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Die Seifensiederin

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

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ZWEITER TEIL

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Nachtrag

Anmerkungen zum Edikt

Danksagungen

Literaturhinweis

Es gibt Dinge, die man geschehen lassen muß,

auch wenn man weiß,

daß sie sich gegen einen wenden.

1.

Februar 1666,
Zentralmassiv, Frankreich.

Sie rutschten einen Abhang hinunter. Etwas verfolgte sie. Kein Mensch, ein Mensch wäre lauter gewesen. Man hätte das Knirschen des Schnees unter den Schuhen gehört, das Knacken von Ästen, das Keuchen von der Anstrengung.

Es mußte ein Tier sein.

Am Morgen, als sie von Arthun aufgebrochen waren, hatte man ihnen gesagt, daß sie nur immer dem Lauf des Flusses folgen müßten. Vielleicht fünf oder sechs Stunden bis Marly, dort gäbe es dann ein Wirtshaus. Sie waren dem Fluß gefolgt, aber sie hatten Marly auch nach acht Stunden noch nicht erreicht. Inzwischen war es dunkel, zu dunkel für einen, der den Weg nicht kannte.

Armand blickte auf. Die Wipfel der Bäume, darüber der Mond. Wolkenfetzen schoben sich davor, immer dichter wurden sie. Noch kein Licht einer menschlichen Behausung weit und breit, dafür dieses Wesen, das sie verfolgte, seit in Liberas Fuß die blutende Wunde klaffte. Wie ein Schatten klebte es an ihnen.

Er griff nach dem Messer in seiner Tasche. Immerhin, ein Messer besaß er. Doch was würde es ihm und den beiden Frauen schon nützen, wenn ein Rudel Wölfe über sie herfiele?

Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als er ihn auch schon wieder verwarf: Nein, es waren keine Wölfe. Kein Rudel, auch kein Streuner. Was immer es auch sein mochte, es war gefährlicher als ein Wolf. Vielleicht doch ein Mensch. Oder der Teufel.

Am Fuße des Abhanges blieben sie keuchend liegen. Ambra beugte sich über Libera, ihre Mutter, die leise wimmerte. Sie wischte ihr mit dem Rock den Schweiß von der Stirn, sah dann ihren Vater an. »Und wenn wir ihr mehr von der Paste geben?«

Armand schüttelte den Kopf. Die Paste aus Schlafmohn und anderen Kräutern half, den Schmerz zu ertragen, aber sie mußten vorsichtig damit sein. »Zu viel davon, und sie verliert das Bewußtsein.«

Sie hatten darüber nachgedacht, eine Bahre zu bauen und Libera zu tragen. Aber Ambra war erst siebzehn Jahre alt, und wenn sie ihre Mutter an Länge auch um eine Handbreit überragte, so war sie doch nicht kräftig genug, über eine weite Strecke so schwer zu tragen.

Armand zog seine Frau hoch und packte sie sich auf die Schulter. So gingen sie weiter.

Seit sie den Abhang hinuntergerutscht waren, befanden sie sich in der Schlucht. Vorher hatten sie den Fluß nur von oben gesehen, nun war er direkt neben ihnen. Der Mond spiegelte sich auf seiner Oberfläche. Zwischen Fluß und Fels war kaum Platz genug, daß drei nebeneinander gehen konnten.

Plötzlich machte der Fluß eine Kehre nach rechts und floß wieder in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Armand starrte auf die schwarze Felswand, die sich am anderen Ufer vor ihnen erhob, und fluchte leise. Fluß, Felsen, dichtes Unterholz im Wald – sie saßen in der Falle.

Die Bestie war die ganze Zeit hinter ihnen gewesen, doch nun befand sie sich plötzlich rechts, ein Stück über ihnen. Er spürte es, obwohl er sie nicht sehen konnte. Auf einmal war ihm klar, daß das vermaledeite Etwas sie gar nicht verfolgt hatte. Nein, es hatte sie vor sich her in eine Falle getrieben. Die Falle war der Fluß.

Armand blieb stehen. Er ließ Libera von der Schulter gleiten. Mit dem unverletzten Fuß fing sie sich ab, Ambra griff ihr unter die Arme und hielt sie fest.

Noch einmal sah Armand nach oben. Die Wolkendecke riß wieder auf. Der Mond war fast voll, der Schnee spiegelte sein blasses Licht wider.

Plötzlich konnte er die Bestie erkennen. Kein Wolf, kein Mensch, es war ein Hund, der nur einen Steinwurf von ihnen entfernt stand. Er war viel größer als ein Wolf und hatte Pranken wie ein junger Bär. Das Tier zog die Lefzen hoch, ein Knurren war zu hören.

Armand entriegelte die Sprungfeder seines Messers. Mit leisem Klicken klappte es auf, und für einen kurzen Moment blitzte das blanke Metall im Mondlicht.

Dieses Geräusch schien der Hund zu kennen, sofort duckte er sich.

Sie hielten den Atem an, und auch das Tier hielt den Atem an. Dann winselte es plötzlich. Es kauerte geduckt da und winselte. So starrten sie sich an. Drei Menschen und ein Hund, so groß wie ein Kalb.

Armand dachte nach. Obwohl er schon zweiundvierzig Jahre alt war, fühlte er sich stark genug, einen Mann niederzuringen, aber mit diesem Hund wollte er es nicht aufnehmen. Würde auch er sich noch verletzen, wären sie endgültig in dieser verdammten Höllenschlucht verloren.

»Wir kommen heute nicht mehr weiter. Wir müssen Feuer machen und die Morgendämmerung abwarten.« Er half Libera, sich zu setzen, lehnte sie gegen einen Baum.

Mit angstvollem Blick sah sie ihn an. Sie wußte wie er: Selbst wenn es ihnen gelang, Feuer zu entfachen, würden sie vielleicht erfrieren. Sie hatten nicht viel mehr bei sich, als sie am Leibe trugen, und ihre Schätze, die in kleinen Taschen in Liberas Unterrock verborgen waren. Genug, um in Paris ein neues Leben zu beginnen, aber nicht genug, um in dieser Wildnis zu überleben.

Trotzdem, sie hatten keine Wahl.

Holz lag genug herum. Armand zog vorsichtig einen der Äste zu sich heran. Der Hund hob die Lefzen, knurrte leise. Armand ging zwei Schritte, faßte einen anderen Ast und schob ihn zu den Frauen hin. Sie redeten nicht. Sie wußten alle, worum es ging. Der Hund, die Frauen, er.

Sie brachen die Äste und Zweige. Es knackte so laut in der Dunkelheit, daß es sich anhörte, als würden ganze Bäume zerbersten.

Was sie brauchten, um Feuer zu machen, hatten sie bei sich. Armand zwirbelte ein Stück der Kordel auf. Feuerschläger und Stein schlugen leise klickend aneinander. Feuchtes Holz zu entzünden war für einen wie ihn, der einen Schiffbruch und siebzehn Jahre auf einer Insel wie Perim überlebt hatte, eine leichte Übung. Das Biest dort drüben hingegen machte ihm Sorgen.

Als das Feuer knisterte, atmeten sie alle auf. Sogar der Hund. Er kroch ein Stück näher. In seinen Augen sah man die Flammen lodern.

Armand nahm einen brennenden Zweig und hielt ihn über die Wunde an Liberas Fuß. Sie war in der Dunkelheit in eine Schnappfalle geraten, die eisernen Zinken hatten sich durch ihren Schuh hindurch in ihr Fleisch gebohrt. Sie hatten sie aus der Falle befreit und ihr gegen die Schmerzen etwas von der Paste aufs Zahnfleisch gestrichen. Danach hatten sie Ambras Unterrock in Streifen gerissen, Libera einen Stock zwischen die Zähne geklemmt, einen der Lappen mit Branntwein aus der Zinnflasche beträufelt und dann ihren Fuß verbunden.

Gehen konnte sie nicht mehr, Armand mußte seine Frau tragen. Später, als ihn die Kraft verließ, hatten sie Libera zwischen sich genommen, ihre Arme um ihre Schultern gelegt und sie mit sich geschleppt. Jeder Schritt war eine Qual für sie alle, und Libera war dabei vor Schmerzen halb ohnmächtig geworden.

Auch Ambra beugte sich nun über die Wunde. In ihren großen, dunkelbraunen Augen nistete Angst. Angst um die Mutter, Angst um den Vater und um ihr eigenes Leben.

An einem anderen Ort hätte ihr Vater die Verletzte mit Hilfe der Paste in einen tiefen Schlaf versetzt. Er hätte die Wunde gereinigt, den Fuß geschient, Maden in die Wunde gesetzt und ihr Stunde um Stunde einen Sud von heilenden Kräutern eingeflößt.

In dieser Wildnis aber war auch er machtlos.

Ihre Eltern waren Heilkundige. In der anderen Welt, aus der sie kamen, hatten sie Kräuter getrocknet und zur Heilung verschrieben, Wunden behandelt, wenn nötig auch in Fleisch geschnitten. Außerdem hatten sie Seife gesiedet und den Saft gegorener Früchte destilliert. Dafür hatten sie Fisch bekommen, Korn oder Stoff oder was man sonst noch brauchte. Man lebte, man gab, was man hatte, und wer nichts hatte, gab seine Arbeitskraft.

Das Leben auf Perim war nicht einfach gewesen, aber auch nicht schlecht. Sie hatten ein gewisses Ansehen genossen. Der Schiffbrüchige und die Sklavin, ein Mann und eine Frau, denen ein zweites Leben geschenkt worden war. Wenn Gott sie so liebte, mußten die Menschen sie achten.

Sie hatten es gut gehabt, bis die große Welle gekommen war.

Zwei Söhne hatten Armand und Libera an das Meer verloren, nur Ambra, das älteste ihrer Kinder, war ihnen geblieben. Ihr Haus war zerstört worden, der ganze Ort wie vom Erdboden verschluckt. Wären die Eltern und Ambra nicht gerade, als das Meer über das Land herfiel, auf dem Berg gewesen, um wilde Durrha zu ernten, hätten auch sie ihr Leben verloren.

Zuerst wollte Libera ihren Söhnen in den Tod folgen, doch dann hatte sie in die dunklen, von Trauer gebrochenen Augen ihrer Tochter gesehen und erkannt, daß ihr Kind sie noch brauchte. Also mußte sie weiterleben – doch nicht auf Perim. Nicht angesichts dessen, was sie verloren hatten!

Libera wollte fort, in die Heimat ihres Mannes, nicht ahnend, wie kalt es dort war. Nicht ahnend, daß dort Scheiterhaufen brannten, daß die Menschen von Ungeziefer aufgefressen wurden und stanken wie die Pest, weil sie sich nicht wuschen, und daß es schon eine Sünde sein konnte, arm zu sein, die Wahrheit zu sagen und Kranke zu heilen.

Als Libera elf Jahre alt gewesen war, starben ihre Eltern am Fieber, und ihr Onkel verkaufte sie an einen Händler. »Es gibt zu viele Mädchen auf der Insel und zu wenig von allem, was man zum Leben braucht«, sagte er, und sie nickte und fügte sich.

Der Händler brachte sie nach Shibam und verkaufte sie an Salem Handum, einen reichen Kaufmann, der sie zuerst in seine Küche schickte und zwei Jahre später in sein Bett holte. Dennoch war er gut zu ihr, und als er entdeckte, daß sie nicht nur schön, sondern auch klug war, erlaubte er ihr, zusammen mit seinen drei Töchtern das Lesen und Rechnen zu erlernen und die Kräuterkunde, denn er handelte mit Kräutern, Gewürzen, Kaffee, Weihrauch und Seifen, die in seinem Hause hergestellt wurden.

Libera war ihm weiterhin zu Diensten, darüber hinaus aber wurde sie fast wie eine Tochter behandelt.

Dann kam Salem Handum eines Tages von einer seiner Reisen zurück und sagte: »Pack ein, was du hast! Ich werde dich an einen Mann verschenken, der aus einer anderen Welt kommt, einem Land, das Frankreich heißt.«

Zusammen waren ihr Herr und der Fremde auf einem Schiff gereist und vor Perim, im Bab el Mandeb, dem Tor der Tränen, gesunken. Sie hatten dabei alles verloren, ihr ganzes Hab und Gut, und der junge Mann verlor sogar seinen Vater, mit dem er auf dem Schiff gewesen war. Ihm jedoch, Liberas Herrn, hatte er das Leben gerettet, und darum war Salem ihm etwas schuldig.

Es war Armand, dem sie geschenkt wurde. Armand Lebrun aus Marseille, ein großer, schlanker Mann von fünfundzwanzig Jahren. Sein Haar war so dunkel wie ihres, aber seine Augen hatten die Farbe des Meeres.

Um Salem Handum nicht zu beleidigen, hatte Armand das Mädchen als Geschenk angenommen. Als sie aber das Haus des Kaufmanns verlassen hatten, sagte er ihr: »Du bist frei und kannst gehen, wohin du willst.«

Sie ging nicht, sondern blieb bei ihm, nicht nur, weil sie ohne ihn verloren gewesen wäre, auch weil sie ihn liebte, vom ersten Augenblick an.

Und er liebte sie.

Damals gab er ihr diesen Namen. Libera, die Freie. Er sollte sie immer daran erinnern, daß sie nicht seine Sklavin war. Ein Geschenk, ja, aber nicht sein Besitz.

Von dem Geld, das Armand von Salem Handum für einen Neuanfang bekommen hatte, wollten sie eine Schiffspassage nach Frankreich kaufen. Als sie jedoch sahen, daß ihnen danach nicht genug bleiben würde, um in Frankreich ein Leben in Würde zu führen, ließen sie sich nach Perim übersetzen.

Die Insel war Liberas Heimat, dort war sie aufgewachsen. Dreiundfünfzig Menschen und ein Vulkan. Ihr Onkel lebte nicht mehr, ihre Schwestern waren verheiratet oder verkauft, einen Bruder hatte sie nicht. Trotzdem erlaubte man ihnen zu bleiben. Sie waren zwei »Wiedergeborene«, von Gott geliebt, das war der Schlüssel zu den Herzen der Menschen.

Armand und Ambra hielten ihre Köpfe noch immer über die Wunde an Liberas Fuß. Als Armand seinen Finger auf das malträtierte Fleisch legte, stieß sie einen Schrei aus. Mit flehendem Blick sah sie ihn an. Nun, da sie gezwungen waren, die Nacht hier zu verbringen, konnte er ihr doch mehr von der Paste geben. Dann würde sie in ein Delirium sinken, und der Schmerz würde Flügel bekommen.

Armand nickte seiner Tochter zu. Ambra hob den Rock ihrer Mutter an und suchte in den verborgenen Taschen des Unterkleides nach der Medizin. Als sie wieder aufsah, bemerkte sie, daß der Hund näher gerobbt war. Im Schein des Feuers sah man nun seinen Atem dampfen. Als das Mädchen mit dem Finger über die Paste strich und dann in Liberas Mund fuhr, um die Paste auf dem Zahnfleisch zu verreiben, zitterte ihre Hand aus Angst vor dem Tier. Nie zuvor hatte sie einen so großen Hund gesehen. Schwarz das Fell, ein Gebiß wie ein Wolf, in den Augen spiegelte sich der Widerschein der Flammen. Er sah aus, als wäre er der Hölle entkommen.

Libera legte sich zurück. Unter den Kopf schoben sie ihr das Bündel, in dem sie ein paar wenige Gegenstände mit sich führten. Ihr Körper wurde bald schwerer, die Klagelaute gingen in ein Säuseln über.

Wieder hob Ambra den Kopf, wieder war der Hund näher gerückt.

Armand hielt das Messer in der einen Hand, den brennenden Ast in der anderen. Er mußte handeln. Vielleicht sollte er mit dem Ast nach dem Köter werfen, vielleicht würde ihn das Feuer in die Flucht schlagen. Ambra aber war dem Hund am nächsten, und wenn er sich in blinder Wut auf sie stürzte, wäre sie verloren.

Während Armand noch über all das nachdachte, stand seine Tochter plötzlich auf. Sie bot sich dem Hund an. Sollte er sie töten! Vielleicht würde es ihrem Vater gelingen, der Bestie noch im Sprung das Messer ins Herz zu rammen. Sie hoffte darauf. Wenn nicht, dann wäre es wenigstens ein schnelles Ende.

Sie stand da wie ein Baum. Sie war bereit.

Doch der Hund sprang nicht. Er duckte sich, er winselte, er kroch noch ein Stück näher und leckte den Schnee vor Ambras Füßen.

Ganz langsam fiel sie auf die Knie, streckte dem Hund ihre zitternde Hand entgegen, legte ihre Finger auf seine Schnauze, und dann lachte sie. Ihr Lachen war leise und ein wenig irre, ging bald in Weinen über.

Armand zog das Messer zurück. Er starrte den Hund an. Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Daß das Vieh einem Menschen gehört haben mußte. Daß es nun offensichtlich herrenlos war und herumirrte. Daß es sich ihnen anschließen wollte und daß es sie beschützen konnte. Daß sie Fleisch hätten, wenn es ihm gelänge, den Hund zu töten, ja, auch daran dachte er. Doch der wesentliche Gedanke kam ihm erst im Traum, als er erschöpft, mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt, für einen kurzen Moment eingeschlafen war.

Ein Hund, so groß wie ein Kalb! Ein Hund, so stark wie ein Löwe! So ein Hund konnte eine Bahre ziehen!

In den frühen Morgenstunden mußte Armand neues Holz besorgen. In der Nähe lag nichts mehr, er mußte ein Stück den Hang hinaufgehen. Als er aufstand, hob der Hund die Lefzen und knurrte, doch als Ambra eine Hand auf seinen Kopf legte und leise auf ihn einredete, ließ er Armand gehen.

Mit einer Fackel in der Hand verschwand er, kam bald mit Ästen und Zweigen zurück, brach sie und warf sie ins Feuer. Die Flammen loderten höher. Dann erzählte er Ambra, wovon er geträumt und was er sich ausgedacht hatte, um Libera aus der Schlucht zu schaffen.

Über den Bäumen schimmerte ein silbriger Streifen Licht. Die Dämmerung setzte ein. Im Vertrauen auf die Wachsamkeit ihres neuen Gefährten hatten sie sogar ein wenig geschlafen. Nun machte sich Armand auf, nach Ästen und Zweigen zu suchen, die sich zu einer Bahre zusammenfügen ließen. Ambra riß den Rest ihres Unterrockes in schmale und breitere Streifen. Damit schnürten sie die Zweige zusammen. Am Ende lag eine Bahre mit einer Gabeldeichsel vor ihnen und ein Geschirr für den Hund, das sie an der Deichsel befestigt hatten.

Als sie mit allem fertig waren, hoben sie Libera auf die Bahre, und Armand schlüpfte mit dem Oberkörper durch die Deichsel. Das Geschirr für den Hund hing vor seiner Brust. Er zog, Ambra ging neben ihm her, der Hund trottete neben Ambra her.

Man hörte ihre Schritte im Schnee, das schleifende Geräusch der Bahre, ihr angestrengtes Keuchen und Liberas Stöhnen. Auch ihren Hunger hörte man im Gedärm. Doch sonst war es still, als ob es nur sie in diesem Wald gäbe.

Nach einer Weile zog Ambra die Bahre. Der Hund beobachtete jede ihrer Regungen. Lange hielt sie nicht durch, vielleicht vier- oder fünfhundert Schritte, dann fiel sie keuchend auf die Knie.

»Ich kann nicht mehr.«

Der Hund winselte. Er fuhr mit seiner Schnauze in den Schnee und leckte Ambras Hand. Sie stand auf, redete auf ihn ein. »Guter Hund! Du bist stark. Du mußt einfach nur ziehen.« Sie schob das Geschirr über seinen Kopf, so daß es fest auf seiner breiten Brust lag.

Armand hielt dabei das Messer in der Hand, legte den Finger an die Verriegelung. Als Ambra sein besorgtes Gesicht sah, lachte sie. »Er wird mir nichts tun. Niemals! Ganz sicher nicht.«

»Komm!« Sie ging einfach los. Der Hund folgte ihr. Als er von dem Gewicht, das ihm unvermutet gegen die Brust schlug, zurückgerissen wurde, jaulte er auf. Er sah Ambra nach und bellte. Sie kümmerte sich nicht um ihn, ging einfach weiter.

Wieder lief er los, wieder wurde er zurückgerissen, aber dann stemmte er sich mit aller Macht und ganzer Wut gegen das, was ihn am Weitergehen hinderte. Seine Pfoten sanken tiefer in den Schnee, er jaulte und kläffte. Auf einmal gab das Gewicht nach. Er zog, er zerrte, und so folgte er Ambra. Sie lachte. »Dich hat uns der Himmel geschickt!«

Die Sonne stand bereits hoch, als sie auf den Weg mit den Wagenfurchen stießen. Sie waren tief in den Boden gegraben. Erleichterung stand auf ihren Gesichtern. Wagenfurchen! Das bedeutete, daß Menschen in der Nähe wohnten. Sie folgten der Spur aus dem Wald, dann sahen sie in der Ferne einen Kirchturm und rauchende Schlote über schneebedeckten Dächern. Es konnte Marly oder ein anderer Ort sein. Egal, Hauptsache, sie waren der Höllenschlucht entkommen.

2.

Das Haus lag am Ortsrand, es war eine jämmerliche Bruchbude. Die Wohnstube war so niedrig, daß Armand stehend mit dem Kopf beinahe an die Decke stieß. Viel gab es nicht – eine Feuerstelle zum Kochen, über der ein Kessel hing, einen Tisch und eine Bank, und in der Ecke eine Bettstatt mit einem Strohsack. Neben der Stube befand sich eine kleine Kammer mit einer schäbigen Truhe und einem Kasten zum Aufbewahren von Trockenfleisch, Mehl, Bohnen und was man sonst noch so brauchte, um den Winter zu überstehen. Von der Stube wiesen ein Fenster und eine Tür nach vorne auf den Weg, eine Tür nach hinten auf den Hof. Auf dem Hof waren ein halb verfallener Stall, ein Bretterverschlag und eine Mistgrube. Hinter der Mistgrube ein Feld und drei Obstbäume, die aber so alt waren, daß sie wohl kaum noch tragen würden.

Es war die einzige Bleibe, die sie bekommen konnten. Den schwarzen Hund wollte keiner in der Nähe haben, die Frau war sterbenskrank, der Mann hatte einen Blick, der den Leuten nicht geheuer war, und das Mädchen war so schön, daß nur der Teufel dahinterstecken konnte.

Wo sie auch klopften und fragten, hatte man sie weggeschickt. Doch dann kam ihnen einer nachgelaufen, zog sie mit sich, bot ihnen diese Kate an. Besser als nichts. Armand bezahlte die Pacht im voraus für einen Monat, sie gingen hinein und zogen die Tür hinter sich zu.

Sie legten Libera auf die Bettstatt und deckten sie mit ihrem Wolltuch zu, dann sank Ambra auf die Bank und weinte vor Erschöpfung und vor Scham. Noch nie hatte sie so hausen müssen.

Auch der Hund war kraftlos zusammengebrochen, nur Armand blieb auf den Beinen. Er sah sich um und suchte nach Holz zum Heizen. Im Bretterverschlag auf dem Hof fand er ein paar Scheite und ein altes, halb verrottetes Möbelstück, an dem er riß und zerrte, bis es in Stücke zerfiel. Das war seine Art, seiner Wut und seinem Entsetzen über all das Luft zu machen.

Er schichtete das Holz neben der Kochstelle auf und zündete ein Feuer an, dann ging er in den Ort, um das Nötigste zu besorgen.

Als die Tür knarrend ins Schloß gefallen war, wickelte sich Ambra die Lappen von den Füßen und streckte sie dem Feuer entgegen. Sie waren blau von der Kälte und rot verkrustet vom eigenen Blut. Das Fleisch lag an drei Zehen und an einer Ferse blank.

Zuvor hatte sie ihre Füße nicht gespürt, doch jetzt, vor dem Feuer, wo es langsam warm wurde und sie Ruhe fand, war es, als würden sie von tausend Nadeln durchstochen.

Tränen liefen ihr über die Wangen. Das Feuer knisterte. Draußen schlug eine Tür im Wind.

Dann stöhnte Libera, und Ambra sah auf, sah ihre Mutter an, die im Delirium den Kopf hin und her warf. Vielleicht träumte sie von Feuerbällen, die auf sie zurollten. Oder von schwarzen Löchern, in die sie hinabfiel, immer und immer tiefer.

Nach einer Weile war sie wieder still. Ambra drehte sich in die andere Richtung und blickte auf den Hund. Einen Moment dachte sie, er sei tot. Doch plötzlich hob und senkte sich sein Brustkorb. Einatmen, ausatmen und nichts mehr. Ambra zählte bis sieben, dann wieder einatmen, ausatmen. Der Hund war so erschöpft, daß er die Anstrengung des Atmens vermied, solange es nur möglich war.

Der Hund – sie konnten ihn nicht länger nur Hund nennen. Er hatte ihnen aus der Schlucht geholfen. Ohne ihn hätten sie Libera aufgeben müssen, oder sie wären alle verreckt. Also hatten sie ihm ihr Leben zu verdanken, und darum brauchte er einen Namen.

Der Name mußte etwas Großes bedeuten. Ambra dachte darüber nach. Derweil starrte sie ins Feuer, und das Feuer gab ihr die Antwort.

»Shibam!«

Auch auf Perim hatte sie oft ins Feuer gesehen, wenn sie abends zusammensaßen, um Tee zu trinken. Dann hatten ihre Eltern von früher erzählt, ihr Vater von seinen Reisen nach Indien und Afrika, ihre Mutter von der Wüste und der Stadt, in der sie gelebt hatte, bevor sie mit Armand auf die Insel gegangen war. Von den Karawanen, wie sie kamen oder fortzogen, von den Männern, die Kakaobohnen ab- und Weihrauch aufluden oder um Gewürze feilschten. Von den Basaren, den Karawansereien. Von den Kalkschlägern und Seifensiedern draußen vor der Stadt und von den Häusern, die so hoch waren, daß sie an den Himmel stießen! Wenn man hinuntersah von ganz oben, dann kamen einem die Menschen so klein vor wie Hühner. Und wenn man hinaufsah und oben winkte einer mit einem Schleier, dann dachte man, eine Taube flöge aus dem Fenster davon. An die fünfunddreißig Schritt hoch waren die Häuser, sieben, acht Stockwerke, aus Lehm hochgezogen! Von oben hatte man einen Blick über die Wüste, unvorstellbar weit. Man konnte vom Dach aus sehen, ob die Kalkschläger etwas taten oder nur faul herumlagen, ob die Seifensieder in ihren Kesseln rührten, ob eine Karawane kam oder ob fremde Krieger wieder einmal versuchen wollten, die Stadt zu stürmen.

»Ja«, sagte sie laut, »Shibam – so wie die Stadt der hohen Häuser hieß, so werde ich dich nennen.« Sie probierte es aus. »Shibam, Shibam.« Erst leise, dann lauter, und da hob der Hund den Kopf und sah sie an, als würde er begreifen, daß sie ihn meinte.

Armand kehrte zurück. Er hatte sich zwei an den Füßen zusammengebundene Hühner über die Schulter geworfen. Sie waren geschlachtet, ausgenommen und gerupft, und ihre Köpfe hingen schlaff herab. In den Händen trug er einen Zuber, und im Zuber hatte er Brot, Mehl, einen Ziegensack mit etwas Milch, eine Kelle, eine Holzschüssel und zwei kleinere Kessel. In einem der Kessel schwammen das Blut und die Innereien der Hühner.

Ihr Vater stellte alles auf den Tisch, griff in die Tasche seiner Jacke, holte vier Eier heraus und legte sie vor Ambra hin. Dann ging er mit dem leeren Kessel hinaus, füllte ihn mit Schnee, kam zurück und schüttete den Schnee in den großen Kessel über dem Feuer.

Alles geschah ohne ein einziges Wort. Hin und wieder warf er einen Blick auf seine Frau. Einmal, als Ambra aufstehen wollte, um ihm zur Hand zu gehen, drückte er sie auf die Bank zurück, schob ihr die Hühner hin und sein Messer, damit sie ihnen noch die Köpfe und Füße abschnitt und den Kropf herausholte.

Als das Wasser geschmolzen und handwarm war, schöpfte er etwas davon in die Schüssel und ging damit zum Zuber.

»Komm her und setz dich.« Er hob Ambras Füße in den Zuber. »Ich werde sie dir waschen. Es wird weh tun.«

Er ließ das Wasser darüberlaufen. Ambra schrie vor Schmerzen auf, zog den Fuß zurück. Ihr Vater hielt ihn fest, goß weiter, wusch die Füße, erst den einen, dann den anderen. Dann holte er aus Liberas Unterrock die Zinnflasche mit dem Branntwein, tränkte einen Lappen damit und tupfte die Wunden ab.

Ambra brüllte. Sie brüllte, weil es nicht auszuhalten war, aber sie brüllte auch, weil es ihr guttat zu brüllen. Zwölf Tage waren sie gegangen. Von Marseille über Avignon und Mende und weiter Richtung Clermont, das noch in unerreichbarer Ferne schien. Erst recht Paris, das ihr Ziel war. Zwölf Tage hatte sie nicht geklagt, nicht einmal gestern, als sie glaubte, sterben zu müssen. Aber heute wollte sie schreien! Schreien für das ganze Leid zwölf qualvoller Tage.

Draußen vor dem Haus ging eine Nachbarin vorbei. Sie hieß Lisette. Als sie drinnen ein Weib schreien hörte, bekreuzigte sie sich und lief schnell weiter. Wer so schrie, der mußte den Teufel im Leibe haben! Das erste, was Ambra sah, als sie die Augen öffnete, war das Feuer mit dem dampfenden Kessel darüber. Dann nahm sie ihre Mutter wahr, die hinter ihr lag und stöhnte. Ambra drehte sich zu ihr um. Noch immer hatte sie Fieber, aber ihr Körper war nicht mehr so heiß wie gestern.

Gestern! Ambra erinnerte sich. Sie hatten die Hühner gekocht. Shibam hatte die Köpfe und die Klauen, die Knochen, das Blut und eine gute Portion vom Fleisch bekommen. Er hatte es sich verdient. Dann hatten sie für Libera etwas Brühe mit Mehl angedickt, ein Ei in die Suppe geschlagen und sie ihr eingeflößt. Schließlich hatten sie selbst gegessen. Die Hälfte vom Fleisch, die Hälfte von der Brühe.

Danach hatten sie sich hingelegt und geschlafen, als wären sie tot. Zu dritt auf der Bettstatt. Ohne auch nur einmal aufzuwachen. Die ganze Nacht durchgeschlafen, bleischwer und traumlos.

Nun versuchte Ambra sich aufzurichten. Ein Schmerz fuhr ihr messerscharf in den Rücken. Sie zog die Luft ein und stieß sie wieder aus.

Plötzlich ging die Tür auf. Armand kam hinter Shibam herein. Der Hund lief gleich zu ihr und leckte ihr die Hand.

»Du bist wach?« Ihr Vater trat zu ihr und strich ihr liebevoll übers Haar. Sein Lächeln sollte ihr Mut machen. »Laß mich deine Füße ansehen.« Er wickelte die Lappen ab und betrachtete sie, erzählte ihr dabei, was er von den Nachbarn erfahren hatte. »Heute ist Markt. Ich werde hingehen und besorgen, was uns noch fehlt. Am anderen Ende der Stadt wohnt eine Kräuterfrau, bei der kann ich bekommen, was ich brauche, um Liberas und deine Wunden zu versorgen. Arnika, Benediktenkraut, Wacholderbeeren … Ich werde sehen, was sie hat. Bis ich zurückkomme, gib deiner Mutter den Rest Brühe mit Ei und eingeweichtem Brot. Und fülle den Zuber halb voll Schnee, damit er unterdessen schmelzen kann.«

Er wickelte Ambras Füße in frische Lappen und schob ihr Holzschuhe hin, die er im Schuppen gefunden hatte. Sie zog sie an, dann stand sie auf und bereitete die Morgenmahlzeit zu.

3.

Das Unglück kommt zumeist leise. Auch die Lebruns hatten nichts geahnt, bis es keine Möglichkeit mehr gab, ihrem Schicksal zu entkommen.

Zwei Wochen hatten sie in Marly gelebt, ohne sich um die Leute zu kümmern. Wenn Ambra und ihr Vater auf den Markt gingen, dann starrte man ihnen nach. Wie schön es war, das schwarzhaarige Mädchen mit den dunkelbraunen Augen seiner arabischen Mutter und der hochgewachsenen Gestalt seines französischen Vaters. So schön, daß man den Blick kaum von ihm lassen konnte. Die einen sagten, bei so viel Schönheit müsse man Gott preisen. Die anderen sagten, bei so viel Schönheit könne nur der Teufel im Spiel gewesen sein. Alle waren sich indes einig, daß es nichts Gutes mit sich brachte, wenn so eine den Männern die Köpfe verdrehte.

Ihrem stattlichen Vater dagegen sahen die Weiber nach. Wußte man, was für Begehrlichkeiten ihnen dabei im Kopf herumspukten? Sogar die scheuesten unter ihnen konnten es nicht lassen, wenigstens für einen Moment den Blick zu heben und ihm in die Augen zu sehen, Augen, so klar wie der Himmel nach einem Gewitter. Ein dunkles Blau von einem Leuchten durchflutet. Eine Tiefe, in der man sich verlieren konnte. Ein Tor zu seiner Seele. Dann dieses Lächeln, wenn ihm etwas gefiel oder auch wenn ihm etwas zu dumm erschien. Es war nicht mehr als ein Zucken um seinen Mund, aber konnte nicht auch ein einziger Funke ein Feuer entfachen?

Nur die Frau hatte noch keiner so richtig gesehen. Daß sie Fieber habe und krank sei, erzählten die einen. Daß sie vom Teufel besessen sei und irre Augen habe, meinten die anderen. Und daß sie es mit einem Hund triebe, der so groß sei wie ein Kalb, und dabei schreie wie eine Wahnsinnige.

Es störte die Lebruns nicht weiter, daß man sie von allen Seiten mißtrauisch beäugte und sich die Mäuler über sie zerriß. Sobald Liberas Fuß verheilt sein würde und sie wieder laufen konnte, würden sie diese Stadt auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Doch dann begannen die Menschen an Durchfall zu leiden. Innerhalb weniger Tage wurden 157 Bewohner der Stadt dahingerafft. Vor allem die Alten und die Kinder traf es. Ausgemergelt und verschrumpelt wie runzelige Äpfel sahen sie aus, grün waren sie im Gesicht, und sie starben wie die Fliegen.

Von den Lebruns wurde keiner krank, obwohl im Nachbarhaus gleich die ganze Familie zu Grabe getragen wurde. Das hatte nichts mit Zauberei zu tun. Es war, weil sie sich wuschen, weil sie ihren Kot in einem Loch vergruben und weil sie den Sud von aufgegossenen Kräutern und Wurzeln tranken. Doch für die anderen konnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. Und daß er, dieser Mann mit den seltsamen Augen, bei der Hebamme in der Jakobsgasse so oft ein- und ausging, machte ihn nur noch verdächtiger. Man wollte auch gesehen haben, daß er getrockneten Salbei anzündete und damit durchs Haus lief und Sprüche murmelte. Eines schien den Menschen in Marly sicher: Mit den Fremden war der Tod in die Stadt gekommen!

Zuerst munkelte man nur hinter vorgehaltener Hand, aber als Lisette, der Nachbarin, ihr einziges Kind starb, da wollte sie ihren Mund nicht länger halten. War das gerecht? Ihr Roland kam unter die Erde, und dieses Pack im Haus neben ihr, das schuld an allem hatte, durfte leben?

Mit ihrem toten Kind auf den Armen rannte sie über die Straße, die Finger in das leblose Bündel gekrallt, die Lippen zusammengepreßt. Ohne zu rufen oder an die Tür zu pochen, stemmte sie sich mit der Schulter dagegen und stieß sie auf. Die Tür krachte gegen die Wand, Schnee flog mit ihr in die Stube. Lisette hielt anklagend den Leichnam hoch, tat noch einen Schritt hinein – doch dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Was sie da zu sehen bekam, war gotteslästerlich und ekelerregend: Da saß die Frau vollkommen nackt in einem Zuber und verdrehte wollüstig die Augen. Die Tochter massierte ihr mit einem Stück Seife die Brüste, der Mann kniete vor ihr, seine Hände in den Zuber getaucht. Lisette konnte sich denken, was sie dort taten.

Die Scham trieb ihr die Röte ins Gesicht. Rückwärts stolperte sie wieder hinaus. Sie bekreuzigte sich dreimal und lief schreiend davon, das tote Kind an die Brust gepreßt.

Armand sprang auf. Er stieß die Tür wieder zu und schob den Riegel davor. Dann drehte er sich um und starrte Libera an.

Sie war blaß geworden, ihre Lippen bewegten sich murmelnd. Dreizehn Monate hatte sie in Marseille gelebt, lange genug, um zu verstehen, wie die Menschen in Frankreich dachten. Sie sah ihren Mann an, sah ihre Tochter an, aus ihren Augen sprach Angst.

Libera quälte sich auf, stand nun zitternd auf dem unverletzten Fuß im Zuber, den anderen hielt sie angewinkelt hoch. Die Wunde war inzwischen verheilt, doch die Knochen schmerzten noch. Auf zwei Krücken humpeln konnte sie, aber nicht laufen, und daß sie jetzt laufen mußten, wenn ihnen ihr Leben lieb war, brauchte ihnen niemand zu sagen.

Ambra griff nach einem Tuch, um ihre Mutter abzutrocknen. Eine Weile ließ Libera sie gewähren, dann hielt sie plötzlich den Arm ihrer Tochter fest. »Hol den Unterrock mit unseren Schätzen. Zieh ihn an und lauf, so schnell du kannst!«

»Aber wohin denn? Und was ist mit euch?«

»Kümmere dich nicht um uns! Du mußt fliehen!«

Ambra schüttelte den Kopf. »Nein, ich werde bei euch bleiben. Auf Gedeih und Verderb!« Sie half der Mutter aus dem Zuber und hielt ihr das Unterkleid hin. Trotz und Verzweiflung standen ihr im Gesicht.

Da ging der Vater statt ihrer in die Kammer und kam mit dem Unterrock zurück. Als sie sich immer noch weigerte, ihn anzuziehen, packte er seine Tochter und schüttelte sie. »Versteh doch, wir haben nur diese eine Chance!«

In den Taschen war ihre ganze Habe versteckt. Die sieben Fläschchen mit Duftölen waren ein Vermögen wert. Dazu die Mohnpaste, das Päckchen mit Ambre gris, die fünf Stück Seife, die chirurgischen Instrumente, die Goldmünzen – das war ihre Zukunft.

»Wenn man diese Dinge hier findet, wird man sie uns nehmen, und man wird uns umbringen, aus Aberglaube oder aus Habgier. Du bist jung und hast Kraft. Du mußt diesen Besitz retten. Und wir selbst, wir kommen schon zurecht. Wir sind schließlich klüger als der ganze Pöbel zusammen. Nur keine Angst, mit denen werden wir schon fertig!« Es war, als würde er sich selbst Mut zusprechen.

Dann sagte der Vater noch, daß sie an der Sankt-Jakobs-Kapelle warten solle, die sich oben auf dem Berg, etwa eine Stunde entfernt, befand. Vielleicht würde es ein paar Tage dauern, aber dann würden er und Libera nachkommen.

Zögernd stieg Ambra in den Unterrock. Armand steckte ihr auch noch den Feuerstein und den Feuerschläger, die Kordel, die Flasche mit dem Alkohol, das Messer und einen Kanten Brot in die Taschen. Dann warf er ihr zu ihrem eigenen auch noch Liberas großes schwarzes Wolltuch über und schob sie zur hinteren Tür.

Der Hund war draußen festgebunden. Armand wollte den Strick lösen, damit er Ambra begleiten und beschützen konnte, aber da wurde vorne schon gegen die Tür gepocht, und es schrien aufgebrachte Stimmen, daß man ihnen öffnen solle.

»Du mußt los! Geh!«

Ambra wollte ihren Vater umarmen.

»Geh!«

»Und Shibam?«

»Ich binde ihn später los. Er wird schon nachkommen und dich finden. Du mußt jetzt um unser aller Zukunft willen gehorchen und laufen, so schnell du kannst!«

Armand schloß die Tür hinter ihr, ging zur vorderen Tür und verstärkte den Riegel mit einem Besenstiel. Doch der Pöbel ließ sich nicht aufhalten. Das morsche Holz splitterte unter den Tritten und Hieben. Man wollte das Haus stürmen und das »vermaledeite Pack« zur Rechenschaft ziehen.

Armand und Libera nahmen sich an den Händen und starrten sich fassungslos an.

Dann warf jemand eine Fackel ins Haus. Sie fiel auf die Bettstatt, der Strohsack fing Feuer.

Auch an der hinteren Tür pochten sie inzwischen, traten dagegen, grölten und schrien. Es ging um Gottes Gerechtigkeit, und sie hatten ihren Spaß dabei.

Ambra konnte entkommen. Zwischen dem Schuppen und dem Stall des Nachbarn schlüpfte sie hindurch und gelangte ungesehen auf die Felder. Hinter sich hörte sie das Geschrei der Menschen und das rasende Gebell des Hundes. Sie lief so schnell sie konnte, doch das Gelände war schwierig. Die Furchen unter der Schneedecke brachten sie zum Stolpern. Immer wieder strauchelte sie und fiel auf die Hände.

Einmal blieb sie keuchend liegen. Warum floh sie? Sie hatte doch nichts getan! Und was hatte das alles für einen Sinn? Was hatte das Leben für einen Sinn, wenn die Menschen so dumm und so voller Haß waren?

Dann lief sie doch weiter.

Hinter dem Friedhof begann der Wald. Im Schutz der Bäume blieb sie stehen, um sich umzublicken. Das Haus konnte sie von hier aus nicht sehen, es lag hinter der hohen Friedhofsmauer, aber sie bemerkte Rauch, der den Himmel schwärzte.

Sie stellte sich vor, was passiert sein mochte. Vielleicht war den Eltern in der Aufregung die Kerze umgefallen. Altes Gebälk brannte wie Zunder, ein einziger Funke konnte genügen, und alles stand in Flammen!

Doch vielleicht brannte ja gar nicht ihr Haus, sondern das des Nachbarn. Vielleicht hatte auch nur jemand einen alten verlausten Strohsack angezündet oder Laub, das noch vom Herbst übriggeblieben war.

Ambra ging weiter. Sie mußte einen Hang hinauf, und bald wurde er so steil, daß sie alle viere brauchte, um hinaufzukommen. Manchmal hielt sie sich auch am herabhängenden Geäst fest und zog sich ein Stück hoch. Dabei fiel von den Bäumen Schnee auf sie herab. Sie keuchte, sie stürzte, sie blieb liegen und weinte.

Dann erreichte sie endlich den Weg. Hier ging es leichter. Hastig setzte sie einen Fuß vor den anderen, immer weiter den Berg hinauf.

Der Lärm aus dem Ort war nun nicht mehr zu hören. Gespenstisch still war es hier oben. Einmal krachte es hinter ihr, und sie fuhr herum und sah, daß unter dem Druck des Schnees ein dicker Ast vom Baum gebrochen war und nun auf dem Weg lag. Der Schnee rieselte nach.

Wie sie da so stand und über die Schulter zurücksah, fiel ihr Blick auf ihre Fußspuren. An die hatte sie gar nicht gedacht. Was, wenn man sie suchte und die Fußspuren fand?

Sie brach ein paar Zweige von einem Strauch und fegte damit über den Schnee. Es nützte nichts, man sah ihre Tritte trotzdem.

Sie warf die Zweige hin und hob den Blick zu den Wipfeln der Bäume. Es dämmerte schon. Höchstens noch eine Stunde, dann würde es dunkel sein. Das war gut für sie und zugleich schlecht. Gut, weil man sie bei Dunkelheit nicht verfolgen konnte. Schlecht, weil sie den Wald nicht kannte und sich im Dunklen nicht zurechtfinden würde. Nur ein einziges Mal war sie bei der Kapelle gewesen. Eine kleine Hütte mit einem Betstuhl vor einer Mutter Gottes und einem Bild vom Heiligen Jakob.

Ambra ging weiter. Dabei sah sie nach rechts und nach links. Sie mußte einen Unterschlupf finden – irgend etwas, das ihr Schutz bieten konnte.

Dann kam sie an einen steilen Fels, den die Leute hier Nasfels nannten. Er lag etwa dreißig Schritt oberhalb des Weges. Ambra kniff die Augen zusammen und starrte auf eine Verdunkelung, halb hinter einem Baum verborgen. Von hier unten sah es aus wie der Eingang zu einer Höhle.

Sie mußte es herausfinden.

Als sie oben ankam, blieb sie erst einmal liegen. Sie keuchte, ihr Atem dampfte. Nach einer Weile richtete sie sich auf und starrte in das Loch. Es war mannshoch und düster, sie konnte nichts sehen als Schwärze. Sie rief hinein und wartete ab. Es geschah nichts.

Ambra blickte sich um. Ein langer Stock hing ein Stück weiter oben im Geäst. Sie zog ihn herunter, stieß damit in die Höhle hinein und klopfte den Boden ab. Der Boden war eben, und es kam nichts aus der Höhle heraus. Es brüllte nichts und fauchte nichts.

Endlich wagte sie es und ging hinein. Den Stock hielt sie dabei wie einen Speer vor sich.

Plötzlich stieß der Stock gegen etwas. Ambra zuckte zusammen, ihr Herz klopfte. Sie stieß noch einmal zu, um sicher zu sein: Ja, es war die Wand. Dann drehte sie sich nach rechts, stocherte in die Dunkelheit. Auch hier stieß der Stock an. Dasselbe nach links. In diese Richtung konnte sie noch zwei Schritte gehen, bis sie den Widerstand fühlte.

Erleichtert ließ sie den Stock sinken. Die Höhle war nicht zu groß, das beruhigte sie. Und es schien nichts Gefährliches darin zu leben.

Einen Moment stand sie da und dachte nach. Dann warf sie den Stock hin und ging wieder hinaus. Es war schon sehr dunkel, sie sah kaum noch die Hand vor Augen. Sie suchte nach Holz für ein Feuer. Es gab genug Schneebruch, Zweige, die im Geäst hingen oder im Schnee steckten. Sie wußte, daß man ein Feuer weithin sehen konnte. Das war gefährlich, aber ohne Feuer würde sie erfrieren.

Sie wählte dünne Zweige, die sie brechen konnte, fand manchmal auch ein kurzes dickes Stück. Sie schleppte alles in ihren Unterschlupf. Dann ging sie und aß Schnee. Sie versuchte, nicht zu denken. Nicht an den Brand im Dorf, nicht an die Eltern, nicht an Shibam und erst recht nicht an ihre Angst.

Als ihr Durst gelöscht war, ging sie zurück in die Höhle und machte Feuer. Sie knickte kleines Geäst von den Zweigen, legte es übereinander, suchte in den Taschen ihres Unterrocks nach der Kordel, zwirbelte sie ein Stück auf, griff nach dem Feuerschläger und dem Feuerstein und schlug beides aneinander, daß die Funken sprühten.

Es dauerte nicht lange, bis eine kleine Flamme aufloderte.

Ambra brach Äste und legte nach. Sie starrte ins Feuer, hielt ihre klammen Finger darüber und weinte. Sie fragte sich, wann das Unglück seinen Anfang genommen hatte. Aber wer konnte schon sagen, wo man Grenzen überschritt, wo das Glück aufhörte und das Unglück begann?

4.

Ambra fuhr mit der Hand in die Tasche ihres Rockes und zog das letzte Stück Brot heraus. Ein paar Bissen Brot und Schnee, das war alles, was sie seit drei Tagen gegessen hatte.

Morgens, wenn sie wach wurde, ging sie hinauf zur Kapelle. Die Hoffnung, ihre Eltern dort anzutreffen, half ihr, die Nacht zu überstehen.

Doch die Eltern kamen nicht, auch Shibam tauchte nicht auf.

Dunkelheit, Hunger und Kälte waren schlimm, aber die Einsamkeit war schlimmer, und daß sie nicht wußte, was passiert war. Warum ließen die Eltern sie hier so lange warten? Was sollte sie jetzt tun?

Vielleicht nach Marly zurückgehen. Nach den Eltern und Shibam suchen. Die Nachbarn oder den Pfaffen fragen, der wußte doch auch sonst immer alles. Oder die Hebamme. Oder auf den Markt gehen. Heute war Markttag! Bestimmt würde ihr Vater dort einkaufen.

Ambra beschloß, noch ein letztes Mal bei der Kapelle zu warten, doch wenn die Eltern bis Mittag nicht kamen, würde sie in Marly nach ihnen suchen. Drei Tage und Nächte im Wald alleine waren genug.

Um zur Kapelle zu gelangen, mußte sie, bevor sie auf den Weg kam, ein Stück den steilen Hang hinauf. Schon gestern hatte sie sich einen Stock zurechtgeschnitten, um sich damit abzustützen. Sie rammte ihn in den Schnee. Er sank drei oder vier Handbreit ein, bevor er auf den Boden stieß. Sie zog sich daran hoch, rammte den Stock wieder in den Schnee, zog sich wieder hoch. Ab und zu blieb sie mit ihrem Wolltuch im Gestrüpp hängen, zerrte daran und fluchte leise.

Als sie oben war, kletterte sie auf den Weg und wandte sich nach rechts. Von hier aus war schon das Dach der Kapelle zu erkennen. Sie blieb stehen, keuchte, wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, dann ging sie langsam weiter. Sie war so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie die beiden Männer nicht bemerkte. Der eine kam aus Marly und war nach Viens unterwegs, der andere kam die Leitensteige herauf und wollte nach Marly auf den Markt.

Der Mann, der Richtung Viens ging, hieß Luc Lorant und war ein ungehobelter Kerl mit schlechten Manieren. Seinen Gaul schlug er und trat nach ihm. Er stank nach Fusel und Pisse und brüllte herum, wenn ihm etwas nicht paßte. Mathieu Barthes, der andere, war der Sohn eines Fuhrmanns, ein stiller, hübscher Junge von knapp achtzehn Jahren.

Als er Ambra und den Kerl aus Viens ein Stück weiter oben auf dem Weg entdeckte, blieb Mathieu stehen und beobachtete sie. Aus der Entfernung konnte er den Mann zuerst nicht erkennen, doch dann fiel ihm sein seltsamer Gang auf, und er wußte, um wen es sich handelte. Er hatte Lorant schon einige Male in der Schmiede gesehen, als sie mit ihren Pferden aufs Beschlagen warteten.

Ambra hatte ihre beiden Tücher um sich geschlungen, von ihrem Gesicht war nicht viel zu sehen. Trotzdem erkannte Luc Lorant sie sofort, bekreuzigte sich dreimal und machte das Zeichen gegen Hexenzauber. Er wußte, daß man im Ort seit drei Tagen nach diesem Mädchen suchte. Die Hebamme hatte man vor die hohen Herren gezerrt, befragt und ihr mit Folter gedroht. Die Verschläge und Scheunen des ganzen Ortes hatte man durchsucht, mit Mistgabeln in die Heuhaufen gestochen, mit Laternen die finstersten Ecken ausgeleuchtet. Selbst auf dem Friedhof hatte man jeden Stein umgedreht.

Und nun entdeckte Lorant das Mädchen hier oben im Wald! Das konnte nur eines bedeuten: Die Leute hatten recht, das Weibsstück mußte eine Hexe sein, denn wie sonst war es möglich, daß sie es bei dieser Kälte drei Tage und Nächte alleine im Wald ausgehalten hatte?

Ambra ging weiter, und Lorant folgte ihr. Wenn er sie gefangennähme und bei den hohen Herren ablieferte, würde man ihm bestimmt ein paar Livres dafür geben.

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