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Die Traumzeit

Traumzeit

Im Rückspiegel finde ich nur den wirbelnden, roten Staub. Und vor mir kristallisieren sich flimmernd in der Hitze einige undeutliche, dunkle Häuser. Ein Glücksgefühl kommt langsam in mir auf. Seit zwei Tagen fahre ich mit einer kaputten Klimaanlage durch die brütende Hitze. Die unsteten Gebäude zittern sich schleichend näher.

Und Gott, bin ich froh! Ich kann das sandige Knirschen zwischen den Zähnen nicht mehr länger aushalten. Wo bin ich nur?

Aber das spielt keine Rolle. Überall gibt es - meistens plötzlich - irgendwelche, winzige Ansiedlungen. Ich lese die wetterangefressenen Ortsschilder, wenn es überhaupt welche gibt und vergesse die Namen immer sofort.

Was ist es schon? Eine Tankstelle, wenn ich Glück habe, ein Pub mit Sicherheit, ein paar Wohngebäude und die weiter entfernten Behausungen des Aborigines.

Ein Bad nehmen! Ein richtiges Bad und den ganzen juckenden Sand wegschwemmen.

Die nicht geteerte Straße scheint regelrecht gegen mein Auto zu schlagen und so natürlich auch gegen mich. Das spüre ich am Hintern und im Kreuz. Die Gebäude sind nun ruhig und unbeweglich. Ich fahre an die leblose Tankstelle heran.

Sofort befällt mich ein komisches Gefühl.

Es ist doch erst vier Uhr nachmittags!

Ich steige aus. Meine Beine kribbeln, machen das Gehen unbehaglich. Aber auch von näher ändert sich das Schild in der Tür nicht von Close zu Open. Es ist wahrhaftig geschlossen. Ich klopfe an die Tür, ans Fenster. Ich gehe um das Gebäude herum und rufe. Nichts. Ich beende meine Umkreisung, schlendere zum Auto.

Meine Güte! Was ist denn das? Was mache ich denn jetzt?

Du willst doch nicht per Anhalter oder so - wie?

Neben meinem Auto oder besser, an mein Auto gelehnt steht ein alter Mann. Der schaut zu mir auf, lächelt, winkt mit einer Flasche. Ich stelle mich ihm gegenüber. Sein Grinsen wird breiter und breiter. Dabei sehe ich die dunklen Zahnlücken. Er nickt und trinkt. Seine Kleidung - oh Gott!

Während er trinkt zieht er an seiner Gürtellosen Hose, die ihm rutscht.

Ob der auch reden kann? Würde mich beinahe wundern.

'Weiter Weg bis hierher, eh?' lallt die Gestalt.

Ich nicke. Dann zeige ich auf die einzige Zapfsäule.

'Soo weit und soo viel Hitze, hihihi', kichert er. Meinen ausgestreckten, auf die Zapfsäule zeigenden Arm, lässt er unbeachtet. Ich schiebe ihn von der Autotür fort. Unsicher weicht er rückwärts schleichend aus. Dabei hält er sich aber stets am Auto fest. Sein Bauch wabbelt aus dem zu kurzem, zu engem Hemd.

Noch ein wenig mehr, Mann, und die Knöpfe sind ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen. Und stoß mir die Flasche ja nicht ans Auto. Such dir lieber ein weiches Bett oder so.

Ich nehme meine Tasche aus dem Auto, verschließe die quietschende Tür. Noch ein Blick auf das unbarmherzige Schild. ‚Close‘.
'Hihi, hihi', ist alles was ich aus ihm herausbringe. Mit der Tasche in der Hand stelze ich los. Der Alte folgt mir mit schlurfenden Schritten. Ich schaue mich nicht um.

Die eintönigen Häuser reihen sich gleichmäßig an der Straße entlang. Niemand ist zu sehen. Wie ausgestorben.

Nur die Schritte hinter mir. Aber die Geräusche vermehren sich je näher ich dem Pub komme. Auch der Alte scheint lebhafter zu werden und trällert ein Liedchen. Mir klebt das Hemd am Rücken, die engen Jeans an den Oberschenkeln. Der Alte ist gestolpert und hat die Flasche auf der Straße klirrend zerbrochen. Nun bleibe ich doch stehen, schaue mich gelangweilt aber neugierig um. Dort kriecht er auf Händen und Füßen, hat den Flaschenhals immer noch in der einen Hand. Als er ein Bein anhebt, rollt er über die Seite auf den Rücken, wo ihm die Beine in die Luft stehen.

Okay, Mann, ich komme. Das kann ich mir nicht länger mit ansehen. Womöglich stichst du dir den Flaschenhals noch in irgendwelche wichtige oder unwichtige Körperteile.

'Ich stelle meine schwarz grüne Reisetasche in den Staub der gefurchten, ungeteerten Straße. Der Alte kommt nicht zu Ruhe.

Ein Schaukelpferd ist der reinste Käse mit dir verglichen.

Komm her, Alter, lass die Flasche fallen! Willst wohl deinem Helfer die Adern ritzen - wie? Lass fallen!

Zweimal zucke ich zurück, um seinem Herumgefuchtel mit dem Flaschenhals auszuweichen. Dann erwische ich den speckigen Ärmel seines Hemdes und reiße ihn bis zum Ellenbogen ein. Das macht ihn wohl ein wenig nüchtern.

'Eh, sachte, sachte, eh!' lallt er. Und endlich wirft er die zerbrochene Flasche fort. Ich erwische ihn unter beiden Schultern, hebe ihn auf die weichen Beine. Zuerst schwanken wir im gleichen Rhythmus, krachen ein paar Meter rückwärts, bis ich schließlich unsere Balance halten kann.

'Gut, Junge, gut! Hihi, hihi.'

Du hast fein lachen, Mann, hoffentlich vergeht es dir nicht bald wieder, hei? Nun lauf mal los. Lass mich sehen, was noch in den alten Knochen steckt.

Aber er lässt mich nicht los. Er legt einen Arm um meinen Hals, trottet vorwärts. Genau auf das Pub zu, wo nun eine Gruppe junger Leute steht, uns amüsiert angafft.

Sie heben ihre Gläser, trinken lachend. Sie kugeln sich, um genau zu sein. Beinahe vergesse ich meine Tasche. Der Alte hält nicht an, so grapsche ich die Tasche mit meiner freien Hand während wir daher wanken.

Von der Decke herunter bis auf Brusthöhe steht beißender Zigarettenqualm. Ich muss mich bücken, um sehen zu können. Der Alte hat sich auf den erstbesten Stuhl fallenlassen. Ich gehe zur Halbmond geformten Theke, dränge dabei zwei bis an den Hals tätowierte Langhaarige an die Seite.

'G'day, Mate, how are ya? sagt einer der beiden, sich nach mir umdrehend. Sein linker Arm ist in Gips. Auf dem Gips sind dutzende von frivolen Zeichnungen und Sprüche.

'Danke, Mate, soweit ganz gut.'

'You aren't an Aussie, are ya?' will der andere wissen, hebt sein schaumloses Bier.

'Nein, ich bin kein Australier.'

Der hämisch lächelnde Wirt zieht die Theke abwischend, meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich bestelle eine Limonade mit viel Eis. Der Wirt stutzt erst, schließlich wirft er sein feuchtes Tuch über die eine Schulter und marschiert ab.

In der hinteren Ecke steht ein Billardtisch. Umlagert von einigen Schwarzen. Aborigines. Sie sind laut. Lauter als alle anderen. Sie lachen und scherzen. Ich lass die zwei Tätowierten stehen und trotte zum anderen Ende der Theke, näher zum Billardtisch. Die Kugeln klicken wie Hammerschläge.

Hier wird mehr Kraft als Technik verwendet.

Der Wirt kommt vorüber, ich halte ihn an.

'Wann öffnen die Werkstatt und die Tankstelle wieder?' Er zuckt mit den Schultern, schiebt sich hinter die Theke.

In den Augenwinkeln glaube ich, noch ein hinterlistiges Grinsen gesehen zu haben. Ich drehe mich nach ihm um und zerbeiße einen Eiswürfel.

'Heute noch?' frage ich auf gutem Glück.

Der Wirt schaut eine Weile zu einem der Tische, dann sagt er langsam: 'Das glaube ich nicht.' 'Und wann glaubst du?' 'Das ist schwer zu bestimmen.'

Okay, du mach dir ruhig einen Spaß aus der Sache. Ich höre nicht zu Fragen auf, bis ich die Antworten habe.

'Also heute nicht mehr', wiederhole ich. 'Was ist mit morgen früh?'

'Ja, morgen', sagt er, 'morgen bestimmt, aber nicht zu früh.'

Der Gips Arm ruft herüber und fragt den Wirt, ob es Arger gäbe.

'Er möchte wissen, wann er Benzin auffüllen kann.' Da lachen alle drei. Die beiden Tätowierten kommen näher. Der Gips Arm landet auf meiner Schulter. Dabei dreht er mich ein wenig zur Seite.

'You see that old man there?'

Ich nicke. Es ist der, den ich mit reinbrachte.

'That's Basil', sagt der ohne Gips Arm. 'He is the owner.

It's his Petrol Station.'

'If he get's plenty of sleep and feels well in the morning he might open the Station, but who really knows?' sagt der mit dem Gips Arm.

Oh Gott!

Der Alte liegt mit dem Kopf auf dem Tisch. Die Arme baumeln sachte herunter. Ich quartiere mich für die Nacht beim Wirt ein. Der verhält sich sofort freundlicher.

 

Frisch und geduscht sitze ich später an einem staubbeschmutzten Fenster hinterm grünen Billardtisch, wo es nun ein wenig ruhiger zugeht. Der Gips Arm und sein Kumpane sind verschwunden. Der Alte liegt unverändert.

Ich lasse mich auf ein paar Spiele mit Jim, Jeff und John ein.

Das sind, wie sie sagen, die Namen, die man ihnen hier gegeben hat, weil niemand ihre richtigen Namen aussprechen kann.

Ich spiele nicht gut, aber ich gewinne. Sie haben wohl zu viel getrunken, klopfen mir ständig auf die Schulter, wollen meine Hand schütteln.

Ist ja gut, ist ja gut! Wie kann man nur so freundlich sein wenn man dauert verliert? Da bekomme ich ja beinahe ein schlechtes Gewissen.

Mit Einbruch der Dunkelheit erscheint ein bemalter Schwarzer in der Tür, eine mich sofort fesselnde Aura ausstrahlend. Er hat gelbe und weiße Streifen im Gesicht und über dem Brustkorb. In der einen Hand hält er einen Stein, in die anderen einen Büschel Federn.

Schnurgerade steuert er den Wirt an, der eben die leeren Gläser von den Tischen sammelt und sagt in einer lauten, klaren Stimme:

'It's done! You can expect it in around two days.'

Der Wirt nickt freundlich. 'Dann kannst du dir deine Bezahlung abholen. Es wird für dich bereitliegen. Vielleicht werde ich es dir sogar zusenden.'

Nun nickt der Bemalte und verschwindet. Ich muss wohl mit offenem Mund dagestanden haben. Jeff rüttelt an meiner Schulter, grinst mir breit ins Gesicht.

'Hey, Mate, du bist dran.'

Ich stoße eine Kugel, verfehle das Mittelloch.

'Wer war das?' frage ich dann in die drei Gesichter.

'Jims Onkel', sagt John.

Ja und? Weiter, was sonst? Muss ich denn allen immer erst alles aus der Nase ziehen? Das macht mich langsam nervös.

Jim kommt um den Tisch herum. Er sieht mir wohl meine Neugierde an.

'Das ist Ngadu-dagali, der Regenmacher. Er hat keinen englischen Namen. Er will keinen.'

'Er macht Regen?' Jim nickt.

'Mit einem Stein und ein paar Federn?' frage ich ungläubig.

Jim nickt wieder.

'Das ist ein Regenstein und mit den Federn baut er ein Nest für den Stein, dann singt er.'

Ich schüttele den Kopf, peile ein Eckloch für die Dreizehn an.

'Und das soll wirklich funktionieren?' frage ich weiter.

'Er versagt selten', meint Jeff. 'Er wird sogar dafür bezahlt. Er lebt davon!'

Ich verliere das Spiel.

'Ngadu-dagali wohnt etwa eine Meile weiter draußen. Er sitzt die halbe Nacht an seinem Lagerfeuer. Und wenn du ihm was zu Trinken mitbringst, erzählt er dir die Legenden aus der Traumzeit, sagt mir Jim.

'Traumzeit?'

‚Hmhm’, meint Jim, versenkt eine Kugel. 'So nennen wir die Zeit, in der die Welt, die Tiere, die Menschen und Bäume, die Sonne und die Sterne erschaffen wurden.'

Traumzeit hört sich gut an. Das interessiert mich.

Ich verliere wieder und bedanke mich für die Spiele. Ich würde mir gerne ein paar dieser Geschichten anhören.

'Was trinkt denn dein Onkel am liebsten?'

‚Je stärker, desto besser', grinst Jim.

Und ich lächele zurück in sein breitnasiges, dunkles Gesicht.

 

Die Sterne sind durch nichts verdeckt. Die Dunkelheit der Nacht ist mir so klar, so ungetrübt rein, dass ich auch hier oder besser, gerade hier die Größe des Landes spüre, die Weite.

Und dem Mond fehlt nur der letzte Hauch zur Fülle.

Ich folge der trockenen Straße. Hinaus aus der Ansiedlung.

Unbekannte Geräusche zirpen, lachen, rauschen oder flattern zu meinen wachsamen Ohren. Es geht ein wenig bergan. Und dort oben greifen gespenstig vereinzelte Bäume in den helleren Himmel.

Wenn man mir nur nicht einen Streich spielen will! Also bis zu den Bäumen gehe ich noch. Und wenn ich dann keine Lagerfeuer sehe, gehe ich zurück. Okay? Okay! Möchte nicht wieder der Gegenstand allgemeinen Gelächters sein.

Aber von den Bäumen aus sehe ich einige Feuer brennen, in deren matten Licht tauchen Formen auf. Bekannte und Zweifelhafte. Dort sitzen Leute am Feuer oder laufen im Hintergrund vorüber. Ein Feuer lodert weiter im Abseits, gibt nur eine bucklige, hockende Gestalt her. Und tiefer in der Dunkelheit liegend, könnte ich schwören Autowracks zu sehen. Sie liegen alle auf dem Dach. Aber ich kann mich auch irren. Langsam zottle ich weiter. Ich muss die Straße verlassen, bewege mich nun holprig querfeldein. Je näher ich komme, desto klarer werden die Autowracks. Bald höre ich die ersten Stimmen. Ein Gemurmel. Ich gehe auf das naheste Feuer zu.

Die Flasche für den Regenmacher habe ich wohlweislich verpackt. Ein paar Kinder rennen schreiend auf mich zu. Sie umkreisen mich, begleiten mich zum Feuer. Einer der älteren Männer erhebt sich, steht dann da und wartet. Ich grüße ihn erst, wünsche ihm und seinen Leuten einen schönen Abend, frage schließlich nach Ngadu-dagali.

Er zeigt auf das entfernte, einzelne Feuer und entlässt seinem Mund einen Wortschwall, den ich nicht verstehe. Er nickt mir zu. Ich nicke zurück. Er nickt immer noch, zeigt mit dem ausgestreckten Arm den Weg. Ich grinse freundlich, gehe nickend in die angegebene Richtung. Die Kinder laufen mir eine Weile nach, aber plötzlich sind sie verschwunden. Nur in der Ferne höre ich sie lustig herum toben.

Das ging ja ganz gut! Hoffentlich mag er den Whiskey. Und wenn nicht, nun, dann kann" ich ihn immer noch selber trinken.

Die Nacht hat ja gerade erst begonnen.

Als ich näher komme, hebt er seinen Kopf, schaut lange in meine Richtung, so als müsse er sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Ich bleibe ihm gegenüber, das Feuer zwischen uns, stehen.

'Ngadu-dagali?'

'Eh? Ja, du bist an der richtigen Stelle.' Seine Stimme ist rau und tief. Er blickt zur Papiertüte auf meinem Arm. Ich ziehe die Flasche hervor, reiche sie ihm. Da springt der Regenmacher auf, rennt zu einem der Autowracks, verstaut die Flasche und kommt sofort zurück. Er setzt sich mit einem Stöhnen, fordert auch mich zum Setzen auf.

'Nicht auf den Boden', sagt er und reicht mir etwas, was mir wie ein Stück Teppichboden vorkommt.

Als ob es nicht warm und schwül genug wäre. Jetzt setze ich mich schwitzend an ein Feuer.

'Jamanda wule', sagt er, 'worum geht es?' 'Um die Traumzeit', sage ich kurz angebunden,

'Jim hat mir gesagt...’

'Ah Jim! Ja, ja.' Er wiegt seinen Oberkörper und nickt.

Die Bemalungen sind verschwunden. Er ist nackt bis auf eine kurze, ausgefranste Hose. Seine Haare stehen kräuselnd nach allen Seiten. Der ewig alte Bart hängt zottelig und grau staubig. Neben seinen Füßen steht eine bauchige Flasche.

Aus der trinkt er nun geräuschvoll. Ich lehne ab.

'Ist hier der Autofriedhof?' frage ich, um die Stille zu unterbrechen.

Ngadu-dagali ist erst ganz ruhig. Er schaut mich prüfend übers Feuer hin an.

'Wir schlafen in der Kuhle des Daches, eh, ist bequem.'

Und plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Ich drehe ein wenig meinen Kopf und sehe eine junge Frau. Sie ist nicht so dick wie die meisten anderen, die ich gesehen habe, sie ist eher schlank mit noch festen Brüsten. Aber ihr Gesicht ist ebenso rund wie bei den anderen und zeigt auch die typische fleischige Nase. Da ist ein weißes Band, um ihre grausen Haare aus dem Gesicht zu halten. In den langen, dünnen Händen trägt sie eine Holzschale, die sie dem Regenmacher reicht. Sie reden in einer Sprache zusammen, die ich nicht verstehe. Vielleicht bedankt er sich für das Essen. Dann sehe ich wie sie zu mir schaut und als ihre Augen meine treffen, blickt sie schnell ins Feuer und redet weiter mit Ngadu-dagali. Sie redet heftiger, schriller, aber nicht unbedingt viel lauter. Der Alte zieht sie zu sich hinunter. Sie setzt sich, und wie mir scheint, ist sie gar nicht so glücklich. Beide reden ohne Unterbrechung. Keiner macht eine Pause, um etwa eine Antwort abzuwarten oder verhält sich höflich und lässt den anderen ausreden. Beide reden, fragen und antworten. Und das tun sie zur gleichen Zeit.

Ich lächle in Richtung Feuer, versuche das Lächeln über die ganze Zeitdauer beizubehalten. Die Frau versteckt das Gesicht in ihren Händen. Der Regenmacher redet nun etwas langsamer, weil sie ganz ruhig bleibt. Und als auch er verstummt, steht sie auf und geht.

Ngadu-dagali isst aus der Schale ohne mich zu beachten. Er isst schnell. Zwischendurch trinkt er aus der Flasche.

Meine Augen folgen der Frau, bis sie irgendwann zwischen den Autowracks verschwindet.

Und was jetzt? Ob er noch weiß, was ich wollte? Oder soll ich ihn erinnern? Oder warten? Oder?

Ich brauche nichts zu tun. Ngadu-dagalis Bewegungen deuten darauf hin, dass er bald reden will. Er schiebt die Schale beiseite, nimmt noch einen Schluck aus der Flasche. Dann schaut er direkt ins Feuer, hält seine ausgebreiteten Arme darüber.

'Das war Yoonda', sagt er beinahe tonlos. 'Sie ist in Jim verliebt.'

Ich nicke lächelnd. 'Es ist schön verliebt zu sein.'

'Sie hat aber heute erfahren, dass sie Inua versprochen wurde. Sie muss ihn heiraten.'

'Wer ist Inua?'

Er nimmt seine warmen Hände vom Feuer weg.

'Inua ist ein alter Mann, der sich viele Jahre um Woolyan gekümmert hat.'

Ich sage nichts. Ich warte ab.

'Woolyan ist Yoondas Mutter.'

'Gelten denn solche Versprechungen heute noch? Ist das nicht längst alles Geschichte?'

'Geschichte, wie, Mullaya, Freund, Vergangenes, eh?' Das klingt hämisch anklagend.

‚So denken unsere jungen Generationen auch schon. Niemand glaubt mehr so richtig an die Vergangenheit.

Jetzt bin ich lieber ruhig.

Trete nur in kein Fettnäpfchen!

‚Yoonda war noch sehr jung als ihr Vater starb. Und Woolyan hatte es schwer mit all ihren Kindern. Sie hat sieben.’ Er verstummt, nickt dann, redet weiter. ‚Ja, sieben. Inua hatte sich bereit erklärt ihr zu helfen, sich aber dafür Yoonda als Ehefrau versprechen lassen.’

‚Ist er denn nicht zu alt für eine so junge Frau?’ frage ich dann doch.

‚Darum geht es ja. Nun braucht Inua jemanden, der sich um ihn kümmert.’

‚Aber sie liebt ihn doch nicht.’

‚Das macht nichts. Inua hat sein Wort gehalten, nun muss Woolyan ihr Wort halten, ihm Yoonda zur Frau geben.’

‚Und wenn Yoonda nicht will, ihn einfach nicht heiratet, was kann Inua da machen?’

‚Er kann sie zwingen, mehr oder weniger.’

‚Mehr oder weniger?’ werde ich neugierig.

‚Es gibt eine Zeremonie, wobei sich die Versprochenen voneinander lösen können.’

‚Dann ist es doch gut!’

‚So einfach ist es leider nicht. Hier jedenfalls nicht.’

Er schaut angestrengt in die Richtung, wo die junge Frau hinter die Autos verschwand.

‚Ist das ein besonderer Fall?’

‚Hmhm, so ungefähr. Die Ehre, weißt du, die spielt eine große Rolle.’

Hier schweigt er. Ich spüre sein Nachdenken, sein Grübeln.

Für ihn scheint das Thema erst mal erledigt zu sein. Er starrt wieder ins Feuer. Manchmal blickt er vom Feuer in den dunklen Himmel, dann wieder in die Flammen.

'Schau ins Feuer', sagt er zu mir. 'Schau ganz genau hinein. '

Ich setze mich ein wenig auf, stiere in die Flammen.

'Mit dem Feuer kam die Sonne, und mit der Sonne fing das Leben an', sagt Ngadu-dagali. Er legt die Arme auf die verschränkten Beine. 'Du musst eins verstehen, da gab es etwa 600 Aboriginal Stämme mit ebenso viel verschiedenen Sprachen oder Dialekten. Und die meisten dieser Stämme haben ihre eigenen Geschichten und Legenden.'

Er macht eine Pause. Ich schaue immer noch ins Feuer.

'So passiert es eben, dass es die gleiche Geschichte in hundert verschiedenen Variationen gibt.'

'Und wie kann sich einer da hindurch finden?'

'Das mache ich für dich oder jeden, der ein paar Geschichten hören will. Ich erzähle nur die bekanntesten. Mehr Interesse besteht ohnehin meistens nicht, oder was meinst du, Mullaya?' Darauf kann ich noch nichts sagen. Mein Interesse ist vorhanden, inwieweit es sich vertieft, wird sich von selber zeigen.

'600 Stämme sagst du?'

'Hmhm. '

'Wie groß waren die einzelnen Stämme so im Durchschnitt?'

'Da gibt es erhebliche Unterschiede. Manche Stämme hatten wohl so 40 bis 50 Mitglieder, andere wiederum um etwa eintausend.’

Ich schaue zu wie er eine Pfeife aus seiner Hosentasche zieht, sie mit irgendwas vollstopft, genüsslich raucht. Ich spiele mit einem Stock im Feuer. Ich will ihn nicht mit all den Fragen, die in mir aufgetaucht sind, überschütten. Dafür wird später genügend Zeit bleiben. Vielleicht beantworten sich ja einige Fragen durch die Legenden.

Er trinkt einen kräftigen Schluck, dann fängt er zu erzählen an.

'Eine der einfachsten und meist erzähltesten Legende berichtet von einer Frau, Chintoo war ihr Name, die in der undurchdringlichen Dunkelheit der Welt lebte. Die Erde wurde in dieser Zeit, der Traumzeit, weder von der Sonne, dem Mond oder irgendwelchen Sternen beleuchtet. Die einzigen Lichter kamen von den Fackeln, die die Leute aus Borke machten. Sie brauchten diese Fackeln, wenn sie auf Nahrungssuche gingen.

Und einmal kam Chintoo aus ihrer Höhle, ließ ihren kleinen Sohn schlafend zurück. Sie wollte Jamswurzeln suchen.'

'Jamswurzeln', unterbreche ich, 'was sind Jamswurzeln?'

'Das sind essbare Wurzelknollen, der Kartoffel sehr ähnlich', antwortet er ohne zu zögern.

'Ist das okay, wenn ich dich unterbreche, wenn ich etwas wissen will?'

'Natürlich! Wäre doch schade, wenn ich erzähle und erzähle und du hinterher gar nichts verstanden hast, wie?'

Wir sind uns einig. Er zögert eine Weile, muss seinen Faden wiederfinden. Den findet er dann auch.

'Ohne die Wärme der Sonne, verstehst du, da wuchs nur weniges auf der Erde, und so fühlte sich Chintoo gezwungen, ihre Suche auf ein größeres Gebiet auszubreiten.

Aber wohin sie auch kam, sie sah nur die kahle, leblose Erde. Chintoo wanderte durch Schluchten und Hohlwege, überkletterte Geröllblöcke, die ihr den Weg versperrten und ermüdete bald. Es ist ihr einfach zu anstrengend geworden. Sie entschied, zurück zur Höhle zu gehen. Aber ach! Mit einem Schock nahm sie wahr, dass sie nicht die geringste Idee hatte, wo sie sich befand, oder in welcher Richtung wohl die Höhle sein könnte. Sie folgte eine tiefe Schlucht in eine andere und ging viele Seitenwege. Begleitet nur von ihrer matten Fackel, konnte sie keine ihr bekannte Stelle finden. So konnte sie bloß weitergehen und sich auf ihren Instinkt verlassen, der sie irgendwann zu ihrer Höhle bringen würde. Aber sie entfernte sich immer weiter und erreichte, schläfrig und entmutigt, das Ende der Welt. Unwissend stieg sie von der Erde in ein anderes dunkles Land über dieser Welt.

Jeden Tag durchquert sie nun jene unendliche Ebene. Stets ihre Fackel in der Hand. Die Flamme wuchs und wuchs und beleuchtet heute die ganze Welt.'

Der Regenmacher verstummt. Er trinkt aus seiner Flasche, schaut mich dabei an.

'Sie ist also zur Sonnenfrau geworden?' frage ich nach, um die Sache klar zu stellen.

'Richtig. Jeden Tag sucht sie erneut von Osten nach Westen nach ihren Sohn, der wahrscheinlich noch immer hungrig ist und vergeblich wartet. Übrigens nennen wir die Sonnengöttin Yhi.'

'Das war sehr interessant', sage ich. Als ich vom Feuer aufblicke, kann ich zunächst kaum etwas in der mich umgebenen Dunkelheit erkennen.

Ngadu-dagali lächelt. Sein Bauch schwabbelt ein wenig auf, federt langsam nieder. Er fragt noch einmal nach und ich muss ihm bestätigen, dass er mich nicht langweilt.

'Hast du vielleicht eine Legende vom Feuer? Wie haben deine Vorfahren das Feuer entdeckt?' frage ich schnell, um seine Zweifel zu zerschlagen.

'Über das Feuer gibt es unzählige Geschichten. Oft wirst du auch finden, dass das Feuer in einer ganz anderen Geschichte, so nebenbei entdeckt wird. Also mach dir nichts draus, wenn du so viel verschiedene Wege erfährst, wie das Feuer gefunden wurde. Denk dir einfach, dass jeder Stamm das Feuer für sich entdeckte und nun seine eigene Legende darüber erzählt.'

Ich nicke. Das leuchtet ein. Ich verberge krampfhaft meine nackten Arme vor den Moskitos. Dafür stechen sie jetzt meinen Hals und durch die Strümpfe hindurch in die Füße.

Und wenn ich kratze wird alles viel schlimmer.

'Also', beginnt er, 'früher, da hatten die Menschen noch kein Feuer, weil es von zwei Freunden bewahrt wurde. Von Koorambin, der Wasserratte und Pandawinda, dem Kabeljau.

Sie hielten das Feuer in ihrem Unterwasserheim zwischen dem Schilfrohr des Flusses. Jede Anstrengung der Menschen das Feuer zu bekommen scheiterte. Bis eines Tages die beiden Freunde einen Haufen Frischwassermuscheln am Ufer des Flusses kochten. Sie mochten diese Muscheln über alles.

Da bemerkte der Adler den Rauch des Feuers und schwang sich hoch in den Himmel, wobei er einen starken Wind verursachte, das Feuer über das trockene Ried ausbreitete. Verzweifelt versuchten die beiden das Feuer zu löschen, aber der Adler bewirkte einen Wirbelwind, der das Feuer in alle Richtungen blies. Das Feuer erreichte den Wald, der zu dieser Zeit dicht und hoch auf der Ebene wuchs. Die Wälder brannten nieder.

Das ist der Grund für die unermessliche Einöde in den entlegenen Gebieten in Australien. Aber die Menschen nahmen sich so viel vom Feuer wie sie konnten und haben es bis heute aufbewahrt.'

'Also', fasse ich zusammen, 'das Feuer war schon da, nur mussten die Menschen es irgendwie bekommen.'

'In dieser Geschichte ist es so. In den meisten Legenden wird das Feuer von irgendjemand versteckt, bis es ihm abgejagt wurde. Einmal, zum Beispiel, hatten die Frauen das Feuer. Es waren zwei Mütter, die mit ihren beiden Söhnen zum Jagen gingen. Während die Männer Enten und Regenpfeiffer jagten, sammelten die Frauen Lilienwurzeln und Samenkerne von den Teichen. Wie gesagt, die Frauen besaßen das Feuer, hielten es aber vor den Männern versteckt. Die Männer hatten keine Ahnung vom Feuermachen. Immer wenn ihre Söhne fort waren, kochten die Mütter ihr Essen.

Später versteckten sie die lebende Asche in ihren Scheiden.

Aber die Männer hatten den Rauch gesehen und fragten sofort nach dem Feuer, das die Frauen allerdings ableugneten. Ein Streit brach aus. Aber Frauen, weißt du, sind listig. Sie gaben ihren Söhnen von den gekochten Lilienwurzeln und alle gingen friedlich schlafen.

Ähnliches geschah am nächsten Tag. Wieder stritten sie sich mit ihren Müttern, die nichts von einem Feuer wissen wollten. Die Männer sagten: 'Wir haben ein großes Feuer gesehen. Und wenn ihr aber, wie ihr sagt, kein Feuer habt, wie kocht ihr dann euer Essen? Hat die Sonne es für euch gekocht? Wenn die Sonne eure Lilien kocht, warum kocht sie dann nicht unsere Enten?' Darauf gab es keine Antworten.

Am nächsten Morgen verließen die Männer alleine das Lager, die Frauen blieben zurück. Die Männer überlegten und überlegten und probierten, bis sie endlich einen Weg zum Feuermachen fanden. Sie rieben zwei trockene Stöckchen gegeneinander. Nach dieser Entdeckung entschieden sie sich, sich in Krokodile zu verwandeln. Sie formten zunächst einen Krokodilkopf, durchbohrten ihre Lungen, um unter Wasser atmen zu können, schwammen ein paar Proberunden und versteckten ihre Krokodilköpfe weil sie zurück zu den Frauen gingen.

Abermals sahen sie das Feuer in einiger Entfernung, erwähnten aber nichts. Nur die Frauen wollten sofort wissen, was die beiden so lange da draußen gemacht hätten. Die Männer schwiegen. Spät am Nachmittag warfen die Frauen ihre Netze aus, um Fische zu fangen. Am Morgen gingen sie los und wollten die Netze einholen, doch ihre Söhne rannten schneller. Sie kamen zuerst bei den Netzen an, verwandelten sich in Krokodile und hielten im Wasser die Netze fest, damit ihre Mütter sie nicht an Land ziehen konnten. Als die Frauen ins Wasser kamen, um nachzusehen, was die Netze so schwer mache, wurden sie von den Krokodilen unter Wasser gezogen und ersäuft. Die Männer warfen ihre Waffen fort und verwandelten sich voll und ganz in Krokodile.'

Ich reagiere nicht sofort. Ich bin noch ganz in meinen Gedanken, lass sozusagen die Worte in meinen Ohren nachschwingen.

'Manchmal sind die Geschichten unlogisch, manchmal widersprechen sie sich sogar', sagt er, 'aber wir glauben sehr stark an die Traumzeit und ihren mündlichen Überlieferungen.'

'Doch nicht Wort für Wort?' frage ich.

'Vielleicht nicht, aber daran, dass es geschehen ist.'

Er holt seine Pfeife hervor und stopft sie wieder. Später bläst er den Rauch denkend in die Luft. Er wiegt ein wenig seinen Oberkörper und kräuselt die Stirn so, als müsse er sich die nächste Geschichte wieder ins Gedächtnis rufen oder sich überhaupt an sie erinnern. Dann blickt er abermals ins Feuer, sucht dort anscheinend nach seiner Traumzeit, dort in den Flammen geschieht für ihn das Vergangene.

Noch einmal zieht er an der Pfeife und entlässt den Rauch genüsslich aus den Mundwinkeln. Schließlich nickt er. Zu sich? Ins Feuer? Jedenfalls bereitet er sich zum Erzählen einer neuen Legende vor. Ob er diese in den Flammen gefunden hat?

'Ich will versuchen der Reihe nach zu erzählen. Von der frühesten Traumzeit, wo alles entstanden ist, bis zum heutigen Tage. Ist dir das recht, wenn wir es so machen?'

'Das wird wohl das Beste sein', bestätige ich.

'Yhi war am Schlafen, weißt du, sie wartete, dass Baiame sie weckte, damit sie Leben auf die Erde bringen konnte', sagt der Regenmacher. 'Die Erde war in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Es gab keine Vegetation oder sonst irgendein lebendes Ding. Da blies kein Wind über die Gipfel der nackten Berge, kein Laut unterbrach diese unheimliche Stille. Nicht, dass die Welt etwa tot gewesen wäre, nein, sie schlief nur. Sie wartete. Sie wartete auf die sanfte Berührung des Lebens und des Lichtes. Untote Dinge lagen schlafend in den eisig kalten Höhlen der Berge. Während irgendwo im unermesslichem Raum Yhi, die Sonnengöttin, sich unruhig in ihrem Schlaf rührte und auf Baiame, dem Great Spirit, wartete, damit dieser zu ihr komme, zu ihr flüstere, sie aufwecke, ihr ihre Aufgabe zuraune.'

'Wer ist Baiame?' stelle ich die längst fällige Frage als Ngadu-dagali eine kurze Atempause macht.

'Baiame ist ein Gott. Er hat die Welt erschaffen. Andere Stämme nennen ihn anders. Baiame ist mit der bekannteste Name.’

Ich folge aufmerksam seinen Worten. Er benutzt eine gleichmäßige, feste aber irgendwie geheimnisvoll klingende Stimme.

'Und das Flüstern kam. Mit dem Öffnen ihrer Augen verschwand die Dunkelheit für immer. Yhi schwebte zur Erde hinunter. Wo immer ihre Füße die Erde, den Boden berührten, wuchsen Gras, Büsche, Bäume und Blumen daraus empor, erhoben sich von alleine der strahlenden Quelle entgegen.

Yhi's Spuren kreuzten und überkreuzten sich, bis die ganze Erde mit Vegetation versehen war. 'Die Arbeit der Schöpfung hat gut begonnen', sagte Baiame, 'aber sie hat nur angefangen.

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