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Die Teufelsnonne

Prolog

Plötzlich war der Wolf da.

Pauline Kröger hatte wieder einmal mit offenen Augen geträumt. Das Mädchen liebte die Geschichten von Prinzessinnen und bösen Zauberern, die von den Alten des Winters am warmen Ofen erzählt wurden. Sie war, tief in ihre Fantasiewelt versunken, vom Weg abgekommen. Und nun stand sie im nasskalten Herbstwald, mehrere Meilen von der Schenke ihres Vaters entfernt. Pauline war vor Schreck wie erstarrt.

Das Raubtier lauerte in Sprungweite zwischen den bemoosten Baumstämmen. Pauline hatte gehört, dass Wölfe nur im Rudel jagten. Doch dieser Graukopf musste ein Einzelgänger sein. Andere Tiere waren nämlich nicht in der Nähe. Er wirkte alt, aber kraftvoll. Schlecht verheilte Wunden an seinem Körper zeugten von unzähligen Kämpfen, die er überlebt hatte. Pauline entdeckte sogar einen abgebrochenen Pfeilschaft in seiner Flanke.

Der Wolf zeigte seine scharfen Raubtierzähne.

Pauline zitterte am ganzen Leib. Sie war unbewaffnet. Doch selbst wenn sie ein Messer oder einen Prügel gehabt hätte, wäre sie viel zu furchtsam für eine sinnvolle Verteidigung gewesen. Und der graue Jäger spürte das genau.

Ein monotones Knurren drang aus seiner Kehle. Es war nur noch eine Frage von Momenten, bis der Wolf sie anspringen würde. Pauline hatte instinktiv an ihm vorbeigeschaut. Nun fing sie den Blick seiner gelben Augen ein.

Schlagartig geschah etwas mit ihr. Pauline starrte das Raubtier an. Und je länger sie das tat, desto schneller schmolz ihre Beklommenheit zusammen. Die Angst wich einer finsteren Entschlossenheit. Noch nie in ihrem fünfzehnjährigen Leben hatte Pauline sich so stark und so mächtig gefühlt.

Und das merkte auch der Wolf.

Dieses junge Menschenmädchen war kein Opfer mehr. Der graue Räuber hatte zu lange gezögert. Das Tier witterte mit seinem Instinkt die Todesgefahr, die plötzlich von seinem Gegenüber ausging.

Der Wolf wandte sich zur Flucht. Aber da hatte Pauline bereits mit ihrem Angriff begonnen. Sie stürzte auf den Graupelz zu und griff sich einen abgebrochenen Ast, der auf dem Waldboden lag. Das Holz war eine jämmerliche Waffe, und der Wolf hätte sie mit seinen Reißzähnen immer noch leicht töten können. Aber er verharrte bewegungslos, konnte ihrem Blick nicht ausweichen.

Paulines Augen besiegten das Raubtier.

Ihre Hände führten die Arbeit nur noch zu Ende. Mit einer Kraft, die sich das Mädchen niemals zugetraut hätte, rammte sie das abgebrochene Astende in die Wolfsbrust. Das graue Fell färbte sich rot und ein Zucken lief durch den Tierkörper. Der Wolf starb, ohne Gegenwehr geleistet zu haben.

Das Mädchen blieb wie betäubt neben dem toten Raubtier stehen. Pauline begriff nicht, was soeben geschehen war. Sie kannte jene inneren Kräfte nicht, die ihr vor wenigen Momenten das Leben gerettet hatten. Als Knecht Georg sie Stunden später fand, waren ihre Kleider von dem kalten Herbstregen völlig durchnässt.

Georg trug sie auf seinen starken Armen in die Schenke ihrer Eltern zurück. Mutter lief los und holte die alte Elsbeth, die für alle Beschwerden den passenden Kräutertrank hatte.

Während Pauline hustete und nieste, berichtete Georg staunend von dem toten Wolf mit dem Ast in der Brust.

„Bei allen Heiligen, unsere Pauline hat den alten Räuber zur Hölle geschickt. Er ist es gewesen, der letzte Woche die Schafe von Niklas gerissen hat. Da bin ich mir sicher.“

„Ein kleines Mädchen, das den mächtigen Meister Isegrimm besiegt?“, fragte Mutter zweifelnd. „Wo gibt es denn so etwas?“

„Ich habe den Wolf nur angesehen“, krächzte Pauline. „Dann wurde er ganz ruhig, konnte sich nicht mehr rühren. Und ich war so stark wie noch nie zuvor.“

Daraufhin wurde es sehr still in der Schlafstube, in die Georg das Mädchen gebracht hatte. Man hörte nur durch die dicken Holzwände den entfernten Lärm der Gäste, die unten im Schankraum dem westfälischen Bier und dem hellen Schnaps zusprachen.

Die alte Elsbeth äußerte schließlich, was alle dachten.

„Das Kind hat den Bösen Blick.“

„Das ist völliger Unsinn“, brummte Mutter. Doch sie klang nicht überzeugt. Es war vielmehr so, als wollte sie eine unabänderliche Tatsache nicht wahrhaben. Und Elsbeth ließ sich wirklich in ihrer Meinung nicht beirren. Sie wandte sich nun direkt an Pauline.

„Hat es in deinem Leben etwas Neues gegeben in letzter Zeit? Etwas, das du noch nicht kanntest?“

Pauline wurde puterrot und schaute Richtung Wand. Sie nagte an ihrer Unterlippe.

„Sie hat ihren Blutfluss bekommen, nicht wahr?“, fragte die Kräuterfrau Paulines Mutter. Die Wirtsfrau Ursula Kröger stimmte unwillig zu.

„Ja, aber was hat das mit dem Bösen Blick zu tun?“

Auf diese Frage hatte Elsbeth keine Antwort. Die Alte kannte viele Geheimnisse der Natur und des Lebens, aber sie konnte diese nicht unbedingt erklären. Elsbeth wusste, dass ein Mensch auf Holz klopfen musste, sobald eine schwarze Katze seinen Weg kreuzte. Ihr war auch bekannt, dass getrocknete Bucheckern unter dem Strohsack gegen Schlaflosigkeit halfen und ein blutiger Dolch, um Mitternacht in die Erde gesteckt, eine Missernte abwenden konnte.

Zu diesen Weisheiten gehörte auch die Erkenntnis, dass der Böse Blick bei Kindern nicht vorkam. Erst wenn ein Mädchen durch den Blutfluss zur Frau geworden war, konnte sie mit dieser geheimnisvollen Fähigkeit umgehen.

Doch den Grund dafür kannte auch Elsbeth nicht. Daher machte sie nur eine unbestimmte Handbewegung. Nun wandte sie sich wieder an die Fiebernde in dem Bett.

„Pauline, du wirst diese Gabe besitzen, solange du sie brauchst“, erklärte die alte Elsbeth. „Du kannst dadurch sehr mächtig werden, aber du …“

„Red dem Kind doch nichts ein!“ Mutters Tonfall war nun drängend und flehend zugleich. „Pauline wird als Hexe auf dem Scheiterhaufen landen, wenn Hochwürden von diesem Teufelswerk erfährt. Kann man es ihr nicht irgendwie austreiben?“

„Das ist mir nicht bekannt, Krögersche. Aber ein geistlicher Herr wird Rat wissen.“

„Auf gar keinen Fall!“ Mutter rang die Hände. „Dann ist ihr der Verbrennungstod gewiss. Ich hab‘ doch nur noch die Pauline, seit mir die schwarzen Pocken meine anderen Kinder genommen haben.“

Elsbeth wiegte ihren Kopf und öffnete ihren zahnlosen Mund.

„Naja, oder man fragt einen von den Evangelischen …“

Mutter schüttelte resolut den Kopf. Dann nahm sie Pauline bei den Schultern, wich aber ihrem Blick aus. Trotzdem sprach sie eindringlich zu ihrer Tochter.

„Pauline, du musst das Geheimnis mit dem … deinem Blick für dich behalten. Verstehst du mich? Dein Leben hängt davon ab.“

„Bin – bin ich böse, Mutter?“

Pauline fühlte sich sehr schwach und hilfsbedürftig, als sie diese Frage stellte. Sie konnte sich kaum noch vorstellen, dass sie noch vor wenigen Stunden so unglaublich stark gewesen war. Mutter strich ihr über ihre verschwitzten Haare.

„Nein, mein Kind. Aber du hast das Böse in dir. Du darfst es nicht hochkommen lassen. Bete zum lieben Gott, dann wird alles gut.“

Pauline wurde schwindlig, und das lag ganz gewiss nicht nur am Fieber. Warum hatte der liebe Gott ihr diese Gabe verliehen? Oder kam der Böse Blick aus höllischen Gefilden? Das musste ganz gewiss so sein, denn er war ja etwas sehr Schlechtes.

Und doch hatte der Böse Blick Pauline vor dem Wolf gerettet. Das war mehr, als sie begreifen konnte. Endlich schlief sie ein.

1

Pauline war auf dem Rückweg vom Dorfbrunnen zur Schenke. Ihr Rücken schmerzte, denn die beiden randvoll mit Wasser gefüllten Holzeimer in ihren Händen wogen schwer. Das Mädchen war harte Arbeit gewöhnt, doch in diesem trockenen Sommer musste sie besonders oft zum Brunnen laufen, damit die Gemüsebeete ihrer Mutter nicht verdorrten.


Die Feldfrüchte auf dem Markt waren wegen des Kriegs sehr teuer. Daher war der große Gemüsegarten hinter dem Haus für die Gastwirtsfamilie immer wichtiger geworden.


Pauline gönnte sich eine kurze Pause, stellte die Eimer ab und blickte zum Horizont. Lörisfelden war von sanften bewaldeten Hügeln umgeben. Im ersten Moment glaubte die junge Frau an eine Sinnestäuschung, denn die Hitze flimmerte über dem Boden. Doch dann wurde die Befürchtung zur Gewissheit.

Eine große braune Staubwolke wallte an der Kimmung auf. Und es ertönte ein Grollen, das nicht von einem aufziehenden Gewitter stammen konnte. Der Himmel war nämlich immer noch tiefblau und wolkenlos.

Nein, der Lärm wurde durch zahlreiche Pferdehufe verursacht. Unwillkürlich bekreuzigte Pauline sich. Die Angst war ihr in die Glieder gefahren. Trotzdem schaffte sie es, ihre Eimer zu greifen und im Laufschritt zu ihrem Elternhaus zurückzukehren. Dabei verschüttete sie einiges an Wasser, aber das war ihr egal.

„Die Soldaten kommen!“, rief Pauline. Sie stürmte in die Gaststube, obwohl sie dort mit ihren Wassereimern nichts verloren hatte. Doch ihr Vater schalt sie nicht aus. Er wirkte genauso verstört wie die Stammgäste, die bei ihren Worten aufblickten. Heinrich Kröger zog seine buschigen Augenbrauen zusammen.

„Bist du sicher, Tochter?“

„Ich habe doch den Staub gesehen, den ihre Rosse aufgewirbelt haben, Vater. Es ist genauso wie im vorigen Jahr!“

Heinrich Kröger nickte verbittert. Bereits Anno Domini 1620 hatte das Dorf eine durchziehende Armee ertragen müssen. Wie Heuschrecken waren die Spanier bei ihrem Vormarsch gegen die Niederländer in Lörisfelden eingefallen. Der kleine westfälische Flecken hatte sich gerade erst von den Plünderungen erholt. Und nun sollte der ganze Teufelstanz von vorne losgehen!

„Wir müssen uns fügen“, murmelte der Wirt. „Pauline, du hältst dich im Hintergrund, soweit es geht. Aber du wirst beim Bedienen mithelfen müssen. Soldatenkehlen sind immer ausgedörrt.“

Pauline nickte verdrossen. Normalerweise ging nur die dralle Schankmagd Anna ihrer Mutter beim Servieren von Bier und Schnaps zur Hand, während ihr Vater hinter der Theke das Regiment führte. Heinrich Kröger versuchte, seine Tochter von den lüstern betatschenden Gästen fernzuhalten. Doch Soldaten warfen mit ihren Kreuzern, Silbergroschen und Gulden nur so um sich, wenn sie ihre Trinkgelage abhielten. Und die Wirtsfamilie war auf Einnahmen angewiesen, denn die Steuerlast im Bistum Münster drückte schwer.

Also würde Pauline in den sauren Apfel beißen müssen. Sie durchquerte schnell die Schankstube und stellte die Eimer im Garten ab. Viel lieber hätte sie in den Beeten gearbeitet, denn vom Spitzkohl und den Gelbrüben hatte sie keine Zoten und Gehässigkeiten zu erwarten.

Vom Garten aus konnte Pauline die Dorfstraße nicht sehen. Doch sie hörte bereits das nun sehr laute Hufdonnern und die Begeisterungsschreie des Kriegsvolks beim Anblick der Schenke.

Am liebsten würde ich sie mit einem Bösen Blick alle zur Hölle schicken!

Kaum war Pauline dieser Gedanke gekommen, als sie auch schon vor sich selbst erschrak. Seit sie vor längerer Zeit den alten Wolf getötet hatte, war ihre vermaledeite Gabe nicht mehr zum Einsatz gekommen.

Auch im letzten Herbst, als die Spanier erschienen waren, hatte Pauline nicht ihre unheimliche Macht ausgespielt. Stattdessen war sie gemeinsam mit vielen anderen Dorffrauen in die Wälder geflohen, um nicht von den Söldnern geschändet zu werden. Pauline wollte nicht in der Hölle schmoren, weil sie ihren Bösen Blick bei anderen Menschen anwendete. Der Wolf war ein Raubtier gewesen, und damals hatte sie noch nichts von ihrer Fähigkeit gewusst. Doch wenn sie nun bewusst den Bösen Blick benutzte, dann war sie gewiss eine von diesen Hexen. Hochwürden predigte fast jeden Sonntag über die Verderbnis dieser Teufelsdirnen. Pauline wollte auf gar keinen Fall eine von ihnen werden.

Und doch hatte sie sich bisher nicht getraut, dem Pfarrer in der Beichte ihre unerwünschte Fähigkeit zu gestehen.

Das infernalische Getöse im Inneren der Wirtschaft riss sie aus ihren Grübeleien. Die Soldaten waren offenbar in die Schankstube eingefallen und waren so durstig wie die Ochsen auf dem Weg zur Tränke.

Pauline richtete noch schnell ihr Kopftuch und zupfte ihr Kleid zurecht. Sie wischte ihre schweißnassen Handflächen an dem grauen Leinenstoff ab, atmete tief durch und betrat die Gastwirtschaft ihrer Eltern.

Mutter und Anna hatten bereits alle Hände voll zu tun, um die gefüllten Bierhumpen an den Mann zu bringen. Die dörflichen Stammgäste hatten das Hasenpanier ergriffen, als die Soldaten einfielen. Nun beherrschten die prahlerischen Landsknechte den kleinen Schankraum, der bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Pauline hielt scheu den Blick gesenkt, als müsste sie sich für ihr Dasein entschuldigen. Trotzdem bemerkte sie, dass einer der unerwünschten Gäste ein ganz besonderer Patron war. Eine Gestalt, wie sie nur in Nachtmahren auftaucht.

Dabei schien dieser Mann noch nicht einmal besonders hochgewachsen zu sein. Pauline konnte es nicht genau sagen, denn er hockte ja auf einer Holzbank, so wie seine Spießgesellen. Doch die anderen Schlagetote hielten einen respektvollen Abstand zu ihm. Es musste sich um den Anführer handeln.

Wie die übrigen Soldaten trug dieser Mann einen weichen wallonischen Reiterkragen über Wams und Lederkoller, außerdem umgeschlagene Stiefelschäfte, Silbersporen und einen blutroten Mantel. Den mit einer langen Feder geschmückten Hut hatte er vor sich auf den Tisch gelegt.

Sein Kopf war schmal, die linke Augenhöhle wurde von einer schwarzen Klappe bedeckt. Die Pupille des gesunden rechten Auges wies eine sehr dunkle undefinierbare Farbe auf.

Doch es war hauptsächlich seine Stimme, die Pauline innerlich durcheinanderbrachte. Er redete mit teuflischer Sanftheit, die nur notdürftig seine brutale Unmenschlichkeit übertünchte. Pauline wandte ihm schnell den Rücken zu, um andere Landsknechte zu bedienen. Doch seine Worte entgingen ihr nicht, obwohl er für einen Soldaten recht leise sprach.

„Potz Blut, das Kriegsglück hat uns verlassen! Aber die Pfaffenarmee wird am Ende nicht siegreich bleiben, eher fahre ich zur Hölle.“

Der Sprecher gehörte offenbar zum Heer des evangelischen Herrschers Christian von Braunschweig, der auch „der tolle Halberstädter“ genannt wurde. Hochwürden predigte jeden Sonntag, dass alle Protestanten und Lutheraner Teufelsknechte seien. Pauline wusste nicht, warum überhaupt momentan Krieg geführt wurde. Die Spanier, die im Vorjahr Lörisfelden verheert hatten, waren rechtgläubige Katholiken gewesen. Diese heute angekommenen Reiter waren Protestanten. Pauline glaubte nicht, dass ihr Heimatdorf von diesen Männern etwas Besseres zu erwarten hatte. Vor allem nicht mit einem solchen Anführer.

Nun ergriff einer der anderen Landsknechte das Wort.

„He, Wirt – hat man in eurem Bauernkaff schon von dem Obristen Schwarzdolch Büttner und seinem Fähnlein gehört?“

„Nein, Herr“, antwortete Paulines Vater unterwürfig. So redete er nur, wenn er es mit dem Grafen, einem Geistlichen oder einem Steuereintreiber zu tun hatte. Oder mit einem schwer bewaffneten Soldaten.

Heinrich Krögers Antwort schien die Kerle zu amüsieren. Sie lachten, als ob der Wirt ein begnadeter Possenreißer wäre.

„So, man kennt mich hier also nicht. Das macht nichts. Wenn wir wieder fort sind, wird man noch sehr lange von Schwarzdolch Büttner sprechen.“

Diese Worte waren wieder aus dem Mund des Anführers gekommen. Und obwohl er keine richtige Drohung ausstieß, lief es Pauline bei seiner Äußerung eiskalt den Rücken herunter. Ein Bierkrug entglitt ihren Fingern. Das Gefäß zerschellte auf dem Boden.

Die Landsknechte wieherten erneut wie die Ackergäule.

Pauline stürzte zur Theke und holte schnell Nachschub. Doch ihr Vater schalt sie nicht aus. Er stand nämlich immer noch gehorsam wie ein Ministrant vor dem Tisch des Obristen. Schwarzdolch Büttner hatte längst einen Bierkrug aus den Händen von Anna empfangen. Er trank und wischte sich den Schaum von den schmalen Lippen.

„Wirt, man hört von einem schönen Mädchen in dieser öden Gegend. Die Kleine soll angeblich den Bösen Blick haben. Weißt du etwas darüber?“

Pauline hätte am liebsten aufgeschrien, als ihr Vater diese Frage gestellt bekam. Woher wusste Schwarzdolch Büttner von ihrem größten Geheimnis? Der Leibhaftige musste es ihm verraten haben, denn die Protestanten steckten doch sowieso mit dem Satan unter einer Decke.

Das hatte Hochwürden jedenfalls schon oft genug gepredigt. Aber konnte der Obrist wirklich Pauline gemeint haben? Sie selbst fand sich nicht gerade hübsch. Es war schon schlimm genug, dass ihre Eltern für sie noch keinen Bräutigam gefunden hatten, obwohl sie schon fast sechzehn Jahre alt war.

Zwar war Pauline dem Müllersohn Rudolf versprochen gewesen, doch der war am Fleckfieber zugrunde gegangen. Und in den Wirren nach dem Spanier-Überfall im vorigen Jahr herrschte an heiratsfähigen jungen Männern ein großer Mangel.

Spielte Schwarzdolch Büttner nur Katz und Maus mit Paulines Vater? Oder was bezweckte der Obrist mit dieser Frage? Pauline war schon fast irrsinnig vor Angst, als Heinrich Kröger endlich antwortete.

„Ein Mädchen mit Bösem Blick? Davon habe ich noch nichts gehört, Herr.“

„Wirklich nicht? In einem Wirtshaus erfährt man doch meist mehr als aus gelehrten Traktaten. Ich habe schon öfter Frauen mit dem Bösen Blick kennengelernt, weißt du. Aber es waren ausnahmslos hässliche alte Vetteln, die auf dem Scheiterhaufen der Heiligen Inquisition verbrannt wurden. An diese Weiber verschwende ich keinen zweiten Gedanken. – Aber eine junge Schönheit mit dem Bösen Blick, die wäre schon eine Bettgenossin für einen Mann wie mich.“

Pauline betete zur Jungfrau Maria, dass ihr Vater nicht seine Selbstbeherrschung verlieren möge. Wusste dieser fremde Offizier wirklich nicht, dass er über die Tochter seines Gegenübers sprach? Oder machte er sich einen rohen Spaß daraus, Heinrich Kröger bis aufs Blut zu reizen?

Pauline musste sich dazu zwingen, Schwarzdolch Büttner und ihrem Vater scheinbar keine Beachtung zu schenken. Sie schleppte Bierkrüge zu den Tischen. Doch dabei wurde ihr klar, dass die meisten Soldaten den Wortwechsel zwischen dem Obristen und dem Wirt gespannt verfolgten. Viele von den Kerlen hatten ein höhnisches Grinsen auf ihren Visagen. Es war, als würden sie eine widerliche Vorfreude empfinden. Plötzlich wurde Pauline ganz flau im Magen.

Für einen Moment kam ihr der Gedanke, Schwarzdolch Büttner mit ihrem Bösen Blick anzugreifen. Doch kaum hatte sie diesen Einfall, da verwarf sie ihn auch schon wieder. Stattdessen bekreuzigte sie sich unauffällig. Für Pauline war klar, dass der Satan selbst ihr diese Idee eingeblasen hatte. Sie durfte sich auf keinen Fall zu erkennen geben, denn sonst würde etwas Fürchterliches geschehen.

Doch das, was nun wirklich passierte, konnte Pauline nicht mehr verhindern.

„Ich würde Euch gern zu Diensten sein“, murmelte Vater mit belegter Stimme. „Aber ich weiß nichts über so ein Mädchen.“

Der Obrist erhob sich langsam von seiner Sitzbank.

„Weißt du was, Wirt? Ich glaube dir kein Wort. Und ich hasse es, wenn man mich anlügt!“

Büttner schrie diese Worte heraus. Das wirkte umso furchteinflößender, da er zuvor so leise geredet hatte. Sein Arm schoss vorwärts. Er packte Vaters rechte Hand – und nagelte sie blitzschnell mit seinem Dolch auf die Tischplatte!

Paulines Vater stieß einen Schmerzensschrei aus, der schlimmer war als jedes andere Geräusch, das sie in ihrem bisherigen Leben gehört hatte. Der Wirt zappelte verzweifelt, versuchte seine Hand wieder zu befreien. Doch dadurch schnitt die Klinge nur noch tiefer in sein Fleisch. Die Landsknechte johlten und lachten, sie schlugen sich voller Begeisterung auf die Schenkel.

Plötzlich war Mutter direkt vor Pauline. Die junge Frau hatte sie gar nicht herankommen sehen. Ihr Gesicht war bleich wie der Tod, die Augen weit aufgerissen.

„Du läufst jetzt weg, Pauline. Sofort!“

„Aber …“

„Ich sagte ‚sofort‘, dummes Ding.“

Pauline konnte nicht mehr klar denken. Sie weinte vor Angst und Mitleid. Ihre Mutter gab ihr noch einen Stoß, dann fiel die Wirtin vor dem Obristen auf die Knie. Offenbar wollte sie um das Leben ihres Mannes bitten.

Pauline rannte durch die Küche hinaus. Keiner der Landsknechte verhinderte ihre Flucht. Die Kerle hatten nur Augen für das, was Schwarzdolch Büttner mit dem Wirt und der Wirtin anstellen wollte.

Heinrich Kröger konnte nicht aufhören zu schreien. Paulines Knie waren weich wie Butter in der Sonne. Doch nachdem sie einige Schritte zurückgelegt hatte, wurde sie schneller. Ihre Holzpantinen klapperten auf dem Boden.

Da ertönte ein Schuss hinter ihr.

Abrupt verstummte das Geschrei ihres Vaters. Stattdessen wehklagte Paulines Mutter mit einer so schrillen Stimme, wie das Mädchen es noch nie zuvor gehört hatte. Eine zweite Pistole wurde abgefeuert. Daraufhin brach auch dieses Geräusch ab.

Pauline presste sich die Fäuste gegen ihre Ohren. Sie wollte nichts mehr hören, nie mehr. In ihrem Kopf hallten die letzten Worte ihrer Mutter wider.

Du läufst jetzt weg, Pauline. Sofort!

Es fiel ihr nicht schwer, diese Anweisung zu befolgen. Pauline konnte nicht aufhören zu rennen. Sie stürmte durch den Gemüsegarten, ließ die windschiefen Katen von Lörisfelden hinter sich und flüchtete sich in die Ausläufer des Teutoburger Waldes, von denen das Dorf umgeben war.


***


Für Schwarzdolch Büttner war das Töten so alltäglich wie das Rasieren.

Gerne hätte er den Wirt noch peinlich befragt, um ihm Informationen zu entlocken. Doch die Schmerzensschreie des Mannes strapazierten Büttners Nerven über Gebühr. Der Obrist war geräuschempfindlich, was für einen Mann in seiner Stellung ein ernsthaftes Problem darstellte. Während einer Schlacht musste er sich Watte in die Ohren stopfen, um das infernalische Getöse aushalten zu können. Ausgerechnet jetzt war ihm die Watte ausgegangen.

Daher griff Büttner zu seiner Radschlosspistole und verpasste dem Wirt eine Bleikugel mitten in die Stirn. Daraufhin begann dessen Weib mit ihrer Klagelitanei, was Büttners aufkommende Kopfschmerzen noch verstärkte. Er ließ sich von seinem Leutnant Witte eine zweite Schusswaffe geben und tötete auch die Wirtin.

Endlich Ruhe!, dachte Büttner, als auch die Frau blutüberströmt zu Boden sank. Und er sagte: „Irgendwo in diesem Rattennest von Dorf verkriecht sich das Mädchen mit dem Bösen Blick. Ich kann es spüren, sie muss in der Nähe sein. Fragt die Schankmagd. Aber wenn sie auch schreit, ist sie ebenfalls des Todes.“

Der Obrist deutete auf die schreckensbleiche Anna, die angesichts des grässlichen Endes der Wirtsleute ebenfalls gerne geflohen wäre. Doch ein Landsknecht hielt ihr den Mund zu, während zwei seiner Kameraden ihr bereits den Rock hochschoben und ihre Brüste betatschten. An den Absichten der rohen Kerle konnte es keinen Zweifel geben.

Leutnant Witte zog seinen Degen und zielte damit auf das Gesicht der jungen Frau. Sie riss voller Todesangst ihre blauen Augen auf.

„Du hast die Frage meines Herrn gehört, Miststück. Also, wie steht es? Hast du am Ende gar selbst den Bösen Blick?“

Der junge Offizier vermied es, Anna ins Gesicht zu schauen. Er war ohnehin viel mehr von ihren großen Brüsten beeindruckt. Der Landknecht löste seine Hand von ihrer Mundpartie, damit sie antworten konnte. Annas Stimme zitterte vor Angst.

„Ich weiß nichts von einer Frau mit Bösem Blick. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!“

Schwarzdolch Büttner machte eine wegwerfende Handbewegung. Die stechenden Kopfschmerzen, die ihn bei den Schreien seiner Opfer überfallen hatten, klangen allmählich etwas ab.

„Es wird sich zeigen, ob du bei dieser Aussage bleibst, wenn dich erst einige meiner Recken bestiegen haben. – Schafft mir die Strohbutz aus den Augen! Und dann setzt den Roten Hahn auf diese elende Dorfschenke!“

Die Landsknechte führten den Befehl nur zu gerne aus. Drei von ihnen hoben Anna hoch, um sie irgendwo außerhalb des Hauses zu schänden. Andere Soldaten entzündeten in der Küche am Herdfeuer Kienspäne, um damit das Dach anzubrennen.

Der Obrist verließ mit seinen übrigen Männern ohne Hast die kleine Dorfwirtschaft. Die Kavalleristen führten ihre Pferde am Zügel fort, denn die Tiere wurden aufgrund des aufsteigenden Qualms und des prasselnden Feuers unruhig.

„Wie lauten Eure Befehle, Herr?“, fragte Leutnant Witte. Schwarzdolch Büttner begann damit, in aller Ruhe seine Pistole neu zu laden.

„Lasst die Männer ausschwärmen, Leutnant. Ich will wissen, wo sich dieses Mädchen mit dem Bösen Blick verkriecht. Einer dieser Bauerntölpel wird etwas wissen, da bin ich mir sicher. Martert die Kanaillen, bis sie reden. Und setzt den Roten Hahn auf jedes einzelne Haus. Die Pfaffenarmee soll uns fürchten, bevor sie auch nur die Federn an unseren Hüten zu Gesicht bekommt.“

Der rangniedere Offizier eilte davon, um Büttners Order in die Tat umzusetzen. Der Obrist setzte sich im Schatten der Dorflinde auf eine Bank und beobachtete mit kaltem Blick, wie seine Landsknechte Not, Tod und Elend über Lörisfelden brachten.

Schwarzdolch Büttner trug seinen Spitznamen schon so lange, dass er seinen eigentlichen Vornamen Gottfried mittlerweile beinahe selbst vergessen hatte.

Dieser wollte auch nicht recht zu einem Mann passen, dessen Ruf auf rücksichtsloser Brutalität beruhte – und auf seinem Glauben an die dunklen Mächte.

Büttner musste beinahe pausenlos an das geheimnisvolle Mädchen mit dem Bösen Blick denken. Gab es sie wirklich oder war sie nur die Ausgeburt einer blühenden Bauernfantasie? Der Obrist hatte im nur zehn Meilen entfernten Tecklenburg zum ersten Mal von ihr gehört. Ein umherreisender Gaukler hatte von diesem schönen Kind berichtet, bevor Büttner ihm eigenhändig die Zunge herausschnitt. Das Mädchen mit dem Bösen Blick solle angeblich in einem der kleinen Dörfer des Tecklenburger Landes leben.


Daraufhin hatte der Obrist sofort seine Eskadron in Marsch gesetzt, um nach dem Mädchen zu suchen. Eigentlich war Schwarzdolch Büttner der Befehlsgewalt des „tollen Halberstädters“ unterworfen. Das Regiment des Obristen war Teil des evangelischen Zehntausendmannheeres, das in die Bistümer Münster und Paderborn eingefallen war. Aber Büttner tat im Zweifelsfall immer das, wozu er selbst gerade Lust hatte. Christian von Braunschweig hatte sich damit abgefunden, denn wenn es hart auf hart kam, waren Büttners Landsknechte die besten und rücksichtslosesten Kämpfer in seiner ganzen Armee.

In Aachen hatte Büttner sich von einem Wahrsager die Zukunft deuten lassen. Der alte Graubart prophezeite dem Obristen gewaltiges Kriegsglück – und eine junge Frau mit dem Bösen Blick würde sein Schicksal entscheiden.

Schwarzdolch Büttner glaubte fest an diese Vorhersage. Seit er konsequent teuflisch handelte, flossen die Reichstaler nur so in seine Schatztruhen und er führte sein Regiment von Sieg zu Sieg. Was war da naheliegender als eine Frau mit dem Bösen Blick, die als ergebenes Weib sein Bett wärmte?

Natürlich stellte eine solche Gefährtin ein Risiko dar, denn sie konnte ja ihre satanische Gabe auch gegen ihn selbst wenden. Aber gerade darin lag für Büttner der besondere Reiz, der Nervenkitzel, die sinnenbetörende Verlockung. Jeder dumme Landsknecht konnte eine hilflose Magd schänden oder eine Hure bezahlen. Aber sich eine Frau mit dem Bösen Blick zu unterwerfen – das war eine Herausforderung, der sich nur ein Mann wie Schwarzdolch Büttner stellen wollte.

Die Schreie der gequälten Dorfbewohner ließen den geräuschempfindlichen Obristen zusammenzucken. Er beschloss, außerhalb von Lörisfelden zu warten, bis seine Männer ihr Zerstörungswerk vollendet hatten. Büttner erhob sich von der Bank. Doch da fiel ihm noch etwas ein.

Die Dorflinde – sie war in diesen kleinen Käffern neben dem Wirtshaus meist der einzige Treffpunkt für harmlosen Frohsinn. Hier fanden sich Liebespaare zum Stelldichein, hier wurde zu den Klängen einer Fiedel getanzt, hier ruhten sich die Alten auf der Bank aus. Nun, diese Freude würde er den Dörflern gründlich verderben.

Schwarzdolch Büttners Gesicht verzog sich zu einem satanischen Grinsen.

„Leutnant Witte – nehmt Euch zwei Männer und lasst die Dorflinde abholzen. Und vergesst nicht, auch die Ruhebank zu zerschlagen!“


Pauline rannte wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie hörte erst damit auf, als ihre Beine ihr den Dienst versagten. Die Wirtstochter fiel auf den weichen Waldboden. Sie versuchte aufzustehen, aber die Erschöpfung war einfach zu groß. Pauline blieb auf dem Rücken liegen. Ihre Lungen flatterten, ihr Herz raste. Sie war tief in den Wald gelaufen. Wo genau sie sich befand, konnte sie unmöglich sagen. Irgendwo westlich von Lörisfelden musste sie sein. Sie war so weit vom Dorf entfernt, dass sie noch nicht einmal den Stundenschlag der Kirchturmuhr hören konnte.

Es dauerte eine Weile, bis ihr Körper sich von der Anstrengung des schnellen Laufs erholt hatte. Die Gedanken schwirrten durch ihren Kopf wie Bienen durch den Bienenstock. Doch dann sah sie etwas, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Eine schwarze Rauchsäule stieg am Horizont auf. Paulines Verstand weigerte sich, die schreckliche Wirklichkeit zu erfassen. Dabei gab es keinen Zweifel daran, was die beiden Schüsse in der Gaststube zu bedeuten hatten. Und auch der Qualm über der Stelle, wo Pauline Lörisfelden vermutete, ließ nur eine Möglichkeit offen.

Das Dorf brannte.

Pauline kniff die Augen zusammen. Bei genauerem Hinsehen stellte sie fest, dass die Qualmsäule aus verschiedenen kleineren Rauchschwaden bestand. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben. Mehrere Häuser und Gehöfte brannten. Ob auch die Gastwirtschaft ihrer Eltern ein Raub der Flammen wurde?

Und – was war mit ihrer Mutter und ihrem Vater geschehen?

Noch weigerte Pauline sich standhaft, an den Tod ihrer Eltern zu glauben. Vielleicht war ja ein Wunder geschehen! Hochwürden hatte schließlich oft genug von der Kanzel herab gepredigt, dass der Herrgott den reinen Seelen helfe und seine Schäfchen nicht im Stich lasse.

Vielleicht waren die Soldaten ja nur gesandt worden, um die Glaubensfestigkeit der Lörisfeldener zu prüfen. Doch kaum war Pauline dieser Einfall gekommen, als ihr ein zweiter, entsetzlicher Gedanke kam.

Was wäre, wenn sie selbst das Unglück über ihr Heimatdorf gebracht hatte? Schließlich besaß Pauline die Fähigkeit des Bösen Blicks. Wurden dadurch die Höllenkräfte nicht geradezu magisch angezogen? Gewiss, ihre Mutter hatte stets versucht, Paulines Gabe vor den Nachbarn und den übrigen Dorfbewohnern geheim zu halten.

Aber war das auch gelungen?

Zumindest Anna, die Schankmagd, wusste nichts von Paulines Fähigkeit. Anna war nämlich so fürchterlich abergläubisch, dass sie gewiss niemals für eine Familie gearbeitet hätte, deren Tochter den Bösen Blick hatte.

Pauline bekreuzigte sich. Irgendwoher musste doch dieser Obrist Büttner von ihr gehört haben. Ob am Ende die alte Elsbeth geplaudert hatte? Das Kräuterweib trieb sich oft in den Nachbargemeinden herum. Es war gut möglich, dass sie den Landsknechten in die Arme gelaufen war. Wenn Elsbeth dem Branntwein zugesprochen hatte, wurde sie redselig. Oder die Soldaten hatten ihre Zunge mit Hilfe der Folter gelöst. Es spielte letztlich auch keine Rolle. Fest stand, dass dieser schreckliche Offizier es auf Pauline abgesehen hatte.

Sie hasste und fürchtete ihn gleichzeitig. Immer wieder erlebte sie innerlich den Moment, als Büttner Vaters Hand mit dem Dolch auf die Tischplatte genagelt hatte.

Ob Pauline mit ihrem Bösen Blick Vater und Mutter vor den Soldaten hätte retten können?

Sie wusste es nicht, denn gegen Menschen hatte sie ihre unheimliche Fähigkeit noch niemals eingesetzt. Außer seinerzeit der Wolf hatte noch nie ein lebendiges Wesen die Auswirkungen ihrer Gabe zu spüren bekommen.

Die Ungewissheit nagte an Pauline wie eine gefräßige Ratte. Obwohl sie sich vor der Wahrheit fürchtete, wollte sie sich Gewissheit verschaffen. Daher beschloss sie, nach Lörisfelden zurückzukehren. Sie musste einfach erfahren, was mit ihren Eltern geschehen war.

Doch das konnte sie nur im Schutz der Dunkelheit tun. Es gab kaum einen Weg oder Pfad, der durch den Wald führte – von einer befestigten Straße ganz zu schweigen. Dennoch musste sie damit rechnen, dass die berittenen Soldaten auch in dem unwegsamen Gelände nach ihr suchen würden.

Pauline schlich langsam Richtung Dorf, wobei sie stets in der Deckung von Sträuchern, Baumstämmen und Unterholz blieb. Einmal glaubte sie, eine Abteilung Reiter in großer Entfernung vorbeiziehen zu sehen. Oder war es nur ein Rudel Rotwild? Sie wollte jedenfalls kein Risiko eingehen.

Endlich senkte sich die Dämmerung über den Teutoburger Wald. Je näher Pauline ihrem Geburtsort kam, desto unerträglicher wurde der Brandgeruch. Die Glut glomm in einigen rauchenden Ruinen immer noch.

Von den Holzkaten war fast nichts übriggeblieben, nur die geschwärzten Fachwerkmauern anderer Häuser standen noch. Pauline brach der kalte Schweiß aus. Sie fühlte sich, als würden ein großer Stein in ihrer Kehle und ein zweiter in ihrem Magen stecken. Tränen rannen unablässig über ihre Wangen und der kalte Rauch brannte wie Feuer in ihren Augen.

Pauline kehrte in ein Totendorf zurück.

Offenbar hatten die Landsknechte nicht nur die Bewohner, sondern auch das Vieh sinnlos abgeschlachtet. Leichen und Kadaver lagen zwischen Häusern und Ställen herum, sofern die Körper nicht mit den Gebäuden verbrannt waren. Sogar vor der Kirche hatten die Schlagetote nicht haltgemacht. Hochwürden war mit langen Zimmermannsnägeln an die Kirchentür geschlagen worden. Der Geistliche hatte diese Tortur nicht überlebt.

Das flackernde Feuer von verlöschenden Brandherden beleuchtete diese grausigen Szenerien. Pauline bewegte sich auf das Wirtshaus zu, dabei unwillkürlich immer langsamer werdend.

Plötzlich hörte sie ein leises, langgezogenes Stöhnen.

Hoffnung keimte in ihr auf. Sollte ihre Mutter oder ihr Vater wie durch ein Wunder diesen Tag des Infernos überlebt haben?

Pauline raffte die Röcke und wurde schneller. Zum Glück fehlte von den Soldaten jede Spur. Diese Teufel in Menschengestalt mussten Lörisfelden verlassen haben, nachdem sie ihr Werk der Zerstörung vollendet hatten.

Die junge Frau schaute sich um. Sie glaubte, sich getäuscht zu haben. Das Geräusch war verstummt, man hörte nur das Knacken des verkohlten Holzes und das Knistern der allmählich verlöschenden Flammen.

„Ist hier jemand?“, fragte Pauline mit zitternder Stimme.

Das Ächzen ertönte erneut. Es kam aus der Richtung, wo noch am Morgen der Hühnerstall gestanden hatte. Auch dieser Bretterverschlag war nur noch eine rauchende Ruine. Und dahinter lag ein nackter blutiger Körper.

Anna.

Pauline erkannte die Schankmagd, obwohl sie entsetzlich zugerichtet war. Aber sie lebte noch.

„Anna …“

Pauline konnte den Namen nur flüstern, während sie sich neben die junge Frau kniete und sie sanft an der Stirn berührte. Doch die Schankmagd zuckte sofort panisch zurück.

„Ich bin es, Pauline“, sagte sie und versuchte dabei, beruhigend zu klingen. Aber wie konnte man Ruhe empfinden angesichts einer solchen Apokalypse?

„Pauline“, wiederholte Anna. „Es tut mir leid, deine Eltern …“

„Was ist mit ihnen?“

„Sie starben … durch die Kugeln von Schwarzdolch Büttner. Der Obrist … er hat sie niedergeknallt wie tollwütige Tiere.“

Nun war Paulines Befürchtung entsetzliche Gewissheit geworden. Was mit Anna selbst geschehen war, musste sie nicht fragen. Pauline war auch nicht sicher, ob sie es so genau wissen wollte. Die junge Frau musste durch die Hölle gegangen sein.

„Büttner – wo ist der Bastard?“

„Fortgeritten, mit seinen Leuten. Ich glaube, sie wollten auf Paderborn ziehen. Und – dieses Mädchen mit dem Bösen Blick. Büttner ist besessen von ihr. Er will sie haben …“


Und genau dieses Mädchen hockt nun neben dir, dachte Pauline bedrückt. Sie schämte sich, obwohl sie ja nicht die Schuld an Annas Schicksal trug. Insbesondere hatte sie es sich nicht ausgesucht, mit dem Bösen Blick behaftet zu sein.

Pauline überlegte, ob sie der verwundeten Schankmagd die Wahrheit gestehen sollte. Aber noch bevor sie sich entscheiden konnte, erlag Anna ihren schweren Verletzungen.



2

Wie zum Hohn war der nächste Morgen ein strahlend schöner Sommertag.

Pauline hatte die Nacht im Wald verbracht. Es war völlig undenkbar für sie gewesen, in dem Dorf zwischen all den Toten zu bleiben. Sie hatte zuerst überlegt, ihre Eltern zu begraben. Aber die Schenke war nur noch eine rauchende Ruine, ein Chaos aus eingestürzten Wänden und verbrannten Balken. Die junge Frau war überfordert mit der Aufgabe, die sterblichen Überreste von Mutter und Vater daraus hervorzuzerren. In Paulines Augen war die zerstörte Schenke selbst das Mausoleum ihrer Eltern. Sie konnte nicht mehr dort sein, wollte nur noch fort.

Pauline hatte kein Ziel.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, ging mit der gleichmäßigen Routine eines Mädchens, das lange Märsche gewohnt war. Je weiter sie sich von Lörisfelden entfernte, desto besser klappte es mit dem Denken.

Am Vortag war ihr gesamtes bisheriges Leben auf einen Schlag zerstört worden. Es kam ihr beinahe sündhaft vor, dass sie selbst noch atmete und sich bewegen konnte. Warum nur legte der liebe Gott ihr so schwere Prüfungen auf? Pauline wusste es nicht, und sie hatte auch niemanden, den sie fragen konnte. Denn auch Hochwürden war ja von Schwarzdolch Büttner und dessen Mannen ermordet worden.

Schwarzdolch Büttner.

Noch nie zuvor in ihrem jungen Leben hatte Pauline einen Menschen so gehasst. Er hatte ihre Eltern grundlos getötet. Vielleicht war das ja im Krieg so üblich, aber in Paulines Augen war das keine Rechtfertigung.

Sie wusste gar nicht, warum überhaupt gekämpft wurde. Gewiss, die Gäste in der Schankstube hatten oft über diese Dinge geredet. Das eine oder andere Bruchstück hatte Pauline beim Bedienen auch schon einmal aufgeschnappt.

Da war von einem Fenstersturz zu Prag die Rede, auch von der Schlacht am Weißen Berg hatte Pauline schon einmal gehört. Die hohen Herren in Böhmen rebellierten gegen den Kaiser, wobei Pauline gar nicht genau wusste, wo dieses Böhmen überhaupt lag. Es musste weit weg sein, noch weiter als Münster. Doch auch bis in die gleichnamige Hauptstadt des Fürstbistums Münster war die junge Frau noch niemals gelangt.

Die ihr bekannte Welt endete in Tecklenburg.

Ob jetzt das Ende aller Tage bevorstand?

Pauline erinnerte sich plötzlich an einen barfüßigen Kometendeuter, der einst ins Dorf gekommen war. Zwar lag dessen Besuch schon fast drei Jahre zurück, aber Pauline konnte sich noch lebhaft an ihn erinnern.

Der in einen löcherigen Kittel gekleidete Asket hatte viele Erklärungen für die Erscheinung eines großen Kometen im November des Jahres 1618 parat gehabt. Sie alle waren darauf hinausgelaufen, dass die ganze Welt in einer Flut von Gewalt und Blut versinken würde, bevor das Jüngste Gericht dem Spuk ein Ende machte.

Waren dieser Krieg und die Zerstörung von Lörisfelden nicht die besten Beweise für die Richtigkeit der Prophezeiung?

Hochwürden hatte damals den Kometendeuter mit einer Mistforke aus dem Dorf gejagt, aber Pauline hatte seine Worte niemals vergessen.

Sie war die Tochter eines Gastwirts, konnte weder lesen noch schreiben. Dennoch dachte Pauline oft über den Lauf der Welt nach. Sie erinnerte sich an die Predigten, die sie in der Dorfkirche gehört hatte.

Mutter und Vater waren jetzt im Paradies, daran gab es für Pauline keinen Zweifel. Ihre Eltern hatten das anständige Leben von Christenmenschen geführt, auch wenn das in einer Schankwirtschaft voll mit wüsten Zechern nicht immer einfach war.

Wenn das Jüngste Gericht wirklich bevorstand, musste Pauline sich darauf vorbereiten. Auf gar keinen Fall durfte sie ihrem Leben selbst ein Ende bereiten, denn auch daran hatte sie kurzzeitig gedacht. Aber die Selbstentleibung war eine Todsünde, die unweigerlich die ewige Verdammnis nach sich ziehen würde. Das hatte Hochwürden seiner Gemeinde oft genug erklärt.

Trotz ihrer unermesslichen Trauer war Pauline entschlossen, ihr Schicksal als eine Prüfung anzusehen. Lange musste sie gewiss nicht mehr ausharren, bis das Ende der Welt nahte. Daher kniete sie nieder und verrichtete ganz fromm ihr Morgengebet.

Doch wie sollte es weitergehen, bis sie vor ihren Schöpfer trat?

Zum ersten Mal stand Pauline ohne Aufgaben da. In der Schenke ihrer Eltern hatte es immer Arbeit gegeben. Auch im Haus und im Garten konnte sie sich über Mangel an Beschäftigung nicht beklagen. Nur der Sonntag war der Muße vorbehalten, wenn Gottesdienst und Bedienung der Frühschoppengäste hinter ihr lagen.

Pauline brauchte ein Ziel. Sie beschloss, nach Münster zu wandern. Gewiss, es gab auch noch andere Städte im Reich. Sie hatte von Prag und Wien gehört, von Aachen, Hamburg, Worms und Bremen. Doch alle diese Orte mussten unendlich weit entfernt sein, und den Weg dorthin kannte sie nicht. Doch von Münster wusste sie zumindest ungefähr, wo es lag. Sie musste sich in nordwestlicher Richtung halten. Dann würde sie nach zwei oder drei Tagen den Bischofssitz erreichen.

Die Himmelsrichtungen konnte sie durch den Stand der Sonne erkennen, auch die Bemoosung der Baumstämme half ihr bei der Orientierung.

Pauline sprach noch ein letztes Gebet für das Seelenheil ihrer Eltern. Dann wischte sie sich die Tränen fort und machte sich mit knurrendem Magen auf den Weg.



3


„Pereat tristitia

Pereant osores

Pereat diabolus

Quivis antiburschius

Atque irrisores.”


Die letzten Strophen der traditionellen Studentenhymne „Gaudeamus igitur“ kamen Sebastian Neuhaus und seinen Freunden nur noch verwaschen über die Lippen.

Das war auch kein Wunder, denn die jungen Herren hatten ausgiebig und feuchtfröhlich Abschied gefeiert. Nun hockte die Akademikerhorde wie ein Schwarm von bunten Vögeln auf einem Zaun und blickte auf die Türme von Heidelberg im Tal unter ihnen.

Bernd Siepe spuckte im hohen Bogen aus.

„Verflucht seien Generalissimus Tilly und seine Bande von Schlagetoten! Gevatter Tod regiert, die pöbelnden Landsknechtshaufen machen sich breit – und ein jeder Studiosus steht vor dem Nichts.“

Siepe sprach mit schwerer Zunge das aus, was sie alle dachten. Nach dem Einmarsch der kaiserlichen Truppen in Heidelberg war die Universität geschlossen worden. Die meisten Professoren hatten sich schnell aus dem Staub gemacht. Sebastian Neuhaus, Bernd Siepe und die übrigen Studenten waren zunächst noch in der Stadt geblieben. Doch das Geld wurde immer knapper, nachdem der Freitisch für die hungrigen Studentenmägen nicht mehr zur Verfügung stand. Und es war nicht absehbar, wann sich die Lage besserte.


Also hatte Siepe für sich und seine Freunde am Vorabend ein paar Krüge Branntwein beschafft. Rund ein Dutzend Kommilitonen hatten auf einem bewaldeten Hügel fernab der Heereslagerfeuer einen wehmütigen Abschied gefeiert. Und nun war es Morgen, jeder von ihnen hatte einen gewaltigen Brummschädel – und ihre Wege würden sich trennen.

Sebastian rieb sich die Augen. Manchmal wünschte er sich, aus einem üblen Traum aufzuwachen. Er war in den vergangenen zwei Jahren so glücklich gewesen wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Noch besser als das Lernen in den Hörsälen hatte ihm das Studentenleben gefallen. Trinken, fechten und mit den Mädchen im Heu landen – einem Heidelberger Studenten gehörte die Welt. So hatte man es ihm vom ersten Tag an eingebläut, und Sebastian lernte diese Lektion nur allzu gern. Er war ein junger Fuchs gewesen, doch schon bald ging ihm die großspurige Grandezza der Studenten in Fleisch und Blut über.

Stolz wie Spanier traten die jungen Akademiker in ihren weiten bunten Gewändern auf, den Degen als Symbol ihrer studentischen Freiheit umgeschnallt. Sie gingen keiner Rauferei aus dem Weg. So mancher von den Nichtstudierten, die an der Universität nur verächtlich „Philister“ genannt wurden, hatte schon Bekanntschaft mit studentischen Degen und Fäusten machen müssen.

Außerdem waren die jungen Herren aus gutem Haus bei den Bürgertöchtern wegen ihrer Verführungskünste berühmt-berüchtigt. Doch nun waren die Tore der Alma Mater von Heidelberg geschlossen und nur Gott selbst wusste, wann sie wieder geöffnet wurden.


Allmählich klang die Wirkung des Branntweins ab. Sebastian ging zu einer Viehtränke, die sich unweit des Zauns befand. Er steckte seinen Kopf in das kalte Wasser, fuhr mit beiden Händen durch sein langes gelocktes Haar. „Goldengel“ hatte ihn eines der zahlreichen Mädchen genannt, mit denen er sich seit Studienbeginn vergnügt hatte, denn sein Haupthaar besaß einen kräftigen Blondton.

Durch das morgendliche Waschen wurde Sebastians aufkommende Nüchternheit noch verstärkt. Eine Frage, die er am branntweinseligen Vorabend verdrängt hatte, lastete nun wieder stark auf seine Seele.

Was sollte er mit seinem Leben anfangen?

„He, Bastian, altes Haus! Was für Grillen spuken dir durch den Kopf?“

Sebastian musste grinsen. Seinem Freund Bernd konnte er nichts vormachen. Es war, als würde der Medizinstudent in ihm lesen wie in einem offenen Buch. Und bevor Sebastian antworten konnte, schob sein Kommilitone eine Vermutung nach.

„Immer noch keine Nachricht aus Graubünden?“

Der blonde Student schüttelte den Kopf. Sein Vater besaß eine Tuchhandlung. Normalerweise bekam Sebastian jeden Monat einen Brief und eine Zahlungsanweisung aus der Heimat. So konnte er seinen Lebensunterhalt in Heidelberg bestreiten. Doch nun hatte er schon seit einem Vierteljahr nichts mehr von seiner Familie gehört. Bis auf wenige Münzen war Sebastian inzwischen mittellos.

„Willst du in deine Heimat zurückkehren?“, hakte Bernd nach.

„Das darf ich nicht. Ich musste meinem Vater schwören, erst mit einem abgeschlossenen Studium wieder nach Graubünden zu kommen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass er mir meine Auslagen bezahlt.“

„Aber wie willst du dein Studium beenden, wenn unsere Universität geschlossen wurde? Und wovon willst du leben, wenn du keine Zahlungsanweisungen von daheim bekommst?“

„Du hast mein Problem auf den Punkt gebracht, teurer Freund.“

Bernd atmete tief durch.

„Ich kann dir ein paar Gulden leihen, aber das hilft dir nicht lange weiter. Mich wird mein Weg ins Holländische führen, wie du weißt. Die Alma Mater von Leiden soll ein beliebter Zufluchtsort für so manchen Studiosus geworden sein, der dem kriegsgeschüttelten Reich den Rücken kehrt. Unsere holländischen Freunde haben das spanische Joch bereits abgeworfen. – Willst du mich nicht begleiten?“

„Nein, Bernd. Ich muss zunächst in Erfahrung bringen, was aus meiner Familie geworden ist. Auch ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, meine Studien an einem anderen Ort fortzusetzen.“

„Komm doch mit mir nach Leiden! Dort ist der Krieg so fern wie der Mond, und mit Bierhumpen und Degenklinge wird man im Holländischen ebenso trefflich umgehen können wie in Heidelberg.“

„Es geht wirklich nicht. Vielleicht komme ich später nach. Aber solange ich nicht weiß, was in der Heimat geschehen ist, kann ich deinem Vorschlag nicht folgen.“

„Und wie willst du etwas erfahren, wenn du selbst nicht zurückkehren darfst? Nimmst du die Dienste eines Hellsehers in Anspruch?“

„Nein, Bernd, das nicht. Aber mein Vetter Alfons lebt in Nördlingen. Ich hoffe, dass er etwas von meiner Familie gehört hat. Immerhin befindet er sich viel näher an meiner Heimat als ich selbst.“

Bernd klopfte ihm auf die Schulter.

„Ich kann dich verstehen, alter Freund. – Dann nimm wenigstens das hier von mir an. Es ist nicht viel, aber mit etwas Glück kommst du damit bis nach Nördlingen.“

Mit diesen Worten drückte Bernd seinem Freund ein leise klirrendes Säckchen in die Hand. Sebastian öffnete es. Darin befanden sich zehn Gulden. Eigentlich war er zu stolz, um Geld anzunehmen. Doch Sebastian hatte schon seit einigen Tagen ziemlich gedarbt, daher war ihm der Branntwein am Vorabend auch besonders zu Kopf gestiegen. Er musste sich eingestehen, dass er ohne Bernds Unterstützung wohl kaum bis zu seinem Vetter gelangen würde.

„Danke, Bernd. Ich zahle es dir auf Heller und Pfennig zurück.“

„Ja, wenn du erst in Leiden bist. Ich vermisse dich jetzt schon. Lass uns den Abschied nicht zu lang werden.“

Die Freunde umarmten sich. Sie nahmen auch Abschied von den übrigen Kommilitonen. Matthias aus Augsburg, Gottlieb aus Tuttlingen, Volker aus Brandenburg, Ansgar aus Dinkelsbühl – sie und alle die anderen Studenten gingen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Wie es hieß, führten außer der Universität von Leiden noch die berühmten Bildungsstätten in Italien ihren Lehrbetrieb weiter. Aber alle diese Orte waren weit entfernt – zumal für einen mittellosen Studenten wie Sebastian, der zu Fuß reisen musste.

Immerhin hatte er sein Bündel schon am Vortag geschnürt. Es enthielt neben etwas Leibwäsche die wenigen schmalen Bücher, die der Student sich hatte anschaffen können. Ansonsten bestand sein irdischer Besitz nur aus den Kleidern auf dem Leib und aus dem Degen an seiner Seite.

Doch Sebastian wäre kein Heidelberger Student gewesen, wenn er verzagt in die Zukunft geblickt hätte. Dass er so lange keine Nachricht von seiner Familie erhalten hatte, konnte an den Schwierigkeiten des Postwesens in Kriegszeiten liegen.

Er stellte sich vor, wie er schon in wenigen Monaten wieder Seite an Seite mit Bernd und seinen anderen Freunden tagsüber im Hörsaal sitzen und nachts die Bierhumpen stemmen würde. Diese Zukunftsaussicht ließ ihn lächeln und den Schmerz des Abschiedes weniger bohrend und nachhaltig erscheinen.

Sebastian winkte den Kommilitonen noch einmal zu. Dann wanderte er mit dem Bündel unter dem Arm in die Richtung, wo er Nördlingen vermutete.



4


Pauline war genügsam.

Mutter hatte sich oft darüber beklagt, dass das Mädchen überhaupt kein Fett ansetzte. Selbst nach einem üppigen Braten oder süßen Klößen wurden ihre Formen nicht so weiblich, wie es zu wünschen gewesen wäre. Aber Pauline wusste nicht, was sie dagegen tun sollte. Manches gleichaltrige Mädchen wies bereits das breite Becken einer Frau auf, die mehrere Kinder zur Welt gebracht hatte – von den Brüsten ganz zu schweigen.


Alles in allem hatte sich Pauline mit ihrer Magerkeit abgefunden, obwohl so mancher mögliche Bräutigam dadurch abgeschreckt wurde. Doch je länger sie durch die Wälder streifte, desto mehr sehnte sie sich nach etwas Speck auf den Hüften.

Als Gastwirtstochter hatte Pauline im Gegensatz zu einigen armen Tagelöhnern oder Bettlern niemals wirklichen Hunger erleiden müssen. Was es hieß, nichts zum Essen zu haben, wurde ihr erst auf ihrer einsamen Reise so richtig bewusst.

Pauline musste an den Wolf denken, den sie vor einigen Jahren getötet hatte. Es war, als wäre er von den Toten auferstanden und würde nun von innen her ihren Magen und ihre Gedärme zerfetzen.

Eine solche Vorstellung war natürlich Unfug, und das wusste Pauline genau. Doch je länger sie hungerte, desto mehr Illusionen wurden ihr von ihrer überbordenden Fantasie vorgegaukelt.

Blaubeeren und Wasser, das war momentan ihre einzige Nahrung. Es reichte aus, um nicht völlig zu verhungern. Doch ihre Gedanken kreisten ununterbrochen um Essen. Sie erinnerte sich an die gebratene Gans, die Mutter beim Weihnachtsfest auf den Tisch gebracht hatte, an Mandelkuchen bei der Kirmes in Tecklenburg, an die Tafelfreuden der Bauernhochzeiten – sogar die Vorstellung von einfachem Haferbrei mit einer Prise Salz ließ Pauline das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Ob auch dieser Bärenhunger zu den Prüfungen gehörte, die der liebe Gott ihr auferlegt hatte? Das erschien Pauline einleuchtend, obwohl sie Schwierigkeiten hatte, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Manchmal brach sie erschöpft zusammen und schlief ein paar Stunden. Es machte für sie keinen Unterschied mehr, ob es Tag oder Nacht war. Oft schritt sie nach Einbruch der Dunkelheit sogar schneller aus als bei Sonnenschein, denn sie besaß keine Decke und konnte sich nachts nur durch Bewegung einigermaßen warm halten.

Dann orientierte sie sich an den Sternen im Firmament, um weiter in die richtige Himmelsrichtung zu laufen. Aber der Hunger blieb ihr ständiger Begleiter. Allmählich konnte sie verstehen, wie sich die zahlreichen Bettler und Vagabunden fühlen mussten, die sommers wie winters durch Lörisfelden zogen.

Nun wurde das Hirngespinst so übermächtig, dass sogar schon Paulines Nase von Bratenduft gequält wurde. Die junge Frau blieb stehen und lehnte sich an einen Fichtenstamm. Es war finstere Nacht, ihre Füße schmerzten von der endlosen Wanderung.

Plötzlich begriff Pauline, dass ihr ihre Wunschvorstellungen keineswegs einen Streich spielten – jedenfalls nicht jetzt. Weit vor ihr flackerte zwischen den Bäumen der irrlichternde Schein eines Lagerfeuers, ein glutroter Flecken in der schwarzen Nacht.

Pauline musste an das brennende Dorf denken und ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Doch die Erinnerung an die vor Kurzem überstandenen Schrecken war nur flüchtig. Offenbar wurde ein Stück Fleisch über dem offenen Feuer gebraten. Das war es, worum nun Paulines Gedanken kreisten.

Doch trotz ihres beinahe übermächtigen Hungers blieb sie vorsichtig. Die schrecklichen Erfahrungen mit den Landsknechten in Lörisfelden hatten ihr schließlich vor Augen geführt, was Menschen ihren Mitmenschen antun konnten. Keinesfalls durfte sie blindwütig zu dem Lagerfeuer laufen und darum bitten, ein kleines Stück Fleisch abbekommen zu dürfen.

Zunächst musste sie sich vergewissern, mit was für Leuten sie es zu tun hatte. Pauline sank auf die Knie. Das fiel ihr nicht schwer, denn bei dem appetitlichen Bratengeruch konnte sie sich ohnehin kaum noch auf den Beinen halten. Ihr Magen knurrte so laut, dass es in ihren eigenen Ohren wie ein Donnerrollen klang.

Auf Händen und Knien schlich sie auf das Lagerfeuer zu. Dabei achtete Pauline sorgfältig darauf, stets hinter Sträuchern und Buschwerk verborgen zu bleiben. Glücklicherweise war die Vegetation hier besonders dicht.

Schon bald erkannte sie, dass ihre Zurückhaltung mehr als berechtigt gewesen war. An dem Lagerfeuer hockten nämlich zwei Männer, deren bunte Tracht und Waffen sie als Landsknechte auswiesen. Im Gegensatz zu Schwarzdolch Büttner und dessen Männern waren sie zu Fuß unterwegs. Jedenfalls konnte Pauline nirgendwo in der Nähe Reittiere entdecken.

Die Soldaten hatten einem Hasen das Fell abgezogen und brieten den Mümmelmann nun an einem Eisenspieß über dem Lagerfeuer. Während sie auf das Essen warteten, vertrieben sie sich die Zeit mit dem Leeren einer Schnapsflasche und mit Reden. Pauline duckte sich unter einen Holunderbusch. Von dort aus hatte sie die Kerle nicht nur im Blickfeld, sondern konnte auch jedes Wort verstehen.

„Verdammt will ich sein, wenn dieses Vieh nicht endlich bald durch ist. Mir hängt schon der Magen in den Kniekehlen vor lauter Hunger.“

„Halts Maul und trink noch einen Schluck, Karl. Du meckerst wie eine alte Ziege. Sei doch froh, dass wir uns so schnell aus dem Staub machen konnten. Oder willst du dich wieder vom Profoß durchprügeln lassen?“

Pauline horchte auf. Diese Männer waren offenbar von ihrer Armee fortgelaufen. Unter einem Profoß verstand man jedenfalls eine Art Ordnungshüter bei den Truppen. Das Wort hatte Pauline einmal aufgeschnappt, als Gäste im Wirtshaus über den Militärdienst geredet hatten. Doch nun lauschte sie zunächst der Antwort von diesem Karl.

„Der Profoß Josef? Ha, ich lasse mir von niemandem mehr das Fell gerben. Der ‚tolle Halberstädter‘ soll seine Schlachten ohne mich schlagen.“

Diese Landsknechte hatten zu derselben Armee gehört wie jener Obrist, der ihre Eltern getötet hatte. Die Erinnerung daran ließ die junge Frau erstarren. Aber sie lauschte weiterhin dem Zwiegespräch.

„Schön, wir haben das elende Exerzieren in Formation hinter uns gelassen, und auch den Bremer, bei dem ich noch Spielschulden habe. – Aber wie soll es nun weitergehen, Karl? Hast du eine Vorstellung?“

„Selbstverständlich. Saufen, Raufen, Schänden, Stehlen, Quälen – lustig ist das Soldatenleben, oder nicht? Nur dass wir jetzt keine Soldaten mehr sind, sondern freie Herren und auf eigene Rechnung arbeiten.“

„Freie Herren, sagst du? Wenn wir erwischt werden, landen unsere Schädel auf dem Richtblock. Hast du daran mal gedacht?“

„Sicher habe ich das. Wir müssen auch damit rechnen, dass ein paar Bäuerlein zur Sense oder zum Dreschflegel greifen, nachdem wir es ihren Weibern besorgt haben. Aber was soll diese Verzagtheit? Weißt du nicht mehr, wie du mit deinem Katzbalger umgehen musst?“

„Natürlich weiß ich das, gelernt ist gelernt. Ich habe mich nur gerade gefragt, warum wir überhaupt vom Kalbsfell fortgelaufen sind.“

„Bist du so dumm oder hast du schon zu viel gesoffen? Wir befolgen keine Befehle mehr, die uns ein scheinheiliger Offizier gibt. Wir tun nur noch das, was uns gefällt.“

„Nicht alle Offiziere sind scheinheilig. Hast du noch nie von dem Obristen Büttner gehört?“

„Du meinst diesen einäugigen Satansbraten, den alle nur ‚Schwarzdolch‘ nennen? Ich kannte mal einen Kerl, dessen Bruder in seinem Reiterregiment gedient hat. Du hast recht, Schwarzdolch Büttner schont weder das Bauernpack noch die Weiber. Er gibt seinen Mannen sogar ein Beispiel, damit sie nicht zu gnädig mit den Dörflern umspringen. Er stachelt sie auf, da bleibt keine Kehle undurchtrennt und kein Dach ohne den Roten Hahn.“

„Ja, wenn Schwarzdolch Büttner ein Dorf erobert hat, bekreuzigen sich die Leute noch fünfzig Jahre später, heißt es.“

„Vorausgesetzt, es ist noch jemand da, der sich bekreuzigen kann.“

Die beiden Landsknechte fielen in ein rohes Gelächter ein. Paulines Furcht wich immer mehr einer kalten Wut, die sie kaum noch unterdrücken konnte. Diese beiden Soldaten waren offenbar von der gleichen Sorte, die so unendliches Elend über ihre eigene Familie und über ihr Heimatdorf gebracht hatte. Doch das war noch lange nicht das Schlimmste.

Unverzeihlich war nach Paulines Meinung, mit welch unverhohlener Bewunderung Karl und Josef von Schwarzdolch Büttner sprachen. Sie waren schlechte Menschen, die große Freude am Quälen von unschuldigen Opfern hatten. Je länger Pauline darüber nachdachte, desto wütender wurde sie.

Was geschah eigentlich, wenn der Böse Blick gegen Bösewichte zum Einsatz kam?


Pauline wusste es nicht. Aber sie spürte, dass ihre Empörung und ihr Abscheu gegen die beiden Landsknechte den Kampf gegen ihre Furcht gewonnen hatten.

Die Erinnerung an die Begegnung mit dem Wolf wurde wach. Damals hatte sie geglaubt, keine Chance gegen das Raubtier zu haben. Doch die Kräfte, die tief in ihrem Inneren schlummerten, waren sehr mächtig. Sie musste nur darauf vertrauen.

„Ja, Schwarzdolch Büttner ist ein richtiger Teufelskerl“, schwärmte Karl gerade. „Ich habe gehört, dass die Weiber um Gnade winseln, wenn er sie sich vornimmt.“

„Was für ein Glückspilz! Potz Kanonendonner, ich gäbe etwas darum, wenn ich jetzt ein leckeres Frauenzimmer in die Finger bekommen könnte …“

„Dein Wunsch sei dir gewährt.“

Pauline wusste selbst nicht, warum sie diesen Satz laut und deutlich mit ihrer hellen Stimme ausgesprochen hatte. Noch bevor sie einen Rückzieher machen konnte, richtete sie sich aus dem Gebüsch auf und trat in das flackernde Licht des Lagerfeuers.

Die Hände der beiden Soldaten zuckten zu ihren Degen und Pistolen. Doch sie erkannten schnell, dass sie Besuch von einem unbewaffneten Mädchen bekamen. Auch deutete nichts auf irgendwelche Begleiter der jungen Schönheit hin.

Karl und Josef starrten Pauline mit offenen Mündern an. Die Verblüffung stand ihnen deutlich in ihre bärtigen Gesichter geschrieben. Doch das Erstaunen wurde sehr schnell von nackter Gier verdrängt.

Sie sahen ein schmales und zierliches, aber zweifelsohne weibliches Wesen vor sich. Das Haar des Mädchens war unter einem schmuddligen Kopftuch verborgen, das einfache Kleid war schmutzig und an mehreren Stellen eingerissen. Offensichtlich trieb sich die Kleine schon etwas länger im Wald herum.

Paulines Haut war rein wie frisch gefallener Schnee, wenn auch nicht so hell. Gleichwohl hatten ihr Antlitz und ihre bloßen Unterarme nicht den tief gebräunten Farbton von Mägden, die den ganzen Tag unter freiem Himmel schuften mussten. Oft hatte sie in der Schenke oder der Küche gearbeitet, daher war ihre Haut nicht so oft der Sonne ausgesetzt gewesen.

Paulines haselnussbraune Augen deuteten momentan noch nicht darauf hin, dass sie den Bösen Blick hatte. Und da ihr Gesicht so blass war, wurde die Röte ihrer Lippen ganz besonders auffällig.

Alles in allem war sie ein ansehnliches, wenn auch etwas schmales junges Mädchen. Doch selbst wenn sie eine hässliche alte Vettel gewesen wäre, hätte ihr das nichts genutzt. Sie war eine Frau und damit Freiwild für diese beiden brutalen Kerle. Das konnte sie am lüsternen Glitzern in den Pupillen der Landsknechte deutlich erkennen.

Karl fand als Erster die Sprache wieder. Während er zu reden begann, griff er sich durch den Hosenstoff hindurch ungeniert an sein Gemächt.

„Woher kommst du, dumme Gans? Schleichst du dich nachts durch den Wald und suchst einen Recken, der dir die Flötentöne beibringt?“

„Und wenn das so wäre? Willst du der Hengst sein, wenn ich die Stute bin?“

So lautete Paulines Antwort, und sie stemmte herausfordernd die Fäuste in ihre schmalen Hüften. Sie kannte sich selbst nicht mehr. Normalerweise schlug Pauline in Gegenwart von fremden Männern verschämt die Augen nieder. Sie war nicht wie Anna, die derbe Zoten und Zudringlichkeiten mit einem kessen Spruch quittierte. Oder quittiert hatte, besser gesagt. Pauline erinnerte sich an das blutige Ende, das die wehrlose Schankmagd gefunden hatte.

Dieser grimmige Gedanke befeuerte die unheimliche Kraft in ihrem Inneren noch zusätzlich. Es war dieselbe Macht, die seinerzeit für den Tod des Wolfs verantwortlich war. Doch weder Karl noch Josef ahnten, in was für einer Gefahr sie schwebten. Ihre Lust hatte ihnen den Verstand vernebelt. Außerdem – was hatten diese beiden rohen Burschen schon von einem unbewaffneten Mädchen zu befürchten?

„Potz Donner, du lässt wohl nichts anbrennen, wie?“

„Finde es heraus.“

In Wirklichkeit war Pauline noch nie mit einem Burschen ins Heu gegangen. Außer ein paar harmlosen Küssen unter der Dorflinde verfügte sie über keine Erfahrungen mit Männern. Sie war ja Rudolf versprochen gewesen und hatte ihre Jungfernschaft bisher stets gehütet wie den Heiligen Gral.

Und auch in dieser Nacht wollte Pauline sich ganz gewiss nicht diesen rohen Schlagetoten hingeben. Aber sie reizte die Kerle weiterhin. Das gehörte zu dem finsteren Spiel, das der unheimliche Teil ihrer Seele nun begonnen hatte.

Karl trat mit einem breiten Grinsen der Vorfreude im Gesicht auf Pauline zu. Die junge Frau blickte ihn herausfordernd an. Sie taxierte seine bärtige Visage, die breiten Schultern und auch seine enge Hose, die sich vorne bereits erwartungsvoll ausbeulte.

Doch bevor Karl Pauline auch nur mit dem kleinen Finger berühren konnte, wurde er von seinem Kumpan grob am Arm gepackt.

„Was soll das, du Narr?“

„Da fragst du noch?“, knurrte Josef. „Wer hat dir befohlen, als Erster auf diese holde Jungfer zu rutschen?“

„Niemand!“ Karl lachte wild auf. „Ich nehme mir, was ich will. Hast du etwas dagegen?“

„Erst bin ich an der Reihe. Ich habe genauso lange den Mönch gespielt wie du, und mein Bocksbeutel ist mindestens ebenso angefüllt.“

„Bocksbeutel? Du meinst wohl Beutelchen.“

Josef antwortete auf diese Anzüglichkeit, indem er seinen stählernen Katzbalger zog. Karl sprang schnell rückwärts, ohne seinen Kumpan dabei aus den Augen zu lassen. Auch er griff zu seiner Blankwaffe und bedrohte damit Josefs Brust.

„Das nimmst du zurück!“

„Zurücknehmen? Eher schneide ich dir dein Beutelchen ab.“

Josef machte einen Ausfall, den Karl sofort parierte. Im Handumdrehen begann eine wüste Fechterei zwischen den beiden Streithähnen. Ihre Freundschaft schien nicht besonders viel wert zu sein, denn sonst würden sie sich so schnell ohne Weiteres an die Gurgel gehen.

Ob alle Soldaten solche Halunken waren? Pauline wusste es nicht. Ihre Aufmerksamkeit galt momentan hauptsächlich dem Hasen, der immer noch am Spieß über dem offenen Feuer auf seinen Verzehr wartete. Das Fleisch war bereits leicht angebrannt, denn während des vorangegangenen Wortgeplänkels hatten die beiden Landsknechte den Bratspieß nicht weitergedreht.

Pauline ging in aller Seelenruhe an den fluchenden und kämpfenden Männern vorbei, nahm den Spieß vom Feuer und schlug ihre Zähne in das Hasenfleisch. Sie verbrannte sich im ersten Moment die Lippen, aber Pauline hatte noch niemals etwas so Köstliches gegessen. Jedenfalls kam es ihr nach den Hungertagen so vor. Schon während der ersten Bissen spürte sie die Kraft in ihren geschwächten Körper zurückkehren.

Es war richtig gewesen, die Landsknechte an ihrem nächtlichen Lagerfeuer aufzusuchen. Oder hätte sie verhungern sollen?

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