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Die Steine der Rix

Udo F. Rickert

Die Steine der Rix

Die seltsamen Reisen des Peter MacDrass


Meinem Vater, der mich das Erzählen lehrte


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Gral erwacht

„(…) Die Geschichte von Rix Island beginnt mit einer Legende: Die Rechtgläubigen wurden zur Strafe für ihren Hochmut durch Gott den Herrn einer schweren Prüfung unterworfen. Der Herr gab den Herrschenden ein, Not und Verfolgung über die Gemeinde zu bringen. Da fielen die Rechtgläubigen auf die Knie und bekannten, dass der Stolz ihren Glauben befallen habe. Der Herr vergab ihnen und sandte einen Seemann namens MacDrass, der Gemeinde eine neue Heimstatt zu zeigen.

Soweit die Legende. Fest steht, dass am Ostersonntag des Jahres 1381 drei hanseatische Koggen vor Rix Island ankerten. Emmanuel Rix, Führer einer kleinen religiösen Splittergruppe, und der Hamburger Kapitän Johannes Pfeifer waren die ersten Europäer, die amerikanischen Boden betraten.

Als Rix am Ostermontag die Schiffe anzündete, verschwanden acht irische und schottische Siedlerfamilien, Waisenkinder und einige norddeutsche Seeleute im Vergessen.

Erst Christopher Colon brachte Rix Island 1492 zurück in das Bewusstsein Europas, als er zu seinem Erstaunen in der Karibik auf einen Stamm christlicher, hellhäutiger Eingeborener stieß. (…)“

Aus: „Das Werden einer Nation“ von William M. Wilding in:

British Historical Review, Ausgabe Juli 1943

 

Montag, 24. April 1955

Rixtown, britische Kronkolonie Rix Island

Caleb lag mit dem Rücken an den umgeworfenen Jeep gelehnt. Um ihn herum tobte ein Chaos aus Rauch, Schreien und Kanonendonner. Sein linkes Knie war eine blutende Masse, aus der ein verbogenes Stück Metall ragte. Der Revolver in seiner rechten Hand schien hundert Tonnen zu wiegen. Blut rann unter seinem Helm hervor und verschleierte den Blick. Aus einer giftgelben Wolke von Wüstensand tauchte unvermittelt eine Gestalt auf.

Caleb hob die viel zu schwere Handfeuerwaffe und drückte ab. Ein Klicken, kein Schuss. In der Ferne klang ein Trompetensignal. Er schrie in Todesangst.

„Passt auf, er kommt! Papa!“  Die Welt wurde schwarz …

Nach einem Augenblick der Orientierungslosigkeit stellte er fest, dass er aufrecht im Bett saß. Der Pyjama klebte schweißnass an seinem zitternden Körper. Das Moskitonetz lag zerrissen auf dem zerwühlten Bett. 

Caleb tastete unter dem Kopfkissen nach seiner Brille, setzte sie umständlich auf. Die Standuhr neben der Tür zeigte elf Uhr abends. Ein guter Schnitt, dachte Caleb. Er hatte gute zwei Stunden geschlafen, ehe der Traum kam.

Erst jetzt bemerkte er, dass er immer noch das Signal hörte. Es war keine Trompete, es war das Telefon auf dem Nachttisch. Er griff zum Hörer. In der Hörmuschel klickte es, als die Vermittlung eine Verbindung herstellte.

„Detective Inspector Caleb Muldin“, meldete er sich.

„Komm’ sofort ins Büro“, brüllte eine Bassstimme am anderen Ende der Leitung.

„Bist du das, Kris? Was ist los? Ich versuche zu schlafen.“

„Keine Diskussionen, Caleb. Wir haben einen Fall!“

Caleb wollte etwas entgegnen, aber Kris hatte bereits aufgelegt. Er schob sich seufzend auf die Bettkante.

Durch die beiden  Fenster seines Schlafzimmers fiel flackernd das Licht eines Leuchtturms und enthüllte für Sekunden fleckige Tapeten, die mit vergilbten Zeitungsausschnitten beklebt waren.

Caleb kniff die Augen zu und seufzte schwer.

Er machte sich nicht die Mühe einer Wäsche, sondern zog sofort seine Uniform an und schnallte die Unterschenkelprothese an den linken Beinstumpf.

„Ein Fall“, murmelte er. Er war seit 1945 Mitglied der Kriminalpolizei von Rixtown, aber ein handfestes Gewaltverbrechen war ihm bislang noch nicht untergekommen. Schließlich befand er sich in der geruhsamen Hauptstadt der Kolonie Rix Island. In den Baracken der illegalen Einwanderer auf der anderen Seite der Insel tobte das Verbrechen, aber zwischen Hafen und Plantagen von Rixtown  galoppierte höchstens der Amtsschimmel.

Caleb nickte dem Bild der jungen Königin Elisabeth, das über seinem Bett hing, zu. „Meine Liebe, der Herr Inspektor muss Euch nun verlassen und zur Wache eilen. Aber keine Angst, Ihr bleibt die einzige Frau in seinem Leben …“

*

In der Polizeiwache sah es aus, als wäre eine Granate explodiert. Aktenordner lagen auf den Holzdielen verstreut  wie abgeschossene Vögel. Ein unförmiger Teefleck zierte die Wand mit den Fahndungsbildern. Blumentöpfe mit zerfetzten Begonien lagen  vor dem Waffenschrank. Auch die drei Männer, die an dem wuchtigen Schreibtisch lehnten, wirkten angegriffen. Die Nase des korpulenten Constable Smith leuchtete in Rot und Blau, sein Hemd hing in Fetzen. Sein einäugiger Kollege Jones tupfte mit einem riesigen, karierten Taschentuch das Blut von den Kratzern, die seinen kahlen Schädel überzogen. Zwischen den beiden nahm die wuchtige Gestalt eines Sergeanten die gesamte Schreibfläche ein. Der Mann trug einen wilden, hellblonden Vollbart und ein breites Grinsen zur Schau.

Um sein rechtes Auge glänzte es bläulich.

„Willkommen, Caleb. Wir haben es geschafft.“

Caleb Muldin, der im Eingang stand und verwirrt das Trümmerfeld betrachtete, das einmal ein penibel aufgeräumtes Büro gewesen war, räusperte sich. „Was um Gottes Willen ist hier passiert?“

Der große Mann mit dem Vollbart sprang vom Tisch. „Caleb, wir haben etwas gefangen und mit Mühe und unter großer Gefahr in die Zelle geschafft, das du hier noch nie im Leben gesehen hast.“

„Kris. Ich bin müde. Ich bin verwirrt.“ Muldin hob die Stimme. „Und ich bestehe auf einem klaren, eindeutigen Bericht! Was ist passiert?“

Der Große knallte seine  Stiefel zusammen und legte die rechte, künstliche Hand an die Stirn. Das Metall der Prothese glänzte im Schein der Gasbeleuchtung. „Police Sergeant Kris McKay und zwei Constables  im Nachtdienst. Melde gehorsamst die Festnahme eines verdächtigen Individuums. Dem Aussehen nach handelt es sich um eine wilde Malloy.“

Muldin kniff die Augen zusammen und massierte seine Schläfen. „Komm wieder runter, Kris. Wo ist das… Individuum? Lass es uns in Ruhe verhören, in Ordnung?“

„Bitte sehr“, brummte McKay und deutete in die erste Zelle.

Auf dem nackten Boden saß dort ein dunkelhäutiges Mädchen von höchstens vierzehn Jahren. Ihre rötlichen Haare waren zu zahlreichen schulterlangen Zöpfen geflochten. Sie trug ein Wildlederhemd und enge Hosen aus dem gleichen Material. Ihre Füße steckten in Mokassins. Ihre bloßen Arme waren mit wellenförmigen Tätowierungen bedeckt. An ihrem Hals baumelte ein Amulett, ein roter,  ovaler Kristall. Ihre Augen waren wie Katzenaugen, grün und funkelnd.

Als die beiden Beamten eintraten, sprang das Mädchen gegen die Gitterstäbe der Zelle und begann zu schimpfen und zu spucken.

„Was ist das?“ Caleb schüttelte fassungslos den Kopf.

„Sagte ich doch“, entgegnete Kris, „Eine Malloy. Und zwar eine originale, wilde Malloy, die kratzt und beißt und kämpft wie eine Hexe.“

„Kris, die letzten wilden Malloy wurden vor über einhundert Jahren getötet.“

McKay legte Caleb die Stahlhand auf die Schulter. „Offenbar doch nicht.“ Das Grinsen erschien wieder in seinem Gesicht. „Schmerbauch und Einauge haben sie oben auf dem Wood Hill erwischt, sie war in einen der alten Bergbauschächte gestürzt. Möchte nur wissen, was die Hexe uns da gerade an den Hals wünscht.“

Muldin nickte langsam. „Ich kenne nur einen Mann, der deren Sprache verstehen könnte. Lass uns sofort Bermon anrufen.“

„Der wird nicht gerade erfreut sein. Heute ist Dienstag. Teestunde bei Direktorin de Gowain …“

*

George Bermon liebte den Ausblick aus dem höchst gelegenen Appartement der Universität Rixtown, das traditionell der Direktorin vorbehalten war. Er blickte über die pittoreske Altstadt hinweg bis zum Wood Hill, über dessen steile Klippen sich die Mauern der alten Hafenfestung erhoben, gebadet in das rubinrote Licht der untergehenden Sonne. Auf dem Wehrturm wehte wie seit dreihundert Jahren der Union Jack, das Symbol des britischen Empires.

Seufzend fuhr Bermon mit der Hand durch seinen grauen Haarkranz. Für diese Flagge hatte er in Verdun gekämpft, vor einer Ewigkeit, als er noch gehen konnte. „Nomed, fahr mich zurück zum Tisch. Der Anblick macht mich heute traurig.“

Der Angesprochene gehorchte schweigend. Bermon tätschelte ihm dankbar die riesige Pranke. Er hatte Nomed während eines Feldzuges in den Sümpfen von San Christobal aufgelesen. Der dunkelhäutige Riese war damals ein verwahrlostes, halbnacktes Kind gewesen, das in den Ruinen einer niedergebrannten Siedlung zurück gelassen worden war. Seine tief unter wuchtigen Brauenwülsten verborgenen Augen lächelten freundlich. Nomed hatte nie das Sprechen gelernt, sein Geist war so klein wie seine Gestalt mächtig war.

Bermon nahm die Tasse mit dem heißen Tee vom Tisch und trank schlürfend einen Schluck. „Mein Junge, ich liebe diese Teestunde.“ Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Es ist zumindest ein wenig so, als hätte Eliza vor vierzig Jahren ja gesagt.“

Nomed nickte.

„Schon gut“, sagte Bermon. „Auch ich leiste mir mitunter den Luxus der Sentimentalität.“

Die Tür des Erkerzimmers öffnete sich und eine hagere Frau von etwa siebzig Jahren trat ein. Sie hielt einen Karton vor sich wie eine Trophäe.

„Eliza“, sagte Bermon. „Ist es das, was du mir zeigen wolltest?“

Die Frau ließ sich im Sessel vor dem Kamin nieder, in dem ein Feuer brannte. Sie stellte den Karton auf dem Tisch ab. „Ja, mein Lieber. Eine höchst ungewöhnliche Sache. Ich hoffe, du kannst mir weiter helfen. Immerhin ist das Lüften von Geheimnissen dein Metier.“

„Als Direktorin der Hohen Schule bist du aber auch nicht ungeübt darin.“

„Du weißt ganz genau, dass ich mich mehr um die liebe Bürokratie als um Geheimnisse kümmern muss. Dies hier ist eher ein Fall für die Kriminalistik.“

„Wieso, liegt eine Leiche in dem Karton?“

Eliza zuckte die Schultern. „Wie man es nimmt.“

Sie hob den Deckel vom Karton und griff hinein. Zum Vorschein kam eine Art Teller, der so schwarz war, dass er das Licht des Feuers zu verdunkeln schien. „Das ist der indianische Gral.“

Bermon runzelte die Stirn.  „Der Gral ist ein Märchen, meine Liebe.“

„Wie man es nimmt. Die angeblichen Wunderkräfte, der so genannte Fluch und die Verknüpfung mit der Heiligen Schrift. Das sind sicherlich Legenden. Aber dieser Teller ist definitiv das, was vor Jahrhunderten als der Gral bekannt wurde.“

Bermon zog die Brille aus der Westentasche und setzte sie umständlich auf die Nase. Der Gegenstand war eine runde, große Platte. Wenn man genau hinschaute, konnte man sechs kreisförmig angeordnete Vertiefungen erkennen, und eine weitere genau im Zentrum. „Aus welchem Material ist er?“

„Wir wissen es nicht. Man hat nie auch nur eine Probe entnehmen können. Was immer es ist, es widersteht jedem uns bekannten Werkzeug.“

„Und was hat er verbrochen?“

Eliza zog die Brauen hoch. „Wie bitte?“

„Nun, als Kunstsachverständiger kann ich dir in diesem Falle nicht behilflich sein. Was also könnte ich dazu sagen? Ich meine, wie lange liegt er in eurem Archiv? Dreihundert Jahre? Hat jemand ihn als Mordwerkzeug benutzt? Oder warum präsentierst du ihn mir ausgerechnet heute?“

„George, wir kennen uns über vierzig Jahre. Aber mitunter kann ich nicht unterscheiden, ob du deinen skurrilen Humor zeigst oder schlicht beleidigt bist.“

Bermon winkte ab. „Weder noch. Ich bin nur neugierig.“

Eliza musterte ihn ausführlich. „Ich will es einmal glauben“, meinte sie und reichte Bermon den Gral. Er zögerte einen Moment und nahm ihn dann.

„Mein Gott, Eliza. Das Ding vibriert!“

„Ja. Seit heute Mittag.“

Bermon war sprachlos.

Stunden später war das Kaminfeuer herunter gebrannt. Auf dem Tisch stapelten sich Bücher und Karten im Lichte einer einzigen schwachen Gasleuchte. Nomed hatte es sich auf der Fensterbank bequem gemacht und schnarchte leise. Eliza schlug den Folianten auf ihrem Schoß zu und seufzte.

George Bermon zog mit dem Bleistift einen langen Strich über die aufgeschlagene Seite seines in Leder eingebundenen Notizbuches. Er machte eine auffordernde Geste.

„Die Legenden besagen, dass der Gral in den Händen aufrichtiger Menschen Wunder bewirken kann“, dozierte Eliza. „Gerät er aber in die Gewalt von Sündern, kann er Tod und Verderben bringen. Die üblichen Mysterien halt, die sich in der frühen Neuzeit um solche Gegenstände bildeten. So, und nun zu unserem Artefakt hier. Etwa um das Jahr 1610 soll der damalige Duke of Rix eine Expedition in die Blue Mountains unternommen haben. Das war damals ein ziemlich wagemutiges Unterfangen.“

Bermon nickte. „Ich war vor dem Krieg dort stationiert.   Die Gegend ist immer noch recht unzugänglich.“

„Die Expedition ist in allen maßgeblichen Chroniken belegt. Ein Teilnehmer dieses Unternehmens ist heute noch bekannt. Es war der damalige Leiter der Hohen Schule, Doktor Sandor Darkmon. Leider geht für uns aus den amtlichen Unterlagen nicht viel mehr hervor. Im Archiv könnte ...“

Das Schrillen des Telefonapparates auf dem Kamin ließ die beiden zusammen zucken. Nomed grunzte tief im Schlaf versunken. Eliza griff hinter sich nach dem Hörer. „Ja?“ Sie lauschte eine Weile.  „Es ist dieser Muldin, dein Kollege. Er klingt äußerst aufgeregt.“

Bermon verzog das Gesicht. „Schon wieder?“

*

Nomed parkte die Kutsche vor dem Polizeipräsidium.

Die  steile Treppe, die zur Eingangshalle führte, wurde von Gaslaternen gesäumt. Bermon war kein Freund der vielen technischen Veränderungen, die in den letzten Jahren über Rixtown hereingebrochen waren.

Die stinkenden Motorwagen, die zunehmend die Hauptstraßen verstopften, waren ihm ein Gräuel. Alles wurde lauter, schneller, hektischer. Er war froh, ein alter Mann zu sein, der mit einem gewissen Abstand dem immer rascher werdenden Zug der Zeit nach schauen durfte. Aber die neuen elektrischen Straßenlaternen, die sich seit drei Jahren in der Stadt verbreiteten, empfand er als einen eindeutigen Gewinn. Selbst der wuchtige, schmucklose Bau der Garde wirkte in ihrem Licht erhaben. Von hier oben, auf der Kuppe des East Hill, hatte er einen wunderschönen Blick auf den Monx Hill. Die Doppeltürme der herzoglichen Burg strahlten silbern im Schein der Laternen. Auf der anderen Seite der Bucht erhob sich, wie eine Insel des Lichtes in der Dunkelheit, der erleuchtete Wachturm der alten Festung auf dem Wood Hill. Er konnte sogar die Fahne erkennen, so hell schienen die Laternen.

Nomed hob Bermon aus dem Sitz, als wäre er so leicht wie eine Feder. Er trug ihn die Treppe hinauf in die Eingangshalle und setzte ihn sanft auf eine der Wartebänke. Dann kehrte um, um den Rollstuhl zu holen.

Hinter den vielen Milchglastüren lag Finsternis, nur durch die Tür direkt neben dem Eingang fiel Licht. Das war das Büro des Nachtdienstes.

In Rixtown befand sich zwar das Hauptquartier der Inselpolizei, aber nicht der Schwerpunkt des Verbrechens. Und so genügten zwei Constables, um die Sicherheit der Bürger des Nachts zu gewährleisten.

Muldin hatte am Telefon in der Tat aufgeregt geklungen. Man habe eine Wilde gefangen und benötige seine, Bermons, Unterstützung als Dolmetscher. Der alte Polizeibeamte schüttelte den Kopf. Das wildeste, das ihm in Rixtown bislang untergekommen war, war ein durchgegangenes Kutschpferd gewesen.

Nomed erschien mit dem Rollstuhl und setzte seinen Ziehvater hinein.

Im Büro sah es wüst aus, zwei Beamte, deren Namen ihm nicht geläufig waren, versuchten, der Unordnung Herr zu werden.

„Das ist äußerst unrix“, entfuhr es Bermon.

Ein einäugiger Constable salutiert und zog ein säuerliches Gesicht. „Entschuldigen Sie bitte, Master Kommissar. Es gab eine ... Auseinandersetzung.“

„Schon gut. Wo sind meine Kollegen?“

„Bei der wilden Malloy.“ Er wies in Richtung der Zellen.

„Es gibt keine wilden Malloy“, stellte Bermon kopfschüttelnd fest.

Als Nomed ihn in den Zellentrakt schob, war er sich dessen nicht mehr so sicher. Das Mädchen in der Zelle hätte einem alten ethnologischen Lexikon entstammen können.  Muldin und McKay standen da wie zwei begossene Pudel und grinsten verlegen. Dann geschah es.

Das Mädchen starrte die Männer mit einem Ausdruck des Entsetzens an und sackte zusammen wie vom Blitz getroffen.  Täuschten ihn seine altersschwachen Augen? Hatte in diesem kurzen Augenblick das seltsame Amulett an ihrem Hals aufgeleuchtet? Er kam nicht zum Nachdenken, denn gleichzeitig polterte es hinter ihm.  Er blickte sich irritiert um. Nomed lag lang ausgestreckt auf dem Boden und zitterte am ganzen Körper.

McKay stürzte an ihm vorbei und beugte sich über den zusammengebrochenen Riesen.  „Er ist bewusstlos, Master Bermon.“

Muldin blickte ratlos von einem zum anderen.  „Das verstehe ich nicht …“

„Tragt Nomed in das Büro. Einen Arzt soll kommen. Und dann möchte ich einen Bericht“, befahl Bermon.

Es dauerte fast eine Stunde, die Uhren der herzoglichen Burg schlugen bereits Mitternacht, bis endlich ein Arzt erschien, ein verschlafen  dreinschauender Priester, der nichtsdestotrotz sowohl Nomed als auch das Mädchen eingehend untersuchte. Beide waren immer noch bewusstlos. Zunächst vermutete der Mediziner einen epileptischen Anfall, dann jedoch verwarf er die Diagnose wieder. Keiner der beiden Bewusstlosen hatte jene für diese Krankheit typischen Zuckungen gezeigt. Es blieb ein Rätsel.

Bermon ließ sich unterdessen einen ausführlichen Bericht der bisherigen Ereignisse geben.  Während die Constables ihren nächtlichen Rundgang wieder aufgenommen hatten, sammelten sich die drei Kriminalbeamten um den Schreibtisch und schlürften Tee.

„Überlegen Sie noch einmal, Master McKay. Was hat dieses Mädchen gerufen? Hat sie bestimmte Sätze oder Wörter wiederholt?“, sagte Bermon.

„Also, wenn sie sich beruhigt hatte, klang es wie … ’Scholle nie mein ohne’. Glaube ich.“ McKay raufte sich den blonden Vollbart. „Ich bin mir aber nicht sicher. Und wenn sie wieder wütend wurde, brüllte sie ständig ‚Sonn ab pick’ oder so ähnlich.“

„Das sind nicht wirklich hilfreiche Informationen“, spottete Muldin, aber Bermon unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

„Lassen Sie das meine Sorge sein, Master Muldin. Ich bin durchaus in der Lage, aus lautmalerischer Wiedergabe annähernd korrekte Übersetzungen zu extrapolieren.“

Muldin schluckte den Tadel wortlos.

„Ich habe vor einigen Jahren den Dialekt der Sklaven studiert und mit Aufzeichnungen aus dem 16. Jahrhundert verglichen“, fuhr Bermon fort und kritzelte geschäftig in seinem ledernen Notizbuch. „Ich gehe also davon aus, dass ‚Scholle nie mein ohne’ ein Name sein könnte.“

Muldin und McKay wechselten Blicke des Unglaubens.

„Die Malloy kannten, wie unsere Vorfahren, Clanverbände. Es gab einen  solchen Clan, aus dem mehrere berüchtigte Anführer der  Malloy hervorgingen. Der Name dieses Clans lautete NiMahony. Das zum ersten. Der zweite Satz hat vermutlich eine Bedeutung, die ich nicht wiedergeben möchte.“

„Lassen Sie mich raten“, sagte Muldin, „Der Satz ist äußerst unrix.“

„In der Tat. Er handelt von, sagen wir einmal, sehr ungewöhnlichen geschlechtlichen Praktiken und bezieht sich auf Ihre Mutter, Master McKay.“ Kris McKays Gesicht lief tief rot an.

Bermon trommelte mit dem Bleistift auf der Tischplatte. „Haben Sie das Amulett des Mädchens, Master Muldin?“

Der Einbeinige reichte es seinem Vorgesetzten. Bermon wog das fremdartige Schmuckstück prüfend in der hohlen Hand. Der Stein machte keine Anstalten, zu leuchten oder etwas anderes zu tun als eben vorhanden zu sein. Er war in dunkles Holz gefasst und hatte die Form eines Auges.

Der alte Polizist kannte diese Art von Schmuck. Als er den stumm weinenden Nomed vor Jahren in den rauchenden Ruinen des kleinen Dorfes im Sumpfland entdeckte, trug der Junge nichts als eine alte Pferdedecke und ein Amulett wie dieses. Der Stein, den Nomed seit dem am Hals trug war allerdings von der Farbe fetter, dunkler Kohle. Ein Auge aus schwarzem Quarz.

*

Hinter dem  Büro der Direktorin der Hohen Schule von Rixtown gab es einen weiteren Raum, eine leere Kammer mit einem meist verschlossenen Wandschrank. In dem Schrank befand sich ein altmodischer, noch mit Handseilen betriebener Paternoster. Der Schacht dieses Aufzuges führte tief in die unteren Gewölbe der Hohen Schule, weit unterhalb der Ebene der gewöhnlichen Keller. Trat man nach mühevollem Hinabhangeln aus dem Paternoster, so blickte man in einen steil nach unten, geradewegs in die Eingeweide des Monx Hill weisenden Gang. Auf beiden Seiten des Aufzuges waren  Treppenaufgänge angebracht. Folgte man nun diesem Gang etliche Dutzend Schritte, so stieß man bald auf ein mit Eisen beschlagenes Tor, das den Weg sperrte.  Aus der Mitte dieses Tores ragte ein bronzener Trichter, als hätte ein verzweifelter Musikant ein Blasinstrument in das massive Eichenholz gerammt.

Dort stand Professorin Eliza Wilding de Gowain, einen Karton in den Händen, und rang um Fassung. Sie sprach in den Trichter. „Werter Archivar, Ihr selbst habt mich doch gebeten, die seltsame Veränderung dieses Artefaktes zu ergründen!“

„Habe ich das? Und wenn, was wollt Ihr nun im Archiv?“, quäkte es aus dem Bronzestück.

„Ich bringe das Artefakt zurück und benötige Eure Hilfe bei weiteren Recherchen.“

„So, so, benötigt Ihr das? Glaubt Ihr, ein jeder kann ohne weiteres das sorgfältig gepflegte Archiv durcheinander bringen? Glaubt Ihr das wirklich?“

„Erstens bin ich wahrhaftig nicht jeder …“

„Ach was, seid Ihr nicht?“, unterbrach der Archivar. „Direktorinnen der Hohen Schule kommen und gehen, das Archiv aber besteht seit der Gründung der Kolonie.“

„Ihr öffnet jetzt das Tor oder ich veranlasse, dass Ihr die nächsten Wochen von Weißbrot und Maiskolben leben müsst!“

Das Tor öffnete sich quietschend.

Der Anblick des Archivs war für Eliza immer wieder atemberaubend, obwohl die Gelehrte es schon so oft betreten hatte. Reihe um Reihe drängten sich die Regale und Schränke aneinander und schienen in der Weite der Halle zu einem Nebel von Kartons, Schatullen und Kisten zu verschwimmen. Weit entfernt am anderen Ende des riesigen Gewölbes war die vermutlich älteste erhaltene Inschrift in großen Lettern in die Wand gegraben: Jamaica.

Die Bedeutung des Wortes war über die Jahrhunderte ein ungelöstes Rätsel geblieben. Wer oder was war ein Jamaica?

Nur eines stand fest, wer immer diese unverständliche Nachricht hinterlassen hatte, er lebte als die Vorfahren der Rix noch in ständiger Fehde liegende, halb wilde Clanleute waren.

Der Archivar riss Eliza den Karton mit dem Gral aus den Händen.

Er war ein  unglaublich dicker, uralter Mann mit riesigen, schweren Brillengläsern und einer dunklen Warze am Kinn.

Er trug einen schmuddeligen grauen Kittel von den Ausmaßen eines Kinderzeltes, dessen zahllose Taschen so voll gestopft waren, dass sie zu platzen drohten.

„Mary! Einordnen!“, brüllte er in den Raum hinein. Sekunden später erschien eine junge, magere Schwarze hinter einem der Regale, nahm wortlos den Karton entgegen und verschwand wieder in dem Dickicht aus Regalwänden und Kisten.

„Das Mädchen macht sich gut“, plapperte der Archivar. „Zumindest für den Anfang.“

Eliza blickte den dicken Greis irritiert an.  „Wir haben sie Euch vor zehn Jahren zur Assistentin gegeben.“

Der Archivar  wedelte abwehrend mit den Händen. „Was sind schon zehn Jahre? Ist das was? Nichts ist das. Blutige Anfängerin. Und was wollt Ihr jetzt?“

Er wühlte in einer der Kitteltaschen und zog etwas heraus, das entfernt an ein Stück Marmorkuchen erinnerte. Eliza zog eine Braue hoch.

„Das Artefakt, dieser so genannte Gral, wurde unter der Herrschaft von Duke Francis II. entdeckt“, sagte sie schließlich. „Gibt es weitere Hinterlassenschaften jener Expedition, die um 1610 in die Blue Mountains unternommen worden ist?“

Der Archivar  zupfte bedächtig Fusseln und undefinierbaren Schmutz von dem Kuchen. „Ob es weitere Hinterlassenschaften gibt? Was für eine Frage! Natürlich nicht! Gar nichts, nur das dumme Ding.“

„Aber vielleicht gibt es im Archiv Gegenstände aus dem Besitz der Expeditionsteilnehmer, die weiter helfen könnten? Zum Beispiel etwas von meinem Vorgänger Doktor Sandor Darkmon?“

„Darkmon?“ Der Archivar zuckte zusammen, biss dann aber herzhaft in das undefinierbare Stück Kuchen. „Mary! Hol uns das Artefakt 5472! Aber hurtig!“

Artefakt 5472 entpuppte sich als ein alter lederner Rucksack. Eliza leerte ihn auf einem leeren Regalbrett aus.

Er enthielt einen schmucklosen Ring, einen ebenso schlichten eisernen Schlüssel und ein großes, in dunkles Leder gebundenes Buch.

„Zu welchem Schloss mag er gehören?“, murmelte Eliza ratlos.

„Dumme Frage, wahrhaftig dumme Frage. Zu einem Schloss, das dem Leiter der Hohen Schule gehört.“ Der Archivar kaute laut schmatzend und wandte sich ab.

Eliza schüttelte unwillig den Kopf und schlug das Buch auf. Eine krakelige Handschrift füllte Seite um Seite. Zuweilen waren Blätter herausgerissen, zum anderen mit dunklen Flecken bedeckt, aber der größte Teil des Textes war noch gut lesbar. Auf der ersten Seite jedoch stand nur ein einziger Satz: Tagebuch und  Reisebericht des bescheidenen aber gelehrten Doktor Sandor Darkmon zu Rixtown.

Eliza klappte das Buch zu. „Das werde in Ruhe durchlesen.“

Der Archivar fuhr herum und versuchte, der Gelehrten das Tagebuch aus den Händen zu reißen. „Das bleibt hier!“ Der dicke Greis starrte seine Vorgesetzte mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an. „Bitte.“

Eliza nickte langsam. „Ganz ruhig, Master Archivar. Ich kann  es auch hier lesen.“ Wovor hatte der Mann Angst?

 

24. April 1610

Tagebuch des Doktor Sandor Darkmon

Es war mir vormals gar selten vergönnt, den Ruf meines erlauchten Herrschers zu vernehmen. Zu unwirklich und unbedeutend dünkten Ihrer Durchlaucht die Beschäftigungen der Gelehrten, deren Oberhaupt zu sein ich das Vergnügen und die Pflicht habe.

Es wäre jedoch vermessen zu behaupten, dass meine Ohren den Ruf des Duke of Rix vermisst hätten, denn wenn er erklang, dann wurde er begleitet von Waffengetöse und Kriegslärm, welche beide zu gleichen Teilen der Schärfung des Verstandes und dem Erhalt des leiblichen Wohlergehens meiner Person nicht zuträglich sind.

Nichtsdestotrotz geschah es also, dass ich kläglich und von den Genüssen meines Abendmahles fort gerissen von zwei kräftigen Muldin in eine düstere Kammer in einen Seitenflügel der Herzogsburg gezerrt wurde.

Es schmälerte meinen Verdruss keineswegs, in jener Kammer an einem einfachen Tische sitzend zwei Leidensgenossen vorzufinden.

Der eine von beiden war mir so wohl bekannt wie aus tiefstem Herzen verhasst, nämlich der vorgeblich so ehrenwerte  Reverend Baldor Bingon de Gowain in seinem nicht grundlos blutig roten Ornat. Sein bloßer Anblick genügte in jenen Tagen, jedem Sünder alle Vergehen gestehen zu lassen. Aus mir unerfindlichen Gründen bevorzugte Reverend Baldor ein Verfahren zur Überprüfung jedweder Aussage, das zwangsläufig mit dem Tode des Beschuldigten endete.

Seine hagere Gestalt allein mahnte in ihrer gesamten Physiognomie an den leibhaftig gewordenen Sensenmann unseliger Ammenmärchen.

Nun jedoch an jenem düsteren Ort zu nächtlicher Stunde wirkte er zu meiner Freude nicht weniger erschrocken denn meine bescheidene Person.

Die zweite Person in jener Kammer schien mir nur vage in Erinnerung, etwa in dem Maße, in dem sich ein Lehrender an einen mittelmäßigen und gar allzu unauffälligen Schüler zu entsinnen mag, der bereits vor Jahren die Lehrstätte verlassen hatte.

Es handelte sich um eine hagere junge Frau in dem weißen Habit der Heilkundigen, die allem Anschein nach noch nicht so viele Jahre in Praxis hinter sich hatte. Nun mag es durchaus sein, dass mir jene Dame während ihrer Ausbildung über den Weg gelaufen war, doch muss ich anmerken, dass ich der Leibeslehren nicht sonderlich hold war. Meinem ganzen prallen Leibe sah man an, dass mein Metier weniger körperlich anstrengender Art war. In der Tat sind mein Spezialgebiet die Historik und die Geisteslehre, Fachgebiete, die mir nobler scheinen und doch auf ihre ganz eigene Weise auch den Leib bilden.

Und derweil wir uns mehr oder minder verwirrt und verschlafen im Scheine einer Kerze musterten, erklangen wuchtige Schritte und alsbald wurde die Tür mit großem Schwung aufgeworfen und er, unser Herrscher, stand unvermittelt in Persona vor uns. Unzweifelhaft wies sein mächtiger Körper daraufhin, dass sein erlauchtes Geschlecht aus einer Sippe von Schmieden hervorgegangen war. Er starrte uns aus funkelnden, dicht bei einander sitzenden dunklen Augen an, die in Adelskreisen als Zeichen herzoglichen Blutes galten, nach meiner unmaßgeblichen Ansicht jedoch als das Werk erfolgreicher generationenlanger Inzucht interpretiert werden können.

„Wohl an“, näselte Duke Francis of Rix und klopfte mit der Faust auf seinen Brustharnisch. „Es gibt Zeiten, da sich das Schicksal der Völker in der Hand weniger Auserwählter befindet. Menschen mit Wagemut und der Kraft, Dinge zu tun, die Menschen nicht tun, die nicht die Kraft besitzen …“

Wir starrten den Herzog verständnislos offenen Mundes an.

In seinem Schatten stand bisher schweigend ein Mann in einem dunklen Gewand, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Nun brach er höflich räuspernd sein Schweigen.

„Eure Hoheit. Die Zeit drängt.“

„Recht gesprochen, Sir MacDrass.“ Der Duke seufzte. „Eine dringende Aufgabe führt mich in die verbotenen Stätten in den Bergen. Unser aller Zukunft hängt davon ab. Und ihr dürft mich begleiten.“

Ich spürte meinen Atem schwinden und alle Farbe aus meinem Gesicht. Den anderen beiden erging es gleichermaßen, nur Reverend Baldor wagte es, seine Stimme zu erheben. „Eure Durchlaucht. Welchen Zweck hat diese Fahrt und wann haben wir bereit zu stehen?“

Der Duke lachte, dass es einem Ziegenbock zur Ehre gereicht hätte. „Ihr werdet erfahren, was ihr wissen müsst. Zu seiner Zeit. Und die Reise beginnt jetzt.“

Und so brach ich zu meiner größten und gefährlichsten Fahrt auf, unwissend, hungrig und zu Tode geängstigt.

 

25. April 1610

Es war also kurz nach dem letzten Glockenschlag um Mitternacht, da wir zu dritt eine schlichte Kutsche bestiegen, derweil ihre Durchlaucht und der mir  geheimnisvoll erscheinende Sir MacDrass uns hoch zu Ross begleiteten.

Die Mission sei so wichtig wie geheim zu halten, wir reisten inkognito.

Ich kann nicht behaupten, dass eine holprige Kutschfahrt durch die finstere Nacht zu den größten mir denkbaren Annehmlichkeiten gehörte, doch das zerknirschte Gesicht des Reverend, dem Unauffälligkeiten und mangelnder Luxus sichtbar zuwider waren, erhellte mein Gemüt derart, dass ich rasch in einen sanften Schlummer fiel. Als unser Gefährt sein Schaukeln einstellte, erwachte ich prompt.

Schlaftrunken linste ich aus dem Seitenfenster der Kutsche und erkannte, dass wir offenbar in Fyphorville angelangt waren. Wir standen auf dem großen Platz am Hafen.

Die armselige Hütten der Köhler und Holzknechte säumten die Hügel oberhalb des Platzes und sorgten für einen auffälligen Kontrast zu den prächtigen Fachwerkbauten der Händler am Ufer, von der protzigen Festung auf dem höchsten Hügel des Städtchens ganz zu schweigen.

In der Festung gab es einen Festsaal, in den Chief Duncan Fyphor an besonderen Festtagen Bankette hielt, die den Ruf des Außergewöhnlichen trugen. Zu jedem dieser noblen Gelage wurde zur Gaudi des versammelten Clans ein origineller Gast vorgeführt, sei es ein dressierter Waldbewohner, ein verrückter Priester oder eben ein seltsamer Gelehrter.

Mitunter gelang es einem der natürlich nicht eingeweihten Gäste jedoch, den Spieß herum zu drehen. Mein Vortrag jedenfalls zum Thema der neuen Vererbungstheorien brachte die Menge zum Schweigen. Ich entsinne mich, dass das Gelächter abrupt abriss, als ich diese umstrittene Theorie am Beispiel von Chief Duncans Sohn erläuterte, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Kammerdiener aufwies …

Gott allein, den ich sonst gar allzu selten hinzu ziehe, weiß, wie ich es im folgenden Tumult bewerkstelligt hatte, aus der Festung mit heiler Haut zu entfliehen.

Der seltsame Sir MacDrass jedenfalls schob sich nun in mein Blickfeld. Er tuschelte mit einer außergewöhnlich feisten Gestalt  in feinster Clantracht. Ich musste nicht erst die drei bunten Federn auf dem schwarzen Bonnet und die grün-schwarz karierte Schärpe erkennen, um zu wissen, dass es nun galt, möglichst still und unauffällig in der Kutsche zu verharren.

„Teufel auch, das ist ein wahrlich starkes Stück“, brüllte Chief Duncan. „Ihr verlangt von mir meinen besten Waldläufer und das für diesen wohl lächerlichen Sold!“

„Es ist von größter Wichtigkeit und diskret zu behandeln“, murmelte MacDrass und zog einen prall gefüllten Geldsack aus der Kutte, der flugs in der Pranke des werten Chief verschwand.

„He, Bursche! Ja, du dort!“, brüllte Duncan über den Platz. „Bringe er mir den von Gott und seiner Mutter verfluchten Narbenmann. Und hurtig, sonst wird er meine Gerte spüren!“ Der Chief besann sich einen Moment. „Und dass er mir diskret vorgehe, verdammt sei er ansonsten!“

MacDrass aber wandte sich nun der Kutsche und damit ihren Insassen zu und hieß uns, das Gefährt zu verlassen. Nun war mir angst und Bange, denn zwar saß ich dem Ausstieg als nächstes, doch wäre ich in jener Lage gern ein schlanker Jüngling und nicht der wohlbeleibte alte Doktor Sandor Darkmon gewesen.

Und da ich noch zögerte, gab mir der Reverend Baldor voller Ungeduld einen unsanften Schubs, der mich zur Türe hinaus beförderte. Mehr stolpernd denn wandelnd fand ich mich so vor den Füßen des feisten und gar ungelehrten Chief Duncan wieder. Was gab dies eine Freude des Wiedersehens!

„Bursche“, ereiferte sich der hohe Herr. „Diese rote Nase! Diese Warze am Kinn! Da soll mich doch der Leibhaftige am Abend besuchen!“ Sprach es und riss mich am Hemdkragen hoch.  „Der unverschämte Doktor! Bei meiner Ehre als Clansman, wir haben noch eine Rechnung offen!“

Obgleich ich für gewöhnlich ein Meister des Wortes war, so fehlte mir nun schlicht die Luft zum Reden. Ein anderer ergriff das Wort, ganz unverhofft.

„Lass ihn los, befehle ich“, sprach der Duke ruhig, aber bedrohlich.

Er steckte gänzlich ungewohnt in der Kluft eines gewöhnlichen Schreibers und trug zur Tarnung eine dunkle Kappe weit ins Gesicht gezogen.

„Schweige er“, herrschte ihn der Chief an, nicht wissend, wen er vor sich hatte. „Auch dein entsetzlich hässlicher Anblick kommt mir bekannt vor.“

„Mein Antlitz ähnelt vielen edlen Männern in der Hauptstadt, Chief. Ich bin ein de Gowain und somit von edelstem Blut.“

Der Chief lachte, dass sein Doppelkinn erbebte und ich dazu. „In Rixtown bist du vielleicht der Herr über Akten und Dienstboten, weil einst ein Herzog deine Ahnin schändete, hier aber bist du nichts als Hundedreck.“

Kaum schwang er ein solch unverschämtes Wort, da hatte der  Duke ihn seinerseits am Schlafittchen. Seine Durchlaucht war deutlich größer und kräftiger als der angeberische Chief.  Ich aber fiel erneut zu Boden und gewahrte, dass weiteres Unheil im Schwange war. Von all der Streiterei herbei gelockt, umringte uns ein großer Haufen des Fyphorvolkes.  Musketen sah ich, Messer und manchen Prügel. Das Ende unserer Reise schien gekommen, kaum dass sie begonnen hatte. Und das allein aufgrund meiner Gelehrsamkeit!

Was nun geschah, ermahnt einen jeden, sich nicht von Vorurteilen lenken zu lassen. Die Stimme einer Frau erklang. Es war die Heilerin, die ich für scheu und gewöhnlich erachtet hatte, bislang war ihrerseits nicht ein Wörtchen gefallen.

„Haltet ein“, sagte sie und kletterte aus der Kutsche.

Der Chief musterte sichtlich voll Spott ihre magere Gestalt. „Glaubt nicht, dass die Anwesenheit einer Dame uns an einem Ehrenhandel hindert“, keuchte er im Griff des Duke und setze noch hinzu. „Und wenn ein Weibsbild mit solch Gesindel reist, kann es auch am Galgen enden.“

Sie aber hielt ihm ohne Zagen die Hand vor, als erwarte sie den Kuss eines Kavaliers. An ihrem Ringfinger prangte ein Siegelring.

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