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Die Tochter der Toskana

Über Karin Seemayer

Karin Seemayer wurde am 1959 in Reutlingen geboren, lebte von 1960 bis 1993 in Frankfurt und seitdem in Eppstein im Taunus. Anfang zwanzig packte sie das Fernweh. Sie machte eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau und war die nächsten Jahre beruflich und privat viel unterwegs. Viele ihrer Romanideen sind auf diesen Reisen entstanden. Die Umsetzung der Ideen musste jedoch warten, bis ihre drei Kinder erwachsen waren.

Informationen zum Buch

Die Wege der Freiheit

Toskana, 1832: Antonellas Traum ist es, zu kochen und Wein anzubauen, doch sie soll den reichen Sohn des Müllers heiraten. Voller Verzweiflung bricht sie aus der Enge ihres kleinen Dorfes in den Apuanischen Alpen aus und flieht nach Genua. Die Reise ist gefährlich, denn Italien gleicht einem Pulverfass. Überall regt sich erbitterter Widerstand gegen die Herrschaft der Habsburger. Daher ist Antonella froh, als sie Marco trifft, der ihr Geleit anbietet. Was aber verheimlicht er ihr? Und wieso fühlt sie sich trotzdem so zu ihm hingezogen? Als sein Geheimnis offenbart wird, muss sie allen Mut aufbringen, um sein Leben zu retten.

Für Jürgen:
Mit dir denke ich laut

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Auf dem Monte Ventasso gäbe es Feen, erzählten die Alten im Dorf. Wer einen heimlichen Wunsch hatte, ob es sich um eine unerwiderte Liebe oder einen unerfüllten Kinderwunsch handelte, stieg hinauf, stellte ein Schälchen Ziegenmilch und ein Stück Käse an den großen Stein oberhalb der Kapelle der heiligen Magdalena und flüsterte seinen Wunsch in den Wind. Manchmal schien es dann, als trüge der Wind Gesang mit sich. Und manchmal wurde der Wunsch erfüllt.

1. Kapitel

Sie kommen! Sie kommen!« Wild mit den Armen rudernd, stürmte der sechsjährige Sohn von Antonellas Freundin Maria den Weg entlang, vorbei am Haus der Battistonis.

Seit drei Tagen liefen die Kinder von Cerreto jeden Morgen zur Weggabelung in Richtung Nismozza. Dort hatte man einen guten Blick auf die sich in Windungen schlängelnde Straße, die nach Aulla führte, von wo die Männer mit den Schafen kamen. Der Junge rannte weiter in Richtung Dorfplatz. Sobald er sicher war, dass seine Nachricht aufgenommen und weitergegeben wurde, drehte er um und lief den Weg zurück.

Antonella warf einen Blick zum Hühnerstall. Ihre Mutter suchte gerade Eier. Hatte sie den Ruf gehört?

Sie hatte. Mit dem Korb am Arm kam sie im Laufschritt aus dem Stall.

»Sie kommen!« Ihre Augen strahlten, ihr Lächeln ließ sie um Jahre jünger wirken. »Antonella, lauf zur Osteria und hole einen großen Krug Wein. Wo stecken deine Schwestern? Teresa soll ein Huhn schlachten, nein zwei, und Giovanna muss zum Bäcker laufen, Brot holen«, sprudelte sie heraus. Ohne auf Antwort zu warten, hastete sie ins Haus. »Sie kommen. Endlich!«, war das Letzte, was Antonella hörte.

Kopfschüttelnd trat Antonellas ältere Schwester Teresa aus der Haustür. »Sie tut, als würden die Hirten jeden Augenblick ankommen, dabei dauert es bestimmt noch eine Stunde.«

Da es in den Bergen nicht genug Futter gab, um die Herden über den Winter zu bringen, wanderten die Männer aus den hoch gelegenen Dörfern jedes Jahr im Spätherbst mit ihren Schafen in die Maremma, wo die Tiere gemeinsam mit den grauen Büffeln weideten. Anfang Mai kehrten sie zurück. Welcher Tag es genau sein würde, wusste niemand. Die Hirten brachen jedes Jahr in der letzten Aprilwoche auf und erreichten das Dorf in den ersten Tagen des Mais.

»Das sagst ausgerechnet du?«, frotzelte Antonella. »Wenn dein Tommaso zu Besuch kommt, bist du drei Tage vorher schon ganz aufgeregt.«

Teresa lachte. »Ertappt. Und ehrlich, ich bin sehr froh, dass ich irgendwann mit ihm in Modena leben werde und nicht so wie unsere Eltern. Ich verstehe sie ja. Aber die letzte Woche bevor Papa heimkommt, ist immer furchtbar.

»Ihr Mädchen sollt nicht schwätzen, sondern euch beeilen!«, rief ihre Mutter aus dem Fenster.

Lachend winkte Antonella hinauf. »Ich gehe schon.«

Teresa und sie waren gerade damit fertig, die beiden Hühner zu rupfen, da hörten sie das Blöken von Schafen. Hastig legten sie die Hühner weg, wuschen sich die Hände. Ihre Mutter kam aus ihrem Schlafzimmer, sie trug ihr Sonntagskleid und das schönste Kopftuch. »Habt ihr es auch gehört?«

»Ja, Mamma.«

Gemeinsam verließen sie das Haus und hasteten die Straße hinauf bis zur Weggabelung. Aus allen Häusern traten festlich gekleidete Frauen, halbwüchsige Kinder und, etwas langsamer, die alten Männer heraus. Das Blöken wurde lauter, begleitet von dem Klingen der Glocken, welche die Leittiere um den Hals trugen, und dem Bellen der Hunde. Obwohl sich das Spektakel jedes Jahr wiederholte, schlug Antonellas Herz schneller. Sie reckte sich, versuchte, einen Blick auf die letzte Biegung der Straße zu erhaschen. Und dann kamen sie. Zuerst einige Männer mit schwer bepackten Eseln. Sie lächelten und winkten den jubelnden Menschen zu. Doch es waren noch nicht die Ehemänner und Söhne der Frauen von Cerreto. Es waren die Schäfer aus Cervarezza und Marmoreto, die den Zug anführten. Sie würden sich nicht aufhalten, sondern gleich weiterziehen in ihre Heimatorte. Ihnen folgten die Tiere. Eine riesige Herde von Schafen, darunter einige Ziegen und Esel. An ihrem Rand wanderten die großen weißen Hunde, deren Aufgabe es war, die Schafe vor Wölfen zu schützen. Die kleineren dunklen Lupinos umkreisten unablässig die Herde, trieben Ausreißer zurück und sorgten dafür, dass die Tiere auf dem Weg blieben, nur gelenkt durch die Pfiffe der Schäfer. Nach der ersten Herde folgten endlich die Männer von Cerreto mit ihren Schafen.

Rufe mischten sich in den Jubel, wenn die Frauen ihre Ehemänner entdeckten.

»Lorenzo!« Neben Antonella drängte sich Giulia durch die Menge und versuchte, das Blöken der Schafe und Klingen der Glocken zu übertönen. Einer der Männer wandte sich um und winkte. »Giulia! Wie geht es dir? Was ist es?«

»Ein Junge!«, schrie Giulia so laut, dass Antonellas Ohren klingelten. »Wir haben einen Sohn.«

Lorenzo strahlte und verpasste dem Mann neben sich einen Rippenstoß.

»Papa!« Eines der kleinen Mädchen lief auf die Straße. Ein Mann fing es auf und hob es über seinen Kopf. »Chiara! Du bist groß geworden.«

»Paolo!« Ein Stück weiter hüpfte Fiametta auf und ab und winkte einem jungen Mann zu, der ein schwer bepacktes Maultier am Zügel führte.

Paolo war der Sohn des Müllers, einer der wohlhabendsten Familien im Ort. Antonella erinnerte sich, dass er als Kind ein verwöhntes, etwas dickliches Bürschchen gewesen war. Doch mittlerweile war er zu einem gut aussehenden jungen Mann herangewachsen. Zwar wirkte er immer noch gedrungen, doch unter seinem Hemd zeichneten sich deutlich die Muskeln ab. Er hob grüßend die Hand, dann ging er weiter. Sein Blick glitt über die Wartenden am Straßenrand und blieb an Antonella hängen. Überraschung malte sich in seinem Gesicht, als hätte er sie noch nie gesehen. Grübchen zeigten sich in seinen Wangen, als er sie anlächelte.

Dann kam ihr Vater. Neben ihm trottete Nico, der weiße Schutzhund. Auf Antonellas Ruf wedelte er höflich mit dem Schwanz, als wolle er zeigen, dass er sie erkannte, blieb aber an seinem Platz bei den Schafen.

Dem Vater folgte Anselmo, einer der unverheirateten Männer. Jedenfalls war er das im Herbst noch gewesen. Nun ging eine junge Frau an seiner Seite, die scheu die Menschen am Straßenrand betrachtete. Ein unwilliges Raunen zog durch die Menge. Zwar kam es öfter vor, dass einer der Schäfer eine Braut aus der Toskana mitbrachte, doch gerne gesehen wurde es nicht. Immerhin gab es genug heiratsfähige Mädchen im Dorf. Anselmos Mutter stand Antonella gegenüber auf der anderen Seite der Straße. Antonella sah, wie sie missmutig die Brauen zusammenzog, und bedauerte die junge Frau aus der Maremma. Sie würde es in Cerreto nicht leicht haben. Als die letzten Schafe durch die Straße gezogen waren, schlossen sich die Bewohner von Cerreto dem Zug an. Am Ortsausgang hatten die Alten einen behelfsmäßigen Pferch errichtet. Dort hinein trieben die Lupinos die Schafe von Cerreto, während die anderen Hirten mit ihren Tieren weiterzogen.

Am nächsten Tag fand das Fest zur Rückkehr der Schäfer statt. Die jungen Burschen stellten Tische und Bänke auf dem Dorfplatz auf. Aus allen Häusern wurden Töpfe herangeschleppt, aus denen es verführerisch duftete. Jeder spendete etwas für die Feier. Gianna und Francesca schleppten zwei große Töpfe mit Pasta herbei. Francescas Vater brachte ein Fass Wein aus der Osteria. Antonella half ihnen, die Becher während des Essens gefüllt zu halten.

Nach dem Essen kamen Musikanten und spielten. Die ersten Paare drehten sich zur Musik auf dem Platz. Die jungen Mädchen beäugten die Burschen, Augen funkelten, verstohlene Blicke wurden mit kokettem Lächeln beantwortet.

Amüsiert beobachtete Antonella das Treiben. An einem Tisch saßen die älteren Frauen und steckten die Köpfe zusammen. Wahrscheinlich sprachen sie darüber, wer am Ende des Sommers mit wem verlobt sein würde. Bei ihnen saß die Mutter von Anselmo. Grimmig sah sie hinüber zum Tanzplatz, wo ihr Sohn mit seiner Braut tanzte. Die weise Frau von Cerreto, die Hebamme Aminta, redete auf sie ein. Vermutlich versuchte sie, ein wenig Verständnis für die fremde Schwiegertochter zu wecken.

In einer Hausecke drückten sich drei Burschen herum. Einer von ihnen war der Sohn ihres Nachbarn, er hatte dieses Jahr seinen ersten Winter in der Toskana verbracht. Sie schubsten sich gegenseitig, bis schließlich der Nachbarssohn zu ihr hinüberkam und sie zum Tanz bat. Seine Ohren hatten sich verräterisch rot gefärbt. Lächelnd folgte sie ihm auf den Tanzplatz, wo er zaghaft ihre Taille umfasste. Doch er vergaß seine Scheu schnell und wirbelte sie herum.

Neben ihr drehten sich Fiametta und Paolo. Fiametta bedachte sie mit einem triumphierenden Blick. Paolo dagegen musterte sie nachdenklich.

Einige Zeit und ein paar Tänze später stahlen sich Fiametta und Paolo händchenhaltend vom Tanzplatz. Sie blieben nicht die Einzigen. Immer mehr Paare verließen das Fest.

Schließlich saßen nur noch einige sehr junge Männer, fast noch Knaben, und die Alten auf den Bänken.

Antonella half Francesca die Tische abzuräumen und ging nach Hause.

In den nächsten Wochen gab es reichlich zu tun. Die Mutterschafe mussten gemolken werden, um den ersten Pecorino des Jahres zu machen. Dieser junge Pecorino wurde nicht verkauft, er war nur für den Eigenbedarf gedacht. Allerdings brachte Antonella einige Laibe hinüber zur Osteria Sala, um ihn gegen Lardo, den gewürzten Schweinespeck, zu tauschen, den Francescas Mutter Gianna nach einem geheimen Familienrezept herstellte.

Auf dem Heimweg trödelte sie. Sie liebte den Mai und an diesem Tag war er besonders schön. Die Sonne schien, die Luft duftete nach Blumen und nach frischer Erde. Am Wegrand entdeckte sie die ersten Orchideen. Dunkellila ragten ihre Blüten aus dem Gras. Ein paar Schritte weiter leuchtete der Klatschmohn rot wie Glut aus den Wiesen. Schwalben flogen über ihren Kopf hinweg, im Gebüsch saß ein Grünfink und sang. Sie blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zu den Gipfeln der Berge. Auf dem Monte Cusna lag immer noch ein wenig Schnee.

Ihr Weg führte sie am Fluss entlang und an der Mühle vorbei. Vom Lavatoio her hörte sie eine Frau schimpfen. Es klang ganz nach Fiametta. Tatsächlich entdeckte sie Fiametta und Paolo etwas oberhalb des Waschplatzes. Sie standen einander gegenüber, Fiamettas Gesicht war gerötet, sie gestikulierte heftig. Antonella wollte sich gerade zurückziehen, da fauchte Fiametta: »Glaubst du vielleicht, ich merke es nicht, wie du die Battistoni Tochter anschmachtest? Letzte Woche, als sie hier gewaschen hat, sind dir bald die Augen aus dem Kopf gefallen.«

Antonella hielt inne. Fiametta sprach von ihr. Vorige Woche war Paolo am Lavatoio gewesen, als sie dort gewaschen hatte. Er hatte ein paar freundliche Worte mit ihr gewechselt und sie mit seinem Grübchenlächeln bedacht. Anschmachten hätte sie das nun nicht genannt.

»Antonella ist ein sehr nettes Mädchen und hübsch anzusehen«, gab Paolo jetzt gelassen zurück. »Und vor allem keift sie nicht so rum.«

»Ich keife? Ich habe ja auch allen Grund dazu.«

»Ach ja? Und welchen? Ich darf mich doch wohl mit anderen Mädchen unterhalten.«

In Fiamettas Stimme mischte sich ein hysterischer Ton. »Du weißt genau, was ich meine. Wir sind so gut wie verlobt! Und du schaust ständig anderen Frauen nach.«

»Sind wir das? Ich kann mich nicht erinnern, um deine Hand angehalten zu haben.«

»Aber du hast … ich dachte …« Fiametta schnappte nach Luft.

»Da hast du wohl falsch gedacht. Das tut mir leid für dich, aber ich habe nicht die Absicht, dich zu heiraten.«

Alle Farbe wich aus Fiamettas Gesicht. Sie öffnete den Mund, doch sie brachte keinen Ton heraus. Wortlos wandte sie sich ab und rannte den Weg hinunter.

Antonella huschte hastig zwischen zwei Häuser und hielt die Luft an. Hoffentlich bemerkte Fiametta sie nicht.

Das Glück war mit ihr, Fiametta war zu sehr mit sich beschäftigt, um auf ihre Umgebung zu achten.

Wie ein Dieb schlich Antonella sich davon.

»Ich habe schon immer gesagt, dass Fiametta sich nur großtut«, erklärte Francesca energisch. »Nur weil ein Kerl ein paarmal mit einem Mädchen tanzt, ist das noch keine Verlobung.« Die beiden Mädchen hockten in Francescas Kammer über der Osteria. Antonella hatte sich nach dem Abendessen aus dem Haus geschlichen, um mit ihrer Freundin über den Streit zwischen Fiametta und Paolo zu sprechen.

»Wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, dass sie schon überall erzählt hat, sie seien so gut wie verlobt.«

»Vielleicht. Sie hat ihm vorgeworfen, er würde mich anschmachten, doch das stimmt gar nicht. Er ist freundlich zu mir, aber mehr auch nicht.«

»Würde es dir denn gefallen, wenn er dir den Hof machte?«

Antonella hob die Schultern. »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Für mich war er immer der verwöhnte, etwas einfältige Müllersohn, aber er hat sich sehr verändert.«

»Ja. Er ist sehr stattlich geworden, und ich finde, er hat so etwas …« Francesca wedelte mit den Händen.

»Charme«, sagte Antonella. »Er hat Charme.«

2. Kapitel

In den nächsten Wochen zeigte sich Paolo gegenüber nicht nur allen Mädchen im Dorf sehr höflich und aufmerksam, er bezauberte mit seinem Grübchenlächeln auch ihre Mütter. Überrascht und amüsiert zugleich bemerkte Antonella die sehnsüchtigen Blicke, die ihm folgten, wenn er durch die Straßen ging. Ihr schenkte er keineswegs besondere Beachtung. Sicher hatte sich Fiametta getäuscht.

Am 15. August stand nach dem Willkommensfest das zweite große Fest im Jahr an. Ferragosto. Die Kirche feierte an diesem Tag Mariä Himmelfahrt, doch gleichzeitig feierte man den »Wendepunkt des Sommers«, denn der 15. August galt als der heißeste Tag des Jahres.

Aminta, die Hebamme und weise Frau von Cerreto, hatte vor einigen Jahren erzählt, dass Ferragosto auf den Kaiser Augustus zurückging, der Mitte August drei Tage lang seinen Sieg über Cleopatra und Marcus Antonius feierte. Erst später hätte die Kirche Ferragosto als Mariä Himmelfahrt eingeführt. Das hatte den Pater von Cerreto, Don Vincenzo, derartig empört, dass er seitdem jedes Jahr an Ferragosto eine flammende Predigt hielt, in der er das Heidentum anprangerte.

Der Ferragosto dieses Jahres hielt, was sein Name versprach. Der Himmel spannte sich in tiefstem Blau über den Bergen, gegen Mittag brannte die Sonne so heiß, dass den Burschen, die Stühle und Tische auf den Dorfplatz schleppten, der Schweiß die Kleider durchnässte. Jede Familie brachte Essen für das Fest auf den Platz. Tage zuvor waren die Frühjahrslämmer geschlachtet worden, über einem großen Feuer röstete Francescas Vater ein Zicklein, Paolos Familie hatte eines ihrer Schweine geschlachtet und spendete reichlich Braten.

Antonella hatte Agnello Arrosto zubereitet, Lammkeule aus dem Ofen mit Gemüse.

Nach der Abendandacht in der Kirche versammelten sich die Bewohner von Cerreto auf dem Dorfplatz.

Paolo saß mit seinen Eltern in der Nähe der Battistonis und jedes Mal, wenn Antonella aufsah, begegnete sie seinem Blick. Als die Musiker sich nach dem Essen erhoben und nach ihren Instrumenten griffen, stand er bereits neben ihr. »Schenkst du mir diesen Tanz?«

Verlegen stand sie auf und folgte ihm zum Tanzplatz. Sie spürte die neidischen Blicke der anderen Mädchen zwischen ihren Schulterblättern wie Dolche.

Es blieb nicht bei diesem Tanz. Paolo ließ sie nicht mehr gehen, bis die Musiker eine Pause machten. Dann begleitete er sie zu ihrer Familie. »Darf ich mich zu euch setzen?«

Ihre Mutter und Giovanna strahlten ihn entzückt an, nur Teresa zog die Brauen zusammen, ein spöttisches Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Offenbar mochte sie ihn nicht.

»Aber bitte«, antwortete ihr Vater und musterte Paolo ausgesprochen wohlwollend.

Antonella rückte ein Stück und er setzte sich neben sie.

»Die Lammkeule habt ihr doch mitgebracht?«, wandte er sich an Rina. Die nickte.

»Ich habe selten ein so zartes Agnello Arrosto gegessen. Haben Sie es gemacht, Signora?«

»Oh nein. Das war Antonella. Sie ist eine sehr gute Köchin!«

»Das ist wohl wahr«, antwortete Paolo und sein Lächeln zauberte die Grübchen in seine Wangen. »Sie ist fleißig, hübsch und eine gute Köchin! Der Mann, der sie zur Frau bekommt, ist ein glücklicher Mann.«

Antonella kniff sich in den Arm. Träumte sie? Hier saß der begehrteste Junggeselle des ganzen Dorfes und raspelte Süßholz. Verstohlen musterte sie ihn. Was, wenn er ihr nun ernsthaft den Hof machte? Er war wirklich ein hübscher Bursche geworden. Er hatte welliges hellbraunes Haar und dunkelbraune, fast schwarze Augen, die ihm etwas Rätselhaftes gaben.

Kaum begannen die Musiker wieder zu spielen, forderte er sie erneut zum Tanz auf. Und er tanzte den ganzen Abend nur mit ihr. Als die Musikanten ein langsames Liebeslied spielten, zog er sie dicht an sich. »Ich sagte vorhin, wer dich bekommt, ist ein glücklicher Mann«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Lass mich dieser Mann sein, Antonella.«

3. Kapitel

Montescudaio – Toskana, September 1832

Erleichtert zügelte Michele sein Pferd und atmete den würzigen Duft der Zypressen ein, die den Weg zum Herrenhaus säumten. Es bestand kein Grund mehr zur Eile. Er war zu Hause.

Sanft tätschelte er den schweißnassen Hals seines Hengstes. Das Pferd machte den Hals lang, als Michele die Zügel locker ließ und in gemächlichem Schritt auf den Weg zum Herrenhaus einbog. Auf beiden Seiten der Zypressenallee erstreckten sich Olivenhaine. Die silbrigen Blätter der Bäume schimmerten in der Mittagssonne. Ihnen verdankte das Gut seinen Namen: Alberi d’Argento, silberne Bäume. Manche waren Hunderte von Jahren alt; ehrwürdige Gehölze, die noch jedes Jahr Früchte trugen. Das Olivenöl von Alberi d’Argento war beinahe ebenso berühmt wie sein Wein. Als Kind hatte er geglaubt, dass in den alten Bäumen Dryaden, Baumnymphen, lebten.

Eine Woche war es her, dass er die Kavallerieschule in Venaria Reale verlassen hatte. Abseits der Hauptstraßen war er geritten, hatte ausschließlich in kleinen Dörfern, wohin Nachrichten und Gerüchte nur langsam vordrangen, übernachtet. Erst als er La Spezia hinter sich gelassen hatte, war er auf die alte Römerstraße Via Aurelia in Richtung Süden eingebogen und hatte sein Pferd zu äußerster Eile angetrieben. Sein Besuch zu Hause war im Grunde ein Verstoß gegen seinen Befehl, denn dieser lautete, sich auf dem schnellsten Weg nach Lucca und von dort nach Modena zu begeben.

Eine friedliche Stille lag über dem Gut, selbst die Zikaden schienen Mittagsruhe zu halten. Sein Vater betete vermutlich gerade vor der versammelten Familie den Rosenkranz, wie jeden Sonntag. Eine Tradition, die Michele schon als Kind gehasst hatte. Ehe dieses Ritual nicht beendet war, konnte er dem Herrn des Gutes ohnehin nicht unter die Augen treten. Während er sich dem Gebäude näherte, wich seine Erleichterung, unbeschadet nach Hause gekommen zu sein, leiser Nervosität. Inzwischen war er nicht mehr so sicher, wie sein Vater auf das, was er ihm zu sagen hatte, reagieren würde.

Als er sich entschlossen hatte, den Umweg über Montescudaio zu machen, um sich von seiner Familie zu verabschieden, war ihm alles ganz einfach erschienen. Er würde nach Hause kommen und seinem Vater erklären, was ihn bewegte. Natürlich war ihm bewusst, dass der Padrone nicht begeistert sein würde, aber er hatte doch geglaubt, dass er – nach anfänglichem Widerstand – Verständnis haben würde. Doch hier beim Anblick des Herrenhauses, welches sich seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie befand, wurde ihm klar, dass sein Vater den Ideen Mazzinis keinesfalls wohlwollend begegnen würde.

Nun, es war zu spät. Es gab kein Zurück. Er seufzte tief und lenkte das Pferd um das Haupthaus herum zu den Stallungen. Das Klappern der Hufe auf dem Pflaster im Hof lockte Vittorio Falcone, den Pferdeknecht, aus dem Stall. Sein Haar stand ihm in allen Richtungen vom Kopfe ab, als hätte er es gerauft. Vermutlich hatte er im Heu ein Schläfchen gehalten.

»Dio mio, der junge Herr!« Vittorio lief über den Hof und griff nach den Zügeln des Pferdes. »Wir haben Sie nicht vor Weihnachten erwartet. Ist etwas geschehen?«

Michele zog die Füße aus den Steigbügeln und glitt vom Pferd. »Ja und nein, Vittorio. Es ist noch nicht geschehen, aber es wird.«

Verständnislosigkeit zeigte sich in Vittorios Gesicht. Er blinzelte kurz, dann zuckte er die Schultern, wandte sich ab und führte den Hengst in Richtung der Ställe. »Na mein Schöner, du bist ja gut in Form. Das Leben bei der Kavallerie scheint dir zu bekommen«, hörte Michele ihn sagen.

Unwillkürlich presste er die Lippen zusammen. Dem Pferd bekam das Leben dort auf alle Fälle besser als ihm.

Zwei Stunden später saß er im Arbeitszimmer von Don Piero di Raimandi. Zwischenzeitlich hatte er sich gewaschen und rasiert und danach seine Mutter sowie seine jüngere Schwester Emilia begrüßt. Enrico, sein Bruder, war in den Weinbergen unterwegs. Die Lese hatte vor ein paar Tagen begonnen.

»Du willst den Dienst quittieren und dich der Bewegung dieses Verrückten, dieses Mazzini, anschließen?« Die Stimme seines Vaters klang gelassen wie immer, einzig sein kalkweißes Gesicht und die zusammengekniffenen Augen verrieten seinen Zorn.

»Mazzini ist nicht verrückt, er ist ein Visionär. Er und die Giovine Italia kämpfen für ein freies Italien. Unabhängig von der Willkür der Österreicher, der Bourbonen und des Kirchenstaates.«

»Freies Italien! Frei für wen? Für dieses gottlose Gesindel, diese elenden kleinen Liberalen? Hast du Grund, dich zu beschweren? Du lebst gut von diesem Land, hast die Offizierslaufbahn vor dir, die dir ein sicheres Einkommen bringen wird.« Don Piero atmete tief durch. Als er weitersprach, klang seine Stimme eindringlich, beinahe schmeichelnd. »Und vergiss nicht Donata Frattini, sie wartet nur darauf, dass du dich endlich erklärst und bei ihrem Vater um ihre Hand anhältst. Willst du das alles wegwerfen?«

Donatas Name weckte Erinnerungen. Die dunkelhaarige Tochter eines benachbarten Winzers. Bevor er vor zwei Jahren zur Kavallerieschule gegangen war – geschickt worden war –, korrigierte er sich in Gedanken, denn er hatte die militärische Laufbahn keineswegs freiwillig gewählt, hatte er ihr den Hof gemacht. Mehr aus Langeweile und weil seine Eltern diese Verbindung gerne gesehen hätten, als aus Leidenschaft. Donata war hübsch, aber ohne jedes Temperament. Wohlerzogen, ihrem Vater gehorsam, würde sie eine brave, langweilige Ehefrau abgeben. Doch das Weingut ihres Vaters würde ihr Bruder erben. So wie sein Bruder Alberi d’Argento erben würde. Dabei war es dieses Land, das er mehr als alles in der Welt wollte. Er liebte die Reben, die Olivenbäume und auch die fruchtbare rote Erde, die beides hervorbrachte.

Als Kinder war sein Vater mit Enrico und ihm durch die Weinberge geritten und er hatte alles aufgesogen, was Don Piero erzählt hatte. Wann man die Stöcke beschnitt, damit sie kräftig austrieben, wann man die Reben ausgeizte, um den Stock nicht zu schwächen und eine bessere Ernte zu erzielen. Er wusste, wann man düngte, und erkannte am Geschmack der Trauben, welche man September oder Anfang Oktober erntete und welche man bis in den Winter am Stock ließ, um dann eine Trockenbeerenauslese daraus zu machen. Immer hatte er sich als Winzer gesehen. Doch vor vier Jahren, zu Enricos einundzwanzigstem Geburtstag, hatte Don Piero ein großes Fest gegeben, auf dem er Enrico offiziell als seinen Erben und zukünftigen Herren von Alberi d’Argento vorstellte und Michele eröffnete, dass er ihn nach Pisa auf die Universität schicken würde, wo er Rechtskunde studieren sollte. Michele war verzweifelt. Immer hatte er versucht, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen, jetzt rebellierte er. Statt zu studieren, trieb er sich mit seinen Kommilitonen in den schlimmsten Vierteln von Pisa herum, feierte die Nächte durch, trank zu viel und verlor ein Vermögen beim Kartenspiel. Schließlich war es seinem Vater zu bunt geworden. Er hatte kurzen Prozess gemacht und ihn auf die Kavallerieschule in Venaria Reale geschickt.

Er sah auf. »Was werfe ich denn weg? Ein Leben beim Militär, das ich nicht gewählt habe, und die Aussicht auf eine öde Ehe mit diesem Mädchen, das nichts anderes im Kopf hat als Bälle, Kleider und die neueste Haarmode. Das Einzige, was ich jemals wollte, war, Winzer zu werden, auf Alberi d ’Argento.«

»Und soeben beweist du mir, wie richtig es ist, dass Enrico das Gut erbt und nicht du. Du bist leichtsinnig und verantwortungslos. Das warst du schon immer. Zu schnell begeistert und ohne Durchhaltevermögen.« Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Giovine Italia. Das gleiche Gesocks wie diese Geheimgesellschaft, die Carboneria. Pöbel ist das, der sich nur selbst bereichern will.«

»Sie wollen Gerechtigkeit. Ein leichteres Leben für die Bauern, niedrige Steuern, Handel.«

»Dummes Gerede. Die Bauern sind zufrieden, sie kennen es nicht anders. Was weißt du denn über das Leben der Menschen, die du »befreien« willst? Seit Jahren hast du nur dein Vergnügen im Kopf, und plötzlich interessierst du dich für Politik? Ich hatte gehofft, dass sie dir beim Militär die Flausen austreiben, statt dir neue Flöhe ins Ohr zu setzten.«

»Es sind keine Flausen! Ich …«

»Ich will nichts mehr davon hören!« Krachend landete Don Pieros Faust auf dem Schreibtisch. »Du wirst nach Venaria Reale zurückkehren und, sobald deine Ausbildung dort beendet ist, Donata Frattini heiraten. Sie wird dir eine gute Ehefrau sein.«

Michele erhob sich. »Ich werde nichts von alldem tun. Ich habe einen Eid geschworen, als ich Giovine Italia beigetreten bin, und den werde ich halten. In Venaria Reale wissen sie bereits, dass ich nicht mehr zurückkomme.«

Plötzlich war er sehr froh, dass er Tatsachen geschaffen hatte, bevor er Venaria Reale verlassen hatte. Er hatte nicht geahnt, wie schwer es sein würde, seinem Vater die Stirn zu bieten. Tief in ihm steckte immer noch der Respekt gegenüber dem Padrone, den man ihn gelehrt hatte.

Mit einer heftigen Bewegung schob Don Piero seinen Stuhl zurück und stand ebenfalls auf. Sein Gesicht lief rot an. »Du bist desertiert?«

Michele straffte die Schultern und sah seinem Vater in die Augen. »Jawohl.«

»Du riskierst dein Leben für diesen Mazzini und seine verräterischen Ideen? Wenn sie dich erwischen, werden sie dich an die Wand stellen oder aufhängen.«

»Lieber sterbe ich für die Freiheit und für ein geeintes Italien, als für die Österreicher in den Krieg zu ziehen und dort zu fallen.«

»Du Narr«, schrie Don Piero. »Du bist ein dummer, oberflächlicher Junge. Es reicht, dir die Worte ›Freiheit‹ und ›Republik‹ hinzuwerfen, und schon vergisst du deine Pflichten!«

»Und Sie sind ein alter, einfältiger Mann, der nicht erkennt, dass sich die Zeiten ändern«, brüllte Michele zurück.

Im nächsten Augenblick brannte seine Wange vom Schlag des Vaters. Langsam ließ Don Piero die Hand sinken. Einen Moment lang starrten sie einander stumm an. Dann sprach Don Piero, jetzt sehr leise, doch seine Stimme bebte vor Zorn. »Du wirst das Gut sofort verlassen und nicht mehr zurückkehren. Sollte ich dir jemals wieder auf meinem Land begegnen, werde ich dich den Carabinieri ausliefern. Du bist nicht mehr mein Sohn.«

Michele ballte die Fäuste. Einen Augenblick zögerte er, rang nach Worten, dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Er hatte mit dem Zorn seines Vaters gerechnet, doch nicht damit, verstoßen zu werden.

Im Flur lehnte er sich an die Wand und atmete tief durch. Andrea Mantelli, einer der »Apostel« von Giovine Italia und sein vorgesetzter Offizier, hatte ihn gewarnt, ihm gesagt, die Revolution würde Opfer fordern, vielleicht sogar sein Leben. Er hatte den Eid trotzdem geleistet. In Gedanken wiederholte er ihn:

Im Namen Gottes und Italiens – im Namen aller Märtyrer, die für die heilige Sache Italiens unter den Schlägen fremder und einheimischer Tyrannen gefallen sind – im Glauben an die von Gott dem italienischen Volk übertragene Sendung und an die Pflicht eines jeden Italieners, an ihrer Erfüllung mitzuarbeiten – trete ich dem »Jungen Italien« bei, dem Bund von Männern, und schwöre, mich ganz und immer der Aufgabe zu weihen, gemeinsam mit ihnen Italien zu einer einigen, unabhängigen Republik zu machen.

Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Es war etwas Großes, was diese Männer wollten. Ein neues Italien würde entstehen. Eines, in dem es keine Armut mehr gab, in dem die Bauern nicht mehr als bessere Leibeigene dienen mussten, sondern ihr eigenes Land bewirtschafteten. Eine Schule in jedem Dorf. Lehrer, welche die Kinder lesen und schreiben lehrten, um der Unwissenheit ein Ende zu bereiten, damit zukünftige Generationen selbst über ihr Schicksal bestimmen konnten.

Dafür lohnte es sich zu leben – und sogar zu sterben.

»Pst, Michele.« Seine Schwester Emilia lugte um die Ecke. »Warum hat Papa so gebrüllt?«

Er warf noch einen kurzen Blick auf die Tür zum Büro seines Vaters, dann ging er hinüber zu Emilia. »Wir haben uns gestritten.«

»Schon wieder?«

»Ja, schon wieder.«

»Ich mag es nicht, wenn ihr streitet. Mamma weint dann immer. Kannst du nicht wieder reingehen und dich mit ihm vertragen?«

Seine Mutter. Sie würde einen hysterischen Anfall bekommen, wenn sie von dem Zerwürfnis mit seinem Vater erfuhr. »Nein, meine süße Emilia, dieses Mal nicht. Ich gehe fort.«

»Fort, aber wohin denn?«

»Sehr weit weg.«

»Dann bist du an Weihnachten nicht hier?«

»Ich komme nicht mehr zurück.«

Ihre Unterlippe begann zu beben, Tränen glitzerten in ihren Augen. »Nie mehr?«

»Für sehr lange Zeit nicht.« Wenn die Revolution erfolgreich war, wenn Italien frei war, vielleicht sah sein Vater dann ein, dass er für etwas Gutes gekämpft hatte. Womöglich konnte er dann zurückkehren. Er strich Emilia über die dunklen Locken. »Sei brav, kleine Schwester, und sing ein Lied für mich.«

Sie hatte die Stimme eines Engels. Wenn sie sang, war es, als hielte die Welt den Atem an.

»Ich werde für dich singen.« Ihre Stimme war tränenschwer.

»Sag Mamma Lebewohl von mir.« Ein dicker Kloß saß in seiner Kehle. Er küsste sie auf die Stirn, schluckte und wandte sich dann abrupt ab.

In seinem Zimmer packte er ein paar Sachen zusammen. Ein zweites Paar Reithosen, zwei Hemden zum Wechseln und eine schlichte kragenlose Arbeitsjacke. Noch brauchte er sie nicht, doch in den Bergen konnte es auch im September schon kühl werden. Zum Schluss setzte er den breitkrempigen Hut auf, der den Hüten der Butteri, der Rinderhirten der Maremma, glich, und steckte das Geld ein, das Andrea Mantelli ihm für seine Mission gegeben hatte. Es war eine beträchtliche Summe. »Geh in die Dörfer«, hatte Andrea ihn angewiesen. »In die Osterien und Tavernen. Setz dich zu den Bauern und den Tagelöhnern, spendier ihnen Wein und, wenn sie hungrig sind, einen Teller Pasta. Höre genau zu, was sie reden. Sind sie unzufrieden? So unzufrieden, dass sie bereit sind für eine Revolution? Dann erzähle ihnen von Giovine Italia und unseren Zielen. Wir brauchen den Rückhalt in der ländlichen Bevölkerung, in den Städten haben wir genug Anhänger. Es war der Fehler der Carboneria, im Geheimen operieren zu wollen. Deshalb sind die Aufstände gescheitert. Jetzt müssen wir die Massen wachrütteln.« Er würde sich in Lucca mit Luciano treffen, einem Freund aus Kindertagen, der ebenso ein Carbonaro und Mitglied von Giovine Italia war. Gemeinsam würden sie über die Berge nach Modena reiten, um sich dort mit weiteren Carbonari zu treffen. Von Modena aus sollten sie nach Parma, Cremona und Piacenza gehen und schließlich über Alexandria nach Genua zurückkehren. Mazzini hatte gesagt, Italien gleiche einem schwelenden Brand, nur ein Funke fehlte, um einen Feuersturm zu entfachen, der die fremden Könige aus dem Land fegen würde. Es war ihre Aufgabe, diesen Funken in die Dörfer zu tragen. Wenn alles nach Plan verlief, würde im nächsten Frühjahr der Sturm ausbrechen.

Er warf einen letzten Blick aus dem Fenster, dann verließ er den Raum.

Vor den Ställen traf er auf seinen Bruder.

»Michele! Was ist passiert? Emilia sagte, du hättest mit Vater gestritten und gingest fort?«

Michele nickte. »Ich brauche ein Pferd.« Sein Hengst brauchte Ruhe und außerdem wollte er ihm den langen Ritt nach Modena nicht zumuten.

»Wo willst du denn hin?«

»Zunächst in die Berge.« Mehr durfte er auch Enrico nicht sagen. Seine Mission war geheim.

»In die Berge.« Nachdenklich tippte Enrico sich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe und blickte sich im Stall um. »Nimm Rinaldo hier.«

Er deutete auf einen Fuchs mit dunkler Mähne und dunklem Schweif. Nicht sehr groß, aber kräftig. Ein typisches Pferd der Maremma. »Er ist ausdauernd und trittsicher.« Er zögerte. »Musst du wirklich gehen? Du kennst doch Vater. Tauche unter. Silvana besitzt ein kleines Stück Land in der Nähe von Castagneto della Gherardesca, ein paar Wegstunden von hier. Dort leben nur ein paar Pächter. Dort könntest du unterkommen, bis der Sturm hier vorbei ist.«

»Dieser Sturm wird nicht vorbeigehen. Er hat mich rausgeschmissen.«

Enrico seufzte. »Was hast du nun wieder angestellt?«

Liebevoll musterte Michele seinen Bruder. Sie sahen einander überhaupt nicht ähnlich. Er selbst kam ganz nach seiner Mutter: groß, schlank und dunkel, mit schwarzen Haaren und blauen Augen. Enrico dagegen glich Don Piero. Er war ebenso untersetzt und kräftig wie sein Vater, seine Haut war hell und sein Haar hatte die gleiche hellbraune Farbe. Zum Glück beschränkte sich die Ähnlichkeit auf Äußerlichkeiten. Im Gegensatz zu dem Don war Enrico warmherzig und großzügig. Er liebte die Menschen, das Leben und seine üppige Frau Silvana. Und natürlich liebte er Alberi d’Argento. Der Zorn, der seit Jahren in Michele schwelte, galt nicht Enrico.

»Nichts habe ich angestellt, großer Bruder. Ich habe endlich wieder ein Ziel.«

Entgegen der Anweisung seines Vaters verließ er das Gut nicht auf dem direkten Weg. Sein Pferd am Zügel führend, wanderte er den staubigen Pfad entlang zu einem Feld am Ende der Weingärten. Hier hatten Enrico und er vor einigen Jahren eine neue Weinsorte angepflanzt, die erst 1820 von Herzog Manfredo di Sambuy aus Frankreich importiert worden war. Ein Experiment, von dem sein Vater zwar wusste, für das er aber nur ein Achselzucken übrighatte. Er hatte es nur zugelassen, weil Enrico es als seinen Plan präsentiert hatte. Niemals hätte Don Piero Land für eine von Micheles verschrobenen Ideen, wie er es nannte, zur Verfügung gestellt. Aber als Enrico dafür plädiert hatte, ein kleines Feld mit Cabernet Sauvignon zu bebauen, hatte er nachgegeben. Der erste Wein vor zwei Jahren war hervorragend gewesen. Anfängerglück hatte Don Piero es genannt. Doch auch aus der zweiten Ernte war ein Wein hervorgegangen, der seinesgleichen suchte. Wenige Flaschen nur, die jedoch bei Weinkennern reißenden Absatz gefunden hatten.

Michele ließ das Pferd stehen und pflückte ein paar Trauben, die dick und dunkelblau an den Reben hingen. Er steckte sie in den Mund und schloss die Augen. Sie schmeckten nach Sommer, nach der Erde der Toskana und nach der Macchia, die an der Küste wuchs und deren würzigen Duft der Wind bis hierher wehte. Aus ihnen würde kein leichter, lieblicher Wein werden, sondern einer, der nach dem ersten Glas trunken machte, weil er sämtliche Aromen dieses Landes in sich trug.

Abrupt wandte er sich um. Er würde nicht erleben, wie aus diesen Trauben Wein wurde. Er spuckte die harten Schalen aus und bestieg sein Pferd. Er hatte eine andere Aufgabe: Nicht mehr Wein zu machen, sondern mitzuhelfen, dieses Land neu zu gestalten.

4. Kapitel

Cerreto – September 1832

Hab keine Angst, bei mir bist du sicher.« Eine Männer- stimme wie der Klang eines Cellos, melodisch, sanft, ein wenig traurig. Antonella rollte sich unter der Decke zusammen, sie wollte weiterträumen, sich in dieser Stimme verlieren, die so verlockend war wie der Gesang der Feen am Monte Ventasso.

»Los, steh endlich auf!« Das schrille Organ ihrer älteren Schwester schob sich in ihre Träume, verdrängte das Bild des dunkelhaarigen Helden, der sie gerade hatte retten wollen.

»Ja, ja, ich komme gleich«, murmelte Antonella und versuchte, zumindest einige Fetzen ihres Traumes festzuhalten. Doch Teresa zog erbarmungslos die Decke fort und die kühle Morgenluft wehte die Bilder davon wie den Nebel in den Tälern der Apuanischen Alpen. Seufzend öffnete Antonella die Augen und setzte sich auf. Die Fensterläden waren bereits zurückgeschlagen, fahles Licht fiel in das Zimmer, das sie sich mit ihren beiden Schwestern teilte.

Es war ein schöner Morgen. Noch war die Luft rau und brachte eine erste Ahnung vom Winter, denn die Sonne hatte die schroffen Felsen der Berge noch nicht überwunden. Doch der Himmel zeigte bereits jenes makellose Blau, das einen warmen Tag ankündigte. Das laute Kreischen von Perlhühnern zerriss die Stille.

»Diese dummen Faraonas machen mich noch wahnsinnig«, nörgelte Teresa, während sie ihre Bettdecke zusammenfaltete. »Warum können wir nicht normale Hühner halten wie andere Leute auch. Die gackern wenigstens nur.«

Im Stillen stimmte Antonella ihrer Schwester zu. Der Lärm, den die Perlhühner veranstalteten, ähnelte dem Quietschen von verrosteten Türangeln, dagegen war das Gackern normaler Hühner geradezu wohlklingend. Doch das Fleisch der Faraonas hatte ein leichtes Wildaroma, das an Fasan erinnerte, weshalb die Reichen und Vornehmen in Parma oder Modena sie gerne bei ihren Festmahlen servierten.

Widerwillig stieg Antonella aus dem Bett und tappte hinüber zum Waschtisch. Der Holzboden war kalt, ebenso wie das Wasser im Krug. Sie zog das Leinenhemd aus und wusch sich flüchtig, derweil Teresa gerade der jüngsten der Battistonischwestern die Decke fortzog.

»Raus aus dem Bett, die Faraonas warten auf ihr Futter.«

Giovanna rekelte sich und gähnte ungeniert. »Ist ja gut, ich stehe schon auf.«

Während Giovanna sich unter dem kritischen Blick von Teresa wusch, schlüpfte Antonella in ein Unterkleid aus ungefärbtem Leinen, über das sie einen schwarzen Rock und ein rotbraunes Mieder zog. Ihr Haar hatte sie bereits vor dem Schlafengehen gekämmt und zu einem festen Zopf geflochten, der ihr fast bis zur Taille fiel. Immer noch waren ihre Gedanken bei ihrem Traum, sie versuchte, sich an das Gesicht des Mannes zu erinnern, doch sein Bild verschwamm vor ihrem inneren Auge.

Giovanna stupste sie in die Seite. »Na, träumst du noch? Du hast vergessen, dein Bett zu machen.«

»Klar träumt sie noch.« In Teresas Stimme schwang eine Mischung aus Spott und Neid. »Von dem schönen Paolo, den sie im nächsten Jahr heiraten wird.«

Antonella schwieg und blickte aus dem Fenster auf die Berge. Die Stimme, die sie in ihrem Traum gehört hatte, war nicht Paolos gewesen, und auch wenn sie sich sein Gesicht nicht mehr vorstellen konnte, der Mann hatte anders ausgesehen.

»Siehst du, sie hört uns gar nicht zu«, stichelte Teresa. »Sag, nach was hältst du Ausschau, Antonella? Schleicht dein Paolo hinter dem Stall herum, um dort auf dich zu warten? Macht er dir schöne Augen und träufelt dir süße Worte in die Ohren? Pass auf, du weißt was mit Mädchen passiert, die vor der Hochzeit schwanger werden.«

Heiß schoss ihr das Blut ins Gesicht. »Was schwätzt du da! So etwas würde er nie tun.«

»Du bist ja nur neidisch«, sagte Giovanna patzig. »Weil du schon zwanzig bist und noch mindestens ein Jahr warten musst, bis du deinen Tommaso heiraten kannst und weil er lange nicht so fesch ist wie Paolo.«

Sie sprach aus, was Antonella dachte. Früher hatte Teresa Paolo nie beachtet, doch seit Ferragosto stichelte sie bei jeder Gelegenheit gegen ihn. Sie mochte ihn nicht, aber warum, wenn es kein Neid war?

Teresa schob das Kinn vor. »Pah, ich bin doch nicht neidisch. Es stimmt, Tommaso ist nicht so hübsch wie das Müllersöhnchen, aber dafür ist er ehrlich und anständig und schaut nicht immer anderen Weibern hinterher.«

Antonella fuhr herum. »Was soll das heißen?«

»Was wohl? Hast du noch nicht bemerkt, dass er sich an Waschtagen immer am Fluss herumtreibt? Was will er da, wenn nicht den Frauen auf die Beine und in den Ausschnitt starren? Außerdem hat Francesco erzählt, wie er im letzten Winter mit den Hirten in der Maremma war, da wollte einer der Rinderzüchter Paolo verprügeln, weil er sich heimlich mit seiner Tochter getroffen hat, und dann hatte er noch was mit einer Witwe aus Donoratico – sagt Francesco.«

»Ausgerechnet Francesco«, schnaubte Antonella. »Der ist eine schlimmere Klatschtante als die alte Gemma. Das Lavatoio liegt direkt an der Mühle, warum sollte Paolo nicht dort sein?«

Energisch klopfte sie die mit getrockneten Kastanienblättern gefüllte Matratze zurecht und faltete die Decke zusammen.

»Wen ich wohl mal heiraten werde?« Giovanna zwirbelte einen ihrer Zöpfe zwischen den Fingern. »Ich hoffe, er wird jung und hübsch sein. Ich will nicht so einen Mann wie die arme Maria. Ihr Sergio ist schon fünfunddreißig und hat zwei Kinder von seiner ersten Frau.«

Teresa stemmte die Hände in die Hüften. »Was du da redest! Mit fünfunddreißig ist ein Mann noch nicht alt. Maria hatte Glück, dass sie überhaupt einer genommen hat, mit ihrem kurzen Bein. Wer will schon eine, die hinkt. Wer weiß, vielleicht humpeln ihre Kinder auch.«

»Du bist boshaft«, fuhr Antonella ihre Schwester an. »Du weißt genau, dass Maria nur hinkt, weil sie als Kind schwer krank war. Und sie ist sehr hübsch.«

Scherzhaft zog sie an Giovannas Zopf. »Du bist noch viel zu jung, um ans Heiraten zu denken. Werde erst mal erwachsen.«

Giovanna schob die Unterlippe vor. »Ich bin kein Kind mehr. Immerhin bin ich schon vierzehn.«

Lächelnd wandte Antonella sich ab und stieg die Treppe hinunter. Ihre Holzpantinen klapperten auf den schmalen Stufen. Aus der Küche drang ein intensiver Duft nach Rosmarin und Knoblauch. Ihre Mutter stand am Tisch und knetete den Teig für das würzige Fladenbrot, das es heute Abend geben würde.

»Guten Morgen, Mamma!«

Rina wandte sich um. »Guten Morgen, Lella. Gehst du die Ziegen melken?«

»Ja.« Sie griff nach ihrem Umhang, der neben der Haustür an einem Haken hing und nahm den Eimer für die Milch. Wenn ihre Mutter doch nur endlich aufhören würde, sie Lella zu nennen. Als kleines Mädchen hatte sie diesen Kosenamen geliebt, doch für eine Frau, die im nächsten Jahr verheiratet sein würde, erschien er ihr nicht passend.

Als sie in den Hof hinaustrat, sprang ihr der große Hund ihres Vaters schwanzwedelnd entgegen. Lachend kraulte Antonella das weiße, gelockte Fell. »Nico, wer hat dich denn von der Kette gelassen?«

Nico setzte sich vor sie, zog die Lefzen zurück und ließ die Zunge heraushängen. Es sah aus, als lächelte er. Das war seine Art, um Futter zu betteln. Sie streichelte ihm kurz über den Kopf. »Ich habe nichts für dich.«

Als hätte er sie verstanden, stand der Hund auf, trottete zurück zu seiner Hütte und legte sich davor. Von dort aus hatte er sowohl die Haustür als auch die Ställe im Blick.

Die Ziegen wurden nachts in einem Gatter hinter dem Haus gehalten. Antonella öffnete das Tor, wich dem Bock aus, der versuchte, den Kopf in den leeren Eimer zu stecken, und band die beiden Mutterziegen an. Während sie molk, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Paolo sähe den Weibern nach, behauptete Teresa. Gerne hätte sie diese Bemerkung als puren Neid abgetan wie Giovanna, aber ein Stachel blieb. Zwar kannte sie ihren Verlobten seit ihrer Kindheit – wie jeden im Dorf, jedoch hatte er sie bis vor einigen Monaten kaum beachtet. Eigentlich wusste sie nicht viel über ihn. Dank seiner wohlhabenden Eltern galt er als gute Partie und niemand hätte erwartet, dass er die Tochter eines Schäfers zur Braut nehmen würde. Nachdem er an Ferragosto fast ausschließlich mit ihr getanzt hatte, hatte er ihr in den folgenden Wochen den Hof gemacht, in allen Ehren natürlich, und vor drei Tagen hatte sein Vater schließlich bei Roberto Battistoni vorgesprochen und für seinen Sohn um ihre Hand gebeten. Antonellas Vater war entzückt gewesen, galt es doch, drei Töchter unter die Haube zu bringen. Sie selbst konnte es noch gar nicht so recht begreifen, dass einer der begehrtesten und reichsten jungen Männer in Cerreto ausgerechnet sie zur Frau nehmen wollte. Er hätte jede im Dorf haben können, aber er hatte sie, Antonella, gewählt. Selbst wenn er früher anderen Frauen nachgeschaut haben mochte, seit Ferragosto war es damit vorbei, dessen war sie sicher.

Das Frühstück bestand aus Ziegenmilch und dem Rest Polenta vom Abend zuvor. Antonellas Vater aß schnell und schweigend. Danach griff er nach seinem Umhang und dem Schäferstab. »Wir gehen mit den Schafen auf die Weiden am Fluss. Heute Abend bin ich wieder hier.«

Antonella wartete, bis er das Haus verlassen hatte, dann wandte sie sich an ihre Mutter. »Die Salas wollen einen Laib von unserem Pecorino, für das Essen nach der Weinlese heute Abend. Ich würde ihn gleich hinbringen und vielleicht auch noch bei der Lese helfen. Die Tiere sind gefüttert und beim Kochen wollte dir Teresa helfen.«

Rina seufzte. »Dein Vater sieht es gar nicht gerne, dass du dich ständig in der Osteria aufhältst. Und gerade jetzt solltest du besonders auf deinen Ruf achten.«

»Wieso gerade jetzt?«

»Wegen Paolos Familie, Kind. Weißt du, wie viele dich um diese gute Partie beneiden? Wenn du dir etwas zuschulden kommen lässt, werden sie es sofort Paolos Mutter zutragen, und du weißt, Isolina legt größten Wert auf Anstand und Sitte.«

Nur mit Mühe unterdrückte Antonella ein Kichern. »Sie vielleicht, aber ihr Mann hockt oft genug in der Osteria und bechert.«

»Eben, und deshalb solltest du nicht dort sein.«

»Aber Mamma, Francesca ist meine beste Freundin. Soll ich sie nun nicht mehr treffen?«

Die Miene ihrer Mutter verriet deutlich, dass sie es genau so gemeint hatte, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein. Natürlich willst du Francesca von deiner Verlobung erzählen. Dann lauf, aber denk daran, dass du rechtzeitig zurück bist.«

Rechtzeitig. Das hieß, bevor ihr Vater mit den Schafen zurückkehrte.

»Und lass dir ein Stück Lardo für den Käse geben.«

»Danke Mamma, du bist die Beste.«

In der Speisekammer wählte sie einen mittelalten Laib Käse, der würzige Geschmack passte gut zu den deftigen Gerichten, die Francescas Mutter Gianna heute Abend auftischen würde.

Barfuß lief sie den schmalen Pfad hinunter, der zur Osteria Sala führte. Was wohl ihre beste Freundin zu ihrer Verlobung mit Paolo sagen würde? Wahrscheinlich wusste sie es schon, solche Nachrichten verbreiteten sich schnell im Ort.

5. Kapitel

Die Osteria lag am Ortsrand an der Straße, die nach La Spezia führte. Da Cerreto etwa in der Mitte des Weges von Modena nach La Spezia lag, übernachteten immer mal wieder Gefolgsleute des Herzogs von Modena, Händler oder auch Carabinieri dort.

Zur Zeit hatten die Salas keine Gäste, trotzdem wurde Antonella von Stimmengewirr und Gelächter empfangen. Nachbarn und Freunde waren gekommen, um bei der Weinlese zu helfen. Der kleine Weinberg der Salas war unterhalb der Osteria in Terrassen angelegt. Am Eingang der Osteria stand Francescas Vater, übergab den Helfern Körbe und Hippen, mit denen die Reben geschnitten wurden, und schickte sie hinunter. »Ah, Antonella«, begrüßte er sie. »Kommst du auch zum Helfen?«

»Ich bringe den Käse für das Essen nachher. Aber ich habe auch ein bisschen Zeit.«

»Ich glaube, Gianna kann jemanden in der Küche gebrauchen. – Guten Tag, Pia«, begrüßte er die nächste Helferin.

Antonella ging durch die Wirtsstube in die Küche. Francescas Mutter Gianna stand an dem großen Herd und schob eine Pfanne zur Seite, um einen Topf auf das Feuer zu stellen.

»Hallo, Antonella, leg den Käse dort drüben zu dem Gemüse.« Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, wies sie mit dem Kinn auf eine Bank am Fenster, auf der sich Tomaten, Mais und Zucchini türmten.

»Es werden immer mehr«, sagte sie nach einem kurzen Blick aus dem Fenster. »So viele Helfer hatten wir noch nie. Sogar aus Nismozza sind welche gekommen.«

»Wahrscheinlich, weil du die beste Köchin weit und breit bist«, gab Antonella zurück. »Ist Francesca draußen?«

»Sie kommt gleich, ich habe sie geschickt, um Petersilie und Basilikum zu holen. Willst du den Knoblauch hacken?« Eigentlich hatte Antonella bei der Lese helfen wollen, doch Giannas Küche und ihre Kochkunst übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus. Seit sie vierzehn Jahre alt war, half sie gemeinsam mit Francesca Gianna beim Kochen, sobald sich die Gelegenheit ergab. Hier hatte sie gelernt, mit Gewürzen umzugehen. Gianna hatte für jedes ihrer Gerichte Gewürze, die ihm ein unverwechselbares Aroma verliehen. »Benützt man alle Gewürze gleichmäßig, wird es langweilig. Alles schmeckt dann gleich«, hatte sie Antonella erklärt. Zum Lamm gehörte Rosmarin, Salbei zum Huhn oder Faraona, und zu Schweinefleisch passte Lorbeer.

Gianna holte ein Stück Lammschulter aus der Marinade, tupfte es ab und legte es in einen großen Topf. Während es anbriet, öffnete sie die Tür zum Backofen und warf einen Blick hinein. Der Duft nach warmer Schokolade stieg aus dem Backofen und mischte sich mit dem Geruch nach Braten und Knoblauch. Antonella blickte ihr über die Schulter. »Cioccolatina! Wie schade, dass ich nicht zum Essen bleiben kann.«

Giannas dunkler Schokoladenkuchen war unübertroffen. Fast schwarz, saftig, intensiv nach Schokolade schmeckend, zerging er auf der Zunge. Das Rezept war ein Familiengeheimnis. Gianna hatte es von ihrer Mutter bekommen und außer an Francesca würde sie es niemandem weitergeben.

Die Tür schlug auf. Francesca stürmte in die Küche. »Hier ist die Petersilie, Mamma. – Antonella! Schön, dass du da bist.«

Ohne das Büschel Petersilie aus der Hand zu legen, zog sie Antonella in ihre Arme und küsste sie auf beide Wangen. »Was hört man von dir? Paolo hat um deine Hand gebeten? Du musst mir alles erzählen.«

»Dazu ist später noch Zeit«, sagte Gianna. »Jetzt muss erst mal jemand die Zwiebeln schälen und schneiden. Und gib mir die Petersilie, bevor du sie zerdrückst.«

»Ach Mamma. Wir haben uns die ganze letzte Woche nicht gesehen.«

Gianna griff nach einer Flasche und goss Rotwein auf den Lammbraten. Dann legte sie einen Zweig Rosmarin dazu, schloss den Deckel und schob den Topf zur Seite. »Was ist nun mit den Zwiebeln?«

»Ja, ich mach’s ja schon.« Francesca verdrehte die Augen.

»Ich schäle und du schneidest«, bot Antonella an. »Dabei können wir reden.« Sie holte die Zwiebeln aus einem Korb unter der Bank und legte sie auf den Tisch am Fenster.

»Ich habe dir doch gleich gesagt, es ist etwas Ernstes mit dir und Paolo. Seit Ferragosto hatte er nur noch Augen für dich.« Francesca senkte die Stimme. »Und du? Freust du dich?«

»Ja, sehr.« Antonella reichte Francesca eine geschälte Zwiebel und griff nach der nächsten. »Es kommt trotzdem unerwartet. Paolo – ich weiß nicht viel über ihn, er hat mich früher nie beachtet. Ich dachte immer, er würde einmal Fiametta heiraten.«

»Ich glaube, er hat mit Fiametta nur getändelt. Sie ist hübsch, aber ziemlich zänkisch.«

Schniefend tupfte sich Francesca mit ihrer Schürze die Augen. »Verfluchte Zwiebeln. Deshalb mache ich das nicht gerne. Nachher werde ich aussehen wie ein Karnickel.«

Antonella blickte auf. Waren es wirklich nur die Zwiebeln? Seit ihrer Kindheit war sie mit Francesca befreundet. Sie hatten Pläne geschmiedet, dass sie die Osteria gemeinsam betreiben würden, wenn Francescas Eltern zu alt dafür geworden waren. Antonella würde kochen und Francesca die Gäste bedienen. Pläne, von denen Antonella ihren Eltern nie erzählt hatte. Wie viele Männer im Dorf hielt sich ihr Vater gerne in der Osteria auf, doch seine Tochter wollte er dort nicht sehen. »Bist du traurig, dass ich nun doch nicht als Köchin hier arbeiten werde, wenn deine Eltern zu alt sind?«

»Ach Antonella, was wir uns so ausgemalt haben. Das waren Träume. Meine Eltern sind noch lange nicht alt. Das kam uns nur so vor, als wir vierzehn waren. Bis sie sich zur Ruhe setzen, vergehen bestimmt noch zwanzig Jahre. Dann sind wir so alt wie sie jetzt. Willst du wirklich eine alte Jungfer werden und dein Leben lang am Herd stehen? Nein. Heirate du deinen Paolo. Du wirst Kinder bekommen und glücklich sein.«

»Und du?«

Francesca zuckte die Schultern. »Ich werde hierbleiben und Mamma helfen. Und vielleicht findet sich auch jemand, der mich nimmt, auch wenn ich nicht besonders hübsch bin. Immerhin kann ich kochen und weiß, wie man Wein macht.« Erneut wischte sie sich über die Augen, doch sie kicherte dabei. »Dann muss mein Zukünftiger wenigstens nicht in die Osteria, um zu zechen.«

»Wer behauptet, du seist nicht hübsch! So helles Haar wie deines gibt es kein zweites Mal in Cerreto. Es leuchtet in der Sonne.«

»Danke, Liebes. Aber meine Haare sind das einzige Schöne an mir. Ich bin zu groß und zu kräftig für eine Frau. Ich bin größer als die meisten Männer im Ort.«

Das stimmte. Francescas Vater war außergewöhnlich groß und kräftig und hatte das an seine Tochter vererbt.

»Ich finde dich schön!«, widersprach Antonella entschieden. »Und der Mann, der dich mal bekommt, kann sich glücklich schätzen.«

Nachdem die Zwiebeln geschnitten waren, hackte Antonella noch die Petersilie, dann scheuchte Gianna beide Mädchen aus der Küche. »Ich brauche erst wieder Hilfe, wenn der Bäcker das Brot bringt. Dann muss jemand die Crostinis vorbereiten.«

Antonella folgte Francesca durch den Garten in den Weinberg. Das Wetter war ideal für die Lese. Anfang der Woche hatte es geregnet, seit drei Tagen schien die Sonne. Unter ihren nackten Füßen war die Erde angenehm warm. Die unteren Terrassen waren schon abgeerntet, Korb um Korb wurde in den Keller der Osteria gebracht, wo die Trauben am nächsten Tag eingemaischt werden würden. Francescas Vater wirkte ausgesprochen zufrieden, die Ernte schien gut zu sein.

Antonella und Francesca arbeiteten nebeneinander. Ohne viel zu reden, schnitten sie die Trauben von den Stöcken, achteten darauf, angeschimmelte Früchte auszusortieren.

Am späten Nachmittag verabschiedete sich Antonella von Gianna und Francesca. Gianna packte ein Stück Lardo in das Tuch, das Antonella mitgebracht hatte. Auch das Rezept für den zartschmelzenden würzigen Speck war eines von Giannas Geheimnissen. Ihre Familie stammte aus Colonnata in der Nähe von Carrara. Dort wurde der Speck mit Salz und Kräutern eingerieben und anschließend in Marmortröge eingelagert, wo er sechs Monate reifte. Giannas Mutter hatte einen solchen Marmortrog mitgebracht, als sie ihrem Mann nach Cerreto gefolgt war.

Francesca begleitete Antonella vor die Tür. »Kommst du morgen zum Einmaischen? Wir könnten noch ein Paar saubere Füße gebrauchen.«

Antonella zögerte. Das Stampfen der Trauben mit den bloßen Füßen gehörte zu den Arbeiten, bei denen sie immer gerne geholfen hatte. »Ich weiß es nicht. Ich würd schon, aber …«

»… aber dein Vater sieht es nicht gerne. Ich weiß«, beendete Francesca den Satz.

Antonella seufzte. »Vor allem jetzt, wo ich verlobt bin. Ich soll auf meinen Ruf achten. Dabei hätte Paolo vielleicht gar nichts dagegen, wenn ich euch helfe.«

Ein Ruf von der Straße unterbrach sie. »Ciao, Francesca.«

Maurizio, der Sohn des Bäckers, kam mit drei langen Broten unter dem Arm den Weg hinuntergehastet.

»Tut mir leid, dass ich so spät komme.«

Er nickte Antonella kurz zu und strahlte Francesca an. »Ich bringe eure Brote.«

Das war offensichtlich. Antonella unterdrückte ein Lachen, doch Francescas Wangen färbten sich rosa. »Oh ja. Danke. Ich bringe sie rein.«

Sie griff nach den Broten, doch Maurizio ließ sie nicht los. »Nein, ich trage sie für dich rein.«

»Aber das ist doch nicht nötig.«

So standen sie einen Moment voreinander, Francesca zog an einem Brot, Maurizio hielt es fest.

»Ich – ich wollte sowieso reinkommen, ich habe noch etwas Zeit und könnte helfen«, stammelte er und sein breites, gutmütiges Gesicht nahm die Farbe einer reifen Tomate an.

Verblüfft blickte Antonella von ihrer Freundin zu dem Bäckersohn. Was ging da vor? Francesca bemerkte ihren Blick und ließ sichtlich verlegen die Hände sinken. »Ja, dann …«

Maurizio hastete an ihr vorbei ins Haus.

Lächelnd sah Antonella ihm nach. »Francesca, ich glaube, du hast einen Verehrer.«

»Was?«, kicherte Francesca. Inzwischen waren nicht nur ihre Wangen, sondern auch ihre Ohren dunkelrosa. »Nein, das glaube ich nicht. Er ist einfach nur höflich.«

»Maurizio höflich? Normalerweise legt der den Leuten das Brot vor die Haustür oder drückt es ihnen auf der Straße in die Hand. Und ich habe noch nicht erlebt, dass er freiwillig mehr als drei Worte spricht.«

»Er ist eben sehr schüchtern.«

»Richtig. Und gerade hat er seine Schüchternheit überwunden und dir wie ein galanter Herr das Brot ins Haus getragen. Und bei der Lese helfen will er auch.«

»Vielleicht wegen einem der Mädchen dort …« Francesca wies mit dem Kinn in Richtung des Weinbergs.

Antonella unterdrückte ein Lachen. »Bestimmt wegen einem der Mädchen. Wegen dir! Lauf in die Küche und biete ihm was zu trinken an. Und dann zeigst du ihm, wie man die Reben schneidet.«

Zwischen Francescas Brauen bildete sich eine Falte. »Glaubst du wirklich, er mag mich?«

»Magst du ihn?«

»Ich finde ihn sehr nett. Ich mag es, dass er nicht so freche Sprüche macht wie die anderen jungen Burschen. Bei denen weiß ich nie, was ich sagen soll.« Wie schön ihre Freundin plötzlich war. Die rosa Wangen und das zaghafte Lächeln verliehen ihrem sonst eher farblosen Gesicht einen ganz besonderen Reiz. Antonella umarmte sie. »Dann geh schnell rein. Wir sehen uns. Ciao!«

Auf dem Heimweg begegnete ihr Paolo, der sein Maultier am Zügel führte.

»Antonella! Schön, dass ich dich treffe. Ich bringe Mehl zu den Attolini.« Er deutete auf den Sack, den das Maultier trug. »Willst du mich begleiten?«

Antonella schüttelte den Kopf. »Ich muss nach Hause, Mamma wartet schon auf mich.«

»Schade.« Er blickte sich um, dann beugte er sich zu ihr. »Ich muss mit dir reden – allein«, sagte er leise. »Komm morgen früh nach dem Melken zu der großen Kastanie hinter den Ställen.«

Bevor sie antworten konnte, ging er schon weiter.

Ein wenig unwohl war ihr schon zumute, als sie am nächsten Morgen das Gatter bei den Ziegen schloss und mit dem Eimer in der Hand zu der Kastanie ging. Bisher hatte sie Paolo entweder auf dem Dorfplatz oder in ihrem Haus getroffen, aber niemals waren sie allein gewesen. Was er ihr wohl sagen wollte?

Sie entdeckte ihn im Schatten des Kastanienbaums und winkte ihm zu. »Hallo, Paolo.«

Schnell trat er auf sie zu und legte den Finger auf ihre Lippen. »Leise.« Er nahm ihr den Eimer mit der Milch aus der Hand, stellte ihn ab und zog sie hinter den Baum. »Mein Vater will, dass ich diesen Winter wieder mit den Schäfern in die Maremma gehe«, stieß er hervor.

Verwundert sah sie ihn an. Zwar war Paolo der Sohn des Müllers, doch auch der Müller besaß Schafe. Und im Winter gab es in der Mühle nicht viel zu tun, warum sollte er nicht mit den Hirten gehen.

»Wir wären sechs Monate getrennt«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage.

»Ja, aber …« Ihr fehlten die Worte. Das war nun mal der Lauf der Dinge in den Bergen.

»Aber wir heiraten doch ohnehin erst im Mai«, beendete sie ihren Satz.

»Und wie soll ich es bis Mai ohne dich aushalten?« Er drängte sie gegen den Stamm der Kastanie und presste seine Lippen auf ihre. Antonella erstarrte.

An Ferragosto hatte er ihr Haar gestreichelt und sie zart auf den Mund geküsst, später manchmal heimlich ihre Hand gehalten, wenn sie auf der Bank neben der Haustür gesessen hatten. Doch jetzt schob er ihr die Zunge in den Mund und streichelte nicht ihr Haar, sondern griff nach ihren Brüsten. Wie jedes Landmädchen wusste sie über Fortpflanzung Bescheid, trotzdem erschreckte sie die rohe Berührung. Sie stemmte die Hände gegen seine Brust und drehte den Kopf weg. »Was machst du da?«

Er ließ sie sofort los. »Was denn, hat dich noch nie einer richtig geküsst?« Staunen lag in seiner Stimme, stand in seinen Augen.

Empört sah sie ihn an. »Natürlich nicht. Was denkst du von mir? Dass ich eine bin, die man hinter den Büschen flachlegen kann?«

Paolo lächelte. »Nein, ich weiß doch, dass du ein anständiges Mädchen bist, aber wir sind verlobt. Ein bisschen Küssen und Kosen wird doch wohl erlaubt sein.«

Er zog sie wieder an sich, seine Lippen näherten sich den ihren. Sie schimmerten feucht. Heftig stieß sie ihn von sich, tauchte unter seinem Arm weg und rannte den Pfad hinauf zu ihrem Haus. Auf halbem Weg fiel ihr ein, dass der Eimer mit der Milch noch an der Kastanie stand. Sie hielt inne, stemmte die Hände auf die Hüften und wartete, bis ihr Atem ruhiger wurde. Dann ging sie langsam zurück. Hoffentlich war er schon fort. Wieder fühlte sie seine Zunge in ihrem Mund. Unter den süßen Küssen, die in so vielen Liedern besungen wurden, hatte sie sich etwas anderes vorgestellt.

Er kam ihr entgegen, den Eimer mit der Milch in der Hand. Sein braunes Haar schimmerte in der Morgensonne, und als er sie anlächelte, zeigten sich auf seinen Wangen die Grübchen, die sie so mochte.

»Cara, Liebste, ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist so süß und so hübsch, da hat es mich hingerissen, ich musste dich einfach küssen. Du bist mir doch nicht böse, oder?«

Nein, böse war sie nicht. Eher verwirrt und unsicher. Sie erinnerte sich an die Tuscheleien der älteren Mädchen. Wie begeistert sie von heimlichen Küssen mit ihren Liebsten erzählten. Sie dachte an die Lieder. Wenn alle es schön fanden, warum gefiel es ihr dann nicht? Vielleicht stimmte mit ihr etwas nicht?

Sie wollte nach dem Eimer greifen, doch er schüttelte den Kopf. »Ich trage ihn für dich.«

Schweigend gingen sie den Weg bis zu ihrem Haus. Die Tür stand offen, ihre Mutter fegte gerade den Flur.

»Paolo, wie schön dich zu sehen. Komm doch rein, möchtest du einen Becher Milch?«

Paolo neigte höflich den Kopf. »Sehr gerne, Signora Rina. Ich habe den Notaris ihr Mehl gebracht und auf dem Heimweg Ihre schöne Tochter getroffen.« Er zwinkerte Antonella zu und folgte den beiden Frauen in die Küche, wo Teresa den großen Esstisch scheuerte. Sie sah auf. »Na, das nenne ich aber einen Zufall. Ich dachte, der kürzeste Weg von den Notaris zur Mühle führt am Fluss entlang.«

Antonella warf ihr einen flehenden Blick zu. Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie sich heimlich mit einem Mann traf, selbst wenn es ihr Verlobter war, würde sie ihr eine Gardinenpredigt über Moral und Anstand halten und sie zur Beichte schicken.

»Um die Wahrheit zu sagen, ich habe einen Umweg gemacht, weil ich hier vorbeischauen wollte. Ich hatte Sehnsucht nach meiner Braut.«

Wie gewandt er lügt, dachte Antonella. Er wird noch nicht einmal rot dabei.

Teresa lächelte nur spöttisch und beugte sich wieder über den Tisch, doch Giovanna sah ihn mit leuchtenden Augen an. »Wie romantisch.«

Er trat zu ihr und strich ihr übers Haar. »Schade, dass ich keinen Bruder habe, der das zweitschönste Mädchen von Cerreto heiraten kann.«

Vom Tisch her klang ein dumpfes Grunzen, das in einen Hustenanfall überging.

»Hast du dich erkältet, Teresa?«, fragte Antonella bissig.

Das Gesicht ihrer Schwester glich einer reifen Tomate, sie schnappte nach Luft.

»Nein, nein, ich habe mich nur an zu viel Süße verschluckt.«

6. Kapitel

Mit dem Korb am Arm wanderte Antonella durch den Wald, den Blick auf den Boden geheftet. Trockenes Laub raschelte um ihre nackten Füße, einzelne Sonnenstrahlen fielen durch die Wolken und zeichneten helle Flecken auf den Waldboden. Giovanna suchte sich ihren Weg in einigem Abstand von ihr. Bisher hatten sie nur wenige Steinpilze gefunden, doch sie kannten noch einige versteckte Stellen.

»Antonella, warte!« Giovanna blieb stehen und blickte sich nervös um.

»Was ist denn? Hast du etwas gehört?«

Es gab Wölfe in den Wäldern, doch um diese Jahreszeit hielten sie sich von den Menschen fern. Erst im Winter trieb der Hunger sie in die Nähe der Dörfer.

»Wir sind viel zu weit gegangen«, sagte Giovanna. »Da vorne ist schon der Weg nach Nismozza, du weißt, Mamma hat gesagt, wir sollen nicht allein dorthin gehen. Wegen der adligen Herrschaften dort. Die Manenti.«

»Ach, komm schon. Nur noch ein kleines Stück. Die paar Pilze lohnen das Trocknen nicht. Im Winter bist du froh, wenn du noch etwas anderes zu essen bekommst als Kastanienpolenta. Und die Herren Manenti gehen bestimmt nicht in die Wälder, um dort nach Mädchen zu suchen. Die vergnügen sich mit ihren Dienstmägden.«

Giovanna schauderte. »Anna Galassi war keine Dienstmagd bei den Manentis. Und doch heißt es, ihr Kind sei von einem der Herren dort.«

»Geschwätz. Niemand weiß, wer der Vater von Annas Kind ist.«

In Cerreto hatte man sich die Mäuler zerrissen, als Anna vor zwei Jahren ein Kind bekommen hatte. Sie hatte ihre Schwangerschaft so lange verborgen wie nur möglich, und auf die Frage nach dem Vater hatte sie immer nur den Kopf geschüttelt. Noch nicht einmal die ernsthafte Ermahnung des Priesters, Don Vincenzo, sie würde ihre unsterbliche Seele in Gefahr bringen, hatte sie zum Reden gebracht.

Die meisten im Dorf vertraten die Ansicht, Anna wüsste selbst nicht, wer der Vater ihres Kindes sei, so viele Liebhaber hätte sie gehabt.

Hufschläge schreckten die Mädchen auf. Giovanna lief zu Antonella hinüber und packte sie am Arm. »Da!« Sie deutete auf den Reiter, der den Weg entlanggetrabt kam. »Noch hat er uns nicht gesehen. Wir sollten uns verstecken.«

Vielleicht hatte sie recht. Es musste ein Fremder sein. In Cerreto besaß niemand ein Pferd. Pferde waren zu teuer im Unterhalt. Wer es sich leisten konnte, hielt ein Maultier. Sie waren genügsamer und in den Bergen trittsicherer als Pferde und taugten zum Lasten tragen.

Entweder der Reiter kam aus Modena, oder er war tatsächlich einer der Manentis aus Nismozza. Von beiden war nichts Gutes zu erwarten.

»Er trägt Uniform«, flüsterte Giovanna.

Tatsächlich. Der Mann trug eine dunkelblaue Uniform und einen Helm mit blaurotem Federbusch. Ein Carabiniere. Was wollte er hier? Mit angehaltenem Atem beobachteten die Mädchen, wie er näher kam. Als sie sein Gesicht erkennen konnte, lachte Antonella laut auf.

»Das ist Tommaso. Teresas Tommaso.«

Er musste ihr Lachen gehört haben, denn er zügelte sein Pferd und spähte in den Wald.

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