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Die schönsten Erzählungen

Lew Tolstoi

Die schönsten Erzählungen

Ausgewählt von Marlies Juhnke

Mit einem Nachwort von Sigrid Löffler

Aus dem Russischen von Hermann Asemissen

 

Aufbau-Verlag

Inhaltsübersicht

Der Leinwandmesser

Der Tod des Iwan Iljitsch

Herr und Knecht

Wie viel Erde braucht der Mensch

Drei Tode

Nach dem Ball

Vom rechten und vom falschen Leben

Von Sigrid Löffler

Biographische Notiz

Anmerkungen

Textnachweis

|7|DER LEINWANDMESSER

Die Geschichte eines Pferdes

 

Gewidmet dem Andenken von M. A. Stachowitsch

1

Immer höher wölbte sich das Himmelszelt, immer weiter breitete sich die Morgenröte aus, immer weißer wurde das matte Silber des Taus, immer fahler die Mondsichel, immer klingender der Wald; die Menschen standen allmählich von ihrer Nachtruhe auf, und im herrschaftlichen Gestütshof ertönte immer häufiger das Schnaufen, das Scharren im Stroh und ab und zu auch ein wütendes, schrilles Wiehern der sich am Tor drängenden und sich gegenseitig stoßenden Pferde.

»Nuu! Ihr kommt noch zurecht! Seid wohl ausgehungert?«, rief ihnen der alte Pferdeknecht zu, als er das knarrende Tor öffnete. »Wohin?«, schrie er mit drohend erhobenem Arm eine junge Stute an, die den Versuch machte, durchs Tor zu schlüpfen.

Der Pferdeknecht Nester hatte einen Kosakenrock an, um den ein mit Beschlägen verzierter Ledergurt geschnallt war; die Peitsche hatte er über die Schulter geworfen und einen Beutel mit Brot am Gurt befestigt. In den Händen trug er einen Sattel und Zaumzeug.

Die Pferde waren durch den spöttischen Ton ihres Wärters durchaus nicht erschrocken oder gekränkt, sondern |8|taten höchst gleichmütig und zogen sich ohne Hast vom Tor zurück. Nur eine alte braune Stute mit langer Mähne legte die Ohren flach an den Kopf und drehte sich mit einer raschen Bewegung um, woraufhin eine junge Stute, die weiter hinten stand und eigentlich nichts damit zu schaffen hatte, gellend zu wiehern begann und nach dem erstbesten Pferd mit den Hinterbeinen ausschlug.

»Nuu!«, erhob der Pferdeknecht die Stimme noch drohender und ging dann in eine Ecke des Hofes.

Von allen Pferden, die sich im Gestütshof befanden – es waren annähernd hundert Tiere –, zeigte sich ein scheckiger Wallach, der einsam in einer Ecke unter dem Schutzdach stand und mit halb zugekniffenen Augen den Eichenpfosten des Stalles beleckte, am wenigsten ungeduldig. Welchen Geschmack er dem Pfosten abgewinnen konnte, ist kaum zu begreifen, doch gab er sich seinem Tun mit ernstem, versonnenem Gebaren hin.

»Laß den Unfug!«, rief ihm der Pferdeknecht in der gleichen Tonart zu, während er an ihn herantrat und den Sattel sowie eine vom Schweiß glänzend gewordene Filzdecke neben ihn auf den Mist legte.

Der scheckige Wallach hörte mit dem Lecken auf und sah den Pferdeknecht lange und regungslos an. Er stieß weder ein vergnügtes noch ein unzufriedenes oder mürrisches Wiehern aus, sondern zog nur den Bauch ein und wandte sich tief aufseufzend von ihm ab. Der Pferdeknecht umfasste den Hals des Wallachs und streifte ihm das Zaumzeug über den Kopf.

»Was seufzt du denn?«, fragte Nester.

Der Wallach schwang den Schweif, als wollte er sagen: »Ach, nur so, Nester.« Als Nester ihm nun die Filzdecke auf den Rücken warf und den Sattel darauflegte, drückte |9|der Wallach die Ohren flach an den Kopf, wahrscheinlich, um seine Unzufriedenheit zu zeigen, was ihm jedoch nur ein paar Schimpfworte und ein Anziehen des Bauchgurts eintrug. Der Wallach blähte sich dabei auf, doch da steckte ihm Nester einen Finger ins Maul und stieß ihn mit dem Knie in den Bauch, so dass er die Luft ausstoßen musste. Nichtsdestoweniger drückte er, als Nester die Riemen über dem Sattel mit den Zähnen anzog, die Ohren abermals an den Kopf und blickte sich sogar missmutig um. Wenngleich er auch wusste, dass ihm das nichts helfen würde, schien er es dennoch für angebracht zu halten, zu zeigen, dass ihm dies unangenehm sei und dass er seine Unzufriedenheit immer bekunden werde. Als er fertig gesattelt war, stellte er das angeschwollene Vorderbein vor und begann auf der Kandare zu kauen; offenbar tat er auch dies aus irgendwelchen besonderen Erwägungen heraus, denn er musste ja längst wissen, dass dem Metall keinerlei Geschmack abzugewinnen war.

Nester schwang sich, einen Fuß in den kurzen Steigbügel stellend, aufs Pferd, wickelte die Peitsche auseinander, schob unterhalb der Knie die Enden seines Kosakenrocks beiseite und setzte sich mit jener besonderen Haltung in den Sattel, die Kutschern, Jägern und Pferdeknechten eigen ist. Als er dann die Zügel anzog, hob der Wallach zwar den Kopf und zeigte seine Bereitschaft, sich in jede gewünschte Richtung in Bewegung zu setzen, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. Er wusste, dass es vor dem Losreiten noch allerlei Geschrei geben würde, weil Nester dem zweiten Pferdeknecht, Waska, vom Sattel aus noch verschiedene Anweisungen zu erteilen und die Pferde anzubrüllen pflegte. Und da legte Nester auch wirklich schon los: »Waska! He, Waska! Hast du die Mutterstuten |10|rausgelassen? Wohin, du Biest?! Nu! Bist wohl eingeschlafen? Mach’s Tor auf und lass zuerst die trächtigen Stuten durch!« und dergleichen mehr.

Das Tor ging knarrend auf. Waska, der verschlafen und mürrisch neben dem Tor stand, hielt sein Pferd am Zügel und ließ die anderen durch. Vorsichtig über das Stroh schreitend und es beschnuppernd, zogen die Pferde eins nach dem andern vorbei: junge Stuten, einjährige Hengste mit gestutzter Mähne, noch saugende Füllen und trächtige Stuten, die einzeln mit ihren massigen Leibern schwerfällig durch das Tor stapften. Einige junge Stuten legten sich gegenseitig die Köpfe auf den Rücken und wollten zu zweit oder zu dritt gewaltsam durch das Tor drängen, wofür sie jedes Mal von den Pferdeknechten grob angefahren wurden. Die noch saugenden Tiere drückten sich manchmal fremden Mutterstuten an die Beine und antworteten mit einem hellen Gewieher, wenn sie von ihren eigenen Müttern durch ein kurzes Aufwiehern zurückgerufen wurden.

Eine junge übermütige Stute bog sofort, nachdem sie durch das Tor ins Freie gelangt war, den Kopf nach unten und zur Seite, schlug mit den Hinterbeinen aus, wieherte, traute sich aber dennoch nicht, der alten, graugesprenkelten Shuldyba vorauszulaufen, die mit langsamen, schweren Schritten und hin und her schwankendem Bauch wie immer gewichtig an der Spitze aller anderen Pferde ging.

Der Gestütshof, auf dem es noch vor wenigen Minuten so lebhaft zugegangen war, lag jetzt wie ausgestorben da. Trübselig ragten die Pfosten der verlassenen Schutzdächer empor, unter denen nur noch zerstampftes und mit Mist vermischtes Stroh zu sehen war. Sosehr sich der scheckige Wallach an dieses Bild der Verödung auch gewöhnt hatte, |11|schien es doch bedrückend auf ihn zu wirken. Während er, mit dem alten Nester auf dem knochigen Rücken, auf seinen krummen, steif gewordenen Beinen hinter der Herde hertrottete, hob und senkte er, sich gleichsam unaufhörlich verneigend, langsam den Kopf und seufzte ab und zu, soweit ihm dies der gestraffte Sattelgurt gestattete.

Ich weiß schon, sobald wir auf die Landstraße kommen, wird er Feuer schlagen und sein hölzernes Pfeifchen mit den Messingbeschlägen und dem kleinen Kettchen anzünden, dachte der Wallach. Ich freue mich darüber, denn am frühen Morgen, wenn noch Tau liegt, habe ich diesen Geruch gern und werde durch ihn an mancherlei Angenehmes erinnert. Dumm ist es nur, dass der Alte, sowie er das Pfeifchen zwischen den Zähnen hat, jedes Mal übermütig wird, sich irgendwas einbildet und sich auf die Seite setzt – immer gerade auf die Seite, wo es mir weh tut. Nun, soll er, in Gottes Namen, mir ist es nichts Neues, dass ich leiden muss, damit andere ihr Behagen haben. Ich habe sogar schon gefunden, dass darin eine Art Vergnügen für Pferde liegt. Soll er sich nur aufblasen, der arme Wicht! Er spielt ja doch nur den Tapferen, solange er allein ist und ihn niemand sieht – mag er auf der Seite sitzen, dachte der Wallach, während er auf seinen krummen Beinen vorsichtig in der Mitte der Landstraße weiterstapfte.

2

Als Nester mit seiner Herde am Fluss angelangt war, an dessen Ufer die Pferde weiden sollten, sprang er von dem Wallach herunter und sattelte ihn ab. Die übrigen Pferde |12|schwärmten inzwischen bereits auf der noch unzerstampften, taubedeckten Wiese aus, über der, ebenso wie über dem sie bogenförmig einfassenden Fluss, Dunst aufstieg.

Nachdem Nester dem scheckigen Wallach das Zaumzeug abgenommen hatte, kraulte er ihn unter dem Hals, woraufhin der Wallach zum Zeichen der Dankbarkeit und des Wohlbehagens die Augen schloss. »Das gefällt ihm, dem alten Biest!«, sagte Nester. In Wirklichkeit konnte der Wallach dieses Gekraule absolut nicht leiden und gab sich nur aus Taktgefühl den Anschein, dass es ihm angenehm sei, indem er zustimmend den Kopf schüttelte. Doch da stieß Nester, der vielleicht annahm, eine allzu große Vertraulichkeit könnte beim Wallach falsche Vorstellungen von seiner Bedeutung hervorrufen, plötzlich ganz unvermittelt den Kopf des Pferdes zurück, holte mit dem Zaumzeug aus und versetzte dem Wallach mit den Riemenschnallen einen äußerst empfindlichen Schlag gegen das dürre Bein, woraufhin er, ohne noch etwas zu sagen, einen kleinen Hügel bestieg und zu dem Baumstumpf ging, auf dem er gewöhnlich zu sitzen pflegte.

Den scheckigen Wallach kränkte zwar die Handlungsweise des Pferdeknechts, doch ließ er sich nichts anmerken und ging, langsam seinen spärlichen Schweif schwenkend und dies und jenes beschnuppernd oder auch – lediglich zur Zerstreuung – mal einen Grashalm abrupfend, auf den Fluss zu. Ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, was um ihn herum die sich des Morgens freuenden jungen Stuten, die einjährigen Hengste und Fohlen trieben, und wohl wissend, dass es der Gesundheit, namentlich in seinem Alter, am zuträglichsten ist, auf nüchternen Magen zuerst tüchtig zu trinken und dann |13|erst zu fressen, wählte er eine möglichst flache und breite Uferstelle aus und stapfte bis an die Haarbüschel der Fesseln in den Fluss hinein, steckte das Maul ins Wasser und schwenkte voller Behagen den enthaarten Stumpf seines spärlichen scheckigen Schweifs, als er nun mit seinen eingerissenen Lippen das Wasser schlürfte und seine sich füllenden Flanken auf und nieder zu wogen begannen.

Eine händelsüchtige braune Stute, die den Alten schon oft gereizt und ihm manchen Schabernack gespielt hatte, stapfte auch jetzt durch das Wasser auf ihn zu und tat so, als käme sie von ungefähr vorbei, während sie es in Wirklichkeit nur darauf abgesehen hatte, ihm vor der Nase das Wasser aufzuwirbeln und zu trüben. Doch der Schecke, der sich bereits satt getrunken hatte, gab sich den Anschein, die Absicht der Stute gar nicht zu bemerken, zog ruhig seine in den Schlamm eingesackten Füße einen nach dem anderen heraus, schüttelte den Kopf und begann, abseits von der Jugend zu fressen. Indem er die Beine auf verschiedene Weise spreizte und dadurch nicht unnötig viel Gras niedertrat, fraß er, fast ohne sich einmal aufzurichten, ganze drei Stunden lang. Nachdem er sich dermaßen vollgefressen hatte, dass sein Bauch wie ein Sack von den knochigen, spitzen Rippen herabhing, stellte er sich auf seinen vier gebrechlichen Beinen so hin, dass er beim Stehen möglichst wenig Schmerzen hatte und namentlich das rechte Vorderbein schonte, das am empfindlichsten war. In dieser Stellung schlief er ein.

Es gibt erhabene, widerwärtige und mitleiderregende Alterserscheinungen. Doch gibt es auch solche, die zugleich erhaben und widerwärtig wirken. Von dieser Art eben waren die Alterserscheinungen des scheckigen Wallachs.

|14|Der Wallach war von hoher Statur – mindestens zwei Arschin und drei Werschok hoch. Sein Fell war schwarz gescheckt, wobei allerdings die schwarzen Stellen mit der Zeit eine schmutzigbraune Färbung angenommen hatten. Die scheckigen Flecke verteilten sich auf drei Stellen. Der eine Fleck begann auf dem Kopf, bog seitlich der Nüstern ab und zog sich schräg über den halben Hals, von dem die lange, mit Kletten durchsetzte, teils weiße, teils bräunliche Mähne herabhing; der zweite Fleck zog sich die rechte Flanke entlang bis zur Mitte des Bauches, und der dritte, der von der Kruppe ausging, erstreckte sich über den Schweifansatz und die halben Schenkel. Der Rest des Schweifes war weißlich gesprenkelt. Der große, knochige Kopf mit seinen tief in den Höhlen liegenden Augen und der schlaffen, irgendwann einmal eingerissenen schwarzen Lippe hing schwer und tief von dem vor Magerkeit gekrümmten Hals herab, der aussah, als sei er aus Holz. Hinter der herabhängenden Lippe sah man die vom Gebiss zur Seite gedrückte dunkle Zunge und die gelben Stummel der abgewetzten unteren Zähne. Die Ohren, von denen eins einen Riss aufwies, hingen schlaff zu beiden Seiten des Kopfes herab und wurden von dem Wallach nur ab und zu träge bewegt, wenn er die auf ihnen sitzenden Fliegen verscheuchen wollte. Eine Strähne des noch ziemlich vollen Stirnhaars hing hinter einem Ohr herunter, die Stirn selbst war kahl, eingefallen und stoppelig, und an den breiten unteren Kinnladen hing sackartig die Haut herab. Die Adern auf dem Kopf und am Halse waren voller Knoten und zuckten und zitterten jedes Mal, wenn sie von Fliegen berührt wurden. Die Züge des Wallachs hatten einen streng-geduldigen, scharfsinnigen und leidenden Ausdruck. Seine Vorderbeine |15|waren in den Knien gekrümmt, an beiden Hufen hatte er Geschwülste, und das eine Bein, das bis zur Hälfte scheckig war, wies am Knie eine faustgroße Beule auf. Die Hinterbeine waren zwar besser erhalten, hatten jedoch an den Schenkeln offenbar schon seit langem wund geriebene Stellen, an denen das Fell nicht mehr nachwuchs. Im Verhältnis zum hageren Körper schienen sowohl die Hinter- als auch die Vorderbeine ungewöhnlich lang zu sein. Die Rippen waren zwar stark, hoben sich jedoch unter der gestrafften Haut so plastisch ab, dass man meinen konnte, das Fell sei in den Vertiefungen dazwischen angetrocknet. Der Widerrist und der Rücken waren mit vernarbten Wunden von früheren Hieben übersät, und hinten sah man eine noch frische wunde Stelle, die angeschwollen war und eiterte. Der schwarze Ansatz des Schwanzes mit den sich abzeichnenden Knochenwirbeln hob sich lang und fast kahl vom Körper ab. Auf der braunen Kruppe befand sich nach dem Schwanz zu eine mit weißen Haaren bewachsene, etwa handbreite Narbe, die von einer Bisswunde herzurühren schien; eine zweite Schramme war vorn am Schulterblatt zu sehen. Die Kniegelenke der Hinterbeine und der Schweif waren infolge der dauernden Magenstörungen des Wallachs unsauber. Das Fell stand, obwohl es kurz war, am ganzen Körper borstenartig ab. Doch ungeachtet der abstoßenden Gebrechlichkeit dieses Pferdes wurde man bei seinem Anblick unwillkürlich nachdenklich gestimmt, und ein Kenner hätte gleich gesagt, dass es einstmals ein außergewöhnlich gutes Pferd gewesen sein musste.

Ein Kenner hätte sogar gesagt, dass es in Russland nur eine einzige Rasse gibt, die einen derartig ausladenden Körperbau, solche mächtigen Schenkel, solche Hufe, solche |16|feinknochigen Beine, eine solche Haltung des Halses und vor allem eine solche Form des Kopfes mit den großen schwarzen leuchtenden Augen, den rassig hervortretenden Adern an Kopf und Hals sowie einer solchen Feinheit des Fells und der Haare aufweist. In der Tat, es lag etwas Erhabenes in der Erscheinung dieses Pferdes und in der fürchterlichen Verbindung der Anzeichen seiner durch das scheckige Fell noch unterstrichenen Gebrechlichkeit mit seinem ganzen Gebaren, in dem sich Ruhe und Selbstbewusstsein, Kraft und Schönheit ausdrückten.

Gleich einem lebenden Wrack stand der Wallach einsam inmitten der taubedeckten Wiese, während aus einiger Entfernung das Getrappel, Schnaufen, Tollen und jugendlich helle Wiehern der ausgeschwärmten Herde herübertönte.

3

Die Sonne hatte sich mittlerweile über den Wald erhoben und beleuchtete mit ihren hellen Strahlen die Wiese und die Windungen des Flusses. Der verdunstende Tau wurde zu kleinen Tropfen, und an sumpfigen Stellen verflüchtigte sich, einem Rauchwölkchen gleich, über dem Walde hie und da der letzte Frühnebel. Am Himmel bildeten sich kleine gekräuselte Wolken, doch es war noch windstill. Am anderen Flussufer erhob sich ein dichtes Roggenfeld mit grünen, bereits anschwellenden Ähren; der Duft von frischem Grün und Blumen wehte herüber. Aus dem Walde ertönten die heiseren Rufe eines Kuckucks, und Nester, der lang ausgestreckt auf dem Rücken lag, zählte, wie viele Jahre er noch zu leben habe. Über dem |17|Roggenfeld und der Wiese stiegen immer wieder Lerchen in die Höhe. Ein Hase, der sich verspätet hatte und zwischen die Herde geraten war, machte sich mit ein paar Sätzen davon, hielt an einem Strauch inne und spitzte lauschend die Ohren. Waska hatte den Kopf ins Gras gesteckt und war eingeschlafen. Die Stuten machten einen Bogen um ihn und verteilten sich noch weiter über die Flussniederung. Die alten Tiere schnauften und suchten sich, auf der taunassen Wiese eine glitzernde Spur hinterlassend, einen Platz aus, wo sie ungestört sein würden; sie waren bereits gesättigt und naschten nur noch ab und zu einen besonders wohlschmeckenden Grashalm. Die ganze Herde bewegte sich unmerklich in ein und derselben Richtung weiter. Auch hier ging die alte Shuldyba mit gemessenen Schritten allen andern Pferden voran und zeigte damit, dass man noch weiter vordringen durfte. Muschka, eine schwarze Stute, die erstmalig gefohlt hatte, wieherte unaufhörlich und fauchte mit erhobenem Schweif ihr kleines lilaschimmerndes Fohlen an, das mit schlotternden Knien neben ihr hertrottete. Lastotschka, eine braune, noch ganz junge Stute mit glattem, wie Atlas glänzendem Fell, senkte den Kopf so tief, dass ihr das schwarze seidige Haar des Schopfs über Stirn und Augen fiel, und riss spielerisch Gras ab, warf es hin und stampfte mit ihren von Tau nassen, an den Knöcheln buschigen Füßen darauf. Eins der älteren Fohlen hatte sich ein besonderes Spiel ausgedacht und galoppierte nun schon zum sechsundzwanzigsten Male, den kurzen krausen Schweif steil aufgerichtet, um seine Mutter herum, die offenbar an diese Eigenheit ihres Sohnes bereits gewöhnt war, seelenruhig ihr Gras fraß und nur ab und zu mit ihren großen schwarzen Augen zu ihm hinüberschielte. Eins |18|der allerjüngsten, noch saugenden Füllen mit schwarzem Fell, großem Kopf und possierlich zwischen den Ohren emporragendem Schopf und einem Schwänzchen, das noch nach der Seite gebogen war, wie es im Mutterleib gelegen hatte, spitzte die Ohren und starrte aus seinen stumpfen Augen regungslos zu dem hin und her galoppierenden Fohlen hinüber, wobei nicht zu erkennen war, ob es dieses beneidete oder sein Treiben missbilligte. Etliche der jüngsten Fohlen gaben sich, mit den Nüstern stoßend, dem Saugen hin, während andere, weiß Gott warum und ungeachtet der Rufe ihrer Mütter, in kurzem, ungeschicktem Trab in die entgegengesetzte Richtung davonliefen, als suchten sie etwas, und dann unvermittelt stehenblieben und ein verzweifeltes, schrilles Wiehern ausstießen; manche hatten sich gemächlich auf eine Seite niedergelegt, manche versuchten Gras zu fressen, manche kratzten sich mit einem Hinterbein am Ohr. Zwei trächtige Stuten, die sich von der übrigen Herde abgesondert hatten, bewegten sich, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, langsam fort und fraßen noch immer. Ihrem Zustand wurde allgemein Achtung gezollt, und von den Jungtieren nahm sich kein einziges heraus, sich ihnen zu nähern und sie zu stören. Und wenn es sich der eine oder andere Wildfang dennoch einmal einfallen ließ, bis in ihre Nähe vorzudringen, dann genügte eine einzige Bewegung mit dem Ohr oder mit dem Schweif, um ihm die ganze Ungebührlichkeit seines Benehmens zum Bewusstsein zu bringen.

Die einjährigen Hengste und Stuten gaben sich den Anschein, schon erwachsen und gesetzt zu sein, und es kam nur selten vor, dass sie umhersprangen und sich einer ausgelassenen Gruppe zugesellten. Sie fraßen, den |19|geschorenen Schwanenhals gravitätisch niederbeugend, manierlich ihr Gras und wedelten, als ob auch sie schon richtige Schweife hätten, mit dem kurzen Schwanzbüschel. Gleich den ausgewachsenen Tieren legten sich manche von ihnen nieder, wälzten sich auf dem Rücken oder rieben sich aneinander. Die lustigste Gruppe bestand aus den zwei- und dreijährigen, noch nicht trächtigen Stuten, die sich fast ausnahmslos beisammenhielten und getrennt von den andern als jungfräulich muntere Schar über die Wiese zogen. Aus ihrer Mitte tönten Getrappel, Aufstampfen, Gewieher und Schnaufen herüber. Sie drängten sich zusammen, legten einander den Kopf auf die Schultern, beschnupperten sich, sprangen umher und galoppierten auch mal mit steil erhobenem Schweif stolz und kokett an ihren Gefährtinnen vorüber und ihnen voraus. Am schönsten und unternehmungslustigsten von diesen jungen Tieren war eine übermütige braune Stute. Was sie anstellte, taten auch die andern; wohin sie sich wandte, folgte ihr auch die ganze Schar der übrigen Prachttiere. An jenem Morgen war dieser Wildfang in ganz besonders ausgelassener Stimmung. Sie war, wie es mitunter auch bei Menschen vorkommt, von einem unbezähmbaren Übermut gepackt. Nachdem sie schon bei der Tränke den alten Wallach zum Narren gehalten hatte, lief sie im Wasser weiter den Fluss entlang, tat dann so, als hätte sie sich über etwas erschreckt, schnaufte und rannte in gestrecktem Galopp ins Feld hinein, so dass Waska ihr und den übrigen Tieren, die sich ihr anschlossen, nachsprengen musste. Nachdem sie ein Weilchen gefressen hatte, wälzte sie sich auf dem Rücken und begann die alten Stuten dadurch zu reizen, dass sie ihnen vor der Nase herumtrippelte; dann drängte sie ein junges Fohlen |20|von seiner Mutter ab und jagte ihm nach, als wollte sie es beißen. Die erschrockene Mutter hörte auf zu fressen, und das Fohlen wieherte jämmerlich, aber die übermütige Stute tat ihm gar nichts, sondern wollte ihm nur einen Schreck einjagen und ihren Gefährtinnen, die ihre Streiche mit wohlgefälliger Anteilnahme verfolgten, ein Schauspiel bieten. Anschließend kam sie auf den Einfall, einen kleinen Grauschimmel zu betören, mit dem ein Bäuerlein weit jenseits des Flusses ein Roggenfeld pflügte. Sie blieb stehen, hob stolz den Kopf, neigte ihn ein wenig zur Seite und stieß ein langgedehntes, lieblich und zärtlich klingendes Gewieher aus. Übermut, Erregung und eine gewisse Wehmut lagen in diesem Wiehern. Aus ihm sprach das Begehren nach Liebe, ihrer Verheißung und die Sehnsucht nach ihr.

Ein Wachtelkönig hüpfte unruhig im dichten Schilf und rief begehrlich nach seiner Gefährtin; ein Kuckuck und eine Wachtel stimmten ihre Liebeslieder an, und allenthalben sandten die Blumen einander durch den Wind ihren duftenden Blütenstaub.

Auch ich bin jung, schön und stark, klang es aus dem Wiehern der übermütigen Stute heraus. Aber es war mir noch nie vergönnt, die Wonne der Liebe auszukosten, und kein, kein einziger Liebesgefährte hat mich bis jetzt auch nur zu sehen bekommen.

Und das vielsagende, von Wehmut und Jugend erfüllte Wiehern ergoss sich über die Niederung und die Felder und schallte aus weiter Ferne zu dem kleinen Grauschimmel hinüber. Er spitzte die Ohren und blieb stehen. Der Bauer versetzte ihm mit seinem in einem Bastschuh steckenden Fuß einen Tritt; doch der kleine Grauschimmel war von dem silberhellen Klang des fernen Gewiehers |21|wie verzaubert, rührte sich nicht und wieherte nun ebenfalls. Der erzürnte Bauer zerrte an den Zügeln und stieß den kleinen Grauschimmel mit dem Fuß so heftig in den Bauch, dass er sein Wiehern abbrechen musste und weiterging. Aber er war nun von Wonne und Wehmut erfüllt, und der Nachhall seines abgebrochenen leidenschaftlichen Gewiehers sowie der zornigen Stimme des Bauern klang aus dem fernen Roggenfeld noch lange zu der Herde herüber.

Wenn allein der Klang ihrer Stimme den kleinen Grauschimmel derartig aus der Fassung bringen konnte, dass er darüber seine Pflicht vergaß, wie wäre ihm dann erst zumute gewesen, wenn er die übermütige Stute in ihrer ganzen Schönheit erblickt hätte, wie sie mit gespitzten Ohren dastand, durch die geblähten Nüstern die Luft einzog und, von innerer Unruhe ergriffen und mit ihrem ganzen jungen, schönen Körper zitternd, zu ihm hinüberrief.

Doch die übermütige Stute gab sich nicht lange solchen Eindrücken hin. Sobald die Stimme des Grauschimmels verklungen war, stieß sie ein kurzes, spöttisches Gewieher aus, ließ den Kopf wieder sinken, stampfte mit den Füßen auf und begab sich zu dem scheckigen Wallach, um ihn zu necken und in seiner Ruhe zu stören. Der scheckige Wallach war stets der Leidtragende und die Zielscheibe für die Streiche dieser glücklichen Jugend. Von den Jungtieren hatte er sogar mehr zu erdulden als von den Menschen. Weder diesen noch jenen tat er etwas zuleide. Die Menschen duldeten ihn, weil sie ihn brauchten; doch wofür quälten ihn die jungen Pferde?

|22|4

Er war alt, jene waren jung; er war abgezehrt, jene waren wohlgenährt; er war griesgrämig, jene waren fröhlich. Demnach schien es ausgemacht zu sein, dass er ein völlig fremdes, ganz andersartiges Geschöpf war, mit dem die übrigen Pferde nichts gemein hatten und das sie nicht zu bemitleiden brauchten. Mitleid haben Pferde einzig mit sich selbst und allenfalls mit solchen Artgenossen, in deren Haut sie sich leicht hineinversetzen können. Aber den scheckigen Wallach traf doch schließlich keine Schuld daran, dass er alt und ausgemergelt war und abstoßend aussah, sollte man meinen. Doch nach der Sinnesart von Pferden war er schuldig, und im Recht sind immer nur die Starken, Jungen und Glücklichen – diejenigen, die noch das ganze Leben vor sich haben und bei denen vor überschüssiger Kraft jeder Muskel zuckt und sich der Schweif steil in die Höhe erhebt. Es mag sein, dass der scheckige Wallach dies auch selbst einsah und sich in beschaulichen Augenblicken schuld daran fühlte, dass er sein Leben bereits ausgelebt hatte und jetzt für dieses Leben bezahlen musste; aber er war immerhin ein Pferd und konnte sich oftmals nicht eines Gefühls der Kränkung, der Wehmut und der Empörung erwehren, wenn er all diese jungen Tiere betrachtete, die ihn für einen Zustand bestraften, der ihnen am Ende ihres Lebens auch bevorstand. Eine Ursache für die Unbarmherzigkeit der Pferde war übrigens auch das aristokratische Gefühl, von dem sie durchdrungen waren. Der Stammbaum eines jeden von ihnen reichte väterlicher- oder mütterlicherseits bis zu dem berühmten Smetanka zurück, während der scheckige Wallach unbekannter Herkunft war; er war ein |23|Fremdling, den man vor drei Jahren für achtzig Papierrubel auf dem Jahrmarkt erstanden hatte.

Die braune Stute kam, als wollte sie sich nur etwas Bewegung machen, unmittelbar bis an die Nüstern des scheckigen Wallachs heran und stieß ihn an. Da er derlei schon gewöhnt war, öffnete er gar nicht erst die Augen, sondern spitzte nur die Ohren und fletschte die Zähne. Die Stute drehte sich mit dem Hinterteil zu ihm um und tat so, als wollte sie nach ihm ausschlagen. Er machte die Augen auf und begab sich nach einer anderen Stelle der Wiese. Zu schlafen hatte er jetzt keine Lust mehr, und so begann er zu fressen. Doch wiederum näherte sich ihm die Schelmin, begleitet von ihren Gefährtinnen. Eine zweijährige weißnasige und im Übrigen sehr alberne Stute, die immer und in allem die Braune nachahmte, kam zusammen mit ihr heran und begann, wie es Nachahmer gewöhnlich tun, die Anstifterin des Ränkespiels gegen den Wallach noch zu überbieten. Die braune Stute kam in der Regel wie in Gedanken versunken an den Wallach heran und ging, ohne ihn zu beachten, dicht an seiner Nase vorüber, so dass er nie wusste, ob er böse werden sollte oder nicht, was wirklich ungemein komisch war. Sie verfuhr auch diesmal so, aber die weißnasige Stute, die ihr folgte und in besonders ausgelassene Stimmung geraten war, ließ es sich nicht nehmen, den Wallach mit der ganzen Brust anzurempeln. Dieser fletschte abermals die Zähne, stieß ein kurzes Wiehern aus und jagte mit einer Flinkheit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, hinter ihr her und biss sie in die Lende. Die Weißnasige schlug mit beiden Hinterbeinen aus und versetzte dem Alten einen empfindlichen Schlag gegen die hageren, fleischlosen Rippen. Der Alte ächzte vor Schmerz und wollte erneut |24|auf die Stute losstürzen; doch dann besann er sich eines andern und zog sich mit einem tiefen Seufzer zurück. Der freche Ausfall, den sich der scheckige Wallach gegen die weißnasige Stute erlaubt hatte, wurde offenbar von sämtlichen Jungtieren der Herde als persönliche Beleidigung aufgefasst, denn den ganzen restlichen Tag über hinderten sie ihn am Fressen und ließen ihn keinen Augenblick in Ruhe, so dass der Pferdehirt sie mehrmals beschwichtigen musste und gar nicht begreifen konnte, was in sie gefahren war. Der Wallach war so gekränkt, dass er von selbst auf Nester zuging, als der Alte Anstalten traf, die Herde nach Hause zu treiben, und erst als er ihn gesattelt und ihn bestiegen hatte, fühlte er sich glücklicher und geborgener.

Weiß Gott, worüber der alte Wallach nachdachte, als er mit dem alten Nester auf dem Rücken davontrabte. Sei es, dass er mit Verbitterung an die Aufdringlichkeit und Grausamkeit der Jugend dachte, sei es, dass er mit dem verächtlichen, stillen Stolz, der dem Greisenalter eigen ist, seinen Peinigern verzieh – er gab jedenfalls seine Gedanken auf dem ganzen Wege bis nach Hause durch nichts zu erkennen.

Als Nester an jenem Abend mit der Herde an den Häusern der Gesindeleute vorbeikam, erblickte er vor seiner Wohnung einen Wagen mit einem am Torpfosten angebundenen Pferd: Seine Gevattern waren zu Besuch gekommen. Beim Hineintreiben der Herde auf den Hof hatte er es nun so eilig, dass er den Wallach hineinließ, ohne ihm den Sattel abzunehmen; er rief Waska zu, dass er ihn absatteln solle, schloss das Tor und begab sich zu seinen Gevattern. Ob es nun an der Beleidigung lag, die der weißnasigen Stute, einer Urenkelin Smetankas, von |25|diesem auf dem Pferdemarkt gekauften »grindigen Klepper« zugefügt worden war, der weder Vater noch Mutter kannte und durch seinen Ausfall die aristokratischen Gefühle der ganzen Herde verletzt hatte, oder daran, dass der Wallach ohne Reiter mit seinem hohen Sattel für die übrigen Pferde einen groteskphantastischen Anblick darbot – kurzum, auf dem Gestütshof ereignete sich in jener Nacht etwas Außergewöhnliches. Sämtliche Pferde, jung und alt, jagten mit gefletschten Zähnen hinter dem Wallach her und hetzten ihn auf dem Hof herum, wobei Hufschläge gegen seine eingefallenen Flanken und sein schweres Ächzen zu hören waren. Der Wallach konnte diese Hetze schließlich nicht mehr ertragen, war nicht mehr imstande, sich den Schlägen zu entziehen. Er blieb in der Mitte des Hofes stehen, und in seinen Gebärden drückte sich das erbärmliche Bild greisenhafter Schwäche, ohnmächtiger Wut und schließlich Verzweiflung aus. Doch dann legte er die Ohren an den Kopf und tat unversehens etwas, wodurch alle Pferde im Nu zur Ruhe kamen. Wjasopuricha, die älteste Stute, trat an den Wallach heran, beschnupperte ihn und stieß einen Seufzer aus. Auch der Wallach seufzte …

5

In der Mitte des vom Mond hell erleuchteten Hofes erhob sich die große hagere Gestalt des Wallachs mit dem hohen Sattel und dem zapfenförmig emporragenden Sattelbug. Die übrigen Pferde standen regungslos und in tiefem Schweigen um ihn herum, als bekämen sie etwas ganz Neues und Außergewöhnliches von ihm zu hören. Es war |26|auch wirklich etwas Neues und Überraschendes, was sie von ihm erfuhren.

Sie erfuhren von ihm Folgendes.

 

Die erste Nacht

»Ja, ich bin ein Sohn Ljubesnys I. und Babas. Meinem Stammbaum zufolge lautet mein Name Mushik I. So heiße ich wohl dem Stammbaum nach, aber wegen meiner weit ausgreifenden, langschrittigen Gangart, wie sie in ganz Russland noch bei keinem zweiten Pferd vorgekommen ist, haben mir die Menschen den Rufnamen Leinwandmesser zugelegt. Meiner Abstammung nach gibt es in der ganzen Welt kein Pferd von reinerem Geblüt als mich. Ich würde euch das nie gesagt haben. Wozu? Ihr hättet nie zu wissen bekommen, wer ich bin. Ebenso wenig wie es Wjasopuricha gewusst hat, die mit mir zusammen in Chrenowo gewesen ist und mich jetzt erst wiedererkannt hat. Ihr würdet mir auch jetzt nicht Glauben schenken, wenn ich nicht Wjasopuricha als Zeugin hätte. Ich würde auch das alles nie gesagt haben, denn das Mitleid anderer Pferde brauche ich nicht. Aber ihr habt es herausgefordert. Ja, ich bin jener Leinwandmesser, den so viele Pferdeliebhaber suchen und nicht finden können, jener Leinwandmesser, den der Graf selbst gekannt und aus seinem Gestüt verstoßen hat, weil ich sein Lieblingspferd Lebed besiegt habe …

Als ich geboren wurde, wusste ich nicht, was das Wort scheckig bedeutet; ich dachte nur, dass ich ein Pferd bin. Die erste Bemerkung über die Farbe meines Fells, weiß ich noch, hat mich und meine Mutter ganz betroffen gemacht. Ich wurde, glaube ich, nachts geboren, und am Morgen darauf stand ich schon, von meiner Mutter sauber |27|abgeleckt, auf den Beinen. Wie ich mich noch erinnern kann, verlangte es mich immerzu nach irgendetwas, und alles kam mir ungemein verwunderlich und zugleich ungemein einfach vor. Die Boxen lagen bei uns an einem langen, warmen Korridor und hatten Gittertüren, durch die man alles sehen konnte. Meine Mutter wollte mich zum Saugen bewegen, aber so unerfahren, wie ich noch war, stieß ich mit der Nase bald an ihre Vorderbeine, bald an den Trog. Plötzlich drehte meine Mutter den Kopf nach der Gittertür um, hob ihr Bein über mich hinweg und zog sich zur Seite zurück. Durch die Gittertür blickte der Stallknecht, der an jenem Tage Dienst hatte, in unsere Box.

›Sieh da, Baba hat ein Fohlen geworfen‹, sagte er und schob den Riegel zurück; er kam über das frisch ausgebreitete Stroh auf mich zu und umfasste mich mit den Armen. ›Schau mal her, Taras, wie scheckig es ist‹, rief er. ›Ganz wie eine Elster.‹

Ich riss mich von ihm los und fiel, in den Knien einknickend, zu Boden.

›Sieh mal an, dieser kleine Teufel!‹, sagte er.

Meine Mutter wurde unruhig, unternahm aber nichts, mich zu schützen, sondern stieß nur einen tiefen, schweren Seufzer aus und verzog sich ein wenig zur Seite. Die übrigen Stallknechte kamen hinzu und betrachteten mich. Einer von ihnen lief zum Stallmeister, ihm Meldung zu machen. Sie lachten alle, als sie sich mein scheckiges Fell ansahen, und gaben mir verschiedene komische Namen. Was diese Namen bedeuteten, wussten weder ich noch meine Mutter. Bis dahin hatte es bei uns, in unserem ganzen Geschlecht, noch niemals einen Schecken gegeben. Wir dachten nicht, dass ein scheckiges Fell etwas |28|Schlechtes sein könnte. Meine Statur aber und meine Kraft wurden schon damals von allen gelobt.

›Ei, was für ein Wildfang er ist‹, sagte der Stallknecht. ›Man kann ihn kaum bändigen.‹

Nach einer Weile fand sich der Stallmeister ein; mein Fell versetzte ihn in Staunen, und er schien sich sogar darüber zu ärgern.

›Nach wem kann er bloß geschlagen sein, dieses Scheusal?‹, sagte er. ›Der General wird ihn nicht im Gestüt dulden. Ach, Baba, da hast du mich schön reingelegt‹, wandte er sich an meine Mutter. ›Da hättest du schon lieber einen Weißnäsigen werfen sollen anstatt einen solchen Schecken.‹

Meine Mutter antwortete nichts und stieß, wie sie es in solchen Fällen immer tat, abermals einen Seufzer aus.

›Von welchem Satan kann er es bloß haben?‹, fuhr er fort. ›Richtig wie ein Bauerngaul sieht er aus. Im Gestüt kann er nicht bleiben, das wäre eine Schande. Aber sonst ist er ein stattliches, ein sehr stattliches Tier‹, fügte er hinzu, und das Gleiche sagten auch alle andern, wenn sie mich betrachteten. Nach einigen Tagen erschien auch der General selbst, um mich in Augenschein zu nehmen; da taten alle wiederum ganz entsetzt und beschimpften mich und meine Mutter wegen der Farbe meines Fells. ›Aber ein Prachtkerl ist er dennoch, ein wahrer Prachtkerl‹, wiederholte immer wieder ein jeder, der mich zu Gesicht bekam.

Bis zum Frühling hausten wir im Stall der Mutterstuten, wo jedes Füllen mit seiner Mutter getrennt von den andern untergebracht war, und erst als der Schnee auf den Dächern der Ställe in der Sonne zu schmelzen begann, wurden wir ab und zu auf den großen, mit frischem Stroh |29|ausgelegten Hof hinausgelassen. Dort kam ich erstmalig mit allen meinen Verwandten zusammen, den nahen sowohl als auch den entfernteren. Ich sah, wie all die berühmten Stuten jener Zeit mit ihren kleinen Fohlen aus den verschiedenen Türen herauskamen. Die alte Golanka war darunter, ferner Muschka, eine Tochter Smetankas, Krasnucha, das Reitpferd Dobrochoticha – lauter Berühmtheiten jener Zeit, die dort allesamt mit ihren jüngsten Fohlen zusammenkamen, in der Sonne umherspazierten, sich im frischen Stroh wälzten und sich gegenseitig beschnupperten, wie es auch gewöhnliche Pferde tun. Den Anblick jenes Gestütshofes, angefüllt mit den prächtigsten Pferden jener Zeit, kann ich bis heute nicht vergessen. Ihr könnt es wohl kaum glauben und euch nicht vorstellen, dass auch ich einmal jung und ausgelassen gewesen bin, und doch war es so. Dort befand sich auch unsere Wjasopuricha, die damals noch ein einjähriges, ein liebes, munteres und flinkes Pferdchen mit kurz geschorener Mähne war; aber wenn sie jetzt auch wegen ihres Geblüts unter euch als etwas Außergewöhnliches angesehen wird, so muss ich, ohne ihren Ruhm irgendwie schmälern zu wollen, dennoch sagen, dass sie seinerzeit eins der schlechtesten Pferde der damaligen Zucht war. Das wird sie auch selbst bestätigen.

Meine Scheckigkeit, die bei den Menschen solchen Abscheu erregte, fand unter den Pferden allgemeines, außerordentliches Gefallen; sie umringten mich alle, bewunderten mich und wollten mit mir spielen. Ich vergaß allmählich schon, was die Menschen über meine Scheckigkeit gesagt hatten, und fühlte mich glücklich. Doch bald lernte ich in meinem Leben den ersten Kummer kennen, und der Grund dazu war meine Mutter. Als |30|die Schneeschmelze begann, die Spatzen unter den Schutzdächern zwitscherten und in der Luft immer stärker der Frühling spürbar wurde, änderte meine Mutter ihr Verhalten zu mir. Ihre ganze Wesensart war anders geworden: Bald begann sie plötzlich ohne jeden Anlass auf dem Hof umherzulaufen und zu spielen, was gar nicht zu ihrem gesetzten Alter passte; bald versank sie in Gedanken und wieherte; bald schlug sie gegen ihre Geschwister, die andern Stuten, mit den Hinterbeinen aus und biss sie; bald beschnupperte sie mich und schnaufte unzufrieden, oder sie legte, wenn wir in die Sonne herauskamen, den Kopf auf die Schultern Kuptschichas, ihrer Kusine, wobei sie sich lange nachdenklich an ihrem Rücken rieb und mich zurückstieß, wenn ich saugen wollte. Einmal kam der Stallmeister zu uns, befahl, ihr ein Halfter anzulegen, und ließ sie aus der Box führen. Sie begann zu wiehern, ich antwortete und wollte ihr nachstürzen; aber sie drehte sich nicht einmal nach mir um. Der Stallknecht Taras ergriff mich und hielt mich mit beiden Armen fest, während die Tür hinter meiner Mutter geschlossen wurde. Ich schlug um mich und warf den Stallknecht ins Stroh; aber die Tür war verschlossen, und ich hörte nur noch das aus immer größerer Ferne herüberschallende Wiehern meiner Mutter. Aber aus ihrem Gewieher hörte ich nunmehr kein Rufen nach mir heraus, es klang ganz anders. Es wurde in der Ferne von einer machtvollen Stimme erwidert – der Stimme Dobrys I., wie ich später erfuhr, den zwei Stallknechte zu einer Begegnung mit meiner Mutter führten. Wie Taras die Box verlassen hat, weiß ich nicht mehr; es war mir zu schwer ums Herz. Ich fühlte, dass ich die Liebe meiner Mutter für immer verloren hatte. Und alles kommt davon, dass ich scheckig bin, dachte ich, |31|als ich mir die Äußerungen der Menschen über mein Fell ins Gedächtnis rief, und wurde dabei von einem solchen Ingrimm ergriffen, dass ich mit dem Kopf und den Knien gegen die Wände der Box zu schlagen begann – und so lange schlug, bis ich in Schweiß gebadet war und vor Erschöpfung innehielt.

Nach einiger Zeit kehrte meine Mutter zu mir zurück. Ich hörte, wie sie in leichtem Trab, einer für sie ganz ungewöhnlichen Gangart, über den Korridor auf unsere Box zugelaufen kam. Man machte ihr die Tür auf, und ich erkannte sie kaum wieder: so verjüngt und verschönt hatte sie sich. Sie beschnupperte mich, schnaufte und wieherte mürrisch. An ihrem ganzen Gebaren merkte ich, dass sie mich nicht mehr liebte. Sie erzählte mir von der Schönheit Dobrys und von ihrer Liebe zu ihm. Ihre Zusammenkünfte mit ihm wiederholten sich, und das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter erkaltete mehr und mehr.

Bald darauf wurden wir auf die Weide hinausgelassen. Von nun an lernte ich neue Freuden kennen, die mir die verlorene Liebe meiner Mutter ersetzten. Ich hatte Freundinnen und Kameraden, wir lernten gemeinsam Gras fressen, ebenso zu wiehern wie die Großen und mit erhobenem Schweif um unsere Mütter herumzugaloppieren. Das war eine glückliche Zeit. Mir wurde alles verziehen, alle hatten mich lieb, fanden Wohlgefallen an mir und nahmen alles, was immer ich auch tat, mit Nachsicht auf. Doch das währte nicht lange. Denn bald ereignete sich etwas Entsetzliches mit mir . . .«

Der Wallach stieß einen schweren, tiefen Seufzer aus und verließ den Kreis der Pferde. Im Osten hatte sich der Himmel schon lange rot gefärbt. Das Tor knarrte, und |32|Nester kam herein. Die Pferde zerstreuten sich. Der Hirt rückte auf dem Wallach den Sattel zurecht und trieb die Herde ins Freie.

6

Die zweite Nacht

Sobald die Pferde abends wieder nach Hause getrieben waren, scharten sie sich erneut um den Wallach.

»Im August wurden ich und meine Mutter voneinander getrennt«, nahm der Wallach seine Erzählung wieder auf, »aber besonders betrübt war ich deswegen nicht. Ich sah, dass meine Mutter damals bereits meinen jüngeren Bruder, den berühmten Ussan, unter dem Herzen trug und dass ich für sie nicht mehr dasselbe bedeutete wie früher. Eifersüchtig war ich nicht, empfand jedoch, dass mein Gefühl für sie kälter geworden war. Zudem wusste ich, dass ich nach der Trennung von der Mutter in den Gemeinschaftsstall für Füllen kommen sollte, in dem sie zu zweien und zu dreien standen und von wo die ganze junge Horde täglich gemeinsam ins Freie hinausgelassen wurde. Ich stand in einer Box mit Mily. Mily war ein Reitpferd, auf dem späterhin der Zar geritten ist und das auf Bildern und in Statuen dargestellt ist. Damals war er noch ein gewöhnliches junges Füllen mit zartem, glänzendem Fell, einem Schwanenhals und Beinen, die so gerade und dünn waren wie Saiten. Er war ein gutmütiges, freundliches Tier, war allezeit vergnügt und bereit zu spielen, sich mit andern Pferden zu belecken oder mit irgendeinem Pferd oder Menschen seine Scherze zu treiben. Es ergab sich ganz von selbst, dass wir während unseres Zusammenlebens Freundschaft schlossen, eine Freundschaft, |33|die unsere ganze Jugend über fortgedauert hat. Er war heiter und leichtsinnig veranlagt. Schon damals fing er Liebschaften an, schäkerte mit den Stuten und machte sich über meine Unschuld lustig. Zu meinem Unglück begann ich, ihm aus Ehrgeiz nachzueifern, und geriet sehr bald in den Bann der Liebe. Dass ich mich ihr so frühzeitig hingab, führte dann zu der verhängnisvollsten Wende in meinem Schicksal. Das geschah folgendermaßen.

Wjasopuricha war ein Jahr älter als ich, und wir beide waren besonders gut befreundet. Gegen Ende des Herbstes bemerkte ich jedoch, dass sie mich zu meiden trachtete… Doch ich will jetzt nicht die ganze unselige Geschichte meiner ersten Liebe erzählen; Wjasopuricha wird sich selbst noch meiner wahnwitzigen Leidenschaft erinnern, die für mich mit der schwerwiegendsten Veränderung in meinem Leben endete. Die Stallknechte stürzten auf uns zu, trieben sie von mir fort und schlugen mich. Abends wurde ich in eine Einzelbox gesperrt. Ich wieherte die ganze Nacht hindurch, als hätte ich schon vorausgeahnt, was sich am folgenden Tag zutragen würde.

Morgens erschienen im Korridor vor meiner Box der General, der Stallmeister, die Stallknechte und die Pferdehirten, und es entstand ein furchtbares Gezeter. Der General schrie den Stallmeister an, und dieser rechtfertigte sich, indem er sagte, er habe nicht die Anweisung gegeben, mich hinauszulassen, das hätten die Stallknechte eigenmächtig getan. Der General erklärte, dass er sie allesamt verprügeln werde und dass man junge Hengste nicht halten könne. Der Stallmeister versprach, alles Nötige zu veranlassen. Hierauf beruhigten sie sich und gingen. Ich wurde aus alldem nicht klug, merkte jedoch, dass man irgendetwas mit mir vorhatte…

|34|Am nächsten Tage hörte ich für immer zu wiehern auf und wurde zu dem, was ich jetzt bin. Die ganze Welt hatte sich in meinen Augen verwandelt. Ich hatte an nichts mehr Freude, vertiefte mich in mich selbst und begann zu grübeln. Anfangs war mir alles zuwider. Ich hörte sogar auf zu trinken, zu fressen und mich draußen zu tummeln; an ein Umhertollen dachte ich überhaupt nicht mehr. Manchmal hatte ich wohl eine Anwandlung, mit den Hinterbeinen auszuschlagen, loszugaloppieren und zu wiehern; doch dann erhob sich sogleich die schreckliche Frage: Warum? Wozu? Und meine letzte Kraft versiegte.

Als man mich eines Abends ins Freie führte, wurde gerade die Herde von der Weide nach Hause getrieben. Schon von weitem sah ich eine Staubwolke, in der sich undeutlich all die mir wohlbekannten Gestalten unserer Mutterstuten abzeichneten. Ich hörte ihr fröhliches Wiehern und Getrappel. Obwohl mir die Halfterleine, an der mich der Stallknecht zog, in den Nacken schnitt, blieb ich stehen und blickte so wehmütig auf die näher kommende Herde, wie man auf ein für immer verlorenes, nie wiederkehrendes Glück zurückblickt. Als sie sich näherten, erkannte ich jedes einzelne der mir so vertrauten majestätischen, schönen, gesunden und wohlgenährten Pferde. Das eine oder andere von ihnen blickte sich auch zu mir um. Den Schmerz, den der Stallknecht durch das Zerren am Halfter verursachte, spürte ich gar nicht. Ich vergaß mich und begann in Erinnerung an frühere Zeiten spontan zu wiehern und in Trab überzugehen. Aber mein Wiehern klang jämmerlich, komisch und albern. In der Herde machte sich niemand darüber lustig, doch bemerkte ich, dass sich viele Pferde aus Schicklichkeit von |35|mir abwandten. Ich machte offenbar einen abstoßenden, bejammernswerten und vor allem peinlichen und lächerlichen Eindruck auf sie. Mein dünner, unscheinbarer Hals, der große Kopf – ich war inzwischen sehr abgemagert –, die langen stelzigen Beine und die dumme Art, in der ich aus alter Gewohnheit um den Stallknecht herumzuspringen begann – alles kam ihnen lächerlich vor. Niemand erwiderte mein Wiehern, alle wandten sich von mir ab. Da wurde mir auf einmal klar, wie weit ich ihnen allen für immer entrückt war, und ich weiß überhaupt nicht, wie ich damals mit dem Stallknecht nach Hause gekommen bin.

Wenn ich auch schon früher eine Neigung zu Ernsthaftigkeit und Tiefsinn offenbart hatte, so kam diese jetzt endgültig zum Durchbruch. Meine Scheckigkeit, die den Menschen einen so sonderbaren Abscheu einflößte, das seltsame Unglück, das mich so jählings betroffen hatte, und zu alledem meine besondere Stellung im Gestüt, die ich wohl fühlte, mir aber noch auf keine Weise erklären konnte – alles dies führte dazu, dass ich mich ganz in mich selbst zurückzog. Ich zergrübelte mir den Kopf über die Ungerechtigkeit der Menschen, die es mir zur Last legten, dass ich scheckig war, sann über die Unbeständigkeit der mütterlichen und der weiblichen Liebe allgemein und ihre Abhängigkeit von physischen Umständen nach und vertiefte mich vor allem in Gedanken über die Eigenschaften jener seltsamen Gattung von Geschöpfen, mit denen wir so eng verbunden sind und die wir Menschen nennen – über die Eigenschaften, durch die sie mich im Gestüt in jene besondere Lage versetzt hatten, die ich zwar fühlte, aber nicht begreifen konnte. Die Bedeutung dieser Lage und die Art der menschlichen Eigenschaften, |36|auf denen sie beruhte, offenbarten sich mir bei folgender Gelegenheit.

Es war im Winter um die Weihnachtszeit. Ich hatte den ganzen Tag über kein Futter und keinen Trank bekommen. Wie ich nachträglich erfuhr, lag es daran, dass der Stallknecht betrunken war. An jenem Tage nun kam der Stallmeister zu mir, und als er sah, dass ich nichts zu fressen hatte, machte er seinem Ärger in einer wüsten Schimpferei über den abwesenden Stallknecht Luft und ging dann wieder hinaus. Am folgenden Tage kam der Stallknecht mit einem seiner Kameraden zu uns in die Box, um Heu hineinzuschütten, und ich bemerkte, dass er ungewöhnlich blass und bedrückt war; besonders die Haltung seines langen Rückens machte einen irgendwie auffälligen und mitleiderregenden Eindruck. Er warf das Heu wütend in die Krippe, und als ich dabei meinen Kopf über seine Schulter vorstrecken wollte, versetzte er mir einen so empfindlichen Faustschlag auf die Schnauze, dass ich zurücksprang. Auch stieß er mir dann noch mit dem Stiefel gegen den Bauch.

›Wenn dieses grindige Biest nicht wäre‹, sagte er, ›dann wäre alles gutgegangen.‹

›Was ist denn geschehen?‹, fragte der andere Stallknecht.

›Die gräflichen Pferde, um die kümmert er sich überhaupt nicht, aber zu seinem eigenen Fohlen, da guckt er zweimal am Tage herein.‹

›Hat man ihm denn den Schecken verkauft?‹, fragte der andere.

›Verkauft oder geschenkt, das weiß der Kuckuck. Die gräflichen Pferde, die könnten allesamt verhungern – das schert ihn wenig; aber wehe, wenn man sich untersteht, |37|mal sein eigenes Fohlen ohne Futter zu lassen! Leg dich hin!‹, rief er, und dann schlug er auf mich los. ›Ist so was denn Christenart? Schlimmer als ein Stück Vieh hat er mich gepeitscht und dabei noch die Hiebe gezählt, dieser Barbar – er trägt wohl kein Kreuz auf der Brust. Vom General habe ich noch nie solche Schläge gekriegt, aber dieser hat mir den ganzen Rücken zerfetzt, er muss wohl keine Christenseele im Leibe haben.‹

Das, was sie vom Durchpeitschen und vom Christentum sagten, verstand ich gut, völlig unklar aber war mir damals, was die Worte vom eigenen Fohlen bedeuteten, aus denen ich ersah, dass mich die Menschen in irgendeine Verbindung zu dem Stallmeister brachten. Worin diese Verbindung bestehen sollte, konnte ich damals ganz und gar nicht begreifen. Erst viel später, als man mich von den übrigen Pferden trennte, wurde mir klar, was damit gemeint war. Zunächst jedoch war es mir ganz unverständlich, was es zu bedeuten hatte, dass man mich als das Eigentum eines Menschen bezeichnete. Die Wörter mein Pferd, auf mich, ein lebendes Pferd, bezogen, kamen mir ebenso absonderlich vor wie die Wörter: mein Land, meine Luft, mein Wasser.

Immerhin übten diese Wörter einen gewaltigen Einfluss auf mich aus. Ich dachte unablässig über sie nach, und erst viel später, nachdem ich zu den Menschen in die verschiedenartigsten Beziehungen getreten war, begriff ich schließlich, welche Bedeutung sie diesen seltsamen Wörtern beimessen. Sie bedeuten, dass sich die Menschen im Leben nicht von Taten, sondern von Worten leiten lassen. Es kommt ihnen weniger auf die Möglichkeit an, etwas zu tun oder nicht zu tun, als vielmehr auf die Möglichkeit, über ...

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