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Die Verlorenen

Inhaltsübersicht

Vorwort

1. Ein Krieg wird vorbereitet

2. Aufbruch

3. Pompöser Auftakt in Dresden

4. In Polen

5. Der Übergang über den Njemen

6. Vom Njemen bis Smolensk

7. Von Smolensk bis Borodino

8. Die Schlacht von Borodino

9. Einzug in Moskau

10. Das große Feuer 142

11. In und um Moskau

12. Rückzug über Kaluga?

13. Auf der alten Straße

14. Smolensk

15. Krasnoje

16. Der rechte und der linke Flügel

17. Der Übergang über die Beresina

18. Napoleon verläßt die Armee

19. Wilna und Kowno

20. Die preisgegebene Armee

21. Gefangenschaft

Anhang

Verzeichnis der Augenzeugen

Literatur

Bildnachweis

Dank

VORWORT

Der Feldzug, den Napoleon 1812 gegen Rußland geführt hat, ist im Gedächtnis Europas als eine der größten Katastrophen vor den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts bewahrt geblieben. In nur einem halben Jahr gingen etwa eine Million Menschen zugrunde, durch Kampfhandlungen, Klima, Krankheit und Hunger. Die Zahl der Vermißten ist unbekannt, allerdings auch die der Soldaten beider Seiten. Es gibt keine zuverlässigen Quellen. Für beide Seiten existieren im wesentlichen nur Schätzungen.

In diesem Buch geht es nicht um die militärische Geschichte des Krieges. Sie wird nur erwähnt, soweit sie zum Verständnis des Ablaufs beiträgt. Thema ist das Kriegserleben des einzelnen, dargestellt in Tagebüchern, Briefen und Memoiren. Will man ihren Wert als Augenzeugenbericht beurteilen, so ist zu berücksichtigen, daß die meisten dieser Dokumente erst gedruckt wurden, als die Geschichte dieses Krieges, geschrieben von General Philippe-Paul de Ségur, einem Adjutanten Napoleons, schon vorlag: Histoire de Napoléon et de la Grande-Armée en 1812, erschienen 1824 und schon bald ins Deutsche übersetzt. General Gaspard Gourgaud hat dann bereits 1825 in einem eigenen Buch Ségurs Darstellung widersprochen und korrigiert. So bestreitet er zum Beispiel die Behauptung, es habe auf dem Rückzug aus Rußland Fälle von Kannibalismus gegeben. Doch gerade sie sind von deutschen Augenzeugen so häufig bemerkt worden, daß daran nicht zu zweifeln ist. Ségur wie Gourgaud waren Adjutanten resp. Ordonnanzoffiziere Napoleons, verfügten als Generalstäbler zwar über viele Informationen, haben aber selber kaum das Elend, das den meisten Soldaten widerfuhr, hautnah zu spüren bekommen. Dennoch setzte das Buch von Ségur Maßstäbe in der Darstellung und natürlich auch in der Wiedergabe des ganzen Kriegsgeschehens.

Am zuverlässigsten sind die Briefe in die Heimat. In welchem Maße sie bei der Drucklegung durch ihre Verfasser redigiert worden sind, wissen wir nicht. Auffallend ist, daß der württembergische Leutnant Christian von Martens bei der Veröffentlichung seines Tagebuchs 1862 gelegentlich Formulierungen aus dem Erlebnisbericht eines 1831 gedruckten Bandes eines anderen württembergischen Leutnants übernimmt und dieser wiederum Sätze aus den Erinnerungen eines Militärarztes. Solche Entlehnungen finden sich auch in französischen Quellen. Über allen steht als Richtschnur das Standardwerk Ségurs.

Die Gründe für Napoleons Scheitern in Rußland sind vielfältig. Neben dem extremen Klima und der schier unermeßlichen Weite des Landes zeigte sich auch das Völkergemisch seiner riesigen Armee von 1812, das sich nicht verstand und untereinander rivalisierte, den Anforderungen dieses Krieges nicht gewachsen. Wirklich motiviert waren – trotz unbestreitbaren deutschen Engagements – eigentlich nur die Franzosen, die jedoch in der Minderheit waren und sich obendrein oft arrogant den anderen Nationalitäten gegenüber verhielten. Und das wirkte sich auch auf die Disziplin aus.

Die Arroganz, mit der die Franzosen andere Nationalitäten, besonders die Deutschen, behandelten, spürt man auch in den schriftlichen Zeugnissen, zum Beispiel in den Erinnerungen Marbots. Es ist schon kurios, wenn großmütig deutschen Soldaten innerhalb eines Gefechts eine Leistung gerade einmal als Hilfstruppen der Franzosen zugebilligt wird, wenn Franzosen gar nicht bei den Kampfhandlungen dabei waren, wie er dem Leser suggeriert. Auch für Ségur ist diese Haltung ganz normal. Die entscheidende Eroberung der großen Schanze in der Schlacht von Borodino ist für ihn selbstverständlich einzig der Leistung französischer Kürassiere zu verdanken. Dabei wäre dieser Erfolg gar nicht möglich gewesen ohne die Beteiligung von zwei sächsischen und zwei westphälischen Kürassierregimentern, zusätzlich noch unterstützt von polnischer Kavallerie.

Diese Rivalität fehlt in der russischen Armee, von persönlichen Intrigen abgesehen. Zar Alexanders Heer war homogen, auch wenn an der Seite der Nationalrussen mit gleicher Tapferkeit Tartaren, Baschkiren und Kalmücken kämpften. Hier wehrte sich ein ganzes, obendrein stark religiös motiviertes Volk gegen gottlose Invasoren, die nicht nur in sein Land eingedrungen waren, sondern es auch grausam verwüsteten und ausplünderten.

In diesem Buch kommen 82 deutsche, schweizerische, französische und russische Augenzeugen zu Wort. Einer von ihnen, der württembergische Infanterie-Leutnant Christian von Martens, schrieb, als er 1862 sein gewissenhaft geführtes Tagebuch zum Druck gab, stellvertretend für viele Augenzeugen: »Niemals, soweit die Geschichte reicht, hat die Welt ein Schauspiel gesehen, das an Gräßlichkeit sich dem vergleichen mag, welches die Vernichtung des französischen Heeres auf den Gefilden Rußlands und Polens darbot. (...) Mit Gottes Beistand haben weder Spital noch Gefangenschaft mich abgehalten, täglicher Zeuge dieser beispiellosen Ereignisse zu sein, ein Glück, das nicht viele mit mir teilen konnten, und auch unter diesen konnte sich selten einer entschließen, alles niederzuschreiben, was er im Verlaufe eines jeden Tages erlebte.«

Diese Chronisten haben uns, natürlich immer im subjektiven Ausschnitt, das Bild einer Katastrophe vermittelt, von der die Vorstellungskraft der Zeitgenossen überfordert war und die uns, 200 Jahre später und nach zwei Weltkriegen, die das Grauen von einst noch weit überstiegen, immer noch bewegt.

Die von den Augenzeugen und ihren Herausgebern verwendete Orthographie weicht oft beträchtlich voneinander ab, zumal die wenigsten Ausgaben sich der Schreibweise des Originals bedienen. Deswegen und um der besseren Lesbarkeit wegen wurde hier eine einheitliche Schreibung benutzt, das gilt auch für die Übersetzungen. Doch wurden stilistische, mundartliche und grammatikalische Eigenheiten beibehalten. Da das von Napoleons Bruder Jérôme regierte Königreich Westphalen nicht identisch ist mit dem heutigen Westfalen, wird hier die alte Schreibweise »Westphalen« verwendet. Die damals zu Rußland gehörenden baltischen Städte erscheinen in der von allen Augenzeugen verwendeten russischen Schreibung, also Wilna statt Vilnius, Kowno statt Kaunas; die russischen Ortsnamen sind ebenfalls in der von den Quellen benutzten Schreibweise zitiert, nicht nach der heutigen, so unter anderem als Borisow (heute Barysan), Gschatsk (heute Gagarin), Smorgonie (heute Smarhon).

Die Illustrationen stammen von drei Teilnehmern des Feldzugs: Albrecht Adam aus Nördlingen, der als Maler und Zeichner im Stab von Eugène de Beauharnais (4. Armeekorps) den Krieg bis zur Einnahme von Moskau mitmachte und dank früherer Heimkehr nicht in die Winterkatastrophe hineingeriet, und Christian Wilhelm von Faber du Faur aus Stuttgart. Er hat den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag als württembergischer Oberleutnant der Artillerie in der 25. Division des 3. Armeekorps mitgemacht und mit dem Zeichenstift begleitet. Seine Skizzen, die er erstmals 1816 in einer Stuttgarter Ausstellung öffentlich vorstellte, hat er in den folgenden Jahren als Aquarelle ausgearbeitet und diese dann zwischen 1831 und 1843 in hundert Lithographien umgesetzt. Sein Regimentskamerad und Feldzugsteilnehmer Major Friedrich von Kausler schrieb dazu die erläuternden Texte. Und schließlich ist noch ein Blatt aus dem Skizzenbuch von François Pils beigegeben, der als französischer Grenadier in der unmittelbaren Umgebung des Marschalls Oudinots den Feldzug miterlebt hat.

1. EIN KRIEG WIRD VORBEREITET

Am 5. Juni 1811 erschien Armand Marquis de Caulaincourt pünktlich um 11 Uhr bei Napoleon im Schloß von Saint-Cloud bei Paris. Der Kaiser hatte den Marquis, der von November 1807 bis Februar 1811 Frankreichs Botschafter in St. Petersburg gewesen war, kommen lassen, um seine Meinung zu einer grundlegenden Entscheidung zu hören: Krieg mit Rußland? Napoleon schätzte die Meinung anderer – sofern sie nicht allzu sehr von der eigenen abwich. Hier allerdings wußte er von vornherein, daß der ehemalige Gesandte von Moskau ihm offen widersprechen würde, weswegen das Gespräch schon ziemlich frostig begann.

Armand-Augustin-Louis Marquis de Caulaincourt kannte den Kaiser gut, denn er hatte ihm schon während des Konsulats als Adjutant gedient. In dieser Zeit hatte der Erste Konsul Bonaparte den 1773 geborenen Sproß eines uralten picardischen Adelsgeschlechts wegen seiner Präzision und Zuverlässigkeit schätzengelernt. In wenigen Jahren stieg der junge Offizier zum Oberst und schließlich zum Divisionsgeneral auf, ausgezeichnet mit dem Kreuz der Ehrenlegion und 1808, mit 35 Jahren, zum Herzog von Vicenza ernannt. Napoleon anerkannte das Organisationstalent dieses ehrlichen, aufrichtigen Mannes, denn wenn der ihm auch, wo es nottat, furchtlos widersprach, so wußte der Kaiser, daß er sich auf Caulaincourts Loyalität verlassen konnte und von ihm stets die Wahrheit und keine Schmeicheleien zu hören bekam. Ihm mit Ungnade zu drohen, imponierte Caulaincourt nicht im geringsten. Auch dies wußte der Kaiser. Und er vermutete, der ehemalige Botschafter habe sich vom Zaren, den er als »hinterhältig« bezeichnete, viel zu sehr einwickeln lassen, denn während seiner Zeit in der russischen Residenzstadt hatte Caulaincourt eine fast schon freundschaftlich zu nennende Beziehung zu Alexander I., entwickelt. Und auch der Herrscher aller Reußen empfand offensichtlich Zuneigung für diesen noblen Franzosen. Napoleon befürchtete insofern, dass Caulaincourt den Zaren vielleicht doch zu positiv sähe, dem er zwar einen sehr gewinnenden Charme zubilligte, aber auch eine ziemliche Verschlagenheit unterstellte, was Napoleon bei seinen eigenen Begegnungen mit dem Zaren nicht entgangen war.

Das Verhältnis der beiden Monarchen zueinander war zwiespältig. Nachdem Alexander 1807 den gemeinsam mit Preußen gegen Frankreich geführten Krieg verloren und um Waffenstillstand nachgesucht hatte, waren sich die beiden Kaiser persönlich begegnet und hatten einander sofort sympathisch gefunden, was dem Zaren vorerst durchaus Vorteile brachte. Beim Friedensschluß von Tilsit hatten Napoleon und Alexander Europa in eine französische und eine russische Interessensphäre aufgeteilt. Doch nur scheinbar – denn tatsächlich sorgte sich Napoleon, Rußland könnte zu stark werden, und ermunterte deswegen heimlich das Osmanische Reich zu einem Krieg gegen Rußland. Ein wesentliches Kernstück des Vertrages war, daß der Zar der vom Kaiser erlassenen Handelsblockade gegen England (»Kontinentalsperre«) beitrat – allerdings ohne die Folgen dieser Maßnahme zu überblicken. Denn die Blockade bedeutete, daß Rußland seine Häfen den englischen Schiffen verschloß und auf jeglichen Handel mit England konsequent verzichtete.

England wurde von dieser Maßnahme durchaus getroffen, denn es brauchte den russischen Handelspartner. Es bezog von ihm Flachs und Hanf, Pech und Schiffsholz, die Materialien also, ohne die Englands stärkste Waffe, seine Flotte, nicht unterhalten und vergrößert werden konnte. Schon 1761 hatte der britische Staatssekretär Townshend erklärt: »Will man es auf einen Bruch mit Rußland ankommen lassen, so muß man auch damit rechnen, daß man im nächsten Jahr nicht über genügend Rohstoffe verfügen wird, um eine Flotte ausrüsten zu können.« Und 1799 hieß es in einer offiziellen Mitteilung des Foreign Office: »Von den Russen hängt es ab, ob die englische Flotte in all ihren Unternehmungen angehalten, in der Mitte all ihrer großen Anstrengungen gelähmt und so unfähig gemacht wird, ihre Feinde zur See zu verfolgen.« Rußland wiederum, ein industriell unterentwickeltes Land, brauchte den Handel mit England, um von dort im Austausch gegen seine Rohprodukte hochwertige Industriegüter und Konsumwaren zu beziehen. Die Kontinentalsperre mußte also der russischen Wirtschaft verderblich werden, und Alexander hatte schon bald Gelegenheit, seine voreilige Nachgiebigkeit gegenüber Napoleon zu bereuen.

Außerdem fühlte er sich von ihm hintergangen, denn der Kaiser hatte inzwischen ein System eingeführt, mit dem er seine eigene Blockade durchlöcherte. Frankreich produzierte weit mehr Getreide und Wein, als es selber brauchte, und für den Überschuß gab es nur einen Abnehmer: England. Also verständigten sich beide Staaten diskret über eine Vergabe von Lizenzen, mit denen französische Schiffe Getreide und Wein, dazu Seidenstoffe, Parfum, Cognac, Likör, Wolle, Holz, frisches, eingemachtes und getrocknetes Obst nach England bringen durften und von dort mit Kolonialwaren (vor allem Kaffee, Tee und Rohrzucker) in ihre Häfen zurückkehrten, die Napoleon dann zu kräftig überhöhten Preisen verkaufen ließ. An diesen Lizenzen verdiente Frankreich prächtig, und es empörte den Zaren, als er von diesem heimlichen Handel erfuhr. Der Kaiser gab sich harmlos; Alexander könnte es doch auch einmal mit solchen Lizenzen versuchen, dagegen sei nichts einzuwenden, worauf sich der Zar jedoch nicht einlassen wollte.

Auch sonst hatte sich seit Tilsit einiger Unmut auf beiden Seiten angesammelt, den das feierliche Treffen der Monarchen beim Erfurter Kongreß im Oktober 1808 nicht hatte abbauen können, obwohl man versuchte, Europa eine so herzliche wie unverbrüchliche Freundschaft vorzuspielen. Österreich bereitete damals in aller Stille einen Revanchekrieg gegen Frankreich vor, über dessen Planungen der französische Geheimdienst bestens informiert war. Der Zar versprach in Erfurt, für den Fall eines Krieges eine Entlastungsfront an Österreichs Ostgrenze aufzubauen, ließ aber gleichzeitig heimlich in Wien wissen, man werde sich auf militärische Scheinoperationen beschränken, nicht aber wirklich angreifen, weswegen Österreich dann nach Kriegsausbruch seine Truppen von der Ostgrenze abziehen konnte. Die passive Haltung seines Verbündeten ärgerte Napoleon, und er beschloß, es mit seinen gegebenen Zusagen ebenfalls nicht so ernst zu nehmen.

In Erfurt war es ihm gelungen, Alexander die Anerkennung der neuen spanischen Verhältnisse abzuringen. Da Napoleons spanischer Verbündeter die Abschottung seiner Häfen gegen den englischen Handel nicht ernsthaft betrieb, hatte er kurzerhand das spanische Königshaus abgesetzt und seinen Bruder Joseph zum neuen König von Spanien ernannt. Portugal war schon vorher annektiert worden. Um Alexander die Anerkennung dieser Gewaltakte zu versüßen, hatte Napoleon ihn obendrein bereits bei den Tilsiter Verhandlungen zum Krieg gegen das mit England liierte Schweden ermuntert, um diesem die finnischen Provinzen (Finnland existierte damals noch nicht als souveräner Staat) abzunehmen, was dann im Winter 1808/09 geschah. Mit diesem Eroberungskrieg sollten nach Napoleons Plan die Russen Truppen aus ihrem Krieg mit dem Osmanischen Reich abziehen. Denn der französische Kaiser wünschte nicht, daß deren Sieg über die Türken dazu führte, den bislang teilweise türkischen Balkan zur russischen Einflußsphäre zu machen – obwohl er Rußland den Besitz der Fürstentümer Moldau und Walachei zugesprochen hatte – und der russischen Flotte damit den Zugang zum Mittelmeer zu ermöglichen. In geheimen Verhandlungen ermunterte Napoleon deshalb die Regierung in Konstantinopel, den Krieg gegen die Russen unbedingt fortzusetzen.

Außerdem gab es da noch eine andere sehr delikate Sache, die zu Irritationen am Zarenhof geführt hatte. In Erfurt hatte Napoleon den Zaren mit seiner Absicht vertraut gemacht, sich von seiner Frau Josephine, die ihm keine Kinder gebar, scheiden zu lassen. Nun wollte er eine Prinzessin heiraten, um mit ihr eine neue Dynastie zu gründen. Großfürstin Anna, die erst fünfzehnjährige Schwester Alexanders, schien ihm die richtige Wahl hierfür. Alexander hatte keine ernsthaften Einwände, wohl aber die Zarinmutter, die heftig gegen diesen Plan protestierte. Schließlich entschied sich Napoleon, dem das russische Hinhalten mißfiel, 1809 nach der Niederlage Österreichs überraschend für Marie Louise, die achtzehnjährige Tochter des österreichischen Kaisers Franz II. und Marie Thereses. Im April 1810 fand die Hochzeit in Paris statt. Der Zar fühlte sich düpiert.

Ein weiterer Konfliktpunkt war der ewige Zankapfel Polen. Das geschundene Land gab es als eigenen Staat nicht mehr, seit es dreimal zwischen Preußen, Österreich und Rußland geteilt worden war. Nachdem Napoleon 1805 die Österreicher und 1806 die Preußen samt deren russischen Alliierten besiegt hatte, formte er aus den polnischen Provinzen Österreichs und Preußens das Herzogtum Warschau, einen Satellitenstaat Frankreichs. Die Polen betrachteten nun Napoleon als ihren Befreier und erwarteten von ihm die Wiederherstellung ihres alten Königreichs (mit Litauen und Weißrußland), wovon Napoleon aber aus Rücksicht auf Alexander nichts wissen wollte. Doch der Zar traute der Sache nicht, zumal sich Napoleon nicht auf eine feierliche Garantie verpflichten ließ.

Nachdem England während des Krieges zwischen Österreich und Frankreich 1809 Truppen in Holland gelandet hatte, dort aber eine schmähliche Niederlage hinnehmen mußte, rechnete Napoleon mit einer möglichen Invasion englischer Truppen im Bereich der deutschen Nordseeküste. Ende 1810 wurden die drei Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck mit den Mündungsgebieten von Weser und Elbe dem französischen Kaiserreich einverleibt und dabei das im Wege stehende Herzogtum Oldenburg gleich mit aufgelöst. Dessen Souverän war aber ein Schwager des Zaren, der über diesen Handstreich außer sich geriet, zumal Napoleon im Vertrag von Tilsit die Unverletzlichkeit des Herzogtums garantiert hatte.

Am 31. Dezember 1810 erließ Alexander einen Ukas, wonach Rußland seine Häfen den englischen und neutralen Schiffen öffnete und damit die Handelsblockade aufhob, und im Gegenzug den Import französischer Waren (wie von England gefordert) verbot. Es war höchste Zeit für diesen Schritt, denn Rußlands Wirtschaft stand vor dem Kollaps. Sein Staatsdefizit betrug 100 Millionen Rubel und der Wert seines Papiergelds hatte fünf Sechstel eingebüßt. Außerdem fühlte sich Alexander bedroht. Ganz Norddeutschland verwandelte sich in ein französisches Heerlager, die einst preußischen Festungen (wozu auch Thorn und vor allem Danzig gehörten) verstärkten ihre französischen Besatzungen. Auch Polen bekam mehr französischen Schutz, nachdem Warschau im April 1811 signalisiert hatte, die Russen konzentrierten ihre Truppen an seinen Grenzen, möglicherweise stehe ein Angriff bevor. Und nun begann auf beiden Seiten ganz offen die mit Nachdruck betriebene Aufrüstung. Gegen wen der jeweils andere rüstete, blieb für niemanden ein Geheimnis. Konnte unter diesen Umständen der Frieden überhaupt noch gerettet werden?

Anfang 1811 hatte der Zar bereits ernsthaft über einen Angriffskrieg gegen Frankreich nachgedacht. Er ließ in Polen sondieren, unter welchen Bedingungen man dort seinen Offensivplan unterstützen würde. Alexander versprach viel, sogar die Wiederherstellung des alten Königreichs Polen, wollte sich dann aber nicht auf Einzelheiten festlegen, worauf die Stimmung bei seinen polnischen Gesprächspartnern umschlug. Ein Krieg erschien dem Zaren dennoch aussichtsreich, noch standen rechts der Oder nur 46 000 französische Soldaten, die einem Angriff der überlegenen russischen Armee nicht standhalten würden, auch wenn sie durch die Truppen des Herzogtums Warschau (56 000) verstärkt würden. Angesichts der wachsenden französischen Aufrüstung könnten sich die militärischen Kräfteverhältnisse aber bald ändern. Und so träumte der Zar von einer großangelegten Offensive mitten durch das Herzogtum Warschau bis zur Oder, wo sich das auf Revanche sinnende Preußen ihm anschließen würde – jedenfalls war er davon überzeugt. Am 15. Februar bot er Österreich für eine Allianz die Fürstentümer Moldau und Walachei an, was Wien aber ablehnte. Auch sein Argument, Napoleons Armee sei in Spanien gebunden, wollte nicht verfangen. Schließlich hatte Napoleon 1809 den österreichischen Angriff in wenigen Monaten zerschlagen, obwohl er damals auch schon in Spanien Krieg führte.

Und Schweden? Der schwedische Kronprinz – Napoleons einstiger Marschall Bernadotte – hatte gerade einen Krieg gegen Rußland verloren und wäre lieber Napoleons Verbündeter geworden, obwohl beide sich haßten. So bot er dem Kaiser 50 000 Soldaten an für den Preis von Norwegen. Doch Norwegen war damals eine Provinz Dänemarks, einer der treuesten Verbündeten Frankreichs. Napoleon lehnte ab. Letztlich war Schwedens Angebot unrealistisch, denn ein Krieg mit Rußland hätte einen Krieg mit England bedeutet, dessen unschlagbare Flotte die Ostsee beherrschte und Schwedens Küsten kontrollierte.

In St. Petersburg gab es inzwischen einflußreiche Persönlichkeiten, die dem Zaren nahelegten, als friedliebender Monarch, der sich auf den Schutz seiner Grenzen beschränkte, würde er in der Weltmeinung eine bessere Figur abgeben denn als Aggressor. Das sah Alexander nach den enttäuschenden Erfahrungen ein, und er legte seine Angriffspläne ad acta. Allerdings rüstete er mit Macht auf, ließ Festungen am Dnjepr und an der Düna anlegen und lehnte die von Napoleon verlangte Rücknahme des Ukas vom 31. Dezember ab: Die desolate Finanzlage seines Staates ließe ihm keine andere Wahl, teilte er ihm mit. Die nun vor aller Augen intensiv betriebene russische Aufrüstung beschleunigte auch die französische, so daß eine militärische Auseinandersetzung inzwischen unvermeidlich schien.

Napoleon wußte sehr genau, daß ein Krieg gegen Rußland eine überaus gefährliche Herausforderung mit ungewissem Ausgang bedeutete, und dennoch plante er ihn und hoffte gleichzeitig, Alexander würde es sich angesichts der sich entwickelnden riesigen Grande Armée (diesen Namen gab er ihr am 23. November 1811) in letzter Minute noch anders überlegen und einlenken, da es für ihn doch nur um die Einhaltung des Tilsiter Vertrags ging, denn andere Ansprüche stellte der französische Kaiser nicht.

Als nun am 5. Juni 1811 Napoleon Caulaincourts Rat einholte, empfahl ihm dieser, er solle – als Zeichen seiner friedlichen Absichten, um das Bündnis mit Rußland zu erhalten – seine Truppen in der Festung Danzig und in Norddeutschland merklich reduzieren und jenen Vertrag unterzeichnen, der die Wiederherstellung des Königreichs Polen in seinen alten Grenzen für immer untersagte, zumal ihm Napoleon versicherte, daß diese Wiederherstellung ohnehin nicht seine Absicht sei. Und was das fragwürdige Lizenzsystem anlange, so meinte er: »Ew. Majestät können nicht hoffen, den Russen ebenso wie den Hamburgern auf die Dauer Entbehrungen auferlegen zu können, die Sie sich selbst nicht auferlegen. Wenn Sie zur strengen Beobachtung des vereinbarten Systems zurückkehren, zweifle ich nicht, daß Rußland Ihnen folgen wird. Wenn Sie Ausnahmen für Frankreich zulassen, verlangt die Lage der Russen solche auch für sie. Man muß sie also dulden.«

Das war allerdings längst unrealistisch geworden, denn selbst bei Verzicht auf die sehr fragwürdigen Lizenzen wäre Rußland auch dann nicht mehr in der Lage, seine zusammenbrechende Wirtschaft zu sanieren; die Handelsblockade mußte fallen, und es erstaunt, daß Caulaincourt, dem dies sicher bewußt war, es mit keinem Wort erwähnt. Auf die Frage Napoleons, ob der Zar Angst vor ihm habe, antwortete der ehemalige Botschafter: »Nein, Sire! Wenn er auch Ihre militärischen Gaben gebührend würdigt, so hat er mir doch oft gesagt: sein Land sei groß; Ihr Genie könne Ihnen viele Vorteile über seine Generale geben; aber wenn man keine Gelegenheit fände, Ihnen unter günstigen Umständen auf dem Schlachtfelde entgegenzutreten, so habe man Spielraum genug, um Ihnen Gelände zu überlassen, und es bedeute schon einen Erfolg, wenn man sie von Frankreich und Ihren Hilfsquellen entferne. Man weiß in Rußland, daß man nicht dort schlagen darf, wo Ew. Majestät stehen. Aber da Sie nicht überall sein können, so bekennt man sich ganz offen zu dem Plan, nur dort zu schlagen, wo Ew. Majestät nicht sein werden.« Es werde »kein Eintagskrieg« sein, zitierte Caulaincourt die Worte Alexanders. »Ew. Majestät werden einmal gezwungen sein, nach Frankreich zurückzukehren, und dann werden alle Vorteile auf seiten der Russen sein.« Der Franzose sei zwar tapfer, aber lange Entbehrungen, der Winter, das furchtbare Klima würden ihn entmutigen und nicht zuletzt der entschiedene Entschluß, der laut verkündete Wille des Zaren, er werde den Krieg durchhalten und nicht die Schwäche zeigen, wie so viele Fürsten vor ihm, den Frieden in seiner Hauptstadt zu unterzeichnen. Lieber zöge er sich bis nach Kamtschatka zurück, als Provinzen abzutreten und einen Vertrag abzuschließen, »der nur ein Waffenstillstand« wäre.

Napoleon hatte diesen Ausführungen »gespannt, ja erstaunt« zugehört, dann dem Marquis jedoch seine Streitkräfte und seine Hilfsmittel aufgezählt, und Caulaincourt fürchtete, »daß es für den Frieden nichts mehr zu hoffen gab«. Es sei gerade immer diese militärische Aufzählung gewesen, die den Kaiser berauscht habe. In einem letzten Versuch beschwor er Napoleon, die anstehenden Probleme – Polen, Oldenburg, Danzig, Handelsfragen – in Verhandlungen zu lösen. »Krieg und Frieden liegen in Ihrer Hand, Sire! Um Ihres eigenen Heiles, um des Heiles Frankreichs willen flehe ich Ew. Majestät an, zu wählen zwischen den Gefahren des einen und den sicheren Vorteilen des anderen!« Doch als die Unterredung nach fünf Stunden endete, war für Caulaincourt endgültig klar, daß es »keinerlei Hoffnung für die Erhaltung des Friedens in Europa« mehr gab.

Der Marquis de Caulaincourt war nicht der einzige, der Napoleon vor einem Krieg mit Rußland warnte. Auch Louis-Philippe de Ségur, der von 1785 bis 1789 als französischer Botschafter in St. Petersburg gewesen war, der Vater des Generals, unterstützte Caulaincourt und wies darauf hin, wie verderblich die ungeheure Ausdehnung der Front für die französische Armee werden müßte, in deren Rücken man ein unterworfenes, rebellisches Deutschland zurücklasse. Der Finanzminister, Nicolas-François Graf Mollien, verwies auf die ökonomischen Schwierigkeiten, die ein neuer Krieg für Frankreich mit sich bringen müßte, zumal sich das Land in einer schweren Wirtschaftskrise befand. Auf die ungünstigen klimatischen Bedingungen Rußlands machte Géraud-Christophe-Michel Duroc aufmerksam, der ein enger Vertrauter Napoleons war.

Für ihre Angriffskriege von 1800, 1805, 1806/07 und 1809 hatten die Besiegten hohe Reparationen an Frankreich leisten müssen. Frankreichs Staatshaushalt war also durch diese Kriege nicht belastet worden. Doch der Krieg mit Spanien, den Frankreich begonnen hatte und der nun schon vier Jahre dauerte, verursachte hohe Kosten. Und ein Ende dieser Auseinandersetzung war nicht absehbar, zumal England seine Truppen auf der Pyrenäenhalbinsel immer mehr verstärkte. Napoleons Berater gaben zu bedenken, daß allein in Spanien 300 000 Soldaten waren und zwischen Pyrenäen und Oder eine gefährliche Wüste entstünde, wenn man alle Streitkräfte nach Rußland schickte. »Und wer soll Frankreich verteidigen?« rief der alte Graf Ségur beschwörend aus. »Mein Ruf!« war die stolze Antwort Napoleons. »Ich lasse Frankreich meinen Namen zurück und die Furcht, die eine unter den Waffen stehende Nation einflößt.« Keinen der Einwände ließ er gelten. Vor allem aber daß Rußland die Blockade gegen England aufgeben mußte, um nicht zusammenzubrechen, begriff Napoleon nicht, konnte es offenbar nicht begreifen. Er bestellte sich im Dezember 1811 bei seinem Bibliothekar Bücher über Rußland, seine Geographie und Topographie, dazu alles über den Rußlandfeldzug des schwedischen Königs Karl XII., der 1709 zu einer Katastrophe für den König und sein Heer geworden war.

Aber noch zögerte der französische Kaiser, obwohl inzwischen ganz Europa die kriegerische Auseinandersetzung für unvermeidlich hielt. Am 25. Februar 1812 sprach er zwei Stunden lang mit dem ihm schon länger bekannten russischen Oberst Alexander Tschernyschow, den er um Vermittlung beim Zaren ersuchte. »Ich schicke Sie zu Zar Alexander als meinen Bevollmächtigten in der Hoffnung, daß man sich noch verständigen und vermeiden könne, das Blut von hunderttausend Tapferen zu vergießen, nur weil wir uns nicht über die Farbe eines Bandes einig sind. Vor mehr als einem Jahr wäre es ein Leichtes gewesen, sich zu verständigen. – Auch jetzt ginge es noch besser als in drei Monaten. Wenn Sie daher einen Bruch mit Frankreich vermeiden wollen, so müssen Sie sich beeilen, einen Unterhändler zu schicken, denn je mehr Sie es hinausschieben, desto umfangreicher werden meine Vorbereitungen. Wenn aber der Krieg bei Ihnen eine beschlossene Sache ist, wenn Sie konsequent bleiben und alles bei Ihnen in Ordnung ist, so hängt die Wahl des Augenblicks nicht mehr von der Politik, sondern einzig und allein von den militärischen Kombinationen ab.«

Tags zuvor, am 24. Februar, war ein Bündnisvertrag zwischen Frankreich und Preußen geschlossen worden, worin sich Friedrich Wilhelm III. bereit erklärte, ein Hilfskorps von 20 000 Mann für die nach Rußland marschierende Grande Armée zu stellen. Der am 14. März 1812 unterzeichnete Vertrag mit Österreich sah die Stellung eines österreichischen Hilfskorps von 30 000 Mann unter dem Kommando von Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg vor.

Alexander bemühte sich inzwischen um Schweden. Ließ es sich neutral halten, so hatte Alexander die in Finnland stationierten Truppen bei der künftigen Auseinandersetzung mit Frankreich zur Verfügung. Der Zar fand bei Bernadotte ein offenes Ohr; dieser hatte es abgelehnt, sein Land durch den Anschluß an die Kontinentalsperre wirtschaftlich zu ruinieren, woraufhin Napoleon am 27. Januar 1812 Schwedisch-Pommern und die Insel Rügen besetzen ließ.

Am 5. April schloß Schweden mit Rußland einen Geheimvertrag gegen Napoleon. Doch noch war der Krieg nicht erklärt. Der Zar hatte am 30. April durch seinen Botschafter in Paris Napoleon ein Ultimatum zustellen lassen, wonach er zu Verhandlungen nur bereit sei, wenn Frankreich vorher Preußen und Schwedisch-Vorpommern geräumt habe, wobei er aber trotzdem die russischen Häfen für die Schiffe der neutralen Staaten geöffnet halten würde. Aber über diese Schiffe kamen die englischen Waren ins Land! Napoleon antwortete begütigend, man verhandle gerade mit England um eine Friedenslösung. Das war zwar richtig, doch England lehnte Napoleons Angebote ab. Mit dieser Antwort reiste Napoleons Sondergesandter Graf Louis de Narbonne zu Alexander. Der Graf sollte dort die Augen offenhalten, denn wichtiger als die Zustellung des Briefs war für Napoleon, Informationen über die Kriegsvorbereitungen der russischen Armee zu bekommen.

Als der Kaiser am 9. Mai in Begleitung der Kaiserin Marie Louise Paris verließ, waren alle zur Grande Armée gehörenden Truppen schon seit zwei Monaten auf dem Marsch nach Osten. Noch immer war der Krieg nicht erklärt. Vor seiner Abreise hatte Napoleon mit dem Polizeipräfekten von Paris, Étienne-Denis Pasquier, gesprochen und sich von ihm mit der Bemerkung verabschiedet, vor ihm läge ein Unternehmen, »das größte und schwierigste von allen von mir bisher gewagten«. Und seinem Polizeiminister Savary hatte er gestanden: »Wer mir diesen Krieg vermieden hätte, würde mir einen großen Dienst geleistet haben, aber er ist nun endlich einmal da, und man muß sich daraus ziehen, wie man kann.« Im Klartext hieß das: Bereits Anfang Mai war Napoleon zum Krieg gegen Rußland entschlossen, auch wenn er sich gegenüber der Öffentlichkeit noch immer als Bewahrer des Friedens zeigte.

2. AUFBRUCH

Während des Jahres 1811 erschreckte der helle Schein des nach seinem Entdecker benannten Kometen Flaugergues die Menschen in Europa. Von März bis Oktober konnte man sein Licht auch bei Tag sehen. Ein Komet verhieß den Abergläubischen Krankheiten, Mißernten und vor allem Krieg. Die Zahl der Krankheiten war 1811 allerdings nicht höher als in anderen Jahren, und von einer Mißernte konnte schon gar nicht die Rede sein, jedenfalls nicht in Deutschland, denn an diesen Sommer und Herbst würde man noch lange denken. Der Sommer zeigte sich überdurchschnittlich heiß und trocken, und der Herbst war so warm, daß man zum Beispiel in Hamburg im November noch einmal Erdbeeren ernten konnte und die Frühlingsblumen blühten, auch ließen sich im Dezember erste Maikäfer sehen. Vor allem aber bescherte er den Winzern an Rhein und Mosel eine außergewöhnliche Ernte mit einem Wein, der in die Geschichte als »Kometenwein« einging. Goethe liebte ihn über alles, sprach von »flüssigem Gold« und widmete dem »Eilfer« ein umfangreiches Lobgedicht.

In diesem Sommer hörte Heinrich von Roos, Regimentsarzt im 3. württembergischen Regiment der berittenen Jäger »Herzog Louis«, damals in Ehingen in Garnison, erste Gerüchte von einem bevorstehenden Krieg gegen Rußland, der im kommenden Frühjahr beginnen sollte. Im Herbst kaufte das Regiment Pferde und warme Kleidung. Der Schuljugend wurde befohlen, Charpie, das damals gebräuchliche Verbandszeug aus Baumwoll- oder Leinenstoffen, zu zupfen. Am 11. Februar 1812 verließ sein Regiment (750 Reiter) die Stadt an der Donau. Auch der sächsische Husar Theodor Goethe (ein entfernter Verwandter des Dichters) hörte bereits im Frühjahr 1811 erste Gerüchte von »einem bevorstehenden Kriege mit Rußland«. Ende März 1812 brach sein Regiment (1016 Reiter) in Guben Richtung Osten auf. Und Mitte März 1812 verließ das württembergische Infanterie-Regiment Nr. 6 »Kronprinz« seine Garnisonsstadt Heilbronn. »Vom Obersten bis zum jungen Soldaten war alles in freudige Stimmung versetzt«, schrieb Leutnant Christian von Martens in sein Tagebuch.

Auch Leutnant Wilhelm von Koenig vom württembergischen Chevaulegers-Regiment Nr. 1 war guten Muts, wie sein an die Mutter gerichteter Brief vom 16. März 1812 aus Hopfenstadt bezeugt: »Gestern passierten wir die Grenze und ließen das gute Württemberg im Rücken. Du glaubst nicht, liebe Mutter, welche Gedanken in meinem Innern aufstiegen, als ich von dem Vaterlande Abschied nahm, das ich in meinem Leben zum ersten Male verließ und, Gott weiß es, vielleicht zum letzten Male sah. Darüber bin ich ganz gefaßt, und ich darf wohl sagen, daß ich ohne die mindeste Sorge, mein Leben zu verlieren, einem blutigen Kriege entgegengehe. Schon insofern hat dieser Marsch für mich etwas Anziehendes, als ich die Welt noch nie sah.«

Die meisten Menschen sind damals kaum über ihr Dorf oder ihre Stadt hinausgekommen. Deswegen waren Reiseberichte beliebt, allerdings nur bei denen, die sich diese Art Literatur leisten konnten, selbst wenn sie vom eigenen Land handelte. Für Süddeutsche war Norddeutschland bereits exotisch. Und die beliebten Italien-Bücher beschrieben ein Land, in das man selber vermutlich nie gelangen würde. Wenn so viele junge Menschen begeistert in die Armeen Napoleons und seiner Verbündeten eintraten, so war ihr Motiv meist Abenteuerlust. Auf diese Weise kam man kostenlos durch die Welt: nach Spanien und Portugal oder Italien und nun sogar nach Rußland.

Karl von Suckow, Leutnant im 4. württembergischen Infanterie-Regiment in Schorndorf, war dabei, als die Offiziere des Regiments für ihren General Ernst Eugen von Hügel im dortigen Goldenen Hirsch ein Essen gaben. »Was war natürlicher, als daß sich dabei die Unterhaltung größtenteils um unsere bevorstehende Aufgabe drehte! Der General warnte, sich doch ja keinen Illusionen hinzugeben und auf alle Eventualitäten männlich gefaßt zu sein. Ein junger Leutnant war jedoch anderer Meinung; er nahm die Sache sehr leicht und versicherte etwas vorlaut: ›So einen russischen Feldzug mache ich ebensoleicht mit, wie ich ein Butterbrot esse!‹ Der General ward auf diese Äußerung sehr ernst und erwiderte: ›Herr Leutnant, ich will Sie an dieses Butterbrot erinnern!‹«

Diese jungen Offiziere hatten in den Regimentern des Rheinbunds die Feldzüge in Österreich und Preußen mitgemacht, also unter den klimatischen Bedingungen Mitteleuropas, nie Hunger und Durst kennengelernt und immer im Bewußtsein, unter dem Befehl des größten Feldherrn des Jahrhunderts zu stehen: Napoleon. Der lippische Feldwebel Johann Friedrich Wilhelm Dornheim sprach aus, was damals wohl alle Soldaten, ob Deutsche oder Franzosen, empfanden: »Die großartigen Züge eines Alexander, eines Hannibal, Julius Cäsar usw. waren unsere Vorbilder und begeisterten Offiziere und Soldaten. Wir hatten Rußland schon erobert, wir marschierten nach der Türkei, wir befanden uns in Griechenland, wir berührten schon im Geiste denselben Boden, wo die Helden und Staatsmänner der grauen Vorzeit einst gewandelt hatten; kurz, auch wir hofften teil an dem Ruhme zu nehmen, die siegreichen Adler Napoleons bis an das Ende der Welt aufgepflanzt zu haben.«

Sie alle waren Soldaten der Grande Armée. Die Württemberger Roos, Martens, Koenig und Suckow gehörten zur 25. Division im 3. Armeekorps unter dem Oberbefehl des Marschalls Michel Ney; Theodor Goethe zur 23. Division im 7. Armeekorps unter General Jean-Louis Reynier; Feldwebel Dornheim zur 34. Division im 11. Armeekorps unter Marschall Pierre Augereau. Diese Armee, deren Umfang alles übertraf, was man je in Europa gesehen hatte, bestand nicht einmal zur Hälfte aus Franzosen; überwiegend waren es fremde Kontingente, die ihre Haut für Napoleon, den Herrn Europas, zu Markte trugen: Deutsche, Österreicher, Schweizer, Dänen, Holländer, Italiener, Polen, Portugiesen, Spanier und Serbokroaten. Drei Monate lang zogen weit über eine halbe Million Soldaten aus allen Himmelsrichtungen quer durch Deutschland, und kaum einer zweifelte daran, als Sieger heimzukehren.

3. POMPÖSER AUFTAKT IN DRESDEN

Das französische Kaiserpaar – Napoleon und Marie Louise – trafen am 16. Mai um 23 Uhr in Dresden ein. Wie schon vier Jahre zuvor, als sich Napoleon mit dem Zaren in Erfurt getroffen hatte, war jetzt auch in Dresden alles vereint, was sich in Deutschland an Fürsten aufbieten ließ. Nicht alle waren gern und so ganz freiwillig gekommen, am wenigsten Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, dem es aber eine Genugtuung sein mußte, daß niemand so spontan von den Dresdnern bejubelt wurde wie er, wozu auch beitragen mochte, daß er zwei Jahre vorher seine junge Frau, die schöne Königin Luise, verloren hatte. Diese Ovationen fielen um so mehr auf, als Napoleon fast schweigend empfangen wurde, dabei hatten die Dresdner Behörden die Bevölkerung dringlich ermahnt, den Kaiser ausgiebig zu bejubeln.

Während des Dresdner Treffens zogen in riesigen Kolonnen die Regimenter der Grande Armée durch die Stadt in Richtung Osten. Der Dresdner Schriftsteller Gustav Nieritz, der sie als Siebzehnjähriger sah, erinnerte sich später: »Noch sehe ich im Geiste die endlosen, glanzvoll ausgestatteten Scharen von Kürassieren, Ulanen, Husaren, Dragonern, berittenen Jägern und Gens d’armes über Dresdens Brücke wallen, sehe ihre gold- und silberblinkenden Helme mit den wehenden Pferdeschweifen, ihre prachtvollen zum Teil versilberten und vergoldeten Doppelkürasse, ihre feinen, bunten Uniformen, ihre blitzenden Säbel, ihre Piken, ihren ungeheuern Artilleriepark, das dichte Gewimmel der Infanterieregimenter mit ihren voranschreitenden Musikchören und langbärtigen Zimmerleuten, welche, die ganze Breite der Brücke sowie der Straßen einnehmend, mit lustig klingendem Spiele ihrem schmählichen Untergange entgegenzogen. Am vorteilhaftesten zeichneten sich unter der ganzen Menge die holländischen Garden durch die Schönheit ihrer Gestalten und die Feinheit ihrer weißen Uniformen aus. Es gab unter ihnen, namentlich unter ihren Offizieren, Männer von einer solchen Schönheit, wie ich sie seitdem nicht wieder gesehen habe.«

Den Kindern blieb vor allem das Phantastische im Gedächtnis. Ludwig Richter, später berühmt geworden als Maler und populärer Illustrator, beobachtete als Neunjähriger den nächtlichen Einzug des Kaisers inmitten seiner farbenprächtigen Garde im Fackelschein. »Besonders wunderbar kam mir eine Schar Mamelucken vor. Der Kaiser saß in einem Wagen mit seiner Gemahlin, Trompeten schmetterten, Trommeln rasselten, und dazwischen ertönte das Läuten aller Glocken, Kanonendonner und das Vivatrufen der Volksmenge.« Da hatten die Behörden wohl auch einige Jubelchöre postiert.

Wilhelm von Kügelgen, der zehn Jahre alte Sohn des renommierten Dresdner Malers, erinnerte sich später an Wunderbares, nämlich »Winterschuhe« und »grüne Brillen gegen die Blendungen des Schnees«, und »endlich sahen wir noch ein ganzes Geschwader von jungen Näherinnen auf kleinen Pferden folgend, vielleicht um die Soldaten im rohen Rußland vor Verwilderung zu bewahren«. Da Kügelgen dies Jahrzehnte später aufschrieb, hatte ihn da womöglich die Phantasie getäuscht, denn andere zeitgenössischen Berichte wissen davon nichts. Allerdings liest man auch in den Aufzeichnungen seiner Mutter, Helene Marie von Kügelgen: »(...) die Offiziere selbst hatten uns damals gesagt, er (Napoleon) habe allein achtzigtausend Brillen mitgenommen, damit der Schnee besonders seine Kavallerie nicht blenden möchte, wie auch eine Menge Sämereien, Gärtner, Nähermädchen und dergleichen.« Solch Fabulösem waren keine Grenzen gesetzt. Als Frau von Kügelgen, die aus Livland stammte und sich als Russin fühlte, eine Bekannte darauf hinwies, Napoleon werde noch der russische Winter zu schaffen machen, wurde sie belehrt: »Nein, da glauben wir vielmehr, daß es dieses Mal gar nicht Winter werden wird, denn ihm muß alles glücken. Wie war es auch, als er sich von der Kaiserin Josephine trennte und Marie Louise heiratete, um einen Thronerben zu bekommen – hatte er diesen nicht bald genug in seinen Armen?«

Napoleon ließ sich Zeit, was jeder sehen sollte. Er ging zweimal in die Oper, gab Diners für die Fürsten, nahm teil an einer Wildschweinjagd in Moritzburg, wo er im Schloß ein Frühstück gab, besuchte ein Konzert, hörte in der Hofkirche eine Messe, machte einen Spaziergang durch die Stadt, bei dem er die Frauenkirche besichtigte, und feierte demonstrativ den Geburtstag von Maria Pawlowna, weniger weil sie die Frau des Erbprinzen von Sachsen-Weimar-Eisenach, sondern die Schwester des Zaren war. Vielleicht würde Alexander I. ja doch noch auf seine Forderungen eingehen? Aber der ließ sich nicht umstimmen. Der Sondergesandte des Kaisers, Graf Narbonne, überbrachte am 28. Mai dem Kaiser einen abschlägigen Bescheid des Zaren, und das bedeutete für Napoleon nun definitiv Krieg. Schon am nächsten Morgen um vier Uhr verließ er Dresden und begab sich über Bautzen und Glogau zur Armee. Noch Anfang Mai hatte er zu seinem Adjutanten, General Jean Rapp, gesagt: »Wenn ich kann, werde ich den Krieg vermeiden.« Aber wie sollte er jetzt noch den Aufmarsch von mehr als einer halben Million Soldaten anhalten und diese Grande Armée demobilisieren? Er wollte es nicht mehr, falls er überhaupt ernsthaft daran gedacht haben sollte.

Marie Louise, die von Napoleon in Dresden weinend Abschied genommen hatte, denn sie liebte ihn wirklich, reiste am 4. Juni nach Teplitz und Karlsbad, wo ihr am 2. Juli ein Begrüßungsgedicht Goethes, der zu dieser Zeit krank darniederlag, überreicht wurde. Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät war eine beeindruckende Huldigung an Napoleon und an Marie Louise, die in diesen Stanzen fast als eine neue Gottesmutter gefeiert wird.

Worüber trüb Jahrhunderte gesonnen

Er übersieht’s in hellstem Geisteslicht,

Das Kleinliche ist alles weggeronnen,

Nur Meer und Erde haben hier Gewicht;

Ist jenem erst das Ufer abgewonnen,

Daß sich daran die stolze Woge bricht,

So tritt durch weisen Schluß, durch Machtgefechte

Das feste Land in alle seine Rechte.

»Der Alles wollen kann, will auch den Frieden«, endet die Hymne des Weimarer Napoleon-Verehrers. Doch diese Hoffnung trog. Am 2. Juli, als die Kaiserin diese Zeilen las, befand sich Napoleon bereits in Wilna, standen seine Armeen auf breiter Front auf russischem Boden, denn seit dem 24. Juni 1812 sprachen die Waffen.

4. IN POLEN

Napoleon war sich schon sehr früh bewußt, daß ohne die ausreichende Versorgung der Soldaten kein Krieg geführt werden konnte, vor allem keiner wie dieser. In Österreich und Preußen hatte sich die Armee aus dem Land des Gegners verpflegt, denn hier war es auf Geschwindigkeit angekommen, man konnte nicht einen großen Fuhrpark mitnehmen. Dies Prinzip kam aber für den russischen Feldzug nicht in Frage. Das riesige, zum Teil nur dünn besiedelte Land würde die Versorgung von einer halben Million Soldaten nicht leisten können.

Um ein sicheres logistisches System zu schaffen, ließ Napoleon zwischen Oder und Njemen (Memel) eine Kette von Magazinen anlegen; die größten befanden sich in Danzig, Thorn und Königsberg; ihre Vorräte, vor allem Mehl und Reis, wurden ständig aufgefüllt. Zum Transport hatte Napoleon einige tausend Wagen in verschiedenen Größen bauen lassen, die von Ochsengespannen gezogen wurden. Vor allem aber war der Transport über die Flüsse vorgesehen: über das Frische Haff, Pregel, Deine, Friedrichs-Kanal und Wilia. Und der Kaiser ließ es sich nicht nehmen, persönlich die Magazine und Transporteinrichtungen zu inspizieren. Sich durch Requirieren aus dem Land zu versorgen war verboten; Plünderern drohte die Todesstrafe. Dies war die Theorie, die Praxis sah ganz anders aus, und das erlebten die Soldaten bereits in Polen, zwei Monate vor Kriegsbeginn. Bis zur Oder konnten die Regimenter mit regelmäßiger Verpflegung rechnen. Sie waren ja bei Deutschen einquartiert, fanden überwiegend freundliche Aufnahme, und man ließ sie nicht darben. Meist kamen die Kommunen für die Kosten auf. Doch bereits in Frankfurt a. d. Oder klagte Jakob Walter, Soldat im württembergischen Infanterie-Regiment Nr. 4 »Franquemont«, daß dort »schon mit geringer Kost und Kommißbrot vorlieb genommen« werden mußte.

Der erste Eindruck von Polen war durchweg negativ. Die Soldaten klagten über Schmutz und Ungeziefer und unzulängliche Versorgung. »Wir kriegen hier schlechtes Essen und Trinken, denn es gibt hier sehr arme Bauern, die nicht in Häusern, sondern nur in Hütten wohnen, wo man die Läuse an den Wänden kriechen sehen kann«, schrieb der Hamburger Johann Heinrich Gottfried Meyer, Soldat im 127. französischen Infanterie-Regiment, am 20. April aus Unislaw bei Bromberg an seine Mutter. »Schweine, Gänse und Hühner logieren mit uns in einer Stube; es gehört ein guter Magen dazu, diese Schweinerei gewohnt zu werden, jedoch habe ich guten Mut, daß wir bald mit unserm Feinde zusammentreffen werden.« Und sein Regimentskamerad, der Hamburger Johann Friedrich Wagener, klagte in einem Brief vom 13. Mai aus Blonache: »Auf dem Dorf, wo ich lag, aßen die Leute nichts als Kartoffeln mit Salz. (...) Brot, Butter war bei ihnen nicht zu finden, wir kriegten unser Brot und Fleisch geliefert, aber das Fleisch war sehr schlecht; das schlimmste dabei waren die vielen Läuse, sie liefen auf den Bänken herum, und wir lagen unser vier Mann in solchem Schweinestall, denn anders kann man es nicht nennen, denn wir hatten kaum Platz darin. Ich wurde krank dort und kriegte das Fieber all um den andern Tag; das habe ich noch, ich habe all genug gebraucht. Ins Hospital kommt man jetzt so leicht nicht. Der Doktor kommt bei mir ins Quartier, die Medizin muß ich bezahlen. Wenn ich nur wieder gesund wäre, ehe es vorwärts ginge. Hier ist es etwas besser wie dort in Polen, reinliche, bessere Häuser, aber die Menschen sind hier arm; das Land ist schon so sehr mitgenommen, Brot findet man hier auch nicht, und wo man noch Heu, Stroh, Hafer und anderes mehr findet, wird es weggenommen und alles an die Magazine geliefert. Teuer ist hier alles, und denn kann man es noch nicht einmal kriegen. Ich kann nicht immer essen, was wir geliefert kriegen, als die Erbsen alle Tage, die sind beim Fieber gar nichts nutz. Will ich mir Butter kaufen, muß ich acht gute Groschen für ein halbes Pfund geben, und man kann es nicht mal bekommen. Bier hat man auch nicht mehr, als was wir geliefert kriegen, denn für Geld können wir hier auf unserm Dorfe nichts kriegen, man muß also Wasser trinken.«

Resigniert schrieb auch Fritz Wolf, Leutnant im 2. westphälischen Infanterie-Regiment, am 12. Juni aus Zagurow an seine Angehörigen in Kassel: »Essen gibt es nicht, wenn wir uns nicht ein Stück Wild schießen, und das gibt es auch nicht immer.« Den Soldaten war im April befohlen worden, sich nach dem Überqueren der Weichsel für 25 Tage zu verproviantieren, diese Lebensmittel aber erst nach dem Passieren der russischen Grenze zu verbrauchen. Doch wovon sollten sie vorher leben? Aus den Magazinen in Polen? Heinrich Friedrich von Meibom, Oberstleutnant im 8. westphälischen Infanterie-Regiment, beschrieb die Praxis. Danach waren für jeden Soldaten als eiserne Ration 15 Pfund Mehl anzuschaffen, wovon er selber 9 Pfund (= 4,5 kg) zu tragen hatte, das übrige wurde auf Wagen verladen. Das in einen Leinensack gefüllte Mehl kam in den Tornister. »Der Bestand wurde täglich durch die Offiziere kontrolliert.« Im Tornister waren aber nicht nur 4,5 kg Mehl unterzubringen, sondern auch ein Paar mit Nägeln beschlagene Schuhe, drei Paar Sohlen, Nähzeug, zwei Hemden, eine Unterhose, ein Paar wollene Socken, eine Lagermütze, ein Paar Gamaschen, Rasierzeug, ein Eßbesteck (Löffel, Gabel, Messer, Korkenzieher), ein Taschenmesser, ein Kamm, ein Holzteller, ein Zinnbecher, Pfeife und Tabaksbeutel. Das Gewehr war 1,57 m lang und wog 4,37 kg. Am Koppel waren die Patronentasche mit 30 Patronen, der Infanteriesäbel, das Bajonett sowie die Feldflasche befestigt. Da bei starkem Regen sich der lederne Tschako mit Wasser vollsog, wurde ein mit Bienenwachs getränkter Leinenüberzug mitgeführt.

Die Armee sollte aus den Magazinen versorgt werden, doch die in Elbing zum Beispiel waren leer. Man sollte sich zwar »nehmen, wo man könne«, doch letztlich mußten die Soldaten selber sehen, wie sie satt würden. In Posen machte die französische Verwaltung Schwierigkeiten, wie Leutnant von Suckow erlebte: »Man muß mit den Franzosen gedient haben, um sich von der Arroganz jener Mehlwürmer (wie man diese Commissaires ordonnateurs usw. in der Armee spottweise nannte) gegenüber von ihren deutschen Verbündeten eine Idee zu machen. Jeden Laib Brot, jedes Pfund Fleisch mußte man bei den Fassungen dieser Lebensbedürfnisse aus den französischen Magazinen erstreiten, ja mitunter fast buchstäblich erkämpfen. Hier wurde der Deutsche den Franzosen gegenüber immer höchst stiefmütterlich behandelt – nicht so freilich, wo es galt, den Plänen Napoleons auf dem Schlachtfelde Geltung zu verschaffen. Dort wurde unseres biederen Volkes Blut nicht geschont, ja ihm wohl oft der Vorrang gestattet, solches zuerst vergießen zu dürfen.« Das Verhältnis zwischen den Franzosen und ihren deutschen Verbündeten war schon vor Kriegsbeginn denkbar schlecht. Carl Sachs, Leutnant im leichten badischen Infanterie-Bataillon, vermerkte in seinem Tagebuch Ende Mai sogar einen Schußwechsel zwischen badischen und französischen Soldaten in Stettin.

Besser war die Versorgung in der Festung Thorn, wo die württembergischen Soldaten neben den an sie ausgegebenen Lebensmitteln Ende Mai zusätzlich Nachschub aus der Heimat in Gestalt von 52 randvoll mit Zwieback bepackten Wagen erhielten, deren Inhalt freilich von den Soldaten zu all ihrem anderen Gepäck auch noch getragen werden mußte. Doch das alles reichte zur Ernährung nicht aus, zumal sich östlich von Thorn keine weiteren Magazine befanden. Den Soldaten blieb nichts anderes übrig, als bei den Bauern zu »fouragieren«, wie man damals die Lebensmittelbeschaffung nannte. Die Truppen wurden angewiesen, dabei mit der größten Schonung vorzugehen und zum Beispiel kein Saatgut mitzunehmen und den Bauern jene Pferde und Ochsen zu lassen, die für die Feldbestellung unerläßlich waren. Das wurde auch zum Teil beherzigt, aber eben nicht durchweg, und den Bauern nützten die ausgestellten Quittungen für ihr konfisziertes Gut gar nichts; sie konnten sie weder gleich noch später einlösen. Ein extremes Beispiel erlebte der Oberleutnant Johann Friedrich Gieße vom 5. westphälischen Infanterie-Regiment in Lubochnid: »Dieses Dorf stellte ein Bild der Zerstörung und des Jammers dar. Alle Bewohner waren wegen erlittener Mißhandlungen von früherer Einquartierung zur Flucht in die Wälder veranlaßt worden, hatten dabei Türen und Fenster ausgehoben, ihre Habe mitgenommen und die Häuser leer stehen gelassen.«

Die rücksichtslose Vernichtung eines ganzen Dorfes blieb eine Ausnahme, die völlige Ausplünderung indes die Regel. Die Bauern, berichtet Leutnant von Suckow, »flüchteten in der ganzen Gegend ihr Vieh und ihre übrigen Habseligkeiten in die Wälder, und bei der Ankunft in einem Dorfe fand man meistens leere Häuser«. Gelang es dennoch, die geflohenen Bauern aufzufinden, so kam es zu »gröbsten Exzessen«. Auch Regimentsarzt Heinrich von Roos beschreibt solche Expeditionen, wobei man dann auch gelegentlich auf die Fouriere anderer Regimenter stieß: »Niemand ließ sich abweisen, denn keiner durfte leer zurückkommen, daher man sich in das Vorgefundene gewaltsam teilte. Auf diese Weise waren nun Scheunen, Speicher, Speisekammern und Rauchfänge ihrer Vorräte schnell entleert.« Und der Abtransport des Requirierten? »Die Ställe wurden geöffnet, das Zugvieh angespannt, die Fourage und Mundvorräte aufgeladen, das Schlachtvieh ebenfalls mitgenommen, hinten angebunden und marsch! zum Regiment.«

Doch so einfach gelang das nicht immer. Korporal Friedrich Mändler vom bayerischen Bataillon »La Roche« (19. Division im 6. Armeekorps) erlebte die Unzuverlässigkeit des Fuhrparks: »Obwohl wir bei unserem Anmarsch von Plonsk und Wyszogrod einen Transport oder Konvoi von wenigstens hundert Wagen mit Mehl, Korn, Brot etc. beladen und bei 300 Stücke Schlachtvieh hatten, konnten wir, bei all unserer Sorgfalt und Aufmerksamkeit, doch kaum nur die Hälfte unseres Transportes und diese selbst nur in einem äußerst schlechten, besonders Brot und Mehl in beinahe ganz unbrauchbaren Zustande bei unserer Ankunft beim Armeekorps überliefern. Schon nach dem dritten oder vierten Marsche von der Weichsel hatten sich unsere Fuhrleute davongemacht und Pferde und Wagen im Stich gelassen; daher mußten unsere Soldaten selbst die Fuhrleute machen. Die polnischen Wagen, äußerst leicht und schlecht gebaut, konnten die Last, die sie trugen, nicht lange ertragen, sondern brachen einer nach dem andern zusammen. Deshalb mußten die Lasten von diesen Wagen auf die übrigen verteilt werden, hierdurch wurden die noch guten Wagen überlastet und brachen nach und nach ebenfalls zusammen. Die kleinen polnischen Pferde wurden durch Anstrengung, schlechte Fütterung, Mangel an Pflege ermattet und geschwächt, konnten nicht mehr fort und stürzten unterwegs zusammen. An Ersatz von Wagen und Pferden war gar nicht zu denken, denn die große französische Armee nahm alle mit sich fort. Auch das Schlachtvieh litt; es wurde alle Tage 5–6 Stunden weit getrieben, fand wenig und schlechte Nahrung – höchstens eine gute Wiese war ihr Labsal –, magerte zusehends ab, fiel selbst auf der Straße um und blieb liegen. Das Brot, Mehl, die Früchte, Tag und Nacht unter freiem Himmel und beständig jedem Witterungswechsel ausgesetzt, mußten – obgleich wir sie durch Stroh und anderes gegen die Nässe zu schützen suchten – verderben. Es blieb uns zuletzt nichts übrig, als, um das Schlachtvieh und die Pferde noch zu erhalten, diese mit dem durch Nässe verdorbenen oder verschimmelten Brot zu füttern. Hierdurch wurden die Wagen erleichtert, die Pferde und das Vieh etwas gestärkt und so das wenige, was wir noch hatten, dem Armeekorps erhalten.« Auch Eduard Rüppell aus Kassel, 20 Jahre alt und Leutnant im 2. westphälischen Husaren-Regiment (8. Armeekorps), klagt über die schlechte Qualität der ihm in Warschau übergebenen Lebensmittel, von denen schon bald »die Maden alles in Besitz genommen und Hitze und Staub alles in Fäulnis gesetzt« hatten.

Mehr Glück als bei den Bauern hatte man meist beim polnischen Adel. So erzählt Leutnant Wilhelm von Koenig, vom Chevauleger-Regiment Nr. 1 »Herzog Heinrich« (3. Armeekorps), wie seine Einheit »ein schönes Schloß, das den Reichtum seines Besitzers verriet«, gründlich inspizierte. »Speisekammer und Fruchtboden wurden sofort in Augenschein genommen und bestimmt, was den anderen Morgen davon forttransportiert werden konnte, denn wir blieben hier über Nacht. Da man zu diesem Zwecke wohl oder übel alles Zugvieh, daher außer Pferden auch Ochsen in Beschlag nehmen mußte, so traf dieses Los auch einen vierspännigen Zug sehr schöner Schecken, die man in dem Stalle des Edelmanns traf.«

Mit drastischen Maßnahmen versuchten die napoleonischen Befehlshaber Ordnung zu wahren. »Niemand hatte was zu essen«, klagt auch der Soldat Jakob Walter, als sein Regiment in Kalwarija einzog, »dann man sich in der Not alles erlauben muß, so konnte hier das ohnehin schon ausgeplünderte Städtchen nicht unbesucht bleiben, alle Soldaten liefen nach Wasser, Eßwaren, und so wurde auch den Einwohnern das Versteck an Vorrat aufgefunden und in das Lager gebracht, obgleich es polnisch und Freundesland war. Überdies beklagten sich die Einwohner von der Stadt bei unserm Kronprinzen, worauf Befehl kam, der erste Soldat, so aus dem Lager geht, werde erschossen, ich traf jedoch noch zu rechter Zeit zurück ein, der Ernst unseres Kronprinzen war so hochgestiegen, daß er mit dem Pistol vor die Front ritt und mehreren Soldaten den Schuß auf die Brust hielt, wo man glauben mußte, mehrere werden erschossen werden, allein die Not, nichts zu essen zu haben, mag der Einhalt gewesen sein.«

Der deutschstämmige polnische Leutnant Heinrich von Brandt besuchte im Mai seine Eltern in Strzelnow: »Die Kontinentalsperre, welche endlosen Durchzügen der französischen Armee von 1806/07, dem Viehsterben und der gänzlichen Nahrungslosigkeit gefolgt war, hatte alle Preise der Cerealien derart heruntergedrückt, daß sie kaum die Produktionskosten deckten. Die Rinderpest, eine große Feuersbrunst hatte viel geschadet, und nun kamen die neuen Durchzüge. Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Marschall Ney mit seinem Stabe bei den Eltern gelegen; der Kronprinz von Württemberg hatte gleichfalls einige Nächte und einige Tage bei uns zugebracht; ein Bataillon hatte auf dem geräumigen Hof biwakiert. Unabsehbare Train-Kolonnen hatten alles mitgenommen, den letzten Futtervorrat erpreßt, die Arbeitspferde waren Tag und Nacht auf den Landstraßen, und trotz einer Sauvegarde schaltete man wie in Feindesland. (...) Die Meinen empfingen mich mit Tränen. ›Du hast einst bessere Tage hier gekannt, mein Sohn‹, sagte mein Vater. ›Du kommst heute in das Haus eines Bettlers.‹ Während ich noch in meines Vaters Armen lag, kam die Anzeige, daß man auf einem der Vorwerke alles vom Boden und aus den Scheunen genommen, daß man nichts übriggelassen, die Pferde zu füttern. Der Kommandeur der Kolonnen, zu dem ich sofort ritt, entschuldigte sich mit der Notdurft, daß die Magazine leer – aber er werde über alles seine Bons geben – er sei dem Kaiser für die Erhaltung des Materials verantwortlich; er dürfe, könne und würde überall die notwendige Fourage nehmen, wenn nur dabei die Vorschriften beobachtet würden, und dies sei geschehen. Ich darf wohl sagen, daß die 48 Stunden, die ich in meinem elterlichen Hause zubrachte, mir eine wahre Qual waren. Ich sah überall Leiden und Elend und stets in eine Art gesetzlicher Form gegossen, aber darum, ich möchte sagen, vielleicht um so unerträglicher.«

Das eigentliche Dilemma hatte der württembergische Soldat Jakob Walter benannt: Den unterernährten Truppen war zwar das Plündern bei Todesstrafe verboten, sie mußten aber im Land fouragieren, wollten sie nicht verhungern, und sie raubten auf Befehl ihrer Vorgesetzten. Diese Quadratur des Kreises lösten weder der Kronprinz von Württemberg noch Napoleon, der ohnehin die Probleme einer überall zusammenbrechenden Logistik ignorierte, wie sich in einem besonders eklatanten Fall zeigte. Als die zum 3. Armeekorps gehörende württembergische Kavallerie in Polen einrückte und von den Magazinen Versorgung für Mensch und Tier holen wollte, erlebte sie eine böse Überraschung: Die Bestände seien nur für die französischen Einheiten bestimmt, lautete der Bescheid, und die daraufhin um Hilfe gebetenen Beamten des Herzogtums Warschau rührten für die deutschen Verbündeten keinen Finger. Der polnische Adel war im allgemeinen besser mit Vorräten versehen als die Bauern, hatte diese aber längst vergraben und versteckt und weigerte sich, irgend etwas gegen staatliche Quittungen (Bons) herauszugeben. Das zwang die württembergischen Reiter, wollten sie nicht verhungern, zu den bekannten Requisitionen auf eigene Faust.

Nun erließ am 30. Mai Marschall Michel Ney, Kommandeur des 3. Armeekorps, den Befehl, die Kavallerie habe sich innerhalb von 48 Stunden mit 800 Schlachtochsen als Marschverpflegung für die kommenden 20 Tage zu versorgen. Dem Chef der württembergischen Kavallerie, Generalleutnant Wilhelm von Woellwarth, wurde mitgeteilt, er habe sich deswegen mit den Landesbehörden zu verständigen. Aber die Distriktspräfekten von Thorn erklärten ihm kurzerhand, daß sie nicht imstande seien, zur Verpflegung der Truppen mitzuwirken, und »ihre Distrikte der Diskretion der Truppen preisgeben« müssten, was eine vornehme Umschreibung dafür war, sich auf eigene Faust in den Besitz des Schlachtviehs zu bringen, also Plünderung gegen Quittung bedeutete. Die Empörung der polnischen Gutsbesitzer war groß, und als Napoleon am 2. Juni in Thorn eintraf, standen schon die Geschädigten vor den Toren, um »über die beispiellosen Exzesse der württembergischen Kavallerie« zu klagen, so hatte es der polnische General Vincenz Krasinski, Kommandeur des ersten Regiments der französischen Garde-Lanciers, seinen Landsleuten geraten. Er tat dies um so lieber, als es während der Requisitionen zwischen polnischer Kavallerie, die ihre Gutsherren schützen wollte, und den plündernden Württembergern zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Marschall Ney, der eigentlich Verantwortliche, zog es jedoch vor, gegenüber seinem Kaiser den von ihm selbst gegebenen Befehl zu verschweigen. Als die letzten württembergischen Reiter mit ihrer Fourage Thorn passierten, wurde ihnen auch noch »das bei sich gehabte Schlachtvieh und Lebensmittel« von der französischen Kaisergarde »mit Gewalt abgenommen«, so von Woellwarth.

Die Beschwerde der Polen fand bei Napoleon ein offenes Ohr. Schon lange hegte der Kaiser eine tiefe Abneigung gegen die Württemberger. Ihr Befehlshaber, Kronprinz Friedrich Wilhelm, war ihm äußerst unsympathisch, denn Napoleon hielt ihn für illoyal. Statt Beweisen genügte ihm die Antipathie. Auch erinnerte sich der Kaiser, daß während des Krieges mit Preußen 1806/07 neben den Bayern besonders die Württemberger in Schlesien übel gehaust hatten und die französischen Generale mit Klagen aus der von Plünderungen und Vergewaltigungen heimgesuchten Bevölkerung überhäuft worden waren. Daß die nun verübten »Exzesse« von einem seiner Marschälle angeordnet worden waren, scheint Napoleon unbekannt geblieben zu sein. Jedenfalls war sein Zorn gewaltig. Die Polen verehrten den Kaiser, von dem sie glaubten, er beabsichtige, ihr altes Königreich wiederherzustellen, und diese Menschen durften jetzt am wenigsten enttäuscht werden. Auf den räuberischen Akt seiner Garde vor Thorn hätte man Napoleon gar nicht ansprechen dürfen, denn seine Elite-Truppe, mit über 40 000 Soldaten eine Armee in der Armee, stand jenseits aller sonst angelegten Maßstäbe. Und dieser Garde mangelte es an nichts – sie bekam die besten Waffen, die schönsten Uniformen, die vorzüglichste Verpflegung, weshalb dieses verhätschelte Korps, das sich alles erlauben durfte, sehr bald zu einem wahren Haßobjekt innerhalb der Grande Armée gedieh.

Napoleon handelte augenblicklich: Schon in Frankfurt a. d. Oder hatte er ein württembergisches Kavallerie-Regiment aus dem Korps herausnehmen lassen und in ein anderes unter französischem Kommando versetzt. Die verbliebenen drei Regimenter wurden jetzt ihren Kommandeuren, den Generalen von Woellwarth und von Walsleben, entzogen und der französischen Kavallerie-Reserve unterstellt. Die so beschäftigungslos gewordenen Generale wurden kaltgestellt; der erkrankte von Woellwarth blieb bis August in Königsberg zurück, von Walsleben wurde sogar verhaftet und arretiert. Beide kehrten später, ohne je rechtskräftig verurteilt worden zu sein, nach Stuttgart zurück. Dahinter stand der Gedanke, die deutschen Alliierten möglichst nur noch von französischen Generalen führen zu lassen und deutsche Kommandeure überflüssig zu machen.

Die Masse der Soldaten hat das nicht berührt. Neben der täglichen Sorge um ihre Ernährung bedrückte sie auch ihre Unterbringung, denn sie wurden bei Bauern und Bürgern einquartiert, deren Behausungen jeder Hygiene spotteten. Quartiere auf dem Land waren angesichts der völlig verschmutzten und verlausten Häuser nicht zumutbar, zumal die Bauern auch noch mit ihrem Vieh zusammenlebten. Lieber biwakierte man dann unter freiem Himmel. So sagte in Szrem ein Korporal zu Heinrich von Brandt: »Glauben Sie mir, Herr Leutnant, ein spanischer Schweinestall ist reinlicher als mein Judenquartier – ich habe mich auch sofort mit meinen 4 Mann ausquartiert, und wir werden im Holzstall hausen, wo wir wenigstens nicht so von Ungeziefer geplagt sind.«

Oberleutnant Gieße, einquartiert bei einem Bäckermeister in Kozmineck, hatte seinem Tagebuch am 16. April anvertraut: »Mit 7 Soldaten war mein Aufenthalt in dem Wohnzimmer der Familie als dem einzigen im Hause, was nicht sehr geräumig, dabei schmutzig, niedrig und nur durch drei kleine Fenster erhellt war. Der Hauswirt, dessen Frau, 6 Kinder und 2 Mägde – waren es unserer also 18 Personen, die miteinander in dieser Spelunke zusammen hinbringen mußten. Dabei diente der Kamin gleichzeitig zur Küche. Saß nun die Hausfrau am Feuer und kochte, so lag ihr das jüngste, kaum einjährige Kind, welches hektisch krank war, im Schoße. Entledigte sich dasselbe, was fleißig geschah, seiner Notdurft – gleich sprang der große zottige Haushund herbei und fraß die Exkremente mit Begierde auf, beleckte dazu noch den Hintern, um der Mutter die Mühe des Reinigens zu ersparen, und ging, vergnüglich über den gehabten Schmaus, wieder schwanzwedelnd von dannen. Dieses und daß die erwachseneren Kinder zerlumpt und schmutzig in Grind und Läusen starrend herumliefen und Mutwillen trieben, war nicht zur Schärfung des Appetits gemacht.«

Die Kavallerie traf es härter, da sie meist im Freien kampieren mußte, wie Leutnant Rüppell berichtet: »Obschon die Witterung ganz gut war, so gewährten unsere Biwaks keine besondere Annehmlichkeit, da sie meist auf Wiesen bezogen wurden, die teilweise feucht und des Morgens mit einem dicken Reif überzogen waren; hatte man nun da genächtigt und kroch unter der elenden Hütte aus ein paar Reiserzweigen hervor, so schwollen einem die Augenlider; die Stiefel wurden sehr naß und peinigten hernach den Fuß, wenn die brennenden Sonnenstrahlen senkrecht herabschossen. Ich nahm gewöhnlich zum Kopfkissen einen meiner Sättel und deckte mich mit dem Mantel zu, und ungeachtet der Unterlage von etwas Stroh war die Seite, auf der ich gelegen, von Feuchtigkeit durchdrungen.«

Glücklicher hatten es jene wenigen Soldaten – meist Offiziere – getroffen, die in den Landsitzen der Hocharistokratie untergekommenen waren, von deren »orientalischem Luxus« der württembergische Leutnant Karl Gottlieb Friedrich von Kurz (3. Armeekorps) spricht, der diesen Adligen »die feinsten Sitten« nachrühmt, die Pflege der Musik und der französischen Sprache. »Die Damen dieser Kaste sind häufig von seltener Schönheit, nicht selten hohen Geistes und mit allen Grazien der Weiblichkeit ausgeschmückt.«

Der sonst sehr kritische Christian von Martens, Leutnant im württembergischen Infanterie-Regiment Nr. 6 »Kronprinz« im 3. Armeekorps, der sich in seinem Tagebuch über »Schmutz, Trägheit, Unfreundlichkeit und knechtische Unterwürfigkeit« beschwert, wird milder, wenn er von den Polinnen spricht, die er »flinker und freundlicher, dabei schöner gestaltet als die Männer« findet. »Wohl mag auch der Anzug das Seinige beitragen, denn während diese in ekelhaften Schafpelzröcken, die vor Schmutz glänzen und Ungeziefer verbergen, einhergehen, tragen jene anliegende Jacken und Mieder, wobei die langen schwarzen Zöpfe zu dem brünetten Gesichte und den lebhaften dunkeln Augen sehr gut stehen; barfüßig gehen aber alle einher und tragen Sandalen höchstens über Feld.« Ludwig Wilhelm von Conrady, Oberstleutnant im 6. westphälischen Infanterie-Regiment (8. Armeekorps), pries ebenfalls die Schönheit der Frauen von Kalisch, zeigte sich allerdings etwas irritiert über ihre erotische Freizügigkeit, mit der sie sich während einer Parade der westphälischen Truppen vor ihrem König Jérôme »mit einer Frechheit und Schamlosigkeit« anboten, »die unter aller Würde war. So habe ich z. B. bei dieser Parade sehr viele Mädchen gesehen, die völlig hüllenlos am Fenster standen und die Offiziere durch Gebärden zu Besuch einluden!« Dieses großzügige erotische Entgegenkommen der Polinnen habe Conrady zufolge viele Soldaten zur Desertion verleitet. Allerdings dürften wohl weniger die Frauen als der eklatante Mangel an Verpflegung der Grund hierfür gewesen sein. Mehrere Augenzeugen berichten sogar von einer erschreckenden Zunahme von Selbstmorden unter den demoralisierten Soldaten, die schon zu Beginn dieses Feldzugs jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sie sich einst mit der Teilnahme an diesem Krieg versprachen, verloren hatten.

Ein besonderes Problem für die deutschen Soldaten stellten die Juden dar, ein Problem deshalb, weil die meisten von ihnen beträchtliche antijüdische Ressentiments aus der Heimat mitgebracht hatten. Man dürfe mit Recht »Polen, Litauen mit inbegriffen, ein zweites Judäa nennen«, fand Leutnant von Kurz. »Der Handel liegt hier in der Hand der Juden«, berichtet Ludewig Fleck, Soldat im westphälischen Bataillon der Garde-Jäger-Carabiniers. Sie seien »sehr dienstfertig und eifrig« und leisteten, »wenn es ihnen reichlich bezahlt wurde, auch als Dolmetscher gute Dienste«. Wenn es ihnen reichlich bezahlt wurde – gerade das ärgerte die Soldaten, die offenbar nicht sehen wollten, daß sich nichtjüdische Kaufleute keineswegs anders verhielten. So zeigte sich Leutnant von Suckow erbost, als ihm sein jüdischer Quartierwirt sagte: »Wenn der Herr wird haben Geld, wird er bekommen zu essen; wird er nicht haben Geld, wird er nichts bekommen!« Leutnant von Martens staunte, als ihm und seinen Regimentskameraden in Posen »unzählig viele Juden« polnische Wörterbücher zum Kauf anboten; auf diese Idee waren die christlichen Kaufleute nicht gekommen. Ihre Findigkeit, Geschicklichkeit und eminente Geschäftstüchtigkeit machte die Juden gerade für die notleidenden Soldaten unentbehrlich, allerdings auch verhaßt, weil sie gegen überhöhte Bezahlung einfach alles zu beschaffen verstanden, was Napoleons durch und durch korrupter Verwaltungsapparat den Truppen vorenthielt. Der sächsische Husar Theodor Goethe hingegen beschreibt andere Erfahrungen. Er machte in Janowiecz die Bekanntschaft eines jüdischen Gastwirts, den er »als einen achtbaren Mann kennenlernte, der in seinem Hause auf Reinlichkeit, Ordnung und guten Met hielt, ein Getränk, das in jenem Lande häufig genossen wird und aus einem Gemisch von Honig und Wasser besteht, das, in Gärung gesetzt, dann auf Fässern so lange lagert, bis es hell und trinkbar geworden ist«. Der Husar, der hier mehrere Wochen regelmäßig zum Mettrinken einkehrte, fand sich bald schon »nicht als Gast, sondern als ein Freund des Hauses behandelt«, der sogar zur Feier des Sabbats eingeladen wurde, bis er an Pfingsten mit seinem Regiment in Richtung russische Grenze weiterziehen mußte.

Auch die »Weichsel-Legion«, die aus Polen und im Herzogtum Warschau ansässigen Preußen bestand und zu deren Offizierskorps Leutnant Heinrich von Brandt gehörte, rückte jetzt zur russischen Grenze vor. Am 19. Juni erreichte sie das ostpreußische Insterburg, und Brandt war nach den chaotischen Verhältnissen in Polen froh, daß dort die preußische Verwaltung zuständig war: »In Insterburg selbst herrschte viel Ordnung – die Verpflegung war vollkommen geregelt; die Behörden auf ihrem Posten und ihrer Hut. Sei es nun, daß die fruchtbare Gegend die Herbeischaffung der Lebensmittel erleichterte, daß die guten Pferde des Landes den schnellen und sicheren Transport ermöglichten – ich habe hier nichts gewahrt, was die traurigen Eindrücke, die wir bisher erfahren, gesteigert hätte.« Dennoch begann sich die Disziplin der Grande Armée immer mehr zu lockern, die Zahl der Nachzügler, Marodeure und Desertionen nahm zu.

Das zum 6. Armeekorps gehörende bayerische Kontingent marschierte gleichfalls durch Ostpreußen, doch zu seinem Unglück als Nachhut der 14. französischen Infanterie-Division Broussière vom 4. Armeekorps, die schon ganze Dörfer verwüstet und ausgeraubt hatte, wie August von Thurn und Taxis, Hauptmann und Generalstabsoffizier in der 2. bayerischen Division, berichtet. In dem kleinen Dorf Sazkofen »überstiegen die Exzesse jede Beschreibung, ja als wir vor den Ort hinauskamen, begegnete uns der Edelmann, ein preußischer Oberstleutnant, ein Mann mit grauen Haaren, in seiner Uniform mit dem Orden Pour le Mérite, dem man am vergangenen Abend alles genommen, ja sogar ihn und seine Familie mit Schlägen mißhandelt hatte und der uns erzählte, daß er jetzt aus dem Hauptquartier der Division Broussière zurückkäme, wo er geklagt, aber keinen Schutz erhalten hätte«. Hier waren es die Spanier der Division Broussière, die so gewütet hatten.

Während Husaren-Leutnant Rüpell befürchtete, es könnte am Ende gar nicht zum Krieg kommen, erinnerte sich Regimentsarzt von Roos an die Worte, die er Wochen zuvor von einem alten protestantischen Pfarrer gehört hatte, bei dem er mit einigen Offizieren im Quartier gelegen hatte, nachdem sie die Oder passiert und auf der Straße nach Posen waren. »Er lebte schon zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in dieser Gegend, wo sein Vater ebenfalls Prediger war. Vieles erzählte er uns von seinen Erinnerungen aus jener Zeit und noch mehr von dem, was er von seinem Vater gehört hatte. Alles bezog sich auf eine für uns ungünstige Zukunft. Der brave Mann sah deutlich in das Künftige; er malte uns den strengen, kalten Winter, den wir im tiefen Rußland, mit allem Mangel kämpfend, fühlen würden, mit schwarzen Farben und hatte zum voraus Mitleiden mit uns. – ›Ihr seid eurer viel, ihr werdet im Anfang siegreich sein. Die Russen werden euch in das Mark ihres großen Reiches hineinlassen. Mittlerweile werdet ihr schwächer und werdet dann mit Frost und Mangel zu kämpfen haben. Dann erst fangen die Russen den Krieg mit vollem Ernste an; ihr werdet Mühe haben, herauszukommen, und wenige werden zurückkehren.‹ – Von den Anwesenden mißfielen dem einen diese Worte, ein anderer lachte, ein dritter murrte.« So recht glaubte diesem Propheten wohl niemand. Was sollte eine so prachtvolle Armee von fast einer halben Million Soldaten, geführt von dem besten Feldherrn der Epoche, schon zu befürchten haben? Der Krieg würde noch vor Wintereinbruch gewonnen sein, davon waren im Juni fast alle überzeugt.

Friedrich von Schubert, damals Offizier im russischen Generalstab, hat in seinen Memoiren diese verhängnisvolle Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Rußland treffend charakterisiert, wenn er sagt: »Es ist wohl nie ein Krieg von beiden Seiten mit mehr Widerwillen angefangen worden als dieser, denn er bot nichts, was einen Krieg wünschenswert oder notwendig machen kann: Er hatte keinen eigentlichen Zweck, konnte zu keinen außerordentlichen Resultaten führen, und sein Ende war nicht abzusehen. Obwohl der Sieg Napoleons bei seiner ungeheuren Übermacht kaum zweifelhaft sein konnte, so wußte er doch, daß dieser durch Opfer erkauft werden mußte, die ihm gar keinen reellen Vorteil brachten, sondern nur einen sterilen Ruhm. Und dennoch gab dieser Krieg durch die Macht unvorhergesehener Umstände und Zufälle der Erde eine neue Gestalt, den Völkern ein neues Leben, führte zu Resultaten, welche die kühnste Phantasie kaum im Fiebertraum hätte ausmalen können.«

5. DER ÜBERGANG ÜBER DEN NJEMEN

Am 23. Juni inspizierte Napoleon bei Tagesanbruch die Ufer des Njemen, der die Grenze Rußlands bezeichnete, um die günstigste Stelle für den Brückenschlag zu bestimmen. Auf der russischen Seite ließ sich niemand sehen, aber in dem dichten Buschwerk konnten vielleicht doch Scharfschützen versteckt sein, weswegen der Kaiser auf seine bekannte Uniform mit dem charakteristischen Hut verzichtet und die Uniform eines polnischen Offiziers angezogen hatte. Mit der genauen Erkundung des Terrains beschäftigte er sich den ganzen Tag, ohne daß ihn sein gewohnter Stab umgab, denn er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Nur wenige Generale begleiteten ihn, darunter Armand de Caulaincourt und Generalstabschef Alexandre Berthier. Mit ihnen ritt er abends noch einmal zum Fluß. Es war eine makellos schöne Sommernacht, der Vollmond schien, und der Sternenhimmel zeigte sich unbewölkt. Ein aufgeschreckter Hase ließ plötzlich Napoleons Pferd einen Sprung zur Seite tun, und der Kaiser, bekannt als schlechter Reiter, fiel aus dem Sattel. Außer einer leichten Quetschung der Hüfte blieb der Sturz folgenlos, doch Berthier sagte zu Caulaincourt: »Wir täten besser daran, nicht über den Njemen zu gehen. Dieser Sturz ist ein schlimmes Omen.« Allein für Napoleon, den man den ganzen Tag über »sehr ernst und versonnen« gesehen hatte, waren die Würfel gefallen. Dennoch täuschte er nun »eine Heiterkeit vor, die an ihm ungewohnt war«, bemerkte Caulaincourt, der seinen Herrn zu gut kannte, um nicht das Aufgesetzte dieses Benehmens zu durchschauen.

Um den Brückenbau vor einem russischen Überfall zu sichern, setzten in der Dunkelheit drei Kompanien (420 Mann) vom französischen 13. Leichten Infanterie-Regiment in Booten über den Njemen. Da tauchte unversehens eine russische Husaren-Patrouille auf. Wie der polnische Major Roman Graf Soltyk, ein Mitglied des Generalstabs, berichtet, rief einer der Russen in französischer Sprache: »Wer da?« – »Frankreich!« – »Was wollt ihr hier?« – »Das sollt ihr gleich sehen!« Die russischen Husaren gaben daraufhin aus ihren Karabinern einige Schüsse ab, die aber niemanden trafen, und jagten davon. Die Franzosen erwiderten das Feuer nicht. Es war die erste Kampfhandlung, die die französischen Plänkler (tirailleurs), in Einzelkampf ausgebildete Schützen, zum anderen Ufer begleitet hatte.

Am Ufer des Njemen breitete sich inzwischen ein riesiges Heerlager aus, denn einige hunderttausend Soldaten warteten auf die Fertigstellung der drei Pontonbrücken, mit denen General Eblés Pioniere beschäftigt waren. Carl Anton Wilhelm Graf von Wedel, gebürtiger Magdeburger, jetzt Leutnant im französischen 9. Chevauleger-Regiment, zeigte sich beeindruckt von diesem Völkergemisch: »Dreiviertel des Heeres bestanden aus Nationen, deren wahren Interessen der beginnende Krieg schnurstracks entgegen war. Viele waren sich dessen bewußt und wünschten in der Tiefe der Brust mehr den Russen als sich selbst den Sieg, und dennoch war jede Truppe brav und focht am Tage der Schlacht, als gelte es ihre eigenen höchsten Interessen. Wer kein höheres Ziel vor Augen hatte, wer nicht wie der Pole fürs Vaterland kämpfte, oder richtiger, Napoleons Versprechen trauend, fürs Vaterland zu kämpfen glaubte, wollte wenigstens seine eigene Mannesehre und die Ehre seiner Nation hochhalten, indem er keinem anderen den Vorzug einräumte. So entstand gerade aus dieser bunten Zusammensetzung des Heeres ein edler Wettstreit des Mutes und der Tapferkeit, und wie auch der einzelne über Napoleon sonst denken mochte, ob er ihn liebte oder haßte, so war doch wohl im ganzen Heere keiner, der ihn nicht für den größten und erfahrensten Feldherrn hielt und unbedingtes Vertrauen auf sein Talent und seine Kombinationen setzte. Wo sich der Kaiser zeigte, glaubte sich der Soldat des Sieges gewiß; wo er erschien, ertönte ein tausendstimmiges Vive l’Empereur! Der blendende Schein seiner Größe überwältigte auch mich und riß mich hin zu Bewunderung und Enthusiasmus, daß ich aus vollem Herzen, mit aller Kraft meiner Stimme einstimmte in das Vive l’Empereur! Welch imposanter Anblick, dieses ungeheure, prachtvolle, wohldisziplinierte Heer! Der Untergang Rußlands schien so gewiß, wie Napoleons prophetischer Aufruf an die Armee ihn ankündigte.«

Dieser Aufruf war der Armee an diesem Tag bekanntgemacht worden, er enthielt außer der Feststellung, daß nun der Krieg beginne, nur die Versicherung von Sieg und Frieden. Graf Wedel schwärmt noch in der Erinnerung von der vorzüglichen Verpflegung: »Huhn, Schinken, Speck, Butter, einige Eier. Kurz, es fehlte dem Soldaten an nichts.« Das mochte für das 1. Korps der Reserve-Kavallerie, in dem Graf Wedel diente, zutreffen, doch anderen ging es weniger gut. Christian von Martens notiert einen Tag später in seinem Tagebuch, daß er und seine Kameraden nichts anderes bekommen hatten als Branntwein, »für die Erhaltung der Gesundheit ganz unentbehrlich, indem damit das schlechte Wasser trinkbar hergestellt und unschädlich gemacht wurde«. Als er »eine französische Offiziersfrau sich an schönem weißen Brot sättigen« sah, überkam ihn der Heißhunger, er »flehte in ihrer Sprache um ein Stückchen solcher so lange entbehrten Labung; die gute Seele reichte mir ein ganzes Laibchen mit der dringenden Bitte, es nicht sehen zu lassen«.

Napoleon hatte am Abend des 23. Juni ein weiteres Mal Ärger mit einem Tier. Als er im Schritt durch das große Heerlager ritt, verfolgte ihn plötzlich ein Hund mit lautem Gebell, der sich auch nicht abschütteln ließ, als der Reiter vom Schritt in den Trab wechselte, sondern nun auch noch begann, das nervöse Pferd in die Beine zu beißen. Wie Graf Soltyk beobachtete, griff Napoleon aufgebracht zur Pistole und schoß auf den Hund, verfehlte ihn aber, worauf die Garde-Jäger seiner Eskorte ihre Säbel zogen, den Hund zerhackten und ihn »im Augenblick unter die Füße ihrer Pferde« traten.

Am Morgen des 24. Juni, einem Mittwoch, begann der Marsch der Heerscharen über die drei im Abstand von jeweils hundert Metern errichteten Pontonbrücken. Von dem »wohldisziplinierten Heer«, von dem Graf Wedel spricht, weiß Heinrich von Brandt nichts. Im Gegenteil, Chaos herrschte an den Brücken, denn Napoleon hatte zugelassen, daß die Regimenter von einem ungeheuren Troß aus Fuhrwerken begleitet wurden. Neben den Versorgungs-, Munitions- und Sanitätswagen rollten Hunderte eleganter Equipagen, in denen Generale und Offiziere ihre Ehefrauen, Geliebten und zahlreiche Luxusartikel mit sich führten, die nun vor allem der Artillerie mit fast tausend Geschützen den Weg versperrten, was zu häßlichen Auseinandersetzungen und ständigen Stockungen führte. Dazu hatte Regen eingesetzt, und die ...

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