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Die keltische Schwester

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Inhaltsübersicht

Anfangsknoten

1. Faden, 1. Knoten

2. Faden, 1. Knoten

1. Faden, 2. Knoten

2. Faden, 2. Knoten

3. Faden, 1. Knoten

2. Faden, 3. Knoten

4. Faden, 1. Knoten

2. Faden, 4. Knoten

5. Faden, 1. Knoten

2. Faden, 5. Knoten

6. Faden, 1. Knoten

2. Faden, 6. Knoten

7. Faden, 1. Knoten

8. Faden, 1. Knoten

9. Faden, 1. Knoten

6. Faden, 2. Knoten

9. Faden, 2. Knoten

10. Faden, 1. Knoten

1. Faden, 3. Knoten

5. Faden, 2. Knoten

5. Faden, 3. Knoten

Knoten 1. und 2. Faden

11. Faden, 1. Knoten

3. Faden, 2. Knoten

6. Faden, 3. Knoten

9. Faden, 3. Knoten

6. Faden, 4. Knoten

Knoten 1. und 3. Faden

11. Faden, 2. Knoten

Knoten 1. und 3. Faden

11. Faden, 3. Knoten

6. Faden, 5. Knoten

Knoten 1. und 7. Faden

11. Faden, 4. Knoten

8. Faden, 2. Knoten

Knoten 1. und 9. Faden

4. Faden, 2. Knoten

Knoten 1. und 7. Faden

11. Faden, 5. Knoten

6. Faden, 6. Knoten

Knoten 1. und 3. Faden

8. Faden, 3. Knoten

1. Faden, 4. Knoten

11. Faden, 6. Knoten

Knoten 1, 5. und 9. Faden

11. Faden, 7. Knoten

3. Faden, 3. Knoten

Knoten 1. und 7. Faden

6. Faden, 7. Knoten

Knoten 1. und 11. Faden

1. Faden, 5. Knoten

6. Faden, 8. Knoten

8. Faden, 4. Knoten

1. Faden, 5. Knoten

12. Faden, 1. Knoten

11. Faden, 8. Knoten

Knoten 3. und 4. Faden

7. Faden, letzter Knoten

12. Faden, 2. Knoten

9. Faden, 2. Knoten

4. Faden, 3. Knoten

Knoten 5. und 12. Faden

11. Faden, 9. Knoten

3. Knoten 1., 3. und 4. Faden

5. Faden, 4. Knoten

4. Faden, 5. Knoten

8. Faden, 5. Knoten

Knoten 3. und 4. Faden

Knoten 4. und 5. Faden

5. Faden, 5. Knoten

Knoten 1. und 2. Faden

4. Faden, 6. Knoten

13. Faden, 1. Knoten

11. Faden, 10. Knoten

8. Faden, 6. Knoten

9. Faden, 4. Knoten

5. Faden, 6. Knoten

5. Faden, 7. Knoten

6. Faden, 9. Knoten

Knoten 1. und 2. Faden

Knoten 5., 9. und 12. Faden

Knoten 5. und 2. Faden

Knoten 5., 8., 11. und 12. Faden

Knoten 1., 2. und 11. Faden

Knoten 1., 4. und 6. Faden

8. Faden, 7. Knoten

Knoten 1. und 5. Faden

Knoten 1., 2. und 5. Faden

8. Faden, 8. Knoten

Knoten 1., 2. und 13. Faden

Knoten 5. und 11. Faden

8. Faden, 9. Knoten

Knoten 4., 5. und 13. Faden

Knoten 3. und 4. Faden

Knoten 6. und 8. Faden

3. Faden, letzter Knoten

Knoten 2. und 9. Faden

Faden 1., 2., 5., 9. und 11. Knoten

8. Faden, letzter Knoten

Faden 1., 5. und 6. Knoten

Knoten 1. und 5. Faden

Knoten 5. und 12. Faden

Knoten 1., 2. und 5. Faden

6. Faden, letzter Knoten

Fester Knoten 1. und 5. Faden

1. Faden, letzter Knoten

Nachwort

 

Ich bin ein Schwert in der Hand des Kämpfers,

Ich bin ein Schild in der Schlacht gewesen.

Ich bin die Saite einer Harfe gewesen

und das neun Jahre lang.

Ich bin das Wasser, der Schaum,

Ich bin ein Schwamm im Feuer gewesen,

Ich bin in der Tat ein geheimnisvolles Holz.

Taliesin

Anfangsknoten

Lange Zeit dachte ich, alles, was mir widerfahren ist, sei von Bedeutung.

Ich dachte auch, es habe erst nach meiner Begegnung mit dem Stein begonnen. Doch heute weiß ich es besser.

Allerdings habe ich eine ganze Weile gebraucht, um überhaupt dahinterzukommen, was es mit dem Stein auf sich hatte. Wie blind irrte ich durch diese Welt, schwer trug ich an meiner Last. Nebel und Dunkelheit umgaben mich, mein Weg war rau und steinig. Er führte mich durch Schlamm und Moore, über schwankende Brücken, unter denen namenlose Abgründe drohten, durch reißende Furten und trügerische Strudel. Ich musste mich gegen eisige Winde stemmen und meinen Weg durch die dürren Wüsten eines verdorrten Landes suchen.

Wie ein jeder, der sich auf die Suche macht.

Und doch war der Weg nicht völlig trostlos. Tröstung fand ich und kurze Ruhepausen, Quellen taten sich auf an Stellen, wo sie nie zu erwarten waren, Sonne wärmte mich, wenn ich durchnässt und zitternd meine Last aufnahm, und der Anblick seltener Schönheit erquickte meine müden Augen, wenn der Weg zu steil schien und die Berge unüberwindlich. Ein Zweiglein voller Schneekristalle, ein beschneites Feld in blasser Wintersonne, eine stille Quelle im tiefen Dunkel des Waldes, die flammenden Wolken über dem Meer, die dunkle Höhle unter den Bergen und schließlich der junge Mond über dem Haupt meines Geliebten.

Ich fand Hoffnung – wie alle.

Ich fand auch mein Ziel. Denn – und auch das lernte ich viel, viel später – ich hatte einen Führer. Ich hatte jemanden, der diesen Weg bereits gegangen war und dem daran lag, dass auch ich ihn ging. Auch wenn ich mich anfangs wehrte und weigerte.

Vielleicht kommt nicht jeder an das Ziel, doch in jedem von uns steckt die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dieser einen Anderen Welt, der Autre Monde, in der immerwährender Friede und Schönheit herrschen, wo Speise und Trank nie versiegen, wo man frei von Trauer und Gram, Kummer und Leid, Krankheit und Schmerzen lebt und teilhat an den tiefsten Weisheiten.

Ich zitiere hier sinngemäß einen alten Barden. Er hatte recht – in gewisser Weise.

Denn es gibt auch andere Welten, die weniger freundlich sind.

Vor langen Zeiten, in älteren Kulturen, gab es Frauen und Männer, deren Aufgabe es war, den Weg in jenes Land zu beschreiten, aus dem die Dichter ihre Inspiration, die Sänger ihre Lieder, die Künstler ihre Visionen holten. Menschen, die das Wissen um die Gefahren und Hindernisse auf dem Weg dorthin hatten und die Macht, sie zu bewältigen.

Heute sind wir alleine gelassen, und wer sich auf die Reise macht, wird oft von den Schrecknissen überwältigt.

Aber die Sehnsucht bleibt.

Doch geht man den beschwerlichen Weg, ist der Gewinn umso größer. Denn niemand wandert in der Autre Monde und kommt unverändert zurück. So warnte mich einer, der es wissen musste.

Kurz, ich wurde auf den Weg dorthin gebracht. Dorthin gezerrt, wie Teresa es ausdrückte.

Und das, was ich fand, zeigte mir nur, dass meine Geschichte älter ist, viel älter ist, als ich glaubte. Älter als Danu, meine hilfreiche ältere Schwester, die mich lehrte, was es bedeutet, ein Opfer zu bringen. Älter als die Menschen, die den Stein so mühevoll errichteten. Älter als die Gattung der Säugetiere, deren erste Vertreter die Mäuse waren.

Sie ist so alt wie die Erde.

So alltäglich wie sie – natürlich.

Und so albern – manchmal.

Wie alles – natürlich.

 

Dem Stein übrigens, dem Menhir dort an der lieblich-rauen Küste am Ende der Welt, dem war das alles ziemlich gleichgültig.

1. Faden, 1. Knoten

»Meine Herren, ich freue mich, Sie heute zu diesem Seminar begrüßen zu können, und hoffe …«

Welch ein Aufstieg in die Herrenrasse! Es mochte vielleicht dem Seminarleiter, der sich als ein Herr Müller vorgestellt hatte, auf den ersten Blick entgangen sein, dass in der Runde der knapp zwanzig Herren auch eine Dame saß. Aber, na ja, wir waren ja gerade erst bei den einleitenden Worten dieser Unterweisung.

»… werden wir nach dem theoretischen Teil natürlich sofort in die praktische Anwendung einsteigen. Dazu haben wir im Nebenraum Bildschirme aufgestellt, an denen Sie, meine Herren, dann in kleinen Gruppen …«

Schön, auch aus der Teilnehmerliste war vermutlich nicht zu erkennen, dass sich auch eine Frau zu dem Seminar über Netzplan-Technik angemeldet hatte. Ich unterschreibe nun mal mit A. Farmunt, denn Amalindis ist ein Name, der mir, milde gesagt, Übelkeit verursacht. Meiner Mutter hingegen gefällt er noch immer so gut, dass sie es sich bis heute nicht nehmen lässt, mich immer in voller Länge damit anzusprechen. Was mein Verhältnis zu meiner Mutter ausreichend beschreibt.

»Wie Sie wissen, meine Herren, entstand die Netzplan-Technik 1957 als Methode zur Planung von Projekten. Die ersten Einsatzgebiete waren die Entwicklung des Waffensystems POLARIS, der Bau von Kernkraftwerken und …«

Das Blabla war mir nichts Neues. Mich interessierte die Umsetzung mit dem DV-Programm, das bei KoenigConsult eingesetzt werden sollte. Doch so bedeutungsvoll, wie der Herr Seminarleiter jetzt mit den Folien seines Vortrags raschelte, konnte ich getrost für die nächste Stunde in einen gepflegten Halbschlaf versinken.

Tat ich natürlich nicht, aber ich widmete meine Aufmerksamkeit anderen Dingen. Zum Beispiel dem Nachbarn zu meiner Linken. Er war mir vor ein paar Tagen als der verantwortliche Projektleiter für das Vorhaben vorgestellt worden, in dem auch ich eine entscheidende Rolle spielen durfte. Sein Name war Wulf Daniels. Er mochte so Anfang, Mitte dreißig sein, überragte mich locker um Haupteslänge, trotz meiner hochhackigen Schuhe. Und ich bin nicht gerade klein zu nennen. Das Haupt, um das er mich überragte, war blondgelockt und gepflegt vollbärtig. Ich suchte in den diversen Schubladen, in die ich Männer bequemerweise einzusortieren pflegte, nach der mit einer passenden Aufschrift, fand aber im ersten Moment nur die Klassifizierung »interessant«.

Um spezieller in der Beurteilung zu werden, beobachtete ich ihn unauffällig weiter. Mein Nachbar trug Hemd und einen weichen Pullover, der nach anschmiegsamem Kaschmir aussah. Für die Jahreszeit war er zu braun, die Härchen auf seinen Handgelenken schimmerten golden, die Hände waren sehnig und ließen den geübten Tennisspieler vermuten. Die Farbe stammte entweder von der Sonnenbank oder einem langen Winterurlaub. Er hatte sich auf seinem Stuhl lässig zurückgelehnt und schien ähnlich gelangweilt wie ich. Dennoch, es blieb bei »interessant«, allerdings mit einem kleinen Plus dahinter.

»Und, meine Herren, wir werden uns daher mit der Methode der Vorgangs-Knoten-Technik auseinandersetzen. Gegeben sei ein beliebiges Projekt mit einer definierten Anzahl von Ereignissen …«

Jetzt wurde der Seminarleiter auch noch schulmeisterlich!

Ich schloss die Betrachtung zu meiner Linken ab und widmete mich dem Herrn zu meiner Rechten. Auch er war mir bereits bekannt, denn er sollte als mein Mitarbeiter zukünftig die Planung mit betreuen? Im Gegensatz zu dem interessanten Wulf saß er aufmerksam und aufrecht in seinem graubraunen Tweedanzug neben mir. Auf seiner Strickkrawatte bemerkte ich einen Eigelb-Flecken. Die Schublade, in die Herbert Schweitzer passte, war leicht zu finden, sie war ebenso graubraun wie langweilig. Als Mann sozusagen uninteressant, als Mitarbeiter – nun, man würde sehen. Wahrscheinlich würden wir gewisse Anfangsschwierigkeiten überwinden müssen, denn Männer über fünfzig haben manchmal Probleme mit vorgesetzten Frauen unter dreißig. Gut, ganz, ganz knapp unter dreißig.

»Jedem Vorgang, jeder Tätigkeit oder jedem festen Termin, wir nennen diese Meilensteine, ist in dieser Form der Planung ein sogenannter Knoten zugeordnet. Dieser Knoten hat …«

Herbert Schweitzer schrieb eifrig mit, Wulf rutschte noch ein Stück tiefer in seinem Stuhl zusammen und sah unter halbgeschlossenen Augen zu mir hin. Ich musste ein Gähnen unterdrücken, und er zwinkerte mir zu, wobei sich kleine Lachfältchen um seine Augen bildeten. »Sehr interessant«, korrigierte ich und versuchte, das unwillkürliche Lächeln aus meinem Mundwinkel zu wischen.

»Ich hoffe, wir kommen langsam mal zum praktischen Teil, der Typ ödet einen ja entsetzlich an«, flüsterte mein Nachbar mir zu.

»Hoffentlich. Ich bin kurz davor, in einen komatösen Zustand zu versinken«, wisperte ich zurück.

»Meine Herren, ich darf doch um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit bitten.«

»Mich kann der nicht gemeint haben«, rutschte mir heraus, und Wulf grinste.

Ich fügte dem »sehr interessant« ein »weiter beachten« hinzu.

»Um es Ihnen anschaulich zu machen, werde ich die Methode an einem simplen – äh – hausfraulichen Beispiel verdeutlichen, das auch Ihnen, meine Herren, nicht fremd sein dürfte. Wir stellen uns vor, eine solch hochkomplexe Tätigkeit wie das Abwaschen schmutzigen Geschirrs in seine schlichten Vorgänge zu zerlegen …«

Ich erkannte in Wulfs Augen die Frage: »Na, wie lange noch?«

Nicht mehr lange, beschloss ich. Herr Müller erläuterte soeben, wie die Tätigkeiten Wassererwärmen, Töpfesortieren und -abspülen miteinander verknüpft waren, zumal, wenn um – kicher, kicher – viertel nach eins ein wichtiger Friseurtermin anstand.

Ich liebe Männer, die auf Kosten dummer Frauchen kleine Witze reißen!

Meine anfängliche Belustigung ging in ein erstes, verhaltenes Knurren über, als er das nächste Mal wieder ausschließlich die Herren anredete. Ich malte den simplen Plan auf, dann verzierte ich das Diagramm auf meinem Block mit einem verschnörkelten Rankenmuster. Eine dumme, aber harmlose Angewohnheit von mir. Meine Schulbücher, meine Notizblöcke, mein Telefonbuch, Servietten und Zeitungen sollte man für die Nachwelt erhalten, es sind Meisterwerke ornamentaler Kleinkunst.

Inzwischen hatte auch der Seminarleiter das Bild des Netzplans am Board vielfarbig und künstlerisch ausgestaltet.

Ich sah auf die Uhr. Wir hatten inzwischen zwei Stunden mit derartigen Nichtigkeiten verplempert, die von der eigentlichen praktischen Arbeit abgingen. Ich erlaubte mir, mich zu Wort zu melden, als der Seminarleiter in seinen Unterlagen nach weiteren Folien kramte.

»Herr Müller, vielleicht haben Sie bemerkt, dass wir uns, was den Unterrichtsablauf anbelangt, deutlich auf dem kritischen Pfad befinden. Es wäre vielleicht ganz angeraten, die Intelligenz Ihrer Zuhörer nicht weiter zu unterschätzen und mit derartigen Beispielen aufzuhören. Wir sind hier, um uns mit dem DV-Programm vertraut zu machen. Ich denke, Sie dürfen beruhigt voraussetzen, dass die anwesenden Damen und Herren mit der Materie der Planung vertraut sind.«

Eine durch den Raum fliegende Kuh hätte ihn nicht mehr erschüttern können. Ein leises Raunen ging durch die Gesellschaft, das nicht fern von Belustigung war.

Immerhin nahm er mich jetzt wahr.

»Frau – äh – äh …«

Ich half ihm nicht.

»Also, Frau – äh –, wir müssen selbstverständlich zuerst die theoretischen Grundlagen erarbeiten. Ich muss Sie doch bitten, Ihren Übereifer noch ein wenig zu bremsen, wir haben noch einige wesentliche Themen abzuhandeln. Meine Herren …«

»Im Übrigen möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich Wert auf eine höfliche Anredeform lege. Ich heiße weder Frau Äh noch ›meine Herren‹.«

Oh, ich war sauer!

Und Herr Müller für einen Augenblick mundtot.

Diese Schweigeminute nutzte einer der Teilnehmer, um vorzuschlagen, doch eine kleine Pause einzulegen. Wortlos nickte Herr Müller, und wir standen auf, um uns auf dem Gang die Füße zu vertreten.

 

»Sie haben dem armen Mann aber sehr deutlich gemacht, was Sie von ihm halten, Frau Farmunt«, sagte mein interessanter Kollege neben mir.

»Er hat doch auch sehr deutlich gemacht, was er von dummen Frauchen hält, Herr Daniels, oder?«

»Oh, nicht dass ich Mitleid mit ihm habe. Er benimmt sich stoffelig. Sie sind wahrscheinlich schon häufiger derart selbstgefälligen Typen begegnet. Frauen sind eben noch immer selten in solchen Positionen. Keiner bedauert das mehr als ich.«

Sein Lächeln hatte was. Doch. Darum überhörte ich für diesmal die kleine, unpassende Bemerkung am Ende.

»Wo ist denn unser Herr Schweitzer geblieben?«, fragte ich und sah mich um. Durch die offene Tür zum Seminarraum sah ich ihn am Tisch von Herrn Müller stehen und aufmerksam dessen Worten lauschen.

»Er hat es nicht so leicht wie Sie, Frau Farmunt. Schweitzer ist erst vor kurzem in Ihre Abteilung gekommen. Er hat – nun ja – weniger theoretische Vorkenntnisse.«

»Wollen Sie mir damit andeuten, dass mein Mitarbeiter von der Thematik, in der er mich unterstützen soll, keine Ahnung hat? Das hat mir Dr. Koenig bei dem Einstellungsgespräch allerdings dann vorenthalten.«

»Sagen wir, er hat quasi praktische Erfahrungen, Schweitzer hat lange auf Baustellen vor Ort gearbeitet. Ich selbst habe aber mit ihm auch noch nicht zu tun gehabt.«

»Na prima!«

»Ehrgeizig, was?«

Ich zuckte mit den Schultern. Klar war ich ehrgeizig. Sonst wäre ich nicht hier auf dieser Stelle gelandet.

 

Die Seminarteilnehmer versammelten sich inzwischen wieder in dem Raum und nahmen ihre Plätze ein. Meine Stimmung war eine Mischung von Ungeduld und schlechter Laune, was sich nicht dadurch besserte, dass Herr Müller jetzt überaus betont die Anrede »Frau Farmunt, meine Herren« pflegte.

»Frau Farmunt, meine Herren, es hat sich in der kurzen Pause gezeigt, dass durchaus noch Verständnisfragen zu dem theoretischen Teil bestehen, so dass ich jetzt gerne noch einmal für alle rekapitulieren möchte.«

Ich sah zu Herbert Schweitzer hin, der wieder gespannte Aufmerksamkeit demonstrierte.

Aha, große Schwierigkeiten!

2. Faden, 1. Knoten

Auf der glutflüssigen Lava bildete sich eine dünne Hülle aus krustigen, erstarrten Steinmassen, als der unablässig kreisende Erdball allmählich abkühlte. Wie Schollen schwammen sie auf dem glühenden Meer, stießen aneinander, schoben sich übereinander, türmten sich hier zu Gebirgen auf, brachen dort zu tiefen Schluchten auseinander.

Aus den jungen Bergen quoll wie Blut aus frischen Wunden flüssiges Gestein, wirbelten Wolken aus Asche empor, Gase und Staub. Die Urkontinente, noch bloß und karg, ohne Leben, bewegten sich unendlich langsam gegeneinander, und an den Kanten, da, wo sie aneinanderrieben, bauten sich an den Bruch- und Verwerfungsstellen ungeheure Spannungen auf. Manchmal wurde die Spannung zu hoch, und unter mächtigem Beben rissen sie sich voneinander los, brach hartes Gestein auf, falteten sich Gebirge zu himmelhohen Klippen.

Später bildete sich aus den Gasen Wasser, es regnete. Meere und Ströme entstanden, ihre Wasser überfluteten das Land, spülten Gräben und Höhlen aus und sammelten sich in tiefen Gesteinsschichten. Die rauen Konturen wurden glattgeschliffen, Staub rieb im Wind an dem harten Fels, lagerte sich ab, verdichtete sich und wurde später zu fruchtbarem Boden.

Die Erde wurde älter, und ihre dünne Haut wurde durchzogen von einem Flechtwerk aus über- und unterirdischen Wasserläufen, sie bekam alte Narben von Rissen und Brüchen, sie war durchwachsen von Adern aus metallhaltigem Erz und von kristallisierten Mineralien. Manches Gestein enthielt strahlende Elemente, manches magnetische Kräfte. Manches auch solche Kräfte, die der Mensch noch nicht entdeckt hat, noch nicht mit seinen Erkenntnissen erklären kann.

Trotzdem sind sie da, diese Kräfte, wenn auch nicht alle sichtbar, nicht messbar, aber doch spürbar für die, die Sinne haben, sie zu fühlen. Sie ziehen sich durch Täler und Berge, durch glühende Geröllwüsten, durch eisige Tundren, durch düstere Wälder, goldene Steppen, entlang der schroffen Küsten und durch liebliche Auen. Und dort, wo sich diese Ströme, die Pfade der Kraft, in der Erde kreuzen, gab es schon immer auffällige Phänomene.

Es wachsen dort vielleicht seltsam geformte Pflanzen, oder es bleiben Stellen unerwartet kahl. Manche dieser Plätze werden auch von den Lebewesen gemieden, doch an vielen treffen sich dort Jahr ein, Jahr aus Scharen von Vögeln, dorthin ziehen sich die Tiere zurück, um ihren Nachwuchs zu gebären oder um den Tod zu erwarten.

An den Knotenpunkten der Kraftlinien geschahen schon immer sonderbare Dinge.

Menschen, die fühlen können, finden dort die Tore zur Autre Monde. Wenn sie es wagen, die Brücke zu überschreiten, kommen sie immer verändert zurück.

Sie wurden als Weise geachtet, als Wissende und Führer, als Hexen verbrannt und als Wahnsinnige eingesperrt.

1. Faden, 2. Knoten

Die nächste Stunde war von so entsetzlicher Langeweile, dass ich meine Gedanken einfach wandern ließ.

Es war vor etwa einem halben Jahr gewesen, wenn ich so zurückdachte. Ja, vor einem halben Jahr, genau nach diesem katastrophalen Urlaub in Kenia. Die Gruppe von Freunden und Bekannten, der ich mich angeschlossen hatte, entpuppte sich als schlichtes Chaos-Team. Ein Pärchen lag sich ständig in den Haaren, zwei weitere versanken in namenloser Leidenschaft, jedoch nicht zu den eigenen Partnern, eine der Frauen rang mit Scheidungsgedanken und einem erhöhten Tablettenkonsum und ich mit einer Virusinfektion.

Als ich nach Hause zurückkam, war ich fertig mit den Nerven und eigentlich urlaubsreif. Wahrscheinlich war das der Grund, dass ich eines Morgens in den Spiegel sah und darin das eigenartige Bild erblickte, wie ich leicht verschoben neben mir stand. Es war nicht etwa eine optische Täuschung oder gar irgendwelche Sehstörungen, es war eher der Eindruck dessen, was ich fühlte.

Es war sehr unangenehm, und ich versuchte, der Sache nachzugehen. Rein vom Verstand her betrachtet fand ich aber nichts, womit ich mir dieses seltsame Gefühl der Entfremdung erklären konnte. Ich hatte seit sechs Jahren einen guten Job in einem renommierten Unternehmen, man kümmerte sich um mein berufliches Fortkommen mit einem Förderprogramm, meine Wohnung lag in einer günstigen Innenstadtlage, wenngleich sie ein Vermögen kostete, meine Beziehungen zu Männern gestaltete ich ohne große Gefühlsverwicklungen.

Und dennoch, irgendetwas, das ich nicht benennen konnte, hatte angefangen, mich unruhig zu machen. Es war eine gewisse Eintönigkeit, beinahe so, als ob mein Leben nur noch in Grautönen ablief, die Farben wollten nicht so recht leuchten, über allem lag ein trüber Schleier. So war es vermutlich nicht nur dem reinen Zufall zu verdanken, dass ich eines Samstags die Stellenangebote durchblätterte und auf die Anzeige der KoenigConsult stieß. Ich handelte vielleicht etwas überstürzt mit meiner Bewerbung – ich hatte noch nicht einmal alle Papiere zusammen. Trotzdem erhielt ich schon nach zwei Wochen die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.

 

»Frau Farmunt, meine Herren …«

Ich zuckte zusammen. Es ist lästig, ständig mit dem eigenen Namen angesprochen zu werden. Aber es war korrekt so, und ich konnte mich dagegen jetzt nicht mehr wehren. Zumindest hatte der Seminarleiter seinen Teil endlich beendet, und wir durften in Gruppen an die Terminals im Nebenraum.

»Ich denke, wir drei Koenige bleiben zusammen«, schlug mein Nachbar vor. Ich nickte, und auch Schweitzer stand auf, um gemeinsam mit uns zu einem Tisch am Fenster zu gehen.

Da ich in der Mitte saß, lag die Tastatur einladend vor mir. Ich schaltete das Gerät ein und hatte kurz darauf das Eingangsbild des Programms auf dem Schirm.

Ich merkte sofort, dass Daniels keine Probleme mit dem Programm hatte, Schweitzer jedoch die Computerarbeit völlig fremd war. Aus Übungszwecken überließ ich ihm daher die Eingaben, aber er stellte sich so schwerfällig an, dass ich bald wieder in die jüngere Vergangenheit versank.

 

Das Vorstellungsgespräch fand an einem Freitagnachmittag im Spätsommer statt. Ich war erstaunt, dass der Inhaber der Firma es höchstpersönlich führte. Aber dann sagte ich mir, dass bei einem kleineren Unternehmen so etwas durchaus noch üblich war. Ich war jedenfalls angenehm überrascht von Dr. Koenig. Er mochte an die sechzig sein, wirkte aber energisch und sehr gradlinig. Vielleicht ein wenig kurz angebunden.

»Ich möchte Ihnen zunächst einmal die Ausgangssituation schildern, Frau Farmunt. Dann werden Sie mir sagen, wie weit Sie sich einer solchen Aufgabe gewachsen fühlen, und ich werde mir anschließend ein Bild von Ihren Fähigkeiten machen.«

Ich nickte. Es hatte etwas von Prüfungsatmosphäre, dieses Gespräch, aber ich bin ziemlich stressbelastbar.

»Es gibt ein von der französischen Regierung unterstütztes Programm, den Fremdenverkehr in der Nord-Bretagne zu fördern. Sie haben ja unserer Firmeninformation entnehmen können, welche Form der Leistung wir anbieten.«

Ich nickte erneut. Natürlich hatte ich mir das Info-Material sorgfältig durchgelesen. KoenigConsult hatte sich einen durchaus beachtlichen Namen gemacht bei der Planung und Abwicklung im Bau von Freizeitanlagen. Von Schwimmbädern angefangen bis hin zu ganzen Hotelkomplexen. Aber auch Randgebiete dazu hatten sie bearbeitet, die Renovierung eines Schlosses aus dem vierzehnten Jahrhundert, Kirchensanierungen, Museen …

»Es gibt für die Bretagne die Vorstellung, dort einen Freizeitpark zu bauen, Sie kennen das vermutlich, die OceanParks gehören dazu.«

Ich nickte abermals, und Koenig fuhr fort: »Auftraggeber ist ein Ihnen nicht unbekannter mediterraner Ferienclub-Betreiber. Ein internationales Konsortium wird die Abwicklung übernehmen. Allerdings existiert noch ein konkurrierendes Projekt, das von einer europäischen Kommission vorangetrieben wird. Es soll ein Freilichtmuseum für Keltische Geschichte entstehen. Sie wissen, die Bretonen legen großen Wert auf ihre kulturellen Wurzeln aus dieser Zeit.«

Wusste ich zwar nicht, aber eine eingehende Kenntnis bretonischer Kulturgeschichte war vermutlich nicht Voraussetzung für die Position.

Jedenfalls war das Vorstellungsgespräch gut gelaufen, offensichtlich hatten meine Qualifikationen und meine vielleicht nicht ganz unintelligenten Fragen Dr. Koenig überzeugt, dass ich der Aufgabe gewachsen sein könnte.

»Zuletzt noch eine mehr persönliche Frage, Frau Farmunt. Das Projekt verlangt, dass ein Teil der Planungsarbeiten auch vor Ort durchgeführt wird. Wir werden ein Baustellenbüro in Frankreich einrichten. Sind Sie bereit, auch mehrwöchige Auslandsaufenthalte in Kauf zu nehmen?«

Flüchtig tauchte vor meinen Augen eine einsame, windumtoste Küstenlandschaft auf, die nur von wenigen altertümlichen Steinhäusern besiedelt war. Mich schauderte. Ich bin keine Naturliebhaberin. Aber dann sagte ich mir, dass Frankreich schließlich zu den zivilisierten Gegenden Europas gehörte, und ich sagte: »Natürlich, Herr Dr. Koenig. Solange die Firma ein Rückflugticket bereitstellt …«

Dr. Koenig lächelte zum ersten Mal in diesem Gespräch.

»Oh, andere Menschen bezahlen beträchtliche Summen, um dort Urlaub zu machen. Es ist wirklich eine reizvolle Gegend, habe ich mir sagen lassen. Aber das ist vermutlich Geschmackssache.«

Wir verabschiedeten uns, und als ich ein paar Tage später den Bescheid bekam, dass der Vertrag auf dem Weg zu mir war, hatte ich das erste Mal wieder das Gefühl, nicht mehr so weit neben mir zu stehen.

Ohne große Schmerzen löste ich mein bestehendes Arbeitsverhältnis auf, verabschiedete mich von Kollegen und Bekannten und machte mich auf die Suche nach einer Unterkunft für die ersten Monate, bis sich herausstellen würde, ob ich die Probezeit überstehen würde.

 

Endlich durften wir wieder eine Pause machen und den Seminarraum verlassen.

»Im Prinzip finde ich diese Planungstechnik faszinierend. Im Studium mussten wir die Dinger noch ohne Computer berechnen.«

Ich ging wieder neben dem interessanten Kollegen her, der mich zielgerichtet in die Cafeteria lotste.

»Ja, vor allem zwingt es die Beteiligten, gemeinsam das Vorgehen zu durchdenken.«

»In der Tat, sauber durchdacht und methodisch aufbereitet, bietet die Planungstechnik doch eine hervorragende Vorschau auf kommende Ereignisse.«

»Das ist mir für mein Projekt auch lieber so, Frau Farmunt. Ehrlich gesagt, Ihr Vorgänger war manchmal etwas sprunghaft in seinen Aussagen, was Termine anbelangte. Übrigens, geht es Ihnen nicht ein bisschen auf die Nerven, ständig Frau Farmunt genannt zu werden?«

Oha!

»Mein Vorname ist auch nicht das Gelbe vom Ei!«

»Amalindis, nicht wahr?«

»Menschen, die Wert auf mein Wohlwollen legen, nennen mich Lindis.«

»Ich lege Wert darauf. Lindis? Ich bin Wulf, und wer es sich definitiv mit mir verscherzen will, nennt mich Wulfi.«

»Das glaube ich gerne«, sagte ich und musste kichern, denn Wulf war alles andere als der Wulfi-Typ.

2. Faden, 2. Knoten

Die Sonne schien warm vom Blau des Himmels, auf dem weiße Wolken im Wind dahinjagten. Der kleine Junge hatte wie so oft seine Gruppe verlassen und wanderte auf der Suche nach den süßen roten Früchten gedankenverloren auf den ausgetretenen Pfaden, die bis zum Strand führten. Seine Hände und sein bloßer Oberkörper waren von Beerensaft verschmiert, der kurze Lederschurz um seine Hüften starrte vor Staub und lehmiger Erde, aber er war glücklich. Er hörte die Brandung an die felsige Küste schlagen, und das Lachen und Kreischen der weißen Möwen brachten ihn auf die Idee, nach ihren Nestern zu suchen, um die Eier herauszusammeln.

Aber dann ließ er diese Idee fallen und beschloss, eine Weile an seinem Lieblingsplatz zu dösen. Er war nicht hungrig. Er und seine Leute waren überhaupt sehr selten hungrig, seit sie das Ende ihrer Wanderung erreicht hatten. Die Alte hatte sie auf Wegen, die nur ihr bekannt waren, hier an diese Küste geführt. Lange waren sie durch die Wildnis gezogen, und seine Mutter berichtete im Kreis um das Feuer oft darüber, wie sie ihn, ihren jüngsten Sohn, auf dieser Wanderung geboren hatte. Sie pries dann immer wieder die glückliche Lage der neuen Heimstatt. Es gab so viel Nahrung, dass keiner darben musste. Jeden Tag zweimal gab das Meer seine Schätze frei. Es zog sich weit bis zum Horizont zurück, und an den freigelegten Felsen konnte man zum Beispiel köstliche Muscheln sammeln. Es gab die weiße, herzförmige oder lange schwarze und natürlich die bizarren Austern. In den Wasserläufen, die den sandigen Boden durchzogen, wimmelte es von Krebsen und Krabben, Langusten und Hummern. Bei Flut schenkte ihnen das Meer Fische, und am Strand fand man die Eier der Seevögel und sogar essbare Algen. Wenn einem nicht nach den Früchten des Meeres war, dann konnte man die Früchte des Waldes sammeln, der sich weit in das Hinterland erstreckte. Erdbeeren und Wildkirschen, später Brombeeren, kleine Äpfel, Pilze und Eicheln. Manchmal brachten auch die Jäger ein Wildschwein oder eine Hirschkuh mit.

Der Junge lag bäuchlings im kurzen, weichen Gras und lauschte dem Rauschen des Meeres. Im Augenblick war es wieder ganz nahe, und die Felsen draußen, an denen die schwarzen Muscheln wuchsen, waren mit Wasser bedeckt. Er empfand es als ein immer wiederkehrendes Wunder, dieses Kommen und Gehen des großen Wassers.

Und als er so mit geschlossenen Augen döste und lauschte, da schien es ihm plötzlich, als betrete er eine andere Welt. Nein, nicht eigentlich anders, das Gras war da, die Möwen und der Himmel. Aber dennoch, Licht und Dunkelheit wechselten plötzlich in schneller Folge, und statt der Wolken zog der Mond über ihm geschwind dahin. Schmal und dünn, bald halb, bald dicker werdend, dann voll und rund, wieder magerer, ausgehöhlt, eine silberne Schale, schließlich dunkel. Seltsam war es schon, dachte der Junge, als er zum Himmel aufsah. Noch einmal wiederholte sich der Tanz des Mondes, doch diesmal tanzte das Meer mit ihm. Es kam und ging, wie der Mond es ihm befahl. Rauschte heran und küsste die Felsen, zog sich zurück in glitzernden Bändern, es kam zurück und schwand. Hin und her, auf und ab, Flut folgte auf Ebbe, Ebbe auf Flut. Die Gezeiten kamen und gingen unter dem sich wandelnden Mond. Und noch ein drittes Mal beobachtete der kleine Junge, wie das Meer und der Mond sich im gleichen Rhythmus bewegten. Doch diesmal lag eine Drohung darin, denn als der Mond dunkel wurde, erhob sich das Meer zu einer gewaltigen Wasserwand. Tosend und stürmend donnerte sie heran und wollte ihn verschlingen.

»Nein!«, schrie der Junge auf und öffnete die Augen.

Das glitzernde Wasser rollte in kleinen, schaumigen Wellen an den sandigen, sonnenwarmen Strand unterhalb der Felsen. Keine Wasserwand, kein Mond, nur ein paar Wölkchen bauschten sich am Himmel. Aber der Junge hatte noch immer Angst. Er lief so schnell er konnte den schmalen Weg zurück, der ihn zu den Hütten führte. Hier war er sicher vor der großen Welle. Oder?

Er sah zurück. Nein, hier war er nicht sicher.

Er war ein kluger kleiner Junge, der seine Umgebung neugierig wahrnahm. Zu seiner Wahrnehmung gehörte auch das, was er unten am Meer gesehen hatte. Es verwunderte ihn nicht, aber er konnte es sich auch nicht erklären. Er wusste jedoch, dass die Alte diejenige war, die ihm sicher sagen konnte, was der Tanz von Mond und Meer bedeutete.

Die Mutter des Stammes war uralt geworden. Ihr weißes Haar hing in langen Flechten über das dicke Fell, das sie jetzt auch im warmen Sonnenschein trug. Sie hatte nicht mehr viel eigene Wärme übrig. Aber ihre Augen waren wach, und ihr Wissen war ungeheuer. Sie hörte dem kleinen Jungen nachdenklich zu.

»Wasser und Mond gehören zusammen«, murmelte sie schließlich. »Ich werde das bedenken. Wie oft kehrte der schwarze Mond wieder, Junge?«

Er hob Daumen, Zeige – und Mittelfinger. »So viel!«

Ihm war es zu verdanken, dass bei der großen Herbst-Springflut drei Monate später keiner der neu zugewanderten Menschen ertrank. Sie hatten sich weit in das Innere des Landes zurückgezogen. Und anschließend beobachteten sie immer sehr gut den Mond und den Stand der Gezeiten.

Der Junge wuchs zum Mann heran, und als die Uralte starb, hatte er sich viel von ihrem Wissen angeeignet. Oft allerdings saß er an dieser Stelle im Gras, dort, wo das Meer an den Felsen brandete. Dort hatte er einen Zugang zu tiefem Wissen gefunden, dort fühlte er den Rhythmus der Natur und wurde eins mit ihm.

3. Faden, 1. Knoten

Neben dem bemerkenswerten Wulf und dem grauen Schweitzer war Dr. Koenigs Sekretärin diejenige, mit der ich gleich in den ersten Tagen bei KoenigConsult Kontakt hatte. Ich fand Karola Böhmer einerseits nett, andererseits tat sie mir immer ein bisschen leid. Sie war nicht eben das, was man robust nennt. Aber sie war bisher sehr freundlich zu mir gewesen. Doch sie hing wie ein Hungerhaken an ihrem Schreibtisch und hämmerte einen Text in den PC. Mein erster Eindruck war der einer fanatischen Anhängerin naturbelassener Rohkostdiäten, doch zeigte sich später in der Kantine, dass sie auch einer Portion Spaghetti mit Hackfleischsauce gegenüber aufgeschlossen war, was mir mal wieder zeigte, dass ich nicht vorschnell urteilen sollte.

Jedenfalls war sie damals sofort aufgesprungen, als ich ein wenig unsicher in der Tür stand und nach Dr. Koenig fragte.

»Sie müssen Frau Farmunt sein, herzlich willkommen bei uns!« Sie streckte mir beide Hände entgegen und strahlte mich an. »Es ist ja ganz schrecklich, aber Dr. Koenig musste heute Morgen völlig unerwartet verreisen, sonst hätte er Sie bestimmt selbst begrüßt. Kommen Sie, ich zeige Ihnen erst einmal Ihr Zimmer. Gleich hier nebenan. Und, ach ja, ich bin Karola Böhmer. Ich werde auch für Sie zuständig sein. Na, kommen Sie. Hier entlang!«

Mit diesem Begrüßungsschwall wurde ich in einen kleinen, aber erfreulich geschmackvoll möblierten Büroraum geführt. Helles Grau herrschte vor, auf dem Schreibtisch ein PC und eine der neuesten Telefonanlagen, die ich je gesehen hatte. KoenigConsult schien es beruhigend gut zu gehen.

»Ich habe Ihnen hier schon einmal die wesentlichen Unterlagen hingelegt, Angebote, Kopien des wichtigsten Schriftverkehrs und so weiter. Und, na ja, ein Buch habe ich für Sie aus der Bücherei mitgebracht, damit Sie schon mal sehen, wohin Sie Ihre Aufgabe führt.«

Das war nun richtig lieb von ihr, ein dicker Bildband über die Bretagne lag für mich bereit. Ich bedankte mich herzlich und ließ mich in meinem neuen Sessel nieder. Nebenan flötete melodisch das Telefon, und Frau Böhmer huschte mit einem entschuldigenden Lächeln zurück an ihren Platz.

Neugierig blätterte ich also die Unterlagen durch, die sie mir so aufmerksam zusammengestellt hatte, und fand darunter auch einen Fragebogen der Personalabteilung. Das erinnerte mich daran, dass ich mich dort wohl auch besser mal melden sollte. Ich nahm den Hörer des Telefons ab und wählte die angegebene Nummer.

Nichts.

Ah, diese Hightech-Kommunikationsanlage konnte wohl nicht so einfach bedient werden wie mein bisheriges Telefon. Ich sah mir das blinkende Display und die Vielzahl der Tasten an und entschied mich gegen das Verfahren von Versuch und Irrtum. Wozu hatte ich Frau Böhmer?

»Entschuldigen Sie, Frau Böhmer, da steht ein Gerät auf meinem Tisch, von dem ich vermute, dass es dem Informationsaustausch dient. Aber wenn ich eine Nummer wähle, schweigt es mich erschreckend an. Könnten Sie mir verraten, welche geheimen Handlungen man vornehmen muss, um es zum Leben zu erwecken?«

Sie sah mich einen Augenblick verwirrt an, dann nickte sie: »Oh, Sie meinen das Telefon. Ja, das ist etwas kompliziert. Schauen Sie, ich zeige Ihnen, was Sie tun müssen.«

Wir beugten uns eine Weile über ihr Gerät, und sie wies mich in dessen Handhabung ein. Dabei konnte ich das großformatige Bild eines kleinen, ernsthaft dreinblickenden Mädchens betrachten, das ein Bilderbuch in seiner Hand hielt.

»Ihre Tochter?«, fragte ich höflich, nachdem wir fertig waren.

»Ja, das ist Jessika-Milena. Sie ist jetzt vier Jahre alt.«

Verstohlen musterte ich meine Gesprächspartnerin. Das Gesicht unter der dunklen Fransenfrisur wirkte etwas abgehärmt, jedenfalls nicht mehr wie das einer Endzwanzigerin. Kein Ring an den Händen, wenn auch das nichts zu sagen hatte. Aber trotzdem schloss ich auf alleinerziehende Mutter.

»Ein niedliches Mädchen«, kommentierte ich also.

Mit einem liebevollen Lächeln fuhr Karola Böhmer zärtlich mit den Fingerspitzen über das Bild und sagte leise: »Ja, sie ist mein ganz großer Schatz. Haben Sie auch Kinder?«

»Nein. Dazu war bislang noch keine Zeit.«

»Na, das kommt vielleicht noch. Sie sind ja noch so jung. Ich habe auch gewartet, bis ich zweiunddreißig war. Aber jetzt … Also, ein Kind ist doch wirklich der Sinn des Lebens. Sie werden sehen, irgendwann merken Sie es auch.«

Sie sah mit leicht nach oben gerichteten Augen auf eine große lichte Wolke oder so.

»Mag sein. Im Moment fehlt mir noch der geeignete Vater dafür«, versuchte ich scherzhaft der Unterhaltung das Pathos zu nehmen.

Zum Glück war in dieser Minute jemand ins Büro gekommen und hatte eine Mappe auf den Tisch gelegt. Karola Böhmer warf einen Blick darauf und sah zu dem Mann auf. Das Leuchten, das dabei über ihre Züge ging, weckte in mir die Vermutung, dass es sich um den Vater von Jessika-Milena handeln müsste, doch das Kind auf dem Foto hatte weder blonde Locken noch einen Vollbart. Der Mann verschwand, und Frau Böhmer erklärte mir: »Das war Wulf Daniels, der Projektleiter. Ihr zukünftiger Chef, Frau Farmunt.«

Na ja, Chef? So hatten wir das zumindest in der Stellenbeschreibung nicht vereinbart. Aber warum die Sekretärin berichtigen?

»Da haben Sie wirklich Glück. Herr Daniels ist ein wunderbarer Mann. Er ist hochbegabt, wissen Sie. In seinem Alter schon eine solche Position. Ich habe seine Zeugnisse gesehen, als er eingestellt wurde. Stellen Sie sich vor, er hat sein Studium in vier Jahren geschafft.«

»Was hat er denn studiert?«

»Oh, irgendwas mit Ingenieurwesen.«

So unüblich sind da vier Jahre nun auch wieder nicht, wenn man nicht bummelt. Aber darüber habe ich auch lieber den Mund gehalten. Ein bisschen Heldenverehrung brachte sicher Farbe in Karolas Leben.

2. Faden, 3. Knoten

Der Weise war alt geworden, und solange er lebte, hatte das Glück die Menschen seines Stammes nicht verlassen. Sie hörten auf seinen Rat und hatten ausreichend Nahrung, auch in schlechten Zeiten. Sie wussten bald Vorräte anzulegen und kannten die Tage, an denen sie das Meer meiden mussten. Als der Weise erkannte, dass seine Zeit bald abgelaufen sein würde, gab er Anweisung, einen Stab an die Stelle zu stecken und Muscheln nach seinen Anweisungen in die Erde zu drücken.

»Warum machst du das da?«, wollte die Tochter der Tochter seiner Tochter von ihm wissen. Er sah das kleine Mädchen lange an und las in ihrer Seele.

»Weil ihr an dem Schatten auf den Muscheln erkennen könnt, wann die Zeit zum Sammeln der Vorräte kommt, wann die Tage beginnen, wieder länger zu werden, wann die großen Stürme zu erwarten sind.«

Und er zeigte ihr die rosa Muschel, die der Schatten traf, wenn der längste Tag des Jahres gekommen war. Er zeigte ihr auch die Bedeutung der anderen Muscheln und ließ sie immer und immer wiederholen, welche Bedeutung die einzelnen Zeichen hatten. Das Mädchen war gelehrig und hatte ein gutes Gedächtnis. Bald konnte sie den monotonen Singsang des Jahreskreises jederzeit wiederholen.

Der Weise wurde schwächer und schwächer, als die Tage sich der dunklen Sonnenwende näherten. Noch einmal bat er, an die Stelle gebracht zu werden, wo er so viele Stunden in stiller Versenkung verbracht hatte. Das Mädchen begleitete ihn und setzte sich neben ihn. Die anderen schickte er fort. Lange blieben der alte Mann und das Kind schweigend beieinander sitzen. Schließlich wurde die Kleine ungeduldig.

»Warum sind wir hier, alter Vater?«, wollte sie wissen.

»Weil ich bald in eine andere Welt gehe und dieses hier die rechte Stelle dafür ist.«

Die Kleine bekam große Augen und flüsterte angstvoll: »Muss ich mitgehen?«

»Nein, natürlich nicht. Doch ich möchte, dass du die Bedeutung dieses Platzes kennst.«

»Och, nur das? Das weiß doch jeder inzwischen.«

Er lächelte, zog die Kleine näher an sich heran und legte ihr seine Hand auf den Kopf.

»Wenn du an dieser Stelle sitzt und ruhig wartest, dann wirst du vieles sehen, was andere nicht erkennen können. Dies ist ein Ort, an dem wunderbare Dinge geschehen, wenn man bereit ist, über die Schwelle zu gehen.«

Die Kleine schüttelte den Kopf und sah den alten, verwitterten Mann an.

»Ich weiß nicht, was du meinst, ehrwürdiger Alter.«

»Doch, kleine Tochter. Du wirst es bestimmt erkennen. Deine Augen sagen es mir.«

Er machte eine lange Pause, und das Mädchen begann, unruhig hin und her zu rutschen. Aber sie traute sich nicht, einfach fortzugehen. Schließlich sprach der Weise noch einmal.

»Hier ist die Wand dünn und durchlässig, die uns von dem Wissen der Erde trennt. Horche gut auf ihren Rat, meine Tochter. Höre, was sie dir sagt, die weise Mutter. Lerne von ihr und gib ihr Wissen weiter.«

Mit einer kraftlosen Geste ergriff er die weiche, kleine Hand seiner Urenkelin und legte sie auf den Boden.

»Höre.«

Das Mädchen schloss die Augen und lauschte. Als ein großes Staunen über ihr Gesicht huschte, lächelte er.

»Hat sie gesprochen?«

»Ja, alter Vater. Ja.«

»Was hat sie gesagt?«

»Ich weiß es nicht in Worten. Aber ich glaube, es bedeutete ›Ich bin‹. Kann das denn sein?«

»Ja. Das ist der Beginn. Nun wirst du sie immer hören.« Mühsam sog der alte Weise noch einmal die salzige Luft ein, die vom Meer her wehte. »Nun geh, Tochter. Ich bin müde geworden.«

Das Mädchen beugte sich zu ihm und küsste seine Wange, dann ging sie gehorsam fort. Der Alte aber legte die Hände flach auf den warmen Boden und lauschte dem Gesang, den nur er hören konnte.

 

»Ich bin.

Ich bin der Schoß, der Tod, das Leben.

Ich bin das Netz, an dem wir weben.

Ich bin Grund, dass alles werde.

Ich bin die Erde.

Ich bin.«

4. Faden, 1. Knoten

Da war er wieder, das zweite Mal schon an diesem Abend. Ein langer Blick aus hellen, blauen Augen. Ich war nicht unangenehm berührt, ja, es begann sogar ein bisschen zu kribbeln. Aber ich begegnete dem Blick nicht. Noch nicht. Ich trank einen Schluck Wein und setzte das Gespräch fort.

»Und Dr. Koenig, was für einen Eindruck hast du von ihm?«

Wulf ließ den Kellner den Teller wegnehmen und meinte dann: »Ich bewundere ihn gewissermaßen. Er hat in fünfundzwanzig Jahren alleine ein beachtliches Unternehmen aufgebaut. Das kann man nur, wenn man ein starker Mann ist.«

»Skrupellos?«

»Nicht unbedingt, aber er setzt sich durch. Ich habe ihn bei Verhandlungen erlebt, die für seine Gegenüber kein Zuckerschlecken waren. Er ist auch immer verdammt gut informiert und hat ein unwahrscheinliches Detailgedächtnis.«

»Ein Dessert, die Herrschaften?«

Der Kellner war endlich mit dem Abräumen fertig.

»Lindis, magst du noch etwas?«

»Nein, danke, die Vorspeise war schon zu viel. Erzähl mir mehr von Dr. Koenig. Ich weiß ganz gerne, worauf ich mich einzustellen habe.«

»Man hat schon harte Männer bleich und zitternd das Büro verlassen sehen!«

»Du willst mir Angst machen.«

»Harte Frauen auch!«

»So, so.«

»Spaß beiseite, er ist hart, aber ich denke, gerecht. Allerdings lässt er Fehler, die sich wiederholen, nicht durchgehen. Das hat dein Vorgänger deutlich zu spüren bekommen.«

»Der inspirierte Planer mit dem profunden Erfahrungsschatz? Ich denke, der ist von der Konkurrenz abgeworben worden.«

»Outplacing nennt man das vornehm.«

»Was hat er gemacht?«

»Er ist etwas großzügig mit einer wichtigen Terminangabe umgegangen, die dazu geführt hat, dass Koenig sich bei einem Auftraggeber blamiert hat. Da hat es dann endgültig geknallt.«

»Na, weißt du, wenn ich mich mit einer Aussage aus dem Fenster lehne und mir mein Mitarbeiter dann ätsch sagt, wäre ich auch ganz schön stinkig.«

»Wollen wir hoffen, dass dir das nicht passiert.«

»Ja, wollen wir hoffen. Denn mit meinem Mitarbeiter Schweitzer bin ich mir noch nicht so sicher, wie die Unterstützung funktionieren soll. Wieso hat Koenig den eigentlich nicht outgeplaced?«

»Da solltest du vorsichtig sein. Man sagt, Schweitzer genießt aus irgendeinem Grund Dr. Koenigs Wohlwollen.«

»Na, dann sollte sich Schweitzer auch mal um mein Wohlwollen bemühen, denn sonst sehe ich mich gezwungen, Dr. Koenig eine ziemlich eindeutige Alternative zu präsentieren. Dann sehen wir ja, wie weit das Wohlwollen geht.«

»Eine kleine Kämpferin, was?«

Ich zuckte mit den Schultern.

Und dann war er ein drittes Mal da, dieser Blick. Diesmal hielt ich ihm stand. Wulf ist in der Tat nicht der Typ, den man unbedingt von der Bettkante schubsen muss. Er sah sogar unverschämt gut aus, und das Kribbeln machte sich mit einer kleinen Gänsehaut auf meinen Armen bemerkbar.

»Hast du Lust, noch auf einen Schluck mit zu mir zu kommen, Kämpferin?«

Alles besser als in diese kleine möblierte Schlafschachtel zurückzukehren, die mir als Übergangswohnung diente. Und, wie gesagt …

»Einen Schluck!«

Er winkte dem Kellner, um zu zahlen, ich nutzte die Gelegenheit, um die Toilette aufzusuchen. Ein Blick in den Spiegel zeigte mir, dass an meinem Aussehen nichts zu reparieren war. Ich benutzte wenig Make-up, meine Haut war rein und zum Glück noch faltenlos, aber leider viel zu blass. Meine Augen sahen mir bei der unzureichenden Beleuchtung dunkel entgegen, obwohl sie eigentlich von einem hellen Braun waren. Honigaugen hatte sie vor langer Zeit einmal jemand genannt. Darüber hatte ich mich damals gefreut. Heute – nun ja, die Freude war verflogen. Etwas Lippenglanz tupfte ich noch auf, dann war ich bereit für das Abenteuer des Abends.

Ich fuhr hinter Wulf her, und während der fünf Minuten alleine im Auto zog ich realistisch Bilanz. Zwei Monate war ich jetzt in der Firma, zwei Monate in einer fremden Stadt, ohne Freunde und Bekannte, denn mein Arbeitstag ließ dafür keine Zeit übrig. Wenn ich nicht abends noch in der Firma an stundenlangen Besprechungen teilnahm, dann besuchte ich einen Französischkurs oder las mich in die verschiedenen Themen ein. Etwas Ablenkung war also durchaus erlaubt. Andererseits – ein Geplänkel mit einem Kollegen, mit dem man so eng zusammenarbeiten musste, war auch durchaus delikat.

Ich kam zu keiner eindeutigen Entscheidung, und als ich ausstieg, beschloss ich, es von der Situation abhängig zu machen.

Wulf hatte eine große, weitläufige Wohnung mit einer Galerie. Unten befand sich ein sehr sparsam eingerichtetes Wohnzimmer in japanischem Stil. In der Ecke, von Strahlern dezent beleuchtet, stand eine vollständige Kendo-Rüstung.

»Ah, daher die Bemerkung zur Kämpferin. Selber einer, was?«

»Ja, ich betreibe es seit einiger Zeit. Es ist sehr lehrreich, vor allem für Manager.«

»Was ist sinnvoll daran für den Manager, mit einem Schwert umgehen zu können?«

Wulf sah über mich hinweg auf die beiden Schwerter, die auf ihrem Halter lagen.

»Das ist ganz einfach, Lindis. Der Weg des Kriegers fordert den höchsten Einsatz. Den des Lebens. Das, was man da lernt, lässt sich auf alles andere übertragen.«

»Wulf, du kannst mir doch nicht erzählen, dass du mit dem Schwert in der Hand und dem Tod vor Augen, wenn auch nur symbolisch, deinen Job machst.«

»Lach nicht, Lindis. Es steckt mehr dahinter. Man lernt, wenn man sich den Tod als Konsequenz des Kampfes vor Augen hält, mit der Angst vor dem Verlust umzugehen. Nur wer den Tod akzeptiert, kann leben.«

Ich stand vor der Rüstung, eiskalte Schauer rieselten mir den Rücken hinunter. Solche Gedanken waren mir unangenehm. Abrupt drehte ich mich um und sah den Mann vor mir an. Das Licht fiel von hinten auf ihn und warf lange Schatten. Er wirkte bedrohlich und fremd. Um dieses Gefühl abzuschütteln, sammelte ich meine Stimme und sagte: »Du hattest mich, glaube ich, zu einem Schluck irgendwas eingeladen und nicht zu einem philosophischen Disput über Kampfkünste.«

»Stimmt. Entschuldige, ich wollte dir keine Vorträge halten. Weiter Rotwein?«

»Gerne.«

Wir setzten uns auf ein trotz seiner Designer-Kargheit gemütliches Sofa und plauderten Belangloses.

»Unheimlich schöne Wohnung ist das hier. Hoffentlich finde ich auch bald eine etwas bessere Unterkunft.«

»Du bist noch nicht umgezogen?«

»Nein, ich wollte erst einmal sehen, ob es sich überhaupt lohnt. Hätte ja sein können, dass ich nach zwei Tagen abgewinkt hätte. Aber jetzt suche ich ernsthaft.«

»Und was?«

»Drei, vier Zimmer, möglichst zentral.«

»Für dich alleine?«

Aha! Dahin ging die Unterhaltung!

»Ich wollte nicht mit Mann und vier Kindern einziehen. Du hast doch auch gut hundertzwanzig Quadratmeter für dich alleine, oder?«

»Notgedrungen, Lindis, notgedrungen.«

»Ach, armer Wulf.«

»Ja, ganz arm. Ich habe einfach kein Glück bei den Frauen.«

»Verständlich, Quasimodo. Wer so aussieht wie du, krumm, buckelig, hinkend und schielend …«

»Wenn’s nur ums Aussehen geht … Ein Mädel aufreißen kann ich immer. Aber mal etwas Ernsthaftes, das klappt irgendwie nicht.«

»Woran liegt es? An den Frauen?«

»Vielleicht. Ich weiß nicht. Ich habe bis jetzt nur zwei Sorten kennengelernt. Die einen, die sich fest an einen klammern, dass man keine Luft mehr bekommt, und die anderen, die genauso cool ins Bett hüpfen, wie sie wieder hinausschlüpfen.«

»Ich merke schon, Wulf auf der Suche nach der Märchenprinzessin.«

»Es muss nicht unbedingt eine Prinzessin sein. Aber ich liebe natürlich auch meinen Beruf und kann mich nicht immer und ausschließlich um eine Frau kümmern.«

»Ah, ich weiß! Du suchst eine Frau, die dich versteht!«

»Du sagst es, Lindis.« Und sein Arm legte sich um meine Schultern. »Und wie steht es mit dem Märchenprinzen? Gibt es einen?«

»Ich glaube nicht an Märchenprinzen«, sagte ich. »Ich habe die Suche aufgegeben.«

Ich war nicht ganz ehrlich an dieser Stelle, aber das brauchte ihn nichts anzugehen.

»So jung, so schön und so resigniert? Lindis, eine herbe Enttäuschung?«

»Nein, nur ein gewisser Selbsterhaltungstrieb.«

»Recht hast du.«

Somit hatten wir die Fronten abgeklärt und konnten zum geselligen Teil übergehen, dachte ich und sah aus dem Fenster. In der Doppelverglasung spiegelte sich mein Gesicht – zweimal, leicht versetzt nebeneinander. Ich zwinkerte, dann ging draußen irgendwo ein Licht an, und das verzerrte Spiegelbild verschwand.

»Lindis«, flüsterte Wulf in mein Ohr. »Lindis!«

Er küsste sacht mein Ohrläppchen, und meine Wirbelsäule hinab schoss ein Feuerstoß.

»Kommst du mit nach oben?«

Eine Treppe führte auf eine Galerie mit dem Schlafbereich. Das ging mir denn allerdings doch etwas zu zügig.

Ich löste mich vorsichtig aus seiner Umarmung.

»Sagtest du nicht, du suchst das Besondere?«

»Was soll das heißen?«

»Na, die Mädels für eine Nacht findest du doch immer.«

Er sah mich empört an, dann dämmerte ihm wohl doch etwas.

»Du meinst, du möchtest erobert werden, was? Das alte Spielchen möchtest du spielen?«

»Nun, ich finde es erhöht die Spannung, nicht?«

Ich stand auf und suchte meine Handtasche.

»Und wenn ich das Spiel nicht mitspiele?«

»Dann lässt du es bleiben.«

»Du bist vielleicht kaltschnäuzig«, entfuhr es ihm, aber dann musste er doch lachen. »In der Tat, ich habe es wohl herausgefordert. Gehst du wirklich schon, Lindis?«

»Ja, Wulf. Ich gehe jetzt. Ich habe morgen zu arbeiten, und es ist schon halb eins. Wenn ich meinen Schönheitsschlaf nicht bekomme, kann ich morgen in Koenigs Schloss nicht das Prinzesschen geben.«

Er trug es mit Anstand und geleitete mich noch hinaus bis zu meinem Wagen. Ein zarter Gute-Nacht-Kuss war natürlich doch noch drin. Vielleicht auch zwei.

2. Faden, 4. Knoten

Die Urenkelin des Weisen wuchs zu einer schönen, kräftigen jungen Frau heran. Sie saß, wie der Alte, oft mit versonnenem Blick an seinem Lieblingsplatz, und immer kam sie von dort zurück und hatte neue Lieder. Sie sang von der Erde und den Gezeiten, vom Wachsen und Blühen, von Gedeihen und Reifen der Pflanzen. Sie sang von der Saat und dem Keimen, von Tod und Verwesung.

Sie sang von dem göttlichen Kind, das in der kalten Winternacht geboren wurde, wenn der Boden frosthart und alles Leben zum Stillstand gekommen waren.

Sie sang von dem Jüngling, der heranwuchs wie die hellgrünen Triebe, wenn die Frühlingssonne den Boden wärmte.

Sie sang von dem starken Gott, dem kraftvollen Helden und Krieger, der auszieht, seine Bestimmung zu suchen.

Sie sang von dem liebenden Gott, der seine Göttin findet und bei ihr liegt, inmitten der blühenden Wälder, wenn der junge Mond über seinem Haupt stand.

Sie sang vor der Fruchtbarkeit der Erde, den reifenden Früchten, dem goldenen Korn und der neuen Saat.

Sie sang von dem sterbenden Gott, der nach der Ernte sein Blut für die Erde gab, um mit seinem Opfer den Samen in den Boden zu legen, der in der dunkelsten Nacht aufbrechen würde, um den Kreis des Lebens neu zu beginnen.

Sie sang, bis die Ersten ihrem Rat folgten und die mühsam gesammelten Körner des wilden Emmer in den Boden versenkten.

Und als die Frauen, die gesät hatten, dann entdeckten, dass sie im folgenden Jahr eine reiche Ernte hatten, genau vor ihren Hütten, wo sie die Samen ausgestreut hatten, war die Freude unermesslich.

Mit dem Wissen um die Jahreszeiten, dem Wunder des Wachstums, wurde die Gemeinschaft reich. Doch sie vergaßen nie, wem sie den Reichtum zu verdanken hatten. Sie verehrten die Göttin Erde, aus deren Schoß die Pflanzen wuchsen, sie verehrten den Gott, der den Samen dazu legte.

Sie verehrten auch die Frau als ihre Priesterin, die ihnen den Rat der Erde überbracht hatte.

Die Priesterin gab das Wissen ihren Töchtern weiter und sie den ihren. Und diese Frauen zogen später mit den Gruppen ihrer Männer weiter in das Innere des Landes.

Der Stab und die Muscheln jedoch, die der Weise an dem seltsamen Ort angeordnet hatte, waren allmählich verschwunden. Wind hatte sie verweht, Regen weggewaschen. An anderen Stellen hatte man Male angebracht, nach denen man sich richten konnte, wann die Sonne sich wendete und die Zeit zum Säen, zum Sammeln und Ernten kam.

Doch weil die Weisen und die Priesterinnen sich oft an diesen Platz zurückzogen, wurde es ein heiliger Platz für das Volk. Dort verehrten sie die Geister der Ahnen, die Göttin und den Gott, brachten ihnen bunte Blumen und glänzende Muscheln, zarte Flaumfederchen und glatte Kiesel. Dort sangen und tanzten sie und baten die Alten um Hilfe oder Rat.

5. Faden, 1. Knoten

Ich schloss die Tür zu meinem Mini-Apartment auf und schleuderte die Schuhe zur Seite. Warum war ich nur so unzufrieden mit mir? Hätte ich doch die Nacht bei Wulf bleiben sollen? War es das? War es die Einsamkeit in meinem kalten Zimmerchen, die mich so mieslaunig machte. Oder war es die Enge und die hässlichen Möbel? Oder etwas ganz anderes?

Müde war ich jetzt überhaupt nicht mehr, auch wenn es schon langsam auf halb zwei zuging. Ich nahm mir noch ein Glas Saft aus dem Kühlschrank, machte das Licht aus und setzte mich auf den Bettrand. Von hier konnte ich aus dem Fenster auf die dunkle Straße sehen.

Es war noch winterlich, die kahlen Bäume malten ihr schwarzes Filigranmuster in den Himmel, der von einem schmalen Mond beleuchtet war. Die Straßenlaternen waren weit voneinander entfernt und bildeten gelbliche Lichtflecke auf dem Bürgersteig. Mülltonnen standen Spalier, und zwischen ihnen nahm ich einen huschenden Schatten wahr. Vielleicht eine hungrige Katze auf der Suche nach ein paar genießbaren Überresten. Mäuse gab es wahrscheinlich nicht in dieser Gegend.

Was war nur los mit mir? Eigentlich hätte ich zufrieden sein müssen. Ich hatte einen interessanten neuen Job, der mich ausfüllte, aber nicht überforderte, das Geld stimmte, mein Konto hatte ein beträchtliches Polster, ein gutaussehender, intelligenter, lediger Mann war sozusagen griffbereit, ich war gesund, frei und ungebunden, niemand mäkelte an mir herum, niemand machte mir Vorschriften. Das mit dem Zimmerchen war ein endliches Übel, das mit einem Überfliegen der Wohnungsanzeigen behoben werden konnte. Was also war los mit mir? Ich überdachte es eine Weile und kam zu der Feststellung, die mich schon seit meiner Kindheit verfolgte: Nie passiert was in meinem Leben!

Nicht, dass ich mir wünschte, irgendetwas sollte mich aus der Bahn werfen. Nein, mir ging dieses alberne Chanson im Kopf herum: »Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen …« Es mussten auch nicht rote Rosen sein, aber ich fühlte mich – ja, ich fühlte mich so wenig lebendig. So als Zuschauer eines langweiligen Theaterstücks, in dem keine Handlung stattfand. Genau so war mein Leben geregelt, schön langweilig und überschaubar.

Ich legte meine Stirn an die kalte Scheibe und dachte darüber nach. Über das Lebendigfühlen. Doch, einmal hatte ich mich richtig lebendig gefühlt. Wenn man heftige Schmerzen zum Lebendigfühlen braucht. Na gut, vor den Schmerzen war auch noch etwas anderes gewesen. Es war schon fast zehn Jahre her, aber mir noch in jeder Einzelheit so gegenwärtig, als wäre es erst eben passiert. Komisch, dass ich jetzt wieder daran dachte. Lange genug hatte ich es verdrängt. Wahrscheinlich war die dumme Bemerkung über den Märchenprinzen schuld daran. Es hatte nämlich jemanden gegeben, der meinen Vorstellungen dazu ziemlich nahegekommen war. Aber nur ziemlich, denn letztendlich hatte sich gezeigt, dass zwischen uns eine absolut unüberwindbare Kluft bestand.

Robert hieß er, Robert Caspary. Er war Dozent an der Uni, als ich im vierten Semester studierte. Er war weder ein verstaubter Gelehrter wie viele der Dozenten und Professoren, denen man anmerkte, dass das Lästigste an ihrem Beruf das Weitervermitteln von Wissen war, noch einer der ewig Jungen, die von den Studenten nur zu unterscheiden waren, weil sie bei den Vorlesungen manchmal vorne standen. Er las zwar nicht in meinem Fachbereich, denn ich schlug mich mit Betriebswirtschaft herum. Er war Historiker, aber er war auch bei uns bekannt wie ein bunter Hund. Vor allem bei den weiblichen Hörern. Idiotisch, aber wahr. Da bemühte sich eine Gruppe intelligenter Frauen eine Grundlage für ein erfolgreiches Berufsleben zu legen, und gleichzeitig wurde ein Idol angehimmelt. Keine von uns wusste so recht zu deuten, warum. Die schlichteste und vielleicht treffendste Aussage kam von Birgit, meiner Freundin, die einmal sagte: »Was wollt ihr, er ist ein Mann!«

Ich hatte allerdings hinterher ein paar andere Ausdrücke für ihn übrig, von denen arroganter Macho noch der schmeichelhafteste war.

Ich hatte nämlich das Pech, nicht nur seine Aufmerksamkeit zu erregen, sondern sogar eine kurze, überaus heftige, mich bis in die Grundfesten aller Gefühle erschütternde Liebesaffäre mit ihm zu durchleiden.

Sie endete so heftig, wie sie gewesen war. Birgit wurde meine Nachfolgerin.

Danach wechselte ich die Universität. Und hörte auf, lebendig zu sein.

Es tat nicht mehr weh, nein, nein. Dafür war die Schale zu dick geworden, die ich um den bitteren Kern hatte wachsen lassen. Aber manchmal, so schien es, drückte dieser Klumpen mir noch auf das Gemüt. Da gab es nur eins – sich wieder den Problemen der Gegenwart stellen! Pläne machen, organisieren, arbeiten.

 

Zwei Tage später hatte ich eine schöne Dreizimmerwohnung gefunden. Sie lag zwar ein wenig abseits, eine zentralere Lage in der Stadt hätte mir besser gefallen als der Vorort, aber Preis und Qualität waren einfach überzeugend. An das Vogelgezwitscher vom nahen Waldrand würde ich mich schließlich auch noch gewöhnen. Ausschlaggebend war außerdem, dass die Wohnung sofort bezugsfertig war und ich auch keinen weiteren Renovierungsaufwand betreiben musste. Ich stürzte mich in die Umzugsvorbereitung, um endlich aus dem Provisorium entfliehen zu können. Meine schlechte Laune war dadurch einer gleichbleibenden leichten Anspannung gewichen, die mich die Vergangenheit endgültig vergessen ließ.

Nur einmal zuckte ich zusammen, nämlich als mir einfiel, dass Robert keine zwanzig Kilometer von hier wohnte. Zumindest war das sein letzter mir bekannter Aufenthaltsort gewesen.

2. Faden, 5. Knoten

Die Siedlung gedieh, der Wald wich den ersten Feldern. Wanderer aus anderen Teilen des Landes kamen vorbei und berichteten von dem, was sie gesehen und gehört hatten. Sie waren gerngesehene Gäste, denn Nachrichten waren selten in dem dünnbesiedelten Gebiet. Natürlich gingen auch sie nie fort, ohne Neuigkeiten mitzunehmen. Wer gestorben war, wie viel Kinder geboren wurden, wie die Ernte, die Jagd, der Fischfang in diesem Jahr waren, welches Mädchen, welche Frau bereit war, sich einen Gefährten zu suchen. So kam auch die Meldung von der gewaltigen Tat in das Dorf.

An einem heiligen Platz jenseits des Waldes an dem kleinen Meer hatten Hunderte von Männern und Frauen einen mächtigen Stein aufgerichtet. So, berichteten die Wanderer ehrfürchtig, war ihr heiliger Ort schon von weitem sichtbar.

Wie das so ist, wie es schon immer war und immer sein wird, hatten die Menschen in dem Dorf an der wilden Küste plötzlich das Bedürfnis, auch eine solch hervorragende Stätte vorweisen zu können. Darum taten sie sich zusammen, und mit Ausdauer, harter Arbeit, unter ungeheuren Anstrengungen und atemlosem Gesang errichteten sie den Stein, einen grauen, grob behauenen Granitblock, der weithin sichtbar an der Landzunge stand, die in das Meer hineinragte. Er stand genau an der Stelle, wo die Ströme der Kraft es möglich machten, durch den Schleier in die Andere Welt zu dringen.

An diesem Stein trafen sie sich, wenn Tag und Nacht gleich lang waren, in der kürzesten Nacht und der längsten des Jahres, wenn ein Kind geboren wurde, ein Mensch starb, wenn die Ernte gut oder der Fischfang reich war. Sie schmückten den Platz mit Blumen und Muscheln, mit glatten Kieselsteinen und bunten Federchen. Und sie dankten der Erde für ihre Gaben.

6. Faden, 1. Knoten

Wulf begegnete mir in der Firma kühl und geschäftsmäßig. Meistens trug er seine Projektleiter-Maske, einen Gesichtsausdruck von konzentrierter Aufmerksamkeit, der den Eindruck hinterließ, dass er nur darauf wartete, wann ein anderer sich eine Blöße gab. Verstohlene Blicke gab es nicht, was mir ganz recht war. Bloß keine Verwicklungen am Arbeitsplatz! Allerdings fragte er einmal an, ob ich Lust habe, am Wochenende mit ihm wegzufahren, aber da ich gerade in den Umzugswirren steckte, musste ich ablehnen.

 

Dann, zwei Monate später, Ende Mai, war es schließlich so weit, dass das Bretagne-Projekt ins Laufen kommen sollte. Alle Verträge waren unterzeichnet, die Voraussetzungen, wenn nicht geschaffen, so doch definiert. Ich nahm zusammen mit dem Projektteam an einer Sitzung teil, bei der Umfang und Vorgehensweise mit den Auftraggebern diskutiert werden sollten.

Anfang des letzten Jahres hatte der Präfekt des Finistère beschlossen, einen Ort namens Plouescat mit seinem Umland für den Tourismus attraktiver zu gestalten. Es waren dafür im Herbst vom Staat Mittel bewilligt worden, und die Gemeinde hatte dann mit großer Mehrheit entschieden, dass nicht das Museumsprojekt, sondern der Freizeitpark den Zuschlag erhalten sollte. Der Betreiber, ein Unternehmen, das bereits auf eine ganze Reihe ähnlicher Anlagen verweisen konnte, hatte wie erwartet ein Konsortium mit Planung, Abwicklung und Bau beauftragt, bei dem KoenigConsult die Federführung übernehmen sollte. Finanziert werden sollte die Anlage zum Teil aus den staatlichen Mitteln, aber es hatten sich auch private Finanziers eingefunden, die wichtigsten waren eine bretonische Bank, ein Fährunternehmen, Gaz de France und einige örtliche Firmen, die sich von dem Bau einen wirtschaftlichen Vorteil erhofften. Sie alle waren in einem Lenkungsgremium vertreten, dem insbesondere wir später monatlich zu berichten hatten.

Die französischen Herren gaben sich sehr nüchtern, die Stimmung war konzentriert und erwartungsvoll, als Dr. Koenig den Plan aufrollte.

»Vorgesehen ist als Kernstück der Anlage an dieser Stelle die überdachte Badelandschaft mit einem Außenbereich in Richtung Strand. Die gesamte Front wird verglast, um den Blick auf das Meer zu gewährleisten. Wir werden einen Bereich mit vier Pools innen und zwei weiteren außen haben, dazu hier, hier und hier Sauna, Whirlpool und Dampfbäder. Angeschlossen ist eine tropische Parklandschaft, die Galerie, die sich an der Fensterfront entlangzieht, ist für die Gastronomie vorgesehen …«

Ich hatte die Pläne bereits gesehen, und als die technischen Angaben, die mein Französisch sowieso überforderten, folgten, merkte ich, dass ich schon wieder angefangen hatte, Schnörkel auf meine Kopie der Unterlagen zu malen. Ich legte den Stift zur Seite und sah mir die Anwesenden an. Auf den Gesichtern keine Reaktion. Gut, warum auch? Die Planung entsprach den Vorgaben. Erst als Dr. Koenig auf die Unterbringung der Gäste zu sprechen kam, zeigte der Vertreter der Gemeinde ein gespanntes Interesse.

»Wir haben zwei Möglichkeiten«, erläuterte Dr. Koenig. »Einmal eine Ferienhaussiedlung, die aus kleinen, freistehenden Häusern im Stil der Region bestehen wird. Jedes Haus kann bis zu acht Personen beherbergen und hat einen kleinen Gartenanteil. Diese Häuser werden von der Gemeinde erbaut. Dafür notwendig ist dieses Areal, das sich südwestlich an den Hauptbau anschließt. Dafür muss sichergestellt sein, dass das Grundstück zur Verfügung steht. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist dort jedoch ein Naturschutzgebiet, das in diese Fläche hineingreift. Wir werden dazu später noch ein paar Angaben benötigen.«

War es ein Hauch von Unbehagen, der da auf dem Gesicht des grauhaarigen Gemeindevertreters auftauchte? Ich sah auf den Stapel Visitenkarten vor mir, die in der Begrüßungsaktion ausgetauscht worden waren. Monsieur Léon Callot. Nun, da mochte er ein Problem haben, die französischen Umweltschützer waren genauso unbarmherzig wie die deutschen. Aber wir hatten ja noch eine andere Möglichkeit.

»Raumsparender ist die Lösung, einen sechsstöckigen Hotelkomplex auf einem Grundstück der Gemeinde direkt neben dem Hauptbau zu erstellen, terrassenförmige Bauweise würde auch hier den Blick aufs Meer gewährleisten. Dieses Gebäude müsste dann aber im Rahmen der Abwicklung an eine Baufirma vergeben werden, der sich auf derartige Bauwerke spezialisiert hat.«

Das Unbehagen vertiefte sich bei Monsieur Callot. Vermutlich hatte er in seiner Gemeinde mit Bauaufträgen geködert. Sein Problem. Ich persönlich fand Ferienhäuser in dieser Form albern. Viel zu arbeitsintensiv, viel zu personalaufwendig. Aber wahrscheinlich sollten sich örtliche Arbeitskräfte daran eine goldene Nase verdienen.

»Wie ich Ihren Vorstellungen entnehme, meine Herren, soll das Objekt Ende nächsten Jahres betriebsbereit sein. Wir werden unsere Terminplanung darauf abstellen. Ich muss Sie jedoch darauf hinweisen, dass die Entscheidung, ob ein Hotel oder Ferienhäuser gebaut werden sollen, so schnell wie möglich fallen muss.«

Monsieur Callot fragte nach dem Termin, Dr. Koenig wies auf mich.

»Unsere Planerin, Frau Farmunt, wird im Laufe des nächsten Monats einen groben Terminplan vorlegen, aus dem der spätestmögliche Termin hervorgehen wird. Aber ich glaube nicht, dass wir uns bis weit über die Mitte des Jahres Zeit lassen können, denn allein die Bauzeit wird mit gut zwölf Monaten angesetzt.«

Der Franzose nickte. Ihm war vermutlich schon klar, dass er den Engpass bildete. Der Bankdirektor neben ihm, ein Monsieur Muller, flüsterte ihm etwas zu, und auch der Manager der Betreibergesellschaft machte eine Bemerkung zu ihm hin. Ein Nadelöhr, aber zum Glück eines, das außerhalb unserer Verantwortung lag. Andere Meilensteine konnten für uns kritischer werden.

 

»Hast du die Gegend schon mal gesehen, wo der Park errichtete werden soll?«, fragte ich Wulf, als wir endlich das Sitzungszimmer verlassen konnten.

»Ja, ich war Ende letzten Jahres für drei Tage dort. Warum?«

»Der Gemeindevertreter – was ist der eigentlich, Bürgermeister? – scheint da ein paar Probleme zu sehen.«

»Verständlich. Er hat eine starke Interessenvertretung von – ich glaube Vogelschützern. Die machen ihm die Hölle heiß wegen des Naturschutzgebietes. Außerdem gibt es noch diese Museumskommission, die irgendwelche archäologischen Kostbarkeiten dort vermutet und das Projekt am liebsten torpedieren würde. Da hat sich so ein verrückter Professor eingenistet und schreibt angeblich eine wissenschaftliche Arbeit über die lokale Geschichte.«

»Du liebe Zeit! Da sollte man doch meinen, die Leute freuen sich, dass sie demnächst nicht nur im Juli und August Gäste haben, die sie ausnehmen können. Mit dem Geld, was sie damit verdienen, können sie sicher irgendwo anders ein prima Heimatmuseum bauen. Na gut, solange das uns nicht betrifft.«

»Richtig. Mir liegt auch etwas daran, dass das Projekt zügig in die Reihe kommt. Es ist das erste in der Größenordnung, auch für mich. Du weißt schon, ein Sprungbrett kann man immer brauchen.«

Es sah keiner hin, und er strich mir mit dem Zeigefinger über die Nase. Zur Strafe schielte ich ihn herzzerreißend an.

»Wir müssen ein gutes Team bilden, Lindis. Du und ich! Dann schaffen wir es beide.«

Der Gedanke war nicht schlecht. Abgesehen davon war da dieser kleine Funke wieder, der mir so erfreulich den Bauch wärmte.

2. Faden, 6. Knoten

Der Stein war aufgerichtet worden, um den Platz zu bezeichnen, wo die Wissenden und Weisen den Eingang zu einer anderen Welt gefunden hatten. Eine Welt, in der die Zeit eine andere Dimension hatte und nicht nach Stunden, Jahren oder Tagen gerechnet werden konnte. Eine Welt, in der der Raum eine andere Ausdehnung hatte, wo Meilen nicht Meilen und Lichtjahre nicht Lichtjahre waren. Eine Welt, in der Erkenntnisse nicht begründet werden mussten und aufeinanderfolgende Ereignisse parallel verliefen. Eine Welt, in der man die Ähnlichkeit und Verwandtschaft von Dingen und Abläufen sah, weil sie übereinanderlagen, gleich wann und wo sie sich manifestierten.

Die Gemeinschaft, die in dem Dorf lebte, zog irgendwann weiter, suchte neuen, fruchtbareren Boden, eine zugänglichere Küste. Andere wanderten vorüber, machten Halt am Rande des Waldes oder an den schroffen Felsen der Küste. Ihnen diente der aufrechte Stein als Wegweiser, als Landmarke auf ihren Wegen durch spärlich besiedeltes Gebiet.

Doch nicht nur das, auch sie verehrten diesen Ort und näherten sich ihm mit Achtung. Denn dem einen oder anderen öffnete sich dort zufällig das Tor zur Autre Monde, und er erhielt einen Einblick in das Wesen der Dinge. Die Weisen, die dann versuchten, ihre Träume zu deuten, schrieben sie dem stehenden Stein zu.

Dem Stein aber war das gleichgültig.

Es kamen andere Menschengruppen in das Land. Mit anderer Sprache und anderen Sitten. Sie kamen nicht mit Zerstörung und Krieg, sondern sie lebten in Nachbarschaft mit den ursprünglichen Einwohnern. Sie lernten voneinander, und ihre Familien und Bräuche mischten sich.

Der aufrechte Stein wurde auch für die Neuen eine Kultstätte, wo sie eine dreigestaltige Göttin verehrten. Eine Göttin, die die Kraft der Weissagung verlieh. Sie brachten darum an den Menhir bunte Blumen und perlmuttern schimmernde Muscheln, Federchen und glatte Kiesel. Sie sangen und tanzten um ihn herum. Und manchmal öffnete sich für die Priesterin das Tor zur Autre Monde, und sie erhielt einen Einblick in die Abläufe der Welt. Sie deutete die Träume und schrieb es der Göttin zu.

Dem Stein aber war das gleichgültig.

Es kamen Eroberer, die das Land mit Krieg überzogen. Sie kamen aus Rom und besetzten Gallien. Doch der kleine Landzipfel im Norden blieb von ihnen unberührt. Dennoch, in ihrem Gefolge kam die Vernichtung des alten Volkes, und die machte auch vor dem letzten kleinen Dorf nicht Halt, denn es zogen Männer aus, um eine neue Religion zu verkünden. Sie verbreiteten ihren Glauben mit flammenden Bildern von Hölle und Verdammnis, mit Drohungen, die Angst und Schrecken verbreiteten, mit Missachtung und Beleidigungen der alten Bräuche und Werte, mit der Vernichtung der heiligen Quellen und mit dem Bild eines blutenden Mannes am Kreuz. Nötigenfalls lehrten sie die Menschen auch mit Schwert und Feuer die Grundsätze der christlichen Liebe.

Niemand sang mehr und tanzte um den Stein. Doch dann und wann passierte es trotzdem. Wenn nämlich einer der neuen Priester bei ihm stehen blieb, öffnete sich für einen kurzen Moment das Tor zur Autre Monde und gab ihm einen Einblick in eine andere Wirklichkeit.

Die Träume erschreckten die Priester, denn sie konnten sie nicht deuten. Es waren Erkenntnisse, die im Glauben der Männer nicht vorgesehen waren, und das machte ihnen Angst. Darum erklärten sie den Stein für gefährlich, für den Sitz teuflischer Kräfte und besprengten ihn mit Weihwasser.

Dem Stein aber war das gleichgültig.

7. Faden, 1. Knoten

»Haben Sie die ersten Daten schon eingegeben, Herr Schweitzer?«

»Natürlich.«

Ich war gerade dabei, mir meinen täglichen Frust abzuholen. Bislang hatte ich es vermieden, mit irgendjemandem über meine Schwierigkeiten mit Schweitzer zu sprechen. Nachdem mir Wulf angedeutet hatte, dass es persönliche Verbindungen zu Dr. Koenig gab, wollte ich lieber erst einmal sehen, ob ich nicht doch auf meine Weise eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Mann herstellen konnte. Aber so sehr ich mich auch bemühte, Herbert Schweitzer kam mir keinen Schritt entgegen. Er machte, was ich ihm vorgab, aber kein bisschen mehr. Und wenn ich mich bei einer Sache geirrt hatte, erfüllte er buchstabengetreu auch meine Fehler. Wie auch dieses Mal wieder. Ich sah mir Liste an, die eben aus dem Drucker kam.

»Herr Schweitzer, haben Sie sich das Ergebnis am Bildschirm schon einmal angesehen?«

»Natürlich.«

»Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass wir unmöglich mit dem Aushub für den Bau beginnen können, ehe wir nicht die ...

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