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Die romantischen Sagen des Erzgebirges

Gotthold August Weber, Ewald Victorin Dietrich

Die romantischen Sagen des Erzgebirges

Wahrheit und Dichtung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Georg Schmidt, des Fürstensohnes Herzog Alberts Retter, und die Errichtung des im Jahr 1822 an dem Fürstenbrunnen bei Raschau gesetzten Monuments

Erzählt von A. Textor; d. i. Gotthold August Weber

"Dignum laude virum Musa velat mori." Horat

 

1.

Höchst verschieden ist die jetzige Ansicht des Obererzgebirges von der in der frühern Zeit und namentlich in der Mitte des XV. Jahrhunderts. Alle Nachrichten aus der Vorzeit sind darin miteinander einig, dass die Erdfläche dieser Provinz damals höchst rau sowie zum Bewohnen für wilde Tiere geschickter als für Menschen gewesen sei; und nur das allmähliche Auslichten der Wälder hat das Klima gemildert.

Dicke Wälder bedeckten sie in jener Zeit zum größten Teil, und in Sümpfe versanken der Weidmann und der Wanderer, wenn sie es wagten, diese Wälder, mit den Waffen in der Hand, zu durchstreifen. Und die Bären, Wölfe, Luchse etc., von denen uns der alte Lehmann in seinem historischen Schauplatz des Obererzgebirges so viel erzählt, sind verschwunden; ja selbst das nützliche Speise-Wildbret wird mit jedem Jahre seltener.

Zwar hatte das Niedererzgebirge ebenfalls noch große Wälder; doch war es minder rau als das obere, und aus jenen ragte schon die reiche Metropole des Erzgebirges, das herrliche Freiberg, hervor.

In der prächtigen Alten-Zelle ruhten bereits mehrerer sächsischer Fürsten sterbliche Hüllen. Auch das ehrwürdige Chemnitz, Mittweida, berühmt durch den Heldensinn und die männigliche Tapferkeit seiner Bürger, Oederan, Frankenberg und noch mehrere andere Städte standen zu jener Zeit in ihrer schönsten Blüte; ja Chemnitz hatte eine Zeitlang selbst die Reichsfreiheit genossen, sie aber späterhin wieder mit der Rückkehr zum sächsischen Fürstenhause vertauscht.

Der Bergbau hatte in Freiberg und andern Städten des niedern Gebirges dem Menschengeschlecht bereits große Summen gespendet, als im Obergebirge erst hier und da die Hand des fleißigen Bergmanns schürfte.

Zwar zählte das alte Schlettau (Sletin) schon Jahrhunderte seit seiner Entstehung; Geyer, Ehrenfriedersdorf, Thum, Zwönitz und Wolkenstein aber waren durch ihren Bergbau nicht längst erst ins Dasein getreten; doch hatte das Warmbad bei dem Letztern schon länger seine Heilkräfte den Kranken geboten.

Weit früher aber verdankten Eibenstock (Zjbanstoc) und Zschopau (Czopowe) sowie das alte Walddorf Fronau (Fronowe) ihren Ursprung den Zügen der alten Wenden; und auch ihren Bergen wurden durch menschlichen Fleiß und Beharrlichkeit die Schätze der Erde entrungen.

Im schönen neuerbauten Klostertempel zu Grünhain sangen seit zwei Jahrhunderten fromme Väter ihre Hymnen zum Preiße des Ewigen, vermischt mit den Vigilien, dem Andenken der Brüder geweiht, die einst an jenem Schreckenstage am Altare des Herrn unter den Schwertern der Hussiten gefallen waren.

Das von diesen Fanatikern gleichfalls ganz verwüstete Quedlenburg aber, jetzt Elterlein genannt, lag noch in seinen Ruinen, und auf desselben Stelle brachte der Reisende, hatte er den fürchterlichen, mit wilden Tieren erfüllten Wald, von Böhmen her, zurückgelegt, an einem Altärlein dem Allgütigen seinen Dank. Mit dieser Stadt teilte Schwarzenberg gleiches Los und begann soeben erst, sich nebst seiner alten Burg aus den Ruinen zu erheben.

Noch hatte Romners Fuß den rauen Forst, welcher Schneebergs greises Haupt bedeckte, nicht durchwandert, und nur im Tale suchte man mühsam das nützliche Eisen zu gewinnen.

Die Schätze des Schreckenbergs lagen unentdeckt in der Erde Schoß, denn Nietzelt und Sturz hatten noch nicht geschürft; und von dem Reichtum des himmlischen Heeres hatte man keine Ahnung. Nur der Bielberg spendete durch den Briccius seine reichen Kupfervorräte dem bergmännischen Fleiße zum Lohn; und in dem Buchenwalde, welcher späterhin dem gewerbfleißigen Katharinenberg (Buchholz) seinen Beinamen gab, wurde das Zinn durch Seifen gewonnen.

Sparsam bildeten Gruppen von Waldhütten die alten Dörfer Geyers- oder Häuersdorf, Fronau, Königswalde, Sehma, Cranzahl, Crottendorf u. n. a., während mehrere der Städte und Dörfer, die jetzt Tausenden von fleißigen Menschen Wohnung, Nahrung und Unterhalt gewähren, noch nicht ins Dasein getreten waren.

Eine treffende Schilderung vom damaligen Zustande des Lebens und Treibens im Gebirge ist uns durch einen alten, als Augenzeuge sprechenden, Reisenden hinterlassen worden, welcher uns berichtet:

»Man siehet hier nichts als Berge, Wälder, Sümpfe und Felsen. Welches elende Leben muss in diesem Lande der Bären, Wölfe, wilden Schweine, Hirsche etc. sein? Nicht alle Jahr kann das spärliche Getreide geerntet werden, und nur durch anhaltendes Wachen kann es der Landmann den Zähnen der wilden Tiere entreißen.«

Und alles dieses hat sich auf den Wink des allmächtigen Herrn der Welten seit jener Zeit fast ganz umgewandelt.

Mächtige Wälder sind durch menschliche Kraft unter der Axt gefallen, und auf ihrem Boden wächst das Brot gebende Getreide herrlich und schön.

Unnennbare Schätze hat die Hand des Bergmanns aus den Tiefen der Erde gefördert. Tausende wurden durch sie herbeigelockt, und die Beschwerlichkeit des rauen Bodens und Klimas nicht achtend, stiegen neue Städte und Dörfer gleichsam aus der Erde hervor und füllten sich mit fleißigen Menschen. Von ihnen wurden Schneeberg und Annaberg hochberühmt.

Dem ohngeachtet aber ist des Bergbaus Segen noch immer nicht versiegt und schenkt in jedem Jahre noch dem Vaterlande große Summen, gewährt Tausenden Nahrung und den Genuss der Freuden dieses Lebens.

Ja, noch immer ist der Bergbau eins der köstlichsten Geschenke aus der segnenden Hand des guten Vaters im Himmel, und nicht zu berechnen ist, was er bewirkt.

 

2.

Noch war aber der größte Teil des Erzgebirges in seiner wilden Urgestalt und hohe Forste umgaben die wenigen Städte und Dörfer seines obern Teils, von welchen auch mehrere durch die Hussiten zerstört und ihrer Einwohner beraubt worden waren; da glaubte sich der Ritter Kunz von Kauffungen – lange Zeit hindurch ein treuer Diener seines Herrn, des sanftmütigen Friedrichs – von diesem dadurch tief gekränkt, dass er die Apel Bitzthum'schen, in Meissen liegenden Güter, welche er anstatt seiner in Thüringen liegenden, von den Feinden aber eingenommenen und zerstörten Burgen und Dörfer von dem Kurfürsten zum Unterpfande erhalten hatte, jetzt nach dem Frieden wieder gegen die seinigen vertauschen sollte, da, wie schon erwähnt, diese zerstört, jene aber wohl erhalten worden waren.

Doch würde sich dieses wohl noch haben beseitigen lassen, da Kunz des Kurfürsten Gnade besaß. Er hatte aber, was als unwidersprechlich erscheinen dürfte, bedeutende Feinde am Hofe, welche die Heftigkeit des Ritters bestens benutzten, um diesen aus des Kurfürsten Gunst zu bringen.

Es gelang ihnen, und ihr tapfrer Gegner fiel, durch seine Temperamentshitze und die aus solcher hervorgegangenen Drohungen, wirklich in Ungnade.

Er suchte sich nun durch die Entführung der beiden Söhne des Kurfürsten, Ernst und Albert, zu rächen. Er suchte Einverstandne im Schlosse, und fand sie umso leichter, da er noch kurz vorher Schlosshauptmann zu Altenburg gewesen war.

Von diesen nennt uns die Geschichte nur den einen, Hans Schwalbe, Gehilfen des Schlosskochs, und durch diesen gelang es ihm – da er in der Nacht vom 7.-8. Juli des Jahres 1455 mit einer Anzahl bewaffneter Gehilfen in dem Walde bei Altenburg erschien – durch das Küchenfenster mit noch einigen seiner Verbündeten in das Schloss zu kommen; und er führte sein Vorhaben auch umso leichter aus, als in jenen Zeiten die Fürstenschlösser noch nicht so wie jetzt mit starken Leibwachen besetzt waren und der Kurfürst auch die noch vorhandenen Reisigen sowie den größten Teil der Hofhaltung mit sich nach Leipzig genommen hatte und nur ein alter Trabant, namens Asmus, am Tore die Wache hielt.

Der zurückgebliebene männliche Teil der Hofhaltung aber befand sich bei einem Gastmahle, welches der Kanzler in seinem Hause in der Stadt gab.

Asmus wurde durch einige Krüge Wein, die man ihm aus falscher Freundschaft reichte, in Schlaf gebracht, und nun stieg Kunz ungehindert zum Küchenfenster herein und vollbrachte die Tat.

Die Kurfürstin aber war mit ihren Frauen durch Anwürfe von außen in ihren Zimmern eingeschlossen, und es konnte also die angstvolle Mutter für ihre Kinder weiter nichts tun, als dass sie Kunzen durch ein Fenster flehentlich bat, ihrer Kinder zu schonen – sie selbst werde seine Vertreterin bei dem Kurfürsten sein.

Aber der Entführer, der seinen Plan schon ganz gelungen glaubte, achtete nicht der so hart geängsteten Mutter Bitten und Flehen und jagte mit dem Prinzen Albert davon; da er dann den ältern Prinzen Ernst seinen bei ihm befindlichen Verbündeten, den Rittern Kunz von Mosen und Wilhelm von Schönfels anvertraute, um diesen durch einen Umweg nach der ihm zugehörigen Veste Eisenberg in Böhmen zu bringen; er aber wollte auf dem geraden Wege durch die Wälder dahin.

Kaum hatten sich die Entführer mit ihrer Beute entfernt, als die Tat derselben in Altenburg bekannt wurde. Eine allgemeine Nachsetzung wurde sogleich veranstaltet – Eilboten jagten von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf mit der traurigen Mähr; und sogleich rief der Glocken weitschallender Ton die treuen Unterthanen zur Verfolgung der Räuber auf.

Die zu jener Zeit so hoch-berühmte große Glocke zu Geyer wurde durch dieses Stürmen so sehr angegriffen, dass sie zersprang, auf kurfürstlichen Befehl wieder umgegossen, und diese Begebenheit auf der neuen Glocke in lateinischen Versen angemerkt.

Der Kuriosität wegen wollen wir diese Denkmale alter Dichtkunst so wiedergeben, wie sie uns Melzer in seiner Hist. Schneeberg. S. 1189. aufbewahrt hat:

"Oben um die Glocke herum ist zu lesen gewesen:

Filiolos Kurt abripiebat Saxonis. Ergo

Redditionem aes Christi pie memorat.

Unten herum aber ist dieser Gedächtnis-Vers zu lesen gewesen:

Aufugiente Ducum plagiario rupta, sed almi

Ensiferi sumptu sum reparata Patris.

MCCCCLVI."

Überall verteilten sich nun Bewaffnete auf die Straßen, und es ist sehr zweifelhaft, ob der kühne Kunz, der niemand weiter bei sich hatte als seinen treuen Knappen Schweinitz, seiner genauen Wegekenntnis ungeachtet, unentdeckt bis in die Gegend von Grünhain gekommen sein würde, wenn derselbe nicht (nach der allgemeinen Sage) den Pferden die Hufeisen hätte verkehrt aufschlagen lassen, wodurch eine für Kunzen sehr vorteilhafte Täuschung der Nachsetzenden bewirkt wurde.

 

3.

Im Städtchen Grünhain wohnte ein armer Köhler, der den Namen Georg Schmidt führte, ein biedrer rechtlicher Mann, welcher gewissermaßen das war, was bei den Innungen der Meister ist.

Er trieb das Kohlenbrennen mit mehreren Gehilfen, unter welchen er strenge Ordnung hielt; wegen dieser Strenge aber und weil seine Fäuste, gebrauchte er sie als Strafinstrument gegen die Ungehorsamen, gar derb auffielen, ward er sehr gefürchtet, und trug den Namen Meister Baccalari bei seinen Genossen davon.

Und diesen Mann aus geringem Stande hatte die Vorsehung zum Retter des geraubten Prinzen erkoren.

 

Am achten Tage des Heumonds, und also am Tage nach jener Nacht, wo Kunz und seine Helfer die Prinzen entführten, saß dieser Köhler Schmidt am Rande einer Quelle, die man jetzt unter dem Namen des Fürstenbrunnen kennt, und verzehrte sein frugales Mittagsmahl, zu welchem er der Quelle silberhelles Wasser trank.

Neben ihm ruhte sein treuer Hund. Heiß brannte die Mittagssonne; da hörte er im stillen Walde plötzlich menschliche Stimmen und eines Knaben flehentliches Bitten, ihm noch etwas Rast und Nahrung zu gönnen. Raue Männerstimmen verweigerten ihm beides und trieben zur hastigen Eile.

Schmidt hatte am frühen Morgen vorher seinen verwaisten Bruderssohn, Urban Schmidt, einen derben Knaben, nach Geyer geschickt, um Brot, Salz und noch mehr dergleichen unentbehrliche Lebensbedürfnisse zu holen.

Dieser brachte seinem Vetter und den andern Köhlern die Nachricht mit, dass in Altenburg ein großer Raub vom Feinde geschehen und in Geyer vom Sturmschlagen die große Glocke zersprungen sei und dass daselbst die Bergleute allesamt mit ihren Parden bewaffnet ausgerückt wären, um die Räuber zu fangen.

Dieses fiel dem Köhler jetzt wieder bei. Er nahm seinen Schürbaum in die Faust, machte sich nebst seinem Hunde auf und ging unerschrocken nach dem Orte hin, woher die Stimmen erschollen waren.

Hier fand er nun zwei stattlich gewappnete Männer von wildem Ansehen, mit einem Knaben, welcher Erdbeeren suchte und davon ablassen sollte.

Eine innere Stimme sprach in dem Herannahenden, dass dieses wohl die Räuber sein könnten. Furchtlos nähert er sich ihnen; mit ihm sein treuer Hund.

"Wer seid ihr? Und wer ist dieser Knabe?", rief er ihnen barsch entgegen, und ihre Antwort genügte ihm nicht.

Ein Wortwechsel, rau, wie die, so ihn führten, entspann sich nunmehr und ergrimmte die Streitenden.

Da sprang plötzlich der hochherzige Knabe zu dem Köhler hin.

"Ich bin der geraubte Sohn deines Kurfürsten, und dies sind meine Räuber. Befreie mich aus ihren Händen, und mein Vater wird dir's reichlich vergelten", spricht er und schmiegt sich an den Retter an.

Doch noch während dieser Rede sprang Schweinitz, einer der beiden, mit gezogenem Schwerte herbei, hieb grimmig nach des Prinzen Haupte und – traf auf den Schürbaum des Köhlers, welchen dieser im Moment des Hiebes demselben parierend entgegen schwang und nun mit einem gewaltigen Schlage den Gewappneten darnieder schmetterte.

Der Hund ergriff den Gefallenen nun bei der Gurgel, und hielt ihn an der Erde fest.

Noch war aber ein anderer und furchtbarerer Feind in Kunzen zu bekämpfen.

Aber schon begann die Hand des Allmächtigen zu wirken. Zwischen ihm und dem Köhler stand dichtes Dornengestrüppe, durch welches er hindurch musste, wenn er den Geraubten wieder in seine Hände bekommen wollte.

Doch konnte er auch sein Ross nicht lassen und zog es am Zügel hinter sich her. Er verwickelte sich aber mit seiner Feldbinde und seinen langen Rittersporen in diesem Gestrüppe, strauchelte, fiel, und in diesem Augenblicke schlug des Köhlers Schürbaum krachend auf ihn nieder.

Diesem ersten Streiche aber folgten nun die andern so dicht und schnell, dass Kunz bald unter ihnen geendet haben würde, hätte nicht der befreite Fürstensohn für seines Räubers Leben bei dem ergrimmten Köhler gebeten.

Aber auch schon ein paar Augenblicke früher, und als des Köhlers erste Streiche auf den wilden Schweinitz fielen, erschien, von dem Geschrei und dem Getümmel der Streitenden herbei gelockt, des Köhlers Weib.

Kaum sah sie ihren Mann im Kampfe mit einem Bewaffneten und einen andern auf ihn andringen, als sie sogleich, mit dem Kohlenzschörper an die Axt, das gewöhnliche Waldnotzeichen der Köhler gab und mit heller Stimme um Hilfe rief.

In Kurzem eilten die Köhler von mehreren Seiten her dem Gefecht zu, und in einem Augenblicke waren die beiden Besiegten entwaffnet, gefangen und gefesselt.

Vergebens bot jetzt Kunz dem Köhler große Summen für seine Loslassung; dieses Biedermannes freies Herz und edler Sinn verschmähete stolz diese Bestechung, und Kunz blieb Gefangener.

 

4.

Den geretteten Fürstensohn führte man nun mit großen Freuden in den nahe gelegenen Kohlkram (Köhlerhütte), wo er mit Brot, Erdbeeren und Wasser sich erquickte und von dem harten Trabe wieder etwas ruhte.

Dann aber begleitete man den Geretteten sowie die beiden Gefangenen im Triumphe zu dem Abte nach Grünhein, welcher nun den Geretteten unter zahlreicher Bedeckung der Klosterknechte und Köhler zu seinen Eltern bringen ließ.

Kunzen und seine Begleiter aber schaffte man von Grünhain nach Zwickau und von da nach Freiberg, wo Ersterer schon am 14. Juli mit dem Schwerte hingerichtet wurde. Schweinitz aber empfing seine Todesstrafe zu Zwickau durch das Rad.

Mit herzlicher, unverstellter Freude empfing der Kurfürst des Sohnes Retter und seine Begleiter.

Es hat aber auch in Wahrheit dieser Fürst hohe Ursache dazu; denn fing der Schürbaum dieses Unerschrocknen nicht den Hieb auf, der dem Kopfe Alberts galt, so war dieser geliebte Sohn seines Vaters jetzt nicht mehr und der Freudentag des Wiedersehens wäre ein Tag des Jammers geworden.

Auch war es keine Kleinigkeit für einen Einzelnen, nur mit einem starken keulenartigen Stück Holz bewaffnet und weder durch Panzer noch Schild gedeckt, sich mit zwei Schwerbewaffneten und der Waffen Kundigen in einen solchen Kampf auf Leben und Tod einzulassen.

Alles dieses erwog der edle Fürst in seinem Herzen wohl, und es stimmte ihn immer mehr zu hoher Dankbarkeit.

Die Überlieferung hat uns noch eine Redensart aufbewahrt, welche der Köhler in dieser Unterredung mit seinem Fürsten gebrauchte. Es wunderte sich nämlich der Kurfürst, wie er mit diesem stets so tapfern Ritter habe fertig werden können.

Der Köhler aber antwortete ganz unbefangen, indem er voll Begeisterung den Schürbaum in die Höhe schwang:

»Ja! Herr! Ich habe den Kunzen mit diesem meinem Schürbaum weidlich getrillt.«

Aus welchen Worten der Kurfürst sogleich Gelegenheit nahm, dieses braven Retters Namen in den Namen Triller umzuwandeln.

Doch es sollte dieser Fürst an demselben Tage auch noch die Erfahrung machen, dass selbst unter dem Russkittel des Köhlers ein Herz mit hohen Gesinnungen schlagen könne; denn als er ihn aufforderte, sich für die Rettung des geliebten Sohnes aus Todesgefahr und Gefangenschaft bei ihm eine Gnade auszubitten, so schlug er dieses großmütige Anerbieten mit dem Beifügen aus »dass er weiter nichts getan, als seine Pflicht erfüllt habe«, und mancher, der sich gewiss nicht zwei Mal würde dazu haben auffordern lassen, wunderte sich im Stillen gewaltig über dieses Mannes Einfalt.

Doch der Kurfürst blickte die Herren sämtlich sehr ernsthaft an.

Und als nun ferner der dankbare fürstliche Vater nicht abließ, den Retter seines Sohnes freundlich zu bitten, ihm doch zu sagen, womit er ihm seine Dankbarkeit beweisen könne, da bat der biederherzige Köhler endlich, stockend und verschämt, um freies Holz zum Kohlenbrennen im Grünhainer Walde.

Den Kurfürsten befremdete diese so geringfügige Bitte; der Bittende aber deutete diese Befremdung dahin, dass er wohl zu viel gebeten haben möchte, und nahm sogleich seine Bitte wieder zurück.

Ein zweiter ernster Blick auf die Umgebung erfolgte; und nun machte er dem treuen Untertan nicht allein die Gewährung seiner Bitte bekannt, sondern er fügte zum Gebetenen auch noch ein beträchtliches Freigut in dem nahe bei Zwickau liegenden Dorfe Ebersbach, nebst jährlichen vier Zwickauer Scheffeln Getreide hinzu.

Jenes Freigut entfremdeten langwierige und verderbliche Kriege der Trillerischen Familie wieder; das Korn aber erhält heutiges Tages noch jedes Mal der älteste männliche Zweig dieses Geschlechts aus dem Rentamte zu Zwickau, und noch im Jahre 1803 war Meister Johann Samuel Triller, Bürger und Tuchmacher in Saalfeld, dieser Empfänger.

Von der weiblichen Linie aber sind die Königschen, Mühle'schen und Richterschen Familien zu Crottendorf, Scheibenberg und Bärenstein (im Erzgebirge) als echte Abstämmlinge dieses braven tapfern Mannes übrig.

In der Folge nahm der Kurfürst diesen Triller an seinen Hof, wo er (noch immer dankbar geliebt von dem Fürsten und seinem Hause, besonders aber von Albert) seine letzten Tage lebte und endlich in hohem Alter sanft entschlief.

 

5.

Die Nachkömmlinge dieses Gefeierten wurden durch seine Heldentat berühmt, und einer von denselben, ein gewisser Caspar Triller, welcher auch eine Genealogie des Trillerschen Geschlechts (bis 1612 fortgeführt) hinterlassen hat, wurde nebst seinem Bruder Michael am 28. Januar 1592 vom Kaiser Rudolph II. in den Adelstand erhoben und erhielt ein Wappen, dessen heraldische Bestandteile auf jene wichtige Begebenheit anspielen und in Schreiters Kritik der Geschichte des Prinzenraubes Seite 105 ff. ausführlich beschrieben zu finden sind.

Mehrere Schriften über diese wichtige Begebenheit erhielten in den folgenden Zeiten ihr Dasein, um ihr Andenken nicht vergehen zu lassen.

Unter den frühern zeichnet sich Dr. Daniel Wilhelm Trillers sächsischer Prinzenraub (in Versen) schon deswegen vorteilhaft aus, weil der Dichter ein Mitglied des Trillerschen Geschlechts war und also auch sein Werk mit wenig bekannten Familiennachrichten verschönern konnte.

Unter den neuern aber hat die in Engelhardts Denkwürdigkeiten aus der sächsischen Geschichte Bd. 1. enthaltene Erzählung dieser wichtigen Begebenheit entschiedene Vorzüge; sowie des ehemaligen Pfarrers zu Elterlein, M. Christoph Schreiter, hinterlassenes kritisches Werk "Die Geschichte des Prinzenraubes" in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig lässt.

 

6.

Und so unterließen die dankbaren Nachkommen im sächsischen Vaterlande nichts, was die Erinnerung an diese Begebenheit lebendig erhalten konnte.

In Schriften wurde sie fortgepflanzt und in Schauspielen von der frühern Zeit an bis auf unsere Tage dargestellt.

Ebenso wurde sie ein Gegenstand des Volksgesangs, und es ist durch des ehemaligen Bürgermeisters zu Zwickau, Dr. Erasmus Stella, Pleissenländische Chronik ein altes Berglied oder sogenannter Bergreigen aufbewahrt und, durch spätere Schriftsteller aus ihm entlehnt, bis zu uns gekommen.

Dieses Berglied war zu seiner Zeit ein allbeliebter Volksgesang, und er wurde besonders in diesem Gebirge gehört, wo er von den Zithern der Bergsänger begleitet wurde, als sich der Bergbau auf einmal so gewaltig erhob.

Er möge daher als poetische Antiquität hier seinen Platz finden.

1.

Wir wölln ein Liedel heben an,

Was sich hat angespunnen,

Wies im Pleißnerland gar schlecht war bestallt,

Als seinm jungen Försten geschach groß Gewalt,

Durch den Cunzen von Cauffungen

ja Cauffungen.

 

2.

Der Adler hat uff dem Fels gebawt

Ein schönes Nest mit Jungen,

Und wie er einst war geflogen aus,

Holete ein Geyer die jungen Vögel draus,

Drauf wards Nest leer gefungen,

ja gefungen.

 

3.

Wo der Geyer uff dem Dache sitzt,

Do trügen die Küchlein selten,

Es war, mein Werle, ein seltsam Narrenspiel,

Welcher Fürst seinen Räthen getraut so viel,

Muß oft der Herr selbst entgelten,

ja entgelten.

 

4.

Altenborg, du bist zwar eine feine Stadt,

Dich thät er mit Untrew meynen,

Da in dir waren alle Hofleut rauschend voll,

Quam Cunze mit Lettern und Buben toll

Und holte die Fürsten so kleine,

ja kleine.

 

5.

Was blast dich Cunz vor Unlust an,

Daß du ins Schloß h'nein steigest,

Und stielst die zarten Herren raus,

Als der Churfürst nicht eben was zu Haus

Die zarten Försten-Zweige,

ja Zweige.

 

6.

Es war wol alß ein Wonderding

Wie sich das Land bereget,

Was da uff alle Straßen waren vor Leut

Die den Räubern nachfolgeten in Zeyt,

Als wibbelt, kribbelt sich beweget,

ja beweget.

 

7.

Im Walde dort worde Cunz ertappt,

Do wolt he Beeren naschen,

Were he in der Hast sacken fort gerethen,

Das öm die Köhler nit geleppischt hetten,

Hett he kunt verpaschen,

ja verpaschen.

 

8.

Abe se worden äm wede abgejagt,

Und Cunz mit synen Gesellen,

Uff Grünhayn in unsers Herrn Apts Gewalt

Gebracht, und darnach uff Zwicka gehalt,

Und musten sich lan prellen,

ja prellen.

 

9.

Davon fiel ab gar mancher Kopf,

Und keiner der gefangen,

Kam aus der Haft so ganzbeinigt davon,

Schwerd, Rad, Zang und Strick, die warn ihr

Lohn, man sah die Römper hangen,

ja hangen.

 

10.

So gehts wer wider die Oberkeit

Sich unbesonnen empöret,

Wer es nit meynt, der schau an Cunzen,

Sein Kopf thut in Freiberg herausser schmunzen

Und jedermann davon lehret,

ja lehret.

 

11.

Gott thu dem frommen Churförsten alles Guths

Und last die jongen Herren

In keyn Feinds Hand mer also kummen

Geb auch der Frow Churförstin viel Frommen

Daß sie sich in Ruhe ernähren,

ja ernähren.

 

Ob nun aber gleich in allen diesen Schriften, Schauspielen und Liedern die Treue und der Heldenmut von des geraubten Fürstensohnes Retter gefeiert und hochgepriesen wurde, so fehlte doch noch eins, und dieses war nichts anderes als die Errichtung eines Monuments auf dem Platze, wo einst Treue und Biedersinn den geraubten Fürstensohn aus seines Räubers Händen rettete und dabei selbst das eigne Leben nicht schonte, um ihn zu befreien und in der trostlosen Eltern Arme zu führen.

Man hat eine Sage, dass in der Vorzeit dreimal ein solches Denkmal habe errichtet werden sollen, aber jedes Mal sei diese Errichtung durch eingetretene Hindernisse wieder verschoben worden.

Das erste Mal soll der Fundgrübner Caspar Klinger (Miterbauer der Bergstadt Scheibenberg), welcher nach der Begebenheit des Prinzenraubes (aber viele Jahre später) eine Schmelzhütte am Fuße des Fürstenbergs anlegte und ein Schönburgischer Untertan war, die Errichtung eines solchen Denkmals auf der Stelle, wo der Prinz befreit worden war und welche man damals noch genau kannte, da die Kinder der Befreier größtenteils noch lebten, beabsichtigt haben, sei aber durch eingetretene Hindernisse und bei einem abermaligen Versuche durch sein Ableben davon abgehalten worden.

Und als im Jahr 1755 diese merkwürdige Begebenheit bei Gelegenheit ihres dritten Säcularfestes von einigen Patrioten wieder zur Sprache gebracht wurde, dachte man von Neuem an die Errichtung eines solchen Denkmals, aber der kurz darauf ausbrechende Siebenjährige Krieg mit seinen Drangsalen vereitelte auch dieses Unternehmen.

Späterhin, ohngefähr in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, wurde es von dem damaligen Landshauptmann Grafen von Solms zu Sachsenfeld, einem hochherzigen, wohltätigen Herrn, sowie von dem Justizbeamten Dietrich zu Grünhain, dermalen Kommissionsrat und Amtmann zu Morizburg, dem Kreisamtmann Just in Schwarzenberg und noch andern patriotischen Männern aufs Neue in tätige Anregung gebracht, dieser Befreiungsgeschichte ein solches Denkmal zu setzen; allein durch Solmsens Tod, die Versetzung der Beamten und andere Hindernisse wurde dieses Unternehmen abermals vereitelt.

 

7.

Durch diese Unterlassung und mehrmalige Vereitelung des Vorhabens, auf der Stelle, wo der junge Fürst aus seines Räubers Händen befreit wurde, ein Monument zu setzen, ist es nun aber endlich ungewiss geworden, auf welcher Stelle am Fürstenberge die Befreiung Alberts eigentlich geschehen sei. Am wahrscheinlichsten bleibt immer folgende Meinung:

Am Fuße des Fürstenbergs liegt ein schönes Tal, in welchem sich ein Bach, der Oswaldsbach genannt, hinschlängelt, und welches zugleich die Ruinen der Oswaldskirche enthält, welche man in der gewöhnlichen Volkssprache nur die Duselskirche nennt und das Jahr 1515 als ihr Erbauungsjahr angibt.

Diese Kirche wurde von dem schon gedachten Fundgrübner Caspar Klinger erbaut, als er jene Schmelzhütte anlegte, welche der sogenannten Hayde bei Raschau das Dasein gab; jedoch fällt ihre Entstehung wenigstens 50 Jahre später als der Prinzenraub, und im Jahr 1516 wurde sie von dem Abte Gregor zu Grünhain eingeweiht.

Das Tal also, in welchem Kunz das Ziel seiner Taten fand, war zu jener Zeit noch sehr einsam, und nur sehr wenige Köhlerhütten befanden sich in der Nähe der Meiler.

Höchst wahrscheinlich ist es, dass die Befreiung Alberts in der Nähe der drei Meilerstätten geschah, welche sich den schon gedachten Ruinen der Oswaldskirche gegenüber an der Grünhainer Straße am Eingange in den Wald befinden.

Und diese Wahrscheinlichkeit gewinnt an Gewissheit, wenn, nach der Aussage des im Jahre 1813 als achtzigjähriger ehrenwerter Greis verstorbenen Unterförsters Muth, sich unter den Forstbedienten zu Elterlein, Grünhain etc. eine Überlieferung vom Dienstinhaber auf den Nachfolger erhalten haben soll "dass in dieser (vorhin angegebenen) Gegend die Befreiung des Prinzen Albert durch den Köhler geschehen sei" und man dabei annimmt, dass Forstbediente und Köhler in vielfachen Verhältnissen und Beziehungen miteinander stehen und demnach die Letztern die Stelle, wo die Befreiung geschah, am richtigsten bezeichnen und durch diese Überlieferung auf die Nachwelt bringen konnten.

 

8.

Doch was die frühern Zeiten nicht zu bewirken vermochten, ward in diesen Tagen in die Wirklichkeit übergetragen, und dem K. S. Finanz-Procurator etc. Lindner in Schwarzenberg war es vorbehalten, den wiederholten ersten Anlass zu diesem abermaligen, nunmehr gelungenen Unternehmen zu geben.

Schon im Jahre 1821 wurde der Vorschlag zu einem solchen Monument an den Kreishauptmann, Freiherrn von Fischer, eingereicht und zugleich mit von dem Superintendent Lommatzsch zu Annaberg, Kreisamtmann Löwe zu Schwarzenberg, Justizamtmann Philippi in Grünhain, dem Bergkommissionsrat Nitzsche zu Erla und noch andern patriotischen Männern tätigst unterstützt.

Dieser Vorschlag wurde auch von dem Kreishauptmann so aufgenommen, wie es nicht anders von demselben erwartet werden konnte.

Nunmehr traf man Veranstaltungen, die zu Errichtung dieses Entzwecks nötigen Kosten zu sammeln, und es trugen auch die dazu aufgeforderten Erzgebirger, trotz der sie hart drückenden, so sehr nahrlosen Zeit, nach Möglichkeit dazu bei und hatten bald die Freude, das Andenken einer so denkwürdigen Begebenheit durch ein ihrer würdiges Monument erneuert zu sehen.

Das Denkmal selbst ist eine Pyramide aus Granit (ohne Postament 8 Ellen hoch), und an derselben ist eine ansehnliche, im Guss sehr gelungene Tafel von Eisen (ein patriotisches Geschenk des Bergkommissionsrats Nitzsche zu Erla), auf welcher in erhabener, gut vergoldeter Schrift Folgendes enthalten ist:

"Fürstenbrunn.

Den 8. Julii 1455 wurde hier

Prinz Albrecht,

Ahnherr des Königl. Sächß. Fürstenhauses, durch Georg Schmidt, hernach Triller genannt, aus Kunzens von Kauffungen Gefangenschaft befreit.

Den 8. Julii 1822."

Das Postament dieser Pyramide erhält in einer gewölbten Nische das Bassin des Fürstenbrunnens, in welches das Wasser aus einer Druse fließt, und ist aus Blöcken von braunrotem Toneisenstein, in welchem verschiedene Kristallisationen zu schauen sind, gefertigt; das Bassin selbst aber besteht aus einem einzigen Granitblock aus Aue.

Das Ganze ist 13 Ellen hoch, hat ein sehr gefälliges Ansehn und den durch seine Werke im Gebirge rühmlichst bekannten Lohß in Schlettau zum Baumeister, welcher das Denkmal, nach fünfwöchentlicher Arbeit, am 7. Juli 1822 vollkommen zu Stande brachte, wo es am südöstlichen Abhange des Fürstenberges aufgestellt wurde.

 

9.

Und so erschien er denn endlich, der schöne Tag der Weihe, an welchem sich Tausende eine schon vor langer Zeit geschehene Begebenheit noch einmal recht lebhaft vergegenwärtigen und dabei den Manen eines braven Mannes ein dankbares Opfer der ehrenvollsten Erinnerung bringen wollten.

Er war erschienen, der Tag, an welchem einst vor dreihundert und sieben und sechzig Jahren ein biedrer hochherziger Mann sehr niedrigen Standes, von Untertanentreue und Liebe zu dem Landesfürsten und seinem Hause beseelt, welche das Herz auch zu den größten Taten erheben kann, sich nicht scheute, sein Leben im Kampfe für den Sohn seines geliebten Fürsten zu wagen und durch die Befreiung desselben aus Räubers Händen die Freude wieder an die Stelle des Jammers zu setzen, mit welchem die Freveltat eines adeligen Ritters aus altem Geschlecht die Herzen der fürstlichen Eltern zerriss.

Und diese Betrachtungen zeitigten in jedem Herzen den festen Entschluss, stets im Menschen den Menschen zu achten und nie einen der Mitgeschaffenen ...

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