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Die Tochter des Leuchtturmmeisters

 

»Das Heilmittel für alles und jedes ist Salzwasser

– Schweiß, Tränen oder das Meer.«

 

Karen Blixen

Die Kirchenglocken von Marstrand läuteten zu halb elf den Sonntagsgottesdienst ein, aber draußen auf Hamneskär, wo die beiden polnischen Maurer soeben wieder die Arbeit aufgenommen hatten, war nichts davon zu hören. Gerade besserten sie die Innenwand des alten Vorratskellers aus, als diese plötzlich nachgab und einstürzte. Es war, als könnte der Mörtel dem düsteren Geheimnis nicht länger standhalten, das das Bauwerk so lange gehütet hatte. Hinter der Wand befand sich ein weiterer Raum, der früher einmal der Familie des Leuchtturmmeisters gehört hatte. Dort im Dunkel lag der tote Körper eines Menschen. Sein Gesicht war den Hineinschauenden zugewandt, so als würden sie erwartet.

Die Polen schrien auf und bekreuzigten sich hastig.

 

Pater-Noster-Leuchtturm, Hamneskär, 2. August 1963

 

Sie küsste ihn auf die Stirn und strich ihm übers Haar. Dann legte sie seine Hand auf ihren Bauch und meinte, ein Lächeln auf seinen Lippen wahrzunehmen. Mit dem Finger folgte sie der schönen Kontur seines Amorbogens. Ein sanfter Knuff kam von innen, als wollte das Persönchen dort drinnen auch Abschied nehmen.

Ihr war, als würde der Schmerz sie zerreißen. Sie zog die Decke über ihn, damit er nicht fror.

Die Männer an der Tür warteten. Es war höchste Zeit zu gehen. Ein letztes Mal wandte sie sich um und winkte. Sie brachte es nicht über sich, Lebewohl zu sagen, flüsterte nur: »Wir sehen uns bald wieder, bis dahin werde ich jede einzelne Minute zählen.«

1.

Draußen auf Hamneskär, der kleinen Insel nördlich vor Marstrand, herrschte fieberhafte Betriebsamkeit. Zwei Monate waren es noch bis zur Wiedereinweihung des Pater-Noster-Leuchtturms. In westlicher Richtung war das Eiland kaum wiederzuerkennen, seit man den Turm von Hamneskär fortgeschafft hatte. Das war jetzt ein paar Jahre her, und seitdem hatte der Verein der Pater-Noster-Freunde alles getan, um Geld für die Restaurierung und den Rücktransport des Turms auf die kleine Schäre zusammenzubekommen. Ein paar Bewohner von Marstrand hatten sich ebenfalls engagiert, aber im Großen und Ganzen war das Interesse der Inselbewohner eher verhalten.

Bauleiter Roland Lindström machte gerade eine kurze Pause und genoss die Strahlen der Märzsonne, als Mirko angerannt kam. Der ältere Pole, dessen Namen Roland nie behalten konnte, trottete hinter ihm her und schüttelte bekümmert den Kopf. Der Mann roch ständig stark verschwitzt, weshalb die Schweden ihn Schwitzkowski nannten. Roland verstand nicht, wie man derart schlecht riechen konnte, aber Schwitzkowski schien sich des Gestanks, der ihn umgab, überhaupt nicht bewusst zu sein. Tag für Tag trug er dasselbe grau-grün karierte Hemd. Roland fragte sich, ob der Kerl daheim in Polen eine Frau hatte. Wenn ja, sollte die sich mal darum kümmern.

»Heilige Mutter Gottes«, murmelte Mirko leise in seiner Muttersprache und bekreuzigte sich von Neuem.

»Was ist los?«, fragte Roland unwirsch, weil man ihn an seinem windgeschützten Platz hinter dem roten Leuchtturmmeisterhaus gestört hatte.

»Ein toter Mann.«

Roland runzelte die Stirn. Das Schwedisch des Arbeiters war nicht besonders gut. Er konnte etwas anderes meinen. Missmutig goss Roland den Kaffee aus dem Plastikbecher und schraubte ihn wieder auf die Thermosflasche. Dann legte er einen Priem ein und wischte die Hand am Blaumann ab, bevor er aufstand. Ich muss ihn falsch verstanden haben, dachte er.

 

Die früheren Wohnhäuser des Leuchtturmpersonals einschließlich der Nebengebäude wurden gerade saniert. Man plante eine Jugendherberge auf die karge Insel Hamneskär zu legen, die auch Möglichkeiten zur Durchführung von Konferenzen bot. Es war modern, derartige Anlagen an schwer zugänglichen Orten zu nutzen, wohin die Leute möglichst nur mit RIB-Booten gelangten. Die Schnellboote zischten mit gut vierzig Knoten übers Wasser, ein besonderes Erlebnis für die je zwölf Passagiere, obwohl das Ganze weder umweltfreundlich noch billig war. Für Roland, der die Ausführung des Projekts betreute, würde die fristgemäße Fertigstellung von Häusern und Nebengebäuden beinhalten, dass sein Konto einen großzügig bemessenen und äußerst willkommenen Bonus auswies.

 

Langsam zog Roland die Tür des Vorratskellers hinter sich zu. Weitere Verspätungen konnten sie sich wirklich nicht leisten, und eine Leiche brachte natürlich Verspätungen mit sich. Der Mann im Vorratskeller war allem Anschein nach schon lange tot. Ein Monat mehr oder weniger spielte da wohl keine Rolle. Wenn die Wand nicht eingestürzt wäre, hätten sie ihn ja überhaupt nicht gefunden. Allerdings konnte die Polizei diesen Burschen wohl ziemlich schnell abholen. Eine große Sache musste es also nicht werden. Eins aber war klar, es war schon etwas merkwürdig, dass man ihn eingemauert hatte. Roland überlegte hin und her, bevor er sich zu den Polen umdrehte und in seinem breiten Göteborger Dialekt mitteilte, zu welchem Ergebnis er gekommen war.

»Wir ziehen die Wand wieder hoch. Keiner redet darüber. Ist das klar? Okay, Jungs?«

Es war zwar als Frage formuliert, doch ließ sich nicht überhören, dass es ein Befehl war. Roland schaute die beiden Männer an, während er in seiner Tasche nach dem Mobiltelefon suchte. Er gab bereits die Nummer ein, als Mirko sich räusperte. Als gläubiger Katholik sah er sich zu einem Protest einfach gezwungen. Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges Begräbnis, und zwar in geweihter Erde. Der Mann im Keller hatte nichts von alledem bekommen. Außerdem musste er verheiratet gewesen sein, jemand vermisste ihn. Mirko zeigte zur Verdeutlichung auf seinen eigenen Ehering. Roland blinzelte in die Märzsonne. Dann bot er jedem der beiden zwei Monatslöhne an und sagte, sie könnten auf der Stelle heimfahren, wenn sie dafür schwiegen. Mirko erklärte, es ginge hier nicht um Geld, aber als das Angebot bei sechs Monatslöhnen lag, einschließlich der Möglichkeit, umgehend nach Hause zu fahren, nickte er nur wortlos. Sechs Monatslöhne, das war viel Geld. Er dachte an seine Frau und ihre gemeinsame kleine Tochter. Nachdem er Schwitzkowski die Sache übersetzt hatte, packten sie sofort ihre wenigen Habseligkeiten. Ohne die anderen Arbeiter zu informieren, fuhr Roland die Polen mit dem Aluminiumboot an Land. Eine Stunde war vergangen von der Entdeckung der Leiche bis zu dem Augenblick, als die Männer den Parkplatz von Koön verließen. Mirko konnte sich nicht erinnern, schon einmal derart viel in einer einzigen Stunde erlebt zu haben.

Schweigend fuhren sie in Mirkos blauem Skoda durch die schwedische Frühlingslandschaft. Der Verkehr auf der nach Süden führenden Autobahn lief flüssig. In Schonen war der Frühling bereits weiter vorangeschritten. Die offenen Felder, das sprießende Grün und ihr neu erworbener Reichtum hätten sie eigentlich in gute Stimmung versetzen müssen. Die Fähre, die die beiden von Ystad nach Swinouj§cie bringen sollte, würde erst in einer Stunde auslaufen, also legten sie eine Pause auf einem Rastplatz neben einer alten Kirche ein. Auf den Holzbänken des Platzes saß ein Rentnerehepaar und aß Butterbrote. Die Frau hatte sich auf ihre Serviette gesetzt, um die helle Jacke nicht zu beschmutzen, und als Schwitzkowski vorbeiging, rümpfte sie die Nase. Mirko sah aus dem Augenwinkel, wie sie sich zu ihrem Mann vorbeugte und ihm etwas zuflüsterte. Der Mann zog die Wagenschlüssel aus der Tasche, hielt sie in Richtung Auto und verschloss es durch einen Knopfdruck.

Mirko zündete zwei Zigaretten an und reichte eine davon an seinen Kollegen weiter. Schwitzkowski versuchte zu verbergen, dass ihm die Hände zitterten, als er den Glimmstengel entgegennahm. Die Erlebnisse des Morgens hatten beiden stark zugesetzt. Um sich die Beine zu vertreten, gingen sie nun langsam um die weißgekalkte Kirche herum. Die Schwalben kurvten in kühnen Manövern um den Glockenturm. Der sauber geharkte Kies knirschte unter den Füßen der Männer in den ausgetretenen Arbeitsschuhen. Mirko holte tief Luft, so als wollte er etwas sagen, ließ es dann aber. Nachdem er noch eine Weile überlegt hatte, strich er sich über die Bartstoppeln, trat seine Zigarette aus und sah Schwitzkowski an.

»Weiß Roland, wo du wohnst? Kann er dich irgendwie erreichen?«

Schwitzkowski schüttelte den Kopf.

»Na also. Dann bringen wir die Geschichte jetzt in Ordnung.«

Mit flinkem Finger wählte Mirko die Nummer des schwedischen Notrufs. Als sie zehn Minuten später das letzte Wegstück zur Fähre zurücklegten, schienen der Himmel heller und die Farben irgendwie klarer geworden zu sein.

Marstrand, August 1962

 

Der Sommerabend war lau, und das Gesellschaftshaus wirkte geradezu magisch, fast als stamme es aus einer Märchenwelt, in der alle Geschichten glücklich ausgehen.

Die elegante Holztreppe lud die Vorübergehenden zum Eintreten ein, aber die weißen Tischtücher und die gestrenge Miene des sorgfältig gekämmten Oberkellners besagten zugleich, dass nicht jeder Gast willkommen war.

Schon die Treppe verlangte allen, die sie betraten, Haltung und entsprechendes Benehmen ab. Mehr als einmal hatten die Serviererinnen erfahren, dass sie ein eigenes Leben führte und ihren Schritt ins Wanken bringen konnte, wenn sie mit beladenem Tablett ankamen.

Es hieß, dass einmal ein junger Mann, der von der Insel Marstrand stammte, im großen Saal auf die Knie gefallen war, um ein Mädchen, dessen er eigentlich nicht würdig war, zu bitten, seine Frau zu werden. Zur Bestürzung der Eltern und der anderen Kurgäste hatte das Mädchen ja gesagt. Hand in Hand hatten die jungen Leute das Gesellschaftshaus verlassen, doch an der Treppe angekommen, stolperten sie und stürzten so unglücklich, dass sich beide das Genick brachen. Die älteren Kellnerinnen glaubten, es sei das junge Paar, das hier noch immer spuke und die Stufen der Treppe wanken lasse.

Auf der Veranda lehnte sich Arvid in einem der Korbstühle zurück und nippte an seinem Champagner. In der leichten Brise bewegten sich die Wimpel nur schlaff, es roch nach Salz und Tang. Die Sonne war unterwegs zum Horizont, und ihre Strahlen bildeten eine goldene Straße auf der nördlichen Einfahrt zum Hafen Marstrands. Es war gegen Ende August, aber der Sommer lud noch immer mit warmen Abenden ein.

Ein Klinkerboot mit Gaffelrigg glitt in das flüssige Gold und erregte seine Aufmerksamkeit. Die Segel wurden mit ruhigen Bewegungen gerefft, und je geringer die Segelfläche wurde, desto mehr verlor das Boot an Fahrt. Nun glitt es in gut austarierter Geschwindigkeit zur Landungsbrücke des Gesellschaftshauses, wo es sanft anlegte. Arvid hob die Hand, um die Augen zu beschatten und im Gegenlicht besser zu sehen. Es war nur eine Person an Bord, eine Frau, die jetzt an Land sprang. Das Boot reagierte mit leichtem Schaukeln, als ihre Füße vom Deck abhoben. Die Frau bewegte sich graziös, und der Rock umtanzte ihre Beine, als sie mit einem Korb in der Hand näher kam.

»Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?« Die Serviererin, die sein Glas nachfüllte, störte ihn in seinen Gedanken. Sie beugte sich extra weit vor und zeigte ihren reichlich bemessenen Busen.

»Was wünschen Sie … zum Essen?« Sie lächelte einladend und bemühte sich, verführerisch zu wirken.

»Vielen Dank, Fräulein, aber wir sind zu mehreren, ich warte mit der Bestellung, bis die anderen kommen.« Arvid versuchte seine Abneigung zu verbergen.

»Dann darf ich Ihnen ein angenehmes Abendessen wünschen, denn ich habe jetzt Feierabend.« Sie warf den Kopf in den Nacken und richtete ihre Schritte zur Küche. Arvid drehte sich wieder der goldenen Sonnenstraße zu. Das Boot lag noch immer an seinem Platz, aber die Frau, die es so elegant in den Hafen gesegelt hatte, war verschwunden.

Lärmend und lachend stürmten seine Begleiter auf die Veranda.

»Arvid, Liebling. Hast du lange gewartet?« Siri blies den Rauch aus und küsste ihn auf die Wange, bevor sie sich neben ihn setzte. Ihre Zigarette steckte in einer eleganten Elfenbeinspitze, die sie jetzt direkt auf das weiße Tischtuch legte. Arvid nahm sie schnell auf und strich über den glatten Stoff, um sich zu vergewissern, dass kein Fleck zurückblieb.

»Weißt du, Gustav hat uns einen unheimlich lustigen Witz erzählt.« Sie nahm Arvid die Zigarettenspitze aus der Hand, fuchtelte damit in Richtung des Genannten und forderte ihn auf, den Witz zu wiederholen.

Die Kellnerin näherte sich dem Tisch. Sie warf einen Blick auf die Hafeneinfahrt und das kleine Boot unten am Anleger, bevor sie auf die fröhliche Gesellschaft zuging. Sie wandte sich an Arvid: »Anscheinend sind die Erdbeeren zum Champagner vergessen worden?«

Die Stimme der Frau hatte einen warmen Klang und passte vorzüglich zu ihrem Aussehen. Das blonde Haar war hochgesteckt, bis auf eine Locke, die sich hervorgestohlen hatte und den braungebrannten Hals umspielte. In den schmalen und ebenso braunen Händen hielt die Frau eine Glasschale mit Erdbeeren. Es war sie – die Seglerin. Höflich und freundlich nahm sie die Bestellungen der Gäste entgegen, bewegte sich jedoch mit einem Stolz, wie er ihn nur selten gesehen hatte. Siri störte ihn in seinen Gedanken, indem sie ihn kokett in die Seite stieß.

»Hast du mich vermisst, Arvid?«

Er hatte den Geruch ihres viel zu schweren Parfüms in der Nase.

Die Serviererin stellte die Schale vor ihn hin. Sie entfernte sich leichten Schrittes, und plötzlich kam Arvid irgendetwas an ihr bekannt vor. Er fragte sich, wie es wohl sein mochte, ihr beim Walzer die Hand um die Taille zu legen.

Siri zeigte deutlich ihre Unzufriedenheit, indem sie seine Hand nahm und sagte: »Arvid, Lieber. Wenn du schon nach anderen Frauen schauen musst, so kannst du das wohl tun, wenn ich nicht dabei bin.«

Arvid verstand, dass sie die Kellnerin meinte. Er tätschelte ihr väterlich die Hand, bevor er sich ihr freundlich, aber bestimmt entzog.

Als die Kellnerin gegangen war, saß Arvid wie verzaubert da. Sie hatte so einfach und natürlich gewirkt. Er dachte an die Eleganz, mit der sie ihr Boot in den Hafen gesegelt hatte. Die letzten Strahlen der Sonne liebkosten die Wasserfläche, und in seiner Brust breitete sich ein wärmendes Gefühl aus.

2.

Karin war total verschwitzt und wütend, als sie den Wäschekorb vom Fahrstuhl in den Korridor schleppte. Der Jackenkragen klebte ihr im Nacken, und sie strich sich eine Strähne aus der nassen Stirn. Eine Dusche käme ihr jetzt gelegen oder, noch besser, ein Bad. Sie zog die Jacke aus und öffnete den Flurschrank, um sie hineinzuhängen. Irgendwie klemmte die Tür, und sie packte fester zu. Der Waschmittelkarton hatte sich quergestellt. Jetzt fiel er um, und auf dem Teppich breitete sich ein weißer Pulversee aus. Sie fluchte vor sich hin.

»Hallo, du.« Göran saß auf dem Sofa, eine Broschüre in der Hand.

»Wir hatten heute einen Termin im Waschhaus«, entgegnete sie kurz. »Jetzt liegt hier ein Berg nasser Klamotten, und alles Übrige ist immer noch dreckig. Außerdem ist die Svedberg stinksauer. Sie hatte den Termin danach.«

Karin fühlte, wie ihr Ärger weiter wuchs. Wieso musste sie zu Hause immer alles allein machen?

»Ich habe einen DVD-Player gekauft. Komm, schau ihn dir an.« Er hielt die Fernbedienung hoch.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Sie spürte, wie ihr Puls schneller schlug und ihr Gesicht zu glühen begann.

»Werd doch nicht gleich sauer. Man kann ja wohl einen neuen Termin bekommen.«

Ohne zu antworten, ging sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Ein Stückchen Käse, eine plattgedrückte Kaviartube und ein Teller mit Essensresten, die man vorige Woche hätte verbrauchen müssen. Sie nahm den Teller und kratzte ihn in den Mülleimer leer. Das Messer knirschte auf dem Porzellan, sie wusste, wie sehr Göran dieses Geräusch hasste. Dann stellte sie den Teller auf das angetrocknete Frühstücksgeschirr in die Spüle. Ihr Magen knurrte, und sie versuchte sich zu beherrschen, als sie ins Wohnzimmer hinüberrief: »Ich dachte, du wolltest einkaufen gehen.«

Er kam in die Küche und umarmte sie von hinten.

»Ich mach das morgen.«

Sie befreite sich aus seinem Griff und fühlte, wie enttäuscht sie war.

»Und was sollen wir heute Abend essen? Sag ja nicht, Pizza. Und morgen zum Frühstück?«

»Warum bist du so sauer?« Er schien ehrlich erstaunt.

»Weil du nie einkaufen gehst, nie die Wäsche übernimmst, nie kochst oder dir Gedanken über irgendwas machst. Mann, du hast sechs Wochen frei, da könntest du ja wenigstens etwas mithelfen.«

»Ich arbeite schließlich knallhart, wenn ich auf See bin. Gönnst du mir hier zu Hause nicht mal ein bisschen Ruhe?«, gab Göran in der Überzeugung zurück, dass Angriff die beste Verteidigung ist.

»Klar, ruh du dich nur aus. Diese Diskussion ist mir jetzt einfach zu viel. Ich gehe einkaufen.« Sie riss die Jacke vom Haken und knallte die Tür so heftig zu, dass es im ganzen Treppenhaus widerhallte.

Göran war Kapitän auf einem Handelsschiff. Sechs Wochen verbrachte er an Bord, danach hatte er sechs Wochen frei. Fünf Jahre ging das schon so. Karin erinnerte sich noch gut daran, wie er zu Beginn versprochen hatte, dass er sich einen Job an Land suchen würde, wenn ihre Beziehung durch seine Arbeit zu sehr belastet würde. Aus irgendeinem Grund fand er aber nie etwas, das eine Bewerbung überhaupt wert war. Karin, die oft an Bord mitgefahren war, wusste, der jetzige Job war genau das Richtige für ihn. Die Matrosen und die übrige Besatzung respektierten den jungen Kapitän. Nicht nur aus dem Grund, weil seine Familie zugleich Eigner des Schiffes war, sondern weil er ein ausgeprägtes Gespür für die See besaß und sich nicht zu schade war, mit den Matrosen Rost abzuklopfen oder dem Koch in der Kombüse zu helfen. Göran manövrierte den großen Pott mit viel Geschick und liebte es, am Morgen auf der Schiffsbrücke zu stehen und die Sonne aufgehen zu sehen. Karin war sich im Klaren darüber, wie ungerecht es von ihr war zu erwarten, dass er etwas anderes tun sollte. Aber es war schwierig, eine Beziehung aufrechtzuerhalten, die jedes Mal, wenn er heimkam, angeknipst, und wenn er wegfuhr, wieder ausgeschaltet werden musste. Ihr war, als ginge bei jedem Ausschalten ein wenig Kraft verloren, wie bei einer alten Lampe, in die man Petroleum nachfüllte, ohne zu sehen, dass etwas davon in die Halterung suppte, und ohne zu merken, dass sie immer schlechter brannte, weil niemand den Docht stutzte.

In den sechs Wochen, die sie allein zu Hause war, gab es stets Lebensmittel im Kühlschrank, und immer war ein Termin fürs Waschhaus gebucht. In der Zeit mit Göran, wenn alles eigentlich einfacher sein sollte, weil sie die Aufgaben teilen konnten, war es hingegen genau umgekehrt. Die Milch, die für Karins Morgentee unentbehrlich war und die am Abend zuvor noch im Kühlschrank gestanden hatte, war im Laufe der Nacht ausgetrunken worden. Oder Karin kam nach Hause und entdeckte, dass er nicht, wie versprochen, für neue Lebensmittel gesorgt hatte. So wie heute.

 

Sie zerrte einen Einkaufswagen vor. Der Wagen rollte krachend gegen den Kartoffelbehälter, als hätte auch er einen schlechten Tag gehabt. Eine ältere Dame, die jede Apfelsine sorgfältig musterte, bevor sie diese in die Tüte tat, schaute Karin missbilligend an. Die wählte gerade Kartoffeln aus, als sie Göran in den Laden kommen sah.

»Du bist doch nicht etwa böse, oder? Jetzt kaufen wir ja zusammen ein«, sagte er.

Zusammen einkaufen hieß meistens, dass sie einkaufte und er ein paar Schritte hinter ihr hertrottete. Sie sah ihn müde an. Meinte er es wirklich ernst?

»Ich kann doch helfen. Was brauchen wir? Was soll ich holen?« Es war, als hätte man ein kleines Kind mitgenommen. Sie überlegte, ob sie ihn bitten sollte, etwas für ein leckeres Abendessen zusammenzustellen, kam dann aber zu dem Schluss, dass diese Diskussion hier im Laden zu anstrengend würde. Es war einfacher, wenn sie sich selbst etwas ausdachte, statt auf Görans kreative Hilfe zu hoffen, der nur sagen würde, er wolle »etwas Gutes«.

»Kannst du Kaffee holen?«, fragte sie schließlich. Göran blickte sich um und trabte dann planlos zwischen den Regalen davon.

Nach zehn Minuten, als Karin schon drauf und dran war, ihn von einer Kassiererin ausrufen zu lassen, tauchte er mit dem Kaffee auf.

Sie warf einen Blick auf die Packung. Ein halbes Pfund, koffeinfrei, aus ökologischem Anbau, vermutlich sauteuer, genau das, was man braucht, um in Schwung zu kommen, dachte sie. Sie widerstand dem Impuls, zum Kaffeeregal zu eilen und die Packung auszutauschen. War es schon immer so zwischen ihnen gewesen, oder lief es gerade jetzt aus dem Ruder? Als sie an den Kühltruhen entlanggingen, erklärte Göran, sie könnten nur für heute einkaufen, weil er schließlich nicht wüsste, worauf er morgen Appetit hätte.

 

Die Kassiererin in der roten Bluse lächelte ihnen freundlich zu, und Göran ging rasch weiter, um die Einkäufe zu verstauen. Wie clever, so brauchte er schließlich nicht zu bezahlen, dachte Karin, als sie ihre PIN eingab. Vor dem Laden knöpfte sie sich die Jacke zu und hatte gerade die Fausthandschuhe übergestreift, als ihr Telefon klingelte. Beim fünften Signal gelang es ihr abzunehmen, ohne die Handschuhe wieder auszuziehen.

»Was? Wann? Okay.«

Göran sah sie sauer an, die Hände in den Taschen seiner grünen Daunenjacke vergraben.

»Musst du jetzt los? Wir wollten uns doch einen gemütlichen Sonntag machen.«

Wenn ich das nun jedes Mal sagen würde, wenn du aufbrichst, dachte Karin, erwiderte aber nur: »Man hat eine Leiche gefunden, auf Hamneskär, draußen vor Marstrand.«

»Auf Hamneskär? Der Insel mit dem Leuchtturm? Oder besser gesagt, ohne den Leuchtturm. Aber da wohnt doch gar keiner.« Göran wirkte erstaunt.

»Nein, ich weiß. Es klingt seltsam.«

Schweigend nahmen sie den Fahrstuhl nach oben. Gegen ihren Willen musste sich Karin eingestehen, dass sie erleichtert war, von zu Hause wegzukönnen. Sie stellte die Einkaufstüten auf die Küchenarbeitsplatte und hoffte, die Lebensmittel bekämen Unterstützung, um in den Kühlschrank zu gelangen.

Aus dem Schrank holte sie den Rucksack und ihre Wanderstiefel, zwei dicke Rollkragenpullis, zwischen denen sie sich zu entscheiden suchte, bevor sie beschloss, alle beide mitzunehmen. Sie ging noch rasch unter die Dusche und zog dann ihre Thermounterwäsche, einen der Rollkragenpullover und ihre Jeans an. Wollsocken und Wanderstiefel kamen an die Füße. Der Winter wollte einfach nicht weichen, obwohl der Kalender schon den Frühling anzeigte. Die statische Elektrizität des Pullovers ließ ihre blonden Haare in alle Richtungen abstehen, doch das legte sich wieder, als Karin die Hände anfeuchtete und die Haare erneut zum Pferdeschwanz zusammennahm. Die gelbe robuste Segeljacke, eine Offshore Musto, kam über den Pulli. Sie war Karins Lieblingsjacke. Mit der dazugehörigen Segelhose hatte sie ihr in schwedischen, aber auch in schottischen Fahrwassern bei Regen und Kälte gute Dienste geleistet. Außerdem war die Jacke mit einem Sicherheitsgurt versehen, den Karin benutzte, wenn sie sich bei schlechtem Wetter an Deck bewegen musste. Jetzt steckte sie die Metallbeschläge des Gurts in die entsprechenden Taschen der Jacke. Göran brummelte vor sich hin, als er sie die Jacke nehmen sah. Er fand es albern, so etwas zu tragen, wenn man nicht segeln wollte.

Karin stand eine Weile vor dem Bücherregal herum, bevor sie sich einen Stuhl näher zog und drei Bände herunterholte. Am Ende entschied sie sich für zwei von ihnen. Zusammen mit Taschenlampe und Notizbuch landeten sie im Rucksack. Sie sagte kurz tschüs und ging, ohne Göran ein Küsschen zu geben.

Zehn Minuten später saß sie auf dem Beifahrersitz in Carstens warmem Auto, während es draußen zu regnen begann. Es war ein typischer Göteborg-Regen, feine Tröpfchen, die mehr einem feuchten Nebel glichen. Die Tröpfchen gelangten überallhin, so dass man sich schnell unwohl fühlte und kalt bis auf die Knochen. Carsten sah sie an und lächelte, als er sah, dass sie eine Seekarte eingesteckt hatte.

»Tut mir leid, dir und Göran den Sonntagabend zu verderben«, sagte er.

»Der war schon verdorben«, gab sie zurück und zog die winddichte Mütze vom Kopf, die auf den fünf Metern zum Auto bereits nass geworden war.

»Steht es so schlimm?«, fragte er ernst.

Karin dachte über die Frage nach, und sie stellte fest, dass sie in Görans Gesellschaft schon lange nicht mehr gelacht hatte.

»Wie steht’s bei dir?«, konterte sie und verhinderte so weitere Fragen. Es kam nicht jeden Tag vor, dass sich Kriminalkommissar Carsten Heed an die Basis begab. Obwohl er es wollte, verschlang die administrative Arbeit doch den größten Teil seiner Zeit.

»Ach danke, ich bin Helenes Sonntagsfleischtopf gerade noch entkommen. Der Alarm kam wie ein Geschenk des Himmels.« Carsten lachte herzlich. Auch Karin lächelte und fühlte, wie sie sich entspannte. Sie drehte ihre Sitzheizung voll auf.

»Was für ein Scheißwetter!« Man hörte, dass Carsten Däne war, besonders wenn er »Scheiß« sagte. Er blickte in den schmutzig grauen Tag hinaus und aktivierte die Scheibenwischer. Keine Einstellung schien auf diesen Regen zu passen, und die Wischblätter quietschten über das Glas.

»Ja, es ist also ein Anruf gekommen, dass in einem der Nebengebäude auf Hamneskär ein toter Mann liegt«, sagte Carsten. »Die Seepolizei ist schon hingefahren, um abzusperren. Sie war gerade in der Nähe.«

»Abzusperren? Auf Hamneskär? Da wohnt doch keiner, und außerdem ist die Insel ja kaum größer als eine Briefmarke«, gab Karin zurück.

»Laut Seepolizei ist zurzeit eine Arbeitskolonne dort, um die alten Häuser zu renovieren. Ich weiß nicht, ob die da auch wohnen.«

»Dann wollen wir mal schauen«, sagte Karin. Carsten lächelte, als sie aus ihrem Rucksack die mitgeschleppten Bücher herauszog. Mit deren Hilfe würden sie sich ein Bild von der kleinen Insel machen können, zu der sie unterwegs waren. Karin las laut vor, versuchte aber hin und wieder einen Blick auf die Straße zu werfen, damit ihr nicht schlecht wurde.

»1724 steht in einem königlichen Brief, dass ein Leuchtturm zwar gebraucht werde, die Insel aber viel zu klein wäre, als dass jemand darauf wohnen könnte. Statt dessen wird ein Leuchtturm auf Marstrand errichtet, oben bei der Festung Carlsten. Hundert Jahre ist er in Betrieb, bis man dann doch einen Leuchtturm auf Hamneskär installiert. Der Konstrukteur hieß Nils Gustav von Heidenstam, der Vater des berühmten Dichters. Dieser Turm war von einer ganz neuen Art und wurde »Heidenstam-Turm« oder Krinolinenturm genannt, weil er mit seinem konischen Eisenskelett, das um die in der Mitte befindliche Treppensäule montiert ist, an eine Krinoline erinnert. Am ersten November 1868 wurde das Leuchtfeuer Pater Noster zum ersten Mal entzündet. Im selben Jahr ziehen der Leuchtturmwärter und spätere Leuchtturmmeister Olof Andersson und seine Frau Johanna auf die Insel. Mehr als zwanzig Jahre haben sie dort gewohnt.«

Karin betrachtete das Bild des Paares. Die Frau saß auf einem Stuhl, die Haare zu einer strengen Frisur zusammengenommen und die Hände im Schoß gefaltet. Ihr Blick wirkte entschieden. Sie trug eine Brosche am Hals und einen langen Rock, der bis auf die schwarzen Schnürstiefel hinunterfiel. Ihr Gatte stand hinter ihr, eine Hand auf ihrer Schulter.

In Kungälv verließen Carsten und Karin die Autobahn und bogen auf die 168 nach Marstrand ein, die schmaler und weitaus kurviger war. Eine typische schwedische Landstraße.

»Ja, also … seit 1964 ist der Ort unbemannt, 1977 wird der Leuchtturm abgeschaltet und durch das Leuchtfeuer Hätteberget vor Marstrand ersetzt sowie durch den Leuchtturm Skallen auf Marstrand selbst.« Sie hob den Blick. Das Prasseln gegen die Frontscheibe war weniger geworden, nachdem sie den höchsten Punkt auf Nordön hinter sich hatten. Die südlich gelegene Bucht, die sich entlang der Straße erstreckte, war zugefroren, und die Fläche wirkte wie dickes graugrünes Milchglas. Es schien fast unwirklich, dass sich darunter Wasser und lebendige Wesen befanden, dachte Karin. Ebenso gut hätte das ein Acker sein können, beider Winterkleid wies keinen Unterschied auf. Im Fahrwasser zwischen Nordön und Instön gab es eine schmale eisfreie Passage, bemerkte Karin, als sie die hohe Instö-Brücke überquerten. Carsten drosselte das Tempo.

»Der Leuchtturm von Vinga«, sagte Karin und wies auf den Lichtkegel, der in der Ferne übers Meer strich. Sie erschauerte vor Wohlbehagen. Schon in ihrer Kindheit war es für sie etwas ganz Besonderes gewesen, wenn sie nachts, von blinkenden Leuchtfeuern begleitet, gesegelt waren.

»Könntest du vielleicht Lasse anrufen? Er fährt das Lotsenboot und soll uns nach Hamneskär bringen.« Carsten reichte Karin sein Telefon. »Ich habe die Nummer nicht abgespeichert, aber es ist die zuletzt gewählte.«

Die Perlenkette kleinerer, durch Brücken verbundener Inseln machte es möglich, vom Festland bis nach Koön zu gelangen. Wollte man weiter nach Marstrand, musste man die Fähre über den schmalen Sund nehmen. Die Sonne kolorierte den Himmel in den märchenhaftesten Farben, und im Hintergrund erhob sich die Festung Carlsten, gleichsam als Wächter über die kleinen Häuser. Karin war es gewohnt, all das von der Seeseite zu sehen. Es war absolut nicht dasselbe, wenn man mit dem Auto hierherkam. Carsten stellte den Wagen vor dem Gebäude des Seefahrtsamtes ab, und fünfzehn Minuten später saßen sie an Bord des orangefarbenen Lotsenbootes mit Lasse am Steuer. Er steckte in einem Seemannspullover und hatte einen warmen, festen Händedruck. Karins Bewegungen auf dem Boot zeugten von Routine. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie in Kalmarsund oder Helsingborg schon auf Lotsenbooten mitgefahren war, um Göran abzuholen, zu verabschieden oder an Bord zu besuchen. Der Lotse legte gewöhnlich neben dem Schiff an, Taschen wurden nach oben gehievt oder heruntergelassen, und dann musste man das Fallreep hinaufklettern, das an der Bordseite herunterhing. Einmal war sie überraschend gekommen. Göran und sie hatten am Morgen telefoniert, und seine Stimme hatte so deprimiert geklungen. Karin wusste, dass das Schiff im Laufe des Tages an Kalmar vorüberfahren würde, also ließ sie die Vorlesungen sausen und rief den ersten Steuermann an, der versprach, die Ankunft des Schiffes mit der ihres Zuges aus Göteborg abzustimmen – ohne Göran davon in Kenntnis zu setzen. Es gelang ihr, nach Kalmar und an Bord zu kommen, ohne dass er auch nur das Geringste ahnte. Die Erinnerung brachte sie zum Lächeln.

 

Das Lotsenboot glitt durch den Marstrander Hafen und musste erst die Fähre vorbeilassen, die den schmalen Sund zwischen Koön und Marstrand überquerte. Der Mann am Steuer der Fähre grüßte fröhlich.

»Mein Nachbar«, erklärte Lasse.

»Der mit deiner Schwester oder Cousine verheiratet ist?«, fragte Karin scherzhaft.

»Tatsächlich keins von beidem«, antwortete Lasse. »Aber wenn du findest, dass ich komisch aussehe, dann liegt es daran, dass die Leute ihre Cousins und Cousinen heiraten, und die meisten, die ich kenne, sind tatsächlich nie über die Instö-Brücke hinausgekommen oder jemals in Göteborg gewesen.« Er grinste sie an, und Karin lachte.

»Wie schön sich die Stadt um den Hafen schmiegt«, sagte Carsten.

»Den Ort heute Stadt zu nennen, ist wohl ein bisschen übertrieben, auch wenn Marstrand einmal eine richtige Stadt war, aber schön ist es natürlich. Ich genieße es immer wieder, obwohl ich mehrmals am Tag hier vorbeifahre.«

Die alten pastellfarbenen Holzhäuser am kopfsteingepflasterten Kai warteten darauf, sich wieder mit Sommergästen zu füllen. Die Straßencafés standen leer, in den Fenstern der Häuser aber gingen hier und da Lichter an. Karin fragte sich, wie viele tatsächlich durch Menschenhand und wie viele nur von Zeitschaltuhren eingeschaltet wurden. Die Häuser lagen dicht nebeneinander und kletterten die Insel in Richtung Festung hinauf. Einige wenige hatten noch immer Eternitplatten an den Fassaden und Spitzengardinen an den Fenstern. Dahinter sah man den Schatten des einen oder anderen »echten« Marstranders vorüberhuschen, der es nicht für nötig hielt, schon jetzt Licht anzumachen, sondern lieber noch eine Weile im Dunkeln ausharrte. Karin, die viele der alten Straßen entlanggewandert war, hatte bemerkt, dass die meisten Gebäude in bestem Zustand waren, und ein typisches Element schienen weißgestrichene Häuser mit sternförmigen Aussparungen im Holz des Balkons zu sein. Auf diese Balkone gehörten weiße klassische Sitzmöbel mit einem Kreuz in der Lehne. Eine Alternative dazu waren Teakmöbel mit marineblauen Polstern. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Lasse: »Zu teuer.« Er wies mit dem Kinn auf die schönen Häuser und zuckte resigniert mit den Schultern.

»Die Politiker reden gern davon, wie wichtig es sei, den Küstenort am Leben zu erhalten, doch zugleich betonen sie immer öfter, dass die Schule in Marstrand unnötige Kosten verursacht. Nur ist es die krasse Wirklichkeit, dass bei der jetzigen Preisentwicklung und bei den galoppierenden Taxwerten nur noch wenige hier wohnen können. Nimmt man dann noch die Schule weg, bleibt lediglich eine Geisterstadt zurück. Nicht mehr als eine schöne Kulisse.« Lasse zeigte auf ein hellgelbes altes Holzhaus. »Dort ist meine Großmutter geboren. Jetzt wohnt meine Schwester mit ihrer Familie in dem Haus, aber wie lange sie es noch behalten können, weiß keiner. In den Sommermonaten vermieten sie Zimmer, um ein bisschen was dazuzuverdienen und die Steuern bezahlen zu können.«

Karin konnte ihm nur zustimmen, wenn es um die Veränderungen an der Westküste ging. Die alten Fischer, die trotz ihrer klobigen Hände die Netze mit erstaunlich flinken Fingern gesäubert und geflickt hatten, waren fort. Auch die Trockengerüste für den Lengfisch und die meisten Eternithäuser gab es nicht mehr. Zwar waren die Gebäude noch nie in so gutem Zustand gewesen wie heute, aber auch noch nie so leer und dunkel. Langsam, aber sicher starben die alten Fischerorte aus. Das letzte Gebäude rechter Hand hatte eine bekannte Silhouette, die oft auf Ansichtskarten von Marstrand zu sehen war. Carsten wies auf das kleine graue Haus auf Koön.

»Was für eine einmalige Lage!«

Lasse steuerte das Lotsenboot an dem Haus vorbei und durch die nördliche Einfahrt zum Marstrand-Fjord hinaus. Er erzählte, dass es das frühere Feriendomizil von P. G. Gyllenhammar, dem ehemaligen Volvo-Boss, war.

»Das Haus heißt Luktudden oder Lyktan. Aber die meisten nennen es noch immer P. G.s. Es steht heute zum Verkauf, für ein paar Millionen. Wird wohl einer kaufen, der viel Geld, aber wenig Zeit hat. Wer die Lage beneidenswert findet, kann sich jedenfalls darüber freuen, dass die Besitzer das Haus vermutlich ziemlich oft neu anstreichen müssen. Das tun sie zwar nicht selber, aber trotzdem. Das Gebäude ist eine alte Leuchtturmmeisterwohnung und wurde bis 1914 als solche genutzt. Ursprünglich war das Leuchtfeuer im Haus eingebaut, man kann das immer noch sehen.« Lasse wies auf einen viereckigen Glasvorbau an der südwestlichen Ecke.

»1914 wurde ein separater Leuchtturm neben dem Wohnhaus errichtet, ein modernes AGA-Leuchtfeuer. Ihr kennt vielleicht Gustaf Dalén, den Vater der schwedischen Leuchtfeuertechnik? 1912 bekam er den Nobelpreis für seine Leistung. AGA ist die Abkürzung von Aktiebolaget Gas-Accumulator, so hieß Daléns Firma, die Leuchttürme herstellte. Das AGA-Feuer brauchte keine Bedienung, weshalb man das Personal abzog und das Haus verkaufte. Den Glasvorbau hat man gelassen als Erinnerung an eine zu Ende gegangene Epoche.«

Der Stand der Sonne zeigte ihnen an, dass der größte Teil des Tages vorbei war, als sie mit Hamneskär vor Augen direkt in den Sonnenuntergang hineinfuhren. Ein Glücksrausch erfasste Karin, so wie sie ihn nur bei stiller See empfand, die aus flüssigem Gold zu bestehen schien. Sie seufzte. Es war so unglaublich schön.

»Den Marstrand-Fjord erlebt man selten so still«, sagte Lasse an Karin gewandt. Er wies auf die weichgerundeten Gneisklippen. Wind und Salzwasser hatten sie im Laufe der Jahrtausende abgeschliffen, und aus der Entfernung konnte man sich kaum vorstellen, dass sie wirklich hart waren. »Aber wenn man auf den Klippen sitzt, sieht man, dass sich das Meer ganz langsam hebt und senkt, so als bestehe es nicht aus Wasser, sondern aus Öl. Wir sagen dazu, es iert

»Es iert?«, fragte Karin. »Das habe ich noch nie gehört.« Sie wiederholte das Wort für sich, ließ es auf der Zunge zergehen und fand, dass es schön klang, irgendwie friedlich.

»Die Pater-Noster-Schären bestehen aus einer Menge kleiner Inseln und Klippen.« Lasse erzählte, dass der Name Pater Noster daher rührte, dass die Seeleute, wenn sie hier unterwegs waren, Stoßgebete zum Himmel schickten, bevor sie es wagten, an den gefürchteten Schären vor Marstrand vorbeizufahren.

»Der Leuchtturm steht auf einer der am weitesten vorgelagerten Inseln, die aber nicht größer ist als, tja … in der Länge sind es zweihundertfünfzig Meter und in der Breite rund hundertfünfzig. Hier hat man den größten Eisengitterturm der Westküste errichtet, mit einer Höhe von zweiunddreißig Metern. Ist das nicht sensationell?«

Karin ließ jede Einzelheit auf sich wirken. Sie nickte.

»Pater Noster bedeutet ja ›Vater unser‹ auf Latein«, verdeutlichte er. »Es gibt viele Pater-Noster-Inseln auf der Welt, und das Eiland selbst trägt ja eigentlich den Namen Hamneskär. Nur der Leuchtturm heißt Pater Noster, aber hier draußen nennen fast alle auch die Insel so.«

Ein Motorboot brauste an ihnen vorüber.

»Roland Lindström, Bauleiter auf Hamneskär«, sagte Lasse. »Heutzutage herrscht überall solche Eile.«

Sie mussten ein besonderer Menschenschlag gewesen sein, diese Leute, die sich um die Leuchttürme gekümmert hatten … Karin dachte an das Foto vom Leuchtturmmeister und seiner Frau, das sie im Buch gesehen hatte. Wie Lasse erzählte, wohnte auf Hamneskär seit einem Monat eine Arbeitsbrigade. Die Männer sanierten die alten Gebäude. Es waren Schweden und Polen. Sie sollten mit allem fertig sein, bevor der Leuchtturm auf die Insel zurücktransportiert wurde. Die Wiedereinweihung sollte zu Mittsommer stattfinden.

»Man hat eine Firma gegründet, die auf der Insel eine Jugendherberge und ein Konferenzzentrum betreiben will«, sagte Lasse, der mit festem Griff um das Steuerrad das Schiff durch die schmale Passage zwischen den Piers hindurchmanövrierte, die so dicht heranrückten, dass sie sich auf beiden Seiten mit der Hand berühren ließen.

»Hamneskär«, sagte er und ließ Carsten und Karin auf dem schmalen Kai von Bord gehen.

Die Insel sah ganz anders aus ohne den altbekannten Heidenstam-Leuchtturm. Lasse hatte nicht gefragt, was sie auf der Insel wollten, und Karin überlegte, ob er es vielleicht schon wusste. Als das Boot mit der Aufschrift »Pilot Marstrand« abgefahren war und das Motorengeräusch langsam in der Ferne erstarb, brach die Stille über sie herein. In dem kleinen Hafen lag außer dem Polizeiboot ein Arbeitsboot aus Aluminium, dasselbe, das vorhin auf dem Fjord an ihnen vorbeigebraust war. Ein unrasierter Mann in den Vierzigern sprang jetzt heraus und kam ihnen entgegen. Carsten stellte sich vor, noch bevor der Mann etwas sagen konnte.

»Carsten Heed, Kriminalpolizei Göteborg, und meine Kollegin Karin Adler.«

»Aha, ja«, erwiderte der Mann müde.

»Magst du uns verraten, wer du selber bist?« Karin lächelte entwaffnend. Wie hierzulande fast immer üblich, duzte sie den Mann.

»Natürlich. Entschuldigung. Roland Lindström, bin hier der Chef«, antwortete der und streckte ihnen seine kräftige Hand entgegen. »Die Seepolizei ist schon da und hat Absperrungen vorgenommen.« Er deutete zu dem graublauen Polizeiboot hinüber und wies dann auf das blau-weiße Plastikband, das ein Stück entfernt im Wind flatterte.

»Warst du dabei, als man die Leiche fand?«

Der Blick des Mannes flackerte, er schien fieberhaft nachzudenken. Trotz seiner vielen Jahre als cleverer Unternehmer der Baubranche gelang es ihm nicht besonders gut, ein Pokerface aufzusetzen.

»Äh, doch, kann man schon sagen.«

»Dann hast du also angerufen?«, fragte Karin, die sich durchaus bewusst war, dass der Mann am Telefon mit starkem Akzent gesprochen hatte.

»Äh, ja also …«

Carsten machte sich auf den Weg, um mit der Seepolizei zu sprechen, während Karin ihr Notizbuch herauszog und eine neue Seite aufschlug. Sie notierte das Datum, den Namen Roland Lindström und den Ort, an dem sie sich befanden, und gab dem Mann damit noch ein paar Sekunden Bedenkzeit. Er schien sie zu brauchen.

»Tja. Dann wollen wir mal sehen, Roland.« Es war an der Zeit, ein paar Antworten von ihm zu erhalten. »Du hast also nicht angerufen, aber du wusstest, dass man eine Leiche gefunden hat. Stimmt das so?« Sie hob den Blick und sah ihn an.

»Äh, ja, das stimmt …«

»Dann frage ich mich, nicht wirklich überrascht, warum du nicht angerufen hast?«

Roland seufzte resigniert und erläuterte die Situation. Sagte, dass der Mann von den Polen gefunden worden war und dass sie natürlich völlig richtig gehandelt hätten, als sie die Sache meldeten. Nur ein paar Kleinigkeiten verschwieg er, zum Beispiel seinen Bonus, selbst wenn der nun in immer weitere Ferne rückte.

 

Die Insel war klein und karg, und die Buchten waren gefüllt mit rundgeschliffenen Steinen. Neben dem Hafen, im Windschatten des Leuchtturmmeisterhauses, hatte jemand aus diesen Steinen eine Mauer errichtet, hinter der sich das einzige Stückchen Gartenland befand. Jeder Spalt in der Mauer war sorgfältig abgedichtet worden, um die kostbare Erde, die man mit dem Boot hergeschafft haben musste, an Ort und Stelle zu halten. Karins Gedanken wanderten wieder zu der Frau mit der strengen Haartracht und den schwarzen Schnürstiefeln. Tomaten, dachte sie. Irgendwo hatte sie von einem Leuchtturmwärter gelesen, der das ganze Jahr über Tomaten essen konnte, weil es im Scheinwerferraum des Leuchtturms immer hell und warm war, genau wie in einem Gewächshaus.

Der Vorratskeller war ein schöner Bau, das Fundament aus Naturstein und darüber eine rotgestrichene Holzfassade. Zu Kriegszeiten hatte er als Schutzraum für das Leuchtturmpersonal gedient, deshalb die massive Panzertür. Die Tür wurde von einem eleganten römischen Bogen überwölbt, und zu beiden Seiten des Ganges, der zum Eingang führte, befand sich eine solide Steinmauer. Ganz sicher ein willkommener Schutz für jeden, der bei Schlechtwetter in den Keller wollte. Roland stieg über das Absperrband und öffnete die Tür. Es dauerte einen Moment, bevor sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnten, und Karin wollte schon ihre Taschenlampe hervorholen, als Roland die Petroleumlampe anzündete, die drinnen an der Wand hing. Das weiche Licht, das sich im Raum ausbreitete, erschien passender als der scharfe Strahl der Taschenlampe.

»Hier drüben«, sagte Roland. »Es hätte mir auffallen müssen, schließlich wusste ich ja, dass jede hier wohnende Familie ein eigenes Stück des Vorratskellers besaß, und hier gab es drei Familien, die des Leuchtturmmeisters, des Leuchtturmwärters und des Leuchtturmhelfers. Aber der Vorratskeller hatte nur eine Unterteilung. Erst heute ist mir klargeworden, dass es das dritte Stück gab, dass dieses aber zugemauert war.«

»Weißt du, wie lange die Mauer gestanden hat?«, fragte Karin.

»Nein«, antwortete Roland. »Aber es muss eine ziemlich lange Zeit gewesen sein.«

Sie näherten sich der eingestürzten Wand, und er wies in den Raum dahinter: »Da drinnen liegt er.«

Sie baten Roland, draußen zu warten. Er schien erleichtert, als er Carsten die Petroleumlampe reichte, kehrtmachte und die dicke Panzertür aufschob. Einen Augenblick strömte frische Luft herein, bis die Tür mit dumpfem Knall ins Schloss fiel. Vorsichtig und ohne zu sprechen stiegen sie über den am Boden liegenden Steinhaufen. Der Lampenschein bewegte sich vor ihnen und erreichte den Mann im Inneren.

»Oh«, sagte Karin und versuchte zu sehen, wohin sie ihre Füße setzte. Sie schaltete die Taschenlampe zusätzlich an.

»Er muss schon lange hier gelegen haben. Die Frage ist nur, wie lange«, sagte Carsten.

»Erstaunlich gut erhalten, vielleicht liegt das an der salzhaltigen Luft?«, meinte Karin und zog ihr Telefon heraus. »Ich sage der Spurensicherung Bescheid.«

3.

In der Fiskaregatan rannten sechs Kinder lärmend im Haus umher. Waldemar setzte sich aufs Sofa. Er sah erschöpft aus. Die Enkel waren länger geblieben, als für den Sonntagnachmittag üblich, und die Lautstärke überstieg das erträgliche Maß bei weitem.

Er streckte die Hand nach dem Glas Calvados aus.

Normalerweise verdrückte er sich zum Golfplatz von Gullbringa, aber dort hatte die Saison noch nicht begonnen.

Oder ihm war befohlen worden daheimzubleiben, dachte Sara.

Sie betrachtete ihre beiden Schwägerinnen, Diane und Annelie. Zwei Schwestern, die verschiedener nicht sein konnten. Die eine blond, die andere dunkel. Halbschwestern, korrigierte sie sich. Diane war Siris Tochter aus erster Ehe.

Sie war im Marketing tätig. Jedenfalls wurde das so genannt, wenn jemand aus dem Bekanntenkreis fragte, was die älteste Tochter denn mache. Was es in der Praxis bedeutete, nämlich, dass sie halbtags Werbebroschüren verteilte, verschwieg man und brachte das Gespräch geschickt auf Dianes erfolgreichen Mann Alexander, den Immobilienmakler.

Der arbeitete ausschließlich in »den mondänsten Stadtteilen Göteborgs«, vor allem in Örgryte und Långedrag. In der Woche davor hatte Diane ihre Eltern angerufen und sie gebeten, sie möchten sich doch zusammen mit ihnen ein Haus ansehen, an dem Alexander und sie interessiert wären und das sogar in Långedrag läge.

Dianes Geschwister, Annelie und Tomas, hatten sich gefragt, wie die beiden sich dieses Haus wohl leisten könnten. Die Erklärung kam, als Siri sagte, dass sie Diane und Alexander finanziell zu unterstützen gedachte. Sie und Waldemar würden den halben Kredit übernehmen, das hatte sie erzählt, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Wir haben ein Angebot auf das Haus abgegeben«, sagte Diane. »Der Makler glaubt, dass wir gute Chancen haben. Er ist ja ein Kollege von Alexander, also bekamen wir ein paar Insiderinformationen. Und dort wohnt eine alte Frau, die geradezu vernarrt in Alexander ist.«

Diane lachte und warf ihr dunkles Haar in den Nacken.

»Klingt total spannend«, sagte Tomas höflich. »Wo liegt denn das Haus?«

»In Långedrag, habe ich doch schon gesagt.«

Die Antwort kam von Siri, die ihre Kaffeetasse nachdrücklich absetzte.

»Ja schon, aber wo genau«, gab Tomas zurück und nahm noch mehr von der Nachspeise.

Diane beschrieb die Lage.

»Das Gebiet gehört doch wohl zu Fiskebäck?«, mischte sich Sara ein.

Tomas warf ihr einen traurigen Blick zu, der besagen sollte, dieser Kommentar wäre doch völlig unnötig.

»Nein, das ist Långedrag. Du kennst die Gegend vielleicht nicht so genau?«, erwiderte Diane ein klein wenig von oben herab.

»Wenn man vor dem geraden Straßenstück am Laden links abbiegt, also über die Straßenbahnschienen, dann gehört das Gebiet dort zu Fiskebäck«, beharrte Sara.

Diane war plötzlich total mit dem kleinen Schmuckteil am Reißverschluss ihrer Tasche beschäftigt.

»Jedenfalls müssen wir alles umgestalten. Dänisches Design würde mir gefallen, vielleicht weil ich in Dänemark geboren bin«, sagte Diane, zog einen Taschenspiegel heraus und trug eine neue Schicht Lipgloss auf.

»Schade, dass du nicht mehr in dem Stoffgeschäft bist, Mama, dann könnte ich bei dir Rabatt bekommen, jetzt, wo ich ein ganzes Haus neu mit Gardinen ausstatten muss.«

»Ihr müsst doch wohl nicht alles ändern?«, meldete sich Waldemar zu Wort.

»Nein, Papachen, müssen wir nicht, aber wir wollen es. Stimmt doch, Liebling?«

Die Frage, eigentlich mehr eine Feststellung, hatte Dianes Mann gegolten.

»Ja, genau«, sagte der und strich sich mit der Hand über seinen dunklen Pagenschnitt.

Alle anderen aus Alexanders Jugendclique waren in der Finanzbranche in Stockholm gelandet, er aber hatte eine lukrative Nische als Immobilienmakler in Göteborg gefunden.

Sara verspürte geradezu körperliches Unbehagen, wenn sie Alexander prahlen hörte, dass ältere Damen angesichts seiner Person und seines raffinierten Auftretens wie die Kegel umfielen. Vielleicht aber mochte er ja reifere Frauen, Diane war mit ihren fünfundvierzig schließlich ganze acht Jahre älter als er.

»Oh, aber das ist schwierig mit drei Kindern und so«, warf Sara ein. »Ich meine, das zu schaffen. Unsere Nachbarn sind mit ihrem Haus jetzt schon mehr als vier Jahre beschäftigt.«

»Natürlich werden wir das nicht selber machen.« Diane reagierte, als hätte Sara gerade etwas Unverschämtes gesagt.

»Alexander hat doch jede Menge Kontakte. Handwerker und auch Leute von der Bank. Man wird uns großartige Kreditbedingungen einräumen, und die Handwerker arbeiten schwarz. Absolut perfekt!«

»Sicher, aber trotzdem kostet es Zeit und Geld«, fasste Tomas zusammen.

»Es ist doch aber schön, dass sich Diane und Alexander ein Haus anschaffen. Ihr Geschwister könnt doch bestimmt helfen«, sagte Siri, bevor sie den Blick auf die Schwiegertochter richtete.

»Und du Sara, du hast doch jetzt den ganzen Tag frei.«

»Sara ist zu Hause, weil sie total ausgebrannt ist, Mama«, erwiderte Tomas und legte den Dessertlöffel hin.

»Ja, aber Diane war schließlich auch ein bisschen ausgebrannt«, fuhr Siri fort.

»Na, das stimmt ja wohl nicht.«

»Doch, als Estelle geboren wurde, da kam sie nicht viel zum Schlafen. Das ist auch eine Form von Ausgebranntsein.«

»Das glaube ich kaum. Da geht’s mehr um Schlafmangel oder vielleicht um eine postnatale Depression«, entgegnete Tomas.

»Das Thema lassen wir jetzt«, beendete Siri die Diskussion.

Waldemar tastete nach der Calvados-Flasche, um sein Glas aufzufüllen. Und das von Alexander.

 

Mit Abscheu erinnerte sich Sara an die Geschichte mit den Enkelkindern und den Wohnanteilen. Als Annelie bei Tomas angerufen und erzählt hatte, dass die Eltern – nur für Dianes Kinder, nicht für die anderen Enkel – einen Platz in der Warteschlange organisiert und mit dem Sparen für Wohnanteile begonnen hatten, war Tomas böse geworden und hatte ihr nicht geglaubt. Mitten im Gespräch hatte er den Hörer aufgeknallt, und es hatte eine ganze Woche gedauert, bis sie wieder miteinander sprachen. Zwei Monate später entdeckte er in der Wohnung seiner Eltern zufällig einen Kontoauszug. Dabei stellte sich heraus, dass Siri nicht nur für ein späteres Wohnanrecht von Dianes Kindern sparte, sondern ihrer ältesten Tochter obendrein jeden Monat eine feste Summe überwies. Er sah ein, dass Anneli recht gehabt hatte.

»Wird es nicht langsam Zeit, dass Matilda ein Geschwisterchen bekommt?« Diane sah Annelie mit ruhigem, geradezu penetrantem Blick an. Sie wusste, dass sie damit ein heikles Thema ansprach.

»Wieso?«, fragte Annelie.

Sara sah, dass sie die Hände wie schützend auf ihren Bauch legte, wo aus irgendeinem Grund kein zweites Kind entstehen wollte.

»Ich finde nur, es tut Kindern gut, wenn sie Geschwister bekommen. Dann lernen sie zu teilen«, sagte Diane.

»So, findest du das.« Ausgerechnet Diane musste von Gerechtigkeit reden, es war wirklich zum Lachen.

»Ja, entschuldige, dass ich zu fragen wagte«, entgegnete Diane schnippisch.

»Wollt ihr noch mehr Kinder haben?«, griff Siri die Sache auf. »Da ist es natürlich besser, wenn nicht zu viele Jahre dazwischenliegen.«

»Vielleicht kriegt nicht jeder Kinder auf Bestellung. Ist euch der Gedanke schon mal gekommen?«

»Bei uns genügt es, wenn Alex mit den Unterhosen wedelt, prompt bin ich schwanger«, sagte Diane lächelnd. »Stimmt doch, Liebling?«

»Ja, da hat es wohl nie größere Probleme gegeben.« Alexander zwinkerte Diane zu. Dann drückte er den Rücken durch, schob sich eins der Zierkissen dahinter und drehte die Manschettenknöpfe zurecht. Sie waren aus Weißgold und hatten 4600 Kronen gekostet. Das wusste Sara, weil sie im Januar, als sie zu einem Sonntagessen bei Siri gewesen waren, von der Toilette aus ein Gespräch mitangehört hatte, in dem Diane und ihre Mutter die Frage diskutierten.

»Bitte Mama, die sind einfach absolut richtig, er würde sich unglaublich freuen«, hatte Diane gesagt.

»Aber 4600, ist das nicht ein bisschen viel für ein Paar Manschettenknöpfe? Gibt es keine anderen?«, hatte Siri eingewandt.

»So viel kostet es einfach, wenn man ein Paar Manschettenknöpfe bei Engelbert kauft, dabei habe ich noch nicht mal die teuersten ausgesucht. In der Immobilienbranche ist das Auftreten total wichtig. Ninni Johnson hat ihrem Mann ein Paar für 8500 gekauft, also eigentlich sind die hier billig.«

Sie hatte nicht erzählt, dass sie sich für die zweitteuersten entschieden hatte. Johnsons Tochter Ninni zu erwähnen, war etwa so, als würde sie mit einem Zauberstab winken, und Siri hatte gesagt, wenn Diane wirklich meinte, es würde Alexander so sehr freuen, dann wolle sie es natürlich möglich machen.

»Danke, Mamilein, überweist du die 5000 dann heute auf mein Konto? Ich möchte sie gern gleich morgen kaufen, damit mir niemand zuvorkommt.« Diane hatte die Manschettenknöpfe zwar zurücklegen lassen, überzeugt davon, die Mutter würde nachgeben, aber es war das Sicherste, sie möglichst bald abzuholen.

»Ich werde es heute Abend überweisen.«

»Vielleicht ja auch jetzt gleich, per Telefon-Banking? Ich kann die Gäste unterhalten.«

»Das sind keine Gäste, Liebes. Es sind Annelie und Tomas. Die können sich selbst unterhalten.«

Da hatte Sara die Toilettenspülung bedient, sich die Hände gewaschen und sie an dem Edelhandtuch trocken gerubbelt, bevor sie die Badezimmertür geöffnet hatte.

Diane und Siri hatten ertappt ausgesehen, und Sara konnte in ihren Gesichtern lesen, wie sie in Gedanken das Gespräch durchgingen und überlegten, was Sara wohl davon mitbekommen hatte.

Zu mehr als einem kühlen Lächeln war sie nicht fähig gewesen.

 

Die Kinder spielten auf der verglasten Veranda. Linnéa hatte die Fußbank der Großeltern zum Ladentisch umfunktioniert und war damit zur Inhaberin eines Geschäfts geworden, das ein fast unbegrenztes Angebot führte.

»Eins, zwei, vier, acht, zwölf«, rechnete sie und gab Teddy Legosteine als Wechselgeld zurück.

Cousins und Cousinen erwarben alle möglichen sichtbaren und unsichtbaren Dinge aus den Regalen des Ladens.

»Nein, jetzt sollten wir uns vielleicht auf den Weg machen«, sagte Sara und warf ihrem Mann Tomas einen vielsagenden Blick zu.

»Ja, es ist wohl nicht schlecht, wenn man daheim noch was vom Abend hat. Vor mir liegt eine schwere Woche, voll mit Terminen«, sagte Tomas und stand auf.

»Hör mal, Tomas, hast du übrigens mein Auto wieder vollgetankt?«, fragte Waldemar vom Sofa her.

Tomas suchte gerade nach Linnéas Pullover. Sara sah, wie er sich verkrampfte, als er Waldemars Blick zu erwidern suchte.

»Du hast es dir doch vorige Woche ausgeliehen«, fuhr Waldemar fort.

»Du meinst, als ich Brennholz für euch geholt habe?«, fragte Tomas. »Ich dachte, dass … vielleicht nicht gerade, aber … ja sicher … ich werde mich darum kümmern. Kein Problem.«

 

Sara stieg die Röte ins Gesicht, aber sie registrierte Tomas’ bittenden Blick. Rasch murmelte sie ein Dankeschön für das Essen und trat in den Flur, um ihrem Sohn die Sachen anzuziehen. Annelie kam ihr nach und legte ihr die Hand auf den Arm. Sara sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Sie zog Linneas und Linus’ Schuhe aus dem Berg von Kinderschuhen hervor, während Linus die Gelegenheit nutzte, die Handtasche der Großmutter auf den Fußboden zu entleeren. Zwei Lippenstifte, Schlüssel, ein Portemonnaie, Parfüm … Sara und Annelie sammelten die Sachen gemeinsam auf und hatten gerade alles wieder in der Handtasche verstaut, als sie bemerkten, dass Linus einen goldenen Ring in der Hand hielt. Er war viel zu groß, als dass er Siri gehören konnte. Annelie las laut vor, was auf der Innenseite eingraviert stand: »Elin und Arvid.«

Verwundert schauten sie einander an.

»4. 10. 1962, das muss ein Verlobungsdatum sein, und 14. 6. 1963, als sie geheiratet haben. Elin und Arvid, weißt du, wer das ist?«, fragte Sara.

»Das kann doch nur der Arvid sein, mit dem Mama vor Papa verheiratet war, der aber gestorben ist. Ich hatte keine Ahnung, dass auch Arvid schon mal verheiratet war, und dazu noch so kurz vorher.«

Sara zuckte mit den Schultern, als Anneli den Ring zurücksteckte.

 

Auf dem Heimweg konnte sich Sara nicht länger beherrschen.

»War das ernst gemeint? Die sind doch nicht ganz normal.«

Tomas, der an ihrer Seite ging, sah völlig niedergeschlagen aus. Sara hatte Lust, ihn aufzufordern, er möge den Kopf hochnehmen und endlich etwas tun. Sie hatte die Absicht gehabt, die Dinge gelassener zu sehen, aber es ging einfach nicht. Sie platzte fast vor Wut und kickte einen großen Schneeklumpen vom Bürgersteig. Er war hart wie Stein, und ihr Fuß schmerzte.

»Warum müssen wir das Benzin bezahlen, wenn du für deine Eltern Holz holst, noch dazu mit ihrem eigenen Auto? Bekommt dein Vater nicht immer noch Rabatt bei der Tankstelle neben seiner alten Werkstatt?«

»Es war ein Autoimport, keine Werkstatt. Er hat Fahrzeuge aus England und Deutschland importiert.«

»Ist ja wohl egal. Jedenfalls hat er mehr Zeit als wir und kann ja wohl selber tanken, außerdem noch billiger.«

»Sara, ich finde, jetzt bist du ungerecht. Schließlich redest du von meinen Eltern. Ich verstehe nicht, warum du immer auf ihnen herumhacken musst.«

»Also du findest, ich bin ungerecht, wenn deine Eltern ein Haus für deine große Schwester kaufen. Das ist doch wirklich lächerlich.«

Sara versuchte wegen der Kinder ihre Stimme zu dämpfen. Sie schob den Doppelwagen die Steigung hinauf. Es machte Mühe, aber die Anstrengung tat ihr gut, und so konnte sie wenigstens einen Teil ihrer Aggressionen loswerden.

»Weißt du was? Diese Diskussion sollten nicht wir beide führen, denn der Konflikt hat überhaupt nichts mit uns zu tun. Der betrifft nur dich und deine Eltern, wenn du das nur einsehen würdest! Scheiße, sage ich nur dazu. Verdammte Scheiße!« Das letzte Wort war nur noch ein Zischen.

 

Karin war in der Nacht erst um Viertel nach zwei heimgekommen und hatte, als der Wecker ihres Handys klingelte, nicht die geringste Lust, das warme Bett zu verlassen. Sie blieb noch ein paar Minuten liegen und ließ den Vortag Revue passieren, bevor sie in die Jogginghose schlüpfte. Im Erdgeschoss des Mietshauses lag eine Bäckerei. Karin lief rasch die drei Stockwerke hinunter und mit dem frisch gebackenen Brot in der Tüte wieder nach oben. Sie stellte sich in die Badewanne, um das Ganze mit einer Dusche abzuschließen, und fluchte, als sie begriff, was sie am Vortag zu kaufen vergessen hatte: Shampoo. Gott sei Dank war noch ein kleiner Rest in der alten Flasche.

Mit einer Tasse Tee setzte sie sich an den Frühstückstisch und versuchte vergeblich, die Müdigkeit aus ihrem Körper zu verjagen. Am Ende goss sie den Rest des Tees in den Ausguss und kochte stattdessen einen starken Kaffee, zu dem sie sich Milch wärmte. Zum Glück war noch genug Kaffee in der Dose, so dass sie den vorher gekauften, koffeinfreien nicht zu nehmen brauchte.

Sie wühlte in der »Alles-Mögliche-Kiste«. Zwischen Klebeband, Münzen, Ersatzknöpfen und seit langem verfallenen Rabattcoupons fand ...

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