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Die geheimen Memoiren der Jane Austen

Syrie James

Die geheimen Memoiren der Jane Austen

Roman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

Aufgezeichnet von Syrie James

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Inhaltsübersicht

Vorwort der Herausgeberin

Die geheimen Memoiren der Jane Austen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Nachwort der Herausgeberin

Anhang

Anmerkungen von Syrie James

Chronologie von Jane Austens Leben

Zitate von Jane Austen

Fragen an Syrie James

Anregungen für Lesekreise

Stammbaum der Familie Austen

Fußnoten

Vorwort der Herausgeberin

Jane Austen, die Autorin von sechs Romanen, die weltweit außerordentlich beliebt sind, hat sich selbst als nahezu süchtige Briefschreiberin bezeichnet. Viele ihrer Briefe sind erhalten geblieben und geben uns wertvolle Einblicke in die Gedankenwelt der Autorin, in ihre Persönlichkeit und ihr Privatleben. Obwohl Biographen schon immer überlegt haben, ob die Autorin wohl Tagebuch geführt oder Memoiren verfasst hat, wurden keinerlei Spuren derartiger Schriftstücke gefunden. Bis heute.

Chawton Manor House – eines der vielen Anwesen, das Jane Austens Bruder Edward Austen Knight gehörte (der von einem Vetter seines Vater adoptiert wurde und von ihm ausgedehnte Besitztümer erbte) – war bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts im Besitz der Familie Knight. Viele Jahre lang lebte Jane Austen in Chawton Cottage, einem kleinen Häuschen im Dorf in der Nähe dieses Herrenhauses. Sie weilte häufig zu Besuch im Chawton Manor House.

Kürzlich wurden Handwerker mit Instandsetzungsmaßnahmen am Dach des Herrenhauses beauftragt. Im Zuge dieser Arbeiten sollte auch eine Mäusefamilie gefangen werden, die sich dorthin verirrt hatte. Auf der Mäusejagd stieß jemand auf eine alte Seekiste, die in der hintersten Ecke des sehr ausgedehnten und weit verzweigten Dachbodens eingemauert war. Zum großen Erstaunen aller war diese Seekiste bis obenhin mit offenbar alten Manuskripten angefüllt. Zudem fand sich bemerkenswerterweise unter all den Papieren am Boden der Kiste ein samtbezogenes Kästchen, das einen zarten Goldreif mit einem Rubin enthielt.

Der gegenwärtige Besitzer des Anwesens, die Chawton House Library, eine Wohltätigkeitsorganisation, die das Herrenhaus renoviert und Gärten und Park wiederhergestellt hat und in dem Anwesen jetzt ein Studienzentrum für frühe englische Frauenliteratur betreibt, zog sogleich Schmuckexperten hinzu, die den Rubinring schätzten (eine feine Arbeit, die auf das späte achtzehnte Jahrhundert datiert wurde), sowie Anglisten, die die Dokumente prüfen sollten. Selbst nach flüchtiger Lektüre war den Forschern sogleich klar, welchen immensen historischen Wert diese Entdeckung hat.

Die Kiste ist so beschaffen wie die Seekisten, die Seeleute während der napoleonischen Kriege für ihre Habseligkeiten verwendet haben. Sie könnte Frank oder Charles Austen, zwei weiteren Brüdern Jane Austens, gehört haben, die beide in der Royal Navy gedient haben. Zum Erstaunen und der ungeheuren Freude der Forscher, die das Privileg hatten, die Papiere als Erste zu sichten (und zu denen zu gehören auch ich die Ehre hatte), wurde schnell klar, dass die zahlreichen Dokumente aus der Seekiste sicherlich während des späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert verfasst wurden. Inzwischen sind sie offiziell als authentische Schriften von der Hand Jane Austens identifiziert worden.

Bisher wurde noch keines der Manuskripte kritisch durchgesehen, doch schon jetzt ist klar, dass wir es hier mit nichts weniger zu tun haben als den lange verloren geglaubten Memoiren Jane Austens, in denen sie von Geschehnissen berichtet, die ihr selbst, Mitgliedern ihrer Familie oder Freunden und Bekannten widerfahren sind.

Die Chawton House Library wünscht keinerlei finanziellen Gewinn aus diesem Fund zu ziehen und war so freundlich, die Seekiste samt Inhalt der Jane Austen Literary Foundation zur Verfügung zu stellen, wo sie nun vollständig durchgesehen und aufbewahrt werden sollen.

Schon in ihrer äußeren Erscheinungsform sind diese Memoiren höchst interessant. Sie sind auf ähnliche Weise zusammengelegt und gebündelt worden wie das Manuskript ihres letzten, unvollendeten Werks, Sanditon. Das heißt, sie wurden alle auf normalgroße, gewöhnliche, auf der Hälfte gefaltete Blätter Schreibpapier geschrieben, dann zu kleinen Heften zwischen achtundvierzig bis achtzig Seiten Umfang zusammengefasst und säuberlich am Rücken zusammengenäht. Ihrem Stil nach lassen sich die Aufzeichnungen in verschiedene Kategorien einordnen: Manche sind Tagebucheinträge; die meisten sind jedoch in Kapitel unterteilt und dadurch ihren Romanen sehr ähnlich. Einige wenige Partien sind von Schimmel und anderen Umwelteinflüssen beschädigt, doch die meisten sind (weil die Seekiste zum Glück luftdicht verschlossen war und die Luft auf dem Speicher, ihrem Aufbewahrungsort, trocken war) beinahe in ihrer ursprünglichen Qualität erhalten.

Gegenwärtig konserviert ein Expertenteam diese Manuskripte mit äußerster Sorgfalt. Nach und nach sollen sie kritisch durchgesehen, redigiert und für eine moderne Leserschaft herausgegeben werden. Obwohl es zweifellos unzählige andere Jane-Austen-Experten gibt, die diese Arbeit mindestens gleich gut, wenn nicht besser ausführen könnten, ist mir die beneidenswerte Aufgabe zugefallen, als Herausgeberin dieser kostbaren Werke zu fungieren.

Wenngleich sich die Memoiren mit einem früheren Zeitraum in Jane Austens Leben beschäftigen, sind sie wohl erst zwischen 1815 und 1817 verfasst worden, als die Autorin bereits an der Krankheit litt, der sie später erliegen sollte. Der hier publizierte Text scheint der letzte Band ihrer Memoiren zu sein, der trotzdem zuerst erscheinen soll. Dies war zum einen dank des hervorragenden Erhaltungszustands möglich, schien aber zum anderen auch wegen des überraschenden und außerordentlich aufschlussreichen Inhalts geboten.

Es wurden verschiedene Theorien vorgebracht, wie es dazu gekommen sein könnte, dass die Manuskripte auf dem Speicher von Chatwon Manor House eingemauert und dort vergessen wurden. Viele der für die Wand verwendeten Backsteine wurden im Jahre 1816 gebrannt, doch das Herstellungsdatum der übrigen Steine ist weit schwieriger zu ermitteln. Es könnte sein, dass Jane Austen selbst, als sie krank war und den Tod nahen fühlte, dafür gesorgt hat, dass ein Familienmitglied, das ihr Vertrauen genoss, oder ein Bediensteter (mit oder ohne Wissen ihres Bruders Edward) die Dokumente auf dem Speicher versteckte, weil sie das Gefühl hatte, der Inhalt sei zu persönlich, als dass er zu jener Zeit Dritten hätte zu Augen kommen sollen, sie es aber doch nicht übers Herz brachte, die Papiere zu verbrennen.

Ebensogut ist es möglich, dass die Seekiste erst Jahre später von Janes Schwester Cassandra hier verborgen wurde. Wir wissen, dass sich die Schwestern sehr nahestanden, einander alle Gedanken und Geheimnisse anvertrauten und sich häufig lange Briefe schrieben, wenn sie voneinander getrennt waren. Cassandra, die zweiundsiebzig Jahre alt wurde, bewahrte alle Briefe auf, die Jane ihr geschrieben hatte, und auch Janes Memoiren könnten sich in ihrer Obhut befunden haben. Wenige Jahre vor ihrem Tod erklärte Cassandra allerdings ihrer Nichte Caroline Austen, sie hätte den größten Teil von Janes Briefen (deren Gesamtzahl man auf viele Hunderte schätzt) verbrannt und die übrigen Briefe zensiert oder zumindest große Teile herausgeschnitten. Der Verlust für die Literaturwissenschaft ist unermesslich.

Der Grund für Cassandras Zensur war zweifellos der Wunsch, die Intimsphäre ihrer Schwester zu wahren, gleichzeitig tat sie es aber sicherlich auch in diplomatischer Absicht. Es ist unwahrscheinlich, dass Cassandra damals vorausgeahnt hat, wie beliebt die Werke ihrer Schwester einmal sein würden. Sie hat wohl nicht erwartet, dass die Öffentlichkeit je so großen Anteil an Janes Leben nehmen würde, dass man ihre Briefe herausgeben würde. Eher scheint es möglich, dass sie fürchtete, Janes Briefe könnten kritische Anmerkungen über Menschen und Beschreibungen von Menschen und Ereignissen sehr persönlicher Natur enthalten, von denen Cassandra nicht wünschte, dass die jüngere Generation ihrer Familie sie zu lesen bekäme.

Jane schreibt auf jenen ersten Seiten ihrer Memoiren, sie habe die Feder ergriffen, um »… eine Aufzeichnung der Geschehnisse anzufertigen, auf dass diese Erinnerungen nicht in den hintersten Winkeln meiner Gedanken und von dort für immer und alle Zeit verschwinden …«

Vielleicht brachte es Cassandra, nachdem sie die Briefe verbrannt hatte, nicht übers Herz, auch noch die Memoiren ihrer Schwester zu vernichten (zudem sie ja in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeit mit den Manuskripten der von ihr so bewunderten Romane hatten), und beschloss folglich, diese stattdessen »zu bestatten«. Dieser Plan erwies sich als recht erfolgreich. Ohne die umfangreichen Renovierungsarbeiten am Dach, die Neugier eines Handwerkers und eine verirrte Maus wären die Manuskripte wohl noch viele Jahrhunderte länger unentdeckt geblieben.

Die Memoiren sind von außerordentlichem Interesse, nicht nur, weil sie einen neuen, besonders intimen Blick auf die Denkart und die Gefühle Jane Austens erlauben, sondern weil sie zum ersten Mal von einer Liebesgeschichte berichten, die die Autorin offensichtlich zumindest zu Lebzeiten geheimzuhalten entschlossen war. Dies könnte auch ein wenig Licht auf eine der berühmt-berüchtigten Geschichten der Austen-Überlieferung werfen – auf das endlos diskutierte und debattierte Thema, nämlich die Geschichte um einen »Herrn in einem Seebad«, in den sich Jane angeblich verliebt hatte.

Der Überlieferung zufolge hat Cassandra ihrer Nichte Carolyn (viele Jahre nach Janes Tod) erzählt, Jane hätte in den frühen 1800er Jahren während eines Ferienaufenthalts in einem Seebad einen Hilfspfarrer kennengelernt, die beiden seien einander sehr verbunden gewesen und hätten sich verabredet, einander bald wiederzutreffen. Später hätte Jane dann vom Tod des Mannes erfahren. Cassandra nannte jedoch weder seinen Namen, noch den des Seebades oder den Zeitpunkt ihres Treffens, sondern behauptete lediglich, dieser mysteriöse Herr sei »der einzige Mann, den Jane je wirklich geliebt hat«.

Wenn man bedenkt, wie sorgfältig Cassandra darauf achtete, welche Informationen über ihre Schwester in Umlauf kamen, so ist es möglich, dass diese von ihr angedeutete »geheimnisvolle, namenlose und datumslose Romanze«, nur eine Teilwahrheit darstellte, die absichtlich vage und irreführend gehalten war – eine Theorie, die in den vorliegenden Memoiren auch von Jane Austen selbst bestätigt wird. Jane hat also allem Anschein nach wirklich in einem Seebad einen Mann kennengelernt, und die beiden haben sich bis über beide Ohren ineinander verliebt. Doch laut Janes Bericht war er kein Geistlicher – und er ist auch nicht gestorben.

Weitere Mutmaßungen würden hier zu viel vorwegnehmen. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin werden gebeten, ihre eigenen Schlüsse aus Janes romantischer und trauriger Erzählung zu ziehen.

Es sei noch eine letzte Bemerkung zur Herausgabe dieses Textes gestattet:

Im Manuskript Jane Austens fanden sich viele persönliche Eigenheiten, darunter merkwürdige Abkürzungen, falsche und altertümliche Rechtschreibung, Hervorhebung durch Großbuchstaben an Stellen, wo man keine erwartet hätte. Außerdem fehlten oft Absätze und Anführungszeichen. All das wäre sicherlich korrigiert worden, hätte sie diese Schriften je zu Lebzeiten für eine Veröffentlichung vorbereitet. Ich habe, wo es mir nötig schien, Korrekturen vorgenommen (unter Beibehaltung der meisten damaligen Schreibweisen), um den Text für eine heutige Leserschaft angenehm und flüssig lesbar zu machen. Der größte Teil der Erinnerungen ist jedoch unverändert so geblieben, wie Jane Austen ihn verfasst hat.

Alle Anmerkungen stammen ausschließlich von mir.

 

Dr. Mary I. Jesse

Doktor der englischen Literatur, Universität Oxford

Präsidentin der Jane Austen Literary Foundation

Kapitel 1

Warum ich auf einmal das Bedürfnis verspüre, Feder und Tinte zur Hand zu nehmen und von einer Beziehung höchst persönlicher Natur zu berichten, die ich nie zuvor auch nur eingestanden habe, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht liegt es an dieser lästigen Krankheit, die mich in jüngster Zeit immer wieder einmal quält – dieser abgefeimten Erinnerung an meine Sterblichkeit –, dass ich mich nun gezwungen sehe, eine Aufzeichnung der Geschehnisse anzufertigen, auf dass diese Erinnerungen nicht in den hintersten Winkeln meiner Gedanken und von dort für immer und alle Zeit verschwinden, so flüchtig und unfassbar wie ein Gespenst im Abenddunst.

Was auch immer der Grund sein mag, so wird mir doch klar, dass ich alles niederschreiben muss. Denn es könnte, denke ich, einige Spekulationen geben, sobald ich nicht mehr bin. Womöglich lesen die Menschen, was ich geschrieben habe, und fragen sich: Wie konnte diese Jungfer, diese Frau, der allem Anschein nach nie jemand auch nur den Hof gemacht hat – die niemals jene wundersame Verbindung zwischen Geist und Seele eines Mannes und einer Frau verspürt hat, jene Verbindung, die von Freundschaft und Zuneigung inspiriert ist, doch zu etwas viel Tieferem aufblühen kann –, wie konnte sie die Unverfrorenheit besitzen, über die kostbarsten menschlichen Regungen wie die Liebe und die Liebeswerbung zu schreiben, da sie diese doch selbst niemals erfahren hat?

Den wenigen Freunden und Verwandten, die mir ähnliche Fragen zu stellen wagten, nachdem sie von meiner Autorenschaft erfahren hatten (wenn sie diese Bedenken auch, ich muss es gestehen, in viel artigere Worte kleideten), habe ich die nämliche Antwort gegeben: »Ist es nicht vorstellbar, dass ein quicklebendiger Geist und aufmerksame Augen und Ohren im Verein mit einer lebhaften Phantasie ein literarisches Werk von einigem Verdienst und Unterhaltungswert zu schaffen vermögen, das seinerseits wiederum Gefühle und Empfindungen hervorrufen kann, die dem Leben selbst durchaus ähnlich sind?«

In dieser Beobachtung liegt sehr viel Wahrheit.

Aber es gibt ja so viele Ebenen der Wahrhaftigkeit, nicht wahr? Zwischen jener Wahrheit, die wir öffentlich aussprechen, und jener, die wir uns insgeheim und im Stillen, in der Abgeschiedenheit unserer eigenen Gedanken eingestehen und die wir vielleicht einem oder zweien unserer vertrautesten Freunde enthüllen?

Ich habe mich darin versucht, von der Liebe zu schreiben – zunächst als junges Mädchen zu meinem eigenen Ergötzen, später dann in den ersten Jahren nach Vollendung meines zwanzigsten Lebensjahres mit ernsthafteren Absichten, wenngleich ich bis zu jener Zeit nur eine einzige Jugendliebe gekannt hatte.1 Folglich waren diese ersten Werke lediglich von überaus vergänglichem Werte. Erst Jahre später traf ich den Mann, der in mir die wahre Gefühlstiefe anregen sollte und die Stimme wiedererwecken sollte, die so lange geschwiegen hatte.

Von diesem Mann – der einen großen und wahren Liebe meines Lebens – niemals zu sprechen, habe ich mir aus gutem Grund geschworen. Tatsächlich stimmten die wenigen Mitglieder meiner engeren Familie, die ihn kannten, mit mir darin überein, dass es das Beste für alle Beteiligten wäre, die Einzelheiten jener Herzensangelegenheit strikt für uns zu behalten. Folglich habe ich meine Gedanken an ihn in den hintersten Winkel meines Herzens verbannt. Für immer verbannt, aber nicht vergessen.

Nein, niemals vergessen. Denn wie kann man vergessen, was zu einem Teil der eigenen Seele geworden ist? Jedes Wort, jeder Gedanke, jeder Blick und jedes Gefühl, alles, was zwischen uns war, ist mir noch heute, viele Jahre später, so gegenwärtig, als hätte es sich erst gestern zugetragen.

Die Geschichte muss erzählt werden; eine Geschichte, die alle anderen erklären wird.

Aber ich greife voraus.

Es ist eine (wohl allgemein anerkannte) Wahrheit, dass mit wenigen Ausnahmen die Einführung des Helden in einer Liebesgeschichte niemals im ersten Kapitel erfolgen, sondern in idealer Weise für das dritte Kapitel vorbehalten bleiben sollte. Dass zunächst eine kurze Grundlage zu schaffen ist, die den Leser mit den Hauptpersonen, den Schauplätzen und dem emotionalen Gehalt der Erzählung vertraut macht, um so eine höhere Wertschätzung für die sich entfaltenden Ereignisse zu bewirken.

Daher muss ich, ehe wir den fraglichen Herren kennenlernen, erst noch weiter zurückgreifen und von zwei Ereignissen berichten, die sich einige Jahre zuvor zugetragen haben – und die beide auf schrecklichste und schmerzlichste Weise mein Leben plötzlich und unwiderruflich änderten.

Im Dezember 1800, kurz vor dem fünfundzwanzigsten Jahrestag meiner Geburt, hatte ich mich fern von Zuhause aufgehalten, um meiner lieben Freundin Martha Lloyd einen Besuch abzustatten. Bei meiner Heimkehr verkündete mir meine Mutter eine bestürzende Neuigkeit: »Nun, Jane, es ist alles abgemacht! Wir haben beschlossen, Steventon für immer zu verlassen und nach Bath zu ziehen.«

»Steventon verlassen?« Ich starrte sie ungläubig an. »Das kann nicht euer Ernst sein.«

»O doch«, bestätigte meine Mutter, während sie sich emsig und glücklich in unserem kleinen Salon zu schaffen machte, ab und zu innehielt, um die Bilder an den Wänden mit einem liebevollen Abschiedsblick zu streifen, als müsse sie sich noch mit dem Gedanken anfreunden, all dies zurückzulassen. »Dein Vater und ich, wir haben es während deiner Abwesenheit gründlich durchgesprochen. Im Mai wird er siebzig Jahre alt. Es ist höchste Zeit, dass er sich von seiner Arbeit zurückzieht, nach beinahe vierzig Jahren als Pfarrer dieser Gemeinde, ganz zu schweigen von der Kirche in Deane.2 Wenn wir diesen Posten aufgeben, das weißt du, müssen wir auch das Haus aufgeben; aber dein Bruder James wird guten Nutzen davon haben, da es nun ihm zufällt. Und da es deinen Vater immer schon danach verlangt hat, Reisen zu unternehmen, haben wir überlegt, wann die Zeit wohl besser dazu geeignet sein könnte als jetzt? Wir wollen fahren, solange wir noch bei guter Gesundheit sind! Aber wohin wir uns wenden sollten, das war Gegenstand einiger Beratung, und endlich sind wir zu dem Ergebnis gelangt, dass es Bath sein soll!«

Mir schwindelte. Die Beine gaben unter mir nach, ich sank schwer auf einen Stuhl und wünschte mir nur, meine geliebte Schwester wäre hier, um die Bürde dieser bestürzenden Nachricht mit mir zu teilen. Cassandra, drei Jahre älter und sehr viel schöner als ich, verfügt über eine ruhige und sanfte Natur. Stets kann ich mich darauf verlassen, dass sie mich sogar in den schrecklichsten Lebenslagen wieder in gute Laune versetzt. Aber zu jener Zeit hielt sie sich gerade bei unserem Bruder Edward und seiner Familie in Kent auf.

»Jane!«, hörte ich meine Mutter rufen. »O je, ich glaube, das arme Mädchen ist in Ohnmacht gefallen. Mr. Austen! Zu Hilfe! Wo ist das Riechsalz?«

Ich war in Steventon geboren und hatte alle glücklichen Tage meines Lebens dort verbracht. Ich konnte mir genauso wenig vorstellen, diesen geliebten Ort zu verlassen, wie ich mir vorstellen konnte, Flügel zu entwickeln und zu fliegen. Ich liebte das blumenberankte Spalier am Eingang des Pfarrhauses, die vollkommene Harmonie der großflächigen Schiebefenster an der Fassade, die weiß getünchten, schlichten Wände und die offenen Balkendecken im Hausinneren. Ich hatte jede Ulme, Kastanie und Tanne liebgewonnen, die über dem Dach des Hauses aufragte, und jede Pflanze und jeden Busch im Garten, wo ich beinahe täglich über den von Erdbeerbeeten gesäumten Rasenweg spazierte.

Im Laufe der Jahre war das Pfarrhaus beträchtlich erweitert und verbessert worden, um den Ansprüchen unserer ständig wachsenden Familie gerecht zu werden, die aus meiner Schwester Cassandra, mir selbst und sechs Söhnen bestand, zudem noch einer langen Reihe kleiner Jungen, die über mehrere Monate bei uns logierten, um von meinem Vater unterrichtet zu werden. Während meiner Kindertage waren die sieben Schlafzimmer im Obergeschoss stets voll belegt, und in den Korridoren hallte ohne Unterlass das Gelächter der Jungen und das Dröhnen ihrer Stiefel.

So plötzlich entwurzelt und für immer von meinem Heim getrennt zu werden – nie wieder durch die Sträßchen der Umgebung spazieren zu können, wo mir jedes zwischen die Bäume geschmiegte, strohgedeckte Häuschen vertraut und jedes Gesicht bekannt war; nie wieder liebe Freunde zu besuchen, nie wieder in einem der eindrucksvollen, aus Backsteinen gemauerten Herrenhäuser ein Abendessen in guter Gesellschaft zu genießen oder an einem Ball teilzunehmen; nie wieder den Hügel hinauf zur Cheesedown Farm jenseits des Dorfes zu gehen, diesem Bauernhof mit seinen Kühen und Schweinen, seinen Weizen- und Gerstenfeldern; nie wieder am Sonntag durch das Wäldchen mit den Ahornbäumen und Ulmen zur Kirche zu spazieren, um die wöchentliche Predigt meines Vaters anzuhören. Wie sollte ich das ertragen?

In Steventon hatte ich jene vollkommene Harmonie von liebevoller Familie und angenehmer Gesellschaft genossen, die nur ein Dörfchen auf dem Land bieten kann. Als meine Brüder später einer nach dem anderen das Haus verließen, hatte ich Zuflucht in meinem eigenen kleinen Arbeitszimmer im Obergeschoss gefunden, das mir die selige Einsamkeit verschaffte, die ich zum Schreiben brauchte.

Wie konnte ich all das zurücklassen, fragte ich mich erschreckt – nur um in ein hohes, schmales angemietetes Haus an einer steingepflasterten Straße im gleißenden Weiß der von mir so verabscheuten Stadt Bath zu ziehen? Beim bloßen Gedanken wurde mir das Herz schwer. Ich hatte einige Besuche in Bath sehr genossen, hegte aber keinesfalls den Wunsch, dort zu wohnen.

Ich verstand die Argumente, die der Entscheidung meiner Eltern zugrunde lagen. Sie freuten sich wohl nach einem langen Leben und Arbeiten auf dem Land auf die Fröhlichkeit und die Geselligkeit des Stadtlebens. In ihrem Alter konnte es zudem nur ein zusätzlicher Vorteil sein, dass sie dort die Möglichkeit haben würden, das Heilwasser zu trinken und die ausgezeichneten Ärzte dieses Ortes für sich in Anspruch zu nehmen. Für mich jedoch war Bath eine Stadt voller Dünste und Nebel, großem Getöse, Schatten und Rauch, von unsteten und unaufrichtigen Menschen bevölkert. Niemals könnten mir seine so gefeierten Konzerte und Bälle meine engen Freunde, mein Heim und die Schönheit einer natürlichen Umgebung ersetzen.

Ich vermutete, dass es noch einen weiteren Grund für unseren Umzug nach Bath gab, wenngleich dieser unausgesprochen blieb, und dieser Grund war für mich besonders beschämend. Außer seinem Ruf als modischer Badeort genoss Bath auch eine hervorragende Reputation als seriöser Ort, an dem sich Ehemänner für ledige junge Damen finden lassen. Die Eltern meiner Mutter waren nach ihrer Pensionierung in gleicher Weise nach Bath gezogen und hatten ihre beiden unverheirateten Töchter mitgenommen. Sowohl meine Mutter als auch ihre Schwester hatten dort tatsächlich Ehemänner ergattert.3

Zweifellos meinten meine Eltern, Cassandra und mir einen Gefallen zu erweisen, indem sie uns nach Bath brachten und in den Assembly Rooms und im Pump Room einer endlosen Reihe von ledigen Herren vorführten. Sie hofften wohl, dass das, was in der einen Generation erfolgreich war, auch für die nächste Gültigkeit haben würde. Sollte dies jedoch ihr Ziel gewesen sein, so hätten sie nicht schlimmer enttäuscht werden können. Denn die nächsten vier Jahre brachten für keine von uns beiden die Aussicht auf eine passende Heirat.

Über die äußerst unangenehmen Umstände unseres Abschieds von Steventon und meine schmerzlichen Gefühle im Zusammenhang mit dem Verkauf – oder sollte ich sagen dem Verschenken – der fünfhundert Bände umfassenden Bibliothek meines Vaters sowie meiner eigenen, so sehr geliebten Bücher, des Klaviers, auf dem ich spielen gelernt hatte, meiner großen Notensammlung und all der Möbelstücke und Familienbildnisse, die mir so lieb und teuer geworden waren – über all das will ich kein Sterbenswörtchen verlieren. Von den Jahren, die wir im Exil verbrachten (und von denen ich anderenorts berichtet habe4), möchte ich nur sagen, dass ich trotz meiner Abneigung gegen Bath dort verschiedene interessante Abenteuer erleben durfte, denkwürdige Bekanntschaften geschlossen und vor allem die tägliche Gesellschaft meines Vaters, meiner Mutter und meiner Schwester sehr genossen habe. Besonderes Vergnügen bereiteten mir unsere Reisen in die Seebäder an der Küste von Devon und Dorset, die mein Vater während jener Zeit gern besuchen wollte.

Was mich zum zweiten, mein Herz zerreißenden Ereignis bringt, das mein Leben und auch das Schicksal meiner Mutter und meiner Schwester unwiderruflich verändert hat: zu dem Tag, an dem mein geliebter Vater starb.

Mit vierundsiebzig Lenzen war George Austen noch sehr rüstig, hatte einen vollen weißen Haarschopf, helle, intelligente Augen, ein liebes, freundliches Lächeln und einen großartigen Humor, der bei allen, die ihn kannten, höchste Bewunderung hervorrief. Obwohl er verschiedentlich unter Fieber und Vergesslichkeit gelitten hatte, hatte er sich doch stets wieder erholt, und er hatte seinen Ruhestand und unsere darauf folgenden Wanderjahre außerordentlich genossen.

Am Samstag, dem 19. Januar 1805, fühlte sich mein Vater erneut unwohl und erlitt einen weiteren Anfall seiner fiebrigen Erkrankung. Am nächsten Morgen hatte er sich soweit erholt, dass er aufstehen und mit Hilfe seines Stocks in unserer Wohnung in Bath, in den Green Park Buildings East, umhergehen konnte. Gegen Abend wurde jedoch das Fieber wieder stärker, und er lag unter heftigem Schüttelfrost und außerordentlich geschwächt zu Bett. Meine Mutter, Cassandra und ich waren sehr beunruhigt über seinen Zustand, wechselten uns die Nacht hindurch in seiner Pflege ab und ließen ihm alles Mögliche zu seiner Behaglichkeit angedeihen.

Die letzten Worte, die er zu mir sprach, werde ich niemals vergessen.

»Jane«, sagte er in jener Nacht, als ich an seinem Bett saß und seine fiebrige Stirn kühlte, »es tut mir leid, so sehr leid.« Seine Stimme war nur noch ein raues Flüstern, sein Atem ging schwer.

»Es muss dir nichts leid tun, Papa«, erwiderte ich, denn ich glaubte, ja, ich beharrte darauf, dass es ihm bald besser gehen würde. Und falls dies nicht der Fall war, dann hoffte ich, dass er sich in seinen letzten Stunden nicht darum sorgte, was aus denen werden würde, die er zurückließ. Denn er musste sich ja darüber im Klaren gewesen sein, dass seine Frau und seine Töchter, wenn er einmal von dieser Erde schied, in der schrecklichsten finanziellen Notlage zurückbleiben würden. Doch dankenswerterweise waren seine Gedanken nicht mit derlei niedrigen Angelegenheiten beschäftigt: Er schien sich des Ernstes seiner Lage nicht bewusst zu sein, auch nicht der Aussicht, dass er jeden Augenblick alles verlassen würde, was ihm teuer war, seine über alles geliebte Familie, seine Frau und seine Kinder.

»Es tut mir leid, Jane«, hub er wieder an, »dass ich dir mit deinen Büchern bisher noch nicht mehr Hilfestellung geben konnte.«

»Mit meinen Büchern?«, fragte ich höchst überrascht. Er bezog sich damit auf die drei Manuskripte, die ich vor Jahren geschrieben hatte, jugendliche Bemühungen, von denen ich wusste, dass sie noch keine Veröffentlichung verdienten. Dafür hatte ich Beweise. Mein Vater hatte eines, Erste Eindrücke, vor einigen Jahren einem Verleger zugesandt, aber postwendend eine Absage erhalten. Meinen Bruder Henry war es gelungen, ein anderes Manuskript mit dem Titel Susan für 10 Pfund zu verkaufen, doch das Versprechen des Verlegers, das Buch zu veröffentlichen, wurde nie in die Tat umgesetzt. Nun waren die Manuskripte alle zusammen mit anderen jugendlichen Ergüssen in einem stabilen Holzkasten untergebracht (und harrten dort der dringend notwendigen Korrekturen). Dieser Kasten reiste überall mit, wohin ich auch ging. »Bitte, Papa, denke nicht an meine Bücher.«

»Ich kann gar nicht anders«, erwiderte er unter großen Mühen. »Du hast eine Begabung, Jane. Vergiss das nicht.«

Ich wusste, er meinte es gut mit mir. Aber in Wahrheit sprachen hier nur väterlicher Stolz und Vaterliebe. Meine Brüder waren alle hervorragende Schriftsteller; meine Arbeiten waren nichts Besonderes. »Nichts, was ich bisher geschrieben habe, Papa, scheint mir von großem Wert zu sein, außer vielleicht als Zerstreuung für meine Familie. Ich habe das Schreiben aufgegeben. Ich habe mir geschworen, in Zukunft meine Bemühungen mit der Feder nur meiner Korrespondenz zu widmen.«

Mein Vater schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. »Das wäre sehr falsch. Deine Arbeiten, sie sollten veröffentlicht werden. Wenn es mir wieder besser geht, werde ich mich dafür einsetzen, dass das geschieht.«

Am folgenden Morgen war er von uns gegangen.

Das Ableben meines Vaters brachte viel Trauer über seine ganze Familie, hatte aber zusätzlich auch katastrophale Auswirkungen auf die finanzielle Lage der drei Frauen seines Haushaltes. Bei seiner Pensionierung war die Pfarrstelle in Steventon seinem Nachfolger, meinem ältesten Bruder James, zugefallen. Und seine kleine Leibrente endete mit seinem Tode.

»Vierzig Jahre lang ist er das Licht meines Lebens gewesen! Meine Liebe, mein Anker!«, schluchzte meine Mutter und betupfte ihre rot verquollenen Augen mit einem Taschentuch, während wir nach der Totenmesse in der Walcot Church in Bath mit meinen Brüdern James und Henry im Salon unserer angemieteten Wohnung saßen. »Dass er mir nun entrissen wurde, und so plötzlich! Wie soll ich ohne ihn nur weiterleben?«

»Es war ein schwerer Schlag; er war ein hervorragender Vater«, sagte James, während er seine Teetasse absetzte. Er war mit seinen vierzig Jahren ein würdevoller, ernsthafter und verlässlicher Hilfspfarrer, und hatte Frau und Kinder in Steventon zurückgelassen, um zu uns zu eilen und mit uns zu trauern.

»Aber wir müssen auch Trost darin finden, dass dieses Ereignis so plötzlich eintrat«, meinte Henry. Er war dreiunddreißig Jahre alt und immer der witzigste, ehrgeizigste, charmanteste und optimistischste, meiner Meinung nach auch der attraktivste unter meinen Brüdern gewesen. »Denn es bedeutet, dass sich sein Leiden nicht lange hingezogen hat.«

»Wahrhaftig«, stimmte ich ihm zu und kämpfte gegen die Tränen an. »Ich glaube, dass er sich seines ernsten Zustands gar nicht bewusst war.«

»So blieb ihm der Trennungsschmerz erspart«, fügte Cassandra stoisch hinzu. »Dafür bin ich dankbar.«

»Ihn lange leiden, stundenlang mit dem Tode ringen zu sehen, das wäre schrecklich gewesen!«, ergänzte ich.

»Oh! Aber was sollen wir jetzt machen?«, jammerte meine Mutter. »Ich bin so schwach, dass ich kaum sprechen kann. Ihr wisst doch, dass die Kirche für die Witwen und Kinder von Geistlichen nichts tut! Wenn ich daran denke, dass ich mich in meiner tiefen Verzweiflung auch noch mit solchen Dingen belasten muss! Aber wir stehen jetzt ohne ein Heim und ohne einen Penny da, Mädchen! Nun, da die Leibrente Eures Vaters endet, verringert sich mein Einkommen auf weniger als 200 Pfund. Jane hat gar nichts. Und selbst mit den Zinseinkünften aus Cassandras Erbe ist es nicht genug für unseren Unterhalt. Wie sollen wir nur überleben?«

Ich spürte, wie bei diesen Worten die Schamesröte meine Wangen überzog. Dass ich keinen Penny eigenes Geld besaß, hatte mich schon immer außerordentlich peinlich berührt.

Cassandra hatte ihr Erbe einer Tragödie zu verdanken. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte sie sich mit dem jungen Geistlichen Reverend Thomas Fowle verlobt; da Tom nur über ein geringes Einkommen verfügte, hatten sie mit der Heirat gewartet. Zwei Jahre später verpflichtete sich Tom als Geistlicher bei einem Regiment, das auf die Westindischen Inseln zog, denn man hatte ihm nach der Rückkehr eine gute Pfarrstelle in Aussicht gestellt. Doch ein Jahr, nachdem er in See gestochen war, erkrankte er in Santo Domingo am Gelbfieber und starb. Er hinterließ meiner trauernden Schwester ein Erbe von 1000 Pfund, das, in Regierungspapiere investiert, jährlich 35 Pfund Zinsen einbrachte. Eine winzige Summe, gewiss, aber sie gab ihr doch das Gefühl einer gewissen Bedeutung. Ich dagegen war, was meinen Unterhalt anging, vollkommen von anderen abhängig.

Meine Mutter hatte recht. Unsere Lebensumstände waren desolat. Und wir würden ein jämmerliches Dasein in abgrundtiefer Armut führen müssen, falls uns keine Hilfe zuteil würde.

»Verzweifle nicht, Mutter«, sagte James. »Meine Brüder und ich, wir lassen euch nicht verhungern. Ich selbst verpflichte mich gern, euch 50 Pfund jährlich aus meinem eigenen Einkommen zu geben.«

»So spricht ein Mann von großem Gefühl und ein treuer Sohn«, sagte Henry, stand von seinem Stuhl auf und klopfte James auf die Schulter. »Ich meinerseits gehe die gleiche Verpflichtung ein.«

Ich fand, dass dies ein sehr großzügiges Angebot war. Henry und seine Frau Eliza lebten in London recht behaglich, aber er hatte die Angewohnheit, recht häufig den Beruf zu wechseln, und hatte uns wissen lassen, dass sein Einkommen zu jener Zeit recht unsicher war.

»Oh! Ihr seid beide die Güte in Person!«, rief meine Mutter.

Wir wussten, dass mein jüngster Bruder Charles, ein Fregattenkapitän in der Königlichen Marine, der im Augenblick auf dem Atlantik Patrouillenfahrten machte, nichts für uns würde tun können. Doch mein Bruder Frank, ein Marinekapitän in der Blockade, hatte Henry von Spithead aus geschrieben und 100 Pfund im Jahr angeboten, aber darauf bestanden, dass sein Angebot nicht an die große Glocke gehängt würde. Henry schaffte es in seiner Begeisterung nicht, diese Nachricht vor meiner Mutter geheimzuhalten, die denn auch zu Tränen gerührt war.

»Niemand hatte je so gütige Kinder wie ich!«, rief sie begeistert. »Schreibe Frank und sage ihm, dass ich sein großherziges Angebot zu schätzen weiß, aber nur die Hälfte annehmen kann.«

Von meinem Bruder Edward, der durch eine glückliche Fügung des Schicksals wesentlich wohlhabender war als all meine anderen Brüder zusammen, hatten wir noch nichts gehört. Als er sechzehn Jahre alt war, hatten sich meine Eltern damit einverstanden erklärt, dass ihn ein kinderloser, entfernter Vetter meines Vaters, Thomas Knight II., adoptierte. Von diesem hatte Edward ein Vermögen und drei große, florierende Ländereien geerbt: Steventon Manor und Chawton in Hampshire, sowie Godmersham Park in Kent. Allein in Chawton besaß Edward ein Herrenhaus und ein Dorf mit etwa dreißig Häusern.

»Wir wollen hoffen, dass Edward uns eines seiner Häuser als Wohnung überlässt«, sagte meine Mutter. »Selbst ein kleines Cottage würde uns schon reichen.«

Zu unserer großen Enttäuschung machte Edward, als wir am nächsten Morgen von ihm hörten, keineswegs ein solches Angebot. Stattdessen erklärte er sich bereit, zu unserem Unterhalt jährlich 100 Pfund beizutragen.

»Was hat er sich nur dabei gedacht?«, jammerte meine Mutter und schwenkte verzweifelt Edwards gerade eingetroffenes Schreiben in der Hand, als sie sich zu Cassandra und mir an den Frühstückstisch gesellte. Henry und James waren oben und packten für ihre Abreise. »Ich bin seine Mutter, ihr seid seine Schwestern! Er ist so wohlhabend; sie leben in Godmersham in großem Reichtum und Luxus! Ihm stehen viele Häuser zur Verfügung, da kann er doch sicher auf den Mietzins von einem der Pächter verzichten!«

»Trotz allem ist ein Angebot von 100 Pfund im Jahr sehr großzügig, Mama«, wandte ich ein.

»Längst nicht großzügig genug, meiner Meinung nach.« Meine Mutter nahm sich eine große Scheibe Toast aus dem Ständer und strich ein ordentliches Stück Butter darauf. »Das ist für Edward eine Kleinigkeit. Ich mag nicht glauben, dass er diese Entscheidung von sich aus getroffen hat. Da muss seine Ehefrau ihre Hand im Spiel gehabt haben! Elizabeth will das gesamte Einkommen für sich und die Kinder behalten. Es würde ihr nicht im Traum einfallen, auch nur einen Penny für die arme Mutter und die Schwestern ihres Mannes herauszurücken!«

»Edward kann mit seinem Eigentum verfahren, wie er wünscht«, erinnerte ich sie, während ich ihr eine Schale Schokolade einschenkte. »Elizabeth hat dabei kein Mitspracherecht.«

»Das hat sie sehr wohl!«, rief meine Mutter, biss von ihrem Toast ab und kaute wütend. »Du weißt ja nicht, was für einen Einfluss eine Frau auf ihren Mann haben kann, Jane, insbesondere, wenn sie sich so nahe stehen wie diese beiden. Edward ist so nachgiebig, so sehr jeglichem Streit abhold, dass er keine Mühe scheuen würde, es Elizabeth recht zu machen, falls sie auch nur den geringsten Einwand erheben würde.«

»Mama, ich bin mir sicher, Elizabeth könnte niemals so gefühllos sein«, sagte Cassandra. »Sie ist so eine liebe und reizende Frau.«

»Eine liebe und reizende Frau mit Allüren«, erwiderte meine Mutter mit gerümpfter Nase, »voller Stolz auf ihre ach so vornehme Erziehung und Bildung, aber ohne viele natürliche Talente und ohne jegliche Achtung für diejenigen, die mit natürlichen Gaben gesegnet sind. O ja, bei den Bridges aus Goodnestone macht man viel aus jedem Krümelchen Talent, aber zu viel ist einfach zu viel.«

Ich konnte mich dieser Einschätzung der Situation nicht anschließen. Edward hatte 1791 die achtzehnjährige Elizabeth Bridges aus Goodnestone Park in Kent geheiratet. Es war eine Liebesheirat gewesen, die mit vielen Kindern gesegnet war. Elizabeth war eine elegante und sehr hübsche Frau, die auf der berühmtesten Höheren-Töchter-Schule Londons erzogen worden war. Dort hatte Französisch, Musik, Tanz und Etikette auf dem Lehrplan gestanden, er hatte aber nur wenige akademische Fächer umfasst. Elizabeth war eine Frau mit Prinzipien, eine liebende Ehefrau und Mutter, die ihren Mann anbetete und uns stets mit großer Zuneigung behandelte. Ich glaube, dass die Gefühle meiner Mutter eher mit ihrem eigenen Unbehagen über den großen Unterschied zu tun hatte, der zwischen ihrem und Elizabeths Wohlstand herrschte, als mit irgendetwas, das Elizabeth je gesagt oder getan hatte.

»Selbst wenn Elizabeth unseren Bruder in dieser Angelegenheit tatsächlich beeinflusst hat, Mama«, sagte ich, »und wir können keineswegs sicher sein, dass dem so war, müssen wir immer noch für Edwards Angebot dankbar sein.«

»Du hast recht«, antwortete meine Mutter mit einem Seufzer, als gerade James und Henry ins Zimmer kamen, nachdem sie ihre Koffer vor der Tür abgestellt hatten. Ich machte sie rasch mit dem Inhalt von Edwards Schreiben vertraut, der ihnen beiden ungeheure Freude zu bereiten schien.

Meine Mutter erhob sich und küsste meine Brüder dankbar auf die Wangen. »Ich danke Euch, meine lieben Jungen. Ihr habt uns vor dem Armenhaus bewahrt. Wenn wir große Sparsamkeit walten lassen, dann bin ich sicher, dass wir damit zurechtkommen. Aber wo wir wohnen sollen, das weiß ich gewiss nicht, denn selbst mit 450 Pfund im Jahr können wir uns ein eigenes Haus nicht leisten.«

»Ich bin sicher, dass es dir und den Mädchen sehr gut gehen wird und dass ihr sehr glücklich werdet«, meinte Henry.

»Ja, wir haben darüber gesprochen«, fügte James hinzu, während er aus dem Fenster auf den Verkehr auf der nebligen Straße unten schaute, zweifellos weil er darauf hoffte, recht bald die Kutsche zu erblicken, die er bestellt hatte. »Den Winter könnt ihr in einer bequemen angemieteten Wohnung hier in Bath verbringen und den Rest des Jahres könnt ihr euch reihum bei euren Verwandten auf dem Land aufhalten.«

Cassandra und ich wechselten einen verzweifelten Blick. Am verlegenen Gesichtsausdruck meiner Mutter konnte ich ablesen, dass den beiden anderen unsere peinlichen Lebensumstände ebenso schmerzlich bewusst waren wie mir. Von einem Verwandten zum anderen weitergereicht zu werden! Ohne eigenes Zuhause wären wir völlig auf die Freundlichkeit meiner Brüder angewiesen, müssten jede Unterbringung annehmen, die sie uns anboten – und uns noch dazu von ihnen die Reise vom einen zum anderen bezahlen lassen.

Nie wieder, fürchtete ich, würden wir unser Leben unser eigen nennen können.

Kapitel 2

Zunächst quartierten wir uns, wie James es vorgeschlagen hatte, in einer kurzzeitig angemieteten Unterkunft in Bath ein und hielten uns dann längere Zeit besuchsweise bei Freunden und Verwandten auf, unter anderem bei James, seiner Frau und seinen Kindern in Steventon, sowie bei Edward, Elizabeth und deren Brut in Godmersham.

Mir bereiteten unsere Besuche in Godmersham immer große Freude. Man konnte nicht umhin, sich dort nach allen Regeln der Kunst verwöhnt zu fühlen. Edward lebte in eleganten, unbeschwerten und luxuriösen Verhältnissen, wie es seinem Einkommen und der Herkunft seiner Frau entsprach. Das große, prächtige Herrenhaus aus rotem Backstein lag weitab von allen anderen Ansiedlungen in einem schön gestalteten Park, hinter dem sich bewaldete Hügel erstreckten. Das Haus, das von Dutzenden Bediensteten geführt wurde, hatte eine hervorragende Bibliothek und einen sehr elegant eingerichteten Saal mit Salon, beide mit herrlichen Stuckarbeiten und Holzschnitzereien und marmornen Kamineinfassungen. Die übrigen Räume waren zwar zahlreich, aber recht schlicht eingerichtet. Es war ein angenehmer Zeitvertreib, durch die säuberlich gepflegten Gärten und den Obsthain zu spazieren oder zu dem griechischen Tempelchen zu gehen, das auf einem kleinen Hügel an der anderen Seite des Parks lag. Es gab immer etwas zu tun, viel gute Unterhaltung und feines Essen. Während unserer Aufenthalte in Godmersham aß ich Eis, trank hervorragende Weine und genoss es, einmal über etwas so Vulgäres wie Sparsamkeit erhaben zu sein.

Besonders gefielen mir die Spiele mit den Kindern, damals neun oder zehn an der Zahl. Wir fuhren Boot auf dem Fluss. Ich faltete mit den Jungen Papierschiffchen, die wir mit Kastanien bombardierten. Ich spielte mit den Mädchen Schule und Karten und Mikado und Scharaden, und wir dachten uns Rätsel aus. Verschiedentlich zog ich mich auch mit den ältesten Töchtern Lizzie und Fanny in eines der Schlafzimmer im Obergeschoss zurück und las ihnen zu ihrem großen Ergötzen aus einem meiner alten Manuskripte vor.

Cassandra war in Godmersham stets besonders willkommen und kümmerte sich bei Elizabeths vielen Niederkünften bereitwillig mit um die anderen Kinder. Doch obwohl Elizabeth uns alle mit großer Freundlichkeit behandelte, war es meiner Mutter und mir immer schmerzlich bewusst, dass wir nur die armen, verwitweten oder ledigen Verwandten waren. Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir zu einer Last geworden waren.

Glücklicherweise endete unser unstetes Wanderleben, das uns von der Güte anderer abhängig machte, schon zwei Jahre später, als mein Bruder Frank uns einen unerwarteten Vorschlag machte. Frank hatte sich kürzlich in Mary Gibson, eine junge Dame aus Ramsgate, verliebt, die er kennengelernt hatte, als er im North Foreland die Sea Fencibles, die Küstenverteidigung, befehligte. Mit zweiunddreißig Jahren lag ihm sehr viel daran, bald zu heiraten, und mit dem Preisgeld in der Hand und einem guten Einkommen konnte er sich dies endlich leisten. Er schlug vor, wir sollten zu ihm und seiner jungen Frau nach Southampton ziehen.

Obwohl Cassandra und ich einwandten, wir wollten keine Eindringlinge im jungen Eheglück sein, beharrte Frank darauf, dies sei ein ideales Arrangement. Er würde häufig viele Monate auf See sein, und wir könnten dann seiner Mary Gesellschaft leisten. Wir konnten uns die Lebenshaltungskosten teilen, was seine und unsere Belastung erheblich verringern würde. Als ich mich vorsichtig erkundigte, ob unsere liebe Freundin Martha Lloyd sich ebenfalls zu uns gesellen könnte, da sie seit dem Tod ihrer Mutter auch heimatlos geworden war, reagierte Frank äußerst freundlich. Eine so fröhliche, aufgeweckte und liebenswürdige Person wie Martha müsse in jedem Haushalt herzlich willkommen sein, meinte er. Martha war eine nette Frau, zehn Jahre älter als ich und seit meinen Kindertagen meine allerbeste Freundin. Sie gehörte zudem zur Familie, da ihre Schwester Mary mit meinem Bruder James verheiratet war.

Wir waren alle entzückt von dem Gedanken, wieder ein eigenes Zuhause zu haben, und verließen Bath mit dem glücklichen Gefühl, dieser Stadt entronnen zu sein. Zunächst war ich jedoch nicht sonderlich begeistert von der Aussicht, nach Southampton umzuziehen. Als ich gerade einmal sieben Jahre alt war, hatte man Cassandra und mich dort auf eine Schule geschickt, und wir wären beide beinahe einer ansteckenden Krankheit zum Opfer gefallen.

Schon bald stellte ich jedoch fest, dass Southampton mit dem exzentrischen burgähnlichen Bau auf dem Hauptplatz und seinen alten Häusern, die man unlängst neu mit modischen gewölbten Fensterfronten ausgestattet hatte, eine sehr idyllische und angenehme Stadt war. Mit seiner Lage an der Mündung des Flusses Itchen, am Zusammenfluss zweier großer Gewässer, umgeben von einer mittelalterlichen Stadtmauer, mit schönen, offenen Promenaden am Meeresufer, war dieser Ort ideal für Franks Zwecke, da sein Schiff oft im nahe gelegenen Hafen von Portsmouth vor Anker ging. Außerdem kam noch hinzu, dass die Stadt in Hampshire lag und nur dreiundzwanzig Meilen von Steventon entfernt war.

Die Arrangements waren bald getroffen. Nach einer Zwischenunterkunft zogen wir im März 1807 in ein angemietetes Haus an einer Ecke des Castle Square und stellen zwei Hausmädchen und eine Köchin ein. Das Haus war alt und nicht im besten Zustand, aber es hatte einen hübschen Garten, der an der einen Seite von der alten Stadtmauer begrenzt wurde. Die Mauerkrone war durch Stufen leicht zugänglich und oben breit genug für einen schönen Spazierweg, von dem sich eine zauberhafte Aussicht über den Fluss und seine bewaldeten Ufer bot.

Kaum waren wir eingezogen, da bekam Frank seinen nächsten Auftrag als Kommandant von Seiner Majestät Schiff, der St. Albans, übertragen. Ich denke, es war ihm ein großer Trost, dass wir, während er abwesend war, um sein Schiff für eine lange Seereise auszustatten, zur Hand waren und Mary bei der Geburt seiner Tochter unterstützen konnten, denn es war eine sehr schwere Zeit für Mary.

So dankbar ich war, für eine Weile sesshaft zu sein, und so sehr ich die Gesellschaft meiner Familie genoss, so bald stellte ich auch fest, dass die Anwesenheit derart vieler in einem kleinen Haushalt zusammengepferchter Menschen mir nur wenig Luft zum Atmen ließ – insbesondere wenn wir Besuch hatten, wie an einem denkwürdigen Tag Ende Juni, als mein Bruder Henry in die Stadt kam.

Man stelle sich die Szene vor: wir acht, im Salon versammelt, hockten auf dem Sofa und einem kunterbunten Allerlei von Stühlen. Henry, sehr elegant in seinem hellbraunen besten Rock, saß da und las die Zeitung. Meine Mutter, Cassandra, Martha und Frank (der zur Taufe seiner Tochter nach Hause gekommen war und den letzten Monat häuslichen Lebens genoss, ehe er in See stach) waren damit beschäftigt, Fransen an Vorhänge zu knoten. Mary hielt ihren Säugling auf dem Arm; Mary Jane war damals gerade zwei Monate alt. Ich saß an meinem kleinen Mahagonischreibpult, meinem liebsten Besitz, einem Geschenk meines Vaters zu meinem neunzehnten Geburtstag, und schrieb einen Brief.

»Du siehst gut aus, Frank«, meinte Henry, »für einen wettergegerbten alten Seebären.«

»Wettergegerbt, dass ich nicht lache«, sagte Cassandra mit einem leisen Lächeln. »Unser Frank ist so jung und hübsch wie eh und je.«

»Wenn hier jemand wettergegerbt ist, dann bin ich es«, wandte meine Mutter ein. »Ich muss sagen, ich habe noch nie einen so heißen Juni erlebt. Wie schwach man sich da fühlt! Ich finde keinen Schlaf, mein Hals ist völlig ausgetrocknet, und auch mein Appetit ist nicht mehr so wie einst.«

Da meine Mutter zum Abendessen beinahe ein halbes gesottenes Huhn und ein großes Stück Apfelkuchen verzehrt hatte, fand ich diese Aussage ein wenig verwunderlich. »Es tut mir leid, wenn es dir nicht gut geht, Mama«, sagte ich, schaute von meinem Brief auf und unterdrückte ein Gähnen, denn ich hatte ebenfalls nicht gut geschlafen. Das Weinen des Säuglings hatte mich die halbe Nacht lang wach gehalten. »Vielleicht fühlst du dich besser, wenn du dich ein wenig hinlegst.«

»Es ist zu heiß, um sich hinzulegen«, antwortete meine Mutter verärgert, während sie mit dem Knoten fortfuhr. »Und ich könnte auch keinen Augenblick Ruhe finden, da ich doch weiß, dass all diese Arbeit getan werden muss.«

Meine Mutter war von mittlerer Körpergröße, schmal und dünn, mit hübschen grauen Augen, dunklem Haar, das noch immer seine ursprüngliche Farbe hatte, und einer aristokratischen Nase (auf die sie sehr stolz war und die sie einer großen Anzahl ihrer Kinder zu vererben die Freude hatte). Obwohl sie eine quicklebendige Frau mit Esprit und Courage war, litt sie unter einer Anzahl von Krankheiten, die sich bisweilen der Diagnose eines Arztes entzogen.5

»Frank, sag uns doch, wie geht es dem Schiff Seiner Majestät, der St. Albans?«, erkundigte sich Henry, um das Thema zu wechseln.

»Es ist in Bestform, bereit, nächste Woche zum Kap zu segeln, und von dort nach China.«

»China! Führen wir denn Krieg mit China?«, fragte Mary ziemlich aufgeregt.

»Nein, meine Liebe. Unsere Aufgabe besteht darin, eine Handelsflotte im Konvoi zu begleiten und zu beschützen.«6

»Gott sei Dank. Ich hoffe, dass du nicht in die Nähe von Gefechten kommst. Bitte mache deine Knoten sorgfältiger, mein Lieber. Sie sollen alle gleich groß und die Fransen gleich lang sein.«

»An meinen Knoten stimmt alles, Mary«, erwiderte Frank ruhig. »Ich habe sogar in gewissen Kreisen sagen hören, dass meine Knoten unerreicht sind, dass sie zu den besten in der ganzen Königlichen Marine gehören.«

»So etwas würde niemand sagen, außer deiner eigenen Mutter«, antwortete Mary.

»Und es stimmt auch«, sagte meine Mutter stolz. »Mein Frank ist immer schon so geschickt mit den Händen gewesen, und seine Zeit auf See hat ihn sicherlich auf diese Beschäftigung bestens vorbereitet.«

Die Antwort wurde mit fröhlichem Gelächter belohnt, und das Gespräch lief noch eine Weile weiter in so heiterem Ton hin und her, während ich mich weiterhin bemühte, Worte zu Papier zu bringen.

»Was schreibst du da eigentlich so eifrig, Jane?«, erkundigte sich Henry plötzlich. »Ich hoffe, es ist ein neuer Roman?«

»Nein, es ist ein Brief an Fanny.«

»Du schreibst andauernd Briefe«, sagte Mary, während sie ihr schlafendes Kind sanft in den Armen wiegte. »Ich glaube, du schreibst mehr Briefe als jeder andere Mensch, den ich kenne.«

»Briefeschreiben ist eine sehr ehrenwerte Beschäftigung«, antwortete ich, während ich meine Feder in das Tintenfass tunkte. »Ich finde, es gibt nichts Befriedigenderes, als einen hervorragend geschriebenen Brief zu erhalten, der voller interessanter Neuigkeiten ist.«

Cassandra schaute von ihren Fransen auf und nickte eifrig. »Wenn Jane und ich voneinander getrennt sind, dann weiß ich nicht, was ich täte, wenn ich nicht regelmäßig von ihr hören würde.«

»Ich schreibe auch ab und zu einmal einen Brief«, sagte meine Mutter, »aber im Allgemeinen ziehe ich es doch vor, meine Energie für Gedichte aufzusparen und zu reimen, wann immer ich Zeit dazu finde.«

»Wir alle erfreuen uns seit Kindesbeinen an deinen Versen, Mama«, antwortete ich aufrichtig.

»Du bist eine echte Begabung, Mutter«, sagte Henry. »Das Gedicht, das du geschrieben hast, als du dich in Bath dank Dr. Bowens Fürsorge von deiner Krankheit erholt hattest – das war besonders gut.«

»Oh! Das stimmt!«, rief Martha. Sie legte ihre Handarbeit beiseite und schaute Cassandra in die Augen. Dann begannen die beiden, in fröhlicher Einstimmigkeit zu rezitieren:

»Der Tod spricht, jetzt versuche ich der Wochen drei bis vier,

Die Dame zu holen im Haus Nummer vier, fort von hier

Doch vergeblich, sie ward grad sechzig, trotz mir,

Nun frag ich, warum hatte keinen Erfolg mein Bemüh’n?

 

Wenn du die Lösung nicht von dir aus weißt,

Es sind meines Mannes Gebete, der seine Liebste mich heißt,

Dazu meiner Töchter Bemühen, die darob der Himmel preist,

Und die Kunstfertigkeit Doktor Bowens, Gott segne ihn!«

Gelächter und eine Reihe sehr netter und verdienter Komplimente für den Witz meiner Mutter folgten und erfreuten sie gar sehr.

»Dein Bruder James7 ist ebenfalls ein hervorragender Dichter«, meinte meine Mutter bescheiden.

»Auch Janes Lyrik macht dem Namen Austen alle Ehre«, erwiderte Henry, »doch sie hat, denke ich, ein noch größeres Talent für Prosa. Es ärgert mich unendlich, dass Crosby ihr Buch Susan8 niemals veröffentlicht hat, trotz all seiner Versprechungen.«

»Ich verstehe nicht, warum ein Verlag gutes Geld für ein Manuskript bezahlt und es dann nicht druckt«, sagte meine Mutter.

»Es war einfach nicht gut genug«, sagte ich.

»Da kann ich dir nicht zustimmen«, meinte Martha. »Susan ist ein solcher Spaß! Wenn auch Erste Eindrücke9 mir am liebsten ist. Ich liebe Mr. Darcy und Elizabeth – und ich finde es sehr unfair, dass du mir nur dreimal gestattet hast, das Buch zu lesen, und das vor vielen Jahren.«

»Ein viertes Mal könnte ich nicht riskieren«, erwiderte ich mit einem Lächeln. »Nach nochmaliger Lektüre, fürchte ich, hättest du mir Erste Eindrücke gestohlen und würdest es aus dem Gedächtnis veröffentlichen.«

Martha lachte. »Als würde ich dergleichen tun.«

»Das Buch sollte aber veröffentlicht werden«, beharrte Henry.

»Papa hat es versucht«, erinnerte ich ihn. »Es wurde abgelehnt.«

»Ungelesen abgelehnt«, fügte Henry hinzu. »Das lässt keine Rückschlüsse auf die Meriten des Buchs zu. Es zeigt nur, dass ein Verleger sich nicht die Mühe gemacht hat, etwas zu lesen, was ein unbekannter Landpfarrer ihm zugeschickt hat. Ich wünschte, du ließest es mich jetzt noch einmal für dich einsenden. Vielleicht haben wir mehr Glück damit als mit Susan

»Das bezweifele ich. Es sind zehn Jahre vergangen, seit ich Erste Eindrücke geschrieben habe. Die Welt hat sich seither verändert, desgleichen der literarische Geschmack und ich auch. Es wären sehr viele Änderungen nötig, ehe ich es für druckreif erachten könnte.«

»Und was ist mit dem anderen Buch, das du geschrieben hast, das mit den beiden Schwestern Elinor und Marianne?«, erkundigte sich Henry. »Wie hieß das doch gleich?«

»Vernunft und Gefühl. Das war die überarbeitete Fassung eines Briefromans. Ich bin mit diesem Versuch überhaupt nicht zufrieden.«

»Ich erinnere mich daran, dass es aber eine nette kleine Geschichte war«, meinte Cassandra.

»Ja, eine nette kleine Geschichte«, stimmte ich ihr zu, »die zur Zeit ein nettes, ruhiges Leben auf dem untersten Grund meines Schreibpultes fristet, wo sie meiner Überzeugung nach auch hingehört.«

»Dass du es geschafft hast, dieses Schreibpult all die Jahre lang mit dir herumzuschleppen, Jane, kann ich beinahe nicht fassen«, meinte meine Mutter. »Ich glaube, dieser Kasten ist mit uns an jeden Ort gereist, den wir besucht haben, seit du ein junges Mädchen warst. Erinnerst du dich noch daran, als wir einmal auf der Rückreise von Godmersham in Dartford waren, und das Ding aus Versehen in eine Kutsche geladen wurde, die damit davonfuhr? Wohin war die gleich noch unterwegs?«

»Nach Gravesend und von dort zu den Westindischen Inseln«, erwiderte ich mit Schaudern. Diese Kiste, in der sich meine sämtlichen Manuskripte befanden, schien damals all meine weltlichen Habseligkeiten zu enthalten. Kein Besitz war mir je so teuer.

»Dem Herren sei Dank, dass sie die Kutsche anhalten konnten, ehe sie mehr als einige wenige Meilen weit gefahren war«, sagte meine Mutter. »Sonst hätten wir in diesem Leben sicherlich die Manuskripte nie mehr zu Gesicht bekommen.«

»Wie wahr«, meinte ich, während ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Brief zuwandte. Aber ich hatte kaum zwei Worte geschrieben, als Mary Jane aufwachte und zu weinen begann.

»Schsch, schsch«, versuchte ihre Mutter sie zu beruhigen, während sie aufstand, das Kind durchs Zimmer trug und dabei in den Armen wiegte. »Sei ruhig, ganz ruhig.«

»Ich glaube, sie ist müde«, meinte meine Mutter.

»Sie ist doch gerade erst von ihrem kleinen Mittagsschläfchen aufgewacht«, erwiderte Mary sehr besorgt.

»Vielleicht ist sie nass«, schlug Martha vor.

»Sie ist staubtrocken. O je, o je, was kann das bloß sein?«

»Vielleicht hört sie auf zu weinen, wenn du sie nicht mehr so viel rüttelst«, mahnte Frank.

»Ach, jetzt bist du der Fachmann, der weiß, wie man sich um Säuglinge kümmert?«, antwortete Mary ziemlich verärgert. »Ich habe seit ihrer Geburt jeden Augenblick mit ihr verbracht, während du erst drei Wochen hier bist.«

»Ein Marineoffizier muss sich nicht entschuldigen, dass er Zeit auf See verbringt«, erwiderte Frank. »Darf ich dich darauf hinweisen, dass es meine Heuer ist, die deine Kleider und Hauben bezahlt und unsere Familie ernährt. Außerdem könnten mich hundert Jahre zu Hause nicht davon überzeugen, dass man ein Kind beruhigen kann, indem man es herumschüttelt wie ein Butterfässchen.«

»Vielleicht hat sie Hunger«, merkte Cassandra an.

»Du solltest ihr ein wenig Melasse geben«, schlug Martha vor.

»Dafür ist sie noch zu klein. Die Melasse würde nur ihren Magen verstopfen«, sagte meine Mutter. »O je! Von all der Hitze und dem Lärm habe ich nun Kopfschmerzen bekommen!«

Die Damen huben unverzüglich zu einer Debatte über alle bekannten Heilmittel gegen Kopfschmerzen an, sowie über die möglichen Gründe für den Gemütszustand des Säuglings. Da stieß das Baby einen gellenden Schrei aus. Ich fuhr zusammen, die Spitze meiner Schreibfeder brach ab und spritzte Tinte über das gesamte Blatt. Mary war nun völlig außer sich und brach in Tränen aus.

»Ich weiß, was ich jetzt brauche«, sagte meine Mutter. »In der Speisekammer steht ein schönes Fässchen Ale. Jane, du hast gerade nichts zu tun. Sei so nett und hole mir etwas davon.«

Ich legte meine Schreibfeder nieder und wischte mir die Tinte von den Fingern. »Ja, Mama, sofort.«

»Mama«, sagte ich an jenem Abend, als ich auf der Bettkante meiner Mutter saß und ihr das Haar bürstete, »was denkst du, wie lange können wir wohl noch hier bei Frank und Mary wohnen?«

»Sehr lange, hoffe ich«, antwortete meine Mutter. »Denn ich habe genug vom ständigen Umziehen. Ich finde es wunderbar angenehm, jeden Morgen im gleichen Bett und im gleichen Zimmer aufzuwachen.«

»Ich bin ganz deiner Meinung.

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