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Die Wünsche meiner Schwestern

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Kapitel 1: Beginne mit dem Kreuzanschlag

Kapitel 2: Mach einen Knoten

Kapitel 3: Nimm zwei Maschen auf

Kapitel 4: Verbinde Kontrastfarben

Kapitel 5: Führe die Nadel zurück

Kapitel 6: Nähe mit dem Maschenstich zusammen

Kapitel 7: Strick drei Maschen rechts zusammen

Kapitel 8: Lass eine Masche fallen

Kapitel 9: Heb eine Masche ab, Faden vorn

Kapitel 10: Stricke links

Kapitel 11: Schneide die Steekmaschen auf

Kapitel 12: Strick das Muster weiter

Kapitel 13: Nimm dir Zeit für eine Maschenprobe

Kapitel 14: Stricke links

Kapitel 15: Stricke einen Platzhalter

Kapitel 16: Stricke eine Wickelmasche

Kapitel 17: Heb zwei Maschen ab und stricke sie rechts zusammen

Kapitel 18: Füge zusammen

Kapitel 19: Mach ein Knötchen

Kapitel 20: Näh zusammen

Kapitel 21: Beginne mit der letzten Reihe

Kapitel 22: Kette ab

Epilog: Stricke einen Umschlag

Ein Gespräch zwischen Sarah Addison Allen und Lisa Van Allen

Fragen und Diskussionsthemen

Anmerkungen der Autorin und Danksagungen

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Die bescheidene Strickerin sitzt
zwischen Himmel und Erde.

Susan Gordon Lydon,
The Knitting Sutra

Ich habe etwas gelesen, mehr noch gesehen und gehört
und namentlich sehr viel geträumt …
so weiß ich gewöhnlich selbst nicht, was ich
von meinen Erzählungen glauben soll.

Washington Irving als Geoffrey Crayon,
Erzählungen eines Reisenden

Kapitel 1

Beginne mit dem Kreuzanschlag

Mariah Van Ripper war im Leben stets ihrem eigenen Zeitplan gefolgt und machte auch beim Sterben keine Ausnahme. An Mariahs letztem Tag auf Erden hatte ihre Nichte Aubrey, mit den Maschen eines Spitzenschals aus Mohair zwischen den Fingern, in der Strickstube ihres gemeinsamen Hauses in Tarrytown gesessen. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie eingenickt war und ihr Geist auf träumerischen Nebenwegen wandelte, während ihre Nadeln weiter durch die Maschen tanzten, bis Mariah im Türrahmen aufgetaucht war.

»Oh, gut. Aubrey, ich wollte dir noch etwas sagen.«

Aubrey sah von ihrem Strickzeug auf. Zwischen den Türpfosten neigte sich Mariah zur Seite, wie eine breite Fahne, die in einer sanften Brise weht. Sie trug ein langes, unförmiges Baumwollkleid, das so frisch und weiß war, dass es beinahe leuchtete.

»Wieso bist du schon zurück?«, fragte Aubrey. »Ich dachte, du hast einen Termin bei Gemeinderat Halpern. Hast du irgendetwas vergessen?«

»Ja … Ich glaube, das habe ich.«

»Ganz gleich, was es auch war, ich hätte es dir doch gebracht, wenn du mich angerufen hättest«, sagte Aubrey leicht tadelnd. »Was brauchst du?«

Mariah antwortete nicht. Ihre Augen waren weit geöffnet, ihr Blick war verwirrt wie der eines schläfrigen Kindes. Sie murmelte etwas mit halbgeöffneten Lippen.

»Mariah?« Aubrey unterbrach ihr Stricken am Ende einer Reihe und ließ die Hände sinken. Der Schal lag, von der Sonne beschienen, zerknittert und gelb wie Herbstlaub, auf ihrem Schoß. »Was ist los? Was fehlt dir?«

»Da ist etwas, das ich dir sagen wollte …«

»Na, dann schieß los.«

»Etwas …«

»Hey. Alles in Ordnung?«

Aubrey sah, wie die Pupillen ihrer Tante zu kleinen schwarzen Punkten zusammenschrumpften. Ihre Augen schienen sich auf etwas zu richten, das Aubrey nicht sehen konnte, vielleicht auf ein in der Luft wirbelndes Staubkorn oder irgendeinen geheimen Gedanken, der so tief in Mariahs grauen Zellen verankert war, dass ihr leerer Blick abdriftete wie ein Boot von seinem Ankerplatz. Mariah war von mittlerer Größe, hatte dabei einen beachtlichen Körperumfang, und ihr langes, dünnes Haar umfloss ihre Schultern in taubengrauen Wellen. Sie war schon in ihrer Jugend keine Schönheit gewesen, hatte jedoch freundlich blickende Augen und ein wohlwollendes Lächeln, das von ausgeprägten, aber einnehmenden Falten begleitet wurde. Die von hinten auf sie fallende Sonne überzog ihr Haar und den weißen Saum ihres Kleides mit Silberglanz.

»Ach, nun ja. Ich schätze, du wirst es selbst herausfinden müssen.« Mariah seufzte leicht und trat dann aus der Strickstube und außer Sichtweite.

Aubrey legte ihr Strickzeug beiseite und lief über die breiten Holzdielen zur Zimmertür. Ihr war schwindlig, als würden all ihre Sorgen sie auf einmal überschwemmen. Mariahs gesundheitlicher Zustand hatte sich in den letzten Jahren verschlechtert, und Aubrey fürchtete, ihre Tante könnte einen Schlaganfall erlitten haben. Die Ärzte hatten sie davor gewarnt. Aubrey spähte hinter den Türpfosten, doch Mariah war verschwunden, und kein einziges Geräusch verriet die Richtung, in die sie gegangen war.

Das gibt’s doch gar nicht, dachte Aubrey.

Trotzdem rief sie die Treppe hinauf: »Mariah?« Sie rief den Flur hinunter: »Hey, Mari?«

Beim Klingeln des Telefons zuckte sie zusammen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Langsam nahm sie den Hörer ab. »Ja?«

»Aubrey Van Ripper?«, fragte sie eine fremde Stimme.

In diesem Augenblick wusste Aubrey, noch bevor man es ihr gesagt hatte, dass ihre Tante nicht in die Strickerei zurückgekehrt war, weil sie etwas vergessen hatte. Tatsächlich war sie überhaupt nicht in der Strickerei. Und Aubrey kam der Gedanke, wie geschmacklos es doch eigentlich sei, dass etwas so Intimes und Privates wie die Nachricht eines Todes von Fremden überbracht wurde.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war Aubrey allein, vollkommen und endgültig und unerwartet, allein in diesem Augenblick und für immer, während ihre Nadeln auf einem Tisch in der Strickstube ruhten, ihr Ohr vom Druck des Telefonhörers heiß wurde und die Worte einer Fremden von irgendwoher auf sie eindrangen und ihr erklärten, was sich am anderen Ende der Stadt ereignet hatte.

* * *

In seinem privaten Büro in der Nähe des Gemeindezentrums von Tarrytown, verborgen hinter neokolonialistischen Säulen und flämischem Mauerwerk, schenkte sich Gemeinderat Steve Halpern aus dem kleinen Flachmann, den er für Notfälle in der untersten Schreibtischschublade aufbewahrte, ein Glas ein. Der Krankenwagen war gerade erst abgefahren, nachdem die Sanitäter Mariah Van Rippers Körper aus seinem Büro getragen hatten. Er lehnte sich in seinem zigarrenbraunen Stuhl zurück, der unter seinem Gewicht aufjaulte.

»Weißt du, kein Mensch will, dass so etwas geschieht«, sagte er.

Jackie Halpern, die sich um seine Wahlkampagnen, seine Buchhaltung, seine Sockenschublade und seine Blutdruckmedikamente kümmerte, lächelte. »Natürlich nicht.«

»Aber wenn es nun einmal passieren musste …«

»Sag es nicht«, bat sie ihn. »Ich weiß.«

* * *

Langsam, wie ein schwacher Dunst, der sich gemächlich durch Tarrytowns freundliche Vorstadtstraßen schlängelte, verbreiteten sich Gerüchte über Mariah Van Rippers Tod unter den Menschen, die sie kannten, und unter denen, die sie nicht kannten, bis daraus ein undurchdringlicher Nebel schlechter Neuigkeiten, so dicht wie Rohwolle, geworden war, der zum Fluss hinunterwaberte, hinein in das marode Viertel, das Mariahs Heimat gewesen war. Die Hunde in Tappan Square, räudige Rottweiler und Pitbulls, die sonst durch die geschlossenen Fenster bellten, verstummten plötzlich und gaben keinen Laut von sich, wenn jemand an ihrem Haus vorbeikam. Der verrostete alte Wetterhahn auf dem Turm der Strickerei drehte sich dreimal gegen den Uhrzeigersinn um sich selbst, bis er, nach Osten weisend, zum Stehen kam, und wenn einer der Bewohner von Tappan Square es gesehen hätte, wäre ihm sofort klar gewesen, dass dies kein gutes Zeichen war.

Tappan Square war alles andere als Tarrytowns bestgehütetes Geheimnis. Der Stadtteil war nicht Teil der weitverbreiteten, allgemein anerkannten Sagen dieser Gegend. Wenn Besucher sich von ihren Navigationsgeräten nach Tarrytown und in die Nachbarstadt Sleepy Hollow führen ließen, übergingen sie Tappan Square stets. Stattdessen strömten sie nach Sunnyside, zu dem unter Efeu erstickenden Cottage, in dem Washington Irving einst lebte und starb und vom Galoppierenden Reiter und von Ichabod Crane träumte. Sie strichen fröhlich um den Fuß der zinnenbewehrten gotischen Burg Lyndhurst, die düster und gebieterisch über den Hudson River hinwegblickte, und zeigten sich gegenseitig Wahrzeichen aus Vampirhorrorfilmen in ihren dämmrigen, feierlichen Hallen. Sie stapften zwischen den mit Flechten überzogenen Statuen der Old Dutch Church entlang und wanderten, mit Kameras und festem Schuhwerk versehen, vorbei an Grabsteinen mit Familiennamen wie Beekman, Carnegie, Rockefeller und Sloat. Sie waren auf der Suche nach dem, was jeder an den Ufern des Hudson River suchte: Verzauberung. Ein Fünkchen der guten, alten Magie. Und dennoch machten sich Fremde selten auf den Weg in die Nachbarschaft von Tappan Square, wo aus den Fenstern rostiger Schrottkarren laute Salsabeats dröhnten, wo illegale Kabeldrähte von Fenster zu Fenster gespannt waren und wo in jenem Haus, das seit Ewigkeiten von der Van-Ripper-Familie bewohnt wurde, eben diese Magie oder zumindest ein Anflug davon beheimatet war.

Die Strickerei, wie sie von ihren Nachbarn und irgendwann auch von ihren Bewohnern genannt wurde, hatte schon immer den Van Rippers gehört. Für die Anwohner war sie ein Kuriosum wie der Augapfel eines Wals in einem Einweckglas mit Formaldehyd, ein ausgestopftes Fohlen mit staubbedeckten Wachsaugen – ein Ding, dem man hätte erlauben sollen, zu zerfallen, nachdem das Leben aus ihm entwichen war, das jedoch künstlich bewahrt wurde. Das Haus mit seinem über die Jahrhunderte zusammengeschusterten architektonischen Mischmasch – seinem zurückhaltenden georgianischen Kern, seinem feurigen Mansardendach, seinem mit Fischschuppenziegeln bedeckten Turm, gekrönt von einem Hexenhutdach – wirkte nicht gerade einladend. Die jüngste Generation der Van Rippers, zuletzt angeführt von Mariah, hielt nichts von Renovierungen. Sie überstrichen nicht die Tapete mit dem scheußlichen Kohlrosenmuster im Wohnzimmer, reparierten das verschnörkelte schwarze Tor vor dem Haus nicht, das seit dem großen Schneesturm von 1888 windschief in den Angeln hing, und tauschten auch nicht das Schild mit der Aufschrift STRICKEREI am Hauseingang aus, obwohl es kaum noch zu entziffern war. Tatsächlich protestierten sie heftig gegen solche Veränderungen und »unnötigen« Verbesserungen, die sie als Beleidigung der Geschichte ansahen. Mariah Van Ripper soll buchstäblich geweint haben, als das Innenleben einer der großen alten Toiletten der Strickerei entkernt werden musste und sich keine baugleichen Ersatzteile für das alte Verdauungssystem finden ließen.

Und weil Mariah zu viel Respekt vor ihren Ahnen zeigte, als dass sie einen lächerlichen Fensterladen repariert oder einen Geländerpfosten befestigt hätte, wurde die Strickerei mit der Zeit erst altmodisch, dann unansehnlich, bis sie schließlich der Schandfleck einer Nachbarschaft war, die ohnehin schon das Auge beleidigte. Wie Schneeflocken legte sich die Vergangenheit über alles, und Mariah hatte es stets zugelassen, so wie man zuließ, dass die Sonne morgens auf- und abends unterging. Natürlich passte ihre Philosophie bestens zu ihrer Abneigung gegenüber Hausarbeit und ihrem Widerwillen, das wenige Geld, das die Van Rippers verdienten, für etwas so Frivoles wie eine neue Türklingel auszugeben. Doch was auch immer die Motivation sein mochte, das Ergebnis war, dass die Strickerei – von einigen als Herz von Tappan Square angesehen, von anderen als dessen Tumor – hässlich, verwahrlost und verfallen war.

Als die Neuigkeit von Mariahs Tod ihre Tentakel in die Nachbarschaft ausgestreckt hatte, versammelten sich nach und nach ein paar der Bewohner Tarrytowns, die das Schicksal aus allen Ecken der Welt hierher verschlagen hatte, vor der Strickerei. Die Gläubigen unter ihnen bekreuzigten sich und beteten, nicht ganz uneigennützig, Mariahs Seele möge emporgehoben und rasch an ihrem endgültigen Landeplatz deponiert werden, damit sie bloß nicht gemeinsam mit den höflicheren Geistern von Sleepy Hollow und Tarrytown auf der Erde umherstreifte. Frauen, die der Familie Van Ripper freundlich gesinnt waren, stellten bunte Kerzen in hohen Gläsern auf den Bürgersteig und steckten Nelken in das verbogene Tor des Gebäudes. Sie brauchten keine gemeinsame Sprache, um dieselbe Sorge zu teilen: Was würde mit der Strickerei geschehen? Und schlimmer noch: Was würde nach Mariahs Tod mit ihnen allen geschehen?

Die Van Rippers waren in den Augen der einen Scharlatane, in denen der anderen waren sie Retter. Gauner oder Engel. Heilige oder Diebe. Doch selbst wenn an all dem Gerede über die Strickerei nichts dran war, wenn das einzig Merkwürdige an der Strickerei das war, was man sich über sie erzählte, hatte auch dies die vielen Generationen von Frauen in Tarrytown nicht davon abgehalten, sich in ihrer Verzweiflung zur Türschwelle der Van Rippers zu schleppen und um Hilfe zu bitten. Mach mir einen Pullover, mach mir Fäustlinge, mach mein Baby gesund, mach, dass mein Mann mich wieder liebt.

Es hieß, die Magie der Van Rippers liege im Stricken.

Sofern es überhaupt Magie war.

Kapitel 2

Mach einen Knoten

Es gab nur eine Handvoll Orte in Tarrytown, an denen Aubrey Van Ripper mit relativer Regelmäßigkeit erschien: den Lebensmittelladen, die Bibliothek, die Zoohandlung, den Sushi-Imbiss und manchmal – an klaren, kühlen Abenden – den Park. Als sie an Mariahs Todestag im Krankenhaus auftauchte, blickten ihr die Einwohner von Tarrytown daher halb ängstlich, halb fasziniert hinterher. Sie trug die klobigen weißen Gesundheitsschuhe einer älteren Dame, obwohl sie erst achtundzwanzig war, eine grauenvolle, mit vielen winzigen Vergissmeinnichtblüten bedruckte Polyesterbluse und dicke, dunkle Brillengläser in einem Plastikgestell. Ihr blondes Haar fiel ihr bis auf die Schultern und hätte schön sein können, wäre es nicht kraus und verknotet gewesen.

Was Aubrey betraf, war sie lange nicht so interessiert am Krankenhaus wie dessen Personal an ihr. Ihrer Vorstellung nach sollte das Krankenhaus ein lebhafter, hektischer Ort im Kampf um Leben und Tod sein. Stattdessen war es öde. Gelangweilte Verwaltungsleute kauten Kaugummi und sahen sich auf dem Fernseher im Wartezimmer den Gameshow-Kanal an, der eine Wiederholung von Glücksrad ausstrahlte. Der Empfangsbereich hätte haargenau so steril und schläfrig ausgesehen, wenn nicht zufällig gerade ihre Tante gestorben wäre.

»Eine Unterschrift, bitte.« Die Frau hinter dem Empfangstresen schob ihr ein durchsichtiges lila Klemmbrett entgegen. »Wenn Sie Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, sie zu stellen – aber bitte irgendjemand anderem.«

Aubrey fügte sich. Auf jedem einzelnen Blatt Papier standen so viele Wörter, winzige Wörter aus winzigen Buchstaben, die ineinander übergingen. Wenn sie all diese Wörter auf einem einzigen langen Faden aufziehen könnte, würde er einmal um das ganze Gebäude herumreichen. Sie könnte daraus einen Pullover stricken. Oder einen dicken schwarzen Schal.

Aus dem Augenwinkel sah Aubrey, wie zwei Krankenschwestern in einer entfernten Ecke des Raumes die Köpfe zusammensteckten und leise flüsterten. Sie trugen schlabbrige helle, mit Blumenmustern verzierte Kittel. Eine von ihnen war Katrina Van der Donck, die gern behauptete, von Adriaen Van der Donck abzustammen, dem berühmten Dokumentaristen von Sleepy Hollow aus dem siebzehnten Jahrhundert, der als Erster Slapershaven als Name für den durch das schmale Tal fließenden Nebenfluss des Hudson verzeichnete. Die andere Frau war Aubrey unbekannt. Die beiden bemühten sich, nicht in ihre Richtung zu schauen, konnten der Versuchung jedoch nicht widerstehen.

Aubrey ertrug ihre prüfenden Blicke, solange sie konnte. Ihr Geflüster kratzte an ihrem Trommelfell wie ein Hund an einer Tür. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie blickte auf, und die beiden Frauen zuckten zusammen. Aubrey sprach, so laut sie es wagte: »Euch ist schon klar, dass ich weiß, was ihr sagt, oder?«

»O mein Gott. Sie kann also auch Gedanken lesen?«, fragte die Fremde laut genug, dass Aubrey es hören konnte. »Du hast mir nicht gesagt, dass sie Gedanken lesen kann!«

»Sie kann keine Gedanken lesen«, erwiderte Aubrey in derselben Lautstärke.

»Ach nein?« Katrina grinste. »Was denke ich gerade?« Sie verschränkte die Arme und starrte sie feindselig an.

Aubrey senkte den Blick wieder auf ihre Papiere. Sie konnte spüren, wie ihr Gesicht knallrot anlief. Unter ihren Achseln prickelte der Schweiß. Sie wusste nicht genau, weshalb Katrina Van der Donck beschlossen hatte, sie zu hassen, doch sie nahm an, dass es etwas mit der Magie zu tun hatte. Vielleicht hatte Katrina einmal für einen unwirksamen Zauber bezahlt. Aubrey verabscheute Auseinandersetzungen noch mehr als matschiges Weißbrot aus Plastiktüten, Lachkonserven in Sitcoms oder Steve Halpern.

Mariah hätte gewusst, was sie sagen sollte.

Die Strickerei und die Frauen, die sie bewohnten, waren schon immer von einer vagen Ungewissheit, von giftigen Spekulationen umgeben gewesen. Die Spur von Aubreys Vorfahren ließ sich bis zu den ersten Siedlern verfolgen, die in den Gräben der neuniederländischen Erde lebten, und je weiter sich die moderne Welt von diesen verlausten und halbverhungerten Abenteurern entfernte, desto geheimnisvoller und faszinierender erschienen sie.

Zu Aubreys Pech fanden die Tratschtanten Tarrytowns sie, die Bibliotheksassistentin, die im Lebensmittelladen Rote Bete kaufte und ein Bild ihres zahmen Igels im Geldbeutel mit sich herumtrug, nicht besonders faszinierend. Die Geschichten, die sich um die Strickerei rankten, waren rätselhaft, und Mariah war ihre seltsame, doch altehrwürdige Kennerin gewesen. Die arme Aubrey dagegen war einfach nur verschroben.

Ihr Aussehen war ihrem Ruf nicht gerade förderlich. Als nächste Hüterin der Strickerei trug sie deren Zeichen. Bei Mariah hatte sich das Zeichen recht diskret offenbart: Auch ohne Parfüm, selbst wenn das Thermometer im August auf über dreißig Grad stieg, roch Mariahs Haut intensiv nach Blütenblättern. Die Duftdrüsen, die andere Menschen wie Pferde stinken ließen, hatten Mariah buchstäblich wie eine Rose duften lassen – zugegebenermaßen wie eine billige Rose, die einen manchmal an eine Wildwesthure denken ließ, aber immerhin wie eine Rose. Tarrytowns Bewohner waren davon ausgegangen, dass Mariah bloß eine dieser alten Damen war, die ihre Sorgen in Drogerieparfüm ertränkten. Und von ein paar Ausnahmen abgesehen, mochten die Leute sie zumindest so sehr, wie man eine Van Ripper eben mögen konnte.

Doch Aubreys Zeichen – das schon früh keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass sie die neue Hüterin der Strickerei sein würde – war weder so harmlos noch so leicht zu erklären wie Mariahs. Ihr Zeichen war anderen Menschen unangenehm. Und es ließ sich nicht verstecken. Auch wenn Aubrey beim Blick in den Spiegel nicht erkennen konnte, was an ihr nicht stimmte, hatte man ihr oft genug gesagt, was andere Leute sahen: Ihre viel zu großen Augen waren von einem so hell strahlenden Blau, dass einem davon beinahe schlecht wurde. Sie waren so blau wie das Ei einer Wanderdrossel, das man in blaue Lebensmittelfarbe getaucht und in metallicblauem Glitzerstaub gewälzt hatte. Ihre Farbe war geradezu aggressiv, und man konnte nicht lange hineinsehen, bevor man den Blick abwenden musste.

Mittlerweile vermisste Aubrey Blickkontakt in Gesprächen kaum mehr, als ein Erwachsener einen halbvergessenen Kindheitsfreund entbehrte. Mit einer Ausnahme. Er hieß Vic, und sie wünschte sich, ihm einmal, ein einziges Mal nur, direkt in die Augen blicken zu können.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie drehte sich um und sah Jeanette Judge vor sich stehen, die direkt von ihrer Schicht in der Bibliothek kam und noch leicht nach alten Büchern roch. Jeanette sah sie aus ihren feuchten schwarzen Augen, die ihre Gefühle nie verbargen, tief besorgt an.

»Ich habe es gerade gehört. Wie geht es dir?«

»Eigentlich ganz gut.«

»Lüg mich nicht an, Aubrey Van Ripper«, schimpfte Jeanette. Sie trug den grauen Poncho, den Aubrey ihr vor einigen Jahren gestrickt hatte, als Jeanette sich bemühte, einen Kredit für ihr neues Auto zu bekommen, und wie sie nun vor ihr stand, mit den in die Hüfte gestemmten schwarzen Händen und Unterarmen, die unter grauen Wollfransen hervorschauten, erinnerte sie Aubrey ein bisschen an einen grauen Ritter mit einem diamantförmigen Schild. »Komm her.« Jeanette schlang ihre kräftigen Arme um sie, und Aubrey überließ sich dem warmen, festen Griff ihrer Freundin und war fast verlockt, zu probieren, ob sie die Füße vom Boden abheben könnte.

»Was ist denn genau passiert?«, wollte Jeanette wissen, als sie Aubrey schließlich losließ.

»Ihrem Herzen ist die Luft ausgegangen.«

»Die Luft ausgegangen? Ein Herz ist doch kein Ersatzreifen.«

Aubrey zuckte die Achseln. Sie wollte nicht Herzanfall sagen. Ein Herz sollte keine Anfälle bekommen. Sie wollte sich erklären, doch Jeanettes Blick wurde plötzlich starr und richtete sich bedrohlich auf etwas hinter Aubreys Schulter.

»Was willst du denn, Katrina Van der Donck?«

Aubrey drehte sich leicht zur Seite und sah in Katrinas wachsamen Augen Vergnügen aufblitzen.

»Nichts Besonderes«, entgegnete Katrina.

Jeanettes Nasenflügel weiteten sich. »Du tratschst wohl gerne, hm? Na, da hab ich was für dich. Es geht um eine bestimmte, uns beiden wohlbekannte Person, die in der Strickerei aufgetaucht ist – auf der Suche nach dem Van-Ripper-Voodoo.«

»Das wagst du nicht«, sagte Katrina.

»Und ob«, meinte Jeanette. »Warum haust du nicht ab und leerst jemandem die Bettpfanne aus?«

Katrina zog die Oberlippe hoch und bleckte die Zähne. »Besser als mich um diese Scheiße hier kümmern zu müssen.« Sie zerrte ihre Freundin am Ärmel ihres Kittels davon, und die beiden verschwanden im Labyrinth der Krankenhausgänge.

»Das hättest du nicht tun müssen«, bemerkte Aubrey.

»Glaub mir, es ist mir ein Vergnügen.«

Trotz ihres Kummers kräuselten sich Aubreys Lippen zu einem Lächeln. »Van-Ripper-Voodoo?«

»Das Miststück legt sich besser nicht mit mir an«, erwiderte Jeanette.

Aubrey lachte. »Mir gefällt deine Wortwahl, wenn du wütend bist.«

»Meine alten Collegeprofessoren sollen doch stolz auf mich sein können.«

Die Frau hinter dem Tresen, die Aubrey das lila Klemmbrett gereicht hatte, räusperte sich. Aubrey wendete sich seufzend wieder dem Papierkram zu. Sie fragte sich, wie oft man sie noch daran würde erinnern müssen, dass Mariah tot war, bis sie nicht mehr überrascht darüber wäre.

Vor Jahren hatte Mariah eine Hellseherin dafür bezahlt, ihr die Zukunft vorherzusagen, und die kettenrauchende alleinerziehende Mutter hatte geschworen, Mariah werde an ihrem hundertsten Geburtstag von einem Blitz erschlagen werden. Stattdessen war Mariah nun – gut zwanzig Jahre vor dem angekündigten Datum – an einem wolkenlosen Tag mitten im Gemeindezentrum tot umgefallen. Aubrey konnte es sich genau vorstellen: wie Mariah Steve Halpern wegen seines neuen Einkaufszentrums, dem Tappan Square weichen sollte, mit in die Luft gestreckter Faust und auberginefarben angelaufenem Gesicht gehörig den Kopf wusch und dann plötzlich zusammenbrach, um nie wieder aufzustehen. Hätte es doch nur einen Vorhang zum Zuziehen gegeben, ein Publikum, das Rosen warf und Bravo! rief – es wäre ein passenderes Ende gewesen.

Aubrey setzte ihren Namen neben ein weiteres X.

»Sind wir denn sicher, dass es keine Fremdeinwirkung gab?«, fragte Jeanette.

»Natürlich.«

»Ich meine ja nur. Der Typ hat vielleicht keine Waffe gehabt, aber umgebracht hat er sie dennoch.«

»Steve Halpern ist ein Mistkerl, aber kein Mörder.«

»Er ist Politiker. Und er hat sie mit all dem Stress umgebracht.«

»Na ja, er – «

»Das hat er. Er hat sie umgebracht. Wegen eines gottverdammten Einkaufszentrums. Mein Gott, Mariah ist im Kampf gegen die Zerstörung ihres Zuhauses gestorben!« Riesige Tränen kullerten Jeanettes ockerbraune Wangen hinunter, und das Weiß ihrer Augen war mit Rot durchsetzt. »Ich verstehe nicht, wie du überhaupt noch hier sein kannst, Aubrey. Warum bist du nicht zu Hause? Warum vergießt du keine Tränen über einer Tasse Pfefferminztee? Wir sprechen hier von Mariah. Der Frau, die dich großgezogen hat. Der einzigen Familie, die dir noch geblieben war – «

»Meine Schwestern – «

»Die zählen nicht. Komm schon, Aub. Willst du mir sagen, dass du gar keine Träne für sie hast? Nicht eine?«

Aubrey dachte einen Moment lang nach. Manchmal sagten Leute, die einen geliebten Menschen verloren hatten, dass sie wie benommen waren. Sie sagten Dinge wie: Es ist noch nicht richtig bei mir angekommen. Aubrey verstand ganz genau, was es bedeutete, dass ihre Tante gestorben war; und schon kam ihr alles, was sie tat und sah, weit entfernt vor. Sie sah einen Baum – etwa den knorrigen kleinen Hornstrauch vor der Highschool, den sie schon tausende Male gesehen hatte –, und auch wenn es derselbe Baum war wie immer, spürte sie doch, dass etwas daran anders war. Anders, aber nicht verändert.

Es war die Strickerei, die sie bereits zu sich rief, an ihr zog wie tausend kleine Haken an ihrer Haut. Seit Aubrey dreizehn war und ihre Augen ein Blau angenommen hatten, das schlicht ein medizinisches Wunder war, wusste sie, dass sie eines Tages mit der Strickerei vermählt sein würde, so wie ihre Tante Mariah, und davor ihre Großmutter und davor ihre Urgroßmutter und davor die Schwester ihrer Ururgroßmutter und davor wer auch immer, die ganze Reihe zurück bis zu Helen Praisegod Van Ripper, die den Anfang gemacht und sie alle verdammt hatte. Aubrey war lediglich die jüngste Van Ripper, die die Strickerei zur Hüterin ihrer Geheimnisse erwählt hatte – ihr Leben war nicht mehr oder weniger wichtig als das ihrer Vorgängerinnen. Und sie hatte sich schon vor langer Zeit dazu gezwungen, ihr Schicksal am Rand der Gesellschaft zu akzeptieren – es anzunehmen. Sie lebte Tag für Tag mit dem Wissen, dass sie irgendwann in vielen Jahren, wenn sie bereit war, die Rolle ihrer Tante in der Strickerei und in der Gemeinde übernehmen würde. Die Frauen Tarrytowns würden zu ihr kommen und ihren geheimen Kummer, ihr Leid und ihre Wünsche auf Aubreys Schultern abladen, und nach einem Zauber würden sie Aubrey dann schmähen oder verehren, so wie sie auch Mariah geschmäht oder verehrt hatten, und Aubrey würde hinter den Mauern der Strickerei verwelken wie eine zwischen die Seiten eines Buches gepresste Blume.

Doch all dies hätte in ferner Zukunft geschehen sollen – nicht jetzt, nicht, solange Aubrey noch so jung war. Mariah, die alle Geheimnisse Tarrytowns mit beeindruckender Belastbarkeit geschultert hatte, war nicht mehr da, um ihr zu helfen. Und ihre Schwestern, die ihr einst so nah waren, wie es die Kerne im Gehäuse eines Apfels einander sind, waren verschwunden.

»Soll ich dich nach Hause begleiten?«, fragte Jeanette und strich ihr über den Rücken. »Wir könnten Pizza bestellen und uns im Schlafanzug Filme ansehen.«

»Ist schon in Ordnung«, meinte Aubrey.

»Ich finde einfach, du solltest jetzt nicht allein sein.«

»Danke. Aber genau das möchte ich«, erwiderte Aubrey.

Nachdem entschieden war, was mit Mariahs Leichnam geschehen sollte, und nachdem sie Jeanette ein letztes Mal umarmt hatte, schleppte sie sich zurück zur Strickerei. Sie öffnete die Tür und bemerkte, dass sie beim Verlassen des Hauses vor so vielen Stunden vergessen hatte, hinter sich abzuschließen. Sie blieb im Hauseingang stehen. Vor ihr erstreckte sich wie immer der Flur mit den braunen Schatten der Wasserflecken, den geisterhaften Umrissen längst abgehängter Bilderrahmen und der fleckigen blauen Tapete, die sich an den Rändern wellte. Rechts von ihr befand sich das Wohnzimmer, das niemand mehr benutzte. Zu ihrer Linken war die Strickstube voller Körbe und Fässer und einer Überfülle an Wolle, Strängen und Wollknäueln.

Das Haus legte sich ihr über die Schultern wie ein staubiges Sargtuch.

Sie nahm sich vor, besser nicht nachzudenken. Sie bereitete – nur für sich allein – ein aufwendiges Abendessen aus Tofu-Sushi zu, stellte dann jedoch fest, dass sie keinen Appetit hatte. Also duschte sie ausgiebig. Dann polierte sie das alte Tafelsilber. Sie putzte und schrubbte. Sie wusch sogar ihren zahmen Igel Ichabod Van Ripper im Badezimmerwaschbecken und bürstete seine braun gesprenkelten kleinen Stacheln mit einer alten Zahnbürste, während er entrüstet vor sich hin schnüffelte. Sie versuchte zu lesen. Doch sosehr sie sich auch bemühte, ihre Hände beschäftigt zu halten, fingen ihre Finger wie von selbst an, sich zu bewegen, die Luft zu stricken.

Aubrey schlurfte in ihren Pantoffeln, die sich zu schwer zum Anheben anfühlten, den Flur entlang. Ich werde nicht lange fort sein, hatte Mariah gesagt, und ihr Schlafzimmer schien sie jeden Moment zurückzuerwarten. Die sensationelle Dahlientapete. Die altmodischen Postkarten, die im dicken Rahmen des Spiegels steckten. Der Tod war nicht als finsterer Schatten erschienen, als schwerfällige, grüblerische Angelegenheit. Der Sensenmann hatte Mariah so leicht und gedankenverloren geholt, als hätte er nur eben die Hand erhoben, um eine Mücke totzuschlagen.

Aubrey setzte sich auf Mariahs Bett, vor Kummer gebeugt, doch ohne eine Träne zu vergießen. Auf dem Nachttisch lag Mariahs letztes Projekt, eine vielfarbige Norwegerstrickmütze, noch genau so, wie Mariah sie zurückgelassen hatte, im festen Glauben, dass sie die Arbeit daran bald wiederaufnehmen würde. Aus den winzigen, gleichmäßigen Maschen tauchte das Muster aus dunklem Orange, Marineblau und Buttermilchweiß gerade erst auf. Die Mütze war kein Zauber, das wusste Aubrey. Bloß ein Zeitvertreib. Sie griff nach der angefangenen Arbeit, die im Moment noch mehr Ähnlichkeit mit einer schlaffen Frisbeescheibe ohne Mitte hatte als mit einer Mütze, und legte sie sich auf den Schoß. Wie oft hatte sie im Lauf ihres Lebens ihre Tante, mehr zu sich selbst, sagen hören: »Wo ist nur meine Schere geblieben?« Wie oft hatte sie gesehen, wie ihre Tante lose Fäden in die fertigen Arbeiten hineinsteckte, Anfänge und Enden verbarg?

Ohne Mariah und ohne ihre Schwestern lag Aubreys Zukunft in der Strickerei so lang und trostlos vor ihr wie ein winterlicher Schatten.

Sie dachte: Mari … Ich bin noch nicht bereit.

Wenn es tatsächlich Schicksalsgöttinnen gab, diese vorzeitlichen Schwestern, die das Leben der Menschen mit Schnur und Faden ausmaßen, dann waren sie Aubrey dank des tief in ihrer DNA verankerten Wissens wohlvertraut: Frauen, die färbten und spannen, Frauen, die Fasern mit prüfendem Blick durch die Finger gleiten ließen, Frauen, die abschätzten und abschnitten, Dinge besprachen, ihre Scheren niederlegten und dann – nur für einen Moment – vergaßen, wo.

Aus dem Großen Buch im Flur

Wir dürfen niemals stricken, wenn wir traurig, hoffnungslos oder zornig sind. Unsere Maschen füllen sich mit unseren Gedanken und Gefühlen, daher müssen wir vorsichtig sein. Segen erteilen wir oft mit lautem Getöse – unsere Herzen rufen Gott und das Universum an und verkünden: »Sei gepriesen!« Unser Segen beglückt uns, da wir ihn voller Freude aussprechen.

Doch Flüche entstehen nicht immer aus einer dramatischen Situation heraus, wie wenn König Lear mit gen Himmel gereckter Faust und vernichtenden Worten auf den Lippen in den Sturm hinauseilt. Nein  – Flüche rutschen einem ganz leicht heraus. Wir brummen sie täglich vor uns hin: an den Fahrer gerichtet, der uns die Vorfahrt nimmt, in langen Schlangen an der Supermarktkasse, uns selbst gegenüber, wenn wir etwas so Belangloses tun, wie einen Stift fallen zu lassen.

Wir können einen Fluch in unserem Herzen herumtragen wie die kleine Klette, die sich im Herbst in der Socke eines Wanderers verfängt. Ein Fluch ist so heimtückisch wie eine winzige neue Sommersprosse, wie eine einzige schwarze Ameise, die ein ganzes Zuckerglas verunreinigt. Aus diesem Grund dürfen wir nicht stricken, wenn wir schlechtgelaunt oder traurig sind. Sonst könnte ein Fluch oder auch nur der kleinste schlechte Wunsch weitergegeben werden.

Kapitel 3

Nimm zwei Maschen auf

Mit dem zweiten Freitag im Oktober kam der Regen nach Tarrytown: Der Himmel war grau, der Hudson River hatte sich in Zinn verwandelt, die Regentropfen, die sich an die Eisenträger der Tappan Zee Bridge klammerten, verliehen ihnen ein melancholisches Aussehen, und die Bäume waren Grau-in-grau-Skizzen aus Blei und Kohle.

Als Bitty ihren Sohn und ihre Tochter weckte, schüttete es wie aus Kübeln. Sie schliefen auf dem Rücksitz des Minivans; Carson hatte das Gesicht gegen das Fenster gepresst, so dass sein Atem weiße Flammen auf der mit Regentropfen übersäten Scheibe hinterließ, und Nessa hatte ihre Jacke zu einem Kissen zusammengerollt, über dem sich ihre leuchtend roten Haare ausbreiteten. Beides sah unbequem aus.

»Kommt schon, ihr beiden«, rief Bitty. »Wacht auf. Nehmt eure Sachen.«

Sie wartete nicht ab, bis die Kinder schläfrig zurück ins Leben gefunden hatten. Sie stieß die Fahrertür auf, und der kalte, starke Regen hatte ihre Jeans durchnässt, noch bevor ihre Füße den Boden berührten. Das Wasser lief in kleinen Bächen die Straße hinunter und schleifte Stöckchen und abgefallenes Laub mit sich. Sie blickte durch den schmal zulaufenden Durchgang zwischen der Strickerei und dem Nachbarhaus, doch sie konnte den Hudson nicht erkennen. Der Nebel war zu dicht.

Sie öffnete die Heckklappe und steckte den Kopf in den Wagen. »Kinder. Ihr sollt kommen.«

»O Mann, Mama.« Nessas Stimme klang müde und so jung. Bitty konnte sie durch das Trommeln des Regens hindurch kaum hören. »Es ist erst … Was …? Sieben Uhr morgens?«

»Bitte helft mir einfach«, forderte Bitty sie auf.

Sie nahm so viele Taschen, wie sie tragen konnte – Reisetaschen und Rucksäcke, eine Einkaufstüte mit Carsons Turnschuhen, ihren braunen Lederkoffer, der zum ersten Mal Verwendung fand. Ihre Kinder kletterten aus dem Wagen.

»Ich werde nass«, beschwerte sich Nessa, worauf Carson erwiderte: »Wir auch, Doofi.«

Bitty knallte die Heckklappe zu. »Schnell! Macht schon.«

Sie rannte – oder trampelte eher – vollbepackt auf die geschützte Veranda zu. Für den Bruchteil einer Sekunde riss die Erinnerung sie mit sich fort. Sie rannte mit ihren beiden Schwestern um die Wette die Treppe hinauf. Sie floh atemlos vor den fiesen Nachbarskindern, die sie manchmal nach Hause verfolgten, bis sie lernte, sich gegen sie zu behaupten. Sie stand im Dunkeln auf der Treppe und küsste heimlich den Mann, der schwor, sie für immer zu lieben.

Bitty drehte sich um und musste feststellen, dass die Kinder ihr nicht gefolgt waren. Sie starrten vom Weg aus zu ihr hoch, während sich grasig-braune Schlammpfützen um ihre Füße kräuselten. Die Strickerei thronte über dem feuchten Gartenstück, und die nach unten gesackte Veranda aus der Zeit der letzten Weltwirtschaftskrise erinnerte an ein missbilligendes Stirnrunzeln.

»Kommt schon, ihr beiden. Es ist alles in Ordnung.«

Sie sah, wie Nessa und Carson sich einen Blick zuwarfen – wie Kinder aus zerrütteten Elternhäusern hatten die beiden bereits begonnen, beieinander Trost zu suchen –, dann schulterte Carson seinen Rucksack und ging voran. Nessa folgte ihm langsam, da sie mit ihren zwölf Jahren zu cool war, um sich an einer Nichtigkeit wie Regen zu stören.

»Was für ein Scheißloch«, murrte sie.

»Nicht solche Ausdrücke – «

»Sie meinte natürlich Kackloch«, warf Carson ein.

Bitty drehte sich um und wollte etwas Ermutigendes und Mütterliches sagen wie: So schlimm ist es gar nicht. Aber das Haus zerfiel, der Garten war verwildert, und die Nachbarschaft wirkte verwahrlost.

»Na schön. Es ist ein Kackloch«, seufzte sie.

* * *

Aubrey war noch nicht umgezogen, als Bitty und ihre Kinder vor der Tür standen. Sie hatte die ganze Nacht in Mariahs Zimmer verbracht. Am unteren Ende von Mariahs Bett hatte »Northanger Abbey« aufgeklappt gelegen, und sie hatte darin an der Stelle weitergelesen, an der ihre Tante aufgehört hatte. Irgendwann in der Nacht hatte sie Mariahs flauschigen rosa Bademantel angezogen, um sich vor der Herbstkälte zu schützen. Und am Morgen schlug sie die Bettdecke nicht zurück. Sie blieb im Bett und versuchte krampfhaft weiterzuschlafen, dann träumte sie, dass sie einen Pullover für einen Baum strickte und die Proportionen nicht richtig berechnen konnte. Als sie ihre große Schwester die Treppe heraufrufen hörte – Hallo? Hallo? –, erschrak sie nicht. Sie hatte Bitty angerufen und ihre Ankunft erwartet. Sie wickelte Mariahs Bademantel enger um ihre Taille und ging nach unten.

Aubrey hatte ihre Schwester nicht mehr gesehen, seit Carson sich als zahnloses Frühchen, das in einen Schuhkarton gepasst hätte, weinend in ihren Armen gewunden hatte. Nessa war damals erst zwei Jahre alt, und genervt von all der Aufmerksamkeit, die ihr Bruder allein dafür bekam, dass er auf die Welt gekommen war.

In den Wochen vor Carsons Geburt hatte Aubrey einen einfachen, von oben nach unten gestrickten Pullover aus cremefarbener und blauer Baumwolle für ihn angefertigt, in den sie ihre Wünsche für ihn eingearbeitet hatte: Sie malte sich aus, wie er all die Dinge entdeckte, die seine Kindheit bereichern würden – Bücher und Käfer und Pilze und Fangspiele mit Freunden. Sie stellte sich vor, wie er ein Abschlusszeugnis überreicht und seinen Traumjob angeboten bekam. Sie dachte an eine Partnerin, mit der er sich perfekt ergänzen würde, und wünschte ihm all die Nerven, die er für eigene Kinder benötigen würde, aber auch all die Freude und Erwartungen, die diese bedeuteten. Sie strickte all ihre guten Wünsche in den Pullover für ihn hinein, und als schließlich der Zeitpunkt zum Abketten der Maschen gekommen war, betete sie, er möge eines fernen Tages mit Frieden und Leichtigkeit im Himmel empfangen werden, während seine Enkel neben ihm wachten, und sein Glück möge dank allem, was er erlebt, gesehen und getan hatte, vollkommen sein.

Der Pullover war wunderschön geworden – winzige, mit Nadeln der Stärke zwei gestrickte Maschen, ein Ausschnitt, der sich an der Schulter mit einem Knopf aus Birkenholz öffnen ließ, und kaum sichtbare Nähte. Doch als Bitty bei ihrer Baby-Shower-Party die braune Papierverpackung aufgerissen und vor aller Augen den Pullover ausgepackt hatte, vor den wohlhabenden Verwandten ihres Mannes und den schicken Müttern aus der Nachbarschaft, hatte sie ein langes Gesicht gemacht.

»Oh, danke«, hatte sie gesagt. Und war dann zum nächsten Geschenk übergegangen, als hätte Aubrey ihr ein vulgäres Nachthemdchen, ein Abonnement für eine Diätzeitschrift oder etwas ähnlich Peinliches übergeben.

An diesem Tag war Aubrey gezwungen gewesen einzusehen, was sie zuvor immer bestritten hatte: Bitty hatte die Gewohnheiten ihrer Kindheit, die Traditionen der Strickerei, ein für alle Mal abgelegt. Bald wurden aus den Besuchen ihrer Schwester Telefonate, aus den Telefonaten Grußkarten, aus den Karten E-Mails, die immer seltener kamen, bis sich irgendwann im Laufe der Jahre ein Nebel über all die verstrichene Zeit legte, der sie voreinander verbarg und isolierte: Die Frau, die im Eingang der Strickerei stand und Hallo? Ist jemand zu Hause? rief, war nicht mehr dieselbe Schwester, die Aubrey einst das Haar geflochten, ihr die Decke um die Beine festgesteckt, damit sie sich wie eine Meerjungfrau fühlen konnte, und ihr Erdnussbuttermilch zubereitet hatte, wenn sie sich den Ellbogen aufgeschrammt hatte und weinte.

Aubrey blieb – ein wenig theatralisch, so wie Mariah es vielleicht auch getan hätte – mit der Hand auf dem Treppenpfosten stehen und blickte ihre Schwester im Hausflur an. »Du bist hier.«

»Ja«, erwiderte Bitty. Wasser tropfte ihr aus dem Haar in den Mantelkragen. Sie hatte ihre Taschen abgestellt – so viele, viele Taschen –, während die Kinder ihre fest umklammert hielten. »Ich habe die Nachricht gehört, die du mir auf der Mailbox hinterlassen hast. Und dann bin ich so schnell gekommen, wie ich konnte.« Bitty lächelte schwach. »Wir wollten ein Hotel nehmen, aber in der Stadt ist gerade irgendeine Versammlung.«

»Der Verband der Nachkommen holländischer Farmer«, erklärte Aubrey. »Was ist mit deinem Mann? Wird er …?«

»Wir haben Craig eine Nachricht hinterlassen. Wir wollten ihn nicht wecken.« Bitty räusperte sich und wandte sich dann an ihre Kinder: »Wie dem auch sei, ihr beiden, seid nicht so unhöflich. Sagt eurer Tante Aubrey guten Tag.«

»Eurer Tante Aubrey guten Tag«, sagte Carson.

Aubrey musste lachen.

Nessa murmelte ihre Begrüßung.

»Schön dich kennenzu… wiederzusehen«, gab Aubrey zurück.

Mit der Hand umschloss sie fest die Kugel auf dem Treppenpfosten. Sie war froh, ihre Nichte und ihren Neffen zu sehen, es half etwas gegen die Leere in ihrem Herzen. Doch noch ein weiteres Gefühl machte sich in ihrem Inneren bemerkbar – eines, das sie nicht genau benennen konnte. Als sie beide vor sich stehen sah – Nessa mit ihrer roten Löwenmähne und Carson, der noch jungenhaft war, aber attraktiv zu werden versprach –, liebte sie sie sogleich aus vollem Herzen. Obwohl sie sie doch kaum kannte.

»Dein Schal ist toll«, sagte sie zu Nessa.

Nessa griff nach ihrem nachlässig um den Hals geworfenen Strickschal. Er hatte die Farbe von geröstetem Hafer, gesprenkelt mit jagdgrünen und braunen Tupfen. Darauf wanden sich Zöpfe wie Schlangen umeinander, an die sich Dutzende kleine Bommel schmiegten. Nessa wickelte ihn sich vom Hals. »Danke.«

»Hast du den gemacht?«

»Mom hat ihn mir geschenkt.«

»Darf ich?« Aubrey griff nach dem Schal. Doch sobald ihre Fingerspitzen ihn berührten, zog sie die Hand zurück, da sich ihr Verdacht bestätigt hatte. »Acryl.« Sie warf ihrer Schwester einen kurzen Blick zu. »Du lässt sie Acryl tragen?«

Bitty zuckte die Achseln. »Er war im Angebot.«

»Ich werde ihr einen neuen stricken, während ihr hier seid. Oder noch besser – ich werde ihr zeigen, wie sie sich selbst einen stricken kann.«

»Das kannst du mir beibringen?« Nessas Augen begannen zu leuchten. »Echt? Du könntest so was selber machen

Für einen Augenblick spürte Aubrey, wie sich der Raum verwandelte, selbst die Luft lag nun leichter auf ihrer Haut. Als Aubrey jünger war, so jung, dass sie Worte wie Erwartung und Entfremdung noch nicht kannte, hatte ihre Tante Mariah sie auf einen kleinen Schemel gesetzt, sich dann hinter ihr platziert und den Hocker so weit zu sich herangezogen, bis Aubreys Oberkörper fast zwischen ihren Knien steckte. Dann hatte sie ihrer Nichte die Arme um die Schultern gelegt und ihr die Hände vors Gesicht gehalten – die Perspektive der Strickerin. Bis zum heutigen Tag hatte sich Aubrey niemals sicherer oder mehr geliebt gefühlt als zwischen den Armen ihrer Tante. Um Mariahs linke Hand war ein fester Wollfaden gewickelt gewesen, ihr Zeigefinger war ausgestreckt, und die Wolle hing von seiner Spitze wie von einer Angelrute. Aubrey hatte den Atem angehalten.

»Und jetzt«, hatte Mariah gesagt, »schau hin.«

Aubrey zog Mariahs flauschigen rosa Bademantel fester zu. Draußen wehte der Wind stärker und schneller, ließ die Fenster wie lose Zähne klappern. Nessa wippte auf den Zehenspitzen, während sie auf eine Antwort wartete.

Aubrey lächelte. »Sicher, Nessa. Ich würde dir liebend gern das Stricken beibringen. Es wäre mir eine Ehre.«

Doch Bitty legte einen Arm um ihre Tochter und zog sie an sich. »Tut mir leid. Keine Chance. Wir sind nur zur Beerdigung hier. Danach fahren wir gleich wieder.«

* * *

Die drei Van-Ripper-Schwestern mochten nicht immer einer Meinung gewesen sein, und als sie jünger waren, hörten die Nachbarn sie oft über die seltsamsten Dinge streiten – über ihre Sammlung zahmer Würmer, wer an der Reihe war, Mariah die Fußnägel zu lackieren, wie man einen Frosch richtig hielt. Doch es gab eine Sache, die sie alle sehr früh ohne jede Diskussion gelernt hatten, gemeinsam zu tun: Stricken.

Während der Strickstunde, die meist nach dem Abendessen und den Hausaufgaben direkt vor dem Schlafengehen stattfand, versammelten sich Aubrey, ihre Schwestern und ihre Tante Mariah in dem Raum, der einmal der Salon der Strickerei gewesen war, in dem man Gäste empfangen hatte. Im Laden war Wolle nichts als Wolle. Doch wenn Mariah strickte, verwandelte sie sich in Pullover, Schals, Mützen, erste Küsse, gute Schulnoten, neugeborene Babys und alle möglichen anderen, sehnlich herbeigewünschten Dinge.

Mariah, die stets buntgemusterte Kleider in den fürchterlichsten Farben trug und der das graue Haar wie Seetang ums Gesicht hing, zündete dann eine Kerze an und sprach ein Gebet. Danach begannen sie zu stricken, und jede Schwester war allein mit dem Geräusch ihres eigenen Atems, mit den Maschen, die wie Kieselsteine in einen stillen Teich fielen.

»Die Kunst besteht darin, dass ihr den Kopf freibekommt«, hatte Mariah ihnen erklärt. »Eure Gedanken loslasst.« Eine Strickerin arbeitete immer mit mindestens zwei Fäden zugleich: mit der tatsächlichen Faser und einem anderen, unsichtbaren Faden, dem Wesen der Strickerin, das sich in jeder Masche ausdrückte. Auf diese Weise vermochte sich ein Wunsch, der während des Strickens mit klarem Geist aufrechterhalten wurde, in das Gewebe hineinzuschlängeln und später, wenn sich das Gewebe in einen Pullover oder eine Mütze verwandelt hatte, zu verwirklichen. So gesehen war Zaubern nichts anderes als intensives, konzentriertes Wünschen. Es schien so einfach zu sein. Doch das war es nicht.

Und so lernten die Mädchen von früh an, schweigend zu stricken und die widersprüchliche Aufgabe, an nichts zu denken, als mentale Vorbereitung auf den Tag anzusehen, an dem eine von ihnen, die erwählte Hüterin, tatsächlich Zauber stricken würde.

Von allen drei Van-Ripper-Schwestern war Meggie, die jüngste, immer am unruhigsten gewesen, wenn Mariah sie abends im Salon zur Strickstunde zusammenrief. Die anderen Kinder im Kindergarten lernten gerade, sich die Schuhe zu binden, als Meggie bereits rechte und linke Maschen beherrschte – ob sie wollte oder nicht. Sie zappelte herum und schnaubte, rollte die Zehen ein und knirschte mit den Zähnen. Und immer, wenn sie sich endlich, endlich auf das Stricken einlassen konnte – dessen Rhythmus sich für sie manchmal anfühlte, als würde sie von Wellen im Meer emporgehoben und dann sanft wieder zurück auf die Füße gestellt –, war die Sitzung zu Ende. Je älter sie wurde, desto besser begriff sie, dass in der einfachen Bewegung ihrer Finger und dem Beruhigen ihrer Gedanken pure Schönheit liegen konnte. Doch ihr gelang es höchstens kurz, die Tür zu diesem friedlichen Ort zu öffnen, bevor sie sich wieder vor ihr schloss.

An manchen Tagen nahm sie es Aubrey übel, dass diese so scheinbar mühelos und so schnell strickte. Wenn sie mit den Nadeln aus Palisanderholz die weiche graue Wolle bearbeitete und ihre Augen unter den halbgeschlossenen Lidern so blau wie die Chagall-Fenster der Union Church im Dunkeln leuchteten, sah Aubrey richtig hübsch aus, fast wie eine Nonne. Meggie konnte derweil ihr Hirn nicht zur Ruhe bringen, das mit ganz anderen Dingen vollgestopft war: dass ihre Tante sie von der Schule genommen hatte, dass normale Kinder in ihrem Alter Theaterstücke nicht im Wohnzimmer, sondern in einer richtigen Aula aufführten, dass normale Kinder Fußball- oder Ballett- oder auch Mathewettbewerbspokale bekamen und dass Meggie nichts hatte außer dem Stricken, dem endlosen Stricken, reihenweise Maschen über Maschen.

Je älter Meggie wurde, desto rastloser wurde sie. Als sie zwölf Jahre alt war, rannte Bitty, die etwa achtzehn Monate zuvor ihren Highschool-Abschluss gemacht hatte, mit dem Mann davon, den sie später heiraten sollte. Die Strickabende gingen weiter wie immer, nur ohne Bitty. Es überraschte Meggie nicht, dass ihre Schwester sich aus dem Staub gemacht hatte: Bitty hatte die Strickstunde in ihren späten Teenagerjahren immer wieder geschwänzt, hatte die Strickerei bereits von sich abgeschüttelt, wie sich Meggie soeben noch ihrer letzten Milchzähne entledigte. Daher war Meggie auf ihr Verschwinden vorbereitet, als es sich schließlich komplett vollzog. Und wie ihr war es auch Meggie bestimmt, die Strickerei zu verlassen. Doch sie würde nicht in die Fußstapfen ihrer ältesten Schwester treten: Sie würde sich ihren Weg ganz allein suchen. Aubrey und Mariah waren die Einzigen, die bleiben würden. Eines Tages, als Meggie fast achtzehn war, fand Mariah den alten roten Rucksack, den Meggie für den Notfall in ihrem Wandschrank versteckt hatte – vollgepackt mit allen Dingen, die sie zum Weglaufen benötigte.

»Du magst weggehen«, hatte Mariah gesagt, »doch du wirst niemals wirklich fort sein. Die Strickerei wird dich zurückrufen, und wenn sie es tut, dann musst du alles stehen und liegen lassen, was du auch gerade tust, und nach Hause kommen.«

Erst als Meggie zweiundzwanzig war und vier Jahre fern der stickigen Enge der Strickerei verbracht hatte, stellte sie fest, dass Mariahs Warnung nicht rein metaphorisch gemeint gewesen war. Sie und ihr aktueller Freund lagen gerade im Bett, angenehm erschöpft und klebrig vor Schweiß. Sie waren erst zehn Minuten zuvor in seiner Wohnung in Savannah angekommen. Meggies Shirt war auf Phils Gitarrenkoffer gelandet. Phils Boxershorts baumelten von einem riesigen schwarzen Verstärker.

Meggie hob einen Faden auf, der sich vom ausgefransten schwarzen Saum ihres T-Shirts gelöst hatte, und zeichnete mit dem losen Ende die Tattoos auf Phils Brust nach – einen Drachen, ein Notenzeichen, eine kleine schwarze Fledermaus. Die ganze letzte Woche hatte er davon gesprochen, sich ihren Namen über sein Herz stechen zu lassen, doch sie hatte ihn gewarnt: »Tu’s nicht.«

»Was willst du zu Abend essen?«, fragte er sie.

»Ich weiß nicht.«

»Chinesisch? Italienisch?«

»Keine Ahnung«, meinte sie. »Ich habe keinen großen Hunger.« Unterhaltungen übers Essen, vor allem wenn sie sich in die Länge zogen, waren ein schlechtes Omen. Das aufregende Rauschgefühl, als hätte sie zu lange die Luft angehalten, das sie nach der Begegnung mit Phil empfunden hatte, verblasste bereits. Sie kannte sich. Wenn sie erst einmal wieder den Boden unter ihren Füßen spürte, lief sie normalerweise sofort los.

Sie seufzte und ließ den Faden um seine kleine rosa Brustwarze herumgleiten. Sie pickte noch ein paar weitere Fäden auf und sagte sich: Wird Zeit, das Shirt wegzuwerfen. Sie hielt die Fäden über seine Brust und ließ sie dann nacheinander fallen. Langsam entrollten sie sich auf Phils Brustbein und formten Schlaufen und Girlanden.

Sie stützte sich auf dem Ellbogen auf.

»Was ist los?«, wollte er wissen.

Sie ergriff alle Fäden auf einmal, hob die geballte Faust und ließ sie erneut fallen. Wieder rieselten die Fäden langsam hinunter und bildeten äußerst unwahrscheinliche Schnörkel. Ihr Kopf fühlte sich schwer und zugleich ganz leicht an.

»Was machst du?«, fragte er.

»Siehst du denn nicht?«

Er zog den Kopf ein und vergrub sein Kinn in der Brust, um mürrisch auf die Fäden zu blicken, die sich auf sein Brustbein gelegt hatten. »Was denn?«

»Nichts«, antwortete sie.

Um Mitternacht saß sie bereits im Bus nach Norden, ließ das sanfte Tiefland Georgias wie einen Traum hinter sich zurück und hatte das Bild der Palisades am Ufer des Hudson – hundertfünfzig Meter zerklüftetes Triasgestein – wie eine Festungsmauer vor Augen. Der Mann auf dem Sitz neben ihr schnarchte und sabberte auf seinen Anzug.

»Hat es dich als Kind nicht wahnsinnig gemacht, mit all diesen Geschichten über den Kopflosen Reiter aufzuwachsen?«, wollten die Leute manchmal von ihr wissen, wenn sie hörten, dass sie aus Tarrytown war. »Hattest du Angst?«

Meggie lehnte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe des Busses.

»Ob ich Angst hatte?«, erwiderte sie dann stets. »Die habe ich bis heute.«

Die Nachricht in den Fäden war leicht zu verstehen gewesen:

Geh

Aus dem Großen Buch im Flur

Natürlich ist da immer die Frage – die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Realen und dem Wahren. Eine Sache kann wahr sein, ohne real zu sein. Vielleicht kannst du das nicht richtig begreifen, doch sorge dich nicht. Dies ist die Natur des Glaubens, der Magie, der Kunst und eines guten Lebenswerks: Wenn du jemals vollständig verstehst, was du gerade tust, dann solltest du auf der Stelle damit aufhören.

Kapitel 4

Verbinde Kontrastfarben

Nessas Daumen bewegte sich mit rasender Geschwindigkeit: Bitte, sag der Polizei, ich wurde von einer Frau, die wie meine Mom aussieht, entführt und ins 18. Jh. zurückverfrachtet.

Die Antwort ihres Freundes Jayden Miller erschien prompt: Haha.

Echt jetzt, schrieb sie zurück. Bitte, rette mich!

Sie behielt ihr Handy im Auge, um zu sehen, ob er ihr noch eine SMS schicken würde. Sie wartete. Als er es nicht tat, seufzte sie und klappte das Telefon zu.

Auf dem zweiten Bett auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes lag ihr Bruder – von ihr bisweilen »Luder« genannt, weil er ihr so fürchterlich auf die Nerven ging – auf dem Bauch ausgestreckt. Carson konnte sich mit seinen Comics trösten, doch sie hatte gar nichts. Nichts außer der bodenlosen, schmerzhaften Einsamkeit, die niemals verschwand.

»Komm schon.« Sie warf ein Kissen nach ihm, verfehlte ihn jedoch meilenweit. »Steh auf.«

»Nein.«

»Ich sagte, steh auf.«

»Wieso sollte ich?«

»Hallo? Weil wir uns auf den Weg machen.«

»Wohin denn?«, fragte er.

»Weiß nicht. Auf Erkundungstour.«

Carson sah sie an. Sein Gesicht war so rund wie ein Kürbis, und sein glattes blondes Haar reichte ihm bis zum Kinn. Statt in White Plains, New York, hätte er in irgendeinem kalifornischen Strandort geboren werden sollen. »Mom sagt, wir dürfen nicht allein rausgehen, weil es da Drogendealer gibt.«

»Keine Erkundungstour draußen. Hier drinnen.«

Carson zögerte einen Moment – zweifellos überlegte er, ob eine Tour durch das Haus verlockender schien als der Ruf seines Comics mit dem breitschultrigen Helden, der gleich von seinem Erzfeind auf der Suche nach Informationen gefoltert werden würde. Doch letztendlich tat er, was er immer tat, wenn Nessa etwas von ihm wollte. Er stand auf.

Sie gingen los. Der Flur im ersten Stockwerk war lang und gerade wie ein hohler Knochen. Am anderen Ende ließ ein Fenster ein wehmütiges bläuliches Licht herein. Carson klopfte mit den Knöcheln an die Wand.

»Schhhh«, machte Nessa.

Er zog eine Grimasse, ließ jedoch die Hand sinken.

Es war natürlich nur ein Spiel, die Vorstellung, dass sie sich in das alte Haus vorwagten – als könnten sie auf einen Raum voll gesponnenen Goldes oder eine verzauberte Rose oder gar einen Durchgang in die Vergangenheit stoßen. Sie öffneten nacheinander die vielen Schlafzimmertüren, die entlang dem langen Flur lagen und stellten fest, dass die Räume dahinter alle nahezu gleich aussahen. Eine Kommode, ein Wandschrank, ein Bett. Spitzengardinen. Manchmal gab es noch einen Schreibtisch. Keine verzauberten Spinnräder. Keinerlei Geister.

Carson seufzte. »Das ist langweilig. Ich lese lieber weiter in meinem Comicroman.«

»Du meinst dein Bilderbuch.«

»Comicbuch.«

»Egal.« Nessa schloss eine Tür hinter sich. »Was ist mit dem Turm? Willst du den denn nicht finden?«

Carson zuckte die Achseln.

»Was? Bist du ein Feigling?«

Carson runzelte die Stirn. »Nein.«

»Ein Idiot? Bist du ein kleiner Idiot?«

»Mir ist der blöde Turm einfach egal.«

Nessa blies sich so stark auf, wie es ihre schmalen Schultern zuließen. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, der Turm gehörte zu einem Anbau, der dem Haus irgendwann im späten neunzehnten Jahrhundert hinzugefügt worden war. Im Erdgeschoss erweiterte der Anbau den Raum, den sie Salon nannten, den jedoch offensichtlich niemand benutzte. Doch Nessa hatte keine Ahnung, was sich im oberen Teil befinden mochte. Sie vermutete, dass es nicht einfach war, in die Spitze des Turmes mit den drei gotischen Bogenfenstern und dem extrem spitzen Dach zu gelangen. Aber wahrscheinlich hätte der Turm sie auch kein bisschen interessiert, wenn jemand eine Tür geöffnet und Hier entlang, bitte gesagt hätte.

»Na gut. Dann gehe ich eben ohne dich«, sagte sie.

»War schön, dich gekannt zu haben, Ungeheuer«, erwiderte Carson.

»Ich hab dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst!«

»Ungeheuer von Loch Ness. Bettnässer. Nesselsucht.«

»Halt die Klappe!« Sie stampfte davon, nicht mehr bemüht, leise zu sein, um zu zeigen, dass sie keine Angst hatte. Sie ging bis zum Ende des Flurs, wo sich das Zimmer ihrer Tante befand, und stand vor dem Türgriff aus leuchtendem Kristallglas.

Aubreys Zimmer.

Sie drehte den Knauf. Aubreys Schlafzimmer war etwas größer als die anderen, doch ebenso spartanisch, ordentlich und einfach eingerichtet. Es gab darin Anzeichen von Leben – ein aufgeschlagenes Buch auf den Kissen, ein paar Topfpflanzen, ein hübscher Goldfisch in einer Glasschüssel, eine Art Hamsterkäfig – sie konnte jedoch keinen Hamster sehen – und sogar ein kleiner Fernseher. Aber keine Xbox. Kein Fön. Kein Make-up. Kein Parfüm. (Ihre Tante hatte ganz offensichtlich keinen Freund.) Und keine Treppe, die zum Turm hinaufführte.

Nessa wollte schon umkehren. Und doch konnte sie aus irgendeinem Grund nicht gehen. Ihr Hirn bewegte ihren Körper wie eine Marionette und führte sie durch Aubreys Schlafzimmer. Sie hatte keine Angst. Sie fühlte sich wie elektrisiert. Und war sich so gewiss. Das Gefühl sagte ihr, sie solle die knarrende Tür an der hinteren Wand von Aubreys Zimmer öffnen, die aussah, als führte sie in eine Kammer, was aber anscheinend nicht stimmte. Sie bedeutete ihr, die modrige schmale Wendeltreppe mit den engen Kurven hinaufzusteigen, obwohl es ihr eher so vorkam, als stiege sie hinab, tiefer hinab in die Dunkelheit und noch tiefer, bis die Dunkelheit sich wie ein Morgennebel verzog und sie ihn endlich gefunden hatte. Sie war in der Spitze des Turms angelangt. Und hielt die Luft an. Sie befand sich inmitten eines Märchens, Gold hier, Silber da, eine funkelnde und glänzende Fundgrube, die nur darauf gewartet hatte, von ihr entdeckt zu werden, die, irgendwie, auf sie allein gewartet hatte.

Sie verharrte nur einen Moment, doch lang genug. Als ihr Bruder sie später fragte, ob sie den Turm gefunden habe, sagte sie nein, nicht weil sie log, sondern weil sie nicht ganz verstand, was sie eigentlich gefunden hatte.

Erst viel später in der Dunkelheit, nachdem ihre Mutter sie beide ins Bett gebracht hatte, kam ihr das, was sie sagen wollte, etwas weniger verrückt vor, und sie erzählte Carson die Wahrheit. Sie versuchte zu beschreiben, was sie gesehen hatte: »Es war wie eine Höhle im Piratenfilm. Eine Schatzkammer.« Dort oben, unter der kegelförmigen Decke des Turms mit seinen drei kleinen Fenstern in der Mauernische, hatte sie ein Set Elfenbeinkämme und eine gigantische vergoldete Bibel in einer fremden Sprache gefunden. Sie stieß auf eine Weinflasche aus dem Jahr 1887, deren Etikett so verblasst war, dass es einem verwitterten Grabstein glich. Es gab Ölgemälde, Porzellanfiguren, Kristallgläser, Juwelen in juwelenbesetzten Schachteln, eine Schreibmaschine, einen Kronleuchter und vieles mehr.

Nessa schloss mit den Worten: »Und das Merkwürdige daran ist, dass ich so ein … ich weiß nicht … Gefühl hatte. Als wüsste ich einfach, wo der Turm ist. Obwohl ich nie zuvor dort war.«

»Na, du weißt aber schon wieso, oder?«

»Wieso?«

»Hirnschaden. Du bist als Baby auf den Kopf gefallen.«

»Halt die Klappe, das bin ich nicht«, erwiderte sie. Sie hatte keine Lust, mit ihm zu streiten, obwohl sie sich danach manchmal besser fühlte. »Findest du das denn nicht sonderbar?«

Carson antwortete schläfrig: »Vielleicht verkauft Tante Aubrey Antiquitäten.«

»Nein«, widersprach Nessa.

Neben dem alten Krempel, der aus jeder Ecke des Turmzimmers quoll, hatte es auch neuere Sachen gegeben. Modernes Zeug. Eine Micky-Maus-Brotdose. Ein Hochzeitskleid, das halb vom Bügel gerutscht war. Einen vertrockneten Strauß Rosen, der eine rötlich schwarze Farbe angenommen hatte. Sie hatte ein paar Bücher gesehen, einen Kindersitz, eine halbangezogene Barbiepuppe, ein Paar Kätzchen-Buchstützen, einen roten Waggon, leuchtende Turnschuhe, ein Kruzifix, eine Vase …

Carson schlief bei ihrer Aufzählung ein, doch Nessa blieb wach und starrte an die Decke. Ihr Haus in White Plains befand sich in einer ruhigen Sackgasse, wo sie nachts höchstens einmal den Golden Retriever ihrer Nachbarn bellen hörte. Hier in der Strickerei schien die Nacht voller Geräusche und Gefahren zu sein. Sie hörte den Straßendschungel – Autos, aus denen schwere Bässe dröhnten, Leute, die einander durch beengte Gassen etwas zuriefen, ein Baby, das schrie, schrie und schreien gelassen wurde. Sie hörte das Haus selbst ächzen und knurren wie den Magen eines großen Ungeheuers, in dem sie gefangen war.

»Carson?«, flüsterte sie. »Bist du noch wach?«

Er antwortete nicht. Wie erwartet.

Die Strickerei hatte etwas an sich, das sie misstrauisch machte. In der Dunkelheit des Schlafzimmers kam es ihr überflüssig vor, die Augen zu schließen.

* * *

Stunden später in derselben Nacht schreckte Aubrey aus dem Tiefschlaf auf, was ungewöhnlich war. Von einem nächtlichen Pochen wurde sie normalerweise nicht geweckt. Der Igel räumte zu allen möglichen Zeiten seinen Käfig um oder rannte auf seinem Laufrad, doch das hörte sie schon seit Jahren nicht mehr. Ebenso wenig wie die Worte von Passanten, die so klar und deutlich in ihr Zimmer drangen, als säße der Sprecher auf der delligen braunen Chaiselongue in ihrem Schlafzimmer, statt sich unten auf dem Bürgersteig zu unterhalten. »Du würdest auch ein Erdbeben verschlafen«, pflegte Mariah mit leichter Bewunderung in der Stimme zu sagen.

Aber heute Nacht stimmte etwas nicht. Ein Laut, ein Pochen. Aubrey wachte auf und blieb reglos liegen. Sie lauschte angestrengt. Was war das? Holte Nessa sich ein Glas Wasser? Hatte Carson sich verlaufen? Die Geräusche – ein leises Schlurfen, unregelmäßige dumpfe Schläge – waren zu gedämpft, um unschuldig zu sein: Es waren die Geräusche von jemandem, der versuchte, leise zu sein.

Einen Moment lang dachte sie: Das ist nicht real. Doch sie wusste es besser.

In Tappan Square lebten lauter gute Menschen – hart arbeitende Eltern, Mütter, die ihre Lebensmittel in Einkaufswagen nach Hause schoben, Männer, die ihre Gartenstühle auf den Bürgersteig stellten und Zigarren rauchten. Doch neben all den guten Menschen gab es auch jene, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Irgendjemandes durchgedrehten Sohn. Jemanden, der Geld brauchte. Den Freund von einem Freund.

Hoffnungsvolle Diebe hatten es schon immer auf die Strickerei abgesehen; die Gerüchte von einem Schatz waren eine Verheißung für große und kleine Ganoven. Doch dasselbe Gerede, das neugierige Kriminelle anlockte, wirkte zugleich als Abschreckung. Das letzte Mal war die Strickerei in den frühen Siebzigern ausgeraubt worden, als ein paar bekiffte Hippies in das leere Haus eingedrungen waren und nur das mitgenommen hatten, was sie in ihren Makrameebeuteln tragen konnten. Kurz nach dem Raub, der Mariah erschüttert, aber keinesfalls eingeschüchtert hatte, waren die Diebe bei Jersey City gefunden worden, wo sie auf einem zum Geisterschiff mutierten Rennboot den Hudson hinuntertrieben, nackt, blau angelaufen und tot, mit der Ausbeute aus der Strickerei um sie herum verteilt. Offiziell sprach die Polizei von einer Überdosis. Inoffiziell glaubte ganz Tarrytown, der Teufel habe sie in den Wahnsinn getrieben. Die Gerüchte hatten gereicht, um die meisten Gauner Tarrytowns von der Strickerei fernzuhalten.

Doch mittlerweile veränderte sich die Nachbarschaft mit jedem Tag ein bisschen mehr. Neue Leute aus der ganzen Welt strömten wie Ebbe und Flut herein und wieder hinaus und zeigten nur wenig Verständnis für den Aberglauben des alten Tappan Square. Aubrey hatte bereits vorgeschlagen, eine Alarmanlage zu installieren. »Wofür denn?«, hatte Mariah gespottet. Sie glaubte fest daran, dass die Strickerei sich selbst beschützte. Sie glaubte allerdings auch, dass drei Stare auf der Wiese Glück brachten und dass langes Einlegen jedem Gemüse zuträglich war. Nun, da das Schlurfen und Pochen immer lauter wurde, wünschte Aubrey, sie hätte mit mehr Nachdruck auf der Alarmanlage bestanden. Wenn die Strickerei heute Nacht ausgeraubt würde, kämen ihre Schwester und die Kinder wohl nie wieder her.

Sie kroch unter der Bettdecke hervor. Da sie keine Waffe besaß, griff sie nach einer metallenen Stricknadel mit fünf Millimetern Durchmesser auf ihrem Nachttisch – dick genug, um fest, dünn genug, um scharf zu sein.

An der Tür am anderen Ende des Flurs angelangt, vernahm sie Geräusche. Es war definitiv jemand im Haus. Schlurfte herum. Stieß gegen die Möbel. Sie verharrte wie versteinert in der Dunkelheit.

Sie wollte sich gerade zurückziehen, ihre Schwester wecken und die Polizei anrufen, da flog mit einem Luftschwall die Tür auf. Aubrey riss die Nadel hoch und schrie.

»Warte! Warte!« Der Eindringling packte sie am Handgelenk. Sie schrien nun beide. »Warte!«

Aubrey wand sich besinnungslos vor Angst aus dem Griff des schattigen Umrisses.

»Aubrey. Hör auf. Ich bin’s!«

Aubrey verstummte.

»Hey. Ich bin’s.«

Sie wich zurück. »Meggie?«

Meggie knipste das Licht im Flur an und kniff dann geblendet die Augen zusammen. Als sie der Strickerei den Rücken gekehrt hatte, fiel ihr das Haar in warmen goldbraunen Wellen bis zur Taille. Dazu trug sie am liebsten bodenlange Blumenkleider und lief ohne Schuhe und BH durch Tarrytown.

Nun hatte sie kurzes rabenschwarzes Haar, das ihr wild über die Brauen fiel. Ihr Gesicht war voller, reifer, wenngleich sie immer noch die schmalen Züge einer Elfe besaß. Sie trug hautenge Jeans zu Converse-Sneakern und hatte sich einen Nietengürtel tief um die Hüften geschlungen.

Meggie hatte die Strickerei vor vier Jahren verlassen. Vier unbedeutende Jahre. Doch Aubrey erkannte sie kaum wieder. Es hätte ein ganzes Leben dazwischenliegen können.

»Also«, sagte Aubrey.

Meggie streckte ihr die Hände entgegen. »Ich kann es erklären …«

Als Aubrey ihre kleine Schwester das letzte Mal gesehen hatte, stopfte diese gerade Jeans und T-Shirts in einen alten Koffer, ohne sich die Mühe zu machen, sie zusammenzufalten. Ihr frisch erworbenes Highschool-Abschlusszeugnis, das erst einen Tag zuvor mit der Post gekommen war, lag auf dem Bett.

»Ich habe genug gespart, um nach Miami zu fliegen«, hatte Meggie grinsend behauptet. »Zum Feiern. Nach elf Jahren Heimunterricht habe ich mir ein freies Wochenende verdient, meinst du nicht?«

Aubrey hatte sich auf Meggies Bett gesetzt und ein Stück regenbogenfarbene Wolle an den roten Rucksack ihrer Schwester geflochten, um Taschendiebe, Moskitos, Flugverspätungen und – spaßeshalber – nicht vertrauenswürdige Männer abzuschrecken. Kann ich mitkommen?, hätte sie am liebsten gefragt. Doch sie konnte sich einfach nicht vorstellen, am Pool zu sitzen und süße Cocktails zu schlürfen, die Nacht in stickigen Clubs zu durchzutanzen und bis mittags zu schlafen. Sie konnte sich noch nicht einmal vorstellen, in ein Flugzeug zu steigen. Meggie stand es frei, zu gehen, wohin sie wollte, ihren Launen nachzujagen und sie in den Schwitzkasten zu nehmen. Aubrey dagegen war durch ihren Glauben an die Strickerei und ihre Verpflichtung ihr gegenüber an deren zerbröckelnde Wände gekettet.

Wenn sie nicht so sehr über sich selbst und ihr eigenes Schicksal nachgedacht hätte, wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass Meggie viel zu viele Kleidungsstücke in den Koffer stopfte, um nur ein langes Wochenende fortzubleiben. Wenn sie besser aufgepasst hätte, hätte sie vielleicht das Flugticket ihrer Schwester einkassiert und verlangt, zu erfahren, wo diese wirklich hinwollte. Doch sie hatte nicht nachgedacht – zumindest nicht über Meggie. Und so hatte sie Meggie am JFK-Flughafen mit nur einer flüchtigen Umarmung aus dem Auto gescheucht, da sie die Taxen und Mietwagen hinter sich nicht aufhalten wollte. Sie hatte damals nicht geahnt, dass so viele Jahre später erst Mariah sterben musste, bevor ihre kleine Schwester wieder nach Hause käme.

Aubrey wurde schwindlig. Sie drückte sich an Meggie vorbei in deren altes Schlafzimmer. Als Bitty hereineilte, schwemmte kalte Nachtluft mit ihr in den Raum. Ihre Augen waren vom Schlaf verquollen, ihre Strähnchen durcheinander.

»Aubrey? Alles in Ordnung? Was ist pass…?« Bitty hielt inne. Ihr Blick landete auf Meggie, und sie richtete sich überrascht auf. »Oh. Wann bist du denn gekommen?«

»Gerade eben.«

»Aubrey hat dich angerufen?«, fragte Bitty. »Sie wusste, wo du bist?«

Meggie hatte das Kinn eingezogen. »Äh, nein.«

»Wie … hast du es dann herausgefunden?«

»Wie habe ich was herausgefunden?«, fragte Meggie.

Bitty blinzelte verwirrt. »Wie hast du das mit Mariah herausgefunden?«

»Was ist mit Mariah?«

»O Gott.« Aubreys Magen verknotete sich, und sie umfasste ihren Bauch, als könnte sie die Übelkeit mit den Händen stoppen.

»Alles okay?«, fragte Bitty.

»Tut mir leid, ich muss mich setzen.« Ihre Schwestern sahen zu, wie sie sich mit einer Hand an der Wand abstützte und dabei mit den ...

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