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Die blonde Witwe

Robert B. Parker

Die blonde Witwe

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Emanuel Bergmann
& Tanja Mushenko

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Der Bankier Nathan Smith wird eines Abends tot in seinem Bett aufgefunden. Von der Tatwaffe fehlt jede Spur und alles spricht dafür, dass seine junge Frau Mary den Finger am Abzug hatte. Dank Nathans Millionen kann sie sich an ein renommiertes Anwaltsbüro wenden. Doch selbst ihre Anwältin zweifelt an der Unschuld der blonden Witwe und engagiert den Privatdetektiv Spenser, um den Fall aufzuklären. Spenser hat zunächst keine heiße Spur, bis plötzlich eine Frau, die bei Nathan Smiths Bank entlassen wurde, tot aufgefunden wird. Er stößt bei seinen weiteren Ermittlungen auf ein bislang gut gehütetes Geheimnis in Marys Vergangenheit.

Spenser ist ein knallharter Privatdetektiv und ehemaliger Boxer und kann auch auf eine kurze „Polizeikarriere“ zurückblicken. Seinen Klienten gegenüber verhält er sich mal unverschämt, mal liebenswürdig. Das krasse Gegenstück von ihm ist sein Partner Hawk. Doch Spenser hat auch eine sensible Seite. Er hat studiert, kann Shakespeare zitieren, kocht für seine Freundin Susan Silverman und trinkt nichts Härteres als Bier. Mitte der 1980er Jahre lief in den USA die erfolgreiche Fernsehserie „Spenser“ (Originaltitel: „Spenser – For Hire“) mit Robert Urich in der Rolle des Privatdetektivs Spenser.

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nachdem er einen M.A. in amerikanischer Literatur erworben hatte, war er fünf Jahre in verschiedenen Jobs als Texter in der Wirtschaft und in der Werbung tätig, danach kehrte er an die Universität zurück. 1971 promovierte er über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind über dreißig Spenser-Krimis erschienen. 1976 erhielt er für den Krimi „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren den „Edgar Allen Poe Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres.

Weitere Infos unter www.robertbparker.de

1

„Ich denke, sie war’s“, sagte mir Rita Fiore.

Wir saßen in ihrem Büro, weit oben, mit Blick über den Hafen.

„Und dabei bist du ihre Anwältin“, meinte ich.

„Da siehst du, wie’s um ihren Fall steht.“ Sie saß am Rand ihres Schreibtisches. Ihr dichtes, rotes Haar glänzte. Sie trug ein schwarzes Kostüm mit einem sehr kurzen Rock. Rita wusste, dass sie schöne Beine hatte.

„Aber du vertrittst sie trotzdem.“

„Wie jeder andere auch“, sagte Rita, „hat sie ein Recht auf die beste Verteidigung, die sie bekommen kann.“

„Oder sich leisten kann“, sagte ich.

Rita lächelte. „Oder das.“

„Hat sie Geld?“

„Wie Heu.“

„Mein letzter Auftrag für dich hätte mich fast das Leben gekostet.“

„Ich weiß. Wir könnten noch einen Gefahrenzuschlag drauflegen.“

„Gefährlich sind meine Dienste immer“, sagte ich. „Erzähl mir von deiner Mandantin.“

„Mary Smith.“

„Mary Smith?“

„Ungelogen, so heißt sie wirklich“, sagte Rita. „Sie war mit dem Opfer verheiratet, Nathan Smith. Ihr Mädchenname ist Toricelli.“

„Hatte sie vor dieser Ehe auch schon so viel Schotter?“, fragte ich.

„Nein.“

„Oho!“

„Oho?“

„Detektivjargon“, erklärte ich. „So ist sie also an den Schotter gekommen.“

„Genau.“

„Sind die beiden im gleichen Alter?“

„Als sie geheiratet haben, war sie dreiundzwanzig und er einundfünfzig.“

„Vorherige Ehen?“

„Nein. Weder sie noch er.“

„Wie alt ist sie jetzt?“

„Dreißig.“

Rita hatte die Beine übereinandergeschlagen. Sie wippte ein wenig mit dem oberen Bein und schaute dabei auf ihre Schuhspitze. Der Schuh hatte einen sehr hohen Absatz. Er sah unbequem aus. Dafür aber sehr gut.

„Hat sie sonst noch jemanden?“

Rita schüttelte traurig den Kopf. „Gott, bist du ein Zyniker.“

„Also?“

„Die Cops vermuten die eine oder andere Affäre.“

„Mit wem?“

Rita lächelte. „Möchtest du sie in chronologischer Reihenfolge?“ fragte sie. „Oder in alphabetischer?“

„Gib mir einfach eine Liste. Was sagt die Anklage?“

„Er wurde im Bett aufgefunden, ohne Kleidung und mit einem großen Loch im Kopf von einer .40-Kaliber.“

„Hat man die Kugel gefunden?“

„Ja. Nachdem sie seinen Kopf durchschlagen hatte, drang sie durch die Matratze und blieb schließlich in der Fußleiste stecken. Dem Schusswinkel nach zu urteilen, muss der Schütze sich in unmittelbarer Nähe vom Bett befunden haben.“

„Hat sie ein Alibi?“

„Nein. Sie sagt, sie hat unten in der Bibliothek gesessen und ferngesehen.“

„Hat sie den Schuss gehört?“

„Nein. Sie sagt, der Fernseher sei laut und die Tür zu gewesen, damit er nicht aufwacht.“

„Also fand sie ihn so vor, als sie ins Bett gehen wollte.“

„Ja. Sie schliefen in getrennten Zimmern, aber sie schaute wohl immer bei ihm rein, um Gute Nacht zu sagen.“

„Schlief er sonst auch immer nackt?“

„Weiß ich nicht.“

„Na gut“, sagte ich. „Auf jeden Fall ist sie eine gute Kandidatin. Aber für eine Anklage reicht es noch nicht.“

„Sie hatten sich an dem Abend heftig gestritten. Er hatte ihr sogar eine geknallt.“

„Zeugen?“

„Zwei Dutzend. Das war auf einer großen Cocktailparty in Brookline.“

„Ich nehme an, sie ist seine Erbin.“

„Ja.“

„Aber das ist noch nicht alles.“

„Leider nicht. Ein Zeuge der Anklage sagt, sie hätte ihm Geld angeboten, ihren Mann zu töten.“

„Und er hat Nein gesagt?“

„Behauptet er jedenfalls.“

„Hat er für seine Aussage etwas angeboten bekommen?“

„Ja. Er hat nämlich noch andere Delikte auf dem Kerbholz. Er ist der Meinung, man könne ja einen Deal machen. Er bot seine Hilfe beim Smith-Fall an und erwartet dafür einige Vergünstigungen.“

„Ein Fall, der immerhin im Licht der Öffentlichkeit steht.“

„Die Smith-Familie kam damals mit der Mayflower in Boston an“, sagte Rita.

„Die Mayflower kam gar nicht in Boston an“, äußerte ich.

„Egal, sie sind auf jeden Fall schon ziemlich lange hier.“

„Aber die Cops können nicht beweisen, dass sie im Zimmer war, als der Schuss abgefeuert wurde.“

„Nein.“

„Auch kein Schießpulver an ihren Händen?“

„Nein. Aber an seinen.“

„Die Kugel wurde aus nächster Nähe abgefeuert“, sagte ich, „und er hat die Hände hochgehalten, um sie abzuwehren.“

„Vermutet zumindest die Polizei.“

„Dass Schießpulver Spuren hinterlässt, ist sowieso ein alter Hut, das weiß jeder“, sagte ich. „Vielleicht hat sie Handschuhe angehabt.“

„Die Polizei hat aber keine gefunden.“

„Es gibt Gummihandschuhe, die man im Klo runterspülen kann. Wie ein Kondom.“

„Davon habe ich schon mal gehört“, meinte Rita.

„Das glaube ich“, sagte ich.

„Ich meinte die Handschuhe.“

„Ach so.“

„Wahrscheinlich ist das noch nicht alles“, sagte Rita. „Aber so viel ist schon mal bekannt, soweit ich weiß.“

„Reicht es, um sie zu verhaften?“

„Sie hatte sowohl ein Motiv als auch Gelegenheit. Und dann ist da noch die Sache mit dem Auftragskiller. Außerdem werden die Geschworenen sie nicht mögen.“

„Warum nicht?“

„Meine Mutter würde sagen, sie ist ein Flittchen. Sie ist zu hübsch, zu aufgedonnert, zu blond, zu eingebildet. Dazu noch übermäßiger Alkoholgenuss, vermutlich auch härtere Sachen. Und sie schläft mit jedem, der nicht rechtzeitig den Baum hochkommt.“

„Eine Traumfrau.“

„Auch ihre Ausdrucksweise lässt zu wünschen übrig. Sie klingt einfach ungebildet.“

„Und so was mögen die Geschworenen nicht?“

„Man hat bessere Chancen, wenn man wie eine Nachrichtensprecherin klingt“, sagte Rita. „Wie Barbara Walters.“

„Aber ist Barbara Walters eine Traumfrau?“

„Sehr witzig.“

„Meinst du, die Anklage enthält dir etwas vor?“

Ritas dichtes, dunkelrotes Haar glänzte in dem gleißenden Sonnenlicht, das durch das große Panoramafenster einfiel.

„Vielleicht.“

„Aber müssten sie dir eigentlich nicht alles sagen, was sie wissen?“, fragte ich weiter.

„Müsste der Osterhase nicht eigentlich Eier legen? Sieh zu, dass du was auftreiben kannst.“

„Geht klar.“

2

Ich saß in Quirks Büro. Quirk war der Chef des Morddezernats. „Wenn sie es wirklich getan hat, hätte sie sich dann nicht ein besseres Alibi ausgedacht?“, fragte ich.

„Kennen Sie sie?“, wollte Quirk wissen.

„Noch nicht.“

„Sie hat nicht gerade das Zeug zur Hirnchirurgin.“

„Also nicht gerade die Hellste?“

„Nicht im entferntesten“, sagte Quirk.

„Vielleicht ist ja ihr Alibi besonders geschickt, weil es so einfach klingt.“

„Ja,“ sagte Quirk. „Daran haben wir auch schon gedacht. Es gibt ja Fälle, da hat man es mit irgendeinem vermeintlichen Superhirn zu tun und man kriegt sechs Zeugen auf dem Präsentierteller serviert. Und alle sagen, der Kerl war meilenweit entfernt vom Tatort. Da hat man dann wenigstens einen Ausgangspunkt. Man braucht nur einen der Zeugen richtig auszuquetschen und schon zerbröckelt die ganze Sache.“

„Aber ihr Alibi können Sie nicht widerlegen.“

„Nein.“

„Also, als begnadeter Detektiv meine ich, dass nur jemand, der unschuldig ist, mit so einem beschissenen Alibi kommen würde.“

„Als begnadeter Detektiv, soso“, sagte Quirk.

„Vielleicht ist sie ja schlauer, als wir vermuten.“

„Selbst wenn …“

„Zu so einer List wäre sie nicht fähig?“

„Reden Sie erst mal mit ihr“, erwiderte Quirk. „Und dann melden Sie sich noch mal.“

„Sie glauben also nicht, dass es eine doppelte Finte ist.“

„Die Frau ist dümmer als mein Schwanz“, meinte Quirk.

„So dumm, echt?“

„Ja. Aber hübscher.“

„Gibt es irgendetwas, was Ihnen an diesem Fall nicht gefällt?“, fragte ich.

„Über eine Mordwaffe würde ich mich freuen. Ich würde gerne eine Verbindung zwischen der Mordwaffe und Mary Smith herstellen. Ich würde gerne beweisen können, dass sie im Zimmer war, als er starb.“

„Und natürlich hätten Sie gerne eine Videoaufnahme, wie sie den Schuss abfeuert.“

„Genau.“

„Gibt es, davon mal abgesehen, noch irgendwas, das Ihnen komisch vorkommt?“

Quirk war ein großer, starker, robuster Typ, einer der zwei oder drei härtesten Männer, die mir je über den Weg gelaufen sind. Und einer der ordentlichsten. Es gab nichts in seinem Büro, das da nichts zu suchen hätte. Und was da war, lag oder stand sorgfältig an seinem Platz. Das Einzige auf seinem Schreibtisch war ein Plastikwürfel mit einem Foto von seiner Familie: Frau, Kinder, Hund.

„Außer dem miesen Alibi? Nein.“

„Er hatte Pulverbrandflecken an den Händen“, sagte ich.

„Sicher. Er hat sich also selbst erschossen und dann die Pistole versteckt, damit wir ihm nicht auf die Schliche kommen.“

„Vielleicht wollte irgendjemand den Selbstmord vertuschen.“

„Klar. Oder vielleicht war es dieser Sterbehilfeheini, Dr. Kevorkian.“

„War ja nur ein Gedanke.“

„Wenn jemand aus nächster Nähe mit einer Pistole auf dich zielt, hältst du dir instinktiv die Hände vors Gesicht, um dich zu schützen“, sagte Quirk und hielt seine Hände vor sein Gesicht. „Und wenn der Schuss dann fällt, hast du Pulverreste an den Händen.“

„Da ist was dran“, meinte ich. „Aber sollten die Pulverreste nicht eher an den Handflächen kleben, und nicht am Handrücken, wie bei einem Selbstmord?“

„Wenn er sich selbst erschossen hätte, hätte er das Pulver hauptsächlich an der Schusshand“, sagte Quirk.

„Ja.“

„Er hatte aber an beiden Händen Pulverreste, hauptsächlich an den Handflächen.“

„Ich hasse es, wenn Sie Recht haben“, sagte ich.

„Das kennt man ja“, meinte Quirk. „Sie war es. Reden Sie einfach mit ihr.“

„Wissen Sie etwas, was ich nicht weiß?“

„Ne ganze Menge“, sagte Quirk. „Aber nichts, das mit diesem Fall zu tun hat.“

„Meinen Sie, sie wird verhaftet?“

„Und ob. Und die Geschworenen werden sie hassen.“

„Das meinte Rita auch schon.“

„Fiore?“

„Ja.“

„Die war doch früher mal Anklägerin in Norfolk County.“

„Jetzt ist sie bei Cone Oakes.“

„Geil, die Frau“, bemerkte Quirk.

„Ja.“

„Schöner Hintern.“

„Das ist Ihnen auch schon aufgefallen.“

„Tja, als begnadeter Detektiv nimmt man so was schon mal zur Kenntnis“, sagte Quirk. „Ist die nicht scharf auf Sie?“

„Das will ich hoffen“, antwortete ich.

3

Wir gingen ins Konferenzzimmer von Cone Oakes im fünfunddreißigsten Stock. Rita trug heute ein rotes Jackett und einen kurzen Lederrock.

„Bist du immer noch mit dieser zickigen Jüdin zusammen?“, fragte sie.

„Ich nenne sie lieber die Frau meiner Träume“, sagte ich.

„Auch wenn ich im Moment zu haben bin?“

„Wie bitte?“

„Das mit dem Bankheini ist nichts geworden“, erklärte Rita.

„Wollen wir beide es nicht mal versuchen?“

„Ich bin emotional beschränkt“, sagte ich.

„Das glaube ich kaum.“

Sie öffnete die Tür und wir betraten das Konferenzzimmer, wo wir Mary Smith mit einem jungen Mann vorfanden.

Der junge Mann trug eine blaugetönte, randlose Brille. Er hatte fast eine Vollglatze. Seine wenigen Haare waren kurz geschnitten. Er trug einen gepflegten, blonden Schnurrbart und einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug mit lavendelblauem Oberhemd und passendem Einstecktuch. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag eine Aktentasche aus Schweinsleder mit Tragriemen.

Mary war in der Tat etwas Besonderes. Ein dunkler Hauttyp, große, braune Augen, volles, blondes Haar, viel blaue Schminke um die Augen. Sie hatte einen großen Busen und trug Schwarz, wie es sich für eine Witwe gehört. Ihre Kleidung war teuer, aber ein wenig zu eng. Das Jackett ihres schwarzen Ensembles rutschte ihr ein wenig über die Hüften. Rita stellte uns vor. Der Typ hieß Larson Graff.

„Mr. Graff ist Mrs. Smiths PR-Berater“, sagte Rita mit ausdrucksloser Miene.

Ich blinzelte. Fast musste Rita lächeln.

„Er gehört praktisch zur Familie“, sagte Mary. „Sie können ganz offen sprechen.“

Graff nahm ein kleines Tonbandgerät aus seiner Aktentasche.

„Es macht Ihnen hoffentlich nichts aus, wenn wir dieses Meeting aufnehmen?“, fragte er.

„Hätte ich das gewusst“, sagte ich, „hätte ich auch Tonleitern geübt.“

„Tonleitern?“, fragte Mary.

„Das ist ein Witz, Mary“, erklärte Graff.

„Mir macht es schon etwas aus“, sagte Rita.

„Verzeihung?“, fragte Graff.

„Mir macht es schon etwas aus. Es handelt sich um eine vertrauliche Besprechung, und ich möchte nicht, dass sie aufgezeichnet wird.“

„Ich dachte nur, es wäre gut, ein Protokoll zu haben.“

„Wäre es nicht“, sagte Rita.

„Gibt es ein Problem?“ Mary blickte Graff an.

„Nein, Mary. Rita will nur vorsichtig sein.“

„Also, wie gesagt“, wiederholte Mary. „Um Larson brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Er gehört praktisch zur Familie.“

„Selbstverständlich“, sagte ich. „Erzählen Sie mir vom Tod Ihres Mannes, Mrs. Smith.“

„Muss ich?“

„Nein.“

„Aber Sie möchten trotzdem, dass ich es tue?“

„Ja.“

Graff legte seine Hand auf Marys Arm. „Mary, diese Menschen wollen dir nur helfen.“

„Das weiß ich doch, Larson. Aber dieses ganze Thema ist einfach so, so ... so eklig.“

Ich schwieg. Rita schwieg. Jenseits der großen Glasfenster des Konferenzzimmers schwiegen die Dächer. Zu meiner Rechten konnte ich den Fluss sehen, der durch Cambridge floss.

„Er starb zu Hause“, sagte ich.

„Ja. Louisburg Square. Nathan hat es gekauft, als wir heirateten. Jetzt ist es mindestens drei Mal so viel wert wie damals.“

„Immobilien rentieren sich immer“, sagte ich. „Und Sie waren zu Hause, als er starb.“

„Ja. Er war oben im Schlafzimmer. Ich war unten in der Bibliothek und schaute Survivor. Gucken Sie das auch immer?“

„Und ob. War Ihre Tür auf?“

„Wie, auf?“

„Die Tür zur Bibliothek, war die offen oder zu?“

„Die mache ich immer zu. Nathan hat immer bei offener Tür geschlafen, und es hat ihn gestört, wenn der Fernseher lief.“

„Und sein Schlafzimmer ist im zweiten Stock?“

„Im dritten. Nathan wollte dem nächtlichen Straßenlärm entkommen.“

„Und wo schliefen Sie?“

Sie lächelte ein klein wenig und senkte die Augenlider.

„Also, Sie sind aber neugierig.“

„Ja, da haben Sie Recht“, gab ich zu.

„Mein Schlafzimmer liegt gleich neben Nathans. Wir standen uns sehr nahe. Dass wir getrennte Schlafzimmer hatten, heißt nicht … wir hatten ein sehr erfülltes Sexualleben.“

„Sollte jeder haben“, sagte ich. „Erzählen Sie mir, wie Sie seine Leiche gefunden haben.“

„Ach, sagen Sie es doch bitte nicht so. ‚Seine Leiche’. Das hört sich so … das ist einfach …“

Ich wartete. Rita hatte sich zurückgelehnt und ein umwerfendes Bein über das andere geschlagen. Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos.

„Wie haben Sie Ihren, äh, verstorbenen Gatten vorgefunden?“, fragte ich.

„Nach den Elf-Uhr-Nachrichten bin ich hochgegangen. Ich guck immer Channel Five, wenn ich zu Hause bin. Das ist echt ein guter Sender. Gucken Sie den auch?“

„Tag und Nacht. Nach den Nachrichten sind Sie also hochgegangen.“

„Ja. Das mache ich immer. Und ich schau immer bei ihm rein, damit ich ihm Gute Nacht sagen kann, wenn er noch wach ist.“

„Und Sie konnten sofort sehen, dass er … verstorben war?“

„Das Licht war ja an.“

Sie stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Eine süße Verträumtheit lag auf ihrem Gesicht, als würde sie es genießen, ihre Geschichte zu erzählen.

„Das war schon ungewöhnlich. Nathan geht meistens sehr früh schlafen. Ich ging also rein, und dann … ach du meine Güte. Sein Kissen war voller Blut.“

Graff tätschelte ihre Hand, die auf der Tischplatte lag.

„Das muss schrecklich gewesen sein“, bemerkte er.

„Das war auch schrecklich.“

Wir saßen alle einen Moment lang still da und hielten uns vor Augen, wie schrecklich es gewesen sein musste.

„Was haben Sie getan, nachdem Sie Ihren Mann so entdeckt haben?“, wollte ich wissen.

„Ich weiß nicht … Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich muss wohl in Tränen ausgebrochen sein.“

„Haben Sie die Polizei gerufen?“

„Ja.“

„Wann?“

„Ich weiß es nicht. Ziemlich bald, glaube ich.“

„Und sonst war niemand im Haus?“

„Nein.“

„Keiner hätte sich unbemerkt hereinschleichen können?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Gibt es eine Alarmanlage?“

„Doch, ich denke schon. Ich bin mir nicht sicher. Um so was kümmerte Nathan sich immer. Ich kenne mich mit technischen Sachen nicht so gut aus.“

Ich sah Rita an.

„Die Polizei hat gesagt, die Alarmanlage war an“, sagte Rita.

„Hat noch irgendjemand einen Hausschlüssel?“, fragte ich.

„Oder kennt noch jemand den Alarmcode?“

„Den Alarmcode?“

„Den Code, den man eintippt, um den Alarm abzuschalten.“

„Versteh ich nicht.“

Ich nickte. „Und der Schlüssel? Wer könnte einen Schlüssel haben?“

„Ich habe einen.“

„Gut. Und sonst?“

„Nathan.“

„Sonst noch irgendwer?“

„Nein. Nathan war sehr vorsichtig, was unsere Sicherheit betraf. Nicht mal Esther hatte einen Schlüssel.“

„Esther?“

Mary Smith nickte eifrig.

„Wer ist Esther?“, fragte ich.

„Unsere Putzfrau. Die ist einfach super. Sie macht das so gut.“

„Und was ist, wenn sie kommt und keiner da ist?“, fragte ich.

„Keine Ahnung. Dann muss sie wohl ein andermal wiederkommen.“

„Sie und Nathan sind also die Einzigen, die einen Haustürschlüssel haben.“ Ich merkte, dass ich anfing, sehr langsam zu sprechen.

„Ja.“

„Und Nathan kannte als Einziger den Alarmcode.“

„Ich weiß wirklich nicht, wie diese Dinger funktionieren.“

„Und wer hat ihn dann erschossen?“

„Ich weiß es nicht.“

Sie schloss die Augen und saß einen Moment lang vollkommen still da. „Ich mag auch gar nicht darüber nachdenken.“

„Das kann ich mir vorstellen“, sagte ich. „Aber wir müssen schon irgendwie darüber nachdenken. Die Polizei glaubt nämlich, dass Sie es waren.“

„Ich weiß wirklich nicht, wie die so was glauben können“, sagte sie.

Ich wusste, dass die Bemerkung rhetorisch gemeint war und ging nicht weiter darauf ein. „Haben Sie und Nathan sich gut verstanden?“

„Aber ja. Wir waren wunschlos glücklich.“

„Die Polizei sagt, Sie hätten vor einiger Zeit versucht, ihn umbringen zu lassen.“

„Nein, das hab ich nicht. So was habe ich nie gemacht.“

„Gab es bei Ihnen am Abend seines Todes nicht einen großen Ehekrach?“

„Nein.“

„Die Polizei hat Zeugen.“

„Es ist mir egal, was die haben, Nathan und ich waren wunschlos glücklich.“

„Hatte Nathan Feinde?“

„Nein. Ganz und gar nicht. Alle mochten Nathan.“

„Fast alle“, sagte ich. „Gibt es sonst noch jemanden in Ihrem Leben?“

„Wie meinen Sie das?“

„Einen Freund?“

„Nein. Natürlich nicht. Keineswegs.“

„Wie lange waren Sie verheiratet?“

„Sieben Jahre.“

„Hatten Sie davor einen Freund?“

„Doch, natürlich. Ich meine, schauen Sie mich doch an. Natürlich gab es Männer in meinem Leben.“

„Irgendjemand Besonderes?“

Ihr Gesicht leuchtete plötzlich auf und sie lächelte.

„Die waren alle etwas Besonderes.“

„Haben Sie sich, nachdem Sie heirateten, noch mit irgendeinem dieser Männer getroffen?“

„Ja, natürlich. Man gibt ja nicht all seine Bekannten auf, wenn man heiratet.“

„Vielleicht könnten Sie uns eine Liste von diesen Bekannten geben.“

„Eine Liste? Von meinen Bekannten?“

„Irgendjemand hat Ihren Mann umgebracht.“

„Ich kann Ihnen doch keine Liste von meinen Bekannten geben. Was soll das? Damit Sie hingehen und sie belästigen?“

„Ich will doch nichts Böses von ihnen. Ich arbeite für Sie. Meinen Sie nicht, dass Ihre Freunde Ihnen helfen wollen?“

„Ja, natürlich.“

Ich zuckte mit den Achseln und wartete ab. Meine unbestechliche Logik musste sie einfach überzeugen. Sie saß eine Weile mit gerunzelter Stirn da. Das bedeutete offensichtlich, dass sie nachdachte.

„Vielleicht gibt es doch eine Liste, die ich Ihnen geben kann“, meinte sie schließlich.

Ich wartete. Endlich wandte sie sich an ihren PR-Typen.

„Larson, du kannst ihnen doch die Gästeliste von der letzten Party geben.“

„Ich habe sie auf dem Rechner gespeichert“, sagte Graff.

„Wenn es weiterhilft …“

„Ja“, sagte ich. „Das wäre wirklich prima.“

Aus meinem rechten Augenwinkel konnte ich Rita sehen. Sie sah amüsiert aus.

4

Ich ging mit Frank Belson, einem von Quirks Leuten, in die neue Strafvollzugsanstalt von Suffolk County in South Bay, wo Jack DeRosa wegen bewaffneten Raubüberfalls in Untersuchungshaft saß.

„Wenn ich das also richtig verstehe“, sagte Belson, „soll ich dir helfen zu beweisen, dass unser Fall gegen Mary Smith völliger Quatsch ist.“

„So ist es.“

„Und was springt dabei für mich raus? Ich hab schließlich mitgeholfen, den verdammten Fall vorzubereiten.“

„Der Gerechtigkeit wird Genüge getan, wie wär’s damit?“

„Und was noch?“

„Und ich bin dein bester Freund.“

„Na, toll“, sagte Belson.

Wir saßen zusammen mit DeRosa in einem schallisolierten Konferenzzimmer im ersten Stock. Seine Anwältin war ebenfalls anwesend. DeRosa war ein kleiner Kerl mit einer großen, im Laufe der Jahre offensichtlich mehrmals gebrochenen Nase. Um seine Augen herum hatte er viele Narben. Vielleicht war er mal Boxer gewesen.

„Waren Sie mal Weltergewichtler?“

„Ja.“

„Und, waren Sie gut?“

„Eine Niete.“

„Also haben Sie einen anderen Beruf gewählt.“

DeRosa zuckte die Achseln. In seiner Gefängniskleidung wirkte er noch kleiner als er eigentlich war.

„Also, was wollen Sie?“, fragte er.

„Es geht um eine gewisse Mary Smith. Sie hat Sie gebeten, ihren Mann umzubringen.“

„Wer sagt das?“

„Ich“, sagte Belson.

DeRosas Anwältin sagte: „Wir haben bereits eine Abmachung mit der Staatsanwaltschaft getroffen.“

Sie sah umwerfend aus. Schicke blonde Kurzhaarfrisur, dunkelblaues Hosenkostüm mit feinem Kreidestreifen, weiße Bluse. Um den Hals trug sie einen kleinen Diamanten an einer Goldkette. Sie sah aus, als würde sie Sport treiben. Wahrscheinlich in greller Gymnastikhose und teuren Turnschuhen.

„Woher kommen Sie?“, fragte ich sie.

„Wie bitte?“

„Welche Kanzlei?“

„Kiley und Harbaugh“, antwortete sie. „Ich bin Ann Kiley.“

„Bobby Kileys Tochter?“, fragte ich.

„Eben die.“

„Wow!“

„Was können wir für Sie tun, Mr. Spenser?“

„Ich würde gerne wissen, wer den Kontakt zwischen DeRosa und Mary Smith hergestellt hat.“

„Und Sie, Sergeant, was führt Sie hierher?“

Belson sagte: „Ich bin nur zum Spaß hier.“

„Mit anderen Worten, das hier ist eine dienstliche Besprechung.“

„Sie wollen sagen, Ihr Mandant hilft uns und wir helfen ihm.“

„Genau das will ich sagen.“

„Klar.“

Sie nickte DeRosa kaum merklich zu.

„So’n Typ, den ich kenn, rief mich an“, sagte DeRosa. „Meinte, da gibt’s ’ne Braut, die ’n Killer sucht.“

„Und wie hieß dieser Typ?“

„Chuck.“

„Chuck.“

„Ja. Nachname weiß ich nicht.“

„Und woher kommt dieser besagte Chuck?“

„Irgendwo hier aus der Stadt.“

„Hier aus der Stadt.“

„Ja.“

„Und wie könnte ich diesen besagten Chuck finden?“

„Keine Ahnung. Er hat ja mich angerufen.“

„Wie haben Sie sich dann bei Mary Smith gemeldet?“

„Chuck hat mir ihre Nummer gegeben. Und ich hab sie angerufen.“

Ich schaute Belson an. Er zuckte leicht mit den Achseln.

„Also“, sagte ich. „Ein Typ namens Chuck, von dem Sie weder Nachnamen noch Telefonnummer oder Adresse wissen, ruft Sie an und sagt, eine Frau will ihren Mann um die Ecke bringen. Und Sie rufen bei ihr an und stellen sich ihr zur Verfügung?“

„Ja.“

Ich blickte nochmals zu Belson. Er verzog keine Miene. Dann blickte ich zu Ann Kiley rüber. Sie wirkte gelassen.

„Okay. Erzählen Sie mir von Ihrem Gespräch mit Mary Smith.“

„Hey, das habe ich schon etwa hundert beschissenen Bullen und Staatsanwälten erzählt. Haben Sie die Akten nicht gelesen?“

„Doch, das ist ja auch nur eine Ausrede, um noch ein bisschen mit Ihnen zu plaudern. Sie sind einfach so verdammt charmant.“

„Toll, aber ich hab’s satt, immer wieder denselben Scheiß durchzukauen.“

„Klar“, sagte ich. „Bei all den wichtigen Sachen, die hier noch auf Sie warten.“

„Es würde nicht schaden“, meinte Ann Kiley, „wenn Sie es noch einmal erzählen, Jack.“

„Ach ja? Na gut. Wir haben uns in irgend so ‘nem beschissenen Restaurant in so ’nem miesen Klamottenladen getroffen.“

„Okay. Wie haben Sie sie erkannt?“

„Ich hab’ne Bedienung gefragt, und die hat mich an ihren Tisch gebracht.“

„Was hat sie gesagt?“

„Sie meinte, dass sie ihren Mann tot sehen will, und ob ich das machen kann.“

„Wie viel hat sie Ihnen geboten?“

„Fünfzig Riesen.“

„Wieso haben Sie den Auftrag nicht angenommen?“

„Hab ich doch.“

„Aber Sie haben ihn nicht umgebracht.“

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Solche Sachen mach ich nicht.“

„Aber das Geld haben Sie genommen.“

„Klar, warum nicht? Ich dachte mir, ich reiß mir die Knete unter’n Nagel und lass den Auftrag sausen. Was soll sie schon machen?“

„Und jetzt haben Sie fünfzig Riesen in der Tasche.“

„Fünfundzwanzig. Die Hälfte im Voraus, die andere Hälfte hinterher.“

„Hat sie gesagt, wieso sie ihn umbringen lassen wollte?“

„Nö.“

„Hat sie sich danach noch mal gemeldet?“

„Nein.“

„Sie hat Ihnen also 25.000 Dollar gegeben, die Sie sich dann in die Tasche gesteckt haben. Und danach haben Sie sie nie wieder gesehen.“

„Genau.“

„Wie hat Sie Ihnen das Geld gegeben?“

„Wie? Was soll das heißen? Sie hat’s mir einfach in meine verdammte Hand gedrückt.“

„In bar?“

„Ja. In ’ner Tüte.“

„Große Scheine?“

„Hunnis.“

Ich ging das Ganze noch mal mit ihm durch. Belson ebenfalls. Die Geschichte blieb dieselbe.

Schließlich bemerkte Ann Kiley: „Die Schilderung meines Mandanten hält mehrfacher Hinterfragung stand, das sollte doch nun eindeutig klar geworden sein.“

„Ich denke, Sie haben Recht“, sagte ich.

„Dann wenden Sie sich an den Staatsanwalt“, sagte Ann Kiley.

„Und setzen Sie ihn über die Kooperationsbereitschaft meines Mandanten in Kenntnis.“

„Geht klar“, sagte Belson.

Auf dem Weg zum Auto fragte ich Belson: „Stört dich irgendwas an der Sache?“

„Was sollte mich stören?“

„Das so ein Schmalspurganove von Kiley und Harbaugh verteidigt wird.“

„Pro bono?“

„Meinst du?“

„Nein.“

„Stört dich das?“

„Klar stört mich das“, antwortete Belson. „Genauso, wie es mich stört, dass er über einen Kerl namens Chuck, der scheinbar unauffindbar ist, an diese ganze Sache geraten ist. Und dass sich seine Geschichte jedes Mal haargenau gleich anhört. Und es stört mich, dass seine Anwältin ihn nur deshalb weiter reden ließ, weil ich ihr unverbindlich angeboten habe, mit dem Staatsanwalt zu sprechen.“

„Das ist mir auch aufgefallen.“

„Wie dem auch sei, irgendwelchen Leuten bei skandalösen Mordfällen zu helfen, ist nicht gerade gut für die Beförderung. So wird aus einem Sergeant nie ein Lieutenant.“

„Stimmt.“

„Aber ich bin dir noch was schuldig, das hab ich nicht vergessen … Als Lisa weg war.“

„Du schuldest mir gar nichts.“

„Doch. Ich helfe dir. So gut ich kann.“

„Mary Smith sagt, sie hätte diesen Typen nie angeheuert“, sagte ich.

„Mary Smith ist eine Vollidiotin“, meinte Belson.

„Tja“, sagte ich. „Da ist was dran.“

5

Larson Graff hatte mir eine alphabetisch aufgeführte Liste von Mary Smiths zweihundertsiebenundzwanzig engsten Freunden gefaxt. Sie waren alle an dem Abend eingeladen gewesen. Den prominenten Namen nach zu urteilen, waren es nicht gerade Leute, die sich mit Hotdogs und Dosenbier zufriedengeben.

Als Erstes besuchte ich einen Mann namens Loren Bannister. Er war Geschäftsführer einer Versicherungsfirma und hielt mich wahrscheinlich für einen potenziellen Kunden.

„Mary Smith?“, fragte er.

„Jawohl. Ihr Name steht ziemlich weit oben auf ihrer Liste.“

„Dann ist es wahrscheinlich eine alphabetische.“

Bannister hatte ein markantes Gesicht, silbernes Haar und einen schönen, dunklen Teint. Er war in voller Montur: dunkler Anzug, weißes Oberhemd, goldene Manschettenknöpfe, roter Schlips mit winzigen weißen Punkten.

„Sie sind zu bescheiden“, sagte ich zu ihm.

„Mhm. Ich nehme an, das hier hat etwas mit Nathan Smiths

Tod zu tun?“

„Ja.“

„Hat sie ihn wirklich umgebracht?“

„Nein.“

„Und Sie arbeiten für Cone Oakes?“

„Ja.“

„Barry Cone hat mich schon angerufen“, teilte mir Bannister mit. „Also, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Erzählen Sie mir ein bisschen über Mary Smith.“

„Nun ja, ich kannte sie nicht besonders gut. Ich kannte Nathan Smith flüchtig.“

„Hatten Sie den Eindruck, dass die beiden glücklich waren?“

„Doch, ich denke schon. Sie war jünger. Wie gesagt, ich sah die beiden nur gelegentlich, meistens bei irgendwelchen Wohltätigkeitsveranstaltungen.“

„Hatten Sie sonst gesellschaftlichen Kontakt zu den beiden?“

„Also, ob man mal zusammen Essen gegangen ist oder so? Nein.“

„Kennen Sie Larson Graff?“

„Graff?“

„Ja.“

„Nicht, dass ich wüsste. Wer ist das?“

„Mary Smiths PR-Mensch.“

Bannister lächelte. „Ach, der.“

„Sie kennen ihn?“

„Nicht vom Namen her. Mary besucht ziemlich viele Veranstaltungen ohne Nathan. Und dieser Typ begleitet sie dann.“

„Sind die Smiths bei Ihnen versichert?“

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Bannister. Dann lächelte er.

„Ich habe mit direkten Verkäufen kaum zu tun.“

„Könnten Sie es herausfinden?“, fragte ich ihn.

„Steht da etwa nicht ‚Geschäftsführer’ an meiner Tür? Selbstverständlich kann ich es herausfinden.“

„Würden Sie es herausfinden?“

Bannister sah aus, als wolle er Nein sagen. Doch dann nahm er den Telefonhörer ab.

„Allison? Bitte schauen Sie nach, ob wir Policen von Nathan Smith oder Mary Smith haben.“ Er schaute mich an. „Adresse?“ Ich sagte ihm die Adresse und er gab sie an Allison weiter.

„Bitte geben Sie mir umgehend Bescheid“, sagte er und legte auf. Er schien sich einer umgehenden Antwort sicher zu sein.

„Wissen Sie, warum Mary Smith einen Public-Relations-Menschen braucht, außer dafür, dass er hin und wieder mit ihr Gassi geht?“

„Nein.“

„Wer könnte es dann wissen?“

Bannister lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

„Barry Cone ist ein guter Freund von mir“, sagte Bannister. „Er hatte mich gebeten, mit Ihnen zu reden. Das tue ich auch gerne. Aber ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen. Ich kenne Mary Smith eigentlich gar nicht. Ich habe keine Ahnung, wer etwas über sie weiß. Ich muss manchmal auf irgendwelche Cocktailpartys, weil das zum Geschäft gehört, und wenn ich dort zufällig auf Mary Smith treffe, sage ich Hallo.“

„Und Nathan Smith?“

„Den sehe ich ab und zu mal im Harvard Club“, sagte Bannister. „Ich kenne ihn nur flüchtig. Er war ein Spieler.“

„Ein Spieler?“

„Ja. Geldgeschäfte.“

„Was hat er gemacht?“

Bannister lächelte. „Er hat mit Geld gespielt.“

„Wie?“

„Wie alle anderen“, antwortete Bannister. „Kaufen und Verkaufen.“

„Aktien und Anleihen?“

„Und Immobilien und Banken. Hätten auch Lottoscheine sein können, was weiß ich.“

„Wer könnte mehr über ihn wissen?“

Bannister zuckte die Schultern. „Sein Anwalt. Sein Börsenmakler. Sein Arzt. Sein Pastor? Ich weiß nicht, wie ich mich klarer ausdrücken kann. Ich kenne die beiden so gut wie gar nicht.“

Das Telefon klingelte und Bannister nahm den Hörer ab. Er hörte zu, machte sich ein paar Notizen, bedankte sich und legte auf. „Nathan Smith hat bei uns eine Lebensversicherung abgeschlossen“, berichtete er.

„Wie hoch?“

Bannister zögerte nur einen kurzen Augenblick. „Zehn Millionen Dollar.“

„Das dürfte nicht billig gewesen sein“, sagte ich.

„Billiger als Sie glauben“, meinte Bannister. „Sie wurde bei seiner Geburt abgeschlossen. Von seinem Großvater.“

„Zu Gunsten von?“

„Mary Smith.“

Ich schwieg. Bannister hatte sich wieder in seinem Stuhl zurückgelehnt und verschränkte abermals die Hände.

„Das hilft Ihrem Fall nicht“, bemerkte er.

„Nicht viel“, sagte ich. „Kann ich eine Kopie der Police bekommen?“

„Die ist vertraulich.“

„Ja, aber Sie und Barry Cone sind doch Kumpel.“

Bannister lächelte. „Ich werde sie kopieren und Ihnen per FedEx zuschicken lassen,“ sagte er. „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Sicher.“

„Wenn Sie Mary Smiths Unschuld beweisen wollen, warum ermitteln Sie dann gegen sie?“

„Weil ich sonst niemanden habe, gegen den ich ermitteln könnte“, erwiderte ich. „Das ist wie bei der ungezielten Kundenwerbung.“

Bannister lächelte. „Ich war selbst nie als Versicherungsverkäufer tätig. Mein letzter Arbeitgeber war Pepsi-Cola.“

„Managen ist managen“, sagte ich.

Bannister nickte und lächelte. „Viel Glück bei der ungezielten Kundenwerbung“, sagte er.

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