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Die Tote in der Ems

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Jürgen von Harenne

Meine Erzählungen basieren auf persönlichen Erfahrungen, eigenen Erlebnissen und auf Beobachtungen von Menschen aus meinem privaten Umfeld, aus der Schule und aus der Arbeitswelt.

Vieles ist reine Phantasie. Einiges ist so oder ähnlich passiert. Das meiste habe ich aber frei erfunden.

Dieses Buch widme ich meiner Frau Gisela von Harenne und unseren Kindern Nicola und Manuel von Harenne

Alle Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind zufällig.

© 2017, Jürgen von Harenne

Autor: Jürgen von Harenne

Umschlaggestaltung, Illustration: Jürgen von Harenne

Verlag: Westfälische Reihe, Münster

Paperback:    ISBN: 978-3-95627-685-9

Hardcover:    ISBN: 978-3-95627-693-4

E-book:         ISBN: 978-3-95627-694-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 1

Manuel und Verena Stromberg fahren wie an jedem Morgen mit dem Auto von Hahnbeck zur Gesamtschule in Hiltrup, einem Stadtteil von Münster.

„Mein Gott“, stöhnt Tobias, „ist das heute Morgen wieder voll auf den Straßen. Wenn die doch bloß alle zügiger fahren würden. Dann kämen an jeder Ampel mindestens zwei oder drei Wagen mehr bei Grün über die Kreuzung und es gäbe weniger Stau.“

„Da kann man nur die Ruhe bewahren. Deine Ungeduld hilft dir auch nicht“, sagt Verena.

„Du weißt doch“, knurrt Tobias. „Ungeduld ist mein zweiter Vorname.“

„Man merkt, dass heute Montag ist“, beruhigt ihn Verena, „die Leute sind noch müde vom Wochenende und noch nicht richtig wach.“

Tobias nickt vielsagend mit dem Kopf:

„Gestern im Fernsehen haben die Menschen gerade hier in Münster wieder einmal davon geschwärmt, wie vernünftig es doch ist, wenn alle ihr Auto stehen lassen und täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule fahren.“

„Wenn ich mir vorstelle, dass wir beide an jedem Morgen bei Wind und Wetter dreizehn Kilometer mit unseren schweren Schultaschen mit dem Fahrrad durch Münster fahren und unsere Kleidung verschmutzen, müssten wir schon täglich um halb sechs aufstehen, uns alle vier waschen und anziehen, frühstücken und um halb sieben das Haus verlassen,“ sagt Verena.

„Wenn ich mit dem Fahrrad fahre“, überlegt Tobias, „bin ich schon nach zwei Kilometern am ganzen Körper durchgeschwitzt. Dann müsste ich mich in der Schule erst einmal duschen und umziehen. Ich will nicht den ganzen Tag über nach kaltem Schweiß riechen.“

„Ganz abgesehen davon“, ergänzt Verena, „müssten wir beide unsere gesamte Kleidung umstellen. Ordentliche Kleider, ein Kostüm oder für dich ein Anzug wären beim Fahrradfahren schnell versaut.“

Verena und Tobias sind beide Lehrer an der Gesamtschule in Hiltrup. Jeden Tag fahren sie gemeinsam mit dem Auto von Hahnbeck etwa dreizehn Kilometer weit zu ihrer Schule.

Vor fünf Jahren haben sie in einer Wohnsiedlung in dem früher eigenständigen Dorf Hahnbeck, das seit 1975 zu Münster gehört, ein Einfamilienhaus gebaut.

Ihre beiden Kinder Carolina und Sven sind schon sehr selbstständig. Beide sind noch auf der Grundschule in Hahnbeck. Carolina ist neun Jahre alt und Sven fast sieben. An fünf Tagen in der Woche kommt morgens um neun Uhr Frau Kleimann zu ihnen. Sie bleibt bis ein Uhr mittags, freitags bis zwölf. Die ganze Familie mag sie. Vor sechs Jahren ist der Mann von Frau Kleimann im Alter von sechsundfünfzig Jahren an Krebs gestorben. Als Verena und Tobias eine Haushaltshilfe suchten, hat sie sich bei ihnen gemeldet. Seitdem führt sie täglich vier Stunden den Haushalt.

An der Schule stellt Tobias das Auto auf dem Lehrerparkplatz ab. Während Verena ihre Tasche aus dem Kofferraum holt, fragt sie ihn:

„Bleibt es dabei. Fahren wir heute zusammen nach der sechsten Stunde nach Hause?“

„Wenn nichts dazwischen kommt und einer von uns beiden noch eine zusätzliche Vertretungsstunde aufgebrummt bekommt, bleibt es hoffentlich dabei“, antwortet Tobias.

***

Nach dem anstrengenden Tag mit unruhigen und einigen teilnahmslosen, müden Schülerinnen und Schülern wartet Verena nach der sechsten Stunde auf dem Parkplatz am Auto auf Tobias. Sie will so schnell wie möglich nach Hause. Frau Kleimann geht um ein Uhr und Carolina und Sven warten bestimmt schon auf sie.

Wenn es möglich ist, versuchen sie, nach der Schule zusammen zu Mittag zu essen. Das klappt oft nur an ein oder zwei Tagen in der Woche. In der Gesamtschule haben die Lehrer wegen des ganztägigen Unterrichts mit der nachfolgenden Betreuung in der Regel erst nach vier Uhr Feierabend.

Endlich nach zehn Minuten kommt Tobias angehetzt: „Tut mir leid“, entschuldigt er sich. „Der Chef wollte mich nur kurz wegen einer Schülerin sprechen. Du weißt ja, wie lange bei ihm „kurz“ ist.“

Auf der Fahrt von Hiltrup nach Hause sind beide noch immer in Gedanken in der Schule. Plötzlich fällt Verena ein, dass Sven am 28. Juni Geburtstag hat.

„Mir fällt gerade ein, dass Sven in vier Wochen Geburtstag hat.“

„Ich weiß“, sagt Tobias ganz ruhig und konzentriert sich weiter aufs Fahren.

„Unsere beiden waren schon oft bei den anderen Kindern zum Geburtstag eingeladen“, fährt Verena fort. „Diesmal müssen wir auch mal irgendetwas unternehmen. Bei dem Geburtstag von Carolina im April haben wir wegen der Osterferien keine große Einladung gemacht. Aber jetzt im Juni oder Anfang Juli könnten wir doch mit den Kindern und allen Freunden aus der Klasse und der Nachbarschaft den Geburtstag feiern.“

„Da fällt mir was ein“, hat Tobias eine Idee. „Wie wäre es mit einer Planwagenfahrt? Das wäre doch mal was Besonderes und wir hätten zu Hause nicht so viel Arbeit.“

„An so etwas habe ich auch schon mal gedacht“, sagt Verena. „Hast du denn eine Ahnung, wer solche Fahrten mit dem Planwagen anbietet?“

„Ich erkundige mich mal in der Nachbarschaft. Ich meine, ich hätte vor ein paar Wochen in der Tageszeitung gelesen, dass ein Bauer in Hahnbeck Planwagenfahrten durchführt. In dem Bericht war ein Foto von einem grünen Planwagen mit einem gelben Verdeck, gezogen von zwei Pferden. Das wäre für die Kinder doch ein herrliches Erlebnis.“

„Prima“, freut sich Verena. „Kümmerst du dich darum?“

„Ja. Ich nehme mir gleich zu Hause sofort das Telefonbuch vor. Ich hoffe, dass ich dort die Adresse und Telefonnummer finde.“

Genau das liebt Verena so an Tobias. Spontan fällt ihm bei vielen Problemen und Planungen sofort eine Lösung ein. Selbst wenn es zuerst nur eine vage Idee ist, hat es sich hinterher als richtig herausgestellt und hat ihnen geholfen.

Vor allem freut es sie, dass Tobias nicht nur schlaue Ideen hat sondern ganz selbstverständlich mithilft, das dann auch durchzuführen. Seitdem sie sich kennengelernt und geheiratet haben und auch seit sie mit ihren beiden Kindern zusammen eine Familie sind, haben sie beide weiterhin ihre Berufe ausgeübt und ihren Tagesablauf täglich neu gemanagt.

Das war bisher immer nur möglich, weil sie beide in allen wichtigen Dingen übereinstimmen, auch wenn jeder mal andere Vorstellungen hat und sie sich einigen müssen.

Als sie mit ihrem Auto zu Hause in Hahnbeck ankommen, ist Frau Kleimann schon gegangen. Carolina und Sven warten seit einer halben Stunde ungeduldig auf ihre Eltern.

„Da seid ihr ja endlich“, brummt Carolina.

Routiniert schiebt Verena vier Schnitzel-Hawaii und Pommes in den Backofen. Dazu öffnet sie zwei Dosen Erbsen und Möhren, schüttet das Gemüse in einen Topf mit Wasser und erwärmt ihn auf der Herdplatte. Während der Woche, vor allem an den Tagen, an denen sie beide erst gegen halb zwei mittags zu Hause sind, gibt es zu Mittag immer etwas zu essen, was sich schnell zubereiten lässt.

Tobias holt das Geschirr aus dem Schrank und bittet Carolina, das Besteck aus der Lade zu holen.

Bei der Planung des Hauses waren sich Verena und Tobias drüber einig, dass sie die Küche groß genug bauen, damit sie alle vier in der Wohnküche sitzen und essen können. Zusätzlich hat die Küche eine Verbindungstür zum Esszimmer und zum großen Wohnzimmer.

„Hast du schon deinen Mümmel versorgt?“ fragt Tobias Carolina.

„Ja, der hat noch genug Futter und frisches Wasser“, antwortet Carolina beleidigt.

Carolina liebt ihren „Hasen“ heiß und innig. Natürlich sorgt sie für ihn. Sie braucht niemanden, der ihr sagt, was sie tun soll und ob sie ihn gut versorgt.

Vor zwei Jahren hat sie Mümmel, ihr kleines schwarzes Zwergkaninchen, bei einem Züchter in Wolbeck gekauft. Draußen auf der Terrasse hat das Tier einen geschützten Stall. Wenn gutes Wetter ist und jemand zu Hause ist, darf Mümmel im Garten frei herumlaufen. Aber wegen der Katzen und anderer Tiere muss Mümmel jeden Abend wieder in seinen Stall.

Während alle vier mit dem Essen beschäftigt sind, will Verena die Gelegenheit nutzen, dass sie jetzt zusammen sind. Sie schaut Sven an:

„In vier Wochen hast du Geburtstag. Vater und ich haben uns überlegt, ob wir an dem Tag mit euch und euren Freunden eine Planwagenfahrt zu einem Grillplatz an der Ems machen sollen.“

„Das ist prima“, freut sich Sven.

Carolina schaut auf den großen Monatskalender an der Wand:

„Dein Geburtstag ist am 28. Juni. Das ist ein Dienstag. Da haben doch alle noch Schule und keine Zeit für eine Planwagenfahrt. Die Ferien beginnen erst am 8. Juli.“

„Gleich zu Beginn der Ferien fahren viele schon am ersten Tag weg“, sagt Tobias. „Aber am Samstag, dem 2. Juli, eine Woche vor dem Ferienbeginn, sind noch alle Kinder da. Dieser Tag wäre doch ideal für unsere Planwagenfahrt. Ich will versuchen, dass ich für den Samstag vor den Ferien die Fahrt organisieren kann.“

Als sie das Mittagessen beendet haben, gehen Carolina und Sven in ihre Zimmer und beschäftigen sich damit, ihre vielen Freunde per Smartphone und Handy zu liken. Außerdem müssen sie ihre Schularbeiten machen.

Tobias legt sich im Wohnzimmer auf die Couch. Für eine halbe Stunde will er abschalten. Auch Verena macht in ihrem Zimmer Pause und blättert in Zeitungen.

Erst gegen vier Uhr bereitet Sven in der Maschine den Nachmittagskaffee.

Sie sind froh, dass Frau Kleimann morgens die nötigste Hausarbeit erledigt. Aber auch nachmittags und am Wochenende gibt es noch genug zu tun.

Neben dem Haushalt wartet ständig die Arbeit für die Schule. Mal ist es ein Packen Hefte mit Klausuren, mal sind es Stundenvorbereitungen, die darauf warten, dass Sven oder Verena sie sich vornehmen. Regelmäßig erhalten sie beide von Kolleginnen und Kollegen oft noch spät am Abend und sogar sonntags SMS, E-Mails oder Telefonanrufe. Richtige Freizeit haben sie in ihrem Beruf als Lehrer ganz selten.

Kapitel 2

An diesem Wochenende will sich Sven intensiv darum kümmern, jemanden zu finden, der die Planwagenfahrt durchführen kann. Er fragt Verena, ob sie ihm nicht helfen kann.

„Versuche es doch mal mit dem Telefonbuch. Vielleicht findest du in den Gelben Seiten eine Firma oder ein Unternehmen“, schlägt sie vor.

Tobias sucht im Telefonbuch vergeblich nach irgendeinem Hinweis. Enttäuscht legt er nach fast einer viertel Stunde das Telefonbuch zur Seite.

„Wahrscheinlich werden diese Planwagenfahrten von irgendwelchen Bauern oder von Pferdehöfen durchgeführt“, vermutet er. „Hier im Telefonbuch habe ich jedenfalls nichts gefunden.“

Plötzlich erinnert sich Verena, dass ihre Kollegin Ulrike vor einiger Zeit mit ihrem Kegelverein eine Planwagenfahrt gemacht hat.

„Weißt du was, ich rufe Ulrike an“, sagt sie zu Tobias. „Sie hat vor einiger Zeit von einer Pferdewagenfahrt mit ihrem Kegelclub erzählt und davon geschwärmt, wie toll die Fahrt und der Nachmittag auf dem Grillplatz an der Ems waren.“

Sie nimmt den Hörer vom Telefon und geht in ihr Arbeitszimmer. Sie will ungestört mit Ulrike sprechen. Strahlend kommt Verena nach einer halben Stunde aus ihrem Zimmer.

„Und?“ fragt Tobias. „Hast du was erreicht?“

„Ja. Ulrike hat mir den Namen und die Telefonnummer von dem Bauern Bernhard Bollhoff gegeben. Der Hof liegt am Ortsrand von Hahnbeck in der Nähe der Ems an der Stadtgrenze zu Telgte. Am besten rufe ich dort heute Abend gegen sechs Uhr an. Ich hoffe, dass ich dann jemanden erreiche.“

Am späten Nachmittag telefoniert Verena mit dem Bauern Bollhoff. Problemlos kann sie bei ihm die Planwagenfahrt für letzten Samstag vor den Sommerferien buchen.

Beim Abendessen besprechen sie alle vier zusammen die Fahrt mit dem Pferdewagen.

„Auf dem Wagen haben bis zu zwanzig Personen Platz“, erklärt Verena und wendet sich an Sven und Carolina. „Am besten macht ihr beide eine Liste, wen ihr zu der Geburtstagsfeier und zum Grillen an der Ems einladen wollt.“

„Die Einladungen an die Freunde müsst ihr bis zum kommenden Wochenende fertig haben. Dann haben alle noch genügend Zeit für Vorbereitungen“, ergänzt Tobias.

„Ich weiß schon, wen ich alles einlade“, sagt Carolina. „Auf jeden Fall aus meiner Klasse Leoni, Anja, Astrid, und Emilia,.“

„Wie ist das mit Marie und Anna, den beiden Mädchen von unseren Nachbarn?“ fragt Verena.

„Ja, okay, die beiden hätte ich fast vergessen“, antwortet Carolina. „Aber dann müssen wir auch Maries Bruder Niklas einladen.“

Sven hat sich inzwischen einen Zettel geholt und notiert einige Namen: „Ich lade aus meiner Klasse Jan, Vivien, Kemal, Christoph, Simon, Sören und Tim ein.“

Neugierig schaut Tobias auf den Zettel von Sven und sagt zu Carolina: „Dann schreib du die Namen deiner Freundinnen auch auf diesen Zettel, damit wir einen Überblick haben und niemanden vergessen.“

„Wie viele Kinder sind es bis jetzt, die ihr einladen wollt?“ fragt Verena.

Carolina zählt die Namen: „Es sind aus meiner Klasse vier, dazu kommen sieben Freunde von Sven und die drei von unserer Straße, Marie, Anna und Niklas. Das sind 14 Kinder.“

„Zusammen mit uns vier sind es genau achtzehn Personen“, sagt Tobias. „Das passt ja prima. Wenn ihr jetzt jemanden vergessen hat, ist es nicht so schlimm. Ein oder zwei Kinder mehr ist sicher kein Problem.“

Abends sitzen Tobias und Verena vor dem Fernseher. Zusammen schauen sie die Tagesschau.

„Ich bin richtig froh, dass das heute alles so gut geklappt hat“, freut sich Verena.

„Ich hoffe, dass wir an dem Samstag vor den Ferien gutes Wetter haben“, sagt Tobias. „Das macht nämlich viel aus, wenn es warm ist und die Sonne scheint.“

Verena ist Optimist:

„Da bin ich ganz zuversichtlich.“

***

Die letzten Tage vor den Sommerferien sind in der Schule immer sehr hektisch. Die Abiturienten haben ihren letzten Schultag. Eine ganze Woche lang feiern sie in der Schule. Bei dieser Mottowoche verkleiden sie sich und machen Blödsinn. Es kommt immer wieder vor, dass es dabei in einigen Schulen zu Ausschreitungen kommt, so dass die Polizei gerufen werden muss.

Nach den Abiturprüfungen erhalten die Schülerinnen und Schüler auf einer großen Schulfeier ihre Abiturzeugnisse. Zusammen mit den Eltern organisiert die Schule danach ein großes Abiturfest. Auch Verena und Tobias müssen an diesen zusätzlichen Terminen tagsüber und auch abends teilnehmen.

Eine Woche vor dem Beginn der Sommerferien wird es zum Glück etwas ruhiger in der Schule. In Zeugniskonferenzen werden die letzten Zensuren festgelegt.

***

Sven und Carolina haben ihren Schulfreunden rechtzeitig vor der Geburtstagsfeier die Einladungen gegeben. Beide freuen sich auf die Planwagenfahrt und das Grillen an der Ems.

Der Wetterbericht hat passend zur geplanten Fahrt für das ganze Wochenende sonniges, warmes Wetter angesagt.

Am Samstag, dem 02. Juli scheint schon morgens die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Ein paar kleine, weiße Wolken lösen sich schnell auf. Genau dieses schöne Sommerwetter hat sich Tobias für Sven und die Kinder zum Ausflug mit dem Pferdewagen am letzten Samstag vor den Ferien gewünscht.

Wie verabredet kommen nachmittags ab halb drei nach und nach die Schulfreunde von Sven und Carolina zum Haus der Familie Stromberg. Fast alle Kinder wohnen in Hahnbeck nicht weit entfernt vom Haus der Familie Stromberg.

Tobias hat an diesem herrlichen Sommertag schon morgens die Gartenmöbel und den großen Sonnenschirm auf der Terrasse aufgestellt.

In kurzen Abständen schellt die Klingel an der Haustür. Verena ist voll damit beschäftigt, zusammen mit Carolina die Kinder herein zu lassen. Sie zeigt ihnen, dass sie sofort über die Diele durch die offene Tür zur Terrasse gehen können.

Dort hat Sven alle Hände voll zu tun, die Gratulationen und Geschenke der Freunde anzunehmen. Sein Vater Tobias hilft ihm dabei.

Um drei Uhr steht wie verabredet der Pferdewagen auf der Kötterstraße und wartet dort, weil das Gespann in der engen Sackgasse der Wohnstraße nicht wenden kann. Neben dem Kutscher, dem Bauer Bollhoff, sitzt ein etwa zwölf Jahre altes Mädchen vorne auf der Bank des Kutschers. Sie springt vom Wagen, geht die Straße entlang und kommt zum Haus der Familie Stromberg. Verena hat das Mädchen schon von der Haustür aus gesehen:

„Komm rein“, sagt sie zu ihr. „Wir sind soweit fertig und können gleich losfahren.“

„Mein Opa wartet dort hinten mit den Pferden. Er kann hier in der engen Sackgasse nicht wenden“, erklärt das Mädchen.

Tobias und einige Jungen nehmen die drei bereitstehenden Kisten Wasser, Orangensaft und Cola und tragen sie zum Pferdewagen. Verena hat die Grillwürste und die Brot- und Gebäckzutaten in mehreren Tüten und Taschen verstaut. Alles zusammen tragen die Kinder zum Planwagen.

Nach wenigen Minuten sitzen alle Kinder auf den beiden langen Holzbänken, die seitlich rechts und links im Wagen angebracht sind. Bauer Bernhard Bollhoff begrüßt von seiner Kutscherbank aus Tobias, Verena und die Kinder. Dann gibt er mit den Zügeln seinen Pferden das Zeichen, loszufahren. Sehr langsam setzen sich die beiden Pferde in Bewegung als ob sie genau wüssten, dass es noch ein langer, warmer Tag wird.

Der Kutscher, Bauer Bollhoff, lenkt das Gespann von der Kötterstraße aus direkt auf den gut ausgebauten Radwanderweg, der von Hahnbeck nach Telgte führt. Vorbei an einem Bauernhof geht die Fahrt durch die münstersche Parklandschaft mit kleinen Kieferwäldern, Hecken, Wiesen und Kornfeldern entlang dem Übungsgelände der Bundeswehr.

Noch sitzen die meisten Kinder ruhig auf der Bank auf ihren Plätzen und genießen die Pferdewagenfahrt. Ganz vorn sitzt Verena und an der hinteren Klapptür achtet Tobias darauf, dass nichts passieren kann.

Nach einiger Zeit fragt Tim Herrn Bollhoff: „Kann ich vorne neben Ihnen auf dem Kutschbock sitzen?“

Bernhard Bollhoff hält schweigend die Zügel in der Hand. Nach einer Pause nickt er:

„Wenn Frau Stromberg nichts dagegen hat, kannst du hier neben mir und Jasmin sitzen.“

Verena überlegt. Sie schätzt Jasmin auf zwölf Jahre alt. Sie ist wohl seine Enkeltochter.

„Wenn du ruhig dort sitzen bleibst, bin ich einverstanden“, sagt Verena zu Tim.“

Sofort ruft Kemal: „Ich will auch vorn beim Kutscher sitzen.“

„Jetzt sitzt dort erst einmal Tim. Ihr könnt euch ja nach einiger Zeit abwechseln“, erklärt Verena.

Kaum hat sich Tim neben Herrn Bollhoff gesetzt, fragt er ihn:

„Wie heißen die Pferde?“

Statt ihres Opas antwortet Jasmin: „Die Stute heißt Lisa und der Hengst Max.“

„Und wer ist von den beiden ist Max?“

„Auf der rechten Seite, der hellbraune, das ist Max. Lisa ist etwas dunkler als Max und hat auf dem Hals schwarze Haare“ antwortet ihm Jasmin.

Tim ist stolz, dass er vorne beim Kutscher sitzen darf. Er nimmt sein Handy und fotografiert von seinem Sitz aus die beiden Pferde. Das Foto sendet er sofort an seine Eltern und Freunde.

Ruhig und zufrieden sitzt Tobias ganz hinten auf der Bank und genießt die beschauliche Fahrt. Die beiden Pferde haben es nicht eilig. Schritt für Schritt ziehen sie den Wagen durch die Landschaft.

Während er so da sitzt und die Seele baumeln lässt, erinnert er sich daran, dass seine Eltern ihm und seinen Geschwistern früher erzählt haben, dass sie als Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg oft von ihrer Wohnung in der Innenstadt Münster aus mit ihren Eltern Radtouren nach Hahnbeck und zur Ems nach Ringemann, einer Gastwirtschaft bei Dorbaum, gemacht haben. Sein Opa hat auf diesen Radtouren ab und zu vom Lupusheim an der Bahnstrecke MünsterOsnabrück gesprochen. Sie sind nie zu dem Heim gefahren, weil sein Opa damals gesagt hat, dass dort ganz arme Menschen mit schweren Hautkrankheiten und entstellten Gesichtern leben. Heute weiß Tobias, dass das die heutige Fachklinik Hornheide ist.

Sein Opa hat ihm auch erzählt, dass das jetzige Übungsgelände der Bundeswehr im Krieg ein Fliegerhorst und Flugplatz für Militärflugzeuge war. Von hier aus starteten die Jagdflugzeuge zu ihren gefährlichen Kampfeinsätzen.

Jetzt, siebzig Jahre nach dem Krieg, sieht man nicht mehr viel davon. Das ganze Gelände ist heute ein riesiges Naturschutzgebiet.

Schnaufend ziehen Max und Lisa den Planwagen mit den Kindern durch die Landschaft. Es ist warm. Es weht kaum ein Lufthauch.

„Müssen die Pferde nichts trinken?“ fragt Tim den Bauern Bollhoff.

„Wenn wir gleich an unserem Hof vorbeikommen, bekommen sie Wasser“, antwortet er.

„Es ist nicht mehr weit“, erklärt Jasmin. „Bis dahin schaffen sie es wohl noch.“

Zum Glück verläuft der Radwanderweg ab und zu durch kleine Waldstücke. Dort ist angenehm kühler Schatten.

Auf diesem Weg gibt es fast keinen Autoverkehr. Nur die Anlieger der umliegenden Höfe dürfen hier mit dem Auto fahren. Aber viele Radfahrer überholen oder begegnen dem Planwagen.

Gerade viele alte Menschen fahren hier in kleinen Gruppen ihre Radtouren. Schnell und mit verklärten Gesichtern kommen sie näher und rauschen vorbei. Immer mehr der alten Menschen haben E-Räder. Stolz strahlen sie unter den Fahrradhelmen jeden an, den sie sehen. Sie wollen schließlich zeigen, dass sie mit ihrem E-Rad modern und Mainstream sind. Was sie nicht bedenken ist, dass sie den Strom noch immer überwiegend von Atom- und Kohlekraftwerken beziehen. Sie würden der Umwelt einen großen Gefallen tun, wenn sie ihr Fahrrad mit der eigenen Muskelkraft bewegen würden und nicht mit Strom.

Tobias ist froh, dass der Pferdewagen so ruhig und gemächlich rollt. Er hat den Eindruck, dass viele Fahrradfahrer das neue Tempo der elektrisch unterstützten Räder nicht beherrschen. Aber sie finden es wichtig, das mitzumachen, was alle tun und mit dem Strom zu schwimmen, auch wenn sie solche E-Räder eigentlich gar nicht brauchen. Der Fahrradhelm gehört selbstverständlich zu ihrer fahrradgerechten Ausstattung. Er kann schließlich bei der Fahrt durch die Natur ein Leben retten, wenn vielleicht mal ein Baum umfällt oder ein Lastwagen den Radwanderweg entlang fährt und einen Radfahrer überrollt.

An einer Wegegabelung lenkt Bauer Bollhoff das Gespann in den Weg zu seinem Hof. Die beiden Pferde kennen den Weg und wissen, dass es dort für sie erst einmal eine Pause gibt.

Endlich stehen sie im Schatten. Jasmin und Bauer Bollhoff holen zwei Blecheimer mit Wasser. Inzwischen kommt aus dem Wohnhaus noch ein anderes Mädchen. Sie ist etwas älter als Jasmin. Beide helfen ihrem Opa, die Pferde zu versorgen.

„Hier Carmen, nimm du meinen Eimer“, sagt Bauer Bollhoff. „Dann kann ich den beiden etwas Kraftfutter geben.“

Tobias beobachtet die ganze Zeit, wie die drei als eingespieltes Team die Pferde versorgen. Er hat seine Kamera dabei und fotografiert das Ganze. Er vermutet, dass Carmen und Jasmin Schwestern sind. Beide tragen zu ihren alten Jeanshosen einfache, verwaschene T-Shirts, farblich irgendetwas zwischen blau, grau und anthrazit.

Carmen ist allerdings nicht so, wie es ihr Name vermuten lässt. Sie wirkt so gar nicht graziös oder spanisch. Vielmehr ist sie ein typisches, deftiges westfälisches Mädchen mit blonden Haaren, das kräftig auf dem Hof mit anpacken kann. Tobias schätzt sie auf vierzehn Jahre alt und ihre Schwester Jasmin auf dreizehn.

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