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Die Tote auf dem Opferstein

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Nachwort

Quellen

Leseprobe aus "Die Wächter von Marstrand"

 

»Die Tür zur Vergangenheit lässt sich nicht ohne Knarren öffnen.«

 

Alberto Moravia

1

Hoch oben auf Marstrandsön thronte die Festung Carlsten über der salzigen Ostsee. Die grauen Steinmauern wurden langsam von der Septembersonne erwärmt, und die Schatten wanderten wieder über den Burghof. Weinrot blühendes Heidekraut suchte sich einen Weg zwischen sämtlichen Spalten in den Felsen von Bohuslän und bildete in der grauen Steinlandschaft ein unregelmäßiges Muster.

Beim Opferstein im Opferhain, zweihundert Meter von Tor 23, dem Eingang zur Festung Carlsten entfernt, kniete eine Frau in einem bodenlangen Leinenkittel, einer Weste und mit einem Ledergürtel um die Taille. In dieser Position befand sie sich nun schon seit rund acht Stunden. Der südwestliche Wind frischte auf und ließ das Buchenlaub oberhalb der Stelle rascheln, wo ihr Kopf hätte sitzen müssen. Vor dieser Nacht war Hunderte von Jahren kein Blut mehr auf dem Opferstein geflossen.

 

Klasse 9a von der Fiskebäcksskolan Västra Frölunda marschierte verhältnismäßig geordnet zur Festung von Marstrand hinauf. Rechts und links des steilen Weges lagen Holzhäuser.

Es war bereits halb zehn an diesem sonnigen, aber auch etwas windigen Freitagmorgen, dem achtzehnten September. Die Festung öffnete erst um elf, aber Rebecka und Mats hatten den Ablauf minutiös geplant. Mit siebenundzwanzig Jugendlichen im Schlepptau war das absolut notwendig. Sonst konnte alles Mögliche passieren.

 

»Okay, alle mal hergehört. Hier ist der Eingang zur Festung. Sie heißt ja nicht Festung Marstrand, sondern Festung Carlsten. Der Name kommt daher, dass König Carl Gustav X. ihren Bau anordnete. Carls Steine, Carlsten. Ihr erinnert euch vielleicht, dass Bohuslän 1658 schwedisch wurde …«

»Der Frieden von Roskilde«, sagte einer der Schüler.

»Genau«, erwiderte Rebecka. »Der Frieden von Roskilde beinhaltete, dass Bohuslän und Marstrand an Schweden fielen. Nun ist es so, dass die Lage von Marstrand sehr wertvoll war und ist. Hat jemand eine Ahnung, warum?« Unter den Schülern wurde es still. »Denkt daran, dass man sich damals häufig auf dem Wasser fortbewegt hat …«, fuhr Rebecka fort und nahm den einzigen Schüler dran, der sich meldete.

»Der Hafen?«, kam es zögerlich.

»Gut. Der Hafen war äußerst wertvoll. Einerseits hat er zwei Einfahrten, aber es hat auch damit zu tun, dass der Hafen aufgrund der Strömungen fast nie zufriert … Die Festung öffnet um eins. Ich erwarte euch dann pünktlich vor Tor 23. Und niemand geht vorher hinein.«

»Ja, aber …«

»Kein Aber. Alle warten, bis entweder Mats oder ich da sind. Verstanden?« Sie räusperte sich und sprach mit ihrer besten Erzählstimme weiter. »Wisst ihr noch, dass wir im Unterricht gestern über die Steinzeit und Siedlungen aus der Vorzeit gesprochen haben?«

Einige Schüler nickten zerstreut. Lebhaft begann Rebecka, Siedlungen, Riten, Rituale und die Menschen zu beschreiben, die einst über denselben Boden gestapft waren, auf dem sie jetzt standen. Die Schüler lauschten interessiert, und einige hoben sogar die Füße und betrachteten die Erde unter sich. Langsam arbeitete sie sich chronologisch vorwärts, bis sie schließlich bei der Zeit angelangt war, in der man die Festung erbaut hatte. Wohl wissend, dass die Ankündigung von Geheimgängen und Gefängniszellen die Schüler besonders aufhorchen lassen würde, hielt sie an dieser Stelle inne.

Nachdem sie einen Blick auf die Liste mit den Arbeitsgruppen geworfen hatte, öffnete sie ihren grünen Fjällräven-Rucksack und teilte die Schüler in Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben ein. Sie stattete jeden von ihnen mit einem Klarsichtordner verschiedenen Inhalts aus. Streithähne hatte sie sorgfältig getrennt und somit zumindest theoretisch dafür gesorgt, dass es funktionieren konnte.

Jede Gruppe erhielt eine Karte der Umgebung sowie eine vergrößerte Abbildung des Gebiets zwischen der Festung und dem Lotsenausguck auf der Anhöhe gleich nebenan. Der Ort war mit Bedacht gewählt worden: eine Ansammlung von alten Pfaden, die hier zusammenliefen, und ein Buchenhain mit dem sagenumwobenen Opferstein.

In ausgelassener Stimmung stiegen die Schüler den grasbewachsenen Hügel hinauf und verschwanden aus ihrer Sichtweite. Rebecka hatte sich gerade hingesetzt und von ihrem Schinkenbrot abgebissen, als sie eine Person im Stimmbruch laut schreien hörte.

»Ah ja«, sagte sie zu Mats. »Wie lange hat es gedauert?«

»Bleib sitzen. Ich geh nachsehen.« Mats stand auf, reichte Rebecka seinen Kaffeebecher und verschwand mit großen Schritten.

Rebecka überblickte die Umgebung. Sie saß auf einem der höchsten Punkte Marstrands, und die Aussicht war überwältigend. Koön im Osten, ein Stück weiter südlich der Albtrektsunds Kanal, ein offener Horizont im Westen, und im Norden auf der Insel Hamneskär erstrahlte rot der frisch gestrichene Leuchtturm Pater Noster.

»Du kommst besser auch, Rebecka.«

Mats kam zurückgerannt. Der Schreck war ihm ins Gesicht geschrieben. Rebecka stellte die beiden Becher ins Gras und stand hastig auf.

Åkerström, Trollhättan, Spätsommer 1958 Die geschlossene Tür

Ein magerer, kleiner Junge mit ungewaschenem Haar und zerrissenen Kleidern saß auf der untersten Stufe der Kellertreppe. Die geschlossene Tür hinter sich beachtete er gar nicht mehr. Er hatte schon lange die Hoffnung aufgegeben, dass sie sich eines Tages öffnen würde. Er starrte ins Leere oder vielleicht auf die dicke Mauer.

Es roch muffig, und durch die schmutzigen Kellerfenster drang nur gedämpftes Tageslicht. Außer an den Stellen, wo der Wind hereinblies, waren die Fensterrahmen von einer dicken Staubschicht bedeckt. Von der Decke hing eine nackte Glühlampe.

Oben hörte er seine Schwestern zanken und lachen. Fröhliche Füße rannten vom Hausflur in die Küche. An den Schritten hörte er, wer es war und wo sich die Personen befanden. Es war eine andere Welt. Eine Welt aus Licht und klaren Farben. Wo er sich befand, war fast alles grau und braun. Vor drei Tagen war er, ohne es zu wissen, sechs Jahre alt geworden. Zwei dieser Jahre hatte er im Keller zugebracht.

 

Die alte Frau Wilson besaß einen der gepflegtesten Gärten auf Marstrandsön. Er lag hinter dem weißgestrichenen Gartenzaun an der Kreuzung von Hospitalsgatan und Kyrkogatan. Als passionierte Gartenliebhaberin und ehemalige Besitzerin einer angesehenen Gärtnerei in Southampton an der Südküste Englands, wo sie und ihr verschiedener Gatte achtundzwanzig Jahre gelebt hatten, legte sie Wert darauf, immer etwas zu bieten zu haben, das Passanten zum Stehenbleiben und Staunen brachte. Im Frühling stahl der Kirschbaum mit seiner prächtigen rosa Blüte allem anderen die Schau, im Sommer waren es die Pfingstrosen und die atemberaubenden Stockrosen an der Hauswand. Im Spätsommer und Herbst verströmten die Rosen ihren bezaubernden Duft über den Gartenzaun und ließen die Leute auf der Straße behaglich seufzen. Das bereits im Jahre 1701 erbaute Haus gehörte zu den ältesten und kleinsten auf der Insel, doch der Garten war dafür umso größer. Im Volksmund wurde er die »Perle« genannt, und auch in den Broschüren der Touristeninformation war er abgebildet.

Am anderen Ende des Gartens standen zwei Stühle im Schatten eines riesigen Apfelbaums. Die Nachbarn im Haus hinter dem von Frau Wilson hatten lange versucht, den Apfelbaum loszuwerden, weil er ihnen einen Großteil ihres Meerblicks nahm. Sie hatten mit der alten Dame darüber gesprochen, doch die Antwort lautete: »Ein Baum braucht fünfzig Jahre zum Wachsen, aber es dauert nur zwanzig Minuten, ihn zu fällen.« Damit war die Sache für Frau Wilson erledigt. Nur ein kleines Stück des Gartens hatte sie unangetastet gelassen. Das war das Fleckchen zur Kirche hin. Im Mittelalter hatte es neben der Kirche ein Franziskanerkloster gegeben, und an dieser Stelle hatten die Mönche einen Garten mit Heil- und Würzkräutern gepflegt. Ein alter gepflasterter Weg, in dessen Ritzen sich nach Äpfeln duftende römische Kamille und schwarze Veilchen ausbreiteten, führte dorthin. Roter Sonnenhut, Alraune und Nachtviolen hießen die Besucher willkommen, bei denen es sich oft um Schmetterlinge und die schwarze Katze des Nachbarn handelte, die sich wollüstig auf den sonnenwarmen Steinplatten räkelte.

Unkraut hatte sich von diesem Teil des Gartens auf fast merkwürdige Weise ferngehalten, und daher ließ ihn Frau Wilson, zumal sie ihn als Erbe eines der Vorbesitzer betrachtete, in Ruhe. Die Pflanzen waren schon da gewesen, als sie und ihr Mann das Haus gekauft hatten. Die Robustheit des Rosmarinbuschs in Kombination mit der Tatsache, dass sich die Kugelsamige Platterbse und das Basilikum hier so wohl fühlten, verblüffte sie noch immer. Die Pflanzen standen zwar an der Südseite und im Schutz der Kirchenmauer, aber trotzdem. Die Platterbse war eine botanische Sensation gewesen, als man sie so hoch oben im Norden entdeckt hatte. Das Basilikum brauchte eigentlich Unmengen von Licht und hätte in dem alten Klostergarten eigentlich nicht so gut gedeihen dürfen. Es säte sich jedoch jedes Jahr aufs Neue von selbst aus und benötigte keine Pflege. Die Geschichte der Pflanzen amüsierte Frau Wilson, vor allem die des Basilikums. Es hatte im Mittelalter eine düstere Phase durchgemacht und das Böse repräsentiert. In den Gehirnen von Menschen, die daran gerochen hatten, konnten Skorpione wachsen, wurde behauptet.

Normalerweise holte Frau Wilson die Zeitung, bevor sie frühstückte, aber an diesem Morgen war sie zeitig auf den Beinen gewesen und hatte sich nach dem Frühstück zwei ihrer Spezialcocktails gemixt. Die eine Mischung war ein nährstoffreicher Sud aus Nesseln und die andere ein giftiges Gebräu, das Blattläuse und anderes Ungeziefer von den Rosen fernhielt. Die Ingredienzien der letzteren waren seit langem verboten, und die Totenköpfe auf den alten Kanistern im Schuppen ließen keinen Zweifel daran, dass ihr Inhalt mit größter Versicht zu behandeln war.

Frau Wilson band sich die abgetragene Schürze um und steckte die Gartenschere ein, bevor sie sich den Strohhut aufsetzte und hinaus auf die Steintreppe trat. Dort blieb sie eine Weile genüsslich stehen, jedenfalls bis sie den Gegenstand erblickte, der auf dem Pfosten steckte, an dem sich die Duftwicken und die preisgekrönten englischen Rosen hinaufrankten.

Ein Kopf mit langem, angegrautem Haar, das im Wind wehte. Wo sich einst die Nase befunden hatte, klaffte ein Loch.

 

Kriminalkommissarin Karin Adler saß barfuß auf einem Gneisfelsen und blickte über den glitzernden Fjord von Marstrand. Bohuslän ist einfach unschlagbar, dachte sie. Nichts berührte sie so wie das Rauschen der Wellen, der Wind in ihrem Haar und die in Jahrtausenden glattgeschliffene sonnenwarme Klippe unter ihr. Dazu der Duft nach Salz und Tang. Das Gefühl war überwältigend, fast religiös. Sie steckte sich die Ohrhörer in die Ohren und suchte auf ihrem Handy eins ihrer Lieblingslieder von Evert Taube heraus.

 

Graublauen Wogen gleich rollen Bohusläns Hügel einsam und majestätisch zum Meer ...

 

... wo der Wind weht von der Doggerbank und den Duft von Tang und Salz und Abenteuer mit sich führt …

 

Vor allem diese Zeile mit dem Abenteuer liebte sie. Jedes Mal, wenn sie den Motor ihrer Andante anließ, wurde sie von dem Gefühl erfüllt, hinaus aufs offene Meer zu fahren und sich auf den Weg zu neuen Möglichkeiten zu machen. Es war kein schneller Segler, sondern ein ausdauerndes Boot, auf das man sich in fast jedem Wetter verlassen konnte. So wie alles auf diesem Schiff und jede Einrichtung an Bord waren auch die Stagen und Wanten, die den Mast an Ort und Stelle hielten, ein wenig überdimensioniert. Die Andante war für alles gerüstet. Die Besatzung dagegen war das schwächere Glied.

Karin war mehrmals über die Nordsee nach Schottland gefahren und kannte das von Angst durchsetzte Entzücken, das diese Reisen hin und wieder mit sich brachten. Wenn die Dunkelheit hereinbrach und der Wind immer mehr zunahm, wenn eine steife Brise im Anmarsch war und sie inständig hoffte, dass die Wettervorhersage falschlag, was allerdings selten der Fall war. Da draußen war man seinem eigenen Können und dem Wetter restlos ausgeliefert. Doch damals waren sie zu zweit an Bord gewesen und hatten abwechselnd gesegelt und geschlafen.

Während sie die Abfahrt vorbereitete, ließ Karin den alten Motor, einen alten dieselbetriebenen Penta MD2B, immer eine Weile laufen und warm werden. Wenn man zu zweit war, konnte man immer den anderen bitten, die Leinen loszumachen und die Fender und das Tauwerk einzuholen. War man allein, war eine andere Art von Vorbereitung nötig. Sie blickte immer auf den Verklicker am Masttopp, um sich einen Eindruck von der Windstärke zu verschaffen und zu sehen, in welche Richtung das Wasser floss. Die laminierte Seekarte war aufgeschlagen und lag an ihrem Platz im Cockpit. Das GPS war eingeschaltet, und am UKW-Seefunkgerät war Kanal 16 eingestellt. Im Inneren des Bootes war alles aufgeräumt und verstaut. Nichts konnte auf den Boden fallen und kaputtgehen, falls es mal etwas schaukelte oder das Boot beim Segeln krängte. Vorne im Bug war die Koje gemacht, das Geschirr in der Pantry war abgewaschen und sicher in den Schapp aus Teak verstaut. Alles musste an seinem Platz sein, das war das ganze Geheimnis.

 

… und kam nach Långevik, der Kapitän Herr Johansson, der die Schaumkronen leid ist und sich um seine Apfelbäume und den Flieder kümmert und den Kräutergarten rings um sein Tusculum.

 

Bei den Strophen über den Kapitän, der an Land gegangen war, musste sie fast immer an Göran denken, ihren Exfreund. Er hatte als Kapitän gearbeitet und tat das, soweit sie informiert war, noch immer. Aber die Regel, dass man nach sechs Wochen Dienst sechs Wochen an Land verbrachte, hatte der Beziehung letztendlich den Garaus gemacht. Karin hatte getan, was sie konnte, um freie Tage zusammenzukratzen und ihn auf dem großen weißen Frachter zu begleiteten, sooft sich die Möglichkeit ergab. Immer wenn sie auf der Brücke stand, wurde ihr bewusst, wie gut der Beruf des Kapitäns zu Göran passte, und dann kam es ihr ungerecht vor, dass sie ihn dazu bringen wollte, einen Beruf aufzugeben, der ihm solchen Spaß machte. Aber die häufigen Trennungen hatten an ihren Kräften gezehrt, sie hatte gespürt, wie die am Anfang so heiße Liebe jedes Mal ein bisschen mehr verloschen war, so als lebte man zwei völlig verschiedene Leben.

Da das Boot ihr gehörte, war Karin auf die Andante gezogen, und Göran hatte die Wohnung behalten, die passenderweise neben dem Schifffahrtsmuseum in Göteborg lag.

Die Leidenschaft fürs Segeln hatten sie geteilt. Göran und sie hatten lange Törns nach Schottland, zu den Orkneys und den Shetlandinseln gemacht. Die langen Sommerferien hatten sie für diese weiten Fahrten genutzt, während sie im Frühling und im Herbst in Bohuslän geblieben waren. Diesen Sommer hatte Karin jedoch in Bohuslän verbracht. Mit Hilfe der abgegriffenen Seekarte ihres Vaters, auf der zahlreiche rote Markierungen und Notizen anzeigten, wo man einfahren konnte, obwohl die Karte etwas anderes behauptete, hatte sie viele Stellen mit wilden Erdbeeren entdeckt. Hier saß sie nun an ihrem letzten Urlaubstag und war tatsächlich zufrieden. Braungebrannt und voller neuer Eindrücke.

Gute Freunde hatten angeheuert und waren ein Wochenende mitgesegelt. Karins abenteuerlustige Großmutter Anna-Lisa hatte trotz ihrer achtzig Jahre ihr Bündel gepackt und sie eine ganze Woche begleitet. Karins Mutter war dazu eine Menge eingefallen. Aber abgesehen von den Gastspielen der Freunde und der Großmutter war sie allein an Bord der Andante gewesen und hatte sich dabei wohl gefühlt. Sie hatte dadurch genug Zeit, über den Fall nachzudenken, mit dem sie im Frühjahr befasst gewesen war und der sie in gewisser Weise nach Marstrand geführt hatte. Sie hatte zufällig dort angelegt und sich in dem alten Badeort mit den Kopfsteinpflastergässchen und den hübschen Holzhäusern schließlich zu Hause gefühlt. So sehr, dass sie nun hierher zurückgekehrt war, um das Boot im Herbst hier liegen zu lassen und von dieser Basis aus zur Polizeiwache nach Göteborg zu pendeln.

Das vertraute Signal des Dampfers Bohuslän ließ sie eine Weile die Augen schließen und sich ihren Gedanken hingeben. Wie anders es hier vor hundert oder zweihundert Jahren ausgesehen haben musste. Die Landschaft Bohusläns hatte sich wirklich verändert. Mit Wehmut betrachtete sie die blank polierten Schiffe an den Kais. Postkartenschöne Häuser so weit das Auge reichte, Vorhänge von Tricia Guild und Laura Ashley, aber Netze, Reusen und Kescher hingen höchstens noch zur Dekoration an den Bootsschuppen.

Das Klingeln ihres Mobiltelefons riss sie aus ihren Gedanken. Die Arbeit, stellte sie fest, als sie die Nummer auf dem Display sah, aber erstaunlicherweise war ihr das gar nicht mal unangenehm.

»Ich weiß, du hast heute eigentlich noch Urlaub, aber … wo bist du?«, begann ihr Kollege Robban.

»Ich sitze barfuß auf einer Klippe und schaue aufs Meer. Und ausgerechnet da musst du mich stören.«

Robban räusperte sich. Ohne wichtigen Grund hätte er nicht angerufen.

»Spaß beiseite, Robban, was ist passiert?«, fragte Karin.

»Wir haben zwei Notrufe aus Marstrand bekommen. Der eine betraf eine Leiche ohne Kopf, die oben bei der Festung von einer Schulklasse gefunden wurde, und der andere kam von der Nachbarin einer älteren Dame, die den Kopf in ihrem Garten gefunden hat. Ich dachte, wenn du sowieso gerade in Marstrand wärst, du wolltest doch das Boot dort wieder anlegen …« Als Robban verstummte, konnte Karin im Hintergrund eine zweite Person reden hören.

»… nicht wärst, sondern bist. Sie ist in Marstrand.« Die Stimme gehörte Folke, der sich selbst zum Sprachwächter seiner Kollegen auserkoren hatte, was allerdings wenig Anklang fand. Karin lächelte.

»Begleitet dich Folke nach Marstrand?«, fragte Karin.

»Nein, ich komme allein, weil er leider zum Arzt muss.« Robban war die Zufriedenheit darüber anzumerken, dass Folke verhindert war.

»Melde dich, wenn du an Kungälv vorbeifährst, dann treffen wir uns an der Fähre.« Karin zog sich die Schuhe an.

Beinahe wäre sie über einen windgepeitschten Wacholderbusch gestolpert, der seine Wurzel in einen Felsspalt krallte. Er sah erstaunlich grün und gesund aus. Zäh, dachte Karin. Wenn die Herbststürme aufkamen, würde der Marstrandsfjord auch ihn mit dem Salzwasser bedenken, das dann die Klippen hochspritzte. Eher herb als süß. Der Wacholder erweckte den Eindruck, als breitete er sich aus, um nach einem besseren Halt zu suchen. Wie sie selbst, dachte Karin. Ein wenig haltlos, aber in verhältnismäßig gutem Zustand. Eher herb als süß.

Sie drehte sich ein letztes Mal um und blickte über das verspielte Glitzern auf dem Fjord, bevor sie zurück zum Hafen ging.

Åkerström, Trollhättan, im Spätsommer 1958

Es war schon später Nachmittag, aber er hatte noch immer nichts zu essen bekommen. Er hatte noch einen aufgesparten Kanten Brot vom Vortag, oder war es der Tag davor? Er weichte ihn in seinem Wasserbecher ein, bis die Rinde nicht mehr so hart war.

Oben waren den ganzen Tag keine Schritte zu hören. Wie lange sie wegblieben. Sie würden doch bald nach Hause kommen? Niemand sonst wusste, dass im Keller ein kleiner Junge war, der Essen brauchte. Er würde hier unten sterben, wenn ihnen etwas zustieß. Vielleicht würde er sowieso hier unten sterben. Er stieg die steile Treppe hinauf und rüttelte an der Tür. Dass sie verschlossen war, wusste er, bevor er die Klinke berührt hatte. Die Phasen, in denen er eingesperrt wurde, waren immer länger geworden, aber in einem Winkel seines Herzens hoffte er noch immer, dass die Frau dort oben, zu der er nicht »Mutter« sagen durfte, sondern die er »die Frau« nennen musste, ihn eines Tages aus dem Gefängnis herauslassen würde.

Er nahm eins der Bücher zur Hand, dessen Bilder er seit langem auswendig kannte. Die Bücherkiste, die von einem früheren Besitzer hier vergessen worden war, war ein Schatz für ihn. Eine ganze Kiste voller Schul- und Kinderbücher, ein Nachschlagewerk von A bis P, das in Leder eingebunden war. Einige Seiten waren von der feuchten Kellerluft fleckig geworden, waren aber immer noch gut lesbar. Er strich mit der Hand über Olle, der durch den Wald lief und Blaubeeren pflückte. Blätterte um und sah, wie der Junge nach Hause kam. Seine Mutter umarmte ihn. Lange betrachtete er dieses Bild. Das Lächeln der Mutter und Olles rote Wangen. Langsam klappte er das Buch zu und legte es beiseite. Draußen hatte es zu dämmern begonnen. Er rollte sich auf der dünnen Matratze des Feldbetts zusammen und zog die Decke über seinen mageren Körper.

 

Der Platz wurde Opferhain genannt und lag hoch oben auf der Insel, genau zwischen der Festung und dem Lotsenausguck. Der Opferstein war ein fast quadratischer grauer Stein, bedeckt von blassgrünen Flechten. Einen guten Meter breit und fast ebenso hoch. Er befand sich direkt neben dem Weg, der auf der südlichen Seite zum Wasser hinunterführte. Abgesehen von der eigentümlichen Kerbe, die wie ein flacher, V-förmiger Graben über die Oberseite verlief, war der Stein eigentlich recht unansehnlich.

Kniend lehnte die Frau an dem Stein. Seine gesamte Oberseite war voller Blut, und über die Kerbe war das Blut an beiden Seiten den Stein hinunter und auf die Erde geflossen. Die blassgrünen Flechten bildeten kleine Inseln in all dem Rot.

»Ausgerechnet so zu sterben …« Karin brachte den Satz nicht zu Ende.

»Die Kleidung«, sagte Robban. »Sie ist offensichtlich für einen bestimmten Anlass gekleidet. Als bestünde ein Zusammenhang zwischen der Todesart und ihrem Aufzug.«

Karin musterte das lange Kleid und die Weste darüber.

»Wir müssen auf der Festung fragen, wie deren Guides herumlaufen. Vielleicht ist die Frau eine von ihnen.« Sie betrachtete das Kleid genauer. »Das ist Leinen, würde ich tippen, aber das Gewand muss eine Spezialanfertigung sein.«

Karin und Robban sahen sich um. Die Stelle war erstaunlich gut hinter grünem Laubwerk versteckt. Selbst von dem größeren Fußweg zwischen Festung und Lotsenausguck war die Frauenleiche nicht zu sehen. Robban zückte seine Digitalkamera.

»Jerker wird durchdrehen«, sagte Karin. Robban nickte. »Wir müssen hier und an der Stelle, wo der Kopf gefunden wurde, schnell alles absperren lassen.« Normalerweise näherten sie sich einem Tatort vor dem Eintreffen der Techniker äußerst vorsichtig, aber in diesem Fall war bereits eine ganze Schulklasse hier herumgetrampelt.

Zehn Minuten später kamen der Polizeifotograf und die Kriminaltechniker, drei Mann mit Jerker an der Spitze.

»Ich dachte, du hättest Urlaub«, sagte er, als er Karin erblickte.

»Das dachte ich auch«, erwiderte sie und deutete mit dem Daumen auf Robban.

 

Ächzend strich sich Jerker durch das rote Haar. Nicht genug damit, dass die Schulklasse das Gelände verwüstet hatte, sondern die Gerätschaften mussten auch noch per Hand angeschleppt werden, weil man nicht mit dem Auto an den Fundort herankam.

»Wir haben noch eine Adresse hier draußen bekommen.« Jerker blätterte in seinem Notizbuch.

»Stimmt«, sagte Robban, bevor Jerker das Gesuchte gefunden hatte. »Der Kopf der Frau ist in einem Garten gefunden worden. Karin und ich gehen jetzt dorthin. Ihr könnt ja nachkommen, wenn ihr hier fertig seid.«

»Wir sind dabei …«, begann Jerker, wie um zu erklären, dass das, was er und seine Kollegen hier zu tun hatten, eine Weile dauern würde.

»Präzisionsarbeit«, fiel Karin ihm ins Wort. Sie kannte seine Bemerkungen inzwischen auswendig. »Wir wissen es, Jerker. Robban und ich schießen ja nur so ins Blaue, aus der Hüfte, und raten, wer der Täter sein könnte. Und manchmal liegen wir zufällig richtig.« Sie lachte ihr herzhaftestes Lachen.

»Du …«, setzte Jerker zu einer Drohung an, suchte jedoch vergeblich nach einer bissigen Antwort.

»Nein, nein. Stürz dich nicht in ein verbales Match, das du nur verlieren kannst. Drück lieber auf die Knöpfe und dreh an deinen Rädchen.«

»Klingt, als hättest du schöne Ferien gehabt«, erwiderte Jerker schließlich und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

 

»Der Lotsenausguck«, sagte Karin zu Robban, als sie den Pfad zurück zur Festung und zu Tor 23 gingen, wo die Schulklasse und die Lehrer saßen und warteten. »Wir müssen nachsehen, ob der Lotsenausguck besetzt ist. Von dort hat man doch eine gute Aussicht. Man kann garantiert jeden sehen, der auf diesem Weg kommt und geht.«

»Die Sache wird sich in Windeseile verbreiten.« Robban deutete mit einer diskreten Kopfbewegung auf die Schüler, die auf dem Boden hockten und sich gegenseitig ihre Handydisplays hinhielten. »Mittlerweile hat jedes Kind eine Kamerafunktion in seinem Telefon, und es besteht die Gefahr, dass sie die Leiche fotografiert haben. Außerdem haben sie bestimmt längst Mama, Papa und ihre besten Freunde angerufen und ihnen alles brühwarm erzählt. Und wenn sie dazu gekommen sind, zu Hause anzurufen, haben sie wahrscheinlich auch schon die Bilder verschickt.«

Karin nahm an, dass er recht hatte. Sie beratschlagten kurz, welche Taktik sie anwenden sollten, und gingen dann mit entschiedenen Schritten und ernsten Mienen auf das Rudel Jugendlicher zu. Nicht weniger als siebenundzwanzig Schüler saßen im Gras auf dem Festungswall, einige von ihnen telefonierten. Als Karin und Robban sich vorstellten, standen eine dunkelhaarige Frau mit Kurzhaarschnitt und ein großer Mann mit dünnem Haar auf.

»Rebecka Ljungdahl, ich bin … wir sind«, sie deutete auf ihren Kollegen, »die Klassenlehrer der 9a.«

Breitbeinig und mit finsterer Miene baute Robban sich vor den Schülern auf, woraufhin das Gemurmel verstummte. Er sagte seinen Namen und erklärte, dass an diesem Ort ein Verbrechen stattgefunden habe und die Kriminalpolizei nun herausfinden werde, was passiert sei. Er verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und fragte, ob jemand die Leiche fotografiert habe. Keiner der Jugendlichen antwortete. Einige Jungs sahen sich an. Robban ging mit großen Schritten auf sie zu und ließ sich ihre Handys zeigen.

»Guck mal, Karin«, sagte er ein Stück abseits. Auf allen drei Handys, die er zufällig beschlagnahmt hatte, waren Bilder vom Tatort gespeichert. Zudem hatte einer der Jungs bereits eine MMS abgeschickt.

»Leider können wir im Moment nicht viel mehr tun, als den Jugendlichen eine deutliche Ansage zu machen«, sagte Karin zu Robban. »Wir müssen die Handys an uns nehmen und alle Fotos löschen.«

Sie brauchten vierzig Minuten, um alle Mobiltelefone durchzugehen und sich die Namen der Schüler zu notieren, die noch Bilder gespeichert hatten.

 

»Laut Zeugen soll sich der Kopf auf einem Gestell aus Stahl befinden«, teilte Robban mit, als sie die Festung verließen und zwischen den Holzhäusern hindurch zum Hafen hinuntergingen.

»Steckt er da sichtbar?«, fragte Karin, während sie von dem blauen Straßenschild aus Emaille ablas, dass sie nun in die Hospitalsgatan bogen.

»Keine Ahnung, aber es klang so. Der Übeltäter wollte ihn offenbar nicht verstecken, aber wir werden es ja gleich sehen.«

»Übeltäter?«, gab Karin zurück. »Das sagst du sonst nie. Du hast zu viel Zeit mit Folke verbracht.«

»In dem Punkt sind wir uns einig«, antwortete Robban. Er räusperte sich und ahmte Folkes Stimme nach: »Was bedeutet dieses ›im Grunde‹, das du so oft verwendest, eigentlich genau?«

Die Hospitalsgatan war schmal und steil. Auf halbem Weg kamen sie an der weißgestrichenen Schule von Marstrandsön vorbei.

»Wie eine bessere schwarze Piste«, äußerte Karin mit Bezug auf die Neigung, »im Grunde.« Robban musste lachen. Nach weiteren fünfundsiebzig Metern blieb er plötzlich vor dem weißen Holzhaus stehen, das in direkter Nachbarschaft der Kirche an der Kreuzung von Hospitalsgatan und Kyrkogatan stand.

»Was in …?« Hochkonzentriert fixierte Robban einen Gegenstand auf der linken Seite. Als Karin den Blick hob und über die makellos lackierten weißen Zaunlatten blickte, entdeckte sie ein zierliches Gestell, an dem Duftwicken und Rosen hinaufkletterten. Der Umstand, der Robban aufseufzen und Karin den Kopf schütteln ließ, war der, dass irgendjemand ganz oben eine Papiertüte vom Fischgeschäft Feskarbröderna aufgesteckt hatte.

»Möchtest du Jerker mitteilen, dass irgendjemand die Güte hatte, den Kopf vor den Blicken der Allgemeinheit zu schützen, oder soll ich es tun?«, fragte Karin.

»Die Adresse stimmt.« Robban zeigte auf das Keramikschild neben dem Briefkasten. »Wilson« stand darauf.

 

Noch bevor sie angeklopft hatten, ging die Tür auf. Wahrscheinlich hatte die alte Dame hinter dem Vorhang gestanden und die beiden kommen sehen.

»Jaaa?«, fragte die Frau und blickte von Karin zu Robban. »Seid ihr von der Polizei Kungälv?«

»Polizei Göteborg«, erwiderte Robban. »Die Polizei Kungälv hat uns gebeten, die Angelegenheit zu übernehmen.«

»Aha«, antwortete die Frau skeptisch.

Obwohl es Frau Wilson gewesen war, die am Morgen in ihrem Garten die makabere Entdeckung gemacht hatte, wurden sie von der Nachbarin, Hedvig Strandberg, hereingebeten. Sie war auch so umsichtig gewesen, die Papiertüte über den Kopf zu ziehen.

»So ging das ja nun wirklich nicht«, sagte sie, während sie sich mit kritischem Blick vergewisserte, dass die beiden Besucher Schuhe und Jacken auszogen, bevor sie voran ins Wohnzimmer ging. Frau Wilson saß auf dem Sofa. Im Gegensatz zu ihrer Freundin war sie dünn und zart. In gewisser Weise erinnerten die beiden Frauen an Dick und Doof, waren allerdings bei weitem nicht so komisch.

Das Haus hatte niedrige Decken mit freiliegenden lackierten Balken. Im Flur hing ein verzierter goldener Spiegel, der alt und schwer aussah. Das Glas hatte ein spinnenwebartiges Muster. Die Wände im Wohnzimmer waren voller Bilder und eingerahmter Urkunden mit altmodischer Handschrift und roten Siegeln, und in einer Ecke des Raums stand ein brauner Kachelofen mit einem grünen Fleckenmuster.

»Ja …«, begann Hedvig Strandberg. »Ich bin hier draußen auf der Insel geboren, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich kann mich noch an ein Frühjahr erinnern – oder war es Herbst? –, als …« Karin und Robban tauschten Blicke. Unter Aufbietung gewisser Überredungskünste lotste Robban die Nachbarin in die Küche, so dass Karin mit Frau Wilson unter vier Augen sprechen konnte.

»Eine Frechheit ist das«, sagte Frau Wilson schließlich. »Meinen Garten so zu verschandeln. Ein Glück, dass mein Mann das nicht erleben musste.«

Doch, dachte Karin, so kann man das auch sehen.

»Hast du eine Ahnung, wer das getan haben könnte?«, fragte Karin so vorsichtig wie möglich. Frau Wilson atmete hörbar ein, um die Frage zu beantworten, und genau in diesem Moment steckte die Nachbarin, die Karins Ansicht nach Fledermausohren haben musste, den Kopf herein und schnaubte:

»Nein, wirklich nicht!« Hedvig Strandberg warf Karin über den Rand ihrer Hornbrille hinweg einen scharfen Blick zu. »Willst du etwa andeuten, wir wüssten womöglich, wer das …, es handelt sich ja nicht gerade um einen Lausbubenstreich.«

»Natürlich nicht, aber wir müssen diese Frage stellen«, erklärte Robban, der der aufgebrachten Frau gefolgt war, und hob beschwichtigend die Hände.

»Wann bist du gestern ins Bett gegangen?«, fragte Karin Frau Wilson.

»Viertel nach zehn«, kam es wie aus der Pistole geschossen.

»Na ja, als du das Licht ausgemacht hast, war es schon zwanzig nach«, fügte Hedvig Strandberg hinzu, die sich genau gegenüber von Frau Wilson in einem Sessel niedergelassen hatte. Sie machte keine Anstalten, sich wieder in die Küche zu begeben, so dass Robban sich resigniert auf einen dreibeinigen Hocker setzte, den er in einer Zimmerecke gefunden hatte.

»Wenn du meinst«, sagte Frau Wilson in erstaunlich strengem Ton zu ihrer Nachbarin. »Dann eben zwanzig nach, das mag sein. Ich habe den Wecker aufgezogen.«

»Hast du in der Nacht besondere Geräusche gehört?«, fragte Karin.

»Diese Menschen«, murmelte sie nachdenklich.

»Welche Menschen?«

»Sie waren verkleidet. Wie in alten Filmen.«

»Kannst du sie beschreiben? Wann hast du sie gesehen, und wie viele waren es?«

»Gegen sieben Uhr abends«, erwiderte Frau Wilson. »Sie gingen durch die Kyrkogatan, ziemlich viele … fünfzehn vielleicht. Ich glaube, sie waren mit der Fähre gekommen. Sie hatten viel Gepäck und andere Dinge zu schleppen. Eine alte Karre mit Holzrädern. Sie sahen aus, als kämen sie aus einer verschwundenen Zeit. Ich meine, Karren mit Holzrädern sieht man heutzutage ja nicht mehr. Ich dachte, sie würden einen Film drehen.« Frau Wilson blickte ihre Freundin an.

»Dreharbeiten?«, sagte Hedvig Strandberg. »Nein, davon habe ich nichts gehört. Allerdings hat in der Apotheke jemand was von … Wie heißt das noch mal?« Sie durchpflügte ihr Gedächtnis. »Larv«, sagte sie schließlich. »Ich meine, so hieß das.«

»Larv?« Robban machte ein fragendes Gesicht. »Vielleicht meinst du Larp, das ist eine Art Rollenspiel, glaube ich.« Karin zuckte die Achseln, um anzudeuten, dass sie das auch später herausfinden konnten.

»Sie halten sich im Sankt-Eriks-Park auf. Eigentlich wollten sie ja die Festung mieten, aber das durften sie nicht. Die Kommune scheint ansonsten gar nichts mehr abzulehnen, ihr müsst euch bloß mal diese schrecklichen Neubauten hier überall ansehen. Und trotzdem wird ständig behauptet, wir Einwohner von Marstrand seien schwierig.«

»Liegt der Sankt-Eriks-Park auf der Insel?«, fragte Robban. Karin konnte sich auch nicht an einen Park dieses Namens erinnern.

»Eigentlich ist es wohl gar kein Park«, sagte Frau Wilson. »Ich meine einen Park … Was ich als Park bezeichne, ist ja ein garden … Wie heißt das noch mal im Schwedischen …«

In belehrendem Ton und mit einem gelben Bleistift als Zeigestock in der Hand meldete sich Frau Wilsons Nachbarin zu Wort.

»Gustaf Edvard Widell, ein alter, an Gartenbau interessierter Rektor, ließ auf Marstrandsön und Koön zahlreiche Bäume pflanzen. Bohuslän hatte ja einst zu Dänemark gehört und musste den Leuchtturm von Skagen, der damals nur ein großes Feuer war, mit Brennholz versorgen. Das ist einer der Gründe, warum Bohuslän so kahl ist. Dass man mit Feuerholz anheizte, wenn man während des Heringsfangs Tran kochte, ist auch ein Grund. Damit machte man den bohuslänschen Wäldern endgültig den Garaus, wie der Historiker Holmberg im neunzehnten Jahrhundert sagte. Am Ende wurde es verboten, beim Trankochen Holz zu verwenden, man sollte stattdessen Torf nehmen. Es hat tatsächlich Wald gegeben, in Mooren und anderen Stellen hat man alte Baumstümpfe gefunden.«

Sie machte eine Kunstpause. »Nach dem Tod von Rektor Widell im Jahre 1882 wurde in Erinnerung an ihn der Sankt-Erik-Verein gegründet, der die Pflanzungen auf Marstrandsön pflegen sollte. Dieser Verein hat auch den Rundweg um die Insel angelegt, den ihr vielleicht schon gegangen seid?« Da weder Karin noch Robban antworteten, ließ sie die Frage im Raum stehen und fuhr fort. »Der Sankt-Eriks-Park liegt in der Talsenke, die man erreicht, wenn man auf Norden wandert.«

»Auf Norden?«, fragte Robban.

»In nördlicher Richtung, beim Societetshuset und dem Båtellet. Die Nordseite von Marstrandsön«, flocht Frau Wilson hastig ein.

Karin und Robban stellten noch einige Fragen, bedankten sich dann für die Mithilfe und kündigten an, dass ein Team von Kriminaltechnikern auftauchen würde, um zunächst den Garten zu untersuchen und schließlich den Kopf zu entfernen. Frau Wilson hatte ein entsetztes Gesicht gemacht, als Robban ihr erklärte, dass sie nicht in den Garten gehen durfte, bevor die kriminaltechnische Untersuchung abgeschlossen war, und Hedvig Strandberg hatte empört geäußert, das sei ja »ein starkes Stück«.

Als Karin und Robban gingen, standen die beiden Damen deutlich sichtbar am Fenster im Erdgeschoss und blickten ihnen hinterher.

»Wir hätten ihnen vielleicht von … du weißt schon … erzählen sollen …«, begann Hedvig Strandberg, die immer noch den Bleistift in der Hand hielt.

Frau Wilson drehte sich blitzschnell um und fixierte sie mit ihren grauen Augen.

»Wovon redest du, Hedvig?« Ohne die Antwort abzuwarten, machte Frau Wilson auf dem Absatz kehrt und ging in die Küche.

Hedvig verlagerte sorgenvoll das Gewicht von einem Bein aufs andere.

»Nun … von …« Frau Wilson unterbrach ihr Gemurmel mit einer Stimme, die ihr wie eine scharfe Gartenschere das Wort abschnitt.

»Ich habe diese alte Geschichte so satt, meine Liebe, und außerdem kann sie ja unmöglich etwas mit dieser Sache zu tun haben.«

2

Åkerström, Trollhättan, Herbst 1958

Was hatte sich das Mädchen bloß dabei gedacht? Nicht genug damit, dass ihr Tunichtgut von Mann wegen Diebstahls im Gefängnis gelandet war, eines Tages hatte sie auch noch einen Bastard im Bauch. Natürlich hatte sie nichts gesagt, aber Kerstin wusste trotzdem, dass es so war. Der Junge hatte schließlich mit keinem von den anderen die geringste Ähnlichkeit und musste zustande gekommen sein, nachdem Örjan von der Polizei abgeholt worden war. Das hatte Kerstin genau ausgerechnet. Sie schüttelte den Kopf. Was würden die Leute dazu sagen?

Die Mädchen spielten im Hof, und Hjördis saß auf einem Hocker und schälte Kartoffeln. Ihr Kopf war nach vorn gebeugt, und die Haare verbargen teilweise ihr Gesicht. Sie sieht unzufrieden aus, dachte die Mutter, die das erste Kleidungsstück schüttelte und dann auf die Wäscheleine hängte. Es war wahrlich kein Zuckerschlecken gewesen, als sie noch zu Hause wohnte, und somit eine Erleichterung, als sie heiratete und auszog. Die Nachbarn wunderten sich, dass sie einen so erfolgreichen Mann ergattert hatte. Einen Handelsvertreter. Hoffentlich würden sie nie erfahren, dass er ins Gefängnis gekommen war, weil er gestohlen hatte, und dass Hjördis deshalb wieder zu Hause wohnen musste. Witwe hörte sich besser an. Das war zwar keine gute Lösung, aber es gab keine bessere. Essen und Kleidung für drei Kinder. Sie hängte eine kleine graue Hose auf. Vier, wenn man den Unechten mitrechnete.

»Guck mal, Oma!«, rief das jüngste Mädchen. Kerstin nickte nur. Sie wendete den Blick von der Kleinen ab und ließ ihn zu dem schmutzigen Kellerfenster schweifen. Ein kleiner Junge aß wenig und war leicht zu verstecken. Ein größerer Junge brauchte mehr zu essen und noch mehr Platz. Früher oder später würde er die Kellertür selbst aufbekommen, und dann mochte Gott ihnen gnädig sein.

Kerstin hielt mit der Wäsche in der Hand inne. Es gab auch noch eine andere Möglichkeit. Man könnte ihn nach Norwegen auf diesen Hof schicken, wo Hjördis einige Sommer bei der Heuernte geholfen hatte. Das abgelegene Gut lag mitten in Telemark. Ferkel hatten die da auf dem flachen Land genug, aber eigene Kinder hatten der Bauer und seine Frau nie bekommen. Und kostenlose Arbeitskraft in Form von zwei zusätzlichen Händen, die mit anpackten, war immer willkommen. Diese Lösung würde allen zugutekommen.

 

Karin drehte sich um und betrachtete das Haus, das sie soeben verlassen hatten. Es war weiß und lag ganz dicht an der schmalen Straße, so dicht sogar, dass sich die Steinstufen zur Haustür eher auf der Straße als daneben befanden. Die zierlichen Sprossenfenster waren genauso alt wie die Kristallkaraffen mit den silbernen Henkeln, die auf der Fensterbank aufgereiht waren.

Karin ließ ihren Blick die Straße entlang bis zum höchsten Punkt des Hügels wandern. Die Schule von Marstrand lag ein paar Häuser weiter oben. Wenn man in die andere Richtung ging, kam man am alten Pfarrhof und am Spritzenhaus vorbei, bevor man den Kai und den Fähranleger erreichte. Das Wasser im Hafen glitzerte blau.

»Aufgekratzte Damen«, sagte Robban. »Was hältst du von einem Besuch in dem Park, den sie erwähnten?« Karin nickte.

»Vom Haus bis zur Fähre hinunter braucht man höchstens ein paar Minuten, falls der Täter diesen Weg gegangen ist. Auf der anderen Seite behalten sich die Menschen in kleinen Orten im Auge. Nicht wahr?« Karin sah Robban fragend an, während sie nach links in die Kyrkogatan abbogen und am Salon Cut & Clean vorbeikamen.

»Wenn man den Öffnungszeiten auf der Tür Glauben schenken darf, hatte der Friseur bis acht Uhr abends geöffnet«, sagte Robban.

»Aber da war Frau Wilson noch wach, und es war auch noch kein Kopf aufgetaucht«, fügte Karin hinzu.

»Sie sagte, sie wäre kurz vor neun zuletzt draußen gewesen. Insofern können wir später mit dem Friseur sprechen.«

Sie gingen weiter. Vom Spielplatz gegenüber der weißen Kirche war fröhliches Kinderlachen zu hören. Robban betrachtete die Kinder auf der Rutsche.

»Bald kommt im Kindergarten die Erkältungszeit.« Er klang bedrückt. Karin staunte manchmal, wie schnell seine Gedanken zwischen Arbeit und Privatleben hin- und herwanderten. Sie selbst war zu hundert Prozent konzentriert, wenn sie ermittelte. Vielleicht war das so, wenn man Kinder hatte, dachte sie dann. Dass man immer in erster Linie Vater oder Mutter war, egal mit was für grauenhaften Dingen man sich in der Arbeitszeit auseinandersetzen musste. Sie war über dreißig und hatte keine Aussichten auf eigene Kinder und im Moment noch nicht einmal eine feste Beziehung. Das tat ein bisschen weh. An der verglasten Anschlagtafel der Kirche hing ein Foto von einem strahlenden Brautpaar, das sich mit ausgestreckten Händen vor den Reiskörnern schützte, mit denen ebenso glückliche Verwandte und Freunde sie bewarfen. Die Aufforderung: »Heiraten Sie in der Kirche von Marstrand!« kam Karin wie blanker Hohn vor, und sie bemühte sich, an etwas anderes zu denken.

»Ja, ja, damit kannst du dich beschäftigen, wenn es so weit ist«, sagte Karin teilweise zu sich selbst, aber auch zu Robban. »Du musst zugeben, dass es ein besonderes Gefühl ist, über diese Steine zu gehen«, fuhr sie nach kurzem Schweigen fort und blickte auf die schwarzen Schieferplatten, die links neben dem Kopfsteinpflaster der Långgatan wie ein spezieller Fußweg verliefen.

»Du meinst wohl ein holpriges.« Robban stolperte theatralisch.

»Nein, ich meine all die Menschen, die vor uns hier herumgelaufen sind. Vor hundert, zweihundert oder sogar dreihundert Jahren. Sieh dir mal die alte Holztür da drüben an. Was die alles erzählen könnte! Über die Menschen, die hier gewohnt haben, ihr Leben und ihre Träume.«

»Ich weiß schon, was du meinst. Vielleicht hat sie einen Mörder gesehen, der gerade jemanden umgebracht und anschließend kaltblütig den Kopf abgeschnitten hat, um ihn im Garten einer alten Dame zu platzieren. Vielleicht ist er genau hier vorbeigekommen.«

»Meinst du, der Ort wurde zufällig gewählt, oder hat er wohl irgendeine Bedeutung?« Karins Blick war auf das silbrig glänzende Wasser in der nördlichen Hafeneinfahrt von Marstrand gerichtet.

»Gute Frage. Man fragt sich ja, womit Frau Wilson verdient hat, dass ihr jemand einen Kopf in den Garten setzt. Die Damen waren beide nicht direkt charmant. Fräulein Hedvig Strandberg … Also, ich sage nur so viel: Es wundert mich nicht, dass sie ein Fräulein geblieben ist. Der Opferstein erscheint mir schon allein wegen des Namens nicht zufällig gewählt zu sein, aber der Garten der alten Tante, ich weiß nicht.«

»Ich glaube, wir müssen die Geschichte hinter dem Opferstein herausfinden. Warte mal! Hundert Meter hinter uns, im Erdgeschoss des Rathauses, liegt die Bibliothek, sie könnte einen Besuch wert sein.«

 

Zwanzig Minuten später besaß Karin einen Bibliotheksausweis der Kommune Kungälv und kam durch die elegante Tür aus Eichenholz und Glas heraus. Ihr Rucksack mit den vier Büchern über Marstrand und drei weiteren über Bohuslän war nun um einiges schwerer. Außerdem hatte die Bibliothekarin zwei CDs für sie herausgesucht, die der Heimatverein Marstrand herausgegeben hatte. Die eine handelte von den Häusern auf Marstrandsön und die andere von den Häusern auf Koön, beigefügt waren Fotos, die Geschichte sowie die früheren und jetzigen Besitzer aller Gebäude.

»Ein Glück, dass du drei Bücher über Bohuslän mitgenommen hast, die werden uns bestimmt unheimlich nützen.« Robban lachte.

»Nützen wird uns, dass der Mann der Bibliothekarin Lotse gewesen ist. Sie hat mir erzählt, dass der Lotsenausguck mittlerweile nicht mehr besetzt ist. Das wissen wir also schon.«

Lotse, dachte Karin dann, das hätte Göran auch machen können, wenn er sich entschieden hätte, an Land zu leben.

Es war kein Problem, den Weg zu finden, den Hedvig Strandberg erwähnt hatte. Er führte hinter das Båtellet, das alte ockergelbe Badehaus neben dem Societetshuset, im Volksmund Sozen genannt. Sie gingen auf dem Kai am Wasser entlang, bis der Weg von der Küste abbog und im Wald verschwand. Am Anfang ging es im Schatten der Bäume auf beiden Seiten steil hinauf. Rechts gab es mehrere Abzweigungen zu Bänken, wo man auf der Klippe sitzen und die Aussicht genießen konnte. Karin stellte sich neben eine dieser Bänke und winkte Robban zu sich heran. Sie zeigte auf die Andante, die auf der Außenseite des Schwimmstegs von Koön vertäut war. Die Wellen reflektierten die Sonnenstrahlen und warfen tanzende Lichtflecke auf den schwarzen Rumpf des Boots.

»Mein Zuhause. Ich bin wie eine Schnecke, die ihr Haus auf dem Rücken trägt. Alles, was man braucht, außer Dusche und Waschmaschine. Permanenter Meerblick, frische Luft und keine Grundsteuer.«

»Ich werde wohl mal beim Finanzamt anrufen und die auf die Leute aufmerksam machen, die auf Booten wohnen. Das muss doch verboten oder zumindest steuerpflichtig sein«, sagte Robban.

Der Weg wurde schmaler und lief zwischen zwei hohen Felsen hindurch. Nach der Schneise ging es zwischen bemoosten Felsen auf beiden Seiten bergab. Orte wie dieser hatten eine starke Wirkung auf Karin.

»Stell dir das mal vor«, begann sie, bevor Robban ihr ins Wort fiel.

»Nun geht das wieder los. In den Fußstapfen früherer Generationen … Schmuggler und Zöllner, Laufburschen und …«, deklamierte Robban pathetisch und zerstörte damit die Stimmung.

Der Geruch nach Rauch und Feuer schlug ihnen entgegen, und ein Mann in einer mittelalterlichen Kutte löste sich plötzlich aus dem Schatten der Felsen. Robban zuckte zusammen.

»Seid gegrüßt, Fremdlinge«, sagte der Mann mit der Zipfelmütze und dem Mantel. »Ich bin ein Wachposten aus vergangener Zeit.«

»Mann, hast du mich erschreckt«, sagte Robban.

»Ich bitte demütigst um Entschuldigung. Wer seid ihr, die ihr an einem Tag wie diesem den Sankt-Eriks-Wald passieren wollt?« Der Mann gestikulierte mit dem Speer, den er in der rechten Hand hielt. Mit der linken hielt er sich einen kunstvoll bemalten Schild voller Kerben vor die Brust.

Karin musterte ihn fasziniert. Robban war derjenige, der schließlich das Wort ergriff, nachdem er Karins geöffneten Mund gesehen und begriffen hatte, dass daraus vorerst nichts Sinnvolles kommen würde.

Der Mann antwortete nicht, nachdem Robban sich vorgestellt hatte. Er nickte nur kurz und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, dass sie ihm folgen sollten. Der Pfad ging nun steil bergab, und sie gelangten in ein Wäldchen, das ringsum von Felsen umgeben war, die einen natürlichen Schutz vor der Außenwelt boten. Wie ein großer Topf, in dem es nach Wald und dem verrottenden Laub vom vergangenen Jahr duftete. Das Meer war weder zu sehen noch zu hören.

Menschen in mittelalterlicher Kleidung hielten sich hier auf. Karin zählte vierzehn Personen. Einige Ziegen, Schweine und Hunde liefen frei herum. Zwei offene Feuer brannten, über dem einen hing ein gusseiserner Kessel, über dem anderen eine große Bratpfanne, in der es qualmte und zischte.

Sie sah sich um, konnte aber keine Zelte entdecken.

»Wo wohnen die wohl?«, fragte sie Robban.

»Grand Hotel«, flüsterte Robban und musste über Karins enttäuschtes Gesicht grinsen. »Natürlich tun sie das nicht. Sie wohnen hier im Wald.« Er sprach mit seiner tiefsten Stimme. »Sie leben hier seit Urzeiten und sind eigentlich unsichtbar, aber alle dreihundert Jahre werden sie an einem Freitag im September sichtbar, wenn der Vollmond scheint …«

Karin machte sich nicht einmal die Mühe, ihm zu antworten. Der Wachposten hatte sie gebeten, hier zu warten, und Karin und Robban blieben gehorsam stehen, während er zu einem langhaarigen Mann ging, der nun mit großen Schritten auf sie zukam. In der Hand hielt er einen Gegenstand, der an einen Hirtenstab erinnerte.

»Da kommt Gandalf«, flüsterte Robban.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du Tolkien gelesen hast«, erwiderte Karin erstaunt.

»Habe ich auch nicht, aber die Filme gesehen.«

Robban stellte sich und Karin noch einmal vor, bevor er fragte, wie lange die Gruppe schon hier war. Karin fand es gut, dass er noch nichts von der Leiche und dem Kopf erzählte, die am Morgen entdeckt worden waren. Solche Dinge hatten manchmal eine hemmende Wirkung auf die Fähigkeit der Menschen, Fragen zu beantworten. Anstatt vorbehaltlos zu erzählen, begannen sie dann, Vermutungen über das anzustellen, was die Leute gesagt und getan hatten. Sie handelten sicherlich in guter Absicht, aber das Ergebnis wich leider häufig von der Wirklichkeit ab.

»Wir haben die Erlaubnis, uns hier aufzuhalten«, begann der Mann. Robban erklärte beruhigend, darum ginge es gar nicht.

»Was bedeutet eigentlich Larp?«, fragte Robban so entwaffnend wie möglich.

»Das ist ein Liverollenspiel«, erläuterte der Mann, der sich als Grimner vorgestellt hatte. Karin fragte sich, ob er unter seiner ganzen Mähne tatsächlich so hieß oder ob es sich um eine Art Künstlernamen handelte.

»LARP steht für Live Action Role Playing. Das ist eher eine Form von Theater, allerdings ohne festgelegte Handlung. Im Hintergrund gibt es einen Veranstalter, der die Richtlinien für das Larp aufgestellt hat. Es kann eigentlich von allem Möglichen handeln, also von jedem Thema. Wilder Westen, Horror, Krieg oder wie in unserem Fall von einer Mischung aus Mittelalter und Mythologie. Wer mitmachen will, muss sich an den Veranstalter wenden und ihm seinen Charakter vorstellen.«

»Charakter?« Karin erschauerte. Im Schatten der Baumkronen war es kühl.

»Du kannst eine Hexe sein, Casanova, eine Elfe oder was du willst. Sagen wir, du möchtest eine Bauersfrau aus dem Mittelalter darstellen. Dann stellst du dem Veranstalter ihren Charakter, also den persönlichen Hintergrund der Bäuerin vor und legst dar, wie du in die Handlung verwickelt wirst, beschreibst also den Grund, warum du als Bäuerin dabei sein willst. Du musst auch ankündigen, was du vorhast und wie sich dein Charakter entwickelt. Der Veranstalter entscheidet, ob du dazupasst oder nicht. Wenn du angenommen wirst, musst du eine Anmeldegebühr zahlen, die meistens die Mietkosten für das entsprechende Gelände, gewisse Requisiten, Transport, Versicherungen und eventuell Verpflegung abdeckt.«

»Wie viel Handlungsfreiheit haben die Darsteller?«

»Oft geben die Veranstalter bestimmte Rollen vor, aber du hast als Darsteller ziemlich viel Spielraum bei der Entscheidung, wie sich dein Charakter in verschiedenen Situationen verhält. Sagen wir, die Bäuerin schuldet dem Vogt Geld, aber als er zu ihr kommt, hat sie keins. Der Vogt kann dann entscheiden, ob er die Bäuerin bestraft oder ob er ihr eine Frist von einem Tag gewährt, um das Geld zu beschaffen. Die Bäuerin selbst darf vorschlagen, dass sie ihre Schulden in natura bezahlt.«

»Der Veranstalter hat also im Grunde nicht die volle Kontrolle über das, was passiert«, sagte Karin.

»Das kommt darauf an, wie straff das Spiel geführt wird, aber es stimmt, das hat er nicht. Man kann immer hoffen, dass das Gute siegt, aber es gibt keine Garantie dafür. Es entscheidet immer das Schicksal darüber, wie die Geschichte ausgeht. Genau wie im wirklichen Leben.«

»Wie gut kennen sich die verschiedenen Charaktere untereinander?«, fragte Robban.

»Auch das hängt vom Veranstalter ab. Du gibst dich vielleicht als Bauersfrau aus, bist aber in Wirklichkeit ein Magier. In dem Fall wissen nur du und der Veranstalter davon.«

»Wer veranstaltet Liverollenspiele?«

»Der Veranstalter kann ein Unternehmen, ein Verein oder eine Privatperson sein.«

»Und wer veranstaltet dieses Rollenspiel?«

»Der Veranstalter heißt Esus. Da ich ihm oder ihr noch nicht begegnet bin, weiß ich auch nicht mehr als das. Wir haben alle nur über das Internet Kontakt gehabt. Einen Monat vor dem Rollenspiel wurden uns die Regeln per E-Mail geschickt.«

Erst jetzt gab Robban preis, warum sie gekommen waren. Grimner erbleichte und strich sich über den langen Bart, bevor er sich auf einen bemoosten Baumstumpf sacken ließ.

»Einige Teilnehmer mussten gestern abreisen, aber sie kommen heute zurück«, sagte er.

»Kannst du sie irgendwie erreichen? Per Handy?«, fragte Robban.

»Handy? Nein, nein. Wir haben keine Handys dabei. Nur Dinge, die es schon im Mittelalter gab, alles andere ist nicht erlaubt. Wir wissen nicht einmal, wie die anderen im richtigen Leben heißen, wir kennen nur die Namen ihrer Charaktere.«

Karin überlegte insgeheim, ob es Messer oder Schwerter gab, die scharf genug waren, um damit einen Kopf abzuschneiden. Im Mittelalter müsste es so etwas ja gegeben haben. Sie drehte sich zu Grimner um.

»Entschuldige uns einen Augenblick.« Sie trat ein paar Schritte zur Seite. Robban folgte ihr. »Wir müssen alle hier vernehmen und fragen, was sie gestern und heute gemacht haben. Die Frauen sind ja genauso oder zumindest ähnlich angezogen wie unser Opfer. Außerdem möchte ich gern ihr Werkzeug sehen, Messer und Schwerter oder was sie so bei sich haben. Und wo wohnen sie eigentlich? Schlafen die unter diesen aufgespannten Tüchern da?«

»Es wird eine Weile dauern, mit allen zu sprechen«, überlegte Robban laut. »Zufällig kenne ich eine Person, die sich liebend gern in Ruhe ganz viele Aussagen auf Altschwedisch – oder was die nun sprechen – anhören würde.« Robban schien sich zu amüsieren. »Willst du Folke anrufen, oder soll ich das machen?«

»Ruf du ihn an, ich bin schließlich immer noch im Urlaub«, sagte Karin.

Während Robban bei Folke anrief, versammelte Karin die Rollenspieler. Vorsichtig und mit so wenigen Details wie möglich berichtete sie, was vorgefallen war, und bat sie anschließend, sich mit ein wenig Abstand zueinander hinzusetzen und die Ereignisse nicht zu besprechen. Von allen Orten, an denen sie je gestanden und mit Leuten gesprochen hatte, war dies wohl einer der merkwürdigsten, dachte sie. Die grünen Laubkronen bildeten hoch über ihren Köpfen ein Dach. Die Stelle war schön und still und stand in scharfem Kontrast zu der Gewalttat, die hier im Laufe der Nacht verübt worden war.

»Wie ist es passiert?«, fragte eine Frau mit strähnigen Haaren, die unter einer Kapuze hervorlugten. Karin konnte den Blick nicht von ihren Zähnen oder besser gesagt von den Lücken abwenden, wo Zähne hätten sein sollen. Sie konnte nicht erkennen, ob sich dort eigentlich Zähne befanden, die mit Theaterschminke übermalt worden waren, oder ob die Frau einfach keine hatte.

Karin antwortete zurückhaltend, dass sie nicht wüssten, was geschehen sei, und betonte, dass ihre Aussagen deswegen besonders wichtig seien.

Eine Stunde später kam Folke, um die Aussagen und persönlichen Daten von allen aufzunehmen. Robban hatte recht gehabt, Folke schien sich in diesem Milieu wohl zu fühlen. Als nur noch zwei Personen befragt werden mussten, machten Robban und Karin sich auf den Weg zu einem Gespräch mit dem Personal der Festung Carlsten. Und im Anschluss erkundigten sie sich, ob dem Friseur in der Kyrkogatan etwas aufgefallen war.

 

Karin saß im Präsidium und schrieb einen Bericht. Es war Freitagabend, und Robban hatte ihr gerade einen Becher frischen Kaffee auf den Schreibtisch gestellt.

»Total krank, jemandem die Kehle durchzuschneiden. Und dazu noch die Nase abzutrennen, warum tut man so etwas?«

»Weil man eine Trophäe will?«, erwiderte Karin.

»Du meinst, man nimmt die Nase mit? Die Nase lässt sich ja von allen Körperteilen nicht gerade am leichtesten abtrennen. Ein Finger ist leichter, aber die Nase? Das ist wirklich total gestört.« Robban schüttelte den Kopf.

»Ein Finger ist also weniger gestört?«, fragte Karin.

»So habe ich das auch nicht gemeint, oder doch, ein Finger ist nicht so gestört, noch besser wäre eine Locke.«

Robbans Handy klingelte.

»Schuld«, sagte er und kritzelte das Wort auf das Deckblatt eines Ringbuchs auf Karins Schreibtisch. »Und das soll ein Name sein?« Er bedankte sich und legte auf.

»Jerker hat den Kopf und die Kleidung fotografiert, und Folke hat mit den letzten Rollenspielern gesprochen. Die Frau am Opferstein nannte sich offenbar ›Schuld‹. Laut Folke ist das der Name einer der drei Nornen in der nordischen Mythologie. Da niemand die richtige Identität der Frau kennt, ist das vorerst alles, was wir haben.«

»Schuld? Wir müssen mehr über ihre Rolle herausfinden, vielleicht im Internet recherchieren und nachsehen, ob der Name mehrere Bedeutungen hat. Außerdem sollten wir auch die Charaktere aller anderen Rollenspieler durchgehen, was meinst du?«, fragte Karin.

»Vielleicht hast du recht, es kann jedenfalls nicht schaden. Folke wollte auch mit den anderen reden, die zurückgekommen sind.«

»Hoffentlich haben die etwas zu erzählen, vielleicht hat einer von ihnen den gestrigen Abend mit der Frau verbracht. Lass mal überlegen … Was haben wir bis jetzt überprüft? Der Lotsenausguck ist mittlerweile nicht mehr besetzt, von den Angestellten der Festung hat niemand etwas gesehen, und der Friseur wusste auch nichts zu berichten«, sagte Karin, während sie noch ein paar Zeilen ihres Berichts tippte.

»Die Obduktion findet morgen oder am Sonntag statt, dann haben wir hoffentlich mehr Anhaltspunkte … Was können wir bis dahin checken?« Unter Zuhilfenahme der Aufzeichnungen in ihrem Notizbuch fügte sie dem Bericht weitere Angaben hinzu.

»Falls du Lust hast, die Geschichte dieses Opfersteins zu recherchieren, kann ich etwas über diese Liverollenspiele herausfinden«, sagte Robban. Karin nickte und las, was sie geschrieben hatte. Die Frage war, ob der Kopf zufällig im Garten von Frau Wilson platziert worden war oder ob die alte Dame Feinde hatte.

Åkerström, Trollhättan, Herbst 1958

Als er das vertraute Geräusch hörte, hockte er gerade auf dem Blecheimer. Rasch zog er sich die Hose hoch und deckte den halbvollen Eimer mit einer vergilbten Zeitung ab. Knarrend drehte sich der Schlüssel im Schloss. Dann knirschten die rostigen Scharniere, und die Kellertür öffnete sich. Er blinzelte in das ungewohnte Licht und versuchte zu erkennen, wessen Silhouette da oben stand.

Mit gemischten Gefühlen sah er Elisabet und Stina die Treppe heruntersteigen. Elisabet trug einen Ranzen. Stina balancierte ein Tablett in den Händen. Essen. Er stürzte sich auf den kalten Fisch und die Kartoffeln. Die Schwestern sahen ihm zu. Gierig trank er die Milch.

Elisabet klappte ihre Schultasche auf und zog ein Lesebuch heraus.

»Ich gehe ja zur Schule«, sagte sie mit wichtiger Miene. »Da lernt man lesen und schreiben.«

»Und rechnen«, fügte Stina hinzu.

»Das wollte ich gerade sagen. Rechnen auch.« Elisabet warf ihm einen forschen Blick zu. »Hörst du mir zu?«

Er nickte.

»Dann sag das doch, du Dummkopf.«

»Ich höre zu.«

»Das hier zum Beispiel. Wir leben in Schweden. Schweden ist ein la…, lä…«

»Längliches Land. Da steht längliches«, sagte er.

»Das weiß ich selbst. Ich habe dir das Lesen schließlich beigebracht. Ein längliches Land.« Elisabet sah ihn verärgert an.

»Wenn du so schlau bist, kannst du ja vorlesen, was da steht.« Elisabet schlug eine Seite im hinteren Teil des Buches auf, wo sich die schwierigeren Texte befanden.

»Schwedens Klimazonen.« Er sprach es aus, ohne nachzudenken. Da Bücher seine einzige Gesellschaft waren, hatte er schnell lesen gelernt, nachdem Elisabet ihm das Alphabet erklärt hatte.

Elisabet starrte ihn an. Dann stand sie auf, riss ihm das Buch aus der Hand und schlug es ihm mit aller Kraft gegen den Kopf. Der Schlag traf ihn mit voller Wucht am rechten Ohr. Er fiel zu Boden.

 

Karin hatte darauf verzichtet, sich von Robban und Folke im Auto mitnehmen zu lassen, und war stattdessen mit dem Bus zurück nach Marstrand gefahren. Sie zog die Geschichte Marstrands aus dem Rucksack. Weder zum Opferhain noch zum Opferstein gab es blumige Beschreibungen, nur Folgendes: »Dennoch gibt es einige sichtbare Überbleibsel, und diese legen ein beredtes Zeugnis von der Aktivität ab, die die ältesten Bewohner der Insel Marstrand entwickelt haben. Es wird vor allem auf das vornehmste Denkmal aus der Vorzeit von Marstrand hingewiesen, den großen Opferstein, der im Rahmen von heidnischen Opferritualen verwendet wurde.« Es wurde auch erwähnt, dass der Stein für Ortsfremde schwer zu finden war. Karin fand ihn ebenfalls alles andere als auffällig. »Nach Untersuchung der Opferstelle sind Historiker der Meinung, die in die flache Oberseite des Steins eingemeißelte Rinne habe zum Abfließen des Blutes bei Opferfesten gedient.«

Und sie funktioniert immer noch, dachte Karin und erinnerte sich an den schauerlichen Anblick. Manchmal machte sie sich Gedanken über ihre Berufswahl, aber ihr war nie etwas eingefallen, das ihr genauso sinnvoll erschien wie ihre jetzige Tätigkeit. Die Arbeit war selten so einfach oder cool, wie die vielen Fernsehserien ständig behaupteten. Oft musste man sich stundenlang durch Massen von Fakten wühlen und alle möglichen Aussagen überprüfen, bis man eine vage Ahnung hatte, wie es weitergehen könnte. Karins Interesse für Geschichte, ihre blühende Phantasie und ihr Einfühlungsvermögen kamen ihr entgegen. Folke mit seinem unerschütterlichen Glauben an feste Regeln und Robban, der selten voreilige Schlüsse zog, standen für Solidität und gesunden Menschenverstand. Manchmal war es anstrengend, dass die drei Kollegen so unterschiedlich arbeiteten, aber letztendlich auch immer fruchtbar.

Plötzlich legte ihr jemand die Hand auf die Schulter und riss sie aus ihren Gedanken.

»Entschuldige, wenn ich störe, aber du bist doch Kriminalinspektorin Adler?«

Karin blickte auf und erkannte den Mann.

»Hallo, Bruno! Du störst überhaupt nicht, im Gegenteil. Setz dich, und nenn mich bitte Karin.«

Der etwa siebzigjährige Bruno Malmer war mit seinen dicken weißen Haaren und dem wettergegerbten Gesicht ein richtiges Original und in Marstrand allgemein bekannt. Er sah aus wie ein verrückter oder zumindest leicht verwirrter Professor, aber mit seinen grauen Zellen war alles in Ordnung. Wenn es um Meeresarchäologie ging, machte ihm niemand etwas vor.

Bruno setzte sich neben sie.

»Hast du dein Boot in Marstrand liegen? Andante, so hieß doch die Yacht, oder?«

»Ja, sie liegt in der Blekebukten«, sagte Karin.

»Es freut mich, dass du zurückgekommen bist, obwohl hier im Frühjahr so viele traurige Dinge ans Licht gekommen sind. Wer hätte das geahnt?« Er schüttelte den Kopf.

»Tja«, erwiderte Karin und dachte, dass Bruno wohl noch nichts von dem grausigen Fund im Opferhain gehört hatte.

»Die Geschichte Marstrands von Eskil Olàn.« Bruno betrachtete das Buch auf Karins Schoß.

»Ich suche Informationen zum Opferstein und zum Opferhain, aber hier steht nicht viel.«

»Nein, das ist wahr. Ich überlege gerade, wer dir weiterhelfen könnte. Vielleicht Tryggve? Nein, jetzt weiß ich es! Rums-in-die-Bude«, lächelte Bruno. »Du bist doch mit Lindbloms befreundet. Sprich mit einem von ihnen, mit Lycke, Martin oder Johan.«

»Rums-in-die-Bude?« Karin schüttelte den Kopf. Ein richtiger Name hätte ihr mehr genützt, aber es konnte nicht schwer sein, die betreffende Person zu finden. Sie unterhielten sich während der gesamten Fahrt, bis der Bus die Instöbron überquerte und im Westen der Leuchtturm von Vinga aufblitzte.

Als sie an der Endhaltestelle in Marstrand ausstiegen, war es schon Viertel vor acht. Bruno ging winkend davon.

Karin warf sich den Rucksack über die Schulter und machte sich auf zu Coop Nära. Gedankenverloren griff sie nach einem Einkaufskorb und überlegte, was sie heute Abend kochen sollte. Artischocken hatte sie lange nicht gegessen. Außerdem sahen sie wirklich gut aus. Ein großes Exemplar landete im Korb. Sie stand noch vor dem Gemüseregal, als sie hinter sich ein fröhliches Juchzen hörte.

»Karin! Schön, dich zu sehen!« Lyckes Stimme war unschwer zu erkennen. Ihr Sohn Walter rannte hinter ihr her. Als er Karin erblickte, kreischte er laut und umschlang ihre Beine.

»Was machst du denn hier zu so später Stunde, junger Herr?«, fragte sie den Jungen.

»Mama helfen. Ich bin schon groß.« Während er das sagte, nickte er eifrig.

»Natürlich.« Lycke verdrehte seufzend die Augen. »Wenn mein kleiner Assistent mir beim Einkaufen behilflich ist, geht alles viel schneller. Wo hast du eigentlich den Korb gelassen, Walter?«

»Da drüben«, zeigte er, und Lycke konnte sich gerade noch rechtzeitig darauf stürzen und ihn wegreißen, bevor eine Dame mit dunklem Pagenkopf und einem eleganten Jackett in Taubenblau darüber stolperte. Die Dame sah Lycke böse an.

»Sommerweiber«, zischte Lycke in Karins Richtung. »Die glauben, ihnen würde hier alles gehören. Früher sind im August alle verschwunden, aber mittlerweile bleiben sie bis zum Herbst.«

Lyckes Blick fiel auf die einsame Artischocke in Karins Korb.

»Was für die schlanke Linie?«, fragte sie scherzhaft.

»Die Sache ist eher, dass ich noch nicht weiß, was es zum Abendessen geben soll«, antwortete Karin.

»Dann komm doch mit und iss mit uns. Das Essen ist gleich fertig, ich hole nur noch ein paar Sachen, die Martin vergessen hat.«

»Ach, ich weiß nicht …«, begann Karin, weil sie sich der Familie Lindblom nicht aufdrängen wollte.

»Hör auf, es wär doch wahnsinnig nett. Komm mit und erzähl uns, wie dein Sommer war!«

»Störe ich euch denn nicht bei eurem gemütlichen Freitagabend?«, fragte Karin.

»Martin hat auf der Arbeit in letzter Zeit so viel um die Ohren gehabt, dass er auf dem Sofa einschläft, bevor der Film um einundzwanzig Uhr anfängt. Ich bin froh über wache Gesellschaft.«

»Wenn das alles ist, was von mir erwartet wird, komme ich gern. Wach bleiben, das schaffe ich.«

 

»Ui!«, rief Karin, als sie Lyckes und Martins Haus im Fyrmästargången betrat. »Hier hat sich seit meinem letzten Besuch aber einiges getan. Schön habt ihr es hier!« Karin sah sich auf der wohnlich eingerichteten Veranda um, die als Eingangsbereich diente. Hier lag nun ein Steinfußboden, und die altmodische Holzverkleidung war hellgelb gestrichen.

»Martin hat sich drei Urlaubswochen nur mit dem Haus beschäftigt«, erklärte Lycke.

»Hallo, das ist aber nett, dich wiederzusehen.« Martin kam mit einer Schürze aus der Küche und versuchte, vor Walter zu verbergen, dass er etwas im Mund hatte. Karin wurde fest umarmt. »Willkommen in unserem fast fertigen Haus.«

»Fast fertig ist etwas optimistisch«, sagte Lycke, bevor sie ihren Mann fragte, was er im Mund hatte.

»Chips. Ich habe ganz hinten im Schrank eine ganze Tüte gefunden. Wusstest du von der?« Martin sah Lycke verwundert an.

»Ich will auch Chips, Papa«, sagte Walter. »Wauwau auch.« Er hielt den Spielzeughund in die Luft, der ihn zum Einkaufen begleitet hatte.

»Super«, sagte Lycke.

»Es ist doch Freitag.« Martin nahm seinen Sohn und den Spielzeughund in den Arm. »Komm, wir gucken mal, Walter. Aber Mama darf es nicht merken.« Er hielt den Finger vor die Lippen. »Pst, sag nichts.« Walter kicherte verzückt, als sie losrannten.

»Mein Mann hat einen krankhaften Appetit auf Chips. Ich muss dauernd neue Verstecke finden.«

Walter stand mit einer kleinen Schüssel Kartoffelchips an seiner Seite auf einem Hocker in der Küche und massakrierte mit stumpfem Messer eine Salatgurke. Martin holte eine Weinbox und füllte den Wein aus dem Schlauch in eine Karaffe um. Dann reichte er Karin und Lycke je ein Glas.

»Zum Wohl, ich freue mich wirklich, dich wiederzusehen«, sagte Lycke. »Nun musst du aber erzählen, wie es dir im Sommer ergangen ist. Bist du gerade erst nach Marstrand gekommen?«

Karin wollte gerade anfangen, als es an die Tür klopfte. Ein fröhliches Hallo ertönte, noch bevor Martins Bruder Johan eintrat.

»Gut, dass wir hier keine schlafenden Kinder haben«, sagte Lycke.

»Mist, an Walter hab ich gar nicht gedacht …«, begann Johan und strahlte übers ganze Gesicht, als er Karin sah.

»Keine Sorge, er ist noch wach«, beruhigte ihn Lycke.

»Onkel Johan!« Walter warf Johan, der noch auf dem Boden kniete und sich die Schuhe auszog, beinahe um. Strahlend steckte Johan sich das Stück Gurke in den Mund, das Walter ihm anbot, ohne nachzufragen, wo es sich schon überall befunden hatte.

»Hallo, Karin! Ich habe das Boot gesehen. Bist du schon lange hier?« Johan hängte seine Jacke auf und umarmte zuerst Karin und dann Lycke zur Begrüßung.

»Das haben wir auch gerade gefragt, aber vielleicht setzen wir uns, bevor wir uns unterhalten«, sagte Martin.

Lycke stellte die Teller auf den Tisch und holte das Besteck. Martin nahm eine Auflaufform aus dem Ofen und servierte ein dampfendes Fischgratin.

»Fischgratin, das ist ja fast schon herbstlich«, sagte Johan.

»Ich finde die etwas dunkleren Abende ganz gemütlich. Mit Kerzenlicht und Kaminfeuer.« Lycke stellte einen dreiarmigen Kerzenständer aus Zinn auf die karierte Tischdecke. Johan betrachtete den Kerzenständer erfreut.

»Wir haben ihn von Johan bekommen«, verriet Lycke. »Wahrscheinlich der teuerste Gegenstand in diesem Haus.«

Johan sah Karin quer über den Tisch an.

»Prost, meine Schönen.«

Karin hob ihr Glas und spürte, wie sie sich noch ein bisschen mehr entspannte. Der Übergang vom Urlaub zur Arbeit war unerwartet schnell verlaufen. Es war ein schönes Gefühl, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen und ein leckeres Essen und guten Wein serviert zu bekommen, während man die Eindrücke des Tages allmählich verarbeitete.

»Okay, Karin, bist du dienstlich hier oder zum Vergnügen?«, fragte Johan.

»Als ich gestern Abend ankam, dachte ich noch, es wäre zum Vergnügen, aber …« Sie verstummte.

»Als ich Walter vom Kindergarten abholte, habe ich von der armen Frau gehört, die ihr gefunden habt. Eine der Kindergärtnerinnen wohnt in derselben Straße wie Frau Wilson.« Martin schien sich fast zu entschuldigen.

»Wie bitte?«, stutzte Lycke. »Und ich komme direkt vom Mittelpunkt des Geschehens und habe gar nichts mitgekriegt?«

»Ich meine Coop Nära«, fügte sie hinzu, als sie Karins fragendes Gesicht sah.

»Im Opferhain ist eine Leiche gefunden worden«, sagte Martin. »Ohne Kopf. Der Kopf wurde nämlich in der Perle entdeckt, dem Garten von Frau Wilson.«

»Mein Gott, ist das wahr? Entschuldige, Karin, vielleicht darfst du gar nicht darüber reden?« Lycke hob ihre Gabel vom Fußboden auf.

»Es hat nicht viel Sinn, es abzustreiten. Eine ganze Schulklasse ist auf die Leiche gestoßen.« Karin dachte an die armen Klassenlehrer, deren Handys unaufhörlich klingelten.

»Stimmt es, dass sie auf dem Opferstein lag?«, fragte Martin.

»Um ehrlich zu sein, brauche ich ein bisschen Hilfe«, sagte Karin, anstatt die Frage direkt zu beantworten. »Der Opferhain und der Opferstein. Ich habe versucht, mich über die Geschichte dieser Orte zu informieren, aber nicht besonders viel herausgefunden.«

»Ich glaube, über diesen Stein ist auch nicht viel bekannt«, sagte Johan.

»Ich habe Bruno Malmer getroffen, als ich mit dem Bus aus der Stadt zurückkam«, fuhr Karin fort.

»Stadt?«, fragte Lycke. »Du musst endlich begreifen, dass die Stadt nicht Göteborg bedeutet. Hier draußen sind damit die fünfundsiebzig Meter vom Wendeplatz des Busses am Fähranleger und Coop Nära gemeint.«

Karin lachte. Das war befreiend, und ihr wurde bewusst, dass sie wahrscheinlich den ganzen Tag über nicht gelacht hatte.

»Hatte Onkel Bruno denn eine Idee, mit wem du reden könntest?«, fragte Johan.

»Mit jemandem, der Rums-in-die-Bude genannt wird. Er sagte, ihr könntet mir vielleicht den Kontakt vermitteln. Kennt ihr den?«

Martin musste lachen.

»Das kann man wohl sagen. Wenn du willst, rede ich mit ihm. Manche von den Knackern hier draußen sind ein bisschen seltsam. Nicht wahr, Brüderchen?«, sagte Martin.

»Hör auf! Meiner Ansicht nach ist er gar nicht so schlimm, wie alle glauben.« Johan stand auf und deckte Walter zu, der auf der Küchenbank eingeschlafen war.

»Klingt ja nicht gerade vertrauenerweckend«, sagte Karin.

Martins Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen. »Rums-in-die-Bude, das kann man wohl sagen. Vergiss nicht, ihn zu fragen, wie er zu dem Namen gekommen ist.«

»Das könntet ihr mir doch erzählen.«

»Nein, nein, das musst du schon selbst tun.« Martin stellte einen frisch gebackenen Apfelkuchen und ein kleines Keramikkännchen mit Vanillesoße auf den Tisch.

Lycke stand kopfschüttelnd an der Kaffeemaschine, wo sie die Milch für den Kaffee aufschäumte.

»Aha«, erwiderte Karin. »Ein bisschen könnt ihr mir vielleicht trotzdem weiterhelfen. Dieser Wald, der Sankt-Eriks-Park genannt wird. Im Moment campiert dort eine mittelalterliche Gruppe.«

»Das ist uns allerdings nicht entgangen. Es wurde heiß diskutiert, musst du wissen«, sagte Martin.

»Worüber?«, fragte Karin.

»Sie wollten ja die Festung mieten, bekamen aber eine Absage. Stattdessen gestattete ihnen die Kommune, ihre Zelte im Sankt-Eriks-Park aufzuschlagen. Es gab einen wahnsinnigen Wirbel. Frau Wilson war höchst erbost, weil sie der Meinung ist, es handle sich um eine kulturhistorische Gartenanlage.«

»Was?«, fragte Johan. »Den Begriff habe ich noch nie gehört.«

»Das wird kein Zufall sein«, erwiderte Martin. »Wahrscheinlich hat sie ihn erfunden.«

»Kannst du dich eigentlich noch erinnern, wie wir in der Grotte übernachtet haben, als wir jünger waren?« Johan sah seinen Bruder an.

»Welche Grotte?«, wollte Lycke wissen.

»Ganz links im Park befindet sich hinter den Steinblöcken eine Grotte im Berg. Ziemlich groß. Früher waren Martin und ich bei den Pfadfindern und haben einmal im Jahr in der Grotte übernachtet.«

Johan verstummte. Er schien zu überlegen.

»Wart ihr heute im Sankt-Eriks-Park?«, fragte er schließlich.

»Na ja …«, antwortete Karin ausweichend.

Es war immer eine Gratwanderung, man durfte nicht zu viel verraten. Auf der einen Seite steckte sie mitten in einem Fall und wusste noch nicht, wer darin verwickelt sein konnte. Auf der anderen Seite saß sie mit Freunden zusammen, die ihr vielleicht helfen konnten.

»Doch.« Sie kam sich albern vor, weil sie es nicht gleich gesagt hatte. »Wir waren im Park und haben diese mittelalterliche Gruppe befragt, beziehungsweise die Rollenspieler, wie sie sich nennen.«

»Seid ihr am Wasser entlang dorthin gegangen oder über den Berg?«

»Am Wasser entlang. Ich wusste gar nicht, dass man auch anders hinkommt«, erwiderte Karin erstaunt und stellte ihr Weinglas ab.

»Ja«, sagte Johan. »Es gibt tatsächlich einen Weg vom Opferhain zum Sankt-Eriks-Park. Man gelangt über eine Steintreppe direkt vor dem Eingang der Grotte dorthin.«

Karin dachte nach. Ein Weg. Das kürzte die Strecke, die die Rollenspieler vom Sankt-Eriks-Park zum Opferhain hätten zurücklegen müssen, erheblich ab. Außerdem spazierten dort wahrscheinlich nur wenige Menschen herum, besonders nachts. Für denjenigen, der etwas zu verbergen hatte oder nicht gesehen werden wollte, ein sehr geeigneter Weg.

Eine Stunde nach Mitternacht bedankte sich Karin für den schönen Abend und ging durch die Idrottsgatan zur Blekebukten hinunter. Die Luft war kühl, und Karin bibberte in ihrem viel zu dünnen Pullover. Der Herbst war im Anmarsch, abends merkte man das am deutlichsten. Die Sterne blinkten hell am schwarzen Nachthimmel. Drüben auf der Insel Marstrand brannte in einigen Häusern noch Licht, aber die meisten lagen dunkel da. Abgesehen von der Dame mit dem taubenblauen Jackett aus dem Coop Nära waren die Touristen verschwunden, dachte Karin.

In der Fredrik Bagges Gatan kam ihr ein älteres Paar entgegen, das in die Bergsgatan abbog. Die beiden lächelten still vor sich hin und schienen ihre Umgebung gar nicht wahrzunehmen. Karin hätte gerne gewusst, ob sie sich schon lange kannten. Hätte sie raten sollen, hätte sie getippt, dass die beiden sich in ihrer Jugend kennengelernt und sofort gewusst hatten, dass sie zueinander passten. Bei manchen Menschen klappte das ja. Nur bei ihr nicht. Sie hatte sich aus einem ganz bestimmten Grund von Göran getrennt, und zwar, weil die Beziehung auf Dauer nicht funktioniert hätte. Hastig überquerte Karin den kleinen Parkplatz am Strand in der Blekebukten. Die Rosen, die die Kommune pflanzte, hatten noch immer grüne Blätter, aber das Laub der großen Birke wurde bereits gelb und fiel zu Boden.

Ganz am Ende des Pontonstegs lag die Andante und wartete auf sie. Auch an diesem Freitagabend war es im Yachthafen auf dieser Seite des Sunds still und friedlich. Hier hatten die Ortsansässigen ihre Boote liegen, während Besucher meistens im Hafen der Insel Marstrandsön anlegten. Meeresleuchten umgab jeden beweglichen Gegenstand im Wasser mit einer schillernden Kontur. Anlegeleinen, Bojen und Fender tauchten ein, wenn die Boote schaukelten. Der Anblick war schön und romantisch. Irritiert schob sie den Gedanken beiseite und ging an Bord. Da die Andante gediegene acht Tonnen wog, schaukelte sie nicht unter ihrem Gewicht. Sie bewegte sich überhaupt nicht.

»Hallo, ich bin wieder zu Hause«, sagte sie leise und legte die Hand auf das Stahldeck, bevor sie das Cockpit betrat.

Das Teakholzgitter knarrte leise unter ihren Füßen, und die automatische Lenzpumpe gurgelte zur Begrüßung. Sie streckte die Hand nach dem Vorhängeschloss aus, aber anstatt gleich aufzuschließen, sah sie sich erst einmal um. Das Meer lag ganz ruhig da, spiegelte die Sterne und hob und senkte sich kaum merklich. »Das Meer iert«, sagten die Bohusläner dazu. Ein Ausdruck, der beruhigend klang. Ich bin reich, dachte sie, als sie auf die See und die Umgebung blickte – die schönen Häuser auf Marstrandsön und die roten Bootsschuppen, die sich auf der anderen Seite des Sundes an die grauen Klippen der Blekebukten klammerten.

Sie öffnete die Luke und stieg die Holztreppe hinunter. Ein kaum wahrnehmbarer Dieselgeruch kam ihr entgegen. Der Duft an Bord der Andante war etwas ganz Besonderes. Dies war ihr Zuhause, hier war sie in ihrem Element. Hier war sie ganz sie selbst.

Sie griff nach der Fernbedienung der Stereoanlage. Die Töne von »Taubes Sjösala« Vals, in dem die Seeschwalbe Junge bekommen hat und in die Bucht eintaucht, strömten aus den Lautsprechern der fest installierten Autostereoanlage. Auch wenn der gute Rönnerdahl sich an der Ostküste befunden hatte und das Lied vom Frühling handelte, erkannte Karin sich wieder. Dies war ihre Bucht. Vielleicht war es auch umgekehrt, und sie gehörte der Bucht und den Klippen.

Sie zündete die Petroleumlampe über dem Navigationstisch an. Trotz der späten Stunde kramte sie ihr Notebook hervor, das den ganzen Sommer über im Kleiderschrank verstaut gewesen war, und legte die CD-Rom mit der Aufschrift »Die Häuser auf der Insel Marstrand, Version 2004« ein.

Nachdem sie sich darüber informiert hatte, wie das Material zu den Gebäuden gesammelt worden war, gelangte sie zum Straßenverzeichnis. Laut ihrem Notizbuch wohnte Frau Wilson in der Hospitalsgatan 7. Nach einem Klick sah Karin ein Bild des Hauses. Es war genau das richtige, das sah sie sofort.

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