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Die Todesfee – Schwester Fidelma ermittelt

Peter Tremayne

Die Todesfee

Schwester Fidelma ermittelt

Aus dem Englischen von Meike Braun, Christine Pavesicz und Ulrike Seeberger

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Inhaltsübersicht

VORBEMERKUNG

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

DAS FLÜSTERN DER TOTEN

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

EIN LEICHNAM AM FEIERTAG

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

DER ASTROLOGE, DER SEINEN EIGENEN TOD VORHERSAGTE

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

DER MAKEL

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

DIE ZEIT DES DUNKLEN MONDES

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

WIE EIN HUND, DER ZURÜCKKEHRT …

Aus dem Englischen von Christine Pavesicz

DIE TODESFEE

Aus dem Englischen von Christine Pavesicz

DER THRONFOLGER

Aus dem Englischen von Christine Pavesicz

WER HAT DEN FISCH GESTOHLEN?

Aus dem Englischen von Christine Pavesicz

WER EINMAL LÜGT …

Aus dem Englischen von Christine Pavesicz

EIN DORNIGER PFAD

Aus dem Englischen von Meike Braun

GOLD BEI NACHT

Aus dem Englischen von Meike Braun

TOD EINES LEITBILDES

Aus dem Englischen von Meike Braun

DER ZIEHSOHN

Aus dem Englischen von Meike Braun

DER VERSCHWUNDENE ADLER

Aus dem Englischen von Meike Braun

Fußnoten

 

|7|Für die Mitglieder der International Sister Fidelma Society aus Dankbarkeit für ihre wunderbare Unterstützung.

|9|VORBEMERKUNG

Willkommen zum zweiten Band mit Kriminalgeschichten um Schwester Fidelma.

Die Kriminalgeschichten um Schwester Fidelma spielen im siebenten Jahrhundert Anno Domini, vorwiegend in Irland, ihrem Heimatland.

Schwester Fidelma ist nicht eine fromme Klosterschwester schlechthin. Sie gehört der Glaubensrichtung an, die wir heute die Keltische Kirche nennen. Diese hat sich lange im Widerstreit mit Rom befunden. Dabei ging es immer wieder um theologische Fragen und auch die Gestaltung des Zusammenlebens weltlicher Gemeinschaften. Es gab voneinander abweichende Auffassungen darüber, wie der Gottesdienst abzuhalten sei, über die Datierung des Osterfests, über die Art, die Tonsur zu tragen. Das Zölibat hatte sich nicht überall durchsetzen können. In vielen Abteien lebten Männer und Frauen zusammen und erzogen ihre Kinder im christlichen Glauben zum Dienst an Gott. Fidelma ist eine gutausgebildete dálaigh, eine Anwältin an den Gerichtshöfen Irlands, deren Grundlage die von alters her geltenden Gesetze der Brehons waren. Damals konnte eine Frau ebenso wie jeder Mann in den höhere Bildung voraussetzenden Berufen wirken. Nicht wenige Frauen waren Anwälte oder Richter, schrieben auch Gesetzestexte und deuteten sie. Wir kennen sogar die Namen von einigen dieser Frauen.

|10|Die Leser, die Schwester Fidelma auf ihren Abenteuern in der Romanserie und im vorangegangenen Erzählungsband Der falsche Apostel begleitet haben, sind sicherlich mit dem historischen und sozialen Hintergrund der Geschichten vertraut. Die Bände enthalten jeweils historische Anmerkungen. Hintergrundinformationen finden Sie auch auf der hervorragenden Internetseite der International sister Fidelma Society unter www.sisterfidelma.com, und ich halte es daher für überflüssig, sie hier erneut einzufügen.

Wie in den im vorangegangenen Band Der falsche Apostel zusammengestellten Geschichten erscheint Schwester Fidelma auch in der vorliegenden Sammlung von Erzählungen gewöhnlich ohne ihren in Irland ausgebildeten Helfer und Gefährten Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham aus dem Land des Südvolks. In diesem Band gibt es jedoch eine Ausnahme. In Der verlorene Adler taucht Bruder Eadulf auf, weil sich die dort beschriebene Begebenheit zuträgt, während Fidelma gemeinsam mit ihm in Canterbury zu Besuch weilt. Chronologisch liegt diese Erzählung zwischen den Ereignissen in den Romanen Das Kloster der toten Seelen und Verneig dich vor dem Tod. Alle anderen Geschichten spielen in Irland.

In Fidelmas eigener Chronologie ist Der Makel die früheste Geschichte, weil sie sich zuträgt, während Fidelma noch bei Brehon Morann studiert. Die meisten Erzählungen habe ich auf Anregung von Redakteuren geschrieben, die sich für bestimmte Themen interessierten. So wollte zum Beispiel mein guter Freund Peter Haining wissen, ob Fidelma wohl etwas dagegen haben würde, in einer Trinkgeschichte vorzukommen. Dabei kam wie von selbst Gold bei Nacht heraus. Ein weiterer Redakteur war neugierig darauf, ob Fidelma je Urlaub machte oder was überhaupt dieses Wort für eine Ordensfrau aus dem siebten Jahrhundert bedeutet hat. Die Antwort war Leiche am |11|Feiertag. Ab und zu gibt es in den Erzählungen Hinweise auf Fidelmas Interesse an Kosmologie und Astrologie. Zu Fidelmas Zeiten wurde die Astrologie in weiten Kreisen betrieben. Ein Redakteur bat mich, diesen Aspekt zu vertiefen, und daraus entstand Der Astrologe, der seinen eigenen Mord vorhersagte.

Nachdem nun inzwischen aus allen möglichen Bereichen Bitten um Erzählungen zu Schwester Fidelma eingetroffen waren, sprach mich David R. Wooten, der kreative Redakteur von The Brehon, der Zeitschrift der International Sister Fidelma Society, an. Dieser Verein bringt dreimal im Jahr für seine Mitglieder The Brehon heraus. Die Zeitschrift mit ihrer über viele Länder verteilten Leserschaft war mir eine solche Unterstützung, dass ich beschloss, hier einige Originalerzählungen zu veröffentlichen. Der Makel und Die Zeit des dunklen Mondes wurden dort zum ersten Mal abgedruckt.

Dann fragte man mich, ob ich mir vorstellen könnte, einen zweiten Band mit Erzählungen zusammenzustellen, und bat mich, auch ein paar Original-Geschichten aufzunehmen, in denen einige Aspekte der Gesetze der Brehons erläutert werden, die ich noch nicht behandelt hatte. Wie wurde zum Beispiel ein irischer Stammesfürst gewählt? Dieses Thema wird in der Geschichte Der Thronfolger erläutert. Was verstand man im alten Irland unter »Pflegschaft«, und gab es damals Gesetze zum Kinderschutz? Daraus entstand die Erzählung Der Ziehsohn. Das komplexe Thema des Erbens von einer für wahnsinnig erklärten Person wird in Wer einmal lügt … in einigen Aspekten erläutert.

Wiederholt ist in anderen Erzählungen eine Person aufgetreten, die mir sehr ans Herz gewachsen ist: Abt Laisran von Durrow in der Grafschaft Laois (das Wort Durrow, abgeleitet von dearmach im Mittelirischen oder darú im modernen Irisch, hat |12|die Bedeutung »Ebene mit Eichen«). Die Abtei wurde von St Colmcille gegründet, ehe er 563 Irland verließ und ins Exil ging. Durrow war eines der wichtigsten Zentren kirchlicher Lehre. Aufzeichnungen berichten, dass Mitte des siebten Jahrhunderts, also zu Fidelmas Zeit, dort Studenten aus achtzehn verschiedenen europäischen Völkerschaften eingeschrieben waren. Heute ist Durrow berühmt für sein illuminiertes Evangeliar, The Book of Durrow, das von manchen Experten auf die Mitte des siebten Jahrhunderts datiert wird.

Abt Laisran betrachtet Fidelma als seinen Schützling. Er hat sie dazu überredet, sich der Abtei von Kildare anzuschließen, nachdem sie an der Schule des Brehon Morann den Grad eines anruth erlangt hatte. Dies war nur eine Stufe unter der höchsten Auszeichnung, die geistliche und weltliche Bildungsstätten in Irland vergeben konnten. Wie viele Leser sicherlich wissen, interessiert sich Fidelma wesentlich mehr für das Recht als für die Religion. Als sie auch noch herausfand, dass ihre Äbtissin nichts dagegen einzuwenden hatte, einmal das Gesetz zu brechen, verließ sie Kildare (siehe dazu Schierling zur Vesper in Der falsche Apostel). Sie schlug dann ihre Zelte am Hof ihres Bruders Colgú, des Königs von Muman, auf, der in Cashel, der heutigen Grafschaft Tipperary, regierte.

In Geschichten wie Ein Lobgesang für Wulfstan oder Schmählicher Tod eines Pferdes (die sich in Der falsche Apostel finden) bietet Abt Laisrans Humor ein gutes Gegengewicht zu Fidelmas ernsthaftem Pflichtbewusstsein und ihrer engagierten Wahrheitssuche. Einige Leser haben sich in Briefen erkundigt, warum der gute Abt Laisran nicht in weiteren Abenteuern Fidelmas vorkommt. Diese Leser werden sich hoffentlich freuen, dass er nun endlich in der Geschichte Das Flüstern der Toten sowie in den Erzählungen Wer hat den Fisch gestohlen und Gold bei Nacht wieder auftaucht.

|13|Hier sind also fünfzehn weitere Kriminalfälle, die Fidelmas Fähigkeiten auf eine harte Probe stellen. Und genau wie in einigen früheren Erzählungen wird man – zum Beispiel in Der Ziehsohn – auch hier wieder feststellen, dass Gesetz und Recht nicht immer gleichbedeutend mit Gerechtigkeit sind.

 

Peter Tremayne

|15|DAS FLÜSTERN DER TOTEN

Abt Laisran lehnte sich auf seinem Stuhl neben dem prasselnden Kaminfeuer zurück und schaute nachdenklich auf den Becher mit gewürztem Wein.

»Du hast dir einen ziemlich eindrucksvollen Ruf erworben, Fidelma«, bemerkte er und erhob sein fülliges Puttengesicht zu seinem jungen Schützling. Fidelma saß ihm am Kamin gegenüber und nippte an ihrem Wein. »Manche Brehons reden von dir wie von den großen Richterinnen Brig oder Dari. Das ist höchst lobenswert für eine so junge Frau wie dich.«

Fidelma lächelte zaghaft. Sie war nicht eitel, denn sie war sich ihrer Schwächen nur zu bewusst.

»Ich würde kaum danach streben, wie diese beiden Rechtstexte zu schreiben. Und dann würde ich auch niemals behaupten, mehr zu tun, als schlicht Tatsachen zu untersuchen. Ich bin eine dálaigh, eine Rechtsanwältin. Das Urteilen möchte ich doch lieber den Brehons überlassen.«

Abt Laisran neigte leicht den Kopf, als akzeptierte er ihre Aussage.

»Aber genau darauf begründet sich ja dein Ruf. Du hast einige hervorragende Erfolge bei deinen Untersuchungen zu verzeichnen, hast Dinge bemerkt, die andere übersehen haben. Ich hatte bereits einige Male das Vergnügen, deine Bemühungen mit eigenen Augen zu verfolgen. Beunruhigt es dich manchmal, dass du eine solche Verantwortung trägst?«

|16|»Ich sorge mich allerdings darum, dass ich auch wirklich alles, was wichtig ist, bemerke und daraus die richtigen Schlüsse ziehe. Aber ich habe ja nicht umsonst acht Jahre beim Brehon Morann von Tara gelernt. Ich habe mich daran gewöhnt, die Verantwortung zu tragen, die mit meinem Amt verbunden ist.«

»Ah«, seufzte der Abt. »›Wem viel beigelegt ward, von dem wird umso viel mehr verlangt werden.‹ Das ist aus …«

»… dem Lukas-Evangelium«, unterbrach ihn Fidelma mit einem spitzbübischen Lächeln.

Abt Laisran lächelte zurück.

»Entgeht deiner Aufmerksamkeit denn gar nichts, Fidelma? Manche Fälle müssen doch auch dich verblüffen? Zum Beispiel gibt es sicher viele Morde, bei denen es unmöglich ist, jemandem die Schuld zuzuschreiben.«

»Vielleicht habe ich Glück gehabt«, gab Fidelma zu. »Aber ich glaube trotzdem nicht, dass es das vollkommene Verbrechen gibt.«

»Na, na, das ist doch wohl übertrieben.«

»Selbst wenn ich eine Leiche untersuche, bei der nichts darauf hinzuweisen scheint, wer er oder sie im Leben gewesen ist oder wann und wie er oder sie gestorben ist, ganz zu schweigen durch wessen Hand, so kann eine gute Beobachterin doch immer irgendetwas herausfinden. Die Toten flüstern uns stets etwas zu. Es ist an uns, diesem Flüstern der Toten zu lauschen.«

Der Abt wusste, dass es nicht in Fidelmas Natur lag, sich ihrer Fähigkeiten zu brüsten. Trotzdem stahl sich ein beinahe skeptischer Ausdruck auf sein rundliches Gesicht.

»Ich würde dir gern eine Wette anbieten«, verkündete er plötzlich.

Fidelma runzelte die Stirn. Sie wusste, dass Abt Laisran gern |17|und viel wettete. Sie hatte sich schon viele Male beim großen Jahrmarkt von Curragh die Pferderennen angeschaut und Abt Laisran dabei beobachtet, wie er große Summen gewann und genauso viel verlor, wenn er Geld auf die verschiedenen Pferde setzte.

»Was für eine Wette schwebt dir vor, Laisran?«, fragte sie vorsichtig.

»Du hast gesagt, dass uns die Toten etwas zuflüstern und wir nur die Ohren aufmachen und lauschen müssen. Dass die Leiche eines Menschen, ganz gleich, wie die Umstände sind, uns schließlich doch das verrät, was wir wissen müssen, um festzustellen, wer sie ist, und herauszufinden, wer die Schuld an ihrem Tod trägt. Habe ich dich da richtig verstanden?«

Fidelma nickte.

»Das ist bisher meine Erfahrung gewesen«, versicherte sie ihm.

»Nun denn«, fuhr Abt Laisran fort, »würdest du mit mir wetten, dass du mir einen Beweis für diese Behauptung liefern kannst?«

»Unter welchen Bedingungen?«

»Die Sache ist recht einfach. Zufällig wurde heute Morgen unweit dieser Abtei eine junge Bauersfrau tot aufgefunden. Wir hatten keinerlei Möglichkeit, festzustellen, wer sie ist. Auch Befragungen in den umliegenden Dörfern gaben uns keinen Aufschluss darüber, wer sie sein könnte. Es scheint dort niemand vermisst zu werden. Sie war wohl eine arme Wanderarbeiterin. Einer unserer Brüder hatte Mitleid mit ihr und brachte die Leiche in die Abtei. Morgen bestatten wir sie, unserem Brauch gemäß, in einem anonymen Grab.« Abt Laisran schaute Fidelma listig an. »Wenn dir die Toten wirklich Dinge zuflüstern, Fidelma, dann kannst du ja vielleicht herausfinden, wer die Frau ist.«

|18|Fidelma überlegte kurz.

»Du sagst, dass es eine junge Frau ist? Woran ist sie gestorben?«

»Das ist eben das Geheimnis. Nichts an ihr lässt erkennen, wie sie gestorben ist. Sie war gut genährt, meint unser Bruder Apotheker.«

»Keine Spuren von Gewaltanwendung?«, fragte Fidelma leicht verwundert.

»Keine. Das Ganze ist ein Mysterium. Daher biete ich dir die Wette an. Wenn du tatsächlich die Todesursache herausfindest oder etwas entdeckst, das uns hilft, den Namen der Unglückseligen in Erfahrung zu bringen, dann glaube ich dir deine Behauptung. Also, wettest du mit mir?«

Fidelma zögerte. Sie mochte es nicht, wenn man ihre Fähigkeiten anzweifelte. Eine beinahe selbstverliebte Stimme wurde in ihr laut.

»Worum wollen wir denn wetten?«

»Um einen screpall1 für den Opferstock der Abtei«, antwortete Abt Laisran lächelnd. »Ich gebe einen screpall für die Armen, wenn du mehr über die unglückselige Frau herausfinden kannst, als wir bisher erfahren konnten. Wenn es dir nicht gelingt, dann zahlst du einen screpall in den Opferstock.«

Ein screpall war der Betrag, den normalerweise eine dálaigh für eine Beratung forderte.

Fidelma zögerte einen Augenblick. Dann gewann ihr Stolz die Oberhand, und sie nickte. »Einverstanden.«

Sie erhob sich und setzte unvermittelt ihren Becher mit gewürztem Wein ab. Der Abt zuckte zusammen.

»Wo gehst du denn hin?«, wollte er wissen.

»Nun, ich will mir die Leiche ansehen. Ich habe nur noch ein, |19|zwei Stunden Tageslicht, und viele wichtige Hinweise sieht man bei künstlichem Licht nicht mehr so gut.«

Abt Laisran zögerte. Dann stellte auch er seinen Becher ab und stand ebenfalls auf.

»Nun gut«, meinte er mit einem Seufzer. »Komm, ich zeige dir den Weg in die Apotheke.«

Ein großer, hagerer Mönch mit Hakennase, der gerade in einem Mörser Kräuter verrieb, blickte auf, als Abt Laisran in den Raum trat. Er bemerkte Schwester Fidelma, und seine Augen weiteten sich ein wenig. Sie war den meisten Ordensleuten im Kloster von Durrow wohlbekannt.

»Bruder Donngal, ich habe Schwester Fidelma gebeten, den unbekannten Leichnam noch einmal zu untersuchen.«

Sofort legte der Bruder Apotheker seine Arbeit zur Seite und schaute interessiert zu ihr hin.

»Du meinst, du könntest die Ärmste kennen, Schwester?«

Fidelma lächelte. »Ich bin in meiner Eigenschaft als dálaigh hier, Bruder«, antwortete sie.

»Es gibt keinerlei Anzeichen für einen gewaltsamen Tod, Schwester. Warum sollte sich eine Anwältin für diesen Fall interessieren?«, erwiderte Bruder Donngal.

Es entging Abt Laisran nicht, dass sich Fidelmas Gesichtszüge kaum merklich verhärteten. Er fuhr rasch dazwischen. »Ich habe Schwester Fidelma gebeten, mir ihre Meinung zu dieser Angelegenheit zu sagen.«

Bruder Donngal wandte sich in Richtung einer Tür.

»Die Tote liegt in unserer Leichenhalle. Ich wollte sie gleich für die Beerdigung vorbereiten. Unser Schreiner hat eben erst den Sarg gebracht.«

Der Leichnam lag unter einem Leinentuch auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, in dem man die Toten für die Bestattung zurechtmachte.

|20|Schwester Fidelma trat zum Tisch und wollte eine Ecke des Leinentuchs hochheben. Der Apotheker räusperte sich.

»Ich habe die Frau für die Untersuchung entkleidet, ihr aber das Totenhemd noch nicht angezogen, Schwester.«

Fidelmas Augen blitzten, als ihr auffiel, wie verlegen der Mann war. Sie verkniff sich jede Bemerkung.

Der Leichnam war der einer jungen Frau, die wahrscheinlich kaum älter als zwanzig Jahre war. Fidelma war noch immer nicht so abgebrüht, dass ihr ein so früher Tod nichts mehr ausmachte.

»Sie ist noch nicht lange tot«, merkte sie als Erstes an.

Bruder Donngal nickte.

»Nicht länger als einen Tag und eine Nacht, nehme ich an. Sie wurde heute Morgen gefunden, und ich glaube, dass sie während der Nacht gestorben ist.«

»Wer hat sie entdeckt?«

»Bruder Torcan«, mischte sich Abt Laisran ein, der hinter der Tür stehengeblieben war und sie beobachtete.

»Wo hat man sie gefunden?«

»Kaum mehr als ein paar hundert Schritte von den Mauern der Abtei entfernt.«

»Ich meine, an welchem Ort und in welcher Umgebung?«

»Oh, ich verstehe. Sie wurde in einem Wald gefunden, auf einer kleinen, beinahe ganz von Farnüberwucherten Lichtung.«

Fidelma zog eine Augenbraue in die Höhe.

»Was hatte Bruder Torcan dort verloren?«

»Er hat Pilze gesammelt. Er arbeitet in der Küche.«

»Und die Kleider, die das Mädchen trug … wo sind die?«, fragte Fidelma.

Der Mann deutete auf einen Tisch mit Kleidungsstücken.

»Es ist die schlichte Tracht eines Dorfmädchens. Es ist nichts dabei, woran man feststellen könnte, wer sie ist.«

|21|»Ich werde mir das alles gleich ansehen. Ich würde auch gern mit Bruder Torcan reden.«

Fidelma wandte ihren Blick wieder dem Leichnam zu und beugte sich hinunter, um ihn mit sorgfältiger Präzision zu untersuchen.

Nach einiger Zeit richtete sie sich auf.

»Und jetzt würde ich mir gern die Kleidung anschauen.«

Bruder Dongall trat zur Seite und sah Fidelma zu, die die Kleidungsstücke einzeln in die Hand nahm. Darunter war ein Paar Sandalen, die cuaran, die aus einem einzigen ungegerbten Fell bestanden, das mit schmalen Riemen aus dem gleichen Leder zusammengenäht war. Die Sandalen waren beinahe durchgelaufen. Das Kleid war schlicht und aus ziemlich verschlissener, grob gewebter Wolle. Wahrscheinlich hatte die Frau es an der Taille mit einem Leinenstreifen zusammengehalten. Außerdem war da noch ein kurzer, mit Kaninchenfell gesäumter Umhang mit Kapuze, wie ihn viele Frauen auf dem Land trugen. Auch der war recht abgewetzt.

Fidelma hob den Kopf und schaute den Apotheker an.

»Das war alles, was sie anhatte?«

Bruder Donngal nickte.

»Keine Unterwäsche?«

Der Apotheker wand sich verlegen.

»Keine«, bestätigte er.

»Auch keine ciorbholg

Ciorbholg bedeutet wortwörtlich übersetzt »Kammtasche« und bezeichnete eine Tasche, in der allerdings außer Kämmen auch andere Artikel zur Körperpflege aufbewahrt wurden. Alle Frauen, gleich welchen Standes, führten diese Tasche bei sich. Sie diente ihnen gleichzeitig als Geldbörse, und man trug sie oft um die Taille gebunden.

Wieder schüttelte Bruder Donngal verneinend den Kopf.

|22|»Deswegen sind wir ja zu dem Schluss gekommen, dass sie einfach eine arme Wanderarbeiterin war«, erklärte der Abt.

»Sie hatte also keinen Waschbeutel?«, sinnierte Fidelma laut. »Und auch keine Broschen oder anderen Schmuckstücke?«

Ein kleines Lächeln stahl sich auf Bruder Donngals Lippen.

»Natürlich nicht.«

»Wieso natürlich?«, fragte Fidelma schroff.

»Das kann man doch schon an der Kleidung sehen. Schwester, das war ein ganz armes Landmädel. Die könnte sich derlei Schmuck überhaupt nicht leisten.«

»Auch ein armes Landmädel findet irgendetwas, das sie schmücken kann, ganz gleich, wie arm sie ist«, antwortete Fidelma.

Abt Laisran trat traurig lächelnd hinzu.

»Es wurde nichts entdeckt. Du siehst also, Fidelma, diese arme junge Frau kann dir aus dem Reich der Toten nichts zuflüstern. Sie ist ein armes Landmädel ohne irgendwelche Merkmale, die etwas über sie aussagen könnten. Sie ist stumm. Du hättest meine Herausforderung nicht so bereitwillig annehmen sollen.«

Fidelma drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. In ihren Augen blitzte ein gefährliches Feuer.

»Im Gegenteil, Laisran. Dieses arme Mädchen flüstert mir sehr viel zu. Sie hat uns eine Menge mitzuteilen, selbst in ihrem beklagenswerten Zustand.«

Bruder Donngal wechselte einen erstaunten Blick mit dem Abt. »Ich versteh dich nicht recht, Schwester«, sagte er. Was kannst du da entdecken? Was habe ich übersehen?«

»Beinahe alles«, antwortete Fidelma ruhig.

Abt Laisran hätte fast laut losgelacht, als er den zutiefst beschämten Ausdruck auf dem Gesicht des Apothekers wahrnahm. Doch er wandte sich Fidelma mit vorwurfsvoller Miene zu.

|23|»Also, Fidelma«, schalt er sie, »jetzt sei nicht so grob zu unserem Mitbruder, nur weil du vor einem unlösbaren Rätsel stehst. Nicht einmal du kannst aus dem Nichts etwas heraufbeschwören.«

Abt Laisran trat unruhig von einem Bein auf das andere, als er bemerkte, wie Fidelmas kleine grüne Augen noch feuriger blitzten. Als sie ihm jedoch antwortete, war ihr Tonfall vergleichsweise milde.

»Du solltest mich doch wirklich besser kennen, Laisran. Ich neige nicht zu eitlen Prahlereien.«

Bruder Donngal trat vor und starrte auf die Leiche der jungen Frau, als wollte er auch sehen, was Fidelma entdeckt hatte.

»Was ist mir entgangen?«, erkundigte er sich noch einmal.

Fidelma drehte sich zu dem Apotheker.

»Erstens sagst du, dass dies ein armes Landmädel ist. Wie bist du zu dieser Schlussfolgerung gelangt?«

Bruder Donngal schaute sie beinahe mitleidig an.

»Das ist einfach. Sieh dir doch ihre Kleidung an – ihre Sandalen. So etwas trägt keine Person von hohem Rang. Die Kleidung weist auf ihre bescheidene Herkunft hin.«

Fidelma seufzte leise.

»Mein Mentor, der Brehon Morann, hat einmal gesagt, dass ein Schleier viel verdecken kann. Es ist töricht, nach dem Äußeren auf die inneren Werte einer Person zu schließen.«

»Ich verstehe nicht recht.«

»Diese junge Frau ist nicht von bescheidener Herkunft, so viel ist klar.«

Abt Laisran trat hinzu und musterte den Leichnam voller Neugier.

»Also Fidelma, jetzt hast du nur drauflos geraten.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Ich rate nicht, Laisran. Ich habe es dir bereits gesagt«, fügte |24|sie ungeduldig hinzu. »Lausche nur dem Flüstern der Toten. Wenn dies ein Bauernmädel sein soll, dann sieh dir doch ihre Haut an – sie ist weiß, nicht von Wind und Sonne gegerbt. Sieh dir ihre Hände an – weich und gepflegt, makellos wie ihre Fingernägel. Sieh dir ihre Füße an. Wiederum zart und gut gepflegt. Und ihre Fußsohlen? Diese junge Frau ist nicht in den armseligen Schuhen über die Felder gestapft, mit denen sie gefunden wurde. Sie hat überhaupt keine großen Entfernungen zu Fuß zurückgelegt.«

Der Abt und der Apotheker folgten Fidelmas Anregung und schauten sich die Hände und Füße der jungen Frau an.

»Und jetzt seht euch ihr Haar an.«

Das Haar der jungen Frau war golden und hinten am Kopf zu einem langen Zopf geflochten, der ihr beinahe bis zur Taille reichte.

»Daran ist nichts Ungewöhnliches«, meinte Abt Laisran. Viele Frauen in den fünf Königreichen von Éireann hielten sehr langes Haar für ein Zeichen von Schönheit und flochten es auf diese Art.

»Aber es ist außerordentlich gut gepflegt. Die Flechtart ist die traditionelle Form des cuilfhionn, und ihr wisst doch sicherlich, dass nur Frauen hohen Ranges diese Haarfrisur tragen. Dieser arme Leichnam flüstert mir zu, dass es sich hier um eine hochstehende Frau handelt.«

»Warum war sie dann wie eine Bäuerin gekleidet?«, wollte der Apotheker nach einigem Schweigen wissen.

Fidelma schürzte die Lippen.

»Wir müssen weiter lauschen. Vielleicht verrät sie es uns. Denn sie erzählt uns auch andere Dinge.«

»Zum Beispiel?«

»Sie ist verheiratet.«

Abt Laisran schnaubte ungläubig.

|25|»Woher willst du das denn wissen?«

Fidelma deutete auf die linke Hand des Leichnams.

»Um den Ringfinger sind Male zu sehen. Sie sind nur schwach, das gebe ich zu, aber diese winzigen Flecken zeigen doch, dass kürzlich ein Ring abgestreift wurde, den sie an diesem Finger trug. Außerdem weist ihr linker Arm Verfärbungen auf. Was schließt du daraus, Bruder Donngal?«

Der Apotheker zuckte die Achseln.

»Du meinst die Flecke von der blauen Farbe? Die sind doch wohl nicht wichtig.«

»Warum?«

»Weil das in den Dörfern gang und gäbe ist. Die Frauen färben Tuch und andere Stoffe. Das Blau ist nur eine Farbe, die man aus einem Kreuzblütler, der Pflanze glaisin2 gewinnt. Fast alle benutzen sie. Daran ist nichts Ungewöhnliches.«

»Das stimmt. Aber hochrangige Frauen würden doch kaum ihre eigenen Stoffe färben? Und diese Farbflecke scheinen mir recht neuen Datums zu sein.«

»Ist das denn wichtig?«, fragte der Abt.

»Vielleicht. Alles hängt davon ab, wie wir die wichtigste Tatsache bewerten, die uns dieser Leichnam zuflüstert.«

»Und die wäre?«, wollte Bruder Donngal wissen.

»Dass diese junge Frau ermordet wurde.«

Abt Laisrans Augenbrauen schossen in die Höhe.

»Also, komm! Unser Bruder Apotheker hat keinerlei Anzeichen von Gewaltanwendung gefunden. Keine Wunden, keine Blutergüsse, keine Abschürfungen. Das Gesicht ist so entspannt, als sei die Frau eingeschlafen. Das sieht doch jeder.«

Fidelma trat vor, hob den Kopf der jungen Frau hoch und zog den Zopf nach vorn, um den Nacken zu entblößen. Sie |26|hatte das vorhin bei ihrer ersten Untersuchung auch gemacht, und Bruder Donngal und der Abt hatten ihr verwundert zugeschaut.

»Kommt und seht es euch an, ihr beiden. Bruder Donngal, wie würdest du das erklären?«

Bruder Donngal wirkte ein wenig verlegen, als er sich vorbeugte.

»Unter den Zopf habe ich nicht geschaut«, gab er zu.

»Nun, und jetzt, da du dort hinschaust, was stellst du fest?«

»Da ist eine kleine verfärbte Stelle. Sie sieht aus wie ein winziger Bluterguss«, erwiderte der Apotheker nach ein, zwei Augenblicken. »Sie ist kaum breiter als ein Fingernagel. In der Mitte ist ein kleiner Blutfleck. Es sieht aus wie der Stich von einem blutsaugenden Insekt. Es könnte aber auch jemand mit einer Nadel in die Haut gestochen haben.«

»Siehst du das ebenfalls, Laisran?«, fragte Fidelma.

Der Abt beugte sich vor, schaute und nickte dann.

Fidelma bettete den Kopf der jungen Frau sanft wieder auf den Tisch.

»Ich glaube, dass diese Wunde durch einen Einstich hervorgerufen wurde. Du hast recht, Bruder Donngal, wenn du sagst, dass es wie ein Nadelstich aussieht. Dieser Einstich wurde mit einem langen dünnen Instrument ausgeführt, das einer Nadel ähnelt. Es wurde am Nacken angesetzt und dann kräftig hineingestoßen, sodass es in den Kopf eindrang. Sehr schnell. Tödlich. Böse. Die junge Frau ist wahrscheinlich gestorben, ehe ihr bewusst wurde, dass ihr jemand etwas antun wollte.«

Abt Laisran starrte Fidelma verdutzt an.

»Jetzt noch einmal, Fidelma. Du sagst, dass die Tote, die heute Morgen in der Nähe der Abtei gefunden wurde, eine hochstehende Frau ist, die man ermordet hat? Das habe ich richtig verstanden?«

|27|»Und nach ihrem Tod hat man ihr die Kleider fortgenommen und sie eilig in Bauernkleider gesteckt, um ihre Herkunft zu verschleiern. Der Mörder wollte alles entfernen, was auf ihre Person hinwies«, ergänzte Fidelma.

»Selbst wenn das stimmt«, unterbrach sie Bruder Donngal, »wie können wir dann herausfinden, wer sie war und wer dieses Verbrechen begangen hat?«

»Dass sie noch nicht lange tot war, als Bruder Torcan sie gefunden hat, macht unsere Aufgabe ein wenig leichter. Sie wurde hier in der Nähe getötet. Eine Frau von Rang war ja sicher an einem vornehmen Ort zu Besuch. Sie war nicht weit gelaufen. Seht nur die Sohlen ihrer Füße an. Ich würde annehmen, dass sie entweder geritten ist oder mit einer Kutsche ihr Reiseziel erreicht hat.«

»Aber was war dieses Ziel?«, wollte Bruder Donngal wissen.

»Wäre es Durrow gewesen, dann wäre sie zur Abtei gekommen«, erklärte Laisran. »Das hat sie nicht gemacht.«

»Das stimmt allerdings. Dann kommen noch zwei Arten von Reiseziel in Frage: das Haus eines Edelmanns, eines Stammesfürsten oder vielleicht ein bruighean, ein Gasthaus. Ich denke, wir werden den Ort, wo sie ermordet wurde, im Umkreis von drei oder vier Meilen von der Abtei finden.«

»Wieso sagst du das?«

»Ein logischer Schluss. Stellt euch vor: Da sind eine gerade ermordete Person und ihr Mörder, der sie so schnell wie möglich loswerden will. Wer sie getötet hat, hat auch ihre Leiche umgezogen und sie an den Ort gebracht, wo sie gefunden wurde. Weite Strecken kann er nicht zurückgelegt haben.«

Abt Laisran rieb sich das Kinn.

»Wer es auch immer war, er ist ein großes Risiko eingegangen, als er die Leiche im Wald so nah bei der Abtei abgelegt hat.«

|28|»Vielleicht auch nicht. Wenn ich mich recht erinnere, sind die Wälder hier so dicht wie sonst nirgends in der Gegend, trotz ihrer Nähe zur Abtei. Ist das Waldstück viel besucht?«

Der Abt zuckte die Achseln.

»Es stimmt, Bruder Torcan wagt sich beim Pilzesuchen kaum je so weit vor«, gab er zu. »Er ist rein zufällig auf den Leichnam gestoßen.«

»Also barg die Nähe zur Abtei für unseren Mörder nicht unbedingt eine Gefahr. Gibt es in der von mir geschätzten Entfernung die beschriebenen Reiseziele?«

»Du meinst das Haus eines Stammesfürsten oder einen Gasthof? Nördlich von hier liegt Ballcolla; da gibt es ein Gasthaus. Südlich wäre dann Ballyconra, wo der Lord von Conra lebt.«

»Wer ist das? Beschreibe ihn mir.«

»Ein junger Mann; gerade eben erst hat er sein Amt hier angetreten. Ich weiß nicht viel über ihn, obwohl er herkam, um mir seinen Respekt zu zollen, als er die Nachfolge seines Vaters antrat. In meiner ersten Zeit als Abt von Durrow war der Vater des jungen Mannes Lord von Ballyconra, und sein Sohn war abwesend, weil er im Heer des Hochkönigs diente. Er ist Junggeselle und gerade erst aus den Kriegen gegen die Uí Néill zurückgekehrt.«

»Wir müssen mehr in Erfahrung bringen«, meinte Fidelma trocken. Sie blickte aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel.

»Es ist noch eine Stunde bis Sonnenuntergang«, überlegte sie laut. »Sorge dafür, dass Bruder Torcan am Tor auf mich wartet, damit er mich zu der Stelle führen kann, wo er den Leichnam gefunden hat.«

»Wozu soll das denn gut sein?«, fragte der Abt. »Auf der Lichtung war nichts, nur die Leiche.«

Fidelma antwortete nicht.

|29|Mit einem tiefen Seufzer machte sich der Abt auf die Suche nach dem Klosterbruder.

Eine halbe Stunde später zeigte Bruder Torcan Fidelma die kleine Lichtung. Hinter den beiden wartete Abt Laisran voller Ungeduld. Fidelma besah sich den Pfad, der zur Lichtung führte. Er war gerade breit genug für einen kleinen Karren. Sie bemerkte auch gleich ein paar Hufabdrücke und Rillen, die zweifellos von einem Pferdewagen stammten.

»Wohin führt dieser Weg?«, fragte sie, denn sie hatten die Lichtung auf einem anderen Pfad erreicht.

Der Abt antwortete: »Nach einer Weile mündet er in die Hauptstraße nach Süden. In Richtung Ballyconra«, fügte er bedeutungsvoll hinzu.

Inzwischen wurde der Himmel dunkler. Fidelma seufzte.

»Morgen früh würde ich gern den jungen Lord von Conra besuchen. Heute Abend hat es keinen Zweck mehr. Wir gehen jetzt besser in die Abtei zurück.«

Am nächsten Morgen ritt Fidelma in Begleitung des Abtes nach Süden. Ballycorna war eine recht große Ansiedlung; es bestand aus einer Reihe von Gehöften und einigen Häusern für die Landarbeiter. Auf einem Feld in der Nähe wurden Rüben geerntet. Die Arbeiter luden die Rüben auf kleine Eselskarren. Der Weg schlängelte sich durch das Dorf und führte dann an einem Bach entlang, wo Frauen an den Ufern gerade die Wäsche zum Trocknen auslegten. Einige andere rührten in einem Metallkessel, der über einem Feuer hing. Fidelma sah, dass sich Stoff darin befand, und schloss aus dem stechenden Geruch, dass hier gefärbt wurde.

Als sie vorüberritten, unterbrachen manche Leute kurz ihre Arbeit und riefen dem Abt einen Gruß zu oder baten um seinen Segen. Nun folgten die beiden dem Pfad weiter den Hügel hinauf, durch ein weiteres Feld und auf ein großes Gebäude zu. |30|Es lag abseits des Ortes und war da errichtet worden, wo früher eine Hügelfestung gestanden hatte. Ein junger Mann kam ihnen auf einer eleganten schwarzen Stute entgegengetrabt. Er saß lässig im Sattel.

»Das ist Conri, der junge Lord von Conra«, murmelte Laisran, als sie stehen blieben und auf ihn warteten.

Er war ein gutaussehender Bursche von dunkler Gesichtsfarbe. Seine Kleidung und Haltung wiesen ihn als einen Mann von Rang aus, der es gewohnt ist, zu handeln. Eine Narbe auf seiner Stirn verriet, dass er das Soldatenhandwerk ausgeübt hatte. Sie unterstrich seine Persönlichkeit eher, als dass sie ein Makel war.

»Guten Morgen, Herr Abt.« Conri grüßte Laisran freundlich, ehe er sich Fidelma zuwandte. »Guten Morgen, Schwester. Was bringt dich nach Ballycrona?«

Fidelma antwortete, ehe Laisran den Mund aufmachen und eine Erklärung abgeben konnte.

»Ich bin eine dálaigh. Du scheinst Besuch zu erwarten, Lord von Conra. Ich habe gesehen, wie du uns vom Hügel jenseits der Festung beobachtet hast, als wir näher kamen. Dann bist du rasch herbeigeritten, um uns zu begrüßen.«

Die Augen des jungen Mannes weiteten sich ein wenig, und dann lächelte er traurig.

»Du hast scharfe Augen, dálaigh. Tatsächlich erwarte ich seit einigen Tagen die Ankunft meiner Frau. Ich sah nur die Umrisse einer Frau zu Pferd und dachte einen Augenblick lang …«

»Deine Frau?«, fragte Fidelma rasch und schaute zu Laisran.

»Sie heißt Segnat und ist die Tochter des Lords von Tir Bui«, verkündete er mit unverhohlenem Stolz.

»Und du sagst, du erwartest sie?«

»Sie muss jetzt jeden Tag eintreffen. Ich dachte, du wärst es bereits. Wir haben erst vor drei Monaten in Tir Bui geheiratet, |31|aber ich musste gleich wieder hierher zurückkehren und mich um dringende Geschäfte kümmern. Segnat sollte mir nachfolgen, aber ihre Abreise hat sich verzögert. Ich habe erst vor einer Woche die Nachricht erhalten, dass sie bald eintreffen würde.«

Fidelma blickte ihn nachdenklich an.

»Was hat sie denn so lange aufgehalten?«

»Ihr Vater ist krank geworden, nachdem wir geheiratet hatten. Er ist unlängst gestorben. Sie war seine einzige nahe Verwandte und ist bei ihm geblieben, um ihn zu pflegen.«

»Kannst du sie beschreiben?«

Der junge Mann nickte und sah sie nachdenklich an.

»Warum fragst du?«

»Tu mir einfach den Gefallen, Lord von Conra.«

»Sie ist zwanzig Jahre alt, hat goldenes Haar und blaue Augen. Was haben all diese Fragen zu bedeuten?«

Fidelma antwortete nicht gleich.

»Die Straße von Tir Bui hierher führt Reisende nördlich durch Ballacolla und dann um die Abtei herum, nicht wahr?«

Conri schaute überrascht.

»Ja, das ist richtig«, pflichtete er ihr verärgert bei. »Noch einmal, wozu all diese Fragen?«

»Ich bin eine dáleigh«, wiederholte Fidelma ernst. »Es ist meine Aufgabe, Fragen zu stellen. In den Wäldern bei der Abtei wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden, und wir versuchen herauszufinden, wer sie ist.«

Conri blinzelte mehrere Male.

»Willst du sagen, dass es Segnat sein könnte?«

Fidelma schaute ihn voller Anteilnahme an.

»Wir ziehen lediglich Erkundigungen in den umliegenden Siedlungen ein, um zu erfahren, ob man dort etwas von einer vermissten jungen Frau weiß.«

Conri reckte trotzig das Kinn vor.

|32|»Nun, Segnat wird nicht vermisst. Ich erwarte jeden Augenblick ihre Ankunft.«

»Aber vielleicht kommst du doch heute Nachmittag in die Abtei und schaust dir den Leichnam an? Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Wir wollen vollends ausschließen, dass es sich um Segnat handelt.«

Der junge Mann presste die Lippen zusammen.

»Es kann unmöglich Segnat sein.«

»Leider ist nichts unmöglich. Manche Dinge sind nur etwas unwahrscheinlicher als andere. Wir würden dein Kommen sehr zu schätzen wissen. Wenn wir eine Möglichkeit ausschließen könnten, so wäre das schon sehr hilfreich.«

Endlich schaltete sich Abt Laisran ein.

»Die Abtei wäre dir für deine Mitarbeit sehr dankbar, Lord von Conra.«

Der junge Mann zögerte und zuckte dann die Achseln.

»Heute Nachmittag, sagst du? Ich komme.«

Er riss sein Pferd herum und trabte davon.

Laisran wechselte einen Blick mit Fidelma.

»Hat uns das wirklich weitergebracht?«, fragte er.

»Ich denke schon«, antwortete sie. »Nun können wir unsere Aufmerksamkeit dem Gasthof zuwenden, von dem du mir gesagt hast, dass er nördlich der Abtei in Ballacolla liegt.«

Laisrans Gesicht hellte sich auf.

»Ah, jetzt begreife ich, was du vorhast.«

Fidelma lächelte ihn an.

»Tatsächlich?«

»Es ist genau, wie du es vorhin erklärt hast: eine Möglichkeit auszuschließen ist genauso wichtig wie ein endgültiges Ergebnis. Den jungen Conri hast du bereits ausgeschlossen, und jetzt versuchen wir am einzig möglichen verbliebenen Ort zu ergründen, wer die junge Frau ist.«

|33|Fidelma lächelte still vor sich hin, während sie sich wieder nach Norden wandten und zur Abtei und weiter nach Ballacolla ritten.

Das Gasthaus stand an einem Kreuzweg. Es war ein großes, finster wirkendes Gebäude. Sie bogen gerade in den Hof ein, als eine drahtige Frau mittleren Alters einen Eselskarren zum Halten brachte und ihnen beinahe den Zugang versperrte. Die Frau blieb auf ihrem Karren sitzen und schaute sie missmutig an.

»Ordensleute!« Sie spuckte das Wort beinahe aus.

Fidelma schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Du scheinst alles andere als erfreut, uns hier zu sehen«, bemerkte sie mit einiger Belustigung.

»Arme Leute wie ich verlieren ihren Broterwerb wegen der freigebigen Gastfreundschaft eurer Klöster«, knurrte die Frau.

»Nun könnte es aber doch sein, dass wir gekommen sind, um bei dir eine Erfrischung zu erwerben«, erwiderte Fidelma beschwichtigend.

»Wenn ihr dafür bezahlen könnt, geht ins Haus zu meinem Ehemann und sagt ihm, was ihr haben möchtet.«

Fidelma machte keinerlei Anstalten, ihrer Aufforderung zu folgen.

»Ich nehme an, du bist hier die Wirtin?«

»Ja und?«

»Dann würde ich dir gern einige Fragen stellen. Ist hier vor zwei Nächten eine junge Frau vorübergeritten? Eine junge Frau, die auf der Straße von Norden gekommen ist, aus der Richtung von Tir Bui?«

Die Augen der Wirtin verengten sich misstrauisch.

»Und was geht das dich an?«

»Ich bin eine dálaigh. Auf meine Fragen musst du antworten«, erwiderte Fidelma nachdrücklich. »Wie heißt du, Wirtin?«

|34|Die Frau blinzelte. Sie wirkte streitlustig, verkniff sich aber dann ihre Bemerkung. Wenn man sich weigerte, die Fragen einer dálaigh zu beantworten, konnte es einem blühen, dass man eine Strafe zahlen musste, weil man den Lauf der Gerechtigkeit behindert hatte. Das Gesetz legte die Pflichten der Wirte, die öffentliche Gasthäuser betrieben, ganz genau fest.

»Ich heiße Corbnait«, erwiderte sie schließlich unwirsch.

»Und die Antwort auf meine erste Frage?«

Corbnait hob ihre Schultern und ließ sie resigniert sinken.

»Vor drei Nächten ist eine Frau hierhergekommen. Sie wollte aber nur etwas zu essen und brauchte Heu für ihr Pferd. Die war aus Tir Bui.«

»Hat sie dir ihren Namen genannt?«

»Nicht dass ich mich erinnere.«

»War sie jung, hatte helle Haut und goldenes, zu einem Zopf geflochtenes Haar?«

Die Wirtin nickte bedächtig.

»Ja, das stimmt.« Plötzlich trat ein wütender Ausdruck auf ihre Züge. »Hat sie sich über mein Gasthaus oder über die Bedienung beschwert? Ja?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Sie kann sich nicht mehr beschweren, Corbniat. Sie ist tot.«

Die Frau zwinkerte und sagte missmutig: »An dem Essen, das sie hier bei mir bekommen hat, ist sie jedenfalls nicht gestorben. Ich führe ein gutes Wirtshaus.«

»Ich habe doch noch gar nicht über ihre Todesursache gesprochen.« Fidelma legte eine Pause ein. »Ich sehe, ihr habt einen kleinen Karren.«

Corbnait schaute überrascht wegen des plötzlichen Themenwechsels.

»So einen haben viele hier. Ich hole damit meine Vorräte |35|von den umliegenden Höfen. Was soll denn daran verkehrt sein?«

»Färbt ihr in eurem Gasthof auch Stoff?«

»Jetzt geht’s ums Färben? Was für Spielchen treibst du hier mit mir, Schwester?« Corbnait schaute zu Abt Laisran und dann wieder zurück zu Fidelma, als überlegte sie, ob sie es vielleicht mit einer gefährlichen Irren zu tun hatte. »Alle färben hier ihre Kleider selbst, nur die feinen Herrschaften nicht.«

»Bitte zeige mir deine Hände und Arme«, forderte Fidelma die Frau auf.

Die schaute erneut verdutzt hin und her, beschloss aber, als sie die ungerührten Mienen sah, nicht weiter zu hadern, sondern streckte ihnen ihre kräftigen Unterarme entgegen. Es war kein einziger Farbfleck darauf zu sehen.

»Zufrieden?«, bellte sie.

»Du pflegst deine Hände gut«, meinte Fidelma.

Die Frau schniefte.

»Wozu habe ich denn einen Ehemann, der die Schmutzarbeit machen kann?«

»Ich nehme an, du hast der jungen Frau das Essen serviert?«

»Das habe ich.«

»Hat sie viel geredet?«

»Ein bisschen. Sie sagte mir, dass sie zu ihrem Ehemann unterwegs wäre. Er wohnt irgendwo südlich der Abtei.«

»Sie ist aber nicht über Nacht hiergeblieben?«

»Sie hatte es eilig, zu ihrem Mann zu kommen. Ja, die junge Liebe!« Die Frau schnaubte verächtlich. »Diese Krankheit hat man ja schnell überwunden. Der schöne Prinz, den man geheiratet hat, stellt sich meist schon bald als fauler Tunichtgut heraus! Mein Mann zum Beispiel …«

»Du hattest den Eindruck, dass sie in ihren Mann verliebt war?«, fragte Fidelma rasch dazwischen.

|36|»O ja.«

»Sie hat keine Schwierigkeiten oder Sorgen erwähnt?«

»Überhaupt keine.«

Fidelma dachte nach.

»War sie die ganze Zeit allein, als sie bei euch im Gasthaus war? Niemand sonst hat mit ihr geredet? Waren andere Gäste da?«

»Nein, nur mein Mann und ich. Mein Mann hat sich um ihr Pferd gekümmert. Sie hat besonderen Wert darauf gelegt, dass es gut gefüttert wurde. Die junge Frau war offensichtlich die Tochter eines Stammesfürsten, denn sie hatte eine kostbare schwarze Stute, und ihre Kleidung war sehr fein.«

»Wann ist sie hier aufgebrochen?«

»Gleich nach dem Essen, nur zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Sie meinte, sie könnte ihr Reiseziel noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Was ist mir ihr geschehen? Ist sie von einem Straßenräuber überfallen worden?«

»Das müssen wir noch herausfinden«, erwiderte Fidelma. Sie erwähnte nicht, dass ein Raubüberfall allein schon wegen der Todesart der jungen Frau ausgeschlossen werden konnte. »Ich möchte jetzt kurz mit deinem Mann sprechen.«

Corbnait schaute sie missmutig an.

»Warum musst du mit Echen reden? Der kann dir auch nicht mehr sagen.«

Fidelma zog streng die Brauen zusammen.

»Das beurteile ich lieber selbst.«

Corbnait wollte etwas erwidern, nahm dann aber die Entschlossenheit auf Fidelmas Zügen wahr und zuckte die Achseln. Sie erhob die Stimme zu einem schrillen Schrei.

»Echen!«

Das erschreckte den geduldigen Esel und Fidelmas und Laisrans Pferde. Sie hatten einige Augenblicke alle Hände voll zu |37|tun, um die scheuenden Tiere wieder in den Griff zu bekommen.

Da kam auch schon ein dünner Mann mit einem Frettchengesicht aus der Scheune herbeigeeilt.

»Du hast mich gerufen, meine Liebe?«, fragte er freundlich. Da sah er Abt Laisran, den er offensichtlich kannte, verneigte sich unterwürfig vor ihm und rieb sich die Hände. »Sei mir willkommen, edler Laisran.« Dann wandte er sich zu Fidelma und fügte hinzu: »Und auch du sei willkommen, Schwester. Du segnest unser Haus mit deiner Anwesenheit …«

»Ach Mann, sei friedlich!«, fuhr seine Gattin dazwischen. »Die dálaigh will dir einige Fragen stellen.«

Die Augen des kleinen Mannes weiteten sich.

»Dáleigh

»Ich bin Fidelma von Cashel.« Fidelmas Blick fiel auf die verkrampften, verschränkten Hände. »Ich sehe, du hast blaue Farbe an den Fingern, Echen.«

Der Mann schaute verwundert auf seine Hände.

»Ich habe gerade Farbe angerührt, Schwester. Ich versuche, einen bestimmten blauen Farbton zu erzielen, indem ich glaisin und dubh-poll3 mische … das ist ein schwarzes Sediment, das man in Tümpeln im Moor findet und das ich mit glaisin vermenge, um ein tiefes Blau zu erhalten …«

»Still! Die Schwester will dein Geschwätz nicht hören!«, unterbrach ihn Corbnait rüde.

»Ganz im Gegenteil«, blaffte Fidelma, die sich über die herrschsüchtige Frau ärgerte. »Ich wüsste gern, ob Echen auch gerade Stoff gefärbt hat, als die junge Frau neulich abends hier eingekehrt ist.«

Echen sah sie verdattert an.

|38|»Die junge Frau, die nur für eine Mahlzeit und Futter für ihr Pferd hier war«, erklärte ihm Corbnait. »Die mit der schwarzen Stute.«

Die Miene des Mannes hellte sich auf.

»Nein, ich habe mit dem Färben erst heute angefangen. Ich erinnere mich gut an die junge Frau. Wie eilig sie es hatte, ihr Reiseziel zu erreichen!«

»Hast du mit ihr gesprochen?«

»Nur, um von ihr Anweisungen über das Futter für ihr Pferd entgegenzunehmen. Und dann ist sie zum Essen ins Gasthaus gegangen. Sie war etwa eine Stunde bei uns, nicht wahr, meine Liebe? Dann ist sie weitergeritten.«

»Und zwar ist sie allein weitergeritten«, fügte Corbnait noch hinzu. »Genau wie ich es gesagt habe.«

Echen machte den Mund auf, bemerkte dann aber den Blick seiner Frau und schloss den Mund wieder.

Das war Fidelma nicht entgangen.

»Du wolltest noch etwas hinzufügen, Echen?«, ermunterte sie den Mann.

Echen zögerte.

»Komm schon, wenn es noch etwas zu ergänzen gibt, dann musst du es sagen«, forderte Fidelma ihn nun in schärferem Ton auf.

»Es ist nur … ganz allein ist die junge Frau nicht weitergeritten.«

Seine Frau fuhr mit grimmigem Blick zu ihm herum.

»Es war an diesem Abend niemand sonst bei uns im Gasthaus. Was erzählst du denn da, Mann?«

»Ich habe der jungen Frau in den Sattel geholfen, und sie ist vom Gasthof weggeritten. Aber als der Weg dann nach Süden schwenkte, da habe ich gesehen, dass sich auf der Kuppe des Hügels jemand mit einem kleinen Eselskarren zu ihr gesellte.«

|39|»Jemand hat sich zu ihr gesellt? Ein Mann oder eine Frau?«, wollte Fidelma wissen. »Hast du das gesehen?«

»Ein Mann.«

Abt Laisran sprach zum ersten Mal.

»Das ist dann wohl unser Mörder«, meinte er mit einem Seufzer. »Also doch ein Straßenräuber. Jetzt werden wir nie erfahren, wer der Schuldige war.«

»Straßenräuber fahren keine Eselskarren«, erwiderte Fidelma.

»Es war kein Straßenräuber«, stimmte ihr Echen zu.

Alle fuhren überrascht zu dem kleinen Mann herum.

»Dann sag ihnen doch endlich, wer es war, du dummer Kerl!«, brüllte Corbnait ihren unglückseligen Gatten an.

»Es war der junge Finn«, erklärte Echen, den dieser laute Tadel sichtlich verletzt hatte. »Er hütet kaum eine Meile von hier in Slieve Nuada die Schafe.«

»Ah, das ist wirklich ein seltsamer Bursche«, sagte Corbnait, als wäre nun alles zu ihrer Zufriedenheit geklärt. »Die Eltern sind vor drei Jahren gestorben. Seither führt er ein Einsiedlerleben. Das ist gegen die menschliche Natur, wenn ihr mich fragt.«

Fidelma blickte von Corbnait zu Echen und sagte: »Ich möchte, dass einer von euch zur Abtei reitet und sich den Leichnam ansieht, damit wir absolut sicher sein können, dass es die junge Frau ist, die hier eingekehrt ist. Wir müssen unbedingt wissen, wer sie ist.«

»Das soll Echen machen. Ich habe zu tun«, grummelte Corbnait.

»Und dann brauche ich eine Wegbeschreibung zu dem Ort, wo sich der junge Finn aufhält.«

»Slieve Nuada, das ist der hohe Hügel, den man von hier aus sehen kann«, mischte sich Abt Laisran ein. »Ich kenne den Berg, und ich kenne den Jungen.«

|40|Kurze Zeit später waren sie bereits bei der Wohnstatt des jungen Mannes angelangt, einer Schäferhütte. Die Schafe grasten am Hang und scherten sich nicht um die Ankunft der Fremden. Fidelma bemerkte, dass ihre weißen Felle mit blauer Farbe gekennzeichnet waren, um die Herde zu markieren, wenn sie sich während des Grasens auf dem Gemeindegrund mit anderen Herden vermischte.

Finn hatte ein wettergegerbtes Gesicht. Er war ein gutaussehender junger Mann mit einem roten Haarschopf. Er kniete rittlings auf einem am Boden liegenden Schaf, dessen Bauch ungeheuer, beinahe unnatürlich aufgedunsen war, ganz so als wäre es trächtig. Während sie herbeiritten, bemerkte Fidelma, wie der junge Mann einen dünnen, nadelartigen Gegenstand in den Bauch des Schafes rammte. Dann hörte man ein seltsames Zischen, und die Schwellung schien zu verschwinden, ohne dass dem Schaf ein Leid geschehen war. Sobald der Hirte das Tier losließ, taumelte es fort und blökte ärgerlich.

Der junge Mann schaute auf und erkannte Abt Laisran. Er legte die biorracha zur Seite und kam freundlich lächelnd auf sie zu, um sie zu begrüßen.

»Abt Laisran. Ich habe dich seit der Beerdigung meines Vaters nicht gesehen.«

Sie stiegen ab und banden ihre Pferde an.

»Du hattest anscheinend ein Problem«, meinte Abt Laisran und deutete auf das Schaf.

»Manche von den Tieren fressen Pflanzen, die ihnen nicht bekommen. Das führt zu Blähungen. Dann schwillt ihr Bauch an wie ein Sack voller Luft, und man muss eine Nadel hineinstechen, damit das Gas entweicht. Es ist ein einfacher Vorgang und tut dem Tier überhaupt nicht weh. Bist du gekommen, um Schafe für die Abtei zu kaufen, Laisran?«

»Ich fürchte, wir sind in einer traurigen Angelegenheit hier«, |41|antwortete Laisran. »Das hier ist Schwester Fidelma, eine dálaigh

Der junge Mann runzelte die Stirn.

»Ich verstehe nicht ganz.«

»Vor zwei Tagen bist du auf der Straße vom Gasthof in Ballacolla einer jungen Frau begegnet.«

Finn nickte sofort.

»Das stimmt.«

»Wieso hast du sie belästigt?«

»Belästigt? Ich verstehe nicht recht.«

»Du bist mit deinem Eselskarren gefahren?«

»Ja.«

»Sie war zu Pferd?«

»Ja. Sie ritt eine schwarze Stute.«

»Wieso hast du sie angesprochen?«

»Es war Segnat aus Tir Bui. Ich bin oft mit meinem Vater, er möge in Frieden ruhen, zur Festung ihres Vaters gereist. Ich kannte sie gut.«

Fidelma verbarg ihre Überraschung.

»Du kanntest sie?«

»Ihr Vater war der Stammesfürst von Tir Bui.«

»Was hatte denn dein Vater in Tir Bui zu tun? Das ist ziemlich weit von hier weg.«

»Mein Vater hat eine alte Schafrasse mit Hörnern gezüchtet, die inzwischen beinahe ausgestorben ist. Er war ein treudaighe und stolz auf seine wirklich feinen Herden.«

»Ein treudaighe ist ein besonders anerkannter Schäfer«, erklärte der Abt.

»Ich verstehe. Du kanntest also Segnat?«

»Ich war überrascht, sie auf der Straße anzutreffen. Sie erzählte mir, sie sei auf dem Weg zu ihrem Ehemann, dem neuen Lord von Ballyconra, Conri.«

|42|Finns Stimme hatte einen seltsamen Unterton, der Fidelma nicht entging.

»Du magst Conri nicht?«

»Ich habe nicht das Recht, seinesgleichen zu mögen oder nicht zu mögen«, erwiderte Finn. »Ich war nur überrascht, als ich hörte, dass Segnat ihn geheiratet hatte, da er doch bereits mit einer Frau zusammenlebt.«

»Das muss jeder Mensch selbst entscheiden«, antwortete Fidelma. »Der Neue Glaube hat unserem Volk die alten Formen der Vielehe noch nicht ganz ausgetrieben. Ein Mann kann mehr als eine Frau haben, ebenso wie eine Frau mehr als einen Ehemann haben kann.«

Abt Laisran schüttelte verärgert den Kopf.

»Die Kirche spricht sich gegen die Vielehe aus.«

»Das stimmt«, gestand ihm Fidelma zu. »Aber der Richter, der das Gesetzestraktat des Bretha Croilge geschrieben hat, meint, es gäbe auch in den alten Glaubensbüchern des Christentums einige Argumente für die Vielehe, denn dort wird vorgebracht, dass selbst beim Auserwählten Volk Gottes eine Vielzahl von Ehen erlaubt war, sodass es genauso leichtfällt, die Vielehe zu verdammen, wie sie zu loben.«

Sie hielt einen Augenblick inne.

»Da du diese Ehe nicht gebilligt hast, darf ich schließen, dass du Segnat gemocht hast? Stimmt das?«

»Wozu all diese Fragen?«, erwiderte der Hirte.

»Segnat ist ermordet worden.«

Finn starrte sie einige Zeit an. Dann verhärteten sich plötzlich seine Züge.

»Conri hat es getan! Segnats Ehemann. Er wollte sie nur wegen ihrer Mitgift. Und jetzt konnte ihm Segnat noch viel mehr einbringen.«

»Wieso?«

|43|»Sie war eine banchomarba, eine Erbin, denn ihr Vater ist ohne männliche Nachkommen gestorben. Sie ist dadurch zur Stammesfürstin von Tir Bur geworden. Sie war reich. Das hat sie mir erzählt. Ein anderer Grund, warum Conri die Verbindung so sehr wünschte, war, dass er den größten Teil seines Vermögens dafür ausgegeben hatte, Kriegerscharen zusammenzustellen, um den Hochkönig in seinem Krieg gegen die nördlichen Uí Néill zu unterstützen. Das erzählt man sich hier überall.«

»Man erzählt viel, aber das muss noch lange nicht stimmen«, mahnte Fidelma.

»Aber es liegen dem Tratsch oft Tatsachen zugrunde.«

»Du scheinst über die Nachricht von Segnats Tod nicht sonderlich bestürzt zu sein«, merkte Abt Laisran schlau an.

»Ich habe in letzter Zeit zu viele Tote zu beklagen gehabt, Abt Laisran. Zu viele.«

»Ich denke, wir müssen dich nicht länger aufhalten, Finn«, sagte Fidelma einen Augenblick später. Laisran schaute sie verwundert an.

»Lasst es euch sagen, ihr werdet herausfinden, dass Conri der Mörder war«, rief ihnen Finn hinterher, als Fidelma sich zum Gehen wandte.

Abt Laisran sah aus, als wollte er darauf noch etwas antworten, doch stattdessen folgte er Fidelma zu den Pferden. Zusammen ritten sie vom Haus des Hirten fort. Sobald sie außer Hörweite waren, lehnte sich Laisran aufgeregt zu Fidelma herüber.

»Da! Wir haben unseren Mörder gefunden! Finn war es. Es passt alles zusammen.«

Schwester Fidelma schaute ihn lächelnd an.

»Wirklich?«

»Das Tatmotiv, die Gelegenheit, das Tatwerkzeug und noch |44|weitere Beweisstücke. Alles ist da. Finn muss sie umgebracht haben.«

»Das klingt ganz so, als hättest du Gesetzestexte gelesen, Laisran«, erwiderte Fidelma.

»Ich habe die Geschichten über deine Erfolge gründlich studiert.«

»Dann sag mir doch, wie du zu dieser Schlussfolgerung gelangt bist.«

»Die lange, dünne Nadel muss, wie du bereits gesagt hast, den Tod der jungen Frau verursacht haben.«

»Weiter.«

»Finn benutzt blaue Farbe, um seine Schafe zu markieren. Daher die Flecke auf dem Leichnam.«

»Weiter.«

»Er kannte auch Segnat. Und anscheinend war er eifersüchtig, weil sie Conri geheiratet hatte. Eifersucht ist ein häufiges Mordmotiv.«

»Sonst noch etwas?«

»Er hat die junge Frau in der Nacht ihres Todes auf der Straße getroffen. Und er hat einen kleinen Eselskarren, mit dem er den Leichnam transportiert hat.«

»Er hat sie aber nicht in der Nacht getroffen«, berichtigte ihn Fidelma pedantisch. »Es war noch zwei Stunden vor Sonnenuntergang.«

Abt Laisran machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Es ist so, wie ich es sage. Motiv, Gelegenheit und Tatwerkzeug. Finn ist der Mörder.«

»Du irrst dich, Laisran. Du hast dem Flüstern der Toten nicht richtig zugehört. Finn kennt jedoch den Mörder.«

Abt Laisrans Augen weiteten sich entsetzt.

»Ich verstehe nicht …«

»Ich habe dir gesagt, dass du den Toten zuhören musst. Finn |45|hat recht. Conri, der Lord von Ballyconra, hat seine Frau ermordet. Ich denke, wir werden feststellen, dass auch das Motiv das war, das Finn genannt hat … das Vermögen, das seine Frau geerbt hatte. Conri wusste vielleicht bereits, dass Segnats Vater bald sterben würde, als er sie geheiratet hat. Sobald wir wieder in der Abtei sind, werde ich den Richter bitten, mit bewaffneten Leuten auszuziehen, um Conris Gehöft zu durchsuchen. Wenn wir Glück haben, ist es ihm noch nicht gelungen, ihre Kleidung und persönliche Habe zu vernichten. Ich denke, wir werden zudem feststellen, dass die schwarze Stute, die er geritten hat, genau die ist, auf der die arme junge Frau ihre tödliche Reise angetreten hat. Hoffentlich meint Echen das auch.«

Abt Laisran starrte Fidelma ausdruckslos an. Er wunderte sich, dass sie so ruhig blieb.

»Woher kannst du das bloß wissen? Das kann doch nur geraten sein. Finn hätte sie genauso gut töten können wie Conri.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Denk doch an die tödliche Verletzung. Eine Nadel, die ihr unter dem Zopf in den Nacken gestochen wurde.«

»Ja und?«

»Gewiss, eine lange, dünne Nadel könnte das Tatwerkzeug gewesen sein, war es höchstwahrscheinlich auch. Wie hätte jedoch ein Fremder, ja sogar ein guter Bekannter wie Finn ihr eine solche Verletzung zufügen können? Wie hätte jemand die junge Frau dazu bringen können, ganz entspannt zu sein und keinen Verdacht zu schöpfen, wenn er den Zopf hochhob, um ihr dann plötzlich die Nadel in den Nacken zu stechen? Wer außer einem Liebhaber? Jemand, dem sie vertraute. Jemand, dessen zärtliche Berührung sie nicht misstrauisch machte. Da bleibt nur Segnats Liebhaber – ihr Ehemann.«

Abt Laisran seufzte schwer.

Fidelma fügte noch hinzu: »Sie ist in Ballyconra angekommen |46|und hat erwartet, dort einen liebenden Ehemann vorzufinden. Stattdessen ist sie auf ihren Mörder getroffen, der ihren Tod bereits geplant hatte, um an ihr Erbe zu kommen.

Sobald er sie getötet hatte, zog er sie aus, kleidete sie in die Bauerngewänder und legte den Leichnam auf einen der Karren, die seine Arbeiter für den Transport von gefärbten Kleidungsstücken benutzten. Dann fuhr er sie in den Wald, wo er hoffte, dass die Leiche ungesehen verwesen würde oder, selbst wenn man sie fand, nicht zu identifizieren wäre.

Er hatte vergessen, dass die Toten uns viele Dinge erzählen«, schloss Fidelma traurig. »Sie flüstern uns allerhand zu. Wir müssen nur lauschen.«

|47|EIN LEICHNAM AM FEIERTAG

Trotz der Meeresbrise aus Süden war es ein heißer Tag. Die Prozession der Pilger hatte den sandigen Strand hinter sich gelassen und stieg nun die steile Flanke des Hügels hinauf zur fernen Kapelle. In ehrfürchtigem Schweigen hatten sie vor dem uralten Granitstein des Heiligen Declan gestanden, einem Stein, von dem es hieß, er sei über das Meer gekommen und habe Gewänder und eine winzige Silberglocke mitgebracht. Hier an diesem abgelegenen Eckchen der irischen Küste hatte es ihn an den Strand gespült, und genau an dieser Stelle hatte ihn ein Kriegerprinz namens Declan gefunden, der wusste, dass Gott ihm auf diese Weise ein Zeichen gab, er solle den Neuen Glauben predigen. Und so begann er sein Missionswerk gleich hier, bei seinem eigenen Volk, den Déices des Königreiches Muman.

Seither stand dieser Stein dort. Der junge Klosterbruder, der die Pilger zu den Stätten führte, die dem heiligen Declan geweiht waren, hatte ihnen erklärt, wenn sie es schafften, unter dem Stein durchzukriechen, könnten sie vom Rheumatismus befreit werden, allerdings nur, wenn ihnen bereits alle Sünden vergeben seien. Keiner aus der Pilgerschar hatte es gewagt, den Beweis für die wundersamen Heilkräfte des Steins zu suchen.

Nun folgten sie dem Klosterbruder langsam vom Strand den steilen Hang hinauf. Sie stiegen in einer langen Schlange bergauf, |48|kamen an die graue Abteimauer und hielten auf die kleine Kapelle zu, die hoch oben auf dem Kamm des Hügels thronte. Diese letzte Pilgerstätte war die Kapelle, die der heilige Declan vor zwei Jahrhunderten errichtet hatte und in der nun seine sterblichen Überreste ruhten.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Schwester Fidelma, warum sie sich ausgerechnet an einem so drückenden Tag dieser Pilgerfahrt angeschlossen hatte. Auch jetzt wieder stellten sich nach diesem Gedanken unverzüglich Schuldgefühle ein. Eine innere Stimme tadelte sie und wies sie streng darauf hin, es sei nun einmal ihre Pflicht als Ordensfrau, voller Ehrfurcht Leben und Werk der heiligen Männer und Frauen zu betrachten, die den Glauben an die Küsten Irlands gebracht hatten.

Um ihren hauptsächlichen Pflichten als dálaigh oder Rechtsanwältin nachzukommen, reiste Fidelma oft an die fünf Gerichte der fünf Königreiche Irlands. Diesmal war sie ins Unterkönigreich der Décia an der Südküste von Muman gekommen. Sobald ihr klargeworden war, dass sie einige Tage in der Abtei von Ardmore zubringen würde, die der heilige Declan gegründet hatte, und dass während ihres Aufenthaltes der Festtag des Heiligen begangen würde, hatte sie sich einer Gruppe von Pilgern angeschlossen, die zu den wichtigsten Stätten im Leben des Heiligen geführt wurden. Fidelma lernte immer sehr gern Neues hinzu. Sie lächelte ein wenig vor sich hin, als ihr klar wurde, dass sie sich nicht nur selbst die Frage gestellt hatte, warum sie bei der Pilgergruppe war, sondern die auch gleich selbst beantwortet hatte.

Bruder Ross, der junge Mann, der die Führung übernommen hatte, plapperte munter vom Leben des Heiligen, während er ihnen den Hang hinauf vorausschritt. Er war ein sehr ernsthafter junger Mann, kaumüber das Alter der Wahl hinaus, wohl nur knapp zwanzig Jahre alt. Nicht einmal der steile Anstieg schien |49|ihn atemlos zu machen. Er hielt keinen Augenblick in seinem begeisterten Monolog inne.

»Declan war einer der großen Heiligen, die in den fünf Königreichen von Éireann predigten, ehe der Gebenedeite Patrick kam. Die großen Heiligen sind Aílbe, der Schutzheilige unseres Königreiches Muman, Ciarán, der auch aus Muman stammte, Ibar von Laigin und Declan von den Déices von Muman. Wir können also stolz darauf sein, dass unser Königreich Muman das Erste war, das sich zum Neuen Glauben bekannte …«

Naiv und voller Leidenschaft fuhr Bruder Ross fort, die Wunder aufzuzählen, die der Heilige bewirkt hatte, und zu berichten, wie er die Pestopfer wieder zum Leben erweckte. Die Pilger lauschten in ehrfürchtigem Schweigen. Fidelma betrachtete das gute Dutzend Männer und Frauen, die sich den Hügel hinaufquälten. Sie hatte wirklich nichts mit ihnen gemeinsam, außer dass sie auch eine Ordensfrau war.

Jetzt näherten sie sich der Kuppe des kahlen Hügels, auf dem die kleine Kapelle aus grauem Granitstein stand. Sie thronte auf einer sanft gerundeten Anhöhe und war von einer niedrigen Trockensteinmauer umgeben. Aus der Ferne hatte das Gebäude sehr klein ausgesehen. Nun beim Näherkommen konnte Fidelma die niedrigen Trockensteinmauern genauer betrachten. Die Kapelle war kaum zwölf mal neun Fuß im Grundriss; das steile Dach war ihren Proportionen angepasst.

»Hier ruhen die sterblichen Überreste des Heiligen«, verkündete Bruder Ross und blieb stehen, damit die Pilger sich an dem Tor in der niedrigen Mauer um ihn sammeln konnten. »Als er seine anstrengende Missionierungsreise durch das Land abgeschlossen hatte, kehrte er hierher in seine geliebte Ansiedlung Ardmore zurück. Er wusste, dass seine Tage auf Erden gezählt waren, und versammelte alle Menschen, auch die Geistlichen, |50|um sich und riet ihnen, in seiner Nachfolge der christlichen Nächstenliebe zu dienen. Nachdem er von Bischof Ma Liag die heiligen Sterbesakramente empfangen hatte, schied er überaus heilig und glückselig aus dem Leben und fuhr, von einem Engelschor begleitet, gen Himmel auf. Es wurden Vigilien abgehalten und feierliche Hochämter gefeiert, man sah viele Zeichen und Wunder, und eine Gemeinschaft von Heiligen versammelte sich aus allen Ecken des Landes.«

Bruder Ross deutete mit der Hand auf die Kapelle und sprach mit begeisterter Stimme weiter.

»Seine sterblichen Überreste wurden in diese, seine erste kleine Kirche überführt und dort zur letzten Ruhe gebettet. Wir gehen jetzt hinein. Es können mich aber jeweils nur drei Personen begleiten, denn ihr seht ja, dass die Kapelle sehr klein ist. Im Inneren ist im Boden eine Vertiefung eingelassen, in der sich ein steinerner Sarg befindet. Diese Ruhestatt hat sich Declan selbst auf Anweisung eines Engels auserwählt. Dort liegen seine sterblichen Überreste, und durch die Mittlerschaft des heiligen Declan sind viele Zeichen und Wunder geschehen.«

Er stand mit geneigtem Haupt da, während die Pilger ihr respektvolles »Amen« murmelten.

»Wartet einen Augenblick hier. Ich gehe erst in die Kapelle und sehe nach, ob wir keine Beter stören. Heute ist der Festtag des Heiligen. Da kommen viele Leute her.«

Folgsam blieben alle bei der Mauer stehen, wie Bruder Ross sie gebeten hatte. Er machte sich auf den Weg zur Kapelle und verschwand in ihrem Inneren.

Wenige Augenblicke später kam er mit hochrotem Kopf wieder herausgestürzt. Seine Lippen bewegten sich, aber er brachte kein einziges Wort heraus. Schwester Fidelma und die anderen starrten ihn verwundert an. Der plötzliche Umschwung von stiller Ehrfurcht zu einer so heftigen Erregung verstörte sie. |51|Erst nach einer Weile würgte der junge Mann einige unverständliche Wortfetzen hervor. Dann sprudelte er in gehetztem Staccato seine Sätze los: »Er ist unverwest! Ein Wunder! Ein Wunder!«

Bruder Ross rollte wild mit den weit aufgerissenen Augen.

Fidelma trat einen Schritt näher an ihn heran. »So beruhige dich doch, Bruder!«, rief sie. Der scharfe Befehlston ihrer Stimme dämpfte seine Erregung ein wenig. »Was ist mit dir?«

»Der Leichnam des Heiligen … Er ist unverwest!«

»Was meinst du damit?«, wollte Fidelma verärgert wissen. »Du redest wirr.«

Der junge Mann schluckte und atmete einige Male tief durch, um die Fassung wiederzugewinnen.

»Der Sarkophag! Seine Deckplatte wurde zur Seite geschoben … und da liegt der Leichnam des heiligen Declan … und ist nicht verwest … wahrlich … ein Wunder … ein Wunder! Geht und verbreitet die frohe Kunde!«

Fidelma verschwendete keine Zeit damit, einen Sinn in den wirren Behauptungen des jungen Mannes zu suchen.

Sie ging rasch auf ihn zu, schob ungeduldig die Hand zur Seite, mit der er sie am Weitergehen hindern wollte, und trat in die Kapelle. Nur durch ein kleines Fenster fiel etwas Tageslicht herein. Fidelma musste einen Augenblick warten, bis sich ihre Augen auf das Dämmerlicht eingestellt hatten. Die beiden großen Kerzen auf dem Altar waren nicht angezündet, aber zu Fidelmas Überraschung brannte auf der Deckplatte des Sarkophags ein kurzer Kerzenstummel unruhig flackernd.

Die Steinplatte hatte die Vertiefung im Boden verschlossen, und man hatte sie schräg weggeschoben, sodass es möglich war, in das flache Grab zu schauen. Fidelma trat vor und blickte hinunter. Bruder Ross hatte recht: Es lag wirklich ein Leichnam darin. Aber es war nicht der eines Menschen, der vor zweihundert |52|Jahren hier bestattet worden war. Fidelma beugte sich hinunter, um ihn sich näher anzusehen. Sie bemerkte zweierlei: Ein Blutfleck glänzte noch feucht, und als sie die Stirn berührte, war die Haut noch warm.

Fidelma begab sich wieder nach draußen. Dort erging sich Bruder Ross aufgeregt in poetischen Beschreibungen. Die Pilger hatten sich um ihn geschart.

»Brüder und Schwestern, heute durftet ihr eines der Wunder des heiligen Declan miterleben. Der Leichnam des Heiligen ist nicht verwest und nicht verfallen. Geht zur Abtei hinunter und sagt es allen. Ich bleibe hier und halte Wache, bis ihr mit dem Abt zurückkehrt …«

Da merkte er, dass alle Pilger die Augen auf Fidelma gerichtet hatten, die mit grimmiger Miene näher getreten war.

»Du hast es auch gesehen, nicht wahr, Schwester?«, wollte Bruder Ross wissen. »Ich habe nicht gelogen. Der Leichnam ist unverwest. Ein Wunder!«

»Niemand betritt die Kapelle«, erwiderte Fidelma kühl.

Bruder Ross zog wütend die Brauen zusammen.

»Ich bin für die Pilger zuständig. Wer bist du, dass du hier Befehle erteilst?«

»Ich bin eine dálaigh. Meine Name ist Fidelma von Cashel.«

Der junge Mann blinzelte, weil sie mit solcher Schärfe gesprochen hatte. Er erholte sich rasch von seiner Verwunderung.

»Ob du nun eine Anwältin bist oder nicht, wir sollten die Pilger zur Abtei schicken, damit sie dem Abt Bericht erstatten. Ich warte hier … Es ist wahrhaftig ein Wunder geschehen!«

Fidelma wandte sich mit sarkastischer Miene zu ihm.

»Du weißt doch so viel über den heiligen Declan. Da kannst mir sicher ein paar Fragen beantworten: Hat man Declan mit einem Dolch ins Herz gestochen, ehe man ihn zur letzten Ruhe bettete?«

|53|Bruder Ross verstand nicht.

»Und war der Heilige in Wirklichkeit eine junge Frau?«, fuhr Fidelma erbarmungslos fort.

Bruder Ross war entrüstet.

Fidelma lächelte dünnlippig.

»Dann schlage ich vor, du schaust dir diesen nicht verwesten Leichnam ein wenig genauer an. Im Grab liegt die Leiche einer jungen Frau. Sie wurde kürzlich mitten ins Herz gestochen. Und man hat sie im Grab auf die Knochen gelegt, die wahrscheinlich das Skelett des heiligen Declan sind.«

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