Logo weiterlesen.de
Die Toten von Athen

Über Leo Kanaris

Leo Kanaris ist griechischer und irischer Abstammung, er hat in Italien, Deutschland, Rumänien, der Türkei und Mexiko als Lehrer, Journalist und Animateur gearbeitet. Zurzeit lebt er Im Süden Griechenlands. »Inseltod« ist sein erster Roman.

Informationen zum Buch

Griechenland – authentisch und gefährlich.

Mario Filiotis, der sehr sozial und ökologisch gesinnte Bürgermeister der Insel Astypalea, kommt in Athen bei einem mysteriösen Fahrradunfall ums Leben. Privatdetektiv George Zafiris ist der festen Überzeugung, dass sein Freund ermordet wurde. Doch bei Marios Beerdigung liegt nicht der Tote, sondern ein antiker Goldschatz im Sarg. George Zafiris nimmt die Ermittlungen auf und gerät in ein Labyrinth aus Korruption, Betrug und Gewalt.

»Das Bild eines Landes, gegen dessen Dekadenz ein Mann wie Detektiv Zafiris nur mit seiner Ermittlermoral ankommt.« Der Tagesspiegel

Leo Kanaris

Die Toten von Athen

Ein Fall für Detektiv Zafiris

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Bela Wohl

Teil I
Der Mann auf dem Fahrrad

1
Treffen in Maroussi

Athen, September 2015. George Zafiris, Privatdetektiv, saß in einem Café in Maroussi und las einen Polizeibericht. Eine Tasse mit griechischem Mokka stand unberührt vor ihm auf dem Tisch. Der Tag war kühl für diese Jahreszeit, ein leichter Wind strich über das Blatt in seiner Hand.

Am Freitag, dem 29. August, fuhr ein Fahrradfahrer, ein fünfzigjähriger Mann im grauen Anzug, auf der Spyros Louis vom Olympiastadion Richtung Einkaufszentrum Golden Hall. Ein mit Feuerholz beladener Lastwagen befand sich hinter ihm. Aus unbekannten Gründen verlor der Radfahrer das Gleichgewicht und wurde von dem Lkw überfahren. Um 11.03 Uhr ging ein Notruf bei der Polizei ein. Um 11.15 Uhr erreichten die Einsatzfahrzeuge den Unfallort. Der Fahrer des blauen Magirus Deutz HK 4596, der siebenunddreißigjährige Gavrilis Pagakis aus Larissa, wurde wegen fahrlässiger Tötung festgenommen. Das Unfallopfer erlag seinen Verletzungen. Es handelt sich um Mario Filiotis, den Bürgermeister von Astypalea.

George las den Bericht ein zweites Mal, faltete ihn zusammen und legte ihn auf den Tisch.

Ihm gegenüber saß Kriminaldirektor Sotiriou, der Leiter des Dezernats für Gewaltkriminalität, und beobachtete ihn aufmerksam.

»Nun?«, fragte Sotiriou.

»Das hat ein Schwachsinniger geschrieben«, antwortete George.

»Ich gebe zu, es handelt sich nicht gerade um einen mustergültigen Polizeibericht«, erklärte Sotiriou. »Aber das heißt noch lange nicht, dass der Verfasser schwachsinnig ist.«

»Okay«, sagte George. »Vielleicht ist er nur schlecht ausgebildet. Oder auf Drogen. Vielleicht haben Todesstrahlen aus dem Weltall ihm den Kopf verwirrt. Aber darum geht es doch gar nicht.«

»Worum geht es denn?«

»Warum ist Mario Filiotis vom Fahrrad gestürzt? Das passt überhaupt nicht zu ihm.«

»Gute Frage.«

»Sie müssen doch wissen, wer das geschrieben hat.«

Statt einer Antwort starrte Sotiriou ihn ausdruckslos an.

»Also kennen Sie den Verfasser?«

Sotiriou zog eine indirekte Antwort vor. »Er ist kein Schwachkopf.«

»Warum sagen Sie das?«

»Er hat den Bericht persönlich an mich weitergeleitet.«

»Und was sollten Sie damit machen? Abgesehen von der üblichen Vorgehensweise?«

Sotiriou antwortete nicht.

»Es handelt sich um einen Verkehrsunfall«, bemerkte George, »nicht um ein Gewaltverbrechen.«

»Richtig.«

Sotiriou musterte ihn aufmerksam.

»Okay«, sagte George. »Also weiß er mehr.«

»Genau das nehme ich an.«

»Haben Sie ihn nicht gefragt?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Der Kriminaldirektor ignorierte die Frage. »Geben Sie mir den Bericht«, sagte er.

George schob das Papier über den Tisch. Sotiriou hielt ein Feuerzeug an eine Ecke des Blattes, das aufflammte und im Aschenbecher in sich zusammenschrumpfte.

»Wie heißt der Beamte?«, fragte George.

»Karás«, antwortete der Kriminaldirektor. »Polizeileutnant Nikolaos Karás.«

»Kann ich mit ihm sprechen?«

»Nur als Privatperson.«

»Wie soll ich das anstellen?«

»Er spielt Rugby.«

»Rugby?«

»Ganz richtig.«

George sah ihn verwirrt an.

»Das ist eine Art Fußball«, erklärte Sotiriou. »Man spielt es mit einem olivenförmigen Ball.«

»Himmeldonnerwetter, das weiß ich auch.«

»Er spielt bei den ›Kriegern von Attika‹. Seine Mannschaft trainiert dienstagabends auf dem Olympiagelände, Platz B. Gehen Sie morgen um 20.30 Uhr hin. Schauen Sie die letzten zehn Minuten zu. Er wird Sie finden.«

»Und falls ich morgen schon was anderes vorhabe?«

»Wenn Sie den Job wollen, seien Sie da.«

»Wer ist mein Klient?«

»Im Augenblick bin ich das.«

»Sie?«

»Streng vertraulich.«

»Bezahlen Sie mich auch?«

»Es werden Mittel bereitgestellt.«

»Öffentliche oder private?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein.«

Sotiriou erhob sich. Sie schüttelten sich geschäftsmäßig die Hände, und der Kriminaldirektor eilte davon.

George blieb und trank seinen Kaffee aus. Er ließ das Gespräch in Gedanken noch einmal Revue passieren und sah dabei das Gesicht des Kriminaldirektors vor sich, seine graugrünen Augen und den kahlen Schädel, über den sich gelbliche Haut spannte. Was für ein merkwürdiger Mann. Kalt, systematisch, schwer zu begreifen. Er hatte darauf bestanden, sich in Maroussi zu treffen, kilometerweit von seinem Büro entfernt. George hatte gestern um Einblick in den Polizeibericht über Marios Tod gebeten und eine Abfuhr erwartet. Doch Sotiriou hatte sofort zugestimmt.

Er bezahlte die Rechnung und ging die Thiseosstraße hinunter, vorbei an einem bettelnden Kind, das ein leierndes La Cucaracha aus seinem Akkordeon herausquetschte, vorbei an leeren Geschäften, von deren Schaufensterscheiben die gelben »Zu vermieten«-Schilder nach und nach abblätterten, vorbei an einem weiteren Bettler – einem alten Mann in einem verschlissenen Anzug, der auf einer zusammengefalteten Zeitung kniete. Schließlich erreichte er den Platz und eine Bäckerei, aus der der Duft von frisch gebackenem Brot herüberwehte.

Er verlangte horiátiko psomí und zahlte zwei Euro. Dafür bekam er fünfzig Cent Wechselgeld zurück und das noch warme Bauernbrot in einer Papiertüte. Er drückte es an sich wie ein Baby. Draußen auf dem Bürgersteig ließ er die Fünfzig-Cent-Münze in die Handfläche des Alten fallen, der sich höflich bedankte. Er war kein professioneller Bettler, sondern wirkte wie ein gebildeter Mensch. Vielleicht ein pensionierter Lehrer oder Bankangestellter. Gott weiß, was ihm widerfahren sein mochte. George war nicht danach zumute, ihn zu fragen. Die nicht enden wollende, zermürbende Krise hatte zahllose Schicksale wie dieses hervorgebracht.

Sein Freund Mario war tot. Im Augenblick war in seinem Herzen kein Platz für andere.

George lief die Thiseosstraße zurück zu seinem Motorrad, schloss die Gepäckbox auf und verstaute das Brot zwischen allerlei Quittungen und Visitenkarten. Das Motorrad verdankte er Mario, der ihm geraten hatte, in der Stadt nicht mehr Auto zu fahren.

»Und wie zum Teufel soll ich mich dann fortbewegen?«, hatte George gefragt.

»Fahr Motorrad.«

»Motorrad, mitten in Athen? Glaubst du, ich will mich umbringen?«

Und dann Marios Satz: »Schon dadurch, dass du hier lebst, stirbt jeden Tag ein Stück von dir.«

George ließ die Ducati schwungvoll vom Ständer gleiten, betätigte den Kickstarter und spürte die unbändige Kraft des Motors, als er ihn aufheulen ließ. Er fädelte sich zügig in den Verkehrsstrom ein.

Während er die Kifissias-Avenue Richtung Süden fuhr, dachte er an seinen Freund. Hoch über den Fahrzeugen, den Glastürmen und dem dunklen Abgasschleier erblickte er den blauen Himmel und ein paar überdimensionale Regenwolken. Er stellte sich vor, dass Marios Seele dort oben im Weltraum schwebte, sah sie lautlos dahingleiten wie einen Adler und herunterschauen auf all die Mühsal, von der sie nun erlöst war. Für Mario würde Athen jetzt aussehen wie ein Spielzeugdorf, und die aberwitzigen Machenschaften der Menschen wären für ihn so belanglos wie für uns das Gewimmel in einem Ameisenhaufen.

George hoffte, dass etwas von diesem bemerkenswerten Mann erhalten bliebe. Sein innerstes Wesen, ein unverwüstlicher Kern aus Energie. Es erschien ihm unwahrscheinlich. Andererseits aber auch notwendig. Welchen Sinn sollte das alles sonst haben?

Rechts rückte das Olympiastadion ins Blickfeld, dessen weiße Stahlbögen aussahen wie die Knochen eines Vogels, der seine Flügel gen Himmel reckt. Einem Impuls folgend, bog er von der Kifissias in die Spyros Louis ab. Warum nicht mal nachsehen. Am Unfallort.

Auch diese Straße war stark befahren, Kolonnen von Pkw, Lastwagen und Bussen brausten vorbei. Das Stadion lag hinter einem Zaun zu seiner Rechten, die imposante schwebende Konstruktion wirkte wie ein Denkmal aus dem Zeitalter der Extravaganz. Wo war das alles nur geblieben? All der Ehrgeiz, Optimismus und Enthusiasmus der Griechen? Nur eine unvorstellbar hohe Rechnung war davon übrig, Zinsen, die sich permanent vervielfachten, sich unaufhaltsam vermehrten und Griechenland in ihrem Würgegriff erstickten.

An einer Haltebucht für Busse fuhr er rechts ran, stellte den Motor aus, nahm den Helm ab und blinzelte ins gleißende Licht. Ringsum eine Landschaft aus Beton. Der Verkehr bewegte sich mit siebzig bis achtzig Stundenkilometern. Ein merkwürdiger Ort, um mit dem Rad unterwegs zu sein. Praktisch eine Einladung an jeden Schwachkopf, der am Steuer mit seinem Mobiltelefon herumhantierte, dich über den Haufen zu fahren. Andererseits stand die ganze Stadt auf Kriegsfuß mit Radfahrern. Auch mit Fußgängern, Hunden, Vögeln, mit Lebewesen im Allgemeinen. George stieg vom Motorrad und folgte einem schmalen Bürgersteig. Überall lagen zerdrückte Coca-Cola-Dosen und leere Marlboro-Schachteln, deren Farben von der Sonne ausgebleicht waren. Unkraut drängte sich kampfeslustig durch die geborstenen Pflastersteine. Der Verkehr rauschte vorbei.

George blickte nach oben und suchte nach Überwachungskameras. Hier musste es doch welche geben. Die zahlreichen Fußballspiele im Stadion, die wildgewordenen Fans, die alles mit Farbe besprühten und auch schon mal Sitze anzündeten. Da schien ein bisschen Kontrolle angebracht. Aber an den Laternenpfählen war nichts zu sehen.

Außer an einem, genau gegenüber dem Eingang zum Stadion. Hoch oben baumelten drei lose Kabel wie Seetang vom Mast.

Er schoss mit seinem Smartphone rasch ein Foto davon, stieg aufs Motorrad und machte sich auf den Heimweg.

2
Begräbnis am Meer

George wohnte in der Aristotelesstraße, in einem Apartmentblock aus den siebziger Jahren, von denen es im Zentrum Athens Abertausende gab. Zwar war die Fassade aus Marmor, doch wurde das Gebäude nur unzureichend instand gehalten und machte nach außen hin einen nichtssagenden, verwahrlosten Eindruck. Das besserte sich, sobald man den schmuddeligen Eingangsbereich hinter sich ließ und durch das laut hallende Treppenhaus aufwärtsstieg. Die gepanzerte Eingangstür, die George vor einigen Jahren zur Abschreckung ungebetener Gäste hatte einbauen lassen, führte in eine Fünfzimmerwohnung, die mit seinen Büchern und Bildern, seiner Musik und seinen Sammlungen von Muscheln und alten Waffen behaglich eingerichtet war. Manchmal kam sein Sohn Nick, der in England Ingenieurwesen studierte, nach Hause. Manchmal auch seine Frau Zoё – wenn sie nicht gerade auf Andros dem Künstlerleben frönte. Sobald der Sommer zu Ende ging, würde sie sich häufiger in Athen aufhalten. Andros war im Winter kalt und feucht.

George schloss die Tür auf, legte den Brotlaib auf den Küchentisch und suchte im Kühlschrank nach einem Bier. Er fand eine Flasche Fix in der Kühlschranktür, entdeckte jedoch im selben Augenblick ein Päckchen auf der Ablage. Die Verpackung stammte von Lourantos, dem kleinen Feinkostladen auf Andros.

Er ließ das Bier stehen, schloss den Kühlschrank und ging leise nach hinten ins Schlafzimmer. Zoё schlief auf dem Bauch, nur mit einem Laken zugedeckt. Auf dem Nachttisch stand ein offenes Tablettenfläschchen.

Er las das Etikett: »Fermoxan«. Wozu das wohl gut war?

In der Küche öffnete er seinen Laptop.

Fermoxan: bei Angststörungen, Depression, Panikattacken, Zwangserkrankungen und posttraumatischer Belastungsstörung. Häufige Nebenwirkungen: Übelkeit, sexuelle Funktionsstörung, Erregung, verschwommenes Sehen, Verstopfung, Durchfall, Schwindelgefühl, Schläfrigkeit, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Alpträume, Schwitzen, Zittern, Erbrechen, Kraftlosigkeit, Gewichtszunahme 

Er las das mit Besorgnis. Nicht so sehr wegen der langen Liste der makabren Negativwirkungen, sondern wegen der daraus resultierenden Schlussfolgerung. Es handelte sich um ein starkes Medikament. Rezeptpflichtig.

George trat erneut zum Kühlschrank. Diesmal nahm er die Flasche Fix heraus. Er öffnete sie, trank in kleinen Schlucken, schaute in den Himmel und dachte nach.

Drei Tage zuvor war er auf Astypalea gewesen. In seinem Zimmer über der Taverne Australien hatte er sich unruhig auf dem Bett hin und her gewälzt, konnte jedoch nicht schlafen. Er erinnerte sich, wie er im Dämmerlicht nach der Armbanduhr getastet und sich bemüht hatte, die Zeit zu erkennen. 5.20 Uhr. Zu früh zum Aufstehen – er hatte sich erst um 2.00 Uhr hingelegt –, doch sein Geist war hellwach gewesen und arbeitete bereits.

Er hatte sich erhoben, war ins Bad gewankt und hatte ins Dunkel gefurzt. Sein Mund war trocken, sein Kopf glühte wie ein Hochofen.

Er zog an der Toilettenspülung; ringsherum plätscherte und gurgelte es in den Rohren. Er trat ans offene Fenster und starrte zum dunklen Firmament. Die Stadt lag weiter unten, geschwungen und stufig wie die Reihen eines antiken Theaters. Die Luft war kühl und feucht. Das kämpferische Gebell zweier Hunde hallte wie Salutschüsse durch die Nacht.

Während er im Halbschlaf hinausschaute, wurde es allmählich hell. Die ersten Sonnenstrahlen strichen über die Festung auf dem Bergrücken jenseits der Bucht und tauchten eine Fahnenstange, eine Reihe von Dächern und die weißgetünchte Kuppel einer Kirche in gleißendes Licht. Unten im noch dämmrigen Hafen lagen die Fischerboote reglos nebeneinander am Kai.

George hatte sich angezogen und sich Wasser ins Gesicht gespritzt.

In der Küche war Olga, die Inhaberin der Taverne, gerade dabei, ein riesiges Stück Lammfleisch zu salzen. Sie hielt inne und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

»Guten Morgen, Herr Zafiris! Kaffee?«

»Bitte.«

Er sah zu, wie sie in dem kleinen Kupferkännchen rührte, das von blau goldenen Gasflammen umzüngelt wurde.

»Haben Sie Mario gekannt?«, fragte er.

»Wir alle haben ihn gekannt.«

»Was haben Sie von ihm gehalten?«

»Ein wirklich guter Mensch.«

»Und als Bürgermeister?«

»Er hat Großartiges geleistet.«

»Zum Beispiel?«

»Der Flughafen. Neue Straßen. Die Renovierung alter Gebäude. Er war ein Mann der Tat. Nicht wie die anderen Politiker, die immer nur reden.«

Sie begann, Kartoffeln in der Bratenform zu verteilen. Jede einzelne erschien ihm wie ein Symbol für Marios Errungenschaften. »Bildung. Achtung vor der Natur. Selbstachtung. Achtung für den anderen. Für die Gemeinschaft. Wir machten der Müllverbrennung ein Ende. Wir säuberten die Strände, das Hinterland. Wir verschönerten unsere Stadt.«

»Er hat einen Flughafen und Straßen gebaut«, sagte George, »und andererseits die Natur geachtet. Wie hat er das denn hingekriegt?«

»Was ist eigentlich Ihr Problem?«

»Normalerweise geht entweder nur das eine oder das andere«, antwortete George.

»Mario hat uns auf öffentlichen Versammlungen erklärt, dass Beihilfen der EU untrennbar an Naturschutzmaßnahmen gekoppelt sind. Er sagte: ›Ihr bekommt das eine nicht ohne das andere. Ihr müsst euch an die Regeln halten.‹ Ordentliche Buchführung, Quittungen, alles. Haben Sie so was schon mal gehört? In Griechenland?«

»Noch nie«, erwiderte George.

»Wenn so ein Mann stirbt, fragst du dich, warum Gott ihn nicht beschützt hat. Immer das Gleiche: Die Guten holt er zu sich, und uns überlässt er die Kriminellen, die Zerstörer und die Idioten.«

»Wer wird ihn ersetzen?«

»Sein Stellvertreter.«

»Was ist das für ein Typ?«

»Nichts Besonderes. Ein Opportunist. Ein Mitläufer, kein Anführer.«

»Kommen Sie zur Beerdigung?«

»Selbstverständlich!«

Sie öffnete die Backofentür, aus der ihr eine Woge heißer Luft entgegenschlug, und schob das Blech mit Lamm und Kartoffeln hinein.

»Alle werden dort sein. Einen Mann wie ihn gibt es nur einmal pro Generation – wenn man Glück hat.«

Der Kaffee brodelte im Kännchen. Sie goss ihn in eine kleine weiße Porzellantasse und sagte: »Setzen Sie sich nach draußen auf die Terrasse. Es ist ein herrlicher Tag. Ich bringe ihn raus zu Ihnen.«

Um 10.00 Uhr tauchte ein Fischerboot hinter der Landzunge auf, dessen Mast als weißes Kreuz vor dem Blau des Meeres aufragte. George wartete am Kai. Mit ihm warteten all die Leute, die er am Vorabend in der Taverne gesehen hatte: der Polizeichef, der stellvertretende Bürgermeister, die Direktorin des archäologischen Museums … Keiner von Marios Schulfreunden aus Athen hatte es geschafft, herzukommen. Ein oder zwei hatten sich entschuldigt. Die anderen nicht einmal das.

Die Einheimischen dagegen waren zahlreich erschienen. Überwiegend ältere Menschen – gebeugt, sehnig, die derben Gesichter aus dem gleichen rostbraunen Stein gemeißelt wie die Bauernhäuser und Straßen der Insel. Die Jungen wirkten dagegen wie eine andere Spezies, aufgedunsen und blass und in enge schwarze Kleider und Anzüge gezwängt.

Eleni, Marios Witwe, hob sich gegen die anderen ab. Sie stand hochgewachsen und hager neben ihren zwei Söhnen im Teenageralter. Ihre Gesichter waren ausdruckslos wie Stein. Neben Eleni sah George einen untersetzten Mann Mitte vierzig mit wütender, nervöser Miene: Andreas, Marios Bruder.

Er trat zu ihnen und sprach sein Beileid aus. Eleni dankte ihm, ihre grünen Augen glänzten emotionsgeladen, sie murmelte: »Er ruht in Gott.«

Das Fischerboot legte an der Kaianlage an. Auf dem Vordeck stand der Sarg und verschwand fast unter unzähligen weißen Lilien. Sechs Männer in dunklen Anzügen und mit Sonnenbrillen lösten sich aus der Menge. Sie kletterten an Bord, hoben den Sarg auf ihre Schultern und traten ungeschickt zurück auf den Anlegesteg. Als sie sich Richtung Stadt wandten, formierte sich die Menge hinter ihnen.

George lief neben Andreas. Der Anstieg zur Kirche war anstrengend und führte auf einem betonierten Weg steil bergauf, während die Sonne ihnen auf den Rücken brannte. Sie trotteten mühsam voran und sprachen nicht. Viele Stadtbewohner sahen aus offenen Fenstern und Hauseingängen zu und bekreuzigten sich, als die Prozession an ihnen vorüberzog.

Endlich machte die Straße einen Bogen und lag nun im Schatten, so dass George wieder klar denken konnte.

»Es war ein Verbrechen«, sagte Andreas plötzlich.

»Was meinen Sie damit?«

»Sie haben ihn umgebracht.«

»Wer?«

»Alle. Alles.«

»Das ist kein Verbrechen.«

»Für mich schon. Die Leute haben seine Großzügigkeit ausgenutzt.«

»Sie können nicht eine ganze Gemeinde belangen.«

»Ich habe zu ihm gesagt: Jeder zweite Bittsteller, der zu dir kommt, versucht seinen Nachbarn übers Ohr zu hauen. Wenn etwas ungerecht ist, dann ihre Pläne – für die sie von dir auch noch Unterstützung verlangen. Er hat allen stets zugehört. Jedem Einzelnen! Selbst notorischen Lügnern und Betrügern. Warum? Warum, Gott verdammt noch mal?! Auf Kosten seiner Gesundheit und seiner Familie?«

»Alle sagen, er war ein guter Mensch.«

»Das hängt mir schon zum Halse raus.«

Die Straße führte wieder zurück in die Sonne.

»Was meinten Sie gerade?«

»Sie haben ihn umgebracht! Diese Leute, seine Freunde und Nachbarn, all diese Heuchler, die sich bekreuzigen und eine ach so gottesfürchtige und unglückliche Miene aufsetzen!«

Die Prozession geriet ins Stocken – als wäre seine Anschuldigung für alle deutlich vernehmbar über Lautsprecher verkündet worden. Einer der Sargträger, ein älterer Mann, war offensichtlich in Schwierigkeiten. Seine Kräfte schienen ihn zu verlassen, seine Füße gerieten ins Stolpern. Der Träger hinter ihm kam unter dem schwankenden Gewicht aus dem Rhythmus. Die Irritation setzte sich fort. Bevor sie es verhindern konnten, rutschte der Sarg nach hinten. Sie konnten ihn nicht mehr halten. Er glitt von ihren Schultern und schlug laut krachend auf dem Boden auf. Holz zersplitterte.

»Pah!«, schnaubte Andreas. »Nicht mal das kriegen sie hin.«

Die Sargträger hielten an und wischten sich, dankbar für die Pause, den Schweiß vom Gesicht.

»Sie können der Öffentlichkeit keinen Vorwurf machen«, sagte George. »Er hätte sich selbst schützen müssen.«

»Aber gewiss doch! Das sind bösartige, habgierige, betrügerische Mistkerle. Jeder Einzelne von ihnen!«

»Wir alle haben einen Freund verloren«, erwiderte George, »und Sie einen Bruder. Aber lassen Sie uns trotzdem vernünftig bleiben. Sie können diese Leute nicht für etwas verantwortlich machen, was in Athen passiert ist, beim Fahrradfahren.«

Andreas warf ihm einen mitleidigen, angewiderten Blick zu. »Sie werden noch sehen, wie die das hingekriegt haben«, sagte er. »Merken Sie sich meine Worte.«

Ein Murmeln lief durch die Menge, Verwirrung breitete sich aus. Der Priester sah sich irritiert um, seine Augen über dem langen grauen Bart flackerten angstvoll. Der Polizeichef trat vor. Zwei Männer begannen sich etwas zuzuschreien.

Andreas drängte sich nach vorn. »Was ist hier los?«

George folgte ihm. Zwischen den Trauergästen entdeckte er den Sarg, der an einer Ecke zerbrochen war und den Blick auf das blaue Seidenfutter freigab. Die Menschen wandten sich beschämt ab, aber George war etwas ins Auge gefallen, etwas Unerwartetes. Aus der Öffnung im Sarg hing der Zipfel einer durchsichtigen Plastiktüte heraus. Er konnte ihren Inhalt nicht erkennen, doch was immer es war, es wirkte völlig fehl am Platze. Der Polizeichef forderte die Menge auf zurückzutreten. Er kniete neben dem Sarg nieder, zog die Plastiktüte heraus, entfernte das Siegel und entnahm ihr eine schmale viereckige Schachtel. Er hob den Deckel an, stieß auf eine Schicht Seidenpapier und schob es behutsam beiseite. Ein Kranz aus winzigen goldenen Blättern funkelte in der Sonne.

Während die Anwesenden in den ersten Reihen ihr Erstaunen zum Ausdruck brachten, drängten andere nach vorn, um besser sehen zu können. Der Polizeichef übernahm unverzüglich das Kommando und verkündete: »Die Beerdigung findet nicht statt. Geht nach Hause. Wir haben es jetzt mit einer Straftat zu tun. Das ist Sache der Polizei!«

Er organisierte eine Absperrung rund um den beschädigten Sarg und wiederholte seine Aufforderung, nach Hause zu gehen.

Niemand rührte sich vom Fleck.

Er musterte die Menge voller Empörung. »Ihr solltet euch schämen«, rief er.

»Wir wollen wissen, was passiert ist«, erwiderte ein Mann.

»Ihr seht doch, was passiert ist!«

Die Menge blieb, und der Polizeichef zog mit verächtlicher Miene ein Mobiltelefon aus der Tasche.

»Schicken Sie einen Lastwagen«, bellte er hinein. »Zur Hauptstraße. Vor der Bank. Die Beerdigung des Bürgermeisters ist tis poutanas

Andreas schüttelte den Kopf und murmelte: »Hören Sie sich diesen Rüpel an! Er kennt nichts anderes als poutanes

Erneut wandte sich der Polizeichef an die Menge. »Ich sagte, ihr sollt gehen«, schrie er. »Tretet zurück! Haltet Abstand zum Sarg!«

Schon bald ertönte lautes Motorengeräusch. Am Fuß des Hügels tauchte der Polizeilastwagen auf und bahnte sich unter großem Geschrei und Gehupe seinen Weg durch die nur widerwillig beiseitetretende Menge.

Zwei junge Beamte sprangen heraus, öffneten die Heckklappe und hoben den Sarg mithilfe der Träger auf die Ladefläche.

»Wohin?«, fragte der Fahrer beim Einsteigen. »Zum Friedhof?«

»Sind Sie verrückt? Denken Sie mal nach, Mann! Wir haben es hier möglicherweise mit einem Verbrechen zu tun. Das erfordert eine Untersuchung, einen Bericht!«

»Sehr wohl, Chef. Also … Wohin dann?«

»Zum Polizeirevier!«

»Fahren Sie mit uns mit?«

»Nein. Ich muss hierbleiben, mit dem Pfarrer sprechen, mich um das ganze Chaos kümmern. Bitte laden Sie den Sarg im Polizeirevier aus, stellen ihn in eine Zelle und schließen ab. Niemand darf in seine Nähe, und Sie beantworten keine Fragen! Ich komme bald nach.«

Eine Stunde später drängten sich Angehörige und Freunde im Polizeirevier und diskutierten, was zu tun sei. Fünf Stühle, zehn Personen, die Zigaretten qualmten. Alle fielen sich gegenseitig ins Wort und wiederholten dabei doch nur die wenigen offensichtlichen Fakten. Unterdessen stand der Sarg auf einer Pritsche in der Zelle nebenan.

»Ich muss eine offizielle Untersuchung anordnen«, verkündete der Polizeichef. »Es handelt sich um einen bedeutsamen Vorfall.«

»Mich interessiert nur eine Sache«, sagte Andreas. »Wo ist Mario? Denn eins steht doch verdammt noch mal fest: Er ist nicht in einem dieser Plastikbeutel!«

Diese Frage konnte niemand beantworten. Er rief beim Bestattungsunternehmen in Athen an, das angab, alle Formalitäten seien ordnungsgemäß erledigt worden. Andreas schrie: »Hier geht es nicht um Formalitäten, ihr Idioten. Hier geht es um einen Menschen! Meinen Bruder!«

Er knallte den Hörer auf.

Dann rief man das Krankenhaus an, in das Mario gebracht worden war. Die Telefonistin in der Zentrale erklärte, in der Leichenhalle ginge niemand an den Apparat. Dort werde gestreikt, sagte sie und riet, es morgen erneut zu versuchen.

»Ein Streik in der Leichenhalle«, wiederholte Andreas. »Das sagt doch alles über unser Land. Tod umgeben von Tod. Ein öffentlicher Dienst, der niemand anderem dient als seinen eigenen Angestellten!«

»Man darf nicht übertreiben«, erwiderte der Polizeichef. »Es gibt eine Menge ehrliche Beamte in diesem Land.«

»Die sollte man in einer Ausstellung präsentieren«, entgegnete Andreas.

Der Polizeichef bat die Direktorin des archäologischen Museums, die Gegenstände im Sarg in Augenschein zu nehmen. Sie öffnete ein halbes Dutzend Tüten und begutachtete deren Inhalt unter einem Vergrößerungsglas. Es handele sich um eine Mischung von hellenistischen und römischen Fundstücken von herausragender Kunstfertigkeit, verkündete sie. Ungewöhnlich gut erhalten. Wahrscheinlich aus der Grabstätte eines Königs oder Adeligen. Sie hielt eines der Objekte hoch, eine Kette aus winzigen goldenen Bienen. Für einen Augenblick waren alle verzaubert von ihrer grazilen Schönheit.

Der Polizeichef fragte sie, was solche Kunstwerke in einem Sarg in Astypalea zu suchen hätten.

Sie legte die Kette vorsichtig zurück in die Schachtel.

»Illegale Ausfuhr«, antwortete sie. »Das ist die wahrscheinlichste Erklärung. Dafür gibt es immer genügend Käufer, besonders im Ausland. Falls das zutrifft und die Gegenstände unerlaubterweise von einer Grabungsstätte oder aus dem Tresor eines Museums entfernt wurden, wäre eine Beerdigung auf einer abgelegenen Insel ein durchaus geeigneter Zwischenstopp auf ihrer Reise; so könnten sie eine Weile verschwinden, bis Gras über die Sache gewachsen ist.«

»Aber wo ist Mario?«, wiederholte Andreas. »Worin zum Teufel besteht die Verbindung zwischen all diesem Gold und meinem toten Bruder? Er war weder Schmuggler noch Archäologe! Wo ist er?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann allenfalls herauszufinden versuchen, woher die Kunstschätze stammen.«

»Nur zu«, entgegnete Andreas. »Mir nützt das allerdings herzlich wenig.«

Marios Frau bat ihn, sich zu beruhigen. Wütend herrschte er sie an: »Bin ich denn hier der Einzige, der Gefühle hat?«

»Nein«, konterte sie. »Du bist der Einzige, der rumschreit.«

»Wieso schreist du eigentlich nicht? Es geht schließlich um deinen Mann!«

Sie erhob sich abrupt.

»Ich bringe die Kinder nach Hause. Das Ganze hat sie schon genug mitgenommen. Du machst alles nur noch schlimmer – wie üblich.«

Sie verließen den Raum mit den gleichen ausdruckslosen Mienen, die sie bereits den ganzen Morgen zur Schau trugen.

Andreas wetterte weiter herum. Er drohte, dem Verbrecher persönlich die Eier abzuschneiden und sie an die Haie zu verfüttern.

George sah auf seine Armbanduhr. »Es tut mir wirklich leid«, sagte er, »aber ich muss zum Flughafen.«

»Ich bringe Sie hin«, erklärte Andreas. »Hier verschwenden wir sowieso nur unsere Zeit.«

George beobachtete, wie das Flugzeug aus dem gleißenden blauen Himmel nach unten schwebte. Nach einem kleinen Hüpfer stabilisierten sich die Räder, und es rollte mit ohrenbetäubendem Brummen Richtung Abfertigungshalle. Eine Seitentür öffnete sich, eine Treppe wurde ausgefahren. Ein Dutzend Passagiere trat blinzelnd ins grelle Licht, gefolgt von den beiden Piloten mit ihren blendend weißen Hemden und Sonnenbrillen. Sie standen auf der Rollbahn und ließen die Leere und Stille auf sich wirken.

Aus den Lautsprechern drang krächzend eine Ansage. George ging zusammen mit den anderen Passagieren auf die Maschine zu. In der Kabine quetschten sie sich in ihre Sitze; die Luft roch muffig, nach erhitztem Plastik und Polstersitzen. George war müde und deprimiert. Er hasste es, eine Insel zu verlassen – egal, welche Insel, selbst wenn er wegen einer Beerdigung angereist war. Er nahm ein Lutschbonbon von der dunkeläugigen jungen Stewardess und starrte hinaus auf eine Ansammlung von Felsen neben der Startbahn.

Das Flugzeug setzte sich mit lautem Dröhnen in Bewegung, raste holpernd über den Asphalt und stieg rasch in die Luft. George sah unter sich den schmetterlingsförmigen Umriss von Astypalea; er wirkte wie eine dieser seltsamen Nachbildungen, die die Natur manchmal produziert: Wolken in der Form eines bestimmten Landes, Seen, die wie durch Zauberhand an den Kopf eines Wolfes erinnern … Weiter vorn erhob sich Amorgos, ein von Wind und Wetter geschliffener, klingenförmiger blasser Fels, senkrecht aus dem Wasser. Dahinter meilenweit nur Meer. Jenseits des Meeres dann Athen, die gequälte, süchtig machende, unerträgliche Stadt … Er winkte ab, als Getränke gereicht wurden, und schloss erschöpft die Augen.

Die Veränderung des Motorengeräuschs ließ ihn wieder zu Bewusstsein kommen. Schläfrig sah er auf seine Armbanduhr. Fünfunddreißig Minuten waren vergangen, das Flugzeug setzte zur Landung an. Es glitt durch einen brutalen Hitzeschleier abwärts auf das Häusermeer zu, das unter einer senfgelben Staubschicht und aufwallenden Abgaswolken kaum zu sehen war. Warum, fragte er sich, lebe ich eigentlich dort, in all diesem Dreck?

3
Gespräch mit einem Verbindungshalb1

Als George am Abend wieder zu Hause war, brauchte er nicht lange, um einen Rugbyklub zu finden – allerdings in Athens, Georgia, USA. Tatsächlich existierte dort eine vollständige Parallelstadt zu Athen, ein utopisches Athen mit funktionierenden Behörden und freundlichen Polizisten, mit einem nagelneuen Parthenon aus Marmor, das schimmerte wie frisch gegossener Kunststoff. Er verweilte einige Minuten an diesem unwahrscheinlichen Ort, dieser Parodie auf das »echte« Athen, das in der roten Erde Attikas verwurzelt war, wo einst ein Pakt mit den Furien geschlossen wurde, um die uralte Schuld aus Blut und Rache zu tilgen und stattdessen einen Staat zu errichten, der sich auf Gesetzen, Toleranz und gegenseitigem Respekt gründete. Ein frommes Märchen, falls es sich jemals so zugetragen hatte … Irritiert von diesem schmerzlichen Gedankengang, verabschiedete er sich mit einem Mausklick von Athen in Georgia und kehrte in sein eigenes zurück. Er suchte weiter, bis er den Athener Rugby- und Fußballklub »Krieger von Attika« fand.

Die Homepage bestand aus einer einzigen Seite. Ein Mannschaftsfoto zeigte zwei Reihen muskulöser, grinsender junger Männer mit wilden Frisuren. Die Namen der Spieler waren nicht aufgeführt. Jeder von ihnen konnte Polizeileutnant Nikolaos Karás sein. Die Mannschaft trainierte dienstags und donnerstags abends. Für Interessierte war die Telefonnummer des Sekretariats angegeben.

Am nächsten Abend beobachtete George auf dem Olympiagelände, einer Landschaft aus menschenleeren Schwimmbecken und verlassenen Sportplätzen, ein wirres Knäuel aus Körpern, die sich auf dem Rasen wanden. Plötzlich entschlüpfte der Ball den ineinander verknoteten Gliedmaßen. Eine einsame Gestalt nahm ihn schwungvoll an sich und spurtete blindwütig Richtung Freiheit. Ein Gegner versuchte sie mit gierig ausgestreckten Armen aufzuhalten. Der einsame Läufer wich nach rechts aus und rannte weiter. Ein zweiter Gegenspieler tauchte auf, warf sich auf seine Beine und riss ihn zu Boden. Im Fallen schleuderte der Läufer den Ball nach rechts. Ein Mitspieler schnappte ihn, raste weiter, passte, fing den Rückpass auf und hechtete über die Linie. Der Trainer ließ einen schrillen Pfiff ertönen, und die Mannschaft stieß einen Triumphschrei aus.

»Bravo ré pousti!«2

George wurde von einer Welle der Nostalgie erfasst. Winternachmittage in London. Sprühregen tröpfelt durch kahle Bäume. Feuchter Schlamm in Kleidung und Haaren. Ein seltsames Hochgefühl. Ein Glücksgefühl, das durch Kälte und Strapazen noch geschärft wird. Als er das seinen Freunden in Athen erklären wollte – jungen Männern, die an lauen Abenden Basketball spielten oder Wasserski liefen –, begriffen sie nichts und lachten verständnislos.

Nach dem Abpfiff schlenderten die Spieler vom Platz. George wartete ein Weilchen und sah zu, wie sie ihre Trainingskleidung auszogen und ihre Stiefel aufschnürten. Schließlich sprang einer von ihnen abrupt auf, winkte den anderen zu und joggte zu ihm herüber.

»Herr Zafiris?«

»Richtig. Nikos Karás?«

»Derselbe.« Sie schüttelten sich die Hände.

»Haben Sie ein Auto?«

»Motorrad«, antwortete George.

»Oh, dann nehme ich meins. Fahren Sie hinter mir her.«

Sie schlängelten sich durch die Straßen südlich des Stadions zu einer Bar unter einer Gruppe von vier Platanen und bestellten zwei Flaschen Fix.

»Ich muss etwas essen«, sagte Karás. »Bringen Sie mir eine große Portion Mezé3

»Ein energieraubendes Spiel«, bemerkte George.

»Schon mal zugeschaut?«

»Ich habe früher selbst gespielt.«

»Ach ja? In welcher Mannschaft?«

»London University.«

Karás nickte. »Dort lernt man das echte Rugby. Hier spielen wir zu grob. Wir lieben den Angriff, sind aber weniger geschickt, wenn’s um Teamwork geht.«

»War immerhin ein netter Versuch heute.«

»Das war Thanasi. Ich habe ihm den Rückpass zugeworfen.«

»Genau das ist Teamwork.«

»Ich weiß. Und Übung. Heute haben wir diesen Spielzug bewusst trainiert. Unter Wettkampfbedingungen verfallen wir wieder in unsere übliche Taktik: Jeder für sich allein.«

Das Bier und die Vorspeisen wurden serviert. Sie füllten ihre Gläser und stießen auf die Gesundheit an. Karás schob George den Teller zu. »Bedienen Sie sich.«

»Essen Sie ruhig. Ich möchte nur etwas trinken.«

Karás spießte ein Stück gedünsteten Tintenfisch auf.

»Sie haben meinen Bericht gelesen?«

George nickte.

»Was halten Sie davon?«

»Er ließ eine Menge Fragen offen.«

»Natürlich.«

»Sie wussten das bereits, während Sie ihn schrieben?«

»Ja.«

»Warum haben Sie ihn dann zu den Akten gelegt?«

»Ich hatte keine andere Wahl.«

»Irgendjemand hat Sie unter Druck gesetzt.«

»Druck stimmt. Aber es war nicht ›irgendjemand‹. Schon eher die gesamte Polizeiführung.«

»Und warum?«

»Das weiß ich nicht. Aber es hat mir nicht gefallen.«

»Deshalb gingen Sie zu Sotiriou.«

»Wie Sie sehen …«

»Warum gerade zu ihm?«

»Er ist ein Verwandter.«

»Ein naher Verwandter?«

»Ein Cousin meiner Mutter, ersten Grades. Ich kenne ihn seit der Kindheit. Seinetwegen bin ich Polizist geworden.«

»Ich verstehe«, erwiderte George.

Er überlegte, ob er sagen sollte, dass der Überfahrene ein Freund von ihm war.

»Ich möchte alles ganz genau verstehen«, erklärte er schließlich. »Waren Sie am Unfallort?«

»Ja.«

»Als Erster?«

»Ich glaube schon.«

»Was haben Sie gesehen?«

»Eine lange Bremsspur. An ihrem Ende stand der LKW quer zur Straße, das Fahrrad befand sich verbogen und zusammengedrückt etwa fünf Meter entfernt, und das Unfallopfer lag auf dem Boden, als ob es schliefe.«

»Was war mit dem Lastwagenfahrer?«

»Er saß zitternd im Führerhaus.«

»Haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Zuerst habe ich das Opfer untersucht.« Karás verzog das Gesicht. »Nichts mehr zu machen.«

»Sind Sie sicher?«

»Kein Puls.«

»Was ist mit dem Notarztwagen?«

»Er kam wenige Minuten später. Alle Wiederbelebungsversuche waren vergeblich.«

»Erzählen Sie mir etwas über den Fahrer.«

»Ich bat ihn auszusteigen und erteilte ihm die üblichen Belehrungen. Er stand sichtlich unter Schock.«

»Was meinen Sie damit?«

»Er war benommen und völlig verängstigt.«

»Warum verängstigt?«

»Wären Sie das nicht?«

»Was hat er über den Unfall gesagt?«

Karás zögerte.

»Ich muss Sie etwas fragen, bevor ich antworte.«

»Fragen Sie.«

»Woher kennen Sie Kriminaldirektor Sotiriou?«

»Ich habe seit Jahren mit ihm zu tun.«

»Haben Sie eine gute Beziehung?«

»Gut genug. Es gibt durchaus Differenzen, aber wir respektieren uns gegenseitig.«

»Warum hat er sich ausgerechnet an Sie gewandt?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Er kennt mich. Vertraut mir möglicherweise. Ich bin unabhängig von der Polizei …«

»Mit Verlaub, Herr Zafiris, es gibt sicher eine Reihe von Privatdetektiven, die er hätte beauftragen können.«

»Die meisten von ihnen sind Ex-Polizisten.«

»Sie nicht?«

»Nein.«

»Das könnte der Grund sein.«

»Womöglich gibt es noch andere Gründe. Vertrauen ist etwas Unbewusstes. Ein Instinkt.«

Karás schien in einen komplizierten Gedankengang versunken.

»Ich dachte immer, ich könnte meinen Kollegen vertrauen. Bis der Unfall passierte«, sagte er schließlich.

George schwieg.

»Okay«, fuhr Karás fort. »Ich erzähle Ihnen von dem Fahrer. Unmittelbar vor dem Unfall hat er etwas Merkwürdiges beobachtet. Ein Wagen fuhr vor dem Fahrrad her. Auf der Beifahrerseite streckte jemand den Arm aus dem Fenster und warf etwas hinaus. Eine Handvoll … Was? Er konnte es nicht erkennen, vielleicht Reißzwecken, Stahlkügelchen oder Glasscherben. Sie glitzerten in der Sonne und führten dazu, dass der Radfahrer plötzlich ins Schlingern geriet und genau vor den Lastwagen stürzte.«

»Wann hat er das erwähnt?«

»Am Ende seiner Aussage.«

»Freiwillig?«

»Ja. Ich fragte ihn, ob ihm noch irgendetwas einfiele. Diese Frage bringt häufig wichtige Zusatzinformationen.«

»Warum steht das nicht im Bericht?«

»Es gehörte nicht zur offiziellen Aussage.«

»Haben Sie es aufgenommen?«

»Nein. Das Aufnahmegerät war schon abgeschaltet.«

»Befanden Sie sich noch im Polizeirevier?«

Karás nickte.

»Warum haben Sie das Gerät dann nicht wieder angeschaltet und die Aussage festgehalten?«

»Weil er mich darum gebeten hat.«

»Sie hätten darauf bestehen können.«

»Ich weiß. Vielleicht hätte ich das tun sollen.«

»Fuhren Sie zurück zur Unfallstelle, um die Fahrbahn abzusuchen?«

»Das hatte ich vor, aber es kam etwas dazwischen.«

»Was meinen Sie damit?«

»Mein Vorgesetzter brauchte mich dringend für eine andere Aufgabe.«

»Wusste er, dass Sie noch mal zum Unfallort wollten?«

»Ja.«

»Und er hat Sie davon abgehalten?«

»Nicht direkt. Er sagte, er würde sich darum kümmern, und gab mir den anderen Job.«

»Also hat er Sie davon abgehalten.«

»Sieht so aus.«

»Fuhr er dann hin?«

»Nicht persönlich. Er schickte einen anderen Beamten.«

»Und?«

»Der hatte nichts Verdächtiges zu berichten.«

»Haben Sie ihm von dem Auto vor dem Fahrrad erzählt, aus dem etwas auf die Fahrbahn geworfen wurde?«

»Ja.«

»Wie hat er reagiert?«

»Überhaupt nicht. Er sagte einfach, er werde jemanden beauftragen.«

George fixierte ihn mit einem grimmigen Blick. »Sie haben’s vermasselt, und zwar gründlich.«

»Das ist mir jetzt klar geworden.«

»Was ist mit dem Fahrrad?«

»Totalschaden.«

»Vielleicht steckten Glasscherben in den Reifen? Oder ein paar Nägel?«

»Ich habe nicht nachgesehen.«

»Herrgott noch mal! Das erledigt man doch zuallererst!«

»Sie haben recht. Das hätte ich tun sollen. Ich überprüfe das morgen.«

»Also, der Fahrer machte seine Aussage, unterschrieb sie, Sie fragten, ob er noch etwas hinzuzufügen hätte, er gab Ihnen einen wesentlichen Hinweis, und Sie ignorierten ihn?«

»Nein. Ich bat ihn, seine Aussage zu ändern, aber er weigerte sich.«

»Warum?«

»Er sagte, er sei nicht ganz sicher.«

»Erinnerte er sich an das Nummernschild des vorausfahrenden Wagens? Farbe? Fabrikat?«

»Nein. Als ich mich dafür interessierte, machte er dicht.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Er wurde entlassen.«

»Ich dachte, er wäre festgenommen.«

»Nur kurz. Wir ließen ihn gehen.«

»Haben Sie seine Adresse?«

»In Larissa.«

»Wir müssen vielleicht noch mal mit ihm reden.«

Karás sah ihn verlegen an und trank hastig sein Bier.

»Reden Sie mit ihm. Ich bin dazu nicht autorisiert.«

»Warum nicht?«

»Ich wurde von dem Fall abgezogen.«

»Und wer bearbeitet ihn jetzt?«

»Niemand. Er ist abgeschlossen.«

»Abgeschlossen? Das ist doch verrückt!«

»Ich weiß.«

»Sie haben hoffentlich Einspruch erhoben?«

»Ganz entschieden sogar. Man legte mir nahe, die Sache zu vergessen. Es gibt Zeiten, sagte mein Vorgesetzter, in denen allzu viel Eifer tödlich ist.«

»Was zum Teufel soll das denn bedeuten?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was hat er vor? Will er warten, bis sich der Mörder freiwillig stellt und sich entschuldigt?«

»Vielleicht geht es darum, wer den längeren Atem hat.«

George nahm nachdenklich einen Schluck Bier.

»Sind Sie bereit, mir zu helfen?«

»Ich werde tun, was ich kann«, erwiderte Karás. »Aber wenn ich meinen Job verliere, bin ich auch für Sie nutzlos.«

»Verstanden. Geben Sie mir eine sichere Nummer, unter der ich Sie erreichen kann.«

Der Polizist kritzelte eine Telefonnummer auf eine Karte. »Der Anschluss meiner Mutter. Sie wohnt eine Etage tiefer.«

»Besuchen Sie sie häufig?«

»Zweimal am Tag.«

»Okay«, sagte George und reichte ihm seinerseits eine Karte. »Geben Sie mir Namen und Adresse des Fahrers. Und finden Sie eine Möglichkeit, das Fahrrad zu inspizieren.«

»Wird gemacht.«

4
Der Anrufbeantworter

Als George zu Hause ankam, war Zoё aufgestanden und sah fern. Er fragte sie freundlich nach ihrem Befinden.

»Ich möchte jetzt nicht reden«, antwortete sie.

»Wann immer sich das ändert, bin ich da.«

»Irgendjemand hat angerufen«, sagte sie gleichgültig.

»Wer?«

»Das weiß ich nicht. Auf dem Anrufbeantworter ist eine Nachricht.«

George hörte die Aufzeichnung ab. Es war Andreas, Marios Bruder, und seine Stimme klang übellaunig und düster. »Kehren Sie zurück auf die Insel, George. Bald. Sehen Sie Marios Papiere durch. Seien Sie dort, bevor ein anderer Ihnen zuvorkommt.« Er hinterließ keine Nummer, lediglich ein paar Sekunden Schweigen, dann: »Das ist alles.«

George schaute in seinen Terminkalender. In den nächsten Tagen hatte er nichts vor. Aber Zoё ging es nicht gut. Er konnte sie nicht allein lassen.

Das Telefon klingelte. Er nahm den Hörer ab. Diesmal fragte eine andere Männerstimme nach George Zafiris.

»Das bin ich.«

»Mein Name ist Haris Pezas. Ich bin Hektors Bruder.«

George brachte vor Überraschung kein Wort heraus. Seine Stimme klang genau wie die von Hektor, seinem ehemaligen Kollegen, der jetzt mit fünf Kugeln in der Brust auf einem Friedhof in Korinth lag.

»Wie geht es Ihnen, Herr Zafiris?«, fragte er gut gelaunt.

»Alles in Ordnung.«

»Wir sind uns bei Hektors Beerdigung begegnet.«

»Ich erinnere mich. Schön, von Ihnen zu hören, Haris. Wie kann ich helfen?«

»Ich brauche einen Rat.«

»Selbstverständlich. Worum geht’s?«

»Ich möchte lieber persönlich mit Ihnen sprechen.«

»Ich bin in Athen und kann momentan nicht hier weg.«

»Kein Problem, ich komme in die Stadt. Morgen Vormittag? Um elf?«

»Café Agamemnon, Aristotelesstraße 43.«

»In welchem Stadtteil ist das?«

»Im Zentrum. Zwischen Kolonaki und Exarchia.«

Er legte den Hörer auf und fragte sich, was Hektors Bruder wollte. Er fürchtete, es könnte um eine Entschädigungsforderung gehen. Hektor war bei einem Einsatz in seinem Auftrag ums Leben gekommen; allerdings hatte er gegen Georges Anweisungen verstoßen. Die Familie wusste das und schien nicht daran interessiert zu sein, aus dieser Gelegenheit Profit zu schlagen, aber heutzutage waren immer mehr Leute verzweifelt auf der Suche nach Geld. Man konnte nie wissen, wozu sie in extremer Not fähig waren.

Er setzte sich neben Zoё aufs Sofa. Sie sah sich eine Talkshow an, in der bekannte Persönlichkeiten über andere bekannte Persönlichkeiten redeten. Er fragte sich, wozu das gut war. Ihrem ausdruckslosen Gesicht nach zu urteilen fragte Zoё sich das ebenfalls.

Er bot ihr ein Bier an.

»Nein«, antwortete sie. »Das verträgt sich nicht mit den Tabletten.«

Er legte den Arm um ihre Schulter. »Verträgt sich das mit den Tabletten?«

»Das ist in Ordnung«, sagte sie und lächelte wehmütig.

Haris Pezas war eine etwas kürzer geratene Version von Hektor: der gleiche muskulöse Körperbau, die gleiche Adlernase und ebenso pfiffige blaue Augen. Er trug ein knallbuntes kariertes Hemd in Pink und Gelb. Seine stämmigen Beine steckten in hautengen blauen Hosen und endeten in smaragdgrünen Wildlederschuhen. Selbst Hektor mit seinem farbenfrohen Geschmack hätte sich schwergetan, diese Treter anzuziehen. Sie waren sichtlich teuer, standen ihm jedoch ganz und gar nicht. Kaum vorstellbar, dass sie überhaupt jemandem standen.

»Eines möchte ich sofort klarstellen: Ich mache Ihnen keinerlei Vorwürfe wegen Hektors Tod«, begann Haris.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte George.

»Er handelte manchmal unbesonnen.«

»Ich wünschte, ich wäre persönlich vor Ort gewesen, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten«, sagte George. »So konnte ich nur ins Telefon brüllen.«

»Was für ein sinnloser Verlust …«

»Sie vermissen ihn bestimmt?«

»Ganz schrecklich.«

»Das geht uns allen so.«

Haris zog ein kleines Kettchen aus Perlen, ein Komboloi4, aus der Tasche, schwang es hin und her und starrte auf die andere Straßenseite.

Dimitri brachte Kaffee, begutachtete Haris mit einem einzigen skeptischen Blick und verschwand wieder in der Ecke hinter seiner Zeitung.

»Wie laufen die Geschäfte?«, fragte Haris.

»Nicht schlecht.«

»Macht sich die Krise bemerkbar?«

»Natürlich. Die guten Zeiten sind vorbei.«

»Was Sie nicht sagen!« Er musterte George mitfühlend. »Wenn wir doch nur einen vernünftigen Staatsführer hätten! Einen Venizelos, einen Karamanlís. Wenigstens …« Er warf einen misstrauischen Blick über die Schulter. »Wenigstens einen Metaxás!«

»Interessante Idee. Unsere letzten Militärdiktaturen haben uns allerdings nicht wesentlich weitergebracht.«

»Wir brauchen jemanden mit einem großen Besen, der diesen Saustall von Staat mal ordentlich ausfegt.«

Der Satz erinnerte George an Hektors rechtsradikales Gerede, das ihm ziemlich auf die Nerven gegangen war. Er fragte sich, wann Haris zur Sache kommen würde.

»Wollen Sie mit mir über Politik diskutieren?«

»Ganz und gar nicht! Ich bin aus gutem Grund hier.«

»Dann lassen Sie mal hören«, antwortete George.

»Ich bin Inhaber eines Elektrogeschäfts in Korinth. Es lief die ganzen Jahre über gut, doch der Umsatz ist in letzter Zeit stark zurückgegangen. Schuld daran sind die großen Ladenketten, Mediamarkt, Kotsovolos … Riesige Lagerhallen voller Waschmaschinen und Kühlschränke. Kein Mensch kauft mehr in den kleinen Fachgeschäften. Höchstens noch Stecker, Sicherungen und Glühbirnen. Kleinkram. Davon kann man nicht leben.«

»Ich weiß, dass es in Athen so aussieht.«

»In der Provinz ist es noch viel schlimmer. Die Leute fahren zwei Stunden, um an einer Waschmaschine dreißig Euro zu sparen. Die Benzinkosten fressen die Ersparnis gleich wieder auf. In Wirklichkeit zahlen sie drauf, aber das sehen sie nicht. Und für uns bedeutet es das Aus. Deshalb denke ich über eine Geschäftserweiterung nach.«

»In welche Richtung?«

»Genau dafür brauche ich Ihren Rat. Vielleicht Sicherheit und Überwachung.«

»Überwachungsanlagen? Damit konkurrieren Sie doch auch gegen den Mediamarkt. Und gegen Anbieter im Internet. Die verkaufen auf jeden Fall billiger als Sie.«

»Nein. Keine Überwachungsanlagen.« Er hielt inne und sah George in die Augen. »Einfach nur Überwachung.«

»Sie wollen einen Rat?«

»Wenn es das Einzige ist, was Sie für mich tun können.«

»Was könnte ich sonst noch tun?«

»Mir eventuell Arbeit anbieten.«

»Jetzt?«, fragte George ehrlich überrascht.

»Jetzt oder später.«

»Bringen Sie irgendwelche Erfahrungen mit?«

»Ich habe Hektor öfter geholfen.«

»Wobei genau?«

»Fotografieren. Gebäudeüberwachung, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Toten von Athen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen