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Die Vollmondnacht Chroniken

Ashley Kalandur

Die Vollmondnacht Chroniken

Gabriel


Für meine Lieben!


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Vollmondnacht Chroniken

 

 

 

 

Ashley Kalandur

 

 

Die Vollmondnacht Chroniken

 

Gabriel

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig!

Buch:

Gabriel lebt in Köln, ist Einzelgänger und wird von seinen Freunden schamlos ausgenutzt. Um diesem grauen Alltag zu entfliehen, lässt er sich zu einem Kinobesuch überreden. Als ihn an diesem Abend ein Fremder verletzt, ändert sich plötzlich alles...

Seine Sinne werden schärfer, er wird schneller, stärker und gewandter, aber Gabriel muss auch erkennen, dass dies nicht nur Vorteile mit sich bringt. Denn der Vollmond rückt näher und er ahnt, was mit ihm passieren wird. Wird Gabriel Herr seiner neuen Gefühle oder gewinnen Schmerz, Wut und Leidenschaft die Oberhand?

Und was verbirgt sich hinter der bröckelnden Fassade der Normalität?

 

Über die Autorin:

 

Ashley Kalandur wurde 1982 geboren. Nach ihrer erfolgreichen Ausbildung studierte sie Jura. Bis 2007 ihre Tochter geboren wurde und sie das Studium, zugunsten ihrer Familie, an den symbolischen Nagel hängte. Seit 2011 arbeitet sie an ihrer Debüt-Serie 'Die Vollmondnacht Chroniken', deren erster Band im März 2012 fertiggestellt wurde und im Dezember desselben Jahres im deutschen E-Book Handel erschienen ist.

 

 

Bereits in dieser Reihe erschienen:

 

1. Die Vollmondnacht Chroniken – Kinder der Dunkelheit (Kurzgeschichten)

2. Die Vollmondnacht Chroniken – Gabriel (Roman)

 

 

In Vorbereitung:

 

3. Die Vollmondnacht Chroniken – Nachtmahr

4. Die Vollmondnacht Chroniken - Nemesis

 

Prolog

 

 

 

Köln, Sonntag 10. Mai 1903

Ihr Atem ging stoßweise. Das Kleid, kaum mehr als Fetzen. In den von Schlamm verklebten Haaren hingen Stöckchen und Blätter. Die panisch aufgerissenen Augen zuckten wild und versuchten die kleinste Bewegung im Dickicht wahrzunehmen. Ein Zweig knackte.

Ihr Herz setzte einige Sekunden aus. Tränen brannten sich über ihre kalte Haut, sie konnte sie nicht länger zurückhalten. Das Mädchen schluchzte, als es erkannte, dass es aus diesem Wald, lebendig, nicht mehr hinausgelangen würde.

Da waren sie. Diese glühenden Augen. Die gefletschten Zähne. Der Geifer, der aus dem aufgerissenen Maul rann. Lachte dieses Wesen? Sein Bellen gerade hatte sich danach angehört.

Sie wollte zurück zu ihrer Familie, im Schoß ihrer Mutter liegen, wie sie es immer tat, wenn sie Angst hatte. Aber jetzt war sie hier im Wald, gejagt, gehetzt, wie Beute.

Langsam kam das Wesen - war es ein Tier? - näher. Mit bebender Schnauze schnüffelte es, verzog die Lefzen und schaute sie aus großen, gierigen Augen an. Wie in den Geschichten, die ihre Mutter ihnen erzählt hatte. Der Wolf, der jungen Mädchen auflauert, um sie zu verschlingen. Dieses Untier lauerte nun vor ihr, hatte sie durch den Wald gejagt und mit ihr gespielt. Aber jetzt war es vorbei. Kraftlos ließ sie sich an dem Baum, der in ihrem Rücken stand, zu Boden gleiten. Das Tier erkannte, dass sie aufgegeben hatte und 'lachte'.

Ave Maria, gratia plena, dominus tecum“, begann sie zu beten. Das Untier legte den großen Kopf schief und schien zuzuhören.

Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris sui, Iesus.“ Tränen rannen nun ungehindert über ihre Wangen. „Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae.“ Es war nun direkt vor ihr und wartete. Ein freudiges Knurren entrann seiner Kehle, als das Mädchen ein letztes, zitterndes „Amen“, hauchte.

Begegnung

 

 

 

 

Köln, Donnerstag 08. September - Gegenwart

Liebes Tagebuch ...

Oh man, was für ein klischeehafter Anfang!‘, dachte er. Strich die ersten zwei Worte aus und schrieb dann weiter:

Ich würde so gern etwas Interessantes über mich schreiben. Doch in der Uni bin ich eine Niete und habe es gerade einmal durch die Prüfungen geschafft. Freunde? Die hatte ich noch nie. Aber ich glaube auch nicht an die Freundschaft ...

Eine feste Beziehung hatte ich bisher auch noch nicht. Ich weiß also gar nicht, warum ich mir die Mühe mache, hier hineinzuschreiben ... Meine Schwester hat mir dieses Tagebuch geschenkt und ich glaube, ich bin zu sentimental, um es einfach ungenutzt in der Ecke liegen zu lassen. Ein paar Kumpel wollen mit ihren Freundinnen ins Kino und ich darf als fünftes Rad am Wagen den Chauffeur spielen.

Ich gehe jede Wette ein, sie wissen nicht einmal, dass ich heute Geburtstag habe. Die Frage ist, ob sie mich überhaupt wahrnehmen ...

Gabriel legte das kleine, rot eingebundene, Buch zur Seite. Wie konnte Marie ihm nur ein Tagebuch schenken und noch dazu ein rotes? Mit seinen einundzwanzig war er definitiv schon ein paar Jahre zu alt dafür. Doch sie hatte es ihm mit dem Satz in die Hand gedrückt:

„Mach etwas daraus.“

Was bitte, sollte er mit einem Buch anstellen? Er fuhr sich durch die Haare und blickte sich um. Lust auf diesen Kinobesuch hatte er eigentlich nicht, aber was tat man nicht, um aus seiner staubigen Studentenwohnung heraus zu kommen? Es war Donnerstagabend und heute liefen die neuen Filme an.

Seine Freunde, spießige, gut finanzierte Muttersöhnchen, konnten ihn mal. Doch er versuchte alles, um Anschluss zu halten. Sie waren nicht wie er.

Sie hatten ihre Jugend allesamt wohl behütet zu Hause verbracht und wurden, auch jetzt noch, von ihren Verwandten voll unterstützt.

Gabriel dagegen hatte es nicht so einfach. Seine Eltern kamen, als er ein Säugling war, bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben. Darum wurden seine Schwester und er von ihren Großeltern aufgezogen. Sie hatten nie sehr viel und nun musste sich Gabriel das Studium und seine Unterkunft, so gut es ging, selbst finanzieren. Am Tage besuchte er die Vorlesungen und abends als auch nachts jobbte er in einem Schnellrestaurant. Es reichte gerade einmal, um sich die Studentenbude und ein paar Tiefkühlpizzas zu leisten. Das Geld für den Kinobesuch heute würde er sich zusammenkratzen müssen, doch er wollte hier raus. Aus einer Ecke seines Zimmers blickte ihm eine hungrige Spinne entgegen. Von einem zerrissenen Poster, verfolgten ihn Einsteins wirre Augen, schienen ihn anzustarren.

Auf seinem kleinen, fleckigen Schreibtisch standen ein total veralteter Computer und eine halbvolle Tasse Kaffee von heute Morgen. Das rote Tagebuch stach auf dem schmutzigen Holz unnatürlich hervor, wirkte eigenartig deplatziert.

Er saß auf seinem Bett. Bis auf einen alten Bürostuhl hatte er keine andere Sitzgelegenheit, geschweige denn einen Fernseher oder ein Radio. Die heutige Tageszeitung lag zu einem großen Teil unter dem Bett und war hoffnungslos zerknüllt.

Gabriels Stimmung war im Keller. Er sah auf sein Handy - es diente ihm gleichzeitig als Telefon, Uhr und Wecker - das verkündete: 19:00 Uhr! Zeit seine Freunde abzuholen und dann deren schnippischen Freundinnen einzuladen. Er nahm sich ein sauberes T-Shirt von dem Haufen, der seinen Kleiderschrank repräsentierte. Denn dieser hätte beim besten Willen nicht auch noch in das Zimmer gepasst.

Das Shirt war schwarz, wie fast alle seine Kleider und seine Stimmung sank um einige Stufen mehr.

Jens und Michael wohnten im gleichen Wohnheim. Im Erdgeschoss. Hier waren die Gänge sauber und die Räume größer als in dem Stockwerk, das er bewohnte. Die beiden teilten sich ein Zimmer und, als Gabriel eintrat, dabei sich einen Joint anzuzünden.

„Hey, Gab' ... willst du auch?“

Gabriel schüttelte den Kopf. Er hatte zwar das eine oder andere Mal an einem Joint gezogen, aber die Wirkung war nicht die, die er sich davon erhofft hatte. Er hasste es, nicht über seinen Geist bestimmen zu können.

Nichts widerte ihn mehr an, als nicht Herr seines Körpers oder Verstandes zu sein. Deshalb hatte er auch, seit der Schule, keinen Alkohol und Drogen angerührt.

„Nein, danke!“, zwängte er hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Warten Sandra und Dalia vor ihrem Heim oder wo sollen wir sie abholen?“

Die beiden Freunde würdigten ihn nicht eines Blickes.

„Die wollten mit einer Freundin fahren“, lallte Michael und sah vom Boden auf.

„Wir machen uns jetzt besser auch mal los“, kicherte Jens und griff nach Michaels Hand, der ihm aufhelfen wollte.

Was auf jeden Außenstehenden lustig gewirkt hätte, ließ Gabriel die Magensäure hochsteigen. Nur langsam kamen sie voran. Michael sang den ganzen Weg über unvollständige Lieder und Jens schlurfte hinter ihnen her, grinsend, ohne die Umgebung richtig wahrzunehmen. ‚Womit habe ich das nur verdient?‘, dachte Gabriel, der beim Laufen auf die Böden der Gänge starrte.

Er hing seinen Gedanken nach. Erinnerungen an die Zeit, die er zusammen mit seiner Schwester verbracht hatte.

Seine Großeltern, die so unglaublich liebevoll zu ihnen waren. Die versuchten, jeden ihrer Wünsche von den Augen abzulesen und deren Erfüllung, meist nur durch die fehlenden Mittel, nicht gelang. Gedanken an die Monate, nachdem er seine Schule beendet und mit dem festen Entschluss, für sich und seine Familie zu sorgen, das Jurastudium in Köln begonnen hatte. Er war so enthusiastisch gewesen. Im ersten Jahr war es auch einfach, trotz der Langeweile, die sich im Trott des Bücherwälzens eingestellt hatte. Doch er machte weiter, ging zur Arbeit und lernte unablässig. Es kam jedoch der Tag, an dem er feststellte, dass alle Bemühungen sich nur auf das Studium zu konzentrieren fehlgeschlagen waren. An dem er sich einen Job suchen musste und ihm kaum Zeit fürs Lernen und noch weniger für seine Familie blieb. Marie hätte nie geduldet und schon gar nicht seine Großeltern, dass er sein Studium beendete. Deshalb behielt er für sich, dass sein Leben den Bach herunter zu gehen drohte, dass alles Geld, was Marie ihm geliehen hatte, fort und seine Hoffnung auf einen Abschluss aufgegeben war.

Nach endlosen Minuten erreichten sie die Eingangstür.

Gabriel stieß sie auf und lauwarme Spätsommerluft strich ihm durch das Gesicht. Eine Locke seines viel zu langen Haares fiel ihm ins Auge und er blieb stehen, um sie wegzustreichen. Jens, der nicht auf seinen Vordermann achtete, prallte im vollen Lauf auf Gabriel, sodass dieser hart auf dem Gehweg aufschlug. Sein Knie und die linke Hand schürften auf dem Asphalt schmerzhaft auf und er blutete leicht. Wie ein Verrückter kicherte Michael, als er Gabriel auf dem Boden knien sah.

„Muss das kleine Mädchen jetzt weinen? Soll Papa pusten?“ Drang die Stimme des Anderen, wie durch Watte in seine Ohren. Gabriel erhob sich langsam und sah Michael dabei wütend in die Augen.

„Wir sollten los, oder wollt ihr, dass eure Freundinnen von den erstbesten Typen abgeschleppt werden?“, knurrte er leise.

Das wirkte! Michael hörte sofort auf zu lachen, packte Gabriel am Unterarm und schleifte ihn zum Auto, das ein paar Straßen weiter geparkt war. Der kleine VW war alt und genauso schwarz wie Gabriels Laune in diesem Moment. Er war nichts Besonderes, aber gut genug um von A nach B zu gelangen. Gabriel setzte sich hinter das Lenkrad und steckte den Schlüssel ins Schloss. Stotternd erwachte der alte Motor zum Leben und Gabriel lenkte den Wagen, gewohnt sicher, durch die gut gefüllten Straßen.

Michael und Jens hatten auf der Rückbank Platz genommen und waren während der gesamten Fahrt in ein Gespräch vertieft, in dem viel gesprochen jedoch wenig gesagt wurde.

„Ich sag' dir, Dalia bringt's voll. Ihr Vater ist Teilhaber von 'Schmidt und Obenson' und, wenn ich weiter an ihr dran bleibe, habe ich dort bald einen Vorstandsposten in der Tasche. Sie hat zwar nicht so viel zu bieten, rein optisch, aber da es mich weiterbringt ...“, lallte Jens.

„Ich glaube, ich schieße Sandra ab. Sie sieht gut aus,

aber ist 'ne Niete im Bett“, kicherte Michael.

Gabriel schüttelte den Kopf. Wie konnte er sich nur mit diesen unterbelichteten Chauvinisten abgeben?

Vielleicht‘, dachte er, ‚steht mir nichts anderes zu.‘ Er war schon immer der perfekte Loser-Typ gewesen. Unscheinbar, still und gut in der Schule. Darum nahm er jede, wenn auch kleine, Möglichkeit war, um sich von diesem Schicksal zu lösen. Auch, wenn es bedeutete, seine Pseudofreunde durch die Gegend zu fahren.

Noch eine letzte Kurve und schon strahlten die Lichter des Kinos taghell in seine Augen. Er fuhr die Einfahrt der Tiefgarage hinunter und parkte sein Auto auf dem erstbesten Stellplatz gleich beim Eingang. Jens und Michael machten keine Anstalten, aus dem Wagen zu steigen, sondern blieben kichernd und quasselnd sitzen.

Erst als Gabriel ausgestiegen war und die Fahrertür ins Schloss knallen ließ, bemerkten sie, dass sie angekommen waren. Sie zwängten sich aus dem kleinen VW und warteten nicht auf Gabriel, der sein Auto noch abschließen musste. Die beiden waren schon aus der Ausgangstür verschwunden, da erst setzte sich Gabriel in Bewegung. Es war bereits spät, als sie im Kino ankamen, sodass keine Menschen mehr in der Tiefgarage anzutreffen waren. Er ging durch das leere Parkhaus. Jeder Schritt hallte mehrfach von den Wänden wieder und in den wenigen Metern bis zum Ausgang war es ihm unheimlicher geworden, so als würde er beobachtet. Mit der Hand an der Klinke drehte er sich noch einmal um. Außer den parkenden Autos und dem flackernden Neonlicht war nichts Beängstigendes zu erkennen.

Ganz am Rande seines Wahrnehmungsfeldes meinte er eine Bewegung zu sehen, doch sie stellte sich schnell als ein Ventilator heraus, der in der Ecke seine trägen Runden drehte. Gabriel drückte die Klinke der Ausgangstür und drehte sich wieder zur Treppe. Sein Herz blieb für eine schmerzhafte Sekunde stehen. Vor ihm stand ein Mann:

Ein paar Zentimeter größer als er selbst. Das Haar von dem gleichen, samtenen Schwarz, wie sein eigenes es war. Es war vom Wind zerzaust und fiel ihm in lockigen, feuchten Strähnen in das helle Gesicht.

Er musterte Gabriel interessiert und belustigt zugleich. Die vollen Lippen zu einem kleinen spöttischen Lächeln verzogen. Seine eisblauen Iriden sahen tief in Gabriels und dieser Blick ließ ihn ungewollt erstarren. Nichts von dem amüsierten Grinsen fand sich, auch nur im Ansatz, in diesen Augen wieder. Sie waren wie geschmolzener Himmel und die Lampen des Parkhauses spiegelten sich darin, wie flackernde Sterne. Er nickte Gabriel zu. Eine Geste, die den Jüngeren spüren ließ, wie wenig er von Menschen wie ihm hielt.

Gabriel hatte den Türgriff losgelassen und der Mann nahm nun seinerseits die Klinke in die Hand und drehte sich ein wenig zur Seite, als wolle er ihm Platz machen. Der Jüngere versuchte sich, bedacht dem Fremden nicht zu nahe zu kommen, in das Treppenhaus zu drängen. Das Grinsen des Dunkelhaarigen vertiefte sich, als Gabriel auf gleicher Höhe neben ihm war und bemühte sich, so schnell es ging, an dem Unbekannten vorbei zur Treppe zu gelangen. Doch noch im Gehen wurde Gabriel abrupt gestoppt. Die freie Hand des Mannes hatte sich um seinen linken Oberarm gelegt und hielt ihn nun mit der Kraft einer Stahlklaue fest. Gabriel spürte selbst durch das Leder seiner Jacke, die Fingernägel des Fremden.

„Warum gibst du dich mit so etwas ab?“, fragte der Fremde mit tiefer, eindringlicher Stimme und nickte die Treppe hinauf, um zu zeigen, dass er Gabriels Begleiter meinte.

„Sie stinken nach Suff und Eitelkeit.“

Gabriel war zu perplex um etwas sagen zu können. Die Situation hatte ihn so sprachlos gemacht, dass er nichts mehr konnte, als mit offenem Mund in das Gesicht des Mannes zu starren.

Der Griff des Dunkelhaarigen wurde fester und Gabriel meinte, das Leder seiner Jacke reißen zu hören.

Der Kerl neigte sein Gesicht nah an Gabriel heran. So dicht, dass er ihn fast berührte.

„Du hast Potenzial, du weißt es nur noch nicht“, hauchte der Fremde nun mehr, als er sprach und blickte Gabriel dabei tief in die Augen. Die Iris des Mannes schien nun nicht nur eisblau zu sein, sondern die Lichter des Parkhauses verschmolzen darin und gaben ihr einen silbernen Ton. Oder war es gar nicht der Schein der Parkhauslampen und seine Augen hatten sich tatsächlich ins Silberblaue verfärbt?

Das war völlig unmöglich!

Als Gabriel blinzelte und den Fremden wieder ansah, war die Farbe seiner Augen völlig normal. Der Mann lächelte und Gabriel blitzten ungewöhnlich scharfe Zähne entgegen. Aber auch dies, wie das Wechseln der Augenfarbe des Unbekannten, tat Gabriel als Einbildung ab.

Der Dunkelhaarige machte ihm Angst. Gabriel wand sich unter seinem Griff und versuchte verzweifelt ins Treppenhaus zu gelangen. Doch der Mann packte abermals fester zu und jetzt konnte er die spitzen Nägel auf seiner Haut spüren. Wie Klauen ritzten sie sein Fleisch und Gabriel hätte vor Schmerz fast aufgeschrien. Er blickte von der Hand an seinem Arm wieder in das Gesicht des Unbekannten und sein Herz setzte für panische, schmerzende Sekunden aus.

Die Augen des Mannes glühten nun wirklich silberblau und seine Zähne waren zu Fängen geworden. Das Lachen, das Gabriel vernahm, war nur mehr ein Knurren und ließ sämtliche Alarmglocken klingen. Als er blinzelte, war das Gesicht des Dunkelhaarigen jedoch so normal wie vorher. Der Griff des Mannes lockerte sich, doch der Schmerz blieb. Er hatte ihn verletzt, soviel war sicher. Gabriel konnte das warme Blut spüren, das langsam seinen Arm hinab lief. Der Fremde blickte prüfend an ihm herunter und verharrte, wie auch Gabriel, mit seinem Blick auf der Stelle, an dem seine Fingernägel Gabriels Jacke zerrissen und sich in die Haut darunter gegraben hatten.

Er lächelte zufrieden und zwinkerte ihm zu.

„Wir sehen uns wieder. Und solange gebe ich dir damit“, dabei nickte er zu Gabriels Arm hinunter, „einen kleinen Vorgeschmack auf das, was dich erwarten könnte.“ Wieder beugte er sich nahezu ihm heran, so nah, dass es schien, er würde ihn jeden Moment küssen können.

„Komm' in drei Tagen zum alten Bahnhof, dort warte ich auf dich.“ Mit einem Ruck riss er Gabriel hoch und schleuderte ihn, ohne große Anstrengung, gegen die Treppen. Gabriel stieß hart an den Stufen an. Gnädigerweise unterdrückte der Schock den größten Schmerz und unter tanzenden, flackernden Sternen wurde ihm schwarz vor Augen.

Unsanft wurde er gerüttelt und viel zu laute Stimmen riefen seinen Namen. Unnatürlich grelle Lampen blendeten Gabriel, als er die Lider öffnete. Kalter, fauliger Zigarettengeruch stieg ihm in die Nase.

„Hey Gab', aufstehen! Der Film fängt gleich an.“ Eine Hand traf hart seinen linken Arm.

Wellen von heißem Schmerz wälzten sich unter dem Schlag, bis in die Schulter und Fingerspitzen. Gabriel war nun vollkommen wach und blickte in die dümmlich grinsenden, stinkenden Gesichter seiner Freunde. Umständlich versuchte er sich aufzurichten und seltsamerweise schien die Beule am Hinterkopf die geringere Schmerzquelle zu sein. Michael und Jens machten keinerlei Anstalten ihm aufzuhelfen. Am oberen Ende der Treppe erkannte Gabriel Sandra und Dalia. Beide beachteten ihn nicht und Sandra, die offensichtlich gelangweilt war, tippte mit ihren langen, manikürten Fingern auf ihrem Handy herum.

Langsam erkämpfte er sich die Stufen und mit jedem Schritt wurde die Ahnung stärker, dass dies einer der schlimmsten Tage seines bisherigen Lebens werden würde.

Hilfesuchend schaute er die Treppe hinauf, doch Jens und Michael waren schon längst an ihm vorbei gezogen. Jedoch nicht, ohne ihm vorher noch einmal schmerzhaft auf die Schulter zu klopfen. Sie gingen mit ihren Mädchen bereits in Richtung der Kinosäle, als er auf dem obersten Treppenabsatz eine weitere Person sah, die sich gerade nach den Vieren umdrehte und dann kopfschüttelnd wieder zu ihm blickte. Ihre blonden Locken tanzten fröhlich, als sie den Kopf zu ihm drehte. Ihre strahlend grünen Augen sahen ohne Scheu in seine und er erkannte in ihnen nun das Mitleid, dass seine Freunde nicht für ihn übrig zu haben schienen. Als das Mädchen erkannte, dass er die Stufen kaum ersteigen konnte, kam sie hinab gelaufen und versuchte ihn zu stützen. Gabriel wollte sich die Schmerzen nicht anmerken lassen, aber schon das Auflegen seines Armes auf ihre Schulter, ließ ihn fast aufschreien. Zischend sog er die Luft zwischen seinen Zähnen ein und er bemühte sich, krampfhaft lässig zu wirken. Als ob dieser Sturz kaum mehr als eine Lappalie wäre und der Weg die Treppe hinauf, nicht wie der imaginäre Aufstieg auf den K2.

Oben angekommen war ihm so schwindelig, dass er sich kurz abstützen musste, um überhaupt aufrecht stehen zu können. Das Mädchen blickte ihm ängstlich in die Augen und fragte mit vor Angst zitternder Stimme:

„Geht es dir gut? Du siehst aus, als würdest du jeden Moment umkippen.“

Gabriel schüttelte vorsichtig den Kopf und presste stockend heraus:

„Nein es geht gleich wieder. Ich bin nur gestolpert und habe mich beim Fallen an den Stufen gestoßen. Es ist alles in Ordnung.“

Als Beweis richtete er sich auf, um alleine zu laufen. Und wie durch ein Wunder blieb er stehen. Er fühlte sich zwar immer noch wie auf wackeligen Schiffsplanken, aber das Gefühl schien langsam nachzulassen.

Das Mädchen schaute ihn trotzdem besorgt an und griff sich mit einer unbeholfenen und sehr nervösen Geste in die Haare.

Dabei kringelten sich die Löckchen um ihre Finger und die Strähnen glänzten im Neonlicht wie Gold. Gabriel konnte noch kleinste Reflexe in ihnen wahrnehmen und war fasziniert von dieser ungewohnten Klarsicht.

Minutenlang schien es ihm, dass er ihre Haare betrachtete. Bis er merkte, wie blöd er auf sie wirken musste.

„Entschuldigung, mir ist ein wenig schwindelig. Ich werde jetzt zu den Anderen gehen“, sagte er, kurz davor sich wieder in dem Anblick ihrer Haare zu verlieren. Warum strömten sie nur solch eine Anziehungskraft aus?

„Dann gehen wir ja in die gleiche Richtung“, erwiderte sie lächelnd und hielt ihm nun ihre Hand hin.

“Ich heiße Neva. Schön dich kennenzulernen. Du musst Gabriel sein!“

Sie lächelte breiter und ihre Augen blitzten, als sie ihm eröffnete, dass sie den Abend zusammen verbringen würden. Auch Gabriels Herz machte einen Sprung, in der Aussicht, auf mindestens 90 Minuten in Nevas Nähe. Das Gefühl, als er ihre kühle Hand ergriff, war überwältigend und vertraut.

Abertausende winzige Schmetterlinge suchten sich unter dieser Berührung den Weg aus seinem Bauch in alle Gliedmaßen bis ihn die Haarwurzeln.

„Schöne Freunde hast du da ...“, murmelte Neva und nickte in die Richtung, in die Jens und Michael verschwunden waren. Gabriel blickte ihr nun unverhohlen ins Gesicht.

„Du bist heute nicht der Erste, der das erwähnt hat“, sagte er. „Aber ich schätze, ihr liegt beide richtig.“

Ein leichtes, wütendes Ziehen machte sich bei dieser Erkenntnis in seiner Magengegend bemerkbar. Seine Freunde hatten ihn einfach auf der Treppe sitzen lassen! In eisigen Wellen breitete sich das Gefühl in seinem Körper aus, bis er vor zurückgehaltener Wut fast zitterte. Ein leises, kaum wahrnehmbares Knurren drängte sich durch seine zusammengebissenen Zähne.

Doch, plötzlich, wie es gekommen war, war der Zorn vergangen und Gabriel spürte sofort wieder jeden Knochen und Muskel, der an diesem Abend in Mitleidenschaft gezogen worden war. Neva und er gingen langsam auf den Eingang des Kinosaals zu. Jens und Michael standen vor der Eingangstür und unterhielten sich mit ihren Begleiterinnen. Sie bemerkten Neva und Gabriel gar nicht und sahen sie erst, als die beiden direkt vor ihnen auftauchten.

„Hey, kommt ihr auch endlich, der Film fängt gleich an“, zwitscherte Sandra und lächelte mit weißen perfekten Zähnen.

Jens und Michael nickten Gabriel beiläufig zu und führten die Mädchen in das Kino. Mit einem Blick zu Gabriel bedeutete Neva ihm, den vier anderen zu folgen.

Unbeholfen und langsam ging er hinterher. Die Schmerzen in seinem linken Arm waren nun zwar zu einem unangenehmen Pochen geschrumpft, doch die Wunden strahlten eine fiebrige Wärme ab. Wie heiße kleine Ströme breiteten sie sich in seinem Oberarm aus und wurden von einer Minute zur anderen intensiver. Der Saal war schon abgedunkelt, doch durch das Licht der laufenden Werbung konnte Gabriel genug erkennen, um seinen und Nevas Sitzplätze auszumachen. Nicht, dass er sie nicht auch blind gefunden hätte, denn Jens, Michael und ihre Begleiterinnen waren mit Abstand die lautesten Besucher des Kinos. Die beiden jungen Männer machten sich einen Spaß daraus, die anderen Kinobesucher mit Popcorn zu traktieren und anzügliche Kommentare in den Raum zu werfen. Ihre Freundinnen kicherten dümmlich und tippten,

Kaugummi kauend, auf ihren Handys herum.

Ein ganz und gar nicht altersgemäßes Verhalten‘, dachte Gabriel und setzte sich auf seinen Platz. Neva warf ihm einen angespannten und sorgenvollen Blick zu. Er sah die Anteilnahme in ihrem Ausdruck und versuchte sie dadurch zu beruhigen, dass er sich aufrecht hinsetzte und still die Werbefilme ansah.

Er schwieg, doch in seinen Ohren dröhnten die Stimmen der Zuschauer und des laufenden Programms.

Es schien ihm, als wären die Lautsprecher zu laut aufgedreht. Das Knarzen der Boxen und der dumpfe, ohrenbetäubende Bass konnten so doch nicht gewollt sein? Nach einigen Minuten drehte Neva sich zu ihm und musterte ihn wieder eindringlich. Mittlerweile bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Entweder die Kinobetreiber hatten vergessen die Klimaanlage anzuschalten oder es stimmte etwas ganz und gar nicht mit ihm.

Die heißen Wellen in seinem Arm strahlten nun immer intensiver durch seinen Arm und er zitterte vor Anspannung. Atem und Stimmen der Zuschauer lärmten in seinen Ohren und die Lichter der Leinwand blendeten scharf in seine Augen. Plötzlich war er nicht mehr in der Lage ruhig sitzen zu bleiben. Jede Faser in seinem Körper wollte hier heraus. Ihm schien es, als könnte er selbst den Herzschlag der Menschen hören, trotz der Lautstärke des Filmes.

Michael neben ihm trank aus einem Becher und das Schlürfen des Strohhalmes dröhnte in seinen Ohren, als täte er dies direkt vor ihm, in einem leeren Zimmer. Ähnlich laut klang das Kaugummiknatschen von Sandra, seltsam verstärkt aufgrund seiner ungewohnt sensiblen Wahrnehmung.

Gabriel stand auf und kämpfte sich umständlich durch die volle Kinobankreihe zur Treppe. Der Film hatte gerade begonnen und die Besucher waren dermaßen auf die Bilder konzentriert, dass seine Störung einige missmutige Kommentare zur Folge hatte.

Endlich am Ausgang angekommen, öffnete er die Tür zum Saal und hielt sich sofort schützend die Hand vor seine empfindlichen Augen. Das Licht der Neonlampen schmerzte wie helle Dornen und es dauerte einige Momente, bis er wieder klar sehen konnte. Er rannte an einem dümmlich blickenden, pickeligen Kontrolleur vorbei und die Treppe zu den Toiletten hinauf.

Er nahm gleich mehrere Stufen auf einmal, um schneller oben anzukommen.

Zu diesem Zeitpunkt sollten die Herrentoiletten leer sein‘, dachte er und schloss die schwere Stahltür hinter sich. Ein kalter Schweißfilm hatte sich über seine Stirn und den Oberkörper gezogen. Schmerz strömte wie Feuer vom Arm, durch seinen ganzen Körper und ließ ihn zittern. Langsam trat er vor einen der Spiegel.

Das Gesicht, in das er sah, schien kaum noch sein eigenes zu sein. Blass und verschwitzt blickte ihm ein müder junger Mann entgegen. Die blauen Augen von roten Ringen unterlaufen und fiebrig glänzend. In ihnen waren einige Äderchen geplatzt, was ihn kränklicher erscheinen ließ. Das schwarze Haar klebte nun nass in seiner Stirn und kräuselte sich in feuchten Löckchen über seinen Ohren. Er atmete schnell und Schweißperlen glitzerten auf Gesicht, Hals und Brust. Langsam zog er die Lederjacke aus.

Erst zog er den rechten und dann, äußerst behutsam, den linken Arm heraus. Das Leder scheuerte über die fünf kleinen Wunden und ließ Gabriel vor Schmerzen zittern. Zischend sog er die Luft zwischen den Zähnen ein, als die Jacke endlich zu Boden glitt. Er trug nun nur noch sein T-Shirt und die Schnitte waren sofort klar zu erkennen. Die etwa ein Zentimeter langen, kleinen Narben schienen nicht der Rede wert, doch um sie herum hatten sich rote, entzündliche Höfe gebildet, von denen unnatürliche blaurote Adern abführten. Gabriel strich mit der rechten Hand über die Wunden, doch selbst diese leichte Berührung ließ ihn fast vor Schmerzen aufschreien.

Wieder packte ihn Schwindel und er schwankte. Schwach versuchte er sich am Waschbecken festzuklammern, doch seine Finger versagten ihren Dienst. Als er jedoch vom Beckenrand abglitt, fiel sein Blick noch einmal in den Spiegel. Seine Augen schienen durch die roten Adern noch blauer als sonst. Bevor er nach hinten taumelte und ganz das Bewusstsein verlor, meinte er darin einen unnatürlichen Schimmer zu erkennen, der absolut nicht dorthin gehörte. Als er mit dem Rücken gegen die Wand stieß, verschwand auch die Welt um ihn herum ...

Erst Stunden später, so schien es ihm, wurde er von einem Geruch geweckt. Nicht die Stimme, die ihn eindringlich rief. Nicht das unangenehme Rütteln an seiner Schulter. Und auch nicht der Schmerz, der immer noch in seinem Arm tobte. Nein! Der süße Duft nach Parfum und Angst ließ ihn langsam zu sich kommen. Er blinzelte gegen das Neonlicht und erblickte, wie hinter einer weißen Wand, Neva, die angsterfüllt neben ihm hockte und ihn rüttelte.

„Gabriel, oh mein Gott ...“ Tränen standen in ihren Augen. Gabriel spürte, wie ängstlich sie war und konnte es, komischerweise, auch riechen. Eine erregende sauer-herbe Unternote, die nicht ganz von ihrem Parfum überdeckt wurde und daher deutlich wahrzunehmen war. Nevas Locken waren nun endgültig zerzaust, denn ihr Haarband hatte sich aus ihrem losen Zopf gelöst.

Mit den vor Angst glänzenden Augen und der spürbaren Besorgnis um ihn wurde sie von einer Sekunde zur anderen interessanter. Ihre Furcht jedoch trug einen weitaus größeren Teil dazu bei. In Gabriel regte sich etwas. Ein kleiner dunkler Funke, der gar nicht zu ihm passen wollte. Noch nie hatte er eine Frau haben wollen, weil sie schwach war. Noch Erregung empfunden, wenn jemand Angst, wahre Besorgnis zeigte. Er öffnete seine Augen ganz und sah Neva intensiv in ihre tränenerfüllten, smaragdfarbenen Tiefen.

„Es geht mir gut“, flüsterte er und griff sanft nach ihrer Hand. Es fühlte sich richtig und falsch zugleich an, als er sie langsam und doch bestimmt, zu sich herunterzog. Gabriel spürte ihr Zögern und auch ihre Sorge, aber er ignorierte beides.

Vorsichtig näherte sich ihr zitternder Körper dem seinen. Der Geruch, der von ihr ausging, wurde stärker und seine Erregung wuchs in gleichen Teilen. Jetzt war sie nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt. In Gabriels Venen breitete sich ein Kribbeln aus, das wie Lampenfieber war. Warm strömte es in alle seine Gliedmaßen. Er fühlte auch, wie Neva sich anspannte und gleich dem Verlangen, das er spürte, machte sie sich bereit, von ihm verführt zu werden. Ihre Lippen waren nur Millimeter voneinander getrennt und seine Anspannung schmerzte fast so stark, wie die Narben auf seinem Arm.

Doch in diesem Moment wusste er, dass etwas nicht stimmte. Die ganze Situation schien nicht echt. Seine Gefühle waren zu impulsiv, zu unnatürlich, um wirklich von ihm zu stammen. Niemals hatte er eine Frau so haben wollen. Alles hing mit der Begegnung im Parkhaus zusammen. Der Fremde hatte irgendetwas mit ihm angestellt, hatte ihn vielleicht infiziert, was nun seine Stimmung kontrollierte.

Bestürzt ließ er von Neva ab und setzte sich umständlich aufrecht. In ihrem Blick zerbrach etwas, aber Gabriel war zu schwach es richtig wahrzunehmen. Ohne Gegenwehr half sie ihm schließlich auf.

„Wir sollten einen Krankenwagen rufen“, flüsterte sie leise und vermied ihm dabei in die Augen zu sehen.

Das Knistern, das gerade noch zu spüren gewesen war, war mit einem Hauch weggeblasen. Gabriel hätte aus Frust am liebsten mit der nackten Faust gegen die Fliesen geschlagen.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Es war nur ein Schwächeanfall, wegen des Sturzes vorhin.“ Er nickte gespielt beiläufig um seine Aussage zu bekräftigen.

„Aber ich denke, ich werde mir den Film nicht weiter ansehen. Ich fahre besser nach Hause.“

„Ich glaube nicht, dass du in diesem Zustand fahren solltest“, erwiderte sie.

Damit hatte sie natürlich Recht!

Er spürte selbst, wie schwach er war. Ein Auto zu führen wäre jetzt, in seiner derzeitigen Verfassung, Selbstmord gewesen. Neva geleitete ihn langsam die Treppen in das Foyer hinunter und ließ ihn dort, an die Theke des Popcornstandes gelehnt, stehen.

„Ich gebe Sandra meine Schlüssel. Sie kann die Jungs nachher zurück ins Wohnheim bringen“, bemerkte sie und entfernte sich schnell von ihm. Die goldblonden Locken wippten mit jedem Schritt. Als ihre Silhouette im Kinoeingang verschwunden war, schaute Gabriel sich um. Der lang gestreckte Flur war menschenleer, bis auf zwei oder drei Mitarbeiter am Popcornstand. Auch an den Ticketschaltern stand niemand mehr, da die Filme erst vor ein paar Minuten, ein Blick auf seine Uhr bestätigte, dass er den Kinosaal vor nicht ganz einer Viertelstunde verlassen haben musste, begonnen hatten. Obwohl er keine Menschen sehen konnte, spürte Gabriel eine Anwesenheit. Mit rasendem Herzen blickte er sich um. Die Gänge waren, wie auch Sekunden vorher, leer. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr.

Ein dunkler Schatten, der sich auflöste, bevor Gabriel ihn richtig erfassen konnte. Als er sich das nächste Mal umdrehte, blieb ihm vor Schreck das Herz fast stehen. Heiße Schauer von Adrenalin überdeckten augenblicklich jeden Gedanken an Schmerz und Schwindel. Vor ihm stand Neva. Lächelnd mit zerzauster Löwenmähne.

Ihre Augen blitzten vor Neugierde und Schadenfreude, als sie realisierte, dass sie der Grund seines Erstarrens gewesen sein musste.

„Habe ich dich erschreckt?“, fragte sie kindlich spöttelnd.

Gabriel wunderte sich immer noch, wie sie es, trotz seiner enormen Anspannung und Konzentration geschafft hatte, sich an ihn heranzuschleichen. Er lächelte nervös und ließ sich von ihr von der Theke ziehen. Er duldete es, dass sie ihn stützte.

Das Gefühl ihrer kühlen Finger auf seiner Haut ließ kribbelnde Wellen durch seinen Körper rasen. So oft es ging, versuchte er ihren Blick zu erhaschen. Ihm brannte eine Entschuldigung für sein Verhalten auf der Herrentoilette auf der Zunge, doch auf dem kurzen Stück zur Tiefgarage bot sich keine Gelegenheit, ihr banales Gespräch in eine solche Richtung zu lenken.

Wieder an der Treppe zur Garage angelangt, wirkten die Treppenstufen mit einem Mal unüberwindbar. Sein, offensichtlich Vorherrschaft übernehmender männlicher, Stolz ließ es auch dieses Mal nicht zu, sich helfen zu lassen oder den Aufzug zu nehmen. Stattdessen setzte er einen Fuß nach dem anderen auf die Stufen. Umständlich erarbeiteten sie sich ihren Weg nach unten und es dauerte sehr lange, bis sie die Parketage erreichten. In der Zeit in der Neva das Parkticket bezahlte, blickte Gabriel sich um.

Die Parkhauslichter schienen ihm heller, als noch vor einer Stunde. Er schob diesen Effekt auf den schweren Sturz und das Fieber, das nun seinen ganzen Körper durchflutete. Neva setzte sich, am Auto angekommen auf den Fahrersitz. Ohne nur einen Einwand seinerseits zuzulassen. Geschlagen ließ er sich auf den Beifahrersitz plumpsen und kaum waren die Sicherheitsgurte eingerastet, war er eingeschlafen.

~ Neva ~

Neva lächelte sanft und startete den Wagen. Sie kannteden Weg zum Wohnheim. Da es direkt beim Unigelände lag, musste sie beinahe jeden Tag daran vorbei. Der Mond stand hell, annähernd rund am Himmel und versilberte die Straßen. Öfter, als sie wollte, blickte sie zu dem dunkelhaarigen, blassen Mann herüber. Er atmete gleichmäßig und war augenscheinlich entspannt, was seine Züge glättete und ihn noch jünger wirken ließ. Zwanzig oder älter, schätzte sie ihn. Er sah aber, so friedlich und in diesem Licht, fast knabenhaft aus.

Beinahe hatte sie ihn geküsst, realisierte sie an der nächsten Kreuzung. Sie küsste normalerweise keinen Jungen, wenn sie ihn gerade erst kennengelernt hatte. Doch Gabriel war nicht wie die anderen. Er handelte vernünftig, überlegt und war keiner dieser Aufreißertypen, mit denen sie sich sonst abgab. Die Ampel vor ihr sprang auf Rot und sie bremste. Blasses Mondlicht bedeckte das Wageninnere mit einem kalten, silbrigen Schimmer.

Gabriel wurde unruhig, als das Licht ihn beschien und nervös warf er seinen Kopf von einer Seite auf die andere. Schweißperlen glitzerten auf seinem Gesicht und Neva glaubte, er bekäme wieder einen neuen Fieberschub, als Gabriel sich aufsetzte, die Augen weit aufriss und durch die Windschutzscheibe starrte. Er schien ohne Bewusstsein zu sein, jedoch sah er unbewegt geradeaus. Seine schon vorher helle Iris wurde vom Mondlicht seltsam beleuchtet und ließ sie fast glühen. Neva versuchte zu erkennen, worauf Gabriels Blick gerichtet war.

Doch vor ihnen war nichts als die leere Straße. Sie rüttelte ihn vorsichtig an der Schulter, um ihn aus seiner Bewegungslosigkeit zu holen. Er blinzelte einmal und schaute Neva dann müde an. Die Augen dunkel und glasig vom Fieber, ließ er sich zurück in den Sitz fallen.

„Was ist los, sind wir schon da?“, fragte er heiser. Sie schwieg, schüttelte nur leicht ihren Kopf und trat aufs Gas, als das Signal von Rot auf Grün wechselte.

Dunkle Gassen zogen an ihnen vorbei und Gabriel schlief nach einigen Metern wieder. Als Neva das Studentenwohnheim erreichte, tat es ihr Leid, den Schlafenden wecken zu müssen. Sanft rüttelte sie an seiner Schulter. Langsam wurde er wach und sah sie schläfrig an.

„Aufwachen Dornröschen, wir sind zu Hause.“ Aufrichtig lächelte sie ihn an. Sie ging um den Wagen herum und öffnete ihm die Tür.

Dieser krabbelte verschlafen aus dem Sitz und stützte sich schwerfällig auf das zierliche Mädchen. Neva spürte seine Erschöpfung und war froh, als sie schließlich den Aufzug erreichten.

Etliche Minuten vergingen, bis der Lift im Erdgeschoss angekommen war. Gabriels Gewicht lastete bleiern auf ihren Schultern. Trotz alledem war sie froh, denn er hatte seinen Kopf an ihre Schulter angelehnt und seine Haare kitzelten sie sanft im Nacken.

Es war ein schönes Gefühl, ihm so nahe zu sein. So vertraut und richtig. Sie hatte noch nie für einen Mann, direkt nach ihrem Kennenlernen, etwas ähnliches empfunden.

Mit einem hellen 'Bing' hielt der Aufzug im Erdgeschoss. Als sie eingestiegen waren und sie den Knopf zu Gabriels Geschoss drücken wollte fiel ihr auf, dass sie nicht einmal wusste, welches Geschoss er bewohnte. Neva drehte seinen Kopf sanft in ihre Richtung und sah ihn direkt an, damit er ihre Worte verstehen konnte.

„Gabriel, in welchem Stockwerk wohnst du eigentlich?“ Er überlegte lange und drückte dann den Schalter für die vierte Etage. Die Türen des Aufzuges schlossen sich und sie fuhren nach oben. Es dauerte eine Weile und der Lift kam erneut zum Halten. Sie gelangten auf einen breiten Flur. Einige Lampen flackerten und viele funktionierten gar nicht mehr. An jeder Seite führten Eingänge zu den Wohnungen und Gabriel lenkte ihre Schritte gezielt nach Links. Seite an Seite gingen sie bis zu der Tür, an der die Nummer 415 angeschlagen war.

Neva hatte bereits seinen Schlüsselbund und nun suchte sie nach einem Schlüssel, der passen könnte. Sie wurde schnell fündig, da bis auf den Autoschlüssel und zwei Kleineren, die für einen Briefkasten oder Ähnliches genutzt wurden, nur noch ein Letzter an diesem Bund zu finden übrig blieb. Sie drehte ihn langsam im Schloss und es öffnete mit einem leisen Klicken. Knarrend schlug die Tür an der Flurwand an und sie betraten die schmale Wohnung. Zwar war ein Lichtschalter an der rechten Wand angebracht, aber als Neva ihn drückte, passierte nichts.

„Der ist schon etwas länger hinüber“, erklärte Gabriel kaum hörbar. Er lenkte ihre Schritte sicher durch den Raum, der seine Wohnung ausmachte und schaltete die Schreibtischlampe ein. Interessiert schaute Neva sich um, registrierte jede Einzelheit und legte sie in ihrem Gedächtnis ab.

Ihr Blick blieb einige Sekunden amüsiert an Einstein haften, dann wandte sie sich wieder Gabriel zu. Er hatte sich die Jacke ausgezogen und saß nun auf dem Bett und nestelte, vor Schmerzen zischend, an seinen Schnürsenkeln herum.

Letztendlich gab er sich dem Kampf gegen seine Schuhe geschlagen und ließ sich müde auf die Matratze fallen. Kaum hatte sein Kopf das Kissen berührt, fielen ihm die Augen zu.

Neva lächelte sanft, als sie den Schlafenden betrachtete. Wie er so dalag, in Straßenschuhen und alle viere von sich gestreckt, erinnerte er sie an ein kleines Kind. Behutsam zog sie ihm die Schuhe aus und deckte ihn mit seiner leichten Decke zu. Dann schaute sie sich noch einmal um. Außer dem Poster an der Wand, entdeckte sie in diesem Zimmer kaum persönliche Erinnerungsstücke. Kein Bild seiner Familie oder von Freunden. Ihr Blick wanderte weiter zum Schreibtisch. In dem Chaos stach ihr das kleine rote Buch in die Augen. Mit zwei Schritten war sie am Tisch und griff danach. Sie ahnte, dass es sich um Gabriels Tagebuch handeln musste.

Ihre Neugierde siegte über die Vernunft und sie blätterte zögerlich darin. Ihre Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Neva hatte keine Ahnung, was sie sich erhoffte, aber mehr als eine beschriebene Seite gab es bisher nicht. Sie überflog den kurzen Text und klappte das Büchlein schnell zusammen. Beim Zuklappen fiel ein gefaltetes Stück Pergament heraus und landete direkt vor ihren Füßen. Sie hatte es vorher nicht bemerkt und hob es nun rasch wieder auf. Abermals entbrannte ein Zwist mit ihrem Gewissen, doch ein weiteres Mal siegte ihre Neugierde und sie faltete das Papier auseinander. In geschwungenen Lettern, die der kompakten Handschrift Gabriels in keinster Weise ähnelten, stand darauf geschrieben:

 

Sonntag bei Vollmond 22:00 Uhr

Unter dem alten Bahnhof

 

Verwundert legte Neva das Blättchen wieder zusammen und steckte es zurück in das Buch. Sie hoffte, dass er ihr Spionieren nicht bemerken würde, und positionierte das Büchlein wieder an seinem ursprünglichen Platz auf dem Schreibtisch. Ihr Blick wanderte noch einmal zu dem Schlafenden. Seine Züge waren entspannt und er strahlte eine eigenartige Ruhe aus, die Nevas Herz schneller schlagen ließ. Kurz verweilte ihr Blick auf seinem Arm, auf dem die Wunden bereits im Begriff waren, sich zu schließen. Das Schwarz-Blau der Adern war weniger kräftig und auch die entzündlich roten Schnitte waren kaum noch zu sehen. Sie wandte sich zum Gehen, dachte aber daran, dem Schlafenden ihre Nummer zu hinterlassen.

Sie schlich sich erneut zu seinem Schreibtisch und legte die Notiz so hin, dass Gabriel sie am nächsten Tag bemerken musste. Neva hatte den sonderbaren Mann, in den wenigen Stunden die sie sich kannten, sehr lieb gewonnen und hoffte, dass es Gabriel genauso ging. Mit einem Mal sah sie sich wieder in ihre Schulzeit zurückversetzt. Als sie den älteren Jungs hinterher schwärmte und davon träumte, dass sie während der Pause bemerkt und als krönendes Finale vielleicht sogar angesprochen würde.

Neva nahm ihre Tasche, drehte leise den Türknauf und ließ Gabriel schließlich allein. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sie sich plötzlich verlassen und beobachtet. Eisige Schauer liefen ihr über den Rücken, als sie den dunklen Korridor entlang ging. Sie erreichte den Aufzug und kaum hatte sie die Taste zum Abwärtsfahren gedrückt, glitten die Türen des Lifts auseinander. Das grelle Licht der Aufzugbeleuchtung blendete sie, sodass sie die Augen zusammenkneifen musste. Deshalb erkannte sie auch nicht die Person, die aus dem Fahrstuhl stieg und ohne ein Wort an ihr vorbei, in den Flur verschwand. Kopfschüttelnd drückte sie den Knopf ins Erdgeschoss und die Kabine setzte sich langsam in Bewegung.

Veränderung

 

 

 

 

Gabriel erwachte wie aus einem Traum, als ob nichts geschehen wäre. Es ging ihm gut. Nein, er fühlte sich großartig. Die Schmerzen und das Fieber waren abgeklungen, das Brennen in seinen Muskeln war ebenfalls verschwunden. Er schlug die Decke zurück, dann versuchte er aufzustehen. Ohne Probleme glitt er aus dem Bett. Trotzdem hatte er das merkwürdige Gefühl, als ob seine Beine kaum Gewicht tragen müssten. Er ging in das Badezimmer um sich zu waschen und schon beim ersten Blick in den Spiegel, stockte sein Atem. Ihm sah ein gut aussehender, junger Mann entgegen. Die Ringe unter seinen Augen waren verschwunden und sie schauten wach und leicht verwundert aus der Spiegelung zurück. Das schwarze Haar hing in lockigen Strähnen in sein helles Gesicht und rahmte es ein. Als er genauer hinsah, bemerkte er etwas Ungewöhnliches. Je nachdem, in welche Richtung er schaute, änderte seine Iris die Farbe. Wenn er die Reflexionen der Sonnenstrahlen betrachtete, schimmerte sie hellblau. Ähnlich einer Katze. Dann sah er auf seinen Arm.

Er zog langsam sein T-Shirt aus. Die Haut an seinem Oberarm war unversehrt. So, als hätte ihn der Fremde niemals berührt. Doch als er über die Stelle strich, fühlte sie sich dennoch unnatürlich warm an. Nicht einmal Narben, die eigentlich da sein sollten, waren zu spüren. Er blickte an sich herunter. Die Muskeln seines Oberkörpers und der Arme traten nun feiner hervor und definierten sich im Bauchbereich stärker. Er hatte nie viel trainiert, doch jetzt sah er aus, als hätte er wochenlang im Fitnessstudio Gewichte gestemmt. Er entkleidete sich vollständig und schlüpfte unter die Dusche. Das warme Wasser entspannte ihn und der vergangene Tag erschien wie einen Traum. Heiße Perlen rannen über seine Muskeln und durch seine Haare am Rücken hinab. Lange stand er mit geschlossenen Augen unter dem warmen Regen und ließ die Flüssigkeit über seinen Körper laufen, zwang sich aber nach endlos scheinenden Minuten die Brause auszustellen und herauszusteigen. Er wickelte sich ein Handtuch um die Hüfte und ging ins Wohnzimmer.

Alles war so, wie er es verlassen hatte. Nur auf dem Schreibtisch war etwas anders. Auf seinem Tagebuch lag ein Zettel. Eine Notiz von Neva, in der sie ihre Handynummer mitteilte. Er nahm er das Buch zur Hand und schlug es an der letzten Stelle auf. Wie auch Neva vor ihm, fiel ihm die Nachricht vor die Füße.

Verwundert hob er das dünne Papier auf und faltete es auseinander. Er überflog die Mittteilung kurz, doch der Zettel glitt sofort wieder aus seinen zitternden Fingern. Es war merkwürdig, wie langsam ihm der Fall des Blattes vorkam. So als hätte er es den ganzen Flug über greifen können, bis es schließlich auf dem fleckigen Boden landete und wie ein bedrohlicher Fremdkörper liegen blieb. Alle Befürchtungen, die ihm in der letzten halben Stunde wie ein Traum vorgekommen waren, holten ihn mit voller Wucht wieder ein.

Der Fremde mit den sonderbaren Augen.

Der Schmerz, aber auch die neuen kribbelnden Gefühle für Neva, kamen zurück. Zitternd ließ er sich er sich auf den Stuhl sinken und schlug die Hände vor seinem Gesicht zusammen. Dieser Typ setzte ihm eine Frist. Er wusste nicht einmal wofür. Und er hatte nur noch zwei Tage Zeit. Seine Nackenhaare sträubten sich bei der Erinnerung an den eigenartigen Fremden. Dieses Blau seiner Iris ...

Wie auch Gabriels, waren die Augen des Fremden sehr hell gewesen. Nur hatten sie unnatürlich geleuchtet. So, wie Gabriels eigene vor wenigen Minuten im Badezimmer. Er verdrängte den Gedanken sofort aus seinem Kopf. Den Griff des Mannes konnte Gabriel fast noch spüren. Obwohl er keine Narben mehr sah, berührten seine Fingerspitzen ungewollt die Stelle, an der er ihn festgehalten und verletzt hatte.

Intensiv und urplötzlich überrollten ihn Wellen von Zorn. Er war wütend auf den Fremden, auf sich selbst und auch auf seine, so genannten, Freunde, die ihn an der Treppe im Kino allein gelassen hatten. Wie kleine Stromstöße verteilte sich die Rage in seinem Körper und in allen Fasern, die sie durchdrang, wurde sie vervielfacht. Die Wut ließ ihn beben und die Hände zu Fäusten ballen. Jeder neue Schub des Adrenalins brachte sie weiter zum Kochen. Mit Erstaunen stellte er fest, dass sich in seiner Brust ein Grollen anhob und immer lauter wurde, bis es schließlich ein dumpfes Brüllen war. Er merkte, wie sich Muskeln anspannten und verkrampften. Zu seiner Wut gesellte sich plötzlich Angst.

Was geschah mit ihm?

Mit einem Satz war er wieder im Bad. Ängstlich schaute er in den Spiegel, doch ihm blickte ein anderer Gabriel als gerade entgegen. Seine Augen glühten in einem hellen Blau und dieses Mal konnte er die Sonne dafür nicht verantwortlich machen.

Sein Gesicht hatte sich ebenfalls verändert.

Die Sehnen an Kinn und Wangen waren schmerzlich angespannt und gaben seiner Miene nun schmalere, tierisch wirkende Züge. Auch sein Kiefer war augenscheinlich länger geworden.

Es war nicht einfach, sich zu beruhigen und die Angst nicht die Oberhand gewinnen zu lassen und es gelang ihm nur mäßig. Stundenlang, so schien es ihm, starrte er sein Spiegelbild an, atmete ruhig ein und aus und versuchte sich zu entspannen. Allmählich, jedoch unglaublich langsam, nahmen sein Kiefer und die Gesichtszüge ihre normale Form an. Schließlich glommen auch die Augen noch einmal kurz, wie erlöschendes blaues Feuer und waren dann dunkel wie zuvor.

Mit einem Anflug von Erleichterung stellte er fest, dass er wieder wie der Alte aussah. Haare raufend und um Fassung ringend betrat er sein Zimmer, griff in den Haufen neben dem Bett und klaubte sich saubere Boxershorts und eine Jeans heraus.

Von dem schrillen Klingeln seines Handys wurde er erneut aufgeschreckt. Mit zitternden Fingern hob er ab und meldete sich:

„Hallo?“

Am anderen Ende war es still, doch Gabriel konnte jemanden atmen hören.

„Hallo!“, sagte er noch einmal, etwas eindringlicher.

Nervöses Lachen und dann:

„Ähm, Gabriel? Hier ist Neva.“

Jetzt war es an Gabriel, erleichtert durchzuatmen. Er wusste nicht, wen oder was er erwartet hatte, aber Nevas Stimme holte ihn in eine Realität zurück, die ihm lieber war als sein eigenes Spiegelbild. Stockend fuhr sie fort:

„Ich habe versucht, dich zu erreichen. Wie fühlst du dich?“ Warum diese Sorge? Sie hatte ihn doch schließlich beim ersten Klingeln ans Telefon geholt. Gabriel lächelte, als er die Unsicherheit in ihren Worten erkannte.

Er selbst war ungewohnt selbstbewusst, wie er es bisher noch nie bei einer Frau gewesen war und bis jetzt nicht einmal ...

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