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Die Tänzerin im Schnee

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Inhaltsübersicht

Erstes Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Zweites Buch

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Drittes Buch

Kapitel 15

Kapitel 16

Anmerkung der Verfasserin und Quellenangabe

1. Über die Autorin

2. Zur Geschichte des Bolschoi-Theaters

3. Zur Verfolgung der Künstler in der Stalinzeit

4. Über Bernstein

5. Fragen an Daphne Kalotay

6. Kleines Glossar der Ballettbewegungen

Leseprobe aus : Der Duft der Pfirsichblüte

1. Kapitel

 

Für Mamuka
Und in Erinnerung an Imre und Bambi Farkass

 

Immerhin habe ich damals zuerst eingesehen, dass die Liebe keine reine Freude und kein Spielchen ist, sondern eine unaufhörlich lebendige Tragödie, ein uralter Fluch für dieses Leben und zugleich dessen mächtiger Inhalt.

Nadeschda Mandelstam

 

Ihr Mann hatte antiquierte Ansichten über Juwelen; ein Mann kaufte sie seiner Frau als Anerkennung dessen, was er nicht geziemend ausdrücken konnte.

Willa Cather

Erstes Buch

 

Los 7

Brillant-Ohrstecker. Je ein runder Brillant, Gewicht ca. 1,64 und
1,61ct., Farbe: H, Reinheit: VS2, in einer 4er Krappenfassung aus
Weißgold, 18 kt., russische Punzen. 20 000 –22000 Dollar

KAPITEL 1

Es war ein derart kalter, derart unerbittlich grauer Nachmittag, dass nur wenige Fußgänger auf dem langen, von Bäumen gesäumten Grünstreifen unterwegs waren, der die Commonwealth Avenue in der Mitte teilte; und selbst die Hunde trugen wärmende Mäntelchen sowie Leichenbittermienen zur Schau, während sie ungeduldig des Weges gezerrt wurden. Von einem Fenster im dritten Stock eines Wohnhauses auf der Nordseite der Avenue aus, oberhalb von reich verzierten Balkonen mit Kupfergeländern, die sich bereits vor langer Zeit mintgrün verfärbt hatten, beobachtete Nina Rewskaja das Treiben. Bald würde auch die Sonne ihre kläglichen Bemühungen einstellen und der Streifen aus gepflegtem Sandstein im nüchternen Glanz der Straßenlampen erstrahlen.

Nina versuchte, den Kopf weiter nach vorn zu schieben, um den Gehweg besser einsehen zu können, als sich ihr steifer Nacken meldete. Da sie ihren Stuhl nicht näher heranrücken konnte, ertrug sie den Schmerz und reckte abermals den Hals. Ihr Atem hinterließ Nebelflecken auf der Scheibe. Sie hoffte, ihren Besuch frühzeitig zu entdecken, um sich besser wappnen zu können.

Inzwischen stieg ihr die Kälte ins Gesicht. Da kam eine Frau, die außerdem zu jung war. Die Absätze ihrer Stiefel machten ein einsames, klackendes Geräusch. Jetzt hielt die Frau inne, als würde sie nach einer Adresse suchen. Dann lief sie auf die Haustür zu und damit aus Ninas Sichtbereich. Bestimmt wollte sie zu jemand anderem – doch da klingelte es an der Tür. Nina rückte von ihrem Posten am Fenster ab und lenkte ihren Rollstuhl langsam und mit steifem Rücken in die Diele. Stirnrunzelnd betätigte sie die Sprechanlage. »Ja?«

»Drew Brooks, von Beller.«

Diese amerikanerischen Mädchen mit ihren Jungennamen.

»Kommen Sie herauf.« Obwohl sie sich ihres Akzents und ihrer brüchigen Stimme bewusst war, erschrak Nina jedes Mal aufs Neue, wenn sie sich sprechen hörte. In ihrer Vorstellung war ihre Stimme stets hell und klar. Sie rollte weiter, um die Tür zu entriegeln und zu öffnen, und horchte auf den Fahrstuhl. Doch was sie hörte, waren Schritte auf der Treppe, die lauter wurden, näher kamen und schließlich zu »Drew« wurden, bekleidet mit einem dünnen Wollmantel, die Wangen von der Kälte gerötet, eine Ledertasche diagonal über die Schulter gehängt. Sie hatte die ideale Körpergröße, ihre Haltung strahlte Selbstbewusstsein aus, und sie streckte Nina eine Hand entgegen, die noch in einem Handschuh steckte.

Es geht los, dachte Nina und verspürte einen kleinen Stich im Herzen; ich habe es losgetreten. Mit zuckenden Fingern ergriff sie kurz die ausgestreckte Hand. »Bitte treten Sie ein.«

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Ms. Rewskaja.«

Ms., als ob sie eine Sekretärin wäre. »Nennen Sie mich Nina.«

»Nina, hallo.« Das Mädchen lächelte sie überraschend selbstsicher an, wobei sich fächerförmig Falten um ihre Augen bildeten; Nina bemerkte, dass sie älter war, als sie zunächst angenommen hatte. Sie hatte dunkle Wimpern, und ihr kastanienbraunes Haar klemmte locker hinter den Ohren. »Lenore, unserer Direktorin für Schmuck, tut es sehr leid, dass sie nicht selbst kommen kann«, sagte sie und zog sich ihre Handschuhe aus. »Ihre beiden Kinder liegen krank im Bett.«

»Sie können Ihren Mantel hier ablegen.«

Das Mädchen entledigte sich ihres Mantels und gab den Blick auf einen kurzen Rock und einen eng anliegenden, hochgeschlossenen Pullover frei. Nina begutachtete den knappen Rock, die langen Beine, die halbhohen Stiefel und die helle Strumpfhose. Unvernünftig, bei diesem Wetter Bein zu zeigen. Doch Nina gefiel es. Jeder hatte wohl den Spruch »Wer schön sein will, muss leiden« schon einmal gehört, doch wirkliche Opfer brachten nur die wenigsten.

»Setzen wir uns in den Salon.« Nina wendete ihren Rollstuhl, wobei sie ein jäher Schmerz in den Kniescheiben überfiel. So kam er immer, der Schmerz, plötzlich und willkürlich. »Bitte setzen Sie sich.«

Das Mädchen nahm Platz und schlug die Beine in ihrer dünnen Strumpfhose übereinander.

Wer schön sein will, muss leiden. Es war einer der wenigen Grundsätze, nach denen Nina voll und ganz gelebt hatte: tanzen mit verstauchten Zehen und rheumatischen Hüften, trotz Fieber und Lungenentzündung. Und natürlich war sie als junge Frau in Paris und später in London äußerst wählerisch gewesen, was ihre Garderobe anbetraf, hatte halsbrecherische Absätze und in den 1960er Jahren diese unsäglich kratzigen Kostümröcke getragen, die sich anfühlten wie aus Polsterbezügen geschneidert. 1978 hatte sie sich dann einem sogenannten »Mini-Lifting« unterzogen. Nur ein paar Stiche hinter den Ohren – derart läppisch, dass sie an dem Tag, als die Fäden gezogen werden sollten, beschloss, die Sache einfach selbst zu erledigen. Und das hatte sie dann auch getan, mit einem Vergrößerungsspiegel und einer winzigen, spitzen Nagelschere.

Mit einer kleinen, flinken Bewegung strich das Mädchen ihren Rock glatt und befreite ihn dabei von unsichtbaren Fusseln. »Petersburger Attitüden« pflegte Ninas Großmutter sie zu nennen, diese kleinen Zurechtrückungen, die Frauen nur allzu häufig vornahmen. Nun griff sie in ihre Tasche und förderte eine Klemmbrettmappe mit Lederdeckel zutage. Breite Wangenknochen, zarte Haut, braune Augen, grün gesprenkelt. Irgendetwas an ihr kam Nina bekannt vor, wenngleich sie es mit nichts Gutem in Verbindung brachte. »Ich bin gekommen, um eine Liste mit den Eckdaten zu erstellen. Danach sind dann erst mal unsere Sachverständigen dran.«

Nina nickte, und der Knoten im Nackenansatz zog sich zusammen: Manchmal schien dieser Knoten die Wurzel all ihrer Leiden zu sein. »Ja, natürlich«, sagte sie, wobei der Schmerz durch die Anstrengung kurzzeitig noch stärker wurde.

Das Mädchen schlug die Mappe auf und sagte: »Es gibt so vieles, was ich Sie gern fragen würde – doch ich will versuchen, beim Geschäftlichen zu bleiben. Ich liebe das Ballett. Ich wünschte, ich hätte Sie tanzen gesehen.«

»Sie brauchen mir nicht zu schmeicheln.«

Ihr Gegenüber zog eine Augenbraue hoch. »Ich habe über Sie gelesen, dass Sie ›der Schmetterling‹ genannt wurden.«

»Eine Moskauer Zeitung nannte mich so«, hörte Nina sich blaffen. »Ich mag die Bezeichnung nicht.« Sie fand das Bild nicht gerade zutreffend; es ließ sie schwach und flatterig wirken, wie ein Rosenblatt, das durch die Luft gewirbelt wird. »Sie ist zu … süßlich.«

Das Mädchen nickte verständnisvoll, und Nina war überrascht, dass ihr ihre ablehnende Haltung nichts auszumachen schien. »Bei einigen ihrer Schmuckstücke habe ich das Schmetterlingsmotiv wiederentdeckt«, sagte das Mädchen. »Ich habe mir die Liste von der St.-Botolph-Ausstellung angesehen. Ich dachte, das könnte uns die Arbeit heute erleichtern. Wir gehen einfach die St.-Botolph-Liste durch« – sie deutete auf die Blätter, die in der Mappe klemmten –, »und Sie sagen mir, welche Stücke Sie versteigern lassen und welche Sie gegebenenfalls behalten möchten.«

»Einverstanden.« Der Knoten in ihrem Nacken schmerzte. Inzwischen verspürte sie fast so etwas wie Zuneigung zu dieser quälenden Verhärtung, die anfangs nur eine neue Quelle unablässiger Schmerzen gewesen war. Doch eines Tages, es lag gerade erst ein paar Monate zurück, hatte sich Nina zufällig daran erinnert, wie ihre Großmutter ihr im Winter immer den Schal umgebunden hatte, damals in Moskau, als sie noch zu klein gewesen war, um es selbst zu tun: hinten am Hals zugeknotet, um rasch zupacken zu können, falls Nina versuchen sollte davonzulaufen. Die über fünfzig Jahre verschüttete Erinnerung war tröstlich, wie Balsam, ein Geschenk, das sie vor langer Zeit verloren und endlich wiedergefunden hatte. Seitdem sagte sich Nina, wenn ihr der Nacken schmerzte, dass es der Knoten in ihrem alten Wollschal sei und dass ihre Großmutter ihn dort hineingemacht habe, und der Schmerz wurde, wenngleich er nicht nachließ, so wenigstens zu einem guten Schmerz.

Schon reichte ihr das Mädchen das Klemmbrett. Mit zitternden Händen griff Nina danach, während das Mädchen im Plauderton sagte: »Ich bin selbst zu einem Viertel Russin.« Als Nina nicht reagierte, fügte sie hinzu: »Mein Großvater stammt von dort.«

Nina beschloss, nicht darauf einzugehen. Ihr Leben in Russland lag so weit zurück, und der Mensch, der sie heute war, hatte nichts mehr mit dem von damals gemein. Sie ließ das Klemmbrett in den Schoß sinken und betrachtete es stirnrunzelnd.

In vertraulicherem Ton fragte das Mädchen: »Wie kamen Sie zu dem Entschluss, Ihren Schmuck versteigern zu lassen?«

Nina hoffte, dass ihre Stimme nicht zitterte. »Ich möchte selbst entscheiden, zu Lebzeiten, wem der Erlös zufließt. Ich bin ja fast achtzig. Wie ich Ihnen bereits sagte, soll alles an die Boston Ballet Foundation gehen.« Sie hielt den Blick gesenkt, starr auf das Klemmbrett gerichtet, und fragte sich, ob sich ihre Emotionen hinter ihrer Steifheit verbergen ließen. Auf einmal kam ihr alles so falsch vor, so überstürzt. Das Falsche hatte irgendwie mit diesem Mädchen zu tun, damit, dass sie diejenige sein sollte, die Ninas Schätze sichtete. Mit diesen überkorrekten, selbstsicheren Händen.

»Tja, diese Stücke werden mit Sicherheit eine stattliche Summe einbringen«, sagte das Mädchen. »Vor allem, wenn Sie uns gestatten bekanntzugeben, dass sie aus Ihrer Sammlung stammen.« Sie sah sie erwartungsvoll an. »Natürlich laufen unsere Auktionen in der Regel anonym ab, doch in so prominenten Fällen wie Ihrem macht es sich häufig bezahlt, den Namen des Besitzers zu veröffentlichen. Soweit ich weiß, hat Lenore das Ihnen gegenüber bereits erwähnt. Selbst die weniger wertvollen Stücke könnten so einen guten Preis erzielen. Nicht, dass wir auch Andenken mit aufnehmen müssten, aber …«

»Sie können sie haben.«

Das Mädchen taxierte Nina. Sie schien etwas bemerkt zu haben, und Nina spürte, wie ihr Puls zu jagen begann. Doch das Mädchen richtete sich lediglich ein wenig gerader auf und sagte: »Die Tatsache, dass die Stücke Ihnen gehören, wird die Zahl der potentiellen Bieter nach oben treiben. Und dann ist da natürlich noch der zusätzliche Reiz, dass einige Objekte aus der Sowjetunion geschmuggelt wurden. Unter Einsatz Ihres Lebens.«

An dieser Stelle begann, wie immer, jener Teil der Unterhaltung, in dem aus Nina die tapfere alte Frau gemacht wurde, die – der künstlerischen Freiheit wegen – vor der Unterdrückung geflohen war und dem Regime die Stirn geboten hatte. Es lief immer gleich ab: Aus der Künstlerin wurde stets eine Ikone.

»Als Sie geflohen sind, meine ich.«

Diese ausdrucksstarken braunen Augen. Abermals atmete Nina einen Hauch Vergangenheit, die Erinnerung an … was? Irgendetwas Unschönes. Eine leise Verärgerung stieg in ihr auf. »Die Leute denken, dass ich aus Russland geflohen bin, um dem Kommunismus zu entkommen. In Wahrheit jedoch bin ich vor meiner Schwiegermutter geflohen.«

Das Mädchen schien zu glauben, dass Nina scherzte. Wieder zeigten sich die Fältchen neben ihren Augen, als sich ihr Mund zu einem verschwörerischen Lächeln verzog. Dunkle Wimpern, breite Wangenknochen, klug geschwungene Augenbrauen … Auf einmal sah Nina sie ganz klar vor sich: ihr strahlendes Gesicht und das Flattern ihrer Arme, das zarte Muskelspiel, während sie über die Bühne schwebte.

»Ist … ist alles in Ordnung?«

Nina zuckte zusammen. Das Mädchen von Beller sah sie aufmerksam an. Nina atmete tief durch, um sich zu sammeln, und sagte dann: »Sie erinnern mich an eine alte Freundin. Jemanden, den ich vor langer, langer Zeit kannte.«

Das Mädchen schien erfreut, als könnte ein Vergleich mit der Vergangenheit per se nur schmeichelhaft sein. Sie handelte schließlich mit Antiquitäten. Kurz darauf ging sie die St.-Botolph-Liste derart zügig und professionell durch, dass Nina für neuerliche Gefühlswallungen oder gar Reue keine Gelegenheit mehr blieb. Dennoch schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis das Mädchen schließlich wieder in ihren Mantel schlüpfte und, ihre Bestandsliste fest in die Mappe geklemmt, selbstbewusst die Treppe hinunterstapfte.

 

Ein warmer Morgen in Moskau Anfang Juni, kurz vor Ende des Schuljahres. »Kannst du nicht stillsitzen?« Mit einem Ruck wird Ninas Kopf zurückgerissen, kratzend ziehen die Zinken eines Kamms einen Scheitel. Es ist eine rein rhetorische Frage. Nina konnte kaum laufen, da rannte sie schon. Sie wird nicht müde, die Stufen in dem dunklen Treppenhaus ihres Hauses auf und ab zu hüpfen, und kann mit wenigen Sprüngen den ganzen Hof durchqueren. »Hör auf zu zappeln.« Doch Nina lässt die Beine baumeln und schlägt die Fersen aneinander, während Mutters Finger mit der Entschlossenheit und Präzision eines Chirurgen ihre eigene Hoffnung, ihre eigenen Träume zu zwei strammen Zöpfen flechten. Nina kann Mutters Hoffnung regelrecht spüren, das leichte Zittern ihrer Hände und ihren raschen Herzschlag unter dem dünnen Stoff der Bluse. Der heutige Tag ist entschieden zu wichtig, als dass sich Ninas Großmutter mit ihren schlechten Augen und dem schlampig geknoteten Kopftuch an ihre Haare heranwagen dürfte. Endlich sind die Zöpfe fertig geflochten, zu einem Haarkranz gewickelt und mit einer großen neuen Schleife fixiert, damit die Hoffnungen und Träume auch schön festsitzen. Nina tut die Kopfhaut weh.

Auch Vera hat neue Bänder im Haar, stellt Nina fest, als sich die beiden im Hof treffen. Kräftige Windböen lassen sie hin und her flattern und rütteln die Prunkwinde an den durchhängenden Balkonen durch. Innerhalb weniger Tage ist das Wetter umgeschlagen, und statt regnerisch-kalt ist es nun derart heiß und trocken, dass Nina sich Sorgen macht, der Staub könne das Baumwollkleid ruinieren, das Mutter ihr genäht hat. Veras Großmutter, deren dunkle Augen finster unter einem weißen Kopftuch hervorblicken, runzelt fortwährend die Stirn und passt auf, dass Vera ihr nicht von der Seite weicht. Wie alle Großmütter ist sie dauernd missmutig, nennt die Gorki-Straße »Twerskaja-Straße« und nörgelt lautstark an Dingen herum, über die sich andere nicht einmal im Flüsterton zu beklagen wagen. Ihre Gesichtshaut ist von dünnen Linien durchzogen, wie eine zersprungene Eisschicht.

»Wir waren gestern Abend ganz lange auf«, lässt Vera Nina wissen. Aus der Art, wie sie es sagt, schließt Nina, dass sie nicht fragen soll, warum.

»Wie lange?« Wie Vera ist auch Nina neun Jahre alt und wird jeden Abend viel zu früh ins Bett gesteckt. Doch Vera schüttelt nur den Kopf, eine derart minimale Geste, dass ihre kastanienbraunen Zöpfe dabei kaum ins Schwingen geraten. Auf einem der Balkone lehnt sich eine Frau, die in der gleichen Wohnung lebt wie Vera, über das Geländer und schüttelt Bettzeug aus. Veras Großmutter wirft einen kurzen Blick nach oben und sagt dabei etwas zu Ninas Mutter, so leise, dass es wie eine andere Sprache klingt.

Sie macht sich Sorgen, dass irgendetwas diesen Tag verderben könnte – und das nach all der Zeit des Wartens, seit Mutter das erste Mal von der Ballettschule erzählt hat. Die undeutliche, traumähnliche Beschreibung hätte geradewegs aus einem Märchen stammen können: ein Ort, an dem kleine Mädchen ihre Haare zu strengen Knoten hochstecken und nicht nur Fächer wie Lesen, Erdkunde und Geschichte haben, sondern lernen, sich zu bewegen, lernen, zu tanzen. Früher hätten Mädchen wie Nina nicht einmal an einem Vortanzen teilnehmen dürfen. Heute jedoch kann sich – dank Onkel Stalin – jedes Kind, wenn es alt genug ist, zur Aufnahmeprüfung anmelden.

Doch nicht jeder wird an der Schule aufgenommen, hat Mutter gesagt. Sie hat in der Klinik, in der sie als Sekretärin arbeitet, extra um Erlaubnis gebeten, den heutigen Morgen freizubekommen. Als sie sich schließlich zu Nina und Vera umdreht – »Also gut, Kinder, wir müssen los« – ist Nina erleichtert. Veras Mutter hätte eigentlich auch fragen sollen, ob sie freibekommt, doch schon geht es ohne sie los, hinter Mutter her durch das Hoftor hinaus in die Gasse. Eine dürre Katze huscht vor ihnen davon, als Veras Großmutter ihnen hinterherruft: »Ich weiß, dass ihr die Besten seid!« Ihre Stimme verfängt sich in den Eisenstreben, als das Tor scheppernd ins Schloss fällt.

Die heiße, windige Gasse. Die breiten, staubbedeckten Straßen. Mit jedem Windstoß wirbeln mehr graue Pappelflusen durch die Luft, und Nina und Vera haben alle Hände voll zu tun, sie von ihren Köpfen und Kleidern zu zupfen, während Ninas Mutter strammen Schrittes vorneweg läuft.

»Mir ist kalt«, klagt Vera trotz der Sonne und des warmen Windes. »Mir geht’s nicht gut.« Mutter drosselt das Tempo und streckt eine Hand aus, um Veras Stirn zu befühlen. Obwohl sie besorgt zu sein scheint, sagt sie seufzend: »Das ist nur die Nervosität, mein Spatz«, und drückt Vera an sich.

Nina wünscht sich, Mutter würde ihren Arm um sie legen, wo er hingehört. Doch da stehen sie schon an der Ecke Puschetschnaja/ Neglinaja-Straße vor einem vierstöckigen Gebäude, über dessen Eingang ein Schild hängt:

 

MOSKAUER FACHSCHULE
FÜR CHOREOGRAPHIE
DES BOLSCHOI-THEATERS

 

Ninas Vater hat am Bolschoi-Theater gearbeitet, bevor er starb. Er war Kulissenmaler. Jedes Mal, wenn Mutter davon erzählt, schwingt Stolz in ihrer Stimme mit, als ob sie selbst gern am Theater arbeiten würde statt an einem Schreibtisch in der Poliklinik. Doch weder Nina noch Vera sind je im Bolschoi-Theater gewesen. Ein Ballett hat Nina dieses Jahr zum ersten Mal gesehen, in einem Pavillon im Gorki-Park. Auch das war Mutters Idee. Schließlich springt und wirbelt Nina den ganzen Tag herum, übt Handstand und Radschlagen … Und dann hat sich Vera letztes Jahr eines Tages beim Spielen im Hof auf die Fußspitzen gestellt; nicht auf den Fußballen, sondern ganz auf die Spitze ihrer Schuhe. Natürlich musste Nina das auch gleich probieren. Dieses herrliche Gleichgewichtsgefühl, kleine Schritte gehen zu können, ohne umzukippen. Den ganzen Nachmittag lang stellten sie und Vera sich auf die Fußspitzen – bis Veras Großmutter sie anschrie, weil sie ihre Schuhe ruinierten. Inzwischen war Mutter von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte, statt zu schimpfen, von ihrer Idee erzählt.

Als Nina den anderen Mädchen in der Schule berichtete, dass sie vielleicht auf eine Schule für Ballerinas gehen würde, schien keine von ihnen neidisch zu sein. Sie wussten nicht, was Ballett war, und Nina wusste nicht recht, wie sie ihnen beschreiben sollte, was sie in dem Tanzpavillon gesehen hatte. Manchmal, wenn sie nachts in ihrem Bett liegt und versucht, dieses Gefühl von Angst nicht an sich heranzulassen – diese dunkle Kälte, die nachts durch das Gebäude fegt, Schatten auf die Gesichter der Erwachsenen legt und mit jeder Stunde kälter und dunkler wird –, dann ruft sie sich die Ballerinas auf der Bühne im Park ins Gedächtnis, ihre hauchfeinen, sich wie Wasser kräuselnden Röcke, und stellt sich vor, wie ihre eigenen Haare, zu einer kleinen Krone geflochten, auf ihrem Kopf sitzen und die Bänder von Spitzenschuhen um ihre Knöchel gebunden sind.

Nun werden sie und Vera zusammen mit einer ganzen Schar anderer Mädchen in einen großen Raum geführt, dessen Holzboden zu einer Wand hin abfällt, an der große gerahmte Spiegel hängen. Zuvor ist an ihre Kleider je ein Zettel mit einer Nummer geheftet worden. Hinter einem glänzenden Klavier sitzt eine Frau mit hoch aufgetürmten Haaren, die ihnen erklärt, dass sich jede von ihnen so durch den Raum bewegen soll, wie es ihrem Gefühl nach zur Musik passt. Sie beginnt zu spielen, eine liebliche, recht langsame Melodie; die Klaviertöne plätschern wie Regentropfen, und ein Mädchen nach dem anderen macht sich auf den Weg über die Tanzfläche. Dann ist Vera an der Reihe, doch sie verharrt vollkommen regungslos, macht nur große Augen, und Nina, die hinter ihr wartet, macht sich Sorgen – dass sie und Vera zum ersten Mal in ihrem Leben etwas nicht zusammen tun könnten. »Komm schon.« Nina packt Vera bei der Hand, und die beiden tanzen zusammen, bis Nina spürt, wie sich Veras Finger entspannen; als Nina loslässt, tanzt Vera voraus, leicht und unbeschwert. Nina reiht sich wieder hinter ihr ein, und jedes Mal, wenn die Musik sich ändert (denn sie ändert sich, sowohl ihre Stimmung als auch ihr Tempo), spürt sie, wie sie zu einem anderen Wesen wird.

Die Luft duftet nach Flieder, als sie anschließend wieder nach draußen treten. Warme Sonnenstrahlen durchdringen den Baumwollstoff ihrer Kleider. Ein Straßenverkäufer reicht ihnen Eistüten. Einen Moment lang scheint sich auch Vera über die Tanzprüfung zu freuen, sich wie Nina darüber bewusst zu sein, dass sie ihre Sache letzten Endes gut gemacht hat. Doch dann ist sie sonderbar still, und Mutter ist mit den Gedanken ganz woanders. Nina spürt, wie sie sich wieder an sie heranschleicht, diese dunkle Kälte – das genaue Gegenteil der Leichtigkeit, die sie umgibt, der sonnigen Freiheit des Monats Juni, in dem die Menschen ohne Mantel und Hut aus dem Haus gehen. Sie versucht, das Gefühl abzuschütteln, denkt an die Ballettschule, an den Mann, der am Ende zu ihr gekommen war, um ihre Beine hierhin und dorthin zu ziehen, ihre Fußsohlen begutachtete, sie ihre Zehen strecken und einziehen ließ und mit dem, was er sah, zufrieden war. Auch Vera wurde, im Gegensatz zu den meisten anderen Mädchen, wohlwollend von Kopf bis Fuß gemustert.

Als sie am Grandhotel an der Ecke vorbeikommen, ist das Straßencafé geöffnet, zum ersten Mal seit dem langen Winter. »Schaut mal da!«, sagt Vera und bleibt stehen. Eine Frau verlässt gerade das Hotel, durch eine Drehtür – die einzige in der Stadt –, die von zwei mürrisch dreinblickenden Männern in langen Jacken angeschoben wird.

Die Frau sieht vollkommen anders aus als alle Frauen, die Nina je gesehen hat, bekleidet mit einem blassgraublauen Hosenanzug, einem schräg auf dem Kopf sitzenden kleinen Hut und kurzen, sauberen weißen Handschuhen. Handschuhe im Frühling! Und dieser zarte graublaue Farbton … Nina kennt nur wenige Stoffe: die immergleichen dunklen Pflaumentöne im Winter und die hübsch-hässlichen Muster im Sommer, nichts dazwischen.

Und dann entdeckt Nina etwas ganz und gar Verblüffendes: Die Frau hat Edelsteine in den Ohren! Winzig kleine, aber prachtvoll funkelnde Diamanten. Nina verschlägt es beinahe den Atem. Die einzigen Ohrringe, die sie bisher kennt, sind große, matte Kugeln, die an Clips hängen: schwere Perlen oder glasig glänzende, braun oder grün marmorierte Steine. So etwas wie diese winzigen Diamanten hat sie noch nie gesehen. Und sie sind in ihren Ohren!

Ninas Mutter schaut weg, als die Frau an ihnen vorbeiläuft, doch Vera fragt: »Wer ist das?«

»Eine Amerikanerin vermutlich«, antwortet Mutter und streckt eine Hand nach Nina aus, um ihr zu verstehen zu geben, dass es Zeit wird weiterzugehen. Doch Mutters makelloses ovales Gesicht und ihre schlanke Taille müssen die Portiers beeindruckt haben – vielleicht ist ihnen aber auch nur langweilig, und sie wollen angeben. Mit einem Wink geben sie Nina und Vera zu verstehen, dass sie eine Runde mit der Tür drehen dürfen.

Vollkommene Stille umschließt sie, als die Männer sie feierlich im Kreis geleiten. Nina erhascht einen Blick auf die riesige Hotellobby, den glänzenden Fußboden, den dicken Teppichläufer, einen gigantischen Spiegel mit einem schweren Goldrahmen und eine schier unendlich hohe Decke, von der funkelndes Licht nach unten fällt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht Nina derartige Dinge, blickt in eine vollkommen andere Welt – doch die Tür dreht sich langsam weiter, und schon hat Nina den Marmorboden, den dicken Teppich, den goldenen Spiegel und Kronleuchter hinter sich gelassen. Dieses funkelnde Lichtermeer – und die Diamanten in den Ohrläppchen dieser Amerikanerin, so winzig klein und strahlend wie Sterne.

Wieder draußen angekommen, fragt Nina: »Hast du die Ohren von der Dame gesehen?«

Mutter schenkt ihr einen Blick, der sie daran erinnert, sich bei den beiden Portiers zu bedanken.

»Vielen Dank.« Nina und Vera machen einen Knicks, so, wie sie es beim Vortanzen gelernt haben, einen Fuß hinter den anderen und den Rock seitlich anheben. Dann wenden sie sich von der faszinierenden Tür ab, dem Eingang zu einer anderen Welt, und erst in diesem Moment wird Nina schlagartig und unmissverständlich bewusst – deutlicher noch als in der Bolschoi-Schule –, dass etwas Bedeutsames geschehen ist.

Bei ihrer Rückkehr schaut die alte Frau, die das Haus saubermacht, schnell weg. Nach unten gezogene Mundwinkel. Lauernder Blick beim Fegen. Sie bewegt sich in Richtung der einzigen beiden anderen Personen, die noch im Hof sind, ein junges Paar, das in der gleichen Wohnung lebt wie Nina mit ihrer Mutter und Großmutter.

Mutter sagt, dass sie hier bleiben und spielen sollen, sie würde Ninas und Veras Großmütter runterschicken, um sie zu holen. Doch Nina lauscht der alten Frau. Sie versteht den Namen von Veras Eltern und dann: »Mit denen hat schon immer was nicht gestimmt.«

Nina hat das schon öfter gehört – nicht über Veras Eltern, sondern über andere Leute im Haus, die nun weg waren. Flüsternde Stimmen im Hof, mit denen stimmt was nicht …

Vera dreht sich um und läuft auf die andere Seite des Hofs, wo ihre Großmutter aufgetaucht ist.

Auch Ninas Großmutter ist erschienen, ihr Kopftuch locker unter dem Kinn zusammengeknotet. »Komm her, Nina!« Doch Nina belauscht weiter die Frau. »Was haben sie denn gemacht?«, fragt das junge Pärchen gerade, als die Hausmeisterin einen Eimer Schmutzwasser vor dem Eingang ausschüttet. Auf der anderen Seite des Hofs nimmt Veras Großmutter Vera mit sich hinein, ohne dass sie sich verabschieden darf.

»Ninotschka! Komm jetzt!« Die Stimme der Großmutter, die sonst immer warm und ein wenig verdrießlich ist, klingt plötzlich schrill. Die alte Hausmeisterin sagt noch einmal: »Ich habe immer schon gewusst, dass mit denen was nicht stimmt.« Nina blickt nach oben, vorbei an den schiefen kleinen Balkonen, hinauf zu dem Fenster des Zimmers, in dem Veras Familie wohnt. Eine kräftige Brise lässt die Prunkwinde erzittern. Nina wirbelt herum, rennt geradewegs in die Arme ihrer Großmutter und drückt sich ihr an die Brust, nach ihrer Wärme suchend.

 

Draußen wurde es bereits dunkel, als das Mädchen von Beller sich verabschiedete. Im Salon war es dämmrig. Nina fuhr in ihrem Rollstuhl umher und zog an den Strippen mehrerer Lampen, deren schwaches safrangelbes Licht nur wenig mehr beleuchtete als den jeweiligen Lampenfuß. Statt erleichtert zu sein, dass sie die Sache angegangen war, überfiel sie wieder diese Unruhe, dieses Unbehagen, das sie nun schon seit vierzehn Tagen verspürte.

Sie lenkte ihren Rollstuhl zum Schreibtisch. Mit dem kleinen Schlüssel, den sie in ihrer Tasche aufbewahrte, öffnete sie die oberste Schublade. Sie hatte den Brief kein zweites Mal in die Hand genommen, seit sie ihn vor zwei Wochen erhalten hatte. Und selbst da hatte sie ihn nur einmal gelesen, hastig überflogen. Eigentlich neigte sie zu vorschnellen Entscheidungen; es lag in ihrer Natur. Nun aber faltete sie die computergeschriebene Seite langsam auseinander, wobei sie sich alle Mühe gab, nicht auf das beiliegende Foto zu schauen.

 

Nach gründlichem Nachdenken habe ich mich entschlossen, Ihnen diesen Brief und das beiliegende Foto zu schicken. Vielleicht haben Sie bereits meinen Namen auf dem Absender erkannt, sich vielleicht sogar an meinen ersten Brief erinnert, den ich Ihnen nach unserer kurzen Begegnung vor drei Jahrzehnten geschickt hatte, damals, als ich …

 

Das Schloss an der Haustür schnappte auf, und die schwere Tür wurde aufgestoßen. »Hallöchen!«, rief Cynthia, die drahtige Westinderin, die jeden Abend vorbeikam, um Nina das Abendessen zu kochen und ihr peinliche Fragen über ihre Körperfunktionen zu stellen; tagsüber arbeitete sie als examinierte Krankenschwester im Massachusetts General Hospital. Nina steckte den Brief und das Foto in den Umschlag zurück, als Cynthia mit dem herzlich-hochnäsigen Akzent ihres Heimatlandes rief: »Wo stecken Sie denn, meine Süße?« Sie nannte Nina häufig »meine Süße«. Nina nahm an, dass Cynthia das irgendwie lustig fand.

»Ich bin hier, Cynthia. Alles in Ordnung.« Nina legte den Umschlag in die Schublade zurück. Wenn sie daran dachte, dass es einmal Zeiten gegeben hatte, in denen sie sich selbst um alles gekümmert hatte, unbeaufsichtigt, ohne die besorgte Hilfe von außen … Seit über einem Jahr musste Cynthia nun schon kommen, sie war die letzte Person, die Nina jeden Abend sah, nachdem sie ihr aus dem Rollstuhl in die Badewanne und zurück geholfen hatte. Cynthia war unbestimmbaren mittleren Alters und hatte einen Freund namens Billy, dessen Terminplan und Verfügbarkeit unmittelbar ihren Essensplan diktierten. An Abenden, an denen sie mit ihm verabredet war, kochte sie weder mit Zwiebeln noch mit Knoblauch, Brokkoli oder Blumenkohl, aus Angst, ihre Haare könnten danach riechen. An den übrigen Abenden waren alle Gemüsesorten erlaubt.

Nina konnte hören, wie Cynthia ihren Mantel aufhängte und ihren kleinen Beutel mit den Einkäufen in die Küche trug. Es war eine furchtbare Situation. Ganz besonders für jemanden wie Nina, die einst so stark gewesen und darüber hinaus noch nicht einmal wirklich alt war. Alle naselang schienen Achtzigjährige heutzutage den Erdball zu Fuß und auf Kreuzfahrtschiffen zu umrunden. Doch Ninas einst so geschmeidiger Körper – nun schaurig versteift – ließ einen derartigen Zeitvertreib nicht zu. Erst heute Nachmittag hatte es sich das Mädchen vom Auktionshaus nicht verkneifen können, zu sagen: »Wie Sie das Tanzen vermissen müssen«, als ihr Ninas geschwollene Fingerknöchel aufgefallen waren. In ihrem Blick hatte sich dieses Entsetzen gespiegelt, das jungen Leuten beim Anblick der Gebrechen alter Menschen immer über das Gesicht huschte.

»Das tue ich«, hatte Nina erwidert. »Jeden Tag. Ich vermisse, wie es sich anfühlt zu tanzen.«

Cynthia rief wieder etwas, drohte damit, von ihrem gesamten Tag zu erzählen, während sie sich forschen Schrittes in ihren weißen Schwesternschuhen dem Arbeitszimmer näherte. Nina verstaute den Umschlag noch tiefer in der Schublade. Mit schmerzenden Knöcheln drehte sie den winzigen Schlüssel im Schloss herum. Zu wissen, dass das Foto nach wie vor da war, machte nichts besser.

 

Grigori Solodin entdeckte die Anzeige am dritten Tag des neuen Semesters. Er saß gern vor acht Uhr morgens an seinem Schreibtisch, denn um diese Zeit ging es im Institut für Fremdsprachen noch friedlich zu, und die Sekretärinnen waren noch nicht eingetroffen, um das Hauptbüro aufzuschließen. Ein halbes Stündchen herrschte auf den über Nacht ausgekühlten Fluren noch Ruhe, kein Getrampel in dem engen Treppenhaus, dessen Marmorstufen in der Mitte ganz ausgetreten waren. Hier war er lieber als zu Hause, denn an die Stille, die dort herrschte, hatte er sich noch immer nicht gewöhnen können. Früh morgens in seinem Büro konnte Grigori ungestört seine Zeitung lesen und Zigaretten rauchen, ohne dass ihm Evelyn, seine Kollegin, wegen seiner Lunge in den Ohren lag, oder Carla, die Sekretärin, theatralisch die Nase rümpfte und ihn daran erinnerte, dass der Campus inzwischen ganz offiziell »rauchfrei« war. Um halb neun erschienen dann Carla und ihr Assistent Dave, um sämtliche Kopierer, Drucker und alles, was noch so brummte, in Gang zu setzen.

Grigori griff nach dem Feuerzeug, das in seiner großen Hand verschwindend klein aussah. Anfangs hatte er schlicht etwas zum Festhalten gebraucht, etwas, das ihn während Christines Erkrankung beruhigte. Inzwischen war es eine seiner wenigen Freuden. Und dennoch hatte diese Angewohnheit noch nicht bei ihm zu Hause Einzug gehalten; zu deutlich hatte er vor Augen, wie Christine darauf reagiert, was sie davon gehalten hätte. Außerdem wollte er sowieso demnächst damit aufhören; immerhin waren inzwischen ganze zwei Jahre vergangen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und genoss den ersten, beruhigenden Zug. Er trug einen tadellosen, wenn auch etwas zerknitterten, maßgeschneiderten Anzug, den er sich vor fünfundzwanzig Jahren, also in seinem allerersten Semester als Dozent hier, gekauft hatte. Damals hatte er außerdem versucht, sich einen Bart stehen zu lassen und Pfeife zu rauchen – allesamt Versuche, um wenigstens ein Jahr älter auszusehen, als er tatsächlich war. Und selbst heute, mit fünfzig, hatte er nur wenig Falten im Gesicht, und sein dichtes Haar, das scheinbar geradezu dazu einlud, es zu verwuscheln, war nach wie vor dunkel und voll. Groß und gut in Form, hatte er sich etwas von seiner jugendlichen Schlaksigkeit bewahrt. Gerade gestern erst war er von einem pickelgesichtigen Studenten für die Universitätszeitung interviewt worden, der ihn mit ernster Miene gefragt hatte: »Wie fühlt es sich an, Mitglied des Quarter Century Club zu sein?« Grigori hatte zu seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum einen schweren kastanienbraunen Kugelschreiber sowie eine handgeschriebene Dankeskarte vom Dekan erhalten; dem Studenten mit dem Stenoblock antwortete er mit einem Funkeln in den Augen: »Grauenhaft.«

Er sprach oft in diesem Ton mit seinen Studenten (trocken, mit leichtem, rätselhaftem Akzent und unbewegter Miene) – und sie schienen es zu mögen, sein ausdruckloses Gesicht, seine gespielt muffeligen Witze, ja, sie schienen sogar Grigori selbst zu mögen. Und er mochte seine Studenten, oder hegte zumindestens keine Abneigung gegen sie, versuchte, sich von ihrem mitunter hanebüchenen Unwissen nicht beirren zu lassen, wenn sie mit ihren Red-Sox-Kappen und Vliesjacken wie die Mitglieder einer gut situierten Straßengang vor ihm saßen. In den Sommermonaten trugen sie Flip-Flops, die sie während der Kurse von sich schleuderten, als fläzten sie auf einem gigantischen Strandtuch. Für Grigori war dies nur eines von vielen Zeichen, dass die Welt ihrem Untergang entgegensteuerte. Er selbst trug derweil weiterhin gute Anzüge, weil er nach wie vor der Meinung war, dass er sich seinen Lebensunterhalt mit einer ehrenwerten Tätigkeit verdiente – und weil er sich bis heute nicht von dieser Angst hatte befreien können, die ihn erstmals als junger Dozent beim Studieren in der Abgeschiedenheit seiner Ein-Zimmer-Mietwohnung befallen hatte: dass er eines Tages irrtümlicherweise in Hausschuhen zum Unterricht aufkreuzen könnte.

Er sog an seiner Zigarette und faltete die aktuelle Ausgabe des »Globe« auseinander. Der übliche deprimierende Kram: Der Präsident war fest entschlossen, seinen zweiten Krieg in zwei Jahren anzuzetteln. Im Feuilleton jedoch stolperte er über eine Überschrift, die ihn zusammenzucken ließ: »Ballerina Rewskaja versteigert Schmuck.«

Grigori stieß ein leises »Was?« aus. Einen Moment lang wurde ihm flau im Magen, dann sackte er in sich zusammen.

Obwohl bereits ein ganzer Monat vergangen war, hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben – nicht ganz, nicht bis eben. Er hatte gehofft, oder zu hoffen versucht, dass eine Annäherung nicht ausgeschlossen war.

Und nun das.

Doch was hatte er denn anderes erwartet? Er war der ganzen Sache, um ehrlich zu sein, bewusst aus dem Weg gegangen. Seit zwei Jahren spukte ihm der Gedanke im Kopf herum. Doch er war wie gelähmt gewesen vor Trauer, und erst als sie nachzulassen begann, hatte er sich vorstellen können, es ein weiteres Mal zu versuchen. Aber es hatte nicht geklappt. Diese Distanz würde immer bleiben. Es würde nie zu einer Annäherung kommen.

Er versuchte, den Artikel zu lesen, doch er nahm den Inhalt der Sätze gar nicht wahr. Sein Herz trommelte, genau wie das letzte Mal, als er Nina Rewskaja gesehen hatte, vor gut zehn Jahren auf einer Benefizveranstaltung für das Boston Ballet. Vom Foyer des Wang Theatre aus hatte er sie – mit hoch erhobenem, wenn auch ein wenig steif wirkendem Haupt – auf der großen Marmortreppe stehen sehen und eine kurze, perfekt abgefasste Rede halten hören über die Bedeutung von Mäzenen für die Kunst; ihr nach wie vor dunkles, fast schwarzes Haar war zu einem derart strengen Haarknoten gebunden, dass ihre Falten straff nach hinten gezogen wurden. Christine, die neben ihm ganz hinten in der Menge stand, berührte mit einer Hand leicht seinen Arm, in der anderen hielt sie eine Sektflöte. Nina Rewskaja schien sich zu winden, während sie sprach; es war offensichtlich, dass sie jede Bewegung schmerzte. Als der Ballettdirektor sie langsam die prachtvolle Treppe hinuntergeleitete und durch das Foyer führte, hatte Grigori überlegt: Was wäre, wenn? Was, wenn ich sie ansprechen würde? Doch natürlich fehlte ihm dafür der Mut. Und dann wurde er von Christine in die andere Richtung bugsiert, zu dem neuesten Star der Balletttruppe, einem jungen Kubaner, berühmt für seine Sprünge.

Grigori schleuderte die Zeitung auf seinen Schreibtisch. Dass sie ihn derart verzweifelt loswerden wollte – so verzweifelt, dass sie sich sogar von ihrem geliebten Schmuck trennte.

Er stieß seinen Stuhl zurück und stand auf. Ein Schlag ins Gesicht war das. Und dabei kennt sie mich nicht einmal …

Sein Büro wurde ihm plötzlich zu eng. Schon ging er in dem Raum auf und ab. Er zwang sich stehenzubleiben, dann schnappte er sich seinen Mantel, zog sich seine Handschuhe an, verließ das Zimmer und eilte die enge Treppe hinunter und aus dem Gebäude.

Im Uni-Café hatte die Frühschicht bereits ihren Dienst angetreten. Hinter dem Tresen stand ein mageres Mädel mit schwarz gefärbten Haaren und verkaufte Kaffee und gigantische Bagels, während der bekiffte stellvertretende Geschäftsführer fröhlich ein Lied aus der Stereoanlage mitsang und eine Ewigkeit brauchte, um die Milch aufzuschäumen. An einem der runden Tische steckten ein paar gewissenhafte Studenten die Köpfe zusammen, und im hinteren Teil des Raumes diskutierte friedlich eine Gruppe Gastprofessoren. Grigori gab seine Bestellung auf und blickte sich niedergeschlagen um.

Das Mädchen hinter dem Tresen zwinkerte ihm verschlagen zu, als sie ihm ein dickes Stück Kuchen reichte. Grigori führte es mitsamt dem kleinen Stückchen Fettpapier, auf dem es lag, zum Mund und bekam augenblicklich ein schlechtes Gewissen; wie das Rauchen hätte Christine auch das nicht gutgeheißen. Er dachte an sie, dachte daran, was er dafür geben würde, sie jetzt bei sich zu haben.

»Grigori!«

An einem Tisch am Fenster saß Zoltan Romhany inmitten eines Wusts von Papieren und Plastiktüten voller Bücher. »Komm, komm!«, rief er und winkte Grigori zu sich, dann tauchte er ab, um – trotz seiner betagten, zittrigen Finger – flink etwas in sein Notizbuch zu kritzeln. Er arbeitete seit etwa einem Jahr an einem Buch über seine Flucht aus Ungarn infolge des Aufstands von 56 und seine anschließenden Jahre als Schlüsselfigur der Londoner Kunstszene.

»Frohes neues Jahr, Zoltan.«

»Bist du sicher, Grigori?«

»Sieht man mir das an?«

»Du siehst fesch aus, wie immer – aber abgekämpft.«

Von einem fünfundzwanzig Jahre älteren Mann gesagt zu bekommen, er sähe abgekämpft aus, brachte Grigori zum Lachen. Zoltan war gesundheitlich ziemlich angeschlagen: Den Großteil der Weihnachtsferien hatte er infolge einer unerkannten Lungenentzündung im Krankenhaus verbringen müssen, und vergangenen Winter war er auf dem Eis ausgerutscht und hatte sich zum zweiten Mal die Schulter gebrochen. »Wasch mir nur ordentlich den Kopf, Zoltan. Es steht mir nicht zu, abgekämpft zu sein. Ich bin heute Morgen einfach nur frustriert. Aber ich freue mich, dich zu sehen. Du siehst viel besser aus.«

Vielleicht war es ein wenig merkwürdig, dass Grigoris Lieblingskollege und Freund eine Generation älter war als er selbst – doch das war ihm allemal lieber als das umgekehrte Phänomen: Professoren, die sich mit ihren Studenten in Pubs trafen. Zoltans zerknittertes Gesicht, die Tränensäcke unter seinen Augen, das Zittern seiner Hände, die grauen Haare, die luftig über seiner Kopfhaut schwebten … Nichts davon erinnerte an den Mann, der Zoltan einmal für kurze Zeit gewesen war: Stolz und Schrecken der osteuropäischen Literaturszene, Symbolfigur der aufgeklärten westlichen Welt, ein junger, dürrer Exilliterat in geliehenen Kleidern. »Mir geht es schon viel besser«, sagte er gerade. »Ich liebe diese Zeit am Morgen, du nicht auch?« Mit seinem ungewöhnlichen Akzent (harter ungarischer Rhythmus, gepaart mit dem singenden Tonfall der Briten) klang er beinahe wie ein Magier. »Man kann praktisch spüren, wie die Sonne aufgeht. Hier, setz dich.« Ergebnislos schob er ein paar Zettel auf dem Tisch hin und her.

Grigori nahm Platz. »Ich habe nicht viel Zeit. Mein Seminar beginnt um halb neun.«

»Meins um eins.«

»Ach ja?« Grigori versuchte, sich seine Skepsis nicht anmerken zu lassen. Er hatte im Institut munkeln hören, dass Zoltans einziger Kurs für dieses Semester gestrichen worden war; es hatten sich nur zwei Studenten eingetragen, zu wenige, um grünes Licht für einen Kurs zu bekommen.

»Dichter des Surrealismus«, sagte Zoltan. »Zwei junge Studenten, wirklich helle Köpfe. Es hieß kurze Zeit, dass der Kurs nicht stattfinden würde, doch als ich den beiden letzte Woche vorschlug, dass wir uns trotzdem treffen könnten, waren sie einverstanden. Wer braucht schon Scheine? Mir gefällt ihr Enthusiasmus.«

»Die beiden wissen eben, was gut für sie ist.« Sie begriffen, welch einmalige Chance sich ihnen hier bot: Unterricht bei einem Mann, der einige der Dichter, deren Werke er behandelte, persönlich gekannt hatte und dessen beiläufige Bemerkungen nicht nur weise waren, sondern zuweilen den einen oder anderen Klatsch von Weltrang enthielten. Zoltans erster Gedichtband war kurz nach seiner Ankunft in London von einem bekannten britischen Dichter übersetzt worden, woraufhin Zoltan – in gewissen Kreisen – für kurze Zeit zu Europas neuem Enfant terrible avanciert war. Mit seinen müden Augenlidern und einem selbstsicheren Lächeln war er damals so etwas wie ein Dandy gewesen; Grigori hatte Fotos in später übersetzten, inzwischen längst vergriffenen Ausgaben seiner Bücher gesehen. Und obwohl Zoltan nicht der Mensch war, der mit berühmten Bekannten prahlte, tauchte sein eigener Name in nicht wenigen Memoiren von Malern und Dramatikern, Kunstsammlern und Choreographen, Musen und Bühnenstars auf. Mal eine einzelne Zeile hier oder ein kleiner Absatz dort, doch zweifellos hatte Zoltan einen Fußabdruck hinterlassen. Durch geschicktes Nachfragen konnte man Erinnerungen an Mary Quant und Salvador Dalí aus ihm herauskitzeln oder ihm überraschende Seufzer wie: »Ah, Ringo … Diese langen Wimpern …« entlocken.

Das Problem war nur, dass sich infolge der neuen Internetforen, in denen Studenten ihre Professoren öffentlich bewerteten, herumgesprochen hatte, dass Zoltan verschroben und seine Kurse anspruchsvoll waren, eher ausgedehnten Gesprächen glichen, auf die sich die Studenten perfekt vorzubereiten hatten. Er erwartete von ihnen, dass sie die entsprechenden Werke im Vorfeld nicht einfach nur lasen, sondern darüber sinnierten, sie analysierten, ja von ihnen träumten. Daher rieten die Studenten einander, einen großen Bogen um Zoltans Kurse zu machen.

Grigori hatte der Versuchung widerstanden nachzuschauen, was seine eigenen Studenten über ihn schrieben. Er versuchte sich unter allen Umständen vom Internet fernzuhalten. Seinen mutigsten Vorstoß hatte er vor vier Jahren unternommen, als er das erste und einzige Mal etwas bei eBay ersteigert hatte: eine Ausgabe der Zeitschrift Hello aus dem Jahr 1959, in der ein ausführlicher Artikel über Nina Rewskajas Schmuck gestanden hatte. Eine vierseitige Fotostrecke mit Ohrringen und Uhren, Halsketten und Armbändern, größtenteils Geschenke von Bewunderern und internationalen Diplomaten oder von Juwelieren, die für sich werben wollten. Ein Foto auf der dritten Seite von einem Bernsteinarmband mit passenden Ohrringen hatte – auf seine Art – bestätigt, was Grigori seit langem vermutet hatte.

Er verwahrte die Zeitschrift in seinem Büro, in der obersten Schublade des Aktenschranks, in der er seine Skripte zur russischen Literatur aufbewahrte, hinter einer Mappe mit der Aufschrift »Kurzgeschichten, 19. Jh.«

Nun aber wurde der Schmuck versteigert. So viel zum Thema Beweis. So viel zum Thema Bestätigung. Grigori musste geseufzt haben, denn Zoltans Stimme klang besorgt, als er ihn fragte: »Wie geht es dir wirklich, Grigori?«

»Oh, gut. Mach dir bitte keine Sorgen.« Die Rolle des traurigen Witwers war ein Jahr zu ertragen gewesen, doch danach wurde sie unangenehm. Was den kurzen Artikel über Nina Rewskaja betraf, so hatte er nicht vor, die heutige Enttäuschung auf seine Kummerliste zu setzen. Schon seit einer ganzen Weile war die Botschaft hinter dem anhaltenden Geschnatter von Carla, Dave und seiner Kollegin Evelyn (die es sich zum Prinzip gemacht hatte, ihn irgendwohin einzuladen oder ins Kino oder zu anderen kulturellen Vergnügungen mitzunehmen) unmissverständlich: Man erwartete von Grigori, dass er sich so verhielt wie die meisten Männer nach sechs, zwölf oder achtzehn Monaten Alleinseins: dass er sich eine neue Frau suchte, sich häuslich niederließ und nicht mehr ständig so bedrückt aussah. Folglich hatte Grigori vor über einem Jahr die kleine rosafarbene Ansteckschleife vom Krankenhaus abgelegt. Und jetzt, nachdem sich Christines Todestag zum zweitem Mal gejährt hatte, hatte er sogar seinen Ehering abgenommen. Er lag nun zusammen mit ein paar Krawattennadeln, die er nie trug, in einem kleinen Kästchen. Es war Zeit, sich aufzurappeln und nicht mehr der Langweiler zu sein. Zu Zoltan sagte er: »Kein neuer Grund zu klagen.«

»Wer braucht schon neue Gründe, wenn man einen guten alten hat?« Zoltans Augen lächelten, sein Mund jedoch blieb ernst. »Schon merkwürdig, was das Schicksal manchmal mit uns anstellt.«

»Und du?«, fragte Grigori.

»Nun iss mal deinen Kuchen«, sagte Zoltan. »Du knabberst daran herum, als läge er auf einem fremden Teller.«

Grigori lächelte. Er hatte recht. Gib einfach nach, schau nach vorn. Gib auf.

Gib auf. Gib’s auf.

Grigori bemerkte, dass er seinen Gedanken abnickte – sosehr ihm sein nächster Gedanke auch missfiel.

Doch er hatte keine andere Wahl. Und wenn es nur zeigen würde … ja was? Dass die Sache für ihn erledigt war. Dass er Nina Rewskaja respektierte und dass sie keine Angst vor ihm zu haben brauchte. Dass er kapituliert hatte.

Ja, er wusste, was zu tun war. Spürbar erleichtert aß er den Kuchen auf, während sich Zoltan wieder auf sein Notizbuch stürzte und zu kritzeln begann. Dann blickte Zoltan auf und sagte mit ernster Stimme: »Wir müssen reden – so bald wie möglich.«

Grigori schwieg einen Moment, dann erwiderte er: »Entschuldige, ich dachte, das hätten wir gerade.«

Zoltan schüttelte energisch den Kopf und flüsterte: »Nicht hier

»Oh.« Grigori blickte sich um, doch da war niemand, der ihnen zuhörte. Er fegte die Kuchenkrümel mit dem Fettpapier zusammen. »Soll ich dich dann zu Hause anrufen?«

»Nein, nein, persönlich.«

Grigori zuckte verwirrt mit den Schultern. »Also gut, dann gib mir Bescheid, wann und wo. Ich mache mich jetzt mal besser auf den Weg.« Er stand auf und zog seine Handschuhe an. Zoltan nickte ihm verstohlen zu. Zwei Gäste nahmen am Nebentisch Platz, doch nach einem kurzen Getuschel setzten sie sich an einen anderen, weiter entfernt stehenden Tisch. Grigori erkannte, dass Zoltan der Grund dafür war; dass sie ihn für einen Landstreicher hielten mit seinen schmutzigen Plastiktüten, seiner fleckigen, wenn auch maßgeschneiderten Gabardinehose und seiner Seidenkrawatte mit den vielen losen Fäden. Ja, ja, das war Amerika, der große Schmelztiegel – in dem hoch geschätzte Dichter für Obdachlose gehalten wurden. »Also dann, Zoltan«, sagte Grigori. »Bis dahin.«

»Ich freue mich darauf.« Grigori hörte echten Optimismus in Zoltans Worten mitschwingen. Er wandte sich ab und versuchte sich daran zu erinnern, wann er sich zum letzten Mal – richtig, aufrichtig – auf etwas gefreut hatte.

Er war einmal jung und voller Hoffnung gewesen. Er sah den Leinenrucksack noch genau vor sich, mit dem er aus Princeton gekommen war – den mit den langen, dünnen Riemen, die nie richtig saßen, und mit den vielen Flecken an der Unterseite von all den Böden, Gehwegen und Rasenflächen. Er erinnerte sich daran, wie sein T-Shirt nach den vielen Stunden Busfahrt im Greyhound gestunken hatte, und an den Hunger, der ihn auf dem Weg die Avenue hinunter geplagt hatte. Er war neunzehn, groß, mit langen Armen und Beinen, die Haare zottelig und ungewaschen. Er war an der falschen Kreuzung ausgestiegen und hatte daher einen längeren Fußmarsch machen müssen als geplant. Die Bürgersteige hatten etwas Herrschaftliches an sich, der Schatten spendende Park dazwischen wirkte wie ein langer grüner Teppich. Die einzigen Städte, die Grigori kannte, waren Paris und New York, und verglichen damit wirkten die alten Gebäude des Stadtteils Back Bay urig und stattlich zugleich. Doch das Einzige, das für ihn zählte, war die Adresse, die er sich notiert hatte; das Gebäude mit der breiten Treppe und den kupfernen Balkongeländern. Die große Eingangstür mit den Holzschnitzereien war nur angelehnt. Grigori atmete tief durch und wischte sich die Hände an der Hose ab. Doch er schwitzte immer noch, also zog er sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich die Stirn.

Er trat in den Windfang und nahm den großen braunen Briefumschlag aus seinem Rucksack, hielt ihn nervös in der Hand, bereit, ihn wieder wegzupacken, wenn niemand zu Hause sein sollte. Darin befanden sich die verschiedenen Stücke, die er für den »Beweis« hielt. Grigori fand den gesuchten Knopf an der Sprechanlage. Seine ganze Hoffnung richtete sich auf diesen einen Knopf.

Bis heute konnte er ihre Stimme hören, wie sie argwöhnisch, unsicher aus der Sprechanlage drang: »Ja?«

Er meldete sich auf Russisch.

»Wie war der Name?«, fragte sie nun auch auf Russisch. Sie klang verwirrt, aber nicht verärgert.

»Grigori Solodin. Meine Eltern kannten Nachbarn von Ihnen. In Moskau.« Das stimmte nicht ganz, doch es klang einigermaßen wahr. »Ich würde Sie gern in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.« Ihm kam ein brillanter Gedanke, und er fügte hinzu: »Kurz.«

»Warten Sie, bitte«, sagte sie bestimmt.

Dieses Warten, bis sie erschien … Mit pochendem Herzen spähte er durch die Glaswand, ließ den Fahrstuhl nicht aus den Augen, wartete darauf, dass dessen schmale Türen auseinandergleiten und sie freigeben würden. Doch dann erschien sie auf der Treppe, der lange, dünne Hals, die langen, dünnen Arme, und da war sie, bewegte sich auf ihn zu, als ob sie schwebte. Mit höflicher Neugier blickte sie ihn durch die Scheibe an, ihr Gesicht ein makelloses Oval, ihr dunkles, dunkles Haar streng zurückgebunden. Mit Händen, die nicht zu ihr passen wollten – alten Hände, obwohl sie noch gar nicht alt war –, öffnete sie die Tür nur einen kleinen Spalt.

»Also, wer genau sind Sie?«, fragte sie ihn auf Russisch. Ihre Mundwinkel schienen ein winziges Lächeln anzudeuten, vielleicht, weil er so jung und unbeholfen aussah.

An dieser Stelle zwang sich Grigori stets abzubrechen, zwang sich, den Fluss der Erinnerungen zu stoppen. Er musste es tun. Es nahm kein gutes Ende.

 

Los 12

Diamant-Onyx-Platin-Schmetterlingsbrosche. Massives Platin,
Flügel aus sechs schwarzen Onyxen im Phantasieschliff, Gesamtgewicht:
27,21 ct., Körper aus Diamanten im alten europäischen
Schliff, Gesamtgewicht ca. 7 ct., Mittelstein in Zargenfassung, Meistermarke
Shreve, Crump & Low. 8000 –10000 Dollar

KAPITEL 2

Es ist beschlossene Sache – ohne viele Worte und ganz plötzlich entschieden, wie Erwachsene das so tun –, dass Vera und ihre Großmutter zu einer Tante und einem Onkel ziehen, in eine Stadt im Norden, weit weg von Moskau.

Das passiert also, erkennt Nina, wenn deine Eltern weggehen müssen. Wenn zwei andere Menschen, Fremde, die du noch nie zuvor gesehen hast, kommen und in ihr Zimmer ziehen. Das also würde passieren, wenn Ninas Mutter plötzlich fortgehen müsste. Aber vielleicht könnte Nina stattdessen mit Großmutter hierbleiben … Mit diesem Gedanken tröstet sie sich, während sie und Mutter Vera und Veras Großmutter zum Bahnhof begleiten. Es ist ein klarer, milder Morgen, der 2. September – der Tag, bevor die Schule wieder beginnt. Auf den Straßen ist plötzlich viel los, die Städter sind aus den Sommerferien zurück: dämlich aussehende Jungs mit frisch geschnittenen Haaren und Segelohren; Mädchen, die die vorschriftsmäßigen Schleifen für ihre Pferdeschwänze kaufen. Auch der Bahnhof ist voller Menschen; das Gleis, auf dem Veras Zug ankommen soll, ist so überfüllt, dass sie kaum Platz finden zwischen all den Wartenden mit den verschlissenen Weidenkörben. Alles, woran Nina denken kann, ist, dass Vera nun nicht mit ihr auf die Bolschoi-Schule gehen wird, nicht mehr da sein wird, um mit ihr in dem sandigen Hof selbst ausgedachte Spiele mit komplizierten, unbedingt einzuhaltenden Regeln zu spielen.

Vera dagegen wirkt unbekümmert, stolz auf ihren unhandlichen Koffer und das Bündel mit dem Proviant für die Fahrt. Ein wenig abseits unterhalten sich Mutter und Veras Großmutter höflich, aber angespannt miteinander.

»Ich habe ein Telegramm bekommen«, flüstert Vera.

Nina schaut sie mit großen Augen an; sie hat ein Telegramm bisher noch nicht einmal gesehen. »Wann?«

Vera greift in ihre Manteltasche und zieht ein unzerknittertes Stück Papier hervor. Bevor sie es auseinanderfaltet, wendet sie den anderen den Rücken zu, als handle es sich um ein striktes Geheimnis. »Siehst du?« Maschinengeschriebene Wörter in der Mitte des Zettels, ganz kurz, so dass die Nachricht gehetzt und damit nur umso wichtiger wirkt: Wir lieben dich Veroschka Mutter und Vater.

Stolz schaut Vera Nina an. »Sie haben wichtige Dinge zu tun. Darum mussten sie fort.«

Es ist eine bessere Erklärung als die, die Ninas Mutter ihr hatte geben können. Nina ist damit zufrieden. Vera betrachtet wieder das Telegramm, liest es ein weiteres Mal, dann faltet sie es zusammen und steckt es zurück in ihre Tasche.

Ein lautes, rasselndes Geräusch und der heiße Geruch von Kohle – weiße Dampfwolken ausstoßend, fährt der Zug keuchend in den Bahnhof ein, und Veras Großmutter ruft: »Zurücktreten, lasst die Leute erst aussteigen. Oh, nein, schau sich einer deine Haare an.« Alte, graue Hände streichen Veras kastanienbraune Zöpfe glatt, klemmen ihr eine vereinzelte Strähne hinters Ohr.

»Nun, Mädels«, sagt Mutter ernst und macht sich daran, die Taschen von Veras Großmutter zusammenzusammeln. »Zeit, Lebewohl zu sagen.«

Vera vollzieht einen tränenlosen Abschied, während ihre Großmutter große Mühe hat, in den Zug zu steigen – Hilfe bietet ihr niemand an. Abgelenkt von dem Gedränge, weint auch Nina nicht, als Vera im Innern des Zuges verschwindet. Mutter hat gesagt, dass Nina und Vera sich schreiben und Brieffreundinnen werden können, doch alles, woran Nina auf dem Nachhausewegs denken kann, ist der Zug, der Vera davonträgt.

Vor der Post halten sie an, und Mutter bittet Nina, um die Ecke zu laufen und sich nach Brot anzustellen.

Nina flitzt zum Brotladen, vor dem die Menschen dicht gedrängt und schweigsam Schlange stehen. Sie schaut gern dem Kassierer zu, wie er mit dem Abakus rechnet, mag das schnelle Hinundherklackern der Holzkugeln auf den Stangen. Die Schlange bewegt sich langsam vorwärts, und nach ein paar Minuten fällt Nina auf, dass Mutter vergessen hat, ihr Geld mitzugeben. Sie rennt zurück zur Post.

Drinnen entdeckt sie Mutter, läuft zu ihr und stellt sich neben sie. Doch Mutter bemerkt sie gar nicht; sie ist zu sehr damit beschäftigt, etwas in eines der besonderen Telefone zu diktieren: »Sei artig, liebste Veroschka, in Liebe, Mutter und Vater.«

Nina macht auf dem Absatz kehrt und jagt aus dem Gebäude, hinaus in die grelle Septembersonne. Ihr Brustkorb fühlt sich ganz kalt an, und da ist ein Druck hinter ihren Augen. Einen Moment lang will sie schreien, laut schreien, es irgendjemandem, irgendwem erzählen. Diese schreckliche Täuschung, diese Lüge. Und dann ist da noch ein anderes, wundes Gefühl: dass Mutter Vera wirklich lieben muss, sehr lieben muss, um so etwas zu tun.

Nina wartete vor dem Eingang und versucht, ihr wie wild klopfendes Herz zu beruhigen. Es ist gut, dass Vera weg ist, sagt sie zu sich selbst, damit sie ihr nicht erzählen kann, was sie weiß.

 

Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Es klingelte nun alle paar Stunden, doch Nina ging nicht ran. Vermutlich wieder einer dieser Juweliere, die mit Antikschmuck handelten, niemand also, den sie sprechen wollte. Sie war zu erschöpft, um mit irgendjemandem zu sprechen. Die vergangenen Tage waren schlimm gewesen, und in den Nächten hatte sie kein Auge zugetan vor Schmerzen. Cynthia hielt sie weiterhin dazu an, ihre Medikamente zu nehmen.

Von ihrem Posten am Fenster aus betrachtete sie die Szenerie, bergeweise Schnee nach dem Schneesturm am Wochenende. Die knorrigen Bäume entlang des Mittelstreifens, an denen noch immer die – nun reifbedeckte – Weihnachtsbeleuchtung hing, schienen zu zittern. Durch die Zweige hindurch konnte Nina auf die andere Seite der Avenue sehen, wo sich ein dichter Schneewall hinter den geparkten Autos auftürmte. Nina saß oft hier im Salon. Es war ihr Lieblingszimmer, wegen der großen Fenster und des guten Lichts – außerdem klang die Stereoanlage hier am besten. Störend war einzig der kalte Luftzug, der durch den Spalt über dem mittleren Fenster ins Zimmer drang. Das war nun schon seit zwei Jahren so, seit sich die obere Scheibe aus irgendeinem Grund ein paar Zentimeter abgesenkt hatte. Doch Nina hatte sich nicht die Mühe gemacht, jemanden davon zu unterrichten. In den wärmeren Monaten kümmerte es sie nicht, außer an windigen Tagen, denn dann klapperte die Jalousie unheilverkündend.

Heute war die Jalousie ganz hochgezogen. Durch den Zwischenraum oben am Fenster glitt ein abgestorbenes Blatt herein, ein Überbleibsel aus dem Herbst, und landete lautlos auf der Fensterbank. Dort lag es wie ein geheimes Schreiben, altersgebräunt, und Nina sah es ein paar Minuten lang einfach nur an. Dann streckte sie eine Hand aus und befühlte mit kalten Fingern die trockene Zartheit der winzigen, rissigen Adern.

Würde irgendjemand außer ihr je den Spalt über dem Fenster bemerken? Eine nicht unerhebliche Frage, fand Nina. Sie bekam kaum mehr Besuch. Cynthia war der einzige Mensch, der außer ihr noch Zeit in diesem Zimmer verbrachte: Wenn ihre Töpfe auf dem Herd standen und sie zu Nina rüberkam, um ihr eine neugierige Frage nach der anderen zu stellen. Die Putzfrauen – Mary und eine namenlose Truppe an Helferinnen, die alle drei Wochen laut und im Eiltempo durch ihre Wohnung fegten – leisteten alles andere als gründliche Arbeit und übersahen Details geflissentlich. Ganz abgesehen davon, dass sie bislang kein einziges Fenster geputzt hatten.

Sonst gab es niemanden, der einen Grund gehabt hätte, das Zimmer zu betreten. Seit beinahe zehn Jahren hatte Nina keine Gäste mehr gehabt. Was Freundschaften in diesem letzten und längsten Lebensabschnitt anbetraf – richtige Freundschaften, enge Freundschaften –, so hatte sie niemals wirklich welche geschlossen. Natürlich hatte sie viele Bekannte und Ballettkolleginnen und -kollegen, doch keine Freunde wie in Paris und London. Niemanden, den sie so gern hatte wie ihre russische Freundin Tama damals oder wie ihren Schatz Inge, »das Berliner Mädel«, wie sie sie bis heute nannte, wenn sie an sie dachte. Gut, da gab es Shepley, den sie – so erstaunlich es manchmal klingen mochte – seit nunmehr vierzig Jahren kannte. Doch seit seinem Umzug nach Kalifornien fühlte sich Nina ihm nicht mehr so eng verbunden.

Wie Veronica damals in England war auch Shepley ein Bewunderer gewesen, der nach und nach zu einem Freund geworden war. Als junger Anwalt und Ballettfanatiker hatte er sich auf sanfte, gemessene Weise in Ninas Leben geschlichen, indem er ihr kleine Geschenke gemacht und kluge Karten geschrieben hatte. Sein Interesse an ihr war zu keiner Zeit erdrückend gewesen oder hatte gar devote Züge angenommen, sondern war umsichtig und zurückhaltend. Selbst Nina – die, obwohl sie das erste Drittel ihres Lebens komplett hinter sich gelassen hatte, Fremden gegenüber einen gewissen Argwohn hegte – hatte ihn auf Anhieb gemocht. Wenn sie heute an ihn dachte, sah sie stets den dünnen, jungen Mann mit der ruhigen, jugendlichen Stimme vor sich und war daher jedes Mal entsetzt, wenn bei seinem alljährlichen Besuch ein grauhaariger Mann Mitte sechzig vor ihr stand.

Als sich vor über zehn Jahren die ersten Symptome ihrer Krankheit gezeigt hatten, hatte ihr Shepley (der zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Liebe seines Lebens kennengelernt hatte) zur Seite gestanden, eine angenehme Mischung aus Neffe und Bedienstetem, der Nina zu ihren Arztterminen und Tests bei Spezialisten fuhr, sie regelmäßig besuchen kam und in seine Feiertagsplanung einbezog. Doch sein Umzug zu Robert an die Westküste lag nun schon acht Jahre zurück, und inzwischen hatte Nina sich an seine Abwesenheit gewöhnt. Nur manchmal vermisste sie ihn, meistens im Anschluss an einen seiner Besuche, bei denen er sie zum Tee ins Four Seasons und zum Einkaufen bei Saks im Prudential Center ausführte (auch wenn sie gar nichts brauchte und sich in der Öffentlichkeit immer verletzlich fühlte). In ihrer Wohnung bereitete er dann Braten zu, backte Kuchen und fror Sachen ein, die sie auf Monate hin satt machen würden, und hinterher hingen sein fröhliches Geplapper und seine Schauergeschichten noch tagelang in den Räumen – klebten in der Wohnung wie lustige Tapeten –, bis sie dann irgendwann verblassten.

Neben Shepley war Tama, eine zehn Jahre jüngere russischstämmige Journalistin, die Nina seit 1970 kannte, die einzige Freundin, mit der sie regelmäßig in Kontakt stand. Tama rief oft aus Toronto an, meistens, um sich zu beklagen. Doch sie tat das auf eine liebenswerte Art, die Nina aufheiterte, und die Leichtigkeit, mit der sie in ihrer Muttersprache plauderte, war das reinste Vergnügen.

Auch Shepley rief regelmäßig an, allerdings besorgt – Nina nahm an, um sich zu vergewissern, dass sie noch lebte. Sie vermutete, dass sie ein Fluch für ihn war. Nicht, dass er sich nicht aufrichtig um sie sorgte, doch eben diese Sorge war es, die den Fluch darstellte, eine Last auf seinen Schultern war, da es Nina natürlich nicht gutging und auch niemals wieder gutgehen würde – eine unwiderlegbare Tatsache. Allein der Umstand, dass sie noch lebte, stellte – rein logistisch gesehen – schon ein Problem dar, was Shepley schließlich dazu veranlasst hatte, einzuschreiten und Vereinbarungen mit Cynthia zu treffen. Und dennoch verspürte Nina nicht den Wunsch zu sterben. Sie stellte stets etwas mit ihrer Zeit an, hörte Radio und las Zeitung – sie hatte den »Globe« und die »London Times« abonniert – und wählte jeden Tag ein anderes Album aus ihrer Sammlung; Shepley hatte die Stereoanlage für sie aufgebaut und schickte regelmäßig neue Aufnahmen von Ninas Lieblingswerken. Heute war eine Neueinspielung von Brahms’ Streichsextetten an der Reihe. Wenn nur das Telefon nicht ständig klingeln würde. Nina ignorierte es weiter.

Nein, sie hatte kein Problem mit dem Alleinsein. Sie konnte lange Zeit einfach nur dasitzen und aus dem Fenster schauen, stundenlang BBC im öffentlichen Radio hören. Sie genoss ihre Privatsphäre, den damit verbundenen Platz und die Freiheit, genoss es, den Großteil des Tages vollkommen für sich zu sein. Ihr früheres Leben – ein einziges Teilen, kein Moment, kein Winkel, kein Regalbrett nur für sie allein – hatte sie begierig und auf alle Zeiten dankbar gemacht für die banalsten Dinge des Alleinseins: in ihrem Rollstuhl vom einen ins andere Zimmer zu rollen, ohne dass ihr irgendwer im Weg stand; nachts im Bett zu liegen und dabei nur vereinzelte Stimmen vom Gehweg oder gelegentliches Reifenquietschen von der Straße zu hören.

Die unlängst erfolgte Unterwanderung (als welche sie die Zeitungsartikel, das Auktionshaus und die Telefonanrufe der vergangenen Tage betrachtete) drohte diese Ruhe nun zu zerstören. Und dann die Erinnerungen, die mit dem Besuch dieses Mädchens Drew wachgerufen worden waren – derart lebhaft. Nina fühlte sich entkräftet. Selbst jetzt hatte sie das Gefühl, als würden die Erinnerungen sie belauern, als würde sich etwas Schreckliches an sie heranschleichen. Sie versuchte sich auf Brahms’ Streichsextett zu konzentrieren und schaute aus dem Fenster. Als das Telefon abermals klingelte, riss ihr der Geduldsfaden.

Sie rollte zu dem Marmortisch und nahm den Hörer ab. »Ja?«

»Hallo, Miss Rewskaja, hier ist Drew Brooks, von Beller.«

Gegen ihren Willen fragte Nina: »Wie geht es Ihnen?«

»Sehr gut, danke – aufgeregt trifft es wohl besser. Es gibt unerwartete Entwicklungen.«

Nina stockte das Herz.

»Eine Person, die anonym zu wünschen bleibt, hat uns ein Schmuckstück gebracht, das zu Ihrem Bernsteinarmband und den Ohrringen zu passen scheint. Baltischer Bernstein mit Inklusen. Fassung und Stempel stimmen mit denen Ihrer kleinen Schmuckgarnitur überein. Der Besitzer behauptet, dass die Kette nicht nur selben Ursprungs ist, sondern dass sie zu Ihren Ohrringen und dem Armband gehört. Dass es sich um ein komplettes Set handelt.«

Nina bemerkte, dass sie den Atem anhielt.

»Miss Rewskaja?«

»Nina.«

»Nina, natürlich. Wir haben alle drei Stücke hier, und selbstverständlich werden wir die Echtheit des Anhängers prüfen lassen. Unsere Gutachter sind allerdings der Meinung, dass es sich aufgrund der Fassungen und Stempel der Hersteller tatsächlich um ein Set handeln könnte.«

»Ist Ihnen gar nicht in den Sinn gekommen, dass Ihre Gutachter sich irren könnten?«, fragte Nina langsam.

»Nun, natürlich, solche Gutachten sind immer eine Ermessensfrage, die Übergänge sind fließend, wie wir gern sagen. Ganz abgesehen davon, dass Verschlüsse und Ketten entfernt werden können – manchmal werden sogar die Steine in echten Fassungen ausgetauscht. Daher schicken wir das Stück ins Labor, um sicherzugehen, dass es sich auch wirklich um Baltischen Bernstein handelt. Doch wir wollten Sie informieren, für den Fall, dass Sie etwas darüber wissen. Der Besitzer des Anhängers würde diesen nämlich gern in die Auktion mit aufnehmen lassen. Als Schenkung. Es ist geradezu unglaublich.«

»Ich weiß nichts darüber. Ich besitze ein Bernsteinarmband mit passenden Ohrringen. Das ist alles. Sie sind äußerst selten.«

»Ja, nun, wir haben uns überlegt, ob die Kette vielleicht irgendwann einmal in Ihrem Besitz gewesen ist. Oder ob Sie eventuell wussten, dass sie fehlt?«

»Ich wusste nicht, dass irgendetwas fehlt. Ich besitze dieses Armband und diese Ohrringe seit 1952. Ich habe sie mitgenommen, als ich die Sowjetunion verließ.«

»Die Gutachter überlegen, ob die Stücke vielleicht ein Geschenk waren oder etwas, das in der Familie weitergegeben wurde. Und dass sie vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt aufgeteilt wurden.«

Mit fester Stimme sagte Nina: »Dann werden die Gutachter wohl recht haben.«

»Nun ja, das ist das Problematische an Bernstein. Da die Perlen auf natürlichem Weg geformt werden, nicht von einem Juwelier, ist es beinahe unmöglich festzustellen, welche Stücke einmal zu derselben Kollektion gehört haben. Einige Stücke – insbesondere die exquisiteren – könnten im Archiv des Herstellers verzeichnet sein, doch ohne diese Angaben oder eine Seriennummer können wir keine hundertprozentigen Aussagen treffen.«

Ninas Atemzüge wurden ruhiger. »Ich kann zu all dem nichts sagen.«

»In Ordnung.« Drews Stimme klang erstaunlich entschlossen. »Ich musste einfach nachfragen, für den Fall, dass Sie es … vergessen haben.«

Nina spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. »Ich bin vielleicht alt, aber ich bin nicht senil.«

»Nein, nein, natürlich nicht, ich wollte Sie nicht …«

»Sie sollten wissen, Miss Brooks, dass Tänzer nichts vergessen. Wir müssen uns alles merken.« Sie sprach davon, was sich der Körper, die Muskeln zu merken hatten, ganz im Unterschied zu dem, worauf Drew Brooks anspielte – doch Nina wollte sie in ihre Schranken weisen. »Ich weiß bis heute ganze Ballettstücke auswendig. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, woher mein Schmuck stammt.«

»Ja, natürlich.« Ein tiefer Atemzug. »Also gut. Ich wollte einfach nur nachfragen, ob Sie sich zufällig an etwas erinnern können. Falls dem so ist, lassen Sie es uns bitte wissen.«

»Natürlich.«

»In der Zwischenzeit werden unsere Gutachter ihr Möglichstes tun, um festzustellen, woher dieses zusätzliche Schmuckstück stammt, und sehen, ob sich die Behauptung des Besitzers erhärtet – was sehr wahrscheinlich scheint, bei derart untypischen Fassungen. Ist das Ergebnis positiv, würden wir den Anhänger gern in den Katalog aufnehmen. Mit der Anmerkung, versteht sich, dass es sich hierbei um ein Stück handelt, das kurzfristig beigesteuert wurde und das offenbar Teil Ihrer Kollektion ist, sich jedoch nicht in Ihrem Besitz befand.«

Nina sagte nichts.

»Unsere Gutachter sind wirklich sehr gut.«

»Ich bezweifle nicht, dass sie gut ausgebildet sind. Aber ich weiß auch, dass Menschen« – sie zögerte kurz, um nach einer Formulierung zu suchen – »unbeabsichtigt Fehler machen.«

Drew schwieg einen Moment. Als sie dann etwas sagte, klang ihre Stimme plötzlich vergnügt. »Wissen Sie, es ist ein wirklich bemerkenswertes Stück. Ebenso außergewöhnlich wie Ihr Armband und die Ohrringe – diese besonderen Fassungen. Und mit einem ausgesprochen beeindruckenden Einschluss. Es wird neben Schmuckliebhabern ganz bestimmt auch Sammler anlocken. Wodurch sich der Kreis unserer Bieter erheblich erweitert. Ganz zu schweigen von dem höheren Preis, den etwas derart Seltenes erzielen wird. Für die Stiftung, meine ich.« Sie wartete auf eine Reaktion. »Und ich muss Ihnen bestimmt nicht sagen, dass der Wunsch des Schenkers, anonym zu bleiben … Nun ja, so etwas fasziniert die Öffentlichkeit eben. Es wird der Auktion auf alle Fälle jede Menge Aufmerksamkeit bescheren. Und mehr Bieter, versteht sich. Was wiederum mehr Geld für die Stiftung bedeutet.«

Nina war klar, worauf das Mädchen hinauswollte. »Ja, natürlich«, sagte sie schwach und fügte dann, so schnell sie konnte, hinzu: »Auf Wiederhören.«

 

Drew vernahm das wenig schmeichelhafte Tuten und legte auf. Sie atmete einmal tief und langsam durch und wischte mit einer kleinen, unbewussten Bewegung einen Tropfen Kaffee vom Rand ihres Bechers. Sie hütete sich, irgendetwas hiervon persönlich zu nehmen.

Einfach war es jedoch nicht. Das Rewskaja-Projekt bedeutete ihr mehr als gewöhnlich, nicht nur aufgrund ihrer Liebe zum Ballett. Da war außerdem noch dieser ominöse, ins Leere laufende Ast in ihrem Stammbaum, der bis heute mit einem dicken Fragezeichen versehen war. Es störte sie daher nicht allzu sehr, dass die ganze Arbeit (ja, die ganze Arbeit) wie immer an ihr hängen blieb, während sich Lenore unbekümmert treiben ließ. Drew beschwerte sich nur selten darüber; Dinge wie diese waren es nicht wert, den Job zu riskieren. Solange sie ihre Arbeit weiterhin gern tat, war sie der Meinung, dass sie ruhig einen Schritt zurücktreten und, aus dieser kleinen Distanz, über die ärgerlicheren Seiten ihres Jobs schmunzeln konnte. Und tatsächlich erwies sich diese Strategie in vielerlei Lebenslagen als äußerst erfolgreich.

Sie warf einen Blick auf ihre Checkliste für den heutigen Tag, die flüchtig notierten und trügerisch wenigen Aufgaben. Ein paar davon würden Wochen in Anspruch nehmen. Was beispielsweise die Herkunft des Bernsteinsets betraf, so wusste Drew, dass derartige Dinge ihre Zeit dauerten. Und natürlich war der Katalog mit den sowjetischen Goldstempeln ausgerechnet jetzt irgendwo im Auktionshaus »verschollen«; Drew hatte ein anderes Exemplar aus einer Spezialbibliothek anfordern müssen. Zwar hatte Lenore gesagt, dass ein ungefähres Herstellungsdatum vollkommen ausreichend wäre, doch Drew hoffte, dass sich die Stempel auf eine bestimmte Serienfertigung zurückführen lassen würden. Vielleicht könnte sie dann mit Gewissheit sagen, dass der Anhänger Teil ein und desselben Sets war. Denn es ging doch nichts über das zufriedene Gefühl, eine harte Nuss zu knacken, etwas schier Unauffindbares zu entdecken – konkrete Aussagen machen zu können. Zu vieles auf der Welt blieb offen und ungeklärt.

»Ich habe gerade Nina Rewskaja über den Bernsteinanhänger informiert.«

»Gut, gut.« Und schon war Lenore im Begriff, sich abzuwenden. Ein verträumter, abwesender Ausdruck huschte über ihr Gesicht, als sie einen kurzen Blick auf ihr Spiegelbild in der Glasscheibe erhaschte. Wer wusste schon, ob sie Drews Antwort überhaupt gehört hatte? Und dennoch bewunderte Drew im Stillen Lenores Selbstsicherheit und Souveränität, saugte sie geradezu in sich auf. Sie sah ihr gern zu, wenn sie am Auktionspult stand, mochte die Art, wie sie die Situation unter Kontrolle hatte, wie sie redete, mit diesem leichten Akzent, der klang, als käme sie von einem Internat aus Übersee, und wie sie beinahe mit den Bietern flirtete, deren Interesse herauskitzelte und sie dazu brachte, mit nervös zuckender Hand ihr selbst gesetztes Limit zu überschreiten. »Ich bin schon sehr gespannt auf Ihren ersten Text für die Beilage.«

»Ich bin dran.« Drew hatte tatsächlich schon mit der Einleitung für den Prospekt begonnen, den sie zusätzlich zu den biografischen Angaben im Katalog erstellen würden. Sie schenkte ihr einen kleinen ironischen Gruß zum Abschied, und Lenore wirbelte hinaus.

Als Drew den Job vor vier Jahren angenommen – und Lenore sie »mein Lieutenant« getauft – hatte, war sie noch in den Zwanzigern gewesen. Doch inzwischen war sie zweiunddreißig, und wenn sie lächelte, zeigten sich Fältchen um ihre Augen. Vergangenen Monat war sogar etwas mit ihrer Stimme passiert: ein nicht wegzuleugnendes, wenn auch kaum hörbares brüchiges Geräusch, das von ganz hinten aus dem Hals kam – diese biologische Umstellung angesichts eines grässlichen neuen Reifegrads. Vor kurzem hatte sie das Mädchen hinter der Theke im Dunkin’ Donuts »Ma’am« genannt, woraufhin Drew schnurstracks zu Neiman Marcus marschiert war und sich ein Miniatur-Döschen jener Gesichtscreme gekauft hatte, auf die ihre beste Freundin Jen schwor, ein durchsichtiges, pappiges Zeug, das sie schlussendlich fünfundzwanzig Dollar gekostet hatte. Jen war in solchen Dingen äußerst bewandert. Vor ein paar Monaten hatte sie Drew eine nach Kaugummi riechende Creme in die Haare geschmiert, »damit deine Gesichtszüge weicher wirken«, ein Foto von ihr gemacht und – ohne Drew um Erlaubnis zu fragen – auf ihren Namen ein Profil in einer Partnerbörse im Internet angelegt.

Drew nahm es mit Humor – schließlich meinte Jen es nur gut und hatte auf diese Art ihren eigenen Verlobten kennengelernt – und hatte sich anschließend sogar ein paar Mal verabredet, wenngleich sie alles andere als auf der Suche nach einem Mann zum Heiraten war. Die eine Liebe, die sie erlebt hatte, war nur von kurzer Dauer und naiv, vielleicht sogar eine Selbsttäuschung gewesen. Und obwohl ihre Scheidung bereits vier Jahre zurücklag, hatte Drew erst in den letzten Monaten endlich damit begonnen, ihre Schuldgefühle zu überwinden. Nicht, dass es sich irgendwie besser anfühlte, was sie Eric angetan hatte. Doch sie wurde allmählich ungeduldig: mit ihrer Familie, die ihr selbst aus der Ferne weiterhin dieses dezent gehässige Mitleid entgegenbrachte, und mit sich selbst, weil sie sich nach all der Zeit immer noch dafür schämte, einen Fehler gemacht und jemanden verletzt zu haben, wo doch viele Menschen derartige Fehler machten und aus Beziehungen ausbrachen, die sie geschworen hatten bis an den Rest ihres Lebens zu führen.

Es half ihr außerdem, dass Eric sich endlich aufgerappelt hatte. Nach zwei Jahren eisigen Schweigens und einer kurzen Flut wütender Briefe hatte er ihr eine E-Mail geschrieben, um ihr mitzuteilen, dass er sich verliebt habe. Als Anspielung auf seine damalige Überzeugung, dass einzig irgendeine Form von Geisteskrankheit dafür verantwortlich gewesen sein könne, dass Drew ihre Ehe beendete, beschrieb er seine neue Freundin als »verlässlichen Menschen«, der »geradlinig« und »gut organisiert« sei. Vergangenen Monat war Drews Mutter dann – die sowohl aus Sentimentalität als auch aus Liebe weiterhin mit ihrem Schwiegersohn in Kontakt stand und von Zeit zu Zeit versehentlich etwas ausplauderte – herausgerutscht, dass Eric einen neuen Job angenommen hatte und nach Seattle ziehen würde und dass ihn das Organisationstalent begleiten würde.

Und so wurde Drew nur um so deutlicher bewusst, dass die Zeit verging und dass sie, ohne es recht bemerkt zu haben, den Übergang vom »Mädchen« zur »Frau« vollzogen hatte – wenngleich sie auch keine bedeutenden Fortschritte oder neuen Weisheiten vorzuweisen hatte. Seit ihrem Umzug nach Boston wohnte sie in einem winzigen Apartment in Beacon Hill, dessen Miete, einem Aderlass gleich, langsam, aber stetig erhöht wurde, ungeachtet der Tatsache, dass die Holzdielen von Jahr zu Jahr mehr splitterten und sich die Flecken an den Wänden und Risse in den Decken stetig mehrten. Der Einzug in das alte Gebäude hatte ihren Neuanfang perfekt gemacht, war so ganz anders als die blitzende Wohneinheit in Hoboken mit all den Hochzeitsgeschenken: gezwirnten Makosatin-Laken, dicken Handtüchern aus ägyptischer Baumwolle, Laguiole-Messern, einer Cappuccino-Maschine, die Eric und sie nie benutzt hatten. Ihre »neue« Einrichtung hatte Drew gebraucht gekauft: klobige Stühle aus stark gemasertem Holz, einen Tisch, dessen eine Ecke mit grauer Farbe bespritzt war, einen Satz nicht zusammenpassenden Bestecks, das sie, mit einem Gummi zusammengebunden, bei einem Garagenverkauf entdeckt hatte. Von Fernseher und Auto hatte sie sich getrennt. Drew gefiel dieses abgespeckte Leben, und es war der Beweis – für Eric und alle anderen –, dass es wirklich keinen anderen gab, dass Drew ihre Ehe nicht wegen eines anderen, besseren Fangs beendet hatte. Und es war der Beweis – für Drew selbst –, dass es richtig gewesen war zu gehen; sie brauchte niemand anderen, brauchte überhaupt kaum etwas. Sie war stolz auf ihre Unabhängigkeit, stolz darauf, dass sie defekte Sicherungen selbst auswechseln konnte, stolz auf ihr einfaches Geschirr, ihr Bücherregal vom Sperrmüll, ihre Geschirrtücher und Weingläser vom Flohmarkt.

Jen nannte es Selbstbestrafung. Doch Drew mochte das Einfache und Ruhige an ihrem heruntergeschraubten Leben. Man brauchte, so sah sie es heute, nur wenige Besitztümer, ebenso, wie man nur ein paar enge Freunde brauchte, eine einzige Leidenschaft – bei der es sich noch nicht einmal notwendigerweise um einen Menschen handeln musste. Obwohl sie sich bei ihrem Einzug eine dicke, dunkelviolette Baumwoll-Tagesdecke gekauft hatte, waren ihre Hoffnungen in diesem Bereich eher gering. Zwar glaubte sie nach wie vor an die Liebe – jedoch nicht mehr für sich selbst. Und während sie ihr Bett in den ersten Jahren noch mit dem einen oder anderen durchaus netten Mann geteilt hatte, betrachtete sie ihre Wohnung inzwischen als einen Ort der Einsamkeit und Stille. Die Tagesdecke war zu einem gräulichen Purpur verblasst. Jedes Mal, wenn Drew das Bett frisch bezog, sagte sie sich, dass es Zeit war, eine neue zu kaufen.

Tatsächlich hatte sie stets das Gefühl, dass sie etwas von den meisten Menschen trennte. Selbst in ihrer Ehe hatte es sich nie angefühlt, als ob sie Teil eines Teams war, als ob Eric und sie Partner waren. Zu den meisten ihrer vielen gemeinsamen Freunde vom College hatte Drew nach der Trennung den Kontakt abgebrochen. Bis heute hatte sie manchmal – wenn sie in der überfüllten U-Bahn saß oder an dem engen Tresen im Sandwich-Shop zu Mittag aß oder gemütlich am Charles River entlangjoggte (zwei Mal pro Woche, außer im Winter)– nicht nur das Gefühl, von Fremden umgeben zu sein, sondern fand sich gar selbst befremdlich; sie war der Meinung, dass sie irgendetwas davon abhielt, die Lücke zwischen ihr und all den anderen Menschen, die sich durch denselben Tag kämpften wie sie, jemals vollständig zu schließen.

Jen zufolge lag all das in dem Umstand begründet, dass Drew ein Einzelkind war, unabhängig und daran gewöhnt, Dinge allein zu tun. Sie war ohne die Nähe von Geschwistern aufgewachsen, mit denen sie neben Geheimnissen auch die Gene teilte. Und im Gegensatz zu ihrer Mutter, die ihr einst sehr nahegestanden hatte, war ihr Vater ein ruhiger, nicht unbedingt gesprächiger Mensch gewesen; erst seit Drew das College beendet hatte und Teil der arbeitenden Bevölkerung geworden war, schien es ihm zu behagen, längere Gespräche mit ihr zu führen und sie in allen Einzelheiten zu ihrem Beruf zu befragen – wie einen Tischnachbarn oder jemanden, der zufällig im Flugzeug neben ihm saß. Aus all diesen Gründen – postulierte Jen in ihrer nüchternen Art – hatte oder zeigte Drew kaum das Bedürfnis nach Gesellschaft. Nun ja, dachte Drew, vielleicht war da ja was dran. Sie wandte sich wieder ihrem Computerbildschirm zu.

 

Prospekt: Geschichte und Einzelheiten zu den Schmuckstücken

(von Drew Brooks, Associate Director Abteilung Schmuck)

 

Zu jener Zeit, als Nina Rewskaja dem Ballettensemble des Bolschoi-Theaters angehörte, führte die Sowjetregierung über ganze zwei Drittel der Bevölkerung Akten. Als sie die UdSSR später verließ, waren beinahe fünf Millionen Bürger im Auftrag dieser Regierung getötet worden. Man ist erschüttert angesichts dieser Zahlen. Und dennoch führte Rewskaja bei ihrer Flucht Schmuckstücke von unendlicher Schönheit mit sich, die –

 

Drew hielt inne und suchte nach den nächsten Worten. Das Problem war, dass sie nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Sie vermutete, dass es viel zu sagen gab – trotz Nina Rewskajas beharrlicher Aussage, sie könne mit keinerlei Informationen dienen. Es war lachhaft, wirklich. Besonders, wenn sie im gleichen Atemzug sagte, dass Tänzer ein so gutes Gedächtnis hätten und sie bis heute ganze Ballettstücke im Kopf hätte … Drew rief sich ihre Stimme in Erinnerung, die steigende Intonation, das hart gerollte R und die nasal gesprochenen Vokale – wenngleich sie beinahe akzentfrei und nahezu perfekt Englisch sprach. Es war diese Verschwiegenheit, gepaart mit dem plötzlichen Auftauchen von Grigori Solodins passendem Bernsteinanhänger, aus der Drew schloss, dass mehr hinter Nina Rewskajas Geschichte steckte, als diese zugeben wollte.

Ganz abgesehen davon, dass ihr auch Grigori Solodin Rätsel aufgab. Ein großer Mann, schlank und dennoch auf gewisse Weise massiv, mit nachdenklicher Stirn und ebensolchen Augen. Volles, ein wenig strubbeliges Haar, wie das eines kleinen Jungen. Selbst jetzt sah Drew seinen festen, geradezu angespannten Kiefer vor sich, sein prägnantes Gesicht und die entschlossene Mundpartie; vielleicht lag es daran, dass er eine andere Sprache sprach. Er hatte einen leichten, eigenartigen Akzent, weniger russisch als vielmehr etwas, das Drew nicht einordnen konnte. Auf ihre Frage, ob er im Besitz irgendwelcher Unterlagen sei, die seine Behauptung, der Anhänger habe Nina Rewskaja gehört, bekräftigten, hatte Grigori Solodin die Lippen fest aufeinandergepresst, fast so, als würde er sich darauf beißen, wobei sich seine hintere Kieferpartie anspannte, so dass sich so etwas wie Grübchen bildeten. »Bedauerlicherweise besitze ich keine Unterlagen.«

Doch Drew war heikle Situationen wie diese gewohnt. Es war Teil dessen, was sie am Auktionswesen liebte, die Geheimnisse hinter und Dramen um den wirklichen Maler eines Porträts, den ursprünglichen Erbauer eines Klaviers, die widersprüchlichen Versionen einer Familiengeschichte, erzählt von Schwestern, die die Flakonsammlung ihrer verstorbenen Tante oder den Humidor des Vaters gefüllt mit heiß begehrten Zigarren verkauften. Was war es also, das Grigori Solodin davon abhielt, mehr über die Umstände zu verraten, die die Kette in seinen Besitz gebracht hatten? Als Drew ihn unter vier Augen in einem der kleinen Besprechungszimmer freundlich und ohne Unterton danach gefragt hatte, hatte er lediglich geantwortet, dass der Anhänger an ihn weitergegeben worden sei. »Die Kette befand sich zeitlebens in meinem Besitz. Doch aus verschiedenen Gründen, und insbesondere nachdem ich Nina Rewskajas Bernsteinohrringe und ihr Armband gesehen habe, bin ich davon überzeugt, dass auch die Kette einst ihr gehörte. Oder vielmehr zu demselben Bernsteinset.«

Drew fragte sich, wie alt er wohl war – Ende vierzig, Anfang fünfzig? Nicht Nina Rewskajas Generation. Sie fand es interessant, vielleicht sogar auf eine gewisse Art verdächtig, dass Grigori Solodin nicht nur einen russischen Namen hatte und hier in Boston lebte, sondern sich, wie Nina Rewskaja, recht zugeknöpft zeigte, irgendetwas verschwieg.

Wenn Lenore das Gefühl hätte, dass hinter all dem mehr stecken könnte, würde sie sich dennoch keine Zeit dafür nehmen. Sie richtete ihr Augenmerk nicht auf die versteckten Details, sondern auf den äußeren Rahmen: eine erfolgreiche Auktion veranstalten, ein solides Geschäft abwickeln und einen gelungenen Auftritt bei der Versteigerung hinlegen.

Eigentlich hatte sich Drew anfangs nicht sonderlich für Schmuck interessiert. Sie hatte Kunstgeschichte im Hauptfach studiert, liebte Gemälde und Zeichnungen und hatte davon geträumt, Museumskuratorin zu werden. Nach ihrem Abschluss hatte sie in einer Galerie in Chelsea angefangen und ein Praktikum bei Sotheby’s gemacht, bevor sie eine bessere Stelle fand. Der Job bei Beller war schlicht der erste gewesen, den sie gefunden hatte, nachdem ihre Ehe gescheitert war und sie aus New York wegwollte. Auch ihre beruflichen Vorstellungen passte sie an und sah sich nunmehr als eine der künftigen Expertinnen der Fernsehsendung »Antiques Roadshow«, die einem Pärchen vergnügt mitteilte, dass das Aquarell, das es auf seinem Dachboden gefunden hatte, äußerst selten und wertvoll war. Ihre erste Chance auf Beförderung erhielt Drew fünf Monate später. So erfand sie sich ein weiteres Mal neu und begann, um Lenores Partnerin werden zu können, einen Fernkurs, in dem sie zur Gemmologin ausgebildet wurde.

Sie selbst trug nur ein einziges Schmuckstück. Es war ihr allererster Auktionsgewinn vor drei Jahren: ein Granatring, der aufgrund eines kleinen Risses im Stein keinen anderen Bieter gefunden hatte. Ein kleiner, rundgeschliffener Granat, eingefasst in winzige Krappen und auf einem Band aus Weißgold sitzend. Drew hatte ihn sich von dem Geld gekauft, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Sie trug ihn am rechten Ringfinger, als Erinnerung an Grandma Riitta, mit der sie in Gedanken auch heute noch manchmal sprach. Sie war die Einzige gewesen, die Drew keine Vorwürfe gemacht hatte, als diese ihre Ehe beendete. »Du hast dich weiterentwickelt, nicht wahr? Bist erwachsen geworden«, war alles, was sie dazu sagte, eines der letzten Dinge überhaupt, die sie zu Drew sprach, damit Drew wusste, dass sie sie verstand.

Drew erinnerte sich noch genau an die Stimme ihrer Großmutter, an ihren Akzent. Was jedoch allmählich verblasste, war die Erinnerung an die wenigen Worte, die Drew auf Finnisch konnte. Drews Mutter, die als Kleinkind nach Amerika gekommen war, hatte sich stets geweigert, ihrer eigenen Mutter in einer anderen Sprache als Englisch zu antworten. Und so hatte Drew in den vergangenen Jahren nicht nur Grandma Riitta, sondern noch dazu eine ganze Sprache verloren.

Drew blickte von dem Granat auf und las ihren bisherigen Text. »Prospekt: Geschichte und Einzelheiten zu den Schmuckstücken.« Wenigstens das hörte sich gut an.

Diese Vehemenz, mit der Nina Rewskaja bestritten hatte, dass der Bernsteinanhänger ihr gehören könnte; ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie und Grigori Solodin offenbar keinen Kontakt zueinander hatten. Oder jedenfalls so taten. Drew fragte sich, wie die Verbindung zwischen den beiden aussehen könnte – oder vielmehr die zwischen den drei Bernsteinschmuckstücken. Mit gründlicher Recherche und ein bisschen Glück, vermutete sie, könnte es ihr gelingen, es herauszufinden.

Beflügelt durch diesen Gedanken, legte Drew ihre Finger auf die Tastatur und begann zu tippen. »Diamonds are a girl’s best friend – für Nina Rewskaja allerdings –«

Drew hielt inne, wartete auf eine Eingebung und drückte die Löschtaste.

 

Es hatte erneut geschneit, weitere zehn Zentimeter. Im Morgenradio lief eine Erklärung von Bürgermeister Menino, der sagte, dass bereits jetzt, im Januar, das gesamte Jahresbudget für den Winterdienst ausgeschöpft sei. Die Höchsttemperaturen – frohlockte der Nachrichtensprecher – lägen heute bei plus zwei, die gefühlte Temperatur bei minus acht Grad.

Diese Amerikaner mussten immer erst die genaue Temperatur wissen, bevor sie sich entscheiden konnten, wie warm oder kalt sie es fanden. Grigori musste das wohl laut gesagt haben, denn als er die Küche betrat, war sie da wieder, diese ihm nur allzu vertraute, lächerlich-irritierende Enttäuschung, dass er dort nicht Christine bei einer Tasse entkoffeinierten Kaffees antraf, gleichzeitig einen Stapel Englisch-als-zweite-Fremdsprache-Arbeiten korrigierend und einen Becher Joghurt essend. Sie war einer jener Menschen gewesen, die morgens die Augen aufschlugen und einfach aus dem Bett sprangen, ohne erst einmal wach werden und sich den Schlaf aus den Augen reiben zu müssen.

Er schenkte sich ein Glas Tomatensaft ein, nahm einen Schluck und ging los, um die Zeitung von der Veranda zu holen. Eine schmale Spalte auf der Titelseite trug die Überschrift: »Sensation im Auktionshaus«, und darunter in kleinerer Schrift: »Geheimnisvoller Spender schenkt seltenes Juwel, Interesse steigt.«

Grigori konnte Christine regelrecht sagen hören: »Ich kann mir nicht helfen, aber ich mag sie nicht.«

»Ach, weißt du«, hatte Grigori immer gesagt, wenn sie auf Nina Rewskaja zu sprechen gekommen waren, »wir sollten nicht zu hart mit ihr ins Gericht gehen.« Er hatte ihr gegenüber stets eine verteidigende Haltung eingenommen. Er wusste, dass es Christine eine Menge Beherrschung kostete, nicht einfach selbst in Aktion zu treten. Das war auch der Hauptgrund gewesen, weshalb er all die Jahre gezögert hatte, ihr von Nina Rewskaja zu erzählen. Nicht mangelndes Vertrauen oder Scheu oder Verlegenheit, sondern das Wissen, dass eine Frau wie Christine nicht in der Lage sein würde, sich einfach zurückzulehnen und den Status quo zu akzeptieren. Sie war ein Ärmel-hoch-und-los-, ein Das-Glas-ist-halb-voll-Optimist gewesen, hatte Pädagogik im Hauptfach studiert und darüber nachgedacht, einen Master in Sozialarbeit zu machen. Grigori hatte ihr zunächst nur die konkreten Tatsachen erzählt, über seine Eltern, dass er adoptiert worden sei, dass er zunächst in Russland, dann Norwegen, dann Frankreich und zuletzt, ab dem späten Teenageralter, in Amerika aufgewachsen war, geschwisterlos. Als er Christine schließlich mit fünfundzwanzig – sie waren zu diesem Zeitpunkt ein halbes Jahr zusammen – von der Balletttänzerin Rewskaja erzählte, musste sie ihm zunächst versprechen, dass sie nichts unternehmen, nicht aktiv werden würde und dass sie Grigori die Sache allein und auf seine Art regeln lassen würde.

»Ganz zu schweigen davon, dass du der Einzige bist, der sich je die Zeit genommen hat, Elsins Gedichte ins Englische zu übersetzen. Und sie veröffentlichte. Ich verstehe nicht, wie ihr das Vermächtnis ihres eigenen Ehemannes so gleichgütig sein kann.«

Ach, Chrissie – meine Löwin, wie ich dich vermisse.

»Und kein einziges Dankeschön …«

Dass aus seinem Interesse an Nina Rewskaja schließlich Grigoris Forschungsthema – die Dichtkunst Viktor Elsins – geworden war, war einer der wenigen positiven Aspekte seiner Obsession. Wann immer das Gespräch auf Nina Rewskajas Verschwiegenheit kam (nicht nur mit Christine, die die ganze Geschichte kannte, sondern mit jedem, der sich für Grigoris Übersetzungen und Forschung interessierte), war es Grigori gelungen, in sachlichem Ton zu sagen: »Sie machte damals eine schwere Zeit durch. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass sie an bestimmte Dinge einfach nicht erinnert werden möchte. Sich dem Thema mit den Augen eines Wissenschaftlers zu nähern könnte für sie dem Öffnen der Büchse der Pandora gleichkommen. Dieses Prüfen und Untersuchen …«

Auf die Frage, ob er Nina Rewskaja bei den Studien über die Dichtkunst ihres Mannes um Hilfe gebeten hätte, gab Grirori stets die gleiche Antwort: »Nicht im Speziellen.« Stellte diese Antwort sein Gegenüber nicht zufrieden, fügte Grigori noch hinzu: »Sie weiß, dass ich seine Gedichte übersetzt habe, ja, aber … eine aktive Rolle als Verwalterin von Elsins literarischem Werk hat sie nicht gespielt.« Tatsächlich behauptete sie, keinerlei Unterlagen oder persönliches Material von Viktor Elsin zu besitzen. Grigori hatte beschlossen, das als die Wahrheit zu akzeptieren. Schließlich sahen sich Unmengen an Wissenschaftlern mit derartigen Herausforderungen konfrontiert. Und zwar nicht nur Biografen, sondern ein jeder Forscher, der damit zu leben hatte, dass jemand zwischen ihm und seinem Thema stand. Es war Teil des Berufsbildes. Außerdem bedeuteten Grigori die Gedichte selbst und die Wahrheiten, die sie enthielten, weitaus mehr als jedes B

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