicht jedem wünscht Anguana Glück! Komm her, du kannst mir die Feile reichen.«

Tobbs schob den kleinen Kokon in seine Jackentasche und ging in respektvollem Abstand um das Pferd herum. Das Tier war rot wie dunkles Blut und hatte eine Mähne, die golden glänzte. Und gemeine Augen. Tobbs fühlte sich in der Gegenwart von Pferden nie besonders wohl, aber dieses hier schien nicht nur viel zu groß, sondern auch niederträchtig zu sein. Es beobachtete ihn aus kleinen, funkelnden Drachenaugen. Tobbs war sich ziemlich sicher, dass es insgeheim boshaft in sich hineingrinste. Langsam beugte er sich zu der Feile hinunter, die auf einem Holzbrett lag. Und ebenso langsam, wie er sich dann wieder aufrichtete, legte das Pferd die Ohren an und zeigte ihm mit einem launischen Grinsen sein gelbes Gebiss.

»Wo bleibt die Feile, Tobbs!«, kam Wanjas ungeduldige Stimme aus der Schweifgegend. Tobbs umrundete das Tier ein zweites Mal, diesmal in der anderen Richtung in einem noch größeren Bogen. Das Pferd schielte ihm hinterher und schätzte offenbar die Entfernung zwischen seinem Hinterhuf und Tobbs’ Knie genau ab. Anscheinend wusste es sehr genau, dass Tobbs ihm nahe kommen musste, um Wanja das Werkzeug zu reichen.

Tobbs blieb stehen. »Weißt du was, Wanja?«, rief er. »Ich bleib hier. Fang auf!«

Jeder andere hätte sich mit einem Entsetzensschrei vor der heransausenden Feile in Sicherheit gebracht, aber Wanja fischte das Werkzeug so ruhig aus der Luft, als wäre es ein Spielball.

»Na vielen Dank«, murrte sie. »Hast du etwa Angst vor Rubin? Du solltest dich mit ihm vertragen, er bleibt bei uns. Je eher ihr euch aneinander gewöhnt, desto besser.«

Das Pferd schenkte ihm ein zähnefletschendes Gähnen. Tobbs schluckte. Vielleicht hieß das Fletschen so viel wie: »Ich kann warten«?

Wanja stützte sich auf den Pferderücken auf wie auf ein Fensterbrett und lächelte Tobbs voller Besitzerstolz zu.

»Guter Kauf, was? So hübsch, als wäre er direkt von einem der Lackdöschen gesprungen, die mit Pferden bemalt sind. Und er ist so stark, dass er eine Ladung Weinfässer ohne Mühe vom Taldorf zur Taverne tragen kann!«

Sie strahlte über das ganze sommersprossige Gesicht. Braune Locken fielen ihr über die muskulösen Schultern. Wanja sah so aus, wie Tobbs sich die Dämonenfrauen aus dem Süden des kargen Olitai-Gebirges vorstellte – stark und schrecklich und auf seltsame Weise schön.

»Bisher haben wir doch auch kein Pferd gebraucht«, wandte er lahm ein. Die Vorstellung, diesem Ungetüm jeden Tag begegnen zu müssen, war ungefähr so verlockend wie die Aussicht auf Pfeffersahne zum Frühstück.

Wanjas Augen blitzten auf.

»Etwas zu brauchen ist die eine Sache«, antwortete sie verschmitzt. »Aber etwas zu wollen eine ganz andere. Und darum geht es letztendlich. Alles geschieht, weil wir etwas wollen – und nur selten dann, wenn wir etwas nur brauchen.«

Sie lachte und bückte sich wieder nach dem Huf.

Tobbs seufzte tief. Das Gefühl der Leere war wieder da – und die Unruhe, die ihn seit Wochen immer wieder ohne Vorwarnung überfiel. Oh ja, er verstand Wanjas Worte, sie waren wie für ihn gemacht. Denn Tobbs wollte etwas, er wollte etwas so sehr, dass er manchmal glaubte, verrückt zu werden, so sehr drehten sich all seine Gedanken darum. Er sehnte sich danach zu wissen, woher er kam. Und gleichzeitig fürchtete er sich davor – jetzt, da dieses Ziel nur noch einige Stunden entfernt war.

»Freust du dich schon auf die Feier?«, kam Wanjas Stimme hinter dem Pferd hervor.

»Und wie!«, rief Tobbs. »Natürlich! Dopoulos hat schon die Kerzen für meine Geburtstagstorte …«

»Nicht der Geburtstag!«, gab Wanja ungeduldig zurück. »Die Hochzeit meine ich!«

Tobbs seufzte wieder. Wollte denn heute niemand außer Anguana über seinen Geburtstag sprechen?

»Früher bin ich oft mit den Dämonen tanzen gegangen«, sagte Wanja. »Als ich jünger war. Richtig schöne Feste waren das! Mitten im Winter, auf der Spitze eines vereisten Berges. Oh, gute Pferde brauchte man, um dort hinaufzugelangen. Mit geschärften Hufeisen aus den Kronen gefallener Könige …«

»Dopoulos sagt, wir sollen die Tische aufbauen«, unterbrach Tobbs sie grob. Wenn Wanja nicht über seinen Geburtstag reden wollte, hatte er auch keine Lust, sich ihre Geschichten über Dämonenfeste anzuhören. Wanjas verträumtes Lächeln verschwand schlagartig.

»Dopoulos, Dopoulos!«, rief sie ärgerlich. »Meine Güte, immer das gleiche Theater, weil er denkt, wir werden nicht rechtzeitig fertig. Dabei haben wir doch noch Stunden Zeit!« Sie kam auf Tobbs zu, beugte sich zu ihm hinunter und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Und für dich haben wir heute sogar eine besondere Aufgabe«, sagte sie mit einem schelmischen Grinsen. »Du kümmerst dich um den Kindertisch.«

»Was?«

»Hat Dopoulos es dir noch nicht gesagt? Die Dämonen haben einen kleinen Zusatztisch bestellt.« Sie lächelte ihm aufmunternd zu. »Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dämonenkinder sehen ihren Eltern überhaupt nicht ähnlich. Das kommt erst viel später. Am Anfang sind sie alle hübsche kleine Engel. Allerdings sind sie hübsche kleine Engel, die nur Unsinn im Kopf haben. Du solltest ein Auge auf sie haben.«

Tobbs verzog den Mund. Na wunderbar! Er würde also seinen dreizehnten Geburtstag damit verbringen, auf die Gören der dämonischen Gäste aufzupassen.

»Kopf hoch, Junge!«, sagte Wanja und nahm endlich die Hand von seiner Schulter. »Das wird die Hochzeit des Jahrhunderts!«

Der Saal konnte sich sehen lassen. Die Tische und Stühle waren mit Flechtwerk verziert – Steinranken und Wüstenröschen. Lampions aus hauchfeinen Salzkristallschalen verströmten heimeliges Licht.

»So«, sagte Dopoulos und blickte sich zufrieden um. »Das hätten wir geschafft, nun ist alles bereit. Und wir können uns sogar noch ein wenig ausruhen, bevor der Trubel beginnt.«

»Fast alles«, bemerkte Wanja. »Tobbs und du, ihr müsst noch die Schilder an die Türen hängen.«

Dopoulos klatschte sich mit der Hand an die Stirn. »Natürlich. Gut, dass du mich daran erinnerst.«

Wenig später stand Tobbs mit ihm in einem der vielen Flure. Unzählige Schlüssel klapperten an einem schweren Eisenring, den Dopoulos stets bei sich trug. Tobbs bewunderte den Wirt dafür, wie schnell er, ohne hinzusehen, den passenden Schlüssel für die jeweilige Tür herausfischen konnte. Die Schlüssel sahen nur auf den ersten Blick alle gleich aus, denn Dopoulos hatte jeden einzelnen mit Kerben und Kratzern markiert und erfühlte so geschickt wie ein Blinder den richtigen.

Tür für Tür schloss er nun auf und öffnete sie. Dann reichte Tobbs ihm ein Schild mit der Aufschrift »Heute geschlossene Gesellschaft«, das der Wirt an Haken, Nägel oder Äste an die Außenseiten der Türen hängte, bevor er sorgfältig wieder abschloss und noch einmal, um sicherzugehen, an den Türklinken rüttelte. Bei jeder Tür reckte Tobbs den Hals und warf einen Blick in eines der Länder. Immer noch lief ihm dabei ein Schauder über den Rücken.

Noch nie hatte er allein eine der Türen durchschritten, aber er wusste von seinen kurzen Ausflügen mit Wanja, dass das Wirtshaus in jedem Land anders aussah. Und durch jede Tür blickte er nun in ein anderes Land: Hinter der Tür zu Sylvanien führte ein mondbeschienener Weg zu den schwarzen Silhouetten spitzer Berge. Die Tür zum Land der Tajumeeren öffnete sich zu einem in der Sonne gleißenden Sandstrand. Wenn Tobbs sich vorbeugte, konnte er erkennen, dass die Tür von außen über und über mit Muscheln bewachsen war. Dopoulos hängte das Schild an den Arm eines Seesterns. Und so ging es weiter – von Land zu Land und von Tür zu Tür.

An der Tür zu Yndalamor ging Dopoulos jedoch vorbei.

»Warum hängst du hier kein Schild auf?«, rief Tobbs dem Wirt hinterher.

Dopoulos winkte ab. »Was ist, wenn Kali ihren Tee trinken möchte?«, knurrte er. »Soll ich sie etwa aussperren?«

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie alle Türen abgegangen waren – nur die Tür zu Gwinnydell blieb verschlossen, obwohl jemand auf der anderen Seite beharrlich gegen das Holz hämmerte und wüst lamentierend Vermutungen über den zweifelhaften Lebenswandel von Dopoulos’ Mutter anstellte.

»Gib es endlich auf, Sam!«, rief Dopoulos im Vorübergehen. Einen Augenblick war Stille, dann prasselte ein ganzer Hagel von Schimpfworten gegen die Tür. Dopoulos schüttelte nur den Kopf und brummte etwas von »Elfengesocks«.

Schließlich gelangten sie zu dem Gang, der zu den Schlafräumen führte. Tobbs schlief im alten Gesindezimmer auf der Ofenbank, direkt unter dem knarrenden Dach. Dopoulos’ Bett stand in dem größeren Raum daneben, aber jeder wusste, dass er es nicht benutzte. Dopoulos schlief nie. Er nickte höchstens im Sitzen ein, um nach einigen Augenblicken wieder aufzuschrecken und zu lauschen, als würde er etwas Schlimmes erwarten.

Wenn Tobbs nachts wach lag, hörte er, wie der Wirt durch die Gänge streifte. Nacht für Nacht drehte Dopoulos seine Runde mit dem großen Schlüsselbund, rüttelte an den Schlössern und prüfte, ob sein Wirtshaus gut verschlossen war. Er wusste nicht, dass Tobbs ihm seit einiger Zeit nachschlich. Und er wusste auch nicht, dass Tobbs wusste, dass der Wirt immer an einer bestimmten Stelle des Flurs stehen blieb.

Tobbs vermutete, dass sich dort früher einmal eine Tür befunden hatte. Die Stelle lag an der Kellertreppe und sah aus, als wäre hier vor langer Zeit ein Durchgang einfach in die Mauer gebrochen und später wieder zugemauert worden. Oft schlich Dopoulos auch tagsüber dorthin. Dann legte er sein großes Ohr an den Stein und lauschte besorgt. Nach einer Weile seufzte er und schlurfte davon.

Manchmal wagte sich auch Tobbs zu dieser zugemauerten Tür vor und legte dort ebenfalls sein Ohr an den kalten Stein. Das Geräusch, das er dann hörte, jagte ihm jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Es hörte sich an wie Krallen und Klauen. Sie kratzten mit einer Beharrlichkeit, die an Mordlust grenzte, als wollten sie sich ins Wirtshaus durchgraben.

Kein Zweifel: Jemand wollte herein. Und es war sicher niemand, dem Tobbs im Dunkeln begegnen wollte.

DÄMONENHOCHZEIT

Tobbs musste eingenickt sein. Sein Gesicht lag in das Lammfell auf seiner Bettstatt geschmiegt – und jetzt spürte er Schnurrhaare über seine Wange streichen.

Er blinzelte und schlug die Augen auf. Im Mondlicht, das durch die schmale Fensterluke des Gesinderaums drang, leuchteten Nekis Augen. Die Wirtshauskatze maunzte und gähnte herzhaft. Ihr langer Schwanz strich über Tobbs’ Hand.

»Oh nein, habe ich etwa verschlafen?«, murmelte Tobbs. Neki maunzte wieder und sprang von der Ofenbank. Es gab ein dumpfes Geräusch, als wäre ein schwerer Kartoffelsack auf den Boden gefallen. Tobbs hörte stampfende Pfoten. Neki war tatsächlich die einzige Katze, die stampfte. Mit ihrem Gewicht blieb ihr auch nichts anderes übrig.

Tobbs schoss hoch und fuhr sich durch die Haare. Im Dunkeln sprang er von der Ofenbank und rannte zu dem Stuhl, auf dem seine graue Wolljacke lag. Die Umrisse seiner Holzfiguren zeichneten sich vor der Wand ab. Tobbs wusste genau, welche Figur an welcher Stelle stand. Es waren immer zwei Figuren – Paare. An den Abenden, an denen Tobbs darüber nachgrübelte, wo seine Eltern sein könnten, schnitzte er sie. Mal waren es Tajumeeren, mal Sylvanier, Rusaner, Tobiten oder Menschen aus ganz anderen Ländern. Wann immer Wanja in einem der Türenländer auf Reisen war, brachte sie ihm ein kleines Souvenir mit: ein kleines Stück Stoff für die Kleider, eine Muschel für den Kopfschmuck des Tajumeeren-Mannes oder eine kleine Harpunenspitze für dessen Frau. Zweiundvierzig Figuren waren im Laufe seines Lebens entstanden und Tobbs liebte sie so sehr, als seien sie lebendige Menschen. In gewisser Weise waren sie das auch: seine hölzerne Familie. Umso aufgeregter war er bei dem Gedanken, dass er morgen endlich erfahren würde, welche zwei Figuren ganz und gar zu ihm gehörten. Im Hinausgehen streckte er die Hand aus, strich kurz über die beiden in schwarzen Filz gehüllten Holzfiguren aus Tinadin und huschte aus seinem Zimmer.

In der Küche herrschte bereits Betrieb, die dröhnenden Stimmen der Köche hallten in den Fluren. Im großen Festsaal standen drei Mädchen, die Dopoulos als Aushilfen aus der Stadt geholt hatte, und hörten sich die letzten Anweisungen des Wirtes an.

»Den Dämonen auf gar keinen Fall in die Augen schauen«, sagte er mit Nachdruck. »Keine Diskussionen mit den Dämonenfrauen zum Thema Leben, Tod und Liebe. Und bitte: keine Wetten! Die richtige Anrede für die Herrschaften Dämonen lautet: ›Ihro Olitai‹, am besten verbunden mit einem sehr höflichen ›Sehr wohl‹ oder ›Natürlich sofort‹. Und vergesst nicht: Keinesfalls zum Tanz auffordern lassen. Verstanden?«

Die Mädchen kicherten und nickten. Dopoulos seufzte und sah sich nach Tobbs um. Tobbs konnte sich keinen Reim darauf machen, woher der Wirt immer genau wusste, ob sein Schankjunge in der Nähe war.

»Ah! Da bist du ja! Da drüben steht dein Tisch. Auch für dich gilt: keine Wetten, kein Tanz und weg von der Braut! Ansonsten pass einfach gut auf, dass sich niemand aus dem Raum schleicht und irgendwelche Dummheiten anstellt.«

Tobbs warf einen wenig begeisterten Blick zum Kindertisch. »Ich habe schon verstanden!«, entgegnete er. Neki war herangeschnurrt und strich an seinen Beinen entlang. Ihr herzförmiges Gesicht grinste zu ihm herauf. Das Fell der großen Katze war dreifarbig – rot und weiß und schwarz – und über Augen und Nase hatte sie einen Fleck, der wie eine schwarze Maske wirkte. Gerade wollte Tobbs sich zu ihr hinunterbeugen, als ein Donnerschlag den Raum erschütterte. Dopoulos klatschte nervös in die Hände und griff nach seinem Schlüsselbund. »Die Dämonen sind hier!«, rief er. »Es geht los!«

Tobbs stand hinter einem der Stühle am Kindertisch und hielt sich an der Lehne fest. Er hatte schon den einen oder anderen Dämon gesehen, aber der Anblick, der sich ihm nun bot, machte ihn schwindlig.

Die Braut trug ein Gewand aus grünem Schlangenleder, das an manchen Stellen mit ihrer Haut verwachsen schien. Gefahr umhüllte sie wie ein schimmernder Schleier.

Ihr Kopf war kahl und ihre grünen Augen hatten keine Pupillen, dennoch war sie schöner als alle Frauen, die Tobbs je gesehen hatte. Der Bräutigam hatte einen Wolfskopf und trug an seinem Gürtel ein schrecklich anzusehendes Richtschwert.

Das Rauschen von Schwingen erfüllte den Saal, als sich einige geflügelte Dämonenfrauen ganz am Ende des Tisches niederließen. Mehrere Hunde sprangen auf die Stühle und verwandelten sich dort in finster dreinblickende Kreaturen, halb Mensch, halb Tier.

Dopoulos verbeugte sich tief vor einem Ritter, der eine Schlange in der rechten Hand hielt. Plötzlich verformte sich das Reptil, bekam Beine und Arme und wurde zu einer schuppenhäutigen Dame.

Der mürrische Dopoulos verwandelte sich auch – und zwar in einen gut gelaunten, lächelnden Gastgeber.

Mehr und mehr Gäste strömten in den Raum – längst hätte es in der Taverne viel zu eng sein müssen, aber mit jedem Gast schien der Saal sich weiter auszudehnen.

»He, schläfst du?«

Ein Junge, der Tobbs nicht mal bis zur Schulter reichte, grinste ihn an. Hellblonde Locken umrahmten ein sanftes Gesicht. Nur die grünen Augen ohne Pupillen erinnerten daran, dass der Junge ganz bestimmt kein Engel war.

»Nein, sehe ich so aus, als ob ich im Stehen schlafe?«, gab Tobbs zurück.

Der Junge kicherte. »Woher soll ich wissen, wie du schläfst? Agasch kann sogar schlafen, wenn sie kopfüber von einem Baum herunterhängt.«

»Wer ist Agasch?«

»Na, die Braut – meine Schwester!« Mit einer anmutigen Geste deutete der Junge auf die Schlangenbraut, die eben in ihrem mit Disteln geschmückten Sessel Platz nahm, und fügte geheimnisvoll hinzu: »Sie bringt Krankheiten und hat den bösen Blick, die Gebirgsleute nennen sie das lebendige Verderben. Außerdem frisst sie Kinder.«

»Aha«, erwiderte Tobbs. Er hoffte, der Junge würde nicht bemerken, wie seine Knie weich wurden. »Nette Verwandtschaft hast du.«

Das engelsgleiche Dämonenkind nickte. »Der Bräutigam heißt Alastor. Er ist der Henker der höllischen Monarchien. Und der Mann dahinten, der eben noch ein Hund war, ist mein Onkel Jestan. Er verursacht Hungersnöte und Kriege … Du siehst komisch aus.«

»Was?«

»Na, deine Haare. Sind das deine oder hast du mit einem schwarzen Pferd getauscht? Und deine Augen sind auch so komisch, sie sehen aus, als ob …«

»He, jetzt reicht es!«, unterbrach ihn Tobbs. Dann fiel ihm nichts mehr ein – was sollte er auch erwidern? Dass die Haare des kleinen Dämons auch komisch aussahen? Das wäre eine glatte Lüge gewesen. Sie waren perfekt, wie alles an ihm.

»Sei doch nicht gleich beleidigt«, meinte der Junge versöhnlich. »Ist ja keine Schande, hässlich zu sein.«

Tobbs blieb die Luft weg. »Das bin ich ganz bestimmt nicht!«

Der Dämon zog zweifelnd eine Braue hoch. »Natürlich nicht«, sagte er mit einem schelmischen Lächeln. »’tschuldigung. Wusste ja nicht, dass du so empfindlich bist.«

Tobbs kämpfte gegen den Drang an, dieser kleinen Pest ordentlich die Meinung zu sagen. Aber das ging auf keinen Fall. Der Junge gehörte schließlich zu den Gästen.

»Und wie heißt du?«, fragte er.

Der Junge verzog den Mund und streckte sich. »Sid.«

»Sid?«

»Ja, wieso bist du so erstaunt?«

»Na ja, das ist ein etwas … schlichter Name für einen Dämon.«

»Ja, nicht wahr?«, meinte Sid bedauernd. »Wir bekommen unseren richtigen Namen erst, wenn wir erwachsen sind. Aber trotzdem hätte sich mein Vater einen imposanteren Namen ausdenken können. ›Mordon‹ vielleicht oder ›Kobran‹. Wie heißt du denn?«

»Tobbs.«

Sid prustete los und verlor dabei fast das Gleichgewicht. Tränen schossen ihm in die Augen, während er vor Lachen wieherte. »Also dann heiße ich doch lieber Sid«, japste er, sobald er wieder Luft bekam.

Tobbs schloss für einen sehr besonnenen Moment die Augen und stellte sich vor, wie er Sid am Kragen packte und ihn mit dem Kopf in die Schüssel mit Marindensirup tauchte.

»Ach wirklich?«, fragte er dann so ruhig wie möglich. »Was ist denn so schrecklich lustig an meinem Namen?«

Sid hielt sich glucksend die Seite. »Tobbs – das ist doch ein Witzname! Das klingt … nach hüpfenden Flöhen. Wie ›Tobbs Hopps‹ oder ›Tiddy Tassenfresser‹ oder ›Tabbie Trötenmaul‹ …«

»He!«, rief Tobbs. »Jetzt reicht es! Halt die Klappe, ja?« Einige der Dämonen verstummten und warfen ihm einen drohenden Blick zu. Sids Onkel hatte offenbar vergessen, dass er seine menschliche Gestalt angenommen hatte, und knurrte mit gefletschten Zähnen.

»Na, Angst bekommen?« Sid grinste und wischte sich die Lachtränen von den Wangen.

»Ganz bestimmt nicht«, gab Tobbs mit rotem Kopf und sehr viel leiserer Stimme zurück. Am liebsten hätte er den Festsaal verlassen.

Die Dämonen hatten inzwischen alle Platz genommen. Die Dorfmädchen huschten von Tisch zu Tisch und schenkten aus großen Krügen den Willkommenstrunk ein. Irgendwo in der Ecke stimmten drei Dämonen einige Instrumente, die nur aus spitzen Knochen und Stacheln zu bestehen schienen. Wimmernde und jaulende Töne erfüllten den Raum. Sids Onkel konnte nicht widerstehen und stieß ein lang gezogenes Heulen aus, in das der Bräutigam mit dem Wolfskopf sofort einfiel.

»Sollten nicht noch mehr Kinder zum Fest kommen?«, fragte Tobbs missmutig. Sid ließ sich auf einen der vier Kinderstühle fallen und lehnte sich lässig zurück. »Mein Cousin und noch irgendwelche Zwillinge aus dem Nordteil des Gebirges. Verwandtschaft vierten Grades. Aber die kommen erst später. Wer hat dir den Namen gegeben? Deine Mutter oder dein Vater?«

Tobbs zuckte zusammen. »Das geht dich gar nichts an.«

Sid wollte etwas sagen, als im Flur das Gebimmel von Glöckchen ertönte. Dopoulos flüsterte einem der Schankmädchen etwas zu und eilte hinaus.

»Was war das für ein Bimmeln?«, wollte Sid wissen.

»Nur die Türglocke aus Yndalamor«, knurrte Tobbs. »Willst du auch was trinken?«

»Yndalamor? Ihr habt … eine Tür nach Yndalamor?« Sid begann aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. »Kennst du Kali, die Zerstörerin? Sie kommt aus diesem Land!«

Endlich hatte Tobbs etwas, um den Quälgeist auf seinen Platz zu verweisen. »Klar kenne ich Kali«, sagte er betont lässig. »Sie ist unser Stammgast. Wahrscheinlich war sie es, die eben geklingelt hat. Sie kommt oft hierher und trinkt ihren Tee im roten Zimmer.«

»Kali ist hier?«, rief Sid und sprang auf. Seine Stimme überschlug sich vor Begeisterung. »Kali ist meine Lieblingsgöttin! Sie hat die silberne Stadt Ghan mit einem einzigen Schwertschwung dem Erdboden gleichgemacht! Und sie hat neuerdings diese wahnsinnig gefährliche Kutsche – einen Streitwagen, und gezogen wird er von einem leibhaftigen Mancor! Kann ich sie sehen? Nur mal sehen! Bitte!«

»Setz dich wieder hin«, sagte Tobbs streng. »Nein, Kali darf auf keinen Fall gestört werden. Von niemandem.«

»Ach wirklich? Der dicke glatzköpfige Kerl ist aber sofort zu ihr rausgerannt.«

Tobbs holte tief Luft. »Der ›dicke, glatzköpfige Kerl‹ ist unser Wirt. Er macht ihr die Tür auf.«

Langsam ließ Sid sich wieder auf den Stuhl sinken. »Verstehe. Deshalb hat er einen so großen Schlüsselbund am Gürtel.« Er zog die Stirn kraus und schielte wieder zur Tür. Es war ein Blick, der Tobbs gar nicht gefiel. »Gut«, meinte Sid schließlich. »Ich bleibe ganz brav hier sitzen. Und ich hätte gern etwas zu trinken, Tobbs Hopps. Einen Schlangensaft, bitte. Mit ausgequetschter Fledermaus.«

Tobbs juckte es in den Fingern, diese Göre einfach am Kragen zu packen und kräftig zu schütteln. Ruhig bleiben, ermahnte er sich. Er ist ein Gast. Nur ein frecher Gast, in Menschenjahre umgerechnet kaum älter als zehn. Ohne dem Dämonenkind eine Antwort zu geben, ging er zu dem Servierwagen hinüber, den eines der Mädchen gerade am Tisch entlangschob, und hangelte nach einem mit Marindensirup gefüllten Glas.

In diesem Augenblick explodierte die Torte. Die brennende Zierschnur zischte an Tobbs vorbei wie ein Kometenschweif und wickelte sich, als sei sie lebendig, um den Knöchel eines Schankmädchens. Es sprang mit einem wütenden Schrei zur Seite, löschte die Schnur jedoch geistesgegenwärtig, indem es einen Krug voll Orangensaft darüber ausleerte. Der herrenlose Servierwagen, den das Mädchen von sich gestoßen hatte, flitzte über die Tanzfläche und rempelte Tobbs an.

Tobbs rutschte das Glas aus der Hand. Der Marindensirup verteilte sich als glitzernde Fontäne über den Boden und vermischte sich mit den Scherben des Glases.

Ein Feuerdämon sprang auf den Tisch, auf dem eben noch die Torte gestanden hatte, und verbeugte sich in der Säule aus beißendem Rauch, die aus den Trümmern der verkohlten Torte aufstieg.

Die Dämonen applaudierten, johlten und kreischten. Einige leckten sich die schwarze Sahne von den Händen.

Tobbs, der noch taub von der Explosion war, sah nur schemenhaft, wie die Hochzeitsgesellschaft auf die Tanzfläche stürzte. Erst einige Sekunden später ließ das Klingeln in seinem Ohr nach und er nahm die Musik wahr, die nun eingesetzt hatte – ein Stampfen und Trillern, durch das sich eine Melodie wand. Sie floss heiß durch seine Fingerspitzen in seine Arme, zuckte hinauf in seinen Kopf und hinunter in die Beine, das Stampfen wurde zum Takt seines Herzens – und schon sprang er mitten auf die Tanzfläche. Unter seinen Schuhsohlen knirschten Glassplitter. »Na, Schankjunge?«, raunte ihm eine tiefe Frauenstimme zu. Er konnte nichts dagegen tun, dass er ihren Bewegungen folgte, seine Arme und Beine zuckten im Rhythmus des Beats. Die Dämonenbraut lachte ihn mit einem Mund voller Schlangenzähne an, dann packte sie ihn an den Handgelenken und wirbelte ihn herum. Dort, wo ihre Finger ihn berührten, fühlte seine Haut sich an, als wäre sie vereist. Nicht in die Augen schauen, befahl ihm der letzte Rest seines Verstandes. Der Geruch von Hundefell und Stieratem vermischte sich mit dem süßen Duft der zerstampften Marinden. Hörner, Vogelklauen und Schlangenhaut streiften seine Haut. Und obwohl er wusste, dass er nicht mit Dämonen tanzten durfte, geschah etwas Seltsames: Alle Angst verflog, er drehte sich und sprang mit den Dämonen, er fasste nach schuppigen Händen und fellbedeckten Pfoten und stampfte im Takt der fremden Musik, die ihn nun ganz erfüllte. Er lachte noch, als er spürte, wie der eisige Griff der Schlangenfinger an seinem Handgelenk fester wurde und spitze Zähne über seine Haut strichen.

»Tobbs?«, brüllte ihm jemand ins Ohr. Die Zähne verschwanden. Eine riesige Hand packte ihn grob und schüttelte ihn nun kräftig durch. »He, Tobbs!«, rief Wanja noch einmal und schnippte mit den Fingern direkt vor seiner Nase. Das brachte ihn zur Besinnung. Verwundert nahm er wahr, dass Wanja ihn von der Tanzfläche trug und ihn neben die Tür stellte. Der Dämonentango verwandelte sich in eine ohrenbetäubende Kakofonie, der Boden bebte unter Tobbs’ Füßen. Wanja grinste. »Tolles Fest, was?«, brüllte sie ihm durch den Lärm zu. »Aber du sollst doch nicht mit der Braut tanzen!«

Tobbs nickte verwirrt. Der Schreck kehrte zurück, als er auf seinen rechten Arm blickte und die Einstiche von scharfen Zähnen sah. Kleine Blutstropfen quollen hervor und bildeten einen Halbkreis, der wie ein rotes Lächeln wirkte. Wanja kümmerte sich nicht um seine Verletzung, sondern deutete auf den leeren Kindertisch.

»Na los, Tobbi!«, sagte sie und gab ihm einen Schubs zwischen die Schulterblätter. »Fang ihn wieder ein!«

Sid! Natürlich – die kleine Kröte hatte sich aus dem Staub gemacht. Und Tobbs konnte sich nur zu gut vorstellen, wohin er gegangen war!

Im ersten Flur hallte die Dämonenmusik so laut, dass die Türen bei jedem Stampfgeräusch knarrten, doch im zweiten Flur wurde es ruhiger. Im dritten war nur noch ein fernes Wummern zu hören.

Sid war nirgends zu sehen. Um ganz sicherzugehen, sah Tobbs in jedem Winkel und in jeder Nische nach, dann rannte er weiter zu den kleineren Wirtsräumen. Im ersten saßen zwei in Leichentücher gehüllte Todesfeen und spielten Schach. Sie blickten kaum auf, als Tobbs sie hastig grüßte und zum roten Zimmer weitereilte. Einige Schritte vor der Tür blieb er schwer atmend stehen.

Die Tür war nur angelehnt, der Duft von saurem Säuselblütentee strich durch den Türspalt und hüllte Tobbs ein. Vorsichtig streckte er die Hand aus und tippte die Tür mit den Fingerspitzen an. Lautlos schwang sie auf und gab den Blick frei auf rot gestrichene Wände und goldene Lackmöbel. Wie so oft saß Kali an dem kleinen Tisch am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Tobbs fragte sich immer, was es dort zu sehen gab, denn die Göttin betrachtete den schattenschwarzen Waldrand so andächtig, als studierte sie das Bild eines genialen Malers.

Ihre Hände waren so dunkelblau wie ihr Gesicht, und ihre langen, gebogenen Fingernägel so schwarz wie ihre Lippen. Blutrot leuchteten ihre Augäpfel. Dopoulos war nicht im Raum, aber seine Tasse stand neben Kalis aufgestütztem Ellbogen auf dem Tisch und sein Stuhl war nach hinten geschoben. Vielleicht holte er gerade Zucker aus der Küche.

Tobbs machte einen Schritt zur Seite, bis er im Türschatten stand. Kali zu begegnen, wenn sich Dopoulos in der Nähe befand, war in Ordnung, aber mit der Göttin allein im Raum zu sein, war etwas ganz anderes. Fröstelnd betrachtete Tobbs Kalis Ohrschmuck. Es war ein toter Mann, der wie ein Erhängter an einer goldenen Schlinge baumelte. Wenn Kali den Kopf wandte, berührten seine willenlos schlenkernden Füße ihre Schulter. Der tote Mann war nur so lang wie Kalis spitzer kleiner Finger, aber Tobbs wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Hier in der Taverne war Kali so groß wie Dopoulos – in ihrem eigenen Reich aber konnte sie so riesig werden, dass der tote Mann Tobbs sicher um drei Kopflängen überragte. Und mit ihrem kleinen Finger zertrümmerte die Göttin Berge aus Granit, als wären sie aus Streichholzschachteln gemacht.

»Er ist nicht hier«, sagte der tote Mann. Seine Stimme erinnerte an das Rascheln von trockenem Laub. Kali blickte immer noch unverwandt zum Fenster hinaus, nur ihr makabrer Ohrschmuck bewegte sich leicht und schlenkerte mit seinen welken Armen.

Tobbs räusperte sich. »Das heißt aber, er war hier?«, flüsterte er. »Der kleine Dämon, meine ich. Blond und etwa so groß?« Er hob die Hand bis zur Höhe seines Schlüsselbeins. Ob die verdorrten Augäpfel die Bewegung wirklich wahrnahmen?

Der tote Mann grinste nicht, dazu waren seine Lippen wohl zu vertrocknet, aber er gab ein spöttisches Schnalzen von sich. »Kali ist sehr ungehalten, dass sie nicht einmal hier ihre Ruhe hat.«

»Das … das tut mir leid«, stammelte Tobbs.

»Du siehst ja, was sie mit mir gemacht hat«, sagte der tote Mann. »Und dabei bin ich ihr nicht einmal auf die Nerven gegangen, sondern kam nur ganz zufällig vorbei, als sie einmal schlechte Laune hatte. Am besten du verschwindest – und zwar ziemlich schnell.«

Das ließ Tobbs sich nicht zweimal sagen. Hastig verbeugte er sich vor der Göttin, sprang aus dem Zimmer und schloss die Tür. Erst draußen wagte er wieder durchzuatmen. Doch mit der Erleichterung stellte sich zugleich auch die Wut ein. Dieser Sid hatte es also tatsächlich gewagt, hier herumzuschnüffeln! Tobbs machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück auf den Flur.

»Sid!«, rief er. »Ich weiß, dass du hier irgendwo bist! Komm her oder du kannst was erleben!«

Ein Poltern antwortete ihm. Die Tür zu seiner Rechten erzitterte in der Türzarge, so heftig hämmerte jemand von außen dagegen.

»Ihr arrogantes Pack!«, brüllte eine betrunkene Stimme. »Ich hau euer Witzhaus kurs und klein! Und dann brenne ich das ganse Elend nieder. Betrüger! Halsabschneider!«

»Meint der euch?«, ertönte Sids Stimme hinter Tobbs. Tobbs fuhr herum und packte ihn am Kragen.

»Du kleine Schlange!«, zischte er ihm zu.

Sid begann zu strahlen. »Oh, danke!« Dann wurde er wieder ernst. »Oje, du bist wirklich wütend, was? Aber ich habe doch nur durch den Türspalt geschaut, ehrlich! Nur ganz kurz! Ich schwöre es – ich wollte Kali nur einmal sehen.«

Bei den letzten Worten sank seine Stimme zu einem heiseren Flüstern. Mit einem Kieksen verstummte er plötzlich und deutete auf seinen Hals: »Au, lass los, du erwürgst mich«, krächzte er.

Tobbs atmete tief durch. Er musste sich zusammenreißen. Zögernd lockerte er seinen Griff. »Darüber reden wir noch«, knurrte er. »Aber jetzt erst einmal zurück in den Festraum mit dir. Und zwar zackig!«

»Sagst du mir noch, wer das da hinter der Tür ist?«

»Das ist nur Fairy Sam. Er hat Spielschulden und muss noch eine Tür bezahlen.«

»Was hat er denn getan?«

»Nach dem letzten Kartenspiel eine Schlägerei angezettelt und das halbe Wirtshaus demoliert. Das passiert oft, wenn er, so wie jetzt, völlig betrunken ist.«

»Dasiss eine verdammpe Lüge!«, grölte es hinter der Tür. »Ich wurde bestohlen, von diesen Bastarden!«

Sid war mit einem Satz bei der Tür und hämmerte mit beiden Fäusten ebenfalls dagegen. »Halt die Klappe, Fairy Sam, du Verlierer!«, brüllte er. Tobbs schnappte nach Luft, als er seine eigene Stimme aus dem Mund des Dämons vernahm.

»Wer spricht da?«, donnerte Fairy Sam.

»Tobbs, du Quadratkopf! Und wenn ich dich erwische, stecke ich deinen versoffenen Schädel in die Traubenpresse und gmpf …«

Tobbs presste seine Hand auf Sids Mund. »Bist du wahnsinnig!«

Der Junge wand sich in seinen Armen wie eine Schlange, entglitt ihm und – entwischte!

»Ich mach dich fertig, Tobbs!«, brüllte Fairy Sam. »Wenn ich dich erwische, zieh ich dir die Unterlippe übern Kopf! Ich dreh dir jeden Zahn einseln raus unstopf ihn dir unter die Augenlider, ich …«

Tobbs rappelte sich auf und jagte hinter Sid her. Der Kleine war nicht nur wendig wie eine Eidechse, sondern auch so schnell, dass er ihn schon im zweiten Gang aus den Augen verlor. Oh ja, Wanja hatte Recht gehabt, es war wirklich ein Hochzeitsfest, das er nie wieder vergessen würde!

Mit einem Mal war Tobbs zum Heulen zumute. Beim Gedanken daran, dass am selben Abend noch drei weitere Dämonenkinder eintreffen würden, erfüllte ihn tiefe Verzweiflung. Niedergeschlagen ging er den Gang entlang. Es half nichts, er musste weiter nach Sid suchen. Die Musik wurde lauter. Einem berstenden Knall nach zu urteilen hatte der Feuerdämon beschlossen, noch eine weitere Vorstellung seines Könnens zu geben. Einige Atemzüge lang verstummten die Musik, das Stampfen und das Klirren, bevor der Applaus losbrach. Doch dieser Moment der Stille genügte Tobbs, um das leise Klicken zu hören – das Geräusch, das Dopoulos’ Schlüssel machten, wenn er sie behutsam in den Schlössern drehte. Das Klicken war von rechts gekommen – vom Ende des Flurs. Um nach Dopoulos zu rufen, war es zu laut, also nahm Tobbs die Beine in die Hand und rannte los. Schon von Weitem erkannte er, dass es Kalis Tür war. Sie stand offen. Sonnenschein fiel in den Flur, doch Dopoulos war nirgends zu sehen.

KALIS KUTSCHE

Warm und verlockend schien die Sonne auf sein Gesicht. Beinahe von selbst machte Tobbs einen Schritt auf die Tür zu, bis er den Duft von heißem Sandstein wahrnahm. Und da war noch ein Geruch. Was war das? Es roch wie von der Sonne erwärmter Lack.

Tobbs’ Schulter stieß gegen den hölzernen Türrahmen. Verdutzt machte er die Augen wieder auf. Etwas stimmte hier nicht. Richtig: Dopoulos wäre nie durch die Tür gegangen, ohne sie hinter sich sofort wieder zu verschließen. Natürlich wusste Tobbs, was er jetzt tun sollte: Er sollte die Tür schließen und wenigstens einen Stuhl unter die Klinke klemmen. Er sollte wieder in die Taverne gehen und Wanja Bescheid sagen. Er sollte …

Die Brise trug ihm einen neuen, viel süßeren Geruch zu. Tobbs entdeckte nicht weit entfernt einen kargen Baum, an dem rosafarbene, runde Blüten wuchsen. Es war ein seltsamer Baum. Seine Blätter und Blüten zitterten, als würde jemand die Äste schütteln. Und über ihm jagten mit unglaublicher Geschwindigkeit die Wolken über den Himmel.

Tobbs überlegte nicht, seine Beine entschieden für ihn: Sie überschritten gerade die Schwelle!

Sofort wurde ihm schwindelig. Alle Spannung wich aus seinem Körper, sein Herz fühlte sich an, als hätte es jemand in Schwingung versetzt, und nun konnte es gar nicht so schnell schlagen, wie von ihm verlangt wurde. In Panik schnappte Tobbs nach Atem, doch dann fiel ihm wieder ein, was Dopoulos über Kalis Reich erzählt hatte: Die Zeit in ihrer Welt verging schnell. Viel schneller als in der Taverne. Deshalb hatten die Blätter gezittert und die Wolken sich so schnell bewegt. Aber mit dem Überschreiten der Schwelle war Tobbs ein Teil von Kalis Welt und Zeit geworden – die Wolken standen beinahe still, die Blätter bewegten sich ruhig und sanft im Wind. Sein Herzschlag beruhigte sich nach und nach, der Schwindel verschwand.

Nebel kroch über den Boden und hüllte Tobbs’ Beine ein, während er mit zögernden Schritten auf den Baum zuging. Er streckte die Hand nach einem herabhängenden Zweig aus und strich behutsam über ein Blütenblatt. Unter seiner Berührung wurde die Blüte schwarz und zerfiel zu duftendem Räucherwerk. Tobbs lächelte. Vertrocknetes Gras knisterte unter seinen Füßen, Wirbel drehten sich im Wind.

Er stand auf einer Ebene – und wenn er den Blick auf den Horizont richtete, erkannte er in der Ferne schneebedeckte runde Berge. Kalis Reich. Die Taverne musste sehr hoch in den Bergen stehen, denn das, was Tobbs für Nebel gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Wolken, die dicht über dem Boden schwebten.

Tobbs sog noch einmal den Duft der Blumen tief in seine Lunge und ging dann weiter. Das Ende der Ebene war ein Halbrund aus Bäumen. Tobbs warf einen Blick zurück. Die Taverne war noch da, allerdings hätte er sie kaum wiedererkannt. In Kalis Welt glich sie einem bunt bemalten, würfelförmigen Tempel mit goldenem Dach. Der Lack an den Wänden wirkte noch ganz frisch und leuchtete so rot wie Kalis Augäpfel.

Tobbs wurde mutiger und ging um die Taverne herum. Wie klein sie in diesem Land war! Die Seitenwand des Gebäudes war höchstens zehn Schritte breit. Kaum größer als das Teezimmer, in dem die Göttin in diesem Augenblick saß. Ob sie ihn durch das Fenster sehen konnte? Aber nein, sie befand sich ja in Dopoulos’ Welt und bewunderte den Waldrand. Tobbs erreichte das Ende der Wand, spähte vorsichtig um die Ecke – und hielt die Luft an. Am liebsten hätte er einen anerkennenden Pfiff ausgestoßen, aber das traute er sich doch nicht. Das Geräusch hätte das Ungeheuer womöglich aufschrecken können. Hier stand nämlich ein echter Mancor – eingespannt wie ein Kutschpony vor Kalis Streitwagen. Er war so groß, dass seine Schulter fast an das Dach stieß. Von vorne glich ein Mancor einem Tiger mit Löwenmähne – aber Tobbs konnte das Gesicht des Untiers nicht sehen, da es von ihm abgewandt stand und sich die linke Pfote leckte. Nur der Gestank des Raubtierrachens wehte zu ihm herüber. Der hintere Teil des Mancors erinnerte an ein sandfarbenes Pferd – die Hufe allerdings waren gespalten und so groß und scharf wie Sicheln. Ein Löwenschweif peitschte hin und her.

Tobbs schlich näher heran. In diesem Augenblick setzte der Mancor seine linke Pfote wieder geschmeidig auf den Boden auf und schüttelte die Mähne. Tobbs zog sich hastig zurück und huschte zur Vorderseite des Gebäudes. Sein Herz pochte. Er hatte einen leibhaftigen Mancor gesehen! Leider nicht sein Gesicht – aber von der anderen Seite würde er sicher einen besseren Blick auf Kalis Kutsche haben. So schnell er konnte, rannte er an der offenen Tür vorbei und fegte um die Ecke.

Dort stand Sid.

»Was machst du denn hier!«, zischte Tobbs. Der Dämon sah sich um, doch sonderlich erschrocken war er nicht. Er legte nur den Zeigefinger an die Lippen und winkte Tobbs heran. Tobbs war viel zu verdutzt, um der Aufforderung nicht zu folgen. Zögernd trat er neben Sid. Die Luft blieb ihm weg, als er den Mancor in voller Pracht sah.

Das Raubtiergesicht war so schön, dass jeder Tiger neben ihm wie eine räudige, hohlwangige Straßenkatze gewirkt hätte. Die orangefarbene Mähne leuchtete wie ein Kranz aus Feuerzungen. Die Augen waren wasserblau und die Zunge, die nun gelangweilt über die Lefzen leckte, ebenfalls – blauer als alle Lagunen im Land der Tajumeeren.

»Ist der nicht – Wahnsinn?«, flüsterte Sid. »So einen will ich später auch!«

Tobbs konnte sich kaum von dem Anblick losreißen, aber dann besann er sich endlich wieder auf seine Aufgabe und packte Sid am Genick.

»Mitkommen!«, befahl er. Der junge Dämon zog den Kopf ein und ließ sich gehorsam ein Stück mitziehen. Doch kurz vor der Tür stemmte er sich gegen Tobbs’ Griff.

»He, warte doch mal! Nur einen Augenblick! Ich muss dir was sagen …«

»Das kannst du auch drinnen«, knurrte Tobbs. »Wie bist du überhaupt hierhergekommen?«

Sids ertappter Gesichtsausdruck sprach Bände.

»Du hast doch nicht etwa die Schlüssel gestohlen?«, fragte Tobbs fassungslos.

Sid grinste entschuldigend. »Ich gebe sie ihm wieder zurück! Ehrenwort!«

»Du kommst als Gast in unsere Taverne und stiehlst Dopoulos die Schlüssel! Gib sie auf der Stelle wieder her!«

Das Dämonenkind seufzte und streckte die Hand aus. Auf seiner Handfläche lag nur ein einziger Schlüssel. Darin eingeritzt war Kalis Zeichen – ein Galgenmännchen, das den toten Mann darstellte. Wie hatte der Knirps es bloß geschafft, den Schlüssel von Dopoulos’ Bund zu entfernen?

»Ich hab ihn mir nur geliehen – weil ich den Mancor sehen wollte. Hast du noch nie Schlüssel geklaut?«

»Ganz bestimmt nicht!«

»Wirklich? Aber warum denn nicht? Damit kannst du einfach so jedes Land betreten! Ohne wochenlange Reisen und gefährliche Überfahrten! Aber für dich ist das wahrscheinlich gar nichts Besonderes mehr. Du darfst ja ohnehin jeden Tag durch die Türen ein und aus spazieren, stimmt’s? Warst du schon mal bei den Tajumeeren?«

Tobbs schüttelte den Kopf. »Es ist nicht ungefährlich, einfach so zwischen den Ländern herumzuspringen. Du siehst ja, dass die Zeit in manchen von ihnen ganz anders läuft. Hier scheint die Sonne – bei uns ist es Nacht. In der Taverne steht die Zeit beinahe still, während wir in Kalis Welt sind – und sind wir in der Taverne, fliegt hier die Zeit vorbei. In manchen Ländern ist ein Tag ein Jahr oder nur eine Stunde. Ehe man sichs versieht, hat man in der Taverne eine Woche oder einen Monat verloren.«

»Wieso verloren? Was verpasst du denn schon in der Taverne?«

Tobbs schwieg. Wie sollte er diesem kleinen Dieb erklären, warum es für ihn wichtig war, in der Taverne zu bleiben? Solange er dort war, wussten seine … Eltern? … wo sie ihn fanden. Jeden Morgen, wenn er aufwachte und Nekis flaumweiches Katzenfell seine Nase kitzelte, wünschte er sich, dass sie heute durch eine der Türen kommen würden, überglücklich, ihn wiedergefunden zu haben. Jeden Tag stellte er sich eine andere Tür vor – und ein anderes Land, aus dem er stammte. Jeden Tag nahm er dafür eine andere Holzfigur aus seiner Sammlung in die Hand, betrachtete sie und malte sich aus, wie seine richtigen Eltern sich freuen würden, wenn er ihnen die beiden Figuren schenkte, die ihnen glichen. Nur dafür hatte er sie gebastelt. Tobbs hatte nicht viel, was er verschenken konnte, aber in diesen Figuren steckte unendlich viel Sorgfalt, Bangen, Sehnsucht und Hoffnung, kurz: sein ganzes Leben. Die hölzerne Familie war sein kostbarster Schatz. Aber was, wenn seine richtige Familie endlich käme und er würde gerade im Jumasa-Meer schwimmen oder bei den Sylvaniern durch die Wälder streifen?

»Eines Tages werde ich mir alle Länder ansehen«, murmelte er. »Aber nicht jetzt. Und nun komm endlich, lass uns reingehen.«

Sid lächelte verschmitzt. »Warum so eilig? Solange wir hier sind, verlieren wir in der Taverne doch kaum Zeit. Dir gefällt die Kutsche doch auch, stimmt’s?«

Tobbs seufzte sehnsüchtig. »Klar doch«, gab er zu. »Das ist der beste, schnellste und wendigste Wagen, den es gibt. Dopoulos sagt, Kali kann damit sogar fliegen. Das Gefährt ist aus dem Holz einer sehr seltenen Schweb-Eiche gemacht.«

Sid pfiff durch die Zähne. »Mein Onkel hat auch fliegende Kutschen, aber die werden nur von menschenfressenden Mauleseln gezogen.« Eifrig streifte er seinen Ärmel zurück und deutete auf eine rote Narbe. »Da, siehst du? Als ich ganz klein war, habe ich versucht, auf einem von ihnen zu reiten.«

»Und seitdem traust du dich wohl nicht mehr an sie heran?«

Sid wurde ernst und richtete sich so gerade auf, dass er Tobbs’ Schulter sogar ein wenig überragte. »Im Gegenteil«, sagte er. »Ich bin jetzt schon Herr über dreißig Legionen.«

»Aha. Du kannst also mit einem Wagen umgehen?«

»Willst du es sehen?«

»Du meinst … mit dem Mancor?« Jetzt war es an Tobbs, den kleinen Dämon auszulachen. Doch statt beleidigt zu sein, schritt Sid geradewegs zurück zum Mancor. Tobbs blickte ihm mit einem flauen Gefühl in der Magengrube nach.

»Sid!«, rief er leise. »Ist gut, ich glaube dir ja! Und jetzt lass den Unfug!«

Doch das Dämonenkind war schon um die Ecke verschwunden. Ein Poltern erklang, gefolgt von stampfenden Schritten. Kutschräder rollten über den Boden – dann erschien Sid mit dem Mancor im Schlepptau. Neben dem Untier wirkte Sid so winzig wie der tote Mann an Kalis Ohr. Lammfromm folgte der Mancor ihm am langen Zügel. Seine Vordertatzen machten keinen Laut auf dem Boden, nur die Hinterhufe klapperten über den steinigen Grund und hinterließen eine Spur aus aufgewühltem Boden, als würde der Mancor zwei Ackerfurchen ziehen.

»Siehst du?«, sagte der Dämon und strahlte über das ganze Gesicht. »Mit Geschöpfen der Finsternis kenne ich mich aus. Wollen wir eine Runde drehen?«

Tobbs leckte sich nervös über die Lippen und sah sich um. Die Sonne ließ die Berge leuchten. Irgendetwas flatterte in seinem Bauch und bettelte darum, dass er einfach Ja sagte und auf den Wagen sprang.

»Ich weiß nicht«, murmelte er. »Wenn Kali das erfährt, zieht sie uns als Schmuck durch ihre Nase.«

Sid lachte und kraulte den Mancor über dem Knie – schon dazu musste er sich auf die Zehenspitzen stellen. Das Untier schloss die Augen und begann so laut zu schnurren, dass Tobbs die Vibrationen wie ein Kitzeln in seiner Magengrube fühlen konnte.

»Sie erfährt es nicht«, beteuerte Sid. »Der Mancor wird wohl kaum petzen – und ich bin schließlich ein Dämon! Schon mal von einem Dämon gehört, der nicht mit einem Ungeheuer fertig wird? Die Maultiere meines Vaters sind viel gefährlicher – sie speien Feuer und hinterlassen mit ihren glühenden Hufen Lavaspuren im härtesten Gestein. Ach komm schon, Tobbi Tobbs, nur eine klitzeklitzekleine Runde ums Haus!«

Tobbs überlegte. Sollte er feiger sein als ein Dämonenkind? Nachdenklich warf er einen Blick auf seinen Unterarm, auf dem die Bissmale der Dämonenbraut inzwischen mit getrocknetem Blut verschlossen waren. Nun, gefährlicher als eine Dämonenhochzeit konnte eine Runde in einem Streitwagen auch nicht werden. Und schließlich, flüsterte ihm eine leise Stimme zu, war er jetzt dreizehn Jahre alt. War es da nicht Zeit, Dopoulos’ Schürzenzipfel loszulassen und auch mal etwas auf eigene Faust zu unternehmen?

Der Mancor wandte den Kopf und verfolgte, wie Sid und Tobbs auf den Streitwagen kletterten. Tobbs versuchte in diesen ozeanblauen Raubtieraugen zu lesen, aber das Tier wirkte nach wie vor friedlich und geduldig. Der Streitwagen federte bei jeder Bewegung sanft unter ihren Füßen auf und ab. Sid hatte bereits die Zügel in die Hand genommen und wartete darauf, dass Tobbs seinen Platz fand.

»Halt dich hier vorne an der Querstange fest«, ermahnte er ihn. »Am Anfang gibt es einen ziemlichen Ruck. Und nie nach hinten schauen! Dabei wird es einem nur schwindlig.«

Der Mancor fauchte, sein Löwenschweif peitschte erwartungsvoll hin und her. Tobbs spürte den Luftzug und fröstelte.

»He – jaa!«, rief Sid und lockerte die Zügel. Der Ruck warf Tobbs nach hinten. Mit aller Kraft klammerte er sich an die Holzstange. Nach zwei schnellen Schritten setzte der Mancor zum Galopp an – federnd glitt der Wagen über den holprigen Boden und beschleunigte die Fahrt.

Tobbs musste blinzeln, als der Gegenwind seine Lider niederdrückte und ihm fast die Luft nahm. Die Landschaft flog an ihm vorbei.

»Toll, was?«, schrie Sid ihm durch das Dröhnen des Windes zu. Tobbs konnte nur völlig überwältigt nicken, während das Kribbeln in seinem Magen fast unerträglich wurde. Seltsamerweise machte es ihm nicht einmal Sorgen, dass die Bäume am Plateaurand näher und näher kamen. So schnell, als hätte er mit einem Blinzeln einen Zeitsprung ausgelöst, waren die buckligen Bäume direkt vor ihnen!

»Ducken!«, brüllte Sid. Tobbs konnte gerade noch den Kopf einziehen, als ihm schon abgerissene Zweige um die Ohren flogen. Der Mancor hatte zwei der Bäume einfach niedergewalzt. Auf das berstende Krachen folgte schwebende Stille.

Tobbs spuckte ein Stück bitterer Rinde aus und sah sich staunend um. Sie flogen! Sid lenkte den Wagen in eine steile Kurve. So klein wie ein Gewürzdöschen zog unter ihnen der Tempel vorbei. Das goldene Dach blitzte in der Sonne. Eine schwarze Furche schnitt das Plateau in zwei Hälften – die Hufe des riesigen Tieres waren zerstörerischer als ein Hexenpflug! Nun aber trat der Mancor lautlos auf, gewaltige Muskeln arbeiteten unter seinem Fell. Das Ungeheuer schnaufte schwer, während es den Wagen in einem weiten Bogen höher und höher zog – direkt auf die Berge zu! Tobbs war seltsam zumute – er hatte Lust, unbändig zu lachen. Sid grinste ihm triumphierend zu – seine Wangen glühten vor Eifer.

Unter ihnen trieben wolkengefüllte Täler dahin und Wälder voll rosa blühender Bäume. Die Mähne des Mancors flatterte. Als sie über den ersten verschneiten Berg hinwegflogen, zog das Tier nach unten, setzte auf dem Gipfel auf und galoppierte fünf, sechs Sprünge lang durch den Schnee. Eine glitzernde Schneefontäne ergoss sich über den Wagen. Sid kreischte vor Vergnügen. Mühelos stieß der Mancor sich wieder in die Luft ab und gehorchte willig Sids Zügelzug. Das Gefährt drehte ab und schraubte sich in einer raumgreifenden Spirale in den Himmel.

»Noch ’ne Runde?«, rief Sid.

Tobbs schüttelte atemlos den Kopf und deutete nach vorn. »Über den Berg!«

Sid verzog keine Miene, aber seine Augen leuchteten. Die Zügel lagen sicher in seinen Händen. Doch plötzlich ließ er das Leder durch seine Finger gleiten.

»Lass sie nicht los!«, rief Tobbs.

»I wo!«, schrie der Dämon. »Ich lasse sie nur locker, der scheint genau zu wissen, wo er hinwill!«

»Findest du denn wieder zurück?«

»Hat meine Schwester Schlangenzähne?«

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend beobachtete Tobbs, wie der Mancor sein Haupt schüttelte und abrupt über die Bergkuppe jagte. Eine Schar glänzend weißer Vögel stob kreischend auseinander.

Die Berge lagen nun hinter ihnen, stattdessen flogen sie über Geröll und endlose Ebenen. Erst weit am Horizont erhob sich eine neue Hügelkette. Seltsam zackige, regelmäßige Strukturen ragten in den Himmel. Ab und zu blitzte etwas auf. Der Mancor schnaubte aufgeregt und beschleunigte. Das Blitzen schien ihn zu interessieren.

»Das sind keine Berge, oder?«, brüllte Tobbs gegen den Wind an. »Das da vorne ist … eine Stadt oder so was!«

Sid blies die Backen auf und überlegte. Tobbs spähte angestrengt zum Horizont. Wieder glitzerte es in dem zackigen Gebilde – vielleicht waren es Glasscheiben, in denen sich die Sonne spiegelte?

»Na ja«, meinte der Dämon zögernd. »Könnte schon sein, ja, du könntest Recht haben. Ich schätze, es ist eine Stadt.«

Seltsamerweise empfand Tobbs keinerlei Angst – viel zu faszinierend war das Gebilde, das näher und näher kam. Bald konnte er weitere Einzelheiten ausmachen: Türme und spitz zulaufende Giebel erhoben sich über flachen Dächern. Noch nie hatte Tobbs solche Häuser gesehen – mit glatten Wänden und hohen, schmalen Mauern. Lack in den verschiedensten Rottönen glänzte in der Sonne. Die Häuser hatten nicht nur zwei Fensterreihen übereinander, sondern … Tobbs zählte … vier, oder fünf oder … mehr? Genau konnte er es nicht erkennen. Fensterscheiben gab es nicht, nur bunte Tücher, mit denen alle Öffnungen verhängt waren. Das, was er für Fensterglas gehalten hatte, waren Spiegel. Sie steckten alle an langen Stangen auf den Hausdächern – und bewegten sich! Schnüre strafften sich und dirigierten die Spiegel in bestimmte Richtungen, sie wanden sich wie Schneckenaugen, kippten hin und her. Manche schlugen gegeneinander, als würden sie einander in ihrer Hast, ein Bild einzufangen, im Weg stehen. Aber so unterschiedlich sie sich auch verhielten, alle kannten offenbar nur ein Ziel – sich Kalis Kutsche zuzuwenden.

Als der Mancor langsamer wurde und in einem eleganten Bogen direkt über der Stadtmauer aus schwarzem Stein entlanggaloppierte, erblickte Tobbs ein hundertfaches Bild – den gewaltigen Streitwagen, der von einem Dämon geführt wurde. Im Spiegel hatte Sid grüne Schlangenhaut und sah gar nicht mehr engelhaft lieblich aus. Spitze Zähne verwandelten sein Grinsen in ein bedrohliches Fletschen, auch das blonde Haar war verschwunden. Zeigte der Spiegel die Zukunft? Tobbs schluckte und schielte zu der Stelle, an der er selbst im Streitwagen stand. Und sah … nichts! Nur ein wolkiges Etwas schwebte dort. Vorsichtig lehnte er sich weiter aus dem Wagen und spähte in die vorbeihuschenden Spiegel. Nein, kein Zweifel – er besaß kein Spiegelbild! Und da war noch etwas Seltsames – wehendes Haar und wilde blaue Augen.

Aber bevor Tobbs begriff, was er in den huschenden Spiegelbildern sah, zog der Wagen schon direkt über der Stadt dahin. Unendlich weit unten erstreckte sich ein Gewirr aus sonnenlosen Gassen und Häuserschluchten, helle Straßen breiteten sich wie ein Adernetz am Boden aus. Es duftete nach Gewürzen und Blumen.

Der Mancor brüllte wütend gegen die Spiegel an. Glas klirrte und zerbrach. Tobbs schoss die Angst in die Kehle – ein würgender, heißer Druck, der ihm die Luft abschnürte. Scherben regneten auf die Stadt herab. Nur wenige Spiegel waren noch unversehrt, aber sie zeigten nun nicht mehr Kalis Streitwagen, sondern kippten nach unten, als würden sie in die Gassen der Stadt hinunterschauen.

»Weg hier!«, krächzte Tobbs. Das ließ sich Sid nicht zweimal sagen. Mit aller Kraft legte er sich in die Zügel. Der Mancor machte einen unwilligen Sprung in der Luft, der den Wagen hüpfen ließ, doch zu Tobbs’ Erleichterung gehorchte er und drehte ab. In diesem Moment zischte etwas Langes an Tobbs’ Ohr vorbei. Instinktiv duckte er sich in den Schutz des Wagens und sah sich um. Ihm wurde schwindlig.

»Sid!«, brachte er heraus. »Sie … greifen uns an!«

Auf der Stadtmauer, die eben noch leer gewesen war, standen Krieger. Sie trugen glänzende Rüstungen und hielten Waffen in den Händen. Sid stieß einen wüsten, kehligen Fluch aus, den vermutlich nur Dämonen verstanden, und trieb den Mancor an. Kalis Kutschtier schüttelte wieder unwillig die Mähne. Sein Brüllen vermischte sich mit einem anderen Geräusch – ein Sausen wie von starkem Wind. Dann pfiffen schon Dutzende von Speeren und Steinkugeln durch die Luft, direkt auf den Wagen zu. Ein gewaltiger Schlag schleuderte das Gefährt aus seiner Spur. Triumphgeschrei hallte von den Dächern wider.

»Halt dich fest!«, kreischte Sid. »Wir weichen nach oben aus!«

Abrupt stieg der Wagen in die Höhe und Tobbs klammerte sich mit aller Kraft an den Holzbügel. Plötzlich baumelten seine Füße in der Luft. Sid schaukelte neben ihm, die Zügel um die Handgelenke gewunden. Wieder hörte Tobbs ein heranzischendes Pfeifen. Spürte einen mörderischen Ruck in den Fingern.

Der Holzbügel, an den er sich klammerte, brach.

Und Tobbs fiel.

Seine Jacke flatterte ihm um die Ohren und der Wind ließ seine Hosenbeine knattern. Im Fallen drehte er sich um seine eigene Achse, sodass er mal den Himmel und mal ein Häusermeer sah. Die Häuser! Er fiel mitten in die Stadt! Sein Magen schien Purzelbäume zu schlagen und presste hart gegen seine Kehle, aber Tobbs konnte nur noch einem Gedanken folgen: Nie würden seine Eltern ihn finden. Jetzt nicht mehr. Ein Pfeil streifte ihn, und dann witschte eine Kugel direkt vor seiner Nase vorbei. Er würde also sterben. Zerschmettert durch eine Kugel, durchbohrt von einem Pfeil – oder zu Tode gestürzt in einer fremden Gasse. Würde es wehtun?

Es tat weh. Viel zu weh, um zu schreien. Alle Luft wurde aus Tobbs Lunge gesogen, seine Schultern durchzuckte ein gewaltiger Schmerz. Etwas langsamer fiel er weiter. Die Herrschaft über seine Arme und Finger hatte er offenbar verloren – sie klammerten sich ganz ohne sein Zutun an einen dicken, glatten Ast, der offenbar mitten aus der Luft gekommen war. Fenster mit bunten Vorhängen huschten an ihm vorbei. Mit dem Ast in den Armen sauste er zwischen zwei Häusern in die Tiefe. Ein weiteres Geschoss verfehlte ihn und zerstörte ein Fensterbrett. Tobbs prallte gegen eine Hauswand, trudelte, bis er sich mit dem Fuß in einem Vorhang verhedderte. Stoff schlug ihm gegen die Wange und wickelte sich um seinen Kopf. Flatternd und trudelnd fiel er blind weiter – knallte gegen harte Dinge, hörte Stoffe reißen. Als der Wind endlich den Vorhang vor seinen Augen zur Seite schob, erkannte er direkt unter sich ein mit Spiegelscherben übersätes gelbes … Sonnendach?

Tobbs krachte hindurch wie ein Stein durch ein Mehlsieb – und versank in einem Haufen Blütenblätter. Fest an den Ast geklammert blieb er liegen.

»Vom Dach gefallen!«, sagte eine Männerstimme. Die Aussprache war seltsam verwaschen, es klang beinahe wie »Vomtachefallen«.

»Vom Dach!«, bestätigte eine Frau.

»Warum ist er nicht tot?«

»Er umarmt einen Schweb-Eichenast«, sagte der Mann. »Der hat seinen Fall etwas abgebremst. Und dann ist er direkt auf den Wagen mit den Blüten für das Opferfest gefallen. Einmal alle zehn Jahre fährt dieser Wagen durch die Wandelgasse – und er fällt direkt rein.«

»Unglaubliches Glück. Unglaublich! Kein Mensch hätte den Sturz überlebt.«

»Und wenn er kein Mensch ist?«

Tobbs versuchte, tief einzuatmen. Es stach zwar, aber allmählich war er geneigt zu glauben, die Sache lebend überstanden zu haben. Vorsichtig blinzelte er.

Über ihm wehte das zerfetzte Sonnendach im Wind. Und über den Wagenrand starrten ihn aus übergroßen, spiegelglatten Augen Insekten an. Ihre runden Köpfe glichen glänzenden Lackkappen und wie bei Käfern bedeckten Panzerplatten die Schultern. Tobbs stöhnte und richtete sich auf. Viel Kraft brauchte er dazu nicht, der Schweb-Eichenast, den er tatsächlich immer noch umklammert hielt, zog ihn hoch.

Sofort kam Bewegung in die Käfer. »Ein vom Himmel Gefallener!«, flüsterte die Frau. »Wie lange ist es her, seit die Götter uns einen geschickt haben?«

»Gebt ihm eine Kappe!«, befahl der Mann. »Und dann bringt ihn in den Tempel!«

Bevor Tobbs etwas erwidern konnte, stülpte ihm jemand eine holzharte Halbkugel über den Kopf. Dann schob man ihm noch ein seltsames Gestell über die Augen – zwei mit einem Bügel verbundene Insektenaugen an Holzstielen, die über seine Ohren und die Nase gelegt wurden. Tobbs staunte – durch die Insektenaugen sah er alles in einem hübschen Blauton!

Und dann sah er gar nichts mehr.

DIE STADT DER SPIEGEL

Es roch nach den rosafarbenen Blüten, die zu Räucherwerk zerfielen, ein süßer, leichter Duft, der sich mit dem starken Geruch von schwelenden Dochten und rußigen Rauchschwaden mischte. Trappeln und leises Fiepen erklang, Platschen und auch das zarte Läuten von Zimbelglöckchen. Die beruhigenden Klänge folgten keinem Rhythmus, sondern waren so zufällig, als würde der Wind mit den Glöckchen spielen. Das Schönste aber war die Stille, die die Pausen zwischen den Geräuschen füllte. Nichts bewegte sich. Der Boden unter Tobbs war fest und weich zugleich – möglicherweise lag er auf einer Matratze oder dicken Decke. Seine Finger ertasteten Stoff und Stickereien.

Seltsamerweise tat ihm nichts weh – nur in seinem Kopf befand sich ein diffuser Klumpen, der an pulsierende Watte erinnerte. Behutsam öffnete Tobbs die Augen und blickte sich um.

Er lag in einem Tempelraum. Rosafarbene, fleischige Blüten bedeckten den Boden vor einem lackierten Schrein. Unzählige Spiegel brachen das Licht von Kerzen und ließen die Farben im Raum flirren. Die Figur, die auf dem rot lackierten Holz stand, stellte eindeutig Kali dar. Sogar der tote Mann am Ohr fehlte nicht. Die Göttin schien Tobbs grimmig anzusehen. Schuldbewusst schoss er hoch. Wie lange mochte er geschlafen haben? Er musste sofort hier raus – und zurück zur Taverne. Gehetzt blickte er sich um. Doch der Raum hatte kein Fenster. Nicht einmal eine Tür entdeckte Tobbs. Das einzige Element, das die strenge Symmetrie des Raumes störte, war der Schweb-Eichenast. Mit einer dünnen Eisenkette war er in der rechten Ecke neben dem Schrein an einem Metallring in der Wand befestigt und schwebte in der Luft. Einige hellblau und schwarz gefleckte Mäuse machten sich einen Spaß daraus, an der Wand hochzuklettern und mit einem Satz auf dem Ast zu landen. Manche nutzten den Ast als Sprungbrett in eine Milchschüssel, die am Boden stand. Das war also das Platschen, das Tobbs eben gehört hatte. Er blinzelte noch einmal.

Er war in einer fremden Stadt, irgendwo in Yndalamor. Und die Bewohner hatten ihn in den Tempel gebracht, weil sie ihn – wie hatten sie es genannt? – für einen vom Himmel Gefallenen hielten. Nun saß er in einer Art türenlosem Tempelkerker und die Stille deutete möglicherweise darauf hin, dass es Nacht war.

Aber selbst wenn er Stunden geschlafen hatte, waren in der Taverne kaum mehr als einige Minuten vergangen. Noch trank Kali also in aller Ruhe mit Dopoulos Tee. Weitaus dringlicher war das Problem namens Sid. Hatte der Dämon den Wagen und den Mancor in Sicherheit gebracht? Möglicherweise war Sid schnurstracks zur Taverne zurückgekehrt und hatte Dopoulos Bescheid gesagt. Dann würde es Ärger geben. Noch mehr Ärger als jetzt, um genau zu sein.

Tobbs bewegte sich und schrak zusammen, als er ein lautes Klappern hörte. Erst nach einigen Sekunden begriff er, dass das Klappern von ihm selbst ausging. Immer noch trug er die Kappe und das Gestell über seinen Augen. Außerdem hatte ihm jemand diese Schulterkappen angelegt. Tobbs nahm das Gestell von der Nase herunter. Sofort wurde es im Raum so hell, dass er blinzeln musste. Die himmelblau-schwarzen Mäuse hatten sich in schwarz-weiße Mäuse verwandelt. Neugierig betrachtete Tobbs seine »Rüstung«. Die Schulterkappen und der Helm waren aus Holz. An einigen Stellen war der Lack zerkratzt, so als sei ein scharfes Messer daran abgerutscht. Tobbs fuhr mit dem Finger über eine Scharte und zuckte zurück. Im Helm steckte ein winziger Spiegelsplitter. Ob die Bewohner der Stadt die Helme trugen, um sich vor den herabfallenden Scherben zu schützen? Das würde auch das Gestell vor den Augen erklären – wenn sie zum Himmel schauten, konnten so auch keine Splitter ihre Augen verletzen.

»Du bist also der vom Himmel Gefallene?«, raunte eine Frauenstimme. Sie war dunkel und warm und schien aus dem ganzen Raum zu kommen.

Tobbs glaubte etwas aus seinem Augenwinkel davonhuschen zu sehen – einen flimmernden orangefarbenen Streifen, aber als er sich auf dem Absatz umdrehte, war er weg. Stattdessen ertönte ein Lachen. Da, im Spiegel gegenüber dem Schrein! Etwas Farbiges leuchtete darin auf und verschwand. Tobbs blickte sich um.

»Wo … wo bist du? Komm heraus!«

»Komm du doch herein«, forderte ihn die Stimme auf.

Tobbs ging näher an den Spiegel heran. »Bist du … noch da?«

»Schau genau hin. Und betrachte dich selbst! Vielleicht siehst du mich dann auch im Spiegel.«

Tobbs beugte sich noch ein Stück vor. Er stand nun genau vor dem Spiegel, doch seltsamerweise sah er sich gar nicht. Nur eine verschwommene, wolkig dunkle Fläche schwebte vor ihm.

»Erstaunlich«, bemerkte die Frauenstimme. »Du hast kein Spiegelbild.«

»Das bist du, oder?«, fragte Tobbs. »Du stiehlst mir das Spiegelbild – bist du ein Spiegelgeist?«

»Nichts weniger als das«, erwiderte die Stimme leicht eingeschnappt. »Das, was du vor dir siehst – oder auch nicht siehst –, bist immer noch du selbst.«

Tobbs runzelte die Stirn und hob die Hand. Das wolkige Ding im Spiegel waberte auf und ab. Er nahm schräge Augen wahr – gefährlich wirkten sie, als würden sie auf Beute lauern. Nein, das konnte nicht sein Spiegelbild sein!

»Dann stimmt etwas mit dem Spiegel nicht«, sagte er.

Die Stimme kicherte. »Etwas stimmt mit dir nicht, mein Junge. Der Spiegel zeigt dir nur deine wirkliche Gestalt.«

»Das da bin ich aber ganz bestimmt nicht!«

»Ach wirklich?«, spottete die Stimme. »Na, was bist du dann?«

»Na, ein Mensch. Ich habe schwarze Haare und …«

Lachen erklang. Und als hätte jemand das Licht in einem dunklen Raum angemacht, erschien direkt vor ihm eine Frau im Spiegel. Sie war alt und ihre Haut war dunkel wie schwarze Erde. Als Kleid trug sie ein orangefarbenes Tuch, das sie sich um den Körper geschlungen hatte. Es musste ein großes Tuch sein, denn die Frau war gewaltig. Zumindest, wenn man annahm, dass der Spiegel kein Zerrspiegel war. Dopoulos hätte sie sicher als Türwächter eingestellt. Die Frau musterte Tobbs aus beunruhigenden Augen – eines war hellgrün, das andere aber leuchtete dunkelbraun.

»Schwarze Haare würde ich das da nun wirklich nicht nennen«, bemerkte sie. »Wie kommst ausgerechnet du bitte schön darauf, ein Mensch zu sein?«

Tobbs schluckte und trat einen Schritt zurück.

»Ich bin doch einer! Glaube ich jedenfalls. Oder … siehst du wirklich etwas anderes?«

Die Frau schnalzte mit der Zunge und nickte. »Darauf kannst du wetten.«

Die folgende Frage zu stellen, kostete Tobbs unendlich viel Mut. »Und … was siehst du?«

»Wenn du es selbst nicht weißt, ist es nicht meine Aufgabe, es dir zu sagen. Außerdem kann sogar ich mich irren. Aber im Augenblick kommt es auch gar nicht darauf an, wer oder was du bist, sondern nur darauf, für wen dich die anderen halten. Den, der mit der Göttin der Zerstörung spricht, den vom Himmel Gefallenen. Ach, da hast du ja einen weiteren Beweis: Kein Mensch hätte diesen Sturz überlebt.«

»Das war nur Glück. Zufällig war da der Schweb-Eichenast in der Luft – und die Pfeile haben mich verfehlt.«

»Die Mauerschützen sind keine Blinden. Und ein Schweb-Eichenast in dieser Gegend? Nein, so viele glückliche Zufälle sind keinem Menschen gegeben.«

Plötzlich hatte Tobbs es noch viel eiliger, diese Stadt zu verlassen.

»Wie heißt du?«, fragte die Frau nun.

»Tobbs«, murmelte er. »Gibt es hier einen Ausweg? Ich muss hier raus, sofort!«

Die Frau zupfte an ihrem weißen Haar und zuckte bedauernd die Schultern. »Ist nicht so einfach – nur die Priester kennen den Weg durch die Spiegel. Und da wir wohl eine Weile hier miteinander verbringen werden …«

»Das werden wir ganz sicher nicht!« Tobbs schritt den Raum ab, spähte hinter den Schrein, ging an den Spiegeln vorbei und hielt Ausschau nach einer Tür, einem Spalt, irgendeinem Ausgang. Doch das Einzige, was er sah, waren die wolkigen Schatten seines Spiegelbildes in den anderen Spiegeln. Und hier und da ein fremdes Augenpaar, das ihn erstaunt musterte.

»Auch wenn wir nur kurze Zeit hier sein sollten«, fuhr die Frau ungerührt fort, »möchte ich doch, dass du meinen Namen kennst. Ich bin Mamsie Matata.«

»Das ist aber kein Name aus Yndalamor, oder?«, sagte Tobbs, während er mit der Hand suchend an einer Dielenkante auf dem Boden entlangfuhr.

»Nein, ich komme nicht von hier. Ich war eine Reisende und Gast in Yndalamor. Als ich noch lebte.«

Tobbs hielt inne und drehte sich zu dem Spiegel um. »Tot? Du bist also doch ein Geist?«

Mamsie Matata schüttelte den Kopf, legte den dicken Zeigefinger über ihre Lippen und winkte ihn heran. Erst als seine Nasenspitze fast an das Spiegelglas stieß, nahm Matata den Finger von den Lippen und beugte sich blitzschnell nach vorne. Bevor Tobbs reagieren konnte, spürte er zwei kräftige Hände, die ihn packten und ihm mit einem Ruck etwas aus dem Körper rissen, das sich wie geballter Wind anfühlte. Und dann glitt und schwebte er selbst – mitten durch den Spiegel. Die Oberfläche, die er durchstieß, war kühl wie eine Wand aus Eisluft. Matatas Welt dahinter jedoch war warm und duftete nach Gewürzen. Es war das Spiegelbild des Tempelraums, natürlich, aber dennoch waren einige Kleinigkeiten darin anders. Zum Beispiel fehlte die Statue der Göttin Kali.

»Siehst du?«, sagte Mamsie Matata. »Noch ein Beweis: Einen Menschen hätte ich nie hinter den Spiegel ziehen können.«

Tobbs hob die Hand und betrachtete sie – ein wolkiger, schlanker Schatten, viel dünner, als sein Arm gewesen war. Er brachte kein Wort heraus, aus seiner Kehle kam nur ein jämmerlicher Laut, ein fiepsendes Fauchen, das tatsächlich nicht sehr menschenähnlich klang.

Matata lächelte. »Keine Sorge, Junge. Hier bist du sicher. Ich wollte nur nicht, dass die anderen Spiegel uns belauschen. Sieh hier!«

Sie nahm Tobbs bei den Schultern und drehte ihn um. Wie durch ein Fenster blickte er nun in den Raum. Und direkt vor ihm, mit einem angespannten, konzentrierten Gesichtsausdruck, stand er selbst und starrte immer noch in den Spiegel. Das Haar hing ihm wirr in die Stirn und auf dem Kinn prangte ein Bluterguss. Tobbs griff sich reflexartig ans Kinn, fühlte jedoch nur etwas Haariges. Seine Hand zuckte zurück. Noch mehr als sein eigener, erstarrter Körper erschreckte ihn der Anblick der anderen Spiegel. In jedem davon war ein Gesicht, das zu ihm herübersah.

»Die reden nicht mit mir«, flüsterte Matata hinter ihm. »Weil ich eine Fremde bin. Aber um mich in den Spiegel zu sperren, dafür war ich den Herrschaften offenbar nicht fremd genug.«

»Die Yndalamorier halten dich in dem Spiegel gefangen?« Endlich hatte Tobbs seine Stimme wiedergefunden. Doch sie klang leiser und etwas tiefer, als würde der Raum um ihn herum sie erst formen.

Mamsie Matata trat neben ihn und blickte aus dem Spiegel. Ihre Stimme klang warm und freundlich, als sie weitersprach.

»Das ist die Stadt der Spiegel, mein Junge. Wir in den Spiegeln sind alle Gefangene. Alle, die am falschen Ort starben oder zur falschen Zeit, alle, die auf der Reise zu ihrem nächsten Körper trödelten – nun, sie fristen ihr Dasein als Spionspiegel.«

»Spionspiegel?«

Mamsie Matata tippte ihm mit der Fingerspitze an die Brust. Es fühlte sich wie ein kalter Windhauch an und ihre Hand versank in dem schwarzen Nebel, der nun Tobbs’ Körper war. »Nur beseelte Spiegel zeigen die wahre Gestalt ihres Gegenübers. Das Äußere lässt sich so leicht verändern – eine Prise Magie oder eine Maske genügen. Doch die Spionspiegel kann man nicht belügen.«

»Wurden deshalb Spiegel auf den Dächern der Stadt angebracht?«

Mamsie Matata nickte. »Kluger Junge. Die Feinde der Stadt kommen aus der Luft und sie beherrschen viele Tricks der Verwandlung. Mal nähern sie sich als liebliche fliegende Frauen, mal geben sie vor, einfach nur große Vögel zu sein. Doch die Spionspiegel zeigen ihre wahre Gestalt und schicken das Bild über weitere Spiegel hinunter in die Gassen und Häuser. Dann wissen die Menschen, dass sie sich in Sicherheit bringen müssen. ›Spiegelwender‹ ist in dieser Stadt ein angesehener Beruf.«

Tobbs starrte sein eigenes, eingefrorenes Gesicht in der wirklichen Welt an. Über den Dächern der Stadt hatte er sich selbst im Spiegel nicht gesehen, aber Sid hatte er in der dämonischen Gestalt erblickt, die ihm wirklich entsprach. Und der Mancor … irgendetwas an seinem Spiegelbild war ebenfalls anders gewesen.

»Du hast traurige Augen«, sagte Mamsie Matata. »Ich sehe einen sehr alten Kummer darin.«

Das Mitgefühl in ihrer Stimme brachte Tobbs noch mehr aus der Fassung, er musste schlucken, damit ihm nicht die Tränen in die Augen stiegen. Sein ganzes Elend brach über ihn herein. Er würde seinen Geburtstag verpassen! Und nicht nur das: Er war viel zu weit weg von dem einzigen Ort, an dem seine Eltern ihn finden konnten.

»Ich muss hier weg«, brachte er mühsam heraus. »Ich muss zurück – in die Taverne, in der ich lebe. Es ist nur ein blöder Zufall, dass ich hierhergekommen bin.«

»Das ist es immer«, sagte Mamsie Matata. »Der Tod kommt immer ungerufen, glaube mir, ich weiß, wovon ich rede.«

Beim Wort »Tod« zuckte Tobbs zusammen. »Für eine Tote wirkst du aber sehr lebendig.«

»Das kann nur ein Lebender sagen!« Matatas Lächeln war verschwunden, sehnsuchtsvoll sah sie in den Tempelraum. Tobbs folgte ihrem Blick und betrachtete die Gesichter in all den anderen Spiegeln. Das mulmige Gefühl wurde zu einer grässlichen Gewissheit.

»Sie wollen mich auch in einen solchen Spiegel sperren, nicht wahr?«

Mamsie Matata seufzte.

»Verstehst du es immer noch nicht? Sie werden dich töten, mein Junge. Und deine Seele wird in keinen Spiegel flüchten, sie wird geopfert, um von den Feinden der Stadt verschlungen zu werden. Du bist nicht nur tot, du wirst aufhören zu existieren. Aus. Ende. Von der Welt radiert für immer.«

Tobbs musste sich setzen.

»Wer sind denn … diese Feinde?«, stammelte er.

Mamsie Matata sah ihn erstaunt an. »Du bist wirklich nicht aus dieser Gegend. Die Schwärme natürlich! Die Helferinnen der Göttin dort.« Mit ihrem Kinn deutete sie in Richtung von Kalis Statue. »Oft sieht man sie in der Gestalt von Frauen. Aber die Stadt der Spiegel greifen sie meist als Vögel an.«

Tobbs blinzelte und versuchte sich daran zu erinnern, ob Dopoulos ihm jemals von den Helferinnen erzählt hatte. Er hatte nicht.

»Sie fressen Menschenfleisch und verschlingen Seelen«, half Matata seinem Gedächtnis auf die Sprünge.

Er schloss die Augen und vergrub den Kopf in den Armen. In einem fremden Land ausgelöscht – von Kalis Helferinnen. Das durfte einfach nicht wahr sein!

»Das wird … Kali niemals zulassen«, flüsterte er. »Sie kennt mich und …«

»Scht! Niemals spricht man hier ihren Namen aus, hast du verstanden? Wenn man ihren Namen nennt, riskiert man, dass sie die Stadt angreift und zerstört. Hast du denn nicht gehört, was sie mit der silbernen Stadt Ghan gemacht hat? Sie reitet auf einer großen Feuerwolke und schwingt ein Schwert, das Berge vom Erdboden fegen kann.«

»Im Augenblick sitzt sie bei mir zu Hause und trinkt Tee«, erwiderte Tobbs. Beinahe hätte er gelacht. »Außerdem reitet sie keine Feuerwolke, sondern fährt seit Neuestem einen fliegenden Streitwagen. Und wenn sie in nächster Zeit etwas zerstören wird, dann höchstens mich – falls die Schwärme nicht schneller sind.«

»Was redest du da? Bist du auf den Kopf gefallen? Die Göttin und Tee trinken – pah! Wenn sie etwas trinkt, dann ist es Blut aus den Schädeln ihrer Opfer!« Erstaunlich behände nahm Mamsie Matata neben Tobbs auf dem Boden Platz und legte ihm eine Hand auf den schattigen Arm. Die Wärme ihrer Finger tat gut. »Es ist schade um dich, weißt du? Irgendwie mag ich dich. Die anderen vom Himmel Gefallenen waren allesamt entweder eingebildet, verrückt oder fingen vor Angst an zu schreien und zu heulen. Dabei bringt das gar nichts. Nur, dass die Priester sie dann knebeln und fesseln, bis sie dran sind.«

Tobbs schluckte schwer und blickte in Mamsie Matatas verwirrende Augen. »Wann … bin ich denn dran?«

»Beim Opferblütenfest in zwei Tagen.«

»Fällt jedes Mal, wenn ein Fest stattfindet, ein Menschenopfer vom Himmel?«

Mamsie Matata schüttelte geduldig den Kopf. »Kein Mensch weiß, wann die guten Götter der Stadt ein Opfer schenken. Mit denen, die außerhalb der Festzeit herunterfallen, wird kein langes Brimborium gemacht. Du weißt – sobald die Schwärme wieder mal Futter bekommen, ist einige Zeit Ruhe. Manchmal einen ganzen Mondlauf lang. Dann ist die Stadt wirklich ein sehr netter, ruhiger Ort. Das dachte ich auch, als ich hier ankam. Gute Musik, flippige Leute, interessante Geschichten. Na ja. Hätte ich damals gewusst, wo man hier enden kann, hätte ich zugesehen, dass ich so schnell wie möglich weiterkomme.« Sie erhob sich und lächelte ihm aufmunternd zu. »Na komm, steh auf, Kleiner!« Tobbs ließ es zu, dass sie ihn an der Hand fasste – zumindest spürte er, wie sie in das Wolkengebilde am Ende seines Arms griff – und ihn sanft auf die Beine zog. »Ich gebe dir einen guten Rat: Wenn sie kommen, dann sag ihnen, was sie hören wollen. So hast du zumindest noch zwei Tage, die du komfortabel und ohne einen Knebel im Mund verbringen kannst.«

Sie packte ihn bei den Schultern und schubste ihn gegen den Spiegel.

Das Zurückgleiten in seinen starren Körper war unangenehm – es war, als hätte er viel zu lange Zeit bewegungslos und angespannt dagestanden. Seine Knie gaben einfach nach und er sank zu Boden. Nie hatte er sich schutzloser gefühlt. Mamsie Matata war erloschen. Stattdessen glotzten ihn nun alle Spiegel an.

Tobbs kroch unter Mamsie Matatas Spiegel, lehnte sich an die lackierte Wand und zog die Knie bis unters Kinn. Seine Kehle war trocken, aber er war heilfroh, wieder Finger und Arme und ein Kinn zu haben – auch wenn dort schmerzhaft eine Prellung pochte. Das alles hier musste ein schrecklicher Traum sein! Wanja hätte ihm doch gesagt, wenn er kein Mensch wäre! Die Spiegel verschwammen vor seinen Augen und plötzlich heulte und schniefte er vor Wut und vor Selbstmitleid. Natürlich konnte er Sid die Schuld geben, aber der Punkt war, dass er, Tobbs, der Ältere war. Er hatte die Verantwortung für das Dämonenkind gehabt – und er war es gewesen, der sich hatte überreden lassen, auf Kalis Streitwagen zu steigen. Trotzdem – wenn er Sid noch einmal in die Finger bekäme, würde er ihn weichprügeln, bis er keiner Schlange, sondern einem Plattwurm glich.

Aus dem Spiegel, der ihm genau gegenüberstand, starrte ihn ein Greisengesicht an.

»Was glotzt du so?«, fuhr Tobbs den Alten an. »Kümmere dich um deinen eigenen Kram, verstanden?« Das Gesicht verschwand so schnell, als hätte jemand eine Kerzenflamme ausgepustet.

Die Mäuse fiepten leise – wahrscheinlich war das ihre Art zu kichern. Inzwischen saßen sie alle auf dem schwebenden Eichenast und genossen die Aussicht.

Tobbs vergrub die Finger in seinem Haar. Er war allein. Und nicht nur das – zu allem Überfluss war er offenbar irgendetwas Wolkiges mit schrägen, orange-goldenen Augen und ohne Finger. Möglicherweise waren seine Eltern ja Dämonen? Im Augenblick wäre ihm das mehr als recht gewesen, denn die Schwärme gierten ja ausschließlich nach Menschenfleisch, oder etwa nicht? Fieberhaft überschlug er seine Möglichkeiten. Er hatte sein Schnitzmesser, gut verstaut in der zugeknöpften Innentasche seiner Jacke. Ob es noch da war?

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