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Die heiße Nacht auf den Bahamas

1. Kapitel

 

Cassie Edwards bohrte die Zehen in den Sand und nippte an ihrer Piña Colada, während sie den Barkeeper beim Drinkmixen beobachtete. Er war groß, athletisch gebaut und sah irgendwie vornehm aus, wie ein Märchenprinz. Sein Haar war dunkelbraun, und um seine Augen lagen feine Lachfältchen. Er trug ein weißes Baumwollhemd, das im Bund einer ausgewaschenen Jeans steckte.

Obwohl Cassie kein Wort mit ihm gewechselt hatte, fühlte sie sich von ihm magisch angezogen und konnte kaum den Blick von ihm abwenden. Unwillkürlich überlegte sie, wie es wohl wäre, mit so einem Mann zusammen zu sein. Wie würde sich seine Haut anfühlen? Wie wäre es, ihn zu küssen, zu ihm zu gehören?

Was war bloß in sie gefahren?

Cassie schaute sich um. Das Lokal befand sich unter freiem Himmel, direkt am Strand. Kleine, weiße Lichter grenzten den Barbereich ab, und die Kellner und Kellnerinnen trugen bunt bedruckte Hemden. Der Ort wirkte unglaublich romantisch. Überall sah man Pärchen, die Händchen hielten, sich küssten und miteinander schmusten. In dieser Atmosphäre wurden selbst hartgesottene Zyniker ein wenig sentimental.

Cassie fühlte sich plötzlich sehr einsam. Die Bahamas waren kein geeigneter Ort, um über ein gebrochenes Herz hinwegzukommen.

Doch sie wollte weder über ihren Exverlobten nachdenken noch sich einen harmlosen Flirt erlauben. Sie war hier nicht auf der Suche nach Liebe. Sie war hergekommen, um Hunter Axon zu treffen, einen der skrupellosesten Firmenaufkäufer der Welt. Das war eine seltsame Aufgabe für eine Frau, die keine Managerin war, sondern nur als Weberin in einem historischen Textilbetrieb arbeitete.

"Darf ich Ihnen noch eine Piña Colada bringen?"

Cassie blickte auf, und ein Schauer rann ihr über den Rücken, als sie den Barkeeper erkannte, den sie vorhin bewundert hatte. Sie blickte in seine großen braunen Augen, und der Rest der Welt um sie herum verblasste. Was machte er an ihrem Tisch? Er war schließlich kein Kellner.

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, danke."

Der Mann zögerte einen Augenblick. Dann wies er mit dem Kopf auf ihre Kamera. "Haben Sie viele Fotos gemacht?"

Das klang, als flirtete er mit ihr. Unglücklicherweise wusste Cassie nicht, wie man flirtete. Dazu hatte sie nie viel Gelegenheit gehabt. Cassies und Olivers Familien hatten beschlossen, ihre Kinder seien füreinander bestimmt, seit sie im Abstand von nur zwei Tagen im selben Krankenhaus geboren worden waren. Alle Jungen in Shanville, New York, wussten, dass sie, Cassie, Oliver Demions Mädchen und somit für sie tabu war.

Cassie wurde ein bisschen nervös. Was sollte sie jetzt sagen? "Nein", antwortete sie leise. Doch als ihr seine Frage wieder einfiel, korrigierte sie sich: "Ich meine, ja."

Der Mann lächelte. "Waren Sie unten beim Riff?"

"Dazu hatte ich keine Zeit. Ich habe bloß ein paar Bilder vom Strand gemacht. Ich bevorzuge Fotos, auf denen nur das Wesentliche festgehalten ist. Wissen Sie, was ich meine? Die Ausstrahlung, aber nicht zwingend die, nun, …" Die was? Warum redete sie nur wie eine zerstreute Professorin?

"Dann sind Sie also eine ernsthafte Fotografin."

Sie lachte. "Nein. Zumindest nicht mehr. Ich habe angefangen, Kunst zu studieren, habe aber das Studium vorzeitig abgebrochen." Weil meine Großmutter krank wurde, und ich nach Hause zurückkommen musste, um ihr zu helfen, hätte sie fortfahren können. Also arbeitete ich im Betrieb meines Verlobten, und er ließ mich fallen, kurz bevor er das Unternehmen verkaufte, bei dem die meisten Leute im Ort angestellt sind. Was für eine bittere Geschichte! Doch das behielt sie lieber für sich. "Jetzt ist Fotografieren für mich nur noch ein Hobby."

Er betrachtete sie eine Weile schweigend. Cassie kam sich vor, als würde er sie mit den Augen ausziehen. Liebe Güte, sah er gut aus! Sie schluckte und wandte den Blick ab.

"Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie noch etwas möchten."

"In Ordnung", antwortete sie. Hätte sie noch etwas anderes sagen sollen? Ihn vielleicht einladen sollen, sich zu ihr zu setzen? Aber das konnte sie doch nicht tun, oder?

Ich bin schließlich nicht mehr verlobt, sagte sie sich zum x-ten Mal an diesem Tag. Trotzdem fühlte sie sich ein wenig schuldig. Das hatte allerdings nichts mit ihrer vergangenen Beziehung zu tun, sondern mit dem Grund für ihre Reise.

Sie sah dem Barkeeper nach, der sich nun entfernte. Wie hätte sie Spaß haben können, wenn sie von der Katastrophe wusste, mit der ihre Freunde zu Hause konfrontiert waren? Wie hätte sie sich entspannen können, wenn sie wusste, sie würde nach Shanville zurückkehren und alle enttäuschen müssen?

Wie war sie bloß überhaupt in diese Zwangslage geraten?

Bis vor wenigen Monaten hatte sie geglaubt, genau zu wissen, in welche Richtung ihr Leben sich entwickeln würde. Sie war verlobt gewesen und hätte irgendwann geheiratet. Sie hatte einen Beruf, den sie liebte, und lebte in einer Stadt mit Menschen, die ihr etwas bedeuteten. Aber das Schicksal hatte ihr einen Streich gespielt. Von einem zum anderen Augenblick hatte sich alles geändert.

Rückblickend betrachtet, hätte es Cassie eigentlich nicht überraschen dürfen, dass Oliver ihre Verlobung gelöst hatte. Schließlich war ihre Beziehung sehr problematisch geworden, nachdem er den elterlichen Betrieb übernommen hatte. Sie, Cassie, hätte ihre Verlobung schon vor Jahren selbst gelöst, wenn sie nicht Angst gehabt hätte, damit ihre kränkliche Großmutter aufzuregen. Denn es war der Wunsch ihrer Großmutter gewesen, dass Cassie Oliver heiratete. Ihre Großmutter hatte immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass diese Verbindung die Freude ihres Alters war.

Außerdem war es nicht so gewesen, dass Cassie Oliver nicht geliebt hätte. Sie waren zusammen aufgewachsen. Sie waren zusammen in die Schule gegangen, und sie hatten während der Sommerferien Seite an Seite in der Weberei "Demion Mills" gearbeitet. Doch als Oliver die Führung des Betriebs übernommen hatte, hatte er sich verändert. Mit einem Mal war er besessen von Geld. Für Cassie war offensichtlich geworden, dass Oliver große Pläne hatte – Pläne, in denen eine kleine Textilweberei nicht vorkam.

Nachträglich war alles klar gewesen. Oliver mochte schöne Reden gehalten haben, doch wie ihre Großmutter immer zu sagen pflegte, Taten sagten mehr als Worte. Letztendlich bewies Olivers Verhalten, dass er kein Kleinstadtmädchen heiraten wollte, das als Weberin im Textilbetrieb seiner Familie arbeitete. Außerdem schien er auch keine Lust zu haben, in Shanville zu leben. Oliver war dazu bestimmt, sein Glück und seine Liebe woanders zu suchen.

Aber so offensichtlich Olivers Gefühle ihr gegenüber auch geworden waren, Cassie hätte niemals vermutet, wie tief er Shanville verachtete. Sie hätte auch niemals gedacht, dass Shanville eines Tages von einem Bürger der Stadt zerstört werden würde.

Doch genau das war geschehen. Oliver hatte Demion Mills schlecht geführt und den Betrieb damit an den Rand des Ruins gebracht. Dann, gerade als Cassie dachte, es könnte nicht schlimmer werden, hatte er Shanville und die Menschen verraten, die ihn liebten. Er verkündete, er würde den Betrieb – den Stützpfeiler der Gemeinde, den Arbeitgeber ganzer Generationen von Einwohnern – an Hunter Axon verkaufen.

Hunter Axon kaufte Firmen auf, die vom Bankrott bedroht waren. Er war dafür bekannt, kleinere Betriebe zu übernehmen, die Angestellten zu entlassen und die Produktion nach Übersee zu verlegen.

Der Verkauf war völlig unerwartet gekommen, selbst sie, Cassie, war ahnungslos gewesen. Wie hatte Oliver das bloß arrangiert? Wie hatte er Hunter Axon davon überzeugt, eine kleine Textilfabrik zu kaufen, die seit Jahren keinen Gewinn mehr machte?

Um das herauszufinden, waren einige Nachforschungen nötig gewesen, doch schließlich hatte Cassie die Antwort gefunden: Bodyguard.

Oliver hatte entdeckt, dass Demion Mills das Patent für Bodyguard besaß – ein weiches, absorbierendes Material, das sich perfekt für Sportwäsche eignete. Doch statt dieses Patent zu benutzen, um den Betrieb wieder in die Gewinnzone zu bringen, hatte Oliver nur an seinen persönlichen Vorteil gedacht.

Cassie hatte versucht, ihn davon zu überzeugen, Demion Mills zu behalten und nur das Patent zu veräußern. Aber er hatte sich geweigert. Der Betrieb war so gut wie verkauft.

Deshalb blieb Cassie keine andere Wahl, als zu versuchen, Hunter Axon selbst zu treffen. Sie war sicher, der Textilbetrieb würde aus den roten Zahlen herauskommen, wenn der patentierte Stoff dort hergestellt wurde.

Also hatte sie ihr mageres Bankkonto geplündert und war auf die Bahamas geflogen, um mit Hunter Axon zu sprechen. Doch diese Aufgabe war nicht so leicht, wie sie sich vielleicht anhörte. Hunters Sekretärin hatte sich geweigert, ihr einen Termin bei ihrem Boss zu geben. Verzweifelt war Cassie sogar zu seinem Haus gegangen, doch der Eintritt war ihr verwehrt worden. In den beiden Tagen, die sie nun schon auf den Bahamas war, hatte sie nicht einmal einen Blick auf den zukünftigen Besitzer von Demion Mills werfen können.

Nun, am Abend vor ihrer Abreise, war sie gezwungen, sich die Wahrheit einzugestehen. Sie hatte ihr Ziel nicht erreicht. Demion Mills würde ein weiteres verwaistes Fabrikgebäude werden, die wunderschönen alten Webstühle würden im Museum landen oder in Einzelteile zerlegt werden.

Cassie griff nach ihrer Rechnung. Vierundzwanzig Dollar. Zwanzig Dollar mehr, als sie hätte ausgeben sollen. Sie besaß nur noch dreißig Dollar, und sie brauchte morgen früh ein Taxi. Weshalb hatte sie bloß acht Dollar teure Piña Coladas getrunken? Sie betrachtete das aquamarinblaue Meer und legte die Rechnung wieder auf den Tisch. Eine warme Brise strich über die exotischen Palmen am Strand. Cassie beschloss, wenigstens noch ein paar Minuten zu bleiben.

Sie nahm ihr leeres Glas und ließ einen noch nicht ganz geschmolzenen Eiswürfel in den Mund gleiten. Dann lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und betrachtete die glutrote Sonne, die ganz allmählich im Atlantik zu versinken schien.

"Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?" fragte eine heisere Stimme.

Vor Schreck sprang Cassie fast vom Stuhl hoch. Neben ihr stand ein korpulenter blonder Mann. Die Haut um den Rand seiner Sonnenbrille war stark gerötet, was ihm das Aussehen eines roten Waschbären verlieh.

"Nein, danke", erwiderte Cassie. Sie schluckte den Eiswürfel hinunter. "Ich wollte gerade gehen."

"Was tut ein hübsches Mädchen wie Sie denn so allein?"

"Wie bitte?"

"Das ist doch geradezu ein Verbrechen. Aber ich habe gute Neuigkeiten. Sie sind nicht mehr länger allein." Er hielt den Daumen hoch und gab damit einigen Männern an der Bar ein Zeichen. Sie wieherten vor Lachen und hielten ebenfalls die Daumen hoch.

"Wenn Sie mich entschuldigen", sagte Cassie, "ich muss jetzt gehen."

"Ach, komm schon, Kleine", erwiderte er. "Lass mich dir noch einen Drink spendieren."

"Nein, danke."

Sie öffnete ihre Handtasche, um zu bezahlen, doch ehe sie wusste, wie ihr geschah, beugte er sich vor und zog ihren Führerschein heraus.

"Cassie Edwards, 345 Hickamore Street, Shanville, New York", las er vor.

"Geben Sie mir sofort den Führerschein zurück", bat sie.

"Du bist aber ziemlich weit weg von zu Hause, Cassie."

"Ich habe Sie gebeten, mir den Führerschein zurückzugeben." Cassie stand auf und blickte sich um. Die Musik hatte wieder eingesetzt, und obwohl einige Tische in der Nähe standen, waren die Leute dort anscheinend zu beschäftigt miteinander, um ihre missliche Lage zu bemerken.

Der Mann hob den Führerschein über seinen Kopf und blickte erneut zu seinen Freunden an der Bar. Die lachten immer noch und ermutigten ihn, indem sie wild gestikulierten. "Ein Kuss, und du kriegst den Lappen wieder", verkündete der Blonde. Bevor Cassie zurückweichen konnte, umfasste er ihre Taille. "Ein Kuss."

"Gibt es hier ein Problem?" ertönte eine Stimme hinter ihnen.

Der Mann ließ die Hände sinken. Cassie drehte sich um und blickte in die großen braunen Augen des Barkeepers.

"Kein Problem", behauptete der Blonde.

Der Barkeeper verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und musterte ihn. Er wirkte dabei ziemlich einschüchternd.

"Die Dame hier hat gerade ihren Führerschein fallen lassen. Das ist alles", behauptete der Blonde und warf den Führerschein auf den Tisch. Nervös blickte er zu seinen Freunden. Sie befanden sich immer noch an der Bar, doch jetzt starrten sie alle auf ihre Drinks und taten so, als hätten sie von dem Vorfall nichts mitbekommen.

Der Barkeeper sah den Mann scharf an. Ganz offensichtlich mochte er es nicht, wenn man ihn belog. Er machte einen Schritt auf ihn zu und sagte in drohendem Ton: "Ich will, dass Sie jetzt gehen. Ich ziehe es vor, eine Szene zu vermeiden. Aber …", er ließ seine verschränkten Arme sinken, "… falls es notwendig ist …"

Bevor er zu Ende gesprochen hatte, holte der Blonde zum Schlag aus. Doch der Barkeeper war schneller. Wie ein trainierter Kämpfer wich er aus, packte den Mann rasch bei den Jackettaufschlägen und zog ihn hoch. "Ein zweites Mal werde ich Sie nicht mehr höflich bitten."

"Okay", erwiderte der Mann und hob die Hände. "Ich gebe auf."

Der Barkeeper stellte ihn wieder auf den Boden, und der Mann blickte zu seinen Freunden. Doch die waren inzwischen verschwunden. "Diese Feiglinge!" schimpfte er und verzog sich eilig.

Nun wandte sich der Barkeeper wieder Cassie zu. "Sind Sie in Ordnung?" fragte er freundlich.

"Mir geht es gut, danke", antwortete sie.

"Sie können gern das Haustelefon benutzen, wenn Sie jemanden anrufen möchten."

"Jemanden anrufen?"

"Jemanden, der Sie abholt und nach Hause fährt."

"Nein", sagte sie.

"Also gut", sagte er. "Dann werde ich Ihnen ein Taxi rufen."

Cassie fiel ein, dass sie kaum noch Geld besaß. "Nein, ich wohne ganz in der Nähe. Ich werde einfach zu Fuß gehen."

Eigentlich wohnte sie überhaupt nicht in der Nähe. Nach ihren erfolglosen Bemühungen, Axon zu treffen, war sie zu ihrem Motel zurückgegangen, einem traurig aussehenden Gebäude, mehrere Blocks vom Strand entfernt. Doch ihren letzten Abend auf den Bahamas hatte sie nicht in einem kleinen dunklen Zimmer verbringen wollen. Deshalb war sie zum Strand spaziert und hatte alles fotografiert, was ihre Fantasie angeregt hatte: Eine Frau, deren Haar mit Bändern geschmückt war, einen alten Mann, der Muschelketten verkaufte, ein kleines Kind, das in den Wellen spielte.

Wie weit lag ihr Hotel eigentlich entfernt? Eine halbe Stunde? Eine Stunde?

Lautes Geschrei unten vom Strand störte ihre Gedanken. In einiger Entfernung konnte sie den aufdringlichen Mann von vorhin sehen. Er hatte sich wieder zu seinen Freunden gesellt, und sie sprangen alle herum, brüllten und machten unanständige Gesten in Richtung einer Gruppe Frauen.

"Ich bringe Sie nach Hause", sagte der Barkeeper, und Cassie wandte sich ihm zu. Er beobachtete die Männer. "Wo wohnen Sie?"

Sie zögerte. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie ihm weder sagen wollte, wo sie wohnte, noch wollte sie von ihm nach Hause gebracht werden. Sie kannte ihn nicht. Auch wenn sie nur wenige Minuten zuvor von einer romantischen Szene mit ihm geträumt hatte, war sie doch immer noch Cassie Edwards, das nette, brave Mädchen aus Shanville. Die dreiundzwanzig Jahre alte Jungfrau. Die Verlobte von Oliver Demion.

Nein, die Exverlobte von Oliver Demion.

"Danke für Ihr Angebot, aber ich komme zurecht." Nein, sie konnte sich von ihm nicht nach Hause bringen lassen. Doch es gab etwas, was sie sich wünschte. Sie nahm ihre Kamera. "Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie fotografiere?"

Er sah sie an, als hätte ihm zum ersten Mal jemand so eine Frage gestellt.

"Es geht ganz schnell", versprach sie.

"Sicher", erwiderte er und blieb bewegungslos stehen.

Cassie schaute durch den Sucher und stellte die Schärfe ein. Der Barkeeper blickte mit leicht amüsiertem Gesichtsausdruck direkt in die Kamera.

Cassie betätigte den Auslöser und lächelte. "Großartig. Vielen Dank."

Er zuckte die Schultern. "Keine Ursache."

Während sie ihre Handtasche öffnete, um ihr Geld herauszuholen, überlegte sie, ob er wohl hier stehen bleiben würde, bis sie weggegangen war. Sie legte das Geld auf den Tisch. "Wie ich schon sagte, bin ich ein Fan von Fotos", erklärte sie. "Seit ich meine erste Kamera bekam …"

Doch sie redete mit sich selbst. Er war fort.

Cassie schaute sich im Lokal um, entdeckte jedoch keine Spur von ihm. Es war, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Cassie seufzte. Sie hatte ihre Chance gehabt, aber sie hatte sie vermasselt.

Nach einem letzten Blick auf die Bar drehte sie sich um und ging. Plötzlich blieb sie stehen. Der Barkeeper befand sich keine fünfzehn Meter von ihr entfernt. Er lehnte an einer Palme, hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und schaute aufs Meer.

Erneut überfiel sie Nervosität. Sollte sie jetzt vorbeieilen, als hätte sie ihn nicht bemerkt? Oder sollte sie versuchen, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen?

Er drehte sich um und lächelte. Man hätte fast meinen können, er hätte auf sie gewartet. "In welche Richtung gehen Sie?"

Irgendetwas an seinem umwerfenden Lächeln bewirkte, dass sie nicht mehr klar denken konnte. "Da entlang", sagte sie und wies mit dem Kopf nach links.

"Ich auch", erwiderte er. "Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ein Stück mit Ihnen gehe?"

Cassie lachte nervös. "Klar."

"Macht es Ihnen nun etwas aus oder nicht?"

"Es macht mir nichts aus", erwiderte sie rasch, und er lächelte wieder. Dann gingen sie nebeneinander die Straße entlang.

Cassie war nicht sicher, ob er zufällig die gleiche Richtung hatte wie sie. Aber sie hoffte, es war kein Zufall. Verstohlen warf sie ihm einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Als sie merkte, dass er sie ansah, errötete sie und schaute schnell weg. Sie kannten nicht einmal den Namen des anderen. Doch aus irgendeinem Grund schien das keine Rolle zu spielen. Eigentlich war sie ganz froh, wenigstens eine Weile lang eine Unbekannte zu sein.

"Sind Sie geschäftlich auf den Bahamas oder zum Vergnügen?" erkundigte er sich.

"Geschäftlich", antwortete sie.

"Was machen Sie denn beruflich?"

Sie zögerte. "Ich bin eine …" Sie unterbrach sich. Sie wollte nicht über die Weberei sprechen. Nicht heute Abend. Nicht an diesem zauberhaften, wunderschönen Ort. Heute Abend wollte sie Cinderella sein, die zum Ball ging.

"Sie müssen mir nicht antworten, wenn Sie nicht wollen", sagte er jetzt.

"Ich bin hier, um jemanden zu treffen."

"Ein Treffen? Das klingt geheimnisvoll."

"Ich versichere Ihnen, das ist es nicht." Sie lächelte ihn an und wechselte das Thema. "Ich habe gesehen, dass Sie an der Bar arbeiten. Wie lange leben Sie schon hier?"

"Ungefähr zehn Jahre."

"Hier ist es sehr schön."

"Manchmal." Sie waren nun bei einem kleinen Yachthafen angelangt, und er blieb stehen. "Ich muss noch nach einem Boot sehen. Wenn Sie nicht in Eile sind, hätten Sie dann vielleicht Lust, mich zu begleiten?"

Erneut zögerte sie. Ein Teil von ihr wollte liebend gern so viel Zeit wie möglich mit diesem Mann verbringen. Doch ein anderer Teil riet ihr, vernünftig zu bleiben und wegzugehen.

Er sagte: "Am besten gestehe ich Ihnen jetzt, dass ich Sie vorhin beschwindelt habe. Ich werde Sie auf keinen Fall allein nach Hause gehen lassen. Dieser Strand ist nach Sonnenuntergang kein sicherer Ort für eine Frau."

Cassie blickte den Strand entlang. In einiger Entfernung hörte sie Männerstimmen. Ob diese wohl dem blonden Flegel und seinen Freunden gehörten?

Mit Sicherheit wäre es dumm, darauf zu bestehen, allein nach Hause zu gehen. Aber war es andererseits nicht ebenfalls dumm, die Einladung eines Fremden auf ein Boot anzunehmen?

Sich verabschieden wollte sie aber auch nicht. Außerdem blieb ihr sowieso keine Wahl. Sie würde ihn keinesfalls loswerden. Nicht, dass sie das gewollt hätte. Ganz und gar nicht. "Danke", sagte sie deshalb und folgte ihm zum Hafenbecken.

Während sie am Dock entlanggingen, schienen die dort festgemachten Boote immer größer zu werden. Vor der letzten und größten Yacht blieb er stehen. "Wir sind da."

Er ging an Bord und reichte ihr die Hand. Cassie ließ sich von ihm helfen.

Sobald sie an Deck stand, sah sie sich um. "Wow!" war alles, was sie in diesem Augenblick herausbrachte.

Nicht nur die Größe des Bootes war eindrucksvoll. Die Yacht sah nagelneu aus. Sämtliche Böden und Türen glänzten frisch poliert. Alles strahlte Reichtum aus, angefangen bei dem Rumpf aus prächtigem Mahagoni, bis zu den schönen gepolsterten Liegestühlen.

Die Yacht sah aus, als würde jeden Moment ein Butler im Smoking auftauchen. Bestimmt gehörte eine ganze Crew zu dieser Yacht. "Gehört dieses Ding tatsächlich jemanden?"

Er nickte und lächelte. "Ja, tatsächlich."

"Arbeiten Sie auf dem Boot?"

Er zögerte. "Wenn nötig, ja."

"Ich wette, das macht Spaß."

Er lachte. "Es ist besser, als an einem Schreibtisch zu sitzen."

"Wo sind denn alle?"

"Auf dem Boot wohnt nur ein Mitglied der Crew, und er besucht gerade seine Mutter in Ohio."

"Dann wohnt der Besitzer also nicht an Bord?"

"Nein", antwortete er schmunzelnd.

"Ist es in Ordnung, wenn ich mich umsehe?" wollte Cassie wissen.

"Ich werde Ihnen alles zeigen."

Sie folgte ihm durch ein paar Türen in die Kombüse. Die Kabinen sahen aus, als stammten sie direkt aus einem Magazin für Innenarchitektur, ein Raum war schöner als der andere. In einer Kabine, die als Schlafzimmer diente, blieb Cassie stehen. Sie ging zu den Vorhängen und befühlte den Stoff. "Handgewebter Jacquard aus Seidendamast", erklärte sie. "Es ist sehr teuer."

"Woher wissen Sie das?"

Sie senkte den Blick. Sie wusste das, weil sie ihre Tage an einem Webstuhl verbrachte und diesen Stoff herstellte. "Ich habe das Material schon fotografiert." Sie strich über die schwere glatte Seide. "Dieses Gewebe ist wundervoll."

"Sie sind wirklich eine ernsthafte Fotografin."

"Nein, nicht mehr."

"Nicht mehr?"

"Früher wollte ich Fotografin werden. Ich machte von allem und jedem Fotos."

"Klingt interessant."

Sie nickte. "Auf dem College hatte ich Kunst als Hauptfach belegt."

"Aber …?"

"Aber dann wurde meine Großmutter krank."

"Und Sie sind nicht mehr aufs College zurückgekehrt?"

"Nein. Sie brauchte mich. Als sie mich nicht mehr brauchte … Nun, die Dinge hatten sich geändert."

"Das ist zu schade."

"Nein", sagte sie. "Ich bin glücklich mit meinem Leben und dem Weg, den ich eingeschlagen habe. Das ist vielleicht nicht der Weg, von dem ich gedacht habe, ich würde ihn gehen, aber ich bereue nichts." Lächelnd sah sie ihn an. "Ich glaube sowieso nicht, dass Reue zu irgendetwas gut ist, und Sie?"

"Reue?" Er schüttelte den Kopf. "Zumindest nicht heute Abend." Er lachte.

Nicht heute Abend? Während sie ihm nach draußen aufs Deck folgte, dachte sie nach, was er damit wohl meinte.

"Das war's", meinte er und drehte sich zu ihr um.

"Kein Swimmingpool?" scherzte sie. "Kein großer Ballsaal?"

"Ich fürchte, nein."

Sie zuckte die Schultern. "Ich denke, es ist okay." Sein Lächeln verblasste. Eine Sekunde lang glaubte sie, sie hätte ihn gekränkt. Aber er musste doch merken, dass sie nur Spaß gemacht hatte, oder?

"Haben Sie es eilig?" fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

"Setzen Sie sich doch, und ich hole uns etwas zu trinken. Was möchten Sie denn gerne?"

"Sind Sie sicher, dass das in Ordnung ist?"

Erneut lächelte er. "Ja. Mögen Sie Champagner?"

Sie bejahte.

Mit einer Flasche und zwei Gläsern kam er zurück. Er öffnete die Flasche und schenkte ein. "Cheers", sagte er, als er ihr einen Kelch reichte.

Sie nahm einen Schluck, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und atmete die warme, salzhaltige Luft ein. "Das ist schön", sagte sie. "Ich wünschte fast, ich müsste morgen nicht schon nach Hause fahren."

"Wo sind Sie zu Hause?"

"Im Staat New York."

"Lebt Ihre Familie dort?"

"Lebte", erklärte sie. "Meine Eltern starben, als ich noch klein war. Ich wuchs bei meinen Großeltern auf. Mein Großvater starb vor ungefähr zehn Jahren und meine Großmutter …", sie zögerte, "… vor ein paar Monaten."

"Das tut mir Leid", sagte er so mitfühlend, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

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