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Die geheimen Tagebücher der Charlotte Brontë

Syrie James

Die geheimen Tagebücher der Charlotte Brontë

Roman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

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Inhaltsübersicht

DANKSAGUNGEN

VORWORT DER AUTORIN

DIE GEHEIMEN TAGEBÜCHER DER CHARLOTTE BRONTË

ERSTER BAND

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ZWEITER BAND

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

DRITTER BAND

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

NACHWORT DER AUTORIN

ÜBER DAS LESEN UND DIE LIEBE

ÜBER LIEBE UND EHE

DIE WERKE DER CHARLOTTE BRONTË

ANREGUNGEN FÜR BÜCHERKREISE – DAS GEHEIME TAGEBUCH DER CHARLOTTE BRONTË

 

Für meinen Mann Bill und unsere Söhne Ryan und Jeff für ihre Liebe und Unterstützung.

Und in liebevoller Erinnerung an meine Mutter, Joann Astrahan – eine scharfsinnige, weise und großzügige Frau, die immer gesagt hat, ich sollte Bücher schreiben.

DANKSAGUNGEN

Ich möchte die Beiträge der folgenden Menschen würdigen, die für mich unverzichtbar waren, während ich diesen Roman schrieb. Zuerst und am meisten bin ich meinem Mann Bill zu Dank für seine tägliche Unterstützung in meinem Beruf verpflichtet, der mich tagelang am Computer festhält und mich selbst dann, wenn ich endlich wieder auftauche, noch immer mit schöpferischem Nebel umhüllt. Ein Dankeschön auch an meine Söhne Ryan und Jeff, die bis in die frühen Morgenstunden Manuskripte gelesen haben, damit sie mir ihre Rückmeldungen geben konnten. (Dir, Ryan, besonderen Dank dafür, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast, welche Bedeutung Emilys zweiter Vorname hat!). Danke auch an Yvonne Yao, die in schwierigen Zeiten ihre sehr geschätzte Hilfe angeboten hat. Danke an meine Agentin Tamar Rydzinski für ihre unermüdliche Unterstützung und dafür, dass sie immer genau weiß, welche Absätze ich streichen sollte. Danke an meine Lektorin Lucia Macro dafür, dass sie meine Liebe zu allem teilt, was mit den Brontës zu tun hat, und dafür, dass sie mich daran erinnert hat, dem Roman den Mittelpunkt zu geben, den er brauchte. Und ein Dank an alle beim Verlag Avon, die bei meinen Büchern stets so großartige Arbeit leisten. Dank an meine Korrekturleser mit den Adleraugen, Sara und Bob Schwager, für ihre begeisterten Kommentare und dafür, dass sie jedes einzelne Wort des Texts bei ihrem bedingungslosen Streben nach Echtheit und Wirklichkeitsnähe doppelt und dreifach auf die Goldwaage gelegt haben. Danke an Ann Dinsdale, die Leiterin der Sammlung im Brontë Parsonage Museum in Haworth, für das freundliche Willkommen während meines Besuchs und dafür, dass ich Originalbriefe, Manuskripte und andere Dokumente, die von Charlotte und anderen Mitgliedern der Familie Brontë geschrieben wurden, persönlich studieren durfte. Und Dank an Sarah Laycock, die für die Bibliothek und die Informationsarbeit des Museums verantwortlich ist und mir so viele wunderbare Einzelheiten über Charlottes Hochzeitskleid, ihren Schleier, den Ring, ihr Nachthemd, das Flitterwochenkleid und andere Kleidungsstücke mitgeteilt und mir dazu noch umfassende Beschreibungen einer Vielzahl von Kleidungsstücken aus der Sammlung des Museums zur Verfügung gestellt hat. Ich möchte auch Steven Hughes, dem Vorsitzenden des Hollybank Trust, danken, der so freundlich war, mich und meinen Mann an einem regnerischen Tag persönlich vom Keller bis zum Dachboden durch die Hollybank School in Mirtfield, West Yorkshire, zu führen. Dies war früher die Roe Head School, und dort hat sich seit Charlottes Zeiten bis heute bemerkenswerterweise kaum etwas verändert. Sogar vom hauseigenen Gespenst wurde uns berichtet. Ich bin den Werken vieler gelehrter Experten zu Dank verpflichtet, die über die Brontës geschrieben haben, darunter Juliet Barker, Winifred Gérin, Christine Alexander und Margaret Smith, und sowohl Smith als auch Clement Shorter für die von ihnen herausgegebenen Sammlungen der Briefe Charlotte Brontës, ohne die ich diesen Roman niemals hätte schreiben können. Ich schulde natürlich auch den Romanen und Gedichten der Brontë-Schwestern sehr viel, denn in ihren Werken haben sie uns einen Blick auf ihre Welt ermöglicht. Und schließlich geht vielleicht der wichtigste Dank an Charlotte Brontë selbst, deren außerordentlichem Geist und deren hervorragendem Talent ich treu bleiben wollte; ich hoffe, dass sie damit einverstanden gewesen wäre.

VORWORT DER AUTORIN

Liebe Leserin, lieber Leser,

stellen Sie sich, wenn Sie möchten, vor, dass eine große Entdeckung gemacht wurde, die in der gesamten literarischen Welt ungeheures Aufsehen erregt hat: Eine Reihe von Tagebüchern wurde gefunden, die über ein Jahrhundert im Keller eines abgelegenen Bauernhauses auf den Britischen Inseln verborgen lagen und die nun offiziell als die Tagebücher von Charlotte Brontë bestätigt wurden. Was würden uns diese Tagebücher verraten?

Jeder Mensch hat Geheimnisse. Charlotte Brontë, eine leidenschaftliche Frau, die einige der schönsten Liebesromane in der englischen Literatur schrieb, die bisher alle Zeiten überdauert haben, war da sicherlich keine Ausnahme. Ihre Biographie und ihr auf uns überkommener Briefwechsel sagen viel über Charlotte aus; aber wie alle Mitglieder der Familie Brontë hatte auch Charlotte eine sehr private, zurückgezogene Seite, die sie nicht einmal ihren engsten Freunden und Verwandten enthüllt hat.

Welche intimen Geheimnisse verschloss Charlotte Brontë in ihrem Herzen? Was waren ihre verborgensten Gedanken und Gefühle und ihre persönlichsten Erinnerungen? Wie war ihre Beziehung zu ihrem Bruder und ihren Schwestern, die alle ebenfalls begabte und ehrgeizige Künstler waren? Wie konnte eine unbekannte Pfarrerstochter, die beinahe ihr ganzes Leben in einem weit abgelegenen Dorf in Yorkshire verbrachte, das Buch Jane Eyre schreiben, einen Roman, den alle Welt liebt? Und – was vielleicht am wichtigsten ist: hat Charlotte je selbst die wahre Liebe gefunden?

Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen begann ich, Charlotte Brontës Leben genau zu studieren. Besonders interessierte mich ein sehr wichtiger Aspekt der Brontë-Geschichte, dem bisher kaum größeres Augenmerk gewidmet wurde: Charlottes lange und wechselhafte Beziehung zum Hilfspfarrer ihres Vaters, Arthur Bell Nicholls. Es ist hinreichend bekannt, dass Charlotte Brontë vier Heiratsanträge erhielt, unter denen wohl der berühmteste der Antrag von Mr. Nicholls war. Trotzdem bleibt Arthur Bell Nicholls in den Brontë-Biographien eine beinahe schattenhafte Randfigur, wird im Allgemeinen erst zum Ende hin erwähnt, und auch dann nicht besonders ausführlich. Und doch weiß man, dass Mr. Nicholls acht Jahre lang neben den Brontës wohnte und während dieser Zeit beinahe täglich Kontakt mit ihnen hatte und dass er wohl insgeheim eine tiefe Zuneigung zu Charlotte entwickelte, lange bevor er endlich den Mut aufbrachte, ihr einen Heiratsantrag zu machen.

Hat Charlotte je Mr. Nicholls’ Zuneigung erwidert? Sollte sie ihn heiraten oder nicht? Ah – wie Charlotte selbst sagen würde – darum dreht sich in dieser Geschichte alles. Und ich möchte mir gern vorstellen, dass ihre Gefühle und dieses Dilemma sie inspiriert haben, solche Tagebücher zu schreiben.

Die Geschichte, die Sie gleich lesen, ist wahr. Charlottes Leben ist so faszinierend, dass ich meine Erzählung beinahe ganz auf Tatsachen aufbauen und daraus entwickeln konnte und dass ich nur da Vermutungen anstellen musste, wo ich das für nötig hielt, um den dramatischen Konflikt zu überhöhen oder etwaige Lücken zu füllen. Ab und zu habe ich auch Kommentare und Fußnoten hinzugefügt. Einige Leser mögen vielleicht meinen, das, was im Folgenden vor ihnen entsteht, ähnelte eher einem der Romane Charlotte Brontës als einem Tagebuch im üblichen Sinne, denn Charlotte blickt ja auf vergangene Ereignisse zurück und zeichnet sie nicht Tag für Tag auf. Doch ich glaube, dass Charlotte sie so festgehalten hätte, denn sicherlich hätte sie sich mit diesem Stil und dieser Struktur am wohlsten gefühlt.

Hier sind nun also – mit dem höchsten Respekt und der größten Bewunderung für die Frau, die mich dazu angeregt hat – Die geheimen Tagebücher der Charlotte Brontë.

DIE GEHEIMEN TAGEBÜCHER DER CHARLOTTE BRONTË

ERSTER BAND

EINS

Jemand hat mir einen Heiratsantrag gemacht.

Liebes Tagebuch, dieser Antrag, den ich vor wenigen Monaten erhielt, hat meinen gesamten Haushalt – nein, das gesamte Dorf – in hellen Aufruhr versetzt. Wer ist dieser Mann, der es gewagt hat, um meine Hand anzuhalten? Warum ist mein Vater so sehr gegen ihn voreingenommen? Warum ist die Hälfte der Einwohner von Haworth entschlossen, ihn zu lynchen – oder zu erschießen? Seit dem Augenblick seines Antrags habe ich Nacht für Nacht wach gelegen und über die unzähligen Ereignisse nachgegrübelt, die zu dieser Feuersbrunst geführt haben. Wie um alles in der Welt, frage ich mich, konnten die Dinge so ausufern?

Ich habe vom Glück der Liebe geschrieben. In den geheimsten Winkeln meines Herzens träume ich schon lange von einer vertrauten Beziehung zu einem Mann; jede Jane, das glaube ich, verdient doch ihren Rochester – nicht wahr? Trotzdem hatte ich längst jede Hoffnung aufgegeben, diese Erfahrung einmal in meinem eigenen Leben zu machen. Stattdessen bemühte ich mich um eine literarische Laufbahn; und nachdem ich damit Erfolg hatte, soll ich – muss ich – sie nun aufgeben? Kann eine Frau sich voll und ganz einem Beruf und ihrem Ehemann widmen? Ist es möglich, dass diese beiden so lebenswichtigen Seiten in den Gedanken und Gefühlen einer Frau friedlich nebeneinander existieren? Es muss einfach so sein; denn ich glaube, wahres Glück lässt sich auf keine andere Weise erreichen.

Ich habe schon seit langem die Gewohnheit, mich in Zeiten großer Freude oder mächtiger Gefühlswallungen in die trostreichen Gefilde meiner Phantasie zu flüchten. Dort, in der Prosa und in der Lyrik, habe ich stets meinen innersten Gedanken und Gefühlen hinter dem schützenden Schleier des Erdachten freien Lauf gelassen. Auf den vorliegenden Seiten möchte ich einen völlig anderen Weg einschlagen. Hier möchte ich mein Herz ausschütten – Wahrheiten enthüllen, die ich bisher nur mit wenigen, eng vertrauten Menschen besprochen habe, von denen ich manche überhaupt keiner Menschenseele entdeckt habe. Denn gegenwärtig durchlebe ich äußerst schwierige Zeiten, stehe ich vor einem Dilemma ungeheuren Ausmaßes.

Wage ich es, gegen Papas Willen zu handeln und mir den Zorn aller, die ich kenne, zuzuziehen, indem ich diesen Antrag annehme? Wichtiger noch, will ich ihn annehmen? Liebe ich diesen Mann wirklich und möchte ich seine Frau werden? Ich konnte ihn nicht einmal leiden, als wir uns kennenlernten; doch seither ist sehr viel geschehen.

Mir scheint, dass jegliche Erfahrung, die ich je machte, alles was ich je sagte und tat, und jeder Mensch, den ich je liebte, wesentlich dazu beigetragen zu haben, dass ich zu der Person wurde, die ich heute bin. Hätte der Pinsel die Leinwand ein wenig anders berührt, wäre dabei eine etwas hellere oder dunklere Farbe aufgetragen worden, dann wäre ich jetzt ein völlig anderer Mensch. Und so nehme ich nun auf der Suche nach einer Antwort Papier und Feder zur Hand. Vielleicht kann ich so begreifen, was mich bis zu diesem Augenblick geführt hat, und verstehen, was ich fühle – und was das Schicksal in seiner Güte und Weisheit für mich vorherbestimmt hat.

Doch halt! Keine Geschichte darf in der Mitte anfangen, noch viel weniger am Ende. Nein, um meiner Erzählung eine angemessene Form zu geben, muss ich weit zurückgehen – in die Zeit, in der alles anfing. Zu dem stürmischen Tag vor beinahe acht Jahren, als ein unerwarteter Besucher an der Tür des Pfarrhauses eintraf.

 

Der 21. April 1845 war ein düsterer, nasser kalter Tag.

Bei Tagesanbruch weckte mich ein gewaltiger Donnerschlag aus dem Schlaf. Wenige Augenblicke später zerriss das Grau des Himmels, und ein sintflutartiger Wolkenbruch ging nieder. Den ganzen Morgen lang klatschte der Regen gegen die Fensterscheiben des Pfarrhauses, prasselte auf das Dach und die Regenrinnen, ließ die gedrängt stehenden Grabmale auf dem nahe gelegenen Friedhof vor Nässe triefen und tanzte über die Steinplatten auf der kleinen Straße, floss zu kleinen Rinnsalen zusammen, die unaufhaltsam an der Kirche vorbei auf die steile Hauptstraße des Dorfes mit ihrem Kopfsteinpflaster zuströmten.

Drinnen in der Küche des Pfarrhauses war es jedoch behaglich. Der Raum war durchzogen vom Duft frisch gebackenen Brotes und der Wärme eines großzügigen Feuers. Es war ein Montag – Backtag –, und meine Schwester Emily meinte, das wäre wirklich sehr passend, denn es war auch mein Geburtstag. Ich hatte es stets vorgezogen, derlei Anlässen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken, aber da ich neunundzwanzig Jahre alt wurde, bestand Emily darauf, wir sollten uns die Zeit für eine kleine Feier im trauten Familienkreis nehmen.

»Es ist für dich das letzte Jahr in einem wichtigen Jahrzehnt«, sagte Emily, während sie mitten im Raum auf dem bemehlten Tisch mit geschickten Händen einen Berg Teig knetete. Zwei Laibe waren bereits im Ofen, und eine weitere Schüssel voll Teig ging unter einem Tuch auf. Ich war mit den Vorbereitungen für eine Pastete und einen Obstkuchen schon weit fortgeschritten. »Zumindest müssten wir den Tag mit einer Torte feiern.«

»Ich sehe keinen Sinn darin«, erwiderte ich, während ich das Mehl für den Pastetenteig abmaß. »Anne und Branwell sind nicht hier, also würde es kein richtiges Fest werden.«

»Wir können doch während ihrer Abwesenheit nicht auf alles Vergnügen verzichten, Charlotte«, versicherte mir Emily ernst. »Wir müssen das Leben wertschätzen und uns daran freuen, solange wir es haben.«

Emily war zwei Jahre jünger als ich und außer Papa die größte in unserer Familie. Sie war eine komplizierte Persönlichkeit mit zwei gleich starken Seiten: Zum einen liebte sie es, melancholisch und nach innen gerichtet über den Sinn von Leben und Tod nachzugrübeln; zum anderen bereitete es ihr großes Entzücken, die mannigfaltigen Freuden der Welt zu genießen und die Schönheiten der Natur zu betrachten. Solange sie zu Hause sein konnte, von ihrem geliebten Moor umgeben, war Emily glücklich und nahm das Leben leicht. Im Gegensatz zu mir ließ sie sich nicht so schnell erschüttern. Sie verlor sich lieber in Gedanken oder in den Seiten eines Buchs und zog das Grübeln oder die Lektüre allen anderen Beschäftigungen vor – eine Wahl, der ich von ganzem Herzen zustimmen konnte. Emily gab nicht viel auf die Meinung der Leute, und sie interessierte sich überhaupt nicht für Mode. Obwohl man längst eng an der Taille anliegende Kleider mit weiten Röcken und Unterkleidern zu tragen pflegte, zog Emily es noch immer vor, die altmodischen, formlosen Kleider und dünnen Untergewänder anzuziehen, die sich ihr um die Beine schmiegten und ihrer mageren Figur nicht sonderlich schmeichelten. Da sie kaum je aus dem Haus ging, es sei denn, sie wollte über die Heide wandern, war das allerdings von geringer Bedeutung.

Mit ihrer schmalen Gestalt, ihrem bleichen Teint und ihrem dunklen Haar, das sie völlig achtlos unter einem spanischen Kamm zu einem Knoten zusammendrehte, erinnerte mich Emily an einen kräftigen Baumschössling: dünn und anmutig, doch unbeugsam, widerstandsfähig in ihrer Einsamkeit, unempfindlich gegen Wind und Regen. In Gegenwart von Fremden zog sich Emily völlig in sich zurück, war nichts als würdevoller Ernst und Schweigen; aber in Gesellschaft ihrer Familie kam ihre überschwängliche, empfindsame Natur zu vollem Ausdruck. Ich liebte sie so sehr wie das Leben selbst.

»Wie lange ist es her, dass wir einmal alle an deinem Geburtstag zusammen waren?«, fuhr Emily fort.

»Ich kann mich an das letzte Mal gar nicht mehr erinnern«, antwortete ich voller Bedauern.

Es war in der Tat schon viel Zeit vergangen, seit meine Geschwister und ich einmal alle an einem Ort vereint waren, mit Ausnahme der wenigen kurzen Wochen zu Weihnachten und in den Sommerferien. In den letzten fünf Jahren war unsere jüngste Schwester Anne bei der Familie Robinson in Thorp Green Hall bei York als Gouvernante angestellt. Unser Bruder Branwell, der vierzehn Monate jünger war als ich, hatte sich vor drei Jahren als Hauslehrer des ältesten Sohns dieser Familie zu Anne gesellt. In den Jahren davor war ich viel abwesend, weil ich in der Schule war, zunächst als Schülerin und dann als Lehrerin. Danach war ich selbst eine Weile als Gouvernante tätig. Darauf waren zwei Jahre in Belgien gefolgt, eine Erfahrung, die überaus prägend, aufregend und lebensverändernd war und die mir das Herz gebrochen hatte.

»Ich backe dir einen Gewürzkuchen, keine Widerrede«, verkündete Emily. »Nach dem Abendessen setzen wir uns am Kamin zusammen und erzählen einander Geschichten. Vielleicht gesellen sich auch Tabby und Papa zu uns.«

Tabby war unsere ältliche Bedienstete, eine gute, treue Seele aus Yorkshire, die seit unserer Kindheit bei uns war. Im Laufe der Jahre hatte Tabby, wenn sie gute Laune hatte, ihren Bügeltisch an den Kamin im Esszimmer gerückt und uns erlaubt, uns um sie zu scharen. Während sie die Laken und Nachthemden oder Rüschen der Nachthauben plättete, erfreute sie uns aufmerksam lauschende Kinderschar mit Geschichten von Liebe und Abenteuern aus den alten Märchen und Balladen – oder, wie ich später entdeckte, aus ihren Lieblingsromanen, wie zum Beispiel Pamela1. Bei manch anderer Gelegenheit hatten Papas spannende Nacherzählungen von Gespenstergeschichten und uralten Sagen aus der Umgegend unsere Abende am Kamin verschönt.

Heute Abend war es jedoch ungewiss, ob Papa sich uns anschließen würde.

Ich schaute aus dem Küchenfenster auf das Moor hinaus. Ein Regenschauer vergoss große Tränen über den fernen Bergen, verbarg ihre Gipfel hinter den niedrig hängenden, ausgefransten Haarsträhnen einer Wolke. »Herrliches Wetter für einen Geburtstag. Zumindest passt der Tag zu meiner Stimmung: dunkel und finster, mit turbulenten Stürmen und ohne Aussicht auf Besserung.«

»Du redest ja schon wie ich«, erwiderte Emily, während sie die Zutaten für den Kuchen vermengte. »Gib die Hoffnung nicht auf. Wenn wir immer einen Tag nach dem anderen nehmen, vielleicht findet sich noch eine Lösung.«

»Wie denn?«, sagte ich mit einem Seufzer. »Papas Augenlicht wird mit jedem Tag schwächer.«

Mein Vater war aus Irland nach England gekommen und hatte es mit Beharrlichkeit und guter Schulbildung geschafft, weit über den Stand seiner armen, ungebildeten Familie aufzusteigen. Als bei der Einschreibung im St. John’s College der Universität Cambridge der Beamte wegen seines starken irischen Akzents nicht verstehen konnte, wie man seinen Nachnamen buchstabierte, schrieb er ihn selbst auf und änderte ihn dabei gleich von Brunty in das wesentlich interessantere Brontë um, nach dem griechischen Wort für Donner. Papa war ein guter, freundlicher, lebhafter und hochintelligenter Mann, sehr belesen, mit einem großen Interesse an Literatur, Kunst, Musik und Naturwissenschaften, das weit über seinen Tätigkeitsbereich als Geistlicher einer kleinen Gemeinde in Yorkshire hinausging. Er schrieb gern, und neben unzähligen Artikeln wurden auch einige seiner Gedichte und religiösen Geschichten veröffentlicht. Er war sehr in das politische Leben der Gemeinde eingebunden, und er war ein außerordentlich engagierter Pfarrer. Jetzt plagten ihn gewaltige Sorgen: gegenwärtig, im Alter von achtundsechzig Jahren, nach einem Leben in treuen Diensten der Kirche, erblindete unser geliebter Vater.

»Ich muss jetzt für Papa lesen und schreiben«, sagte ich. »Ich fürchte, bald wird er nicht mehr in der Lage sein, selbst die kleinsten Dienste in der Gemeinde zu verrichten – und wenn er sein Augenlicht ganz verliert, was machen wir dann? Papa wird nicht nur jegliches, selbst das kleinste Vergnügen im Leben einbüßen und völlig von uns abhängig werden – ein Umstand, den er mit äußerster Sorge herannahen sieht –, sondern zweifellos wird er auch gezwungen sein, seine Pfarrstelle aufzugeben. Dann müssen wir nicht nur auf sein gesamtes Einkommen verzichten, sondern auch noch auf unser Zuhause.«

»In jeder anderen Familie würde der Sohn ihm finanziell unter die Arme greifen«, meinte Emily mit einem Kopfschütteln, »aber unser Bruder hat ja keine Arbeitsstelle lange behalten können.«

»Seine Tätigkeit als Hauslehrer in Thorp Green ist tatsächlich die längste Anstellung, die er je hatte«, fügte ich hinzu, während ich meinen Pastetenteig ausrollte. »Man scheint ihn dort sehr zu schätzen, und doch reicht sein Einkommen kaum für ihn selbst aus. Wir müssen uns damit abfinden, Emily: Sollte Papas Zustand sich weiter verschlechtern, dann lastet die gesamte Bürde dieses Haushalts nur auf unseren Schultern.«

Ich glaube, ich spürte das Gewicht dieser Verantwortung wesentlich stärker als meine Geschwister, vielleicht weil ich die Älteste war. Das war ich allerdings nicht durch meine Geburt, sondern durch eine Tragödie. Meine Mutter, an die ich nur höchst verschwommene Erinnerungen habe, brachte in sechs Jahren sechs Kinder zur Welt und starb, als ich fünf Jahre alt war. Meine geliebten Schwestern Maria und Elizabeth wurden uns in früher Kindheit entrissen. Mein Bruder, die jüngeren Schwestern und ich wurden von unserem Vater unterrichtet und von einer strengen und ordnungsliebenden Tante aufgezogen, die nach Mutters Tod bei uns wohnte. Wir Kinder flüchteten uns in eine herrliche Welt voller Bücher und Phantastereien, wir streunten über die Moore, wir zeichneten und wir malten, wir lasen und wir schrieben wie besessen; wir alle träumten davon, eines Tages Schriftsteller zu sein, deren Werke veröffentlicht wurden. Obwohl dieser Traum vom Schreiben nie verging, war er schon lange von den Notwendigkeiten des Lebens in den Hintergrund gedrängt worden. Wir waren gezwungen, uns unseren Lebensunterhalt zu verdienen.

Meinen Schwestern und mir standen nur zwei Berufe offen: Lehrerin oder Gouvernante, beides Beschäftigungen in sklavenartiger Abhängigkeit, die ich aus tiefster Seele verachtete. Ich hatte mir bereits eine ganze Weile überlegt, die beste Lösung für uns wäre es, eine eigene Schule aufzumachen. Zu diesem Zweck – um Kenntnisse im Französischen und Deutschen zu erlangen, was unsere Aussichten verbessern sollte, Schülerinnen anzuwerben – waren Emily und ich vor drei Jahren nach Brüssel gegangen. Nach Emilys Rückkehr nach England war ich noch ein weiteres Jahr allein dort geblieben. Als auch ich wieder in Haworth war, versuchten wir, eine Schule im Pfarrhaus zu eröffnen, doch trotz all meiner eifrigen Bemühungen war kein einziges Elternpaar gewillt, ein Kind an einen so abgelegenen Ort zu schicken.

Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Haworth war ein kleines Dorf im Norden von Yorkshire, weit von allem entfernt. In unserer ganzen Moorgemeinde lebte außer uns keine einzige gebildete Familie. Im Winter lag das Land unter einer dicken Schneedecke, und in drei von vier Jahreszeiten wehte hier ein kalter und erbarmungsloser Wind. Es gab keine Eisenbahnverbindung. Keighley, die nächste Stadt, lag vier Meilen weiter das Tal hinunter. Hinter dem Pfarrhaus und in der ganzen Umgebung ringsum erstreckten sich die stummen, endlosen, windgepeitschten Hänge des Moors. Nicht jedes Auge konnte die Schönheit erkennen, die meine Geschwister und ich in dieser weiten, rauen, kahlen, öden Landschaft sahen. Für uns war das Moor immer eine Art Paradies gewesen, eine Zufluchtsstätte, wo wir unserer blühenden Phantasie freien Lauf lassen konnten.

Das Pfarrhaus, auf der Anhöhe eines steilen Berges gelegen, war ein zweigeschossiges, symmetrisches graues Steinhaus, das man im späten achtzehnten Jahrhundert erbaut hatte. Von dort sah man auf ein jämmerlich kleines, quadratisches Rasenstück, an das auf der anderen Seite einer niedrigen Steinmauer sogleich der überfüllte, von Unkraut überwucherte Friedhof angrenzte; dahinter lag die Kirche. Wir waren keine begeisterten Gärtner; da in diesem Klima nichts so recht wachsen wollte, außer dem Moos, das unsere feuchten Steine und den nassen Boden überzog, nannten wir nur wenige Beerensträucher und einige struppige Dornenbüsche und Fliederbäume unser eigen, die an einem halbkreisförmig angelegten Kiesweg wuchsen.

Der Garten mochte ein wenig vernachlässigt sein, unser Haus war es nicht. Alles dort wurde liebevoll gepflegt und mit größter Sorgfalt sauber gehalten, von den glänzenden Fensterscheiben in den Sprossenfenstern bis zu den makellosen Sandsteinböden, die sich jenseits der Küche über alle Räume des Untergeschosses erstreckten. Die Wände waren nicht tapeziert, sondern in einer sehr hübschen taubenblauen Farbe gestrichen. Weil Vater sich panisch vor Feuer (und der gefährlichen Kombination von Kindern, Kerzen und Vorhängen) fürchtete, hatten wir statt Gardinen nur Klappläden, die von innen vor die Fenster gelegt wurden, und nur kleine Teppiche im Esszimmer und im Salon (Papas Studierzimmer). Alle unsere Zimmer im Obergeschoss und unten waren klein, aber von schönen Proportionen, unser Mobiliar spärlich, aber solide: Stühle und Sofa mit Rosshaarpolstern, Mahagonitische und einige wenige Bücherregale, die mit den Klassikern angefüllt waren, an denen wir seit unserer Kindheit unsere Freude hatten. Das Pfarrhaus war keineswegs ein großartiges Haus, aber es war das größte Haus in Haworth und nahm als solches eine herausragende Stellung ein; wir brauchten und wünschten nicht mehr als dies; wir liebten jede Ecke und jeden Winkel von ganzem Herzen.

»Und jetzt haben wir schon sieben Monate lang keinen Hilfspfarrer mehr, der Papa zur Hand gehen könnte«, sagte ich. »Wenn man einmal von Reverend Joseph Grant von Oxenhope absieht, der mit seiner neuen Schule zu viel zu tun hat, um eine wirkliche Hilfe zu sein.«

»Hat Papa morgen nicht einen Kandidaten für den Posten des Hilfspfarrers zu sich bestellt?«

»Ja.« Da ich seit einigen Monaten den Briefwechsel meines Vaters führte, wusste ich ein wenig über den fraglichen Herrn. »Es ist ein gewisser Mr. Nicholls aus Irland. Er hat auf Papas Anzeige in der Ecclesiastical Gazette geantwortet.«

»Vielleicht ist der ihm recht.«

»Das wollen wir hoffen. Wenn Papa einen guten Hilfspfarrer hat, gibt ihm das ein wenig Bedenkzeit, und dann können wir alle zusammen entscheiden, was zu tun ist.«

»So was wie einen guten Hilfspfarrer gibt’s heutzutage nicht mehr«, grummelte Tabby, unsere weißhaarige Bedienstete, in ihrem starken Yorkshire-Akzent, als sie mit einem Korb Äpfel aus der Speisekammer in die Küche gehumpelt kam. »Diese jungen Pfarrer sind alle so hochnäsig und eingebildet, die meinen, sie sind allen anderen haushoch überlegen. Ich bin hier nur eine Bedienstete und verdiene es ihrer Meinung nach nicht einmal, höflich behandelt zu werden. Und sie schimpfen immer auf unsere Sprache, unsere Sitten und die Menschen hier in Yorkshire. Und wie sie aus heiterem Himmel beim Pfarrer zum Tee oder zum Abendessen hereingeschneit kommen, also, das kann ich wirklich nicht entschuldigen. Für nichts und wieder nichts machen sie den Frauen so viel Arbeit.«

»Das würde mich nicht so sehr stören«, antwortete ich, »wenn sie nur mit dem zufrieden wären, was wir ihnen vorsetzen; aber sie beklagen sich ja auch noch dauernd.«

»Die alten Pfarrer sind mehr wert als alle die Bürschchen vom College zusammen«, sagte Tabby mit einem Seufzer, ließ sich auf einem Stuhl am Küchentisch nieder und begann die Äpfel zu schälen. »Die wissen wenigstens, was gute Manieren sind, und die sind zu allen freundlich, zu den feinen Leuten und zu den Bediensteten.«

»Tabby«, sagte ich plötzlich und schaute zur Uhr auf dem Kaminsims, »ist die Post schon dagewesen?«

»Ja, und es war nichts für dich dabei, Kind.«

»Bist du sicher?«

»Ich habe doch zwei Augen, oder? Von wem erwartest du denn einen Brief? Hast du nicht gerade vor zwei Tagen Post von deiner Freundin Ellen bekommen?«

»Ja.«

Emily schaute mich scharf an. »Sag nicht, dass du immer noch auf einen Brief aus Brüssel hoffst?«

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und der Schweiß auf die Stirn trat; ich redete mir ein, es sei die Wärme des Feuers und hätte nichts mit Emilys Bemerkung oder der Intensität ihres durchdringenden Blicks zu tun. »Nein, natürlich nicht«, log ich. Ich wischte mir mit dem Schürzenzipfel über die Stirn. Dabei geriet Mehl auf meine Brille; ich nahm sie kurz ab und polierte sie ein wenig.

Tatsächlich lagen versteckt in der untersten Schublade meiner Kommode fünf kostbare Briefe aus Brüssel: Briefe von einem gewissen Mann, die so oft gelesen und wieder gelesen worden waren, dass sie an den Falzstellen zu zerreißen drohten. Ich sehnte mich nach weiterer Post, aber es war nun ein ganzes Jahr her, seit ich die letzte erhalten hatte, und der so begehrte weitere Brief blieb aus. Ich spürte, dass Emilys Augen auf mir ruhten; von allen Familienmitgliedern kannte sie mich am besten – und ihr entging nie etwas. Ehe sie jedoch mehr sagen konnte, vibrierte der Draht der Türklingel, und dann läutete die Glocke.

»Wer könnte das denn sein, bei dem scheußlichen Wetter?«, fragte Tabby.

Beim Klang der Glocke waren die beiden Hunde, die zufrieden am Kamin gelegen hatten, aufgesprungen. Flossy, unser liebenswerter, seidiger schwarzweißer King-Charles-Spaniel, blinzelte nur ruhig und interessiert. Emilys Hund Keeper, eine gedrungene, löwengleiche, schwarzköpfige englische Dogge, bellte laut und raste auf die Küchentür zu. Blitzschnell hatte Emily den Rüden beim Halsband gepackt und hielt ihn zurück.

»Keeper! Ruhig!«, rief Emily. »Ich hoffe nur, es ist nicht Mr. Grant oder Mr. Bradley, der zum Tee kommt. Ich bin heute nicht in der Stimmung, Hilfspfarrer durchzufüttern.«

»Für Tee ist es noch zu früh«, gab ich zu bedenken.

Keeper kläffte nach wie vor wild; Emily musste all ihre Kraft aufbringen, um ihn zu kontrollieren. »Ich sperre ihn in mein Zimmer ein«, sagte Emily, während sie ihn eilig aus der Küche und die Treppe hinauf zerrte.

Ich verstand Emilys Abneigung gegen Fremde gut, wusste also, dass sie nicht genauso eilig zurückkehren würde. Da Tabby alt und schlecht zu Fuß war und Martha Brown, das Dienstmädchen, das im Allgemeinen den Löwenanteil der Hausarbeit übernahm, für eine Woche nach Hause gegangen war, weil ihr Knie schmerzte, fiel mir die Aufgabe zu, die Tür zu öffnen.

Überhitzt und müde nach einem ganzen Morgen in der Küche, konnte ich nur im Vorübergehen einen kurzen Blick in den Spiegel im Flur werfen, um mein Aussehen zu überprüfen. Ich schaute mir mein Ebenbild nie gern an; ich war sehr klein und dünn, und ich verspürte stets Unzufriedenheit über das bleiche, unscheinbare Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegensah. Jetzt erinnerte mich dieser flüchtige Blick zu meinem Entsetzen daran, dass ich mein ältestes Kleid trug, das mir nun wirklich nicht schmeichelte, dass ich ein Kopftuch umgebunden hatte, meine Schürze vom Kneten des Pastetenteigs mit Mehl bestäubt war und dass auch meine Hände und meine Stirn mit Mehl eingepudert waren. Ich wischte mir rasch mit der Schürze über die Stirn, was die Sache allerdings eher verschlimmerte.

Erneut ertönte die Glocke. Flossy folgte mir auf dem Fuße, und seine Zehennägel klickten auf dem Steinboden, während ich durch den Flur zur Haustür eilte und sie öffnete.

Ein eiskalter Windstoß wehte Regen und Sturm ins Haus. Ein junger Mann von vielleicht Ende zwanzig stand vor mir auf den Stufen, bekleidet mit einem schwarzen Mantel und Hut, unter einem völlig unzureichenden Regenschirm, den eine plötzliche Bö zum Entsetzen des Mannes auch noch umdrehte. Da nun selbst der geringe Schutz durch den Schirm fehlte, erschien mir unser Besucher auf den ersten Blick wie eine hoch aufgeschossene nasse Ratte. Sein verzweifelter Versuch, den Schirm wieder zu richten und blinzelnd durch den peitschenden Regen zu sehen, machte es mir schwer, seine Gesichtszüge zu erkennen, und das wurde noch schlimmer, als er, mich erblickend, unverzüglich den Hut zog, was ihm einen weiteren Guss der Elemente bescherte.

»Ist zufällig Ihr Herr zu Hause?« Der keltische Singsang seiner tiefen, sonoren Stimme, der seine irische Herkunft verriet, wurde noch durch eine kleine schottische Beimischung kompliziert.

»Mein Herr?«, erwiderte ich voller Entrüstung, der sofort tiefe Zerknirschung folgte. Er hatte mich für eine Bedienstete gehalten! »Wenn Sie Herrn Pfarrer Patrick Brontë meinen, der ist allerdings zu Hause, Sir, und er ist mein Vater. Bitte entschuldigen Sie meinen Aufzug. Im Allgemeinen begrüße ich Besucher nicht von Kopf bis Fuß mit Mehl eingestäubt. Aber heute ist Backtag.«

Der junge Mann schien nicht im mindesten verstört über seinen Patzer (vielleicht weil eiskalter Regen auf ihn niederprasselte), sondern sagte nur blinzelnd: »Ich bitte um Verzeihung, ich bin Arthur Bell Nicholls. Ich habe mit Ihrem Vater bezüglich der Stelle eines Hilfspfarrers korrespondiert. Ich werde erst morgen erwartet, aber da ich einen Tag früher als geplant in Keighley eingetroffen bin, dachte ich, ich könnte schon einmal vorbeischauen.«

»Ah ja, Mr. Nicholls. Bitte kommen Sie herein«, forderte ich ihn höflich auf und trat einen Schritt zurück, sodass er an mir vorbei in die Eingangshalle gehen konnte. Als ich die Tür geschlossen hatte, lächelte ich zu ihm hinauf und sagte: »Das ist wirklich ein schreckliches Unwetter, nicht wahr? Ich erwarte jeden Augenblick, einen Zug von Tieren zu sehen, die paarweise die Straße entlang zur Arche wandern.«

Ich nahm an, dass er lächeln oder auf ähnlich launige Art antworten würde, aber er stand nur steif wie eine Statue da und starrte mich an, während es vom Schirm und vom Hut in seiner Hand auf den Steinboden tropfte. Jetzt, da er sich vor den wütenden Elementen gerettet hatte, bemerkte ich, dass er ein Mann von kräftiger Statur mit einem dunklen Teint, einem attraktiven, breitflächigen Gesicht, einer großen, aber schönen Nase, einem festen Mund und dichtem, sehr schwarzem Haar war, das ihm, triefnass wie es war, in Strähnen am Schädel klebte. Er war mindestens einsachtzig groß – ganze dreißig Zentimeter größer als ich. Aus seinen Briefen war mir im Gedächtnis geblieben, dass er siebenundzwanzig Jahre alt war – beinahe zwei Jahr jünger als ich. Er hätte noch jünger ausgesehen, überlegte ich, wären nicht die dichten, säuberlich gestutzten Koteletten gewesen, die sein ansonsten bartloses Gesicht einrahmten. Seine Augen waren zurückhaltend und intelligent. Nun wandte er endlich den Blick von mir ab und sah sich schüchtern im Flur um, als sei er entschlossen, überallhin, nur nicht zu mir zu schauen.

»Ich nehme an«, versuchte ich es erneut, »dass Sie in Irland derlei Wolkenbrüche gewöhnt sind?«

Er nickte, starrte auf den Fußboden und antwortete nicht; anscheinend sollte die Aussage an der Tür sein einziger Versuch einer Konversation bleiben. Flossy stand zu Füßen des Neuankömmlings und schaute mit neugierigen, erwartungsvollen Augen zu ihm auf. Mr. Nicholls war zwar nass und fröstelte sichtlich, lächelte aber den Hund an, beugte sich zu Flossy hinunter und tätschelte ihm sanft den Kopf.

Ich wischte mir die mehligen Hände, so gut es ging, an der Schürze ab und sagte: »Darf ich Ihren Hut und Mantel nehmen, Sir?«

Er schaute mich fragend an, reichte mir aber wortlos seinen triefenden Regenschirm, entledigte sich dann seines Huts und Mantels und gab mir beides. Ich sah, dass seine Schuhe durchnässt und schmutzverkrustet waren. »Sagen Sie nicht, dass Sie bei diesem Wetter den ganzen Weg vom Bahnhof in Keighley zu Fuß zurückgelegt haben, Mr. Nicholls?«

Er nickte. »Es tut mir leid wegen Ihres Fußbodens. Ich habe versucht, so viel Schmutz wie möglich abzustreifen, ehe ich geklingelt habe.«

Er hatte wahrhaftig gesprochen! Zwei ganze Sätze, wie kurz sie auch immer sein mochten! Ich betrachtete dies als kleinen Sieg. »Dieser Boden ist Schlammspuren gewöhnt, das kann ich Ihnen versichern. Möchten Sie sich am Feuer in der Küche wärmen, Mr. Nicholls, während ich ein Handtuch für Sie hole?«

Er schaute verängstigt. »In der Küche? Nein, danke.«

Mich verstörte ein wenig der überraschte und herablassende Ton in seiner Stimme, als er das Wort »Küche« aussprach. In meinen Ohren schien darin eine innere Abneigung gegen das Wesen dieses Raumes zu liegen, als hielte er die Küche für einen Raum, der allgemein so sehr mit den Frauen des Hauses in Verbindung stand, dass es unter seiner Würde wäre, ihn auch nur zu betreten. Das ärgerte mich. »Es tut mir leid, aber im Esszimmer ist kein Feuer angezündet«, antwortete ich gereizt, »sonst hätte ich Ihnen das angeboten. Doch in der Küche ist es sehr warm und gemütlich. Sie könnten sich gern dort einige Minuten aufwärmen und trocknen, von niemandem gestört, außer mir und unserer Bediensteten, ehe ich Sie dann zu meinem Vater ins Studierzimmer bringe.«

»Ich möchte Ihren Vater lieber jetzt gleich sprechen, wenn ich darf«, erwiderte er rasch. »Er hat doch sicherlich ein Feuer im Kamin. Für ein Handtuch wäre ich allerdings dankbar.«

Nun, überlegte ich, während ich mich aufmachte, um das Gewünschte zu holen, da hätten wir einmal einen sehr eingebildeten, arroganten Iren. Unser früherer Hilfspfarrer, der zutiefst verachtete Reverend Smith, schien mir im Vergleich dazu nun ein rechter Hauptgewinn gewesen zu sein. Wenige Augenblicke später kehrte ich mit einem Handtuch zurück. Mr. Nicholls wischte sich wortlos die Nässe aus den Haaren und von der Stirn und benutzte das Handtuch dann, um seine Schuhe zu reinigen; schließlich reichte er mir den verschmutzen Lappen zurück.

Bestrebt, ihn so schnell wie möglich loszuwerden, ging ich zur Tür von Papas Studierzimmer und sagte: »Da ich in letzter Zeit die Korrespondenz meines Vaters führe, denke ich, dass ich Sie vorgewarnt habe: das Augenlicht meines Vaters ist stark beeinträchtigt. Er wird Sie sehen können, nimmt Sie aber nur verschwommen wahr. Die Ärzte sagen, dass er eines Tages völlig erblinden wird.«

Mr. Nicholls’ einzige Reaktion war ein ernstes Nicken, begleitet von den Worten: »Ja, ich erinnere mich.«

Ich klopfte an die Tür des Studierzimmers, wartete Papas Antwort ab, öffnete dann die Tür und meldete Mr. Nicholls. Papa stand von seinem Sessel am Kamin auf und begrüßte den Neuankömmling mit einem überraschten Lächeln. Papa war ein hoch aufgeschossener, schlanker, aber kräftiger Mann; das Alter hatte sein einstmals attraktives Gesicht mit Falten überzogen. Er trug eine Nickelbrille, die meiner eigenen nicht unähnlich war, sowie sieben Tage die Woche seine schwarze Amtskleidung. Sein Haarschopf hatte die gleiche Farbe wie sein großes schneeweißes Halstuch, das er sich immer in so üppigen Falten umband (um sich gegen Erkältungen zu schützen), dass sein Kinn völlig darin verschwand.

Mr. Nicholls durchquerte den Raum und schüttelte Papa die Hand. Ich ließ die beiden allein und eilte nach oben, um mein Äußeres in Ordnung zu bringen, noch immer beschämt, dass ich einen Fremden in einem solchen Aufzug empfangen hatte. Ich nahm das Kopftuch ab, überzeugte mich, dass mein braunes Haar ordentlich gekämmt und aufgesteckt war. Ich zog mir ein sauberes silbergraues Kleid an – aus Seide natürlich. (Seit wir in Haworth lebten, hatte Papa für so viele Kinder Trauergottesdienste abhalten müssen, deren Kleidung Feuer gefangen hatte, weil sie zu nah an den Kamin getreten waren, dass er Baumwolle und Leinen vermied und darauf bestand, wir sollten nur Wolle oder Seide tragen, Stoffe, die weniger leicht entflammen.) Frisch in meine Quäkergewänder gehüllt, fühlte ich mich etwas wohler und entspannter. Mir fehlen vielleicht, dachte ich mir, die Vorzüge persönlicher Schönheit, aber zumindest würde ich mich nicht mehr durch meinen Aufzug vor unserem Besucher in Verlegenheit bringen.

Emily war inzwischen wieder in der Küche bei der Arbeit, als ich zurückkehrte. Ich spielte ihr und Tabby die kleine Szene vor, die sich an der Haustür zugetragen hatte. »In der Küche?«, sagte ich und versuchte, den verächtlichen Tonfall von Mr. Nicholls nachzuahmen. »Nein danke.« Als würde er sich nie im Leben herablassen, auch nur einen Fuß in einen Raum zu setzen, der gewöhnlich von Frauen bevölkert ist.

Emily lachte.

»Das klingt, als wäre er recht ungehobelt«, meinte Tabby.

»Wir wollen hoffen, dass es eine kurze Unterredung ist und wir den Herrn bald von hinten sehen«, sagte ich.

Als ich mich mit dem Teetablett zum Studierzimmer aufmachte, konnte ich durch die angelehnte Tür die tiefen Stimmen zweier Iren hören, die sich miteinander unterhielten. Papa hatte seit dem Tag, an dem er sein Studium begann, versucht, seinen Akzent abzulegen, hatte aber seinen irischen Tonfall nie verloren und ihn an all seine Nachkommen weitergegeben, mich eingeschlossen. Die beiden Männer sprachen höchst angeregt; ab und zu war herzliches Lachen zu vernehmen – was mich überraschte, da ich doch Mr. Nicholls nur so wenige Silben entlockt hatte und kein einziges Lächeln.

Ich wollte gerade eintreten, als ich Papa sagen hörte: »Ich habe den Mädchen immer gesagt: Bleibt bei euren Handarbeiten. Lernt, wie man Hemden und Kleider näht und wie man Pasteten bäckt, dann seid ihr eines Tages kluge Hausfrauen. Nicht dass sie meinen Rat befolgt hätten.«

Worauf Mr. Nicholls erwiderte: »Ich bin ganz Ihrer Meinung. Frauen sind am besten in den Beschäftigungen, die Gott für sie vorgesehen hat, Mr. Brontë – wenn sie nähen oder sich in der Küche betätigen. Sie sind wahrhaftig vom Glück begünstigt, dass Ihre Töchter zwei alte Jungfern sind und Ihnen den Haushalt führen.«

Zorn und Entrüstung stiegen plötzlich in mir hoch; fast hätte ich das Tablett fallen lassen. Ich war mit den Ansichten meines Vaters über die Rolle der Frau bestens vertraut; meine Schwestern und ich hatten unser ganzes Leben damit verbracht, mit ihm über dieses Thema zu streiten, hatten erfolglos versucht, ihn davon zu überzeugen, dass Frauen über genauso viele geistige Fähigkeiten verfügen wie Männer und dass man ihnen gestatten sollte, ihren Aufgabenbereich weit über die Küche hinaus auszudehnen. Er hatte in der Praxis nachgegeben – indem er uns endlich erlaubte, gemeinsam mit unserem Bruder Geschichte und die Klassiker zu studieren –, aber nicht in der Theorie, weil er fest davon überzeugt war, dass es reine Zeitverschwendung war, wenn wir Latein und Griechisch lernten und Vergil und Homer lasen.

Derlei Engstirnigkeit konnte ich bei Papa entschuldigen, auch wenn ich sie nicht billigte; er war achtundsechzig Jahre alt, ein lieber alter Herr, dessen Augen erblindeten und dessen Ansichten eben die der Männer seiner Generation waren. Aber von einem jungen, studierten Mann wie Mr. Nicholls – den man für eine Stelle in Erwägung zog, die von ihm verlangen würde, dass er in unserer Gemeinde täglich mit Männern und Frauen allen Alters kommunizierte – würde man sich doch eine offenere und liberalere Einstellung erhoffen!

Kochend vor Wut, lehnte ich mich mit dem Rücken an die Tür, schob sie ganz auf und marschierte in das Zimmer. Die beiden Herren saßen nah beim Kamin. Die Wärme des Feuers hatte wahre Wunder gewirkt: Mr. Nicholls hatte sich aufgewärmt, seine Kleider schienen trocken, und sein dunkles Haar, das nun säuberlich über der Stirn gescheitelt war, wirkte glatt und dicht und hatte einen gesunden Schimmer. Auf dem Schoß hatte er Tom, unseren schwarz getigerten Kater; Mr. Nicholls lächelte breit und streichelte gedankenverloren das Tier, das zufrieden schnurrte. Der begeisterte Blick auf der Miene des Fremden verging jedoch mit einem Schlag, als ich mich näherte; er setzte sich aufrecht hin, was den Kater dazu veranlasste, ihm vom Schoß zu springen. Dieser Mann konnte mich offensichtlich nicht sonderlich gut leiden. Es machte mir kaum etwas aus, denn nach seiner letzten Bemerkung hatte ich ohnehin jeglichen Respekt verloren, den ich je für ihn gehegt haben mochte.

»Papa, ich bringe den Tee.« Ich stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch neben Mr. Nicholls ab. »Ich will euch nicht stören, überlasse also alles Weitere den fähigen Händen von Mr. Nicholls.«

»Oh, Charlotte! Bitte bleibe da und schenke den Tee ein. Wie trinken Sie Ihren Tee?«

»Wie immer man ihn mir reicht«, antwortete Mr. Nicholls. Papa lachte. Zu mir sagte Mr. Nicholls unvermittelt: »Zwei Stückchen Zucker, bitte, und eine Scheibe Brot mit Butter.«

Meine zarte weibliche Seele schrak vor seinem Befehlston zurück; am liebsten hätte ich das Brot abgeschnitten und ihm in sein arrogantes Gesicht geworfen. Ich hielt mich jedoch zurück und tat, was man von mir verlangt hatte. Er hatte zumindest den Anstand, sich zu bedanken. Ich ließ das Teetablett bei ihnen und floh in die Küche zurück, wo Emily, Tabby und ich den größten Teil der nächsten Stunde damit verbrachten, uns über die Narrheiten engstirniger Männer zu empören.

»Eine alte Jungfer genannt zu werden – mit neunundzwanzig! –, und noch dazu von einem Mann, der sich für zu fein hält, einen Fuß in unsere Küche zu setzen!«, rief ich voller Verachtung. »Und dann erwartet er im gleichen Augenblick, dass ich ihn bediene, ihm die Butter aufs Brot streiche – das ist einfach unerträglich!«

»Mich hat er auch eine alte Jungfer genannt«, fügte Emily mit einem Achselzucken hinzu, »und er hat mich noch nicht einmal gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es dir etwas ausmachen würde. Du hast doch immer gesagt, dass du niemals heiraten würdest.«

»Ja, aber aus freien Stücken! Ich habe zwei Heiratsanträge erhalten. Ich habe sie nicht angenommen. Der Ausdruck ›alte Jungfer‹, da denkt man an ein jämmerliches altes Mädchen, ungeliebt und von niemandem begehrt.«

»Ach, und wer ist sich jetzt zu fein?«, fuhr die verwitwete Tabby dazwischen und schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Ich hätte nicht gedacht, dass zwei Anträge per Post was sind, mit dem man sich groß brüsten kann!«

»Es zeigt aber doch, dass ich meine Maßstäbe habe. Ich heirate nur, wenn die Zuneigung beiderseitig ist, und dann einen Mann, der nicht nur mich liebt und respektiert, sondern der auch Frauen im allgemeinen respektiert.« Ich sank, höchst verärgert, auf den Schaukelstuhl beim Kamin. »Die Männer zitieren immerzu die tüchtige Frau des Königs Salomon als Musterbeispiel dafür, wie ›unser Geschlecht‹ zu sein hat. Nun, die war aber Handwerkerin! Sie stellte feine Kleider und Gürtel aus Wolle und Flachs her und verkaufte sie! Sie war zudem Bäuerin und Verwalterin. Sie kaufte Äcker und pflanzte Weinberge an.2 Aber wird uns Frauen heutzutage gestattet, auch nur annähernd so tüchtig wie sie zu sein?«

»Nein, das wird es nicht«, antwortete Emily.

»Uns ist keine Beschäftigung erlaubt, außer den Arbeiten im Haushalt und Näharbeiten, keine irdischen Vergnügen außer den wenig erbaulichen ›Besuchen in der Nachbarschaft‹ und keine Hoffnung, je im Leben etwas Besseres zu erreichen. Die Männer erwarten von uns, dass wir uns mit diesem langweiligen und wenig erfreulichen Schicksal zufriedengeben, ohne uns zu beklagen, tagein, tagaus, als hätten wir nicht die geringste Anlage für irgendetwas anderes. Ich frage dich: Könnten Männer selbst so leben? Würden sie dessen nicht sehr bald überdrüssig?«

»Die Männer haben keine Ahnung, welche Mühsal die Frauen in ihrem Leben ertragen müssen«, sagte Tabby mit einem traurigen Kopfschütteln.

»Und selbst wenn«, meinte Emily, »dann würden sie trotzdem nichts daran ändern.«

 

Als ich endlich mit einem erleichterten Seufzer die Haustür hinter Mr. Nicholls schloss, ging ich raschen Schrittes in Papas Studierzimmer und sagte: »Ich hoffe, dass wir diesen Herrn heute zum letzten Mal gesehen haben.«

»Im Gegenteil«, erwiderte Papa. »Ich habe ihn eingestellt.«

»Du hast ihn eingestellt? Papa! Das kannst du nicht ernst meinen!«

»Er ist der beste Kandidat, mit dem ich seit Jahren gesprochen habe. Er erinnert mich an William Weightman.«

»Wie kannst du das sagen? Er hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit William Weightman!« Mr. Weightman, Papas ersten Hilfspfarrer, hatte jedermann in der Gemeinde geliebt, besonders meine Schwester Anne. Leider hatte er sich vor drei Jahren bei Krankenbesuchen mit Cholera angesteckt und war gestorben. »Mr. Weightman sah gut aus und war ausgesprochen charmant und leutselig. Er hatte einen wunderbaren Humor.«

»Mr. Nicholls besitzt auch einen wunderbaren Humor.«

»Davon habe ich aber nichts bemerkt – es sei denn, seine Witze gehen auf Kosten der Frauen. Er ist engstirnig, ungehobelt und arrogant, Papa, und viel zu reserviert.«

»Reserviert? Was, wie kommst du darauf? Der Mann hat mir ein Loch in den Bauch geredet. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein so angenehmes und anregendes Gespräch mit einem Mann geführt hätte.«

»Mit mir hat er kaum drei Sätze gewechselt.«

»Vielleicht fühlt er sich nicht wohl, wenn er mit Frauen spricht, die er noch nicht lange kennt.«

»Wenn das stimmt, wie will er dann mit der Gemeinde zurechtkommen?«

»Ich denke, er wird gut mit ihr zurechtkommen. Er wurde uns sehr empfohlen, wie du weißt, und ich verstehe, warum. Er hat letztes Jahr seinen Studienabschluss am Trinity College gemacht. Er ist ein fähiger Mann und hat einen klugen Kopf auf den Schultern. Wir haben vieles gemeinsam, Charlotte. Kannst du dir das vorstellen? Er ist in der Grafschaft Antrim geboren, im Norden Irlands, nur fünfundvierzig Meilen von dem Ort entfernt, an dem ich aufgewachsen bin. Wir stammen beide aus Familien mit zehn Kindern, unsere Väter waren beide arme Bauern, und uns beide hat jeweils der Ortspfarrer dabei unterstützt, auf die Universität zu gehen.«

»Diese Ähnlichkeiten sind schön und gut, Papa, aber machen sie ihn auch zu einem guten Hilfspfarrer? Er ist so jung.«

»Jung? Natürlich ist er jung! Mein liebes Mädchen, für 90 Pfund im Jahr kann man schließlich keinen erfahrenen Hilfspfarrer erwarten. Er ist noch nicht einmal ordiniert, sodass wir etwa einen Monat warten müssen, ehe er hier seine Pflichten aufnehmen kann.«

»Noch einen Monat? Es ist so viel zu tun! Kannst du es dir leisten, so lange zu warten, Papa?«

Papa lächelte. »Ich denke, Mr. Nicholls wird das lange Warten wert sein.«

ZWEI

In der letzten Maiwoche zog Mr. Nicholls als Untermieter in das Haus des Küsters ein. Das niedrige Steingebäude grenzte an die Kirchenschule an und lag nicht weiter als einen Steinwurf entfernt – von uns nur durch das Kopfsteinpflaster der Gasse zwischen dem Pfarrhaus und seinem kleinen ummauerten Garten getrennt. Mir war die Aufgabe zugefallen, den neuen Hilfspfarrer im Dorf willkommen zu heißen; und das tat ich einen Tag nach seiner Ankunft, indem ich den üblichen Korb mit selbstgemachten Lebensmitteln zusammenstellte.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Ich trat mit meinem Geschenk aus dem Tor des Pfarrhauses und nickte grüßend dem Steinmetz in seinem Schuppen zu, der sich emsig mit dem Meißel zu schaffen machte und die Namen und Lebensdaten der unlängst Verstorbenen auf die dort stehenden großen Steinplatten eingravierte.

»Mr. Nicholls!«, rief ich, als ich sah, dass der fragliche Herr gerade seine Unterkunft verließ. Er bog in die Gasse ein und kam mir entgegen. »Meine Familie und ich möchten Sie herzlich hier willkommen heißen, Sir. Ich hoffe, dass Sie sich gut einleben.«

»Das will ich tun«, antwortete er mit einer überraschten Verbeugung. »Vielen Dank, Miss Brontë. Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

»Es ist nicht viel, Sir, nur ein Laib Brot, ein kleiner Kuchen und ein Glas Stachelbeermarmelade, aber meine Schwester und ich haben alles selbst zubereitet. Ich möchte hinzufügen, dass ich auch die Leinenserviette eigenhändig gesäumt habe. Da ich weiß, dass Sie der Meinung sind, Frauen seien am besten in den Beschäftigungen, die Gott für sie vorgesehen hat – nämlich Nähen oder Betätigung in der Küche –, gehe ich davon aus, dass unser Geschenk Ihnen außerordentlich angemessen erscheinen wird.«

Zu meiner großen Befriedigung wurde er puterrot und verstummte.

»Ich muss jetzt weiter«, fügte ich hinzu. »Ich habe zu Hause sehr viel zu tun. Augenblicklich bin ich nämlich in die Lektüre von Macaulays Balladen aus dem Alten Rom und Chateaubriands Études historiques1 vertieft. Zudem habe ich nun meine Übersetzung von Homers Ilias aus dem Griechischen beinahe abgeschlossen. Wenn Sie mich also bitte entschuldigen würden.«

Ich sah Mr. Nicholls erst am Sonntag in der Kirche wieder, wo er seinen ersten Pflichten als Hilfspfarrer nachkam. Als er laut die Gebete las, schien es, als wüsste die Gemeinde die herzhaften keltischen Anklänge in seinem Gebaren und Tonfall sehr zu schätzen. Nach dem Gottesdienst nickte er jedoch nur knapp, verneigte sich feierlich vor allen Gemeindemitgliedern, die zu ihm kamen, und sprach kaum ein Wort.

Als ich mich darüber bei Emily beschwerte, nachdem wir zum Pfarrhaus zurückgekehrt waren, erwiderte diese nur: »Vielleicht ist Mr. Nicholls einfach schüchtern. Er teilt womöglich unsere Abneigung, mit Fremden Konversation zu machen; schließlich ist er ja erst kürzlich hier eingetroffen. Und er hat wirklich eine sehr angenehme Stimme.«

»Eine angenehme Stimme kann einem Menschen nur wenig nutzen«, antwortete ich, »wenn er zu reserviert ist, um zu sprechen, und wenn er dann spricht, überhebliche und engstirnige Meinungen vorbringt. Ich bin mir sicher, dass er auch bei näherer Bekanntschaft nicht gewinnen wird.«

 

Wenige Wochen nach Mr. Nicholls’ Ankunft in Haworth erhielt ich einen Brief von Anne, in dem sie uns ankündigte, sie und Branwell würden eine Woche früher als erwartet aus Thorp Green zu uns in die Sommerferien kommen. Anne nannte keinen Grund für diese plötzliche Änderung ihrer Pläne; aber da der Brief uns nur wenige Stunden vor dem Eintreffen ihres Zuges zugestellt wurde, mussten wir, Emily und ich, uns sofort auf den Weg machen, um sie im vier Meilen entfernten Keighley abzuholen.

Es war ein warmer, sonniger Juninachmittag mit strahlend blauem Himmel. Wir hatten unsere Schwester und unseren Bruder seit Weihnachten nicht gesehen und freuten uns beide sehr auf ihren bevorstehenden Besuch.

»Da kommt der Zug!«, rief Emily und erhob sich von der harten Holzbank im Bahnhof von Keighley, als ein schriller Pfeifton die Ankunft des Vier-Uhr-Zugs ankündigte. Die Lokomotive fuhr donnernd in den Bahnhof ein und kam unter scharfem Quietschen der Bremsen und in gewaltige Dampfwolken eingehüllt zum Stehen. Mehrere andere Fahrgäste stiegen aus. Endlich erspähte ich Anne, und wir rannten wie der Wind auf sie zu.

»Was für eine wunderbare Überraschung!«, rief Emily und umarmte sie, »dich schon früher bei uns zu Hause zu haben.«

Anne war fünfundzwanzig Jahre alt, so klein und schmal wie ich und mit einem lieblichen, angenehmen Gesicht und einem wunderschönen blassen Teint gesegnet. Ihre sanfte Natur strahlte ihr aus den veilchenblauen Augen; sie trug das hellbraune Haar hochgekämmt und hinten zusammengesteckt, und kleine Löckchen fielen ihr in eleganten Wellen in den Nacken. Als Kind war Anne von einem Lispeln geplagt gewesen, das sie zum Glück abgelegt hatte, als sie heranwuchs; es hatte sie jedoch zurückhaltend und schüchtern werden lassen. Gleichzeitig besaß sie eine ruhige Art, die, getragen von ihrem tiefen und unerschütterlichen Glauben an ein höheres Wesen und an das angeborene Gute in den Menschen, kaum zu erschüttern war. Wie sehr sich ihre Überzeugungen in Bezug auf Letzteres in jüngster Zeit geändert hatten, sollte ich schon bald erfahren.

Ich betrachtete Annes Miene, die mir blasser als gewöhnlich zu sein schien. Als ich sie umarmte, fühlte sich ihr Körper dünn und vogelgleich an. »Geht es dir gut?«, fragte ich besorgt.

»Ja, mir geht es gut. Wie schön dein neues Sommerkleid ist, Charlotte! Wann hast du es genäht?«

»Es ist letzte Woche fertig geworden.« Obwohl ich mit dem Kleid zufrieden war, das ich aus blassblauer Seide mit kleinen eingewirkten weißen Blumen gefertigt hatte, war ich nicht gewillt, über meine Kleidung zu sprechen; mir schien, dass Anne es nur erwähnt hatte, um mich von meiner Frage abzulenken. Ehe ich mich jedoch weiter erkundigen konnte, sprang schon mein Bruder aus dem Zugabteil und bellte zwei Gepäckträgern Befehle zu, die einen alten, sehr vertraut wirkenden Schrankkoffer auf den Bahnsteig hievten.

»Anne!«, rief ich überrascht. »Ist das deiner?«

Anne nickte.

»Warum hast du ihn mitgebracht? Oh! Kommst du für immer nach Hause zurück?«, rief Emily glücklich.

»Ja. Ich habe gekündigt. Ich werde nie wieder nach Thorp Green zurückkehren.« Erleichterung zeichnete sich auf Annes Zügen ab, doch gleichzeitig schienen ihre Augen voller unausgesprochener Sorgen zu sein.

»Wie ich mich freue!«, sagte Emily und umarmte Anne erneut. »Ich weiß nicht, wie du es überhaupt so lange dort ausgehalten hast.«

Diese Nachricht erstaunte mich. Ich wusste allerdings, dass Anne vom allerersten Tag als Gouvernante bei den Robinsons unglücklich gewesen war. Sie war wohl diejenige, die die größte Enttäuschung darüber verspürte, dass unsere Pläne, eine Schule aufzubauen, sich nicht verwirklichen ließen, denn dieses Unterfangen hätte ihr, wie sie es formulierte, »eine legitime Fluchtmöglichkeit aus Thorp Green« geboten. Anne hatte uns nie anvertraut, was genau ihr dort nicht gefiel, außer dass sie uns ihre allgemeine Unzufriedenheit mit der Stellung einer Gouvernante eingestand. Und ich hatte es nicht für richtig befunden, weiter in sie zu dringen.

Manchen mag es merkwürdig erscheinen, dass Schwestern, die einander im Alter so nahestehen, die einander in ihrer Bildung, ihrem Geschmack und ihren Empfindungen so ähneln und die so fest durch Gefühle miteinander verbunden sind, trotzdem noch einen Teil ihrer Persönlichkeit und ihres Lebens völlig für sich behalten können; aber so war es. Als wir in unserer Kindheit den erschütternden Verlust unserer Schwestern Maria und Elizabeth erleiden mussten, entwickelten wir uns zu Expertinnen in der Kunst, unseren Schmerz – und damit auch unsere innersten Gedanken und Gefühle – tapfer hinter einer fröhlichen Fassade zu verbergen. Als wir Jahre später voneinander getrennt wurden und unserer eigenen Wege gingen, behielten wir diese Gewohnheit bei.

So hatte ich trotz allem, was ich in meinem zweiten Jahr in Brüssel erlitten hatte, tatsächlich nie auch nur mit einem einzigen Wort einer meiner Schwestern etwas davon erzählt. Wie konnte ich da erwarten, dass Anne offener zu mir war, als ich es je zu ihr gewesen bin? Jetzt jedoch, da sich die Angelegenheit anscheinend sehr zugespitzt hatte und sie wieder zu Hause war, musste ich einfach wissen, was geschehen war.

»Anne«, sagte ich, »ich zolle deinem Mut Beifall, Thorp Green zu verlassen, wenn du dort unglücklich warst; du weißt, wie sehr auch ich das Leben einer Gouvernante verabscheut habe. Aber dass du eine so sichere Stellung aufgibst, ausgerechnet jetzt, da unsere materielle Zukunft derart ungewiss ist – das überrascht mich wirklich. Was ist geschehen? Was hat diese so plötzliche und endgültige Abreise herbeigeführt? Warum hast du in deinen Briefen nie etwas davon erwähnt?«

Anne errötete und blickte sonderbarerweise zu Branwell, der geschäftig dafür sorgte, dass ihr Schrankkoffer und alle Taschen auf einen wartenden Wagen geladen und zu uns nach Hause gebracht wurden. »Es ist nichts Wichtiges. Ich bin es einfach überdrüssig geworden, Gouvernante zu sein, das ist alles.«

Emily schaute sie an. »Du weißt doch, dass ich in deinem Gesicht lesen kann wie in einem Buch, Anne. Irgendetwas bedrückt dich – etwas Neues. Was ist es? Was verschweigst du uns?«

»Es ist nichts«, beharrte Anne. »Oh! Wie gut es tut, wieder zu Hause zu sein! Nun – beinahe zu Hause. Wie ich mich auf diesen Tag gefreut habe!«

Branwell, dessen Verhandlungen mit dem Kutscher nun abgeschlossen waren, kehrte mit weit geöffneten Armen und einem breiten Lächeln zu uns zurück. »Kommt her, lasst euch drücken! Wie geht es meinen liebsten älteren Schwestern?« Emily und ich lächelten und umarmten ihn. »Wir sind bei bester Gesundheit und noch besserer Laune«, antwortete ich, »nun, da ihr hier seid, um uns Gesellschaft zu leisten.«

Mein Bruder mit seinen siebenundzwanzig Jahren war mittelgroß und sah gut aus. Er hatte breite Schultern und eine schlanke, sportliche Figur; eine Brille saß auf seiner römischen Nase, und er trug keck die Mütze schief auf seinem kinnlangen roten Haarschopf. Branwell war intelligent, leidenschaftlich und begabt; er strahlte eine Aura höchsten Selbstvertrauens aus und war sich seiner männlichen Attraktivität bewusst. Er besaß leider auch einen unglückseligen, im letzten Jahrzehnt entwickelten Hang zum Alkohol und – zu unserem ständigen Entsetzen und unserer Beschämung – ab und zu einer Dosis Opium. Erleichtert bemerkte ich, dass heute seine Augen klar und ungetrübt waren und voller Humor strahlten.

»Warum hast du nie geschrieben?«, wollte ich wissen und knuffte ihn mit spielerischem Ärger. »Ich habe dir in den letzten sechs Monaten gewiss ein Dutzend Briefe geschickt, und du hast nie geantwortet.«

»Ich hatte in den letzten Monaten weder die Zeit noch die Muße für Korrespondenz. Ich war beinahe jede Minute beschäftigt.«

»Dann ist es gut, dass du nach Hause gekommen bist, um dich zu erholen«, sagte ich.

»Papa freut sich so sehr darauf, euch beide zu sehen«, warf Emily dazwischen und hakte sich bei Branwell unter, als wir den Bahnhof verließen. »Wenn wir schnell gehen, kommen wir gerade rechtzeitig zum Tee heim.«

»Es ist viel zu heiß, um jetzt nach Hause zu laufen«, beschwerte sich Branwell. »Lasst uns erst im ›Devonshire Arms‹ einkehren und warten, bis es etwas kühler geworden ist, ehe wir uns auf den Heimweg machen.«

Meine Schwestern und ich warfen einander verstohlene Blicke zu. Wir wussten genau, dass Branwell niemals in einem Gasthaus einkehren konnte, ohne etwas zu trinken – und seine Wahl würde sicherlich nicht auf Tee fallen. Aus einem Glas würden drei oder fünf werden, und auf gar keinen Fall wollten wir, dass unser Bruder bei seiner Heimkehr betrunken wäre.

»Ich habe Papa versichert, dass wir unverzüglich nach Hause kommen«, sagte ich.

»Es ist auch nicht zu heiß«, fügte Anne rasch hinzu.

»Es ist ein herrlicher Tag, gerade richtig zum Laufen«, beharrte Emily.

Branwell seufzte und verdrehte die Augen. »Na gut. Ich sehe, dass in dieser Gesellschaft die Stimme eines einzelnen Mannes nicht zählt.«

Wir gingen die Hauptstraße von Keighley hinunter, einer wohlhabenden Stadt mit einem geschäftigen, relativ neuen Marktplatz, der von einer Reihe hübscher Gebäude gesäumt war. Die Stadt lag ein wenig ungünstig in einem Kessel zwischen Anhöhen. Der Himmel hier war oft vom Rauch der vielen Fabriken in den Außenbezirken verdunkelt, doch wir kamen trotzdem häufig her, da in Keighleys vielen Geschäften Waren und Dienste angeboten wurden, die in unserem winzigen Dorf nicht erhältlich waren.

»Wie geht es Papa?«, erkundigte sich Anne.

»Er ist nie schlecht gelaunt, nie ungeduldig, nur ängstlich und niedergeschlagen«, erwiderte Emily.

»Ich sorge mich so um ihn«, sagte Anne. »Was soll aus ihm – aus uns – werden, wenn er erblindet? Wird er seine Pfarrstelle verlieren, was meint ihr?«

»Papa wird seine Pfarrstelle nicht verlieren«, beharrte Branwell. »Er genießt in der Gemeinde ein sehr hohes Ansehen – und hast du, Charlotte, in deinem letzten Brief nicht erwähnt, dass er einen neuen Hilfspfarrer eingestellt hat?«

»Ja, einen gewissen Mr. Nicholls. Ich finde ihn außerordentlich unangenehm.«

»Warum?«

»Er ist sehr reserviert und zurückhaltend.«

»Aber ist er tüchtig? Erledigt er seine Arbeit ordentlich?«

»Es ist noch zu früh, um darüber zu urteilen. Er hat erst vor einigen Wochen angefangen.«

»Dieser Mr. Nicholls muss doch ein guter Mann sein, wenn Papa ihn ausgewählt hat«, meinte Anne.

»Papa hat auch James Smith ausgewählt«, erwiderte ich, »und der war ungehobelt, herablassend und geldgierig.«

»Den Fehler würde Papa nicht noch einmal machen«, sagte Branwell. »Wenn dieser Mr. Nicholls Vater nur die Hälfte seiner Pflichten abnehmen kann, dann ist er sein Gewicht in Gold wert.«

Wir hatten inzwischen die Außenbezirke der Stadt erreicht und machten uns an den langen Aufstieg. Er führte durch das unwegsame Gelände die welligen Hügel hinauf und an den Fabriken vorüber, die zwischen Reihen grauer Steinhäuser entlang der Straße entstanden waren. »Wie lange bleibst du zu Hause, Branwell?«, fragte ich. »Einen guten Monat, will ich hoffen?«

»Ich muss nächste Woche zurückreisen.«

»Oh«, meinte Emily enttäuscht. »Warum nur ein so kurzer Aufenthalt?«

»Ich werde in Thorp Green gebraucht – aber im Juli komme ich wieder nach Hause. Ich werden den Rest meiner Ferien nehmen, wenn die Robinsons auch ihren Urlaub antreten und nach Scarborough reisen.«

»Was hält dich denn so beschäftigt, dass du dir nicht richtig freinehmen kannst?«

Ich bemerkte, wie Anne Branwell von der Seite einen stummen Blick zuwarf; er wurde seltsamerweise rot und antwortete rasch: »Nun, neben dem Unterricht, den ich dem jungen Master Robinson erteile, gebe ich inzwischen auch allen Frauen der Familie Zeichenunterricht.«

»Zeichenunterricht?«, fragte Emily. »Wie ist das denn gekommen?«

»Recht unerwartet. Als ich eines Tages der Dame des Hauses gegenüber erwähnte, dass ich in meinen Jugendtagen Zeichnen und Malen studiert und ein Jahr in Bradford mit dem Versuch verbracht habe, mich als Porträtmaler zu etablieren, bestand sie darauf, ich solle ihr Porträt malen. Mrs. Robinson war so entzückt von dem Ergebnis, dass sie mich bat, ihr – und ihren drei Töchtern – das Malen beizubringen.«

»Was für ein wunderbare Möglichkeit, deine Talente einzusetzen«, meinte Emily.

»Wie sich herausstellte«, fuhr Branwell voller Begeisterung fort, »ist Mrs. Robinson selbst künstlerisch veranlagt. Weil sie so erpicht darauf ist, mit den angefangenen Arbeiten fortzufahren, ehe sie in Ferien fährt, hat sie mich gebeten, noch innerhalb der nächsten Woche zurückzukehren.«

 

Liebes Tagebuch, ich muss gestehen, dass es mir einen winzigen Stich versetzte, als mir Branwell seine neuesten künstlerischen Unternehmungen so umriss. Vergib mir, dass ich derlei Gefühle hege. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass sie alles andere als freundlich sind; ich werde mir alle Mühe geben, sie zu überwinden. Aber wie viele lange Jahre schon hege ich genau wie mein Bruder den Ehrgeiz, mich künstlerisch zu betätigen? Meine Schwestern und ich, wir haben in unserer Jugend alle beim gleichen Zeichenlehrer Unterricht gehabt wie Branwell. Für mich wurde daraus eine Beschäftigung, die ich von Herzen liebte. Ich habe damals unzählige Stunden über mein Zeichenpapier und meinen Karton gebeugt verbracht, mit Kreiden, Bleistiften, Buntstiften und Farbnäpfen hantiert und Bilder aus meiner Phantasie geschaffen oder sorgfältig Drucke und Stiche berühmter Werke kopiert, die ich in Büchern und Almanachen fand. Als ich achtzehn Jahre alt war, wurden sogar zwei meiner Bleistiftzeichnungen für eine namhafte Kunstausstellung in Leeds ausgewählt. Aber weil Branwell ein Junge war, entschied Papa, dass er derjenige sein sollte, der Malerei studierte. Ich missgönnte meinem Bruder das nicht. Aber, oh, ich bekam nun gar keinen Unterricht mehr, und irgendwann hörte ich dann ganz auf zu malen und zu zeichnen.2

»Hast du wieder etwas Neues geschrieben, Charlotte?«

Die Stimme meines Bruders riss mich jäh aus meinen Gedanken. Ich blinzelte und kehrte wieder in die Gegenwart zurück; einen Teil des Gesprächs hatte ich wohl verpasst. Wir gingen inzwischen jenseits der Fabriken über die baumlosen weiten Felder, die durch endlos scheinende Steinmauern wie ein Schachbrett in einzelne Parzellen aufgeteilt waren. Seltsam, überlegte ich mit einem leisen Lächeln, dass sich Branwell nach meinem Schreiben erkundigte, als ich gerade über die Malerei nachdachte; aber diese beiden künstlerischen Betätigungen gingen irgendwie Hand in Hand.

Ehe ich antworten konnte, sagte Emily: »Charlotte hat seit über einem Jahr kein einziges Wort geschrieben, soweit ich das beurteilen kann.«

»Stimmt das?«, fragte Branwell überrascht.

Ich überlegte mir meine Antwort genau. Tatsächlich hatte ich seit meiner Heimkehr aus Belgien vor achtzehn Monaten insgeheim spät in der Nacht Gedichte und Prosa geschrieben. Ich versuchte auf diese Weise, die Traurigkeit zu bewältigen, die mein Herz beschwerte. Das würde nun nicht länger verborgen bleiben, da Anne nach Hause gekommen war und das Bett mit mir teilen würde. »Ich habe in letzter Zeit nichts Nennenswertes zustande gebracht«, sagte ich, was halbwegs der Wahrheit entsprach.

»Warum nicht?«, fragte Branwell. »Das Schreiben liegt dir doch ebenso sehr im Blut wie mir, Charlotte. Du hast mir einmal gesagt, es sei eine Folter für deine Seele, nur einen einzigen Tag lang nicht die Feder aufs Papier zu setzen. Gib es zu: Du musst doch zumindest ab und zu an Angria und deinen Herzog von Zamorna denken

Angria war das Phantasiekönigreich, das Branwell und ich als Kinder erfunden hatten: eine sanfte afrikanische Landschaft, die wir zunächst die »Konföderation der Glasstadt« genannt und mit einer Schar edler, wohlhabender Menschen bevölkert hatten, die leidenschaftlich liebten, begeistert Kriege führten, große Abenteuer erlebten und für uns so wirklich waren wie das Leben selbst. Der Held meiner Kindertage war der berühmte Herzog von Wellington gewesen; nachdem ich diese Schwärmerei hinter mir gelassen hatte, schuf ich einen imaginären Sohn für ihn, den Herzog von Zamorna (alternativ auch als Arthur Augustus Adrian Wellesley, Marquis von Douro und König von Angria bekannt). Zamorna war Dichter, Soldat, Staatsmann und leidenschaftlicher Liebhaber der Damen und hatte im Laufe zahlloser Geschichten meinen Verstand und mein Herz erobert – Geschichten, die ich selbst mit Mitte zwanzig immer noch mit großem Vergnügen erfunden hatte, als ich nach Belgien aufbrach. Seither hatte ich kein Wort mehr über ihn oder über Angria geschrieben.

»Ich glaube, unser Professor in Brüssel hat irgendetwas gesagt, das sie entmutigt hat«, meinte Emily.

Mir stieg die Hitze ins Gesicht. »Das stimmt nicht. Monsieur Héger hat mein Schreiben sehr unterstützt. Er sagte, ich hätte Talent, und hat mir geholfen, meine Fertigkeiten zu verfeinern und zu vervollkommnen. Ich habe von ihm mehr als von jedem anderen Lehrer gelernt. Aber er zwang mich auch, neu zu bewerten, was ich schrieb, und zu beurteilen, welchen Stellenwert das Schreiben in meinem künftigen Leben einnehmen sollte.«

»Und welches künftige Leben soll das sein?«, wollte Branwell wissen.

»Ich bin neunundzwanzig Jahre alt. Es hat keinen Zweck, weiterhin solche albernen, romantischen Geschichten zu schreiben, wie wir sie in unserer Jugend verfasst haben. In meinem Alter sollte die Phantasie gezähmt und sorgfältig zurechtgestutzt werden, das Urteilsvermögen kultiviert und die unzähligen Illusionen der Jugendzeit hinweggefegt werden.«

Branwell lachte. »Großer Gott, Charlotte! Das klingt, als wärst du hundertneunundzwanzig, nicht neunundzwanzig.«

»Darüber solltest du keine Scherze machen. Ich muss jetzt ernst werden. Ich muss mich auf das konzentrieren, was praktisch und klug ist.«

»Wir können doch praktisch denken und klug sein«, warf Anne dazwischen, »ohne gleichzeitig das Schreiben aufzugeben.«

»Wir?« Ich schaute sie an. »Hast du etwa auch geschrieben, Anne?«

Ein Blick flog zwischen Anne und Emily hin und her. Nach einigem Zögern sagte Anne: »Nein, eigentlich nicht – zumindest nichts, was von Bedeutung wäre.«

Nun war meine Neugier erwacht; offensichtlich hatte Anne tatsächlich geschrieben, war aber genauso wenig wie ich bereit, darüber zu sprechen. Was das Thema ihrer Arbeit betraf, so konnte ich eine Vermutung wagen. In ihrer Kindheit hatten Emily und Anne ihre eigene Phantasiewelt geschaffen, die sie Gondal nannten – eine finstere, dramatische und leidenschaftliche nordische Welt, die von Frauen regiert wurde – und sie hatten die Abenteuer ihrer geliebten Gestalten in Versen und in Prosa aufgezeichnet. Obwohl es bereits Jahre her war, dass meine Schwestern die Früchte ihrer Bemühungen mit uns geteilt hatten, wusste ich doch, dass sie auch heute noch großes Vergnügen daran fanden, in ihren privaten, geflüsterten Gesprächen Szenen aus Gondal zu spielen.

»Ich nehme an, das Schreiben liegt uns einfach im Blut«, sagte ich, »und ich werde es stets lieben, aber ich habe doch das Gefühl, etwas Nützlicheres und Lohnenderes mit meiner Zeit anfangen zu müssen. Eines Tages werden wir alle vielleicht unseren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten müssen, und Schreiben sichert einem nun einmal kein Einkommen.«

»Aber das kann es sehr wohl«, sagte Branwell plötzlich mit einem geheimnisvollen Lächeln, während er die Kappe absetzte und den Kopf nach hinten warf, sodass die heiße Sonne ihm ins Gesicht scheinen konnte.

»Was hat dieses Lächeln zu bedeuten?«, fragte Emily. »Hast du etwas verkauft, Branwell?«

»Ja. Die Yorkshire Gazette hat gerade vier meiner Sonette abgedruckt.«

»Vier Sonette!«, rief ich überrascht und begeistert. »Wann war das?«

»Im letzten Monat. Sie haben Blackcom und The Shepherd’s Chief Mourner gedruckt, die ich vor Jahren geschrieben habe, und auch noch zwei neue, die ich unter dem Titel The Emigrant zusammengefasst habe.« Branwell begann unverzüglich, seine neuen Verse über die Felder und in den Himmel hinein zu deklamieren. Während ich seiner klaren, starken Stimme lauschte, stieg Freude und Zuneigung in mir auf. Branwells lebhafter Sprechstil war eine Begabung, die er bereits in Kindertagen gezeigt hatte; wenn er es sprach, klang selbst das gewöhnlichste Gedicht wie ein Meisterwerk. Nach dem Abschluss seines Vortrags klatschen meine Schwestern und ich ihm Beifall, und Branwell bedankte sich mit einer Verbeugung.

Wir hatten das untere Ende der einzigen, steilen, schmalen und gewundenen Straße von Haworth erreicht. Mit erneutem Elan stapften wir bergauf. Unsere Füße schallten laut auf den Steinplatten, als wir an den eng gedrängten, mit Schiefer gedeckten grauen Steinhäusern und Geschäften zu beiden Seiten vorübergingen und dabei geschickt zwei Pferdefuhrwerken auswichen, die den größten Teil der Straße für sich beanspruchten. Schon bald hatten wir den Friedhof von Haworth erreicht, der auf der Anhöhe vor der Kirche lag. Es war Waschtag: Hausfrauen und Wäscherinnen hatten sich auf dem Kirchhof versammelt und schwatzten vergnügt, während sie nasse Leintücher und andere Wäsche zum Trocknen über die Grabsteine breiteten. Da die weitaus meisten Grabsteine große Steinplatten waren, die horizontal auf niedrigen Sockeln lagen, boten sie einen sehr vorteilhaften Trockenplatz.

»Das ist außerordentlich respektlos«, dröhnte eine tiefe irische Stimme, als wir linker Hand in die Church Lane einbogen. Ich sah, wie Mr. Nicholls aus dem Haus des Küsters trat, begleitet von Mr. Grant, dem Hilfspfarrer von Oxenhope, einem uns wohlbekannten jungen Mann, der Papa im vergangenen Jahr bei so mancher Gelegenheit in der Gemeinde unter die Arme gegriffen hatte. »Ein Friedhof ist ein geheiligter Ort«, fuhr Mr. Nicholls fort. »Die Grabsteine ganz in feuchte Laken, Hemden und Unterröcke eingehüllt zu sehen, das ist der reinste Hohn.«

»Ich widerspreche Ihnen nicht«, erwiderte Mr. Grant, ein dünner Mann mit rosigem Teint und einer hohen, näselnden Stimme, »aber ein Brauch ist eben ein Brauch, und Sie sollten sich nicht mit allen Frauen von Haworth anlegen, wenn ich Ihnen das raten darf.«

Als sie uns erblickten, unterbrachen die jungen Leviten ihr Gespräch. Mr. Nicholls und ich hatten in den drei Wochen, seit ich ihm seinen Willkommenskorb gebracht hatte, kein Wort miteinander gesprochen, und er erstarrte, als er meiner gewahr wurde. Dann gingen die beiden Männer den Weg herunter in unsere Richtung. Mr. Nicholls blickte neugierig auf Anne und Branwell, während er und Mr. Grant genau gleichzeitig ihre Hüte zogen und guten Tag sagten.

»Guten Tag«, erwiderte ich. »Mr. Nicholls, darf ich Ihnen meinen Bruder Branwell und meine Schwester Miss Anne Brontë vorstellen? Branwell, Anne, das ist Reverend Arthur Bell Nicholls, der neue Hilfspfarrer von Haworth.«

Mr. Nicholls schüttelte Branwell die Hand und verneigte sich förmlich vor Anne. »Es kam mir schon so vor, als hätte ich eine Familienähnlichkeit bemerkt. Es ist mir ein Vergnügen, Sie beide kennenzulernen.«

»Angenehm, Sie kennenzulernen, Sir.« – »Gleichfalls, Sir«, waren Branwells und Annes Antworten. Emily sagte, wie es für sie typisch ist, gar nichts.

»Es ist schön, Sie beide einmal wiederzusehen«, meinte der lebhaftere Mr. Grant unter weiterem Händeschütteln und Verneigen. Ich hielt Mr. Grant für einen selbstgefälligen Snob, von seiner hochmütig in die Luft gereckten Nase und dem erhobenen Kinn bis hin zu den schwarzen Galoschen und den Schuhen mit den eckigen Kappen; trotzdem schien er ein sehr engagierter und hingebungsvoller Gemeindepfarrer zu sein. »Werden Sie den gesamten Sommer zu Hause verbringen?«

»Leider muss ich schon in Kürze wieder abreisen«, antwortete Branwell fröhlich, »aber Anne bleibt wohl für immer hier. Sie hat anscheinend genug vom Leben als Gouvernante.«

»Nun«, erwiderte Mr. Grant, »das ist nur verständlich. Auf einem abgelegenen Landsitz eingesperrt zu sein, meilenweit von jeder Ansiedlung entfernt, ohne jeden Zugang zur feineren Gesellschaft – das muss wahrlich sterbenslangweilig sein.«

»Das dachte ich zunächst auch«, bemerkte Branwell. »In den ersten drei Monaten hat mich die Langeweile so sehr geplagt, dass ich mir das Haar ausraufen wollte, aber allmählich finde ich Geschmack an diesem Ort.«

Anne runzelte die Stirn und sagte unvermittelt: »Bitte entschuldigen Sie mich, ich möchte wirklich Papa so bald wie möglich wiedersehen.«

»Ich komme mit«, meinte Emily.

Meine Schwestern eilten davon. Ich hätte mich ihnen liebend gern angeschlossen und wollte mich gerade verabschieden, als Branwell sagte: »Möchten die Herren sich nicht zum Tee zu uns gesellen? Wenn ich mich nicht irre, haben Tabby und Martha zu unserem Empfang sicherlich ein wahres Festmahl zubereitet.«

Mr. Grant lächelte herzlich. »Vielen Dank, die Einladung nehmen wir wirklich gern an.«

Mir wurde das Herz schwer. Ich hatte mich auf eine vertraute Familienrunde gefreut, nur wir fünf, um Annes und Branwells Heimkehr zu feiern, und ich glaube, so war es Papa auch gegangen. Jedes Mal wenn wir unseren Tisch mit den Hilfspfarrern teilten, hatte ich feststellen müssen, was für eine selbstsüchtige, eitle und hohlköpfige Spezies das war – und besonders mit Mr. Nicholls wollte ich nicht gern zusammen essen müssen. Mein Bruder jedoch war seit jeher ein geselliges, menschenfreundliches Wesen – und jetzt waren die Würfel eben gefallen.

»Ich sehe die Herren dann später im Haus«, sagte ich und zwang mir ein Lächeln auf die Lippen. Dann hastete ich hinter meinen Schwestern den Weg zum Pfarrhaus entlang.

 

Als ich durch die Hintertür vom Hof ins Haus trat, wehte mir der köstliche Duft von Roastbeef und Yorkshire Pudding3 um die Nase. Meine Schwestern waren beide in der Küche in die Hocke gegangen und nahmen enthusiastische Hundeküsse von ihren jeweiligen Haustieren entgegen. Unsere englische Dogge gehörte Emily. Flossy war ein Geschenk von Annes Schülerinnen; zu ihrem großen Leidwesen hatten die Mädchen den wunderschönen Spaniel so übel behandelt, dass Anne sich gezwungen sah, ihn nach Hause zu bringen, wo er unter Emilys hervorragender Obhut stand.

Tabby (über den Herd gebeugt, wo die Kartoffeln kochten) und Martha (die Puddings aus der Backröhre zog) jauchzten bei Annes Anblick beide vor Freude, und dann lagen sich alle in den Armen.

»Wie wir dich vermisst haben, Mädel!«, sagte Tabby und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Freudentränen aus den Augenwinkeln.

»Wie gut es ist, Sie zu sehen, Miss Anne!«, rief Martha. Kaum siebzehn Jahre alt, war Martha Brown eine fröhliche, schlanke junge Frau mit weichem dunklem Haar und einem angenehmen Gesicht. Die zweitälteste Tochter von Mary und John Brown aus dem nur wenige Türen entfernten Küsterhaus war im zarten Alter von dreizehn Jahren zu uns gezogen, um den Löwenanteil der Hausarbeit zu übernehmen. »Weil doch Roastbeef und Yorkshire Pudding Ihr Lieblingsessen ist und das vom guten Master Branwell«, erklärte Martha Anne, »da haben wir uns wirklich angestrengt, für Ihre Rückkehr ein ordentliches Sonntagsessen auf den Tisch zu bringen, auch wenn heute Dienstag ist.«

»Ich danke euch beiden«, antwortete Anne mit einem Lächeln.

»Ich hoffe, ihr habt genug für zwei weitere Esser gekocht«, fügte ich hinzu, »denn unser guter Master Branwell hat gerade Mr. Nicholls und Mr. Grant eingeladen, mit uns zu essen.«

»Es ist jede Menge Essen da«, meinte Tabby mit einem Stirnrunzeln, »selbst wenn die Gäste so jämmerliche Käuze wie diese jungen Hilfspfarrer sind.«

»Hilfspfarrer?«, wiederholte Emily bestürzt, als sie sich aus der Umarmung mit ihrem Hund Keeper löste. »Was – kommen die jetzt gleich?« Sie sprang auf wie von der Tarantel gestochen und rannte zur Küchentür, als wollte sie sie schließen. Doch im gleichen Augenblick hörte ich die gemurmelte Unterhaltung der beiden Männer, die durch die Vordertür ins Haus traten. Die Hunde stellten die Ohren auf und stürmten sofort an Emily vorüber in den Korridor.

»Nein!«, schrie Emily und flitzte hinter ihnen her.

Ein lebhafter Tumult ließ sich vernehmen. Dann hatten die Hunde sich Einlass in den geräumigen Flur verschafft, in dem ihr Bellen wunderbar widerhallte.

»Platz, Sir! Platz!«, rief eine hohe, herrische Stimme, in der ich die von Mr. Grant erkannte.

Ich rannte in den Hausflur, Anne folgte mir dicht auf den Fersen. Keeper bellte wie wild und sprang am armen Mr. Grant hoch. »Platz, Keeper!«, schrien Emily und Branwell wie aus einem Munde. Der Hund schenkte ihnen keinerlei Beachtung.

Der so angegriffene Mr. Grant hatte die Arme erhoben, um sein Gesicht zu schützen, und schaute mit angstgeweiteten Augen zur Haustür, aber Branwell, Mr. Nicholls und Papa (der gerade aus seinem Studierzimmer zu uns gestoßen war) standen hinter ihm im Flur und versperrten ihm diesen Fluchtweg. Also machte Mr. Grant kehrt und floh, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Keeper wollte ihm folgen, doch Emily warf sich vor den braungelbe Rüden und hielt ihn davon ab, auf die Treppe zu springen, während sie gleichzeitig versuchte, ihn bei seinem Messinghalsband zu packen. Der Hund bellte und jaulte und warf sich gegen sie; Emily behauptete sich tapfer gegen ihn, würde dem Ansturm aber nicht mehr lange standhalten können.

Ich wollte ihr gerade zu Hilfe eilen, als ein Pfiff erschallte, einer von der Art, mit der man einen Hund zur Ordnung ruft. Keeper erstarrte; mit neugierigen Augen und zuckenden Ohren blickte er sich um. Der Pfiff kam von den Lippen von Mr. Nicholls, der seelenruhig mitten im Flur stand.

»Hierher, mein Guter«, sagte Mr. Nicholls und schaute Keeper aufmerksam an, während er sich mit der Hand auf den Oberschenkel klopfte. »Komm schon, mein Guter. Komm her. Braver Hund.«

DREI

Liebes Tagebuch, allen Dorfbewohnern war wohlbekannt, dass die Dogge im Pfarrhaus ein recht eigenwilliges Tier war. Meistens war Keeper verdrießlich, distanziert und am Rest der Welt nicht interessiert und ging allen Versuchen, ihm Zuneigung zu zeigen, aus dem Weg, außer denen seines Frauchens, das er anbetete. Gelegentlich hegte das Tier eine ausgeprägte Abneigung gegen einen bestimmten Menschen. Doch noch nie hatte ich erlebt, dass jemand außer Emily den Hund gebändigt hatte.

Zu meinem Erstaunen erlosch in Keepers Doggenaugen nun sofort das leidenschaftliche Feuer, und er stand wieder ruhig da. Wie ein Kind, das den Flötentönen des Rattenfängers von Hameln folgt, trottete er gehorsam zu dem Hilfspfarrer hin und ließ sich zu dessen Füßen nieder. Mr. Nicholls beugte sich herunter und streichelte das Tier liebevoll hinter den Ohren, unter der Schnauze und oben am Kopf, während er sanft ermunternde Worte murmelte und alle Anwesenden ihn voller Verwunderung und Erstaunen anblickten.

»Vielen Dank, Mr. Nicholls«, sagte ich, während sich Emily, benommen und sprachlos, langsam erholte und ihre Röcke zurechtzog.

»Sie sind ein Genie, Sir«, bemerkte Branwell. »Dieser Hund hat sich bisher noch nie von jemandem auch nur den Kopf tätscheln lassen.«

»Und doch ist er im Allgemeinen harmlos«, fügte ich hinzu. »Ich weiß nicht, was ihn so aufgeregt hat.«

»Vielleicht, dass Mr. Grant angefangen hat, nach ihm zu treten«, sagte Mr. Nicholls.

»Ah«, erwiderte ich, »das lässt er sich natürlich nicht gefallen.« Ich ging zum Treppengeländer und rief hinauf: »Mr. Grant, Sie können jetzt wieder herunterkommen. Die Luft ist rein!«

Ich hörte, wie sich oben eine Zimmertür öffnete, dann vernahm man vorsichtige Schritte auf der Treppe. Mr. Grants Gesicht erschien an der Biegung der Treppe, er schaute ängstlich über das Geländer. »Ist der Hund weg?«

Keeper, der bemerkte, dass der Hilfspfarrer wieder aufgetaucht war, legte den Kopf ein wenig schief, blickte in seine Richtung und ließ ein leises Knurren vernehmen, das noch viel schrecklicher und bedrohlicher wirkte als sein Bellen.

»Nein!«, sagte Mr. Nicholls leise, aber bestimmt.

Das Knurren hörte so schnell auf, wie es begonnen hatte; der Hund hielt ihm seinen riesigen, plumpen, dummen Kopf hin, um sich tätscheln zu lassen, und japste und seiberte schon bald wieder höchst zufrieden. Ich fragte mich, ob ich mich in Mr. Nicholls vielleicht sehr getäuscht hatte. Ein Mann, der so gut mit Tieren umgehen konnte, hatte doch gewiss verborgene Qualitäten, oder nicht?

»Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten«, sagte Emily und unterdrückte mit Mühe ein Lachen, als sie zu Mr. Grant hinaufschaute. »Keeper wird Ihnen nichts tun. Sein Toben ist nichts als Lärm und Wut, sie haben nichts zu bedeuten – und jetzt hat er sich völlig beruhigt.«

»Ich komme erst wieder nach unten, wenn dieser Hund eingesperrt oder nach draußen gebracht wurde«, war Mr. Grants Antwort.

»Emily, bring den Hund nach draußen«, sagte Papa, der während des ganzen Aufruhrs still neben Flossy gestanden hatte.

»Ja, Sir.« Gehorsam nahm Emily die Dogge mit einem stummen Nicken von Mr. Nicholls entgegen und führte Keeper auf den Hof.

Papa nutzte diese Gnadenfrist, um Branwell und Anne zu umarmen und herzlich zu Hause willkommen zu heißen. Inzwischen wandte Mr. Nicholls seine Aufmerksamkeit Flossy zu, der sich nun der gleichen liebevollen Behandlung erfreute, die Keeper genossen hatte. »Wie heißt dieses Kerlchen?«

»Flossy«, antwortete ich.

»Was bist du für eine Schönheit!«, sagte Mr. Nicholls. »Du bist doch einer der schönsten King Charles Spaniels, die ich je gesehen habe.«

»Dieser andere Hund ist eine Landplage!«, ließ sich Mr. Grant vernehmen, der nun die Treppe hinunterkam und sich wieder zu uns gesellte. »Haben Sie gesehen, wie er mich angesprungen hat? Nun, der hätte mir doch beinahe den Kopf abgebissen! Ich habe um mein Leben gefürchtet.«

»Das nächste Mal«, meinte Branwell, »sollten Sie vielleicht besser Mr. Nicholls zuerst durch die Tür treten lassen. Er hat eindeutig magische Fähigkeiten.«

»Es wird kein nächstes Mal geben«, sagte Mr. Grant mit Bestimmtheit, während wir alle ins Esszimmer gingen, wo Martha gerade zwei weitere Gedecke auflegte. »Ich setze keinen Fuß mehr in dieses Haus, ehe ich nicht weiß, dass diese Bestie eingesperrt und außer Sichtweite ist. Ich muss mich schon sehr wundern, Reverend Brontë« – mit einem gestrengen Blick zu mir und Emily, die gerade zurückkehrte –,«dass Sie Ihren Töchtern gestatten, ein solch gefährliches Tier im Pfarrhaus zu halten.«

»Gefährlich?«, erwiderte Papa mit einem Lächeln. »Keeper würde keiner Fliege etwas zu Leide tun. Er frisst wie ein Scheunendrescher und kostet mich acht Shilling Hundesteuer im Jahr, aber er ist jeden Penny wert.«

»Wir halten ihn im Haus, Sir«, fügte Emily hinzu, »weil wir ihn gernhaben. Daher kommt sein Name Keeper.«

»Das können Sie unmöglich ernst meinen«, sagte Mr. Grant. Er und Mr. Nicholls setzen sich gegenüber von mir und meinen Schwestern an den Tisch, während Papa und Branwell ihre üblichen Plätze am oberen und unteren Ende der Tafel einnahmen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Dame ein so hässliches Biest wie dieses gernhaben kann. Das ist doch ein Bauernhund.«

»Ein Bauernhund?«, antwortete ich belustigt. »Das denke ich kaum.« Martha begann, das Essen aufzutragen. Bei uns wurde zu Tisch kein Wein gereicht, weil wir nicht riskieren wollten, alkoholische Getränke zu kredenzen, während Branwell zu Hause weilte. Jedermann im Raum wusste, warum das so war, nur unser Neuankömmling, Mr. Nicholls, vielleicht nicht. Doch der bemerkte das entweder nicht oder er war zu höflich, um darauf aufmerksam zu machen.

Ich spürte, dass Mr. Nicholls’ Augen über den Esstisch hinweg auf mich gerichtet waren, und erwiderte seinen Blick. Er schaute sofort weg. »Mr. Nicholls, Sie sind mit unserem ›hässlichen Biest‹ gut zurechtgekommen. Ich bitte Sie, verteidigen Sie unsere Entscheidung für diesen Hund.«

»Englische Doggen sind großartige Tiere und gehören zu den edelsten ihrer Spezies«, hub Mr. Nicholls an und schaute kurz zu mir hin. »Sie wurden jedoch als Wach- und Schutzhunde gezüchtet. Ich denke, Miss Brontë, Sie täten wirklich besser daran, ihn einem der Bauern in der Gemeinde anzuvertrauen, dessen Herden er beschützen könnte, und an seiner Stelle einen Hund von einer Rasse zu erwerben, die dem schwachen Geschlechte eher angemessen ist.«

Emily schnaufte leise vor Ärger ob dieser Aussage. Ich fand sie lediglich amüsant. »Ach wirklich?«, sagte ich. »Und welche Hunderasse würden Sie für angemessener für Personen unseres Geschlechts erachten, Mr. Nicholls?«

»Gewöhnlich ziehen Damen Schoßhündchen vor«, erwiderte Mr. Nicholls.

»Irgendetwas Kleines und Niedliches«, ergänzte Mr. Grant mit einem Nicken, »wie zum Beispiel einen Mops oder einen Pudel.«

Ich lachte lauthals los. »Nun, dann können Sie mich und meine Schwestern als Ausnahmen von dieser Regel betrachten.«

»Meine Schwestern sind Ausnahmen von jeder Regel«, sagte Branwell mit einem glucksenden Lachen.

Obwohl Emily, wenn wir Besuch hatten, kaum je sprach, wandte sie nun leidenschaftlich ein: »Ich bin wirklich ratlos. Warum halten Sie, meine Herren, Männer und Frauen für so ungeheuer unterschiedlich, dass Sie ihnen sogar bestimmte Hunderassen zuweisen wollen?«

»Ich wollte niemanden beleidigen«, antwortete Mr. Nicholls. »Ich habe nur eine Meinung zum Ausdruck gebracht, die auf meinen Beobachtungen von Hunden – und von Frauen – aufbaut.«

»Ihren Beobachtungen?«, gab Emily zurück. »Ja, Charlotte hat mir von einigen Ihrer Beobachtungen bezüglich der Frauen berichtet, Mr. Nicholls. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie mir erzählt, dass Sie lediglich zwei Beschäftigungen für Frauen billigen, Kochen und Handarbeiten – und dass Sie von beiden behaupten, Gott selbst hätte sie uns zugewiesen.«

Mr. Nicholls schien von dieser Aussage verblüfft zu sein. Branwell lachte wieder; aber die anderen beiden Männer hatten recht ernste Mienen aufgesetzt, während sie sich geschäftig über das Roastbeef und den Yorkshire Pudding hermachten. Einen endlos scheinenden Augenblick waren im Zimmer nur die Geräusche eifrigen Kauens, das Klirren des Silberbestecks und das Zwitschern unseres Kanarienvogels Little Dick in seinem Käfig am Fenster zu hören. Schließlich erwiderte Mr. Nicholls: »Ich meinte nur, Miss Emily, dass Frauen die glänzendsten Leistungen vollbringen, wenn sie all diese weiblichen Pflichten erfüllen, die zu verrichten sie geboren sind und in denen sie sich so hervortun, wenn sie also einen Haushalt führen als hilfreiche Ehefrauen, pflichtbewusste Töchter und liebende Mütter.«

»Hört, hört«, stimmte Mr. Grant zu.

»Ein weiseres Wort wurde nie gesprochen«, pflichtete ihm auch Papa bei.

»Das muss ein Scherz sein«, sagte Emily.

Auch ich spürte, wie die plötzliche Hitze der Empörung in mir aufwallte. (Wie hatte ich nur glauben können, Mr. Nicholls könnte es schaffen, dass ich jemals eine bessere Meinung von ihm bekäme?) »Wollen Sie damit andeuten, Sir«, sagte ich, »dass Frauen sich nur in jenen weiblichen Pflichten hervortun können, die zu verrichten sie geboren sind? Das, kurz gesagt, weibliche Wesen niemals nach Höherem streben sollten, als Pasteten zu backen, Socken zu stricken, Klavier zu spielen und Taschen zu besticken? Glauben Sie ernstlich, dass alles Weitere über den weiblichen Verstand geht – dass Frauen nicht die gleichen geistigen Fähigkeiten zum Lernen haben wie Männer?«

»Beantworten Sie diese Frage auf eigene Gefahr«, warnte Branwell.

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Mr. Nicholls.

Mr. Grant schnitt ihm das Wort ab und meinte: »Diese Frage steht doch eigentlich nicht zur Debatte. Es geht hier um eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache; es gibt physiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Alexander Walker hat es am besten ausgedrückt, denke ich, als er sagte, dass der Mann, der die Fähigkeit zum logischen Denken, die Muskelkraft und den Mut besitzt, beides einzusetzen, zum Beschützer berufen ist, während die Frau, die kaum zu logischem Denken befähigt, schwach und furchtsam ist, diesen Schutz braucht. Unter solchen Umständen führt natürlich der Mann das Regiment, und die Frau gehorcht natürlich.«1

»Oh! Oh!«, riefen Emily und Anne wie aus einem Munde empört aus.

»Ich stimme zu, dass der Mann der Beschützer ist«, fuhr Mr. Nicholls dazwischen, »und dass die Stärken einer Frau Weichheit, Zärtlichkeit und Anmut sind. Aber die Frage bezüglich der Männer und Frauen, die unsere Gesellschaft heutzutage so beschäftigt, ist doch ganz eindeutig in der Bibel erklärt – und nirgendwo wird diese Lehrmeinung besser dargestellt als im zweiten Kapitel im Brief des Apostel Paulus an Timotheus.«

»Und welche Lehrmeinung wäre das?«, erkundigte sich Branwell, der zu Papas Bedauern und Beschämung seit Jahren keine Bibel mehr aufgeschlagen, geschweige denn eine Kirche besucht hatte.

»Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung«, zitierte Mr. Nicholls. »Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva.«2

Emily stöhnte laut auf und warf ihre Serviette auf den Tisch. »Sir, was die Bibel betrifft, gestehen Sie da sowohl Männern als auch Frauen das Recht zu, sich eine eigene Meinung zu bilden?«

»Ja«, erwiderte Mr. Nicholls.

»Damit bin ich nicht einverstanden«, sagte Mr. Grant. »Frauen sollten die Meinungen ihres Gatten übernehmen, sowohl in der Politik wie auch in der Religion.«

»Schämen sollten Sie sich, Sir, über eine so dumme Bemerkung!«, rief Emily.

»Mit dem gleichen Recht könnten Sie sagen, dass alle Männer die Meinungen ihrer Pfarrer übernehmen sollten, ohne sie zu überprüfen!«, fügte ich hinzu.

»Das sollten sie auch!«, stimmte Mr. Nicholls zu.

»Welchen Wert hätte eine so übernommene Religion?«, rief ich entsetzt. »Der Vernunft muss doch gestattet werden, die theologische Interpretation und Urteilsbildung zu beeinflussen. Sonst ist dieser Glaube nichts als blinder, verblendeter Aberglaube! Sind Sie zufällig ein Anhänger von Pusey, Mr. Nicholls?«

»Ja, ich bin ein starker Befürworter der Prinzipien von Reverend Dr. Edward Pusey und den anderen Begründern der Oxford-Bewegung«, antwortete Mr. Nicholls stolz.

»Nun, ich bin eine Anhängerin des Latitudinarismus3 «, sagte ich und musste mir große Mühe geben, nicht die Fassung zu verlieren, »und ich habe starke Einwände gegen die Lehre des Dr. Pusey und gegen jedes einzelne Wort seines Traktats für die Zeiten. Ich finde, dass seine starren Prinzipien gefährlich nah an den Lehren der römisch-katholischen Kirche sind, und ich habe die meisten seiner Anhänger als intolerante Menschen kennengelernt, die sich gegenüber protestantischen Sekten, die ihre Meinung nicht teilen, äußerst abfällig äußern. Aber davon einmal abgesehen, habe ich die Passage aus der Bibel, die Sie soeben zitiert haben, im griechischen Urtext gelesen und dabei festgestellt, dass viele der Wörter falsch übersetzt wurden.«

»Falsch übersetzt?«

»Ja, mit einigen winzigen Änderungen könnte man die Passage so interpretieren, dass sie etwas völlig anderes aussagt: dass eine Frau offen sprechen sollte und muss, wenn sie meint, einen Einwand vorbringen zu müssen; dass man ihr freizügig erlauben sollte, zu lehren und die Autorität über den Mann auszuüben, und dass der Mann still bleiben solle.«

Die Männer rings um den Tisch prusteten los. »Sie sehen, meine Herren«, erklärte Papa, »mit was ich in meinem eigenen Haushalt zu tun habe? Seit ihren Kindertagen fordern Charlotte und Emily mich zu jedem einzelnen ähnlichen Abschnitt der Bibel zur Auseinandersetzung heraus. Nur Anne, meine liebe, süße Anne nimmt diese Aussagen fraglos und mit Würde hin. Meine Töchter haben mich jedoch alle dazu überredet, sie Fächer studieren zu lassen, die man besser allein den Männern überließe. Und da saßen sie nun an genau diesem Tisch all die Jahre ihrer Kindheit hindurch über die staubigen Seiten der griechischen und römischen Literatur gebeugt, übersetzten ganze Werke aus dem Lateinischen, wühlten sich durch die komplexen Verästelungen schwieriger mathematischer Probleme, bis sie sich selbst weit über das Niveau jedes Mannes zwischen hier und York gebildet hatten.«

»Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie mit all dem Wissen anfangen wollen«, sagte Mr. Grant, »wenn sie Brot backen oder die Betten machen.«

Wieder lachten alle Männer. Innerlich schäumte ich vor Wut. Nun kam Martha mit einer Fruchttorte herein.

Emily stand auf und sagte: »Mir ist der Appetit auf dieses Gespräch und auf das Dessert vergangen.«

»Wenn Sie uns bitte entschuldigen«, fügte Anne hinzu, die sich gleichfalls erhob. Beide verließen rasch das Zimmer. Ich hätte nicht übel Lust gehabt, mich ihnen anzuschließen, aber, nach dem vorherrschenden Ton des Abends zu schließen, fürchtete ich, dass der weibliche Teil der Menschheit sehr leiden würde, wenn sich keine Frauenstimme zu seiner Verteidigung erheben würde, und so blieb ich. Nachdem Martha Kaffee und Dessert gereicht hatte und wieder gegangen war, wechselte Branwell zum Glück das Thema, in dem er voller Stolz die kürzlich erfolgte Veröffentlichung seiner Gedichte verkündete. Es erhob sich daraufhin eine Debatte über den Wert der Lyrik, wobei sich Branwell, Papa und ich als ihre Befürworter und Mr. Nicholls und Mr. Grant als ihre Gegner herausstellten.

»Lyrik ist eine ziemlich nutzlose Betätigung«, versicherte Mr. Nicholls, »besteht aus nichts als vielen blumigen Worten, die beeindrucken sollen und doch nur zur Verwirrung und Verärgerung beitragen.«

»Wie können Sie so etwas sagen!«, rief ich mit aufwallender Leidenschaft. »Uns wird in dieser Welt bereits notgedrungen genug harte Sachlichkeit und nützliches Wissen aufgezwungen. Da brauchen wir etwas Schönes und Künstlerisches, das unsere Gedanken ein wenig weicher stimmt und verfeinert. Lyrik ist ein Mittel zu diesem Zwecke. Lyrik ist mehr als nützlich, Sir, sie ist eine Wonne. Sie erhebt uns, sie begeistert uns, sie kann aus einem groben Stoff etwas beinahe Göttliches schaffen.«

Mr. Nicholls schaute mich an, als überraschte ihn die Heftigkeit meiner Äußerung, dann senkte er die Augen und sagte: »Ich freue mich, dass Sie das so sehen, Miss Brontë. Vielleicht habe ich das nie richtig verstanden. Ich habe mich beim Studium von Gedichten immer schwergetan.«

»Da wir gerade von Lyrik sprechen«, fuhr Mr. Grant mit einem Mund voller Früchtekuchen dazwischen, »da habe ich gestern eine Nachricht bekommen, Nicholls, die mit allerlei gereimtem Unsinn angefüllt war, und zwar von einer der jungen Damen aus meiner Gemeinde, einer gewissen Miss Stokes.«

»Mögen Sie sie?«, erkundigte sich Mr. Nicholls.

»Das kann ich nicht sagen.« Mr. Grant hielt mir quer über den Tisch seinen inzwischen geleerten Teller hin und zog stumm die Augenbrauen in die Höhe, was wohl einer Bitte um eine weitere Portion gleichkam. Ich erfüllte meine Pflicht und setzte mich wieder hin. »Sie ist das hübscheste Mädchen in ihrer Familie«, fuhr Mr. Grant fort. »Es sind ihrer fünf, alle unverheiratet – und alle haben ein Auge auf mich geworfen. Ich muss feststellen, dass seit meinem ersten Tag in Oxenhope sämtliche Damen in der näheren und weiteren Umgebung hinter mir her sind. Es gehen ständig Gerüchte um, ich würde Miss Soundso oder Miss Sonstwer heiraten. Gott weiß, auf welchen Tatsachen dieses Gerede fußt. Ich bemühe mich etwa so sehr um weibliche Gesellschaft wie unser guter Mr. Nicholls hier.«

»Sie blicken nur so hochmütig auf die Liebe herab«, wandte Branwell ein, der an seinem Kaffee nippte, »weil Sie sie noch nie gefühlt haben.«

Ich schaute zu Branwell und wunderte mich im Stillen über seine Worte. Er war, soweit ich es wusste, auch noch nie zuvor verliebt gewesen.

»Selbst wenn ich sie gefühlt hätte, würde ich mich von ihr nicht beeinflussen lassen«, behauptete Mr. Grant.

»Sie sind ein weiser Mann, Sir«, bemerkte Papa. »Es ist gewiss der beste Plan, unverheiratet zu bleiben. Millionen von Ehen sind unglücklich; wenn jedermann die Wahrheit eingestehen würde, sind es vielleicht alle, mehr oder weniger.«

»Aber Mama und du, ihr wart doch glücklich miteinander, oder nicht, Papa?«, fragte ich.

»Es gibt zu jeder Regel Ausnahmen«, antwortete Papa. »Deine Mutter war eine ganz besondere und seltene Frau, und was wir füreinander empfunden haben, war genauso selten. Die meisten Menschen werden einander nach einem Monat überdrüssig und sind danach nur noch unter einem Joch zusammengespannt.«

»Eine Ehe kann, denke ich, eine sehr vorteilhafte Verbindung sein«, wandte Mr. Nicholls ein, »wenn sie so geschlossen wird, dass man die Ansichten des anderen würdigt und dauerhafte gemeinsame Interessen bestehen.«

»Oh?«, sagte Mr. Grant, während er sich mit den Zinken der Gabel Beerenkerne zwischen den Zähnen hervorpulte. »Suchen Sie eine Frau, Mr. Nicholls?«

Mr. Nicholls errötete. »Wohl kaum. Ich könnte es mir nicht leisten, eine Frau zu erhalten. Meine Gedanken sind im Augenblick mit anderen Dingen beschäftigt.«

»Und doch scheinen Frauen das nicht zu begreifen«, meinte Mr. Grant verärgert. »Sie können über nichts anderes reden als Brautwerbungen und Aussteuer.«

Branwell lachte. »Geld kann allerdings einiges in diese Gleichung einbringen.«

Während ich all dies mit anhörte, schlug mir das Herz bis zum Halse, und die Hitze stieg mir ins Gesicht; ich konnte nur mit Mühe meine Zunge im Zaum halten. Diesen selbstgerechten Herren lag allein, weil sie zufällig Männer ...

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