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Die kleine und die große Liebe

Hertha Koenig

Die kleine und
die große Liebe

Roman

Nachwort von
Stefanie Viereck

Erstes Kapitel

Das alte Gutshaus von Brakenhorst lag so versteckt hinter der schwarzen Tannenreihe am Teich, daß man vom Hof aus nur den großen, grauen Torbogen sehen konnte, und wenn die Sommersonne senkrecht herabschien, leuchteten jenseits der Gartenbeete bunte Blumen aus dem gewölbten Rahmen hervor. Erst von der Brücke aus zeigte sich die breite Wand mit den gleichmäßigen Fensterreihen und grünen Läden, und rechts der viereckige Turm, wo der Graben mit dem verwitterten Gemäuer um die Ecke bog.

Weil das alte Haus immer wie halb im Schlaf unter dem überhängenden Dach vor sich niedersah, so blickte man wohl auch dort hinunter und staunte, wie es sich im altersblinden Teich zwischen Schilf und Wasserrosenblättern schräg in die Tiefe schob.

Das alte Gutshaus von Brakenhorst war schwergestaltig und in sich gekehrt. Nur manchmal, in hellen Mondnächten, wenn das dunkle Wasser scheu wurde, blinkerte die graue Wand geradeaus über den Hof, zwischen den Tannen hindurch, mit einem unheimlichen, starren Glanz, wie von ungestorbenen Vergangenheiten.

Um 1600 hatte ein Ahn der Familie Helhusen das Haus gebaut. Die tiefste Stelle des niedren Landes hatte er sich ausgesucht, damit er das Wasser um sich sammeln konnte zu einem breiten, schützenden Graben. Da sollte kein Feind ihn erreichen; er brauchte nur die Zugbrücke hochzunehmen, sich hinter die dicken Mauern zu verziehen, durch die Schießscharten zu feuern – er und seine Leute.

Jetzt war die Zugbrücke längst durch eine feste, steinerne ersetzt worden, und die Schießscharten unterbrachen nur noch wie eine Verzierung das alte Gemäuer, an dem die Feuchtigkeit niederschlug in dunkelgrünen moosigen Streifen.

Aber trotzdem stand Brakenhorst immer noch wie in Verwehrung. Es war, als müßten die kräftigen Winde, die vom Meere kommen, und als müßte der Sonnenschein vom Himmel haltmachen vor der schwarzen Tannenreihe draußen im Hof. Denn nichts aus der weiten Welt hatte Einlaß auf Brakenhorst. So wollte es der Ahn von 1600.

Nur der ernste, langsame Nebel aus den umgrenzenden Wiesen, der schlich abendlich heran über den Weiher und über den Rasen im Park, zwischen den Geranien und Pantoffelblumen hindurch in die offnen Fenster und brachte traurige, schwere Träume mit.

Dann wurden die alten Geschehnisse wach. Denn die alten Geschehnisse haben ein wunderliches Dasein. Sie sind wie die Eulen, die im alten Turme wohnen, wo die Ketten der steinernen Uhrgewichte rasseln, bevor die Stunden schlagen. Solange der Tag laut und hell vorübergeht, verkriechen sie sich hinter den Deckenbalken, und niemand weiß von ihnen. Nur wenn der alte Könker frische Schaffelle in den Turm hängt, dann kommt es vor, daß er sie aufschreckt. Aber außer ihm weiß niemand, wo sie tagsüber stecken. Erst wenn der Abend kommt – ganz reglos und verschwiegen – dann ist die Stunde der Uhlenflucht. Dann heben sie sich lautlos über die hohen Parkbäume – sehenden Auges durch die Dunkelheit.

Es ist unheimlich, sie so unvermutet durch die große, leere Stille fliegen zu sehen; sie nehmen die Gedanken weit mit fort; und wenn man vom Kolk her den kleinen unsicheren Ruf der Käuzchen hört, muß man an den Tod denken.

Viele Eulen wohnen auf Brakenhorst, denn sie lieben das alte Gemäuer – und die Abende, die reglos sind und verschwiegen. Und die Vergangenheit ist wie die Eulen. Manchmal geschieht es auch ihr, daß sie im Nest aufgestöbert wird, bei hellem Tage, daß sie erschrocken und blind aufflattert.

Einst wurde die alte Eichentreppe aufgerissen, weil das Holz wurmstichig war und oft unter dem gewichtigen Schritt des Herrn ein Stück abbröckelte: Da zog der Geselle von Tischler Brömmelmeyer eine alte gestickte Samtweste unter der einen Stufe hervor; an den Ärmeln hing noch ganz lose ein Nest zerrissener, verstaubter Spitze. Die Weste wurde ausgeschlagen und gebürstet. Da entdeckte man, daß sie voller Blutflecken war. Hauptmann Helhusen zeigte sie Pastor Spengemann aus Harvelinghausen und veranlaßte ihn, das große Kirchenbuch zu studieren, das in der Sakristei an eisernen Ketten lag. Aber das Kirchenbuch reichte nur bis zum Jahre 1700, und den Ahnenbildern in der Eßstube war zu entnehmen, daß solch eine Weste nach 1600 nicht mehr getragen ward. Doch den alten Leuten vom Hofe und von den Arroden fiel wieder die Geschichte ein, die ihre Großeltern erzählt hatten. Die einen sagten, es wäre der Urgroßvater vom Herrn gewesen, die andern meinten, ein früherer Ahn. Was sie von ihm erzählten, lautete auch nicht überein; nur das wußten alle: Er war ein hochfahrender, jähzorniger Mensch; und einmal, so sagte der „olle Vadder Brüning“, als er mit seinen Freunden in Harvelinghausen beim Wein gesessen hatte und ein Kartenspiel nach dem andern gewann, da fing er an zu prahlen, es gäbe nichts auf der Welt, das er sich nicht verschaffen könnte, keinen Reichtum und keine Ehre und kein schönes Mädchen. Einer der Freunde aber nannte höhnisch den Namen des schönsten Mädchens aus dem Kreise – die könnte er nicht mehr bekommen, die hätte gestern den Schmied von Ubbedissen geheiratet. Helhusen schlug in hellem Zorn auf den Tisch: Das wollte er doch mal sehen!, ließ anspannen, fuhr drei Stunden über Land zum Schmied von Ubbedissen und kaufte ihm seine Frau ab für eine große Summe Geldes. Man wußte auch, daß er sie geheiratet hatte; ihr Bild hing zwischen den andern Urgroßmüttern in der Eßstube. Aber was vorgefallen war, als der Schmied nach einem Monat auf den Hof kam, das wußte man nicht; ob die Krankheit des Herrn auf jenen Tag zurückging, denn er soll den Rest seines Lebens gelähmt gewesen sein.

Nun konnte man sich ja denken, was geschehen war; die blutige Weste ließ keinen Zweifel mehr darüber, denn der Schmied von Ubbedissen war ein starker Mann gewesen.

Wenn man die alten Frauen in den Spinnstuben auf die früheren Zeiten bringt, dann lassen sie ihren schweigsamen Faden in die Spule des Spinnrads laufen, und sie schlagen die Hände zusammen und senken den schmalen Kopf mit einem leisen: „O Kinner, Kinner!“ Die alten Männer fassen überlegend mit der flachen Hand auf die Stirn: „Stille mal!“, dann erst fangen sie an zu erzählen. Da war vor hundert Jahren der Hauslehrer Dietmar, der eines Morgens tot gefunden wurde zwischen dem Schilf im Mühlenteich. Und es ging eine große Anklage durch die Gegend, weil um das Wasser kein Zaun war; wie leicht konnte man doch in der Dunkelheit vom Wege abkommen, wenn man im Nebel durch die weichen Wegpfützen irrte! Aber es war ja eine helle Vollmondnacht gewesen, als der arme Lehrer ertrank. Den hätte auch kein Zaun gerettet; denn er liebte die Tochter des Herrn, die große blonde Henriette, die so hell lachen konnte; die war stolz und stark und ritt auf einem braunen Pferd über die Heide und war nicht für ihn. Man fand aber im Hausbuch dies Gedicht von ihm geschrieben:

Henrietten, Philippinen!

Laß der Liellien und Jasminen

unbefleckten Silberschein

eine starke Reitzung sein

unbefleckt auch Gott zu dienen,

und zugleich aus reinem Triebe

Deinen Dietmar herzlich liebe.

Aber es ist lange her, daß solche Dinge geschahen auf Brakenhorst. Es mußte eine ganz andere Zeit gewesen sein, als die Menschen um der Liebe willen Böses taten oder in den Tod gingen. Jetzt war die Liebe verschwiegen auf Brakenhorst. Verschwiegen wurde sie von den Mädchen auf dem Hofe, wenn sie ein sündiges Geheimnis war; denn sie fürchteten sich vorm Pastor. Verschwiegen wurde sie von den hellscheitligen Bauerntöchtern, wenn sie blaß und traurig machte, weil der Vater hart war und seinen Willen über die Liebe setzte. Und verschwiegen wurde die Liebe von der Herrin, weil sie selbst sie vergessen hatte, über dem Unglück, dessen Schuld ihr eigner Mann trug.

Woher aber sollte Anna Helhusen von der Liebe wissen, wenn sie verschwiegen ward auf Brakenhorst?

Zweites Kapitel

Anna – das einzige Kind von Hauptmann Helhusen und seiner Frau Sophie.

Sie hatte nie darüber nachgedacht, daß es anders sein könnte. Für sie blühten die Blumen in der Wiese, für sie lagen die Steine im Bach. Gut, daß sie da war, wer hätte sich sonst um das alles gekümmert, wer außer ihr wußte überhaupt von den Steinen im Bach! Es war auch gar nicht so einfach, dorthin zu gelangen, die Brennesseln versperrten den Weg; aber wenn man unten war, konnte man ja die Finger ins Wasser stecken und kalten Lehm auf die weißen Blasen legen …

Anna Helhusen war ein ernstes stilles Kind. In ihren großen braunen Augen spiegelte oft ein Glanz wie von unverständlichen Dunkelheiten. Was hatte sie doch auch schon alles erlebt! All das Vergangene von Brakenhorst hatte sie miterlebt; traurige böse Geschichten, über die nie gesprochen wurde; aber wenn jemand sie ihr erzählte, später, als sie groß war, dann kamen sie ihr längst bekannt vor, ja, als wüßte sie selbst sie noch viel genauer. So ging es auch mit der Geschichte vom kleinen Bruder, zu dessen Grab sie oft Sonntags mit den Eltern in den Wald ging; wo die Mutter vor sich hin weinte und es so steif und duldend geschehen ließ, wenn Vater ihr die Hand küßte.

Luise Pahlsbröker hatte Anna mal diese Geschichte vom kleinen Bruder erzählt, als sie zusammen in den Diemen ausruhten von ihren Sprüngen aus den hochgetürmten Garben ins weiche Stroh hinunter. Luise Pahlsbröker war die Tochter vom großen Bauern in Hilverdingsen; wenn sie nachmittags keine Schule hatte, durfte sie mit Anna spielen. Dann bekam sie ein schwarzes Samtband um den flachsblonden Kopf gebunden, und wenn Anna sie mit ins Haus nahm, schlüpfte sie vor der Türe ganz vorsichtig aus ihren klapprigen Holschen und zog verlegen mit einem kleinen lauten Ruck die Luft durch das aufwärtsstrebende Näschen. Und im Hause sprach sie fast kein Wort, sondern guckte nur immer wieder feierlich und andachtsvoll an den Wänden hoch.

Draußen in den Diemen fühlte sie sich freier, da mußte es sogar manchmal nach ihrem Willen gehen. Da erzählte sie auch was. Aber immer nur artige Geschichten, nicht wie die andern Kinder auf dem Schulweg redeten. Mit Anna durfte man nur „wacker küren“, die war ja die Tochter von der Gutsherrschaft.

Aber die Geschichte vom kleinen Bruder hatte sie ihr doch mal erzählt, ganz leise, und wenn es geheimnisvoll wurde, redete sie platt. Manchmal mußte sie auch eine lange Pause machen und an einem Strohhalm abbeißen, bis sie wieder weiter wußte – so genau hatte sie ja selbst nicht alles verstanden. Aber dies war die Geschichte, die sie meinte:

Hauptmann Helhusen hatte einen vierjährigen Sohn, als er bei dem 10. Artillerieregiment in Hannover den Abschied einreichte, um nach dem Tode seines ältesten Bruders, des eigentlichen Erben, das Familiengut zu übernehmen. Es war ihm nicht leicht geworden, die militärische Laufbahn zu verlassen, und Frau Sophie krankte an Heimweh nach ihrer Vaterstadt. Nur der kleine vierjährige Friedrich gab sich ohne Einwand den Reizen dieses neuen Lebens hin. Er kannte bald Höfe und Ställe mit ihren unaufgeklärten Schlupfwinkeln und beteiligte sich stets mit irgendeinem großen Besen oder Harken an der Arbeit. Die Kötter und Knechte waren stolz auf den „wackern lütten Jungen“; aber wenn er so um sie hantierte, schielten sie oft mit ängstlicher Fürsorge auf ihn und sahen sich wohl kopfschüttelnd an, als verständigten sie sich auf ihre stumme Weise über irgendein Geheimnis, das niemand laut zu nennen wagte.

Eines unglücksvollen Tages erfuhr Frau Sophie Helhusen von diesem Geheimnis; als sie an einem warmen Sommernachmittag mit ihrer Näharbeit im Garten saß, unter der großen Linde, während Friedrich sein Pferd über die holprigen Wurzeln zog. Da kam sie ins Gespräch mit der alten Arbeiterfrau, die den Weg harkte. Sie wäre „nich ganz richtig in’n Koppe“ hieß es von ihr, aber sie wußte immer sehr viel zu sagen. Frau Sophie hörte sie freundlich an. Was sollte nur ihre geballte Faust, mit der sie den alten Baum androhte? „Was meint sie denn?“ fragte sie lächelnd den jungen Gärtner.

„Och, sie meint“ – er klammerte sich verlegen an seinen Hut in der Hand – „sie meint, wenn die Linde man damals von’n Blitze verbrannt worden wäre, weil die sollte Schuld sein wegen den Tod von Herrn Albrecht.“ Und als Frau Sophie weiter fragte, erklärte er in vertraulichem Tone – als habe er selbst nichts zu schaffen mit den Geheimnissen, die der Pastor meint, wenn er im Zorn über die Kinder des Teufels Sonntags auf die Kanzel schlägt – aber er wurde doch dunkelrot, als er es sagte: „Die Leute glauben, wenn auf einem Hofe fünf Linden stehen, die über hundert Jahre alt sind, denn müßte der Erstgeborene sterben.“ Damals vor vier Jahren, als der Blitz in diese Linde gefahren sei, hätten sie nachgezählt, und es wären gerade fünf gewesen; und der Blitz sollte wohl eine Warnung sein, daß nun alle über hundert Jahre stünden.

„Das war ja alle auseinandergehauen“, zeigte er hinauf, „die ganzen Äste kurz und klein bis unten hin, aber dann haben se die sieben Ketten drumgemacht, und nu weiß der Baum da nix mehr von, ich will auch nich sagen“, fügte er entschuldigend hinzu, „es wäre auch schade drum gewesen, er wird immerhin noch alle Jahre grün, je nach seinem Blattvermögen.“

Frau Sophie war wieder und wieder durch die Höfe gegangen und hatte sich davon überzeugen müssen, daß es wirklich fünf alte Linden waren, die innerhalb der niedern Weißdornhecke hie und da vereinzelt standen. Es nützte nichts, daß sie, wie der Gärtner, diese Geschichte aus ihren Gedanken schob; sie kam immer wieder, besonders abends, wenn der Mond die dunklen Baumkronen mit hinab auf den trüben Teichspiegel zog, und nachts, wenn der Nebel aus den Wiesen heranschlich und traurige, schwere Träume mitbrachte.

Sie erzählte ihrem Mann, was sie gehört hatte, und sie bat ihn, er solle doch die alte Linde schlagen lassen. Aber der wurde ärgerlich und schalt über den törichten Aberglauben. Sie widersprach und fing an zu weinen. Sie wußte doch, daß er das nicht leiden konnte. Und es kam der Jähzorn über ihn, der sich in der Familie Helhusen vererbt hatte. Er herrschte sie an und beleidigte sie. Da wurde sie still und sprach nie mehr ein Wort über die fünf Linden. Aber es war, als hätte Frau Sophie das Schicksal zur Rechenschaft gezogen, als wollte sie nicht mit dem höchsten Preise sparen, um ihm zu vergelten, daß er sie beleidigt hatte.

Ein Jahr später starb der kleine Friedrich bei einer Scharlachepidemie. „Nun kann er ihm den Sarg aus den Brettern schneiden“, dachte Frau Sophie trotz ihres Schmerzes um den kleinen Jungen, denn das böse Gift war in ihrer Seele geblieben. Es nützte nichts, daß ihr Mann wie ein Verbrecher sich anklagte und verzweifelt an dem Totenbettchen weinte.

Hätte sie ihn doch jetzt in die Arme genommen und wäre mit ihm traurig gewesen, dann wäre es wohl wieder gut zwischen ihnen geworden. Aber sie sah ihn mit harten Augen an; sie hatte ja die Liebe vergessen. Darum blieb sie totgeschwiegen auf Brakenhorst all die kommenden Jahre.

Wenn die kleine Anna auch noch nicht gewußt hatte, was Luise Pahlsbröker ihr von den fünf Linden erzählte, so fiel ihr doch vieles ein, was zu dieser Geschichte gehören mochte; aber davon schwieg sie still. Sie fragte nur einmal mit einem bangen, fröstligen Zusammenkauern: „Du, Luise, tut der Wind bei euch auch so, abends in den Bäumen?“ Luise sagte: „Das soll er woll; da weiß ich nix von.“

Ach welch ein Erschrecken war es, wenn Anna an dem großen zornigen Winde aufwachte, der vor den Tannen stand und sie schlug, daß sie sich krümmten und wimmerten vor Schmerz. Welch quälender Gedanke, daß diese Tannen einmal müde wurden und ihn durchließen. Oft faßte er ja schon nach den Fenstern. Dann versteckte Anna den Kopf tief in die Kissen, daß sie nicht mehr sein Gesicht zu sehen brauchte – sie wußte genau wie es aussah – es war ja der Teufel, von dem Pastor Spengemann in der Kirche sprach, wenn er die Lippen hochzog, daß man seine breiten Zähne sah. Und dann flüsterte Anna ganz schnell, so schnell ihr kleines Herz schlug, ein Gebet und horchte wieder lange hin, ob der Wind ruhiger würde.

Die Türe zu der Eltern Schlafstube stand offen; sie hätte nur ganz leise zu rufen brauchen – warum kam es ihr doch nie in den Sinn, daß sie hätte rufen können?

Es war ja auch nicht nur der Wind, an dem sie aufwachte. Manchmal waren es erregte Worte aus dem Nebenzimmer. Sie verstand sie nicht, aber die Stimmen taten so weh in ihrem harten, unversöhnlichen Mißklang. Dann vergaß Anna sogar, zum lieben Gott zu beten; und es wäre doch die einzige Beruhigung gewesen, das schlummerheiße Köpfchen in einen großen, liebevollen Arm zu ducken, statt so ganz allein mit einem dunklen Traum wieder aus dem Tore wandern zu müssen und irgendwo zu bleiben, wo es dem Traume gefiel.

Drittes Kapitel

Woher sollte Anna Helhusen von der Liebe wissen, wenn ihre eigne Mutter sie vergessen hatte?

Vetter Erli war zu klein und wußte selbst nichts davon. Er hatte auch immer eine ganz leise Ehrfurcht vor Anna, obgleich er in der Rechenstunde bei Herrn Kandidat Busse viel schneller war und obgleich er sie mit einem Griff in den Teich werfen konnte (das tat er natürlich nie; er zeigte nur manchmal, daß er es konnte; wenn Anna dann dabei aus Versehen in den Schlamm rutschte, war es nicht seine Schuld).

Herr Kandidat Busse ging abends oft in den Ellernbusch und sang von der Liebe, das Lied mit dem unvergleichlich rührenden, stets wiederkehrenden Schlußvers: „Möchtest du nur glücklich sein, glücklich hier auf Erden.“ Oder sein Waldhorn klang über die Heide: „Behüt dich Gott, es wär so schon gewesen.“ Aber dann schlief Anna schon; und morgens in der Schulstube, wenn er den beiden gegenübersaß, mit dem allwissenden Lächeln, versank alles im Eifer seiner gottesfürchtigen Stimme, ob er nun eine biblische Geschichte erzählte oder ob er unheilvolle Zahlen erfand, die bei Anna doch nie zusammenpaßten.

Als Anna ganz klein war, hatte sie ein Kindermädchen: Karoline Grundmann. Die wußte von der Liebe. Ihr Vater war ein großer Bauer mit einem reichen Hof; was ging den Karolines Liebe an? „Niemolen“, hatte er gesagt, als der sanfte Dorflehrer aus Ebelinghausen vor ihm stand und fragte, wann er wiederkommen dürfe; und er reckte sich dabei, daß seine allmächtige Gestalt bis unter die Decke reichte, denn er war Grundmann, Cäsken Grundmann. Da verbarg Karoline ihre Liebe hinter einer großen, dumpfen Traurigkeit und wurde Kindermädchen bei der kleinen Anna.

Frau Sophie überließ ihr das Kind beruhigt, denn sie hatte ein feines stilles Benehmen; und Anna fühlte sich wohl bei ihr.

Später, als Anna älter wurde, besuchte sie manchmal Karoline in dem schwarz-weißen Fachwerkhof, auf den sie damals heiraten mußte, obgleich Nordkämper, ihr Mann, trank und den Hof hatte verlottern lassen.

Und bei Karoline gab es Pickert mit Bickbeeren. Deshalb erinnerte Erli so oft daran, daß sie zu Karoline wollten.

Erli kam jeden Morgen mit Herrn Kandidat Busse von Haus Brocke zu den gemeinsamen Schulstunden herübergefahren. Seine Mutter, Frau Steinbeck, hatte es so gewünscht. Sie war die Schwester von Hauptmann Helhusen, und seit ihr Mann starb, mußte der Bruder bei Erlis Erziehung helfen, denn sie war leidend und verbrachte die Tage auf dem Diwan, betreut von Fräulein Rabe, der Gesellschafterin aus den Ostseeprovinzen.

Oft blieb Herr Busse auch den Nachmittag. Das liebte Anna nicht, denn dann mußten sie und Erli mit Herrn Busse spazierengehn, auf richtigen Wegen durch die Wiesen und im Wald. Herr Busse wußte ja gar nicht, daß es große Berge im Wald gab, wenn man nur vom Wege abging, und Flüsse und Seen, wie in der weiten Welt, von der sie lernen mußten. Aber Herr Busse paßte immer auf, daß sie keine nassen Füße kriegten.

Mit Erli spielte sie gern: im Kartoffelkeller, wo es allein zu dunkel war, und auf dem Floß, das Tischler Brömmelmeier aus zwei Tonnen für sie zusammengeschlagen hatte; darauf machten sie weite Reisen um den ganzen Teich. Am schönsten war es unter der großen Steinbrücke. Oder sie kletterten im Hof auf einen Leiterwagen und fuhren mit ins Feld und freuten sich, wenn es vom Wege herunterging, daß ihre Backen tüchtig von der Erschütterung wackelten.

Aber Erli hatte meistens Wichtigeres zu tun. Er mußte Frittken Knollmann im Schweinestall helfen. Da stampfte er die Rüben und zerrührte die heißen Kartoffeln. Er hatte auch ein kleines Buch, in das trug er genau seine Arbeitszeit ein: ein Achteltag, ein Zehnteltag, und Sonnabend mußte er bis zum Abend bleiben, damit er um sieben mit allen Arödern zusammen aufs Kontor gehen konnte und von Onkel Helhusen seinen Lohn holen.

Zu Hause war man nicht so begeistert für diese Tätigkeit. Fräulein Rabe, die Gesellschafterin aus den Ostseeprovinzen, empfing ihn stets mit einem wehmütigen Zug um die Nase: „Mir schee’int, du warst wieder im Schwee’inestall!“

Meistens spielte Anna allein. Immer wieder im Bach in der Fohlenweide. Sie baute aus den Steinen Wege, daß man durchgehen konnte, oder sie dämmte das Wasser ab, oder sie setzte sich auf den großen Klumpen in der Höhle, wo das Wasser unter dem Wege durchfloß, und sah dem Bach zu, wie er ganz langsam und vorsichtig aus der Wiese ankam und leise mit den großen Blättern am Ufer redete.

Sie nahm Erli nie mit an den Bach; Erli hätte das langweilig gefunden oder Molche gesucht und das Wasser trübe gemacht. Es durfte auch niemand wissen, daß sie noch die ganzen Nachmittage mit dem Bach spielte, als sie schon ein großes Mädchen war.

Aber nirgends fühlte sie sich so geborgen wie zwischen den hohen lehmigen Ufern. Der Bach und sie kannten sich genau; sie hätten sich an der Hand nehmen können und verträumt durch die Wiesen wandern, fern, zwischen den heidigen Hügeln hindurch, hinter denen die weite Welt lag.

Der Bach war so beglückend, weil niemand von ihm wußte außer Anna. Alles, wovon die andern wußten, enttäuschte auf einmal durch irgend etwas Unverständliches, worüber man weinen mußte. So war es zum Beispiel mit den Puppen. Wie viele herrliche Puppen hatte sie nicht in ihrer Kinderstube auf kleinen Stühlen sitzen. Aber sie mochte sie nicht. Denn da war der Puppenkoffer das Unverständliche, Feindliche: er war immer unordentlich. Nicht, daß Anna das gestört hätte, nein; aber sie bekam Schelte deswegen und mußte ihn wieder aufräumen; und wenn sie dann was herausholte, war er eben wieder unordentlich; und sie bekam wieder Schelte. Dann geschah es, daß sie lange, lange vor diesem Koffer am Boden sitzenblieb und weinte; ganz leise. Der kleine Körper hob sich bei jedem Schluchzen, und in den Augen standen die großen Tränen still, bevor sie langsam herunterrollten. Wenn Karoline früher dieses Weinen sah, schüttelte sie jedesmal den Kopf, das wäre doch nicht zu begreifen, daß ein Kind wegen so einem bißchen so weinen täte. Aber es war auch gar nicht wegen dem bißchen; weshalb eigentlich, das wußte niemand, auch nicht die kleine Anna.

Es gab soviel Unerforschliches, wovon man nicht wissen konnte, warum es so war. Warum doch zum Beispiel, wenn Besuch kam, alle anders waren als sonst, anders aussahen und anders sprachen. „Das muß so sein“, dachte Anna und versuchte möglichst schnell wieder zu entschlüpfen, nachdem das Guten-Tag-Sagen in der reinen Schürze überstanden war.

Wenn Doktors und Amtmanns aus der Stadt kamen, brachten sie Käthe und Milchen mit, die so alt waren wie Anna und ihre Freundinnen hießen.

Anna träumte oft wochenlang vorher von ihrem Kommen. Bei allem besondern, das sie fand, dachte sie, daß sie es ihnen zeigen würde; eine Röttekuhle ganz tief in der Heide, eine Wippe in der Scheune, oder so viel Schlüsselblumen auf einer Wiese, daß man nicht wußte, ob man jubelte oder weinte – weil dort der Frühling wohnte.

Aber wenn Käthe und Milchen dann kamen, zeigte sie es nicht. Weil es wohl doch nicht schön genug für sie war. Denn Käthe und Milchen schienen ihr so fein und so klug. Schon allein der Glanz ihres blonden Haares verwirrte Anna.

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