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Die Sieben Templer

Über Guido Dieckmann

Guido Dieckmann, Jahrgang 1969, lebt als freier Autor in der Pfalz. Er hat sich durch zahlreiche historische Romane einen Namen gemacht. Sein Roman zum Film »Luther« wurde ein Bestsellererfolg. Im Aufbau Verlag sind seine Romane »Die Poetin«, »Die Gewölbe des Doktor Hahnemann«, »Der Bader von St. Denis«, »Die Magistra«, »Die Nacht des steinernen Reiters«, »Die Frau mit den Seidenaugen« sowie »Luther« lieferbar.

Informationen zum Buch

Das größte Geheimnis der Welt

Sieben Tempelritter haben die Vernichtung ihres Ordens überlebt und hüten seitdem ein Mysterium, das die Zukunft der Welt verändern könnte. Doch die Inquisition ist ihnen hart auf den Fersen. Um das Vermächtnis des Ordens zu retten, sendet der alte Ritter Thomas Lermond Boten aus, um seine über halb Europa verstreuten Brüder ein letztes Mal zusammenzurufen. Die Reise der sieben Templer gerät bald zu einem Alptraum. Geheime Mächte setzen alles daran, dass die Männer ihr Ziel niemals erreichen.

Non nobis Domine, non nobis,

sed nomini tuo da gloriam

Nicht uns Herr, nicht uns,

sondern deinem Namen gib

die Ehre

WAHLSPRUCH DER TEMPLER

Prolog

Tempelhof im Jahr 1314

Thomas Lermond stand am Fenster und hob müde die Hand zum Gruß, als der letzte Bote, ein blonder hochgewachsener Bursche, durch das Tor des Handelshofes ritt. Lächelnd schaute der Junge zu ihm auf und winkte fröhlich, als hätte er nur einen kurzen, harmlosen Ausflug vor sich. Wie die sechs Boten vor ihm ahnte auch er nicht, auf welch waghalsiges Abenteuer er sich eingelassen hatte. Thomas Lermond hatte geschworen, niemals einen anderen Menschen einzuweihen, daher wussten auch die Boten nicht mehr über ihre Mission als nötig. Schließlich hatte Lermond einst einen Eid geleistet, das Geheimnis, das ihm einst anvertraut worden war, mit seinem Leben zu verteidigen.

Der Bote verschwand unter dem Torbogen, aber Thomas Lermond blieb noch ein Weilchen am Fenster stehen, um die feuchte Luft des kühlen Februartages in seine Lungen zu lassen. Er war alt geworden, zu alt für den Kampf, aber nun war der erste Teil seiner Aufgabe erfüllt: Sieben Münzen waren auf dem Weg – sieben Münzen, wie es sonst keine auf der Welt gab, als Zeichen dafür, dass sein Schatz in Gefahr war und geborgen werden musste.

Thomas Lermond beobachtete mit regloser Miene, wie der Bote auf die Straße abbog, die mit ihren Furchen und Unebenheiten kaum als solche zu bezeichnen war. Tempelhof lag abgelegen, tief im Osten, inmitten dunkler, unwirtlicher Wälder. Ein besseres Versteck hatten sie nicht finden können, als sie vor sieben Jahren Hals über Kopf aus Frankreich geflohen waren. Jacques de Molay, der letzte Großmeister des Ordens – Gott mochte sich seiner Seele erbarmen –, hatte recht gehabt. »Reitet nach Osten«, hatte er gesagt, bevor sie ihn in Ketten legten, »nicht nach England oder Spanien. Nach Osten! Dort wird niemand nach euch suchen.« Nach vielen Wochen unter freiem Himmel und in ständiger Gefahr vor Verfolgern waren sie am Ende ihrer Kräfte gewesen, Thomas Lermond und seine sieben Gefährten, und auch wenn in diesem abgelegenen Flecken einige Dinge in Unordnung geraten waren, so hatten sie doch den Schatz in Sicherheit bringen können. Es schmerzte Thomas Lermond, dass der Orden den Tempelhof verloren hatte. Gemäß einem Dekret des Papstes sollte die Komturei in den Besitz der Johanniter übergehen, doch bislang war es diesen nicht gelungen, ihre neuen Ansprüche durchzusetzen. Markgraf Waldemar von Brandenburg oblag daher die undankbare Aufgabe, die ehemalige Komturei zu verwalten, doch weder er noch seine Ritter hatten sich jemals hier draußen blicken lassen. Was kümmerte es den Grafen, ob es auf seinem Grund und Boden noch ein paar versprengte Templer gab? Aus dem Ordenshaus, einem befestigten Gebäude aus Stein, war eine gewöhnliche Handelsniederlassung geworden – für Fisch von der Ostsee und feines Leinen aus Sachsen. Nicht mal der sonst so misstrauische Bischof von Magdeburg, der überall Feinde seiner heiligen Kirche witterte, hatte Verdacht geschöpft. Für ihn waren die Templer entweder geflohen, oder sie saßen im Kerker. Diejenigen, die weder gestehen noch widerrufen wollten, waren längst tot.

Thomas konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wenn der fromme Bischof wüsste, was sich gewissermaßen unter seinen Augen abgespielt hatte …

Nachdem sie den Schatz in Sicherheit gebracht hatten, waren die sieben anderen Ritter in die Welt gezogen. Sie waren sich einig, dass es zu gefährlich wäre, wenn sie blieben. Nur Thomas Lermond hatte seinen einsamen Posten bezogen. Es war ein seltsames Leben gewesen, in das er sich notgedrungen hatte einfinden müssen. Tagsüber hatte er die Bücher geführt, hatte mit Fisch, Tuch und Gewürzen gehandelt, und nachts hatte er gebetet und manchmal sogar sein altes, stumpf gewordenes Schwert hervorgeholt – und immer hatte er sein Geheimnis gehütet und die Augen offen gehalten. Niemals hatte sich der Feind gezeigt, niemals, bis vor zwei Wochen zwei Fremde im Tempelhof aufgetaucht waren, junge Mönche aus Frankreich, die ein seltsam gestelztes Deutsch gesprochen hatten. Sie hatten vorgegeben, fromme Dominikaner auf dem Weg nach Osten, ins Gebiet des Deutschen Ritterordens, zu sein, aber für Thomas Lermond hatten die beiden eindeutig zu viele Fragen gestellt. Nur eine, die naheliegende Frage, war ihnen scheinbar nicht eingefallen: Hatte es hier nicht früher einmal Templer gegeben?

Manchmal verrieten einen erst die nicht gestellten Fragen.

Von Westen brach die Dunkelheit über die Wälder herein. Schwere dunkle Wolken zogen am Himmel entlang, als suchten sie einen Ruheplatz für die Nacht. Die Luft war kühl und roch nach Regen. Noch einmal warf Thomas einen Blick aus dem Fenster. In dem einen Moment war der letzte Bote noch als vager Schemen auf der Straße zu erkennen, im nächsten wurde er von der Finsternis verschluckt wie von einem gierigen Raubtier. Thomas zitterte bei dem Gedanken, einer der Boten könnte sein Ziel nicht erreichen. Dann nämlich wäre alles verloren. Nur zusammen konnten sie retten, was noch zu retten war. Sieben Templer gemeinsam. Er gönnte sich einen Schluck Wein, den er sich aus Frankreich kommen ließ. Er wusste, dass alles, was mit Frankreich zu tun hatte, gefährlich war, doch nur so ließ sich seine Sehnsucht nach der Heimat bekämpfen. Mit Schrecken sah er, wie sehr seine Hände im Schoß bebten. Hatte die Angst vor seinen Feinden ihn schon erfasst? Ihn, der einst das Schwert geführt hatte wie kaum ein anderer? Er war zweiundfünfzig Jahre alt und würde vermutlich bald sterben, doch zuvor musste er die Rückkehr seiner sieben Gefährten abwarten und ihnen helfen, den Schatz zu bergen. Das Vermächtnis des Ordens musste um jeden Preis in Sicherheit gebracht werden.

Er leerte den Becher, dann kniete er auf dem kalten Fußboden nieder, obwohl der Schmerz in seinen morschen Gelenken ihm beinahe den Atem nahm. Seine Augen suchten das Kreuz mit dem Heiland über seinem Bett, aber er hätte eine Kerze anzünden müssen, um mehr als nur die Umrisse wahrnehmen zu können. Wenn er ehrlich war, zürnte er manchmal seinem Gott, für dessen Ruhm und Herrlichkeit er im Heiligen Land so viele Schlachten geschlagen und sein Blut geopfert hatte. Wieso hatte der Allmächtige es zugelassen, dass der Orden vernichtet und sein Ansehen in den Staub getreten worden war? Alle Anschuldigungen gegen ihn waren falsch gewesen. Verleumdungen, böse Gerüchte, vom französischen König aus Habgier in die Welt gesetzt und vom Papst hastig abgesegnet. In Wahrheit hatte niemals einer von ihnen Gott gelästert, einen dämonischen Götzenkopf angebetet oder einen anderen Mann unsittlich berührt. Warum also hatte Lermond mitansehen müssen, wie seine Kameraden entweder auf der Stelle getötet oder zu Dutzenden in die Kerker des Königs getrieben worden waren? Wäre er selbst nicht so geistesgegenwärtig gewesen, beim Überfall auf das Pariser Ordenshaus aus dem Fenster zu springen, hätte er die Stadt niemals lebend verlassen können. Und hätte Marie, die Frau, die er heimlich liebte, ihn nicht versteckt und mit Essen und Kleidern versorgt …

Lermond vertrieb die quälenden Erinnerungen aus seinem Kopf, weil er plötzlich fürchtete, der Teufel könnte sie ihm eingegeben haben. Wer war er schon, dass er Gottes Ratschluss in Frage stellte? Der Allmächtige hatte ihn und die sieben anderen leben lassen und zu Wächtern eines Geheimnisses gemacht, das unter dem Himmel seinesgleichen suchte.

Als es vollends dunkel geworden war, legte er sich auf sein Bett und schloss die Augen. Die letzten Geräusche vom Handelshof verklangen harmlos. Ein paar Hühner gackerten, ein Knecht pfiff eine Melodie, als könnte nirgendwo auf der Welt eine Gefahr lauern. Müdigkeit schlich in Thomas’ steife Glieder, und er hoffte, dass er nach dem Wein, der ihm zu Kopf gestiegen war, ohne Alpträume würde schlafen können. Keine schreienden Kameraden sollten ihn heute Nacht plagen, auch nicht die Erinnerung an Maries hübsche, blitzende Augen.

Wie weit mochten seine Boten schon gekommen sein? Wann würden sie ihr Ziel erreichen, und wann würden die ersten Brüder eintreffen, um ihm beizustehen?

Thomas Lermond hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihm noch blieb. Wie jede Nacht, seit er aus Frankreich geflohen war, sah er kurz vor dem Einschlafen Maries weißen nackten Leib vor sich. Sie flüsterte ihm etwas zu, das lieblicher und reiner klang als das Gelächter der Dämonen aus seinen Träumen.

Er spürte den Luftzug wie die Berührung einer sanften Hand. Endlich war es so weit. Marie kam, um ihn aus seinen Ängsten und Zweifeln zu erlösen. Sie führte ihn fort vom Tempelhof, in ein neues Leben, wo er weder Ordensritter noch Händler und heimlicher Wächter auf einem gottverlassenen Außenposten war, sondern nur ein Mann, der sich zu seiner Liebe bekennen durfte.

Als Thomas Lermond die Augen aufschlug, klopfte sein Herz vor Verlangen bis zum Hals. Gleichzeitig fühlte er sich lebendig. Warum nur war er in letzter Zeit so verzagt gewesen und hatte überall Feinde und Gespenster gesehen? Bekam ihm der Wein nicht mehr?

Noch als die Tür zu seiner Schlafkammer ganz langsam aufschwang, dachte er an Marie. Für einen Moment war er sogar ganz sicher, dass sie eintreten und ihn anlächeln würde, so wie damals in seinem Versteck in Paris.

Doch dann erkannte er, dass der Schatten, der sich in die Kammer schob, nicht zu einer Frau, sondern zu einem Mann gehörte. War etwa einer der Boten zurückgekehrt? Oder gar der erste Templer? Unmöglich, befand Lermond. Nicht nach so kurzer Zeit.

Mit einem Mal war er hellwach, und noch ehe er aus dem Bett springen konnte, beugte sich eine Gestalt über ihn. Ihr bleiches Gesicht erinnerte an eine Totenmaske, durch deren Schlitze kalte Augen starrten. Augen, die er spüren, aber nicht erkennen konnte. Ein Dämon? Der Teufel?

Sein Herz begann ihm abermals bis zum Hals zu pochen, doch dieses Mal schlug es vor Panik. Er war dem Feind also trotz all seiner Bemühungen nicht zuvorgekommen. Seine Widersacher, die beiden französischen Mönche, hatten auf der Lauer gelegen und jeden seiner Schritte beobachtet.

Und seine Boten? Waren sie den Verfolgern ins Netz gegangen? Unwillkürlich lauschte Thomas, ob er unten auf dem Hof das Geklirr von Schwertern oder das Geschrei von Knechten und Mägden hörte, die zusammengetrieben wurden. Aber alles war still. Es waren keine Bewaffneten im Haus, und wenn, so hatten sie noch nicht zugeschlagen.

»Was wollt ihr?«, fragte Lermond den Eindringling mit dem maskenartigen Gesicht, bemüht, seine Stimme forsch und selbstsicher klingen zu lassen. Er durfte keine Angst zeigen, sonst war er verloren. »Seid Ihr ein Dieb? Wollt Ihr mich ausrauben?«

Sein Gegenüber sog die Luft ein und lachte dann leise. »Ausrauben? Ich?« Der Fremde schien das komisch zu finden. Sein Gelächter wurde lauter; es klang fast wie der Gesang eines Mönches im Kloster. Dann hörte er schlagartig auf zu lachen und seine Miene füllte sich mit Wut und Hass.

»Der Dieb bist doch wohl du, Thomas Lermond! Du hast etwas gestohlen, was nicht euch Templern, sondern dem Papst gehört. Aber keine Angst, ich werde es finden. Und wenn ich den Tempelhof, mit allen, die hier leben, in Flammen aufgehen lassen muss!«

I.

Erfurt, Februar 1314

Seinen wahren Namen kannte niemand, nicht einmal er selbst. Manchmal bedauerte er das, denn ohne Namen war man in dieser Welt ein Nichts. Wer vertraute schon einem Burschen, der keine Ahnung hatte, woher er eigentlich kam und auf welchen Namen er getauft worden war? Falls er das Sakrament überhaupt jemals empfangen hatte. Auf dem abgeschiedenen Handelshof, wo er seine Bleibe hatte, wurde jedes Pferd mit Namen gerufen, was bewies, dass es für seinen Besitzer von Wert war.

Er jedoch hatte nie für jemanden einen Wert gehabt. Nicht umsonst rief man ihn, seit er laufen konnte, nur Primus. Als Junge hatte er das gern gehört, denn immerhin stammte dieser Name aus dem Lateinischen, der Sprache, die der Priester bei der heiligen Messe verwendete. Doch dann hatte der versoffene Bürstenbinder im Dorf ihm beigebracht, dass die frommen Tempelherren ihn am Morgen des ersten Januar auf der Türschwelle der ehemaligen Templerkomturei gefunden hatten. Die Ritter mit den blutroten Kreuzen auf ihren Mänteln hatten wenig Aufhebens um das ungewollte Findelkind gemacht und ihm der Einfachheit halber eine Nummer zugewiesen. Er war der erste überflüssige Fresser des Jahres: also Primus. Seine Eltern sollte Primus nie kennenlernen. Möglicherweise war seine Mutter eine Hörige gewesen, die von irgendeinem dahergelaufenen Schuft geschwängert worden war. Oder sie gehörte dem bettelarmen fahrenden Volk an und hatte die erstbeste Gelegenheit genutzt, sich ihres Bastards zu entledigen. Im Grunde hatte es Primus nie viel ausgemacht, sich allein durchzuschlagen. Die Tempelritter, in deren Komturei ein ständiger Bedarf an Arbeitskräften herrschte, hatten entschieden, den kleinen Waisenjungen nicht erfrieren zu lassen, sondern ihrem Gesinde zu übergeben. Obwohl Primus dort ohne besondere Zuneigung und Hilfe hatte aufwachsen müssen, war er den Ordensrittern dankbar, dass sie ihn am Leben gelassen hatten. Er war ein Knecht ohne Namen und ohne Vergangenheit, aber bedeutete das auch, dass es für ihn keine Zukunft geben konnte? Keine Hoffnung auf ein anderes Leben? Als Junge hatte er den Ordensrittern heimlich dabei zugesehen, wie sie sich auf der Wiese am schwarzen Teich im Schwertkampf geübt hatten. Dann hatte er davon geträumt, eines Tages zu ihnen zu gehören und mit den Rittern ins Heilige Land zurückzukehren, um Jerusalem endgültig zu befreien. Aber natürlich war dies unmöglich. Nur ein freier Ritter konnte in den Templerorden aufgenommen werden. Primus war kein Ritter, und frei war er auch nicht. Er war kaum mehr als ein Leibeigener, der Ställe ausmistete, die Schweine fütterte und sich von den anderen Knechten herumschubsen ließ. Dafür verfügte Primus über Ausdauer, eine vortreffliche Beobachtungsgabe und einen wachen Verstand. Mit acht Jahren hatte er sich einmal heimlich in die Kleiderkammer der Ordensbrüder geschlichen und einen ihrer Umhänge gestohlen. Einen weißen Mantel, auf dem das blutrote Tatzenkreuz prangte. Gewiss wäre es leichter gewesen, das Haus mit einem braunen oder schwarzen Mantel zu verlassen, aber diese Farben wurden nur von dienenden Brüdern getragen, und diese interessierten ihn nicht. Ein Diener war er selbst, aber nur das Leben als kämpfender Tempelritter versprach einem Mann Freiheit und Ansehen.

Noch am selben Abend bemerkte man das Fehlen des Gewandes, und der Meister schickte Bewaffnete aus, um die armseligen Unterkünfte der Lohnarbeiter nach dem verschwundenen Kleidungsstück abzusuchen. Primus erinnerte sich noch genau, wie er zitternd vor Angst in der Reihe der schwitzenden, besorgt dreinblickenden Männer stand, die sich der Befragung durch einen Kaplan unterziehen mussten. Seit es die Komturei in den Wäldern gab, hatte es noch keiner gewagt, sie zu überfallen oder auch nur etwas daraus zu stehlen. Jedermann wusste, dass ein Raub grausame Strafen nach sich zog.

Als es schließlich an Primus war, Rede und Antwort zu stehen, beteuerte er, nichts von dem verschwundenen Mantel zu wissen. Er log überzeugend, aber er fühlte sich miserabel dabei. Ihm, der die Templer bewunderte und so sein wollte wie sie, war nichts Besseres eingefallen, als einen ihrer Umhänge zu stehlen und danach im Wald zu verscharren wie ein Hund einen Knochen. Primus erkannte, dass er das Objekt seiner Begierde nie wieder würde anschauen können, ohne sich dabei wie ein Schuft und Feigling zu fühlen.

Im Morgengrauen grub er den Mantel wieder aus, reinigte ihn notdürftig und trug ihn dann mit klopfendem Herzen hinüber zur Komturei.

»Ich kann dich nicht straflos gehen lassen«, erklärte ihm der Wächter der Kleiderkammer, obwohl er offensichtlich von dem Mut des kleinen Missetäters beeindruckt war. »Dessen warst du dir doch hoffentlich bewusst, bevor du den Mantel zurückgebracht hast?«

Primus schlug die Augen nieder. Wurde ein Dieb überführt, so schlug man ihm die Hand ab oder verpasste ihm ein Schandmal mit dem glühenden Eisen. Dabei spielte es keine Rolle, ob der Überführte schon erwachsen war oder noch ein Kind. Den Templern sagte man nach, bei den Ungläubigen Hinrichtungsmethoden erlernt zu haben, die jedem Christenmenschen im Abendland das Blut in den Adern gefrieren ließen.

»Verrätst du mir noch, was du mit dem Mantel eines Tempelritters vorhattest? Wolltest du das Kreuz darauf bespucken? Das Gewand in den Staub treten?«

Primus riss empört die Augen auf. Wie um alles in der Welt konnte der Mann ihn nur so etwas fragen? Ausgerechnet ihn, der sich nichts auf der Welt so sehr wünschte, wie dem Orden der Mönchsritter anzugehören. Er unterdrückte die aufsteigenden Tränen, biss sich auf die Unterlippe und gab sich im Angesicht des bärtigen Mannes, der in der Komturei wegen seiner Härte gefürchtet war, so tapfer, wie er nur konnte.

Der Templer fesselte ihn und trieb ihn vor sich her die Treppen der Komturei hinauf, bis sie in einen finsteren Gang gelangten. Trotz seiner Angst sah Primus sich neugierig um. Er war noch nie hier oben gewesen, vermutete aber, dass sich hinter den Türen entlang des Flurs die Schlafkammern der Brüder befanden. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als sein Bewacher mit dem Griff seines Langdolches dreimal an jede einzelne Tür schlug, bis auch der letzte Templer neugierig auf den Flur trat. Primus erhaschte einen Blick in eine der Kammern und staunte darüber, wie kärglich sie eingerichtet war. Außer einer Bettstatt mit Strohsack, Leintuch und Wolldecke gab es darin nur einen Betschemel aus wurmstichigem Holz und ein Kreuz an der Wand gen Osten. Wie es aussah, verfügte der Mann, der hier hauste, trotz seines Standes über kaum mehr Annehmlichkeiten als Primus oder die anderen Diener in der Gesindestube.

Der Wächter der Kleiderkammer erklärte schließlich mit tiefer Stimme, dass er einen jungen Taugenichts im Haus erwischt habe, der eine gerechte Strafe verdiene. Dann wandte er sich Primus zu: »Siehst du die Pforte, die am Ende des Ganges liegt? Die Tür ist nicht verschlossen, nur angelehnt. Du wirst mit verbundenen Augen auf sie zugehen, sie öffnen und eintreten. Dahinter findest du entweder den Himmel oder die Hölle. Vielleicht lernst du so aus deinem Fehler und legst den Stolz ab, der dich zu deiner Tat getrieben hat. Weigerst du dich, werden dich die Brüder des Tempels auf der Stelle einen Kopf kürzer machen!«

Primus spürte Panik in sich aufsteigen. Von der geheimnisvollen Pforte hatte er bereits im Gesindehaus erzählen hören. Es hieß, dass sie niemals geöffnet werden dürfe, weil dahinter der Teufel mit seinen Dämonen hause.

Primus’ Herz raste, als ihm plötzlich jemand von hinten die Augen verband. Dann spürte er einen derben Stoß im Rücken, der ihn beinahe von den Füßen riss. Aber es gelang ihm, sich aufrecht zu halten. Kein Laut entwich seinen Lippen, nicht einmal als er hörte, wie ein Schwert aus der Scheide gezogen wurde. Er hatte keine Wahl. Wollte er nicht auf der Stelle sterben, musste er es wagen, sich bis zur Pforte vorzutasten. Die Genugtuung, ihn schreien oder um sein Leben betteln zu hören, würde er den Männern jedenfalls nicht geben. Er streckte beide Arme nach vorn und begann, sich Schritt um Schritt vorwärtszubewegen. Die Templer schwiegen. Keiner der Männer, die ihm zusahen, sagte auch nur ein Wort, aber Primus wusste, dass sie ihm stumm folgten. Er hörte, wie ihre Gewänder über den zerkratzten Dielenboden schleiften.

Würden sie ihm einen Stoß geben, wenn er am Ende des Korridors angelangt war und vor der Pforte stehen blieb, anstatt sie zu öffnen?

Der Gang schien schon nach wenigen Schritten nicht nur schmäler zu werden, sondern auch niedriger. Als Primus die Hand nach oben ausstreckte, berührte er den Deckenbalken. Er war klein genug, um nicht den Kopf einziehen zu müssen. Die großen Männer, die ihm lautlos folgten, mussten sich wahrscheinlich ducken. Das verschaffte ihm eine leise Genugtuung. Die stolzen Ritter begleiteten ihn buckelnd in den Tod.

Plötzlich endete der Gang. Primus fühlte die Tür vor sich. Wie der Templer gesagt hatte, war sie unverschlossen und nur angelehnt. Durch den groben Stofffetzen, mit dem man seine Augen verbunden hatte, nahm Primus einen diffusen Lichtschein wahr, der von draußen in den Gang fiel. Auf seinen Wangen fühlte er die kühle Luft des erwachenden Morgens. Ganz in der Nähe gurrten ein paar Tauben, die unterhalb des kleinen hölzernen Wehrgangs ihr Nest gebaut hatten.

»Nun, worauf wartest du?«, fuhr ihn einer der Templer an. »Öffne die Tür und empfange das Urteil Gottes!«

Das Urteil Gottes, dachte Primus. Hastig schlug er ein Kreuz, wie es ihm der alte Priester der Dorfkirche beigebracht hatte. So also sah die wahre Strafe der Templer aus. Nicht nur der Tod, auch ewige Qual warteten auf denjenigen, der es gewagt hatte, einen Angehörigen des Ordens zu bestehlen. Mit bebenden Fingern suchte er nach dem eisernen Ring an der Tür und zog kräftig daran, bis die Tür mit einem hässlichen Quietschen aufsprang. Primus atmete ein letztes Mal tief durch, bevor er sich in Bewegung setzte. Das einsetzende Gelächter der Männer in den Ohren, machte er einen Schritt vor. Der nächste traf keinen festen Grund mehr. Primus verlor das Gleichgewicht und stürzte, dem hellen Licht entgegen. Es gab keinen Raum hinter der Tür, keinen Teufel, der ihn triumphierend empfing. Die Pforte führte einfach ins Leere, ins Nichts.

Dass er weder sterben würde noch sich das Rückgrat gebrochen hatte, begriff Primus, als sein Körper, statt auf Stein oder festgestampften Lehm aufzuschlagen, in einer weichen Masse versank. Um ihn herum erklangen das Gackern von Hühnern und das Schnattern von Gänsen, in das sich nur Augenblicke später die Stimmen einiger Männer und Frauen mischte. Da Primus sich nicht traute, Arme und Beine zu bewegen oder auch nur die Augenbinde abzunehmen, blieb er auf dem Rücken liegen und überlegte, ob er im Fegefeuer gelandet war. Immerhin brannte sein ganzer Körper. Doch da packte ihn jemand unsanft am Arm und zerrte ihm den Stofffetzen von den Augen. Vor ihm stand der Wächter der Kleiderkammer und grinste ihn an. Primus’ Blick glitt an dem breitschultrigen Mann vorbei, die Mauer empor, bis hinauf zu der Pforte, die hoch über ihm in der Luft zu schweben schien. Stroh. Er war auf einen großen Haufen Stroh gefallen. Und er hätte schwören können, dass dieser Haufen tags zuvor noch nicht an dieser Stelle gewesen war.

Der Templer, zu dem sich nun auch noch andere Ordensangehörige gesellt hatten, reichte Primus grinsend die Hand und half ihm beim Aufstehen. »Damit wollen wir Gnade vor Recht ergehen lassen«, flüsterte er dem Jungen zu, als dieser sich das Stroh vom Kittel klopfte. »Du hast bewiesen, dass du kein Feigling bist. Damit ist dein Vergehen gesühnt. Ich glaube, ein Bursche wie du kann uns noch von Nutzen sein. Allerdings nur, wenn er noch beide Hände besitzt.«

Nach diesem Vorfall wurde Primus von Zeit zu Zeit in die Komturei gerufen, wenn es galt, kleinere Botengänge zu erledigen. Man brachte ihm bei, sich auf einem Pferd zu halten und mit einem Langdolch zu verteidigen, wenn er im Auftrag des Ordensmeisters unterwegs war. Die einsamen Straßen der Mark zogen allerlei Räuber an, daher war es von Nutzen, auf Reisen gut vorbereitet zu sein.

Primus hatte nichts von dem vergessen, was ihm die Templer einst beigebracht hatten. Als er sein Packpferd über die Krämerbrücke von Erfurt führte, erkundete er mit einigen gezielten Blicken die Häuser und Türme, an denen sein Weg ihn vorüberführte. Er war daran gewöhnt, die Menschen, die ihm begegneten, genau zu beobachten. In jeder dunklen Gasse konnte ein Hinterhalt auf ihn lauern, jedes freundliche Gesicht konnte sich im nächsten Moment in eine Mörderfratze verwandeln. Daher war es angebracht, auf der Hut zu sein.

Die Krämerbrücke war aus Holzbalken gezimmert und knarrte bei jedem seiner Schritte. Unter ihm gurgelte die Gera. Als sein Blick auf die zahlreichen Krämerbuden fiel, die zu beiden Seiten der Brücke standen, bemerkte er, wie hungrig er war. Seit Tagen schon hatte er nichts Vernünftiges mehr in den Magen bekommen, denn sein Auftraggeber hatte Primus geraten, Schenken und Herbergen aus dem Weg zu gehen. Dort trieb sich in diesen Tagen ebenso viel undurchsichtiges Pack herum wie in den Wäldern.

»Heute kann ich Euch aber nur eine Pastete gefüllt mit Stockfisch anbieten.« Der spitzbärtige Händler, auf dessen hölzerner Lade eine Auswahl von Gebäckstücken auslag, musterte Primus ungeniert von Kopf bis Fuß. Vermutlich fragte er sich, was einen Fremden bei einem derart ungemütlichen Wetter in die Stadt führte. Primus war daran gewöhnt, dass sein Aussehen und Auftreten neugierige Fragen nach sich zogen. Die harte Arbeit auf den Gütern der Templer hatte ihm breite Schultern verschafft und seine Muskeln gestählt. Er war hoch gewachsen und ließ mit seinen schulterlangen blonden Locken manches Frauenherz höher schlagen. Um für einen Ritter gehalten zu werden, mochten seine Bewegungen nicht gewandt genug sein, aber die feinen Stiefel, sein besticktes Wams und die auf ihn zugeschnittene Hose aus Hirschleder ließen keinen Zweifel daran, dass er genügend Geld im Beutel hatte, um in Erfurt ein anständiges Gasthaus zu beziehen. Dabei verdankte Primus Pferd und Ausrüstung nur der Großzügigkeit seines Herrn. Der hatte darauf bestanden, jeden seiner Boten aufs Vornehmste einzukleiden. Keinesfalls sollten die Männer wie zerlumpte Bettler an ihrem Bestimmungsort ankommen.

Ein wenig wehmütig dachte Primus an die Zeit auf dem Tempelhof, und seine Gedanken wanderten zu den Männern zurück, denen er bis zur Zerschlagung des Ordens gedient hatte. Manchmal hegte er den Verdacht, Thomas Lermond, der nun im Handelshof das Sagen hatte, könnte selbst einmal ein Templer gewesen sein, aber er hatte sich nie getraut, den wortkargen Mann darauf anzusprechen. Nun, da die Inquisition die Brüder in ganz Europa hetzte, war es gefährlich, sein Herz auf der Zunge zu tragen. Spitzel, die für ein paar lumpige Heller zum Judas wurden und ehemalige Tempelritter aus Profitgier ans Messer lieferten, lauerten in jedem Winkel. Primus, der nach dem Auszug der Ritter auf dem Gutsbesitz geblieben war, hatte nichts für Leute übrig, die zu viele Fragen stellten. Vor allem, wenn es sich dabei um Geistliche handelte. Man erzählte sich, der französische König Philipp habe den Pariser Tempel mit allen Komtureien seines Reiches an einem einzigen Tag besetzen und die überraschten Brüder auf der Stelle einkerkern lassen. Dabei sei er kaum auf Gegenwehr gestoßen, was Primus verwunderte. Warum um alles in der Welt hatten sich die Ritter nicht gewehrt? Warum hatten sie sich entwaffnen und einsperren lassen? Die Verfolgung der Ritter war auch bald auf die deutschen Lande übergegangen. Primus erinnerte sich mit Schaudern an die bangen Stunden, in denen der frühere Ordensmeister von Tempelhof versucht hatte, seine Leute zu beruhigen. Ohne Erfolg. Sie alle waren verschwunden und hatten ein einsames Haus zurückgelassen. Dann war wie aus dem Nichts Thomas Lermond aufgetaucht, ein düsterer, in sich gekehrter Mann, der Primus seit seiner Ankunft im Tempelhof Rätsel aufgab. Und nun, zu allem Überfluss, beanspruchte auch noch der Orden der Johanniter die Ländereien, die Herr Thomas verwaltete. Das hatte der Nachfolger des alten Dorfpriesters, Vater Silvester, Primus erzählt und ihn dabei ermahnt, den neuen Herren zu gehorchen, sobald ihre Abgesandten auf dem Tempelhof eintrafen. Doch Primus wusste, dass er das niemals tun würde. Lieber lief er davon, mochte er leibeigen sein oder nicht. Wenn er den Templern nicht mehr dienen durfte, würde er auch für keinen anderen den Finger krümmen. Umso größer war Primus’ Staunen gewesen, als Thomas Lermond ihn eines Morgens zu sich gerufen und ihm eine Münze in die Hand gedrückt hatte. Er sollte auf schnellstem Wege in die Stadt Erfurt reiten und einen Mann ausfindig machen, der ihnen in ihrer Not angeblich helfen konnte.

»Was ist denn nun, junger Herr?«, brachte sich der Händler mit der Fischpastete wieder in Erinnerung. Seinen Worten folgte ein krampfartiger Hustenanfall, den er mit einem Schluck aus einem Lederbecher linderte. »Wollt Ihr meine Pastete kaufen oder nicht?«

»Ein saftiges Stück Schinken wäre mir lieber gewesen«, gab Primus zu, suchte dann aber zwei kleine Münzen aus seinem Lederbeutel, die er dem Brückenkrämer zuwarf.

»Schweineschinken am Tag der Darstellung des Herrn?«, murmelte der Alte kopfschüttelnd. »Wo kommt Ihr denn her? Aus dem Heidenland? Hier werden heute in den Kirchen die Kerzen geweiht. Zudem bereiten wir uns auf den Festtag des heiligen Blasius vor.«

Der heilige Blasius? Primus machte ein verdutztes Gesicht. Er war nie ein großer Kirchgänger gewesen, obwohl die Tempelherren damals darauf bestanden hatten, dass er wie das übrige Gesinde zur Beichte ging und die Messe hörte. Ganz dunkel erinnerte er sich nun wieder daran, dass die Frau des Hufschmieds eines eisigen Winters wiederholt den Namen dieses Heiligen angerufen und ihn angefleht hatte, ihr die verlorene Stimme wiederzugeben. Allem Anschein nach half Blasius bei Halsbeschwerden.

»St. Blasius zog einmal einem Kind eine Fischgräte aus dem Hals und rettete es so vor dem Ersticken«, erklärte der Krämer eifrig, während er Primus mit fettigen Fingern eine unförmige, in Fett schwimmende Teigtasche reichte, die zu allem Überfluss nach ranzigem Fischtran roch. »Morgen ist sein Feiertag. Daher verzichten mein Weib und ich auf Fleisch.«

»Wie fromm von dir, Krämer«, sagte Primus trocken. Der Fischgeruch, der nun auch an seinen Händen haftete, hätte selbst dem heiligen Blasius Übelkeit beschert, aber sein Hunger zwang Primus, einen Bissen von dem Gebäck zu nehmen. Es schmeckte schauderhaft.

»Nun? Noch eines?«, fragte der Krämer, aber Primus schüttelte den Kopf. Am liebsten hätte er dem Alten den fetttriefenden Teig vor die Füße gespuckt. Aber er wollte kein Aufsehen erregen.

»Wo denkst du hin?«, sagte er stattdessen. »Es wäre doch eine Sünde, sich am Vortag zu St. Blasius der Völlerei hinzugeben, nicht wahr?« Primus holte einen Fetzen Papier aus seinem Wams, auf dem ein paar Wörter standen. »Ich suche das Haus zum Eisenstern«, sagte er nach einigem Zögern.

»Ach, zum Statthalter des Mainzer Erzbischofs wollt Ihr?« Der Krämer wurde hellhörig, ein lauerndes Lächeln öffnete seinen fast zahnlosen Mund.

Primus ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Zwar hatte er damit gerechnet, dass sein Weg ihn zu einer hochgestellten Persönlichkeit führen würde, doch dabei hatte er nicht an den Vicedominus gedacht. Am liebsten wäre er gleich weitergeritten, denn der neugierige Krämer machte keinen vertrauenswürdigen Eindruck, aber er brauchte einen Einheimischen, der ihm den Weg erklärte. Um sich allein durchzuschlagen, war die Stadt zu groß.

Die Auskunft kostete Primus eine weitere Fischpastete, die er ein Stück weiter, nahe der Ruine der niedergebrannten Ägidiuskirche, in die Gera warf. Doch wenigstens wusste er nun, wie er zu dem Haus gelangte, das Thomas Lermond ihm beschrieben hatte. Glockengeläut begleitete seinen Weg über den Fischmarkt mit seinem prächtigen Rathaus und den stolzen Wohnhäusern der Wohlhabenden. Auf dem Platz herrschte geschäftiges Treiben, trotz des Feiertags, von dem der Brückenkrämer so ehrfurchtsvoll gesprochen hatte. Gänse liefen über das schmutzige Pflaster. Schweine grunzten. Aus den Verkaufsbuden brüllten Händler heraus, um Käufer auf ihr reichhaltiges Warenangebot aufmerksam zu machen. Inmitten des Umtriebs standen verbissen dreinblickende Klosterbrüder auf Weinfässern und wetterten gegen den sittenlosen Rat der Stadt, der es billigte, dass Erfurts fromme Bürger auf dem Marktplatz herumlungerten, sich amüsierten und tranken, anstatt der Kerzenweihe im Dom oder in der Barfüßerkirche beizuwohnen.

»Solltest du nicht selbst in der Kirche sein, Bruder?«, rief Primus einem der lautesten Mönche zu. Das war vorwitzig und vielleicht auch unklug, aber Primus ärgerte sich so sehr über die anmaßende Haltung der Ordensleute, dass er seine Zunge einfach nicht im Zaum halten konnte. Der Mann bedachte ihn dafür mit einem zornigen Blick, dann schimpfte er weiter über die gottlose Stadt, über die in Kürze gewiss wieder Feuer und Asche regnen werde.

»Der Bettelmönch spielt auf den großen Stadtbrand an«, wurde Primus von einem halbwüchsigen Jungen in einem zerlumpten Kittel aufgeklärt, der neben seinem Pferd auftauchte. Dem Burschen schien seine Bemerkung gefallen zu haben, denn er grinste über das ganze Gesicht. »Damals brannten viele Häuser, sogar einige Kirchen nieder. Die Augustiner prophezeien seither, dass uns ein großes Unheil droht. Vielleicht sogar das Jüngste Gericht.«

Primus runzelte die Stirn. »Und wie kommen sie zu dieser Annahme?«

»Ach, der Rat soll angeblich Ketzern Unterschlupf gewähren, die von der Kirche verdammt wurden.« Der Junge zögerte einen Augenblick, bevor er verstohlen flüsternd hinzufügte: »Habt Ihr nie von den Rittern gehört, die blutrote Kreuze auf ihren Waffenröcken trugen? Sie sollen es in ihren Burgen miteinander getrieben haben wie mit Frauen, und ein Götzenbild haben sie auch verehrt.«

»Na, zum Glück habt ihr die Bettelmönche, die eure Stadt vor diesen Ketzern beschützen«, sagte Primus trocken und setzte seinen Weg durch das Getümmel fort.

Das große, aus Stein erbaute Haus zum Eisenstern lag in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kirche und war nur über einen schmalen Verbindungsgang zwischen dem ausladenden Turm des Gotteshauses und einem schattigen Hof zu erreichen. Eine hohe Mauer umgab den Besitz. Über dem Portal prangte eine Wappentafel, die den Bewohner des Anwesens als Vicedominus von Erfurt auswies. Eine halbe Ewigkeit starrte Primus auf das Wappen, ehe er beherzt an die mächtige Eichentür klopfte.

Konnte es sein, dass ausgerechnet ein Statthalter des Erzbischofs von Mainz der Mann war, den er suchte? Unwillkürlich berührte er die Münze durch den Stoff seines Wamses, die er auf Lermonds Befehl hier abliefern sollte.

Ein Diener führte Primus ins Studierzimmer des Statthalters, wo zwei Männer beim Essen saßen und dabei verschiedene Schriftstücke studierten.

»Vergebung, Herr, aber dieser junge Mann möchte Euch sprechen!« Der Diener entfernte sich unter Verbeugungen.

Verwundert erhoben sich die Männer von ihren Stühlen und gingen Primus entgegen. Der ältere, ein untersetzter Kahlkopf, steckte in der einfachen Kutte der Augustinermönche, die sich im Norden der Stadt angesiedelt hatten. Sie gehörten zu den Bettelorden und nahmen das Gelübde der Armut ernst. Umso mehr überraschte es Primus, dass der Mönch hier so verschwenderisch bewirtet wurde. Beim Anblick der Schüsseln mit Hammelbratenstücken in goldgelber Buttersoße sowie der Platten mit Roggenbrot, Käse und geräuchertem Fisch lief auch ihm das Wasser im Mund zusammen.

Der Gastgeber des Augustiners, ein blasser Mann in Primus’ Alter, gehörte gewiss nicht dem geistlichen Stand an. Sein Hausgewand war aus Seide geschneidert, und an seiner rechten Hand blitzte ein schwerer goldener Siegelring. Primus suchte nach dem Wappen darauf, doch als der Mann seinen Blicken folgte, verbarg er seine Hand brüsk hinter dem Rücken.

»Mit wem habe ich die Ehre?«, begrüßte der junge Mann Primus mit einem kühlen Lächeln. Obwohl er seine Worte höflich wählte, ließ sein Tonfall keinen Zweifel daran, dass er über den unerwarteten Gast nicht besonders erfreut war. Er war so groß wie Primus und kaum weniger breitschultrig. Seine muskulösen Arme und die Gewandtheit, mit der er sich bewegte, ließen darauf schließen, dass er kein Belesener war, sondern dem Ritterstand angehörte.

Primus errötete vor Verlegenheit. Es war nicht gerade einfach, sich vorzustellen, wenn man keinen Namen hatte. Nicht weniger schwierig gestaltete es sich, nach einem Mann zu fragen, von dem man so gut wie gar nichts wusste. Thomas Lermond hatte ihn ins Haus zum Eisenstern geschickt, aber nicht verraten, wem er die kostbare Münze anvertrauen durfte und wem nicht. Primus war fälschlicherweise von der Annahme ausgegangen, es würde genügen, an die Tür des Hauses zu klopfen und dem Hausherrn die Münze zu überreichen. Doch angesichts des schmatzenden Klosterbruders und des ihn aus kalten blauen Augen anstarrenden jungen Ritters dämmerte es ihm, dass er auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen würde.

»Nun, junger Freund?«

Primus, dem die Ungeduld in der Stimme seines Gegenübers nicht entging, entschied sich für eine Gegenfrage. »Gehe ich recht in der Annahme, vor dem Edlen von Apolda zu stehen?«, fragte er, wobei er unschuldig den Blick senkte. Im Hintergrund schenkte sich der Mönch roten Wein aus einer Kanne ein.

Der Ritter hob forschend die Augenbrauen. War er über Primus’ forsches Benehmen erbost, so ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen lud er Primus mit einer knappen Handbewegung ein, ihm an die Tafel zu folgen. Dort hatte der Augustiner inzwischen die Schriftstücke, die er und der junge Mann so aufmerksam studiert hatten, in einer Schatulle verschwinden lassen.

»Ich bin Peter von Raulanden«, gab der junge Mann schließlich nicht ohne Stolz Auskunft, nachdem Primus auch den Mönch am Tisch begrüßt hatte. Er stemmte die Hände in die Hüften. »Wenn Ihr den Vicedominus von Apolda sucht, seid Ihr leider umsonst gekommen. Mein Onkel speist heute gemeinsam mit den Ratsherren der Stadt auf dem Petersberg. Und morgen wird er in aller Frühe eine Reise antreten.« Er lächelte breit, ohne den Ausdruck seiner Augen zu verändern. »Aber keine Sorge, ich genieße das Vertrauen meines Onkels und werde Euch gern weiterhelfen, sofern es in meiner Macht liegt.« Ein prüfender Blick glitt über Primus’ Kleidung. »Ihr seid Kaufmann? Woher kommt Ihr und was führt Euch nach Erfurt?«

Versuch nur, mich auszuhorchen, du Wicht, dachte Primus, während er mit einem Nicken den Becher Wein annahm, den ein Diener ihm anbot. Wie die Dinge lagen, musste er sich schleunigst eine glaubwürdige Geschichte ausdenken. Dabei durfte er unter keinen Umständen den Tempelhof erwähnen, ebenso wenig Lermond und die Umstände, die zu seinem Auftrag geführt hatten. Der dicke Mönch wirkte beileibe nicht wie mit allen Wassern gewaschen, dafür legten die Blicke des jungen Mannes sowie der entschlossene Zug um seinen Mund den Verdacht nahe, dass er nicht mit sich spaßen ließ. Aus den Augenwinkeln sah sich Primus in dem Raum um. Zu seiner Rechten brannte ein Feuer in einem gemauerten Kamin. Durch zwei Fenster fiel diffuses Licht, doch beide lagen so hoch, dass sie im Notfall kaum einen Fluchtweg boten. Außer der breiten Tür, durch die Primus gekommen war, sah er keinen weiteren Ausgang. Dafür bemerkte er an der linken Wand der Stube einen Schild sowie zwei Schwerter. Primus schluckte. Mit seinem Dolch konnte er einigermaßen umgehen, aber die Tempelritter hatten es stets abgelehnt, ihn auch im Schwertkampf zu unterrichten, da sich diese Art des Kampfes auch für einen aufgeweckten Leibeigenen nicht schickte.

»Ich bin in der Tat Kaufmann«, sagte Primus, nachdem er den Wein gekostet und gelobt hatte. »Mein Name ist Reus Kornthaler, und ich befinde mich auf der Heimreise nach Leipzig. Mein Vater bat mich, in Erfurt seinen alten Freund, den bischöflichen Statthalter, aufzusuchen und nach dem Stand der Ratsverhandlungen bezüglich des Messeprivilegs zu fragen.« Er lächelte höflich. Es ging doch nichts über ein gutes Erinnerungsvermögen. Am Stadttor hatte er ein paar Händler über das Vorhaben sprechen hören, in Erfurt künftig Messen abhalten zu dürfen. Ein ehrgeiziges Unterfangen, das mit großem Aufwand verbunden war.

Peter von Raulanden wechselte einen kurzen Blick mit dem Mönch, der sich Primus als Prior Mathias vorgestellt hatte. »Merkwürdig. Da bin ich seit fast sieben Jahren die rechte Hand meines Onkels, aber von einer Kaufmannsfamilie Kornthaler habe ich noch nie gehört.«

»Es ist wohl viel Zeit vergangen, seit Euer Vater und der Vicedominus einander sahen«, ließ sich zu Primus’ Überraschung die Stimme des Augustiners vernehmen. »Vermutlich lernten sie sich noch vor dem schrecklichen Unfall kennen, den Peters Onkel in jungen Jahren hatte, nicht wahr?«

Primus atmete tief durch. Ein Unfall? Da es keinen Kaufmannsvater gab, hatte er auch keine Ahnung, wovon der Mönch sprach. »Mein Vater redet mit mir über geschäftliche Belange, aber nie über seine Vergangenheit«, erklärte er ausweichend. »Seit dem Tod meiner Mutter ist er sehr verschlossen und vertraut sich nur noch seinem Beichtvater an.«

»Eine gottwohlgefällige Haltung, mein Sohn. Nicht umsonst lesen wir in der Heiligen Schrift: Sei nicht zu schnell mit dem Mund, ja selbst innerlich fiebere nicht.«

»Habt Ihr eine Bleibe für die Nacht?«, erkundigte sich Peter von Raulanden. »Ich würde Euch gern einladen, aber unglücklicherweise wird unser Gästequartier schon seit einiger Zeit von einem weiteren Freund meines Onkels in Anspruch genommen.«

Primus wurde hellhörig. »Etwa ein Kaufmann wie ich?«

»Nein, kein Kaufmann. Der Mann ist Baumeister, sogar ein ziemlich guter. Mein Onkel sagt, er habe in französischen und italienischen Dombauhütten gearbeitet und dort von den besten Meistern gelernt. Sogar der Heilige Vater in Avignon soll ihn beschäftigt haben.«

»Umso dankbarer müssen wir Meister Stüplin sein, dass er hier in Erfurt die Umbauarbeiten unseres Augustinerklosters beaufsichtigt«, ergänzte Bruder Mathias. »Der Mann könnte das himmlische Jerusalem bauen, so brillant sind seine Pläne und Skizzen. Kurz bevor Ihr kamt, zeigte mir Herr Peter, wie sich Meister Stüplin die Erweiterung dieses Hauses vorstellt. Ihr habt bestimmt gesehen, wie unvorteilhaft es im Schatten von St. Bartholomäus wirkt. Zwar haben die Edlen von Apolda einen eigenen Zugang zur Kirche und darin sogar eine eigene Kapelle für ihre Gebete, doch dafür dringt in diesen Teil des Hauses kaum ein Sonnenstrahl. Es ist finster wie in Jonas Fischbauch. Stüplin versprach dem Vicedominus, hierbei Abhilfe zu schaffen und das Haus aufzustocken. Aus diesem Grund darf er hier wohnen, solange er will.«

»Bedauerlicherweise scheint der Alte den Roten Ochsen als Wirtshaus vorzuziehen«, meinte Peter von Raulanden mit einem verächtlichen Schnauben. Obwohl er sich anerkennend über die Fähigkeiten des Baumeisters geäußert hatte, schien der junge Mann mit dem Gast seines Onkels nur wenig anfangen zu können.

Meister Andreas Stüplin. Der Mann, der für den Papst gebaut hatte.

Primus prägte sich den Namen gut ein, bevor er aus der behaglichen Wärme des Hauses zum Eisenstern in die Dunkelheit der Nacht trat. Peter von Raulanden und der Augustiner, der sich offensichtlich mit Vergnügen vom Vicedominus und dessen Neffen einladen ließ, hatten sich offensichtlich als die Falschen erwiesen. Sie konnte Thomas Lermond nicht gemeint haben. Primus blieb also nichts anderes übrig, als mit seiner Münze den Roten Ochsen aufzusuchen. Er hoffte nur, dass er den Baumeister dort in einigermaßen nüchternem Zustand antraf.

»Was sollte die Bemerkung über den angeblichen Unfall meines Onkels?«, stellte Peter von Raulanden den Augustiner zur Rede, kaum dass ihr Besucher die Statthalterei verlassen hatte. Dem jungen Mann war die Verwirrung darüber ins Gesicht geschrieben, doch da er Vater Mathias kannte, hatte er sich gehütet, ihm ins Wort zu fallen. Der Mönch war nicht umsonst rasch zum Prior aufgestiegen, obwohl es ältere und demütigere Klosterbrüder gab. Doch Mathias war für seinen Ehrgeiz bekannt und stand in dem Ruf, zu bekommen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Nun blickte er den jungen Mann streng an.

»Manchmal kann ich nicht glauben, dass du mein Patensohn bist. Natürlich hat dein Onkel keinen Unfall erlitten. Ich wollte abschätzen, wie dieser angebliche Kaufmannssohn aus Wittenberg auf meine Worte reagiert.« Er griff nach seinem Becher und nahm einen Schluck Wein. »Leider hat er sich von mir nicht aufs Glatteis führen lassen. Seine Antwort war brillant. Fast zu schlagfertig für einen Kerl, der nur sein Rechenbrett im Kopf hat. Ich frage mich, wer ihm beigebracht hat, in Gegenwart eines Mannes von Stand und eines Geistlichen derart gelassen zu bleiben.«

Ein Diener näherte sich unter Verbeugungen, weil er wissen wollte, ob er Holz im Kamin nachlegen sollte. Doch Peter von Raulanden jagte ihn mit einer groben Handbewegung hinaus. »Ihr meint, der Bursche hat uns belogen«, sagte er, als er wieder mit seinem Paten allein war. Sein Blick fiel auf das Langschwert seines Onkels an der Wand. »Vielleicht sollte ich ihm zum Roten Ochsen folgen und aus ihm herausprügeln, was ihn wirklich nach Erfurt führt. Es wäre doch möglich, dass der alte Vicedominus misstrauisch geworden ist und seinen Freund, den Landgrafen, um Hilfe gebeten hat.«

Vater Mathias schnaubte. »Dieser Kerl gehört ebenso wenig zu Landgraf Friedrichs Männern wie sein Name Reus Kornthaler ist. Außerdem sollte Eurem Onkel klar sein, dass er momentan keine Hilfe von der Wartburg erwarten kann, um seine Position in der Stadt zu festigen. Der Landgraf mag der letzte Stauferspross sein, aber er ist auch ein alter Mann geworden. Es schmerzt ihn, dass seine Fehde mit der Mark Brandenburg ihn 32 000 Mark Silber und den Verlust einiger Städte gekostet hat. Auch wenn Euer Onkel ihm bei der Unterwerfung Erfurts von Nutzen war, glaube ich nicht, dass er Männer entbehren kann, um sie zum Schutz des Statthalters nach Erfurt zu entsenden.« Er schob die Unterlippe vor und dachte nach. »Nein, mein junger Freund. Der Besuch dieses Burschen dient einem anderen Zweck. Habt Ihr nicht bemerkt, wie dieser Kornthaler aufgehorcht hat, als die Rede auf unseren guten Baumeister kam?«

»Eben dieses Interesse hat mich stutzig gemacht«, pflichtete der Ritter seinem Paten bei. »Schließlich beobachten wir diesen Stüplin schon eine ganze Weile. Wenn Euer Verdacht sich erhärtet und die heilige Inquisition sich des Falles annimmt, wird sich mein Onkel nicht länger in der Stadt halten können.« Unvermittelt ließ der junge Mann seine Faust auf die Tischplatte donnern. »Dann nehme ich hier das Heft in die Hand. Weder der Rat von Erfurt noch Landgraf Friedrich werden sich hüten, einen Mann zu unterstützen, der mit Ketzern und Hochverrätern paktiert. Die Gesetze, die der Kaiser diesbezüglich erlassen hat, sind unmissverständlich!«

Vater Mathias wischte seine fettigen Finger am Leintuch ab. »Ich wünschte, alle Ritter des Reiches wären so einsichtig wie Ihr, mein Sohn. Wie mir zu Ohren gekommen ist, muss Papst Clemens sogar die von Gottes Gnaden Herrschenden von Zeit zu Zeit energisch mahnen, dass sie in der Verfolgung der entflohenen Templerherren nicht nachlässig werden. Einige scheinen den Ketzern aus alter Anhänglichkeit und wegen der zweifelhaften Verdienste, die sich ihr Orden im Kampf gegen die Ungläubigen erwarb, helfen zu wollen.«

»Woher wisst Ihr das?«

Der Prior schob seinen dicken Bauch aus dem Lehnstuhl und faltete die Hände wie ein Magister, der einem Scholaren etwas beizubringen versucht. Er schien zu zögern, ob er seinen Patensohn ins Vertrauen ziehen sollte, besann sich dann jedoch. Es gab nicht viele Männer in Erfurt, die ihm bei seinem ehrgeizigen Vorhaben Unterstützung zugesagt hatten. Daher erklärte er Peter mit wichtiger Miene: »Ich habe mit einem Abgesandten des Heiligen Vaters in Avignon gesprochen, als ich kürzlich auf Wallfahrt war. Der Mann verfolgt eine Spur, die ihn möglicherweise bald zum Versteck eines riesigen Vermögens führen könnte.«

Peter von Raulanden schnappte nach Luft. Vor Jahren, nach der Verhaftung der Templer in Paris, waren Gerüchte durch die Lande gezogen, die besagten, dass einigen Ordensrittern mit den Geldtruhen des Tempels die Flucht gelungen sei, doch er hatte das stets als Märchen abgetan. Wenn aber ein Mann wie Prior Mathias von einem versteckten Vermögen sprach, hinter dem sogar der Papst in Avignon her war, schien an der Sache etwas dran zu sein.

»König Philipp von Frankreich ist besessen von dem Wunsch, diesen Schatz in die Finger zu bekommen«, fuhr der Augustiner ungerührt fort. »Er hat es nie verwunden, dass seine Leute nach der Erstürmung des Pariser Ordenshauses nicht die Kostbarkeiten gefunden haben, die er dort vermutet hatte. Das muss für einen so machtverliebten Mann eine herbe Enttäuschung gewesen sein. Seit Jahren hält er den letzten Großmeister der Templer, Jacques de Molay, im Kerker gefangen, aber wie ich von meinem Gewährsmann weiß, hat sich Papst Clemens nun endlich aufgerafft, über die vier letzten verbliebenen Würdenträger ein Urteil zu sprechen.« Er grinste. »Das Todesurteil!«

»Warum die plötzliche Eile, nachdem er so viele Jahre gezögert hat?«, fragte Peter von Raulanden begriffsstutzig. »Der gefangene Großmeister ist sicher der Einzige, der weiß, wohin die geflohenen Templer das Vermögen des Ordens geschafft haben. Schließlich war er einst der mächtigste Ordensritter der Christenheit.« Er zog seinen Dolch aus dem Gürtel und spießte ein Stück Hammelfleisch auf, das er anschließend in seinem Mund verschwinden ließ. »Der König sollte mich mal mit seinem Gefangenen allein lassen«, meinte er kauend. »Nur ein halbes Stündchen. Ich schwöre Euch beim faulen Zahn der heiligen Agnes, dass der Alte mich anflehen würde, mir sein Geheimnis verraten zu dürfen.«

Schwachkopf, dachte der Prior, sprach es aber nicht aus. An dem Großmeister der Templer hatten sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen als sein weinerlicher Patensohn, der hier seinem Onkel den Weinkeller aussoff, anstatt als junger Ritter Ruhm und Ehre zu suchen. Allerdings ahnte er, dass Peters Habgier ihm noch nützlich sein konnte.

»Wenn der Papst beabsichtigt, den Fall Jacques de Molay ad acta zu legen, sagt mir das, dass der Großmeister nicht mehr gebraucht wird«, erklärte er seinem Patensohn. »Entweder haben er und König Philipp die Hoffnung aufgegeben, doch noch an das Templergeld zu kommen – was ich nicht glaube –, oder aber es gibt stichhaltige Hinweise auf das Versteck des Schatzes. Es ist kein Zufall, dass der Heilige Vater seine Abgesandten ausgerechnet in diesen Winkel des Heiligen Römischen Reiches schickt.«

»Dann ist es sicher auch kein Zufall, dass dieser merkwürdige Kornthaler hier hereinschneit, uns einen Bären aufbindet, was seine Herkunft angeht, und zudem neugierige Fragen stellt«, murmelte Raulanden. »Glaubt Ihr, er könnte einer der Päpstlichen sein?«

Der Prior dachte über diese Frage nach, schüttelte dann aber den Kopf. »Unwahrscheinlich. Allerdings nehme ich an, dass die in Kürze anberaumte Verurteilung des Großmeisters in Paris die versteckten Templer aufgeschreckt hat. Sie werden wohl in Kürze wie Maden aus ihren Verstecken kriechen, um sich gemeinsam zu beraten.« Er lachte gehässig. »Und wir werden zur Stelle sein, um sie gebührend zu empfangen.«

In der Schenke zum Roten Ochsen hatten die Schankmägde an diesem Abend alle Hände voll zu tun. Es schien, als habe sich die halbe Stadt dort versammelt, um dünnen Wein zu trinken und Neuigkeiten auszutauschen. Es roch nach verkochten Linsen mit Speck und dem Schweiß der Männer, der Rauch von Kienspänen und das Fett der Lampen, die dem Schankraum sein Licht gaben, machten die Luft in der Taverne zum Schneiden dick. Der Fußboden war mit Stroh bedeckt, das schmutzig war und dringend erneuert gehörte.

Primus kämpfte sich ein wenig ratlos durch die Menge der Zecher, wobei er sich bemühte, die Männer, die an langen Holztischen saßen, mit einem einzigen Blick einzuschätzen. Im Kopf sortierte er all jene aus, die zu jung oder zu alt waren, um der Beschreibung des gesuchten Baumeisters zu entsprechen. Doch selbst dann blieben noch gut zwei Dutzend Männer übrig. Als eine der Schankmägde mit einem Tablett voller Becher an ihm vorbeikam, packte er das Mädchen mit einem Lächeln am Arm. »Du kennst gewiss Stüplin, den Baumeister? Kannst du mich zu ihm führen?«

Misstrauisch hob die Schankmagd den Blick, der aber sogleich weicher wurde, als sie sich den gutaussehenden Fremden näher betrachtete, der ihr den Weg verstellte. Was sie sah, schien ihr zu gefallen. Mit einem koketten Augenaufschlag wies sie in einen Winkel jenseits der Stützbalken, die den Schankraum in zwei Hälften teilten. »Stüplin hockt dort hinten! Aber was willst du von dem alten Griesgram? Der redet doch mit niemandem.« Sie zwinkerte ihm zu, wobei sie ihre hübsch gerundeten Lippen mit der Zunge befeuchtete. »Ich habe eine Kammer ganz für mich allein. Gleich über dem Hühnerstall. Sie ist warm und sogar gemütlich, sobald man sich erst einmal an den strengen Geruch gewöhnt hat. Vielleicht leistest du mir dort ja später ein wenig Gesellschaft? Den Wirt stört es nicht, solange ich ihm morgen ein paar Heller auf den Schanktisch lege.«

Primus hob erstaunt die Augenbrauen. Eine so unverblümte Einladung hatte er noch nie erhalten. Vermutlich legten die Mädchen in der Stadt ein anderes Tempo vor als die, die er vom Tempelhof her kannte und die er für gewöhnlich lange anbetteln musste, bis sie sich mit ihm zu einem Stelldichein in einem der Ställe trafen. Gegen ein warmes Plätzchen hätte Primus gar nichts einzuwenden gehabt, doch nach einem kurzen Moment der Versuchung siegte sein Pflichtgefühl. Mit einigem Bedauern ließ er die Magd davonziehen und wandte sich dem Tisch zu, den das Mädchen ihm gezeigt hatte. Tatsächlich saß dort ein bärtiger, etwa fünfzig Sommer zählender Mann in einem abgetragenen, mehrfach geflickten Kittel, der trübselig auf die Reste einer Mahlzeit stierte: ein Stück Fisch, Brot und ein Tontöpfchen mit eingekochten Steckrüben. Der Mann schien keinen großen Appetit zu haben, sprach dafür aber dem Wein umso mehr zu. Sooft eine Magd in seine Nähe kam, verlangte er mit tiefer Stimme, dass sie ihm nachschenkte.

Primus stutzte. Die Annahme, dass der stets korrekte und stocksteife Thomas Lermond, der wie ein Mönch nur Beten und Arbeiten im Kopf hatte, mit einem solchen Trunkenbold bekannt war, erschien ihm reichlich absurd. Er konnte nur hoffen, dass seine Ahnung ihn nicht trog, denn falls der Baumeister nicht der Mann war, den Lermond meinte, war Primus mit seinem Latein am Ende. Ohne auf eine Einladung zu warten, trat er an den Tisch des Bärtigen und nahm auf einem Schemel ihm gegenüber Platz.

Überrumpelt von Primus’ Dreistigkeit riss Stüplin die Augen auf. »Habe ich dir erlaubt, dich hier niederzulassen?«, knurrte er. »Ich bezahle dem Ochsenwirt ein hübsches Sümmchen Geld, dass er mir die jungen Saufköpfe vom Leibe hält. Also lass mich in Ruhe und verschwinde.«

»Wie wollt Ihr an diesem Ort Eure Ruhe finden?«, gab Primus mit einem treuherzigen Blick zu bedenken. »Aber ich komme in guter Absicht. Man sagte mir im Haus zum Eisenstern, dass ich Euch hier finden würde. Vorausgesetzt, Ihr seid der Baumeister Stüplin?«

Überrascht horchte der Mann auf. »Du hast dich in der Statthalterei nach mir erkundigt? Warum? Wer zum Teufel bist du?«

»Nur ein treuer Diener meines Herrn, der mich mit einer Botschaft zu Euch sendet. Genau genommen, bin ich nach Erfurt gekommen, weil der ehrenwerte Handelsherr …«

»Sprich nicht so laut, Bursche«, schnitt Stüplin ihm das Wort ab. Er schien plötzlich unsicher zu werden. Mit zitternden Fingern ergriff er seinen Becher und leerte ihn, ohne abzusetzen. Dass der Wein ihm in Rinnsalen das Kinn hinablief und in seinem ergrauten Bart versickerte, schien ihn nicht zu stören. Währenddessen trennte Primus eine Naht auf der Innenseite seines gepolsterten Wamses auf und holte die Münze hervor, die Thomas Lermond ihm mit auf die Reise gegeben hatte. Ohne Kommentar legte er sie vor Stüplin auf den Tisch.

»Beim Drachen des heiligen Georg«, keuchte der Mann fassungslos, als sein Blick auf das blank polierte Goldstück fiel. »Das Zeichen des Tempels. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es in diesem Leben noch einmal sehen würde.« Mit einem verstohlenen Blick auf die Männer, die an den Nachbartischen saßen, legte er seine zitternde Hand über die Münze und atmete erleichtert auf, als er feststellte, dass niemand seine unüberlegt ausgestoßenen Worte gehört hatte. »Bist du völlig übergeschnappt, diese Münze so offen zu zeigen?«, fauchte er.

»Dann ist es also wirklich wahr?«, flüsterte Primus, dessen Herz wild zu klopfen begann.

Der bärtige Mann, der reglos vor sich hin brütete, hatte einst dem Orden angehört. Primus konnte das Glücksgefühl, das seinen Körper und seine Sinne durchströmte, kaum beschreiben. Er hatte immer geahnt, dass die Templer sich nicht von Verleumdungen und übler Nachrede eines Königs oder des Papstes vom Angesicht der Erde treiben lassen würden. Es gab sie noch immer. Vermutlich war ihm und den anderen Boten ahnungslos die wunderbare Aufgabe zugefallen, die Ritter des Tempels zu vereinen. Sie würden die Bruderschaft wiederbeleben und für ihr Recht kämpfen. Endlich. Noch war nicht alles verloren, schließlich lebten der alte Großmeister und einige seiner engsten Vertrauten noch. Sie waren Gefangene der französischen Krone, ja, aber bislang war es weder König Philipp dem Schönen noch seinem gefürchteten Berater Nogaret gelungen, die letzten Templer abzuurteilen. Primus überlegte, welche geheime Botschaft die kleine Münze wohl barg. Rief sie Männer wie den Baumeister auf, wieder ihr Schwert zu führen? Vielleicht gab es einen geheimen Plan, den Großmeister zu befreien und an die Spitze eines Templerheeres zu stellen? Möglicherweise sammelten sich in diesem Augenblick die ersten Kämpfer, um gegen Paris zu ziehen.

»Ich weiß, dass Ihr nicht über Euren Auftrag reden dürft, Herr«, unterbrach Primus seinen Tagtraum. »Ich habe mein ganzes bisheriges Leben auf Gütern verbracht, die zu einer alten Templerkomturei gehörten. Ich kannte den Kommandeur und alle Brüder, die dort lebten. Als wir die Nachricht bekamen, dass der Orden aufgelöst wird, und alle anderen flohen, bin ich geblieben, weil ich im Herzen gespürt habe, dass dies nicht das Ende sein kann. Nicht nach einer langen Geschichte von Ruhm und Ehre. Aber nun …«

»Hast du auf deinen Gütern auch gelernt, die Klappe zu halten?«, brummte der Baumeister streng. »Ich muss nachdenken. Das ist schließlich alles nicht so einfach.«

Primus verstummte sofort. Er hatte verstanden und würde selbstverständlich schweigen, damit Stüplin sich sammeln konnte. Gewiss galt es nun, Vorbereitungen zu treffen. Andreas Stüplin hatte sich viele Jahre verstecken müssen. Getarnt als biederer Baumeister hatte er vorgegeben, sein ganzer Lebenszweck bestehe darin, Kirchen, Klöster und Häuser für reiche Pfeffersäcke zu bauen. Darin schien er sich einen guten Ruf erworben zu haben. Primus sah ein, dass er nicht einfach den alten Waffenrock anlegen und mit einem Kriegsruf auf den Lippen davongaloppieren konnte.

Während Primus seinen Wein trank, beschloss er, Stüplin seine Hilfe anzubieten. Falls er ihn denn haben wollte. Den Befehlen eines Templers war selbstverständlich Folge zu leisten, aber Primus würde dem Mann schon klarmachen, dass er von seiner Begleitung nur Vorteile hatte. An Andreas Stüplin schienen die Jahre des Exils und der Entbehrungen nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Seine Bewegungen waren schwerfällig und entsprachen so gar nicht dem gewandten Auftreten, das Primus als Kind immer an den Brüdern im Tempelhof bewundert hatte. Wie es aussah, hatte das Leben, das der ältliche Mann hier im Schutz der Stadtmauern von Erfurt führte, ihn weich und unentschlossen gemacht. Wie war es ansonsten zu erklären, dass er fortwährend Primus’ Blicken auswich und mit totenblassem Gesicht Unverständliches in seinen Bart murmelte? Primus überlegte, ob dieses merkwürdige Verhalten zu der Tarnung gehörte, die Stüplin gewählt hatte, um in der Stadt keinen Verdacht zu erregen. Sogleich fielen ihm der Neffe des Vicedominus und dieser Prior ein. Die beiden waren mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Freunde des Templerordens und würden nicht zögern, ein verstecktes Mitglied ans Messer zu liefern. Dass Stüplin im Haus des Vicedominus lebte, war daher schon tollkühn. Aber das alles würde schon bald der Vergangenheit angehören.

»Wann habt Ihr vor aufzubrechen?«, erkundigte er sich bei Stüplin, dessen Hand noch immer auf der Münze lag. »Ich bitte Euch, Herr, lasst mich bei den Vorbereitungen für Eure Abreise helfen. Wir könnten uns morgen auf den Weg machen, sobald die Tore geöffnet werden.«

Als Stüplin sich endlich aus seiner Starre löste und den Blick hob, sah er unglaublich müde aus. Sein linkes Auge zuckte. »Abreise? Wohin zum Teufel sollte ich um diese Jahreszeit reisen wollen? Ich habe keine Ahnung, wovon du eigentlich redest, Bursche!« Er schüttelte den Kopf, wobei er die Münze jedoch unbemerkt vom Tisch in die Lederbörse gleiten ließ.

»Du tauchst hier auf und erzählst mir etwas von deinem Leben in irgendeiner Komturei. Was habe ich damit zu schaffen? Ich bin Baumeister und in der Stadt hoch geachtet. Der Statthalter seiner erzbischöflichen Gnaden in Erfurt schätzt meine Ideen. Auch bei den Herren Klerikern bin ich beliebt. Ich habe beim Bau von St. Severi mitgewirkt. Meinen statischen Berechnungen ist es zu verdanken, dass dort seit sechs Jahren die Messe gelesen werden kann, obwohl das Langhaus noch nicht einmal fertiggestellt ist. Außerdem beaufsichtige ich die Baustellen der Barfüßerkirche und des Augustinerklosters im Norden. Und nun möchte der Vicedominus aus seinem bescheidenen Haus einen Palast machen, der seiner Sippe würdig ist. Eine Aufgabe, die er natürlich auch mir übertragen hat.« Er stand auf. »Du siehst, dass ich in Erfurt gebraucht werde. Wer auch immer dein Herr sein mag, ich fürchte, du musst ihm mitteilen, dass ihm der Baumeister Andreas Stüplin nicht zur Verfügung steht.«

Primus brauchte einen Moment, um seine Enttäuschung hinunterzuschlucken. Mit allem hatte er gerechnet, nicht aber damit, dass ein früherer Tempelritter sich schlichtweg weigern würde, dem Aufruf eines Mitbruders Folge zu leisten.

»Aber … aber die Münze …«, begann er.

»Du hast keine Ahnung, wie gefährlich es ist, sie bei sich zu haben«, fuhr ihm der Bärtige über den Mund. »Wie unüberlegt, sie einem grünen Burschen wie dir zu überlassen. Lermond muss den Verstand verloren haben. Hätte man sie am Tor bei dir gefunden und die Prägung erkannt, hätte man dich vielleicht gefoltert, um herauszufinden, was du weißt.« Er überlegte kurz, worauf sich ein Lächeln auf seine Lippen legte. »Aber deinem langen Gesicht entnehme ich, dass dir die Bedeutung dieser Münze völlig unbekannt ist. Du hättest auf der Folterbank gar nicht viel erzählen können.«

»Ich weiß nur, dass mit diesen Münzen alle Ritter des Templerordens, die noch auf freiem Fuß sind, aufgefordert werden, sich ein letztes Mal zu versammeln.«

Stüplin schüttelte den Kopf. »Auch ich dachte einmal, das Leben sei genau wie in den Liedern der Minnesänger, die von Burg zu Burg ziehen, um deren Bewohner an kühlen Abenden mit abenteuerlichen Geschichten über Heldenmut, Ruhm und Ritterehre zu unterhalten. Aber die Wirklichkeit hat mich mehrmals eingeholt. Ich war dabei, als vor dreiundzwanzig Jahren Akkon fiel und wir das Heilige Land endgültig aufgeben mussten. Ich sah den damaligen Großmeister sterben, er verblutete in meinen Armen, unmittelbar vor den Mauern, die ich gebaut hatte. Ja, du hast richtig gehört. Ich wurde nicht erst hier Baumeister. Mein Handwerk verdanke ich nicht zuletzt muslimischen Handwerkern, die mich in die Geheimnisse der Statik und der Geometrie einweihten, obwohl ich eigentlich ihr Feind hätte sein müssen. Ich war unter den Brüdern, die von den Mamelucken aus unserer letzten Festung in Ruad, einer kleinen Insel vor Tortosa, geschleppt wurden. Auch diese Zitadelle habe ich im Auftrag unseres Großmeisters errichtet. Aber trotz der starken Befestigungsanlagen, die ich die Brüder habe errichten lassen, mussten wir vor der Übermacht zurückweichen. Wir hatten nicht genügend Schiffe, um die Angreifer am Anlegen zu hindern, und als sie erst einmal auf der Insel waren, gab es keine Rettung mehr. Wir wurden in Schimpf und Schande nach Ägypten verschleppt, wo viele von uns jämmerlich umkamen. Ich überlebte den Hunger, die Hitze und die Peitschenhiebe, aber ich sollte nie wieder für den Orden bauen. Die Zeit unserer Macht war schon damals vorbei. Das kann sich jemand, der in einer kleinen, von Gott und allen Heiligen vergessenen Komturei in den Wäldern gelebt hat, wohl nicht vorstellen.«

Primus legte die Stirn in Falten und durchsuchte sein Gedächtnis nach Erinnerungen an den Mann. Er schien sich schon einmal auf dem Tempelhof aufgehalten zu haben. Vermutlich war das zu der Zeit gewesen, als Thomas Lermond bei ihnen aufgetaucht war, um im Auftrag des Magdeburger Bischofs eine Handelsniederlassung aufzubauen.

»Gib dir keine Mühe«, spottete Stüplin, als habe er Primus’ Gedanken erraten. »Wir waren sehr diskret, als wir uns zum ersten und einzigen Mal auf dem Tempelhof zusammengefunden haben.«

»Wir? Also haben die anderen Boten, die ausgesandt wurden, auch Münzen und sollen …«

Stüplin hob warnend die Hand. Wieder spähte er zu den Männern, die in der Nähe den Krug kreisen ließen. Inzwischen war es in der Schenke so laut geworden, dass man kaum noch sein eigenes Wort verstand. Einige Männer waren schon betrunken und grölten lauthals zur Musik eines Spielmanns, der auf der untersten Sprosse einer Leiter stand und die Leier zupfte. Stüplin bedeutete Primus, ihm nach draußen zu folgen. Kurz darauf standen die beiden Männer in einem winzigen Hinterhof, der zu den Pferdeställen führte. Es war ziemlich frostig hier, der Wind pfiff durch die Fugen der niedrigen Lehmkaten, deren hölzerne Läden heftig klapperten.

»Ich muss nach Hause«, sagte Stüplin, während er sich zum Schutz vor der Kälte eine braune Lederkappe über den fast kahlen Schädel stülpte. »Der Vicedominus ist ein nachsichtiger Mann, der Verständnis dafür hat, dass ein hart arbeitender Kerl auch mal einen Schluck Wein und eine Frau braucht. Aber seinem Neffen, diesem Raulanden, möchte ich heute nicht mehr über den Weg laufen. Der Bursche stellt mir schon seit Wochen unnötige Fragen über meine Herkunft.«

»Ich hatte heute die Ehre, den edlen Ritter kennenzulernen«, sagte Primus und verzog den Mund. »Auch ich hätte liebend gern darauf verzichtet. Mir kommt der Bursche merkwürdig vor. Er war höflich und zuvorkommend, aber auf eine verschlagene Weise.«

Stüplin schnaubte verdrossen. »Es schmerzt mich, mir einen solchen Rüpel als Angehörigen des Ritterstandes vorzustellen, während unsereiner sich verstecken muss, um nicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen zu enden.«

»Dann besinnt Euch, Herr«, bat Primus, der eine winzige Chance witterte, den Baumeister doch noch umstimmen zu können. »Im Grunde Eures Herzens wisst Ihr doch, wer Eure wahren Freunde sind. Sie verlassen sich darauf, dass Ihr sie nicht im Stich lasst. Trotz Eurer Erfolge als geachteter Baumeister von Erfurt habt Ihr doch nur auf diesen Tag gewartet, nicht wahr? Ihr habt gewusst, dass Euch jemand die Münze überbringen würde.«

Stüplin nickte. »Ja, und ich habe geduldig auf diesen Tag gewartet wie auf die Wiederkunft des Herrn. Doch irgendwann habe ich die Hoffnung aufgegeben, noch einmal gerufen zu werden. Und dann, vor zwei Jahren, die Fastenzeit hatte gerade begonnen …« Er verstummte, stand auf und verließ die Schenke. Er durchquerte das Tor zur Straße und bog in eine enge, finstere Gasse ein, die zu betreten Primus schon bei hellem Tageslicht unangenehm gewesen wäre. Doch er folgte ihm, denn was blieb ihm auch anderes übrig?

»Was geschah vor zwei Jahren?«, hakte der junge Mann nach, als Stüplin unvermittelt vor einem Kirchenportal stehen blieb.

»Ich wurde krank«, sagte Stüplin leise. »Schwer krank. Glaubte schon, es gehe zu Ende mit mir. In meiner Not legte ich vor einem Barfüßermönch die Beichte ab. Ich entlastete meine Seele und erzählte ihm, dass ich zum Templerorden gehört hatte und mit einigen Kameraden aus dem Pariser Ordenshaus geflohen war. Du glaubst nicht, wie gut das tat.«

»Demnach kennt außer uns beiden noch jemand Eure wahre Identität«, sagte Primus. Noch dazu ein Pfaffe, der seinem Bischof und letztendlich auch dem Papst Rechenschaft schuldete. »Vater Stefan hätte niemals das Beichtgeheimnis verletzt«, erwiderte der Baumeister. »Davon abgesehen lebt er nicht mehr. Ironie des Schicksals. Ich kam wieder zu Kräften, während er kurze Zeit später vom Fieber dahingerafft wurde. Aber als ich noch davon überzeugt war, bald vor das Angesicht unseres Schöpfers zu treten, fasste ich einen Entschluss. Ich folgte dem Rat meines Beichtvaters und entledigte mich aller Habseligkeiten, die an mein früheres Leben als Angehöriger der armen Ritter Christi erinnerten: meines Schwerts und meines Siegelrings.«

Primus wurde ungeduldig. Er fragte sich, warum der Templer ihm das alles erzählte. Wollte er ihm etwa schonend beibringen, dass er sich mit seiner Ausrüstung auch unwiderruflich von seinem alten Leben getrennt hatte? Als er Stüplin nach einigem Zögern mit seiner Vermutung konfrontierte, schüttelte dieser empört den Kopf.

»Es ist viel komplizierter, Junge. Natürlich hätte es mich den Kopf kosten können, wenn man unter meinen Sachen den Templermantel, mein Schwert und meinen Ring mit dem Wappen des Tempels darauf gefunden hätte. Aber viel wichtiger als das alles war der Stein.«

»Der Stein? Welcher Stein?«

Stüplin machte ein gequältes Gesicht. Mit einer energischen Handbewegung riss er sich die Kappe vom Kopf und wischte mit dem Leder über seine Stirn, auf der sich trotz der Kälte der Februarnacht Schweißperlen gebildet hatten. »Ich darf nicht darüber sprechen. Ich habe vor langer Zeit geschworen, das Geheimnis zu bewahren. Nur so viel darf ich dir verraten: Ohne diesen Stein kann es für mich keine Rückkehr zum Tempelhof geben.« Stüplin klang regelrecht verzweifelt, als er hinzufügte: »Der Stein ist viel wichtiger als jeder Ritter. Mit ihm könnte der Templerorden wenigstens für eine kleine Weile wiederauferstehen. Aber ohne ihn können wir unsere Hoffnungen an Ort und Stelle begraben. Ich wünschte, ich wäre damals gestorben, als die Krankheit mich heimsuchte. Dann müsste ich meinen Brüdern nicht als Versager gegenübertreten.«

Primus dachte angestrengt nach. Er konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass der Orden Geld brauchte. Mit Gold konnte man ein Söldnerheer anwerben, Truppen aufstellen, Bischöfe kaufen und Königreiche stürzen. Doch warum ein Stein für das Überleben der Bruderschaft so wichtig sein sollte, leuchtete ihm nicht ein. Es sei denn, es handelte sich um eine machtvolle Reliquie.

»Gibt es außer Eurem noch weitere Steine?«, fragte er verwirrt.

Stüplin nickte eifrig. »Sieben Templer. Sieben Steine. Die Zahl wurde nicht zufällig gewählt, denn ihr wohnt eine Kraft inne, derer sich die Großmeister des Templerordens bedient haben, seit sie vor Jahrhunderten zum ersten Mal in Jerusalem heiligen Boden betraten. Denke daran, dass die Zahl sieben sich aus der Summe von drei und vier zusammensetzt. Drei steht für die unsterbliche Seele, vier für die Anzahl der Elemente, also alles Materielle. Wir Templer stehen als Männer des Geistes und des Schwertes gleichermaßen auch für Seele und Materie. Daher können nur sieben von uns das Geheimnis des Templerordens retten. Vorausgesetzt, die Auserwählten leben noch, was mir nach all den Jahren der Verfolgung fraglich erscheint.«

»Mein Herr hat außer mir noch sechs weitere Boten auf den Weg geschickt. Er scheint der Meinung zu sein, dass die Männer noch am Leben sind. Ihr seid es ja auch noch.«

»So? Bin ich das wirklich?« Stüplins Blicke gingen ins Leere. Primus folgte ihm ins Innere der Kirche und wartete, bis er vor dem Bildnis der Jungfrau Maria ein Gebet gesprochen und eine Kerze angezündet hatte. Eine Ewigkeit verging, bevor der Mann sich von den Knien erhob und Primus zuwandte.

»Mag ja sein, dass meine ehemaligen Kameraden noch leben. Ich weiß nicht, wohin es sie verschlagen hat. Um ehrlich zu sein, wollte ich es auch gar nicht wissen. Es ging um unser aller Sicherheit. Allerdings scheinen nur wenige von uns im Deutschen Reich geblieben zu sein. Die nämlich, die sich nicht durch mangelnde Sprachkenntnisse verdächtig machten. Die meisten Brüder kamen aus Frankreich und verstanden kaum Deutsch.« Stüplin fasste Primus scharf ins Auge. »Und du irrst dich auch nicht, Junge? Wurden wirklich sieben Boten ausgesandt, um uns zum Tempelhof zurückzurufen?«

Primus nickte. »Ihr sagtet, ohne den Stein bräuchtet Ihr Euch gar nicht erst auf den Weg zu machen?«

»So ist es auch. Der Stein wurde mir anvertraut. Er führt zum Versteck eines Mysteriums aus alter Zeit, über das ich aber mit niemandem sprechen darf.«

»Und es gibt keine Möglichkeit, diesen Stein wiederzubeschaffen? Ich meine, was habt Ihr nur damit angestellt? Ihr habt ihn doch nicht in den Fluss geworfen?«

Unter den mitleidigen Steinaugen der Marienskulptur stöhnte Stüplin auf. »Viel schlimmer, Junge. Viel schlimmer.«

Tempelhof, Februar 1314

Thomas Lermond wurde beinahe wahnsinnig bei dem Gedanken, wie ein Gefangener im eigenen Haus behandelt zu werden. Dabei hatte man ihn weder in Ketten gelegt noch in den Keller gesperrt. Nein, er durfte sich auf dem Tempelhof frei bewegen, solange er keinen Fuß vor das Tor setzte. Ihm war sogar erlaubt worden, seinem Tagwerk wie gewohnt nachzugehen. Niemand hinderte ihn daran, seinen Knechten Aufträge zu geben oder Wagenladungen von Bienenwachs und getrocknetem Fisch auf den Weg zu schicken, die Speicher zu füllen und die Bücher zu führen. Und doch gab er sich nicht der Illusion hin, noch länger ein freier Mann zu sein. Der unheilvolle Schatten des Besuchers, der ihn an jenem Wintermorgen in seiner Schlafkammer überrascht hatte, schien mit seinem eigenen verschmolzen zu sein. Er war allgegenwärtig, und Lermond konnte kaum noch Luft holen, ohne dass sein ungebetener Gast den Blick hob und ihn forschend ansah. Nun wusste Thomas auch, dass die beiden Mönche, die er einige Wochen zuvor auf dem Gut bewirtet hatte, Kundschafter gewesen waren. Sie hatten ihren Verdacht, dass die Templer den einsamen Ort in den Wäldern der Mark Brandenburg nicht vollständig verlassen hatten, dem Bischof von Magdeburg zugetragen, der wiederum keine Zeit verloren und Lermond einen Gesandten der Inquisition auf den Hof geschickt hatte.

Adam von Pirrlingen gehörte dem Dominikanerorden an, den ›Hunden des Herrn‹, wie die Mönche auch genannt wurden. Er stand mit Männern wie Bernard Gui, einem für seine Unerbittlichkeit gefürchteten Inquisitor und Vertrauten des Papstes, in regem Briefkontakt. Begleitet wurde Bruder Adam von einem guten Dutzend Bewaffneter, allesamt Männer des Magdeburger Bischofs, die Lermond zu allem Überfluss aus den eigenen Vorratshäusern verpflegen musste. Adam von Pirrlingen kümmerte es nicht, dass die Magdeburger Waffenknechte den Handelshof wie eine Eroberung behandelten und sich Frechheiten herausnahmen, die Lermond gern mit Peitschenhieben geahndet hätte. Aber eben das durfte er sich nicht erlauben. Der Mönch schnüffelte herum wie ein Bluthund, stellte seinen Knechten und Mägden unangenehme Fragen und durchwühlte ohne jede Scham Truhen und Kisten im Gebäude der ehemaligen Templerkomturei. Doch bislang hatte er nichts gefunden, was Lermond hätte gefährlich werden können.

Bei den Mahlzeiten, die Lermond am Tisch des Dominikaners einnehmen musste, gab er auf jedes Wort Acht, das er sprach. Nichts, keine auch noch so unschuldige Bemerkung, durfte ihn in Verbindung mit dem Templerorden bringen. Lermond zitterte bei dem Gedanken, sich aus Versehen zu verraten und damit auch den Plan zu gefährden, den er ersonnen hatte, um den Schatz der Templer in Sicherheit zu bringen. Und noch etwas quälte ihn. Hatte er die Ankunft seiner früheren Kameraden auf dem Tempelhof herbeigesehnt, so wünschte er sich jetzt, sie würden fortbleiben. Wenigstens so lange, bis Adam von Pirrlingen wieder nach Magdeburg verschwand.

Wenn er abends die Tür seiner Schlafkammer hinter sich ins Schloss zog, zermarterte er sich den Kopf, wie er die Boten vor einer Rückkehr auf den Handelshof warnen konnte. Aber ihm wurde rasch klar, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit war. Ihm selbst war es unmöglich, das Gut zu verlassen, denn vor seiner Kammer und dem Fenster, das nach draußen führte, hatte Adam von Pirrlingen Wachen aufgestellt. Jeder Brief, den er schrieb, wurde von dem Mönch kontrolliert. Lermond unterhielt Kontakt zum Abt eines Klosters, dessen kostbares Wachs er aufkaufte, um es an die Hanseherren zu veräußern, doch diese Bekanntschaft nutzte ihm im Moment auch nichts.

Wenn es mir nur gelänge, Primus eine Nachricht zukommen zu lassen, überlegte er, als er eine am Vortag eingetroffene Lieferung von Pelzen in die Handelsbücher aufnahm. Die Arbeit ging ihm nicht leicht von der Hand, immer wieder glitt ihm der Federkiel aus. Kein Wunder, dass ich mich nicht konzentrieren kann, dachte er und schüttete so viel Sand über die Zeile, bis sie vor seinen Augen verschwamm. Solange dieser Mönch dort draußen auf mich lauert und nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache, kann ich auch gleich die Bücher schließen und mich ins Bett legen.

Aber er blieb am Schreibpult stehen, denn für gewöhnlich unterbrach ihn Bruder Adam nicht bei der Arbeit. Das schien ihm der Bischof, der den Johannitern kein heruntergewirtschaftetes Gut übertragen wollte, verboten zu haben. Rasch kehrten seine Gedanken zu Primus zurück. Anders als die Boten, die das Deutsche Reich hatten verlassen müssen, um ihre Münzen zu überbringen, hatte er Primus nur bis nach Erfurt geschickt. Möglicherweise hatte der Junge den Bruder, der sich dort unter falschem Namen verbarg, längst gefunden und befand sich auf dem Heimweg.

Wie schaffe ich es nur, ihn abzufangen, dachte er. Verdammt, er hatte an alles gedacht, jede Vorsichtsmaßnahme getroffen, aber nicht damit gerechnet, dass sich die Inquisition hier wie eine fette Spinne ihr Netz spann.

Am nächsten Morgen klopfte Adam von Pirrlingen überraschend höflich an seine Tür. »Ich habe ein paar Erkundigungen eingeholt«, eröffnete er das Gespräch. Wie immer sprach er ruhig und so besonnen, als sei er nur gekommen, um Lermond einen guten Morgen zu wünschen.

»Erkundigungen? Was Ihr nicht sagt, Bruder!« Lermond streifte sich das verschwitzte Hemd vom Leib. Splitternackt durchquerte er die muffige Kammer, ergriff seine Waschschüssel und leerte sich deren kalten Inhalt prustend über den Kopf. Der Mönch schlug verschämt den Blick nieder, was Lermond diebisches Vergnügen bereitete.

»Wenn ich Euch ansehe, erinnert Ihr mich an gewisse Männer, die noch vor einigen Jahren voller Hochmut behaupteten, die Speerspitze der Christenheit zu sein. Übermütige Ketzer, die schrecklicher Gräueltaten überführt wurden. Auch sie spazierten gern unbekleidet durch ihre Hallen und Säle und machten in ihren Ausschweifungen nicht einmal davor Halt, unschuldigen Knaben nachzustellen.«

»Wenn Ihr damit Eure Klöster meint, so seht Ihr mich überrascht, Bruder Adam«, erwiderte Lermond finster. Er zog ein frisches Hemd vom Haken neben seinem Strohsack und zog es sich über den Kopf, denn auf einmal fühlte er sich so ganz ohne Kleidung angreifbar. »Ich hoffe, Ihr geht mit den Mönchen Eures Ordens nicht zu streng ins Gericht.«

Die Mundwinkel des Dominikaners senkten sich und sein eisiger Blick verriet Lermond, dass er zu weit gegangen war. Einen Mann wie Adam von Pirrlingen reizte man nicht. »Ich gehe mit jedem ins Gericht, der meinen Weg kreuzt, das darf ich Euch versprechen, Meister Thomas«, wies ihn der Mönch scharf zurecht.

»Was wollt Ihr eigentlich?«, rief Lermond ärgerlich. »Habt Ihr meine Gastfreundschaft nicht lange genug in Anspruch genommen? Inzwischen solltet Ihr doch herausgefunden haben, dass diese Handelsniederlassung nur rechtschaffene, fromme Menschen beherbergt. Wir haben nichts zu verbergen, und bislang hatte der Bischof keinen Grund, sich über uns zu beschweren.« »Oh, das bestreitet auch niemand. Ihr führt Eure Bücher auf vorbildliche Weise, fast besser als die Pfeffersäcke im Norden. Euer Handel wirft von Jahr zu Jahr größere Gewinne ab. Ihr habt eine glückliche Hand für Geschäfte, Meister Lermond, und scheint den Handelshof für den Bischof mit Weisheit und großer Umsicht zu führen. Aber ich frage mich, warum hier in letzter Zeit mehrere Menschen unversehens spurlos verschwunden sind.«

»Verschwunden?« Lermond runzelte die Stirn, wich dem Blick des Mannes in der dunklen Kutte jedoch verlegen aus. »Das ist doch absurd. Wer hat Euch das erzählt?«

Adam von Pirrlingen lachte humorlos auf. »Sagte ich nicht, dass ich Erkundigungen eingeholt habe? Bei den Ausreißern handelt es sich um sieben junge Männer, die Ihr, Thomas, persönlich mit Pferden, festen Stiefeln und Zehrpfennig ausgerüstet haben sollt.« Er machte einen Schritt auf Thomas Lermond zu und tippte ihm mit seinem dürren Zeigefinger mehrmals gegen die Brust. »Wer sind diese Männer, und wohin habt Ihr sie geschickt?«

Lermond bereute zutiefst, dass er den Fehler gemacht hatte, den Mönch zu unterschätzen. Pirrlingen hatte als Angehöriger der Inquisition Erfahrung darin, Menschen auszuhorchen und ihnen ihre tiefsten Geheimnisse zu entlocken. Lermond hatte es versäumt, die Leute im Dorf vor ihm zu warnen. Andererseits war er für die meisten, die hier im Tempelhof lebten, noch immer ein Fremder, ein Außenseiter, der sich niemals bemüht hatte, die Bauern und kleinen Handwerker, die Handelsknechte und Lohnarbeiter zu verstehen. Er hatte sieben Jahre lang in der Vergangenheit gelebt, ohne an die Gegenwart zu denken. Vielleicht hatten die Dorfleute die Fragen des Dominikaners ja bereitwillig beantwortet, da dieser ihnen als Mann der Kirche größere Anteilnahme entgegengebracht hatte als Lermond.

»Ich warte noch immer auf Eure Antwort, Meister«, drängte von Pirrlingen. Die Augen des Mannes blitzten triumphierend auf, wie so oft, wenn er ein Opfer in die Enge getrieben hatte. »Wohin habt Ihr diese sieben Männer geschickt? Was ist aus ihnen geworden?«

Lermonds Fuß berührte die knarrende Bodendiele, unter der er sein altes Schwert versteckt hatte. Unbegreiflicherweise hatten es Pirrlingens Bewaffnete dort bislang nicht gefunden. In diesem Augenblick hätte Lermond alles dafür gegeben, das Schwert noch ein einziges Mal zu schwingen, und wenn auch nur zu dem Zweck, dem frechen Mönch eine neue Tonsur zu verpassen. Er wollte den verfluchten Schwarzrock lehren, was dem geschah, der einen Ritter des Templerordens beleidigte. Aber im letzten Moment gelang es ihm, sein Temperament zu zügeln. Er war kein Krieger mehr, sondern ein Händler, ein Mann des Bischofs von Magdeburg. Er durfte unter keinen Umständen aus der Rolle fallen, sosehr ihn der Dominikaner auch zu provozieren versuchte. Verlor er die Fassung, war alles verloren.

»Die sieben Männer sind alle Handelsknechte, die in meinem Auftrag Geschäftspartner in verschiedenen Städten des Reiches aufsuchen sollen, um neue Verbindungen zu knüpfen.«

»Ach, und warum habt Ihr Seine Gnaden, den Bischof, nicht darüber informiert?« Adam von Pirrlingen grinste Lermond höhnisch an. »Vielleicht, weil Ihr mich belogen habt? Ja, Ihr habt richtig gehört, Meister Thomas. Ihr seid ein erbärmlicher Lügner. Kein Kaufmann, der etwas auf sich hält, wäre so töricht, im Winter Leute auszuschicken, um neue Handelsbeziehungen zu knüpfen. Dafür sind die Straßen viel zu schlecht. Nein, er würde bis zum Frühling warten, und er würde sich auch nicht in Unkosten stürzen, um die jungen Burschen neu einzukleiden. Ich bin davon überzeugt, dass die Reise der sieben Männer andere Hintergründe hat, und die werdet Ihr mir nun verraten!«

Lermond spürte erneut Panik in sich aufsteigen, doch ungeachtet der drohenden Gebärde, mit der sich der spindeldürre Mönch vor ihm aufgebaut hatte, gab er als Antwort einen Laut von sich, in den er seine ganze Verachtung legte.

»Aus mir bekommt Ihr nichts heraus, Mönch«, knurrte er. »Meine Lippen sind versiegelt!«

»Oh, ich kann warten!« Ehe Lermond noch etwas erwidern konnte, riss der Mönch die Tür auf und rief einen Wachsoldaten herein, der draußen gewartet hatte. Er teilte dem Mann mit knappen Worten mit, dass der Kaufmann Thomas Lermond auf der Stelle in Ketten zu legen und zur Burg des Bischofs von Magdeburg zu schaffen sei.

»Was sagt Ihr nun, Templer?«, rief Adam von Pirrlingen höhnisch.

Lermond sagte gar nichts. Seine Tarnung war aufgeflogen, so viel stand fest. Mit einem wütenden Kampfruf, den er vor Gefechten in Palästina oft ausgestoßen hatte, ergriff er den Wasserkrug und schleuderte ihn dem Wachmann entgegen, der zwar so geistesgegenwärtig war, den Kopf einzuziehen, aber dennoch an der Schulter getroffen wurde. Stöhnend stieß der Mann gegen Bruder Adam, der vor Schmerz aufheulte.

Lermond schnellte mit der Geschmeidigkeit eines Löwen zur Seite und trat dabei auf die lose Bodendiele. Nur einen Augenblick später hielt er sein Schwert in der Hand und drang auf den Söldner ein, der nun seinerseits das Schwert zog und sich wehrte. Scharf klang das Klirren des Metalls, das in dem folgenden Kampf aufeinanderschlug. Lermond mochte alt geworden sein, doch er hatte nicht vergessen, was ihn sein früherer Waffenmeister in Akkon einst gelehrt hatte. Er parierte die unkoordinierten Schläge des Söldners mühelos und verschaffte sich sogar einen Vorteil, indem er ihn auf den Flur drängte. Das Glücksgefühl, das ihn dabei beseelte, gab ihm die Kraft, den Schwertarm nicht sinken zu lassen. Mit einem wilden Schrei drehte er sich um die eigene Achse und schlug dem Bischöflichen das Schwert aus der Hand. Scheppernd fiel es vor dem Mann zu Boden, und als dieser sich danach bücken wollte, donnerte Lermond ihm den Knauf seines eigenen Schwertes in den Nacken, sodass er betäubt zu Boden sank.

»Damit habt Ihr Euch verraten«, kreischte Adam von Pirrlingen schrill. Der Mönch war vor Angst erblasst. Doch trotz seines Entsetzens gelang es ihm, flink an Lermonds Schwert vorbeizuschlüpfen. Nun stob er mit wehender Kutte davon, um die Wachen zu rufen.

Das Schwert noch in der Rechten, blickte Thomas Lermond ihm nach, unschlüssig, ob er die Verfolgung des Mannes aufnehmen oder besser verschwinden sollte. Ein aussichtsloser Kampf machte aus jedem Tapferen einen Narren. Sein Herz pochte vor Anstrengung und Erregung, als er die Tür hinter sich zuzog. Mit einem knappen Seitenblick auf das Kreuz über seinem Strohsack dankte er Gott dafür, dass er doch noch einmal hatte kämpfen dürfen. Doch nun galt es, keine kostbare Zeit mehr zu vergeuden. In wenigen Augenblicken würde es hier oben vor Bewaffneten nur so wimmeln. Einen oder zwei traute er sich wohl zu, zur Hölle zu schicken, aber einer Übermacht von zehn Bischöflichen war er schwerlich gewachsen. Sie würden ihn überwältigen oder gleich in Stücke hauen. Das Geschrei des Mönchs hallte in seinen Ohren, als er den Fensterladen aufstieß und sich über die Brüstung beugte. Auf dem Hof war niemand zu sehen, nicht einmal die Schweine suhlten sich in den matschigen Pfützen, die der lange Regen hinterlassen hatte. Eine Flucht über die Dächer war riskant, doch blieb er hier, gab es keine Hoffnung mehr für ihn und den Schatz. Adam von Pirrlingen wollte ihn entlarven, und er war blind in seine Falle getappt.

Langsam und schwerfällig schob er seinen Körper durch die Fensteröffnung und verfluchte dabei den Baumeister, der die Luke nicht ein wenig breiter in den Stein hatte stemmen lassen.

Als Nächstes hörte er schwere Schritte auf der Stiege. Das Schnaufen von Männern im vollen Harnisch, die näherkamen. Ihre Flüche klangen grausam. Er konnte jetzt nur hoffen, sich beim Sprung aus dem Fenster nicht die Beine zu brechen. Gelang es ihm, vor den Männern des Bischofs den Wald zu erreichen, fand er möglicherweise ein Versteck.

Thomas Lermond warf sein Schwert hinunter und rutschte ein Stück weiter vor. Ein letztes Mal blickte er zurück, auf das Leben, das er sieben Jahre lang geführt hatte: ein armseliges Dasein. Warten auf das Unvermeidliche. Auf dem Fußboden bewegte sich der Bewaffnete, dem er einen Schlag verpasst hatte. Er kam wieder zu sich. Von fern erklang die unheilvolle Stimme des Dominikaners, der seine Schergen zur Eile antrieb: »Macht schon, er darf uns nicht entkommen!«

Lermond bekreuzigte sich. Und sprang.

Magdeburg, Februar 1314

Ihr wagt es, hierherzukommen und mir mitten ins Gesicht zu sagen, dass Euch dieser Schuft entkommen ist?«

Mit einer ungnädigen Handbewegung verscheuchte Bischof Burchard von Magdeburg seine Diener, die im Bischofspalast allabendlich die Kerzen entzündeten. Burchard war anmaßend genug, keinen Menschen in seiner Nähe zu fürchten, aber die Dunkelheit flößte ihm so große Angst ein, dass er Unsummen für Wachskerzen, Feuerkörbe und Öllampen ausgab, um jeden Winkel seiner Residenz nahe dem Dom zu beleuchten. Auch das Feuer im Kamin des großen Saals, wo der Bischof für gewöhnlich Hof hielt, durfte niemals erlöschen.

Adam von Pirrlingen faltete die Hände und senkte in einer demutsvollen Geste den Kopf. Er war nur widerstrebend nach Magdeburg geritten, um den Bischof, der in der Stadt nur Lappe genannt wurde, von der Flucht des Verwalters Lermond in Kenntnis zu setzen. Obwohl Adam sogleich eine wahre Treibjagd veranstaltet hatte, um den Mann wieder einzufangen, befand dieser sich nach wie vor auf freiem Fuß. Das war schlecht, denn er hatte dem Bischof nicht nur versprochen, Thomas Lermond als hochrangiges Mitglied des verbotenen Templerordens zu überführen, sondern er war sich auch sicher gewesen, hinter dessen Geheimnis zu kommen. Dies hatte Bischof Burchard, dessen Geld stets knapp war, nicht vergessen. Mit grimmiger Miene forderte er den Mönch auf, näherzutreten, aber er bot ihm keinen Platz an, sondern ließ ihn vor seinem herrschaftlichen Bischofsstuhl stehen wie einen Bittsteller.

»Die ehemaligen Besitzungen der Templer unterstehen seit vier Jahren der Verwaltung des Grafen Waldemar«, sagte der Bischof nach einem Moment des Schweigens. »Papst Clemens hat mich aber beauftragt, dafür zu sorgen, dass es gut bewirtschaftet bleibt. Was glaubt Ihr eigentlich, wie peinlich es für mich ist, wenn dem Heiligen Vater zugetragen wird, dass dort ein Templer schalten und walten konnte, wie es ihm beliebte? Ich frage mich, warum ich Euch mit Vollmachten und einem Dutzend bewaffneter Reiter zum Tempelhof geschickt habe. Den Aufwand hätte ich mir sparen können. Von den Kosten ganz zu schweigen. Ich bin ein armer Mann, und Ihr habt mich keinen Heller reicher gemacht!«

»Lermond hat uns getäuscht wie Luzifer die Eva«, gab Adam von Pirrlingen zu bedenken. »Er behauptete, ein harmloser Kaufmann zu sein, aber als ich ihm auf den Kopf zu sagte, dass ich seine Lügen durchschaue, ging er auf mich los wie ein wild gewordener Eber. Er griff mich an, einen Diener der heiligen Inquisition. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mich erschlagen.« Burchard schnaubte verächtlich. »Wundert Euch das? Bedenkt doch, welche schockierenden Einzelheiten bei den Prozessen gegen den Orden in Paris zutage getreten sind. Die Templer behaupteten, fromme Kämpfer für die Sache Christi zu sein. So gelang es ihnen, den Päpsten Privilegien abzuschwatzen, die sie reich und mächtig gemacht haben. Doch nachdem sie das Heilige Land verspielt und den Ungläubigen in den Rachen geworfen haben, gingen sie einen Pakt mit finsteren Dämonen ein, um ihre Macht nicht zu verlieren. Sie beteten Götzen an und betrieben schwarze Magie. So sind sie nicht nur an Burgen und Güter gekommen, sie konnten auch ihre Widersacher aus dem Weg räumen. Das haben einige dieser Templer sogar unter Folter zugegeben.«

»Ihr habt recht, die Macht dieser Leute ist groß!«

Der Bischof küsste erschrocken das mit Edelsteinen besetzte Kreuz, das an einer Kette um seinen Hals hing. Er war ein kleiner, feister Mann mit schlaffen Wangen, der zu viel aß und zu wenig schlief. Ungeachtet seiner enormen Leibesfülle steckte in ihm jedoch ein gehöriges Maß an Energie und Durchsetzungskraft. Seine Diener und Höflinge wussten von schrecklichen Wutausbrüchen zu berichten, die von Zeit zu Zeit die dicken Mauern der alten Bischofsburg erzittern ließen. Burchard war, wie der Dominikaner in Erfahrung gebracht hatte, nicht gerade beliebt in Magdeburg. Sein Ehrgeiz, das Erzstift zu einem der reichsten innerhalb des Heiligen Römischen Reichs zu machen, hatte ihn in zahlreiche heftige Konflikte mit den Bürgern der Stadt gestürzt. Es hieß, er plündere nach Herzenslust Güter und Dörfer, die seiner Verwaltung unterstanden, und schrecke auch nicht davor zurück, Bürger, die sich gegen ihn auflehnten, in den Kerkern seiner Burg gefangen zu halten, um von ihren Familien Lösegeld zu erpressen. Erst zwei Jahre waren vergangen, seit die Magdeburger gegen die bischöflichen Erlasse Sturm gelaufen waren: eine Steuer aufs Bier und eine weitere auf das Sieden und die Ausfuhr von Salz. Damals hatte es Aufruhr gegeben. Die Handwerker und Händler waren durch die Gassen gezogen, um den verhassten Bischof aus der Stadt zu treiben. Burchards Ritter hatten den Aufstand brutal niedergeschlagen. Dennoch traute sich der Bischof seit diesem Tag nur noch in Begleitung seiner Leibwachen vor die Tür seines Palasts.

Mit einer Glocke rief er nun seinen Schreiber herein, einen ältlichen Ordensbruder, unter dessen Arm Schreibtafel und Griffel klemmten. Offensichtlich hatte der Mann in der Annahme, er werde noch gebraucht, vor der Tür gewartet.

»Ich will, dass die Wälder und Sümpfe rund um den Tempelhof durchkämmt werden, bis der Erzketzer Thomas Lermond gefunden ist«, verkündete Bischof Burchard streng. »Wer ihm hilft, soll mit dem Tode und der Einziehung seines Vermögens bestraft werden. Wer Bruder Adam die Auskunft verweigert, soll ebenfalls seinen Besitz ans Bistum verlieren. Doch kein Wort davon an den Markgrafen. Einen süßen Kuchen teile ich nicht gern.«

Und vermutlich fallen dir just in diesem Moment die Namen einiger Unruhestifter in deiner Stadt ein, die angeblich so kühn waren, dem Templer Beistand zu leisten, dachte Adam von Pirrlingen fasziniert. Ihr Unglück kann schon morgen deine Kassen füllen.

Stumm beobachtete er, wie der bucklige Schreiber mit seiner Tafel davonzog, um den Erlass seines Herrn unverzüglich dessen Hauptleuten zu überbringen. Dann wandte er sich wieder dem Bischofsstuhl zu. Obwohl Burchard ihn reichlich herablassend behandelt hatte, beschloss Adam von Pirrlingen, sich mit dem Verlauf des Gesprächs zufriedenzugeben. Es freute ihn vor allem, dass er den geistlichen Hirten von Magdeburg richtig eingeschätzt hatte. Burchard war ein Einfaltspinsel, der wegen seiner Habgier und Rücksichtslosigkeit vermutlich leicht zu steuern war. Was er sich erhoffte, waren jedoch nur Staubkörner im Vergleich zu dem, was das Geheimnis der Templer in Wahrheit wert war. Adam von Pirrlingen war nicht so dumm, dem Bischof auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu verraten. Auch von den sieben Männern, die Lermond ausgesandt hatte, hatte er Burchard nicht erzählt.

»Noch ein Wort an Euch, Bruder Adam!« Der Bischof lehnte sich zurück und knetete dabei nachdenklich seine Unterlippe, als suchte er noch nach den richtigen Worten.

»Vielleicht habt Ihr gehört, dass vor einiger Zeit eine junge Frau Zuflucht unter meinem Dach fand, eine weitläufige Verwandte aus der Linie der edelfreien Herren von Querfurt. Ihr Name ist Agnes von Vitzenburg.«

Bruder Adam tat so, als hörte er den Namen dieser Frau zum ersten Mal. Dabei war er mit ihrem Schicksal wohlvertraut, denn auch in Klöstern gab es zuweilen Klatsch und Tratsch. Agnes von Vitzenburg war fünfzehn und Waise gewesen, als Burchard sie zu seiner Geliebten gemacht hatte, und obwohl sie heute nicht mehr jung und zart wie damals war, holte er sie in sein Bett, sooft ihm danach war. Nun aber begannen Agnes’ Verwandte, darunter die einflussreichen Grafen von Mansfeld, unbequeme Fragen zu stellen. Es wunderte sie, dass Burchard das Mädchen nach all den Jahren noch nicht verheiratet hatte. Gerüchte wurden laut, Bischof Burchard habe ihren Ruf ruiniert und finde deshalb keinen passenden Ehemann für sie. In diesem Fall blieb ihr nur der Eintritt in ein Nonnenkloster. Eine entfernte Tante des Mädchens, die Äbtissin von Grimma, hatte diesbezüglich schon vorgefühlt, weil die reiche Mitgift der Vitzenburgerin ihr Interesse weckte. Aber auch den Mansfeldern käme das Geld der jungen Verwandten mehr als gelegen.

Adam von Pirrlingen hasste es, in Familiengeheimnisse pikanter Natur verstrickt zu werden, konnte sich aber nicht weigern, dem Bischof zuzuhören. Zähneknirschend fragte er, wie er ihm helfen könne.

Der Bischof versuchte, Adam von Pirrlingen ein verschwörerisches Lächeln zuzuwerfen, das jedoch mehr als unbeholfen ausfiel. »So unverschämt wie der Rat der Stadt mir gegenüber neuerdings auftritt, kann ich nicht mehr die Sicherheit meiner Schutzbefohlenen garantieren. Zumal ich die Stadt für einige Tage zu verlassen gedenke. Ich möchte daher, dass Ihr Agnes mitnehmt, wenn Ihr wieder abreist. Bringt sie zum Tempelhof. Nun, da die ehemalige Komturei leer steht, kann sie dort in aller Abgeschiedenheit leben, bis wir entschieden haben, was aus ihr werden soll. Einem blutjungen Ding wie Agnes, das nur Flausen im Kopf hat, wird die Einsamkeit der Mark guttun.«

Adam von Pirrlingen gelang es nur mit Mühe, seine Wut zu unterdrücken. Wie konnte dieser Fettsack es wagen, ihm seine Hure aufzuhalsen?

»Haltet Ihr es für eine gute Idee, eine Edelfreie ausgerechnet in einer ehemaligen Komturei des Templerordens einzuquartieren?«, protestierte er. »Die Befestigung des Gutes lässt zu wünschen übrig. Es gibt nur noch wenige Knechte, die den Handelshof vor Raubgesindel schützen könnten. Und was, wenn dieser Thomas Lermond es doch wagt, zurückzukehren, und Eure Verwandte wehrlos vorfindet? Der Mann ist gerissen, schlau wie ein Fuchs. Er würde nicht zögern …« Der Mönch verzichtete darauf, seinen Satz zu beenden, denn das boshafte Funkeln in Burchards Augen verriet genau, woran der Mann dachte. Er wollte, dass Agnes von Vitzenburg in der Einöde auf Nimmerwiedersehen verschwand, damit ihre Verwandten sie nicht über ihre Beziehung zu Burchard ausfragen konnten. Wurde sie unterwegs von einem geächteten Ketzer erschlagen, umso besser. Burchard würde für ihre Seele eine Messe lesen und sich dann eine neue Hure in sein Bett holen.

Als Adam von Pirrlingen eine Stunde später sein Quartier im Dominikanerkloster bezog, hatte er Agnes längst vergessen. Was kümmerten ihn die Weibergeschichten des Bischofs? Sein einziges Ziel waren die Jagd auf die Tempelritter und das Geheimnis, das sie vor ihm verbargen. Mit weiteren Vollmachten in der Tasche und einer größeren Schar Bewaffneter würde er das Versteck des flüchtigen Ketzers bald aufspüren, und dieses Mal würde er nicht zulassen, dass der Bursche ihm ein Schnippchen schlug.

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