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Die Wandersängerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. KAPITEL 13
  20. KAPITEL 14
  21. KAPITEL 15
  22. KAPITEL 16
  23. KAPITEL 17
  24. KAPITEL 18
  25. KAPITEL 19
  26. KAPITEL 20
  27. KAPITEL 21
  28. KAPITEL 22
  29. KAPITEL 23
  30. KAPITEL 24
  31. KAPITEL 25
  32. KAPITEL 26
  33. KAPITEL 27
  34. KAPITEL 28
  35. KAPITEL 29
  36. KAPITEL 30
  37. KAPITEL 31
  38. KAPITEL 32
  39. KAPITEL 33
  40. ZUM SCHLUSS
  41. DANKSAGUNG

Über das Buch

Eine farbenprächtige Reise durch das mittelalterliche Böhmen
Regensburg, 1268. Die junge Kaufmannstochter Arigund verliert ihr Herz an den Adligen Reimar. Er erwidert ihre Gefühle, doch Arigund wird mit seinem Bruder Wirtho verheiratet, einem gewalttätigen Trunkenbold. Als Wirtho von ihrer Liebe erfährt, bedroht er die beiden. Reimar verschwindet spurlos, und Arigund muss fliehen. Um zu überleben, setzt sie das Einzige ein, was ihr geblieben ist: ihre engelsgleiche Stimme. Doch Wirtho bleibt ihr auf der Spur – und sinnt auf Rache …

Über die Autorin

Karolina Halbach wurde 1962 in Neustadt an der Waldnaab geboren und kennt Regensburg schon seit ihrer Kindheit. Schon damals hat sie sich in das »bayrische Venedig« verliebt. Mehrere Jahre war es ihr vergönnt, mit Blick auf Burg Brennberg zu wohnen, was sie zu ihrem historischen Roman »Die Wandersängerin« inspiriert hat. Viele der beschriebenen Örtlichkeiten, wie etwa das Höllbachtal, Falkenstein und den »Goldenen Steig« kennt sie als begeisterte Freizeitreiterin vom Pferdesattel aus.

Heute lebt die promovierte Naturwissenschaftlerin mit ihrer Familie, ihren zwei Hunden und drei Ponys in der Nähe von Passau.

KAPITEL 1

NOVEMBER 1267

Behutsam legte das Mädchen die Gänsefeder zur Seite und schüttelte das verkrampfte Handgelenk. Sie sah aus dem Doppelbogenfenster, das man schon in wenigen Wochen mit Stroh und hölzernen Läden gegen die Kälte des Winters abdichten würde, hinaus auf die Wahlenstraße. Ein Löwe mit Menschenkopf zierte den Schlussstein, das Wappen der Zandt, des Geschlechts ihrer Mutter. Pater David, eben noch tief über das Lesepult gebeugt und versunken in ein Pergament, hob den Kopf und sah zu ihr herüber. »Nun Arigund, ist es dir gelungen, die Schrift aus dem Griechischen zu übersetzen?«

Das Mädchen atmete tief durch und bemühte sich um einen bescheidenen Tonfall. Ihre Begeisterung für Griechisch und Latein hielt sich ziemlich in Grenzen. Sie mochte lebendige Sprachen, solche, die man auch sprechen konnte: Italienisch, Französisch oder Tschechisch. Die konnte man gut brauchen, wenn der Vater einmal Gäste aus den Städten beherbergte, mit denen er Handel betrieb. Was dagegen sollte sie mit Latein und Griechisch anfangen? Ihr Hauslehrer war in diesen Dingen leider unnachgiebig. Doch vielleicht konnte sie ihn diesmal überlisten?

»Pater, Ihr habt mir doch versprochen, dass wir heute diesen neuen Choral anstimmen – zum Lobpreis Christi.«

Der Prior sah sie aus ernsten blauen Augen an, strich sich die Kutte zurecht und runzelte die Stirn.

»Zum Lobpreis des Herrn, mein Kind, oder weil du erhoffst, der Weisheit des Aristoteles zu entgehen?«

»Ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte, doch die Übersetzung war ziemlich schwierig. Nach einem Lied würde es mir bestimmt leichter fallen, mich zu sammeln und die richtigen Worte zu finden.«

Der Mönch lächelte in seinen Bart hinein. Dieses DeCapella-Mädchen blieb selten eine Antwort schuldig. Wäre sie als Junge geboren, stünde ihr gewiss eine große Zukunft im Fernhandel offen. Fragend schaute das Mädchen den Prior an. Diese Augen, diese dunklen, fast schwarzen Augen, umrahmt von einem Kranz ungebärdiger, tief dunkelbrauner Haare, die einer Madonna würdig waren und die kleine, zierliche Statur waren ein Erbe von Arigunds Vater, dem Venezianer. Aber den klugen Kopf hatte das Kind eindeutig von der mütterlichen Seite. Das Geschlecht der Zandts war in Regensburg angesehen. Arigunds Großvater war ein außerordentlich einflussreicher Mann und hatte in seinem Leben wohl so alles erreicht, was ein Bürger Regensburgs mit Gottes Hilfe und einem schnellen Verstand erlangen konnte. Seine Tochter, Arigunds Mutter, hätte dem DeCapella sicher prächtige Söhne geschenkt. Aber leider hatte Gott der Herr in seinem unerforschlichen Ratschluss die Frau Anna Barbara schon kurz nach der Geburt ihrer Tochter zu sich genommen. Was für ein Verlust!

»Na gut«, gab der Priester nach. »Leg die Feder beiseite! Ich werde mir das Pergament später ansehen.«

Seine Sandalen schlurften über den Holzboden, als er zu ihr herüberkam. Für den hübschen Wandteppich und den venezianischen Spiegel hatte er keinen Blick übrig. Als Bettelmönch hatte er den weltlichen Dingen entsagt, und sie interessierten ihn tatsächlich nicht, außer sie hatten mit der Entwicklung seines Minoritenklosters zu tun. Dies war auch der maßgebliche Grund, warum er sich die Mühe machte, das Patriziermädchen zu unterrichten. Schließlich zählte ihr Vater zu den wichtigsten Förderern seiner ständig wachsenden Bruderschaft.

Pater David von Augsburg liebte jedoch die Musik. Er war davon überzeugt, dass die menschliche Stimme, insbesondere wenn sie geschult und zu seinem Lobpreis angestimmt wurde, Gott den Herrn erfreue. Und hier war er auf eine unvermutete Begabung seiner jungen Schülerin gestoßen! Denn auch wenn natürlich Knabenchöre an Reinheit und Klang nicht zu übertreffen waren, musste er zugeben, dass dieses DeCapella-Mädchen eine angenehme Stimme besaß. Es machte Freude, mit ihr zu singen.

Schon im Gehen stimmte der Pater ein paar Töne an. Er hatte einen volltönenden Bariton, um den ihn viele Brüder beneideten, und er hatte gelernt, seinen ganzen Körper bei der Erzeugung der Töne zu nutzen. Arigund sang zwar noch im hellen Sopran eines Kindes, zart anzuhören und unschuldig wie eine Lerche am frühen Sommermorgen, aber es gelang ihr jetzt schon, die Technik seines Gesangs nachzuahmen. Zudem hatte sie ein gutes Gehör, und so dauerte es auch diesmal nicht lange, bis sie die Melodie erfasste. Gleich in der zweiten Strophe stimmte sie in seinen Gesang ein. Behutsam führte der Mönch das Mädchen durch die schwierigen Passagen des Liedes.

Doch dann hielt Arigund unvermutet inne.

»Pater David, ich bitte um Entschuldigung, aber ich glaube, wenn ich diese Stelle etwas tiefer singe, dann würde sie noch besser klingen. Und vor dem ›Ave Maria‹ sollten wir eine kleine Pause einlegen. Der Lobpreis der Jungfrau fände dann mehr Beachtung.«

Lächelnd nickte der Mönch.

»Nun dann, versuche es. Ich werde lauschen und dir sagen, was ich darüber denke.«

*

Während Arigund sang, öffnete sich leise die Türe. Ein kleiner Mann trat vorsichtig in den Raum. Obwohl er sich schlicht kleidete, konnte niemand Zweifel an seinem Wohlstand hegen. Das Tuch war von einem Könner gewebt und von feiner Wolle. Und auch das Wohnhaus des Antonio DeCapella zeugte von Reichtum. Erst im letzten Jahr war der neue Turm seiner Residenz in der Wahlenstraße fertiggestellt worden. Fast wagemutig zog er so mit der Familie Zandt auf gleiche Höhe.

Der Kaufmann wartete, bis seine Tochter geendet hatte und begrüßte den Mönch dann freundlich: »Gott zum Gruße, Pater David. Wie ich höre, studiert ihr gerade mit meiner Tochter ein neues Lied ein.«

Der Mönch vernahm den etwas missbilligenden Unterton. In letzter Zeit schien der Kaufmann zunehmend unzufrieden mit den Fortschritten seiner Tochter, so als ginge ihm alles nicht schnell genug. Dabei lernte das Mädchen fleißig. Aber schließlich war sie noch ein Kind.

»Wir sind gerade mit den Übungsstunden fertig geworden. Arigunds Griechisch verbessert sich. Sie liest es flüssig und macht nur noch wenige Fehler beim Schreiben.«

»Das Griechische, aha, und wie steht es mit dem Rechnen?«

Wieder war der Tonfall bohrender, als es der Mönch von DeCapella gewohnt war.

»Eure Tochter, Herr, scheint mir ungewöhnliches Talent fürs Kaufmännische zu haben. Die Anzahl von Regensburger Pfennigen in einem Krug könnte sie allein an seinem Gewicht bestimmen.«

Zufrieden strich der Kaufmann seiner Tochter über den Lockenkopf. »Mia cara, deine Übungsstunden sind für heute beendet. Lass mich kurz mit dem Prior allein.«

Gehorsam packte das Mädchen seine Utensilien zusammen, knickste kurz und schloss dann die Türe hinter sich.

Antonio DeCapella wartete, bis er hörte, wie sich die Schritte seiner Tochter entfernten.

»Mein lieber Pater David«, hob er dann an, »ich möchte Euch um einen Dienst bitten.«

Der Pater runzelte die Stirn. Es kam nicht oft vor, dass ihn einer der reichen Kaufleute um etwas bat. Meistens war es eher umgekehrt.

DeCapella nagte an seiner Unterlippe, studierte fahrig das Pergament, in dem der Pater vorhin gelesen hatte, und meinte dann: »Ich werde mich erneut vermählen und möchte die Einsegnung gern in Eurer Klosterkirche vollziehen.«

Die Falten auf der Stirn des Paters glätteten sich. Eine Hochzeit – wie erfreulich!

»Es soll der Schaden der Bruderschaft nicht sein«, setzte der Kaufmann eilig hinzu.

Das klang nach einer großzügigen Spende. Im Geiste ging der Pater die notwendigen Renovierungsarbeiten an der Kapelle durch. Ihm fiel da so manches ein. »Selbstverständlich, Herr, wenn Ihr den Segen des Herrn wünscht, so werden wir ihn gern für Euch erbitten! Wann soll die Hochzeit denn stattfinden?«

»Im nächsten Jahr.«

»Und darf ich fragen, wen Ihr Euch zur Frau erkoren habt?«

Diesmal schien der Patrizier herumzudrucksen. Der Mönch wunderte sich. Ein Mann wie DeCapella würde sicher keine Ehe eingehen, die nicht standesgemäß wäre. Da gab es andere Möglichkeiten, sich die Gunst einer Frau zu erwerben. Selbst ein Bischof ging ins Frauenhaus, um sich seiner unguten Säfte zu entledigen. Pater David ließ dem Kaufmann Zeit und hob einen Becher frisches Brunnenwasser an die Lippen. Schließlich stieß DeCapella den Namen hervor: »Katharina Thundorf.«

Der Mönch hätte um ein Haar das Wasser wieder ausgespuckt. Das war wahrlich eine Überraschung.

»Katharina Thundorf?«, wiederholte Pater David ungläubig. Er hätte weit eher angenommen, dass DeCapella sich erneut ein Weib aus der Familie Zandt suchen würde, was aus Sicht des Familienfriedens geschickter gewesen wäre. Eine Thundorferin zu heiraten, das war mutig, nein, waghalsig. Die Zandts und Thundorfs, obwohl beide im Rat vertreten, waren schon seit Generationen verfeindet.

DeCapella knetete nervös seine Finger. »Ja.«

Es entstand eine weitere Pause. »Wisst Ihr, Pater, es ist eine gute Frau, eine Witwe.«

»Sicher. Sie ist das älteste der Thundorf-Kinder und heiratete mit dreizehn einen Fernhandelskaufmann in Augsburg. Im letzten Jahr raffte ihn die Schwindsucht dahin.«

»Das Trauerjahr ist bereits verstrichen.«

»Aber es könnte andere Probleme geben. Die Zandts …«

»Das lasst meine Sorge sein!«, unterbrach ihn DeCapella hastig. »Ich mache mir Gedanken um Arigund. Was wird sie zu einer Stiefmutter sagen?«

»Es ehrt Euch, Herr, dass Ihr Euch Gedanken um das Wohl Eurer Tochter macht. Andererseits, sie ist ein Mädchen und wird das Haus über kurz oder lang sowieso verlassen.«

»Sie wird vierzehn.«

»Richtig, vielleicht ein wenig zu alt, um sie zur Erziehung fortzugeben.« Der Pater kraulte nachdenklich seinen Bart und fuhr dann fort: »Und noch nicht alt genug für eine Heirat.«

Der Kaufmann nickte. »Selbst wenn: Die Ehe müsste wohlbedacht sein. Der alte Zandt steht ihr sehr nah. Es wird schwierig werden, seinen Ansprüchen zu genügen.«

»Dann lasst ihn doch die Ehe arrangieren.«

»Himmel, nein! Ich habe nur dieses Kind. Die Ehe muss wohlbedacht sein. Falls mir die Thundorferin keinen Sohn schenkt, darf das Haus DeCapella nicht in falsche Hände geraten.«

Unschlüssig wiegte der Pater den Kopf und begann auf und ab zu schreiten. Die Ledersandalen klatschten auf den Holzboden.

»Arrangiert eine Ehe, die über ihrem Stand ist, möglichst mit einem Adelsherrn.«

DeCapella lächelte. »Gegen so eine Hochzeit könnte der alte Zandt tatsächlich kaum Einwände vorbringen. Der Kaufmann kratzte sich am Kinn und fuhr dann nachdenklich fort: »Aber welcher Edelfreie will schon unter Stand heiraten, auch wenn man es mit dem Verlust der Titel und Güter nicht mehr so streng nimmt wie früher?«

»Für einen reichen Fernhandelskaufmann wäre es zu bewerkstelligen, wenn man es geschickt einfädelt. Die Herren Ritter neigen zur Völlerei und haben kein rechtes Verhältnis zum Geld …«

»Und der Fürstbischof?«, wandte DeCapella ein.

»Ich als Prior könnte ein gutes Wort für Euch einlegen, Herr. Schließlich seid Ihr ein bedeutender Gönner unseres Klosters.«

Ein wohlwollendes Lächeln huschte über DeCapellas Gesicht. Er schien genau auf diese Zusage gehofft zu haben. Doch dann verdunkelte sich seine Miene erneut.

»Wird man sie denn gut behandeln? Die Ritter scheinen mir recht raubeinig. Sie ist ein Stadtkind und an Freiheit gewöhnt.«

Pater David zuckte die Schultern. »Sie ist ein Mädchen und wird sich ihrem Schicksal fügen. Es wäre allerdings von Vorteil, ein Haus zu wählen, mit dem wir Regensburger in Burgfrieden leben. Nicht, dass aus einer Zwistigkeit der Adelsherren am Ende Euer Fleisch und Blut zu einem Unterpfand würde.«

DeCapella winkte ab. Als hätte er vor, seine Tochter einem dieser Raubritter zu geben, die ständig versuchten, seine Agenten zu erschlagen!

»Ich werde einen Gefallen einfordern«, erklärte er dem Abt. »Die Brennberger stehen in meiner Schuld – und meine Tochter ist nicht schlechter als jedes der adligen Mädchen, das an ihrem Hof erzogen wird …«

»Die Burg der Truchsesse?«, fragte der Mönch streng. »Aber die Herrin der Burg … führt einen Minnehof!«

DeCapella fuhr auf. »Und was ist daran schlecht? Ich hörte, sie empfängt die berühmtesten Troubadoure. Arigund wird ihren musikalischen Neigungen weiter nachgehen können.«

»Aber … aber … sie wird nicht nur singen und die Laute schlagen lernen. Sie wird … tanzen! Und sie wird mit … äh … mit Männern zusammenkommen.«

Pater David druckste herum. Wie viele Kirchenmänner missbilligte er die neue Mode, die Edelfräulein und jungen Ritter an den Fürstenhöfen nicht mehr streng voneinander getrennt aufwachsen und lernen zu lassen. Adelsfreie wie die Herrin von Burg Brennberg unterwiesen Mädchen und Jungen im höfischen – minniglichen – Umgang miteinander. Dazu gehörten der gemeinsame Genuss von Musik, Tanz und Dichtung. An Minnehöfen waren Troubadoure ebenso willkommen wie starke Kämpfer – und das Idealbild des modernen Ritters vereinigte beide Tugenden. Doch DeCapella ließ keinen Einwand gelten.

»Die Herrin von Brennberg wird es wohl schaffen, diese Kontakte im Rahmen schicklicher Formen zu halten«, bemerkte DeCapella streng. »Ihr wollt sicher weder meiner Tochter noch der Edelfrau mangelnde Tugend unterstellen?«

Der Pater schüttelte den Kopf. Die Sache war offensichtlich sowieso schon beschlossen.

»Dann werde ich die Hochzeitszeremonie mit meinen Brüdern besprechen.« Er machte eine segnende Geste und schritt zur Tür. Er hatte sie fast erreicht, als ihm der Kaufmann nachrief: »Prior, ich bin Euch sehr zu Dank verpflichtet, dass ihr Euch in den letzten Jahren so hingebungsvoll der Ausbildung meiner Tochter gewidmet habt, und ich würde – wenn Eure Zeit es erlaubt – sie bis zu Arigunds Abreise, sagen wir zu Mariä Himmelfahrt, auch gerne weiterführen. Danach …, nun, ich hoffe, ich kann für einen möglichen Erben mit meiner neuen Frau auf Euch zählen?«

»Gewiss«, antwortete der Geistliche knapp. Doch dann wandte er sich noch einmal um: »Ihr müsst mir nicht danken. Ich habe Arigund gern unterrichtet, für ein Mädchen ist sie ein aufgewecktes Kind. Ich hoffe, Gott wird auch weiterhin über sie wachen.«

KAPITEL 2

MÄRZ 1268

Annelies fand Arigund mit hochrotem Kopf in einer Ecke ihrer Kammer kauernd.

»Herrin, was ist denn passiert?«, fragte die Zofe besorgt, doch sie ahnte bereits, dass es wieder Ärger mit dem Herrn DeCapella gegeben hatte. In den vergangenen Wochen war er oft ungeduldig mit seiner Tochter und fuhr sie wegen jeder Kleinigkeit an.

»Ich habe mich verrechnet, nur um einen einzigen Pfennig!«, zischte die Patriziertochter gekränkt. »Weißt du, was er gesagt hat?«

Annelies schüttelte den Kopf.

»Fehler können sich nur die Bettler vor dem Dom erlauben. Mach so weiter, und du landest genau da!«

Im nächsten Moment begann das Mädchen hemmungslos zu weinen. Hilflos stand Annelies daneben und wusste nicht, ob sie Trost spenden oder Aufmunterung geben sollte. In letzter Zeit war Arigund schwer einzuschätzen. Die Köchin meinte, das läge daran, dass die junge Herrin zur Frau reifte. Dann hatte Annelies eine Idee. Auf flinken Füßen eilte sie in die Küche hinunter und erbat von der Köchin ein Glas warmer, mit Honig gesüßter Milch. Sie fand Arigund bei ihrer Rückkehr regungslos an derselben Stelle, noch immer in Tränen aufgelöst. Behutsam berührte die Zofe ihre junge Herrin an der Schulter.

»Schaut einmal, was ich Euch gebracht habe. Süße Milch, die mögt Ihr doch so gerne.«

Arigund sah auf. Ihre Augen waren rot und verquollen, aus ihrer Nase lief der Rotz. Die Zofe stellte den Becher neben ihrer Herrin ab, sprang auf und fischte nach einem Stofftaschentuch aus der Truhe neben Arigunds Bettstatt. Sie reichte es ihrer Herrin. Die griff nach dem fein bestickten Leinentuch und schnäuzte zweimal kräftig hinein, dann nahm sie einen tiefen Schluck aus dem Becher. Annelies hockte sich neben sie. Unaufgefordert begann sie Arigunds Haar zu bürsten. Das beruhigte ihre Herrin normalerweise immer.

»Das war so gemein«, flüsterte Arigund nach einer Weile des Schweigens, »und man konnte es bis in die Schreibstube hören. Das hat er mit Absicht gemacht. Bestimmt lachen dort jetzt alle über mich.«

»Aber nein«, versicherte Annelies. »Schaut einmal, der Herr DeCapella liebt Euch mehr als sein Leben. Er will nur Euer Bestes. Deshalb ist er so streng.«

»Aber ich gebe mir wirklich Mühe, und trotzdem mache ich alles falsch«, seufzte Arigund.

»Schaut, Ihr seid doch noch jung. Es ist ganz unmöglich, dass Ihr genauso gut schreibt und rechnet wie die Männer der Schreibstube. Die machen das schon seit vielen Jahren. Zudem höre ich von denen nur anerkennende Worte über Euch.«

»Und Pater David ist auch dauernd unzufrieden mit mir. In der letzten Schrift sind mir drei Fehler unterlaufen. Er war so wütend, dass die Ader auf seiner Stirn ganz dick geworden ist. Ich fürchtete beinahe, sie würde platzen.«

»Pater David gibt Euch aber auch viel zu schwierige Texte.«

Unglücklich schüttelte das Mädchen den Kopf. »Nein, ich habe einfach kein Talent fürs Griechische.«

»Dafür habt Ihr die Stimme einer Nachtigall. Ihr könnt jeden jungen Herren in Regensburg mit Eurem Gesang verzaubern und ins Paradies entführen.«

Sofort begannen Arigunds Tränen zu trocknen und ihre Augen wieder zu leuchten. »Du meinst wie Circe, die Tochter des Sonnengottes, die es vermochte, mit ihrer Stimme Wölfe und Bären zu zähmen?«

Annelies nickte eifrig, auch wenn sie sich schwerlich vorstellen konnte, dass ein hungriger Wolf sich ernsthaft von bloßem Gesang besänftigen ließ. Bei Männern dagegen mochte das Arigund schon gelingen – vorausgesetzt, sie schwenkte dabei ein wenig die Hüften. Das jedenfalls behauptete Annelies’ Cousine Magda, die im Hause DeCapella als Küchenmagd diente.

»Ach, ich wünschte, ich würde tatsächlich auf Circes Insel leben, das wäre ein Traum! Du würdest doch mitkommen, oder?«

»Natürlich, wer würde nicht gerne Männer, wenn sie unliebsam werden, in Schweine verwandeln?«

Annelies kannte die Geschichte, die Arigund mit dem Prior studiert hatte. Noch gestern hatten die beiden darüber gekichert. Die Zofe musste bei dem Gedanken wieder schmunzeln und steckte Arigund mit ihrer Fröhlichkeit an.

»Männer können aber auch ganz schön verlockend sein«, meinte das Kaufmannsmädchen. Es zwinkerte Annelies zu, und die wusste genau, auf was – beziehungsweise auf wen – ihre Herrin anspielte. Annelies aber tat ganz unschuldig und meinte: »Das kann ich mir kaum vorstellen. Die meisten Männer, die ich kenne, hätte Circe augenblicklich verzaubert.«

»Also, der Mann, den ich mal heirate, der muss von nobler Gesinnung sein, gerecht und aufrecht. So jemand wie König Artus, ein Ritter. Aber natürlich muss er auch Geld haben.«

»Ich fürchte, da werden wir noch eine Weile warten müssen, bis uns so einer angetragen wird. Und bis dahin könnt Ihr Euch von Eurem Vater verwöhnen lassen.«

Annelies deutete auf das Kleid aus feinstem byzantinischen Tuch, das Herr DeCapella von seinem italienischen Hausschneider für seine Tochter hatte anfertigen lassen. Doch Arigund zeigte sich nach wie vor unversöhnlich. »Das hat er doch nur gemacht, damit ich die Kröte mit seiner Hochzeit schlucke.«

Annelies überlegte, wie viele Kleider sie selbst wohl im Schrank hätte, wenn sie für jede »Kröte«, die sie hatte schlucken müssen, eines bekommen hätte. Vielleicht gar ein solches, wie es da lag. Es war in Meister Pedros Werkstatt angefertigt worden, und der war in ganz Regensburg für sein Geschick mit Nadel und Faden bekannt.

Die Zofe griff behutsam nach der aufwendig gearbeiteten Brüsseler Spitze, die Kragen und Ärmel des Gewandes zierte. Sie war mit Glasperlen bestickt, genug, um den Reichtum des Hauses DeCapella zu bezeugen, aber nicht so viel, um anmaßend zu wirken. Annelies liebte es, mit den teuren Stoffen und Spitzen zu hantieren, und sie hatte Talent dafür, wie man Kleidung geschickt zusammenstellte. Ihre Mutter hatte es sie einst gelehrt, damals, als der Vater noch als Tuchhändler hatte arbeiten können. Das waren gute Zeiten gewesen. Doch dann war der Vater krank geworden und die Familie hatte Hunger gelitten. Schließlich hatte Annelies die Stelle im Haus der DeCapellas angetreten. Seither wurde sie zumindest täglich satt.

»Sei es, wie es sei, Ihr werdet wunderschön darin aussehen, Herrin. Wisst ihr eigentlich schon, wer alles zum Fest kommen wird?«

Im Grunde kannte die Magd die Antwort selbst. Seit Monaten bot die Gästeliste den Bediensteten Gesprächsstoff, wenn sie sich zum Nachtmahl in der Küche versammelten. Annelies, eigentlich ein scheues Mädchen, das nicht gerne im Mittelpunkt stand, wurde von den anderen oft mit Fragen bedrängt. Wer denn alles käme und ob vielleicht bei dieser Gelegenheit auch nach einem Bräutigam für die Tochter des Hauses Ausschau gehalten werde? Ob Annelies die Zukünftige des Herren DeCapella bereits zu Gesicht bekommen habe und ob sie wirklich so streng sei, wie sich alle erzählten? Normalerweise senkte Annelies dann immer den Kopf und zuckte mit den Schultern. Sie tratschte nicht über ihre Herrschaft – höchstens ein wenig mit Magda, aber da gab es derzeit ein ganz anderes Thema. Annelies lächelte versonnen in sich hinein und hätte fast nicht mitbekommen, dass sich Arigund tatsächlich auf das Ablenkungsmanöver einließ.

»Alle großen Häuser Regensburgs werden da sein und natürlich auch deren Söhne«, verkündete sie.

»Und vielleicht Euer zukünftiger Gatte?«, neckte Annelies.

Arigund kicherte. »Hast du da einen bestimmten im Sinn? Etwa den schielenden Kirschensteiner Buben?«, erwiderte sie keck.

»Ich dachte da mehr an den jungen Herren Schierling«, schlug Annelies vor.

»Bist du wirre? Den müsste ich ja hinter einem Schleier verstecken. Als ich ihn zuletzt sah, hatte er lauter rote Pusteln im Gesicht.«

»Ah, ich verstehe, Euch steht eher der Sinn nach einem aufgeweckten Italiener. Einem Troubadour vielleicht?« Annelies machte eine Bewegung, als schlüge sie die Laute.

»Ich fürchte, die Söhne der Venezianer, die mein Vater geladen hat, taugen nicht einmal als Gondoliere.«

»Aber wohlhabend wären sie schon.«

»In der Tat. Das kann man ihnen nicht absprechen.« Arigund nickte desinteressiert. Sie brauchte sich um den Reichtum ihres künftigen Gemahls nicht zu sorgen. In der Bekanntschaft ihres Vaters gab es keine armen Schlucker.

»Ihr solltet auf jeden Fall versuchen, ihnen vorgestellt zu werden, bevor eine Thundorferin Euch den Kavalier wegschnappt.«

Arigund verzog die Lippen zu einem Schmollmund. »Die fehlen ja nie, wenn sie einen fetten Happen riechen.«

»Bei diesem Fest können sie schwerlich fernbleiben«, versuchte die Magd zu scherzen, »wo der Herr DeCapella doch die Herrin Katharina heiratet.«

Arigund schaute drein, als habe sie Zahnschmerzen.

»Diese Thundorferin mit ihrem Pfannkuchengesicht! Wäre sie nicht aus einflussreichem Hause, käme eine Verbindung mit ihr nie in Frage.«

»Natürlich reicht die Frau Katharina nicht im Entferntesten an die Schönheit und Würde Eurer Mutter heran«, beschwichtigte Annelies.

Anna Barbara Zandt war Arigunds Vorbild. In den Handelshäusern Regensburgs wurde der Name ihrer Mutter auch heute noch mit großer Achtung genannt, und in so mancher Gesindeküche munkelte man, dass das Haus DeCapella seinen Aufstieg in Regensburg nicht so sehr dem kaufmännischen Talent des Herrn als vielmehr den Verbindungen und dem Verhandlungsgeschick seiner Gemahlin zu verdanken habe. Von seiner neuen Frau erhoffte sich der Herr DeCapella sicher Ähnliches. Schließlich war die Patrizierburg der Thundorfer in der Gesandtenstraße in den letzten Jahren stetig gewachsen. Die Köchin hatte deshalb gemeint, dass die Katharina Thundorf, auch wenn bereits Witwe und gewiss nicht halb so angenehm wie die Anna Barbara Zandt, eine gute Partie war. Herr DeCapella besäße zweifellos ein glückliches Händchen in Heiratsangelegenheiten.

»Mein Onkel fährt auf einem der Thundorfer Donauschiffe«, meinte Annelies zaghaft. »Er sagt, man würde sie nur mit erlesenen Waren beladen.«

»Papperlapapp, Dienstbotengeschwätz!«, herrschte Arigund sie an. »Die Thundorfs biedern sich den Wittelsbachern an. So verdienen sie ihr Geld, nicht mit ehrbarem Fernhandel. Ein wahrer Regensburger Kaufmann ist ein freier Bürger, frei im Geist und nur dem Kaiser zu Diensten.«

Annelies zuckte zusammen. Das konnte ja heiter werden. Wenn Arigund sich mit solchen Äußerungen nicht zurückhielt, würde sie sich rasch den Zorn der Katharina Thundorf zuziehen. Schließlich brachte die ihre eigenen Dienstboten mit, und die würden ihrer Herrin so etwas augenblicklich zutragen. Auch Annelies würde in Zukunft noch vorsichtiger werden müssen. Zwar war sie keine Unfreie, doch sie hatte noch einige Jahre als Zofe vor sich, bis sie mit einer angemessenen Aussteuer nach Hause zurückkehren und eine Hochzeit in Erwägung ziehen konnte. Sie hätte es lieber gehabt, wenn bis dahin alles beim Alten geblieben wäre.

KAPITEL 3

APRIL 1268

Kerzengerade verharrte Arigund auf einem Hocker und ließ die langwierige Ankleideprozedur über sich ergehen. Zwei Glockenschläge später, als die Zofe ihr Werk vollendet hatte, war das Mädchen kaum wiederzuerkennen. Gekleidet in dunklen Brokat, mit feinen Strümpfen und Schuhen aus weichem Ziegenleder, wirkte Arigund so nobel wie eine Prinzessin. Die nun zur Raison gebrachten Haare wurden gekrönt von einem Reif aus Ebenholz, dem Schappel, das dem nahezu durchsichtigen Schleier Halt bot. Die feine Spitze bedeckte Arigunds für hiesige Mädchen etwas zu dunklen Haare und ihren braunen Teint. Nur die schwarzbraunen Augen blitzten nach wie vor höchst undamenhaft.

»Herrin, ihr seid wunderschön«, hauchte Annelies.

Arigund zwinkerte ihrer Magd zu. »Sag ich doch!«, kokettierte sie. »Mein Vater wird mit Stolz auf mich blicken.«

Beschwingt stieg Arigund die Treppe zur großen Halle herunter. Im Eingang zum Festsaal entdeckte sie ihren Vater – bereits im Hochzeitsgewand – im eifrigen Gespräch mit zwei hünenhaften Männern. Arigund erkannte die Adelsfreien von Brennberg, Herren der gleichnamigen Burg. Der schwarze Waffenrock mit rotem Blitz kennzeichnete sie als Ritter von hohem Rang. Arigund hatte Pater David gut zugehört, als er ihr die Regensburger Adelshierarchien erklärte. Für ihren Vater musste es eine große Ehre sein, dass der Fürstbischof seinen Truchsess gesandt hatte. Nur selten kam ein Ritter zur Hochzeit eines bürgerlichen Kaufmanns. Arigund hatte nur eine vage Vorstellung vom Leben der Ritter. Hier in der Stadt hielt man sie für unzivilisierte Gesellen, die darauf aus waren, den Kaufleuten Geld und Waren abzunehmen oder sie sogar zu ermorden. Pater David jedoch schilderte sie ihr in den glühendsten Farben. In seinen Geschichten waren Ritter noble Männer mit edler Gesinnung, die den Heiligen Gral bewachten. Arigund näherte sich zögernd, um festzustellen, in welche der beiden Kategorien die Brennberger wohl fielen. Von hier oben war das allerdings schwer auszumachen. Ob es schicklich war, die Ritter zu begrüßen? Andererseits waren die Brennberger seit Langem Kunden des Handelshauses DeCapella. Und so behandelte Arigunds Vater sie nun auch: höflich, aber nicht unterwürfig. Zwar mied der Kaufmann den direkten Blickkontakt zu den Rittern, aber er hatte sich immerhin auf die zweitunterste Treppenstufe gestellt. Der kleine Mann befand sich somit nur knapp unter Augenhöhe der Hünen, und er sprach laut und gestikulierte lebhaft – auch dies nicht unbedingt angemessen im Umgang mit Adeligen.

»So leid es mir tut, Euer Gnaden, aber ich muss darauf bestehen, dass die Außenstände umgehend ausgeglichen werden«, hörte das Mädchen ihren Vater sagen. »Über der Schwertleite Eures Sohnes ist bereits der Winter vergangen, und kein einziger Regensburger Pfennig wurde unserem Hause übergeben.«

»Ihr werdet doch wohl auf das Ehrenwort eines Ritters vertrauen«, grollte der Brennberger. »Ihr werdet Euer Geld schon bekommen.«

»Ich bedauere außerordentlich, aber auch ich stehe in der Pflicht. Die Venezianer überlassen mir den Brokat nicht für gute Worte, sondern nur gegen klingende Münze. Wir rüsten zum Marienfeiertag ein Schiff. Bis dahin kann ich Euch Frist gewähren, danach jedoch müsste ich mich an den Fürstbischof wenden.«

Die Schwerthand des Ritters zuckte. Arigund unterdrückte einen Aufschrei und trat zurück in den Gang. Dabei stieß sie gegen eine Vase, die klirrend zu Boden fiel. Ihr Vater sah zu ihr hoch. Der Ausdruck auf seinem Gesicht, eben noch angespannt, änderte sich sofort. Ein Strahlen ließ seine dunkelbraunen Augen leuchten. Er breitete die Arme aus und kam seiner Tochter entgegen.

»Madonna, mia cara«, raunte er. »Du blendest uns mit deiner Schönheit.« Er deutete einen Handkuss an und geleitete sie dann die Stufen hinunter.

»Hohe Herren, darf ich Euch meine Tochter Arigund vorstellen. Arigund, verneige dich vor dem Truchsess des Bischofs, Herrn Reimar von Brennberg, und seinem Sohn Wirtho.«

Das Mädchen beugte den Nacken und versank in einem angemessen tiefen Knicks. Der Geruch von Pferdeschweiß und Bier stieg ihr in die Nase. Zwischen den Wimpern hindurch blinzelte sie die beiden Ritter an. Mächtige Gestalten waren das, Furcht erregend mit ihren seitlich gegürteten Schwertern. Niemand sonst in Regensburg würde ihrem Vater in seinem eigenen Haus derart herrisch gegenübertreten. Der Truchsess musste in der Tat ein mächtiger Mann sein. Es war mutig von ihrem Vater, so unnachgiebig auf seinen Forderungen zu beharren. Arigund bemerkte den abschätzenden Blick des Burgherren.

»Ein wenig kleinwüchsig, das Mädchen. Wie alt bist du, Kind? Acht? Neun?«

Arigund versank noch mehr. Ja, sie war von kleiner, schmächtiger Gestalt, genau wie ihr Vater. Aber das konnte doch noch werden!

»Sie vollendete im Februar das vierzehnte Lebensjahr und ist unserem Haus bereits eine große Stütze im Kontor«, pries DeCapella seine Tochter an.

»Im Kontor? So wird sie von einem Schreiber unterrichtet?«

»Ihr Lehrer ist Bruder David von Augsburg, der Prior des Minoritenklosters. Sie kann hervorragend rechnen und ist dabei, sich in die Bücher einzuarbeiten.«

»Ach, sind das die Aufgaben der Damen in einem städtischen Kaufmannshaus?«

»Je früher man den Wert des Geldes schätzen lernt, desto weniger leichtfertig gibt man es später aus.«

Wenn auch in Demut vorgetragen, so war dies eindeutig eine Spitze gegen den Truchsess, dessen schlechtes Zahlungsgebahren in Patrizierkreisen legendär war. Kaum ein Kaufmann gab ihm noch Kredit.

Der Truchsess zog entsprechend die buschigen Augenbrauen hoch. »Nun, hat sie denn auch weibliche Qualitäten?«

»Gewiss, sie kann nicht nur mit der Feder zaubern. Euer Gnaden werden in ganz Regensburg niemanden mit einer schöneren Stimme finden. Ihr Gesang ähnelt dem einer Nachtigall im Sommerwind.«

Reimar von Brennberg antwortete mit etwas, was genauso gut ein Husten- wie ein Lachanfall sein konnte. Arigund knirschte mit den Zähnen und ballte die kleinen Fäuste. War sie eben noch ganz aufgeregt gewesen, einem echten Ritter zu begegnen, so machte sich in diesem Moment ihr italienisches Temperament bemerkbar. Mochte der alte Schwarzbart sich über ihre Figur lustig machen, aber ihren Gesang ließ sie von niemandem in Abrede stellen. Sie dachte gerade noch darüber nach, ob es unzüchtig wäre, das Wort an den Ritter zu richten, als ein Bediensteter am Hauseingang erschien und meldete, dass die Kutschen zur Kirche bereitstünden. Der Truchsess nickte unwillig und verabschiedete sich. Arigunds Vater griff nach den Mänteln und warf seiner Tochter einen liebevollen Blick zu. Sie würde heute in einer anderen Kutsche sitzen.

*

Als Arigund die Karosse bestieg, bemerkte sie verwundert, dass sich bereits eine Person darin befand. Das helle Haar und die füllige Figur zeichneten sie als eine Thundorferin aus. Und tatsächlich: »Hildegard, deine neue Stiefschwester«, stellte die Fremde sich vor. »Du musst Arigund sein.«

Überrascht musterte Arigund ihre Gesellschaft. Sie hatte nicht erwartet, so schnell ihrer neuen Verwandtschaft gegenüberzustehen. Sie zögerte einen Moment zu lange, bevor sie Hildegard die Hand reichte.

»Sei willkommen – und richtig, ich bin Arigund, Tochter der Anna Barbara Zandt.«

Arigund setzte sich Hildegard gegenüber in die Kutsche und beäugte ihre zukünftige Stiefschwester neugierig. Katharina Thundorf, die zukünftige Gemahlin ihres Vaters, brachte drei Kinder in die Ehe, ein Mädchen und zwei Söhne. Arigund hatte das wohl gewusst, aber es war eine Sache, davon zu erfahren, dass man eine zwei Jahre ältere Schwester bekommen würde, eine andere war es, ihr gegenüberzusitzen. Was um Himmels willen sollte sie mit ihr reden?

»Gar nichts!«, würde ihr Großvater Zandt wahrscheinlich brummen. »Mit Thundorfern spricht man nicht!« Aber der war jetzt nicht hier. Arigund knetete verlegen ihre Finger. Glücklicherweise nahm Hildegard mit einem unverfänglichen Thema die Unterhaltung auf.

»Ganz schön warm für April.« Sie wedelte sich frische Luft zu.

»Ja«, bestätigte Arigund lahm.

Hildegard zupfte an ihren Handschuhen aus feinem weißen Kalbsleder herum.

»Wir sind uns noch nicht begegnet«, versuchte es Hildegard noch einmal. »Ich war in den letzten Jahren in Italien.«

»Ähm, ja«, meinte Arigund lediglich, »habe ich gehört. Ich war noch nie aus Regensburg heraus.«

»In unserem Haus ist es üblich, dass die Kinder ihr Elternhaus früh verlassen. Venedig ist zudem sehr angenehm. Ich spreche jetzt fließend Italienisch. Das ist sehr wichtig, wenn man einmal einem Handelshaus vorstehen soll.«

»An dieser Sprache wird es auch bei mir nicht scheitern.«

»Sicher, am Italienisch nicht.«

Hildegard warf einen vielsagenden Blick auf Arigunds winzige Brüste. Im Vergleich zu Hildegards waren sie eigentlich gar nicht vorhanden.

Was für ein gemeines Biest!, dachte sich Arigund und begann bereits Pläne zu schmieden, wie sie den anstrengenden Familienzuwachs wieder loswerden könnte. Da erinnerte sie sich an die letzte Bemerkung ihrer zukünftigen Stiefschwester. »Du hast die Strapazen einer langen Reise auf dich genommen, um an dieser Hochzeit teilzunehmen. Hattest du wenigstens eine angenehme Begleitung?«

»Mein Verlobter Eduardo Caprilli war an meiner Seite. Er hätte mich sowieso niemals ohne Schutz reisen lassen.«

Ein Sonnenstrahl am Wolkenhimmel! Vielleicht verschwand das Luder ja von selbst wieder.

»Wie nobel von ihm!«

Zum ersten Mal huschte ein Lächeln über Hildegards Gesicht. »Gewiss, es ist nur schade, dass er so bald wieder zurückmuss. Ich werde mich vor Sehnsucht nach ihm verzehren.«

»Wieso? Fährst du nicht mit?« In Arigunds Stimme schwang fast so etwas wie Verzweiflung.

»Meine Mutter wünscht, dass ich an ihrer Seite bleibe. Ich werde ihr natürlich gehorchen.«

»Dann wirst du den Herrn Caprilli nicht wiedersehen?«

»Gewiss doch!« Hildegard betrachtete Arigund, als hätte sie ein dümmliches Hausmädchen vor sich. »Sobald unsere eigene Hochzeit arrangiert ist.«

»Und was tust du bis dahin?«

»Meine Mutter im Kontor unterstützen.«

»Aha, dann wohnst du also im Hause deiner Großeltern?«

»Ich bitte dich, was würde es für einen Eindruck machen, würde ich jeden Tag zwischen den Häusern hin und her laufen wie ein Dienstbote! Und was würde mein zukünftiger Gatte dazu sagen? Es wird ja wohl im Hause DeCapella ein angemessenes Zimmer für mich geben.«

Arigund schwankte zwischen Wut und Verzweiflung. Diese Hildegard würde ihr in Zukunft das Leben zur Hölle machen. Warte nur ab, dachte sie, so leicht gebe ich mich nicht geschlagen!

Glücklicherweise endete die Fahrt zum Minoritenkloster just in diesem Augenblick. Die Kutsche hielt an, und Arigund streckte sich eine wohlvertraute Hand entgegen. Es war Großvater Zandt, der sie in Empfang nahm. Er warf Hildegard Thundorf lediglich einen abschätzigen Blick zu, half seiner Enkelin aus dem Wagen und strahlte sie an.

»Geschätzte Herrin, würdet ihr einem alten Mann die Ehre Eurer Gesellschaft gönnen.«

»Nichts, was ich lieber täte, mein Herr!«

Arigund legte nicht weniger würdevoll ihre Hand in die seine und schwebte davon, ohne Hildegard auch nur noch einen Blick zuzuwerfen. Großvater und Enkelin erreichten das Portal des Minoritenklosters unbelästigt. Hier und da warf der alte Mann Bettlern Geld zu, die ihre Gebrechen offen zur Schau stellten. Betteln war in Regensburg ein einträgliches Privileg, das per Bettelbrief genehmigt werden musste. Arigunds Vater befand sich bereits vor Ort. In seinen prächtigen Kleidern wirkte der Kaufmann vor der hölzernen Kirche fast fehl am Platz. Als Arigund hörte, wie vom Turm des Marktplatzes aus die Hochzeit angeblasen wurde, verfiel sie ins Grübeln. Wer würde wohl der Nächste sein, den die Bläser ankündigten? Patrizierhochzeiten waren auch im reichen Regensburg nicht an der Tagesordnung. Sie sah zu ihrem Großvater herauf, der, obwohl ihn das Alter bereits gebeugt hatte, sie dennoch um zwei Köpfe überragte. »Wenn ich einmal heirate, Großvater, dann möchte ich es auf den Schwellen des Domes tun, und ich will, dass die Bläser so fest in ihre Instrumente stoßen, dass man es bis in den Himmel hinauf hören kann.«

Der alte Mann sah sie liebevoll an. »Das wird so sein, meine Schöne, ganz bestimmt. Aber jetzt sei still, denn da kommt dieses Weib, das die Nachfolge meiner Anna Barbara antreten soll.«

Er hustete und spuckte auf den mit Stroh ausgelegten Boden vor der Kirche.

»Das wird sie niemals können, Großvater«, raunte Arigund ihm zu.

Der alte Zandt tätschelte wohlwollend ihre Hand, trat einen Schritt zurück, sah sie an und stellte nüchtern fest: »Wenn mich meine alten Augen nicht täuschen, bist du jetzt schon schöner, als diese Thundorferin es jemals sein wird, und klüger bist du auch. Es wird langsam Zeit, dass wir einen gut aussehenden und wohlhabenden Gatten für dich ausfindig machen, bevor dein Vater dich verscherbelt.«

»Ich habe mein Herz schon verschenkt.« Arigunds Augen blitzten. Ihr Großvater zog die Augenbrauen zusammen.

»An dich, Großvater.«

Arigund strahlte den alten Mann an. Mit gespielter Empörung machte er eine abwehrende Geste. »Mein liebes Fräulein, ich kann Euch keineswegs zur Frau nehmen, obwohl es mir eine Ehre wäre.«

Verschmitzt zwinkerte er ihr zu. »Ich bin bereits verheiratet, und zwar mit der besten Frau, die der Herrgott auf dieser Erde hat wandeln lassen.«

Arigund spielte die unglücklich Verliebte. »Das bricht mir das Herz, und ich werde wohl ins Kloster gehen müssen, aber wenn ihr dieser Frau in echter Liebe zugetan seid, mein Herr, so muss ich wohl zurücktreten.«

»Ich liebe sie mehr als mein Leben«, versicherte der alte Zandt ernsthaft. »Ich verehre deine Großmutter, und nicht nur der wunderbaren Söhne und Töchter wegen, die sie mir geschenkt hat. Mögen uns noch viele schöne Jahre vergönnt sein.«

»Ich wünsche mir, dass ich das auch einmal von meinem Gatten sagen kann, wenn ich so alt bin wie du. Verrate mir euer Geheimnis!«

»Am Glück einer Ehe muss man ständig schmieden, Kleines.« Missmutig blickte der Großvater zur Kirchenpforte hoch, wo gerade in diesem Augenblick Katharina Thundorf an der Hand ihres Vormunds ihrem zukünftigen Gatten entgegenschritt. Sie war in ein prächtiges weißes Kleid gewandet, mit reich besticktem Kragen und Saum. Ernst stellte sich das Brautpaar nebeneinander auf.

»… und man muss natürlich auch edle Metalle miteinander verbinden«, murmelte der alte Zandt bei ihrem Anblick, allerdings so leise, dass nur Arigund ihn hören konnte. Gemeinsam beobachteten sie, wie DeCapella nach den sieben Paar Handschuhen griff, die ihm ein Diener auf einem Tablett darbot. Er reichte seiner Braut je eines mit den Worten: »Hiermit verspreche ich Euch den rechten Schutz, den sicheren Schutz, den vollen Schutz, nach Regensburgischer Gewohnheit, nach bayrischem Recht, wie es von Rechts wegen ein freier Regensburger einer freien Regensburgerin gegenüber tun soll, mir zu meinem Recht, Euch zu Eurem, mit meiner Standeswürde gegen Eure Standeswürde.« Der Vormund der Thundorferin, den Arigund nicht kannte, nickte. Dann griff er nach dem Schwert an seiner Seite. Er steckte den Hut auf das Schwert und den goldenen Ehering auf den Schwertgriff und übergab beides dem Bräutigam.

»Hiermit übergebe ich Euch mein Mündel zu Euren Treuen und Gnaden und bitte Euch der Treue willen, mit der ich sie Euch anvertraue, dass Ihr ihr ein rechter und ein wohlwollender Vormund seid und dass ihr kein schlechter Vormund seid noch werdet. So empfangt sie und habt sie.«

Von Rechts wegen galt die Ehe nun als geschlossen. Bei der sich anschließenden Messe wurde lediglich der Segen Gottes erfleht. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Thundorferin. Sie schien mit dem Bund mehr als zufrieden zu sein. Arigund dagegen hatte ein mulmiges Gefühl. Sie sah zu ihrem Großvater hoch, der die Stirn in tiefe Falten gezogen hatte. Behutsam zupfte sie ihn am Ärmel.

»Großvater?«

Doch dann wurde sie von einem unüberhörbaren Furzen unterbrochen, gefolgt von bestialischem Gestank. Arigund, Zandt und die anderen Gäste wandten sich indigniert um …

*

»Bella gerant alii, tu mercator nube«, kommentierte der Truchsess. Sein Sohn, der den Lateinunterricht meistens geschwänzt hatte, sah ihn verständnislos an.

Reimar von Brennberg seufzte. »Das heißt, dass unser guter DeCapella keine Schwertkämpfe bestreiten muss, um an Einfluss zu gewinnen«, erklärte er. »Er heiratet einfach die richtige Frau.«

»Aha«, meinte Wirtho mit mäßigem Interesse. »Wie lange dauert’s jetzt wohl noch bis zum Hochzeitsmahl? Ich hab ordentlich Hunger, und zwar auf mehr als nur die klägliche Bohnensuppe, die unser Koch Tag für Tag zusammenbraut. Die macht nicht satt und verursacht böse Blähungen.«

Zur Bestätigung entließ der junge Ritter einen ordentlichen Furz aus seinen Beinlingen, der sich sofort geruchvoll verteilte.

»Bist du von Sinnen!«, fauchte sein Vater und versuchte sich unauffällig Luft zuzufächeln. Auch die anderen Gäste begannen bereits die Nase zu rümpfen. Reimar bemerkte, dass der alte Zandt und seine kleinwüchsige Enkelin sich umwandten.

Wirtho jedoch grinste nur und begann sich umzusehen, als würde er selbst nach dem Übeltäter Ausschau halten. Sein Vater zog ihn am Ärmel die Stufen zur Kapelle hoch. »Komm schon!«

Sie hatten gerade den Eingang der Kirche erreicht, als der Kirchenchor einen Choral anstimmte. Zwei Diener warteten auf den Truchsess und seinen Sohn und geleiteten sie zu einem bevorzugten Platz. Erleichtert ließ sich der von Brennberg nieder.

»Untersteh dich, noch einmal die Luft zu vergiften, die ich atme!«, herrschte er Wirtho an. »Und benimm dich nachher bitte wie ein Ritter und nicht wie ein Stallbursche!«

»Das tu ich doch stets, Vater«, maulte Wirtho. »Wenn die nur bald einmal mit dem Gejaule aufhören würden. Es bereitet meinen Ohren Qual.«

Der junge Mann deutete nach oben zum Chor. Von Brennberg verdrehte die Augen. Wenngleich an einem Minnehof groß geworden, zeigte sein Sohn nicht das geringste musikalische Talent. Sogar ein Maultier traf besser den Ton. Als Vater tat von Brennberg dies in der Seele weh, weil die Sangeskunst in jedem Fall für eine höfische Karriere von Vorteil war. Auch in anderer Hinsicht ließ Wirtho mit seinen neunzehn Lenzen noch viel zu wünschen übrig. Der Truchsess versuchte seit Jahren, dem Burschen ritterliche Tugenden einzubläuen, aber so richtig fruchtete nichts. Nicht einmal vor dem Burgkaplan hatte Wirtho Respekt. Neulich hatte sich Pater Anselm beschwert, er habe den Sohn des Truchsess dabei erwischt, wie der sich das Geld der Kollekte unter den Nagel reißen wollte. Und was den Dienst an Frauen anging, wusste der Waffenmeister zu berichten, er habe den jungen Herren kürzlich mit der Tochter des Stallmeisters im Heu erwischt, wobei sich das Mädchen des zukünftigen Herren von Brennberg mit dem Reisigbesen erwehrte und ihm ein blaues Auge schlug. Zweifellos hatte der Waffenmeister dem Wein schon reichlich zugesprochen, als er die Zote zum Besten gab, und vermutlich hatte er schamlos übertrieben. Aber Wirtho hatte wenige Wochen zuvor tatsächlich ein blaues Auge gehabt – angeblich von einem Schwertkampf, bei dem das Visier nicht ordentlich geschlossen gewesen war. Reimar von Brennberg hatte seinem Sohn die Geschichte abgenommen, denn wenn man bei Wirtho ritterliche Talente suchen wollte, so entdeckte man diese am ehesten auf dem Turnierplatz. Dort konnte er, das Schwert fest in der Hand, mit erstaunlicher Ausdauer auf seinen Gegner eindreschen. Sein Ruf als Haudegen eilte dem jungen Brennberger bereits jetzt voraus. »Wenigstens etwas«, dachte sich der Burgherr. »Mit etwas Glück kann der Bub sich auf dem Turnierplatz bewähren.«

KAPITEL 4

Die Küche des Hauses DeCapella war an sich schon ein geschäftiger Ort, am heutigen Tag jedoch wimmelte sie nur so von Menschen. Jedes Paar Hände wurde für die Vorbereitung des Festmahls benötigt, und die meisten halfen gerne. Schließlich wurden im Raum neben der Küche auch die Kutscher und sonstigen Bediensteten der Gäste verköstigt. Dadurch war die Küche der Mittelpunkt für Geschichten und Neuigkeiten. Ohne Zweifel lieferten die Geheimnisse, die hier im Laufe der Festlichkeiten von Mund zu Mund gingen, den Gesprächsstoff der nächsten Monate. Jeder wollte der Erste sein, der sie zu hören bekam und weitergeben konnte. Das Gesinde der DeCapellas brauchte deshalb von der Köchin nicht erst gerufen zu werden, sondern fand sich – sobald sich die Gelegenheit ergab – ganz von selbst ein.

Annelies hatte noch einen weiteren Grund, weshalb sie – sobald ihre Herrin Arigund in die Kutsche gestiegen war – die Dienstbotentreppe herab zur Küche eilte. Sie wollte Magda treffen, die sie insgeheim beneidete. Auch wenn es angesehener war, als Zofe zu arbeiten, so brachte eine Stellung in der Küche doch viele Vorteile. Als Köchin musste man nie darben und konnte ungestraft von den besten Speisen kosten. Auch das Essen, das die Herrschaft zurückgehen ließ, landete auf den Tellern der Küchenmannschaft. Konstantia, die Köchin, verteilte es dann nach Gutdünken weiter. Mit Konstantia war nicht gut Kirschen essen. Und frech kommen durfte man ihr schon gar nicht. Annelies hatte selbst erlebt, wie sie mit Peter umgesprungen war, als er gescherzt hatte, Konstantia wäre nur deshalb so sauertöpfisch, weil sie zu viel Kraut in sich hineinstopfe – und die Köchin just in diesem Moment um die Ecke gekommen war. Drei Tage hatte sie den armen Peter darben lassen, und bestimmt wäre der Bub verhungert, hätten ihm nicht Annelies und Magda heimlich von ihrer eigenen Ration abgegeben. Doch während Annelies die Treppen heruntersprang, dachte sie weder an Konstantia noch an Peter. Vielmehr hoffte sie, mit Magdas Hilfe jemanden zu sehen – oder wenigstens Neuigkeiten über ihn zu erfahren. Annelies schwärmte schon seit geraumer Zeit für Matthias, den Reitknecht der Brennberger. Der Feuerkopf war der Zofe ins Auge gestochen, als er und sein Herr zu Wirthos Schwertleite Salz und Gewürze erstanden hatten. Matthias war der schönste Junge, den Annelies je gesehen hatte. Er war stattlich wie ein Ritter, besaß ein sinnliches Kinn und starke Hände, die selbst den wilden Hengst des Herrn Wirtho mühelos bändigen konnten. Annelies hatte Matthias einmal sogar ganz nahe sein können. Herr DeCapella hatte ihr aufgetragen, den Bediensteten des Truchsess mit Wasser verdünnten Wein zu reichen. Matthias hatte sie angelächelt und gesagt: »Eine Erfrischung aus Euren Händen labt mehr als Ambrosia, schöne Jungfrau.«

Dann hatte er ihr den Becher aus den Händen genommen und dabei ganz nebenbei ihre Finger berührt. Sie war feuerrot geworden, und wenn sie sich die Szene in Erinnerung rief, bekam sie auch jetzt noch eine Gänsehaut, und ein angenehmes Kribbeln durchlief ihren Körper.

Arigund dagegen hatte gemeint: »Wo der Junge nur solche Sprüche herhat? Klingt arg danach, als hätte er sie bei irgendeinem Ritter erlauscht.«

Annelies war das egal. Für sie gab es keinen Zweifel: Matthias war der Mann ihrer Träume, mochte Arigund auch noch so sehr darüber scherzen. Leider war es bei diesem einen Satz zwischen ihnen geblieben. Der Truchsess hatte im Haus des Bischofs Residenz bezogen und die Ware später von anderen Männern abholen lassen. Heute jedoch blieben die Brennberg’schen Pferde im Stall der DeCapellas, und somit musste auch Matthias hier sein. Annelies merkte, wie ihre Hände vor Aufregung feucht wurden. Sie wischte sie rasch an der Schürze ihres Dirndls ab, fuhr sich einmal durchs Haar und atmete tief ein. Sie stieß die schwere Holztür zur Küche auf. Eine Dampfwolke quoll ihr entgegen, Gerüche von Pfannkuchen, frisch gebackenem Brot und einem ganzen Ochsen, der sich auf dem Bratspieß drehte. Dann drückte jemand die Tür wieder energisch zu. Annelies öffnete sie erneut und schlüpfte nun augenblicklich hindurch, nur um der Köchin direkt in die Arme zu laufen. Eine große Rührschüssel in Konstantias Arm begann bedenklich zu schwanken. Annelies griff danach und spürte im selben Moment den Ellbogen der Köchin in ihren Rippen.

»Nichts da, freches Ding!«, schnaubte die Köchin. »Finger weg vom Teig.«

Sie schubste die Zofe zur Seite und walzte an ihr vorbei, während sie quer durch die Küche grölte: »Eier, Magda, ich brauche Eier!«

Schon im nächsten Augenblick wirbelte Konstantia herum und musterte Annelies mit ihren wässrigen Schweinsäuglein, während sie auf die weißliche Masse in der Schüssel mit dem Kochlöffel eindrosch, als stecke ein Dämon darin. »Und du, Mädchen! Steh da nicht rum! Schäl die Steckrüben.«

Annelies quetschte sich an den dicht gedrängt arbeitenden Küchenmägden und -jungen vorbei, bis sie zu dem Tischchen kam, auf dem der Korb mit den Rüben stand. Die Zofe griff nach dem Messer und angelte nach einer Wurzel. Das Gemüse war so frisch, dass sich die Erde daran noch klebrig anfühlte, und es duftete, dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Annelies fragte sich, wo man um diese Jahreszeit so frisches Gemüse herbekam, aber es blieb ihr keine Zeit, um nachzufragen. Magda schlüpfte atemlos neben sie. Das Mädchen wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Was ist los?«, flüsterte Annelies.

Magda wies mit dem Kinn zur Köchin. »Heute ist sie besonders unausstehlich.«

»Das wird schon, wenn die Herrschaften das Essen loben.«

»Hoffentlich.« Magda zeigte Annelies ihre rot verquollenen Hände. Ein tiefer Schnitt zog sich quer über den Daumen. »Sie hat mir eine Kopfnuss verpasst, weil sie der Meinung war, ich würde die Schale zu großherzig herunterschneiden. Da rutschte das Messer aus.«

»Arme Magda«, tröstete Annelies. »Und – hast du ihn schon gesehen?«

Magda tat so als habe sie keine Ahnung, von wem ihre Freundin sprach. »Wen?«

»Du weißt schon, Matthias. Seine Herrschaft stand vorhin im Saal, im eifrigen Gespräch mit dem Herrn DeCapella.«

»Na, was die wohl zu bereden hatten? Vielleicht bezahlt der Truchsess endlich seine Schulden? Fragt sich nur, wovon?«

»Was redest du da? Die Brennberger sind reiche Leute, Lehnsherren des Bischofs. Die holen es sich doch von ihren Bauern.«

»So ein schlaues Mädchen und weiß doch nicht, dass das Land der Brennberger karg ist und ihre Leibeigenen kaum genug haben, um selbst über den Winter zu kommen. Tja, und die Erlaubnis, die Wälder zu nutzen, verwehrt ihnen der Bischof bislang.«

»Woher weißt du das?«, fragte Annelies misstrauisch. »Hast du’s von ihm?«

»Vielleicht, vielleicht auch von einem anderen. Ich an deiner Stelle wäre nicht so scharf auf einen Umzug nach Burg Brennberg.«

»Ach, ich bräuchte nicht viel, wenn ich nur mit Matthias zusammen sein könnte. Jetzt sag schon, Magda, weißt du, ob er hier ist?«

»Natürlich. Und ich hab auch dafür gesorgt, dass du ihn zu Gesicht bekommst. Wir beide werden nachher die Speisen für die Kutscher auftragen, was sagst du dazu?«

Annelies stieß einen Jauchzer aus, was sofort die Köchin auf den Plan rief. »Was habt ihr da zu tuscheln, törichte Trakken? Schaut lieber, dass das Gemüse flugs im Topf landet. Sonst geht ihr heute mit hungrigen Mägen ins Bett.«

Die Mädchen zogen die Köpfe ein und machten sich eifrig an die Arbeit. Und die ging ihnen nicht aus, bis den Herrschaften die Nachspeise aufgetragen wurde. Wenigstens besserte sich die Laune der Köchin mit jedem Gang.

»Warte, Schätzchen«, hielt sie Annelies zurück, als sie nach einer der Schüsseln für die Stallknechte greifen wollte. Sie drückte dem Mädchen die Reste der Süßspeise in die Hand, gab einen großzügigen Löffel Honig darüber und zwinkerte der Zofe verschwörerisch zu.

»So schindest du bei deinem Hübschen Eindruck, meine Süße!«

Die Zofe senkte verlegen den Blick und huschte Richtung Küchenausgang. Offenbar hatte sich Annelies’ Schwärmerei für Matthias bereits herumgesprochen.

»Magda, kannst du nicht einmal etwas für dich behalten?«, raunte sie ihrer Freundin wütend zu, die einen Krug Bier schleppte. Die grinste und erwiderte: »Lass uns tauschen. Nach allem, was ich bis jetzt mitbekommen habe, findet flüssige Nahrung besseren Anklang bei den Knechten. Ich bring das zu Peter und den anderen Jungen.«

»Meinst du nicht, die Männer wollen auch ein bisschen Süßkram?«

»Pass lieber auf, dass die Kerle dich nicht vernaschen!«

In der Stube für die Rossknechte und Kutscher wurde Annelies mit großem »Hallo« empfangen.

»Was kommt denn da für ein niedliches Füllen!«, grölte ein dunkelhaariger Koloss am Ende des Tisches und stieß einen Pfiff aus.

»Hier herüber, meine Hübsche!«, lallte ein ergrauter Kutscher in zerknautschter Livree. »Schenk mir ein!«

Annelies zwängte sich an den hölzernen Schemeln vorbei, während sie vergeblich nach Matthias Ausschau hielt. Einige Male spürte sie eine Hand, die plump nach ihren Schenkeln tastete. Der Kutscher streckte ihr seinen Becher entgegen. Sie hob den Krug und beugte sich nach vorn, um das Gefäß zu füllen. In diesem Moment packten sie zwei raue Hände an den Hüften. Annelies kreischte auf, und um ein Haar wäre ihr der irdene Krug entglitten.

»Lass mich los, du ungehobelter Klotz!«, fauchte sie und versuchte sich zu befreien. Der Kerl dachte jedoch gar nicht daran, seinen Fang preiszugeben. »Was für ein schlankes Stütchen. Bist du denn schon zugeritten?«

Annelies knallte den Krug auf den Tisch und das Bier schwappte über den Rand.

»Haltet euch besser an das Bier, wenn ihr nicht Ärger mit meiner Herrschaft bekommen wollt.«

Mit diesen Worten kniff sie den Kerl in den Arm, dem das aber nichts auszumachen schien. Die Knechte pfiffen noch lauter. Der Dunkelhaarige schien wenig beeindruckt. »Oho, hört, hört, mit ihrer Herrschaft bekommen wir Ärger. Da haben wir aber Angst, nicht wahr?«

»Jetzt lass sie schon laufen, Trunkenbold«, brummte der alte Kutscher und schaute den Kerl streng an. »Du kannst heut Nacht eh keine Peitsche mehr schwingen.«

Annelies bekam einen Schubs und einen höchst unanständigen Klaps auf den Po. Erleichtert versuchte sie zu entkommen, aber die Reitknechte waren gerade erst in Fahrt geraten. »Genau!«, schallte es vom anderen Ende des Tisches. »Komm zu mir Mädchen! Ich zeig dir nachher die Kutsche meiner Herrschaft!«

Ein anderer erhaschte ihre Schürze und trällerte: »Ich bring dir ein Ständchen, du süßes Täubchen. Ich singe fast so gut wie unser Herr Wirtho.«

Die Männer lachten. Annelies setzte ihre Ellbogen ein und erwischte den Sänger am Auge. Sofort ließ er los. Doch schon verstellte ihr ein schmalbrüstiger, dürrer Kerl mit Zahnlücke den Weg. »Ich kann zwar nicht singen, hätte aber anderes zu bieten.«

Rüde zog er sie an sich, sodass sie seine Lenden spüren konnte. Empört trat ihm die Magd gegen das Schienbein. Der Dürre jaulte auf und taumelte zurück. Die anderen lachten und klatschten. Bierkrüge klirrten gegeneinander. Dann war der Knecht mit der Zahnlücke wieder auf den Beinen und kam drohend auf sie zu. Plötzlich war aus den derben Scherzen Ernst geworden. »Warte nur, du Luder!«

Annelies erschrak und hob schützend die Arme. Jemand packte sie am Handgelenk und zog sie zurück. Die Zofe schrie auf. Dann erkannte sie jedoch Matthias. Er stellte sich schützend zwischen das Mädchen und den Angreifer.

»Genug! Ist das die Art, wie man das Gastrecht ehrt?«, rief er in die Menge. »Ihr führt Euch auf wie Bauerntölpel.«

Im Raum entstand eine peinliche Stille, nur unterbrochen von einem lauten Rülpser des Livrierten. »Na dann, prost«, meinte er, und im nächsten Moment brach schallendes Gelächter los. Auch Matthias griff nach einem Humpen, hob ihn an und leerte ihn bis auf den letzten Tropfen. Erst nachdem die Gespräche wieder aufgeflammt waren, wandte er sich entschuldigend an Annelies: »Verzeih die derben Worte meiner Gesellen. Es ist das ungewohnte Starkbier, das ihre Zunge löst, und kein böser Wille.«

Sanft zog er das verblüffte Mädchen aus dem Raum. Sie wollte widersprechen, aber die Stimme versagte ihr. Matthias war da. Er war gekommen, um sie zu retten. Er hatte sich vor den ganzen Haufen betrunkener Rossknechte gestellt, um ihre Unschuld zu verteidigen. Annelies konnte vor Aufregung kaum einen klaren Gedanken fassen. Ihre Wangen glühten, und sie folgte dem Rotschopf willenlos. Dann waren sie draußen auf dem Hof. Der süßliche Geruch der Pferde drang zu ihnen herüber, und aus dem hohen Haus hörten sie fröhlichen Gesang und lautes Lachen. Matthias ließ ihre Hand los, doch nicht ohne einen Kuss auf die Fingerspitzen zu hauchen.

»Annelies, so sehe ich dich wieder«, flüsterte er.

»Du kennst meinen Namen?«, erwiderte sie erstaunt. »Und du erinnerst dich an mich?«

»Wie hätte ich dich vergessen können, deine Anmut und dein liebliches Gesicht!«

Bei diesen Worten streichelten seine Finger ihre Wangen, berührten ihre Augen, ihren Mund. »Nur um dich wiederzusehen bin ich mit der Herrschaft hierher gereist.«

Er beugte sich über sie. Seine Lippen waren nun dicht an ihren Ohren, und seine Hände umschlangen sie. »Eigentlich hätte ich auf der Burg bleiben sollen. Arithmea, die Stute meines Herrn, wirft in diesen Tagen. Doch das Schicksal war mir wohlgesonnen. Der Oberstallmeister verstauchte sich den Knöchel, und es war an mir, den herrschaftlichen Tross zu begleiten. Nichts, was ich lieber getan hätte, denn so wagte ich auf eine Gelegenheit zu hoffen, mit dir sprechen zu können. Jetzt ist sie da, und es ist mir wie ein Traum.«

Es fühlte sich wundervoll an, als seine Zunge wie zufällig ihr Ohrläppchen berührte.

»Nur um dich zu sehen bin ich zu den Knechten in die Stube gegangen«, flüsterte die Siebzehnjährige.

Matthias’ Griff wurde fester. Eine Hand glitt hinunter zu ihrem Gesäß. »So hast du dich ebenfalls nach mir gesehnt?«

»Jeden Tag, jede Stunde brannte Sehnsucht in mir, aber nie hätte ich vermutet, dass es dir genauso ergeht. Mein Herz steht in Flammen!«

Suchend sah sie sich um. Hier mitten auf dem Hof wollte sie mit keinem Burschen gesehen werden. Auch als Zofe konnte man rasch ins Gerede kommen. Matthias schien zu verstehen und hatte sofort eine Lösung parat. Er legte den Arm um ihre Schulter und zog sie Richtung Stall. Aber nun begann Annelies das Ganze Spaß zu machen. Sie beschloss, ihn zu necken, und blieb stehen.

»Das sagst du nur so, in Wirklichkeit …«

Der Rotschopf schien einen Augenblick verwirrt, ließ sich dann aber auf das Spiel ein. »Wie kannst du nur zweifeln!«, erwiderte er scheinbar gekränkt. »Schon als ich dich im Marienmonat das erste Mal mit deiner Herrin Arigund sah, bist du mir aufgefallen, aber ich wagte nicht, dich anzusprechen. Heute aber sah ich, dass deine Augen geleuchtet haben wie die Sterne einer Sommernacht, als dein Blick auf mich fiel, und jetzt, lass mich genauer hinsehen …« Seine Hände umfassten Annelies’ Gesicht. Er küsste sie sanft auf die Lippen. Nie, niemals würde sie diesen ersten Kuss vergessen. Er schmeckte salzig, ein bisschen nach Bier und doch süßer als jeder Honig. Sie hatte nur noch das Bedürfnis, in die Arme dieses Mannes zu gleiten. Sie wollte sich an ihn schmiegen, doch diesmal war er es, der sie warten ließ. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie.

Dann hob er sie einfach hoch und trug sie zum Stall. Sie legte die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. Matthias’ Gesicht war ganz dicht an ihrem. Sie roch seine Nähe, fühlte seine Wärme, ein Prickeln an ihren Wangen, das in ihren ganzen Körper ausstrahlte. Erst im Stall setzte er sie ab, aber los ließ er sie nicht mehr. Seine Lippen strichen behutsam über ihre Schultern, ihren Hals und tasteten sich in Bereiche vor, die zu berühren sie keinem Mann vorher erlaubt hatte.

»Annelies! Annelies!«, klang es von irgendwoher, aber es war nicht Matthias’ zärtliches Flüstern, sondern ein lauter, fordernder Ruf. Magda, eindeutig Magda.

»Rasch hier hinein!«, raunte Matthias.

Er schlang seine Arme um Annelies’ Hüften und zog sie ins Heu. Scheinbar zufällig fuhr dabei seine Hand unter ihren Rock. Überrascht bemerkte das Mädchen, dass ihrem Mund ein lustvoller Laut entwich. Im nächsten Moment sah sie sich selbst, wie sie dicht an Matthias gepresst lag, kurz davor etwas zu tun, was sie eventuell teuer bezahlen musste. Eine freie Zofe, die schwanger wurde, schickte man in Regensburg sofort zu ihrer Familie zurück, und die brachte sie postwendend ins Frauenhaus, wo sie sich für Geld verkaufen musste. Außer – ja außer Matthias nahm sie zur Frau, aber das wäre schwierig. Ein Knecht konnte gewöhnlich keine Frau ernähren und benötigte vor der Vermählung auch die Erlaubnis seines Herrn. Mit einem Ruck befreite sie sich. Matthias versuchte, sie zurückzuhalten.

»Was ist denn? Annelies, schöne, wundervolle …«

Die Magd legte ihm rasch die Hand auf den Mund.

»Pst, still!«, flüsterte sie, doch der von Leidenschaft gepackte Reitknecht küsste lediglich die dargebotenen Finger und hielt sie noch fester. Magdas Rufe wurden lauter. Annelies befreite sich, ordnete hastig ihre Schürze, klopfte sich das Heu aus dem Rock und trat aus dem Torbogen heraus.

»Ja, was ist?«, antwortete sie deutlich zu atemlos.

»Deine Herrin ruft nach dir!«, erklärte Magda.

Jetzt schien auch Matthias zu bemerken, dass sie nicht allein waren. Er verbarg sich taktvoll im Schatten, griff aber rasch noch einmal begehrlich nach Annelies Fingern. »Ich warte auf dich.« Doch das Mädchen rannte schon über den Hof, ohne sich noch einmal umzudrehen.

*

Arigund zergelte ungeduldig an ihren Ärmeln, als Annelies eintrat. »Wo warst du denn?«, herrschte sie das Mädchen an, als es endlich durch die Tür zu ihrer Stube huschte. »Rasch, ich muss mich umziehen.«

»Verzeiht, Herrin«, hauchte die Zofe und begann an Arigunds Haar herumzuzupfen. Die schüttelte unmutig den Kopf.

»Nicht doch das Haar, Annelies. Ich brauch ein neues Kleid. Dieses ist hinüber. Bring mir das hellblaue, das mit dem bestickten Saum.«

»Entschuldigt, das Kleid, natürlich.« Die Magd begann ziellos in Arigunds Kleidertruhe herumzukramen.

»Diese Thundorfs sind wirklich unerträglich«, echauffierte sich Arigund. »Sie fressen wie die Schweine und saufen wie die Rossknechte, und dann kippt mir mein neuer Stiefbruder auch noch Rotwein über das teure Kleid. Schämen muss man sich, so etwas jetzt in der Familie zu haben. Das sagt übrigens auch mein Großvater.«

»Der muss es ja wissen«, entfuhr es Annelies, die in diesem Augenblick die Thundorfer nicht weniger hasste, hatte ihr doch das Missgeschick des Jungen das Schäferstündchen mit Matthias vermasselt.

»Such nicht in der Truhe!«, wies Arigund das Mädchen an. »Du hast es doch heute Morgen schon herausgelegt. Stell dir vor, diese Hildegard mit ihrem ›Herren Caprilli‹ hat sich heute, auf der Hochzeit meines Vaters, verlobt. Das macht die doch nur, um Aufmerksamkeit zu erringen. Sie ist ein Rabenaas, das sage ich dir.«

Annelies interessierte sich für Hildegards Verlobung im Augenblick herzlich wenig. Sie wollte zurück in den Stall. Oder sollte sie lieber nicht …? Doch, sie wollte! Sehr sogar. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander, während sie das vermaledeite Kleid suchte, und ihr Herz pochte bei der Erinnerung an Matthias’ Hände auf ihrem Körper wie verrückt. Sie glaubte noch immer seinen Geruch an ihrem Dirndl riechen zu können und sein wunderschönes Gesicht vor Augen zu sehen, während sie ziellos nach dem Gewand ihrer Herrin suchte.

»Auf dem Bett!«, half Arigund, und warf das Schappel auf den Boden. »Was ist denn nur los mit dir?«

Normalerweise hätte Arigund die Sache kaum auf sich beruhen lassen. Sie merkte es sofort, wenn mit Annelies etwas nicht stimmte. Heute jedoch war die Herrin viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. In Windeseile stand die Bürgerstochter im Unterkleid vor Annelies. Die Magd half ihr in das himmelblaue Gewand.

»Du solltest diese eingebildeten Ritter einmal hören, Annelies. Die tun so, als wären sie die Herren der Welt. Gut, sie sind schon hochgestellte Persönlichkeiten, aber arm wie die Kirchenmäuse. Und dieser Wirtho ist vielleicht widerlich. Vorhin hat er einem seiner eigenen Jagdhunde einfach den Kopf abgeschlagen, nur weil der Fleisch von den Tellern stahl. Das war vielleicht eine Schweinerei. Sogar sein Vater schien verärgert, obwohl ich das Gefühl hatte, dass er eher den Verlust des Hundes beklagte als das Benehmen seines Sohnes. Er hat ihn des Saals verwiesen. Natürlich nicht so direkt, aber im Grunde dann doch. Schöne Minneherren sind das, sag ich dir. Au!«

»Verzeiht, Herrin, meine ungeschickten Hände.« Annelies zog die Fibel aus dem Kleid, mit der sie Arigund eben gestochen hatte, und setzte noch einmal an, den Faltenwurf über der Schulter gefällig zu arrangieren und festzustecken.

»Annelies, irgendetwas stimmt doch nicht mit dir? Du wirkst so zerstreut.«

Die Zofe hielt den Atem an. »Nein, doch, ach, es ist heute so … aufregend«, antwortete sie ausweichend.

Arigund musterte das Mädchen kurz, sagte jedoch nichts dazu. »Wusstest du eigentlich, dass diese Katharina bei uns einzieht?«, erkundigte sie sich dann.

»Ja Herrin«, Annelies nickte, erfreut über den Themenwechsel. »Emma musste die Kammer zum Hof hinaus herrichten.«

»Was, das ist ja gleich neben meiner!« Aufgebracht sprang Arigund vom Hocker, auf dem sie sich eben erst niedergelassen hatte.

»Himmel, ich hoffe, dieser Caprilli entführt sie morgen, schwängert sie und sorgt dafür, dass sie für immer in Italien bleibt. Sie ist derart unerträglich! Wie sie mich ansieht! Und dann diese zuckersüß herablassende Art – schwesterlich soll das wohl klingen: ›Arigund, da ist ein Fleck auf deinem Kleid! Ich empfehle dir, dich umzuziehen‹, ›Arigund, nimm nicht so viel von den Süßigkeiten, das schadet deinen Zähnen‹. Es ist …, es ist …!« Das junge Mädchen rang nach Worten, um seiner Empörung Luft zu machen. Dann gab sie es jedoch auf.

»Ach, egal …«, meinte Arigund abschließend und setzte sich wieder. Ihr war zum Heulen zumute. Vielleicht konnte sie Großvater Zandt überreden, dass sie im Löwenhaus wohnen durfte. Ja, das war ein ermutigender Gedanke. Und was Annelies wohl haben mochte? Vielleicht war sie ja ebenfalls beunruhigt und deshalb so zerstreut! Ob sie auch schon daran gedacht hatte, dass ihre Herrin zu ihrem Großvater fliehen könnte? Und befürchtete sie womöglich, dann dieser unmöglichen Hildegard dienen zu müssen? Aber das würde Arigund ihr natürlich nicht antun. Sie würden gemeinsam zu Großvater Zandt ziehen! Geradezu erleichtert stand Arigund auf, als Annelies ihr Werk beendet hatte.

»Na, wie sehe ich aus?«, fragte sie launig. »Wie eine perfekte Stiefschwester? Vorzeigbar selbst in Thundorfer Augen?«

*

Wirtho von Brennberg hatte sich keineswegs gegrämt, als ihn der Vater anhielt, sich von der Hochzeitsgesellschaft zu entfernen. Sein Magen war gut gefüllt, und er hatte sowieso keine Lust gehabt, noch länger bei diesem bürgerlichen Pack auszuharren. Er konnte auch ohne Spielleute und Gaukler Spaß haben. Gemeinsam mit Sigurd und Waldemar, zwei anderen unverheirateten Rittern aus seinem Tross, hatte er sich an einem für die Gäste im Hof bereitgestellten Tisch niedergelassen, um dort dem Wein und dem Würfelspiel zuzusprechen. Fortuna schien ihm heute hold. Er hatte schon an die einhundert Regensburger Pfennige – ein kleines Vermögen – vor sich liegen und seine beiden Saufkumpane begannen zu murren, während sie nach versetzbaren Stücken in ihrem Hab und Gut kramten. Als Wirtho unterdessen nach dem Weinkrug griff, stellte er fest, dass dieser fast leer war. Gerade wollte er Waldemar, seinen rechten Nachbarn, anhalten, sich um Nachschub zu kümmern, da entdeckte er die Gestalt einer jungen Frau, die im Schatten des Gemäuers Richtung Pferdeställe huschte. Wirtho kniff die Augen zusammen, um sie besser erkennen zu können. Eine Zofe, der Kleidung nach gehörte sie zum Haushalt dieses prahlerischen DeCapella. Die kam gerade recht. Da musste er keinen seiner Männer bemühen.

»He, du da!«, rief er. »Komm her!«

Die Magd blieb zögernd stehen und sah sich um, unschlüssig, ob die Worte an sie gerichtet gewesen waren.

»Ja, du. Eil dich! Der Krug ist leer. Wir haben Durst.«

Die Angesprochene sah sich noch einmal zum Stall um, als sehe sie dort jemanden. Dann kam sie vorsichtig und gesenkten Blickes näher. Es war ein junges, gut genährtes Ding mit dunkelblonden Haaren. Ihre Brüste wölbten sich unter dem Dirndl wie reife Äpfel. Irgendwie kam sie dem jungen Ritter bekannt vor, aber er konnte sich nicht erinnern, wo er sie schon einmal gesehen hatte. Egal. Rasch ließ Wirtho die gewonnenen Münzen in einer Falte seines Gewands verschwinden. Das Spiel hatte seinen Reiz sowieso bereits verloren. Die Zofe knickste artig und bückte sich nach dem am Boden stehenden Weinkrug, da schlug Waldemar ihr kräftig auf den Hintern, sodass sie mitten zwischen den Männern mit dem Oberkörper auf dem Tisch landete. Klirrend zerbarst der tönerne Krug. Die letzten Weinreste ergossen sich über Wirthos Wams. Waldemar lachte grölend. Wirtho aber sprang wutentbrannt auf.

»Ungeschicktes Ding!«, brüllte er. »Das wirst du bezahlen!«

Grob stieß er das Mädchen zu Boden. Vor Schreck und Schmerz schrie es auf. Schützend hob es die Arme vors Gesicht, als er den Fuß hob, um zuzutreten, dann rollte es zur Seite, raffte sich auf und versuchte zu flüchten. Das brachte Wirtho noch mehr in Rage. Mit zwei Sprüngen war er der Magd nach. Er packte sie an den Haaren und zerrte sie zum Tisch zurück. Dort drückte er ihr Gesicht in die Weinlache, die sich über den Tisch verbreitet hatte. »Glaubst du, wir räumen den Dreck hier selber weg!«, herrschte er sie an.

»Nein, Herr«, winselte das junge Ding, »ich kümmere mich drum, und ich bringe auch neuen Wein.«

Der Druck von Wirthos Händen ließ nach. Ein zischender Laut entfuhr seinen Lippen. Er begann sich etwas zu beruhigen. Das Mädchen lag immer noch bäuchlings vor ihm auf dem Tisch. Deutlich waren ihre prallen Schenkel zwischen seinen Beinen zu spüren. Er beugte sich dichter über sie, fühlte das Beben ihres Körpers, hörte den raschen Atem und fühlte sich mit einem Mal unglaublich mächtig. Es war ein berauschendes Gefühl, besser als Wein, besser als das Spiel, fast besser sogar als den Gegner im Tjost den Sand des Turnierplatzes kosten zu lassen. Hier bestimmte er die Regeln. Dieses Ding war nichts. Kein Hahn würde danach krähen, wenn er sich ein wenig mit ihm amüsierte. Er kostete den Gedanken aus und drängte seine Lenden, fast ohne nachzudenken, noch stärker an die Magd, griff nach ihren Brüsten. Ja, da waren sie, frisch, rund und fest!

»Bitte, Herr, bitte, lasst mich gehen!«

Ihr inständiges Flehen war kaum mehr als ein Flüstern. Die junge Zofe winselte, sie kroch vor ihm im Staub.

Ja, er könnte sie gehen lassen. Er hatte die Macht dazu. Er konnte gnädig sein. Aber da war eine Stimme in seinem Kopf, die sagte: »Nimm sie, hier und jetzt! Sie hat es verdient.«

Ein Räuspern riss Wirtho in die Wirklichkeit zurück. Er drehte den Kopf und erkannte Matthias, den Reitknecht, der ehrerbietig mit dem Hut in der Hand nur wenig entfernt stand.

»Verzeiht, edler Herr!«

»Was ist denn, Bursche«, erwiderte der Ritter unwirsch und richtete sich auf, sorgsam darauf bedacht, dass er zwischen dem Knecht und der Zofe stand.

»Ich würde nicht wagen, Euch zu stören, aber ich bin in Sorge um Euren Hengst.«

Der Ritter verlor sofort das Interesse an dem Mädchen. Der Rapphengst war sein Ein und Alles. Matthias trat einen Schritt vor.

»Er scharrt schon geraume Zeit mit den Hufen, am Ende war ihm das städtische Futter nicht zuträglich. Ich bitte Euch, kommt und seht nach ihm.«

»Eine Kolik? Himmel hilf! Du hast doch darauf geachtet, dass man ihm nur das Beste zu fressen gab?«

»Gewiss, Herr. Ich selbst war es, der ihm das Heu vorlegte, aber es ist eben nicht unser vorzügliches Bergwiesenheu.«

»Ich komme, Matthias, lass mich nur dies zu Ende bringen! Führe ihn so lange hinaus und achte, dass er sich nicht hinlegt.«

»Ja, Herr, das werde ich sofort tun, ich hoffe, ich kann ihn beruhigen, so wie Ihr das vermögt. Er ist sehr aufgebracht.« Mit einer knappen Verbeugung zog sich der Bursche langsam zurück, wobei er eindeutig versuchte, einen Blick auf das Mädchen zu werfen. Wirtho war hin- und hergerissen. Matthias hatte tatsächlich besorgt gewirkt. Was, wenn der Rappe ernsthaft krank war? War dieses Gör es wert, dass dem wertvollen Hengst etwas zustieß? Keinesfalls. Vielleicht ergab sich ja später noch einmal die Gelegenheit.

»Teufel auch!«, rief er aufgebracht und stampfte mit dem Fuß auf wie ein zorniges Kind. »Ich komme.«

Das Mädchen ließ er einfach liegen. Auch seine beiden Freunde, die dem Ganzen gebannt gefolgt waren, erhoben sich. Waldemar konnte es nicht lassen, der Zofe noch einmal kräftig in den Hintern zu kneifen.

»Wart auf mich, Süße!«, zischte er ihr ins Ohr. Doch die Zofe duckte sich unter ihm durch, schürzte die Röcke und floh in Richtung Haus, so schnell sie nur konnte. Die beiden Ritter lachten grölend und folgten dann Wirtho in den Stall.

*

Arigund eilte die Treppe des Geschlechterturms, des repräsentativsten Teils des DeCapella-Hauses, hinauf in den ersten Stock, wo sich die Feststube befand. Obwohl die Flügel der massiven Holztüre weit geöffnet waren, hing in dem Saal der schwere Geruch von Wein und Braten. Im letzten Moment zügelte das Mädchen die Schritte. Sein Vater würde es nicht gutheißen, wenn seine Tochter atemlos und mit roten Wangen in den Saal stürmte, ganz zu schweigen von den missbilligenden Blicken, mit denen Hildegard sie bedenken würde. Langsam und würdevoll trat sie also über die Schwelle. Die Gaukler, die eben ihre Vorstellung beendet hatten und von dem Kaufmann reich für ihre Künste belohnt worden waren, traten hochachtungsvoll zur Seite und verabschiedeten sich unter zahlreichen Verbeugungen. Arigund beobachtete, wie die Hand eines Knaben im Narrenkostüm nach einem der silbernen Löffel griff und diesen in einer Falte seines Gewandes verschwinden ließ. Sie sah sich nach einem Bediensteten um, der den Burschen stellen und das Eigentum der DeCapellas sichern könnte, vergaß aber ihr Vorhaben, als sie die Stimme ihres Vaters vernahm. Breitbeinig stand er vor dem aufwendig verzierten Wandteppich, die Hand mit dem Becher erhoben, und bemühte sich mit leicht lallender Stimme um Aufmerksamkeit. »Werte Gäste, ich erbitte einen Augenblick der Ruhe, um einer weiteren Darbietung zu folgen.«

Arigunds Blick traf auf den ihres Vaters, und wieder entdeckte sie dieses Strahlen in seinen Augen. Er winkte sie in die Mitte des Saales.

»Meine geliebte Tochter wird uns die Freude machen, für uns zu singen.«

Mit einer großen Geste, die ausgestreckte Rechte erhoben, wies er auf Arigund. Das Mädchen hatte zwar erwartet, dass ihr Vater es zum Singen auffordern würde, jedoch hatte es auf einen besonderen Augenblick gehofft, etwa kurz bevor das Brautpaar sich zurückzog. So jedoch wirkte es auf Arigund, als wäre sie nur eine Nummer unter Gauklern. Doch es blieb ihr wenig Zeit zum Nachdenken. Jemand drückte ihr die Laute in die Hand. Verwirrt griff sie die Saiten. Welches Stück sollte sie singen? Dann atmete sie tief durch. Warum nicht einfach das wunderschöne Lied, das sie mit dem Prior die letzten Wochen geübt hatte? Sie nickte, sich selbst zustimmend. Ja, ein Lobpreis der Jungfrau Maria war schließlich nie fehl am Platz. Nach den ersten Strophen schloss sie die Augen, stellte sich vor, selbst das Jesuskind in ihren Armen geborgen zu halten. Klar und rein sammelten sich die Töne in ihrer Brust, um dann samten aus ihrer Kehle zu strömen.

»Gepriesen seist du, Jungfrau, gebenedeit dein Leib.«

Sie ließ sich forttragen von der Melodie an einen Ort der Liebe und Geborgenheit, an einen Ort, von dem sie niemand verjagen konnte, schon gar keine Hildegard aus dem Geschlecht der Thundorf. Als sie ihn gerade erreicht hatte, wurde sie jäh vom Applaus und der weinseligen Stimme ihres Vaters unterbrochen.

»Das war wunderschön, Kind, aber, weißt du …« Ihr Vater unterbrach sich kurz und rang um die passenden Worte. »Arigund, ich würde mir etwas Fröhliches von dir wünschen, etwas, was die Stimmung dieses Festes mehr widerspiegelt. Ein Trinklied vielleicht?«

Arigund schluckte den bissigen Kommentar herunter, der ihr auf den Lippen lag, fragte sie sich doch, wer hier in Feierlaune war. Ganz gewiss nicht sie. Widerstrebend packte sie den Hals der Laute fester. Trinklieder waren nicht gerade ihre Spezialität. So etwas hätte der Prior nie mit ihr geübt. Glücklicherweise hatte sie einige dieser Stücke zuweilen gemeinsam mit Annelies gesungen. Sie spielte erst ein Lied, dann ein zweites und nahm verwundert zur Kenntnis, dass es ihr langsam Spaß zu machen begann. Die Gäste prosteten sich zu und blickten sie aufmunternd an. Zuletzt stimmte sie noch ein »Küchenlied« an, in dem es um die kleinen Missgeschicke der Liebe ging. Die männlichen Festgäste begannen zu schmunzeln. Als sie schließlich die Laute beiseitelegte, bemerkte sie erstaunt, dass ihre Stiefmutter purpurrot angelaufen war. Verwirrt sah das Mädchen zu ihrem Großvater, dann zurück zu ihrem Vater, an dessen Seite seine neue Frau sich erhob. Sie griff mit langen, spitzen Fingern nach ihrem Becher, hob ihn hoch und meinte: »Auf Arigund DeCapella, die beim heutigen Fest den krönenden Abschluss der Reihe von Gauklern und Spielleuten bildete, die uns amüsieren sollten.«

Es wurde totenstill. Alle starrten die neue Frau DeCapella an. Arigund auf eine Stufe mit Gauklern und Spielleuten zu stellen war ein Schlag ins Gesicht. Zwar waren die Schausteller auf Festivitäten gern gesehen, aber im Grunde hielten die Bürger sie für Gesindel, das noch weniger geachtet war als die unfreien Bediensteten. Hilfesuchend wanderte Arigunds Blick zu ihrem Vater, doch der stand schweigend da, dann hinüber zu ihrem Großvater, dem die Zornesröte ins Gesicht gestiegen war. Nur ein Gast behielt die Fassung, nämlich ihre Großmutter. Die fasste sich ein Herz und applaudierte einfach. Erleichtert taten es die anderen Gäste ihr gleich. Arigund wartete das Ende der Beifallsbekundungen nicht ab. Sie stürzte aus dem Festsaal, rannte zurück in ihre Kammer und warf die Tür wütend ins Schloss.

*

Sie hatte gerade das dritte Kleid aus ihrer Truhe gezerrt und auf den Boden geworfen, als sich die Tür zu ihrer Stube öffnete und ihr Vater eintrat. Der blickte verwundert auf den Kleiderhaufen am Boden und fragte: »Willst du dich umziehen und kannst dich nicht entscheiden?«

Arigund starrte ihn an. Konnte es sein, dass er wirklich nicht merkte, wie sehr sie sich gekränkt fühlte? Ungeschickt angelte er nach einem Kleid aus rotem Brokat.

»Das da fände ich sehr hübsch. Zieh es an und komm dann wieder herüber.«

»Keine zehn Pferde bringen mich zurück in den Festsaal«, erwiderte Arigund zornig. »Nicht nach dem, was diese Frau vor den Gästen über mich gesagt hat.«

Ihr Vater runzelte die Stirn. »Diese Frau ist deine Stiefmutter, und ich erwarte von dir, dass du sie mit Achtung behandelst.«

»Ich werde sie genau so behandeln, wie sie mit mir umspringt!« Arigunds Stimme wurde schrill. »Wenn sie mich eine Gauklerin heißt, so heiße ich sie eine Närrin!«

»Kind, du vergisst dich!«, herrschte ihr Vater sie an.

Einen Augenblick starrten sich die beiden an, zwei Paar italienische Augen funkelten im Schein der Kienspäne.

»Schau doch mal, Ari, Liebes«, lenkte ihr Vater ein, »so wie du das aufgefasst hast, war das doch gar nicht gemeint. Das hat sie doch bloß im Spaß gesagt.«

»Ach, dann hat sie einen eigenartigen Humor. Außer ihr und dir fand das wohl so ziemlich niemand spaßig.«

DeCapella bemühte sich um Gleichmut. Doch seine Füße scharrten ungeduldig auf den hölzernen Dielen. »Nun reg dich doch nicht so auf! Du hast doch gar keinen Grund dazu? Du hast doch erst eine Ratsaffäre daraus gemacht, indem du mit hochrotem Kopf davongerannt bist. Warum hast du nicht einfach gelächelt und ihr zugeprostet?«

»Ach, dann bin ich jetzt an allem schuld?« Arigund musste ihre gesamte Willenskraft aufbieten, um ihren Vater nicht anzubrüllen. Wer hatte denn die unglaubliche Idee mit den Trinkliedern. Sie selbst etwa?

»Nun beruhige dich doch, Kind.« Beschwichtigend versuchte DeCapella einen Arm um seine Tochter zu legen, doch sie wies ihn zornig ab. Gekränkt zog sich der Kaufmann zurück.

»Na gut«, meinte er, und auch seine Stimme bebte nun. »Arigund, ich habe das Gefühl, dass es in letzter Zeit hier für dich zu aufregend war. Ich denke, ein wenig Ruhe täte dir gut, ein Aufenthalt auf dem Lande. Das wäre das Richtige für dich. Ich werde mich darum kümmern.«

Es war, als würden die Wände der Stube über ihr zusammenbrechen. Waren das die Worte ihres Vaters? Erfüllte er auf diese Art seine Schwüre, er würde immer für sie da sein.

Hätte er sie ins Gesicht geschlagen, hätte er sie nicht härter treffen können. So also waren Männer. Kaum hatte man eine neue Frau im Bett, schickte man die Tochter der alten weg! Arigund schluckte. Ihre Stimme klang eisig, als sie fragte: »Und woran habt Ihr gedacht, Herr Vater?«

»Ein Minnehof wäre durchaus passend für dich, Arigund.«

Er machte eine kurze Pause. »Brennberg«, meinte er dann, machte auf dem Absatz kehrt und rannte beinahe Annelies über den Haufen, die kreidebleich und mit zerrissenem Dirndl in der offenen Tür stand. DeCapella würdigte sie – ganz im Gegensatz zu all den anderen Männern, mit denen sie es heute Nacht zu tun gehabt hatte – keines weiteren Blickes. Arigund jedoch starrte ihre Zofe entgeistert an. »Was ist denn mit dir passiert?«, wollte sie wissen. »Dein Kleid ist ja ganz zerrissen, und du siehst aus, als wärst du gerade der Hölle entkommen.«

Ihre Zofe schien zu keiner Antwort fähig. Mit geweiteten Augen starrte sie Arigunds Vater hinterher.

»War das etwa Matthias?«, flüsterte Arigund weiter und hoffte, sich getäuscht zu haben.

Annelies schüttelte energisch den Kopf, rannte dann jedoch ohne ein weiteres Wort davon. Verwirrt sah ihr Arigund nach. »Was für ein Tag!«, fluchte sie leise, als sie die Tür zu ihrer Kammer zudrückte.

KAPITEL 5

MAI 1268

Die Luft stand in den Gassen. Das Frühjahr war mit einer nicht enden wollenden Schlechtwetterfront über Regensburg hereingebrochen. Es goss in Strömen, während es für die Jahreszeit viel zu warm war. Die Schwüle ließ jede Tätigkeit zur Qual werden, doch Arigund war sowieso die Lust an der Arbeit vergangen. Seit ihre Stiefmutter samt Tochter im Haus das Regiment führte, gingen sich Vater und Tochter aus dem Weg, deshalb mied Arigund das Kontor. Großvater Zandt hatte versucht, die Wogen ein wenig zu glätten, doch das hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Eifersüchtig wachte seither die Thundorferin darüber, dass sich für Arigund keine Gelegenheit bot, den alten Mann zu treffen. Auch Hildegard belauerte sie mit Argusaugen und schaffte es stets zu verhindern, dass sie in die Nähe des Zandthauses gelangte. Während der gemeinsamen Mahlzeiten stocherte Arigund nur noch lustlos im Essen herum, oder sie brachte es Annelies, die seit der Hochzeit nicht weniger bedrückt wirkte.

»Warum isst du nichts?«, fragte Arigund ihre Magd. »Schlägt dir der Liebeskummer auf den Magen?«

Annelies antwortete nicht.

»Du wirst ihn ja demnächst wiedersehen, deinen Rotschopf«, versuchte Arigund das Mädchen aufzumuntern, aber es klang wenig überzeugend und schien auch keinerlei Wirkung auf die Zofe zu haben.

»Annelies, was ist denn los? Seit der Hochzeit wirkst du bedrückt, sobald Brennberg erwähnt wird. Habt ihr euch gestritten? War es doch er, der dein Kleid zerriss?«

»Nein, niemals würde Matthias so etwas tun. Er hat gesagt, dass er mich lieb hat, aber …« Die Magd schluckte und verstummte.

»Aber was?«, insistierte Arigund. »Dann ist doch alles gut. Irgendwann sind wir auf Burg Brennberg, und du kannst ihn so oft sehen, wie du möchtest.«

Jetzt war es mit Annelies’ Fassung gänzlich vorbei. »Aber ich …, ich will da nicht hin. Dieser Herr Wirtho, er ist einfach schrecklich.«

»Er ist ein ungehobelter Klotz, aber was werden wir schon mit ihm zu schaffen haben!«

»Ich fürchte mich vor ihm, und wenn wir erst dort sind, dann sind wir ihm schutzlos ausgeliefert.«

Stockend erzählte Annelies von ihrer Begegnung mit Wirtho. Nachdem Arigund von den empörenden Ereignissen erfahren hatte, kaute sie nachdenklich auf ihrer Unterlippe.

»Dieser Schuft! Und dann auch noch in unserem Haus! Das werde ich meinem Vater …« Arigund stockte, dann nahm sie wortlos ihre Zofe in die Arme, die leise zu schluchzen begann.

»Annelies, du musst doch gar nicht mit nach Brennberg«, meinte Arigund mit belegter Stimme. »Du kannst hierbleiben, wenn du willst.«

Die Zofe sah ihre Herrin eine Weile nachdenklich an. Dann streckte sie die Hand aus: »Kommt, Herrin, gebt mir das Brot! Ich bringe es zu den Armen. Die haben im Augenblick noch weniger als sonst, wo doch wegen der Feuchtigkeit das Getreide im Speicher verschimmelt.«

Arigund öffnete schon den Mund, um zu widersprechen. Es war nicht üblich, dass die Patrizier die Bedürftigen mit Nahrungsmitteln versorgten. Das übernahm das Spital, das allerdings von den Patriziern mit Geldspenden unterstützt wurde. Doch plötzlich hatte Arigund eine Idee.

»Das ist es«, platzte Arigund heraus. »So könnte es gehen.«

»Was könnte so gehen?«, fragte Annelies wenig begeistert.

»Du bringst einen Korb mit Nahrungsmitteln zum Spital. Gegen einen solchen Akt christlicher Nächstenliebe wird nicht mal die alte Hexe etwas sagen können. Auf dem Rückweg bringst du einen Brief zu Großvater. Der würde niemals wollen, dass wir auf Brennberg so einer Gefahr ausgesetzt werden. Bestimmt können wir zu ihm ins Zandthaus ziehen.«

In Annelies’ Augen kehrte neues Leben zurück. Ein Plan, und gewiss einer, der sich durchführen ließ. Der Brief an Großvater Zandt war rasch geschrieben. Annelies verbarg ihn sorgsam unter ihrem Hemd.

»Geh jetzt in die Küche, und lass dir einen Korb mit Vorräten füllen. Wenn dich jemand aufhält, sag, du gehst im Auftrag des Hauses DeCapella.«

Als Annelies aus dem Zimmer huschte, pochte ihr das Herz bis zum Hals. Am liebsten wäre sie gerannt, aber ihre Schritte hallten auch so schon laut genug auf dem Dielenboden. Prompt öffnete sich die Tür zu Hildegards Zimmer und die kräftige Gestalt der jungen Frau schob sich in den Türrahmen. Als sie die Zofe erkannte, zog sie wortlos die Augenbrauen zusammen. Annelies wusste von Magda, dass die Thundorferin und ihre Tochter versuchten, das alte Gesinde loszuwerden und durch ihr eigenes zu ersetzen. Jede kleinste Verfehlung wurde als Kündigungsgrund genutzt. Annelies stand ganz oben auf der Liste. Lediglich die Aussicht, dass sie ohnehin in einigen Wochen gemeinsam mit Arigund das Haus verlassen würde, hatte sie bislang geschützt. Rasch senkte das Mädchen den Blick, ohne jedoch die Schritte zu verlangsamen. Keinesfalls sollte Hildegard Verdacht schöpfen. Die junge Herrin musterte das Mädchen. Ihre Augen glitten zu dem Tablett, auf dem sich die kaum angerührten Speisen befanden. Annelies trat der Schweiß auf die Stirn. Nur noch wenige Schritte trennten sie von Hildegard. Gerne hätte die Zofe kurz nach dem Brief an ihrer Brust gefasst und sich davon überzeugt, dass er ganz bestimmt nicht zu sehen war. Ihre Finger verkrampften sich um das Tablett. Dann war sie auch schon an Hildegard vorbei. Die Blicke der neuen Herrin verfolgten sie bis zur Treppe. Annelies konnte erst wieder atmen, als sie die Küche erreicht hatte.

Doch der schwierigste Teil ihres Auftrags kam erst jetzt. Sie musste mit dem Brief aus dem Haus und damit an Konstantia vorbei. Die hatte beschlossen, mit dem Strom zu schwimmen und sich den Wünschen der neuen Herrin anzupassen. Ging etwas schief, so schob sie es ohne Skrupel einem der Küchenhilfen in die Schuhe. Die Hälfte der Küchenmägde hatte auf diese Art schon das Haus verlassen müssen. Magda gehörte zum Glück nicht dazu. Doch Annelies konnte ihre Freundin unmöglich ins Vertrauen ziehen. Es war zu gefährlich. Man würde sie gewiss in Schimpf und Schande aus dem Haus werfen, käme ans Licht, dass sie diesen geheimen Botengang unterstützt hatte. Seufzend beschloss Annelies, sich direkt an die Köchin zu wenden. Sie fand sie im Vorratsraum, wo sie wie immer schimpfte und lamentierte.

Es galt, überzeugend zu sein. »Was für eine Katastrophe! Die Hälfte des Brotes ist schimmlig! Wenn die Herrin das sieht, ist der Teufel los.« Konstantia rang die Hände. »Und Bier gibt es auch keines mehr, weil die Keller der Brauereien allesamt abgesoffen sind. Herr im Himmel! Wir werden verhungern.«

Ein fernes Grollen kündigte ein neues Gewitter an. Jedes barg die Gefahr, dass wertvolle Stadthäuser von einem Blitz in Brand gesetzt und ganze Wachten, wie man die Stadtteile Regensburgs nannte, von der Feuersbrunst bedroht wurden. Die Dächer kapitulierten vor dem Hagel und Dauerregen, auch die Wohnungen wurden feucht. Mücken, sonst um diese Jahreszeit nur vereinzelt zu sehen, waren allgegenwärtig, störten die Nachtruhe, hinterließen juckende Pusteln oder trugen sogar das Fieber in die Häuser. Wenn Annelies nicht bald fortkam, würde sie nass bis auf die Knochen werden und vielleicht würde die Tinte auf dem Brief, auf dem ihre letzten Hoffnungen ruhten, verschwimmen.

»Heizt den Backofen ein! Rasch! Und bringt mir Mehl!« Die Köchin klatschte in die Hände. Dann entdeckte sie Annelies. »Was willst du?«, herrschte sie die Magd an.

»Ich soll Essen ins Spital bringen, für die Bedürftigen.«

Konstantia legte den Kopf schief.

»Wer hat das angeordnet?«, Konstantia beäugte sie misstrauisch.

»Der Herr DeCapella«, log Annelies.

Einen winzigen Augenblick lang hatte das Mädchen das Gefühl, ihr Plan würde scheitern. Dann allerdings sah Konstantia die Möglichkeit, das verdorbene Brot rasch verschwinden zu lassen. Mit ihren mächtigen Armen fegte sie das Regal leer. Die Laibe purzelten in einen Weidenkorb.

»Hier hast du’s, und nun troll dich!«, knurrte die Köchin.

Hastig griff Annelies nach dem Korb, packte ihn bei den Henkeln und eilte auf die Straße hinaus. Dort versank sie sofort knöcheltief im Schlamm. Annelies hielt sich, was sie sonst tunlichst vermied, dicht an den Fassaden der Häuser. Normalerweise blieb man besser in der Mitte der Straße, denn man konnte leicht einmal mit Unrat überschüttet werden, den die Bewohner gewöhnlich einfach aus dem Fenster in die Feuergässchen kippten. Doch der Stadtbach, sonst ein sanft plätscherndes Bächlein, war gewaltig angeschwollen und hatte die Straßenmitte gänzlich überflutet. Annelies watete hastig durch den Schlamm, bis der Wohnturm der DeCapellas außer Sicht war. Jetzt würde sie gewiss niemand mehr aufhalten. Auf der glitschigen Straße hielt sich ohnehin nur auf, wer unbedingt musste. Selbst der Marktplatz, auf dem das Leben normalerweise pulsierte, war wie leer gefegt. In dem Sumpf aus Stroh und Erde tummelten sich nur noch umherstreunende Schweine.

Ihr Weg führte sie hinab zur Donau. Sie erschrak, als sie bemerkte, welchen Raum sich der große Fluss bereits verschafft hatte. Die hafennahen Wachten standen schon zur Hälfte unter Wasser, viele Straßen waren unpassierbar. Das Spital war nur noch über Stege erreichbar, die auf Annelies wenig vertrauenerweckend wirkten. Unter ihnen schob ein bestialisch stinkender Fluss Nachttöpfe, Geschirr und Unrat beiseite. Zweimal kam das Mädchen ins Straucheln und fürchtete, in die Fluten zu stürzen. Ein erster, grell-weißer Blitz durchzuckte den Himmel, als sie endlich die Pforte des Spitals erreichte. Eine hagere Nonne mit tief liegenden Augen öffnete auf ihr Klopfen hin, griff mit einem »Vergelt’s Gott!« nach dem Korb mit dem Brot und verschwand sofort wieder hinter den dicken Mauern.

Annelies sah hinunter zum Hafen. Zahlreiche Handelsschiffe dümpelten unnütz an den Kais, sehr zum Ärger der Fernhandelskaufleute. Die Hochwasser legten die Schifffahrt auf Naab und Donau still und machten die Handelsstraßen unpassierbar. Zwar kannte man die Launen der Donau und zog sie ins Kalkül, doch in diesem Jahr schien sie ihre Possen besonders toll zu treiben. Kein Schiff wagte sich in die Untiefen des erbosten Flusses, und so lagen sie, statt sich mit Silber und Honig beladen auf die Reise gen Osten zu begeben, in der Stadt vor Anker und kosteten Geld, statt welches einzubringen.

Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel, gefolgt von einem dumpfen Grollen. Jetzt wurde es wirklich Zeit. Über wackelige Stege hastend, erreichte das Mädchen die höher gelegenen Straßen der Donauwacht. Völlig atemlos und halb durchnässt gelangte sie zum Zandthaus. Ihrem energischen Klopfen wurde sofort entsprochen. Ein Diener öffnete, und sie schlüpfte herein. Das Erste, was Annelies auffiel, war die Stille im Haus, das Zweite waren die ernsten Augen des Mannes, der ihr geöffnet hatte. Annelies griff nach dem Schriftstück in ihrem Hemd.

»Ich habe einen Brief an den Herren Zandt, von seiner Enkelin Arigund.«

Der Diener nahm das Schriftstück wortlos in Empfang, schien ihm aber keine Bedeutung beizumessen.

»Ich soll ganz sichergehen, dass der Brief den Herren Zandt auch erreicht.«

»Komm erst mal in die Küche, und lass dir einen Becher Würzwein geben.«

»Aber der Brief …«, beharrte Annelies.

Der Diener schob das Mädchen stumm vor sich durch den Gang. Auch in der Küche fehlte das geschäftige Durcheinander, das Annelies gewohnt war. Irgendetwas war passiert, daran gab es keinen Zweifel. Sie wandte sich zu dem Diener um. »Du wirst dem Herren Zandt doch den Brief geben?«

»Gewiss doch, sobald es möglich ist.«

»Warum sollte es nicht möglich sein?«, fragte Annelies ängstlich.

»Der Herr ist krank, das Fieber …«

Annelies war es, als zöge ihr jemand den Boden unter den Füßen weg. Natürlich hatte sie schon davon gehört, dass das Fieber umging. In den ärmeren Wachten wurden bereits viele Tote beklagt. Meist wurden Kinder als Erste von Fieber und Durchfall getroffen. Doch dass die Krankheit nun auch die Patrizierburgen erreichte, war neu. Plötzlich wurde Annelies klar, was es für sie und Arigund bedeuten würde, wenn der alte Zandt dem Fieber erläge. Mit ihm würden all ihre Hoffnung begraben werden. Selbst wenn sich der Kaufmann von der Krankheit erholen sollte, würden Wochen vergehen, eh er die Kraft finden würde, Herrn DeCapella zur Rede zu stellen. Annelies wurde schwach. Sie sackte auf den Hocker, den ihr eine der jungen Köchinnen hinschob. »Setz dich erst mal! Du bist Annelies, nicht wahr? Ich kenne dich.«

Sie schob ihr einen Becher Würzwein hin. »Trink!«, forderte sie das Mädchen auf. »Du bist ja ganz blass geworden.«

Wie in Trance nippte Annelies an dem Becher. »Steht es denn schlimm um den Herrn Zandt?«, fragte die Zofe.

»Der Medicus war gerade da und hat ihn zur Ader gelassen. Man muss die Nacht abwarten, hat er gesagt.«

»Aber wie konnte das nur geschehen?«

»Der Medicus meint, es käme vom Wasser. Ich kann das aber nicht glauben. Unser Wasser stammt nicht aus der Donau. Wir haben einen eigenen Brunnen, gleich neben der Versatzgrube.« Annelies nickte mechanisch. Dann fiel ihr ein, dass Herr DeCapella genau dies stets bemängelte. Er hatte darauf bestanden, dass Versatzgrube und Brunnen möglichst weit voneinander entfernt lagen.

»Ich muss gehen«, hauchte Annelies, »sonst vermisst man mich noch.«

»Kein einfaches Leben mit der neuen Herrin, was?« Die Köchin schaute sie mitleidig an. Arigund starrte eine Weile auf ihren Becher, dann erhob sie sich, ohne weiter von dem Wein gekostet zu haben.

»Man hört ja so dies und das«, versuchte die Köchin noch einmal, Annelies eine Bemerkung zu entlocken.

»Danke für den Wein«, meinte das Mädchen nur und wandte sich zum Gehen.

*

Im Hause DeCapella in der Wahlenstraße stand Katharina DeCapella, vormals Thundorf, vor dem Spiegel und kostete ihren Triumph aus. Ihre Monatsblutung war ausgeblieben, und da die sonst zuverlässig war wie der Vollmond und sie sich zudem seit einigen Tagen mit morgendlicher Übelkeit herumplagte, konnte das nur eines heißen: Sie war schwanger. Das würde ihr Ansehen im Haushalt vermehren. Es würde keine Tuscheleien mehr geben, ob sie überhaupt noch fruchtbar oder ihr Leib nicht etwa schon verdorrt wäre. Der Geist der Anna Barbara Zandt wäre endgültig gebannt, hielte ihr Gatte erst einmal den ersehnten Erben in seinen Armen. Sorgfältig steckte sie ihre Haare zusammen, die zu ihrem größten Ärger von einigen grauen Strähnen durchzogen waren. Genau wie ihrer Mutter, die bereits mit Mitte dreißig komplett ergraut war, hatte Gott ihr das Schicksal auferlegt, schnell zu verwelken. Katharina erfüllte das mit Sorge. Jedermann wusste, dass sich Männer gerne jungen Weibern zuwandten, waren die Brüste ihrer Ehefrauen erst einmal erschlafft und das Haar silbern. Energisch zog Katharina die Haube aus gebleichtem Leinen über den Kopf. Heute, wenn sie ihrem Gatten von ihrer beginnenden Mutterschaft erzählte, wollte sie jung aussehen.

Sie entdeckte ihn in der Halle – mit seiner Tochter. Arigund hatte den Kopf eng an die Schulter ihres Vaters geschmiegt, und er streichelte zart ihren Rücken. Katharina gab es einen Stich. Eine plötzliche Welle der Übelkeit stieg in ihr hoch. Dieses kleine Luder! Versuchte es doch eins ums andere Mal, den Vater zu verführen, und er ließ sich darauf ein, nur weil das Gör seiner Mutter glich wie ein Ei dem anderen. Wusste doch jeder, dass die Zandt des Herren große Liebe gewesen war. Es wurde allerhöchste Zeit, das unleidige Mädchen anderweitig unterzubringen und damit die Geschichte »Zandt« endgültig abzuschließen. Gebieterisch schritt Katharina die Treppe herunter.

»Es ist ja gut, Ari, so beruhige dich doch«, hauchte DeCapella seiner Tochter gerade in die dunkle Lockenpracht. »Alles kommt wieder in Ordnung. Wichtig ist doch nur, dass wir uns wieder vertragen.«

Katharina schluckte. Eine Versöhnungsszene. Das fehlte gerade noch. Sie biss die Zähne zusammen, entschlossen, zum bösen Spiel eine gute Miene aufzusetzen.

»Natürlich, liebes Kind«, mischte sie sich in das Gespräch zwischen Vater und Tochter. »Wir sind doch eine Familie und müssen zusammenhalten.«

Arigund hob den Kopf, und ihre Augen sprachen Bände: »Du gehörst ganz bestimmt nicht dazu!«, blitzten sie zu ihr herüber.

Als er die Stimme seiner Gattin vernahm, rückte DeCapella etwas von seiner Tochter ab. Es schien ihm unangenehm, dass ihn Katharina in so vertrauter Pose mit Arigund gesehen hatte.

»Ich glaube, wir können jetzt alle einen Würzwein brauchen«, schlug der Kaufmann vor und löste sich gänzlich von Arigund.

»Ich werde es sofort veranlassen.« Katharina gab einem Diener ein Zeichen und wandte sich dann wieder Arigund zu. »Kind, möchtest du dich nicht eben wieder zurechtmachen?«

»Eigentlich wollte ich gerade mit meinem Vater sprechen«, fauchte das Mädchen. »Allein!«, setzte sie noch nach.

»Kein Grund, so ungehalten zu sein, meine Liebe«, säuselte Katharina. »Das steht dir doch jederzeit frei.«

»Übe heute Nachsicht mit Ari«, mischte sich DeCapella ein. »Sie hat gerade erfahren, dass ihr Großvater am Fieber erkrankt ist.«

»Ach, welch eine Tragödie«, erwiderte Katharina, doch ihrer Stimme fehlte es an aufrechter Anteilnahme. Arigund knetete ihre Finger vor Wut. Den Thundorfs war es wahrscheinlich gerade Recht, dass Großvater Zandt vorübergehend die Zügel aus der Hand legen musste. Arigund wollte eine bissige Bemerkung machen, doch ihre Stiefmutter kam ihr zuvor:

»Trotzdem wäre es gut, wenn du dich zurückziehst, bis du dich beruhigt hast«, meinte sie. »Man muss dich nicht so aufgelöst bei Tisch sehen.«

Arigunds Blick ging zu ihrem Vater. Der nickte leicht. Ein bitterer Geschmack erfüllte Arigunds Mund. So war das also: In diesem Haus war es wichtiger, die Haare zu kämmen und das Gewand zurechtzuzupfen, als sich um das Wohl eines so guten Menschen wie ihres Großvaters zu sorgen. Das Mädchen schluckte und richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. Dann meinte es mit blitzenden Augen: »Klar, natürlich. Ich werde euch mit meiner ›Aufgelöstheit‹ nicht weiter belästigen. Ich fürchte allerdings, bis zum Nachtmahl werde ich mich nicht mehr beruhigen.«

Mit diesen Worten fuhr sie herum und stürzte die Treppe hoch. Antonio DeCapella seufzte. Was hatte er denn nun schon wieder falsch gemacht? Da spürte er eine warme Hand an seiner Schulter. »Sie ist in einem schwierigen Alter, aber das wächst sich aus.«

Ergeben nickte der Kaufmann und stimmte seiner Gattin halbherzig zu: »Wahrscheinlich hast du Recht: Sie wird sich schon beruhigen. Spätestens, wenn sie Hunger hat, kommt sie herunter.«

»Das kann ein wenig dauern, denn diese Zofe versorgt sie laufend mit Naschereien.«

»Annelies ist Arigund eben treu ergeben und von Herzen zugetan. Die beiden sind fast wie Milchschwestern miteinander.«

»Eine Kinderfrau, die dem Mädchen Demut und Gehorsam beigebracht hätte, wäre angebrachter gewesen als eine Bürgerstochter aus verarmtem Hause, die Arigunds Flausen noch unterstützt. Lass uns hoffen, dass es sich nicht herumspricht, wie eigenwillig Arigund ist. Es würde eine passende Heirat für sie erheblich erschweren.«

»Das lass getrost meine Sorge sein. Ich habe feste Pläne mit meinem Kind.«

»Und die Zofe? Sie ist bereits sechzehn. Die Verlobte von Alfons Meier, dem Sohn des Webers, ist gestern verstorben. Der junge Mann wird die Werkstatt einmal erben, und Annelies wird gewiss nicht ewig Zofe bleiben wollen.«

DeCapella runzelte nachdenklich die Stirn. »Es wäre schon eine gute Partie, und der Vater wäre von der Tochter eines Tuchhändlers sicherlich angetan. Andererseits habe ich gehört, der Junge hätte ein recht aufbrausendes Temperament und er spricht dem Bier in reichem Maße zu. Zudem würde ich Annelies schon gerne Arigund nach Burg Brennberg mitgeben. Wer weiß, vielleicht findet sich da ja ein passender Mann für sie!«

»Ich bitte dich, wer sollte das denn sein«, wehrte Katharina ab. »Irgendeinen Unfreien kann sie nicht zum Gatten nehmen, und ein Mann von Stand ist ausgeschlossen.«

»Das steht auch nicht zur Debatte, Frau. Annelies soll es einmal gut haben. Ich stehe bei ihrer Mutter im Wort, dem Mädchen eine ordentliche Mitgift auf den Weg zu geben, wenn sie bei uns ausgedient hat. Zudem war Annelies’ Vater ein aufrechter Mann. Als Geschäftspartner hat er mich nie geprellt.«

Katharina seufzte geflissentlich: »Es war eine Tragödie für die Familie, als er an Schwindsucht erkrankte.«

»Und Annelies ist ein liebes, fleißiges Ding«, spann der Kaufmann seine Gedanken fort. »Nein, sie verdient eine gute Partie, eventuell den Sohn eines meiner Kapitäne.«

»Auch so eine Hochzeit muss gut angebahnt werden«, entgegnete Katharina.

»Wenn es dir so wichtig ist, dann halte doch ein wenig Ausschau.«

»Und da wir gerade davon reden: Wen hast du eigentlich für Arigund im Auge?«

»Das ist eine Überraschung, ich sage nur, sie wird es einmal weit bringen, und die Hochzeit wird für unser Haus von großem Vorteil sein!« Der Handelsherr blinzelte übermütig. Katharina strich enttäuscht ihr Kleid glatt.

»Nun, ich fürchte, dass uns im nächsten Jahr nicht allzu viel Zeit bleiben wird, ein so großes Ereignis wie eine Hochzeit vorzubereiten, wo doch zum nächsten Weihnachtsfest unser Kind das Licht der Welt erblicken wird.«

DeCapella schaute seine Gattin überrascht an. Sein Blick wanderte zu Katharinas Bauch, als ob da schon etwas zu sehen wäre. »So bald schon? Du bist dir sicher?«

»Ja, zum Christfest wird unser Sohn geboren werden!«, wiederholte Katharina mit Bestimmtheit.

»Ob Bub oder Mädel, das Wichtigste ist, es kommt gesund zur Welt.«

Ein Lächeln entspannte Katharinas Züge. DeCapella war so ein guter Mann. Alles könnte wunderbar sein, wenn nicht Arigund ständig versuchen würde, Unfrieden zu stiften. »Es wird ein Junge«, erklärte sie feierlich. »Das spüre ich, mein Herr Gemahl, und er wird die Linie der DeCapellas fortführen.«

»Das würde mich mit großer Freude erfüllen, liebste Katharina, so wie deine Anwesenheit mich mit Freude erfüllt, seit du das Bett mit mir teilst.« DeCapella streichelte sanft Katharinas Hand. Er fühlte sich in dieser Ehe zunehmend wohl. Trotz der Schwierigkeiten mit Arigund hatte er seine Entscheidung noch an keinem Tag bereut und gewiss nicht in den Nächten. Katharina war eine erfahrene Frau, die wusste, wie man einen Mann glücklich macht. DeCapella sah sich kurz um, ob sie auch allein waren. Dann legte er seine Hände auf ihren prallen Busen und drängte sich dichter an sie heran. Sie ließ es nur zu gerne geschehen, als er leidenschaftlich ihre Lippen suchte. Katharina seufzte leise: Das war doch etwas anderes als die Umarmung, die sie vorhin zwischen ihrem Gatten und Arigund beobachtet hatte. Zufrieden glitten ihre Hände zu seinem Gesäß, massierten die Schenkel und fanden den Weg über die Hüftknochen zu seinen Lenden. DeCapellas Atem beschleunigte sich.

»Frau, du machst mich verrückt«, keuchte er.

Statt einer Antwort kniete sich seine Gattin nieder und streichelte den Leinenstoff, der seinen Unterleib verhüllte. Sie fand, was sie suchte und – zu ihrer Zufriedenheit – auch in dem Zustand, in dem sie es erhoffte. Geschickt massierte sie weiter, bis ihr Gatte vor Lust aufstöhnte.

»Wir hätten noch etwas Zeit bis zum Nachtmahl, mein Herr DeCapella. Wir könnten uns in unser Schlafgemach zurückziehen.«

Energisch drückte er ihren Kopf in seinen Schoß, während er mit der anderen Hand seinen Gürtel löste.

»Mach weiter, Frau, genau hier und jetzt!«

Katharina wollte etwas einwenden, beherrschte sich aber. Wenn sie ihr Vorhaben durchsetzen wollte, tat sie gut daran, ihn freundlich zu stimmen, auch wenn dies bedeutete, etwas zu tun, was ihr nicht gefiel. Sie hoffte nur, dass nicht gerade jetzt jemand durch die Tür stürmte. Doch es blieb ihr auch keine Zeit mehr, die Dinge abzuwägen, denn DeCapellas Lust duldete keinen Aufschub. Widerwillig gehorchte sie den Wünschen ihres Gatten.

*

Es war nicht Arigunds Absicht gewesen zu lauschen. Eigentlich hatte sie auf der Treppe nur kehrtgemacht, um den Brief, den ihre Großmutter Annelies mitgegeben hatte, von der Kommode zu holen. Doch als sie ihren Vater mit seiner neuen Frau über Annelies reden hörte, hatte sie einfach zuhören müssen. Heiß und kalt war es ihr über den Rücken gelaufen, als sie von Katharinas Plänen erfuhr. So also stellte sich die Thundorferin – denn das würde sie in Arigunds Augen immer bleiben – das vor. Sie plante, das lästige Stiefkind und Annelies zu verheiraten, und zwar so schnell wie möglich.

»Gut zu wissen!«, hatte Arigund sich gedacht, doch dann war die Sache mit der Schwangerschaft gekommen. Arigund hielt die Behauptung für eine glatte Lüge. Wie sollte das denn passiert sein? Ob da dem Vater eventuell ein Bankert, gezeugt in Sünde und wer weiß von wem, untergeschoben werden sollte? Ihr Vater war aber auch zu gutmütig. Wie sie ihn kannte, würde er das Kind sogar in seine Familie aufnehmen, eventuell als seines anerkennen. Empört verließ Arigund ihr Versteck hinter dem Treppenabsatz. Ihr Blick fiel auf ihren Vater in enger Umarmung mit dieser Frau. Was dann geschah, ließ ihr den Atem stocken. Die Thundorferin kniete vor dem Handelsherren. Der stand mit zuckenden Lenden, die Augen halb geschlossen, das Gesicht gerötet. Er stöhnte und flüsterte der Thundorferin Liebesschwüre zu. Arigund war wie vom Donner gerührt. Sie wollte weglaufen, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht. Jemand zupfte an ihrem Ärmel, und Annelies flüsterte »Komm!« in ihr Ohr. Seite an Seite huschten die Mädchen die Stufen hoch und hasteten in Arigunds Stube.

*

»Sie wird nicht herunterkommen«, stellte DeCapella fest, während er Katharina fürsorglich ein leckeres Stück Hühnchenfleisch in den Mund steckte. Seine Augen hatten noch immer einen glasigen, aber höchst zufriedenen Ausdruck. Seine Frau – inzwischen wieder perfekt gekleidet und frisiert – nickte.

»Nein, wird sie nicht.« Katharina kaute bedächtig, bevor sie fortfuhr. »Nun, vielleicht ist es auch ganz gut, wenn sie sich in nächster Zeit in ihr Zimmer zurückzieht, jetzt, wo das Fieber die Wahlenstraße erreicht hat.«

DeCapella erschrak. »Du meinst, sie könnte eventuell auch daran erkranken.«

Katharina seufzte. »Schon so viele sind daran gestorben.«

»Aber doch nur Alte und Kinder.«

»Mein Vater berichtete, die Hälfte seiner Belegschaft sieche dahin.«

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