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Die letzten Tage der Pucknow Bande

Bodo Wontoschka

Die letzten Tage der Pucknow Bande

Abenteuerfantasy





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Pucknow verschwindet



    Die meisten Dinge, die die Erwachsenen uns Glauben machen wollten, musste ich schon in meinen frühen Jahren in den Bereich des Aberglaubens verweisen. So etwa die Mahnung 'Gott sieht alles'. Ich dachte dann immer, dass einer, der jedem ins Arschloch guckt, höchstwahrscheinlich nicht alle Tassen im Schrank hat, und es angebracht ist, ihm zu misstrauen. So sah ich in beiden Möglichkeiten, nämlich der, dass es stimmt, und der, dass es nicht stimmt, einen guten Grund, Atheist zu werden, und bin dieser Einstellung bis heute treu geblieben.

Manche andere Dinge glaubte ich so halb und halb, mindestens für eine Weile, entweder deshalb, weil mir die Vorstellung nicht unlieb war, oder weil mir niemand je das Gegenteil bewiesen hatte: Dass es den Weihnachtsmann gibt. Dass der Storch die Kinder bringt. Dass Senf dumm macht. Dass es Regen gibt, wenn man den Teller nicht leer isst. Dass der Finger abbricht, wenn man zu heftig in der Nase popelt. Dass man vor dem Spiegel keine Fratzen schneiden darf, wenn grade die Uhr schlägt, weil das Gesicht dann so stehen bleibt. Dass Hasen still sitzen bleiben, wenn man ihnen Salz auf den Schwanz streut. Und vieles andere mehr.

Selbstverständlich zerrannen irgendwann alle diese Legenden, und fielen zurück in die sanften Nebel des Nicht-Wissens, aus denen wir ins Licht der Vernunft getreten sind, während dafür in der Gegenwart neue Ungewissheiten entstanden: Ob man denn so etwas wirklich einmal geglaubt habe? Oder ob man vielleicht die Überzeugungen anderer, einfältigerer Mitmenschen für die eigenen angesehen habe, von der Erinnerung getäuscht? Und was war mit jenen Geschichten, die die Vernunft zwar aussortiert hatte, die aber beharrlich aus den tieferen Schichten des Bewusstseins wieder zum Vorschein kamen, wie ein Reflex, wie ein Zögern, ein kurzes, irrationales Zurückweichen vor irgendeiner alten halbvergessenen Mahnung, deren Inhalt schon lange seine Gültigkeit dem Erkennen hatte opfern müssen, bei Lichte besehen?

Warum hat sich besonders eine von ihnen, eine ganz und gar unwahrscheinliche, derart, und ganz und gar einkapseln und behaupten können, und weicht erst an ihren Platz in der fernen Kindheit zurück, nachdem ich mich unter Aufbietung aller Selbstbesinnung einen Moment lang gegen sie gewehrt habe, wie gegen einen Popanz, auf den ich mit dem Hammer der Logik einschlagen muss, damit er zerfällt? Ein Zweifel wird bleiben, und damit der Keim einer immer wiederkehrenden Erinnerung, die in allen Einzelheiten viel zu unwiderlegbar lebendig ist, um Wahn oder Traum gewesen zu sein, und viel zu haarsträubend, um nicht jeden zum Gespött zu machen, der sie als Wahrheit verkündet.

Wie es so oft ist: Der Ursprung dieser Erinnerung liegt im Dunkeln. Genauer gesagt, im dunkelsten Korridor der Villa Grünebaum, eines der stattlichsten Häuser in unserem Ort, welches sicher auch zu den ältesten gehört, denn wie weit man in den Fotoarchiven unseres Inseldorfes durch die Jahrzehnte auch zurückblättert, immer ist es schon da, fast unverändert mit seinem vertrauten Umriss, der nur geringfügige Veränderungen durch Umbauten oder Ausbesserungen erfahren hat. Nähert man sich beim Rückweg durch die Zeit den fleckigen, körnigen Fotos der Jahrhundertwende, dann wird ringsherum immer mehr entblößtes Grasland sichtbar, mit Sandwegen, wo später Straßen sind, und was an Häusern schon da ist, steht vereinzelt auf Warften, um der Flut zu entkommen und zieht seine Reetdächer fast bis zum Boden hinab, um geduckt dem Sturm standzuhalten.

Noch ist der Ring der Deiche nicht geschlossen.Villa Grünebaum aber, auf dem ansteigenden Gelände zur Seeseite hin gebaut, steht wie eine Trutzburg aus rotem Klinker, und schert sich um keine Flut und kein Wetter. Ein Baum ist auf jenen Bildern weit und breit nicht zu sehen, und da auch noch nicht der Efeu die Front des Hauses bedeckt, erkennt man hier und da den Schriftzug unter dem Dach, der heute vielleicht noch in Resten vorhanden, aber gänzlich überwuchert ist: 

VILLA GRÜNEBAUM

COMFORT- PENSION

Fl. Wasser 

Inh. Simon Grünebaum

Was den jüdischen Geschäftsmann, der in Berlin eine Kartonagenfabrik betrieb, bewogen hat, in jener Zeit auf der kaum bekannten Insel B. derart zu investieren, kann man nur vermuten: Vielleicht war es der beginnende Badebetrieb, und die steigende Nachfrage nach Fremdenzimmern. Möglicherweise aber hat Grünebaum in den ersten Jahren nach der Errichtung des Hauses es auch selbst mit seiner Familie als standesgemäßes Feriendomizil genutzt, und es erst später zu einer gewinnbringenden Pension umgestaltet, die auch in unserer Gegenwart noch, oder wieder, im Besitz derselben Familie ist.

Gnädiges Unwissen hielt uns Kinder zunächst davon ab, danach zu fragen, wie die drei alten Schwestern die schwere Zeit der Verfolgung überstanden hatten. Wir wussten nur, dass es schicklich war, Esther und Hannah mit “Fräulein Grünebaum” anzusprechen, weil sie nie geheiratet hatten, während die Älteste, Ruth, für uns “Frau Mendel” war. Ihr Mann, so hieß es, sei verstorben, wie auch der gesamte Rest der Verwandtschaft, und dies mag der Grund dafür gewesen sein, dass die alten Damen immer in Schwarz gekleidet gingen.

Alle drei waren von herzensgutem und großzügigem Wesen, welches sich der Dorfgemeinschaft gegenüber mit einer rechtschaffenen Autorität abschirmte, wofür man ihnen mit scheuem Respekt begegnete; im Schutz ihrer gefassten, bemessenen Strenge aber hielten sie die Wege zu uns Nachbarskindern offen, und frei von jeder Förmlichkeit, und duldeten uns gern, vor allem, wenn der Vermietungsbetrieb ruhte, als Gäste in ihrem Haus und Garten.

Was für eine abenteuerliche Welt dieser Garten war!

Wohl hundert Jahre haben die prächtigen Ulmen gebraucht, um so heranzuwachsen, dass sie den Dachfirst überragten, darunter gediehen, in keiner erkennbaren Ordnung, Tannen, Kiefern, Holunderbüsche, Heckenrosen, Flieder und Ginster, dazwischen war Platz für Kräuterbeete, Erdbeeren, und einige Apfelbäume, während die Ränder des Grundstücks zur Rückseite hin von hohen Weiden eingefasst waren. Vegetation aller Art hat es auf der Insel immer schwer gehabt, zu gedeihen, da der ständige Wind es keinem Baum ohne künstlichen Schutz erlaubt, gerade zu wachsen, und mehr als eine bescheidene Höhe zu erreichen. Obst und Beerensträucher waren eine Seltenheit, vom kampflustigen Sanddorn abgesehen, wogegen die Pflanzung von Tannen und Kiefern die ersten Versuche gewesen waren, größere Gewächse heimisch zu machen, die für den sandigen Boden geeignet waren. Der Garten der Villa Grünebaum aber hatte sich nach Gesetzen entwickelt, die von der kargen, zerzausten Ödnis der Insel B. nichts wissen wollten, wie um zu zeigen, dass die eigentliche Heimat der drei Schwestern von einer lebendigen Tiefe erfüllt war, in der die Natur gedieh wie in einem stillen Tal in einem fernen Land. 

Das mag daran gelegen haben, dass der eine Flügel des hohen Hauses dem Garten nach Osten hin Schutz bot, der andere zum Teil nach Südwesten, in welcher Richtung auch auf den angrenzenden Grundstücken auf einer Reihe von Aufschüttungen im Laufe der Zeit andere Häuser entstanden waren, die aus dem Grundstück Grünebaum eine weite Mulde machten, während schließlich nach Norden, zur Seeseite hin, die sanft ansteigende, weite Dünenfront davorlag, welche das ganze mittlere Dorf einfasste.

Im Sommer hielten uns unsere Eltern an, nicht mit unseren wilden Spielen in den Garten einzufallen, wo die Pensionsgäste mit Strohhüten, Sonnenbrillen und bunten Kleidern flanierten, oder auf Bänken und an einigen Gartentischen sitzend Ruhe und Erholung genossen. Nur wenn Kinder dabei waren, kamen wir, ohne viel Geschrei, durch die Weidenhecken, weil uns die Neugier trieb, ihr teures Spielzeug zu sehen, und uns über ihre Dünkel lustig zu machen, wenn sie in der seltsamen Sprache ihrer Städte von zu Hause erzählten.

In der kalten Jahreszeit, wenn schon am späten Nachmittag die Dunkelheit von der Landseite heranzog, während im Dorf noch Betrieb war, lockte der Garten zum Versteckspielen, und beschenkte uns dabei mit einer Mischung aus Geborgenheit und Freiheit, die ich seitdem nur selten erfahren habe. Von gegenüber, wo das Haus meiner Mutter lag, fiel der Schein der großen Ladenfenster in den Garten, ohne aber deshalb in alle seine dunklen Winkel zu dringen, während früher oder später auch die Lampen im Wohnzimmer der Schwestern Grünebaum angingen, was für uns bedeutete, dass diese Lichter so etwas wie die Wächter unserer Spiele waren, und wir uns gern von ihnen behüten ließen.

Wenn einem im Labyrinth der Büsche, Hecken und Beete unversehens eine fahlweiße Gestalt entgegentrat, und gleich reglos im Schritt verharrte, in einer anmutig balancierten Pose, oder still und grad mit gesenktem Kopf, dann war es keine der Herrinnen des Gartens, sondern eine von den Statuen aus hellem Stein, von denen es wohl ein Dutzend gab. Bei Tageslicht waren sie eher grau-grün, von Flechten und dem Fraß der Salzluft gezeichnet, der höchstens den gebrannten Klinker verschont, niemals aber weichen Naturstein. Von manchen war kaum mehr als der Torso übrig; im Halbdunkel aber schienen ihre bröckelnden Gesichter, sofern sie noch vorhanden waren, die lebendigsten Ausdrücke anzunehmen, besonders da, wo Nasen, Augen, Ohren oder Münder fehlten, und Grimassen entstanden waren, die nie aufhörten, unsere Fantasie auf die Reise zu schicken, selbst dann noch, wenn wir in unseren Betten lagen, und von ihnen träumten. Ein Schwan, die Flügel halb geöffnet, aus dessen Schnabel im Sommer Wasser in ein kleines Becken rann, und zwei sehr verschiedene Nixengestalten waren die einzigen Figuren, die keine Menschen darstellten.

Wir brauchten eine Weile, bis wir herausfanden, dass es keine Nixen gab: Niemand sagte etwas Klärendes über sie. Nixen waren halt kein Thema in der Alltagswelt, und so wie sie dargestellt waren, waren es uns durchaus plausibel, dass ein Wesen so gewachsen sein könne, und gemeinsam mit den Seehunden vor den Sandbänken gelegentlich den Kopf aus den grauen Fluten der Nordsee reckte, um zum Strand herüberzusehen, und mit dem Wind ein trauriges Lied zu singen, über die Seelen ertrunkener Seeleute, und über das Los, eine Nixe zu sein. Die Märchen, die uns die drei Schwestern an Winterabenden vorm Kaminfeuer darüber erzählten, enthielten nie einen Hinweis auf ihren Wahrheitsgehalt, und der geheimnisvolle Ernst, mit dem sie vorgetragen wurden, legte sich süß und betäubend über unsere Zweifel.

Die eine der beiden Figuren ritt auf einer gewundenen Hornmuschel, den Fischschwanz in die Höhe gewunden, unter den Resten fallender Locken das nasenlose Gesicht, den aufgeworfenen Mund sowie ein paar praller Brüste nach vorn gereckt, sich mit einer Hand am Rand der Muschel haltend, während der andere Arm fehlte: Wir hatten oft vergeblich im Gras danach gesucht.

Die andere, nur wenige Meter davon, saß auf einem Natur belassenen, unebenen Granitblock, hatte die Flosse nach vorn um den Leib gewunden, wie eine Katze ihren Schwanz, stützte sich mit einer Hand ab, und hielt in der anderen aufrecht einen stabähnlichen Gegenstand, der einmal ein Dreizack gewesen sein mochte. Dieser Figur fehlten in auffallender Weise die Brüste, und da wir schon genug über Geschlechtsunterschiede wussten, um zu erkennen, dass dieses Wesen männlich war, nannten wir es den Nix, und behielten diese Benennung auch bei, nachdem Hannah uns erklärt hatte, es handle sich um den Meeresgott Poseidon.

Der Nix hatte ein gänzlich entstelltes Gesicht. Zwar trug er eine Krone auf dem Kopf, aber auf der Stirn hatte er ein Loch, das aussah, wie ein drittes Auge, die Nase war bis auf einen spitzen Rest abgebröckelt, und der Unterkiefer war gänzlich weg geschlagen, sodass ein wenig intelligent und leicht enttäuscht wirkender Überbiss entstand, der von der martialischen Majestät eines Meeresgottes nicht viel übrig ließ. Für uns gab es keinen Grund, anzunehmen, dass er anders aussehen müsse, und wir machten in respektlosem Spott Witze über ihn, als wäre er ein Spielkamerad, und versuchten, seine Grimasse nachzuahmen. Gewöhnlich fanden wir bei diesem Spiel kein Ende, denn es war immer dasselbe heiße, glucksende Vergnügen, wenn das Lachen uns schüttelte, weil wir uns im Fratzenschneiden übertrafen, bis wir schließlich einander raten ließen, welche der Statuen gerade dargestellt wurde, während der Nix stumm auf uns herabsah, mit dem, was ihm an Würde verblieben war.

An jenem Novemberabend waren wir zu viert: Meine kleine Schwester Lisa, Lohmeiers Willi, Boschke, der Sohn des Dorfpolizisten Bogusch, der Epileptiker war, und den wir vor allem deshalb mit uns spielen ließen, weil wir einmal sehen wollten, wie es war, wenn er einen Anfall hatte, (aber es war noch nie passiert,) und natürlich ich selbst. Wir saßen auf der Bank unter dem Nix, und hatten uns schon müde gelacht, da wir schon alle Statuen durch hatten, sogar den Schwan, und es war ein früher Vollmond. Gerade jetzt wurde er von einer der schnell treibenden Wolken freigegeben, was Willi zum Anlass nahm, sich noch einmal dem Nix zuzuwenden, auf dessen geschundenem Gesicht das helle Mondlicht jetzt so scharfe Schatten erzeugte, dass es ganz anders aussah, als sonst: Als käme ein blasses Licht von den weißen Augen und der schräge Mund öffne sich zu einem schwarzen Loch. Wir sahen jetzt alle dorthin, und unsere Gesichter bewegten sich unwillkürlich mit, als gälte es nachzuspielen, was das Mondlicht dort anstellte. 

Es sah wirklich unheimlich aus. Einen Moment lang waren wir so still, dass wir deutlich hörten, wie meine Mutter auf der anderen Seite der Hecke mit einem ratschenden Geräusch den Schlüssel in der Ladentür umdrehte. Es war sechs Uhr. Bald würde sie uns zum Essen rufen. Willi Lohmeier brach den Bann, indem er mit deutlichem Trotz in der Stimme sagte:

“Mein Vater sagt, es gibt keine Nixen.”

“Gibt es doch!” sagte meine Schwester, “ Ich hab ein Buch, wo sie genau gezeigt sind, und Tante Hannah hat gesagt....”

“...Fräulein Grünebaum”, verbesserte ich beiläufig, war aber noch zu sehr mit den Veränderungen auf dem Gesicht der Statue beschäftigt, um selbst Stellung zu beziehen, als Boschke einfiel:

“Mein Vater sagt auch, wenn es sie gäbe, und dass das einer sieht, dann wüsste man das sofort bei der Polizei.”
Gleich würde er wieder von der Pistole seines Vaters erzählen, und davon, dass sein Vater Jützi konnte, womit er jedem Gegner überlegen war, selbst ohne Pistole, aber er kam nicht mehr dazu.

“Dein Vater ist ein kluges Kerlchen, wenn er auch manchmal ein bisschen zu neugierig ist”, ließ sich eine kalte, schneidende Stimme aus dem Schatten hinter der Statue vernehmen, “es gibt tatsächlich keine Nixen. Lasst euch doch von den alten Schrullen nicht für dumm verkaufen.”

“Tante Hannah ist keine Schrulle,” sagte meine Schwester ein wenig weinerlich, als habe die Kränkung ihr gegolten, und ich legte ihr die Hand auf den Arm, während Pucknow, mit selbstsicherem, wiegendem Schritt wie ein Westernheld, aus dem Dunkel ins Helle trat und sich breitbeinig vor uns aufbaute.

“Du darfst hier gar nicht mehr rein”, platzte meine Schwester heraus, und ich drückte ihren Arm ein wenig fester, “Tante Hannah hat gesagt...” “....Fräulein Grünebaum”, fiel ich ihr ins Wort, und wünschte, meine Mutter würde uns zum Essen rufen, während Pucknow ein breites Grinsen aufsetzte, was fast sein einziger Gesichtsausdruck war, solange er keine Grimassen schnitt. Alles was er sagte, troff vor Überlegenheit, mit widerwärtigem Hohn herausgekehrt, und die Vorbilder, die Uli Pucknow in seinem eigenen Innern in ein dunkles Verlies gesperrt hatten, um sich ungehindert in den Vordergrund spielen zu können, waren unschwer zu erkennen: Cowboys, die er sich im Dorfkino ansah, auch Comicfiguren, wie Akim, Sigurd und Tarzan, die ständig seltsame Ausrufe taten wie zounds oder damned oder by jove!

Es war offensichtlich, dass Uli Pucknow nichts im Kopf hatte, als erlogenen Helden nachzueifern, die unserer Welt ferner waren als seine pommersche Heimat, und es war noch deutlicher, dass er in kläglicher Weise immer bei den Schurken landete, da er ihnen am meisten ähnelte. Dabei war er mit seinen dreizehn Jahren wesentlich älter als jeder von uns, rauchte Zigaretten, spuckte ständig aus, und trug meistens ein dudelndes Kofferradio mit sich herum. Wenn das Inseldorf nicht so klein gewesen wäre, dass jeder sein Eigentum sofort wieder erkannte, wenn es in falschen Händen war, hätte ich schwören können, er hätte es geklaut. Seine Mutter war eine arme Flüchtlingsfrau, die putzen ging, auch bei uns, und auch sie sagte seltsame Dinge. Nicht zounds! oder damned! sondern oh geu, oh geu! und ei wömmer! was wohl im pommerschen hieß, dass die Dinge nicht zum Besten standen. 

Pucknow zog einen breiten Kamm aus der Gesäßtasche, und fuhr sich ein paar Mal durch die gut geschmierte Elvistolle, obwohl sich keiner von uns für seine Frisur interessierte, und er selbst sie nicht einmal sehen konnte.

“Ich dachte, ich seh einmal nach, was ihr ohne den Chef so anstellt. Es ist schon spät, müsst ihr denn noch nicht ins Bettchen?” Er lachte dazu - hä, hä, hä,- zog dabei das Gesicht schief, und öffnete den Mund nur in einem Winkel, sodass man seine Zahnlücke sah. Wahrscheinlich war er jetzt der Rächer von Laredo, der soeben die Herrschaft über eine Goldgräberstadt an sich gerissen hatte.

“Wir müssen gleich gehen“, sagte ich so gleichgültig wie möglich, “aber Lisa hat recht, wenn Frau Mendel dich hier erwischt, dann sagt sie gleich Bogusch Bescheid, und nachher glaubt sie noch, wir hätten dich reingeholt.”

“Glaub ja nicht, dass ich Angst hab vor der alten Krähe, und vorm Sheriff schon gar nicht”, sagte er in seinem verschlagensten Tonfall, und warf Boschke aus zusammengekniffenen Augen einen bösen Blick zu.

“Jedes Mal, wenn hier was fehlt, kommt Boschkes Alter bei uns den Garten absuchen. Meine Mutter sagt, das ist Hausfriedensbruch.....Hey, unser alter Freund sieht ja seltsam aus heute Abend....”

Er war meinem Blick gefolgt, und sah verblüfft zum verwitterten Gesicht der Statue hoch, auf dem in rhythmischer Folge das Mondlicht und die Schatten der blattlosen Baumwipfel die unwahrscheinlichsten Ausdrücke jenseitiger Lebendigkeit erzeugten. Uns war längst die Lust am Grimassenschneiden vergangen, nicht zuletzt deshalb, weil niemand auf diesem Gebiet besser war, als Uli Pucknow. Wenn er jetzt das Thema wechselte, und eine Probe seines Könnens gab, dann würden wir sogar alle für einen Moment vergessen, dass er jeden von uns schon einmal in die Brennnesseln geschubst hatte.

Schon warf er sich in die Brust und erhob die linke Faust, wie der Nix mit seinem Dreizack, dazu rollte er die Augäpfel hoch, dass man nur noch das Weiße sah, zog den Unterkiefer schief bis fast an den Hals zurück, und brachte es gleichzeitig irgendwie fertig, das seine Nase wie kurz und spitz geschlagen nach oben stand. Wurde nicht sein Gesicht jetzt auch blass und grünlich, und schien um Jahrhunderte gealtert, so alt wie Stein, wenn er zum Leben erwacht, und so böse und kalt, wie ein Dämon, der dem Meer entstiegen war? War das noch Uli Pucknow, der Automatenknacker, der Dorfschreck, der höchstens drei Talente hatte: Lügen, klauen und schlagen? Wie oft hatte man uns gesagt, wir sollten nicht auf ihn hören, und ihn noch weniger fürchten, es sei alles nur hohles Gehabe. In Momenten wie diesem wusste ich, dass es nur einen Grund gab, ihn zu fürchten: Seine Fähigkeit, sich zu verwandeln, wie ein Troll, bis ihn keiner von uns mehr erkannte, dass wir uns fragten, wo er geblieben war, und ob er je zurückkehren würde.

Unsere Blicke gingen hin und her zwischen Uli Pucknow und dem Nix, und mir wurde kalt, und als meine kleine Schwester sich an mich drängte, spürte ich, dass sie zitterte. Keiner von uns lachte, wie sonst, wenn Uli seine Schau abzog, und wir alle wünschten, er würde aufhören, der Nix zu sein. Da geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Der Mond verschwand, und ließ von beiden Figuren, der lebendigen und der toten, nur den dunklen Umriss stehen, während ein Windstoß bis durchs Unterholz ging, und von hinter uns, von jenseits der Hecke, war die helle Stimme meiner Mutter zu hören, die uns zum Abendessen rief. Ich stand sofort auf, und zog meine Schwester mit mir, und auch Willi Lohmeier und Boschke liefen jeder in seine Richtung davon. Wir ließen Pucknow einfach da zurück, und als ich noch einmal zurückschaute, sah es aus, als habe er sich nicht einmal ein bisschen bewegt, obwohl ich es wegen der Dunkelheit nicht genau erkennen konnte. Am nächsten Tag sagte mir Boschke noch, auf dem Heimweg habe er einen Anfall gehabt, und wieder hatte es keiner von uns gesehen.

 




                                                                      *

 

 

 

Spiegel gehörten zu den ersten Wundern unserer Kindheit, so rätselhaft wie Kaleidoskope, Regenbögen und die tiefen, schimmernden Wasserlachen, die nach einem Wolkenbruch auf der Wiese hinter unserem Haus standen, sodass wir uns über sie beugten, um zu sehen, ob in der versunkenen Welt der schwankenden Gräser nun auch Fische schwammen. Sicherlich: Hatte man erst gelernt, was Spiegel sind, wurde auch dieses Wunder alltäglich, zumal einer im Flur hing, und einer im Badezimmer. Immerhin waren sie noch zum Fratzenschneiden gut, und ein wenig zum Versteckspielen mit sich selbst, wobei nie ganz der Wunsch verschwand, man könne jenes Bild frei werden lassen, mit seinen eigenen Bewegungen, in seiner eigenen Welt. Aber mit dem Spiegelbild gelang dies ebenso wenig, wie mit dem eigenen Schatten, und was zunächst so lebendig schien, blieb stumm, dinglich, und für immer unerreichbar. Geheimnisvoller war das, was entstand, wenn meine Schwester und ich einen Rasierspiegel meines Vaters und einen Taschenspiegel voreinander hielten, mit einer eingeschalteten Taschenlampe dazwischen (gern hätten wir Kerzenlicht verwendet, aber es war uns verboten, mit Feuer zu spielen) bis die Perlenschnur der Lichter in unendlicher Ferne zu einem einzigen Licht zusammenlief, und unsere kleiner und kleiner werdenden Hände und Köpfe mitnahm in eine Welt, die so fern war, dass wir meinten, es könne doch dort, wo wir nichts mehr erkennen konnten, etwas ganz anderes geschehen, irgendetwas undenkbares, und die zahllosen Wiederholungen auf dem Weg dahin seien nur davor gestellt, um es vor unserer Neugier zu verbergen.

Der Spiegel im Erdgeschosskorridor der Villa Grünebaum hätte eher in einen Prunksaal gepasst, als in einen halbdunklen, nur von einem Fenster zur Straßenseite hin dämmrig erleuchteten Gang. Trotz des Dämmerlichts wurde hier das elektrische Licht, außer vielleicht im Sommer, wenn Gäste da waren, tagsüber nie eingeschaltet. Obwohl wir den Spiegel kannten, taten wir immer wieder, wenn wir daran vorübergingen, so, als ob uns die plötzlich im Augenwinkel wahrgenommene Bewegung an unserer Seite überraschte, blieben kurz stehen, machten eine Grimasse, oder eine alberne Bewegung, und grüßten damit die Gestalten, die wir vor uns sahen, und die stets in gleicher Weise zurück grüßten. Der Spiegel, mannshoch und fast bis auf den Boden reichend, saß in einem aufwendig verzierten klassisch-antiken Rahmen, der ganz aus einer Girlande von wellenförmig gewölbten und gekräuselten Blättern bestand, die so dick mit schimmernder Goldbronze überzogen war, dass es aussah, als ob es die Spitzen der Blätter durch ihr Gewicht nach unten zog, während das kostbare Metall wie flüssig daran herunter troff. 

Es war in den Tagen des Frühlingsanfangs, etwa zwei Wochen vor Ostern. Boschke und ich hatten geholfen, den Garten herzurichten. Immer war eine von den guten Frauen da, die darauf achtete, dass Boschke nichts schweres trug, und bei allem langsam und umsichtig handelte, um ihn, wegen seiner Krankheit, nicht zu überfordern, und dadurch zu gefährden. So riefen sie ihn auch früher herein, als mich, um ihn mit Kuchen und heißer Schokolade zu bewirten, während ich fortfuhr, die Flintsteine an den Wegrändern ordentlich auszulegen, und als ich hereinkam, hatten sie ihn schon heimgeschickt, wie immer, mit einem Geldstück in der Tasche, und der Ermahnung, er müsse sich ausruhen.

Als ich in den Salon trat, sah mir Esther Grünebaum aus einem der großen Ohrensessel beim Kaminfeuer lächelnd entgegen, und schickte mich gleich wieder zurück, weil ich vergessen hatte, in der Toilette meine Hände zu waschen. Es fiel noch ein letzter, grauer Schein von Dämmerlicht durch das Fenster am Ende des Korridors, und als ich beim Spiegel vorbeikam, musste ich fast meine Nase ans Glas drücken, um mein Gesicht zu erkennen. Ich vergaß für einen Moment, dass ich auf dem Weg zur Toilette war, und machte meine Lieblingsgrimasse, die dem leeren, schicksalsergebenen Glotzen des Heiligen Bonifatius nachempfunden war. Der hatte vor über tausend Jahren versucht, die bockigen Friesen zum Christentum zu bekehren, wofür man ihn erschlagen hatte. Jetzt stand er als Gipsfigur im Garten, und sah demütig auf den Komposthaufen hernieder, und wie immer stellte ich fest, dass er sehr schwer nachzuahmen war, wenn man sich nicht in sehr verinnerlichter Weise um ein Gefühl frömmelnder Selbstaufgabe bemühte: Für einen Zehnjährigen ein sehr unvertrauter Zustand, der einige Hingabe verlangte. Die Wanduhr gab ein schnarrendes Geräusch von sich. Ich sah zum dunklen Ende des Ganges hinüber, und sah die Bewegung des Pendels, dessen Messingteller mit einem schwachen Blinken den letzten Rest von Licht zurückwarf.

“Geh vom Spiegel weg, gleich schlägt die Uhr.”

Es war etwas in Ruth Mendels Stimme, das strenger klang, als sonst. Vielleicht schien es mir auch nur so, da mich die Unverständlichkeit ihrer Anweisung verstörte. Ich trat sofort zur Seite, und sah erschrocken zu ihr hinüber, konnte aber nur das Pendel erkennen, vielleicht war sie auch schon wieder gegangen. Der Gong der Wanduhr ertönte, und sein Klang ging auf wie eine goldene Mondscheibe, die bei jedem der sieben Schläge ein wenig weiter wurde, bis sie die gesamte Finsternis mit ihrem tief und metallisch schwingenden Rund erfüllte. Zum ersten Mal, seit ich in diesem Haus ein und aus ging, fürchtete ich mich ein wenig, und ging schnell meine Hände waschen, während von der Uhr her noch einmal ein Rasseln zu hören war. Als ich etwas befangen in den Salon zurückkam, saßen Esther und Hannah bei einem Kartenspiel, nicht ohne aufzuschauen, und mir einen freundlichen Blick zu schenken, während Ruth mich mit Kakao und Kuchen bewirtete, und mich dabei für meine Arbeit lobte. Über ihre Ermahnung verlor sie kein Wort, und ich traute mich nicht, danach zu fragen, aber es sollte nicht viel Zeit vergehen, bis ihre Warnung durch den Gang der Ereignisse einen deutlichen, wenn auch ganz unfassbaren Sinn bekam.

 




                                                                       *

 

 

 

Der Palmsonntag war, wie jedes Jahr, wenn auch nur für ein paar Auserwählte, ein Tag unerhörter Beschenkungen, und gleichzeitig, seitens der Schenkenden, ein Tag unerhörter Investitionen. Da diesem Anlass, anders als dem Weihnachtsfest, ein echtes Gefühl von Feierlichkeit ganz und gar fehlte, nutzte man allseits den hohlen Schrein anerzogener Frömmigkeit, da kein besserer Ausdruck und kein anderes Gefühl für Ungewolltes und Unverstandenes zur Verfügung stand, in beherzter Weise zur Belebung der Konjunktur. Und dies unter der Schirmherrschaft eines dürren, aber dank der kirchlichen Autorität für alle guten Bürger vollgültigen Rituals: Der Konfirmation. Schwang im Weihnachtsfest, ein Jahrzehnt nach Kriegsende, hier und da noch ein Unterton erschöpften, aber dankbaren Abwinkens mit, das etwa sagte, lass nur ein Lichtlein brennen, wir haben nicht viel, aber wir leben noch, dann trumpften die Konfirmationsgeschenke schon auf, da kein ablenkender Herzensdusel zur Vergeistigung mahnte: Wir sind wieder wer!

. Uhren, Kofferradios, Kameras und Grammophone, Musiktruhen, Schecks, Scheine, Sparbücher und Wertpapiere wurden wie in einer Schlacht der Vergleiche vorgeführt oder hochgehalten, und wer gefordert war, und sich lumpen ließ, der hatte mehr verloren, als er gespart hatte, denn um seinen Ruf war es geschehen. Auch die Armen standen in diesem Wettbewerb nicht zurück, nicht im Geben, nicht im Nehmen, und erst recht nicht im Feiern. 

Zum Austeilen der Geschenke herangezogen zu werden war für uns jüngere ein großes Glück, welches uns ermöglichte, jenen Reichtümern wenigstens nahe zu sein und durch die üppigen Trinkgelder und Einladungen zu Festgelagen an ihnen teilzuhaben, ohne zuvor zwei Jahre qualvollen Konfirmationsunterrichtes durchmachen zu müssen ( obwohl den meisten von uns dies unausweichlich bevorstand). Besonders vorteilhaft war es, wenn die Eltern ein Geschäft hatten, sodass man sich zum Austragen nicht woanders verdingen und die Erträge mit anderen teilen musste. Es versteht sich, dass die Geschenke der Geschäftsleute nur selten dieselbe erschlagende Kostbarkeit erreichten, wie die, die von der Verwandtschaft oder aus dem Freundschaftskreis kamen. 

Meine Mutter hatte eine Buch- und Zeitschriftenhandlung, und es war die einzige im Ort, sodass sie keine Abwanderung enttäuschter Konfirmandenfamilien zur Konkurrenz zu fürchten hatte, und sich nicht scheute, sich am Konfirmationstag von angestaubten Ladenhütern zu trennen, die man aber nicht sogleich als solche erkannte, da sie festlich verpackt waren, sodass die Höhe der Trinkgelder nicht davon beeinträchtigt war. Nur in einigen wenigen Fällen, in denen der oder die Beschenkte ihr so lieb war, dass sie sie nicht zum Lesen nötigen mochte, verschenkte meine Mutter wohl einen wertvollen Fotobildband, oder ein Buch über die gewonnene Fußballweltmeisterschaft.

Da Helma Pucknow bei uns im Haus putzte, und uns somit näher stand, als andere, wählte meine Mutter für deren Tochter Henrika keine Sammlung christlicher Sinnsprüche, oder etwa “Das Nesthäkchen- Hausbuch für deutsche Mädel” , denn Henrika war ein wenig zurückgeblieben, und tat sich schwer mit dem Lesen. So bekam sie den Bildband “Auf Wanderwegen durchs Allgäu”, ein Werk, das wegen seines Gewichts und seiner ungewöhnlichen quadratischen Maße auch eingewickelt einiges her machte.

“Nimmst du Manni mit?” sagte meine Mutter, “ich glaube, er muss mal raus.”

Manni verstand gleich, und sprang winselnd an der Tür hoch. Er war eine abenteuerliche Mischung aus einem holländischen Deichspitz und einer friesischen Sandwachtel, kaum kniehoch, an mir gemessen, länglich, mit einer Dackelschnauze, einem buschigen Schwanz, spitzen Pinselohren und einem fransigen, rötlichen Fell, das bis zum Boden reichte. W

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