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Die The-Point-Trilogie

Jay Crownover

The Point — Entfesselte Sehnsucht

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Tess Martin

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

VORWORT

Viele Leute denken, ich schreibe über den Inbegriff des Bad Boy. Es stimmt, die Männer in meinen Romanen haben meist eine große Klappe, sind ganz schöne Angeber und meistens an interessanten Stellen tätowiert, aber deswegen finde ich sie noch lange nicht schlecht. Es sind Männer, die so leben, wie es ihnen passt, die sich in ihrer Haut wohlfühlen und keine Angst haben, ihre eigenen Regeln aufzustellen. Ich finde, ich schreibe über interessante Jungs. image

Dies vorausgeschickt, ging es mir diesmal nicht nur darum, über einen Bad Boy zu schreiben, sondern über einen Jungen, der böse ist … und zwar richtig böse. Über einen Antihelden, der ständig in Schwierigkeiten steckt, jede Menge Probleme hat, über einen Mann, der stolz auf seine Herkunft und auf sich selbst ist, der hinter den Entscheidungen steht, die er nun mal treffen musste … Ich konnte einfach nicht genug davon bekommen. Außerdem überlegte ich, was für eine Frau sich wohl in einen solchen Typen verlieben würde.

Auftritt Shane Baxter. Er ist ein Kerl, den man nur schwer lieben und in den man sich kaum hineinversetzen kann, der ganz und gar TOUGH ist. Ich wollte herausfinden, ob ich um einen solchen … nun, verdorbenen Charakter herum eine bittersüße Liebesgeschichte spinnen könnte. Ich hoffe sehr, dass es mir gelungen ist … Ich jedenfalls habe Bax am Ende dieser Reise geliebt, auch wenn ich ein bis fünf Minuten brauchte, um es so weit zu schaffen.

Die Welcome-to-the-Point-Serie spielt in einem fiktiven Stadtteil, den ich „The Point“ genannt habe. Dahinter steckt die Idee, dass sie in jeder Stadt spielen könnte, in jedem rauen Viertel, in jeder heruntergekommenen Nachbarschaft, die der Leser sich vorstellen kann. Der Schauplatz ist schlicht und ergreifend das, was wir „auf der falschen Seite der Stadt“ nennen. Diese Serie ist düsterer, ein wenig härter und viel ungewöhnlicher als meine Marked-Men-Serie.

Viel Spaß!

Jay

1. KAPITEL

Bax

Es gibt nur wenige Dinge, die einem den Spaß nach dem Sex in Sekundenschnelle verderben. Ein Schlag an die Schläfe, und zwar mit etwas, das sich wie ein Schlagring anfühlte, steht sicher ganz oben auf der Liste. In meinen Ohren begann es zu rauschen, als mein Kopf von der Wucht des Treffers zur Seite flog. Ich hätte ja reagiert, aber ein Aufwärtshaken riss mein Kinn hoch, und mein Schädel knallte hart gegen die Backsteinwand hinter mir. Ich sah Sterne und schmeckte Blut. Diese Typen waren eindeutig nicht auf einen fairen Kampf aus, und sobald ich wieder klarer denken konnte, würde ich ihnen die Hölle heißmachen. Ich spuckte Blut und nahm die Zigarette, die mir der für die Prügel verantwortliche Typ reichte.

„Lange nicht gesehen, Bax.“

Ich betastete mit einer Hand meinen Kiefer, um zu prüfen, ob er gebrochen war. Nichts ruinierte einem die sanfte Postorgasmus-Stimmung mehr als ein Haufen planloser Idioten und die Befürchtung, ein paar Zähne zu verlieren.

„Wie habt ihr mich gefunden?“ Ich stieß den Rauch aus und lehnte mich an die Wand des Mietshauses, aus dem ich gerade gekommen war. Der kupferartige Geschmack von Blut lag scharf auf meiner Zunge. Ich achtete darauf, dass das Blut diesmal direkt auf den Budapestern meines Angreifers landete, als ich erneut ausspuckte.

„Fünf Jahre ohne Sex sind eine lange Zeit für einen Mann.“ Er zog die Augenbrauen hoch und öffnete und schloss die Hände, mit denen er weitaus Schlimmeres anstellen konnte, als ein paar Kinnhaken auszuteilen. „Keine Pussy, kein Alkohol, kein Koks, keine schnellen Autos und niemanden, den es einen Dreck interessiert, wer du bist, Bax. Ich wusste, dass du nach der Entlassung zuerst an deinen Schwanz denkst. Ich habe Roxie gesagt, sie soll mich anrufen, wenn du bei ihr auftauchst.“

Er irrte sich. Als Erstes hatte ich an mein Auto gedacht. Gut, mit dem war ich dann sofort zu Roxie gefahren, bei der ich todsicher auf meine Kosten kommen würde, doch dennoch waren mir schnelle Wagen wichtiger als Pussys.

„Also hast du es dir nicht nehmen lassen, mir meine Willkommensparty zu versauen.“

„So wie ich Roxie kenne, und ich kenne sie gut, kannst du dich nicht beklagen.“

Die aufgedrehte Meute um ihn herum begann zu lachen, während ich nur die Augen verdrehte. Es gab natürlich einen Grund, warum ich, obwohl die letzten fünf Jahre außer Gefecht gesetzt, bei Roxie todsicher auf meine Kosten kam – und nicht nur ich.

„Ich bin nicht meinetwegen hier. Novak will dich sehen.“

Novak. Allein die Erwähnung des Namens ließ einen normalen Menschen vor Angst erzittern. Meistens wurde er im Zusammenhang mit Mord, schwerer Körperverletzung oder ähnlichen Delikten genannt. Er war unbarmherzig. Er war kaltblütig. Er war unantastbar, eine Legende in The Point und über die Grenzen hinaus. In den dunklen Straßen und Hintergassen war er der König. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Niemand machte sich einfach aus dem Staub. Niemand wagte, ihm die Stirn zu bieten … niemand außer mir. Ich wollte Novak ebenfalls treffen, aber unter meinen Bedingungen.

Ich drückte die Zigarette auf der Sohle einer meiner schweren schwarzen Stiefel aus. Jetzt war ich um einiges kräftiger als damals, als ich verhaftet wurde, und fragte mich, ob das den Typen aufgefallen war. Ein Leben mit zu viel Alkohol, Drogen und leichten Mädchen diente nicht gerade der Gesundheit – egal, wie jung und fit man war. Wenn einem all das mit einem Schlag weggenommen wurde, veränderte man sich nicht nur mental, sondern auch körperlich, ob es einem passte oder nicht.

„Ich will Novak nicht treffen.“ Zumindest nicht jetzt. Endlich hörten meine Ohren auf zu klingeln, nur die hämmernden Kopfschmerzen blieben. Nachdem die Kerle nicht länger das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten, würde es ganz schnell blutig und hässlich werden, falls sie die Sache weiterverfolgten. Das kümmerte mich nicht, obwohl ich wusste, dass sie höchstwahrscheinlich bewaffnet waren.

Der, der mir die Schläge verpasst hatte, starrte mich bloß an, während ich zurückstarrte. Ich war kein verängstigter Junge mehr, der irgendwo dazugehören wollte … der Gestalten wie sie unbedingt beeindrucken wollte. Fünf Jahre seines Lebens für einen Haufen Abschaum zu opfern hinterließ eben Spuren. Das hätte Novak eigentlich klar sein müssen.

„Race ist verschwunden.“

Nun, das erzielte die erwünschte Wirkung. Ich versteifte mich und kniff die Augen zusammen. Danach stieß ich mich von der Wand des Mietshauses ab und strich mir grob über das kurz rasierte Haar. Im Knast Haare zu haben ist eine schlechte Idee. Trotz der schlimmen Narbe, die sich über eine Seite meines Schädels zog, hatte ich nicht vor, meine rabenschwarzen Locken wieder wachsen zu lassen. In meiner Branche war geringer Pflegeaufwand wichtig – nun, in meiner ehemaligen Branche –, doch über dieses Thema wollte ich im Moment nicht nachdenken. Oder überhaupt jemals.

„Was soll das heißen, er ist verschwunden? Im Sinne von er ist verreist oder im Sinne von Novak hat ihn verschwinden lassen?“ Wäre nicht das erste Mal, dass Novak ein Problem mit einer Kugel zwischen die Augen löste.

Der Typ verlagerte sein Gewicht, aber ich war mit meiner Geduld am Ende, warf mich nach vorn und packte ihn am Kragen seines schicken Button-up-Hemdes. Ich war keine achtzehn mehr und auch nicht mehr dürr, und ich sah Angst in seinem Blick aufflackern, als ich ihn buchstäblich hochhob, bis er auf den Zehenspitzen stand, und ihm ins Gesicht schauen konnte. Ich hörte, wie der Abzug einer Waffe gespannt wurde, doch ich ließ ihn nicht aus den Augen. Er umklammerte Halt suchend meine Handgelenke.

„Antworte, Benny. Was soll das heißen, Race ist verschwunden?“

Race Hartman war überwiegend ein guter Kerl. Zu gut und zu klug für so ein Leben. Er hätte sich niemals auf Novak einlassen dürfen, hätte niemals zusammen mit mir in dieser Nacht unterwegs sein dürfen, als alles den Bach runterging. Ich hatte bereitwillig fünf Jahre geopfert, um Race aus den Fängen eines Arschlochs wie Novak zu befreien. Falls der Idiot meinem Rat nicht gefolgt und nicht abgehauen war, während ich in Handschellen gelegt wurde, würde ich die ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen.

Benny versuchte, mir mit seinen weibischen Budapestern gegen das Schienbein zu treten, und ich stieß ihn von mir. Danach warf ich Schläger Nummer eins, der eine Waffe auf mich richtete, einen finsteren Blick zu und zeigte ihm den Stinkefinger.

„Bax …“ Seufzend strich sich Benny das Hemd dort glatt, wo ich ihn zuvor gepackt hatte. „Race ist in dem Moment untergetaucht, in dem du eingefahren bist. Niemand hat was von ihm gehört; er war wie vom Erdboden verschluckt. Keins der Mädchen hat ihn gesehen. Novak hat nach ihm suchen lassen, für den Fall, dass der Mist, den ihr beide verzapft habt, uns am Arsch packt, aber nix. Letzte Woche, als es hieß, dass du rauskommst, tauchte er plötzlich auf. Er kam an, hat irgendwelche Drohungen von sich gegeben und Novak gesagt, was für ein Scheiß es sei, dass du für diese Sache eingebuchtet worden warst. Ich dachte, er hätte vielleicht ’ne Todessehnsucht, doch dann … puff, nachdem er ins Wespennest gestochen hatte, war er wieder weg. Und jetzt erklär mir mal, warum ein cleverer Typ wie Race so was machen sollte?“

Das wusste ich nicht, und es gefiel mir ganz und gar nicht. Außer Race Hartman hatte ich keine Freunde auf dieser Welt, niemanden, dem ich vertraute. „Richte Novak aus, er soll sich zurückhalten. Ich werde schauen, was ich tun kann, um ihn aufzuspüren, aber falls Novak irgendwas mit Races Verschwinden zu tun hat, wird er es bereuen.“

„Ziemlich mutig, Drohungen auszustoßen, wenn man noch nicht mal vierundzwanzig Stunden aus dem Knast raus ist.“

Ich schnaubte und lief an Benny vorbei, als wollte ich keine Sekunde mehr mit ihm verschwenden, was tatsächlich der Fall war.

„Fünf Jahre ohne Sex sind eine lange Zeit. Und auch eine lange Zeit, um richtig viel Wut aufzustauen und verdammt noch mal erwachsen zu werden. Du kennst mich nicht, Benny. Novak kennt mich nicht. Meinetwegen kann er eine ganze Armee aufmarschieren lassen. Wenn er was mit Races Verschwinden zu tun hat, wird er dafür bezahlen. Dafür sorge ich. Richte Roxie meinen Dank dafür aus, dass sie mich verpfiffen hat.“

„Man kriegt, wofür man bezahlt.“

Mir war nicht klar, ob das ein Hieb gegen mich oder gegen Roxie sein sollte.

„Ich habe keine Ahnung, wie das bei dir und deinen hässlichen Kumpels ist, doch ich habe in meinem ganzen Leben noch nie dafür bezahlen müssen.“

Ich bemerkte, wie er die Stirn runzelte, und nutzte diesen Moment, um vorzustürzen und den härtesten Teil meines Kopfes voll auf seine Nase zu schmettern. Ich hörte ein befriedigendes Knirschen und einen Schmerzensschrei. Seine Freunde eilten zu ihm, damit er nicht auf der schmutzigen Straße in die Knie ging. Ich schüttelte mich kurz, damit ich wieder klar sehen konnte. Meine Kopfschmerzen waren dadurch auch nicht gerade besser geworden. Ich trat um meinen jammernden und blutenden Gegner herum. Während ich die Gasse hinunterschritt, rief ich ihm über die Schulter zu: „Du solltest mich nicht unterschätzen, Benny. Das war immer schon dein Problem.“

Mein Name ist Shane Baxter, meist Bax genannt, und ich bin ein Krimineller.

Hast du ein Mädchen? Ich werde es dir wegschnappen. Hast du eine hübsche Karre? Ich klaue sie dir. Besitzt du teuren elektronischen Kram, von dem du denkst, er sei sicher? Ich werde ihn dir wegnehmen, weil du ihn wahrscheinlich sowieso nicht brauchst. Alles, was nicht niet- und nagelfest oder an dich gekettet ist, wird meins.

Das war das Einzige, was ich wirklich gut konnte. Mir Dinge unter den Nagel zu reißen, die mir nicht gehörten, war zu meiner zweiten Natur geworden; nun, das und mich in die schlimmsten Schwierigkeiten zu bringen. Ich war erst dreiundzwanzig und direkt nach meinem achtzehnten Geburtstag für fünf Jahre in den Knast gewandert. Wobei ich natürlich auch schon vorher mit dem Gesetz in Konflikt geraten und erwischt worden war. Zwar war ich kein Meister darin, gute Entscheidungen zu treffen oder ein anständiges Leben zu führen, doch ich kannte meine Stärken, und an die hielt ich mich. Und ich sorgte für mich selbst. Koste es, was es wolle.

Es gab zwei Menschen, die mir wichtig waren: meine Mom und Race. Einmal waren es drei gewesen, doch der dritte hatte mich viel zu oft hängen lassen, und ich hatte mir geschworen, ihn fertigzumachen, sobald sich die Gelegenheit bot. Meine Mom war leidgeprüft und stur, der einzige Mensch, der zu mir hielt, als ich ins Gefängnis wanderte. Sie hatte einen schrecklichen Geschmack, was Männer betraf, die schlechte Angewohnheit, mehr zu trinken, als ihr guttat, und Schwierigkeiten, einen Job zu behalten. Sie war völlig fertig, obwohl ich ihr jede Menge Rettungsleinen zugeworfen hatte.

Ich habe schon Sachen geklaut, bevor ich überhaupt kapierte, was ich da machte, weil ich es satthatte, nichts zu besitzen. Als ich älter und besser darin wurde, tat ich es, um die Rechnungen zu bezahlen und damit wir ein Dach über dem Kopf hatten. Meine Mom hatte mich nie verurteilt, mich nie im Stich gelassen, und sie war der einzige Mensch auf der Welt, der sich über meine Entlassung aus dem Knast tatsächlich freute.

Race und ich waren so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen konnte. Er hatte einen Schulabschluss und Computerkenntnisse und stammte aus einer Familie, die über alle wichtigen Beziehungen und die richtige Herkunft verfügte. Er konnte mit Worten umgehen und war charmant, immer angezogen, als wäre er auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch, er war geduldig und vernünftig. Er war wie eine warme Sommerbrise in meinem Schneesturm der Zerstörung. Ich hatte nicht mal die Highschool abgeschlossen, konnte kaum einen vollständigen Satz lesen, hatte außer Mom keine Familie und war genau das, wonach ich aussah: ein kleiner Schläger. Selbst vor der schweren Zeit im Knast war ich muskulös gewesen, ein kräftiger Typ, mit dem sich niemand anlegen wollte. Niemand außer Race.

Ich hatte eines Nachts, als wir beide Teenager waren, probiert, sein Auto zu klauen. Er fuhr einen hübschen Roush Mustang, eine sogar noch hübschere Blondine saß auf dem Beifahrersitz. Ich hatte keine Ahnung, was er in diesem gefährlichen Stadtteil zu suchen hatte, allerdings konnte ich eine solche Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Kurzerhand hielt ich ihm ein Messer an die Kehle, zerrte ihn vom Sitz und wollte mir seinen Wagen unter den Nagel reißen. Nur war Race überhaupt nicht scharf darauf, ihn mir einfach so zu überlassen. Ich weiß bis heute nicht, ob es ihm um das Mädchen oder um die Karre ging, doch wie auch immer, wir prügelten uns gegenseitig die Scheiße aus dem Leib. Ich brach ihm ein Handgelenk, er mir ein paar Rippen, und er schlug mir zudem zwei Schneidezähne aus. Es war ein mörderischer und langer Kampf, und am Ende waren wir Blutsbrüder.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus erhielt ich den Sitz der Blondine und hatte einen neuen Bruder. Nie war ich in seinem schicken Haus in „The Hill“ gewesen, nie hatte ich seinen guten Namen in seiner noblen Privatschule beschmutzt. Er setzte nie einen Fuß ins Getto und kriegte auch nie einen der dem Alkohol geschuldeten Wutausbrüche meiner Mom mit. Als ich anfing, regelmäßig für Novak Luxuskarren zu klauen, und mit den Computersystemen in den Autos nicht zurechtkam, die irgendwas im sechs- und siebenstelligen Bereich kosteten, war er der Einzige, dem ich vertraute. Wir ließen es uns gut gehen, hatten jede Menge heiße Mädchen und feierten Partys mit dem ganzen Kram, von dem Kids in unserem Alter noch gar nichts wissen sollten. Ich bereute es jeden Tag, ihn jemals um Hilfe gebeten und damit auf mein Niveau hinuntergezogen zu haben. Fünf Jahre waren eine verdammt lange Zeit, um an einer Entschuldigung zu stricken. Eine genauso lange Zeit, um auf die Entschuldigung zu warten, die er mir schuldete und die, wenn ich sie hörte, hoffentlich nicht dazu führte, dass ich meinen besten Freund mit eigenen Händen erwürgte. Wir beide hatten ein paar schwerwiegende Fehler gemacht, für die wir büßen mussten.

Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Als ich in den Bau wanderte, hatte er sich gerade auf einer Eliteuni im Osten eingeschrieben. Ich hatte keine Ahnung, ob er jemals dort angekommen war. Zwar war ich aus diesem Grund freiwillig in den Knast gegangen, doch im Leben gab es nun mal keine Garantien. Diese Lektion hatte ich auf die harte Weise lernen müssen.

Ich nahm eine Zigarette aus der Packung, die ich Roxie abgeknöpft hatte, und holte das kurz zuvor auf dem Weg zu meinem Auto gekaufte Prepaid-Handy heraus. Ich lief um den Block herum zu dem Parkplatz, auf dem ich diese Schönheit abgestellt hatte, gut geschützt vor neugierigen Blicken und Langfingern. Ich wusste, auf welche Autos Diebe aus waren und welche sie für sich selbst haben wollten. Beides traf auf meinen Plymouth Roadrunner Baujahr 1969 mit gelb-schwarzen Rallyestreifen, aufgemotztem Motor und dem Scoop zu. Der Wagen war laut. Er war stark. Er war schneller als schnell, und er war das Einzige, was noch mir gehörte, nachdem ich eingebuchtet worden war. Ich hatte meine Mutter gebeten, ihn zu verkaufen, doch sie hatte sich geweigert. Sie wusste, wie viel Arbeit, wie viel Schweiß und Tränen ich in dieses Auto gesteckt hatte. Wenn es hieß, Miete oder mein Baby, dann gewann mein Baby.

Ich sog den Rauch in meine Lunge und blinzelte hinauf in den Himmel. Ich hätte mein Leben für ein paar Schmerztabletten gegeben, damit das hämmernde Pochen in meinem Kopf verschwand, aber im Moment hatte ich Dringenderes zu erledigen. Ganz zu schweigen davon, dass einige Runden mit Roxie die brennende Begierde tief in mir nicht hatten stillen können. Ich mochte Mädchen, und Mädchen mochten mich. Wenn man in ärmlichen Verhältnissen und ohne jegliche elterliche Aufsicht aufwuchs, hatte man Sex, um die Zeit totzuschlagen und das monotone Gefühl von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu verjagen. Zwei Menschen konnten sich gegenseitig eine gute Zeit bereiten, was ich öfter gemacht hatte, als man eigentlich sollte. Ich war nicht daran gewöhnt, ohne auszukommen … nun, jetzt war ich es, doch in meinem alten Leben war Sex haben wie atmen gewesen. Man brauchte nicht nachzudenken und sich kein bisschen zu bemühen.

Ich war groß, weit über eins achtzig. Ich hatte dunkles Haar und dunkle Augen, die mich laut den Frauen geheimnisvoll wirken ließen. Ich redete nicht viel, wenn ich nichts Wichtiges zu sagen hatte, was zu meinem nicht unberechtigten Ruf, ein knallharter Typ zu sein, beitrug. Außerdem besaß ich einen Spiegel, ich wusste also, dass ich ziemlich nett anzuschauen war. Vielleicht würde ich in naher Zukunft keinen Model-Vertrag angeboten bekommen, aber die Girls standen dennoch auf mich. Trotz der Narbe quer über meinem Schädel und meiner schiefen, mehrfach gebrochenen Nase. Der auffälligste Unterschied zwischen mir und jedem anderen gut aussehenden Typen in der Gegend war die Tätowierung direkt neben meinem linken Augenwinkel, ein kleiner schwarzer Stern. Mit sechzehn – und high – hatte ich das für eine brillante Idee gehalten. Ich fand sie nach wie vor cool und einschüchternd im Sinne von: Ich bin verrückt genug, mir das Gesicht tätowieren zu lassen. Wie gesagt, ich wirkte wie ein Schläger, ein recht ansehnlicher Schläger zwar, aber eben ein Schläger.

Ich musste Race finden und mit irgendeinem hübschen jungen Ding in die Kiste steigen. Roxie stand nicht zur Debatte, da sie mich verraten hatte. Ich hatte ihr noch nie getraut. Sie spielte die Rolle des unschuldigen netten Mädchens von nebenan perfekt. Zumal ich niemanden kannte, der weniger unschuldig sein konnte als sie. Verärgert darüber, wie sich meine ersten Stunden in Freiheit gestalteten, rief ich einen meiner alten Kontakte an.

„Hey.“

Schweigen herrschte am anderen Ende der Leitung. Ich warf die Zigarette weg und glitt hinter das Steuer meines Autos. Das fühlte sich mehr nach Nachhausekommen an, als mit Roxie zu vögeln oder Benny zu verprügeln.

„Wer ist da?“

Jeder, den ich kannte, war ein misstrauischer Kerl. Das galt im Besonderen, wenn es sich bei der Person am anderen Ende zufällig um einen ziemlich erfolgreichen Drogendealer handelte.

„Bax.“

„Seit wann bist du draußen?“

„Seit heute.“

„Und schon scharf auf ’nen Trip?“

Zur Hölle, nein. Nach fünf Jahren ohne Drogen hatte ich kein Bedürfnis, jemals wieder mit diesem Dreck anzufangen. Der machte schlechte Entscheidungen sogar noch schlechter. Wenn ich jetzt Mist baute, dann nur clean und nüchtern.

Ich antwortete ausdruckslos: „Nein. Ich bin auf der Suche nach Race. Wie ich hörte, ist er abgehauen, als ich geschnappt wurde, und ist erst vor Kurzem bei Novak aufgetaucht, um Ärger zu machen. Niemand hat ihn seitdem gesehen. Du?“

Wieder Schweigen. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig, dass ich von ihm eine ehrliche Antwort erhielt. Ich hoffte, mein Ruf war noch schlecht genug, um den Leuten Gottesfurcht einzujagen. Wenn nicht, musste ich eben einige Köpfe aneinanderknallen und mir meinen Ruf zurückerobern.

„Nein. Ich habe ein paarmal versucht, ihn zu erreichen, nachdem du eingefahren bist. Ich dachte, er könnte mich zu den ganzen College-Partys mitnehmen und wir würden uns den Gewinn teilen. Doch er hat mich nicht zurückgerufen.“

Gut gemacht, Race.

„Ist er noch auf dem College?“

„Das weiß niemand. Ich hab nur gehört, dass Novak ihn gesucht hat, als alles den Bach runterging, aber auf einmal war er wie ein Geist.“

„Ich muss ihn finden.“ Ich stellte sicher, dass ich die Dringlichkeit deutlich zum Ausdruck brachte.

Am anderen Ende hörte ich Gemurmel und ein Rascheln, als würde er aus dem Bett steigen. Selbst Drogendealer brauchten wohl ihren Schlaf.

„Hör zu, das Letzte, was ich von ihm gehört habe, ist, dass er bei irgendeiner Frau in The Point wohnt. Eine Rothaarige. Benny hat ein paar Leute losgeschickt, um ihn zu Novak zu schleppen, doch er war schon weg, als sie eintrafen.“

The Point ist der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin. Das Gegenteil von The Hill, wo Race groß wurde. Das alles gefiel mir überhaupt nicht.

„Eine Prostituierte?“

„Nein. Einfach nur ein Mädchen. Kein eingebildetes College-Girl, aber auch keine Schlampe. Einfach ein Mädchen. Bennys Jungs haben sie zu Tode erschreckt, und deswegen ist Race auf Novak losgegangen. Du hast dem adretten kleinen Scheißer wirklich beigebracht, wie man jemandem droht, und jetzt fragt sich jeder, ob du ihm auch gezeigt hast, wie man solche Drohungen wahr macht.“

Das brauchte ich ihm gar nicht beizubringen. Race war klug. Köpfchen zu haben war wichtiger als Muskelkraft, außerdem hatte er tatsächlich was zu verlieren. Das machte ihn gefährlich. Männer, die nichts zu verlieren hatten, kämpften nicht mehr.

„Wie kann ich die Frau finden?“

„Keine Ahnung, Bax. Google den Kram doch.“

Ich nahm das Handy vom Ohr und blickte es stirnrunzelnd an. Wie es schien, musste ich hier jemanden zur Vernunft bringen. „Du gibst mir die Adresse, oder ich schlage vor, dass du dir besser eine Hose anziehst. Weil ich in zehn Minuten bei dir bin und deinen fröhlichen Arsch durch die ganze Stadt schleife, wenn ich sie nicht aufspüren kann.“

Ich hörte Flüche, noch mehr Geraschel und wie ein Feuerzeug klickte.

„Schau im Skylark nach, dem verdammten Mietshaus in der Innenstadt. Ich habe gehört, dass sie da wohnt.“

„Soll ich vielleicht mitten in der Nacht an sämtliche Türen klopfen?“ Ich wurde langsam sauer, und das merkte er auch. Er wollte natürlich nicht, dass ich ihm in dieser Stimmung einen Besuch abstattete.

„Gegenüber gibt’s ein Diner. Geh da rein und frag. Das Mädchen hat so einen Karottenkopf. Richtig orange. Und jung ist sie. Bennys Leute haben sie problemlos gefunden, und du weißt, dass er nicht gerade die Besten und Klügsten anheuert.“

Ich schnaubte zustimmend und warf mein Baby an. Gott, wie ich dieses erotische Brummen vermisst hatte.

„Ich habe gehört, du hast sein Gesicht zu Brei geschlagen.“

„Er hat angefangen.“

„Benny ist nicht der Typ, der so was auf sich sitzen lässt.“

„Scheiß auf Benny.“

Ich hörte ihn trocken lachen.

„Du hältst dich nach wie vor für den übelsten Typen der Gegend? In fünf Jahren ändert sich eine Menge, Bax.“

Ich fand nicht, dass ich das Offensichtliche auch noch zu bestätigen brauchte, also legte ich auf und schmiss das Telefon neben mich auf den Sitz. Ich war bereits in The Point. Roxie wohnte mitten im Zentrum, also dauerte es nur ein paar Minuten, bis ich das Skylark und den Diner gefunden hatte. Ich parkte davor unter einer Laterne und zog eine Mütze über meinen geschorenen Kopf. Ich stieg aus und musterte ein paar Teenager, die so spät in diesem Teil der Stadt höchstens unterwegs sein konnten, um Ärger zu suchen. Ich starrte sie direkt an, wartete, bis jeder Einzelne von ihnen wegschaute, und betrat den Laden.

Ich war müde. Erst vor wenigen Stunden war ich durch die mit Stacheldraht gesicherten Tore des Gefängnisses geschritten. Doch es erschien mir, als wäre es schon Monate her. Mein Leben hatte ich genauso satt wie mich selbst, aber das änderte nichts daran, dass ich mich um einige Dinge kümmern musste. Ich wartete, bis ich den Blick einer genervt aussehenden Bedienung auffing. Als mir das gelang, musterte sie mich von Kopf bis Fuß, dann deutete sie an, dass sie sich gleich mit mir befassen würde. Kellnern war scheiße. In einer heruntergekommenen Spelunke im miesen Teil der Stadt zu bedienen, in einem Laden, der vierundzwanzig Stunden geöffnet hatte, war noch beschissener. Sie tat mir leid.

„Was kann ich für dich tun, Süßer?“

Ich sah, wie ihr Blick flüchtig auf den Bluterguss fiel, der seitlich auf meinem Gesicht erblühte, dort, wo Bennys unerwarteter Schlag mich getroffen hatte, und danach auf das Blut, das sein Aufwärtshaken auf meiner Unterlippe hinterlassen hatte. Sicher war ich kein besonders angenehmer Anblick, dennoch blieb sie freundlich.

„Ich bin auf der Suche nach einem Freund.“

„Ein Tisch für zwei?“

„Nein. Er könnte einige Male hier gewesen sein. Schlanker Typ. Ungefähr so groß wie ich. Blond, grüne Augen. Sieht aus wie jemand, der für Abercrombie & Fitch modelt. Er war vielleicht ab und zu mit einer Rothaarigen hier, die in der Nähe wohnt.“

Sie neigte den Kopf zur Seite und brüllte ein paar Betrunkene an, die sich an einem der hinteren Tische mit Servietten bewarfen. „Ich hab keinen heißen blonden Typen gesehen, aber ich kenne eine Rothaarige. Dovie Pryce. Sie hat die Frühschicht. Normalerweise trinken wir schnell einen Kaffee zusammen, wenn meine Schicht endet. Sie wohnt gegenüber.“

„Bist du sicher, dass du meinen Kumpel nicht kennst? Wie man hört, könnte er was mit ihr haben.“

„Mit Dovie? Nie im Leben. Das Mädchen lebt wie eine Nonne. Besucht die Abendschule, hat einen Ganztagsjob und noch einen Nebenjob am Wochenende. Sie hat keine Zeit für einen Typen.“ Wieder ließ sie den Blick über mich gleiten. „Egal, wie niedlich er ist.“

Ich lächelte sie an und rieb mir mit dem Daumen übers Kinn. Dort würde ich auch einen hässlichen Bluterguss kriegen.

„Gehst du immer so offen mit Informationen über deine Freunde um?“ Wenn ja, war es kein Wunder, dass Bennys Leute die Rothaarige so leicht gefunden hatten.

„Nein. Und das hat der Typ, der sie zuletzt gesucht hat, auf die harte Tour lernen müssen. In dieser Gegend führt jemand in einem Anzug nie was Gutes im Schilde. Unser Koch ist ein ehemaliger Marine. Ich hab es ihm überlassen, sich um den Kerl zu kümmern.“

„Findest du, dass ich ein ehrliches Gesicht habe?“ Es lag kein Humor in meiner Stimme, und das merkte sie auch.

Kopfschüttelnd schaute sie mich an und schnalzte mit der Zunge. „Nein, Süßer, du siehst aus, als hättest du einen schlechten Tag gehabt.“

Ich lachte auf, wieder ohne einen Hauch von Humor. „Ob du es glaubst oder nicht, das war der beste Tag seit Langem.“

„Hmm …“ Sie betrachtete ein letztes Mal mein ramponiertes Gesicht. „Viel Glück bei der Suche nach deinem Freund, Süßer, doch lass Dovie in Ruhe. Sie ist ein gutes Mädchen, das keine Schwierigkeiten brauchen kann.“

„Woher weißt du, dass ich Schwierigkeiten mache?“

Sie winkte herablassend ab. „Ich kenne mich aus, Süßer. Jeder Junge mit so vielen Geheimnissen in so dunklen Augen wie deinen bereitet die schlimmsten Schwierigkeiten überhaupt. Solche, aus denen man nicht mehr rauskommt.“

Da konnte ich ihr nicht widersprechen, außerdem hatte ich die Information, die ich zunächst benötigte. Ich nickte ihr zu, ließ die schmutzige Glastür hinter mir zufallen und steuerte auf den Parkplatz zu. Dort warf ich einen Blick auf meinen Runner, um mich zu vergewissern, dass die Jugendlichen ihn nicht angerührt hatten, danach schaute ich hinüber zu dem Gebäude, in dem sich die Rothaarige aufhielt.

„Hey, Mann, hast du ’ne Zigarette?“

Der Größte von ihnen war mutig genug, auf mich zuzusteuern. Er war vielleicht gerade mal dreizehn Jahre alt. Zu schade, dass ich mein jüngeres Ich in ihm wiedererkennen konnte.

„Du bist zu jung zum Rauchen.“

„Verarschst du mich?“

Ich zog eine Augenbraue hoch, und er wich einen Schritt zurück.

„Nein, ich verarsche dich nicht.“ Ich deutete auf das Skylark. „Kennst du eine Rothaarige, die da wohnt?“

Misstrauisch kniff er die Augen zusammen. „Wieso?“

„Weil ich dich frage, deshalb.“ Ich überlegte, ob ich auch so nervig gewesen war, als ich mich damals auf den Straßen rumtrieb.

„Gibst du mir eine Zigarette, wenn ich Ja sage?“

Ich kämpfte dagegen an, die Augen zu verdrehen. „Sicher, Kleiner.“

Er schnaubte, dann kratzte er mit seinen ausgelatschten Turnschuhen über den Asphalt. „Dovie. Sie wohnt im selben Stockwerk wie wir. Sie ist total nett. Manchmal kocht sie Paulie und mir was zum Abendessen.“ Er deutete mit dem Daumen auf einen anderen Jungen, der ungefähr zehn oder elf war.

Was zur Hölle war los mit der Welt, in der wir lebten, wenn diese Kinder um diese Zeit draußen waren und mich anquatschten, statt im Bett zu liegen und am nächsten Morgen in die Schule zu gehen?

„Wievielter Stock?“

„Warum?“

Düster sah ich ihn an. „Wollen wir die ganze Nacht so weitermachen?“

Er verlagerte nervös das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, sein Blick fiel auf meinen Wagen. „Das ist ’ne coole

Karre.“

Ich biss die Zähne zusammen. „Stimmt.“

„Hast du den gestohlen?“

Ich fragte mich, ob er irgendeine Ahnung hatte, wer ich war. Früher mal war ich eine Legende, jetzt nur noch ein abschreckendes Beispiel. „Nein. Das ist so ziemlich das Einzige, was ich nicht gestohlen habe.“

„Kann ich mal mitfahren?“

Dieser Junge. Eines musste man ihm lassen, er hatte, was nötig war, um in diesem Teil der Stadt zu überleben. „Vielleicht. Wenn ich das Mädchen gesprochen habe und sie mir helfen kann, meinen Freund zu finden.“

Wir starrten uns einen langen Moment schweigend an. Seine kleine Rowdy-Gang wurde langsam ungeduldig. Ich war eindeutig kein Opfer; sie wollten sich nicht mit mir anlegen, aber helfen wollten sie mir auch nicht.

„Versprochen?“

Versprochen? Fand dieser Junge etwa, dass ich wie jemand aussah, der sich an Versprechungen hielt? Ich zuckte die Achseln. „Klar, Kleiner. Versprochen.“

„Sie wohnt im zweiten Stock. Apartment zwölf. Der letzte Typ, der nach ihr gefragt hat, hat mir einen Hunderter versprochen. Er hat gelogen.“

Verdammt. Benny hatte die Kinder also auch bestochen, um ihnen dieselbe Info zu entlocken. Hier draußen war jeder auf sich selbst gestellt, und das wusste dieser Bastard. Seufzend holte ich einen Hundertdollarschein aus der Tasche. Ich hatte noch einen Vorrat an Bargeld aus der Zeit vor dem Knast, der so lange reichen musste, bis ich meinen nächsten Schritt geplant hatte. Etwas davon einem kleinen Klugscheißer abzugeben passte mir nicht besonders in den Kram. Dennoch gab ich ihm den Schein und wandte mich ab, um zu dem schmuddeligen Apartmentkomplex zu laufen.

„Rauchen schadet deiner Gesundheit. Kauf dir was zu essen oder neue Schuhe oder so was.“

„Und kann ich dann mitfahren?“

„Mal schauen, Kleiner. Mal sehen.“

Ich joggte über die leere Straße und stieg über einen schlafenden Penner auf dem Bürgersteig hinweg. Drüben stieß ich die rostige Sicherheitstür zum Treppenhaus auf, wo es nach abgestandenem Bier roch und nach etwas, worüber ich nicht genauer nachdenken wollte, und ging hinauf in den zweiten Stock. Im Flur war niemand, trotzdem zog ich die Kapuze der Jacke über meine Mütze und versuchte, so wenig Lärm wie möglich zu verursachen. Kein einigermaßen vernünftiger Mensch würde jemandem, der aussah wie ich, nach Sonnenuntergang die Tür öffnen. Zum Glück gab es keine Tür, die ich nicht aufbekam, von der einen abgesehen, hinter der ich die letzten fünf Jahre gesessen hatte.

Dieses Apartment war Mist, was bedeutete, dass die Tür ebenfalls Mist war. Ich hätte sie mit einer Kreditkarte aufgekriegt, sie gab aber genauso gut unter dem Druck einer richtig platzierten Schulter nach. Ein lautes Ploppen und ein sanftes Knarzen, doch niemand steckte den Kopf aus seiner Wohnung, um zu schauen, was da los war. Die Leute, die in Gebäuden wie diesen wohnten, besaßen sowieso nichts, das sich zu klauen lohnte. Und die meisten alleinstehenden Frauen, die gezwungen waren, so zu leben, investierten in ein besseres Schloss. Ich drückte die Tür auf und schlich mich ins Dunkel hinein. Ich wusste, dass ich das Mädchen zu Tode erschrecken würde, aber Überraschung war der Schlüssel zum Erfolg, und nichts würde mich davon abhalten, Race zu finden.

Ich konnte hervorragend in der Nacht sehen. Das kam daher, dass ich mein Leben lang im Dunkeln herumgerannt war, immer auf der falschen Seite des Gesetzes gestanden und meinen Hintern im Knast beschützt hatte. Deshalb sah ich das schwere Objekt, das auf meinen Kopf zuflog, bevor es mich traf. Ich hörte jemanden leise fluchen und schließlich den dumpfen Aufschlag, als das Teil auf dem Fußboden landete. Ich wich einem Faustschlag aus und trat nur wenige Zentimeter zurück, um nicht den Elektroschock des Tasers abzubekommen, der mir in die Seite gedrückt werden sollte. Fluchend ergriff ich ein schmales Handgelenk und verdrehte es, bis die Waffe zu Boden fiel. Ich sah, wie die Frau den Mund öffnete, um zu schreien, und presste eine Hand darauf. Sie wehrte sich, da ich sie in die Wohnung zerren wollte.

„Hast du schon die Bullen gerufen?“ Sie nickte heftig, woraus ich schloss, dass sie genau das nicht getan hatte. Ansonsten würde sie versuchen, Zeit zu schinden. In The Point dauerte es immer ewig, bis die Polizei aufkreuzte.

„Ich möchte nur erfahren, wo Race ist. Ich weiß, dass du es weißt.“

Sie wurde steif und hörte auf, ihre kurzen Fingernägel in meine Handrücken zu krallen. Sie hatte wirklich kupferrotes Haar, und zwar eine Menge davon, das mir im Weg war, als sie hochschaute, um mir in die Augen zu schauen.

„Ich gehöre nicht zu dem Typen im Anzug. Race und ich sind seit Ewigkeiten befreundet. Falls er Probleme hat, will ich ihm helfen, okay?“

Ich wartete gefühlt eine Stunde, bis sie kurz nickte.

„Wenn ich dich loslasse, werde ich es bereuen?“ Sie schüttelte vehement den Kopf, und ich fühlte, wie sie die Hände an den Seiten herabfallen ließ. Sie war ziemlich groß für eine Frau. Als ich sie von mir schob und sie sofort herumwirbelte, fiel mir auf, dass sie ihr Kinn nur ein klein wenig heben musste, damit sie mir in die Augen blicken konnte.

„Ich habe echt die Nase voll von Leuten, die glauben, hier einfach reinschneien und mir Fragen stellen zu können. Den Nächsten erschieße ich.“

Sie war blass, ihre milchweiße Haut wie ein heller Schatten im dunklen Raum. Ihr Haar war ein wildes Durcheinander aus roten und goldenen Locken, und sie hatte Sommersprossen. Sie sah wie ein Kind aus. Nicht älter als sechzehn oder siebzehn. Außerdem, als ob sie auf einer Farm irgendwo im Mittleren Westen aufgewachsen wäre. Sie wirkte gesund, und es war unvorstellbar, dass diese Schlabberjeans und das schmucklose karierte Hemd jemandem gehörten, der in diesem Teil der Stadt überleben wollte.

„Besorg dir ein besseres Schloss.“

Sie funkelte mich düster an und strich sich schwungvoll eine Handvoll ihres wilden Haars aus dem Gesicht.

„Gute Schlösser kosten Geld, und ich kenne noch immer niemanden, der Race heißt. Also könnt ihr euch verpissen, du und dein Kumpel im Anzug.“

Große Klappe und forsch. Eine gefährliche Kombination, wenn man einem Mann gegenüberstand, der nichts zu verlieren hatte. Ich hatte keine Zeit für Spielchen, daher machte ich einen bedrohlichen Schritt nach vorn, genau in dem Moment, in dem sie herumfuhr und das Licht anknipste. Eine Sekunde lang musste ich blinzeln und bemerkte dann, wie sie den Mund verzog, nachdem wir uns endlich richtig sehen konnten. Ihr Blick verharrte auf meinem Gesicht, doch nicht auf den Blutergüssen, sondern auf dem tätowierten Stern neben meinem Auge.

„Carmen hat mich angerufen, nachdem du den Diner verlassen hattest. Glaubst du vielleicht, dass wir uns nicht gegenseitig warnen, wenn ein Typ mit deinem Aussehen auftaucht? Paulie und Marco haben dein Kennzeichen aufgeschrieben, und falls ich nicht in fünf Minuten das Licht an- und ausschalte, rufen sie die Bullen. Und was mit deinem hübschen Auto passieren wird, das willst du lieber gar nicht wissen.“

Ich blinzelte wie ein Idiot. Niemand war mir je einen Schritt voraus. Und jetzt war ausgerechnet dieses Mädchen, das eher auf eine Farm passte, die Erste. „Warum bin ich also hier?“

Vor den Cops hatte ich keine Angst. Davor, was wild gewordene Jugendliche mit meinem Baby anstellen konnten, jedoch schon.

Sie verschränkte die Arme über ihre wenig beeindruckenden Brüste und kniff die Augen zusammen, hübsche Augen, moosgrün. Ich neigte den Kopf zur Seite, weil ich aus irgendeinem Grund den Eindruck hatte, sie sei mir bekannt.

„Was für Probleme hat Race?“

„Ich dachte, du kennst niemanden mit diesem Namen?“

„Du hast noch vier Minuten.“

„Keine Ahnung. Genau das will ich ja herausfinden. Ich war bis vor ungefähr acht Stunden … verhindert. Jetzt versuche ich, mir ein Bild zu machen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und wirkte dadurch sogar noch jünger. Ich wusste nicht, wer sie war, konnte mir jedoch absolut nicht vorstellen, dass sie eine von Races Freundinnen war. Er stand auf lange Beine und große Brüste und möglichst wenig Hirn zwischen den Ohren. Diese hier hatte Beine, doch sie war offensichtlich intelligent, und ihre Figur war, soweit ich erkennen konnte, nicht für heiße Träume gemacht. Sie sah viel zu niedlich aus. Typen wie Race fingen nichts mit niedlichen Girls an, genauso wenig Typen wie ich, doch das nur, weil ich gar nicht erst in die Verlegenheit kam. Niedliche Mädchen rannten weg, wenn sie mich erblickten.

„Kannst du ihm helfen?“

„Ich kann es versuchen.“

Sie streckte eine Hand aus und betätigte mehrmals den Lichtschalter, während sie mich mit ihren grünen Augen musterte.

„Du bist Bax, richtig?“

Ich versuchte, meine Überraschung zu verbergen, und nickte steif. Sie biss sich wieder auf die Lippe und wickelte eine leuchtende Locke um ihren Zeigefinger.

„Er hat gesagt, wenn irgendwas Schlimmes passiert, falls jemand nach ihm sucht, soll ich sagen, dass ich ihn nicht kenne. Er hat mir Angst gemacht, und dann tauchte der Typ im Anzug mit seinen Kumpels hier auf. Das habe ich Race erzählt, und er ist ausgeflippt. Er hat gemeint, ich soll mich möglichst wenig rauswagen und dass er sich darum kümmert. Er hat mir erklärt, wenn ein Typ vorbeikäme, einer mit einem tätowierten Stern am Auge, soll ich ihm vertrauen. Und er hat mir erzählt, dass sein Name Bax ist.“

Das war ja alles schön und gut, deswegen wusste ich aber noch lange nicht, in was für Schwierigkeiten Race steckte oder wer dieses Mädchen war und welche Rolle es bei alldem spielte.

„Wer bist du?“

„Dovie.“

Ich kniff die Augen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie nachahmend. „Und was hast du mit Race zu tun?“ Wenn sie mir jetzt auftischte, dass sie Races Alte war, musste ich mich ernsthaft fragen, was er während meines Gefängnisaufenthaltes eigentlich getrieben hatte.

Sie blinzelte mich an und runzelte die rostbraunen Augenbrauen. Ich konnte beinahe sehen, wie die kleinen Rädchen in ihrem Hirn sich bewegten.

„Ich bin seine Schwester.“

Ich starrte sie eine volle Minute an, bevor ich in barsches Gelächter ausbrach. Sofort bekam ich Kopfschmerzen, also rieb ich mir über die müden Augen und schüttelte den Kopf.

„Lady, ich habe keinen Schimmer, wer du bist oder was zwischen dir und Race läuft, doch ich habe keine Zeit für so was. Ich habe gerade fünf Jahre im Knast abgesessen, ich muss dringend schlafen, mich dringend flachlegen lassen und herausfinden, in welchem Dreck Race steckt. Wenn du mir nicht auf die leichte Tour helfen willst, schön. Dann eben auf die harte Tour.“ Ich trat einen Schritt auf sie zu, aber sie hob die Hände.

„Nein, ich schwöre es. Race ist mein älterer Bruder.“

Ich fluchte. „Ich kenne Race, seit wir Teenager waren. Er ist Einzelkind, Rotschopf.“

Sie stieß ein schrilles Lachen aus und bewegte sich auf die Küchenzeile zu, die ungefähr die Größe eines Schrankes hatte. Dort nahm sie etwas vom Kühlschrank und reichte es mir. Das Foto war ein paar Jahre alt, aber Races elegante Erscheinung und wie er in die Kamera lächelte war unverwechselbar, und er hatte den Arm um dieses merkwürdige Mädchen gelegt.

„Welchen reichen, mächtigen Mann kennst du, der sein Ding in der Hose lassen kann? Ich bin das schmutzige kleine Geheimnis der Hartman-Familie, nur dass es irgendwann gelüftet wurde und Race mich vor ungefähr vier Jahren ausfindig gemacht hat, ich war gerade sechzehn geworden. Unterschiedliche Mütter, unterschiedliche Nachnamen, dasselbe Arschloch von Vater. Wenn du Race helfen kannst, erzähle ich dir alles, was du wissen willst, und wenn du ihm nicht helfen kannst, finde ich ihn selbst. Er ist die einzige Familie, die ich habe, und ich liebe ihn. Er hat mir das Leben gerettet.“

Ich blickte vom Foto zurück in ihr Gesicht. Race war ein attraktiver Kerl, kultiviert und elegant. Dieses Mädchen hingegen war einfach und normal. Von ihrem Haar und der großen Klappe mal abgesehen. Sie schaute mich unverwandt mit diesen grünen Augen an, und da bemerkte ich es. Es lag alles in diesem grünen Blick, mit dem sie mich fixierte wie ein Falke. Race und der Rotschopf hatten dieselben Augen.

„Du machst überhaupt nichts, außer mir alles zu erzählen. Race ist auch meine Familie, und das bedeutet, ich werde alles tun, um seinen Arsch zu retten.“

Zur Hölle, ich hatte für den Typen bereits fünf Jahre abgesessen; mich mit Novak anzulegen kam mir dagegen wie ein Spaziergang vor.

2. KAPITEL

Dovie

Ich habe lange genug in den schlimmsten Stadtteilen gewohnt, um den Unterschied zwischen einem bösen Jungen und einem Jungen, der wirklich böse ist, zu kennen. Böse stand Shane Baxter auf die Stirn geschrieben. Und das hatte nichts mit dem tätowierten Stern auf seinem Gesicht oder der wohl überlegt bedrohlichen Art, sich zu bewegen, zu tun – wie eine eingerollte Schlange, die bereit war, jeden Moment zuzuschlagen und einen mit ihrem Gift zu füllen, bevor man auch nur blinzeln konnte. Seine dunklen Augen waren leer, als wären seine Emotionen vor langer Zeit ausgeknipst worden und als hätte er kein Interesse daran, sie wieder einzuschalten. Ich bin in Armut aufwachsen. Ich bin in einem Stadtteil aufgewachsen, wo lediglich arm zu sein bereits ein Luxus war, denn das bedeutete, dass man zumindest etwas Geld hatte. Also hatte ich diesen Blick schon öfter gesehen, aber noch nie bei jemandem, der wirkte, als würde er am liebsten alles, was einem lieb und teuer war, vernichten, und zwar ohne auch nur mit einer seiner lächerlich langen Wimpern zu zucken. Das da war ein Mann, der bereits in jungen Jahren mehr mitbekommen und mehr erlebt hatte als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Man überlebte in seiner Welt nur, wenn man der böseste der Bösen war, und genau das war Bax, daran zweifelte ich keine Sekunde.

Sicher, Race hatte mir immer und immer wieder versichert, dass Bax ein guter Kerl sei. Dass er, sobald er rauskäme, meinem Bruder helfen könne, die Situation mit Benny und Novak zu klären. Race meinte, er sei einfach ein Typ, dem das Leben arg mitgespielt habe und der täte, was er könne. Ich sah sofort, dass Race sich komplett irrte. Mein Bruder kannte sich mit Verzweiflung nicht aus, damit, wie es war, wirklich zu leiden; er konnte nicht dasselbe in diesem Mann sehen wie ich, und zwar die unverhohlene Bereitschaft zu tun, was immer zum Überleben nötig war. Fünf Jahre im Gefängnis hatten ihn nicht unterworfen, obwohl er anfangs ein verängstigtes Kind gewesen sein musste. Sie hatten ihn stärker und bedrohlicher gemacht, und wenn ich mich nicht irrte, war er dort ein noch gefährlicherer Verbrecher geworden. Ich wollte ihn nicht in meiner Nähe haben, aber wenn nur er Race helfen konnte, würde er von mir bekommen, was immer er beanspruchte. So wichtig war mir mein Bruder.

Bax fragte mich gar nicht erst, ob ich eine Zigarette wollte, steckte sich einfach eine zwischen die Lippen und zündete sie an. Seine Unterlippe war geschwollen und aufgeplatzt, als hätte er sich irgendwo gestoßen. Mit seinen dunklen Augen sah er sich abschätzend in meiner Wohnung um. Was ich furchtbar fand. Ich lebte von dem, was ich verdiente, ich arbeitete bis zum Umfallen, und ich wusste, wie man in den Slums zurechtkam. Ich würde mich vor einem wie ihm sicher nicht schämen. Immerhin war er ein verurteilter Verbrecher. Ich besaß vielleicht nicht viel, aber das wenige hatte ich durch ehrliche Arbeit erworben.

„Was weißt du?“

Seine Stimme war kratzig, rau, als würde er sie nicht oft benutzen. Er ging zu dem kaputten Fenster und zog die Vorhänge zur Seite, mit denen ich den Sprung in der Scheibe bedeckte. Dann blickte er hinüber zum Diner. Wahrscheinlich machte er sich Sorgen um sein wertvolles Auto.

„Nicht viel. Race kam in dem Übergangshaus vorbei, zu dem ich gebracht wurde, als meine letzte Pflegefamilie wegzog. Das war, nachdem du eingebuchtet wurdest. Er sagte, dass er mein Bruder sei. Dann gab er mir einen Überblick über die Hartman-Familie, und mir wurde klar, dass mein Vater genauso ein Albtraum war wie meine Mutter. Race hat mich aus einer wirklich schlimmen Situation rausgeholt, und eine sehr kurze Zeit lang war unser Leben ziemlich gut, wir waren wie eine Familie. Und dann hat er mich hierher gebracht und gesagt, dass ich warten soll.“

„Warten worauf?“

Ich zuckte mit den Schultern und warf mich auf meine uralte Couch. „Auf dich, schätze ich.“

Ich hatte Carmen eine SMS geschickt und ihr geschrieben, dass bis jetzt alles in Ordnung war. Die komplette Nachbarschaft hatte in der letzten Woche für mich Ausschau nach dem Typen mit dem tätowierten Stern gehalten. Fast war ich erleichtert, dass er endlich aufgekreuzt war, auch wenn er es für angebracht gefunden hatte, einfach bei mir einzubrechen. Es ärgerte mich, dass ich ihn nicht mit dem Taser erwischt hatte. Ich musste wohl noch ein paar Stunden Selbstverteidigung beim örtlichen YMCA üben. Als alleinstehendes Mädchen in einer solchen Gegend konnte man nie vorsichtig genug sein.

„Ich bin in einer Stadt wie dieser hier aufgewachsen, in einer Wohnung wie dieser, aber einen Staat weiter. Ich habe Race belauscht, obwohl ich das nicht hätte tun sollen, und mir so zusammengereimt, dass Lord Hartman meiner Mutter Kohle gegeben hatte, damit sie mich loswurde. Danach sollte sie ebenfalls verschwinden. Das hat sie nicht getan. Sie nahm das Geld und machte sich mit mir aus dem Staub, nur war ihr der nächste Schuss wichtiger als ich. Und schon war ich im System – Pflegefamilien, Kinderheime. Race hat mich gerade in dem Moment gefunden, als ich zu einer bekanntermaßen besonders schlimmen Familie kommen sollte. Der Dad konnte seine Finger nicht bei sich behalten, die Mom war Alkoholikerin, und es war ihr egal. Ich wollte abhauen, aber Race hat mir das ausgeredet; er sagte, dass er sich um mich kümmern würde. Anschließend hat er seinen alten Herrn bestochen, damit er die Vaterschaft anerkennt, sodass ich nicht länger im System war. Von da an wohnten wir zusammen in der Stadt, in der ich zur Schule ging, bis ich den Abschluss hatte. Er hat mir nie gesagt, warum er nicht zurück nach The Point gehen konnte, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr, danach zu fragen. Und dann, vor einem Jahr oder so, ist irgendwas passiert, er hat unseren Kram gepackt und ist mit mir hierher gezogen, als ob er eine Art Mission hätte oder so was. Als ob er einen Plan hätte. Ich fand, ich war es ihm schuldig, mitzugehen. Er hat mich gerettet.“ Ich schüttelte den Kopf und verschränkte die Finger. „Ich weiß nicht, was bei ihm los war, doch mir gefiel die Gegend hier, ich mochte das Community College, also hab ich mich eingelebt. Er blieb weitgehend für sich und strich irgendwie durch die Straßen. Ich dachte, dass er einfach auf deine Entlassung wartet, aber dann tauchte dieser Typ im Anzug auf. Er wurde handgreiflich und hat mich zu Tode erschreckt, und Race ging ab wie eine Rakete. Nie zuvor habe ich ihn so wütend erlebt. Ich weiß, dass er zu Novak gegangen ist. Er sagte, er hätte keinen Bock mehr, eine Marionette zu sein, er hätte es satt, dass andere das Sagen haben. Er sagte, er könne sich nicht verzeihen, was mit dir passiert ist, und dass ich dir vertrauen muss, wenn du vorbeikommst. Das war vor einer Woche. Seitdem hat ihn niemand gesehen oder von ihm gehört.“

Bax blies eine Rauchfahne aus und zog die Kapuze seiner Jacke herunter. Er trug eine schwarze Strickmütze, mit der er aussah, als führte er nichts Gutes im Schilde. Genau genommen sah alles an ihm so aus. Der blaue Fleck auf seiner Wange, die schwarze Hose und die schweren Stiefel, die kleine Road-Runner-Tätowierung auf seinem Handrücken in der Nähe des Daumens, die dicken, dunklen Augenbrauen über den ausdruckslosen Augen und die heruntergezogenen Lippen, die zu weich und hübsch für so ein hartes Gesicht waren. Dazu noch seine offensichtliche körperliche Kraft – das war kein Typ, dem ich allein im Dunkeln begegnen wollte. Und ich hasste es – hasste es wirklich –, dass er nichts sagte und ich nicht wusste, was hinter diesem Vorhang aus Schwärze in seinem Blick vor sich ging.

„Ist er nicht auf die Uni gegangen?“

Das schien mir eine merkwürdige Frage zu sein nach allem, was ich erzählt hatte, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als mitzuspielen.

„Nein. Er hat von seinem Schulgeld für uns gesorgt. Er hat mich aus der staatlichen Schule genommen und für die letzten beiden Jahre auf eine private gesteckt.“

„Selbstloser Dreckskerl.“

Unwillkürlich wurde ich wütend. „Die Schule, auf der ich war, hatte Metalldetektoren, die Schüler und Lehrer waren bewaffnet, und ein Mädchen wurde in der Umkleidekabine vergewaltigt. Ich wusste nie, ob ich Hausaufgaben oder eine Tracht Prügel bekommen würde. Es war schrecklich. Race wollte etwas Besseres für mich, und nachdem Lord Hartman sich weigerte, etwas zu unternehmen, hat er sich eben selbst darum gekümmert.“

„Er konnte mich nicht retten, also hat er beschlossen, dich zu retten?“

Dasselbe hatte ich jedes Mal gedacht, wenn Race seinen inhaftierten besten Freund zur Sprache brachte. Ein Typ, der so brutal aussah, sollte nicht so clever sein. Er sollte nur Muskeln und kein Hirn haben. Sein Auffassungsvermögen machte ihn in meinen Augen eine Million Mal gefährlicher.

„Ich kenne seine Gründe nicht, und es war mir egal. Ich hatte endlich jemanden, dem ich wichtig war und der sich um mich kümmerte. Durch ihn hatte ich die Chance, ein normales und stabiles Leben zu führen; er zeigte mir, was es bedeutet, eine Familie zu haben. Er hat sich meinetwegen mit seinem alten Herrn und seiner Mutter überworfen, und ich werde alles tun – und ich meine alles –, um ihm zu helfen.“

Race war mehr als nur mein großer Bruder. Er war mein Held. Er war mein Retter. Er war das Einzige auf der ganzen Welt, worauf ich nicht verzichten konnte. Geld, Besitz, Sicherheit; das alles war nur eine Illusion. Das Opfer, das Race für mich gebracht hatte, wie er in mein Leben hereingeschneit war, um einer einsamen Sechzehnjährigen aus einem Armeleuteviertel zu zeigen, dass es im Leben um mehr ging als nur darum, irgendwie zu überleben … Das konnte ich ihm nie zurückzahlen. Aber ich würde zumindest alles dafür tun, damit meinem Bruder nichts passierte.

Bax drückte seine Zigarette auf der schweren Profilsohle eines seiner Stiefel aus und stieß sich vom Fenster ab. Er zog die Kapuze wieder über den Kopf und kam auf mich zu. Als er nur noch wenige Schritte entfernt war, sah er auf mich, die ich auf der Couch saß, hinab. Diese Augen waren unendlich dunkle Löcher in einem Gesicht, das ich bestimmt nie vergessen würde.

„Verhalte dich ruhig. Falls Benny oder sonst jemand hier herumschnüffelt, ruf diese Nummer an.“ Er ratterte ein paar Zahlen herunter, die ich mir niemals würde merken können, doch ich nickte trotzdem. „Wenn Race dich kontaktiert, egal wie, sag ihm, dass ich draußen bin. Sag ihm, dass er sich bei mir melden soll, dass Novak mein Problem ist und nicht seins. Sag ihm, dass zwischen uns alles okay ist und so bleibt, bis ich es mir anders überlege. Hast du das verstanden, Rotschopf?“

Ich hasste diesen Spitznamen. Pleite sein ist eine Sache, pleite sein und flammend rotes Haar zu haben, über das sich jeder lustig machte, eine ganz andere. Wie auch immer, er war nicht der Typ, mit dem ich über einen dummen Spitznamen diskutieren wollte. Er sah nicht wie jemand aus, der überhaupt lange diskutierte, egal worüber. Er ging zur Tür, und ich sprang auf.

„Das ist alles?“

Er betrachtete mich über die Schulter und zog die lädierte Tür auf. „Falls du nicht irgendwas hast, das mir tatsächlich weiterhilft, dann ja, das ist alles.“

Ich stierte ihn an. „Ich meine, was passiert jetzt? Was tun wir, um Race zu finden?“

Er hob eine dunkle Augenbraue und zog einen Mundwinkel nach unten.

Wir tun gar nichts. Ich schau mich mal um und bringe ein paar Leute zum Reden. Ich muss herausfinden, was Race getan hat, dass Novak ihn unbedingt haben will. Und zwar so dringend, dass er Benny nach ihm suchen lässt. Gib mir Bescheid, wenn du etwas von ihm hörst.“

Er verschwand so geräuschlos und schnell, dass ich mich beeilen musste, um ihm bis zur Treppe zu folgen. Ich war groß und hatte lange Beine. Er war größer und hatte längere Beine. Zudem bewegte er sich wie ein gigantischer dunkler Schatten.

„Ich möchte dir helfen. Ich muss einfach helfen. Ich verdanke Race alles.“

Ein paar Stufen tiefer stehend, sah er zu mir herauf. Ich erschauerte. Niemand sollte so kalte und leere Augen haben.

„Er ist vielleicht nicht mein leiblicher Bruder, aber trotzdem mein Bruder, und ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er alles, was er für dich getan hat, freiwillig getan hat. Nicht weil er musste. Race spielt gern den Helden.“

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und als ich endlich meine Gedanken beisammenhatte, war er schon am Ende der Treppe. Wenn er jetzt ging, würde ich ihn nie mehr wiedersehen, und das konnte ich nicht zulassen. Er war meine einzige Verbindung zu Race, ganz egal, was das für mich selbst bedeutete.

„Ich muss einfach helfen.“

Er sah mich über die Schulter an, und ich war klug genug, ihm nicht weiter zu folgen.

„Du könntest dir ja nicht mal selbst helfen. Glaubst du wirklich, dass du irgendjemanden mit einem Taser und einer Bratpfanne aufhalten kannst?“

Ich hatte auch eine geladene Neunmillimeter in meinem Nachttisch direkt neben dem Bett liegen, und Race hatte mir gezeigt, wie man damit umging, doch das behielt ich lieber für mich. „Ich hatte dich erwartet. Ich wusste, dass du es warst.“

„Und wenn nicht ich es gewesen wäre, bei dem du mit dem Taser danebengezielt hättest, wärst du gefickt gewesen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich arbeite besser allein. Ich weiß nicht, was hier los ist, und kann es wirklich nicht brauchen, dass irgendein Mädchen vom Lande mich aufhält oder mir in die Quere kommt.“

Ich spürte, wie meine Augenbrauen fast hinauf bis zum Haaransatz schossen. Ich hatte schon viel über mein Aussehen gehört, manches schmeichelhafter als anderes, aber nie zuvor hatte jemand angedeutet, dass ich wie ein Bauernmädchen aussah. „Wie bitte?“

Er lachte, zumindest glaubte ich, dass es ein Lachen sein sollte, und sprang ein paar Stufen tiefer.

„Liegt an den Sommersprossen und der weißen Haut. Du siehst ein bisschen wie von einem Bauernhof aus. Und nicht wie eine, die hierher in die Stadt gehört. Und noch weniger siehst du wie zwanzig aus.“

Nun, und er sah nicht so aus, als ob er nur ein paar Jahre älter als ich wäre, dafür umso mehr wie der dunkle Verbrecher, der er anscheinend war.

„Tja, ich war in meinem ganzen Leben noch auf keinem Bauernhof, und ich werde alles tun, damit Race nichts passiert und er wieder nach Hause kommt. Mit oder ohne deine Hilfe.“

Ich wollte mutig klingen, ich wollte so klingen, als ob ich von Vorteil für ihn wäre. Aber das klappte nicht. Ich klang verängstigt und unsicher. Und das hörte er.

„Ohne mich, Rotschopf.“

Und dann war er weg. Löste sich einfach auf. Verschwand in der Nacht wie der Dieb, der er war.

Seufzend ging ich zurück in mein Apartment. Über weitere unerwünschte Besucher machte ich mir keine Gedanken. Lester, der Obdachlose auf dem Bürgersteig, ließ niemanden ins Gebäude, der da nicht reinsollte. Ich brachte ihm hin und wieder einen Teller Essen und ein Sixpack Bier, im Gegenzug passte er auf mich auf. Benny und seine Schlägertypen hatten mich nur gefunden, weil sie an einem frühen Sonntagmorgen auftauchten, als Lester gerade seinen stinkenden Körper in die Kirche schleppte. Sie hatten Glück. Ich nicht. Und außerdem hatte ich Angst.

Ich hatte Angst um Race – und Angst um mich. Und wenn ich ehrlich war, hatte ich auch vor Bax entsetzliche Angst. Ich war clever, ich konnte auf mich selbst aufpassen, doch um nichts in der Welt wäre ich in der Lage, es mit einem Typen wie ihm aufzunehmen. Aber ich brauchte ihn. Bevor Race bei mir aufgetaucht war, hatte ich nie irgendjemanden gebraucht.

Mein Handy klingelte in dem Moment, in dem ich die Wohnungstür hinter mir absperrte, so nutzlos die Schlösser dank meines nächtlichen Besuchers nun auch waren. Ich ging zum Fenster, um Carmen zuzuwinken.

Sie lachte in mein Ohr, und ich ließ mich aufs Sofa fallen. Sie war süß. Alleinerziehende Mutter … Marco und Paulie hielten sie auf Trab. Die beiden waren gute Kinder. Sie war eine gute Mutter, aber wir waren nun mal nicht im Märchen, deswegen wusste ich, dass alle drei es schwer im Leben hatten, vor allem da Marco dreizehn war und Carmen nur sechs Jahre älter als ich. Wir versuchten, aufeinander aufzupassen, doch hier war letztlich jeder Mann und jede Frau auf sich allein gestellt, und je schneller man das lernte, desto besser. Es war dumm, Erwartungen zu haben. Die Realität zwang uns dazu, ehrlich zueinander zu sein und lockere Verbindungen miteinander einzugehen.

„Also? Was hat er gesagt?“

Seufzend drehte ich eine meiner orangeroten Locken um den Zeigefinger und starrte an die gelblich gestrichene Decke. Zwar handelte es sich um keine besonders tolle Wohnung, ich hatte jedoch schon weitaus Schlimmeres gesehen. „Nicht gerade viel.“

„Hat er eine Ahnung, wo Race sein könnte?“

„Nein, aber er scheint nicht übermäßig besorgt zu sein, dass ihm etwas passiert sein könnte.“

„Dein Bruder sagte doch, dass er alle möglichen Geschäfte am Laufen hat. Du hättest ihm glauben sollen. Race war immer ehrlich zu dir, auch wenn du es nicht hören wolltest.“

Sie hatte recht. „Er wird nicht zurückkommen. Ich werde nicht erfahren, was da los ist. Race könnte überall sein. Verletzt, in Schwierigkeiten oder Schlimmeres. Und ich werde es nie erfahren.“

Sie murmelte etwas, das nicht für mich bestimmt war, und ich hörte Geschirrgeklapper im Hintergrund. Dann seufzte sie ins Telefon.

„Dieser Novak-Typ ist kein Leichtgewicht. Er ist ein ziemlich mieser Kerl, und Race hat dir von Anfang an gesagt, dass sein größter Fehler gewesen war, sich mit ihm einzulassen. Ich sage das ja nur ungern, Schätzchen, aber hier könnte es einfach darum gehen, dass sich die Typen gegenseitig ausschalten wollen. Und Helden haben in so einem Kampf keinen Platz. Man muss fies sein, um fies zu kämpfen, und wie man sich in The Point erzählt, ist niemand fieser als Novak.“

Ich wusste, dass Race nicht perfekt war, dass er ein paar wirklich miese Entscheidungen getroffen hatte, Entscheidungen mit lebensverändernden Konsequenzen, aber davon abgesehen war er MEIN Held, und wenn das bedeutete, dass ich mit dem Teufel höchstpersönlich einen Pakt schließen musste, dann würde ich genau das tun.

„Wenn Novak so schlimm ist, verstehe ich nicht, wie irgendein kleiner Krimineller, der kaum alt genug ist, um legal Alkohol trinken zu dürfen, es mit ihm aufnehmen soll. Und nicht nur das, woher soll er genügend Einfluss haben, um irgendetwas für Race zu tun? Er war die letzten fünf Jahre eingesperrt, wie soll er denn da auch nur die geringste Chance haben?“

Nachdem ich gerade erst etwas Zeit in seiner Gegenwart verbracht hatte, musste ich allerdings zugeben, dass Bax tatsächlich reichlich Dunkles und Böses ausstrahlte, sodass er meinen Bruder vielleicht retten konnte. Bloß über seine Augen kam ich einfach nicht hinweg. Wenn er nichts fühlte, überhaupt nichts, warum sollte ihm Race dann wichtig genug sein, dass er ihm half? Ich musste ihm begreiflich machen, wie wichtig es war, meinen Bruder zu finden. Für niemanden war Races sichere Rückkehr wichtiger als für mich.

„Honey, du weißt doch, wie dein Bruder immer über diesen Typen gesprochen hat, als ob er ’ne Art Superheld wäre. Dieser Typ ist der beste Freund deines Bruders. Ihre Verbindung war so stark, dass er sogar für Race in den Knast gegangen ist. Das will was heißen, Dovie.“

Logisch betrachtet hatte sie ja recht, aber es fiel mir schwer, Furcht, Adrenalin und Panik von Vernunft zu unterscheiden.

„Ich muss los. Da ist gerade eine große Gruppe Kids reingekommen. Ich frage mich, ob ihre Eltern wissen, dass sie so spät noch unterwegs sind.“ Das sagte sie mit Ironie in der Stimme, denn sie wusste sehr gut, dass Marco und Paulie ebenfalls nicht dort waren, wo sie hingehörten, in ihren Betten. „Ich hab’s dir immer wieder gesagt, Süße, die Menschen werden am Ende zu dem, was sie sind. Wenn dieser Typ übel ist, dann ja vielleicht übel genug, um mit Novak fertigzuwerden. Kopf hoch und sei vorsichtig. Ich traue diesem Anzugtyp nicht, und ich traue auch keinem Jungen mit einem so aufgewühlten Blick.“

Ich schnaubte. „In seinen Augen war gar nichts, Carmen.“

„Ach, Schatz, wenn du genau hinschaust, kannst du alles in diesen Augen sehen. Deswegen sind sie so dunkel. Sie sind voll. Voll mit Geheimnissen, Versprechungen und Verlockungen, die ein braves Mädchen dazu bringen, schlimme Dinge zu tun und jede Sekunde zu genießen. Pass auf dich auf, Dovie. Das alles könnte für dich ziemlich schnell ziemlich hässlich werden.“

Bei mir war bereits zweimal eingebrochen worden, ein bekannter Schwerverbrecher kannte meinen Namen und wusste, wo ich lebte, mein Bruder war verschwunden, und ein verurteilter Straftäter war meine einzige Hoffnung, ihn zu finden. Meiner Ansicht nach konnte es nicht viel hässlicher werden. Ich verabschiedete mich von Carmen und ging ins Schlafzimmer, um mich auf der dünnen Bettdecke zu einer Kugel zusammenzurollen. Ich mochte es nicht, wenn ich keine Kontrolle über mein Leben hatte. Seit ich klein war, hatte ich dafür gesorgt, irgendwie zu überleben, in Sicherheit zu sein und alles zu haben, was ich brauchte, um in dieser Welt zurechtzukommen. Dann war Race aufgetaucht und hatte alles in die Luft gesprengt. Ich hatte mich auf meinen Bruder verlassen. Ich vertraute ihm, und ich liebte ihn, etwas, was ich zuvor nicht gekannt hatte. Niemals. Jetzt nichts tun zu können, alles Bax überlassen zu müssen machte mich nervös und wütend.

Ich hörte ein Klopfen an der Tür und sprang auf. Das konnten nur die Kids sein, da ja jeder andere in letzter Zeit sich einbildete, einfach in meine Wohnung spazieren zu können. Ich zog die Tür auf und sah hinunter auf Marco und seinen jüngeren Bruder. Marco war zweifellos auf dem besten Weg, eines Tages ein knallharter Typ zu werden, aber er war auch ein süßer Junge, der sich um seinen kleinen Bruder kümmerte und mich behandelte, als ob ich zur Familie gehörte, nur weil ich ihm manchmal Kekse buk.

„Was gibt’s?“

Er verlagerte nervös das Gewicht. „Wollte nur nachsehen, ob alles klar ist. Der Typ war nicht so ’ne Witzfigur wie der in dem Anzug.“

„Ich weiß, Marco. Alles okay. Er wird versuchen, Race zu finden.“

„Ich weiß. Er hat telefoniert, als er in sein Auto gestiegen ist. Mann, das ist echt ein heißer Schlitten.“ Neid klang aus seiner Stimme.

„Und was hat er am Telefon gesagt?“ Ich biss mir auf die Lippe, weil ich ein Kind nicht nach Informationen ausquetschen sollte, doch wenn Bax sich von mir nicht helfen lassen wollte, dann musste ich es eben einfach ohne ihn versuchen.

„Er hat irgendwas von einem Spanky’s drüben in The District erzählt.“

The District war das Viertel, in dem die Prostituierten lebten und arbeiteten. Voller Striplokale und Bars, wo Mädchen auf dem Rücken liegend ihren Lebensunterhalt verdienten. Es gehörte zu The Point, eine Gegend, die man in allen heruntergekommenen Stadtteilen nun mal findet.

„Und was hat er übers Spanky’s gesagt?“

Marco sah mich fragend an, und ich versuchte, beruhigend zu lächeln. Was er mir keine Sekunde abkaufte, denn wegen meiner Nervosität wurde eher eine Grimasse daraus. Er antwortete trotzdem.

„Er hat nach einem Mädchen namens Honor gefragt. Er sagte, dass er morgen vorbeikommen würde, um sich mit ihr zu unterhalten.“

Ich wusste nicht, ob das irgendetwas mit meinem Bruder zu tun hatte oder ob er sich nur flachlegen lassen wollte. Er hatte ja gesagt, dass das im Moment ganz oben auf seiner Prioritätenliste stünde. Trotzdem konnte ich mir diesen Hinweis nicht einfach so durch die Lappen gehen lassen. Ich streckte eine Hand aus, um Marcos Haar zu verwuscheln. Er fluchte, packte Paulie am Ellbogen und zerrte ihn zurück in den Flur.

„Sei vorsichtig, Dovie. Das ist kein Typ, mit dem man sich anlegen sollte.“

Wenn ein Junge in seinem Alter die Gefahr spürte, die von Shane Baxter ausging, war es vielleicht nicht gerade die klügste Idee, ihm in die Quere zu kommen. Denn die Chancen standen gut, dass er mich niedertrampeln würde. Leider sah ich jedoch in diesem Moment keine andere Möglichkeit.

„Du hast es heute Abend ja eilig, rauszukommen.“

Als ich ihre Stimme hörte und Brysen Carter sich neben mich setzte, sah ich auf. Wir arbeiteten beide als Bedienung in einem Ecklokal an der Grenze zwischen The Point und The Hill. Ich kam von der einen Seite der Straße, sie von der anderen, aber wir verstanden uns recht gut, und wenn ich der Typ für Freundinnen wäre, hätte ich sie als solche betrachtet. Sie war nett zu mir, steckte ihre Nase nicht in meine Angelegenheiten, übernahm immer bereitwillig meine Schicht, wenn mein Studium oder mein zweiter Job es verlangte, und sie ließ sich von niemandem blöd anmachen. Und das nicht, weil sie unübersehbar aus einer wohlhabenden Familie stammte, sondern weil sie klein und hübsch war. Das Restaurant befand sich nah genug an The Point, sodass die Leute glaubten, sie sei leichte Beute. Sie irrten sich.

„Ja, das stimmt.“ Ich machte gerade meine Abrechnung, obwohl meine Schicht noch nicht zu Ende war. Meine letzten beiden Tische hatte ich bereits dem neuen Mädchen übergeben. Zwar überließ ich ihr nicht gern das Trinkgeld, doch Race zu finden war wichtiger, und ich konnte, wenn nötig, auch mal einen Monat ohne warmes Wasser auskommen.

„Hausaufgaben?“

Sie wollte nur freundlich sein, aber ich hatte keine Zeit, darauf einzugehen. Ich wusste nicht, wann Bax in dem Club auftauchen würde, und musste auf jeden Fall dort sein, bevor er mich entdeckte und mich abfing.

„Nein, heute nicht.“

Mein zweiter Job war in einem Übergangshaus für Kids, die in ähnlichen Umständen wie ich aufgewachsen waren. Auch wenn es eine Menge wirklich gute Pflegefamilien gab, Menschen, die etwas Gutes tun wollten, waren andere sehr schlimm. Ich wollte helfen. Ich wollte jungen Menschen ein normales Leben ermöglichen, so wie Race mir. Ich ging zur Abendschule, um eines Tages als Therapeutin arbeiten zu können. Ich wollte, dass Kinder wie ich eine echte Chance im Leben bekamen.

„Nun, dass du keine Verabredung hast, weiß ich, weil die Hölle nicht zugefroren ist. Also, wo willst du hin?“

Ich sah sie an und verdrehte die Augen. Sie war so ein hübsches Mädchen, ich fragte mich immer, was sie hier zu suchen hatte, warum sie ihre Zeit nicht lieber in einer Studentinnenvereinigung oder auf einem Campus verbrachte. Sie hatte einen perfekt gestylten Bob, der genau den richtigen Blondton mit ein paar helleren Strähnen aufwies. Sie hatte freundliche blaue Augen und eine Figur, die wie geschaffen war für den engen schwarzen Rock und das T-Shirt, die sie gewöhnlich bei der Arbeit trug. Sie war nett und ehrlich an mir interessiert, aber ich wollte ihr nichts erzählen. Ich brauchte nicht noch jemanden, der mir sagte, dass ich vorsichtig sein solle und dass Bax mich in Schwierigkeiten bringen würde.

Nachricht empfangen, Universum, der Typ verhieß nichts Gutes; zu dumm, dass ich nichts dagegen tun konnte. Statt ihr zu antworten, neigte ich den Kopf zur Seite und hob eine Augenbraue. „Findest du, dass ich wie ein Bauernmädchen aussehe?“

Sie starrte mich an, als ob mir Hörner gewachsen wären, und lachte auf. „Was? Wer hat denn das behauptet?“

Ich schob das Geld und die Rechnungen in die Mappe, die ich abgeben würde, und steckte mein Trinkgeld ein. „Irgend so ein Typ. Ich fand das verrückt.“

Sie betrachtete mich einen Moment nachdenklich, dabei strich sie sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr.

„Also, du hast schon so was Gesundes und Unschuldiges an dir, aber ich kenne dich und weiß natürlich, wer du bist. Liegt wahrscheinlich an deinen viel zu großen Klamotten und daran, dass du dich nicht schminkst. Und dann dieses wilde Haar, mit dem du nie was anfängst und mit dem du aussiehst, als wärst du gerade mal fünf Jahre alt.“

Mit schicken Klamotten, hübscher Frisur und Make-up zog man in diesem Teil der Stadt nur unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich. Außerdem war mein Haar bereits wie ein Leuchtfeuer, da musste ich nicht noch zusätzlich auffallen.

„Das hat er auch gesagt.“

„Wer ist der Typ?“

Ich zuckte so ungezwungen wie möglich mit den Schultern. „Bloß ein Freund meines Bruders. Er kam vorbei, um nach Race zu fragen, und ich hab ihm gesagt, dass ich ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen habe.“

Sie zog ein Gesicht. Aus irgendeinem Grund war Brysen kein Fan meines Bruders. Sie hatten einen ähnlichen Hintergrund und mischten sich aus irgendwelchen persönlichen Gründen unters gemeine Volk, aber sie konnten sich nicht leiden. Sie war immer unfreundlich zu ihm gewesen, und er hatte sie ignoriert, was seltsam für mich war, denn ich mochte sie wirklich gern, und so was kam nicht gerade oft vor.

„Hat er eine Ahnung, wo Race stecken könnte?“

Ich schüttelte den Kopf und drückte mich vom Tisch ab. „Nein, ich bin auch nicht sicher, ob er es mir gesagt hätte, wenn er etwas wüsste. Er war nicht besonders redselig.“

„Scheint ein unhöflicher Typ zu sein, wenn er dich ein Bauernmädchen genannt hat, ohne überhaupt irgendwas über dich zu wissen.“

„Da hast du allerdings recht … Hör mal, wir unterhalten uns später, okay? Ich muss jetzt los.“ Ich wartete ihre Antwort nicht ab, sondern stürzte auf die Straße.

Ich habe nie ein Auto besessen, und Race hatte seines mitgenommen, als er verschwand. Das war ein weiterer Grund, warum ich mir Sorgen machte, denn es war ein wirklich hübsches Auto, und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand es stehlen würde, war so groß, wie einen Junkie an der Ecke zu treffen. Ich fasste mein wildes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und setzte einen ausgebeulten grauen Hut auf. Wenn jemand mich erkennen würde, dann an meinem Haar und nicht wegen der nichtssagenden Jeans, des weiten schwarzen Pullis und der ausgelatschten Converses. Ich sah aus wie ein Straßenkind, und da Bax kein bisschen von meinem Aussehen beeindruckt gewesen war, würde er sicherlich nicht nach mir Ausschau halten.

Bar um Bar. Striplokal um Striplokal. An jeder Straßenecke, an jeder Kreuzung Männer und Frauen, die ihr Geld mit dem ältesten Gewerbe der Welt verdienten. Einen Laden namens Spanky’s zu finden, wo so ziemlich jede Spelunke einen Namen mit einer ähnlich zweideutigen Anspielung hatte, war um einiges schwieriger, als ich gedacht hatte. Als ich ihn endlich entdeckte, verspürte ich wenig Lust, hineinzugehen.

Neonlicht und Pink. Es schrie geradezu nach Exzessen und schmutzigen Dingen. Schon auf dem Gehweg davor zu stehen verursachte mir eine Gänsehaut. Mein Leben war nicht hübsch und rosig, aber ich war nie tief genug gesunken, um meinen Körper verkaufen zu müssen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, dann öffnete ich die Tür. Nachdem ich hineingegangen war, konnte ich nicht aufhören, die Hände an meiner Jeans abzuwischen. Drinnen war es genauso pink und grell. Hastig sah ich mich nach einem Platz um, wo ich niemandem auffallen würde, da ergriff jemand meinen Arm und wirbelte mich herum.

„Biste alt genug, um hier zu sein, Mädchen?“

Der gigantische afroamerikanische Mann schüttelte mich. Sein kahl geschorener Kopf glänzte im Neonlicht, mir schlug das Herz bis zum Hals. Er fletschte regelrecht die Zähne, und mir fiel nicht nur der Diamant in seinem Schneidezahn auf, sondern vor allem die Pistole, die er in einem Lederholster trug. An die Brutalität und all die unappetitlichen Dinge, die in diesem Teil der Stadt vor sich gingen, war ich gewöhnt. Typen mit Knarren dagegen waren neu für mich, und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, ohne mich lächerlich zu machen oder meine einzige Chance, Bax zu finden, zu vergeigen.

„Bin ich.“

„Du bist nicht zum Arbeiten oder Zuschauen gekommen.“ Das war keine Frage. „Also, was machst du hier?“

Ich versuchte, mich loszureißen, kam aber nicht weit. „Ich suche jemanden.“

Das zu sagen war ein Fehler gewesen, denn jetzt zog er die Augenbrauen nach unten und schüttelte mich erneut. Meine Zähne schlugen aufeinander, und ich schmeckte Blut.

„Hör zu, Kleine, wenn dein Mann dich betrügt, ist das dein Problem. Wenn du Zoff mit einem der Mädchen hast, regle das in deiner Freizeit und nicht während der Arbeitszeit. Kapiert?“

So etwas kam wohl öfter vor, falls dieser Typ extra hier war, um Raufereien zwischen den Mädchen zu verhindern.

„Hau ab. Kauf dir einen Lippenstift oder so was, dann muss dein Typ nächstes Mal vielleicht nicht herkommen, um ein bisschen Spaß zu haben.“

Gegen meinen Willen fühlte ich mich in meinem Stolz getroffen und versuchte erneut, mich aus seinem Griff zu befreien. Gerade wollte ich ihm sagen, dass er zum Teufel gehen solle, als die Tür hinter ihm aufgestoßen wurde. Kalte Nachtluft drang herein, zusammen mit einer elektrischen Spannung, die nur von einer Macht ausgehen konnte, die dunkler und schwerer als die Luft um sie herum war.

„Hey, Chuck. Ich muss mit Honor sprechen.“

Seine Stimme erkannte ich sofort, rau und autoritär und tief vom Rauchen.

„Warte mal kurz, Bax. Ich begleite erst dieses kleine Miststück hinaus.“

Na toll. Die Chance, mich unbemerkt davonzumachen, war dahin. Ich konnte praktisch spüren, wie sein dunkler Blick ein Loch in meinen Hinterkopf brannte. Nun packte er meinen anderen Arm und riss mich unbarmherzig herum. Der Hut flog von meinem Kopf, der Pferdeschwanz schlug mir ins Gesicht. Ich blies mir eine Strähne aus der Stirn und sah in seine lodernden schwarzen Augen. Der Stern auf seiner Schläfe pulsierte im Takt mit dem zuckenden Muskel in seiner Wange. Das zu sehen war genauso Furcht einflößend wie faszinierend. Der riesige Türsteher wich einen Schritt von mir zurück, wodurch ich gegen Bax geschleudert wurde. Der fing mich mit der anderen Hand auf und schüttelte mich so fest, dass mein Nacken beängstigend knackte.

„Was zur Hölle hast du hier zu suchen?“

„Du kennst sie?“, fragte er Türsteher trocken.

Bax kniff die Augen zusammen und verpasste mir einen Stoß, der mich fast umgehauen hätte. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das bestraft wird, weil es nicht aufgegessen hat. Schnell hob ich den Hut auf und setzte ihn mir wieder auf den Kopf. Dann verschränkte ich die Arme vor der Brust.

„Nein. Race kennt sie.“

„Ahhh … ich muss schon sagen, er hatte früher einen besseren Geschmack“, sagte der Türsteher gedehnt.

Ich hätte ihm am liebsten eine runtergehauen. Zu dumm, dass er groß wie ein Haus war.

„Ist seine Schwester. Lass sie in Ruhe.“

„Tut mir leid“, sagte er, nur dass er sich bei Bax entschuldigte, nicht bei mir.

Das muss man sich mal vorstellen.

„Honor ist noch fünf Minuten auf der Bühne. Ich hab ihr gesagt, du würdest heute Abend kommen. Sie wusste nicht, dass du wieder draußen bist.“

„War die letzten Tage ziemlich beschäftigt. Wollte mich einfach mal blicken lassen.“

„Die ganze Geschichte war echt ungerecht, Bax. Wir fanden es alle traurig, dass du dafür eingefahren bist.“

Bax stieß ein bitteres, humorloses Lachen aus und zerrte mich an seine Seite. „Ich war im Auto, als die Cops mich erwischt haben. Aus so einer Sache kommt man nicht mehr raus, außerdem war ich aktenkundig. Kann froh sein, dass ich mit fünf Jahren davongekommen bin.“

„Ich hab gehört, dass mehr dahintersteckt.“

Er blickte mich kurz aus dunklen Augen an, dann wieder den Türsteher.

„Da hast du was Falsches gehört. Die haben mich eingesackt, als ich ein Auto für Novak klargemacht habe. Das war alles. Jetzt bin ich draußen, und Novak kann mich am Arsch lecken. Ich will bloß mit Race sprechen und mit meinem Leben weitermachen. Fünf Jahre sind ’ne lange Zeit, um Däumchen zu drehen.“

Der Türsteher nickte, als ob er genau verstünde, und ich versuchte, mich unauffällig loszumachen. Doch davon wollte Bax nichts wissen, er verstärkte seinen Griff noch. Es tat weh, und das war ihm auch klar, so wie er mich ansah.

„Sag Honor, dass ich gleich komme. Ich muss mich erst um das hier kümmern.“

Das hier war ich, er drehte sich um und zerrte mich nach draußen. Ich quietschte vor Überraschung, weil ich es nicht gewohnt war, so grob behandelt zu werden. Ich war es ebenfalls nicht gewohnt, dass jemand seine ungezügelte Wut an mir ausließ. Normalerweise kümmerte ich mich um meinen eigenen Kram, hielt mich zurück und stand niemandem im Weg. Nur so hatte ich so lange überleben können. Bax in die Quere zu kommen war das genaue Gegenteil, und nun hatte ich den Salat.

„Was machst du hier? Woher kennst du diesen Laden?“

Darauf wollte ich nicht antworten, genauso wenig, wie ich mich von ihm einschüchtern lassen würde. Ich riss mich los und wirbelte herum, wild entschlossen, ihn einfach stehen zu lassen. Nur hatte ich vergessen, dass er nicht bloß irgendein Typ war. Ihn konnte man nicht ignorieren. Schon drückte er mich mit dem Rücken gegen die bröckelnde Ziegelwand eines Striplokals im gefährlichsten Teil der Stadt. Als er mich hoch auf die Zehenspitzen zog und sich herunterbeugte, bis sich unsere Nasenspitzen berührten, keuchte ich auf und schlang die Finger um seine kräftigen Handgelenke. Der Zorn in seinem mitternachtsdunklen Blick loderte heiß genug, um mich zu verbrennen.

„Glaubst du, dass du mit mir spielen kannst, Rotschopf? Wirke ich auf dich vielleicht wie ein unbekümmerter und netter Typ? Also, ich frage dich, und zwar auf die freundliche Art. Aber wenn ich es noch mal tun muss, werden wir beide das bereuen. Was verdammte Scheiße machst du hier?“

Auf jedem der kräftigen Handgelenke, die ich umklammerte, hatte er zusammenpassende schwarz-graue Tätowierungen, eine Kette mit einem gebrochenen Glied. Als ob er sich aus irgendetwas befreit hätte und aufgebrochen wäre, um in einer nichts ahnenden Welt verheerenden Schaden anzurichten.

„Ich mache mir Sorgen um meinen Bruder. Er vertraut dir und denkt, dass du ihm helfen kannst. Ich muss einfach wissen, was du weißt. Marco hat zufällig gehört, dass du hierherkommst, deswegen bin ich da. Ich liebe ihn.“ Meine Stimme kippte, und obwohl ich wusste, wie dumm es war, dem Feind gegenüber Schwäche zu zeigen, konnte ich nicht verhindern, dass Tränen in meine Augen schossen.

„Du hast doch keinen Schimmer, was du hier machst. Du bist mir nur im Weg und bringst mich in Schwierigkeiten. Chuck vergisst niemals ein Gesicht, wenn also jemand hier herumschnüffelt, wird er sofort von einem Rotschopf erzählen, der seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen. Geh zurück zum Diner. Oder in deine Wohnung. Wenn ich Race finde und es noch nicht zu spät ist, werde ich dir Bescheid geben.“

Er ließ mich los, und ich rutschte die Wand hinunter, mein Haar blieb an den rauen Ziegeln hängen. Er wandte mir den Rücken zu, und ich griff nach einem seiner Handgelenke. Ich wusste, wie sich Verzweiflung anfühlte, ich kannte das tief in der Seele brennende Bedürfnis, etwas zu bekommen, was man nicht haben konnte. Doch hier ging es um was anderes.

„Bitte, Shane. Bitte lass mich dir helfen. Er ist mein Bruder. Ich werde alles tun. Ich gebe dir alles, was du verlangst. Bitte.“ Nie zuvor im Leben hatte ich um etwas gebettelt, vor allem war ich immer klug genug gewesen, einem Typen wie Bax nichts schuldig zu bleiben, aber für Race war ich dazu bereit. Ich versuchte alles, was ich fühlte, in meinen Blick zu legen, damit er mich verstand, doch diese schwarzsamtenen Augen blieben vollkommen ungerührt. Während er mich von Kopf bis zu meinen zerschlissenen Turnschuhen musterte, tauchte seine Zungenspitze zwischen seinen Lippen auf.

„Bist du noch Jungfrau, Rotschopf?“

Ich krümmte mich innerlich, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, was das mit der ganzen Sache zu tun haben sollte, und spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. Daher verschränkte ich die Arme vor der Brust.

„Wieso? Warum in aller Welt sollte das wichtig sein?“

Er holte eine Zigarette aus dem Päckchen, zog die Augenbrauen hoch und schaute mich an. „Du würdest mir alles geben? Ich glaube zwar nicht, dass du irgendwas zu bieten hast, das ich will, aber ich war ziemlich lange eingesperrt. Und ein Mann wird einsam.“

Ich wusste nicht, ob er mich aufzog oder nur absichtlich fies und eklig war. Genauso wenig wusste ich, ob er es ernst meinte, und das war das Schlimmste daran. „Sei nicht albern.“

Er stieß lachend den Rauch aus, strich mit dem Daumen über seine Unterlippe und ging einmal um mich herum. „Niemand nennt mich Shane, einfach nur Bax, und genau deswegen würdest du mir nur im Weg sein. Wenn du behauptest, alles geben zu wollen, dann musst du es auch so meinen. Diese Leute nehmen alles, selbst das, was du ihnen nicht geben möchtest. Geh nach Hause.“

Er hatte die Hand auf den Türgriff gelegt und war kurz davor, mir wieder zu entkommen. Ich weiß nicht, was mich ritt, hatte keine Ahnung, ob er es ernst gemeint hatte oder nicht, doch für Race konnte ich es tun. Ich würde mich selbst hassen, ich würde diesen dunklen und gefährlichen Jungen hassen, aber ich konnte es tun.

„Ich bin keine … Jungfrau, meine ich. Nicht mehr, also kann mir das niemand wegnehmen, das hat nämlich schon Billy Clark erledigt. Und ich hab’s freiwillig gemacht, mit sechzehn, nach einer gestohlenen Flasche Wein und nachdem er mir sagte, dass ich hübsch sei. Er war der erste Junge, der das je gesagt hat. Ich habe keine Angst vor dir, Bax. Doch ich habe schreckliche Angst um Race. Ich tue, was immer nötig ist.“

Er musste meine wilde Entschlossenheit bemerkt haben und dass ich nicht einfach verschwinden würde, denn er warf seine Zigarette in eine Pfütze aus einer undefinierbaren Flüssigkeit und zog die Tür auf.

„Früher oder später werden wir beide es bereuen, Rotschopf. Sag dann nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Ich spürte seinen brennenden Blick im Rücken, als er mir in das Striplokal folgte. Ich war nicht sicher, wozu ich mich gerade bereit erklärt hatte oder was hinter der nächsten Ecke auf mich wartete. Was ich aber wusste und in jeder Zelle meines Körpers fühlte, war, dass ich einen unauflösbaren Vertrag mit dem Teufel geschlossen und womöglich meine Seele für immer verkauft hatte.

3. KAPITEL

Bax

Sie überraschte mich. Und ich war nicht leicht zu überraschen. Ich hatte sie bedrängt, hatte regelrecht ihre Tugend bedroht, und sie hatte nicht mal mit der Wimper gezuckt. Sie war nicht mein Typ. Ich mochte Mädchen, die in derselben Liga wie ich spielten. Solche, die mich nicht fragten, ob ich wiederkommen würde, oder auch nur, ob ich sie mit dem Vornamen ansprechen wollte. Davon abgesehen waren blasse Haut und orangerotes Haar wirklich nicht mein Ding. Obwohl sie im Neonlicht vom Spanky’s hübscher aussah. Ihre grünen Augen strahlten und wirkten widerspenstig wie verrückt, und ohne diese ganzen Locken im Gesicht sah ich ihre hohen Wangenknochen mit den Sommersprossen und den rosa Mund mit den vollen Lippen. Diese Lippen passten irgendwie nicht zu einer wie ein katholisches Schulmädchen aussehenden Kleinen. Sie war nicht halb so durchschnittlich, wie ich anfangs gedacht hatte, doch sie suggerierte eine gewisse Unnahbarkeit, für die ich keinen Nerv hatte. Ich konnte nach wie vor nicht sagen, was sie unter diesen viel zu weiten Klamotten verbarg, aber süß und weich törnten mich nicht an, genauso wenig wie die Dickköpfigkeit, mit der sie mir hinterherlief.

Mir war klar, dass ich sie nicht so einfach loswerden würde. Sie war wild entschlossen, ihre Nase in alles zu stecken, was ich unternahm, um an Informationen über Race zu kommen. Deswegen war es besser, sie im Auge zu behalten, statt sie im Dunkeln hinter mir herschleichen zu lassen. Ehrlich gesagt rechnete ich damit, dass sie sich verziehen würde, sobald sie die Läden sah, die ich besuchte, die harten Typen, mit denen ich verkehrte. Und wenn das nicht funktionierte, würde ich sie so lange mit einer überreizten Libido belästigen, bis sie aufgab. Sie schien mir nicht der Typ zu sein, der auf Sex stand, und ich war ein Mistkerl, der jeden Vorteil ausnutzte, wenn mich das weiterbrachte.

Alle Striplokale waren gleich. Verzweifelte Mädchen tanzten für einsame und deprimierte Männer. Sie rochen nach Babyöl und billigem Fusel, und weder die Kunden noch die Angestellten wirkten, als wollten sie wirklich hier sein. Spanky’s war ein klein wenig anders. Die Mädchen, die hier arbeiteten, hatten es nicht nötig, zu betrügen oder die Gäste zu überreden, mit ihnen nach Hause zu gehen, um ein paar Kröten zu verdienen. Ernie, der Typ, dem der Laden gehörte, stand auf Novaks Gehaltsliste und ließ dessen Leute hier ihre Geschäfte erledigen und am Wochenende Poker spielen. Deswegen wurden die Mädchen gut bezahlt, und so, wie sie sich benahmen, erinnerten sie weniger an exotische Tänzerinnen als an hübsche Möbelstücke. Chuck hatte den Laden fest im Griff. Als er mich und mein Anhängsel zum VIP-Bereich hinter der Bar führte, konnte ich sehen, dass sich nicht viel verändert hatte.

Neugierig musterte er Dovie aus dem Augenwinkel, als wir eines der Separees mit dem roten Samt erreicht hatten, und ich gab ihr einen kleinen Stoß, ohne auf ihren bösen Blick zu achten. Dann, als er mit einer Kopfbewegung andeutete, dass er mit mir sprechen wollte, trat ich einen Schritt zur Seite.

„Seit wann hat Race eine Schwester?“

„Seit ich im Knast war.“

„Die sehen sich überhaupt nicht ähnlich. Bist du sicher, dass sie nicht einfach zu Novak gehört? Er lässt überall nach deinem Jungen suchen. Wie man sich erzählt, will er ihn lebend und ist bereit, einen Haufen Kohle für ihn hinzublättern.“

Ich hob eine Schulter und rieb mir über den rasierten Kopf. „Sieht sie vielleicht so aus, als ob sie sich mit Benny und den Jungs rumtreiben würde?“, fragte ich sarkastisch.

Er lachte trocken. „Nein, aber du siehst auch nicht gerade wie die Geißel von The Point aus, sondern einfach nur wie irgendein kleiner Arsch.“

Ich war froh, dass ich noch immer einen Ruf hatte, wenn ich ihn brauchte. „Es sind die Augen. Beide haben dieses Tannengrün. Sie kommt mir sauber vor, und falls nicht … kümmere ich mich darum.“

Er nickte, denn als sentimental konnte man mich nun wirklich nicht bezeichnen. Sie war mir sowieso schon im Weg, und wenn sich herausstellte, dass sie jemand anders war, als sie behauptete, würde sie dafür bezahlen. Und zwar so, dass man hier, wo Verbrechen an der Tagesordnung waren, bis in alle Ewigkeit davon erzählen würde.

Ich rutschte zu ihr auf die Bank. Sie starrte mich mit ihren dunkelgrünen Augen unverwandt an. Und dann verzog sie ihren verführerischen Mund auf unschöne Weise, als jemand von hinten die Arme um meinen Hals schlang und Lippen, die wie Kirschbonbons rochen, neben meinem Ohr landeten. Zwar konnte ich wegen der Kapuze nichts sehen, war aber ziemlich sicher, dass sich verdammt schöne unechte Brüste an meinen Rücken pressten.

„Lang nicht gesehen, Hübscher. Ich wusste nicht, dass du wieder draußen bist.“

Ihre Stimme war heiser, darauf angelegt, geile Männer auf die Idee zu bringen, all ihr hart verdientes Geld auszugeben, auch wenn deswegen ihre Kinder und Frauen ohne auskommen mussten.

Ich drehte mich um und drückte einen kurzen Kuss auf ihre tiefrot geschminkten Lippen. Es war, als würde ich eine Kerze berühren. Dann versuchte ich, sie möglichst sittsam zu umarmen, so sittsam es eben geht, wenn man selbst angezogen war, während eine Frau nichts trug als Stöckelschuhe und Stringtanga.

„Bin gerade erst rausgekommen. Ich suche Race. Hast du ihn gesehen, seit er wieder in der Stadt ist?“ Sie blickte über meine Schulter zu Dovie, die auf der Bank praktisch auf und ab hüpfte.

„Wer ist dieser Bubikopf?“

Ich sah Dovie an, und sie rührte sich nicht mehr. Die blassen Hände flach auf die Tischplatte gelegt, starrte sie mich lediglich an.

„Niemand. Honor, du und Race, ihr hattet doch was am Laufen, bevor ich in den Knast kam. Ich muss ihn finden. Ich glaube, er steckt in Schwierigkeiten.“

Honor öffnete den Mund, aber in diesem Moment zischte Dovie: „Mein Bruder hat keine Stripperin gevögelt.“

Scheiße. Honors unechte Wimpern flatterten, dann senkten sie sich, und ich konnte die Wut spüren, die all diese nackte Haut ausstrahlte. Man ging nicht in einen Club und beleidigte die Tänzerinnen. Das war nun mal Gesetz in The District.

„Tja, Schätzchen, er hat nicht nur eine Stripperin gevögelt … sondern ’ne ganze Flotte. Manchmal mehrere auf einmal. Wenn Bax sagt, dass wir was laufen hatten, heißt das nur, dass ich Race am besten gefallen habe. Das solltest du eigentlich wissen, wenn du hier rumrennst und behauptest, er sei dein Bruder.“ Sie zeigte mit dem Daumen auf Dovies finsteres Gesicht und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Im Ernst? Kaum warst du mal ’ne Sekunde eingesperrt, da bringst du gleich so eine her? Hast du vergessen, wie es hier läuft, Bax?“

Seufzend schüttelte ich den Kopf. „Ich hab überhaupt nichts vergessen. Ich muss einfach wissen, was für ein Problem Race hat.“

Sie schmollte noch einen Moment und führte den Glotz-Wettbewerb mit Dovie fort. Keine von ihnen konnte ihn gewinnen, denn es war, als würde ein Apfel eine Orange anstarren, deswegen wartete ich, bis Honor mich ansah. Jetzt änderte sie ihre Taktik und setzte ein gigantisches unechtes Grinsen auf. Dann klimperte sie mit den Plastikwimpern und strich mit ihren langen Fingernägeln über den Reißverschluss meiner Kapuzenjacke. Ich hob eine Augenbraue und fasste sie am Handgelenk.

„Warum wirst du diese Langweilerin nicht los und kommst nach meiner Schicht her? Wir könnten plaudern und … du weißt schon … uns wieder anfreunden.“

„Ich habe wenig Zeit und sogar noch weniger Geduld, Honor. Du willst sicher nicht, dass ich eins von beidem verliere.“

Sie zog ein Gesicht und warf ihr langes rotbraunes Haar über die Schultern, damit ich die harten Nippel sah, die sie an mir rieb.

„Ich weiß nur, dass jeder, und ich meine jeder, nach ihm sucht. Er war hier, als er zurück in die Stadt kam, und wollte Ernie sprechen. Ich hab ihn gefragt, ob er Lust hätte, sich an die schönen alten Zeiten zu erinnern, aber das interessierte ihn nicht. Eine Weile war es still um ihn, wir alle wussten, dass er wieder da war und in The Point lebte, und auf einmal war Novak stinksauer auf ihn, und Race löste sich in Luft auf. Ich mag Race, wir alle mögen Race.“

Das war gezielt an Dovie gerichtet, und ich hörte, wie die zischend einatmete.

„Wenn ich etwas wüsste, würde ich es dir sagen, Bax. Du weißt, dass ich dich nicht hängen lasse.“

Ich betrachtete sie einen Moment, versuchte herauszufinden, wie viel davon der Wahrheit entsprach und was sie nur sagte, weil ich es ihrer Meinung nach hören wollte. „Worüber hat er mit Ernie gesprochen?“

Sie hob eine nackte Schulter und strich über meinen Arm. Jeder längere Kontakt mit einer unbekleideten Frau hatte zwangsläufig einen Effekt auf meinen ausgehungerten Sextrieb, doch aus irgendeinem Grund fand ich das Zucken in meiner Hose eher störend als aufreizend und heiß.

„Weiß nicht. Hat er nicht gesagt. Er wollte aber wissen, ob ich einen Typen gesehen hätte.“

Ich packte sie an den Oberarmen. Sie schrie leise auf, als ich sie auf die Spitzen ihrer billigen Stöckelschuhe stellte. „Was für einen Typen?“ Das war wichtig. Ich konnte es spüren. Ich war ein guter Dieb, ein erfolgreicher Krimineller, weil mein Instinkt mich selten trog. Nach wem auch immer Race gefragt hatte, er war der Schlüssel zu seinem Verschwinden. Ich wusste es einfach.

„Bax?“

Das war nicht Honors übermäßig auf sexy getrimmte Stimme, sondern die von Dovie, viel ruhiger und modulierter. Mir wurde klar, dass ich Honors Oberarme nicht nur fest genug drückte, um blaue Flecken zu hinterlassen, ich schüttelte sie auch wie eine Stoffpuppe. Vorsichtig setzte ich sie ab, und sie trat einen Schritt zurück.

„Was für ein Typ, Honor?“

Sie sah mich finster an und wollte einfach weggehen, ihre eisengrauen Augen sprühten Funken.

„Du bist noch immer ein Arschloch, Bax. Keine Ahnung, wie ich das vergessen konnte. Wahrscheinlich liegt es an dem ganzen dunklen und gefährlichen Mist, den du ausstrahlst. Ich hatte verdrängt, dass der gruselige Teil von dir echt nicht witzig ist. Irgendein Geldsack. Er hat nach einem echt reichen Typen gefragt, mehr weiß ich nicht. Wenn du wiederkommst, lass Bubikopf zu Hause. Und denk dran, dass ich es nicht brutal mag.“

Sie stolzierte mit so viel Würde davon, wie man auf lächerlich hohen Absätzen und sonst nicht viel am Körper aufbringen konnte, und ich drehte mich um und sah Dovie an. Ein Sturm braute sich unter ihrer blassen Haut zusammen. Das sah ich an den heißen roten Flecken auf ihren Wangen und weil ihre grünen Augen jetzt fast schwarz wirkten. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt.

„Niemals. Race würde niemals mit einem Stück Dreck wie der da rummachen.“

Mir fiel auf, dass sie sich über mich keine derartigen Illusionen machte. Ich legte die Hände um die Tischkante und beugte mich hinab, bis wir auf Augenhöhe waren. Sie wich zurück, und ich sah sie schlucken.

„Was du zu wissen glaubst und was du tatsächlich weißt, sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, Rotschopf.“

„Ich kenne meinen Bruder.“

Sie war dickköpfig, und es gefiel mir, wie sie ihre hübschen Lippen fest zusammenpresste. Dass jemand dermaßen loyal war – wenn auch aus falschem Grund –, kam hier selten vor.

Ich drückte mich vom Tisch ab. „Du kennst deinen Bruder heute; aber du hast keine Ahnung, wie er früher war. Das solltest du immer im Kopf behalten, dann ist die Enttäuschung hinterher nicht so groß. Ich muss mich nach Ernie umsehen. Bleib hier und versuch einfach, nicht auch noch die anderen Tänzerinnen gegen dich aufzubringen.“

Sie verzog das Gesicht, das, wie ich zugeben musste, niedlich war. Diese Sommersprossen gefielen mir allmählich.

„Ich will mitkommen.“

„Zu dumm. Ernie und Novak arbeiten zusammen, also wird er mit mir sprechen. Wenn du uns hinterherschnüffelst, wirst du deinen nackten Hintern da oben auf der Bühne wiederfinden, ob es dir passt oder nicht. Stell dir vor, Ernie ist nicht gerade der einfühlsamste Striplokal-Besitzer der Welt. Du bleibst schön hier sitzen.“

Es war mir egal, ob sie auf mich hörte oder nicht. Chuck würde sie im Auge behalten, und wenn sie sich mit ein paar halb nackten Frauen anlegen wollte, die lediglich versuchten zu überleben, dann war das ihre Entscheidung. Den Babysitter zu spielen hatte ich mir wirklich nicht ausgesucht, und ich hatte keine Zeit, sie davon zu überzeugen, dass Race ein Mann mit Vergangenheit war wie jeder hier in The Point. Sicher, er kam vielleicht aus einer schöneren und besseren Garage, aber das bedeutete nicht, dass sein Fahrwerk nicht genauso verrostet und löchrig war wie bei den anderen von uns. Je schneller sie das kapierte, desto geringer würde die Enttäuschung sein, sobald ans Licht kam, was genau Race ausgefressen hatte.

Ich bahnte mir einen Weg zum Hinterzimmer, nickte in Chucks Richtung und deutete mit dem Daumen über die Schulter hinter mich, damit er wusste, dass ich Dovie allein gelassen hatte. Er senkte bestätigend das Kinn, und ich klopfte mit den Fingerknöcheln an die Bürotür. Darauf, hereingebeten zu werden, wartete ich nicht.

Ernie war ein großer, fetter Fiesling von einem Mann. Er hatte schütteres und öliges Haar, kleine Knopfaugen und war genauso habgierig wie schlau. Meine Theorie war, dass Typen wie er Striplokale aufmachten, weil sie keine andere Möglichkeit hatten, heiße nackte Mädchen zu sehen zu bekommen. Er bezahlte dem Big Boss, was der verlangte, und überließ ihm den Schuppen für seine Geschäfte. Im Gegenzug sorgte Novak dafür, dass Ernie nichts passierte und dass er mit einem stetigen Strom neuer Mädchen, reicher Gäste und endloser Vorräte an Koks rechnen konnte. Von dieser Beziehung profitierten beide. Zwei schmierige Typen, die immer auf der falschen Seite des Gesetzes operierten. In Novaks Fall sehr, sehr weit auf der falschen Seite.

Ernie saß hinter seinem Schreibtisch und telefonierte mit dem Handy. Er hob die buschigen Augenbrauen, als er mich sah. Ich warf ihm so etwas wie ein Lächeln zu, bei dem ich in Wahrheit nur die Zähne entblößte, dann lehnte ich mich mit verschränkten Armen an die geschlossene Tür. Meine Absicht war klar. Bis ich nicht die Antwort hatte, die ich wollte, würde niemand das Büro verlassen oder betreten, es sei denn, er rannte mich um.

„Ernie.“

„Wenn das mal nicht Novaks Goldjunge ist, zurück aus dem Gefängnis. Ich hab schon gehört, dass du durch die Gegend stromerst. Versuchst, deine alten Freundinnen zu treffen. Fünf Jahre sind eine lange Zeit; die meisten sind nicht mehr hier.“

Das hieß, sie waren entweder drogenabhängig, einmal zu oft verprügelt oder einfach zu alt geworden, um genug Geld reinzuholen. Dieser Typ war eine richtig miese Nummer.

„Ich bin auf der Suche nach Race.“

„Du und jeder andere Scheißkerl in The Point. Weiß nicht, warum er hier auftauchen musste. Ist doch gut für ihn gelaufen, du im Knast, aus den Augen, aus dem Sinn. Jetzt ist der Vollidiot wieder in aller Munde, und niemand ist besonders glücklich darüber.“

„Honor sagte, dass er nach irgendeinem reichen Sack gefragt hat. Nach wem?“

„Wieso sollte ich dir irgendwas erzählen? Du warst weg, Junge. Du hast hier nichts mehr zu melden. So, wie das mit dir und Novak den Bach runtergegangen ist … Verdammt, du hast Glück, dass du überhaupt noch atmest.“

Ich kniff die Augen nur ein wenig zusammen und verzog einen Mundwinkel nach oben zu einem Grinsen, das schon deutlich gefährlichere Männer als ihn in die Flucht geschlagen hatte. „Novak ist nicht hier. Im Gegensatz zu mir. Willst du wirklich, dass ich mir die Antworten auf die harte Tour hole? Willst du herausfinden, auf welche Art und Weise ich mich in meinen Träumen an dir gerächt habe, während ich im Knast war?“ Ich drückte mich von der Tür ab und näherte mich seinem Tisch.

Ernie schob den Stuhl zurück, und als er sich aufrichtete, wirkte es, als würde er unter seinem Gewicht zusammenbrechen. Ich sah, wie sich die kahlen Stellen seines Kopfes mit einem dünnen Schweißfilm überzogen. Vielleicht hatte ich nichts mehr zu melden, aber das mit dem Angsteinjagen funktionierte auf jeden Fall noch immer.

„Hör zu, ich weiß nicht, wer der Typ war. Race hatte ein Foto aus einer Zeitung oder so was. Von der Gesellschaftsseite. Er war total sauer. Wollte wissen, ob der Typ hier gewesen ist. Ich sagte ihm, dass ich das nicht wüsste, und er hat mit der Faust die Wand durchlöchert.“

Er zeigte auf eine Stelle, an der das schlüpfrige Foto eines Mädchens klebte, das mit ausgestreckten Armen und Beinen auf einem Bett lag.

„Den Namen des Typen hat er nicht erwähnt?“

„Nein. Ich hab ihm verklickert, dass ich mit niemandem über Novaks Geschäfte rede, aber dass dieser Mr Schickimicki mehr als einmal zu den Pokerrunden kam. Und nicht alleine. Er hat seine eigene Unterhaltungsmannschaft mitgebracht, falls du verstehst, was ich meine.“

Ich runzelte die Stirn, und Ernie grinste anzüglich.

„Race hat nicht gesagt, was er von dem Typen wollte?“

„Nein, aber kurz danach kamen Benny und die Jungs an und haben die Kleine aufgemischt, mit der Race zusammenwohnte. Das hat ihm den Rest gegeben. Ich dachte immer, er wäre ein kluger Junge, dann ist er jedoch bei Novak reinmarschiert und hat ihm gedroht und wirres Zeug geredet. Man sagt zu einem Mann wie Novak nicht, dass seine Zeit gekommen ist, es sei denn, man will unbedingt unter der Erde landen. Der Junge war also doch nicht so clever, wie ich annahm.“

Das alles gefiel mir überhaupt nicht. Race hatte Köpfchen und wusste, dass man besser keine leeren Drohungen ausstieß. Wenn er etwas gegen Novak in der Hand hatte, das ein ganzes kriminelles Imperium einreißen konnte, hatte er natürlich untertauchen müssen. Das erklärte auch, weshalb Novak seine sämtlichen Lakaien nach ihm suchen ließ. Ich verstand das Timing nicht, zu dem Race zurückgekommen war, und warum er bis zu meiner Entlassung gewartet hatte, um diesen Schritt zu machen. Außerdem hatte ich keinen Schimmer, womit er glaubte, Novak unter Druck setzen zu können. Ich bekam ein ungutes Gefühl. Und das passte mir gar nicht in den Kram.

„Der Typ, nach dem er gesucht hat, arbeitet der mit Novak zusammen?“

Ernie schnaubte und tippte mit seinen zu langen Fingernägeln auf die Tischplatte.

„Wie ich schon sagte, Junge, ich rede nicht über Novaks Geschäfte. Das ist der Grund, warum ich noch immer hier bin und wieso ich die besten Mädchen bekomme. Du hast Honor gesehen; hat sie dich vermisst? Wie ich höre, haben alle diese Weiber eine Schwäche für dich. Ich glaube, du hast ein paar Herzen gebrochen, als du geschnappt wurdest.“

Die Mädchen mochten mich, weil ich mir holte, was ich brauchte, und sie ansonsten in Ruhe ließ. Ich blieb hinterher nicht noch, um über meinen Tag zu jammern oder über meine Arbeit, ich wollte einfach nur vögeln und nach Hause gehen. Erfreulicherweise für sie war ich beim Sex ziemlich aufmerksam. Ich achtete immer darauf, so viel zu geben, wie ich konnte, es sei denn, ich hatte es eilig.

„Im Moment sind Novaks und meine Geschäfte ein und dieselben. Sag mir, was du weißt, Ernie.“

Ich ließ die Knöchel knacken und ballte die Hände zu Fäusten, während er sich an den Tisch lehnte.

„Hab gesehen, dass du Races Rothaarige dabeihast. Ich weiß nicht, warum dieses Mädchen euch Jungs so interessiert, aber Benny und seine Kumpels wären hocherfreut, zu erfahren, dass du gleich nach Races Verschwinden Kontakt mit ihr aufgenommen hast. Vielleicht, nur vielleicht, ist sie ja der Schlüssel, wie man Race zurückholen kann.“

Ich mochte es nicht, bedroht zu werden. Noch weniger mochte ich es, wenn eine offenbar unschuldige junge Frau bedroht wurde. Dovie war womöglich vertraut mit den Problemen und Schwierigkeiten, mit denen man sich auf dieser Seite des Zaunes nun mal herumzuschlagen hatte, aber alles an ihr wirkte sanft und unberührt. Ernie oder Benny durften sie nicht beschmutzen.

Ich brauchte zwei Schritte und einen Sprung, um Ernie an seinem verschwitzten Kragen zu packen. Er beschimpfte mich, und ich nutzte die Wucht meiner Muskelmasse, um seinen wabbeligen Körper über den Tisch zu zerren. Er hatte weder die Kraft noch die Fähigkeit, sich gegen mich zu wehren, er fluchte nur und kratzte an meinen Handgelenken, um sich zu befreien.

„Sie ist tabu. Hast du verstanden?“

Wieder beschimpfte er mich und versuchte, mir in die Eier zu treten. Eine totale Pussy-Taktik von einem Mann, der die Drecksarbeit anderen überließ.

„Ich hab nichts mehr zu melden, Ernie, aber ich bin immer noch ziemlich jähzornig. Richte Benny und Novak aus, dass sich bestimmt niemand nach fünf Jahren Knast mit mir anlegen möchte. Das ist eine wirklich lange Zeit, um in seiner eigenen Wut zu köcheln.“ Ich schüttelte ihn so kräftig, dass seine Zähne klapperten. „Was für Geschäfte hat der reiche Typ mit Novak gemacht?“

„Das weiß ich nicht. Er wollte irgendwas erledigt haben und hat hier nach jemandem gesucht, der es für ihn macht. War wohl kaum was Legales, wenn er sich in The Point danach umgesehen hat, und Novak steht auf reiche Typen, die er ausnehmen kann und die ihm aus der Hand fressen.“

Ich starrte ihn an, bis ich überzeugt war, dass er mir alles gesagt hatte, was er wusste. Dann schob ich ihn von mir und beobachtete zufrieden, wie er mit dem Hintern auf dem Büroboden landete. Fluchend sah er zu mir auf, während ich zur Tür ging und sie öffnete.

„Du bist jetzt nutzlos, Bax. Du bist nicht mehr im Spiel, und Novak braucht dich nicht mehr. Deine Tage sind gezählt. Vielleicht solltest du dir gut überlegen, wie du sie verbringen willst. Race hat dich kampflos aufgegeben. Novak hätte dich verrotten lassen. Jeder normale Typ würde sich noch ein paarmal flachlegen lassen und dann mit einem Lächeln abtreten. Warum musst du im Dreck wühlen und allen auf den Sack gehen?“

Als ich diesmal lächelte, lag echter Humor darin. „Weil es das ist, was ich am besten kann. Wenn du was von Race hörst, sag mir besser Bescheid. Sonst wird mein nächster Besuch weitaus weniger angenehm für uns beide verlaufen.“

Im Gang dachte ich darüber nach, was Ernie mir erzählt hatte. Race kam aus einer reichen Familie. Und seine Familie hatte mit jeder Menge noch reicheren Familien in The Hill zu tun. Er kannte aus seinem früheren Leben viele wirklich mächtige Männer, also hätte er sich nach so ziemlich jedem von ihnen erkundigen können. Wenn der Typ sich mit Novak eingelassen hatte, dann, weil er von ihm etwas Großes und Fieses erledigt haben wollte. Zu dumm, dass ich nicht einfach zu Novak gehen und ihn fragen konnte. Denn einer von uns würde draufgehen, wenn wir erst mal zusammen in einem Raum waren, und ich war nicht so dämlich, mir einzubilden, dass ausgerechnet ich danach gesund und munter rausspazieren würde.

„Hey, Bax. Benny und seine Jungs sind gerade gekommen und gleich auf die Rothaarige zugesteuert. Du hast mir nicht erzählt, dass du dem alten Knaben die Nase gebrochen hast. Der war bestimmt sauer.“

Ich mochte Chuck. Er war ein zuverlässiger Typ, der einfach seine Anweisungen befolgte, und zudem auch ein ziemlich guter Menschenkenner.

Ich zeigte auf mein blaues Auge. „Er hat mich hinterrücks angegriffen, kaum dass ich seit ewigen Zeiten mal wieder Spaß an einer Pussy hatte. Er kann von Glück sagen, dass ich ihm bloß die Nase gebrochen habe.“

„Ich fand schon immer, dass sie einen Knall haben, sich mit dir anzulegen. Selbst als Junge warst du doppelt so Furcht einflößend wie die alle zusammen.“

Chuck klang, als wäre er auf diese Tatsache stolz. Ich hob eine Augenbraue und nickte. „Hab ständig versucht, ihnen das zu verklickern. Aber die wollten nie auf mich hören.“

Ich ging zurück in den Club und entdeckte Benny und zwei seiner Typen, wie sie an dem Tisch herumlungerten, an dem ich Dovie zurückgelassen hatte. Honor fing meinen Blick auf und zwinkerte mir von der Bühne aus zu. Ich drückte mich an Benny vorbei, um mich neben die Rothaarige sinken zu lassen.

Diese Augen so grün wie Blätter blickten kalt, doch ich konnte sehen, dass in den Tiefen Furcht lauerte. Ich wollte gar nicht so genau wissen, was Benny ihr beim letzten Mal angetan hatte, würde ihm aber klarmachen, dass er es beim nächsten Mal mit mir zu tun bekäme. Ich zog sie heftig an mich, bis sie an meine Seite gepresst dasaß. Dann legte ich eine Hand in ihren Nacken und griff in ihr orangerotes Haar. Die Locken, die sie zusammengebunden hatte, waren weich und elastisch. Ihre Sommersprossen wirkten dunkel auf ihrer blassen Haut, und ihr Mund sah nach all den Dingen aus, von denen ich im Gefängnis geträumt hatte. Es würde ihr nicht gefallen, was ich zu tun im Begriff war, aber ich hoffte, dass sie klug genug war, mitzuspielen. Wenn nicht, musste sie eben selbst dafür sorgen, dass Benny sie in Ruhe ließ. Mir war es nicht wichtig, dass sie mich mochte oder respektierte, entscheidend war, dass sie tat, was ich sagte, und mir nicht in die Quere kam.

Ich strich mit dem Daumen über ihre volle, schön geschwungene Unterlippe und erkannte in ihren Augen, dass sie begriff, dann küsste ich sie. Ich hatte eine Hand in ihrem Nacken, mit der anderen hielt ich ihr Gesicht umfasst, damit sie sich nicht losmachte und Benny auf die richtige Fährte brachte. Sie war steif wie ein Brett und krallte ihre Finger in meinen Oberschenkel. Aber ich hatte recht gehabt, sie war in jeder Hinsicht süß und unschuldig. Sie schmeckte nach frischen Erdbeeren und Reinheit, und verdammt, dieser Mund! Ich hätte meine Lippen für immer dort lassen können, ohne je genug zu bekommen. Das Letzte, was sie brauchen konnte, war, dass ein Typ wie ich sie anfasste. Sie öffnete die Lippen nicht und ließ auch nicht zu, dass ich mit der Zunge in die feuchte Hitze ihres Mundes eindrang, was ich auf jeden Fall getan hätte. War wahrscheinlich gut so. Hatte Honors kleine Einlage vorhin schon eine ungewollte Erektion bei mir ausgelöst, so brachte mich dieser jungfräuliche Kuss mit der Nervensäge fast dazu, in meiner Hose zu kommen wie ein Teenager. Egal, wie leicht und sanft der Druck ihrer Lippen an meinen auch sein mochte, ich fand es ungeheuer erotisch und erregend. Eine weitere Überraschung, die Races kleine Schwester für mich auf Lager hatte. Ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn sie sich entspannte und sich richtig von mir küssen ließe.

Grinsend leckte ich als Zugabe kurz über ihre fest zusammengepressten Lippen. Sie erschauerte, entweder aus Lust oder aus Verärgerung, es war mir egal. Als ich mich zurücksetzte, zwinkerte ich ihr zu und sah, wie sie mich mit ihrem Blick förmlich erdolchte. Warnend drückte ich ihren Nacken, danach drehte ich mich großspurig lächelnd zu Benny um.

Der weiße Verband auf seiner Nase und die blauschwarze Verfärbung darum herum waren nicht zu übersehen. Er schien stocksauer zu sein.

„Steht dir gut.“ Ich nickte seinem zerschlagenen Gesicht zu und grinste, nur um ihn zu ärgern.

Er knurrte, und ich zog Dovie so an mich, dass sie wieder fest an meine Seite gepresst dahockte. Sie wollte sich einfach nicht entspannen, was nicht gerade förderlich war, wenn Benny glauben sollte, dass ich auf sie stand. Ganz zu schweigen davon, dass ich normalerweise auf völlig andere Frauen abfuhr. Die Chancen waren also mehr als schlecht, dass er mir die Sache abkaufte.

„Dein Kumpel wird früher oder später unter seinem Stein hervorgekrochen kommen, Bax, und dann gehörst du mir.“

„Willst du mich noch mal von hinten angreifen, Benny? Könnte allerdings schwieriger sein, nachdem ich jetzt weiß, dass du es auf mich abgesehen hast.“

Kurz richtete er den Blick auf Dovie, anschließend schaute er wieder mich an. „Du machst genau da weiter, wo dein Kumpel aufgehört hat? Es gibt wirklich keine Ehre mehr unter den Verbrechern.“

Ich schnaubte. „Nun, wir alle wissen, dass Race mir was schuldet. Und wie du gesagt hast, sind fünf Jahre Verzicht eine lange Zeit. Ich revanchiere mich so, wie es mir gefällt.“ Ich neigte den Kopf in Dovies Richtung und versuchte nicht zu ächzen, als sie ihren spitzen Ellbogen in meine Rippen stieß.

„Wieso sie? Ich kenne doch die Frauen, mit denen du es sonst treibst. Da passt sie nicht rein.“

Ich zog eine Augenbraue hoch und betrachtete sie von der Seite. Ich sah, dass sie sich von innen auf die Wangen biss, um nichts zu sagen. Sie war ziemlich niedlich, wenn sie so empört war. Um sie noch ein bisschen mehr zu reizen, nahm ich den komischen Hut von ihrem Kopf und löste das Zopfgummi aus ihren Haaren. Die roten Locken schnellten auseinander, als entkämen sie einem Gefängnis.

„Ich habe mein ganzes Leben lang im Dreck gelebt. Womöglich brauch ich einfach mal was Unbeflecktes. Und tu nicht so, als ob du mich kennen würdest, Benny. Du hast mich nie gekannt.“

„So langsam glaube ich, dass dieses Mädchen irgendwas Magisches an sich hat. Erst Race und jetzt du. Vielleicht sollte ich sie mal ausprobieren, um herauszufinden, woran es liegt.“

Er wollte mich zu einer Reaktion provozieren, wollte, dass ich wütend wurde, damit er seine Schlägertypen auf mich hetzen und sich für die gebrochene Nase rächen konnte, doch so dumm war ich nicht. Außerdem hatte ich die Regeln für dieses Spiel aufgestellt, also lehnte ich mich nur zurück und zog Dovie mit mir. Sie legte eine Hand auf meinen Bauch und blickte unter ihren rostroten Wimpern zu mir hoch. Sie schien nicht besonders glücklich, war jedoch klug genug, sich nicht zu wehren.

„Kannst es ja versuchen. Zwei blaue Augen und eine schiefe Nase sind nichts gegen das, was ich dann mit dir anstellen werde. Doch bitte, lass es ruhig darauf ankommen.“

Er schnitt eine Grimasse und zerrte an seiner riesengroßen Gürtelschnalle die Hosen hoch. „Vielleicht will sie es zur Abwechslung mal mit einem richtigen Mann treiben statt mit einem Jungen. Roxie hat erzählt, dass du in den letzten Jahren vergessen hast, was eine Frau braucht.“ Er wandte sich an Dovie. „Wie wäre es, Süße? Willst du mal einen Versuch mit dem guten alten Benny wagen?“

Allein wegen seines anzüglichen Grinsens hätte ich ihm am liebsten noch mal die Nase gebrochen. Ganz zu schweigen davon, dass er tatsächlich bescheuert genug war, ein Mädchen anzubaggern, das er kurz zuvor verprügelt hatte. Was für ein Trottel. Ich wollte ihn auffordern, sich zu verpissen und sie gefälligst in Ruhe zu lassen, doch das konnte ich nicht, weil sie in diesem Moment mein Gesicht umfasste und mich zu sich zog, um mich zu küssen.

Diesmal hatte sie den Mund nicht zusammengepresst. Ihre kleine Zunge schoss zwischen meine Lippen. Mit einer Hand streichelte sie den schwarzen Stern an meinem Auge, mit der anderen meinen Nacken. Jeden Atemzug, den sie nahm, atmete ich ein und hatte das Gefühl, dass sie mir etwas geben wollte, das ich nie zuvor gekriegt hatte. Ich biss leicht in ihre Unterlippe und presste Dovie fester an mich, damit ich ihr zeigen konnte, wie ich jemand küsste, wenn ich es ernst meinte. Nachdem sie sich schließlich wieder zurückgesetzt hatte, waren ihre sowieso schon vollen Lippen geschwollen und ihre dunkelgrünen Augen fast so schwarz wie meine. Ihre Brust hob und senkte sich in schnellem Rhythmus, und wir konnten einander nur anstarren. Küssen war nichts Besonderes; meistens fand ich es langweilig und machte es ganz mechanisch, um danach zur Hauptsache zu kommen. Doch das hier war kein bisschen langweilig gewesen, und allmählich wollte ich wirklich wissen, was genau sie unter ihren hässlichen weiten Klamotten verbarg.

Sie blinzelte mich an, danach warf sie Benny und seinen Jungs ein unverschämtes Grinsen zu, das überhaupt nicht zu ihrer unschuldigen Miene passte.

„Nicht nötig. Er ist besser. Also, nein danke.“ Sie bettete den Kopf an meine Schulter, schaute mich an und klimperte mit den Wimpern. Ich musste ein Lachen unterdrücken.

„Du hast es gehört. Hau ab, Benny. Komm mir nicht in die Quere und sei vorsichtig.“

„Du warst dir deiner Sache immer zu sicher, Bax. Das wird dir alles um die Ohren fliegen.“

Schulterzuckend schnappte ich mir ihre Hand, um Dovie hinter mir aus der Nische zu ziehen.

„Wundert mich sowieso, dass das noch nicht passiert ist. Aber dafür braucht es schon jemand Stärkeren und Fieseren als dich oder Novak.“ Ich schob Dovie an dem Schlägertypen vorbei, der mir am nächsten stand, und warf Benny einen letzten Blick über die Schulter zu. „Du kennst meinen Fahrstil, Benny. Geht mir lieber aus dem Weg, sonst fahre ich dich und deine Jungs einfach über den Haufen.“

Dann setzte ich noch einen obendrauf und lenkte meine Begleiterin mit der Hand auf ihrem festen Hintern zur Eingangstür. Ich musste dieses Mädchen unbedingt mal in Kleidern sehen, die ihr passten. Chuck fing uns an der Tür ab, und wir stießen wie immer die Fäuste aneinander.

„Lass mich wissen, falls mein kleiner Besuch irgendwas bewirkt hat. Ich muss Race finden.“

„Oh, der wird eine ganze Menge Dreck aufwühlen, was du sicher beabsichtigt hast, Sohn. Du solltest bei Benny lieber vorsichtig sein. Er ist nicht Novaks rechte Hand, weil er so vernünftig und geduldig ist.“

„Hab ich kapiert, Chuck. Ich hab fünf Jahre lang ‚fickt euch‘ in mir aufgestaut, und zwar gegen Novak und seine Leute. Ich werde nicht aufhören, bevor ich nicht weiß, was bei diesem letzten Job genau schiefgelaufen ist. Ich muss bloß erst wissen, dass es Race gut geht und dass er sich nicht in was reingeritten hat, was viel zu gefährlich für ihn alleine ist.“

„Ich halte auf jeden Fall die Augen offen. Ich vermute mal, die Jungs sollen nicht erfahren, dass Little Miss Sunshine mit ihm verwandt ist?“

„Nein. Lass sie in dem Glauben, sie sei irgendeine Freundin von ihm. Das ist sicherer für sie.“

„Ziemlich gefährlich, ihr die Zunge in den Hals zu stecken. Benny denkt jetzt, dass sie dir was bedeutet. Das wird ihn auf dumme Gedanken bringen.“

„Gut. Soll es ruhig. Komm, Rotschopf. Dann wollen wir dich mal ins Bett packen und gut zudecken.“

Mir entging nicht, dass sie sich meiner Berührung entzog und so viel Abstand wie möglich zwischen uns legte, als wir auf den Gehweg traten. Ich musste ein amüsiertes Grinsen unterdrücken, als sie mich finster anguckte. Das mit den roten Haaren stimmte also. Sie war hitzköpfig und angriffslustig. Das gefiel mir besser, als es sollte. Ich hätte mich auch nicht so darauf freuen sollen, sie in meinem Auto sitzen zu sehen, aber genau das tat ich, als ich sie schweigend zum Runner schob.

4. KAPITEL

Dovie

Ich zitterte. Ich wusste nicht, ob vor Wut, Angst, wegen des Adrenalins oder der Tatsache, dass Bax offenbar glaubte, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Ampeln gälten nicht für ihn und sein irrsinnig schnelles Auto. Alle paar Sekunden überprüfte ich meinen Sicherheitsgurt und krallte meine Finger ins Armaturenbrett. Seit dem Striplokal hatten wir kein Wort miteinander gesprochen. Er sagte nicht, was im Hinterzimmer passiert war, und erwähnte weder Benny noch die Tatsache, dass ich ihn vor dem schmierigen Typen praktisch angefallen hatte.

Das sah mir gar nicht ähnlich. Normalerweise war ich dem anderen Geschlecht gegenüber reserviert, beinahe schon schüchtern. Ich traute Männern nicht und kannte zu viele Mädchen in meinem Alter, schwanger und sitzen gelassen, weil sie ein paar schönen Worten geglaubt hatten. So etwas wollte ich nicht. Ich versuchte, kluge Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, die mich irgendwann aus Vierteln wie The Point herausholen würden. Was bedeutete, dass ich mit den meisten Jungs von der Straße gar nicht erst meine Zeit verschwendete. Zumal ich mich wie ein Junge anzog, statt mich hübsch zu machen. Die rannten mir also nicht gerade die Tür ein … aber dieser Kuss mit Bax war was anderes.

Als er mich geküsst hatte, war mir klar, dass er das nur machte, damit der Typ im Anzug sich verdrückte. Sein mitternachtsschwarzer Blick war eindringlich gewesen, und es hatte sich angefühlt, als ob ich meine Lippen an die unnachgiebige Oberfläche einer Statue drückte. Dennoch war es verführerisch, Bax strahlte Dunkelheit und Gefahr aus, doch für ihn war das alles nur ein Spiel, und das spürte ich. Ich wünschte, meine Haut hätte nicht so geprickelt und ich hätte mich nicht so danach gesehnt, die Lippen für ihn zu öffnen. Nur weil ein Typ wie Bax mich geküsst hatte, drehte sich alles in meinem Kopf, und das passte mir nicht. Deswegen war es mir wichtig, als Benny aufdringlich wurde, die Situation an mich zu reißen.

Nur ging das nach hinten los. Bax richtig zu küssen war wie in einen Strudel aus Begehren zu stürzen, ohne zu wissen, wo oben und unten war. Der Typ war talentiert. Kein Wunder, dass die ganzen Schlampen der Stadt frustriert über seine Verhaftung gewesen waren. Alles an ihm schrie geradezu, dass er genau wusste, wie man sich gegenseitig eine schöne Zeit bereitete, und dass man bescheuert wäre, solch eine Gelegenheit vorbeiziehen zu lassen.

Ich schaffte es nicht, ein Keuchen zu unterdrücken, als das Auto mit quietschenden Reifen um die Ecke schoss und dann vor dem Diner in meiner Straße in einer Parkbucht zum Stehen kam. Er fuhr, als ob jemand hinter ihm her wäre, und obwohl sein Wagen alles andere als unauffällig war, schien niemand, nicht mal die Cops, ihn aufhalten zu wollen.

„Himmel! Hast du es eilig?“ Ich wollte nicht so verängstigt klingen, konnte jedoch nicht anders.

Er grinste im schummrigen Licht des Wagens, und ich sah, wie die Zacken des Sterns auf seinem Gesicht sich leicht kräuselten. Das hätte ihn nicht noch attraktiver machen sollen – so eine Tätowierung musste schließlich Probleme und Schwierigkeiten heraufbeschwören –, doch es war heiß. Ich gestand es mir nicht gern ein, aber dieser Kriminelle war durch und durch sexy. Gott, was stimmte nicht mit mir? Wie es schien, hatte der Kuss mich den Verstand gekostet.

„Ich werde dich jetzt nach Hause bringen. Ich muss mich an ein paar anderen Plätzen umschauen. Hat Race mal einen reichen Typen erwähnt, der was mit Novak zu tun hat?“

Ich warf ihm einen bösen Blick zu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn du noch woanders hingehst, begleite ich dich. Ich dachte, das wäre unser Deal.“

Er sah mich an, und ich schnappte kurz nach Luft, da er sich über mich beugte, um die Tür auf meiner Seite aufzustoßen. Er roch nach Zigaretten und nach dem billigen Parfüm dieses halb nackten Mädchens, das ihn befummelt hatte.

„Es gibt keinen Deal. Ich muss mich auch um einiges kümmern, das nichts mit Race zu tun hat. Mein Leben war für Jahre in der Warteschleife. Ich muss es jetzt wieder in Schwung bringen und gleichzeitig deinen Bruder finden. Außerdem sind Mädchen, die mit geschlossenem Mund küssen, nicht mein Ding.“

Er grinste mich an, während ich mich abschnallte.

„Ich glaube, alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, ist dein Ding.“

Er lehnte sich zurück und legte einen Arm auf meine Rückenlehne. Seine Augen glitzerten. Sie sahen aus wie Onyx, die poliert und dann in sein grausam attraktives Gesicht gesteckt worden waren. Ich fragte mich, woher er diese Narbe hatte, die seinen Kopf mit den dunklen Haarstoppeln zweiteilte.

„Bei zwei Dingen bin ich wählerisch: meinem Auto und meinen Frauen.“ Er zog eine Augenbraue hoch und grinste mich an. „Ich mag es, wenn beide geschmeidig und einfach zu handhaben sind. Nichts davon gilt für dich, Rotschopf. Selbst wenn ich es auf die Schnelle brauche, mache ich es niemals mit komplizierten Tussen.“

Ich wollte eigentlich einen scharfen Kommentar loslassen, stattdessen kreischte ich los und wirbelte herum, weil eine schwere Hand auf meiner Schulter lag und mich jemand aus dem Wagen zerrte. Als ich in Lesters schmutziges und leicht verwirrtes Gesicht sah, musste ich einen weiteren Schrei unterdrücken. Ich presste eine Hand auf mein pochendes Herz. Bevor ich jedoch wieder zu Atem kam, war Bax bereits aus dem Auto gesprungen und stellte sich zwischen mich und den Veteranen. Ich wollte ihm sagen, dass Lester nicht ganz richtig im Kopf war, doch er schob mich hinter sich und stieß Lester vor die Brust. Lester stolperte und schnitt eine Grimasse.

„Dovie?“

Ich packte Bax am Ellbogen und zog daran, bis ich an ihm vorbeigucken konnte.

„Tut mir leid, Les. Das ist Bax. Weißt du noch, wie ich dir gesagt habe, dass du ihn ins Haus lassen sollst? Er ist mit Race befreundet.“

„Hat er versucht, einzubrechen?“

Lesters Erinnerung hatte Lücken. Carmen glaubte, das käme von zu viel LSD in den Siebzigern. Ich schätze eher, dass es seine Kriegserfahrungen waren, aber wie auch immer, er trug jedenfalls eine Machete unter seinem schmutzigen Mantel und hatte keine Hemmungen, sie zu benutzen.

„Ja … nun, nein. Er hilft mir, Race zu finden. Er ist in Ordnung, alles klar, Kumpel?“

Lester und Bax rührten sich nicht von der Stelle, und ich befürchtete, dass erst jemand verletzt werden würde, bevor einer von ihnen klein beigab.

„Warum bist du hier drüben, Les? Normalerweise verlässt du den Hauseingang in der Dunkelheit nicht mehr.“

Ich bemühte mich um einen besänftigenden und weichen Tonfall. Zugleich lehnte ich mich leicht an Bax, um Lester zu beweisen, dass er okay war und keine Bedrohung. Vollkommener Quatsch natürlich. Nie zuvor hatte ich einen Menschen getroffen, der auch nur halb so bedrohlich gewesen wäre wie dieser Typ.

„Schlimme Sache. Zu viele Leute. Haben mich verjagt. Mir eine Flasche Whiskey gegeben.“

„Was für eine schlimme Sache, Kumpel?“

Er ließ den Blick über mich gleiten, dann über Bax.

„Gut, dass er hier ist. Gut, gut.“

Leicht schaudernd sah ich Bax an, der die Stirn runzelte und versuchte, Lesters verrückten Gedankengängen zu folgen.

„Warum haben sie dir Whiskey gegeben, Les? Ich stehe gerade etwas auf dem Schlauch, mein Großer.“

„Geh nicht nach Hause, Dovie. Schlimme Sache. Pass auf sie auf. Sie ist ein süßes Mädchen.“

Lester nickte, als ob somit alles erledigt wäre, und stolperte zurück zum Wohnblock. Ich war von dunklen Vorahnungen erfüllt und begann unwillkürlich zu zittern.

„Er ist Kriegsveteran. Niemand – und ich meine niemand –betritt oder verlässt ohne seine Zustimmung das Haus. Er ist immer im Hauseingang, außer wenn er sonntagmorgens in die Kirche geht oder ab und zu auf eine Sauftour. Er ist ein guter Kerl.“

„Was meinte er mit schlimmer Sache?“

Seufzend schob ich mir mein verstrubbeltes Haar über die Schulter. „Das weiß ich nicht, aber ich habe das ungute Gefühl, dass ich es bald herausfinden werde. Doch lass dich nicht von deinem nächtlichen Eroberungszug abhalten. Ich höre dann morgen von dir, falls du was Neues über Race erfährst. Ich erwarte, dass du Wort hältst, Bax.“

Er fasste mich am Ellbogen und zerrte mich unsanft über die Straße. Zuerst wehrte ich mich, bis mir klar wurde, dass er mit in meine Wohnung kommen wollte. Das war gut, ich hatte keine Lust, allein mit dem konfrontiert zu werden, was mich dort erwartete.

„Ich halte immer mein Wort, Rotschopf. Das ist etwas, worüber du dir bei mir keine Sorgen zu machen brauchst.“

Großartig. Er hatte bereits angedeutet, dass er mich, wenn ich ihm weiter in die Quere kam und Ärger machte, auf eine Weise benutzen würde, die ich mir nicht mal vorstellen konnte. Nie zuvor hatte ich meinen Körper angeboten und hatte auch nicht den Wunsch, jetzt damit anzufangen. Aber ich ahnte, dass er grob werden würde, um zu bekommen, was er wollte. Er hatte keine Angst davor, sich wie ein absoluter Drecksack zu benehmen, genau genommen gefiel es ihm sogar.

Ich drückte mich an seinen Rücken, als wir die Treppe zu meinem Stockwerk hinaufschlichen. Sein Körper war hart und kraftvoll angespannt. Ich begriff nicht, wie sich ein derart starker Mann so lautlos bewegen konnte. Er verschmolz einfach mit den Schatten und der Dunkelheit um uns herum. Ich fühlte mich tollpatschig und schwerfällig hinter ihm.

„Verdammt.“ Dieses Wort hauchte er mehr, als dass er es aussprach, als wir um die Ecke zu meinem Apartment bogen.

„Benny?“ Meine Stimme zitterte.

Bax schüttelte den dunklen Kopf, und ich spürte, wie die Muskeln, an die ich lehnte, hart wurden.

„Nein. Eine Wohnung zu verwüsten passt nicht zu ihm. Aber zu Novak. Er will mich wissen lassen, dass er mich im Auge hat. Deswegen hat er das nicht schon vorher gemacht, sondern gewartet, bis wir beide zusammen unterwegs waren.“

Wieder fluchte er.

„Ist da drinnen was, das du unbedingt brauchst?“

Ich kaute auf meiner Unterlippe. „Die Sachen für die Uni.“

Seufzend strich er sich über den Kopf. „Ich bezweifle, dass irgendwas übrig geblieben ist. Du kannst nachsehen, aber ich würde nicht damit rechnen.“

Ich zitterte schon wieder. Das passierte mir an diesem Abend ziemlich oft.

„Wenn man wenig besitzt, hängt man auch an wenig, das ist das Gute daran. Ich sehe nach, was noch zu retten ist, und dann rufe ich Carmen an und frage, ob ich ein paar Tage bei ihr und ihren Jungs unterkommen kann.“

Er schüttelte heftig den Kopf. „Viel zu nahe. Du musst weiter weg.“

Ich schnaubte. „Was schlägst du vor? Wir sind hier in The Point und nicht in der Schule. Ich habe nicht jede Menge Freundinnen, bei denen ich im Notfall unterkriechen kann. Der einzige Mensch auf der Welt, auf den ich mich wirklich verlassen kann, ist verschwunden, falls du das vergessen hast. Also muss ich zu Carmen.“ Nicht, dass es mir gefiel, sie ebenfalls in Gefahr zu bringen.

Er seufzte, ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder.

„Ich weiß etwas, wo du ein paar Tage unterkommst.“

Ich stieß ein Lachen aus und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. „Nein danke. Ich habe für heute genug von Stripperinnen und Prostituierten. Ich gehe zu Carmen.“

Er starrte wütend auf mich herab, dann zerrte er mich zur Tür, die wie betrunken in den Angeln hing. Verwüstung war das richtige Wort. Nichts war unbeschädigt geblieben. Meine Kleider, Töpfe und Pfannen, der Inhalt des Kühlschranks, alles, was nicht niet- und nagelfest war, lag auf dem Fußboden verstreut. Die Couch war umgeworfen. Die Vorhänge waren von den kaputten Fensterscheiben heruntergerissen, und natürlich hatten sie jedes Blatt Papier und jedes Buch in der Kuriertasche, die ich für die Uni benutzte, zerrissen und über den Boden verteilt. Es sah aus, als ob jemand alles durch einen gigantischen Reißwolf gejagt hätte. Das war eine Katastrophe. Ich konnte nichts anderes tun, als mit offenem Mund dazustehen und mich umzusehen.

„Komm. Hier ist nichts mehr zu retten.“

Er klang schroff und verärgert. Als ich leicht betäubt zu ihm aufsah, bemerkte ich überrascht ein schwarzes Feuer in seinem Blick lodern. Ich wusste nicht, wie ich auch nur eine Sekunde lang hatte annehmen können, dass diese pechschwarzen Augen keine Emotionen bargen. Jetzt hatte ich vielmehr das Gefühl, dass in seiner verdorbenen Seele unendliche Wut fest verankert war.

Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg durch den Raum, um in mein winziges Schlafzimmer zu schauen. Ich besaß ja nicht gerade viel, nichts besonders Wertvolles, aber das, was mir gehörte, lag zerfetzt herum wie Konfetti. Wer immer dafür verantwortlich war, hatte sich Zeit gelassen und jeden Moment genossen. Ich schüttelte den Kopf und fuhr zusammen, als Bax von hinten nach meinem Arm griff.

„Lass uns gehen.“

Diesmal wehrte ich mich nicht und widersprach auch nicht, als er mich an Carmens Wohnung vorbei die Treppe hinunterzog. Auf keinen Fall durfte ich sie und die Kinder in Gefahr bringen. Das hier war mein Problem … nun, Races Problem, aber nachdem er jetzt im wahrsten Sinne des Wortes das Einzige war, was mir auf dieser Welt noch geblieben war, musste ich allein damit fertigwerden. Wenn Bax mich für ein paar Tage bei einer seiner Freundinnen unterbringen wollte, musste ich das eben hinnehmen. Meine nächste Schicht im Restaurant hatte ich erst in einigen Tagen, dann würde ich Brysen fragen, ob ich eine Weile bei ihr bleiben konnte. Ganz bestimmt hatte sie nichts dagegen. Das allerdings löste nur eins der dringlichsten Probleme. Was ich wegen meiner Schulbücher tun oder woher ich Geld für eine komplett neue Garderobe nehmen sollte, war mir ein Rätsel.

Ich kam mir wie eine Stoffpuppe vor, als Bax mich wieder in sein schwarz-gelbes Monster schob und den Sicherheitsgurt um mich befestigte. Ich konnte ihn nur verblüfft angucken, während er den Wagen umrundete und dann neben mir auf den Sitz glitt. Der Motor klang so wütend, wie Bax aussah. Er fuhr aus der Parkbucht und tiefer hinein ins Zentrum von The Point. Es war weit nach Mitternacht, und hier passierte nach Sonnenuntergang niemals etwas Gutes. Ich hätte ihn fragen sollen, wohin wir unterwegs waren, was sein Plan war, aber ich brachte einfach nicht genug Energie dafür auf. Ich schloss die Augen und rief mir in Erinnerung, dass Race mich gerettet und mein Leben verändert hatte. Widrigkeiten wie eine zerstörte Wohnung und eine beunruhigend erregende Knutscherei mit einem Kriminellen bedeuteten dagegen nur ein kleines Opfer.

Ich grübelte vor mich hin und verlor jegliches Zeitgefühl, es konnten also eine Stunde oder fünf Minuten vergangen sein, als wir vor einer verlassenen Lagerhalle hielten. Ich rollte den Kopf zur Seite, um Bax anzusehen, aber der zog bereits den Schlüssel ab und stieg aus.

„Wo sind wir?“

Er warf mir einen merkwürdigen Blick zu, als ob er sich plötzlich wieder an mich erinnerte, und zog die Kapuze seiner Jacke über.

„Du wartest im Auto. Ich bin gleich zurück.“

Ich sah mich um, dann stieß ich die Tür auf. Keinen Ort in The Point konnte man direkt als ungefährlich bezeichnen, aber wie in jedem ungemütlichen Teil einer jeden Stadt gab es gefährlichere und weniger gefährliche Gegenden. Das hier war eine der gefährlicheren, und ich hatte genug Aufregung für eine Nacht hinter mir. Im Moment fühlte ich mich nur in Bax’ Nähe halbwegs sicher.

„Ich komme mit dir.“

Seufzend zündete er sich eine Zigarette an. Eine schreckliche Angewohnheit, aber wenn man bedachte, dass dieser Typ seinen Lebensunterhalt mit kriminellen Machenschaften verdiente, hätte er in meiner Gegenwart weitaus schlimmere Dinge anzünden können.

„Okay, dann bleib in meiner Nähe, ich meine richtig in meiner Nähe. Ich muss mit einem Typen über Geld sprechen, das er mir schuldet.“

„Kann das nicht warten?“ Ich war emotional erschöpft und verstand nicht, warum dieses nächtliche Leben ihm überhaupt nichts auszumachen schien. Es war, als ob in den Schatten eine vollkommen andere Welt existierte.

„Nein.“

Nicht mehr und nicht weniger. Nur „nein“. Offenbar hatte die Zeit im Gefängnis seiner Kommunikationsfähigkeit nicht gerade gutgetan. Ich brummte ihn nur leise an und trottete hinter ihm eine Treppe hinunter, die aussah, als würde sie unter unserem Gewicht zusammenbrechen. Sie war so klapprig und verrottet, dass ich eine Hand auf seinen Rücken legte, damit ich im Fall eines Sturzes auf ihm landete statt auf dem Asphalt. Ziemlich gruselig war es hier, aber Bax machte den Eindruck, als ob er genau wüsste, wohin er wollte, also folgte ich ihm einfach.

Unten baumelte eine nackte Glühbirne über einer Eisentür, die in hellem Violett gestrichen war. Sah wie der Lieferanteneingang einer Lagerhalle aus. Bax gab einen Code in den kleinen Kasten an der Seite ein, und die Tür schwang auf.

„Was ist das hier?“

„Bloß eine Bar.“

Ich konnte nicht umhin, die Augen zu verdrehen: „Eine Bar hat keinen Geheimzugang, und man braucht keinen Code, um reinzukommen. Eine Bar hat Neonreklame in den Fenstern und müde Mädchen, die an der Theke rumsitzen.“

Er grunzte. „Das ist nicht diese Art von Bar.“

Dröhnende elektronische Musik ließ den Boden unter meinen Turnschuhen beben. Als wir um die Ecke in einen großen, offenen Bereich bogen, bei dem es sich offenbar um eine alte Fabrikhalle handelte, war auch mir klar, dass es sich nicht um diese Art von Bar handelte.

Neonlichter wirbelten an den eisernen Dachsparren. Mädchen aus aller Herren Länder in Klamotten, die eher in ein Striplokal oder in ein Hip-Hop-Video gepasst hätten, wanden sich auf Plattformen, die überall verteilt waren, zu lauter Musik. Nicht weniger als zweihundert Leute drückten sich hier herum. Alle hatten einen Drink in der Hand, rauchten etwas anderes als Zigaretten und bewegten sich zum wummernden Bass. So etwas hatte ich nie zuvor gesehen, und Bax hätte ich mir auch niemals in so einem Laden vorgestellt. Er war zu hell, zu bunt, die komplette Reizüberflutung. Ich bekam sofort Kopfschmerzen, meine Augen begannen zu zucken.

„Was machen wir hier? Mein Bruder ist noch immer verschwunden, meine Wohnung ist zerstört, und ich bin müde und genervt. Glaubst du wirklich, das ist die richtige Zeit für einen Rave?“ Ich musste schreien, um mich verständlich zu machen.

Er sah mich an, griff nach meinem Handgelenk und zerrte mich hinüber zur Bar. Dort lehnte er sich über die Plexiglastheke und brüllte ein Mädchen in Bikini an: „Wo ist Nassir?“

Sie goss gerade Getränke ein und sah kurz so aus, als ob sie ihn ignorieren wollte. Er zog die Kapuze herunter, und ihr Blick huschte über den Stern an seinem Augenwinkel. Durch diese Tätowierung war er leicht zu erkennen. Sie wischte die Hände an einem Geschirrtuch ab und deutete auf eine schmiedeeiserne Treppe, die sich hinter der hell beleuchteten Bar nach oben wand.

„Oben im VIP-Bereich.“

Er nickte knapp und schleifte mich mit sich. Zwar zog ich an meinem Handgelenk, um mich zu befreien, doch sein Griff wurde nur noch fester. So langsam hatte ich die Nase gestrichen voll davon, von diesem Typen durch die Gegend gezerrt zu werden. Es kam mir so vor, als ob ich ihn schon monatelang kannte – und nicht erst seit ein paar Tagen.

Als VIP-Bereich diente, wie ich sah, die umgestaltete Wartungsbrücke der Fabrik. Metall und Ketten überall, es sah aus, als ob das Konstrukt jeden Moment zu Boden stürzen würde. Nur gut, dass ich nicht unter Höhenangst litt, denn zwischen der Plattform und der Tanzfläche darunter befand sich nur ein Kettengeländer. Wieder mal schnappte ich nach Luft und drückte mich fester an Bax’ Rücken. Er bahnte sich einen Weg an sich windenden Körpern vorbei und blieb nicht stehen, wenn jemand seinen Namen rief oder versuchte, ihn aufzuhalten. Er hatte ganz offensichtlich eine Mission, und nichts würde ihn stoppen, nicht einmal ich, die ich eine leichte Panikattacke bekam, als ich sah, dass die komplette Plattform unter dem Gewicht der Leute schwankte.

Wir bahnten uns den Weg zu einem erhöhten Abschnitt im hintersten Bereich, wo ein paar Tische mit schwarzen Satindecken standen. Dort war weniger los, und Bax steuerte direkt auf den Tisch zu, an dem ein sehr gut aussehender Mann orientalischer Abstammung saß. Vor ihm eine gekühlte Flasche Champagner und ein aufgeklappter Laptop. Rechts von ihm saß ein wirklich hübsches blondes Mädchen und links von ihm eine sogar noch hübschere Braunhaarige. Beide Frauen bemühten sich, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch er war ganz und gar auf den Computer konzentriert. Zumindest bis Bax den Stuhl ihm gegenüber zurückzog und sich draufplump-sen ließ.

Endlich hatte er mich losgelassen, und jetzt wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte, außer unbehaglich hinter ihm stehen zu bleiben. Es war mir unangenehm, und ich versuchte erst gar nicht, diese Tatsache zu verbergen. Die Mädchen musterten mich neugierig, und ich konnte nicht anders, als nervös an einer Haarlocke herumzuspielen.

Der umwerfende Mann mit der olivenbraunen Haut und dem tiefschwarzen Haar hob den Kopf, ließ den Blick erst über Bax gleiten und dann über mich. Schließlich grinste er so breit, dass mein Herzschlag kurz aussetzte, und rot wurde ich auch, das spürte ich.

„Hab schon gehört, dass du wieder draußen bist. Und mir war klar, dass du deinen Weg hierher findest. Gut, dich zu sehen, Bax. Schwere Zeiten scheinen dir gutzutun.“

„Hast du mein Geld?“

Der Typ blickte mich an, als könnte er direkt in mein Herz schauen, seine Augen wirkten golden. Ich spürte, wie mir der Atem stockte. Wow, er hatte wirklich eine unfassbare Ausstrahlung, kein Wunder, dass da zwei Supermodels um seine Aufmerksamkeit buhlten.

„Ja, aber ich glaube, ich habe was Besseres für dich. Sieht aus, als ob du im Knast ganz schön zugelegt hättest. Wie viel Gewicht stemmst du jetzt? Hundertzwanzig Kilo, hundertdreißig? Du kannst es mit den großen Jungs aufnehmen. Ich arrangiere was, doppelt oder nichts, und ich nehme nur fünfzehn Prozent statt zwanzig wie normalerweise.“

„Wäre das ausnahmsweise sauber, Nassir? Ich hab dir vor dem letzten Kampf gesagt, dass ich mich nicht mehr mit Dilettanten abgebe. Dafür habe ich keine Zeit.“

„Gerade mal ’ne Minute draußen und stellt bereits Forderungen. Du hattest schon immer Eier so groß wie Wassermelonen. Ich halte alles so sauber wie möglich.“

„Hast du wirklich fünfzehn Riesen für doppelt oder nichts?“

Ich spürte, wie meine Augen groß wurden. Ich hatte keinen Schimmer, wovon sie sprachen, aber fünfzehn Riesen waren ein Haufen Geld. Wer zur Hölle war dieser Typ, den mein Bruder als seinen besten Freund betrachtete, und was für ein Leben hatte Race geführt, bevor er zu meiner Rettung geeilt kam?

„Ich hab dich nie verarscht, Bax. Ich bin ja nicht bescheuert.“

Bax ruckte mit dem Kopf, dann warf er mir aus dem Augenwinkel einen Blick zu.

„Hast du Race gesprochen, seit er wieder in der Stadt ist?“

Der dunkelhaarige Mann blickte auf den Bildschirm vor sich. „Nein. Ihn haben meine Geschäfte nie interessiert. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er mich gebeten hat, jemanden für ihn aufzuspüren. Das war einen Monat vor deiner Verhaftung.“

Bax stand auf. „Wen solltest du für ihn aufspüren?“

Nassir winkte ab. „Irgendein Mädchen. Es war ihm sehr wichtig. Ich hab sie drüben in Carlson gefunden und ihm die Info gegeben. Dafür schuldet er mir einen Gefallen, aber ich hab ihn nie wiedergesehen, und dann haben sie dich erwischt, also war er mir sowieso nicht mehr von Nutzen. Wie ich höre, ist Novak ganz scharf darauf, ihn zu finden, deswegen überrascht es mich nicht, dass du nach ihm fragst.“

Mein Herz hämmerte laut in meinen Ohren, und wahrscheinlich wäre ich vornübergekippt, wenn Bax mich nicht am Arm gepackt und an sich gezogen hätte. Ich war das Mädchen. Ich war aus Carlson. Race hatte diesen eleganten Mann mit seinen offenbar guten Verbindungen gebeten, mich aufzuspüren, und das sogar, bevor Bax ins Gefängnis gewandert war. Er hatte also schon vorher von mir gewusst. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit dieser Information anfangen sollte, sie erschien mir aber wichtig.

„Sei Freitag hier, Bax. Ich hoffe, du weißt noch, wie es läuft.“

Bax hob nur eine Augenbraue. „Meinst du etwa, das ist härter, als jeden Tag im Knast auf seinen Arsch aufpassen zu müssen?“

Nassir lachte, und ich sah, wie die Augen seiner Begleiterinnen vor Erregung zu glänzen begannen. Mann, der hatte vielleicht eine Wirkung.

„Du hast recht. Ich freue mich wirklich, dich zu sehen, Bax.“

Bax entgegnete nichts, aber er verpasste mir einen kleinen Schubs, und ich ging ihm voraus die Treppe hinunter. Als wir unten angekommen waren, schien er gar nicht schnell genug den Club verlassen zu können. Ich musste beinahe rennen, um ihn nicht zu verlieren.

Ich hatte eine Million Fragen, ich wollte Antworten, doch er hatte die Zähne fest zusammengebissen und sah wütend aus. Nicht wütend auf mich, nicht auf seinen kriminellen Kumpel von eben, einfach wütend auf die Welt im Allgemeinen, und ich hatte keine Lust, diese Wut auf mich zu lenken. Ich war nicht umsonst so lange zurechtgekommen – ich wusste genau, wann es besser war, zu schweigen und mit dem Hintergrund zu verschmelzen.

Schweigend fuhren wir ungefähr eine Viertelstunde lang aus der Stadt hinaus. Ich war überrascht, als er vor einem hübschen kleinen Bungalow direkt an der Grenze zwischen The Point und The Hill abbremste. Das hier war eine nette Gegend. Kinder konnten draußen spielen. Eltern brauchten keine Gitter vor den Fenstern oder Handfeuerwaffen unter dem Kopfkissen. Ich hatte keine Ahnung, warum wir hier waren oder was ich tun sollte, als Bax parkte und den lauten Motor abstellte. Ich drehte mich zu ihm und sah, dass sein Kiefer noch immer angespannt war und der Stern auf einer pulsierenden Vene hüpfte.

„Das ist das Haus meiner Mom.“

Ich stellte keine direkte Frage. Ich fand nicht, dass ich ein Recht dazu hatte, aber irgendwas stimmte nicht, also musste ich mich langsam herantasten.

„Okay. Und es wird sie nicht stören, dass ich bei ihr bleibe, bis ich was anderes gefunden habe?“

Wieder biss er die Zähne zusammen, ich war mir fast sicher, sie knirschen zu hören.

„Sie wohnt nicht hier. Das Haus steht leer. Schon seit Jahren.“

Ich blinzelte überrascht. Überwiegend, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass er aus einem adretten Vorort wie diesem stammte.

„Tut mir leid. Ist ihr etwas passiert?“

Falls möglich, biss er die Zähne jetzt sogar noch fester zusammen.

„Nein. Ich hab das Haus für sie gekauft, kurz bevor ich in den Knast kam.“

„Warst du da nicht fast noch ein Kind?“

Er gab einen Laut von sich und ließ den Kopf in den Nacken rollen. „Du bist doch auch im Getto groß geworden. Waren wir jemals Kinder?“

Da hatte er nicht unrecht, aber das erklärte nicht so ein hübsches Haus in einer teuren Nachbarschaft.

„Warum wohnt sie nicht hier, wenn du ihr so etwas Schönes geschenkt hast? Das muss ein Vermögen gekostet haben.“

So langsam hatte ich das Gefühl, dass Race mir überhaupt nichts über sein früheres Leben erzählt hatte. Ein paar Fakten über seinen komplizierten Freund hätten mir jetzt wirklich weitergeholfen.

„Wer immer behauptet, Verbrechen lohnt sich nicht, ist ein Idiot. Lohnt sich sogar sehr, deswegen gibt es ja so viele. Ich habe ihr ein Haus gekauft, weil mir klar war, dass ich irgendwann entweder tot bin oder im Knast lande. Aber ihr soll es gut gehen, egal, was mit mir passiert. Ich verlange nur von ihr, dass sie trocken sein muss. Sie kann nicht hier wohnen, solange sie trinkt.“

Ich stieß zischend den Atem aus, denn Alkoholsucht und Mütter waren auch mein wunder Punkt.

„Willst du mir erzählen, dass sie hier kostenlos wohnen kann und dafür nur aufhören muss zu trinken?“

„Genau.“

„Wow.“

Er sah mich an und öffnete die Tür auf seiner Seite. „Wie auch immer, es steht leer, und niemand weiß davon, weil sie nie lange genug trocken war, um einzuziehen. Also wirst du hier eine Weile sicher sein. Morgen kümmern wir uns um was zu essen und zum Anziehen.“

Ich stieg aus dem Wagen und betrachtete das Haus. Es war wie aus meinem Traum. Ein süßer kleiner Bungalow in einer sicheren Gegend. Nie war ich auch nur in die Nähe von so etwas Schönem gekommen. Wie traurig, dass manche Menschen ein solches Geschenk nicht zu schätzen wussten.

„Es ist wunderschön. Wer hat sich darum gekümmert, während du im Gefängnis warst?“

Er grunzte wie immer, wenn ich etwas fragte, was er eigentlich nicht beantworten wollte.

„Dieselbe Person, die sich um mein Auto gekümmert hat.“

Ich hätte ihn gern gefragt, wer das war, da doch der einzige Freund, den er zu haben schien, auf der Flucht war und sich irgendwo versteckte, aber ich wollte den Bogen nicht überspannen und vor allem endlich das Haus von innen sehen.

„Lässt du mich hier allein?“ Ich war nicht sicher, wie ich das finden sollte. Mit ihm zusammen zu sein war anstrengend, es war, als würde man ununterbrochen einen Stromschlag versetzt bekommen. Ich fühlte mich, als hätte ich keinen festen Grund unter den Füßen, doch zugleich hatte ich bei ihm dasselbe Gefühl wie bei Race, nämlich dass mir nichts passieren konnte, solange er da war.

Seine dunklen Augen waren unergründlich. Ich wünschte mir, mehr in ihnen lesen zu können.

„Heute Nacht schlafe ich auf dem Sofa.“

Ich fragte ihn nicht, wo er sonst die Nächte verbrachte. Ganz sicher hätte seine Antwort etwas mit dem beeindruckenden Körperteil zu tun, das ich gespürt hatte, als er mich küsste. Es ging mich nichts an, und ich wollte auch nicht, dass ich mir was anderes einbildete.

Als er die Tür aufstieß und hineinging, fragte ich: „Was hast du mit dem Typen vorhin vereinbart? Ein Rennen oder so was?“

„Nein, schön wär’s. Niemand fährt mehr Straßenrennen gegen mich. Ich gewinne immer, also werde ich gar nicht erst gefragt.“

Das überraschte mich nicht, ich hatte ja erlebt, wie er fuhr.

„Was dann?“

Er hob eine Augenbraue und knipste das Licht an. Es sah aus, als wären wir in einem Musterhaus. Alles war makellos und unberührt, kühle, neutrale Farben – wie von einem Designer eingerichtet. Es war so schön, dass es fast wehtat. Ich sah, wie Bax das Ganze mit zynischerem Blick betrachtete.

„Das Schlafzimmer ist hinten neben der Küche. Es gibt ein Bett, und ich glaube, Bettwäsche und so weiter sind im Schrank. Bestimmt ist alles verstaubt, aber für ein oder zwei Nächte wird es schon gehen.“

In seiner schroffen Stimme lag Verachtung.

Er nahm eine Zigarette und ging zur Tür. „Ein Kampf. Ich habe einen Kampf vereinbart.“

Ich runzelte die Stirn. „Einen Boxkampf?“

Er lachte, aber ohne Humor. „Man kann nur hoffen, dass dabei ausschließlich Fäuste benutzt werden. Versuch zu schlafen, Rotschopf. Bei meinem Glück wird der ganze Scheiß erst noch viel schlimmer, bevor es besser wird.“

Ich knabberte an meiner Unterlippe und sah, dass er mich aufmerksam beobachtete. Da lief mir etwas Heißes und Prickelndes über den Rücken. Ich war so unverhohlene männliche Aufmerksamkeit nicht gewohnt, und Shane Baxter war ohne Zweifel unverhohlen und männlich.

„Das ist eine schreckliche Lebenseinstellung.“

„So wird man wenigstens nicht enttäuscht. Geh ins Bett, Dovie.“

Es war das erste Mal, dass er mich bei meinem Namen nannte. Ich drehte mich um und marschierte ins Schlafzimmer. Leider ließ sich nicht leugnen, dass seine raue, heisere Stimme mich erregte. Mein Körper reagierte auf ihn, obwohl mein Verstand mir zuschrie, wegzulaufen.

5. KAPITEL

Bax

Ich hatte einen leichten Schlaf. Das war schon immer so gewesen, aber im Gefängnis war es noch schlimmer geworden. Ganz zu schweigen davon, dass mir dieses Haus Gänsehaut verursachte, denn es erinnerte mich nur an eins: Selbst wenn ich mal was Gutes machte, flog es mir um die Ohren und endete böse. Ich hob den Kopf, als ich leise Schritte hörte. Ich hatte mich auf der Couch ausgestreckt, ohne mir die Mühe zu machen, nach einer Decke zu suchen. Falls Dovie also ins Wohnzimmer kam, hatte sie hoffentlich kein Problem damit, mich in Boxershorts zu sehen. Weder war ich motiviert noch Gentleman genug, schnell in meine Hose zu schlüpfen. Ich wurde nicht leicht verlegen. Außerdem war sie es, die mir ständig auf die Pelle rückte, dann musste sie meinen Anblick in Unterhose eben aushalten.

Die Schritte kamen näher, und ich beugte mich so weit über die Rückenlehne, bis ich erkennen konnte, dass sie im Durchgangsbereich zwischen der Küche und dem Wohnzimmer verharrte. Das Licht war ausgeschaltet, aber das Strahlen ihrer hellen Haut war nicht zu übersehen. Sie war wie von innen erleuchtet, und sie trug ebenfalls keine Hose. Den riesigen Pulli hatte sie noch immer an. Die Beine, die darunter hervorlugten, waren wohlgeformt. Würde ich auf Beine stehen, wären das vielleicht die besten Beine, die ich je gesehen hatte.

„Stimmt was nicht?“ Ich bemerkte, wie sie zusammenzuckte und eine Locke um einen ihrer Finger drehte. Das tat sie ständig, wenn sie nervös war.

„Hab ich dich geweckt?“

Ich rieb über mein Gesicht, schwang die Beine herum, bis meine Füße den Boden berührten, legte den Kopf zurück an die Lehne und starrte an die dunkle Decke.

„Nein“, log ich. „Ich bin nicht gern hier.“

Sie trat zur Couch und ließ sich neben mich plumpsen, nah, allerdings ohne mich zu berühren. Danach zog sie die Beine unter sich, und ich versuchte, sie nicht dabei zu beobachten. Ich spürte, wie ihr Blick über mich glitt und wieder auf mein Gesicht fiel. Mein überwiegend nackter Körper war wie eine Straßenkarte für ein kurzes und viel zu hartes und zu schnelles Leben. Ich hatte eine üble Narbe auf der Brust von einem Motorradunfall in offenem Gelände, als ich zehn war. Eine hässliche Narbe verlief über den gesamten Bizeps, weil ich zu Beginn meiner Karriere mal mit der Faust ein Autofenster eingeschlagen hatte. Außerdem eine lange Kampfwunde auf meinem Rücken, die wie die Narbe auf dem Kopf daher rührte, dass ich ein einziges Mal nicht schnell genug gewesen war, um vor einem wütenden Cop und seinem Schlagstock abzuhauen. Ganz zu schweigen von der riesigen Tätowierung des V8-Logos auf meinem Bauch und dem Namen Bax in gigantischen Buchstaben, die auf meinem Rücken von Schulter zu Schulter gestochen waren. Auf der anderen Seite meiner Rippen hatte ich ein nacktes heißes Girl tätowiert, das mit gespreizten Schenkeln auf einer Zündkerze hockte. Und an Stellen, die sie nicht sehen konnte, befanden sich zwei Flaggen, die darauf hinwiesen, dass gerade irgendjemand das Glück hatte, die Ziellinie zu erreichen.

Ganz bestimmt fühlte sie sich von alldem abgestoßen oder von mir im Allgemeinen, aber sie klopfte mit den Fingern auf ihre nackten Knie und sagte: „Echt beschissen. Das ist wirklich ein hübsches Haus. Meine Mom war auch total am Ende. Deswegen bin ich in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen. Sie wollte lieber Drogen nehmen als Mutter sein.“

Ich redete nicht gern, vor allem nicht über Persönliches, doch sie würde es sowieso nicht lassen, also schloss ich seufzend die Augen und verschränkte die Hände vor meinem Bauch.

„Sie ist immer mal wieder trocken. Sie bemüht sich. Aber es hält nie lange an, und es bringt nichts, sie zu bedrängen. Außerdem kann ein Typ wie ich mit Haftstrafenregister und ohne Job nun wirklich nicht darüber urteilen, was richtig oder falsch ist. Ich liebe sie, sie ist meine Mom, so ist unsere Beziehung eben.“

Sie gab leise und mitfühlend einen Laut von sich, und in meiner Brust rührte sich was. Hätte es sich um Mitleid gehandelt, hätte ich einfach nicht weiter auf sie geachtet. Aber ich spürte so etwas wie Verständnis und wusste nicht recht, was ich damit anfangen sollte.

„Erzähl mir von Race. Ich muss verstehen, warum du tust, was du tust. Du verärgerst irgendwelche Leute und bringst dich für ihn in Gefahr. Wieso?“

Ich öffnete die Augen und sah sie an. Sie hielt den Kopf gesenkt und starrte unverwandt auf meine über dem Bauch gefalteten Hände und die Road-Runner-Tätowierung. Wenn sie den Blick etwas tiefer gleiten ließe, würde sie erröten, denn so oder so waren wir beide nackt genug, dass mein Schwanz sich interessiert fragte, was hier los war.

„Ich habe uns ständig in Schwierigkeiten gebracht, Race hat uns rausgeboxt.“ Sie schnaubte, und ich musste grinsen. „Nassir meinte es ernst, als er sagte, dass ihm nicht gefällt, wie Race Geschäfte macht. Vorher lief das nämlich immer so: Ich habe für Nassir Kopf und Kragen riskiert oder wurde verprügelt, und das fand Race schrecklich. Als ich anfing, Autos zu klauen, war Nassir der Mittelsmann zwischen mir und Novak. Er hat seinen Anteil genommen. Race passte es gar nicht, dass ich das ganze Risiko trug, dass ich es war, der das Gesetz brach, während Nassir sich einfach zurücklehnte, ohne sich die Hände schmutzig zu machen.“

Ich veränderte die Stellung eines Beins, um meiner weiter anschwellenden Erektion etwas Raum zu geben, und sah, wie Dovie blinzelte. Ich musste ein Grinsen unterdrücken.

„Race war es, der mir vorschlug, den Mittelsmann zu übergehen und mich direkt an Novak zu wenden. Er ist ein Typ, der das große Ganze im Auge hat und höllisch ehrgeizig ist. Egal, wie heftig ich gefeiert habe, Race hat länger gefeiert. Egal, wie viele Frauen ich abschleppte, Race hatte mehr. Es war, als müsste er sich nicht wegen, sondern trotz seiner Herkunft etwas beweisen. Ich hab das alles immer getan, weil ich es einfach gut konnte. Ich stehe auf Autos und auf den Kick. Race wollte ein Geschäft daraus machen, er wollte clever sein. Zuerst lief es fantastisch, doch dann wurde uns klar, wie tief wir schon drinsteckten. Ich wollte nie von jemandem abhängig sein, und Race war nach wie vor an The Hill und das Hartman-Vermögen gebunden. Irgendwann waren wir desillusioniert, wir steckten fest, wir hatten mehr und mehr riskiert, und er wollte einen Weg finden, uns rauszuholen. Und da wurde ich geschnappt.“

Sie räusperte sich, und wie ich sah, musste sie den Blick von dem losreißen, was unterhalb meiner Hüfte vor sich ging.

„Wie konnten sie dich schnappen, wenn du so gut warst?“

Jetzt befanden wir uns auf gefährlichem Terrain, ich war nicht sicher, ob sie dazu schon bereit war.

„Ich wurde verpfiffen.“

Sie stieß die Luft aus, ihre roten Locken tanzten in die Höhe.

„Von wem?“

Ich nahm die Hände vom Bauch und ließ die Fingerknöchel knacken.

„Von Race.“

Darauf folgte Totenstille. Einfach um sie zu schockieren, griff ich in meinen Schritt und rückte mein Teil zurecht. Ich hörte, wie sie einen erstickten Laut von sich gab.

„Das kann nicht sein. Er hat dich wie einen Bruder geliebt. Das hätte er dir niemals angetan. Und er hätte nie zu mir gesagt, dass ich dir vertrauen soll, wenn er geglaubt hätte, dass du dich rächen willst.“

Ich stand auf und ging hinüber zu meiner Hose, die ich auf den Boden geworfen hatte, stieg hinein und holte eine Zigarette aus der Hosentasche.

„Du dachtest auch, er würde keine Stripperin vögeln, dabei hat er das regelmäßig gemacht. Wir kennen einen anderen Menschen niemals ganz und gar, und letztlich kämpft jeder Mann auf der Straße für sich allein.“

„Ich verstehe es bloß nicht. Er muss einen Grund dafür gehabt haben, er hätte dich nie einfach hintergangen. Ich habe dir doch gesagt, dass er mir ständig von seinen Schuldgefühlen erzählt hat.“

Ich steckte die Zigarette in den Mundwinkel und ging zurück zur Couch. Dann legte ich die Hände links und rechts neben ihrem Kopf auf die Sofalehne und sah auf sie hinab. In ihren grünen Augen entdeckte ich eine Mischung aus Mitgefühl, Ungläubigkeit und Furcht. Ich konnte sehen, wie ihre zarten Nasenflügel sich leicht blähten, als ich mich so weit vorbeugte, dass sich unsere Nasen fast berührten.

„Niemand weiß, wozu ein verzweifelter Mensch fähig ist. Keine Ahnung, warum er es getan hat, aber ich werde es herausfinden.“

Sie schluckte und legte eine zitternde Hand auf ihren Hals.

„Und dann?“

Es war kaum mehr als ein Flüstern, das von ihren vollen, bebenden Lippen kam.

„Hängt von seiner Antwort ab.“ Ich drückte mich von der Couch ab. „Geh wieder ins Bett.“

Sie nickte stumm, und ich ging nach draußen, um beruhigende Giftstoffe in meine Lunge zu saugen. Dort blieb ich ein paar Minuten, lange genug, um meine aufgewühlten Hormone unter Kontrolle zu bekommen. Ich musste damit aufhören, Races Schwester mit irgendetwas Sexuellem in Verbindung zu bringen. Das würde sowieso niemals passieren, und ich hatte keine Lust, mit schmerzenden Eiern durch die Gegend zu laufen, bis ich meinen Kumpel aufgespürt hatte.

Ich verriegelte die Eingangstür und zog die Hose wieder aus. Ich sah, dass sie auf mich gehört hatte. Nur war sie nicht zurück ins Schlafzimmer gegangen, sondern lag zu einem Ball zusammengerollt auf dem Sofa. Ich starrte sie verdutzt an und wusste nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Es sah nicht besonders bequem aus, doch wenn ich sie hochhob und sie in ihr Zimmer trug, würde sie bestimmt aufwachen. Ich kratzte mir den Kopf und beschloss, sie einfach dort zu lassen und mich ins Bett zu legen. Ich war in der Küche, als ich sie wimmern hörte. Das, was sie zuvor aufgeweckt hatte, schien sie nach wie vor umzutreiben.

Leise stieß ich eine ganze Litanei an Flüchen aus, dann setzte ich mich neben sie aufs Sofa. Ich legte einen Arm um ihre Schultern und manövrierte sie gegen die Lehne, um mich vor ihr ausstrecken zu können. Wahrscheinlich würde ich auf dem Boden landen. Ich war nicht gerade schmächtig, und wir lagen sowieso schon nah beieinander, aber sie legte auch noch einen Arm um meinen Hals, schob ein Bein zwischen meine Beine und sank in tieferen Schlaf. Ich war froh, dass wenigstens einer von uns sich erholen konnte. Einem Mädchen so nahe zu sein, und dann ausgerechnet einem so faszinierenden und überraschenden Mädchen, machte meiner Willenskraft schwer zu schaffen.

Ich sollte mich nicht für sie interessieren, aber in Wahrheit interessierte mich alles an ihr, und das passte mir überhaupt nicht in den Kram.

Ihr sanfter Atem strich über meinen Hals, ich stöhnte laut auf und stellte mich auf eine lange, schaflose Nacht ein.

„Ich wollte eigentlich warten, bis wir uns bei der Arbeit sehen. Aber die Situation ist ernster, als ich dachte.“

Als ich meine verspannten Muskeln spürte, warf ich ächzend einen Arm über meine Augen. Ich lag allein auf der Couch, Dovie schien zu telefonieren. Tageslicht fiel mir voll ins Gesicht, und ich hatte einen steifen Nacken, weil ich Dovie die ganze Nacht fest an meine Brust gedrückt hatte.

„Ja, alles ist weg. Kleider, Bücher, alles. Ich weiß nicht, wie lange ich bei dir bleiben kann, aber meine Wohnung ist einfach nicht sicher.“

Ich hörte sie noch etwas murmeln, dann sagte sie leise „danke“ und kam zurück ins Wohnzimmer. Sie stützte sich mit einer Hand auf der Lehne ab. Ich nahm den Arm von meinem Gesicht, um ihren Blick aus grünen Augen zu erwidern. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und spielte mit ihrem Haar, somit wusste ich, dass sie sich unbehaglich fühlte.

„Meine Freundin Brysen wohnt ungefähr sechs Straßen weiter. Ich werde bei ihr bleiben. Niemand weiß, dass ich mit ihr gesprochen habe, weil wir eigentlich nur Kolleginnen sind, also sollte das okay sein. Ungefährlich.“

Keine Ahnung, wie sie darauf kam, dass ich darüber diskutieren würde, deswegen legte ich einfach nur den Arm wieder über die Augen. „Ich bringe dich hin.“

Sie räusperte sich und seufzte. Wie es schien, wollte sie mich nicht weiterschlafen lassen. In der Zeitspanne zwischen dem Einschlafen mit mir als Kopfkissen und dem Erwachen war ihr wohl etwas gegen den Strich gegangen.

„Ich möchte Race wirklich finden. Doch nach letzter Nacht und nach allem, was du mir erzählt hast, bin ich mir nicht mehr sicher, ob du ihm überhaupt helfen willst.“

Es war früh, mir taten die Knochen weh, und ich hatte null Interesse daran, diese verklemmte Kleine davon zu überzeugen, dass ich Race nicht schaden wollte. Ich schwang die Füße auf den Boden, griff nach meinem T-Shirt und zog es über. Meine Zähne fühlten sich widerlich an, und ich brauchte dringend eine Schmerztablette für meinen Nacken. Ich warf ihr einen scharfen Blick zu, während ich ungeduldig meine Stiefel anzog. „Brauchst du Kohle?“

Daraufhin blinzelte sie wie eine Eule.

„Wie bitte?“

Fluchend stand ich auf. Ich hatte Hunger. Ich musste sie loswerden und mir was zu essen besorgen. Sie brachte alles durcheinander und ging mir auf die Nerven. Ich hatte keine Zeit für solchen Unsinn. „Bargeld, Cash, Dollar, Mäuse … brauchst du Geld, um dir Klamotten und diesen ganzen Mädchenscheiß zu kaufen?“

Sie sah mich an, den Kopf zur Seite geneigt, als würde ich eine Fremdsprache sprechen, also zog ich leise fluchend ein paar Hunderter aus der Brieftasche und drückte sie ihr in die Hand.

„Gehen wir. Ich bin am Verhungern, und ich hab genug von diesem Haus.“ Ich steuerte auf die Haustür zu, ohne zu warten, ob sie mir folgte oder nicht. Sie benahm sich, als hätte sie Angst vor mir, und das ärgerte mich. Warum führte sie sich so auf … ich hatte nichts Schlimmes getan oder sie gar angemacht.

Ich hörte sie hinter mir herrennen, und bevor ich den Wagen erreicht hatte, packte sie mich am Ellbogen. Sie versuchte, mir das Geld zurückzugeben, aber ich schüttelte sie ab und ging zur Fahrertür.

„Ich kann das nicht von dir annehmen. Wir sind keine Freunde. Ich denke nicht mal mehr, dass wir auf derselben Seite stehen, und ich will nichts mit dir und deinen kriminellen Machenschaften zu tun haben.“

Ich biss die Zähne zusammen und hob eine Augenbraue. Sie war heute Morgen wirklich zickig. Wahrscheinlich war sie nicht sonderlich erfreut gewesen, halb auf mir liegend aufzuwachen, aber ich sah es nicht ein, als Zielscheibe für ihre Wut herzuhalten.

„Steig ins Auto. Das Geld ist sauber.“ Nun, sauber in dem Sinne, dass ich einen alten Super Bee in Schuss gebracht hatte. Wobei ich den Bee bei einem illegalen Rennen gewonnen hatte, als ich noch nicht mal alt genug war, um zu wählen. „Ich habe jetzt nicht die Geduld für dieses Theater, Rotschopf, also deine Entscheidung. Steig ein und ich bringe dich hin, oder du kannst zu Fuß laufen. Mir ist es so oder so egal.“

Sie überlegte, zu Fuß zu gehen, das sah ich ihr an, doch als ich den Motor anließ, stieg sie ein. Ihr Haar war ein einziges wirres Durcheinander. Ich wusste, dass es weicher war als alles, was ich je in meinem Leben berührt hatte, und dass man seine Hände leicht in all diesen Locken verheddern konnte, aber daran wollte ich jetzt nicht denken. Sie hatte die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepresst und die Arme unter ihren Brüsten verschränkt, die – so begann ich zu glauben – ähnlich umwerfend sein mussten wie ihre Beine. Sie sah aus wie ein schmollendes kleines Kind. Ich schätzte, es ging ihr gegen den Strich, dass ich mich nicht mit ihren komplizierten Mädchengedanken befasste oder damit, dass sie nicht länger in meiner Nähe sein wollte. Es war, wie es war, und für mich bedeutete das nichts anderes, als dass ich mich auf meiner Suche nach Race freier bewegen konnte.

Steif gab sie mir die Wegbeschreibung zu einem hübschen Haus weiter oben in The Hill. Hier würde wirklich niemand nach ihr suchen. Ich hielt mit laufendem Motor vor der Auffahrt und wartete, dass sie ausstieg. Es war ja nicht so, dass ich ihr eine innige Verabschiedung schuldete oder so was. Sie betrachtete mich einen Moment und legte dann das Geld, das ich ihr gegeben hatte, aufs Armaturenbrett. Ohne ein Wort stieg sie aus und ging die Auffahrt zu dem großen Haus hinauf. Ich stieß die Luft aus, die ich gefühlt eine Stunde lang angehalten hatte, und machte mich mit quietschenden und rauchenden Reifen aus dem Staub.

Ich hatte keine Ahnung, was das mit Races Schwester war, ob es nur daran lag, dass sie zu dem einzigen Menschen auf der Welt gehörte, der mir wirklich wichtig war. Jedenfalls konnte ich es mir nicht erlauben, mich von ihr derart durcheinanderbringen zu lassen. Mein Leben war nicht für diesen Wohlfühl-Mist gemacht.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, durch die Gegend zu rennen und Kontakt mit Leuten aufzunehmen, die ich lange nicht gesehen hatte. Mit Leuten, die mir noch Geld schuldeten, und mit jedem, von dem ich glaubte, dass er etwas über Race wissen könnte. Außerdem besuchte ich meine Mutter in dem elenden Schuppen, in dem sie wohnte. Es war nur ein gemietetes Zimmer in einer Unterkunft voll mit anderen Abhängigen und Leuten, die einfach aufgegeben hatten. Sie könnte jederzeit in dem Haus wohnen, das ich ihr gekauft hatte, doch war sie nicht in der Lage, die Flasche mal lange genug wegzustellen. Das brannte wie Gift in meinen Eingeweiden und versetzte mich in ziemlich üble Laune.

Ich rief Roxie an und sagte ihr, dass ich später am Abend wiederkommen würde. Und ich dachte nicht ein einziges Mal an Dovie oder was eigentlich passiert war, daran, dass sie vor mir davongelaufen war, als ob ich ihr was getan hätte. Ich war kein guter Kerl, aber sie hatte ich nun wirklich in Ruhe gelassen, und es passte mir nicht, dass sie mich wie einen Feind behandelte.

Zu jedem, dem ich den Rest der Woche über den Weg lief, war ich unfreundlich und kurz angebunden. So langsam kostete es mich den letzten Nerv, dass niemand – und ich meine niemand – etwas über Race wusste. Drei Leute sagten, dass er sich wegen irgendeines reichen Typen umgehört hätte, aber keiner kannte dessen Namen oder hatte sonst eine Information, die mir hätte weiterhelfen können. Und egal, wohin ich mich wandte, rannte ich entweder gegen eine Wand oder direkt in Benny hinein. Ich hatte die Nase voll von seinem selbstgefälligen Grinsen, ihm war klar, dass ich auch nicht weiter kam als er. Als er mich fragte, wie Dovie die Umgestaltung ihrer Wohnung gefallen hätte, musste ich meine ganze Willenskraft aufbringen, um ihm nicht die Zähne einzuschlagen. Aber im Gefängnis hatte ich nicht zuletzt Geduld gelernt, wie man den richtigen Zeitpunkt abwartete und wie süß Rache war, sobald sie unverhofft von selbst geliefert wurde. Also ignorierte ich ihn und sorgte dafür, dass er jedes Mal, wenn ich ihn stehen ließ, sehen konnte, wie sich in meinen Augen ein Unwetter zusammenbraute.

Mitte der Woche schickte ich Dovie eine SMS, um ihr mitzuteilen, dass ich noch keine Fortschritte gemacht hatte. Sie antwortete nicht, was mich nicht überraschte. Inzwischen nahm sie ja an, dass ich ihrem Bruder etwas antun würde. Es machte mich wütend, wie sehr mir ihre Meinung über mich unter meine sonst so dicke Haut ging. Sinnlos, sie davon zu überzeugen, dass ich sowieso erst mal Races Version hören wollte, bevor ich entschied, was ich von der ganzen Sache hielt. Ich war nicht der Typ, der seine Motive erklärte oder rechtfertigte, zumal Race mir früher immer den Rücken freigehalten hatte, ohne dumme Fragen zu stellen. Es musste einen Grund dafür geben, dass er mich hereingelegt hatte, eine Erklärung für den bittersten Verrat, den ich in meinem ziemlich kurzen Leben erlebt hatte. Und diese Erklärung sollte von ihm kommen, ich musste sie von Mann zu Mann hören. Vielleicht würde ich ihn danach umbringen, weil die Antwort mir nicht genügte, aber ich kannte Race. So oft, wie er mich schon gerettet hatte, hielt ich es für ausgeschlossen, dass er meinem Untergang einfach tatenlos zugesehen hatte.

Bevor ich mich’s versah, war Freitag, und ich hatte für den Kampf in Nassirs Club zu erscheinen. Ich hatte seit meinem ersten Jahr im Gefängnis nicht mehr gekämpft. Sobald ich aus purer Verzweiflung all die Typen fertiggemacht hatte, die größer waren als ich, hörten sie auf, mich anzumachen. Sie hörten überhaupt auf, sich für mich zu interessieren. Natürlich gab es ständig Raufereien und Streit, das war normal, wenn man einen Haufen gewalttätige Männer zusammensperrte, aber um mein Leben oder meinen Stolz hatte ich lange nicht mehr kämpfen müssen. Und für Geld zuletzt als Teenager. Hoffentlich war ich noch in der Lage, eine anständige Tracht Prügel einzustecken und vor allem hinterher wieder schnell genug auf die Beine zu kommen.

Ich rauchte wie ein Schlot, zum Platzen voll von nervöser Energie, was ich natürlich niemals zugegeben hätte. Aus Nassirs House-Dance-Club war ein höhlenartiger Fight Club geworden. Statt cooler Studenten aus The Hill, die sich einfach amüsieren wollten, war der Laden jetzt überfüllt mit Männern und Frauen, die sich auf eine animalische und blutige Show freuten. Ich wollte gar nicht wissen, wie meine Chancen standen. Ich hatte einen kurzen Blick auf den anderen Typen werfen können, als er mit seiner Entourage hereingewalzt kam, und eins stand fest: Er war ein Monster. Ein paar Zentimeter größer als ich, aber schlanker und durchtrainierter. Ich war eher stämmig und massig wegen der billigen Trainingsgeräte im Gefängnis. Dieser Typ sah aus, als ob er einen Coach und ein ganzes Team hätte, deren einziges Ziel es war, eine Kampfmaschine aus ihm zu machen.

„Nervös?“

Nassirs sanfte Stimme zerrte an meinen sowieso schon blank liegenden Nerven, denn jetzt sah ich den Kreis, den jemand mit roter Farbe auf den Boden gesprüht hatte. Kein Ring. Keine Polster. Nichts als Fäuste und Blut. Eine brutale Art, an Geld zu kommen.

„Nein.“

Ich sah ihn über die Schulter an. Er hielt ein Glas Scotch in der Hand, der garantiert älter als ich war, und betrachtete mich mit unergründlichem Blick.

„Überrascht mich, dass du überhaupt einverstanden warst. Siebentausendfünfhundert ist ein fairer Anteil. Ich weiß, dass du einen Großteil der Kohle, die Novak dir gezahlt hat, gespart hast. Also kann es hier nicht um Geld gehen. Ich dachte, du willst vielleicht einfach dein Gesicht vor der Rothaarigen wahren, doch nun bist du allein hier.“

„Ich muss vor niemandem das Gesicht wahren.“

„Ahhh … aber sie war anders. Ich hab schon viel erlebt, Bax. Mein wichtigstes Talent ist, Leute auf den ersten Blick einschätzen zu können. An ihr ist mehr dran als sonst an deinen Flittchen.“

Ich stierte ihn finster an und öffnete und schloss mechanisch die Hände. Wegen meiner Mom war ich kein großer Trinker, jetzt hätte ich jedoch gern mit einer Flasche Tequila in einem dunklen Raum gesessen, um mir Mut zu machen. Ich legte die Hände auf das Kettengeländer und betrachtete die Menschenmenge unter mir. Mindestens die Hälfte der Leute hoffte, dass mein Gegner mir den Schädel einschlug, dem Rest war egal, wer gewann, solange sie am Ende der Nacht Geld ausbezahlt bekamen. Mir wurde übel. Ich wollte nicht, dass mein Leben so aussah. Gleichzeitig konnte ich mir nicht vorstellen, es jemals wirklich hinter mir lassen zu können.

„Sie ist jemandem wichtig, der mir wichtig ist. Deswegen ist sie anders.“

„Da ist mehr dahinter. Ein Mann wie du – steckt man ihn lange genug in einen Käfig, wird er entweder zahm oder entwickelt sich in ein wildes Tier zurück. Du warst sowieso schon wild, also blieb dir gar nichts anderes übrig, als dich zähmen zu lassen. Du bist nicht mehr der Alte, Baxter. Das kann ich sehen, und wenn ich es sehe, dann wird Novak es auch sehen und es ausnutzen. Du solltest vorsichtig sein.“

Seine Worte krochen mir unter die Haut und ließen das Blut in meinem Kopf pochen. Ohne darüber nachzudenken, nahm ich ihm das Glas aus der Hand, um es über das Geländer nach unten zu schleudern. Ich sah, wie es auf dem Boden zerschellte und die teure Flüssigkeit die Leute nass spritzte. Nassir schnalzte mit der Zunge, dann drückte er meine Schulter.

„Verstehst du, was ich meine? Früher hättest du mich einfach ignoriert. Viel Glück, mein Freund. Normalerweise würde ich nicht denken, dass du es brauchst, aber heute Abend bin ich mir nicht so sicher.“ Er wandte sich zur Treppe. „Du hast zehn Minuten, ich schlage vor, du konzentrierst dich auf den Kampf.“

Ich atmete heftig aus, ließ den Kopf hängen und drückte die Augen fest zu, bis ich Sternchen sah. Sosehr es mich ärgerte, Nassir hatte recht. Schon bevor ich ins Kittchen gewandert war, hatte ich aussteigen wollen. Und die folgenden fünf Jahre hatten mich darin bestätigt, dass es unsinnig war, so zu tun, als ob ich neun Leben hätte. Als ich die Augen wieder öffnete, registrierte ich einen Wust orangeroter Locken, der sich durch die rasende aufgepeitschte Menge bewegte. Ich musste zweimal hinsehen, weil ich zu halluzinieren glaubte, doch da drehte sie sich um, sah nach oben, und unsere Blicke trafen sich. Ein Mädchen mit schicker blonder Frisur legte eine Hand auf ihre Schulter und brüllte ihr was ins Ohr, und sie nickte, wobei sie jedoch mich ansah.

Ich hatte sie eine Woche nicht gesehen, seit Donnerstagfrüh, aber es fühlte sich länger an. Ihre Haut war blasser, die Augen wirkten rauchiger, die Sommersprossen auf ihrer kleinen Nase waren deutlicher zu sehen. Sie schien selbst nicht zu wissen, was sie hier eigentlich wollte. Ihre Freundin umfasste ihren Ellbogen und zog sie aus dem Weg, als der andere Typ plötzlich in die Mitte des Kreises sprang.

Lautes Tosen erhob sich aus der Zuschauermenge, und der Typ begann zu brüllen wie ein Irrer. Verdammt, er musste mit irgendwas zugedröhnt sein. Anders ließen sich die angeschwollenen Venen und sein wildes Starren nicht erklären. Er riss sich das T-Shirt herunter und warf es in die Menge, was die Zuschauer noch mehr aufpeitschte. Er trug eine Cargohose und hatte sich schwarze Kleckse unter jedes Auge gemalt, als wäre er in einem Kriegsgebiet oder so was. Mich beschlich das Gefühl, dass diese Nacht sich endlos ziehen würde.

Leise brummend und nach wie vor über Dovies Erscheinen erstaunt, ging ich die Treppe hinunter zu der Stelle, an der ich sie zuletzt gesehen hatte. Ich brauchte nicht lange zu suchen, denn sie stürzte schon in der Sekunde auf mich zu, in der meine Stiefel den Boden berührten. Ich zog die Kapuzenjacke aus, angelte nach meinen Zigaretten und reichte ihr beides wortlos. Ihre Freundin glotzte mich von Kopf bis Fuß an, aber ich war vollkommen gefangen von Dovies Blick aus waldgrünen Augen.

„Ich habe eine SMS bekommen, dass Race auf jeden Fall bei einem Kampf von dir auftauchen würde. Sie haben mir sogar den Code geschickt, mit dem ich diese verrückte rosa Tür aufbekommen habe.“

Sie umklammerte meine Kapuzenjacke, während ich den Kopf schüttelte. „Er wird nicht kommen. Das war eine Falle. Sie wollen dich hierhaben, damit ich abgelenkt bin und dieser Hulk da mir den Schädel einschlagen kann.“

Ihre Augen wurden groß. „Benny?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Novak. Benny ist nicht annähernd klug genug.“ Es ärgerte mich maßlos, dass ich tatsächlich froh war, sie zu sehen. Ich mochte diesen trotzigen Schwung ihres Kinns und die chaotische Haarmasse. Ich zog mir das T-Shirt am Kragen über den Kopf herunter und reichte es ihr ebenfalls. Ihr Blick fiel auf meine Brust, dann blickte sie hastig wieder auf. Vielleicht hielt sie mich für einen Dreckskerl und hinterfragte meine Motive, aber sie war scharf auf mich, das war nicht zu übersehen.

„Du musst dich unbedingt im Hintergrund halten. Die Leute hier drehen durch. Es gibt keinen Schiedsrichter, keine Regeln, und es wird ziemlich bald ziemlich hässlich. Falls jemand viel Geld auf mich gewettet hat und ich verliere, ist es nicht mehr nur mein Gegner, der mir gewaltig in den Hintern treten will. Sei nicht dumm. Wenn du merkst, dass die Menge durchdreht, dann verzieh dich so schnell wie möglich. Oder verschwinde am besten jetzt gleich.“

Sie drückte meine Sachen an ihre Brust und warf der Blondine einen fragenden Blick zu. Die zuckte mit den Schultern und sah mich an.

„Ist deine Entscheidung, Dove. Ich hab dir gesagt, dass irgendwas mit der SMS nicht stimmt.“

Dovie wandte sich wieder an mich: „Ist es für dich sicherer, wenn ich gehe?“

Ich kam nicht mehr dazu, „zum Teufel, ja“ zu sagen, weil in diesem Moment Nassir neben mir aufkreuzte.

„Es ist Zeit, Romeo.“

Ich warf Dovie einen letzten Blick zu und drückte mich an ihr vorbei in die Menge. Ich rieb schnell meinen rasierten Kopf und versuchte, den Lärm und den Geruch von Schweiß und Aufregung zu ignorieren. Ich schob Hände weg, die mir auf die Schulter klopften oder mich abklatschen wollten, und zischte Nassir an: „Womit hat der Typ sich aufgeputscht?“

Er zuckte die Achseln. „Wer weiß?“

„Von wegen sauberer Kampf, verarschen kann ich mich selbst.“

„Hast du was anderes erwartet?“

Von ihm nicht.

„Behalt das Mädchen im Auge, Nassir. Falls ihr in deinem Laden irgendwas passiert, mache ich dich persönlich dafür verantwortlich.“

Jetzt standen nur noch wenige Leute zwischen mir und dem aufgesprühten Kreis.

„Du solltest besser als Sieger rauskommen, wenn du dir Sorgen um ihre Sicherheit machst.“

Ich warf ihm einen abfälligen Blick zu, den er mit einem wunderschönen Lächeln erwiderte. Ich hätte ihm gern eine gescheuert, doch in diesem Moment erhob sich ein Brüllen, das gut in die Serengeti gepasst hätte. Der letzte Zuschauer vor mir duckte sich weg, und schon traf mich ein Schlag meines Gegners mit der Wucht eines menschlichen Bulldozers. Ich knallte so hart auf den Betonboden, dass es in meinen Ohren pfiff und ich die Englein singen hörte. Als schwere Faustschläge auf meine Rippen einprasselten, ächzte ich auf, was jedoch über die Schreie der Menge und das laute Knurren meines Angreifers hinweg nicht zu hören war.

Ich packte ihn am Hals und schob ihn von mir, weit genug, dass ich auf die Beine springen konnte. Er verlor keine Zeit, stürzte sich wieder auf mich, nur war ich diesmal vorbereitet und traf ihn mit meinem gut platzierten Knie in die Mitte. Er knickte ein. Er war stark, aber die Drogen machten ihn so wild, dass er nicht in der Lage war, meinen nächsten Schritt vorauszusehen. Ohne schlechtes Gewissen schlug ich ihm hart ins Gesicht, während er noch immer nach vorn gekrümmt stand. Eine Blutfontäne schoss aus seinem Mund, und das wütende Zischen und Schreien der Zuschauer hallte von den Dachsparren wider.

Plötzlich kam er nach oben und rammte den Kopf direkt in meine ungeschützten Weichteile. Tat verdammt weh. Zischend drang die Luft aus meiner Lunge, mir wurde schwarz vor Augen. Er hatte mich so weit aus dem Gleichgewicht gebracht, dass ich mich nicht schnell genug fing, um seinen nächsten Schlag abzuwehren, der mir die Wange aufriss. Ich schmeckte mein eigenes Blut, und das machte mich rasend.

Er zielte wild auf meine Beine, traf jedoch nicht. Ich schnappte mir einen seiner Arme und zerrte ihn hinter seinen Rücken. Ich zog so fest daran, bis ich ein Plopp hörte, und ließ dann los. Ich wollte ihm den Arm nicht brechen, aber solange ich seine Hand nach oben riss, ersparte ich mir weitere von seinen brutalen Schlägen. Ich spuckte einen Mundvoll Blut aus und keuchte, als er seinen freien Arm plötzlich um meinen Hals schlang. Ich wusste nicht, wie er das hinbekommen hatte, doch er nutzte die Tatsache todsicher zu seinem Vorteil. Er drückte und drückte, und ich krallte mich in sein Fleisch, bis die Haut ganz rutschig war von seinem Blut. Ich bekam keine Luft mehr. Er war dabei, mich zu erwürgen.

Kurz bevor es dazu kam, schleuderte ich den Kopf so fest ich nur konnte zurück. Zum Glück hatte ich einen harten Schädel. Ich hörte sogar über das Kreischen der Menge und das Rauschen des Blutes in meinen Ohren hinweg, wie der dünne Knochen in seiner Nase brach, und dann sein wutentbranntes Aufheulen. Zwei Nasen, die ich in genauso vielen Wochen gebrochen hatte, nur war dieser Typ nicht Benny. Er war mit Drogen vollgepumpt und wollte Blut sehen. Ich sprang zurück, als er auf mich zutaumelte. Mein Kopf schmerzte, meine Rippen waren sicherlich geprellt, und der rostige Geschmack von Blut von meinem Gesicht und der erneut aufgeplatzten Lippe füllte meinen Mund. Ein Zuschauer warf eine Bierflasche in den Kreis, die vor meinen Füßen zersplitterte. Vielleicht hätte ich mir das mit dem Glas, das ich zuvor über das Geländer geschleudert hatte, besser überlegen sollen.

Ich wich ihm aus und dann noch einmal und landete einen soliden Schlag gegen sein Knie. Langsam wurde ich müde, doch er hatte chemischen Brennstoff in sich, der ihn in Schwung hielt, obwohl sein Gesicht wie rohes Fleisch aussah und seine ausgerenkte Hand in einem merkwürdigen Winkel vom Gelenk abstand. Das hier musste aufhören, und zwar sofort. Ich überlegte, wie ich das am schnellsten erreichte, versuchte, seine Schwachstelle zu finden. Da bückte er sich und zog etwas aus der Seite seines Stiefels. Laut fluchend wich ich einen Schritt zurück, als er ein Springmesser aufklappte. Der Anblick der Waffe ließ das Publikum regelrecht explodieren. Weitere Scherben und Flüssigkeiten, die ich gar nicht identifizieren wollte, regneten auf uns herab. Das konnte nicht gut für mich ausgehen.

Er stürmte wieder auf mich zu, und ich entkam nur knapp der Klinge. Ich spürte die rasiermesserscharfe Spitze über die gespannte und verschwitzte Haut meines Bauchs kratzen. Ich wich zurück und behielt abwechselnd ihn und das Messer fest im Auge.

„Scheiße.“ Sein Blick war vollkommen durchgedreht und außer Kontrolle. Er musste genauso schlimme Schmerzen haben wie ich, aber davon war wegen der Drogen in seinen glasigen Augen nichts zu bemerken. Er griff an, ich wich aus. Er stach zu, und ich sprang zurück. Der einzige Weg, das hier hinter mich zu bringen, war, ihn nahe genug an mich heranzulassen, um ihm das Messer wegzunehmen.

Ich holte tief Luft, trat seiner nächsten Vorwärtsbewegung entgegen und spürte, wie die Klinge über meine Rippen glitt, oben, in Höhe meiner Achselhöhlen. Ich stieß die Arme nach unten, sodass seine Hand feststeckte. Wir standen jetzt Auge in Auge. Seine Nase war vollkommen im Arsch, und er schnaufte und schnaubte wie ein Stier. Er würde sich nicht einfach so ergeben. Ich drehte mich, nutzte den Vorteil, den ich trotz meiner aufgeschlitzten Seite hatte, und bog ihn zurück, bis ich seine Knochen knacken hörte und das Messer zu unseren Füßen auf den Boden fiel. Er brüllte und schrie und versuchte, seinen nun nutzlosen Arm aus meinem Griff zu winden. Ich hielt ihn fest, bis er vor mir in die Knie ging, Blut und Rotz und schwarze Farbe über das Gesicht verschmiert.

Ich legte ein Knie unter sein Kinn, damit er zu mir hochsah.

„Tut’s weh?“

Er ließ eine ganze Flut von Schimpfworten auf mich los.

„Im Ernst, Alter. Sind wir fertig?“ Ich drückte den gebrochenen Arm noch fester in meine blutige Seite. Ich verlor gerade literweise Blut.

Er brüllte weiter Flüche und versuchte, mich mit der Hand, die ich ihm zuvor bereits ausgerenkt hatte, zu packen. Ich seufzte. Dann stieß ich ihn zurück und verpasste ihm einen raschen, fiesen und vollkommen unfairen Schlag ins Gesicht. Mit verdrehten Augen fiel er wie ein Babynashorn, das von einem Betäubungspfeil getroffen worden war, einfach um.

Ich hörte, wie die Menge durchdrehte, hörte meinen Namen, aber es gelang mir kaum, aufrecht stehen zu bleiben. Ich sah, wie Nassir mir zunickte, wie der Kreis sich um mich schloss, als die Entourage des Monsters versuchte, den Typen hochzuheben. Ich musste verdammt noch mal hier weg.

Plötzlich konnte ich nichts anderes mehr sehen als grüne, besorgte Augen.

„Bist du okay? Du blutest ganz schön.“

Sie reichte mir mein T-Shirt, doch statt es anzuziehen, knüllte ich es zusammen, um es an meine Seite zu pressen. Ich spürte, dass das Blut durch den Stoff sickerte.

„Ich werde es überleben. Ich muss mir jetzt mein Geld von Nassir holen, damit er es sich nicht noch anders überlegt oder mit einem weiteren brillanten Plan ankommt.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und schob meine Kapuzenjacke etwas zur Seite, um mir einen dicken Umschlag in ihrer anderen Hand zu zeigen.

„Ich hab Brysen während deines Kampfs nachzählen lassen. Er hat es mir gegeben, bevor du überhaupt zum ersten Mal zugeschlagen hast. Er war sich wohl ziemlich sicher, dass du gewinnst. Ist alles da, abzüglich seines Anteils.“

Ich blinzelte, weil ihre Worte durchs eine Ohr hinein- und durchs andere hinausgingen und es mir schwerfiel, ihr Gesicht scharf zu sehen.

„Ich muss hier weg.“

„Du gehörst ins Krankenhaus.“

„Muss bloß ein bisschen zusammengeflickt werden. Darum hat sich Race immer nach meinen Kämpfen gekümmert.“

Mist. Ich musste vollkommen wirr in der Birne sein, sonst hätte ich ihr so was niemals erzählt.

Sie legte den Kopf zur Seite und reichte mir die Kapuzenjacke. Ich benötigte ihre Hilfe, um meine schweren Arme in die Ärmel zu stecken. Dann starrte ich sie nur stumm an, als sie ihre kleine Hand in eine der Taschen schob, um meinen Autoschlüssel herauszunehmen.

„Komm. Ich bringe dich zum Haus deiner Mom. Mal sehen, vielleicht schaffe ich es ja, dich am Leben zu halten.“

„Niemand darf mein Auto fahren.“ Ich klang wie betrunken. Die Worte waren verwaschen, und ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt bis zum Stadtrand durchhalten würde. „Niemand außer mir.“

Sie legte sich den Arm an meiner unverletzten Seite über die Schulter, und ich brach halb auf ihr zusammen.

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