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Die Teufelshure

Inhaltsübersicht

Prolog

Edinburgh – Weihnachten 1644 – »Outbreak«

Teil I

1 Edinburgh 1647 – »Horsemarket«

2 Edinburgh 1647 – »Seelenfänger«

3 Edinburgh 1647 – »Jungfrauenopfer«

4 Edinburgh 1647 – »Checkers«

5 Edinburgh 1647 – »Fegefeuer«

6 Edinburgh 1647 – »Tolbooth«

7 Edinburgh/Bass Rock 1647 – »Rednose Rosie«

8 North Berwick/Bass Rock 1647 – »Höllenfeuer«

9 Bass Rock 1647 – »Die Gezeichneten«

10 North Berwick 1647 – »Versuchung«

11 Auf der Flucht 1647 – »Jagdfieber«

12 Auf der Flucht 1647 – »Blutzoll«

13 Auf der Flucht 1647 – »Blutsbande«

14 West Highlands 1647 – »Loch Iol«

15 West Highlands 1647 – »Tor Castle«

16 West Highlands 1647 – »Rabenjagd«

17 West Highlands 1647 – »Höllenhunde«

18 West Highlands 1647 – »Teufelsbraut«

19 West Highlands 1647 – »Claymore«

20 Sommer – Lowlands 1648 – »Witch Finder«

21 Sommer – Lowlands 1648 – »Hexenjagd«

Teil II

22 Schottland 2009 – »Leith«

23 Schottland 2009 – »Unvergesslich«

24 Schottland /München 2009 – »CSS«

25 Schottland 2009 – »Eternity«

26 Schottland 2009 – »Unsterbliche Seele«

27 Schottland 2009 – »Blinddate«

28 Schottland 2009 – »Tigerlilly«

29 Schottland 2009 – »Familienbande«

30 Schottland 2009 – »Rosenkrieg«

31 Schottland 2009 – »Nachtwache«

32 Schottland 2009 – »Nichts als die Wahrheit«

33 Norwegen 2009 – »Secret Cemetery«

34 Norwegen 2009 – »FOXO3A«

35 Norwegen 2009 – »Tränen der Nacht«

36 Highlands 2009 – »Götterdämmerung«

37 Highlands 2009 – »Venusfalle«

38 Highlands 2009 – »Corby Castle«

39 Highlands 2009 – »Die Bruderschaft«

40 Highlands 2009 – »Seelenschau«

41 Highlands 2009 – »Lapis Philosophorum«

Epilog

Highlands – Juni 2009 – »Gottes Wille«

Nachwort und Danksagung

 

 

Dieses Buch widme ich meinen Fans aus den Leserunden – ohne Eure Begeisterung, Eure hilfreichen Anmerkungen und Euer Engagement würde das Schreiben nur halb soviel Spaß machen.

Prolog

Tha mi creidsinn ann an Dia an t-Athair Uilechumhachdach, Cruithfhear nèimh agus talmhainn.

(erster Satz des apostolischen Glaubensbekenntnisses in Schottisch-Gälisch)

Edinburgh – Weihnachten 1644 – »Outbreak«

Weihnachten 1644 war für John das traurigste Fest seines Lebens; was nicht etwa daran lag, dass die presbyterianische Kirche in Schottland die katholischen Feierlichkeiten zur Geburt Christi verboten hatte.

John hätte gerne auf Haggis, Whisky, Tanz und bunte Girlanden verzichtet, wenn wenigstens die Kinder am Leben geblieben wären. Aber nun starrte er auf neun übelriechende Leichen, die er eigenhändig in weißes Leinen gehüllt und zu einem Berg aus leblosen Leibern aufgeschichtet hatte, damit der Bestatter sie abholen konnte – falls er sich überhaupt in nächster Zeit in die ausgestorbenen Straßenschluchten der Kings Close verirren würde.

Doktor Jon Paulitius, der wohl bestbezahlte Arzt Schottlands, war der vorletzte Mensch, den John – außer Granny Beadle – lebend gesehen hatte. Erst vor wenigen Tagen hatte der einzige offiziell bestellte Pestarzt dem kläglichen Rest der Beadles einen Besuch abgestattet und den achtjährigen Matthew zur Ader gelassen.

John hatte dem Jungen Vater und Mutter ersetzen müssen, die in den Tagen zuvor nacheinander gestorben waren, ebenso wie vier ältere Geschwister und der erst vor kurzem geborene Säugling. Großmutter Beadle war zu krank, um ihren letzten Enkel zu trösten.

Der Doktor trug ein langes schwarzes Gewand, einen schwarzen breitkrempigen Hut und eine Schnabelmaske aus hellem Leder, die ihn vor krankmachenden Dämpfen schützen sollte und ihn wie einen übergroßen hässlichen Raben aussehen ließ. Die Augen waren von schützenden Kristallgläsern bedeckt und verwandelten die Pupillen dahinter in furchterregende schwarze Knöpfe.

Matthew flößte das Aussehen des Arztes höllische Angst ein, und als der Doktor sich über ihn beugte, sammelte er seine letzten Lebenskräfte und schrie wie am Spieß. Erst recht, als Paulitius sich anschickte, ihm die Ader zu öffnen. John hatte es selbst mit der Angst zu tun bekommen, aber nicht weil er Paulitius als so furchterregend empfand (obwohl er das tatsächlich war), sondern weil er befürchtete, das Kind würde am Schock sterben.

John hatte den fiebernden Jungen gehalten und immer wieder beruhigend auf ihn eingeredet, während der Doktor das geschärfte Lasseisen an der schlecht zu stauenden Armvene justierte.

Nachdem Matthew eine gnädige Ohnmacht befallen hatte, öffnete Paulitius bei John eine Pestbeule und behandelte die Wunde mit dem Kautereisen, um die Wundränder auszubrennen. Es stank nach Eiter und verbranntem Fleisch, und John biss die Zähne zusammen, weil er sich den Schmerz nicht anmerken lassen wollte.

»Habt Ihr noch etwas Laudanum?«, fragte er Paulitius hoffnungsvoll. »Ich kann Euch bezahlen.« John hatte seine gesamte Habe an einem sicheren Ort außerhalb der Stadt vergraben. Einem Pestkranken war es jedoch bei Todesstrafe verboten, das Haus zu verlassen, in dem er sich bei Ausbruch der Krankheit befunden hatte. Und so musste er sparsam sein und das Wenige, was er unter seiner Strohmatratze verborgen hielt, zur Linderung der größten Not mit der Familie teilen, die ihm den Schlafplatz in ihrer bescheidenen Behausung vermietet hatte.

Wie die bereits verstorbenen Beadles zuvor litt John nicht nur an zwei dicken Geschwüren, am meisten litt er am Fieber und an den unerträglichen Kopfschmerzen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Tod seine Hand auch nach ihm ausstrecken würde.

Paulitius schüttelte den Kopf, was den Arzt noch grotesker erscheinen ließ. »Es tut mir leid«, antwortete er mit gedämpfter Stimme. »Das Laudanum ist mir ausgegangen. Obwohl die halbe Stadt dahingerafft wurde, gibt es immer noch zu viele Menschen, die vor allem an den Schmerzen leiden, und wenn ich ehrlich bin, bleibt mir kaum etwas anderes, womit ich ihnen helfen könnte.« Seine Stimme klang mutlos.

John schluckte seine Enttäuschung hinunter und nickte nur, als der Doktor sich ohne Händedruck von ihm verabschiedete. Paulitius ging zur Tür und nahm seinen Stab, der ihn als Pestarzt zu erkennen gab, obwohl es eines solchen Zeichens gar nicht bedurft hätte. Er war der einzige Mensch in ganz Edinburgh, der eine solche Gewandung trug und sich in die Häuser der Kranken wagte.

Zwei Tage später starb Matthew an Entkräftung, obwohl John ihm trotz der eigenen Beschwerden kühlende Umschläge bereitet und versucht hatte, ihn mit Milch und Brot zu füttern, das die Stadtväter neben Wein und Bier kostenlos bis an die Haustüren liefern ließen. Aber all das hatte nichts genützt, und John musste einen weiteren Leichnam in ein weißes Leinentuch schlagen, das ihm ebenfalls kostenfrei zur Verfügung stand.

Danach blieb ihm nur noch Granny Beadle. Die alte Frau lag in der guten Stube stöhnend auf einem Strohsack in dem einzigen großen Bett, das ihr nunmehr allein gehörte.

»John?« Ihre Stimme klang brüchig. »John? Bist du da?«

John hatte eine Öllampe entzündet, weil das Licht von der Straße, das in die schmalen Kellerschächte fiel, selbst bei Tage nicht ausreichte, um das winzige Zimmer zu erhellen.

»Ja, Granny, ich bin hier«, erwiderte er und nahm einen Krug mit Wein und einen Becher, um der alten Frau den peinigenden Durst zu stillen. Sie war völlig abgemagert. Ihr Kopf sah mit einem weißen Gespinst von Haaren wie ein Totenschädel aus.

Als er den Becher an ihre ausgetrockneten Lippen setzte, hielt sie ihn mit ihren knochigen Fingern am Handgelenk fest.

»Nein«, sagte sie leise. »Ich will nicht trinken. Setz dich nur ein bisschen zu mir, John.« Der Blick ihrer trüben blauen Augen schmerzte ihn mehr als die Geschwüre, die ihm unter den Armen und in der Leiste brannten. Granny Beadle hob ihre zittrige Hand und legte sie auf sein Haupt. Dann strich sie bedächtig über sein langes, verfilztes Haar bis hinunter zu seinem struppigen Bart, in den die Läuse längst Einzug gehalten hatten.

»Du bist ein guter Junge, John. Gott der Herr wird dich beschützen.« Ihre Fürsorge gab ihm den Rest. Sie hatte alles verloren, an dem ihr Herz gehangen hatte, und war immer noch in der Lage, ihm Liebe und Anteilnahme zu geben.

Sein Kopf sank auf ihre hagere Brust, und als sie den Arm federleicht um seine Schultern legte, ließ ein Schluchzen seinen Körper erzittern. Und dann weinte er, wie er noch nie in seinem Leben geweint hatte. Seine Tränen tränkten Granny Beadles fadenscheiniges Nachthemd, und ihre geflüsterten Worte der Zuversicht machten alles nur noch schlimmer. Als er den Kopf hob, lächelte sie matt, und er fühlte sich schuldig, weil er schwach geworden war, und rang um eine Erklärung.

»Was ist das nur für ein Gott«, stammelte er verzweifelt, »der so etwas zulässt?« Hastig rieb er sich den Rotz von der Nase und deutete auf die verstorbenen Kinder. Dann streckte er die Faust zur Decke und setzte eine kämpferische Miene auf. »O Herr! Ich, John Cameron, fordere einen Beweis Deiner unendlichen Güte! Mach dem Sterben ein Ende und schenke den Menschen das ewige Leben auf Erden und nicht erst im Himmelreich! Tust Du es nicht, bist Du ein grausamer Gott, und ich kann nicht weiterhin an Dich glauben – von nun an bis in alle Ewigkeit, Amen!«

Während John eine gewisse Erleichterung verspürte, obwohl er nicht annahm, dass sich nun etwas änderte, hatte das Gesicht der alten Frau einen ernsten Ausdruck angenommen.

»Versündige dich nicht, John Cameron«, flüsterte sie besorgt. »Der Herr empfängt all unsere Gebete, und was wirst du tun, wenn Er deine Worte erhört?«

Teil I

1

Edinburgh 1647 – »Horsemarket«

John Cameron verspürte nicht die geringste Lust, den letzten Atemzug des Henry Stratton mitzuerleben, und doch blieb ihm keine andere Wahl. Abraham Brumble, Johns Vorarbeiter im Hafen von Leith, hatte seinen Untergebenen unerwartet frei gegeben, weil sie auf Befehl der Stadtkommandantur Zeugen einer öffentlichen Hinrichtung im nahen Edinburgh werden sollten. In der Ankündigung hatte es geheißen, dass die Hinrichtung des Delinquenten als Warnung zu verstehen sei – für alle, die eine Revolution gegen das schottische Parlament planten.

Brumble war alles andere als begeistert. Wegen eines solchen Blödsinns, wie er sich auszudrücken pflegte, blieben seinen Hafenarbeitern nur noch ein paar Stunden zum Entladen eines großen Dreimasters. Denn morgen war Sonntag, der Tag des Herrn, an dem alles stillstand, und das Schiff sollte am frühen Montagmorgen wieder nach Frankreich auslaufen.

Es regnete in Strömen, als John und drei seiner Gefährten ihre Arbeit niederlegten, um sich endlich zu Fuß auf den Weg nach Edinburgh zu machen. Sie waren spät dran. Die Mittagsglocke hatte längst geläutet, als sie die Festungsmauern von Leith durch das große Südportal passierten und die Hauptstraße nach Edinburgh nahmen. Paddy Hamlock, ein graubärtiger, grobschlächtiger Ire aus Ulster, und Malcolm und Micheal MacGregor, völlig gleich aussehende, sechzehnjährige Zwillinge aus Stirling, begleiteten John in den befestigten Teil der Stadt, deren Festungsanlage auf einem hohen Fels, dem sogenannten Castle Rock, nicht nur die Stadt, sondern auch die umliegende Hügellandschaft weithin überragte.

Die Hinrichtung war für zwei Uhr nachmittags angekündigt. Somit blieb ihnen knapp eine Stunde, um zum Horsemarket zu gelangen, wo die Exekution durch den Galgen stattfinden sollte. Die drei Männer hatten keine Mühe, mit John mitzuhalten, obwohl sie allesamt ein ganzes Stück kleiner waren als der hochgewachsene Highlander. John schien es nicht eilig zu haben. Paddy und die beiden anderen konnten an seiner verbissenen Miene ablesen, dass ihm der Grund ihres unverhofften Ausflugs ganz und gar nicht behagte. Zusammen mit Heerscharen von Menschen marschierten sie über die schlechten Straßen rund um Edinburgh, vorbei an Gemüsefeldern, Obstgärten und Schweineweiden, und wichen dabei immer wieder den riesigen Pfützen aus, die der lange Regen hinterlassen hatte.

John hatte schon mehrmals versucht, aus Paddy herauszubekommen, warum man Stratton so plötzlich an den Galgen bringen wollte. Erst vor drei Tagen war das Urteil in einem Schnellverfahren gefällt worden – schuldig wegen Landesverrats und Verschwörung gegen das schottische Parlament –, doch niemand wurde so recht schlau daraus.

John kannte Stratton von diversen Kneipenzügen rund um Edinburgh, bei denen sie sich immer wieder begegnet waren. Was jedoch nicht bedeutete, dass er oder einer seiner Kameraden mit ihm befreundet gewesen waren. Stratton gehörte zu jener Sorte von adligen Arschlöchern, die sich nie mit einem Arbeiter von den Docks auf einen Drink oder ein Kartenspiel eingelassen hatten.

Paddy war mit Stratton schon einmal wegen eines Krugs Whisky aneinandergeraten, den der hochnäsige Pinsel im Half Moon Inn, ohne zu fragen, auf seine Rechnung getrunken hatte. Der Ire hätte eigentlich wissen müssen, warum man Stratton in Wahrheit hängen wollte, denn ihm entging so gut wie nichts, was in der Stadt passierte. Aber selbst er hatte eisern geschwiegen, wenn der ein oder andere seinen Zweifel an Strattons Schuld hatte verlauten lassen.

»Man sagt, er habe sich den königstreuen Cavaliers angeschlossen und mit ihnen Attentate auf hochrangige Mitglieder der Covenanters im schottischen Parlament vorbereitet«, knurrte Paddy im Gehen ungeduldig, weil nicht nur John ihm mit seiner ewigen Fragerei auf den Geist ging. »Angeblich hat er sogar Flugblätter mit einem Aufruf drucken lassen, in dem er die Ermordung presbyterianischer Bischöfe fordert. Es hieß, er wollte damit den Verrat der Schotten an König Charles rächen.«

»Stratton?« John sah seinen irischen Freund ungläubig an. Stratton war alles, was man sich vorstellen konnte, nur nicht religiös und schon gar nicht politisch. Und soweit John wusste, hatte er weder in der königlichen Armee unter Charles I. noch unter Cromwells Truppen als Söldner gedient. Er galt als geschniegelter Galan, der zwar aus noblem Hause stammte, aber leider kaum eigene Mittel besaß. Sein Vater weilte im niederländischen Exil, und Henry, der schon vor längerem mit seiner Familie gebrochen hatte, machte sein Geld beim Wetten und Kartenspiel oder als verlässlicher Begleiter alternder, vermögender Edeldamen. Dabei mied er die Kirche wie der Teufel das Weihwasser und war politisch nie in Erscheinung getreten.

Paddy reckte seinen Hals über den Kragen seiner Joppe hinaus und entblößte sein lückenhaftes Gebiss zu einem hämischen Grinsen.

»Der Aufschneider ist Lord Chester Cuninghame in die Quere gekommen.« Die Stimme des Iren klang verschwörerisch, als er seine schwielige Hand schützend an seinen Mund legte, obwohl ihn bei dem lautstarken Durcheinander, das in den Straßen herrschte, ohnehin kaum jemand hätte verstehen können. Er näherte sich John so weit, dass er ihm direkt ins Ohr sprechen konnte. Flüsternd verfiel er ins Irisch-Gälische, das John wegen seiner schottisch-gälischen Herkunft leidlich zu verstehen vermochte. »Cuninghame ist Parlamentsmitglied und unglaublich vermögend. Er hat verwandtschaftliche Beziehungen bis in die höchsten Regierungskreise und pflegt vielfältige politische Verbindungen, die er überwiegend zu seinem persönlichen Vorteil nutzt. Allerdings heißt es auch, er sei das schwarze Schaf der Familie, weil er sich bisher einer angemessenen Ehe verweigert. Angeblich gehört er einer geheimen Bruderschaft an, die den Freimaurern zugetan ist. Offiziell ist er ein Anhänger der Covenanters – inoffiziell soll er bis zum Ansatz im Arsch unseres Königs stecken. Darüber hinaus munkelt man, er stehe mit den Mächten der Finsternis im Bunde, und wenn er es will, bringt er jeden an den Balken, der ihm nicht in den Kram passt.«

John schaute verwundert auf. Bis auf die letzte Bemerkung erschien ihm Cuninghames korruptes Verhalten für einen Parlamentarier als ziemlich normal. Ein hintergründiges Lächeln umspielte seinen Mund. »Willst du damit etwa sagen, dieser teuflische Lord ist ein Sodomit und unserem gutaussehenden König bereits nahe genug gekommen, um ihm die Eier zu schaukeln?«

Malcolm und Micheal, die Johns Replik mit angehört hatten, begannen laut zu kichern.

Paddy machte eine unwirsche Handbewegung in Johns Richtung. »Sei still, du Dummkopf, oder willst du, dass wir Stratton folgen?« Der Ire wandte sich ab und tauchte vor John in die Menge ein, die sich stetig dem engen Einlass am Leith Wynd Port näherte, einem der nördlichen Stadttore von Edinburgh. John ließ sich nicht beirren und beschleunigte seine Schritte, dabei hielt er Paddy am Arm seiner braunen Filzjoppe fest und hinderte ihn daran, weiterzugehen. »Das erklärt aber nicht, warum er ausgerechnet Stratton baumeln lässt.«

Paddys Miene verdüsterte sich, und seine mit Whisky geschmirgelte Stimme klang bedrohlich, als er sich von neuem an einer Erklärung versuchte. »Ich habe es doch gesagt. Offiziell wird Stratton beschuldigt, an einem Komplott gegen das Parlament beteiligt gewesen zu sein.«

»Und inoffiziell?« Erst jetzt gab John ihn frei und folgte dem Iren weiter hinein in die Menge. Das Grölen und Schwatzen all der wartenden Menschen übertönte sogar seine kräftige Stimme.

Paddy hatte ihn trotzdem verstanden und hob spöttisch eine seiner buschigen Brauen. »Inoffiziell hat er Cuninghames junge Mistress gevögelt.«

John grinste unfroh und rückte sich rasch seinen schwarzen breitkrempigen Hut zurecht, nachdem er ihn im Vorbeigehen gelüftet hatte, um ein blondes, rotwangiges Mädchen zu grüßen, das ihm ein strahlendes Lächeln zugeworfen hatte. Es geschah nicht selten, dass Frauen ganz fasziniert zu ihm aufschauten, wenn sie ihm begegneten. Er war groß, hatte ein markant geschnittenes Gesicht und einen ansehnlichen Körper. Darüber trug er meist ein ungebleichtes Hemd und das gegürtete Plaid eines Highlanders – als untrügliches Zeichen seiner keltischen Herkunft. Das zweimal drei Meter große Stück dicht gewebten Wollstoffs, auf Höhe der Taille mit einem breiten Ledergürtel fixiert, umspielte wie ein Rock seine bloßen Knie und schützte gleichzeitig, nach oben hin gerafft und über Brust und Rücken drapiert, vor Nässe und Kälte. Es war ein archaisches Kleidungsstück, auf das er mit Stolz blickte, besonders seit man es während der Pest in Edinburgh und Umgebung zunächst aus hygienischen Gründen verboten und dann später, als die Epidemie vorüber war, wiederzugelassen hatte. Nicht selten kam es vor, dass die Mägde in den Schankstuben zu vorgerückter Stunde und mit einem hysterischen Kreischen darunterfassten und erstaunt feststellten, dass John tatsächlich – verborgen unter dem braun und blau karierten Muster – nichts anderes trug als seine stattliche Männlichkeit. Nach Ansicht der Frauen war er ein gutaussehender Kerl mit einschlägigen Qualitäten, die jedem Mädchen die Sinne raubten, wenn er es nur nahe genug an sich herankommen ließ. Mittlerweile wusste er um seine Wirkung, obwohl nach seiner Pesterkrankung ein paar hässliche Narben auf seiner Brust zurückgeblieben waren. Sein dichtes zimtfarbenes Haar trug er schulterlang, dazu einen modischen Spitzbart, wie alle Männer, die etwas auf sich hielten.

Mit einer flüchtigen Geste wischte er sich den Regen aus den Augen. »Ist sie wenigstens hübsch?«

»Die Mistress? Machst du Witze?« Paddy sah ihn entrüstet an. »Sie ist eine Schönheit. Aber in Wahrheit ist sie nichts anderes als eine Teufelshure. Allein ihr Anblick vermag kluge Männer im Handumdrehen in sabbernde Narren zu verwandeln.« Paddy verfiel in ein heiseres Flüstern. »Es gibt Stimmen, die behaupten, Cuninghame bediene sich ihrer, um mit dem Satan Kontakt aufzunehmen.« Der Ire hob den Kopf und sah sich beinahe ängstlich um, und erst als die Luft rein zu sein schien, fuhr er fort. »Aber selbst wenn sie eine Heilige wäre.« Er schnaubte verächtlich. »Für mich gibt es kein Weibsbild, das es wert wäre, dafür zu sterben! Außer meiner Mutter natürlich. Doch die ist längst tot.«

John erwiderte nichts. Der Regen war schwächer geworden, aber noch immer jagten düstere Wolken am Himmel entlang.

Ziemlich durchnässt und mit schlammverdreckten Stiefeln passierten sie schließlich unter den scharfen Blicken der Wachmannschaften das nördliche Stadttor von Edinburgh. John wurde wie immer auf Waffen kontrolliert. Nicht nur seine hünenhafte Erscheinung und das kantige Gesicht trugen Schuld daran, dass ihm die Stadtwachen misstrauten. Die »Toun Rats«, meist ältere, hartgesottene Veteranen, erkannten alleine an Johns Aufmachung, dass sie es mit einem geborenen Krieger zu tun hatten. Nicht umsonst rekrutierten Armeen aller Couleur ihre Soldaten bevorzugt in den Highlands. Den meisten Männern aus dieser Region Schottlands pulsierte das wilde Blut der Wikinger in den Adern, das sie selbst in Friedenszeiten nicht zur Ruhe kommen ließ. Obwohl John nur den üblichen Sgian Dubh bei sich trug, einen kleinen schwarzen Dolch, der gewöhnlich im Stiefel steckte, konnten die Soldaten ihm ansehen, dass er problemlos in der Lage war, ein panzerbrechende Waffe zu führen, jenes gefürchtete Breitschwert, das zu einem Highlander gehörte wie sein Plaid.

»Wo sollte ich denn ein Clagmore versteckt haben?«, bemerkte John spöttisch und lüftete für einen Moment sein Plaid, als die Wachen ihn nach dem Besitz des beinah eineinhalb Meter langen Schwertes befragten.

Wenig später schlenderten John und seine Kameraden die High-Street hinauf in Richtung Castle Rock, um kurz davor in den Strait-Bow einzubiegen, der direkt hinab zum Horsemarket führte. Von einer von steilaufragenden Häusern gesäumten Anhöhe aus konnte man den Galgen gut erkennen, an dem Stratton seinen letzten Atem aushauchen sollte. Das Balkengerüst aus massivem Eichenholz erhob sich mit seinem hölzernen Podest aus einem wogenden Meer von Alten und Jungen, Kranken und Gesunden, die alle nur ein Ziel verfolgten – das grausige Ende eines armen Sünders unter Pfiffen, Zurufen und Beifall zu begaffen. Die Plattform, auf welcher der Delinquent sein letztes Gebet sprechen würde, bevor er zur Hölle fuhr, war noch leer und von einer buntgeschmückten Balustrade umrandet, geradeso als ob es ein großes Fest wäre, einen jungen, kerngesunden Kerl hängen zu sehen.

Es war nicht das erste Mal, dass der weitläufige Platz sich eines solch morbiden Spektakels erfreute, und die zahlreichen Gasthäuser, die das Areal begrenzten, verdienten bei einer Hinrichtung weit mehr als an einem gewöhnlichen Markttag, wenn hier Pferde und Kühe den Besitzer wechselten.

Ein Kommando der Stadtwache hatte auf dem sogenannten Horsemarket Aufstellung genommen, um Ruhe und Ordnung zu sichern. Nicht selten versuchten Rebellen in letzter Minute ihre Kameraden vor dem Tod zu retten, indem sie zu Pferd den Hinrichtungsaufbau stürmten und den Gefangenen vom Galgen schnitten. Doch wer sollte Stratton befreien? Er war mit Sicherheit kein Mann, der viele Freunde besaß. Er gehörte zu keinem Clan und zu keiner Partei, und die Anschuldigungen des Gerichts, er sei ein Rebell, erschienen John geradezu lächerlich. Die Soldaten stießen und drängten die wartenden Menschen mit Knüppeln hinter eine Absperrung, um die reibungslose Zufahrt des Delinquenten auf seinem offenen Gefängniswagen zu garantieren. John kannte einige der Männer, sie stammten wie er aus dem schottischen Hochland und waren nach Edinburgh gekommen, um als gut entlohnte Söldner ein besseres Leben zu führen.

Der Henker prüfte ein letztes Mal das Seil, an dem sich Strattons Schicksal erfüllen sollte.

John war mulmig zumute. Er hasste den Tod – erst recht, seit er vor zwei Jahren die Beulenpest überlebt hatte. Es war nicht so sehr die Angst vor dem Sterben überhaupt, sondern vielmehr vor der Art, wie es geschah. Während der Pest hatte er aus nächster Nähe Alte und Junge unter unvorstellbaren Qualen dahinsiechen sehen, und außer beten war ihnen nichts geblieben, um das grausame Schicksal noch einmal von sich abwenden zu können. Vielleicht war da ein Genickbruch, wie er manchmal beim Hängen eintrat, das geringere Übel. Aber nicht oft hatten die Verurteilten ein solches Glück. Gehenkt zu werden bedeutete in der Regel einen qualvollen, langsamen Tod. Oft baumelte der Betroffene eine halbe Ewigkeit, nachdem man ihm die Schlinge um seinen Hals gelegt und den Körper so weit nach oben gezogen hatte, dass die Füße den Boden verloren. Stück für Stück schnürte sich dem Todgeweihten die Kehle zu. Auf diese Weise zu sterben stellte sich John alles andere als angenehm vor.

Doch es gab noch andere Todesarten, die man selbst seinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde. Kein Tag verging, an dem John nicht an das grauenvolle Sterben des kleinen Jeremy Cook denken musste. In manchen Nächten erwachte er schweißgebadet aus diesem immer wiederkehrenden Alptraum. Zu lebhaft stand ihm vor Augen, wie er bei seinem ersten anständigen Job in der Stadt vergeblich versucht hatte, den schmächtigen sechsjährigen Schornsteinfegergehilfen an einem langen Seil, das der Junge um die Brust geknotet trug, aus einem endlos erscheinenden schmalen Kaminschlot herauszuziehen. Chimney-Sweeps, wie man die kindlichen Schornsteinfeger von Edinburgh nannte, wurden erbarmungslos ausgenutzt, weil nur ihre schmale Gestalt in die mehrstöckigen engen Schlote passte und damit an Stellen gelangen konnte, wo weder Bürste noch Eisenkugel halfen. Noch immer verfolgte John das Geräusch, als das Seil riss, und der Schrei des Jungen, als er in die Tiefe stürzte. So lange, bis das unglückliche Kerlchen zwischen den eng gemauerten Steinen steckenblieb und im heißen Rauch und dichten Kohlenruß elendig erstickte. Obwohl so etwas tagtäglich geschehen konnte und zum wahrhaft schmutzigen Geschäft gehörte, gab John sich die Schuld an Jeremys schrecklichem Tod. Er ganz allein hatte die Verantwortung für den Jungen getragen, und es war ihm nicht gelungen, rechtzeitig die Wand an jener Stelle aufzustemmen, wo er das sterbende Kind in dem zwölfstöckigen Gemäuer vermutet hatte.

 

Bis zur Hinrichtung dauerte es noch eine Weile. John schlug vor, dass man auf ein Ale in einen der vielen Pubs einkehren sollte. Paddy entschied sich für das White Hart Inn, weil das Bier einen guten Ruf hatte und man von dort aus direkt auf den Galgen schauen konnte.

Während John für vier Krüge Bier anstand, drängten sich immer mehr Gäste in den Schankraum. Durch die geöffneten Fenster konnte er beobachten, dass draußen etliche Kutschen und Sänften eintrafen, denen meist adlige oder zumindest vermögende Edinburgher Bürger entstiegen, um sich von Lakaien zu ihren Ehrenplätzen auf einer eigens für die Hinrichtung errichteten Holztribüne geleiten zu lassen.

Paddy, Malcolm und Micheal stellten sich an die offene Tür, als sie endlich ihre Bierkrüge in Händen hielten, damit ihnen nichts entging. John setzte sich abseits in den rückwärtigen Schankraum auf den einzig freien Stuhl. Er stieß einen Seufzer aus und nahm einen großen Schluck Bier. Ein langer Trommelwirbel lockte die Gäste schließlich schneller hinaus, als sie hereingekommen waren. John beobachtete das Geschehen über den Rand seines Kruges hinweg und entschied sich kurzerhand, einfach sitzen zu bleiben.

 

Bis auf ihn und zwei Frauen, die den Bierausschank zur Straße bedienten, war niemand mehr in der Gaststube, als sich mit einem Mal die Tür öffnete und zwei Lakaien in samtgrüner Livree eine prachtvoll gekleidete junge Frau stützten, um sie auf einen der freien Stühle zu bugsieren. John musste zweimal hinschauen. Trotz ihrer halb geschlossenen Lider erschien ihm die Unglückselige wie jene Göttin, die Paddy gemeint haben musste, als er sagte, es gebe keine Frau, die es wert sei, für sie zu sterben. Selbst wenn diese Frau so aussah, als wolle sie selbst sterben, war sie dennoch anziehend genug, dass es John jederzeit für sie getan hätte, wenn es notwendig gewesen wäre.

In ihrer Begleitung befand sich eine ältere, ganz in Grau gekleidete Dienerin. »Wir benötigen ein Bett oder ein Sofa!«, rief sie mit strenger Miene, während ihre Augen in Panik umherhuschten, auf der Suche nach einem Sofa. Doch weit und breit waren nur Stühle und Tische in Sicht, die keinerlei Bequemlichkeit boten.

»Wenn sie in ein Bett soll, muss sie jemand hinauf in die Kammer tragen«, krakeelte die dralle Meg hinter dem Ausschank und steckte sich rasch ein paar blonde Haarsträhnen unter die gestärkte Haube.

Halb bewusstlos und so bleich wie der feine Kapuzenmantel, den sie trug, sah die junge Frau aus, als wäre sie soeben dem Holyrood-Palace entsprungen. Ihre Dienerin nahm ihr den filigranen Strohhut ab, worauf ihre dunklen Locken wie ein seidiger Vorhang über ihr makelloses Antlitz fielen. Die Lakaien zuckten mit den Schultern, weil sie sich offenbar nicht in der Lage sahen, die Frau gemeinsam ein Stockwerk höher zu tragen.

John erhob sich. »Ich mache das«, sagte er und nahm die Bewusstlose in seine starken Arme. Sie war nicht besonders schwer, und selbst als er sie anhob, um mit ihr die schmalen Stiegen ins Obergeschoss hinaufzugehen, regte sie sich kaum.

Meg und die Dienerin waren vorangegangen und lotsten John in eine abgedunkelte Kammer, direkt neben der Treppe. Ihm stieg der süße Duft von Maiglöckchen und Rosen in die Nase, und er nahm noch einen tiefen Atemzug, bevor er seine kostbare Fracht beinahe andächtig in ein großes Bett sinken ließ. Meg öffnete das einzige Fenster und entzündete einen dreiflammigen Kandelaber. Die Dienerin zog ihrer Herrin die feinen Lederstiefelchen aus und brachte niedliche Füße in hellen Seidenstrümpfen zum Vorschein. Dann stützte sie den Rücken der Frau mit einem Wust von Kissen und fächerte ihr aus einem rasch geöffneten Kristallfläschchen Ammoniakdämpfe zu.

Fasziniert beobachtete John, wie die junge Frau langsam zu sich kam. Und obwohl er seinen Teil an der Rettungsaktion längst erfüllt hatte, konnte er seinen Blick weder von ihrem langen weichen Haar lösen, das schwarz wie Ebenholz über die Schultern fiel, noch von ihren dunkelblauen Augen, die unter langen braunen Wimpern dankbar und zugleich neugierig zu ihm aufschauten.

Die Lakaien hatten sich unterdessen auf Befehl der Dienerin ins Untergeschoss zurückgezogen, und auch Meg war nach unten gegangen, um für die Kranke einen Kräutertee zuzubereiten.

»Wie ist Euer Name?« Die Stimme der jungen Frau klang melodisch und hatte einen leichten Akzent, der John an seine Heimat erinnerte.

Er reagierte einen Moment zu spät und räusperte sich verlegen, bevor er zu sprechen begann.

»John«, sagte er und nahm rasch seinen Hut ab. »John Cameron.« Von draußen brandete das Grölen der Massen zu dem kleinen Fenster herein, und er sah, wie sich die feinen Gesichtszüge dieser außergewöhnlichen Schönheit verdunkelten.

Sie blinzelte einen Moment, und er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mit den Tränen kämpfte. John drehte sich um, ging zum Fenster und schaute hinaus. Die Hinrichtung hatte bereits ihren Lauf genommen, und die Zuschauer standen so dicht auf dem gesamten Horsemarket, dass kein Boden mehr zu sehen war. Stratton war nicht betrunken, wie man es von einem üblichen Delinquenten hätte annehmen können. Er stand stolz, mit kurzgeschorenem Haupt und gefesselten Händen, auf dem Podest und ließ mit unbewegter Miene die zahlreichen Anschuldigungen über sich ergehen.

John zögerte nicht länger und schloss die angelehnten Fensterläden. Die Stimmen wurden sofort leiser, und er wandte sich wieder der jungen Frau zu, indem er ein Stück auf sie zuging. Dabei zog er instinktiv den Kopf ein, um nicht an der niedrigen Zimmerdecke anzustoßen. Als er aufschaute, sah sie ihm ohne jegliche Scheu direkt in die Augen.

»Ich danke Euch.« Ihr Blick lag wohlwollend auf seinem Gesicht. Dann wandte sie sich an ihre Dienerin, die mit mürrischer Miene neben ihr stand.

»Ruth, geh hinaus und sage Ehrwürden, dass es mir besser geht und er sich keine Sorgen zu machen braucht.« Mit einer wedelnden Geste gab sie der Dienstmagd zu verstehen, dass sie das Zimmer verlassen sollte, während sie selbst immer noch sitzend im Bett residierte.

Nachdem die Dienerin hinausgegangen war, getraute John sich endlich, seinerseits eine Frage zu stellen. Dabei hielt er seinen Hut mit beiden Händen und knetete nervös die breite Krempe.

»Wollt Ihr so gütig sein und mir sagen, mit wem ich die Ehre habe, Mylady?«

»Wollt Ihr Euch nicht einen Moment lang zu mir setzen?« Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem einladenden Lächeln. Er stand immer noch stocksteif vor ihrem Bett und fixierte ihre vollen Lippen, welche die gleiche Farbe hatten wie das granatrote Seidenkleid, das sie trug. Dessen tiefer Ausschnitt blitzte zwischen den offenen Mantelschließen hervor und zeigte unverhohlen einen Ausblick auf ihre appetitlichen Brüste.

Mit einer leichten Verlegenheit lenkte John seinen Blick auf ihre linke Hand, die von einem cremefarbenen Spitzenhandschuh verhüllt war und mit der sie auf den einzigen Stuhl gegenüber dem Bett deutete.

Schweigend folgte er ihrem Angebot, wobei er, kaum dass er saß, unter dem zum Rock gerafften Plaid, seine langen Beine ausstreckte, um es sich ein wenig bequemer zu machen.

»Ich bin mir fast sicher, dass wir uns schon einmal begegnet sind«, sprach sie weiter und warf ihm dabei einen eingehenden Blick zu.

»K… keine Ahnung«, stotterte John und gab sofort peinlich berührt seine entspannte Haltung auf, indem er sich gerade hinsetzte und die Knie anwinkelte. Fieberhaft überlegte er, wann und wo er ihr schon einmal über den Weg gelaufen sein konnte. »Ich entstamme einem Ort in der Nähe von Loch Lochy – Blàr mac Faoltaich«, erklärte er mit rauer Stimme. »Es ist ein ziemlich kleines Nest auf dem Gebiet der Camerons of Loch Iol. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Lady, wie Ihr es seid, schon einmal dort gewesen ist.«

»Dachte ich’s mir doch.« Ihr Lächeln bezeugte Genugtuung. »Tha mo chairdean ag radh Madlen rium – meine Freunde nennen mich Madlen«, erwiderte sie in fließendem Gälisch. Ihr Lächeln geriet etwas schief und wirkte dennoch verwegen. Es entblößte ihre makellosen Zähne, und sie erschien John damit noch begehrenswerter.

»Du bist Iain, jedenfalls nanntest du dich früher so, der älteste Sohn des alten Dhonnchaidh Camranach, einem Clansmann des jungen Eoghainn Camshrōn nan Loch Iol … stimmt’s?«

Wenn sie John hatte verblüffen wollen, so war ihr das gelungen. Die schöne Fremde wusste weit mehr über ihn als die meisten Menschen, mit denen er in dieser Stadt zu tun hatte. Dumm nur, dass er gar nichts über sie wusste.

»Und Ihr?« John entschied sich, zunächst bei einer höflich distanzierten Anrede zu bleiben. Immerhin war sie eine Lady und er nur ein einfacher Dockarbeiter. »Wo seid Ihr ursprünglich beheimatet?«

»Nicht weit davon entfernt. Glencoe. Meine Leute gehörten zum dort ansässigen Clan MacDhomhnaill.«

»Gehörten?« John sah sie prüfend an. Glencoe lag vom Haus seines Vaters nur ein paar Meilen entfernt. Eingehend betrachtete er ihre harmonischen Gesichtszüge, doch er konnte sich beim besten Willen nicht an dieses Mädchen erinnern. »Was ist mit ihnen geschehen?«

»Nichts.« Sie lächelte unfroh. »Es geht ihnen gut, soweit ich weiß. Mit der einen Ausnahme, dass ich das Ehrgefühl meines Vaters verletzt habe, indem ich mich weigerte, den Mann zu heiraten, den er für mich auserwählt hatte. Daraufhin glaubte er mich aus der Familie verstoßen zu müssen.«

John verwunderte ihre unvermittelte Offenheit. Sie machte es ihm leicht, nicht weniger offen zu sein. »Dann haben wir mehr gemeinsam als gedacht. Selbst wenn ich mich beim besten Willen nicht an Euer Gesicht erinnern kann. Auch ich habe mich gegen den Willen meines Vaters gestellt und musste meine Heimat verlassen.« Immer noch suchte er nach Spuren. Ihre blauen Augen und ihr dunkles, fast schwarzes Haar waren typisch für den Clan der MacDonalds, ganz gleich, welchem Zweig der Familie sie angehörten. Dazu das puppenhafte Gesicht und der porzellanfarbige Teint einer Adligen. Nein, bei allen Heiligen, die Begegnung mit einer solchen Frau wäre ihm gewiss nicht entgangen.

»Woher kommt es, dass ich mich so gar nicht an Euch erinnern kann?« John fühlte sich unwohl. Vielleicht wusste sie weit mehr über seine Vergangenheit, als ihm lieb sein konnte.

»Du darfst mich ruhig Madlen nennen«, erwiderte sie keck. »Soweit ich mich erinnern kann, waren unsere Väter geschäftlich verbunden. Es gab da einen großen schlaksigen Kerl mit zimtbraunen Haaren«, fuhr sie mit einem betörenden Augenaufschlag fort, »der eines Tages in Begleitung seines Vaters auf unserem Hof erschien. Dein Vater hat mit Vieh und Waffen gehandelt, und du bist mir sofort aufgefallen. Von dem Tag an, als ich dich das erste Mal gesehen habe, musste ich immer an dich denken. Bei unserem Hufschmied konnte ich in Erfahrung bringen, dass mein junges Herz für Duncan Camerons ältesten Sohn Iain entflammt war.« Sie schmunzelte leise. »Fortan habe ich jedem aufgelauert, der unser Anwesen besuchte, in der Hoffnung, dich endlich wiederzusehen. Aber du hast mich nie bemerkt, und ich habe mich nicht getraut, dich anzusprechen. Vielleicht lag es daran, dass ich als junges Mädchen ausgesprochen hässlich gewesen sein soll. Dürr, pickelig und mit einer Zahnlücke, die so groß war, dass man einen dicken Strohhalm dazwischenstecken konnte. Jedenfalls behaupteten das meine Brüder. Später erzählte man sich unter den Männern, du seist mit dem Marquess of Montrose in den Krieg gezogen. Ich erinnere mich, wie mein Vater prahlte, ihr hättet im August vierundvierzig die Armee der Covenanters unter Lord Elcho bei Tippermuir geschlagen.«

»Aye«, gab John zögernd zu. »Aber das ist lange vorbei, und Montrose ist keine gute Empfehlung mehr, wenn du verstehst, was ich meine. Er ist vor Monaten überstürzt ins Exil geflohen, erst nach Norwegen, und nun erzählt man sich, er sei in Frankreich gelandet. Außerdem war es für mich mehr ein Krieg gegen meinen eigenen Vater als gegen die Covenanters oder das englische Heer.« John versuchte abermals, ihr schönes Gesicht einzuordnen. Vergeblich. Vielleicht war es schon zu lange her, seit er das letzte Mal daheim gewesen war. Immerhin befand er sich schon mehr als fünf Jahre auf Wanderschaft, und sie war vielleicht gerade mal zwanzig.

John schüttelte verwundert den Kopf. Dann grinste er. »Ist es am Ende meine Schuld, dass du nicht den geheiratet hast, den du heiraten solltest?« Jetzt war er doch zu einer vertraulichen Anrede gewechselt, obwohl es ihm bei ihrem Anblick immer noch schwerfiel, zu glauben, dass sie sich in der Vergangenheit tatsächlich schon so nahe gekommen waren.

»Gut möglich.« Madlen zwinkerte schelmisch und schlug danach sittsam die Augen nieder.

Als sie aufschaute, erwiderte John ihren seltsamen Blick – lange genug, dass sie ihm mit einiger Verlegenheit auswich. Was immer ihre Brüder behauptet hatten: Von Hässlichkeit konnte bei ihr weiß Gott nicht die Rede sein. Und ganz gleich, wer sie war, ihm gefiel der Gedanke, so unvermittelt ein Stück Heimat gefunden zu haben.

»Liegt es an deiner Königstreue, dass du in eurer Familie auf die Nachfolge deines Vaters verzichtet hast?« Die Frage war ziemlich direkt und traf John unvorbereitet.

Er lenkte sein Augenmerk auf einen leeren Vogelkäfig, der am anderen Ende der Kammer auf einem weißen Schränkchen stand. »Das ist eine lange Geschichte«, erklärte er seufzend und schenkte Madlen erneut seine Aufmerksamkeit. »Mein Vater und ich, wir haben uns nicht so gut verstanden. Er hat mir nie verziehen, dass ich das katholische Erbe meiner verstorbenen Mutter angetreten habe. Sie war Irin und wäre niemals zu den Presbyterianern konvertiert. Nachdem ich mich entschlossen hatte, für Montrose und nicht für den Marquess of Argyll zu kämpfen, hat mein Vater meinem jüngeren Bruder den Vorzug gegeben und ihm das Erbe angetragen. Angeblich hatte ich der Familie großen Schaden zugefügt, indem ich mich gegen die Interessen unseres neuen Clanchiefs gestellt habe. Als ein treuer Gefolgsmann des jungen Loch Iol war mein Vater ein rückhaltloser Befürworter Argylls und der Covenanters. Es ist die Ironie dieses Krieges, dass Loch Iol zum guten Schluss mit Argyll gebrochen hat und selbst zu Montrose und den Interessen des Königs übergelaufen ist.« John schwieg für einen Moment, und auch Madlen erwiderte nichts, sondern schaute auf ihre Hände.

»Bei mir war es umgekehrt«, sagte sie leise. »Meine Mutter war eine Campbell. Mein Vater hat sie geraubt und gegen ihren Willen geschwängert. Danach musste sie ihn ehelichen, um ihre Ehre nicht ganz zu verlieren. Er zwang sie, mich und meine Brüder im katholischen Glauben zu erziehen. Was mich betraf, so hat sie sich ihm heimlich widersetzt und mich die presbyterianischen Glaubensgrundsätze gelehrt. Ich nehme an, sie hat meinem Vater niemals verziehen. Ohne ihren Einfluss hätte ich ihm kaum den Gehorsam verweigert.«

»Eine verrückte Welt, in die wir da hineingeboren wurden, nicht wahr?« John sah Madlen mitfühlend an.

Erst jetzt schaute sie auf, und John ahnte, dass sie wusste, wovon er sprach, weil es ihr nicht anders erging. Ihre Stimme war sanft und voller Anteilnahme, als sie erneut zu sprechen begann.

»Wie es scheint, konntest du deinem Vater nach allem, was geschehen ist, auch nicht verzeihen, habe ich recht?«

John stieß einen Seufzer aus. »Wer wem nicht verzeihen kann, haben wir noch nicht geklärt.«

»Ist das der einzige Grund, warum du bis heute nicht nach Hause zurückgekehrt bist?«

»Nicht ganz«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Ich möchte endlich ein normales Leben führen, falls das in diesen Tagen überhaupt möglich ist. Und in den Highlands würde ich niemals zur Ruhe kommen, weil es dort keine Ruhe gibt. Wenn du mich fragst, halte ich den schottischen Bürgerkrieg für einen hausgemachten Wahnsinn, da es nur einen Verlierer geben wird, nämlich das schottische Volk selbst, ganz gleich, welche Sprache es spricht.« Er schluckte seine schmerzvollen Erinnerungen an unzählige tote Kameraden und all die Not und das Elend hinunter, das ihn auf etlichen Feldzügen begleitet hatte, und räusperte sich. »Während wir die Schlachtfelder mit unserem edelsten Blut tränken, reiben sich die Engländer die Hände.« Er schwieg einen Moment und versuchte sich dann an einem aufmunternden Lächeln. »Ich gehe jetzt einer anständigen Arbeit nach, unten in Leith, in den Docks. Es geht mir gut, und ich komme auch ohne meine kriegslüsterne Familie zurecht.« Das stimmte zwar, aber für einen Menschen, der in einem kriegerischen Clan aufgewachsen war, in dem jedes einzelne Mitglied für den anderen die Verantwortung trug, war es nicht leicht, plötzlich ganz auf sich allein gestellt zu sein.

Einen Augenblick lang überlegte er, Madlen zu fragen, was sie nach ihrer Vertreibung aus Glencoe nach Edinburgh geführt hatte und welcher glückliche Umstand sie in die Lage versetzte, trotz des Krieges und der schlechten Wirtschaftslage ein augenscheinlich luxuriöses Leben zu führen. Mit Dienerinnen, Lakaien und einem Kleid, für das ein Mädchen in den Highlands mehr als ein Jahr arbeiten musste. Doch dann verwarf er seine Absicht, weil er befürchtete, dass sie genauso ungern über sich sprach wie er selbst.

»Und was verbindet uns sonst noch?« Madlen tat, als ob sie seine Unsicherheit nicht bemerkte.

»Wir verabscheuen Hinrichtungen.«

Ihr Blick streifte ihn, und auf einmal entdeckte er die Trauer darin.

»Kanntest du Stratton?« John konnte sich nicht vorstellen, warum eine so schöne und offenbar reiche Frau freiwillig an einer solch grausamen Veranstaltung teilnahm, schon gar nicht, wenn sie darunter litt.

Madlen schüttelte kaum merklich den Kopf. »Nein, ich kannte Stratton nur flüchtig. Wir sind uns ein paar Mal bei jenen Teenachmittagen begegnet, mit denen die Edinburgher Gesellschaft ihre Langeweile zu vertreiben sucht. Aber du hast recht. Ich verabscheue es grundsätzlich, wenn ein Mensch auf diese Weise sein Leben lassen muss.« Sie zögerte einen Moment, bevor sie John abermals eingehend musterte. Er spürte, wie ihre Blicke seine nackten Schienbeine bis zu den Knien hinaufwanderten und weiter über den groben Rock, der seine Oberschenkel bedeckte, bis ihre Aufmerksamkeit einen Wimpernschlag lang an dem breiten Ledergürtel haften blieb, den er um seine Taille trug. »Du siehst immer noch blendend aus«, bemerkte sie lächelnd. »Ein keltischer Krieger wie er im Buche steht. Ich kann kaum glauben, dass es dich nicht weniger graust als mich, einer Hinrichtung beizuwohnen. Ich dachte immer, Männer fürchten sich nicht vor dem Tod. Jedenfalls hat Rupert, mein älterer Bruder, das früher behauptet.«

»Und Männer mögen kein Zuckerzeug. Hat er das etwa vergessen?« John grinste breit. »Das ist eine ebensolche Lüge wie zu behaupten, dass ein Mann sich nicht vor dem Tod fürchtet. Zumindest, wenn er sein Hirn nicht versoffen hat.« Seine Stimme hatte einen spöttischen Tonfall angenommen.

»Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe drei Kriege erlebt, die Pest und das grausame Sterben eines kleinen Jungen, der mir sehr am Herzen lag. Seither hasse ich den Tod mehr als den Teufel.«

Er machte eine kleine Pause, und als Madlen nichts erwiderte, fuhr er fort: »Wenn du mich fragst, fürchten sich die Männer mehr vor dem Tod als die Frauen, die bekanntlich haufenweise im Kindbett sterben und sich trotz dieses Risikos nicht scheuen, den Männern zu Willen zu sein.«

»Und warum bist du dann hier, wenn du den Tod doch so sehr verachtest?«

»Der Stadtrat von Leith hat die Order gegeben, dass alle arbeitenden Männer und Frauen als Zeugen an dieser Hinrichtung teilnehmen. Unser Vorarbeiter hat uns eigens dafür freigegeben. Aber du hast mich mit deiner Ohnmacht von dem Übel erlöst, ohne es zu wissen.« Er lächelte zaghaft. »Noch ein wunderbarer Zufall. Findest du nicht?«

»Es gibt keine Zufälle, John. Das solltest du wissen, wo du doch wie ich aus den Highlands stammst.«

Vergeblich versuchte er ihrem Blick auszuweichen.

»Und was«, hob er vorsichtig an, »hat uns – deiner Meinung nach – hier zusammengeführt?«

»Vielleicht war es das Schicksal?« Madlen sah ihn herausfordernd an.

»Welches Schicksal?« Er hatte keinerlei Ahnung, worauf sie hinauswollte.

»Bist du verheiratet?«, fragte sie.

»Gott bewahre.« John grinste verhalten.

»Hast du nie daran gedacht, eine eigene Familie zu gründen, John?«

Was für eine Frage? John überlegte einen Moment, was er darauf antworten sollte.

»Nein, bei allen Heiligen.« Ein halbherziges Lächeln flog über sein Gesicht, dann zwinkerte er scherzhaft. »Obwohl ich schon Mitte zwanzig bin. Wenn es nach meiner verstorbenen Mutter ginge, wäre ich längst so weit. Aber die Zeiten sind schlecht, und ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich mit achtzehn Pfund Jahressalär und ohne eigenes Land eine Frau und sechs Kinder ernähren sollte. Nein, nein, es ist gut so, wie es ist.«

»Sechs Kinder? Warum müssten es gleich so viele sein?« Madlen lächelte wehmütig. »Fühlst du dich nicht trotzdem manchmal einsam, so ganz ohne einen Menschen, der dir das Bett wärmt und dem du vertraust?«

John schluckte, bevor er antwortete. »Warum willst du das wissen?«

»Weil ich mich nach einem guten Mann sehne und nach einer eigenen Familie und mir nicht vorstellen kann, dass es tief im Innern nicht jedem so ergeht.«

»Und? Steht jemand in Aussicht, der deine Sehnsucht erfüllt?« John bereute die Frage, bevor er sie ausgesprochen hatte, und ihre Antwort gab ihm recht.

»Bisher noch nicht«, erwiderte Madlen mit trauriger Miene. Der Ton in ihrer Stimme kam direkt aus dem Herzen, das konnte er hören.

John spürte plötzlich sein eigenes pochendes Herz und war ratlos, was Madlen mit ihrer Offenheit bezweckte. Vielleicht hieß es ja, dass er auf mehr hoffen durfte, als einem einfachen Arbeiter zustand. Doch da war immer noch der Stolz des unbesiegbaren Kriegers, den er selbst nach dem Verlassen der Armee nicht abgelegt hatte und der ihn davon abhielt, um die Hand einer Frau zu betteln, nur weil sie ihm passend erschien. Madlen wäre ohne Frage ganz nach seinem Geschmack gewesen, und sie allein für sich zu besitzen musste den Himmel auf Erden bedeuten. Doch seiner Erfahrung nach hatten die Frauen, die ihm gefielen, ihr Herz meist schon an bessere Partien vergeben. Erst recht, wenn sie wie Madlen unglaublich schön und augenscheinlich zu Wohlstand gekommen waren. John wusste, dass es nicht gut für ihn sein konnte, mit anderen Männern um die Gunst einer solchen Frau zu buhlen. Zumal wenn er ihr kaum mehr zu bieten hatte als seinen Schutz und seinen Körper.

»Nun ja«, gestand er beinahe flüsternd und wich dabei ihrem wachsamen Blick aus. »Tagsüber, wenn ich Baumwollballen und Fischkisten im Hafen schleppe, bemerke ich es nicht. Aber des Abends, wenn ich in meiner Koje liege und das Schnarchen meiner Kameraden mich wach hält, wünschte ich mir manchmal ein zuverlässiges Herz an meiner Seite, dem ich ganz und gar vertrauen kann und das mit einer einzigen Berührung all die Wunden zu heilen vermag, die einem das Leben tagtäglich schlägt.« Er hatte absichtlich ein wenig übertrieben und dabei poetisch klingen wollen. Doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, wünschte er sich tatsächlich nichts sehnlicher als eine anständige Gefährtin, die das Leben mit ihm teilte, auf die er sich verlassen konnte und die nach einem zärtlichen Liebesspiel in seinen Armen einschlief.

»Ich würde dich gerne wiedersehen, John.« Madlens dunkle, große Augen und ihr sinnlicher Mund drückten eine solche Sehnsucht aus, dass es John ganz heiß wurde. Nicht nur im Herzen, sondern auch an jener Stelle zwischen seinen Schenkeln, die sich immer meldete, wenn er eine Frau zu sehr begehrte und sich heimlich vorstellte, wie es sein würde, mit ihr das Lager zu teilen. Er rief sich augenblicklich zur Ordnung und sorgte mit einer fahrigen Handbewegung für Ruhe in den unteren Gefilden seines Körpers. Danach räusperte er sich verlegen, bevor er erneut das Wort ergriff.

»Ich würde dich auch gern wiedersehen, Madlen. Aber wenn ich dich so anschaue, bin ich fast sicher, dass ich nicht der Einzige bin, mit dem du dich triffst. Habe ich recht?«

»Ich habe zwar einen Verehrer, doch ich lebe allein und bin ihm nur bedingt Rechenschaft schuldig«, gestand sie frei heraus. »Er muss nichts von uns wissen.« Ohne Johns Antwort abzuwarten, kramte sie in ihrem mit Spitzen besetzten Täschchen, dessen gedrehte Seidenschnüre sie bis dahin um ihr Handgelenk geschlungen hatte. Sie zog eine fein bedruckte Karte heraus und gab John einen Wink, näher zu kommen, damit sie ihm das kleine rechteckige Stück Büttenpapier überreichen konnte. Er erhob sich rasch von seinem Stuhl und machte einen verhaltenen Schritt nach vorn, nahe genug, dass er das kleine weiße Papier vorsichtig entgegennehmen konnte, ›Mistress Madlen Eleonore MacDonald‹ stand in schöner, geschwungener Schrift darauf. Darunter befand sich eine Adresse in einer der besten Wohngegenden Edinburghs, der unteren Canongate, unweit des Holyrood-Palace, dort, wo die Misteinsammler Überstunden machten und es anders als sonst in der Stadt bei Strafe verboten war, seine Scheiße direkt auf die Straße zu kippen.

»Morgen ist Sonntag. Vielleicht hast du am Nachmittag ein wenig Zeit und leistest mir in meinem Haus zum Fünf-Uhr-Tee Gesellschaft? Ich möchte mich gerne erkenntlich zeigen für das, was du für mich getan hast.«

John sah überrascht auf. Hatte er richtig gehört? Mit fassungsloser Miene hielt er die Karte in Händen. Dann machte er eine hilflose Handbewegung, bevor er den Beweis ihrer Zuneigung unbeholfen in seine traditionelle Felltasche stopfte, die er immer an seinem Gürtel trug. »Ich habe doch nichts getan, was nicht jeder andere anständige Mann auch getan hätte«, erwiderte er.

»Wenn du keinen Dank möchtest, könnten wir unser unverhofftes Wiedersehen feiern.«

Ihr Blick erschien ihm so bittend, dass er nicht zu widerstehen vermochte. »Wirst du kommen?«

Er nickte wie betäubt, aber bevor er etwas erwidern konnte, stürmte ein Mann in vornehmer schwarzer Kleidung mit einem schwarzen Hut und einem weißen Kragen die Treppe hinauf. Der Unbekannte war mindestens sechzig, vielleicht auch älter. Sein Gesicht unter der grauen, schulterlangen Lockenperücke erschien hager, aber nicht faltig. Geschmeidig wie ein Raubtier näherte er sich dem Bett, und nichts erinnerte dabei an die steifen und schmerzerfüllten Bewegungen gewöhnlicher Greise. Sein düsterer Blick wirkte stechend und wach. Kaum dass er John wahrgenommen hatte, zog er die scharf geschwungenen Brauen zusammen. Etwas Satanisches lag in seinem Gesichtsausdruck. John lief unvermittelt ein kalter Schauer über den Rücken.

»Darling?« Die Stimme des Mannes klang respektlos und besitzergreifend, als er sich Madlen mit herrischer Miene näherte. »Was in Gottes Namen tust du hier? Noch dazu in Gesellschaft eines Fremden?«

Ruth, die alte Dienerin, kam hinter dem Mann die Treppe hinaufgehetzt. »Es tut mir leid, Mylord«, rief sie atemlos und ging dabei unterwürfig in die Knie, den Kopf reumütig gebeugt. »Ich habe die Herrin nur einen Moment lang alleine gelassen, um Euch Bericht zu erstatten. Es ist nichts geschehen, was nicht hätte geschehen dürfen.«

Madlen überging den peinlichen Moment, indem sie ein bezauberndes Lächeln aufsetzte. »Ihr könnt ganz beruhigt sein, Chester. Ich befinde mich in bester Obhut.« Sie machte eine galante Geste mit ihrer Rechten in Johns Richtung, der unmerklich einen Schritt von ihrem Bett zurückgetreten war. »Darf ich Euch meinen Retter vorstellen? Das ist John Cameron. Wir kennen uns bereits seit Kindertagen«, erklärte sie mit aufgeregter Stimme, wobei sie für Johns Verständnis eindeutig schwindelte. Von kennen konnte wohl kaum die Rede sein. Offenbar nahm sie es im Übrigen mit der Wahrheit nicht so genau, denn auch ihre Aussage, dass sie vor niemandem Rechenschaft ablegen musste, stimmte anscheinend nicht. Wie sonst war es zu erklären, dass sie Johns Anwesenheit vor dem unvermittelten Besucher so hartnäckig zu rechtfertigen versuchte? Zudem war John aufgefallen, dass der merkwürdige Kerl offenbar von ihr eine unterwürfige Haltung verlangte.

»John war es, der mich in meiner Ohnmacht die Stufen zu diesem Zimmer hinaufgetragen hat«, berichtete sie atemlos weiter. »Ist das nicht eine wunderbare Fügung? Ich konnte ihn unmöglich gehen lassen, ohne ihm meinen ausdrücklichen Dank auszusprechen.«

Madlens Stimme war unnatürlich hoch, wie die eines aufgeregten Kindes, und ihre Augen flackerten unsicher, als ob sie den Mann besänftigen wollte. Ihr Gegenüber taxierte John mit zusammengekniffenen Lidern und einem nervösen Zucken in den Mundwinkeln.

»John«, fuhr sie atemlos fort, »das ist Lord Chester Cuninghame, mein persönlicher Beschützer und Gönner, ohne den ich in dieser entsetzlichen Stadt nicht bestehen könnte.«

John schwieg, obwohl er allergrößte Mühe hatte, nicht Nase und Mund aufzureißen, so sehr schockierte ihn diese Neuigkeit. Cuninghame – also war sie die Teufelshure, wie Paddy sie schmählich bezeichnet hatte, für die Stratton angeblich sein Leben ließ.

John verbeugte sich, wobei er seinen Hut wie ein Schutzschild vor die Brust hielt. Der Eisklumpen, den er augenblicklich in seinem Magen verspürte, ließ ihm gleichzeitig das Herz erkalten. Madlens Lächeln wirkte unterdessen gequält bei dem vergeblichen Versuch, Johns starre Miene zu erheitern.

»Ich werde dann wohl besser mal gehen«, erklärte er mit verhaltener Stimme. »Farewell, Mylady.« Er verbeugte sich galant in Madlens Richtung, ohne ihr jedoch in die Augen zu schauen. Dann wandte er sich an Cuninghame. »Mylord«, presste er mühsam hervor und zwang sich nochmals zu einer abgehackten, militärischen Verbeugung, bevor er sich hastig der Treppe zuwandte.

»A Iain! Feith rium!« Madlens Aufforderung zu warten knallte wie ein Peitschenhieb hinter ihm her. Widerwillig blieb er stehen und drehte sich langsam zu ihr um, wobei er geflissentlich dem Blick ihres Gönners auswich.

»Mylady?«

»Ich danke dir nochmals für deine Hilfsbereitschaft.« Ihr Lächeln wirkte trotz des unverkennbaren Liebreizes mit einem Mal gefroren – wie das eines Engels, der sich in ständiger Begleitung des Teufels befand.

»Keine Ursache.« John drehte sich um und stolperte die Treppe hinunter. Die Enttäuschung über Madlens wahre Verbindungen verursachte ihm eine plötzliche Übelkeit.

Draußen angekommen, schnappte er hastig nach Luft. Die Menschenmenge hatte sich aufgelöst. Nur ein paar Betrunkene torkelten noch herum und suchten offenbar Streit. Ansonsten hätte man getrost von einem prachtvollen Nachmittag sprechen können, wenn da nicht dieser lange wankende Schatten gewesen wäre, der das einfallende Sonnenlicht ungnädig störte.

Strattons Gestalt baumelte mit heraushängender Zunge am Balken, der Hals abgeknickt wie ein Gerstenstängel nach einem Hagelsturm. Dazu hatte ihm der Henker wie bei einem frisch erlegten Hirsch fachmännisch den Leib aufgebrochen. Bei näherer Betrachtung sah es ganz danach aus, als ob man Stratton das Herz entfernt hatte, während die restlichen Eingeweide grau und schwer über seine blutbesudelten Schenkel herabhingen. Der süßliche Geruch von rostigem Eisen und halbverdauten Exkrementen wehte zu John herüber und erinnerte ihn an geschlachtetes Vieh. Er spürte, wie sein Magen abermals rebellierte und wie sich unvermittelt ein Würgereiz einstellte, den er nur schwer zu unterdrücken vermochte. Gleichzeitig fragte er sich, warum man Stratton am Ende so grausam zugerichtet hatte.

Jemand schlug John auf die Schulter, so dass er zusammenzuckte.

Paddy grinste ihn mit seinem lückenhaften Gebiss an. »Mann, wo warst du die ganze Zeit? Oder hast du dir etwa vor Angst in die Hosen geschissen?« Das Lachen des Iren klang scheppernd.

»Ich war im Pub«, erklärte John mit heiserer Stimme und wies mit einem beiläufigen Nicken auf das White Hart Inn. »Hab der Wirtin geholfen.«

Paddy schüttelte ungläubig den Kopf. »Dann hast du wahrhaftig etwas verpasst, mein Junge. Nicht nur, dass es ewig gedauert hat, bis der Kerl tot war. Bevor Stratton der Strick angelegt wurde, hat er Cuninghame und seine Helfershelfer auf ewig als Hexer verflucht. Und allein der Teufel weiß, was er damit gemeint haben könnte.«

Plötzlich kam ein eisiger Wind auf. John zog fröstelnd sein Plaid um die Schultern. »Wo sind die Jungs?« Er blickte sich suchend nach Micheal und Malcolm um.

»Dort drüben«, antwortete Paddy und deutete auf ein paar junge Männer, die unter einer haushohen Linde standen und offenbar angeregt über die Geschehnisse des Nachmittags debattierten. Paddy schien verwundert darüber, dass John an weiteren Einzelheiten nicht interessiert war.

»Komm jetzt«, murmelte John. »Lass uns so rasch wie möglich verschwinden. Das hier ist kein Ort für aufrichtige Männer.«

2

Edinburgh 1647 – »Seelenfänger«

Für einen Moment hatte Madlen gehofft, auf dem Weg vom White Hart Inn zu den Gespannen noch einmal auf John Cameron zu treffen, doch der Highlander schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Ebenso wie die blutgierige Meute von Schaulustigen, die sie zuvor auf dem Weg von der St. Giles Cathedral hoch oben in der Stadt bis hinunter zur Hinrichtungsstätte auf dem Horsemarket wie eine Herde dümmlicher Schafe begleitet hatte. Nur noch vereinzelt liefen ein paar Neugierige herum, die sich am Anblick von Strattons Leichnam ergötzten, vor dem ein Kommando der Stadtwache Position bezogen hatte, damit ihn niemand vorzeitig abhängen konnte.

Madlen beschlich das Gefühl, in einen Leichenwagen zu steigen, als sie mit Hilfe eines Lakaien in die rabenschwarze Kutsche ihres Gönners kletterte. Die beiden riesigen Rappen, die das Gefährt zogen, verstärkten die düstere Erscheinung der Karosse noch. Lord Chester Cuninghame nahm auf der anderen Seite der Sitzbank Platz, während Ruth, Madlens Dienerin, zusammen mit den Lakaien in einer weiteren Kutsche folgte. Flankiert von vier Leibwächtern zu Pferd, setzte sich der Tross in Bewegung.

Madlen hatte Strattons Leichnam aus den Augenwinkeln heraus an dem langen, hohen Balken baumeln sehen, doch sie hatte darauf verzichtet, ihn genauer zu betrachten, und deshalb traf es sie wie ein Schock, als sie aus dem Kutschenfenster hinausschaute und ihre Aufmerksamkeit eher zufällig auf sein lebloses Gesicht fiel. Es schien, als ob ihr Strattons gebrochene Augen einen unmissverständlich anklagenden Blick zuwarfen. Sollte sie sich schuldig fühlen? Nein, schließlich war nicht sie es gewesen, die ihn in ihr Bett gelockt hatte, sondern Chester Cuninghame – mit der schändlichen Absicht, ihr von Stratton ein Kind zeugen zu lassen, weil er selbst angeblich nicht dazu in der Lage war. Die Summe, mit der er diesen widerwärtigen Galan animiert hatte, ihr die Unschuld zu rauben, war so horrend gewesen, dass man davon der Stadt ein neues Armenhaus hätte spenden können. Dass Stratton letztendlich seine Übereinkunft mit Cuninghame nicht hatte einhalten können, hatte auch nicht an der mangelnden Entlohnung gelegen, sondern daran, dass seine Manneskraft im entscheidenden Moment versagt hatte. Daraufhin hatte er mit erschlafftem Glied vor Madlen gestanden und sie als Hexe beschimpft. Ihr panischer Blick trage Schuld daran, dass ihm sein Schwanz nicht gehorche. Doch das war des Übels nicht genug gewesen. Stratton hatte offensichtlich Nachforschungen betrieben, nachdem Cuninghame das Geld von ihm zurückgefordert hatte. Dabei war es dem hochnäsigen Lebemann anscheinend gelungen, ein Geheimnis zu lüften, das den schwarzen Lord, wie Cuninghame oft genannt wurde, arg in die Bredouille brachte. Danach hatte Stratton von Cuninghame eine noch höhere Summe gefordert, um sein Schweigen zu erkaufen. Was genau Stratton so sicher gemacht hatte, zu bekommen, was er wollte, wusste Madlen nicht – nur eins wusste sie genau: dass Cuninghame nicht mit sich spaßen ließ.

 

»Du hast etwas verpasst, meine Teuerste.« Cuninghames Stimme war so düster wie seine Kleidung und drückte seine Genugtuung über Strattons grausamen Tod aus. Der windige Sohn einer verarmten Aristokratenfamilie hatte ihn zu hintergehen versucht, etwas, das er, der allseits geschätzte Lord Chester Cuninghame of Berwick upon Tweed, auf keinen Fall zulassen durfte. Zumal Stratton sein Vertrauen schändlich missbraucht hatte. Niemals wieder würde er einen Außenstehenden einer geheimen, alchimistischen Verwandlung unterziehen und ihn anschließend laufen lassen, ohne das Initiationsritual »Caput mortuum« vollendet zu haben. Nur wenn der Adept in einer Art hypnotischen Umwandlung Geist und Seele dem allumfassenden Meister Mercurius verschrieben hatte, befand er sich unter der Kontrolle der Bruderschaft. Ein unerlässlicher Umstand, weil nur so sichergestellt werden konnte, dass sich der Betroffene der Bruderschaft gegenüber loyal verhielt und eisern über seine Erlebnisse während der Umwandlung und über seine neu erworbenen Fähigkeiten schwieg. Bei Stratton hatte Cuninghame leider versäumt, aufs Ganze zu gehen, weil der Adlige Madlen ein Kind zeugen sollte. Cuninghames eigene leidvolle Erfahrung, dass eine vollständige Initiation in den meisten Fällen zur Impotenz führte, hatte den Ausschlag gegeben, bei Stratton darauf zu verzichten. Warum Stratton auch ohne das »Caput mortuum« bei Madlen versagt hatte, war nun nicht mehr herauszufinden. Zur Sicherheit hat Cuninghame dafür gesorgt, dass der Henker Stratton nach dem Hängen das Herz herausschnitt. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Keinesfalls durfte er riskieren, dass Stratton von den Toten wiederauferstand – was wegen des Ritus durchaus möglich gewesen wäre, solange man ihm nicht den Kopf oder das Herz entfernte.

Cuninghame warf einen Seitenblick auf Madlen, die ahnungslos neben ihm saß. Vielleicht war es ein dummer Gedanke gewesen, ausgerechnet Stratton in die Experimente mit einzubeziehen. Aber früher oder später musste er wissen, ob ein Mann, an dem der geheime Ritus zur Hälfte vollzogen worden war, in der Lage sein würde, einer gesunden Jungfrau ein mythisches Kind zu zeugen. Ein Wesen, das von Geburt an bereits alles in sich trug, was ein normaler Mensch nur durch die höheren Weihen empfangen konnte.

Madlen vermied es, ihn anzusehen. Sie wusste nicht, um was es bei all dem ging, und glaubte wie jeder andere auch, dass Stratton wegen seiner unglücklichen politischen Allianzen gestorben war. Natürlich hatte sie ihm nicht verziehen, dass Stratton sie schwängern sollte, und schon gar nicht die Art und Weise, auf die dieser Plan missglückt war. Beharrlich schaute sie aus dem Kutschenfenster hinaus auf die Straße. Im Vorbeifahren konnte man die ehrfürchtigen, verunsicherten Mienen einzelner Passanten beobachten, die dem düsteren Gefährt ausweichen mussten.

»Du hattest nicht etwa Mitleid mit Stratton?« Es gelang Cuninghame nicht, ein satanisches Grinsen zu unterdrücken. »Jeder, der mich unbedacht herausfordert, hat den Tod redlich verdient.«

Madlen schwieg hartnäckig und wich im Halbdunkel der Kutsche seinem stechenden Blick aus. Cuninghame atmete genussvoll den Geruch ihrer Angst ein, die er mit seinen eigenen geschärften Sinnen mühelos wahrnehmen konnte, und legte seine Hand auf ihre. Madlen war von ihm abhängig, in beinahe jeder Beziehung, und das wurde ihr in Momenten wie diesem schmerzlich bewusst. Ihre Familie hatte sie verstoßen, und nun hatte sie niemanden mehr außer ihm, der sie beschützte. Ihr Vater, der alte Iain MacIain Donald of Dunyveg, hatte sie standesgemäß an den Sohn eines befreundeten Clanchiefs verheiraten wollen, um eine alte Familienfehde zu schlichten. Aber das dickköpfige Töchterchen hatte den als gewalttätig bekannten Bräutigam schlichtweg abgewiesen. Stattdessen hatte sie sich mit ein paar Habseligkeiten allein auf die Flucht nach Edinburgh gemacht, in der Hoffnung, eine Arbeit zu finden, die sie von den Traditionen der Highlands und der Willkür der dortigen Männer erlöste. Leider war genau das Gegenteil eingetreten. Anstatt auf anständige Weise Geld zu verdienen, war sie ausgerechnet in die Fänge eines Mädchenhändlers geraten. Sir Ebenezer Wentworth, Cuninghames geschätzter Freund und angesehenes Mitglied der Edinburgher Gesellschaft, hatte Madlen und ein paar andere junge Frauen in seinem feudalen Anwesen wie auf einem Sklavenmarkt kaufinteressierten Freiern dargeboten. Halbnackt, nur mit einem Hauch französischer Spitze bekleidet, hatte man sie schutzlos den grapschenden Fingern der durchweg noblen männlichen Kundschaft ausgesetzt. Cuninghame erinnerte sich noch gut, dass ihm Madlen sofort aufgefallen war. Sie war groß und schlank, mit ansehnlichen Brüsten, und verfügte zudem über ein ebenmäßiges Gesicht und glänzendes langes Haar. Neben diesen Vorzügen, die den Ansprüchen der Edinburgher Gesellschaft genügten, besaß sie das breite Becken einer Bäuerin, um problemlos ein Kind zur Welt zu bringen. Genau solch ein Mädchen benötigte er für seine Versuche. Wentworth, der eingeweihten Brüdern als skrupelloser Seelenfänger bekannt war, hatte ihm garantiert, dass Madlen noch Jungfrau sei. Er hatte die Mädchen zuvor von einem befreundeten Arzt untersuchen lassen, um ihre Unschuld meistbietend an zahlungskräftige Freier versteigern zu können, die großen Wert darauf legten, bei einem Mädchen der Erste zu sein.

Cuninghame hatte sie Wentworth zu einem horrenden Preis abgekauft und damit zunächst ihre Ehre gerettet. Dafür hatte sie ihm einen Schuldschein unterschreiben müssen, der sie bis an ihr Lebensende an ihn binden würde.

»Ganz gleich, was Stratton verbrochen hat«, erklärte Madlen plötzlich, als ob sie seine Gedanken erraten hätte, »einen solchen Tod hat niemand verdient. Ich hasse Hinrichtungen, wie Ihr genau wisst.« Sie sah Cuninghame immer noch nicht an, schaute stattdessen stur geradeaus, während sie sich ein spitzenbesetztes, parfümiertes Taschentuch an die Nase hielt. Gierig sog sie den Duft jenes teuren französischen Parfüms ein, das er ihr als kleine, wenn auch belanglose Wiedergutmachung geschenkt hatte. Gleichzeitig versuchte sie ihre Gefühle zu verbergen, indem sie ihre Aufmerksamkeit einer halbnackten Bettlerin schenkte, die der Kutsche im Laufschritt gefolgt war. Rasch warf sie der ärmlich gekleideten Frau ein paar Münzen zu, die sich daraufhin mit einem Segen bedankte, bevor sie von einem Soldaten der »Toun Rats« am Arm gepackt und lautstark zurechtgewiesen wurde.

»Du hast ein zu gutes Herz, meine Teuerste«, bemerkte Cuninghame kühl. »Der Einzige, dem du deine Gnade vorenthältst, bin wohl ich.« Er setzte ein ironisches Lächeln auf, das sie mit nichtssagender Miene erwiderte. Madlens Widerspenstigkeit, die sie vom Beginn ihrer ersten Begegnung an den Tag gelegt hatte, reizte ihn. Ein Grund, warum er es nicht darauf anlegte, ihren Willen zu brechen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre. Zumal sie ihm nicht nur ihre Jungfräulichkeit, sondern auch all ihren Luxus zu verdanken hatte, in dem er sie hielt wie in einem goldenen Käfig. Er wollte sie als das sehen, was sie für ihn war: eine herrliche Stute, die ihre Kraft und Energie an ihre Nachkommenschaft weitergeben würde. Er wollte sie nicht als willenlose Lakaiin. Das würde sich negativ auf mögliche Schwangerschaften auswirken und damit die Ergebnisse seiner Experimente stören.

Mit sanfter Gewalt zwang er Madlen, ihm ins Gesicht zu schauen.

»Du hast recht«, lenkte er ein. »Wir sollten nicht mehr von diesem Kretin sprechen.«

 

Madlen unterdrückte einen Seufzer des Entsetzens und presste die rechte Hand auf ihr Mieder, um ihren Herzschlag und das Rumoren in ihrem Magen zu beruhigen. Die Vorstellung, dieses Desaster könnte sich wiederholen, verursachte ihr Übelkeit. Von einem völlig Fremden entjungfert und schließlich geschwängert zu werden, nur um Cuninghame zu Willen zu sein, erschien ihr immer noch entsetzlich. Noch schlimmer war, dass er schon bei der Sache mit Stratton darauf bestanden hatte, zusehen zu wollen – heimlich und ohne Strattons Einverständnis. Es war ein Albtraum, und Madlen überlegte fieberhaft, was sie tun konnte, falls er auf die Idee kam, ihr noch einmal so etwas zuzumuten. Dabei hatte sie sich zu Beginn ihrer unseligen Verbindung mit Cuninghame bereits damit abgefunden, sich dem alten Scheusal selbst hinzugeben, wenn er ihr wenigstens die Ehe angetragen hätte. Die Vorstellung, Gattin eines angesehenen Mitglieds des schottischen Parlaments zu werden, erschien ihr damals wie eine rettende Insel nach einem Schiffsuntergang. Selbst die vierzig Jahre Altersunterschied hatten sie nicht gestört. Wenn sie ihm dazu vor aller Welt noch einen Sohn oder eine Tochter hätte schenken können, wäre ihr Glück beinahe vollkommen gewesen.

Mit der Zeit hatte sie jedoch erkennen müssen, dass er nicht daran interessiert war, bei ihr zu liegen. Alle Versuche, ihn zu verführen, waren fehlgeschlagen. Die Dienerschaft munkelte, er sei nicht fähig, eine Frau zu besteigen. Und dass er stattdessen sündige Orgien besuche und es liebe, bei der Paarung von Männern und Frauen zuzuschauen. Hatte er sie deshalb dazu gezwungen, bei Stratton zu liegen? Abgesehen davon, dass er hinterher – falls sie von Stratton ein Kind empfangen hätte – behaupten konnte, es sei von ihm selbst, und damit wäre die Schmach seiner eigenen Unfähigkeit vom Tisch gefegt worden.

Je mehr Madlen darüber nachdachte, umso plausibler erschien es ihr, dass das der einzige Grund war, warum er sie Wentworth abgekauft hatte. Mit Liebe hatte das nichts zu tun, aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, unterschied sie sich nicht sehr von ihrem Gönner. Sie nahm zwar sein Geld, aber sie begehrte ihn keineswegs, von Liebe ganz zu schweigen. Das war ihr umso schmerzlicher bewusst geworden, als John Cameron ihr so unvermittelt gegenübergesessen hatte. Ihr Zusammentreffen erschien ihr wie ein von Gott gesandtes Zeichen. John war der Inbegriff all ihrer Träume – damals wie heute. Die Vorstellung, mit ihm das Lager zu teilen, seinen kraftvollen Körper zu spüren und all das mit ihm zu erleben, was sie anderen bisher verwehrt hatte, erschien ihr unglaublich verlockend. Jedoch den Gedanken, wie sie John – von Chester unbemerkt – dazu bringen konnte, ihr Liebhaber zu werden, verwarf sie sogleich wieder. Erstens erschien es ihr unmoralisch, ihn nur zu verführen ohne Aussicht auf mehr, und zweitens war es gefährlich, nicht nur für sie, sondern auch für John. Wenn Chester dahinterkommen sollte, dass sie John ihr Bett offerierte, würde er überaus wütend werden, und niemand wusste, was dann geschah.

 

»Wer war der Kerl, der dich in die Kammer hinaufgetragen hat?«, fragte Cuninghame fordernd. Nicht nur Madlens aufgescheuchter Blick verriet ihm, dass sie ein schlechtes Gewissen plagte.

»Wie ich schon sagte – ein alter Freund aus Kindertagen.« Sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht, bemüht, unaufgeregt zu klingen. »Es war Zufall, dass wir uns auf diese Weise begegnet sind.«

»Ein äußerst stattlicher Kerl, nicht wahr?« Cuninghame konnte ihren flatternden Herzschlag spüren. Der Mann musste ihr etwas bedeuten, ansonsten wäre sie ruhiger geblieben.

»Keine Ahnung.« Madlen log – das konnte er spüren. »Und es interessiert mich auch nicht.«

»Wie war sein Name noch gleich? John … John Cameron?«

Madlen stieg eine leise Röte den Hals hinauf, obwohl im Innern der Kutsche eine eisige Kälte herrschte.

Cuninghame vermochte mühelos zu erkennen, wie sie um Fassung rang. Also musste er sie und – falls nötig – ihre neue Bekanntschaft im Auge behalten. Er durfte es nicht zulassen, dass sie sich mit wildfremden Männern einließ. Aber vielleicht war es sinnvoll, diesen barbarischen Highlander für seine weiteren Pläne zu nutzen. Er war ein gutaussehender Kerl, und dass er Madlen gefiel, hatte Cuninghame an ihrem rasenden Herzschlag gespürt.

»Er ist nur ein Arbeiter in den Docks«, antwortete Madlen fest. »Ich glaube nicht, dass er in unsere Gesellschaft passen würde.«

Cuninghame stellte sich die Frage, warum sie »unsere« gesagt hatte? Sollte er glauben, dass sie sich mit ihm und seinen Ansprüchen an das gesellschaftliche Leben verbunden fühlte, obwohl dies absolut nicht der Wahrheit entsprach. Er wusste, dass sie ihn hasste, weil er sie wie eine Gefangene hielt. Jedes ihrer Gefühle konnte er spüren, eine ungnädige Gabe, die einen Eingeweihten von einem gewöhnlichen Menschen unterschied. Ihm war längst klar, dass alle Schönfärberei nichts mehr nützte, um ihn in ihren Augen zu einem guten Menschen zu erheben.

Er war ihr unheimlich, auch das konnte er spüren, und ihr Verdacht, dass er mit dem Satan im Bunde stand, wollte sich partout nicht verflüchtigen. Dass sie mit dieser Annahme richtig lag, würde er ihr nicht vorschnell bestätigen. Sie sollte es erst erfahren, wenn die Zeit reif dafür war.

»Er ist ein ansehnlicher Mann, nicht wahr?« Cuninghame machte es Spaß, sie zu entsetzen. Mit teuflischem Vergnügen leckte er sich über die faltigen Lippen. »Im Grunde nichts anderes als Stratton, allerdings könnten die Damen der feinen Edinburgher Gesellschaft recht behalten, wenn sie meinen, dass ein wilder Highlander weit mehr an Manneskraft zu bieten hat als ein blassgesichtiger Hengst aus dem niederen Landadel.«

»Verzeiht.« Madlen schluckte ihre Furcht hinunter. »Was meint Ihr mit ›zu bieten hat‹?«

»Naja …« Cuninghame setzte ein spöttisches Grinsen auf und deutete auf eine vorbeieilende Sänfte, die von vier großen, breitschultrigen Männern befördert wurde. »Die Sedan-Stühle werden nicht umsonst ausschließlich von Highlandern getragen. Diese Kerle verfügen über außerordentliche Kraft – nicht nur in den Armen, sondern allem Anschein nach auch in den Lenden. Du müsstest es doch eigentlich besser wissen als ich. Ich habe mir sagen lassen, dass in euren Clans ein jeder Krieger mindestens zehn Kinder zeugt.«

»Verstehe ich es richtig? Soll das bedeuten, Ihr wollt mich ein weiteres Mal zwingen, mit einem fremden Mann das Bett zu teilen, nur um mich in Eurem Auftrag schwängern zu lassen?« Madlen legte ihre Stirn in Falten. Ihr aufgebrachter Blick verriet ihre ganze Abscheu, die sie für sein Ansinnen empfand.

Cuninghame begann so laut und schallend zu lachen, dass Madlen erschrak.

»Wenn du so wütend und zugleich ängstlich dreinschaust, tut es mir fast leid, dass ich es nicht sein werde, der deinem Körper huldigt und ihn zu dem macht, wofür er geschaffen wurde.«

»Ihr treibt Euer lustiges Spiel mit mir, Mylord.« Sie räusperte sich kurz, bevor sie ihm einen Blick voll glühender Verachtung zuwarf. »Wie Ihr vielleicht bemerkt, amüsiert es mich nicht. Es tut mir leid, wenn ich Euren Scherzen nichts abgewinnen kann.« Mühsam unterdrückte Madlen ihre Tränen.

»Das ist kein Scherz«, flüsterte er heiser, während die Finger seiner rechten Hand grob in ihr Dekolleté drangen und ihre nackte linke Brust umfassten. »Du hast mir deine Seele verkauft, meine Täubchen.« Sein Griff wurde fester. Madlen hielt für einen Moment die Luft an, weil er ihr erbarmungslos die Brust quetschte, um ihr einen stechenden Schmerz zuzufügen. »Ich halte dein Herz in Händen, meine Liebe, und ich kann es zerdrücken, wann immer es mir beliebt. Vergiss das nie!«

 

John lag – nur mit einem zerschlissenen Nachthemd bekleidet und von seinem alten Wollplaid bedeckt – auf einem Strohsack und starrte auf die hölzernen Planken über ihm, die seine Koje von Paddys Schlafstatt trennten. Er teilte die dürftige Bretterbehausung, in der er sich nur nachts und am Wochenende aufhielt, mit fünfzehn weiteren Hafenarbeitern, von denen um diese Zeit die meisten schon schliefen. Die Baracke stand in der Nähe der Verladerampe mit Dutzenden von anderen Bretterbuden, die als trostlose Auffanglager für alleinstehende Dockarbeiter und gestrandete Einwanderer fungierten. Hier zu wohnen hieß, dass man zu den Niedrigsten der Gesellschaft gehörte, aber John erschien es allemal besser, als noch einmal in Edinburgh für ein paar Shillings bei einer armen Familie Unterschlupf zu finden, die in dem einzigen Raum, den sie bewohnte, auch noch Betten für Fremde vermietete.

Nachdem er vor drei Jahren seinen Dienst bei der Armee der Königstreuen quittiert hatte, um sich in Edinburgh nach einer anständigen Arbeit umzusehen, war er zunächst bei einem Haufen verarmter Lowlander untergekrochen. Die Beadles, Vater, Mutter, Großmutter und sechs Sprösslinge, wohnten in einem Keller der bis zu zwölfstöckigen Tenements in der unteren Kings-Close. Trotz ihrer Armut – oder vielleicht eher deshalb – hatten ihn die Beadles mit Freuden in ihrem überaus bescheidenen Heim aufgenommen. Dabei hatten sie keinerlei unangenehme Fragen gestellt. Es schien ihnen gleichgültig zu sein, ob er als politisch verfolgt galt oder sonst irgendetwas verbrochen hatte. Hauptsache, er zahlte pünktlich seine Miete. Für diesen Vorteil hatte er sogar den Umstand in Kauf genommen, fortan mit neun Menschen zwei winzige Zimmer zu teilen, was ihm bisweilen nicht einfach erschienen war. Nicht dass er etwas gegen schreiende Kinder gehabt hätte, aber als alleinstehender Mann allabendlich aus nächster Nähe jenem Akt beizuwohnen, in dem sie gezeugt wurden, störte ihn schon.

Als weitaus schlimmer hatte sich jedoch die Tatsache erwiesen, dass man als Mitbewohner im Falle einer Epidemie mit der gesamten Familie in Quarantäne geriet. Als die Pest ausbrach, hatte John den Beadles beim Sterben zugesehen. Einen nach dem anderen hatte es erwischt. John hatte den übriggebliebenen Säugling mit einer Flasche gestillt und Großmutter Beadle, die als Letzte der Familie dahingegangen war, die faltigen Lider zugedrückt.

Ein Schaudern erfasste ihn, als ihre Gesichter in seiner Erinnerung auftauchten, und schnell bemühte er sich, an etwas anderes zu denken. Während seine rechte Hand im dürftigen Schein einer Talglampe mit jenem kleinen weißen Kärtchen aus Büttenpapier spielte, das Madlen MacDonald ihm am Nachmittag zugesteckt hatte, überlegte er, wie es wäre, wenn sie weich und warm neben ihm liegen würde.

Das Kärtchen duftete intensiv nach Madlens kostbarem Parfüm, und für einen Moment schloss John die Lider und sog genießerisch den blumigen Duft ein.

Die Vorstellung, einer solchen Frau mit Haut und Haaren ergeben zu sein, erregte ihn, und er konnte Stratton verstehen, dass er ihr offenbar verfallen gewesen war und ihr den Hof gemacht hatte. Auch wenn sie selbst behauptete, ihn nicht wirklich gekannt zu haben. Eine Schutzbehauptung – vielleicht.

Teufelshure! Paddys Bemerkung wollte ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Je mehr er darüber nachdachte, umso weniger vermochte er sich vorzustellen, dass dieser Begriff tatsächlich auf Madlen zutreffen konnte. Schon gar nicht, dass dieses Mädchen mit dem Satan gemeinsame Sache machte und die Braut eines heimtückischen, alternden Mörders sein sollte.

Er musste Madlen wiedersehen, und wenn es allein darum ging, die Wahrheit über sie herauszufinden. Obwohl ihm seine innere Stimme dringend davon abriet, sich – in welcher Weise auch immer – mit ihr einzulassen. Es sei denn, er wollte enden wie Stratton; baumelnd an einem Strick, den Bauch aufgeschlitzt mit heraushängenden Eingeweiden.

Madlen lebte allein – so waren ihre Worte gewesen. Also war sie unverheiratet. Dass Cuninghame eine Bedeutung in ihrem Leben spielte, war wohl nicht von der Hand zu weisen. Aber welche? Vielleicht ließ sie sich von ihm aushalten. Dabei schien sie nicht der Typ Frau zu sein, dem John so etwas zugetraut hätte. Ihr Blick war der einer stolzen Highlanderin. Es musste also einen triftigen Grund geben, warum sie sich Cuninghames respektlose Art gefallen ließ. Allem Anschein nach sehnte sie sich trotz der Aufmerksamkeiten dieses alternden Lords nach der Zuwendung eines jüngeren Mannes.

John stellte sich die Frage, ob hinter ihrer Einladung, ihn wiederzusehen, vielleicht nur der Wunsch nach einem amüsanten Abenteuer steckte. Trotz all seiner Vorbehalte dachte er darüber nach, es selbst herausfinden zu wollen. Dabei schien es ihm angezeigt, zunächst weitere Erkundigungen über Madlen einzuziehen. Doch wo sollte er beginnen? Bei Paddy? Nein. John würde den raubeinigen Iren nicht zu Rate ziehen – aus dem gleichen Grund, warum er darauf verzichtet hatte, ihm überhaupt von seiner merkwürdigen Begegnung mit Madlen zu erzählen. Paddy, der lautstark über ihm schnarchte, hielt grundsätzlich nichts von jungen Frauen, die wegen ihrer Verbindung zu einem älteren Mann in die bessere Gesellschaft aufstiegen. In seinen Augen waren sie nichts als raffgierige Mätressen und damit Hexen und Teufelshuren, für die wahre Liebe ein Fremdwort blieb. Und nach allem, was heute Nachmittag geschehen war, hätte Paddy ihn womöglich mit Recht einen unverbesserlichen Narren gescholten und ihm die Frau längst ausgeredet. Somit war es besser, wenn er erst gar nichts von Johns Absichten erfuhr.

John beschloss, am nächsten Morgen nach dem obligatorischen Besuch im Pub nochmals allein in die Stadt zu gehen. Er würde die Canongate hinunterschlendern, bis zu dem Haus, in dem Madlen angeblich wohnte. Dann würde er sich beiläufig umschauen, was für Leute dort ein- und ausgingen und ob Cuninghames Kutsche vor dem Anwesen stand. Und dann? John schnupperte erneut an dem Kärtchen und spürte, wie es in seinen Lenden zog. Die Vorstellung von Madlens weichem, anschmiegsamem Körper machte ihm unvermittelt klar, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als diese Frau wahrhaftig in seinen Armen zu halten.

Mit einem Seufzer drehte er sich zur Seite. Wenig später fiel er in einen tiefen traumlosen Schlaf, das Kärtchen in der Hand, fest an sein Herz gedrückt.

3

Edinburgh 1647 – »Jungfrauenopfer«

Eine kühle Windböe erfasste Johns gutes Plaid, das er nur zu besonderen Anlässen trug, und wirbelte es in die Höhe, als er am nächsten Morgen in aller Frühe mit einem vollgepackten Lederrucksack zu einem Badehaus aufbrach. Im Hafen lagen einige Schiffe vor Anker, und er war nicht der Einzige, der die Gelegenheit nutzte, um in einem der öffentlichen Schwitzbäder ein Bad zu nehmen. Der Bademeister verlangte drei Pence für einen großen Bottich mit heißem Wasser und eine anständige Rasur. Seife und Handtücher inklusive. Dazu gab es für zwei weitere Pence einen Krug verwässerten Wein oder Ale und ein Stück grobes Brot zum Frühstück. Nichts Besonderes, aber John war einfache Mahlzeiten gewohnt. Er war in den Highlands geboren und konnte nie wählerisch sein.

Im Vorbeigehen passierte er einen Frachter aus Frankreich, dessen Weizenladung sie erst gestern gelöscht hatten. Wachen hatten das Schiff umstellt, und weitere Wachen patrouillierten vor dem Weizenkontor, weil es schon vorgekommen war, dass marodierende Banden versuchten, die Säcke zu stehlen. Der Weitertransport erfolgte in einem geschlossenen Wagen, eskortiert von sechs berittenen Stadtsoldaten, geradeso, als ob es sich um die Kronjuwelen des Königs handeln würde. Die Versorgungslage der Stadt und ihrer Umgebung verschlechterte sich seit Monaten, und John war dankbar, im Hafen arbeiten zu können. Nicht nur wegen der akzeptablen Entlohnung, sondern auch, weil hier und dort im wahrsten Sinne des Wortes etwas Brauchbares abfiel, das man gegen andere Dinge des täglichen Bedarfs tauschen oder auf dem Schmugglermarkt verkaufen konnte. Ein großer Teil der Bevölkerung hungerte, weil im Zuge des nicht enden wollenden Krieges alles so teuer geworden war, allein schon wegen der hohen Steuern, die man auf alles und jedes zu zahlen hatte und die das Parlament zur Entlohnung der Armeen benötigte. Auch Johns Kameraden sparten ihr Geld für noch schlechtere Zeiten und hielten es nicht sehr mit der Reinlichkeit. Die meisten waren der Meinung, dass es keinen Sinn hatte, sich öfter als einmal im Monat gründlich zu waschen, wenn man nur wenige Kleidungsstücke besaß und zehn Stunden am Tag damit beschäftigt war, Körbe mit Fischköpfen, Schweinehälften, Brandyfässer und auch sonst alles zu schleppen, was beim Be- und Entladen großer Schiffe anfiel und diverse Gerüche in Haaren und Kleidern hinterließ.

John war kein geschniegelter Galan, aber er hasste es, herumzulaufen wie ein Wildschwein, das sich eben gesuhlt hatte, ganz gleich, wie schlecht die Zeiten auch sein mochten. Außerdem genoss er die Atmosphäre in den Badehäusern, die – streng nach Männern und Frauen getrennt – so manche Annehmlichkeit boten. In den weißgetünchten Räumen war es immer warm und gemütlich. Dafür sorgten mehrere Kohleöfen und ein offener Kamin, der wegen des andauernden Holzmangels ebenfalls mit Kohle befeuert wurde. Der Bademeister und seine Gehilfen massierten einem gegen einen geringen Aufpreis die schmerzenden Muskeln mit ätherischen Ölen. Es roch nach Seifenkraut, Pfefferminze und frisch aufgebrühtem Salbeisud, und seit jenen Tagen, in denen John die Pest überlebt hatte, glaubte er fest daran, dass es etwas mit Sauberkeit zu tun haben musste, ob man krank wurde oder nicht.

Eine Stunde lang entspannte sich John in der wärmenden Seifenlauge, während ihm ein Badegehilfe den obligatorischen Spitzbart stutzte und ihm anschließend die Haare wusch. Nachdem sich John unter den verstohlenen Blicken seines beleibten Nachbarn aus dem Wasser erhoben hatte, trocknete er sich ab und schlüpfte danach in ein frisch gewaschenes Baumwollunterwams, das er sich auf einem Schemel zurechtgelegt hatte. Darüber legte er ein ungebleichtes Oberhemd an, das er am Hals mit Schnüren verschließen konnte. Ein dunkelblaues Halstuch komplettierte seinen Sonntagsstaat. Auf einem Bein balancierend, zog er sich ein paar graublaue Wollsocken über und stieg dann in seine Stiefel. Erst zum Schluss legte er sein gutes Plaid an, indem er es gekonnt um Hüften und Schultern drapierte und mit seinem breiten Ledergürtel fixierte.

 

»Du hast Besuch«, rief Paddy und weckte damit die restliche Meute, als John in die Baracke zurückkehrte. John antwortete nicht und legte seinen Rucksack aufs Bett und seinen Kamm in eine Holzkiste zurück, in der er seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte. Erst jetzt entdeckte er den vielleicht zehnjährigen Jungen, der regungslos hinter seiner Bettstatt verharrte. Er besaß eine kaffeebraune Hautfarbe und blickte in seiner grünlich glitzernden Dienstkleidung und einem gleichfarbigen Turban mit schüchterner Miene zu John auf. John schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und beschloss, zunächst einmal Ordnung zu schaffen, bevor er den Jungen zu Wort kommen ließ. Er packte die schmutzige Kleidung aus dem Rucksack aus und stopfte sie in einen Wäschesack, der unter dem Bett gelegen hatte. Das pausbäckige Kerlchen verfolgte jede seiner Bewegungen mit großen, schwarz glänzenden Augen, in denen das Weiße auffällig blitzte, sobald sein Blick die Richtung wechselte. Seine kurzen, dicklichen Finger hielten verkrampft eine kleine rote Depeschenmappe, die er an einem ledernen Band über der Schulter trug.

»Ich habe ihm gesagt, dass es noch dauern würde, bis du wieder auftauchst«, grunzte Paddy missmutig über den Rand seiner Koje hinweg, »aber er wollte mir die Nachricht partout nicht aushändigen. Selbst als ich ihm Prügel angedroht habe.«

John lächelte den Jungen verständnisvoll an. »Du bist ein guter Bursche. Dein Herr kann stolz auf dich sein.« Die Miene des Kleinen blieb unbewegt. In der Stadt wimmelte es von kindlichen dunkelhäutigen Dienern. In der besseren Gesellschaft Edinburghs gehörte es mittlerweile zum guten Ton, sich nicht nur einen Botenläufer, einen Schreiber oder einen Rattenfänger zu halten, sondern auch einen eigenen Mohren, wobei man diese nur schätzte, solange sie noch nicht das Erwachsenenalter erreicht hatten. Wenn sie größer wurden, jagte man sie aus dem Haus oder verkaufte sie in die Sklaverei.

»Seid Ihr Master John Cameron?« Er hatte eine weiche, melodiöse Stimme, und John musste schon wieder lächeln, weil ihm die Lippen des Jungen so üppig und schön erschienen, dass sie jedes durchschnittliche schottische Mädchen mit Neid erfüllen konnten.

John verbeugte sich gekünstelt. »Zu Ihren Diensten.« Mittlerweile war die gesamte Bagage in der Baracke zu sich gekommen und beobachtete voller Neugier, was der kleine Mohr John mitzuteilen hatte. Der Junge ließ sich nicht beirren und zog mit einer majestätisch anmutenden Geste einen versiegelten Brief aus reinem weißem Papier aus der Tasche hervor. John war nicht weniger verblüfft als seine Kameraden, als der Junge nicht, nachdem er den Brief übergeben hatte, wie erwartet die Hand für eine Münze aufhielt und ging, sondern hartnäckig stehenblieb.

»Ich soll warten, bis Ihr den Brief gelesen habt, und dann Eure Antwort überbringen«, erklärte er.

John verspürte eine gewisse Nervosität, als er den Brief, auf dem nur ein Siegel mit einer merkwürdig verschnörkelten Figur zu finden war, vor den Augen so vieler gaffender Männer öffnete. Er entfernte sich ein wenig von Paddys Bett und tat dabei so, als ob er zum Fenster gehen müsse, damit er den Brief besser lesen konnte. In Wahrheit wollte er das Schreiben vor neugierigen Blicken schützen. Obwohl hier längst nicht jeder des Schreibens und Lesens mächtig war, gab es Dutzende Augenpaare, die ihn beobachteten.

A Iain, a charaid – mein lieber John, las er unter den ersten Strahlen der Morgensonne, die sich durch die leicht geöffneten Holzläden kämpften.

Es tut mir so leid, dass ich gestern offenbar einen solch schlechten Eindruck bei Dir hinterlassen habe. Aber die Dinge stehen nicht so, wie Du vielleicht denkst. Und sie stehen sicher auch nicht so, wie man es sich in den Straßen von Edinburgh hinter vorgehaltener Hand erzählt. Meine Einladung zum Tee heute Nachmittag besteht fort, und ich würde mich unglaublich freuen, wenn Du mir Deine Aufwartung machen würdest. Nicht nur, um von alten Zeiten zu sprechen, sondern auch, um an neue anknüpfen zu können. Ich verspreche Dir, dass es diesmal keine ungebetenen Störungen geben wird. Falls Du Fragen hast, werde ich Dir diese gerne beantworten. Gib mir noch eine Chance, John – jene, die ich bisher nie hatte.

Le cridhe lan – herzlichst

Deine

Madlen

John atmete tief durch. Verdammt, sie war ihm zuvorgekommen.

»Und? Was ist es?«, krakeelte Paddy neugierig.

Randolf, ein hünenhafter Norweger mit weißblondem Haar, grinste breit. »Ich gehe jede Wette ein, dass es ein Liebesbrief ist«, bemerkte er amüsiert. »Warum sonst hat sich unser guter John so schick gemacht, geradeso, als ob wir zu Madame Rochéz ins Freudenhaus gehen würden?«

»Ich dachte, wir sind heute im Half Moon?«, rief Paddy mit glucksender Stimme und warf John einen vielsagenden Blick zu. »Oder habe ich was verpasst, und wir haben schon Monatsanfang?«

Grölendes Gelächter brandete auf. John versuchte vergeblich seine Verlegenheit und seinen Ärger zu unterdrücken. Dabei ging es ihm nicht um das stadtbekannte Hurenhaus, dessen Dienste sie einmal im Monat gemeinschaftlich in Anspruch nahmen. Er wollte nicht, dass seine Kameraden erfuhren, dass er an einer ganz speziellen Frau interessiert war – schon gar nicht, wenn es sich dabei um die Mätresse eines berüchtigten Parlamentsabgeordneten handelte.

»Wer ist sie denn?« Paddy gab keine Ruhe. Er saß oben in seiner Koje und ließ seine nackten, mit Krampfadern übersäten Beine herabbaumeln, wie ein Kind auf einer Schaukel. Dabei zog er verschiedene Grimassen und schürzte die Lippen, als ob er John einen Kuss zuwerfen wollte.

»Die mannstolle Meg vom White Hart Inn.« John warf einen finsteren Blick in Paddys Richtung und klappte den Brief zu, in der Hoffnung, dass der Ire nun endlich den Mund halten würde, doch damit wurde die allgemeine Stimmung nur noch mehr angeheizt.

»Bevor du dich an Meg vergreifst, solltest du lieber auf die üppige Paula im World’s End setzen«, riet ihm Arne mit heiserer Stimme. Danach folgte ein von Hustenanfällen unterbrochenes Kichern. »Sie melkt dich für fünf Pence«, krächzte er weiter. »Dabei ist sie so ungestüm, dass dir Hören und Sehen vergeht.«

»Vielleicht wäre es in deinem Alter besser, schleunigst die Hure zu wechseln«, erwiderte John und schenkte Arne ein ironisches Grinsen. Er gab dem schwindsüchtigen Holländer höchstens noch ein gutes halbes Jahr, bis er das Zeitliche segnete. Was folgte, war das haltlose Lachen der übrigen Männer, zumal Arne wegen seiner Schwerhörigkeit offenbar Johns Antwort nicht verstanden hatte.

Micheal und Malcolm saßen mit roten Ohren auf ihren Betten und folgten der angeregten Diskussion unter den erwachsenen Männern über die Huren der Stadt und ihre Preise. John war froh, dass sich die Aufmerksamkeit der Männer von ihm abgewandt hatte. Mit einem kurzen Wink bedeutete er dem jungen Mohren, dass er ihn nach draußen an die frische Luft begleiten sollte.

Als John die Tür unter dem Protest der zurückgebliebenen Männer geschlossen hatte, ging er vor dem Jungen in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihm sprechen zu können.

»Wie ist dein Name?«

Der Junge schaute verdutzt. Offenbar kam es nicht oft vor, dass sich jemand für ihn persönlich interessierte.

»Wilbur.« Sein Blick war immer noch schüchtern.

»Also gut, Wilbur. Sag deiner Herrin, dass ich nicht weiß, ob es in Ordnung ist, wenn ich sie besuche. Sag ihr, ich brauche Bedenkzeit.«

Der Junge rümpfte sein Stupsnäschen zu einer unzufriedenen Miene und rückte sich seinen türkisfarbenen Turban zurecht. »Madame Madlen hat mir aufgetragen, mich nur mit einem Ja oder einem Nein zufriedenzugeben, wobei sie ausdrücklich sagte, sie hoffe auf ein Ja.«

John stieß einen Seufzer aus und erhob sich schnaubend. »Wie hast du mich überhaupt gefunden?«, wollte er wissen.

»Ich habe den Auftrag erhalten, Euch so lange zu suchen, bis ich Euch finde, ganz gleich, wie lange es dauern würde. Ich wusste nur, dass Ihr im Hafen arbeitet. Ich hatte Glück, der Erste, den ich gefragt habe, konnte mir sagen, in welcher Baracke Ihr Euer Lager aufgeschlagen habt.«

John kramte in seinem Fellbeutel und zog einen Penny heraus. Er nahm die Münze zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie ins Sonnenlicht, dann drückte er sie dem verblüfften Jungen in die Hand.

»Sag ihr, ich werde da sein.«

»Ist das ein Ja?« Der Junge schien ihm immer noch zu misstrauen.

John grinste. »Aye, es ist ein ›Ja‹.« Mit einer versöhnlichen Geste gab er dem kleinen Kerl einen Klaps auf die Schulter. »Und nun lauf, damit du deiner Herrin die Botschaft übermitteln kannst.«

 

John war ganz und gar nicht bei der Sache, als Paddy zwei Stunden später im Half Moon die Karten mischte und eine neue Runde Bier bestellte. Wie jeden Sonntag war man mit mindestens zehn Arbeitern in einen der am besten besuchten Pubs vor den Toren Edinburghs eingekehrt. Hier wechselte der königliche Postdienst seine Pferde, und folglich bestand die erste angebotene Mahlzeit des Tages nicht nur aus gesalzenem Haferbrei, sondern auch aus gebratenem Speck und Eiern.

Im Pub herrschte gedämpftes Licht. Rund um die Tische und Bänke drängten sich Hafenarbeiter, Söldner und Kirchgänger, die im Gegensatz zu John und seinen Kameraden ihrer Sonntagspflicht nachgekommen waren und die sich nun mit ein paar Humpen Ale und Whisky für eine harte Woche belohnten. Zum Mittag kam der ein oder andere Edelmann dazu, um sich und seiner Lady im benachbarten Speisezimmer ein Steak mit Erbsenpüree servieren zu lassen. Strattons Hinrichtung war immer noch Stadtgespräch. Doch auch jetzt wollte sich niemand zu den wahren Gründen auslassen. »Wer weiß«, mutmaßte Robert, ein bulliger Kerl aus Dunbar, »vielleicht war er heimlich Papist und hat schwarze Messen zelebriert.«

»Könnte es sein, dass du da etwas durcheinanderbringst?« John warf Robert einen kritischen Blick zu. Niemand wusste, dass er und Paddy katholischen Glaubens waren. Deshalb beteten sie nie in der Öffentlichkeit und gingen – wenn überhaupt – nur heimlich zur Messe, die unter den hier lebenden Papisten unter strenger Verschwiegenheit abwechselnd an geheimen Orten abgehalten wurde. Trotzdem mochte es John nicht, wenn jemand etwas Schändliches über den Glauben seiner verstorbenen Mutter sagte.

»Naja«, säuselte Robert weinselig. »Man munkelt, es war gar nicht die Ehre seiner Mätresse, die den schwarzen Lord in eine solche Rage gebracht hat. Ich habe läuten hören, dass Cuninghame von Stratton erpresst wurde. Angeblich ist Stratton auf ein dunkles Geheimnis gestoßen.«

»Was soll das bedeuten?« John war hellhörig geworden.

»Nichts«, fiel ihm Paddy ins Wort, und gleichzeitig funkelte er Robert böse an. »Willst du uns alle unglücklich machen? Jeder halbwegs nüchterne Mann weiß, dass Cuninghames Seele so schwarz ist wie seine Kleidung. Er hat schon mehr Leute ins Tolbooth gebracht, als hier an einem Tisch sitzen.«

Robert lachte abwehrend und schwieg, dann bestellte er bei dem nächstbesten Schankmädchen ein Bier.

Am frühen Nachmittag, als Paddy und die anderen Kameraden längst sturzbetrunken waren und mit den Schankmägden herumschäkerten, entschuldigte sich John für einen Moment, weil er austreten wollte.

Paddy lallte eine unverständliche Bestätigung, während er Rednose Rosi unter ihrem Rock in den Hintern kniff. Sie kreischte theatralisch und warf John einen verhangenen Blick zu, der nichts anderes bedeutete, als dass sie lieber seine Hände an jener Stelle gespürt hätte, wo sich nun Paddy bediente.

John lächelte abwesend und kümmerte sich nicht um die Zurufe seiner Kameraden, die ihn auf dem Weg nach draußen begleiteten.

Sein Herz schlug eigentümlich, als er aus dem verräucherten Pub in die kalte, klare Luft trat, mit der festen Absicht, zumindest heute nicht mehr an diesen Ort zurückzukehren. Der Wind blies ihm seine langen Haare ins Gesicht, als er von der Anhöhe auf den tiefblauen Firth schaute, auf dessen kräuselnden Wellen sich das goldene Nachmittagslicht spiegelte. Die einlaufenden Fregatten mit ihren geblähten Segeln erschienen John wie fette Möwen, die mit ihrem langgezogenen Schrei am Himmel vorbeisegelten und sich nicht daran störten, dass in diesen Tagen Dutzende von Kriegsschiffen im Hafen lagen. Die Zeiten waren ernst. Erst im Januar hatten die schottischen Covenanters König Charles I. – teils aus Enttäuschung, teils aus Berechnung – an das englische Parlament ausgeliefert. Zuvor war er den Engländern auf geheimen Wegen nach Schottland entwischt, in der Absicht, die Schotten für seinen Kampf gegen seine politischen Gegner einzunehmen. Doch die Covenanters – rebellische Presbyterianer –, die zurzeit in Edinburgh die Regierung stellten, hatten ihn erneut an die Engländer ausgeliefert, nachdem er ihr Ansinnen auf Anerkennung einer vom König unabhängigen, presbyterianischen Kirche kaltschnäuzig abgelehnt hatte. Nun weilte er in Hampton Court, offiziell unter Hausarrest, und niemand konnte wissen, ob er jemals wieder zu seiner alten Macht gelangen sollte.

Es war ein offenes Geheimnis, dass sich so manch Königstreuer wegen der politischen Entwicklung bereits eine Passage nach Frankreich gesichert hatte.

John gab sich einen Ruck, um in die Straße hinauf zur Stadt einzubiegen. Erst nachdem er ein paar Schritte gegangen war, fühlte er sich leichter. Vier Humpen Bier und zwei Krüge Whisky, die er trotz aller Vorsicht getrunken hatte, halfen ihm, seine Aufregung zu beherrschen. Dabei gingen ihm ständig die gleichen Fragen im Kopf herum. Was sollte er mit Madlen anfangen, wenn sie ihn empfing? Und vor allem – was waren ihre Beweggründe, dass sie es überhaupt tat?

Johns Schritte wurden schneller, vorbei an Sonntagsspaziergängern und muskelbepackten Sänftenträgern, die sich ächzend abmühten, ihre Herrschaft über die steinigen, unebenen Straßen rund um Edinburgh zu schleppen, weil auf manchen Wegen so tiefe Löcher vorhanden waren, dass bei einer Kutsche sofort die Achse gebrochen wäre.

Beim Stadttor ließ John es sich klaglos gefallen, dass die uniformierte Stadtwache ihn wie üblich mit finsterer Miene von Kopf bis Fuß abtastete, und er musste achtgeben, was er bei den Fragen nach Herkunft und Bewaffnung zur Antwort gab, weil er mit seinen Gedanken ganz woanders war.

Als er vom Leith Wyne Port aus in die Leith Wyne eintauchte, fragte er sich abermals, ob es klug war, Madlens Einladung zu folgen.

Sie lebte in einer anderen Welt, und John bezweifelte, dass er ihr dorthin folgen konnte. Auf Höhe der Flesh Stocks, wo in der Woche der Fleischmarkt abgehalten wurde, hatte er eine grandiose Aussicht auf all die wunderbaren Patrizierhäuser in der oberen Canongate bis hinunter auf die herbstlich bunten Gärten und den dahinterliegenden Holyrood-Palace.

Der breite Boulevard zur Residenz der schottisch-englischen Könige war mit feinem Kies und Sand ausgestreut und längst nicht so holperig wie die Wege und Straßen außerhalb der Stadt. Die Gegend erschien ihm vergleichsweise ruhig und überaus vornehm – bis auf die Stadtwachen vor dem Tolbooth-Gefängnis, die in grimmiger Eintracht vor den Toren des mehrstöckigen Kerkers auf und ab marschierten. Ansonsten sah man nur ein paar Sänften, eine Kutsche, kaum Fußgänger. John machte einen leichten Bogen um den Tolbooth, an dessen oberen Gitterluken die Arme der weniger gefährlichen Gefangenen heraushingen und ihm zuwinkten. Mörder und Verräter wurden – soweit er wusste – in den Katakomben untergebracht, um eine Flucht von vorneherein zu vereiteln. Auf der gegenüberliegenden Seite sah er am Straßenrand eine alte Frau sitzen, die ihm ein Körbchen mit frisch gebundenen Blumen entgegenhielt.

In dem Bewusstsein, dass dies kein Zufall sein konnte, und in einem Anflug von Romantik erstand John ein buntes Sträußchen Heckenrosen. Der Duft der Blumen rief ihm augenblicklich den verführerischen Anblick von Madlen in den Sinn und bestärkte sein Verlangen, sie trotz aller Widrigkeiten wiedersehen zu wollen. In etwa einhundert Yards Entfernung erhob sich inmitten einer Häuserfront ein helles vierstöckiges Gebäude mit zahlreichen Fenstern aus gelbem flämischem Glas. Ein untrügliches Zeichen, wie vermögend der Besitzer von Graystoneland – das Haus, in dem Madlen wohnte – sein musste. Im Erdgeschoss hatte sich eine Schneiderei eingerichtet, soweit man das an der Auslage feinster Brüsseler Spitze in einem Fenster erkennen konnte. Am hinteren Eingang, der zu den übrigen Stockwerken führte, hing eine Glocke.

John drehte sich noch einmal um, im Zweifel, ob er tatsächlich läuten sollte. Was wäre, wenn ihm Cuninghame trotz Madlens Zusicherung für ein ungestörtes Treffen ein weiteres Mal begegnete. Die Einfahrt zum Hof, den man über eine seitliche schmale Gasse einsehen konnte, stand leer, ebenso wie der dahinterliegende Pferdestall. Also war der Hausherr nicht anwesend. Obwohl man gar nicht sagen konnte, dass Cuninghame das Gebäude gehörte. Viele vornehme Lords und Parlamentsmitglieder hatten sich in der Nähe des Holyrood-Palace eingemietet, weil es trotz aller Vorbehalte gegen den König eine anerkannt gute Adresse war.

Die Tür ging so plötzlich auf, dass John erschrocken zurücksprang, wobei er das Blumensträußchen konsequent hinter seinem Rücken verbarg, als ob es eine geheime Waffe wäre. Er hatte Glück – oder auch nicht. Einer der Lakaien, der Madlen auf ihrem Weg ins White Hart Inn gestützt hatte, hatte die Tür geöffnet. In seiner samtgrünen Uniform, mit Kniehosen, Seidenstrümpfen und Goldlitzen an Kragen und Ärmelaufschlägen, musterte er John wie ein widerwärtiges Insekt und rümpfte seine lange, spitze Nase.

»Habt Ihr Euch verlaufen, Sir?«

John richtete sich zu voller Größe auf und präsentierte dem kleinwüchsigen Lakaien seine breiten Schultern, als wollte er sagen: »Jetzt erst recht.« Dann zückte er die Einladungskarte seiner Gönnerin und verkündetet mit sonorer Stimme: »Ich werde erwartet. Von Mylady. Zum Fünf-Uhr-Tee.«

Der Lakai schaute ihn einen Moment lang ungläubig an, dann riss er John unvermittelt die Karte aus den Händen und wandte sich zurück zur messingbeschlagenen Eingangstür. Bevor John reagieren konnte, war er dahinter verschwunden. John befürchtete schon, dass das vorlaute Bürschchen nicht wieder herauskommen würde und all seine Bemühungen umsonst gewesen sein könnten, als der Lakai erneut im Torbogen erschien und ihn mit einem tonlosen »Folgt mir!« bedachte.

Johns Knie wurden mit jeder Treppenstufe weicher, und dabei dauerte es eine Weile, bis er zusammen mit dem Lakai im obersten Stockwerk angekommen war. Statt von Madlen wurde er von der dürren Ruth empfangen, deren Bekanntschaft er bereits gestern im White Hart Inn gemacht hatte. Wortlos führte sie ihn in einen großen beheizten Raum mit einer breiten Fensterfont, die einen Blick auf die königlichen Gärten erlaubte. John schaute sich möglichst unauffällig um und fand Madlen. Inmitten einer Pracht von filigranen Möbeln und edlem Porzellan, das aufgereiht in den zahlreichen Regalwänden stand, saß sie in einem schneeweiß bezogenen Himmelbett, das mit einem blutroten Samtbaldachin mit langen goldenen Troddeln versehen war. John war für einen Moment wie geblendet und dazu überrascht, sie im Bett vorzufinden.

Bevor er die Frage stellen konnte, ob es nicht gut um ihre Gesundheit stehe, fiel ihm ein, dass es in den eleganten Wohnungen der wohlhabenden Gesellschaft Edinburghs durchaus als vornehm galt, auf diese Weise Besuch zu empfangen. Neben dem Bett stand in Reichweite ein Serviertischchen mit zwei Tassen und einer dampfenden Kanne darauf. John hatte keine Augen für das kleine Arrangement aus üppig belegtem Toast und süßem Gebäck, das neben dem Tee auf einer Platte serviert stand. Er hatte nur Augen für Madlen, wie sie ihn anstarrte, voller Verzückung, als wäre er ein Geist aus einer anderen Welt, der all ihre Wünsche erfüllte, und dann sah er ihr strahlendes Lächeln, das ihm jeglichen Zweifel nahm, er könne hier nicht willkommen sein.

»John!« Ihre Stimme erschien ihm atemlos, und wie selbstverständlich streckte sie ihm ihre Hände entgegen. Sie trug ihr Haar zu einer Hochfrisur aufgesteckt, aus der ein paar vorwitzige Locken herabfielen, die ihr makelloses Gesicht umspielten.

»Madame, stets zu Diensten.« Einen Moment lang wusste er nicht, was er tun sollte, und beließ es bei einer tiefen Verbeugung und einem zarten Handkuss, den er mit einem zaghaften Lächeln und einem flüchtigen Blick in Madlens samtblaue Augen ausklingen ließ. Vielleicht lag es an seiner Verwirrung, die ihm ihr weißes seidenes Hauskleid verursachte, durch dessen feinen Stoff sich die dunklen Vorhöfe ihrer leicht hervorstehenden Brustwarzen abzeichneten. Vielleicht war es aber auch die Gegenwart von Ruth, die wie ein grauer lauernder Schatten hinter ihm stand.

»Wie schön, dass du da bist«, antwortete Madlen. »Um ehrlich zu sein, habe ich nicht wirklich mit dir gerechnet, nachdem du gestern so fluchtartig davongerannt warst.«

John erwiderte nichts. Madlen schien sein Unbehagen zu spüren. Sie beauftragte Ruth, nach draußen zu gehen, um einen bestimmten Wein zu servieren.

»Setz dich doch, John.« Madlen sprach mit ihm, als ob sie sich schon ewig kennen würden. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er ihr das Rosensträußchen, das er bisher hinter seinem Rücken verborgen hielt, überreichen sollte.

Madlens Augen weiteten sich vor Glück, während er ihr mit einem verlegenen Lächeln das duftende Bukett übergab, und sie schlossen sich selig, als sie ihre Nase schnuppernd darin vergrub.

»Das sind meine Lieblingsblumen, John, woher wusstest du das?« Ihr Lächeln freute ihn mehr als alles andere.

 

Madlens Herz schlug bis zum Hals, als sie John aufforderte, sich einen der blauen Polsterstühle heranzuziehen, um sich an ihr Bett zu setzen.

»Näher«, bat sie atemlos. »Ich beiße nicht.« Sie lächelte ihn aufmunternd an und wunderte sich gleichzeitig über ihren unvermittelten Mut, den sie vor Jahren, bei ihrem ersten Zusammentreffen, niemals aufgebracht hätte. Damals war sie sprachlos geworden, sobald John in ihre Nähe trat. Und dabei hatte er sich kaum verändert und erschien ihr begehrenswerter als je zuvor. Die offenen langen Haare, die er schlicht in der Mitte gescheitelt trug und die ihm lockig und glänzend bis über die Schultern fielen. Der modisch kurze King-Charles-Spitzbart, der ihm ausgezeichnet zu Gesicht stand. Seine Nase war vielleicht ein bisschen zu lang und sein sinnlicher Mund eine Spur zu breit, und doch passte alles wunderbar zusammen, besonders wenn er lachte und sich auf seinen Wangen lustige Grübchen zeigten.

Während er sich zu dem Stuhl hinunterbeugte, fiel ihr Blick auf seine muskulösen Waden, die zwischen Plaid und Stiefeln hervorblitzten, und wanderte weiter zu den sehnigen Armen und kräftigen Händen, als er den Stuhl an ihr Bett trug.

»Ist es so richtig?« Er stand gebückt neben ihr und sah sie von unten herauf abwartend an. Anscheinend wollte er sichergehen, dass sie mit dem Standort des Stuhls zufrieden war, bevor er sich endgültig niedersetzte. Für einen Moment stockte ihr der Atem, als sie ihm direkt in die Augen schaute. Sie waren das Schönste an John überhaupt – groß und klar, mit langen zimtfarbenen Wimpern und von einer unnachahmlichen Güte, dabei so grün wie ein rauschender kaledonischer Pinienwald. Nie zuvor hatte sie einen Mann mit solch grünen Augen gesehen.

Ihr Herz schlug immer noch kräftig, als er sich endlich neben sie setzte, nah genug, dass sie seinen Atem spüren konnte. Er roch leicht nach Bier und Whisky, aber es war ihr alles andere als unangenehm. In den Highlands gehörte der Whisky zu einem richtigen Kerl wie das Plaid und das riesige Schwert, das die Männer gewöhnlich auf dem Rücken trugen.

»Hast du dich von deiner Ohnmacht erholt?« John lächelte sie an.

Sie starrte auf seine schönen, kräftigen Zähne. Sie wollte ihn küssen. Schon immer und am liebsten hätte sie gleich, als er zur Tür hereingekommen war, gesagt: »Küss mich! Trink keinen Tee, iss keinen Toast. Nein, küss mich, und zwar auf der Stelle!«

»Madlen?«

»Was? Was hast du gesagt?« Verwirrt ordnete sie ihre weiße seidene Überdecke und sah ihn nicht an, weil sie fürchtete, errötet zu sein.

»Ich fragte, ob es dir gutgeht.« Er hatte sich ein wenig zu ihr vorgebeugt und lauter gesprochen, als ob sie schwerhörig wäre.

»Aye – selbstverständlich.« Sie lächelte, um die Peinlichkeit zu überspielen, die sie empfand. »Möchtest du eine Tasse Tee?«

Bevor John antworten konnte, kam Ruth herein und brachte eine braune Flasche auf einem Elfenbeintablett, dazu zwei Kristallgläser.

»Oder etwas noch Besseres!« Madlen strahlte zufrieden und hielt die bereits entkorkte Flasche empor.

John fixierte das Flaschenetikett und sah sie danach fragend an.

»Das hast du bestimmt noch nicht getrunken.« Sie lächelte ihn triumphierend an. »Chester hat es in Fässern aus Frankreich gekauft und dann in Flaschen umfüllen lassen. Schenk ein!«, befahl sie Ruth, und dann hielt sie John einen gläsernen Pokal mit einer golden perlenden Flüssigkeit entgegen. Er schnupperte prüfend und zog seine Nase kraus, bevor er das Getränk vorsichtig kostete.

Madlen konnte sehen, wie er sich die sprudelnden Perlen auf der Zunge zergehen ließ und seine Brauen nach oben schnellten.

»Nicht schlecht«, meinte er und hob mit einem anerkennenden Blick das Glas, um den Inhalt genauer zu prüfen. »Ein neuartiger Wein?«

»Perlwein aus der Champagne«, sagte sie lächelnd und nahm einen großen Schluck. »Man nennt es Champagner. Das Neueste überhaupt.« Sie nippte noch einmal und sah ihre Dienerin, die immer noch die Flasche in der Hand hielt, auffordernd an. »Stelle die Flasche bitte auf den Tisch! Wir können uns selbst bedienen. Wenn du möchtest, so nimm dir auch ein Glas.« Es war eine nette Geste, doch Ruth schüttelte abwehrend den Kopf. Madlen zuckte leicht mit den Schultern und hob ihre Stimme für weitere Anweisungen. »Bevor du nach unten gehst, Ruth, gib bitte die Blumen ins Wasser, und bring uns noch eine zweite Flasche. Den Rest des Abends kannst du dir freinehmen. Sag auch den anderen, dass ich heute nicht mehr gestört werden möchte.«

 

John sah Ruth nachdenklich hinterher, als sie die schwere Eichentür lautlos hinter sich schloss. Mit einem Mal kam ihm die ganze Situation reichlich seltsam vor. Der Umstand, dass Madlen und er sich ausgerechnet bei einer Hinrichtung begegnet waren. Dass sie vorgab, ihn schon ewig zu kennen und entsprechend vertraut mit ihm umging. Dazu all der Luxus, der sie umgab und nichts von dem Elend vermuten ließ, das sich draußen in den Wirren des Krieges abspielte. Dass Paddy behauptet hatte, Madlen treibe es mit dem Satan und trage die Schuld an Strattons Tod, erschien ihm nicht weniger absurd als der Umstand, an ihrem prunkvollen Bett zu sitzen und ihren köstlichen Wein zu trinken. Ja, dass sie sich überhaupt für ihn interessierte. Nichts an ihr erinnerte an eine der vielbeschworenen Teufelshuren, die sich – hässlich, mit tiefhängenden Brüsten und warziger Hakennase – dem Leibhaftigen hingaben. Im Gegenteil, Madlen sah wie ein Engel aus. Dabei interessierte es sie allem Anschein nach nicht, dass er seine Nächte in einer Hafenbaracke verbrachte, zusammen mit einer stinkenden Horde von Kerlen, deren Manieren ebenso fragwürdig waren wie ihre Herkunft.

»Woran denkst du gerade?« Madlens unbekümmerte Stimme holte ihn aus seinen Gedanken.

»Ich überlege mir, dass du im Gegensatz zu mir zur besseren Gesellschaft gehörst und dass es in den Augen deiner Freunde bestimmt nicht schicklich ist, einen Mann wie mich zu empfangen.«

»John, was redest du da?« Madlen setzte eine protestierende Miene auf und beugte sich zu ihm vor. Federleicht nahm sie seine linke Hand in ihre viel kleinere und schenkte ihm ein sanftes, gewinnendes Lächeln. Ihre Berührung wirkte auf John irritierend. Zumal auch ihr verlockender Ausschnitt ein ganzes Stück näher gerückt war.

»Du entstammst einem angesehenen Haus, John. Deine Familie ist wohlhabend, und so wie ich gehört habe, hast du es in der Armee unter Montrose bis zum Captain gebracht.«

»Das alles ist lange vorbei«, erklärte er hart und entzog ihr die Hand, um eine aufrechte Haltung annehmen zu können, in dem Bemühen, ihr nicht fortwährend auf die wohlgeformten Brüste zu starren.

»Warum hast du deine Karriere in der Armee so einfach aufgegeben?« Sie ließ nicht locker, obwohl sie Johns Unbehagen spüren musste. »Ihr hättet gegen die Covenanters gewinnen können.«

»Karriere?« Er schnaubte belustigt. »Ich bin mir nicht sicher, Madlen, ob du eine Ahnung hast, was dieser Krieg wirklich bedeutet. Ich war nur ein Rädchen in einem unübersichtlichen Getriebe.«

»Ist es nicht recht, für seine Überzeugungen zu kämpfen? Es sind Männer wie du, die in diesen verwirrenden Zeiten etwas zum Guten wenden können.«

John setzte ein fatalistisches Lächeln auf und schüttelte den Kopf. »Es ist eine Illusion, wenn du glaubst, dass ein einzelner Soldat das Schicksal einer ganzen Nation bestimmen könnte, zumal wenn er nicht am richtigen Platz sitzt. Nicht die Soldaten bestimmen den Ausgang des Krieges, es sind die Politiker, die sich aus dem Blut der Gefallenen eine neue Zukunft brauen.« Er hatte höflich bleiben wollen, doch seine Stimme nahm einen leicht ironischen Tonfall an, der nicht dorthin führte, wo John die Unterhaltung gerne gehabt hätte. Auch Madlen schien nicht zufrieden zu sein.

»Ich bin eine MacDonald«, stellte sie so unverblümt fest, als ob John ihre Herkunft entgangen wäre. »Ich kann mir vorstellen, dass es grausam sein muss, im Kampf zu sterben. Mein Vater, Iain MacIain, ist wie du katholischen Glaubens. Er hat unter Alasdair MacColla in Irland gekämpft, und auch er hat Montrose unterstützt. Viele seiner Männer haben dabei ihr Leben gelassen. Wer den Kampf scheut, ist zur Feigheit verdammt, hat er immer gesagt.«

»Zwischen Feigheit und gesunder Furcht gibt es einen entscheidenden Unterschied«, erwiderte John ungewollt kühl. »Das erste ist Dummheit, das zweite Vernunft. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe’42 mit den Royalisten die Hügel vor Banbury erobert. Ich war in der Kavallerie und sah Tausende Kameraden sterben. Direkt vor meinen Augen. Von Kugeln durchlöchert, von Säbeln zerhackt und vom Hunger zermartert. Jeder Dritte hat auf diese Weise sein Leben verloren. Und ich war mitten unter ihnen. Ich hatte Glück. Mich hat der Tod nicht gewollt. Zwei Jahre später haben wir Aberdeen unter Montrose und MacColla den Covenanters entrissen und danach auf der Suche nach Flüchtenden die umliegenden Dörfer niedergebrannt. General MacColla hat ohne einen Funken Mitgefühl ein Massaker unter den dort lebenden Presbyterianern befohlen, um sich für die Toten in unseren eigenen Reihen zu rächen. Er war bekannt für solche Auswüchse. In Argyll hat er eine ganze Scheune voller Campbells in Brand stecken lassen, ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder. In Aberdeen war es nicht anders. Es gab unzählige Opfer. Die Schreie der sterbenden Menschen werde ich in meinem ganzen Leben nicht wieder vergessen. Für mich war es der Moment, indem ich beschloss, die Armee zu verlassen, und ich habe geschworen, nie wieder dorthin zurückzukehren, ganz gleich, wessen Flagge sie trägt.«

»O John.« Madlen sah ihn mitfühlend an. »Ich wollte dich nicht verletzen.«

Es tut mir leid. Du hast recht, ich habe von Dingen gesprochen, von denen ich keine Ahnung habe. Dabei bin ich so froh, dass du hier bist. Es wäre schade, wenn wir uns streiten.« Ihre Augen verrieten aufrichtige Reue, und John schalt sich selbst, dass er nicht gelassener reagiert hatte. Woher sollte sie wissen, wovon er sprach? Obwohl sie aus den Highlands stammte, saß sie nun in einem Elfenbeinturm, der die Härte des Krieges nur bedingt an sie heranließ.

Er hob sein Glas mit dem prickelnden Wein. »Auf bessere Zeiten!«, sagte er mit einem versöhnlichen Lächeln und nahm einen großen Schluck, weil das stetig lodernde Kaminfeuer nicht nur dazu geführt hatte, dass er sein Plaid lockerte, zudem verspürte er einen hartnäckigen Durst. Bereitwillig ließ er sich von Madlen nachschenken.

Sie forderte ihn auf, etwas von dem Dundee-Kuchen zu nehmen und ein belegtes Toast mit Roastbeef und eingelegtem Gemüse. John genoss all die Köstlichkeiten, während es draußen dunkel wurde und sie in seiner gälischen Muttersprache angeregt zu plaudern begannen. Schließlich ging ihnen der Perlwein aus, und Madlen beschloss, den Nachschub selbst zu organisieren.

Ohne Rücksicht auf seine männliche Natur schlug sie anzüglich lächelnd die weiße spitzenbesetzte Überdecke zur Seite und sprang aus dem Bett. Erst jetzt konnte er sehen, dass sie eines dieser neumodischen japanischen Seidenkleider trug, die wie ein fein gewebter Mantel gearbeitet waren und an der Vorderseite mit einem Band verschnürt wurden. Nicht, dass er an Frauenkleidern besonders interessiert gewesen wäre. Wenn überhaupt, dann an dem, was darunter zu finden war. Aber das hier hatte ihm Paddy gezeigt, als er eines Tages einen holländischen Ostindienfahrer mit Luxusgütern aus dem hinteren Orient entladen hatte. John erinnerte sich, dass Paddy verlauten ließ, er wünsche sich, einmal im Leben eine Frau in seinen Armen zu halten, die sich einen solch kostspieligen Hausmantel leisten könne.

Barfuß und wie eine Elfe lief Madlen an John vorbei. Er verschluckte sich fast, als er im Gegenlicht des Kaminfeuers ihre nackte Gestalt unter dem durchscheinenden Hauskleid erahnen konnte.

»Wo gehst du hin?«, rief er ihr hinterher.

Madlen blieb an der Tür stehen und drehte sich um, lächelte und zwinkerte ihm vertrauensvoll zu. »In die Küche. Willst du mich begleiten? Ich bin nicht gerade eine Leuchte, was das Entkorken von Flaschen betrifft.« Sie wartete nicht auf ihn, sondern öffnete die schwere Tür und verschwand dahinter.

John erhob sich rasch, um ihr zu folgen. Zwei Zimmer weiter fand er sie bei spärlichem Kerzenschein vor einem in die Wand eingemauerten Nischenschrank, der dem Haushalt als Kühlkammer diente. Auf Zehenspitzen stand sie davor und mühte sich vergeblich, hoch oben auf einem Regal eine von fünf Flaschen zu erreichen, in denen sich der kostbare Champagner befand. Sie wankte ein wenig und kicherte albern, als es ihr auch beim zweiten Anlauf nicht gelang, die Flaschen mit den Fingerspitzen zu berühren. John war hinter sie getreten, so nah, dass er ihre Wärme spürte und ihren Blumenduft atmen konnte. Sie war eindeutig beschwipst, gar keine Frage, und John fand es niedlich, dass sie offenbar nicht wahrhaben wollte, zu klein zu sein, um an die Flaschen heranzukommen. Während sie ihre Arme vergeblich nach oben streckte, widerstand er der Versuchung, sie von hinten zu umarmen und anzuheben.

»Kann ich helfen?« Es war mehr eine rhetorische Frage. Er war fast zwei Köpfe größer als sie und hatte keine Mühe, eine der Flaschen aus dem Regal zu nehmen und zu öffnen.

Als Madlen sich zu ihm umdrehte, trafen sich ihre Blicke, und das sanfte Licht belegte ihr Gesicht mit einem unbezwingbaren Zauber. Ihre Augen, ihre Lippen und das dunkle aufgesteckte Haar ließen sie für John unwiderstehlich erscheinen. Ohne lange darüber nachzudenken, beugte er sich zu ihr hinab. Sie kam ihm entgegen, und während ihre Lippen sich fanden, spürte er, wie sie unter seinem Kuss erschauerte. Als er sie mit seinen Armen umfing und ihren biegsamen Körper an seine unvermittelte Härte presste, die sich unter seinem Plaid aufgerichtet hatte, gab es für sie beide kein Halten mehr. Wie zur Bestätigung legte sie ihre Arme um seinen Nacken und schmiegte sich an ihn.

»Mo Chreach – heilige Jungfrau«, flüsterte er an ihren halb geöffneten Mund, und schon hatte Madlens Zunge von seiner Besitz ergriffen. Sie küssten sich lange und ausgiebig, und John tastete sich zu ihren kleinen runden Brüsten vor, deren aufragende Spitzen er unter der Seide liebkoste. Mit dreister Sicherheit wanderten seine Finger weiter nach unten und fanden das Band, das dafür sorgte, dass ihre Gestalt verhüllt blieb. Ihr leises Stöhnen gab John die Erlaubnis, es aufzuziehen.

Das Gewand öffnete sich. John musste ihre zarte Haut berühren. Er konnte nicht anders. Sie schnurrte wie ein Kätzchen, als er mit geschickten Fingern an ihrem Rückgrat entlangstrich, bis hin zu ihrem prallen Gesäß, dessen Rundungen er mit einer Hand sanft massierte. Seine andere Hand wanderte über ihren leicht gewölbten Bauch zum Venushügel hinab, über das spärliche Fellchen bis hin zu ihrer empfindlichen Perle. Sie zuckte ein wenig, als er sie mit zwei Fingern liebkoste.

»John, hör nicht auf.« Madlens Stimme war atemlos und voller Verlangen. Sie schnappte nach Luft und stöhnte so laut, dass ihm ganz schwindlig wurde. John wusste nicht, ob es der Wein war oder seine jähe Begierde, die sich so plötzlich an dieser Frau entlud, als er sie aufhob und auf den nächststehenden Tisch setzte, das Kleid zur Seite schob und ohne Zurückhaltung ihre Schenkel spreizte. Dass sie sich nicht sträubte, sondern mit unverhohlener Leidenschaft seinen Bewegungen folgte, wertete er als Zustimmung, um fortfahren zu dürfen.

Während er nicht nachließ, ihre empfindlichste Stelle zu streicheln, löste er mit einer Hand seinen Gürtel und ließ ihn mitsamt seinem Plaid zu Boden fallen. Mit der gleichen Hand hob er sein Hemd an, um seinem harten Glied freie Bahn zu verschaffen. Sie zitterte leicht, als er mit seiner Spitze an der Innenseite ihrer Schenkel entlangstrich und seine Fingerkuppen zärtlich über ihre offene Scham fuhren, um sie auf das vorzubereiten, was nun folgen sollte. Mit einem leisen Keuchen entledigte sich Madlen ihres Kleides und brachte so ihre bloßen, sanft gerundeten Schultern und Brüste zum Vorschein, die er daraufhin über und über mit Küssen bedeckte.

Madlen erschauerte unter seinen Lippen. Sein leiser Zweifel, das Richtige zu tun, wurde zerstreut, als sie sich ihm noch weiter öffnete und ihn bei den Hüften packte, damit er endlich in sie eindringen konnte. Als er in ihrem Fleisch versank, überlief ihn ein Schauer. Sie war unglaublich eng und doch feucht wie ein Schwamm, und John war so scharf darauf, sie zu nehmen, dass er, ohne zu zögern, tiefer in sie hineindrängte. Während ihm ein kehliges Stöhnen entfuhr, sah er, wie sie den Atem anhielt und ihr schönes Gesicht für einen Moment verkrampfte. Verunsichert zog er sich zurück, zumal er unvermutet auf Widerstand gestoßen war.

»Was ist?«, flüsterte sie. Ihre Gesichtszüge entspannten sich, und sie sah ihn mit großen, unschuldigen Augen an. Dann fuhr sie mit beiden Händen über sein Gesicht und anschließend wie wild durch sein langes Haar. »Willst du mich nicht?«, keuchte sie leise.

»Doch, doch …«, stotterte er und sah sie zweifelnd an. »Kann es sein, dass du noch Jungfrau bist?«

»Wäre das ein Grund für dich, nicht fortzufahren?«

Ihr furchtsames Lächeln ließ ihn dahinschmelzen. »Nein …« Langsam schob er sich zurück an jene Stelle, wo er kurz zuvor noch den Widerstand gespürt hatte. »Wenn du es willst, will ich es auch.«

»Ich will es«, hauchte sie mit erstickter Stimme und klammerte wie zum Beweis ihre Schenkel um seine Hüften. »Ich will es so sehr, wie ich noch nie etwas gewollt habe.«

John packte sie noch ein wenig fester und küsste ihre halb geöffneten Lippen, während er sie mit einem einzigen sanften Stoß zur Frau machte.

4

Edinburgh 164 – »Checkers«

»Lass uns ins Bett gehen«, flüsterte John mit einem anzüglichen Grinsen. »Die Küche ist mir auf Dauer zu ungemütlich.«

Madlen lächelte zustimmend, als er sie, nackt wie sie war, vom Tisch aufhob und mit einer Champagnerflasche in Richtung Wohnkammer trug, wo das große Himmelbett auf sie wartete. Sein Plaid hatte er in der Küche zurückgelassen, und Madlen mühte sich redlich, ein Kichern zu unterdrücken, als John mit ihr an einem großen Spiegel vorbeimarschierte – während der Saum seines Hemdes sein wippendes, halbsteifes Geschlecht nur dürftig bedeckte. Dazu trug er immer noch Socken und seine eisenbeschlagenen Stiefel.

»Ich bestehe drauf, dass du nicht nur deine Schuhe, sondern auch deine Strümpfe ausziehst, bevor ich dich in mein Bett lasse«, verkündete Madlen prustend. Der Champagner war ihr zu Kopf gestiegen, doch das interessierte sie nicht. Mit John war jede Minute im wahrsten Sinne des Wortes herrlich. Die Zeit, in der er sich schmunzelnd von seiner restlichen Kleidung befreite, nutzte sie, um die Gläser abermals mit Perlwein zu füllen, wobei sie ihn aus den Augenwinkeln immer wieder beobachtete.

Johns muskulöse Erscheinung verglich sie dabei mit jenem silbernen Adonis, den Cuninghame auf seinem Schreibtisch in North Berwick aufgestellt hatte. Sie konnte sich gar nicht sattsehen, als John mit einem Grinsen, völlig nackt und wie ein gefährliches Raubtier auf allen vieren vom unteren Ende des Bettes auf sie zugekrochen kam. Einzig ein paar Narben in der Leiste und unter den Armen störten das vollkommene Bild. Vermutlich stammten sie von der Pest, die er offenbar ohne weitere Blessuren überstanden hatte. Und dann waren da noch ein paar glatte saubere Schnitte, über den Rippen und auf den Oberarmen, hastig vernäht ohne Anspruch auf Schönheit. Im Krieg und bei Gefechten gab es selten Soldaten, die aus den alltäglichen Auseinandersetzungen ungeschoren hervorgingen. Seltsamerweise empfand sie nicht die geringste Scham, als ihr Blick wie beiläufig zu seinem Geschlecht wanderte, das sich beeindruckend groß zwischen seinen Schenkeln aufrichtete und anscheinend keinerlei Erholung bedurfte. Fasziniert streichelte sie der Länge nach über die samtige Haut und erfreute sich an Johns eindeutiger Regung. Es war ihr, als ob sie seit ewigen Zeiten miteinander vertraut wären.

John umarmte sie stürmisch und lachte befreit, als sie seine intimen Küsse und Berührungen ungezwungen erwiderte. Sein Schnurrbart kratzte beim Küssen, und Madlen musste unaufhörlich kichern, doch nicht wegen des Bartes, sondern weil es ihr so unglaublich erschien, dass ausgerechnet John Cameron der erste Mann war, mit dem sie tatsächlich das Lager teilte. Spielerisch rang er sie nieder, während sie sich unter ihm wand wie eine schnurrende Katze, die es liebt, an den unmöglichsten Stellen gestreichelt zu werden. Bereitwillig öffnete sie ihre Beine, damit er auf den dicken Daunenmatratzen wiederholte, was er auf dem harten Holz des Küchentisches begonnen hatte. John warf indes seine guten Manieren über Bord, und nach anfänglicher Sanftheit, die in einem kurzen zärtlichen Geplänkel mündete, drang er mit seinem aufrecht stehenden Phallus in sie ein und nahm sie so heftig, dass der ganze Baldachin wackelte.

Madlen lachte prustend, als sie es sah. Danach stöhnte sie vor Lust, als John seinen wilden Rhythmus mit einem breiten Grinsen verlangsamte und sie mit jedem neuen Stoß noch mehr erfüllte, als er es zuvor schon getan hatte. Nie hätte sie geglaubt, dass die körperliche Liebe so schön sein könnte, und mit John vergaß sie jegliche Angst.

Als er sich zu ihr hinunterbeugte, um sie zu küssen, erwiderte sie seine animalische Kraft und saugte mit ihren Lippen an seinem kräftigen Hals. John stöhnte mit heiserer Stimme, als sie die gerötete Stelle danach mit einem leckenden Kuss bedeckte.

»Na warte, du kleines Biest«, entfuhr es ihm scherzhaft, und dabei ergriff er ihre Handgelenke und zog sie ihr über den Kopf, wo er sie festhielt wie eine Gefangene. Völlig ausgeliefert gab sie sich hin. Johns Stöße waren so erregend, dass sie um Gnade winselte, bis sie endlich eine bis dahin nicht gekannte Erlösung verspürte. Schweißnass blieb John auf ihr liegen. Er hielt die Augen geschlossen und atmete schwer. Madlen genoss die Last seines Körpers und dass er noch einen Moment lang in ihr verweilte. Sein heißer Atem strich in regelmäßigen Zügen über ihr Ohr, und sie kraulte verzückt sein langes, dichtes Haar.

»John«, hauchte sie nur, dabei hätte sie sagen wollen: Iain, tha gaol agam ort – ich liebe dich, John.

Ein Satz, den sie ebenso gerne von ihm gehört hätte, aber vielleicht war das noch zu früh und zu viel verlangt.

Nachdem er sich auf den Rücken gerollt hatte, stemmte er sich auf seinen linken Ellbogen und sah sie mit jenem strahlenden Lächeln an, für das sie notfalls gestorben wäre.

»Heiliger Strohsack«, stieß er hervor, »was bist du nur für ein Mädchen!« Bevor sie antworten konnte, beugte er sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. »Madame, ich bekenne mich schuldig. Es ist wirklich eine Sünde, dass ich Euch niemals zuvor den Hof gemacht habe.«

Madlen setzte sich auf und verspürte nun doch so etwas wie Verlegenheit. Ihr wurde bewusst, dass John mit Sicherheit nicht das erste Mal bei einer Frau gelegen hatte, und sie stellte sich zweifelnd die Frage, wie es nun weitergehen sollte. Er schien ihre Unsicherheit zu bemerken, drehte sich um und bot ihr anschließend ein Glas Champagner an, das er wortlos an sie weiterreichte, bevor er selbst sein Glas nahm und den Inhalt in einem Rutsch hinunterkippte.

»Ah … das tut gut«, sagte er mehr zu sich selbst und leckte sich ungeniert das letzte Tröpfchen von der behaarten Oberlippe. Mit einem Blick des Bedauerns stellte er das leere Glas auf dem Tischchen ab und setzte ein zufriedenes Grinsen auf, als er sich ihr erneut zuwandte.

Madlen saß aufrecht im Bett und nippte nur an ihrem Glas. Dabei schaute sie John nicht an, sondern fixierte die Bettdecke, die sie rasch über ihre Blöße gezogen hatte.

»Geht es dir gut?« Johns Stimme war weich, und er setzte eine fürsorgliche Miene auf. Mit einem Finger strich er ihr eine Locke aus dem Gesicht, weil sich ihr Haar im Eifer des Gefechts aufgelöst hatte und die wogenden dunklen Wellen ihre Schultern und das halbe Gesicht bedeckten.

»Denkst du, John, dass ich eine Hure bin?« Die Frage kam unvermittelt, und Madlen getraute sich nicht, Johns verdutzten Blick zu erwidern.

»Was redest du da?« Er zog die Stirn in Falten. Seine Lider verengten sich, als ob er sie nicht verstanden hätte.

»Ich will von dir wissen, ob du mich für eine Hure hältst.« Die Antwort war umso klarer.

John schien verblüfft zu sein. »Weil du mit mir geschlafen hast?« Seine abwehrende Stimme verriet, dass er den Inhalt der Frage auf sich bezog.

»Nein, John«, beeilte sie sich zu sagen und begegnete seinem verwirrten Blick mit entwaffnender Ehrlichkeit. »Ist es nicht unschicklich, wenn ein Mädchen sich so rasch einem Mann hingibt, den es kaum kennt?«

»Wer erzählt einen solchen Unsinn?« Er sah sie erstaunt an.

»Einmal habe ich meinen Vater belauscht, wie er mit meinem ältesten Bruder über die Natur der Frauen gesprochen hat. Eine Hure erkennst du daran«, sagte er mit hämischer Miene, »dass sie sich ohne zu zögern hingibt und dass es ihr Spaß macht, von einem Mann genommen zu werden. Eine sittsame Ehefrau ziert sich zunächst, dann verzieht sie ohne einen Laut das Gesicht und ist froh, wenn es vorbei ist.«

Madlen sah ihn zweifelnd an. »Ich fand es wundervoll, mich dir sogleich hinzugeben. Aber ich will nur dich und sonst niemanden.«

Für einen Moment sah es so aus, als ob John in schallendes Gelächter ausbrechen würde. Doch dann räusperte er sich nur und blickte mit einem sanften Lächeln auf sie herab.

»Ach, Madlen.« Seine Stimme war ebenso mitfühlend wie sein Blick, als er ihr Gesicht in seine Hände nahm und sie zärtlich auf den Mund küsste. Danach schlüpfte er zu ihr unter die Decke und legte einen Arm um ihre Schultern. »Du machst mich ganz sprachlos mit deinem Bekenntnis. Und davon ganz abgesehen«, bemerkte er scherzend, »warum sollte ich denken, dass du eine Hure bist?« Er lachte verhalten. »Glaub mir, ich hatte Dutzende von Huren, aber eine Jungfrau war bisher nicht dabei.«

Dutzende von Huren? dachte sie nur und wurde im Nu von einer vagen Enttäuschung ergriffen. Anstatt zu antworten, kniff sie die Lippen zusammen. Er hatte wohl amüsant und tröstend klingen wollen. Dass er kein Kind von Traurigkeit war, konnte man ihm ansehen. Außerdem war er Soldat gewesen. Bei solchen Männern gehörte der regelmäßige Besuch bei einer Hure zum Alltag wie essen und trinken.

»Habe ich was Falsches gesagt?« Johns Blick schien alarmiert. »Es tut mir leid«, schob er rasch hinterher. »So viele waren es gar nicht. Außerdem hat keine der Frauen jemals zu mir gesagt, dass sie niemand anderen will als mich.«

»Du kennst mich nicht«, erwiderte Madlen resigniert. »Was würdest du sagen, wenn ich doch eine Hure wäre?«

»Du bist keine Hure«, erwiderte er hartnäckig. »Und wer so etwas behauptet, bekommt es mit mir zu tun.«

»Es gibt sogar Männer, die behaupten, ich sei eine Hure des Teufels.« Stratton hatte so etwas zu ihr gesagt, nachdem er erfolglos versucht hatte, sie zu begatten. Und bevor Cuninghame ihn zum Schweigen gebracht hatte, war er nicht müde geworden, die Mär von der Hexe, die seinen Schwanz verflucht hatte, in der Stadt zu verbreiten. Ruth, ihre Dienstmagd, hatte es ihr zugetragen. Und vielleicht war es das gewesen, warum Cuninghame ihn vorsorglich vor den Richter gebracht hatte.

John machte ein betroffenes Gesicht. »Madlen.« Seine Hand strich sanft über ihr Haar. »In diesen Tagen wird viel behauptet, was nicht der Wahrheit entspricht. Schau, ich bin ein Papist wie dein Vater und fühle mich dem katholischen Glauben verpflichtet, aber niemand darf es erfahren, weil je nachdem, in welcher Gesellschaft ich mich bewege, mein Leben auf dem Spiel steht. Es gibt genug Leute, die behaupten, wir würden schwarze Messen feiern und dabei unsere Kinder fressen. Das ist Geschwätz, auf das man nicht hören sollte, und sonst nichts.«

»Was mich betrifft, so haben die Leute wohl recht.« Madlen schluckte, und doch war ihr Blick unmissverständlich.

»Was willst du damit sagen, sie haben recht?« John musterte sie.

Madlen zitterte – nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Lippen. Er nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf das Tischchen zurück.

»Ich bin Cuninghames Hure.« Jetzt war es heraus, und sie wusste nicht, ob es Erleichterung brachte. Sie hob den Kopf und blickte um sich. »Alles, was mich umgibt, gehört ihm – die Wohnung, die Dienerschaft, meine Kleider, ja sogar das Bett, in dem wir gerade liegen. Und wenn du es genau nehmen willst, bin auch ich sein Besitz. Mit Haut und Haaren.«

Sie warf John einen resignierten Blick zu und erhob ihre Hand, als ob sie einem imaginären Gast zuprosten würde. »Slàinte Mhath, Master Cuninghame. Sogar den Champagner bezahlt mir mein Gönner.« Sie ließ die Hand sinken und spürte die Wärme, als John sie ergriff.

»Aber du schläfst nicht mit ihm!« Seiner Stimme nach zu urteilen, schien ihm dieser Umstand wichtig zu sein.

»Nein«, fuhr sie mit bedächtiger Stimme fort und wich dabei seinem prüfenden Blick aus. »Er kann es nicht auf normale Weise tun. Seine Manneskraft ist ihm angeblich abhandengekommen. Aber ich lasse es zu, dass er andere schlimme Dinge mit mir tut.«

»Was für … Dinge?« John sah sie forschend an.

Stockend erzählte Madlen die ganze Geschichte. Wie sie nach Edinburgh gekommen und schon nach wenigen Tagen auf der Jungfrauenversteigerung gelandet war, weil sie ein hartnäckiger Hunger quälte und sie kein Geld mehr besaß, um etwas kaufen zu können. »Betteln wollte ich nicht, und dann ist Ebenezer Wentworth gekommen und hat mir den Himmel auf Erden versprochen, wenn ich ihm folgen würde.« Flüsternd berichtete sie von Cuninghames Schuldschein, den sie voller Verzweiflung unterschrieben hatte. Und dann erzählte sie von dem merkwürdigen Ansinnen des Lords, dass Stratton sie schwängern sollte.

»Hinter vorgehaltener Hand hat man sich erzählt, Stratton sei ein Hurenbock, der es mit Männern und Frauen gleichermaßen treibe. Ich habe mich regelrecht vor ihm geekelt. Warum Chester ausgerechnet ihn ausgesucht hat, weiß ich nicht.«

»Wie konntest du so etwas zulassen?« Entsetzen zeichnete sich auf Johns Miene ab.

»Chester hat mir gedroht.« Madlen musste ihre Verzweiflung nicht spielen, um John zu überzeugen. Ihre Augen verrieten, dass sie bisher keinen Ausweg gesehen hatte, dem Lord zu entkommen. »Wenn ich nicht tue, was er verlangt, wird er mich in die Sklaverei verkaufen – an einen marokkanischen Emir, zu dem er geschäftliche Verbindungen unterhält. Der Muselmane wolle mich für seinen Harem haben und habe schon angefragt.«

In Johns Augen blitzte die nackte Wut. »Dieses Schwein«, zischte er böse, und gleichzeitig nahm er Madlen in seine schützenden Arme, wo sie an seiner Brust zu weinen begann, erleichtert, endlich einen Menschen gefunden zu haben, bei dem sie sich alles von der Seele reden konnte.

»Ich werde ihn töten«, sagte John kalt.

Madlen spürte, wie ihr eigenes Herz schneller schlug. Sie hatte Hilfe gesucht und offensichtlich gefunden. Doch nun wurde ihr schlagartig klar, dass sie einen Fehler begangen hatte, indem sie ausgerechnet John in ihre tiefsten Geheimnisse einweihte. Er war ein Highlander und damit ein Mann mit Prinzipien, und obwohl er sich aus dem Krieg zurückgezogen hatte, hieß das noch lange nicht, dass er alles Unrecht der Welt auf sich beruhen ließ. Voller Angst sah sie zu ihm auf. »In Gottes Namen, ich will nicht, dass du dich für mich unglücklich machst, indem du ihn umbringst, John. Denk außerdem ja nicht, dass das so einfach wäre. Chester besitzt eine Privatarmee, die sich um seine Sicherheit kümmert. Er hat unglaublich viel Macht. Wenn er herausbekommen sollte, was du vorhast, zieht er an einem einzigen Faden und lässt uns beide töten.«

»Madlen!« John fasste sie schmerzhaft bei den Oberarmen und erzwang ihre ganze Aufmerksamkeit. »Willst du etwa warten, bis Cuninghame dich noch einmal von irgendeinem Kerl vergewaltigen lässt? Oder dich zu diesem Emir nach Afrika schickt?«

»Nein, John, natürlich nicht. Aber was sollte ich machen?«

»Man könnte ihn vor den Richter bringen«, entgegnete John voller Entschlossenheit, »indem man seine Machenschaften vor aller Öffentlichkeit an den Pranger stellt.«

»Um Himmels willen!« Madlen fuhr der Schreck in die Glieder. »Wie stellst du dir das denn vor?« Ihre Stimme überschlug sich beinahe, und John konnte nicht entgehen, dass sie ihn nicht nur für naiv, sondern auch für wahnsinnig hielt.

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