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Die Seidenmagd

Impressum

ISBN 978-3-8412-0387-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich unter Verwendung eines Motivs von Bridgeman Art Library und Corbis

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Nachwort

Kapitel 1

»Käthe?« Der Ruf der Mutter schallte durch das kleine Haus am Quartelnmarkt, in dem die Familie te Kamp wohnte. »Wo bist du?«

Catharina wischte sich die Hände an dem Küchentuch ab und öffnete die Tür zur Diele. »Ich bereite den Brotteig für Morgen vor, Maman.«

»Das kann Henrike übernehmen. Du musst mit mir zu den von der Leyen gehen, um die Kostüme abzuliefern.« Die Mutter stand in der Tür zur Stube, unter ihren Augen waren tiefe Ringe der Müdigkeit. »Hast du sie endlich fertig?« Catharina betrat die Stube. Auf dem Tisch, an dem sie früher die Mahlzeiten eingenommen hatten, lag ein sauber verschnürtes Paket.

»Ja, endlich.« Esther seufzte müde. Zwei Wochen hatte sie an den Kostümen genäht, die die Franzosen bei ihr in Auftrag gegeben hatten. Schon nächste Woche würden die Karnevalsfeierlichkeiten in der Stadt beginnen. Seit drei Jahren, seit der Schlacht an der Hückelsmay, war die Stadt von französischen Truppen besetzt, der Niederrhein war ihr bevorzugtes Winterquartier. Die Städter litten unter den Besatzern, versuchten aber das Beste aus der Situation zu machen. Schon im letzten Jahr hatte Esther te Kamp einige Kostüme für die Offiziere genäht, als Friedrich von der Leyen einen Ball für sie veranstaltet hatte.

»Hast du schon alle verpackt?« Catharina sah sich neugierig um.

»Nein, bei dreien muss ich die Säume noch nachnähen, die sind mir nicht sauber geglückt.«

»Aber Maman, es sind doch nur Kostüme. Die Franzosen werden sie einmal, höchstens zweimal tragen und dann wegwerfen. Keiner wird auf die Säume gucken.«

»Mein Ruf als Weißnäherin steht auf dem Spiel – und Arbeiten sollten immer sorgfältig ausgeführt werden.« Missbilligend sah Esther ihre älteste Tochter an. »Und nun spute dich, lass uns die Sachen zu den von der Leyen bringen.«

»Jetzt?« Catharina schaute entsetzt aus dem Fenster. Ein böser Wind fegte schon den ganzen Tag durch die Gassen, heulte in den Ecken und unter den Dachtraufen. Nun hatte sich der Wind etwas gelegt, doch es fing an zu schneien.

»Ja, jetzt sofort. Die drei letzten Kostüme können wir morgen nachliefern und dann auch das eine oder andere anpassen, aber das Gros der Kostüme möchte ich heute noch abliefern.« Sie nahm ihren Mantel vom Haken in der Diele, tauschte die dünne Haube, die sie im Haus trug, gegen eine dickere aus Wolle und schlang sich das Umschlagtuch um die Schultern. Während Catharina ihre Stiefel zuschnürte, wickelte Esther die Kostüme in Leinentücher und verstaute sie in zwei Körben.

»Henrike«, rief sie, »pass auf die Mädchen auf und öffne niemandem die Tür. Du kannst die Suppe für das Nachtmahl aufwärmen und Tee zubereiten. Käthe hat schon angefangen, den Brotteig anzusetzen.«

Die achtzehnjährige Henrike seufzte ergeben. Sie war eben erst nach Hause gekommen. Seit einiger Zeit half sie im Haushalt des Bürgermeisters Floh.

Früher war die Familie einigermaßen wohlhabend gewesen. Der Vater Heinrich betrieb eine Leinen- und Bandweberei, und die Geschäfte liefen gut. Doch dann war er nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben und hatte Esther mit den fünf Kindern zurückgelassen. Nach der großen Schlacht an der Hückelsmay vor knapp drei Jahren hatte sich der einzige Sohn Michel te Kamp freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet. Er war mit den Hannoveraner Truppen in die Fremde gezogen, und die Familie hatte bis heute nichts mehr von ihm gehört.

Seitdem stand Esther mit den vier Mädchen alleine da. Schon der Tod des Vaters hatte ihre Mutter tief getroffen. Nachdem Michel weg war, zog sie sich ganz zurück. Wohl beteiligte Esther sich noch am Gemeindeleben, sie betete viel und kümmerte sich auch um die Familien, die noch ärmer waren als die te Kamps. Nur selten zeigte sich jedoch ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Tiefe Falten hatten sich um ihren Mund eingegraben.

Das Kopfsteinpflaster war rutschig, so dass die beiden Frauen ihre Füße mit Bedacht setzen mussten.

»Das Geld, das ich für die Kostüme bekomme, brauchen wir dringend.« Wieder seufzte Esther.

Catharina nickte. Sie wusste, dass es nicht einfach für ihre Mutter war. Auch dieses Jahr war der Winter früh gekommen. Viele Familien hungerten, Brennmaterial war knapp und teuer. Genau wie Henrike übernahm auch Catharina hin und wieder Tätigkeiten bei anderen Familien und verdiente so ein wenig zum Unterhalt der Familie dazu. Doch im letzten Sommer hatten sie die Magd entlassen müssen, nachdem diese ein Techtelmechtel mit einem französischen Soldaten gehabt hatte, das nicht ohne Folgen geblieben war. Um Geld zu sparen, hatte die Mutter keine neue Magd eingestellt, und nun mussten die Mädchen die Aufgaben im Haushalt erfüllen.

Mette war zehn Jahre alt und die jüngste der vier Schwestern, sie und auch die vierzehnjährige Elisabeth besuchten noch die Schule. Trotzdem hielt die Mutter sie bereits an, kleinere Flick- und Näharbeiten zu übernehmen. Als Weißnäherin konnte Esther ein wenig Geld verdienen, aber wohlhabend waren sie nicht mehr. In manchen Monaten lag die monetäre Last schwer auf Esthers Schultern. Erst seit Catharina einen Teil der Haushaltsführung mit übernommen hatte, verstand sie, was das bedeutete. Mit ihren knapp zwanzig Jahren musste sie mehr machen und tragen als andere Mädchen ihres Standes.

Mein Stand, dachte Catharina und schnaubte auf. Unserer Familie ging es früher gut, aber die Zeiten sind vorbei, und mit vier Mädels hat Mutter wenig Hoffnung, dass wir in absehbarer Zeit besser gestellt sein werden. Wir könnten reich heiraten, doch das ist unwahrscheinlich. Außerdem, sie kaute an ihrer Lippe, während sie ihren Gedanken nachhing und dem schnellen Schritt der Mutter zu folgen versuchte, sind wir alle noch viel zu jung, um zu heiraten.

Die Mägde und Arbeiterinnen heirateten früh, die Töchter der Mittelschicht meist erst hoch in den Zwanzigern. Es gab noch eine Oberschicht, zu der die Familie Floh und natürlich die von der Leyen gehörten. Doch diese Familien hatten mannigfaltige Kontakte in andere Städte zu Familien ihres Standes.

»Trödel nicht so«, herrschte Esther ihre Tochter an. Catharina fuhr erschrocken aus ihren Gedanken und versuchte mit der Mutter Schritt zu halten.

Sie mussten quer durch die Stadt, vorbei an der neuen Kirche, am Schwanenmarkt mit dem öffentlichen Brunnen, an der protestantischen Kirche und dann am Viehmarkt vorbei zur Niederstraße. Am Ende dieser Straße lagen das Niedertor und das Haus von Frederik von der Leyen.

»Maman, warte!« Catharina rutschte auf dem glatten Kopfsteinpflaster aus, beinahe hätte sie den Korb fallen gelassen.

»Dass du bloß nicht die Ware beschmutzt«, schalt ihre Mutter, blieb aber dann doch stehen, um zu warten. »Nun komm, Kind, wir haben nicht ewig Zeit.«

Inzwischen war es dunkel geworden, der Wind heulte durch die Gassen, fing sich unter den Dachtraufen. Immer wieder begegneten ihnen französische Soldaten. Im Winterlager konnten sie außer ihrem täglichen Exerzieren wenig tun. Unruhe lag über der Stadt, die zum Bersten gefüllt war mit Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Von einfachen Marketendern bis hin zu Offizieren aus adeligen Familien drängte sich alles in der kleinen Stadt. Die einfachen Soldaten erhielten an den kalten Tagen eine Ration Branntwein, da viele Unterkünfte nur schlecht zu beheizen waren.

Die Stimmung war so schlecht wie das Essen. Wie eine Glocke hing der Geruch von Kohl über der Stadt, vermischt mit dem Qualm der Kamine. Die Kohle war teuer und schlecht. Manche Familie heizte inzwischen mit Torf oder feuchtem Holz aus dem Bruch.

»Die Franzosen fiebern den Feierlichkeiten entgegen«, sagte Esther und wich zwei Betrunkenen aus, die vor einem Ausschank standen. Sie griff nach Catharinas Hand und zog ihre Tochter mit sich. »Hoffentlich steigt dann auch die Stimmung in der Stadt.«

»Letztes Jahr waren die Feiern doch recht fröhlich«, erinnerte Catharina sich.

»Ja, aber je länger dieser unselige Krieg andauert, umso schlechter wird die allgemeine Stimmung. Viele Bürger murren über die Besatzung. Ich bin froh, dass wir niemanden in Quartier nehmen müssen.«

Sie kamen zur Klostergasse. Ein kleines Stück weiter war das Haus der von der Leyen. Es war ein großes und prachtvolles Gebäude, mit einer prunkvollen Eingangstür. Esther zögerte einen Moment, dann ging sie am Haus vorbei und durch die Hofeinfahrt.

»Wo willst du hin, Maman?« Catharina war einen Moment stehen geblieben. Natürlich war sie schon des Öfteren an dem Haus vorbeigekommen, betreten indes hatte sie es noch nie. Aus den Fenstern strahlte warmer Glanz, das Licht vieler Kerzen und Lampen erhellte die hohen Räume, und durch die Fenster schien das Licht Pfützen auf die Straße zu gießen.

Alle acht Fenster sind beleuchtet, dachte Catharina verwundert. Ob in jedem Raum Leute sind? Das Haus hatte zwei volle Stockwerke, die Gauben im Dach zeigten, dass auch dort Zimmer waren. Doch die Dachfenster waren, im Gegensatz zu den anderen, dunkel. Dort oben wohnen gewiss die Dienstboten, sagte Catharina sich.

»Käthe!«, rief Esther. Ihre Stimme klang dumpf aus der Toreinfahrt.

Schnell folgte Catharina der Mutter. Esther klopfte an eine Tür auf der Rückseite des Hauses. Auch der Hof wurde von dem Licht aus den vielen Fenstern erhellt. Ein niedriger Anbau grenzte den Hof vom Nachbargrundstück ab. Catharina sah sich neugierig um. An den Hof grenzte ein Garten, der nun schneebedeckt war. Sie konnte nirgendwo einen Schuppen für Hühner oder Schweine entdecken, hörte aber das Schnauben von Pferden.

»Madame te Kamp! Parbleu, was führt Euch denn um diese Zeit und bei diesem Wetter hierher?« Eine korpulente Frau öffnete die Tür. Sie schien von ihrer weißen Schürze zusammengehalten zu werden, kleine graue Löckchen hatten sich vorwitzig unter ihrer Haube hindurchgeschlängelt, ihre Wangen waren rot gefärbt, und Lachfältchen hatten sich tief um ihre Augen eingegraben.

Sie sieht nett aus, dachte Catharina, freundlich.

»Mamsell Luise, ich wollte die bestellten Kostüme für die Karnevalsfeiern abliefern.« Esther lächelte.

»Kommt rein, kommt rein!«

Mamsell Luise sprach mit einem deutlichen französischen Akzent, es klang sehr lustig, fand Catharina.

»Ist das etwa Eure Tochter? Bon sang, das kann gar nicht sein – sie ist ja fast erwachsen. Ihr könnt nicht eine so große Tochter haben!« Mamsell Luise schlug die Hände zusammen.

»Catharina ist zwanzig. Sie ist mir eine große Hilfe«, sagte Esther spröde.

Catharina folgte den beiden Frauen durch die Tür in einen kleinen Vorraum. Links war eine Tür, die wohl zum Anbau führte, geradeaus ging es zur Küche. Für einen Moment schloss Catharina verzückt die Augen. Es duftete köstlich nach frischem Brot, Braten und Gewürzen. Dann schaute sie sich neugierig um. So eine Küche hatte sie noch nie gesehen. Es gab einen großen Kamin, zwei Öfen und einen riesigen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand. Schimmernde Kupfertöpfe hingen an schmiedeeisernen Halterungen von der Decke, große Schüsseln und irdene Gefäße standen auf dem Tisch. Auf den Öfen simmerten und kochten verschiedene Gerichte in Töpfen und Pfannen. Eine Magd drückte Verzierungen aus einer Tülle auf die Küchlein, die sie gerade dampfend aus dem Ofen gezogen hatte.

»Der junge Herr ist heute überraschend angekommen.« Mamsell Luise strich sich mit dem Unterarm über die Stirn. »Monsieur von der Leyen, er ist immer sehr speziell.« Sie verdrehte die Augen. »Und wir müssen ein Festmahl aus dem Ärmel schütteln. Außerdem hat er seltsame Knollen aus Potsdam mitgebracht, die ich zubereiten soll – aber er konnte mir nicht sagen, wie. Sie sollen wohl eine neue Leibspeise des Königs sein.« Mamsell Luise zeigte auf einen Korb, der neben dem Küchentisch stand.

»Knollen?«, fragte Catharina verwundert und hockte sich neben den Korb. Es roch nach Erde, aber nicht muffig. Vorsichtig berührte sie eine der Knollen mit dem Zeigefinger.

»Pommes de terre, so hat er sie genannt. Erdäpfel. Ich hoffe, sie schmecken nicht so, wie sie aussehen.« Die Mamsell seufzte. »Aber das soll Eure Sorge nicht sein. Nele, lauf zu Madame und sag, dass Madame te Kamp da ist!«

Die Magd wischte sich die Hände ab, richtete die Haube und krempelte die Ärmel herunter. Catharina sah ihr nach. Wie mochte es sein, in diesem Haus zu dienen? Sie kannte die von der Leyen nur von ihren Besuchen bei den Gottesdiensten, manchmal sah man Madame und Monsieur durch die Stadt reiten oder fahren. Sie besaßen mehrere Kutschen, hatten vor der Stadt einen ganzen Stall voller Pferde und offenbar auch welche auf dem Grundstück.

Der alte Kommerzienrat Friedrich von der Leyen, der sich Frederik nannte, war seit vierunddreißig Jahren mit Margaretha, gebürtige van Aken, verheiratet. Die Ehe war harmonisch, leider jedoch kinderlos. Mit seinem Bruder Heinrich hatte der Kommerzienrat vor etlichen Jahren die Seidenweber Firma »Friedrich und Heinrich von der Leyen« gegründet. Viele Krefelder waren bei ihnen beschäftigt, der Verkauf der Seidenbänder lief trotz des Krieges gut.

Doch auch Heinrich, dessen Ehe mit Maria Schorn nicht ganz so friedlich verlief wie die seines Bruders, war ohne Erben geblieben. Als beiden klar wurde, dass ihre Ehen keine Kinder hervorbringen würden, nahmen sie die Söhne Conrad, Friedrich und Johan ihres früh verstorbenen Bruders Peter in die Firma und Familien auf. Frederik kümmerte sich besonders um seinen Paten Friedrich, den er liebevoll Frieder nannte.

All das wusste Catharina, weil die Familie immer wieder Thema bei Treffen war und über sie gesprochen wurde. Catharinas Familie gehörte genau wie die von der Leyen der mennonitischen Glaubensgemeinschaft an, sie lehnten Nachrede und Tratsch ab, trotzdem wurden Informationen unter der Hand weitergegeben und so manche Anekdote hinzugefügt.

Die von der Leyen waren außerordentlich erfolgreich mit ihren Geschäften, und das spiegelte sich auch in ihrer Lebensweise, die sich deutlich von den meisten anderen Gemeindemitgliedern abhob.

Selbst die Küche, dachte Catharina voller Staunen, sieht formidabel aus. So viel Prunk in einem Raum, der eigentlich nur nützlich sein soll. Doch die Töpfe und Gerätschaften waren edel und sahen teuer aus, die Gläser und Gefäße mit Gewürzen waren reichhaltig und prachtvoll. Welche kostbaren Gewürze es wohl sein mögen, fragte Catharina sich und ging an dem Regal entlang, das zwischen dem Ofen und dem Kamin plaziert war.

Ihre Mutter unterhielt sich währenddessen mit Mamsell über die beste Zubereitung von Kaninchen.

»Zwei davon hat der Knecht heute Morgen im Wallgarten erwischt. Sie haben die letzten Wurzeln angeknabbert, und jetzt werden sie selbst vertilgt.« Mamsell lachte leise. »Ich bereite sie mit viel Knoblauch und Zwiebeln zu.«

»Majoran und ein wenig Kümmel machen sie bekömmlicher«, riet Esther.

»Das ist eine gute Idee.« Mamsell Luise ging an Catharina vorbei zu dem Regal und öffnete eine Dose, nahm ein wenig Gewürz heraus, griff nach einem Glas und nahm es mit zum Ofen. Sie gab die Gewürze in den Topf, rührte kräftig um. Köstlicher Duft stieg auf, Catharinas Magen knurrte hörbar.

»Parbleu, habt Ihr Hunger, ma Petite?« Mit einem großen Messer schnitt sie das noch dampfende Weißbrot an, das die Beiköchin aus dem Ofen geholt hatte. »Dort steht eine Schale mit Butter. Nehmt Euch reichlich.« Sie nickte Catharina aufmunternd zu. »Was bin ich doch für eine Dumme! Kommt, kommt, Madame te Kamp, nehmt einen Becher Würzwein! S’il vous plaît, nehmt!« Sie ließ keine Widerrede zu, drückte Esther den Becher in die Hand. »Und wenn Ihr mögt, nehmt auch ein Stück Brot. Haben wir nicht noch kalten Braten, Lieke?«

»Macht Euch keine Umstände, Mamsell Luise«, sagte Esther und nippte an dem heißen Wein. »Zuhause wartet das Essen auf uns.«

Ja, dachte Catharina und zog einen Flunsch. Schon den dritten Tag gab es Kohlsuppe. Inzwischen roch der Kohl säuerlich, und bei dem Gedanken daran drehte sich ihr der Magen um. Sie nahm sich noch eine Scheibe Brot, bestrich sie dick mit der salzigen Butter.

In diesem Moment öffnete sich die Küchentür. »Folgt mir«, sagte Nele, die Magd. »Madame erwartet Euch im Salon.«

Im Salon. Catharina bekam vor lauter Aufregung einen Schluckauf, griff hastig nach dem Korb mit dem Nähwerk und folgte ihrer Mutter in die Diele. Zielsicher ging Esther den dusteren Gang entlang. Rechts und links waren verschlossene Türen, an denen sie vorbeigingen. Dann wandte sie sich abrupt nach links und klopfte. Catharina stolperte und wäre beinahe auf ihre Mutter gefallen, im letzten Moment konnte sie sich fangen.

»Tretet ein!«

Esther öffnete die Tür, betrat den Raum. Hell erstrahlte das Licht der zahlreichen Lampen und Lüstern. Geblendet musste Catharina die Augen zusammenkneifen. Sie folgte der Mutter nur zögernd. Den Boden bedeckte kein Stroh, da lagen dicke Teppiche, einige hingen auch an den Wänden. Der Raum erschien ihr gar prachtvoll, und sie wusste gar nicht, was sie als Erstes bewundern sollte.

»Madame te Kamp, wie freundlich von Euch.« Eine ältere Dame kam auf sie zu, die Hände ausgebreitet. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen, doch ihr Lächeln strahlte im Wettstreit mit den Kerzen. »Kommt doch zu mir. Ist das etwa Eure Tochter?«

Margaretha van Aken trug eine feine Organza-Haube über dem straff zurückgekämmten Haar, ihr Kleid entsprach der gängigen Mode und war ausgeschnitten, doch sie hatte den Hals und das Dekolletee mit einem Spitzentuch bedeckt. Die Ärmel des Kleides waren weit und auch mit mehreren Reihen Spitze bedeckt, doch die Farbe des Kleides war dunkel, und weder Schnallen, Schleifen noch aufwendige Knöpfe zierten das Kleidungsstück.

Catharina sah an sich herab. Sie trug wie immer ein hochgeschlossenes Kleid aus Wollstoff in einer gedeckten Farbe, mit langen, eng anliegenden Ärmeln. Das Kleid war im Rücken geschnürt und hatte Haken und Ösen statt Knöpfe. So war auch ihre Mutter gekleidet und die Schwestern ebenso. Fast alle Frauen der Gemeinde kleideten sich schlicht und gottesfürchtig. Knöpfe, Schleifen, Zierrat aller Art war nicht gefällig, sondern eitel. Aber dennoch änderte sich allmählich die Mode, und so manche Frau sah die Sitten nicht mehr so streng.

Margaretha van Akens Familie kam aus dem Bergischen Land, sie hatte sich noch nie um den Despotismus der Gemeinde geschert, auch wenn sie fast jeden Sonntag am Gottesdienst teilnahm.

»Madame von der Leyen, ich grüße Euch!« Esther ging auf sie zu, sie lächelte, doch das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. Catharina folgte ihr, ein wenig scheu, aber auch neugierig. Die dicken Teppiche dämpften den Schritt, und es war angenehm, darauf zu gehen, auch wenn Catharina erst zögerte, sie mit ihren Straßenschuhen zu betreten. Niemand sagte jedoch etwas, es schien keinem aufzufallen.

Alles glitzerte und funkelte. Ein Feuer prasselte in dem großen Kamin, dessen Sims aufwendig verziert war. Das Feuer spiegelte sich in den blank polierten Tischen aus dunklem Holz, in den silbernen Kerzenständern und Pokalen. Vor dem Kamin standen zwei Sessel, deren Polster aufwendig bestickt waren. Die Farben der Seide leuchteten und sahen so kostbar aus, dass Catharina für einen Moment die Luft anhielt, als sich Madame von der Leyen, ohne zu zögern, auf dem Sessel niederließ.

»Nele!«, rief sie. »Nimm Madame te Kamp und ihrer Tochter die Mäntel ab. Nicht zu glauben, dass du das noch nicht gemacht hast. Mögt Ihr etwas trinken, Madame? Ach, was für eine Frage! Aletta, hole Wein und zwei Gläser. Vielleicht auch etwas Käse?« Sie zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Nein, nein.« Esther winkte zu Catharinas Bedauern ab. »Das sind zu viele Umstände. Hier sind die Kostüme, die die Franzosen bestellt hatten.« Sie nahm das Paket aus dem Korb, wickelte es aus den Leinentüchern. »Fünf Kostüme habe ich genäht, drei weitere bringe ich Euch morgen, da fehlen noch Kleinigkeiten. Ich hoffe, sie sind zu Eurer Zufriedenheit.« Sie faltete eins der Kostüme auseinander, schlug es vorsichtig aus und hielt es hoch. »Ich habe vier Kleider für Schäferinnen genäht und vier Anzüge für Schäfer – Jacke und Bundhose.«

»Oh!« Madame von der Leyen schlug die Hände vor den Mund. »Magnifique! Tres bien!« Sie wandte sich um. »Frederik, komm und schau!«

Erst jetzt bemerkte Catharina die zweiflügelige Schiebetür, die zu einem weiteren Raum führte. Sie war einen Spalt geöffnet. Man konnte einen Tisch und Stühle erkennen, weitere Teppiche und Kaminfeuer.

Frederik von der Leyen schob die beiden Teile der weißlackierten Tür auseinander und betrat den Salon.

»Bonsoir, Madame te Kamp. Mademoiselle.« Er nickte beiden zu. Gegenüber seiner Frau wirkte er reservierter, aber nicht unfreundlich, fand Catharina. Sie blickte durch die nun weit geöffnete Flügeltür in den weiteren Raum. Am Tisch saß ein junger Mann, die Haare gepudert und über den Ohren, der Mode entsprechend, in Rollen gelegt. Den Zopf in seinem Nacken zierte eine schwarze Samtschleife. Es musste Friedrich von der Leyen sein. Ihre Blicke trafen sich, und Catharina senkte verschämt den Kopf, um ihn dann schnell, aber verstohlen, wieder zu heben. Prächtig sah der Mann aus, er lächelte gelassen. Als er ihren Blick bemerkte, stand er auf und verbeugte sich leicht.

O nein, dachte Catharina, ich war wohl zu forsch. Das Blut schoss ihr in die Wangen.

»Das sind die Kostüme?«, fragte Frederik von der Leyen. Er nahm eins der Kleider von dem Packen, den Esther auf den Tisch gelegt hatte. »Sehr neckisch.« Er lächelte. »Das wird unseren Gästen gefallen.«

»Ich habe es wieder so gemacht wie im letzten Jahr. Die Kleider sind großzügig geschnitten und können im Rücken entsprechend geschnürt werden.« Esther drehte das Kleid um und zeigte es.

»Tres bien! Das wird wieder genauso passen wie im letzten Jahr. Was waren das noch für Kostüme?« Auch Margaretha von der Leyen war wieder aufgestanden und hatte eine der Jacken zur Hand genommen.

»Sie sind als Marketenderinnen und Ausrufer gegangen.« Esther verzog das Gesicht, lächelte dann aber wieder höflich.

»Ach, ich erinnere mich. War das ein Spaß.« Frederik ließ das Kleid achtlos in den Korb fallen. Esther hob es auf und faltete es zusammen.

»Sind Eure Gäste schon da?«, fragte sie.

»Nur ein Teil, doch im Laufe der nächsten Tage sollten alle eintreffen.« Margaretha ging zurück zu ihrem Sessel und setzte sich seufzend. »Frieder, sei so gut und schenke mir ein Glas von dem Burgunder ein.«

»Aber natürlich, Tante.« Frieder von der Leyen ging zu einem Tischchen, auf dem Karaffen und Gläser standen. »Mögt Ihr auch, meine Damen?« Er drehte sich fragend zu Esther und Catharina um.

»Nein, danke«, sagte Esther bestimmend, ihr Mundwinkel zuckte vor Empörung.

»Es ist ganz ausgezeichneter Wein«, versicherte Frieder.

»Das glaube ich gerne. Aber wenn die Kostüme zu Eurer Zufriedenheit sind, dann würden wir gerne wieder gehen. Meine Töchter warten zu Hause auf uns.« Wieder lächelte sie halbherzig.

»Naturellement! Das verstehen wir.« Frederik nickte. »Nicht wahr, Margaux?«

»Aber Ihr mögt vielleicht mal kosten, Mademoiselle?« Frieder reichte seiner Tante ein Glas mit dunkel schimmernden Wein, trat dann zu Catharina. »Seid Ihr neu hier in der Stadt? Ich kann mich nicht erinnern, Euch jemals gesehen zu haben.«

Catharina schluckte, das Blut schoss ihr in die Wangen. »Non, Monsieur. Wir wohnen schon immer hier.«

»Tatsächlich?« Er zog eine Augenbraue hoch und schaute sie an, er wirkte amüsiert. »Dass mir so ein Juwel entgehen konnte.«

Catharina senkte den Kopf, sah verstohlen zu ihrer Mutter.

»Käthe, leg die Kostüme auf den Stapel, wir müssen uns sputen«, sagte Esther streng.

Catharina tat, wie ihr geheißen worden war. Dann nahm sie ihren Korb und schloss die Schließen an ihrem Mantel.

»Morgen bringt meine Tochter die restlichen Kleidungsstücke. Wenn Eure Gäste eingetroffen sind, kommen wir gerne und passen sie an.« Esther lächelte ein letztes Mal, ging dann entschlossen zur Tür, die zur Diele führte. Catharina folgte ihr eilig, aber warf noch schnell einen Blick über die Schulter. Friedrich von der Leyen sah ihr schmunzelnd hinterher. Nein, nicht nur das, plötzlich setzte er sich in Bewegung und folgte ihnen. Lieber Himmel, dachte Catharina. Ihre Wangen schienen zu brennen.

»Ich bring Euch noch zur Tür, Mesdames.«

»Das ist nicht nötig«, sagte Esther barsch. Dennoch begleitete Frieder von der Leyen sie bis in den lang gezogenen Flur. Esther wandte sich nach rechts, hin zur Küche, die am Ende des Flurs lag.

»Aber ...« Frieder von der Leyen zögerte kurz verblüfft. »Nein, nein, Mesdames, bitte hier entlang.« Energisch klang seine Stimme, aber dennoch freundlich. Catharina blieb stehen, Esther ging erst zwei Schritte weiter, wandte sich dann um.

»Hier ist der Ausgang, dort führt es zur Küche.«

Frieder stand nun vor ihr und lächelte Catharina an. Wie er duftete! Nach Zigarre und Pferd, ein wenig süßlich und nach Leder.

»Kommt«, sagte er und fasste sacht ihren Ellenbogen. »Dort ist die Tür.« Er zog sie nach links.

»Aber dort ...«, sagte Catharina schüchtern.

»Ja, hier ist die Eingangstür«, unterbrach Frieder sie. Er öffnete die schwere Tür schwungvoll, und die eisige Luft schlug ihnen unerwartet heftig entgegen. Catharina zuckte fröstelnd zusammen. Es war inzwischen dunkel geworden. Vereinzelt flackerten Straßenlaternen auf – die französischen Besatzer hatten verordnet, dass Laternen von den Bürgern zu unterhalten wären, aber noch sträubten sich die meisten Krefelder dagegen.

»Oh. Es ist fast Nacht.« Frieder klang verwundert.

»Umso mehr wird es Zeit, dass wir nach Hause gelangen.« Esther drängte sich unwirsch an ihm vorbei. »Komm, Käthe, lass uns eilen.«

»Au revoir.« Catharina sah Frieder verschämt lächelnd an.

»Bonsoir, Mademoiselle!« Er zögerte kurz. »Wartet, wartet! Soll Euch nicht der Knecht begleiten, Madame te Kamp? Ihr solltet nicht alleine durch die Gassen gehen.«

Esther schnaubte. »Habt Dank, Monsieur, aber das ist nicht nötig.« Sie zog Catharina mit sich.

»Aber ...«

Doch Esther hörte gar nicht weiter zu, mit energischen Schritten eilte sie über das gefrorene Pflaster.

Catharina hörte, wie die schwere Eichentür ins Schloss fiel. Nach einigen Schritten drehte sie sich um und sah zurück. Friedrich von der Leyen stand an einem der großen Fenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und schaute ihnen hinterher.

Sie wusste nicht, weshalb, aber der Anblick machte sie glücklich. Jedenfalls für einen kleinen Augenblick.

Kapitel 2

»Habt ihr die Hände gewaschen?«, fragte Esther und sah streng in die Runde. Die Mädchen nickten ergeben. »Wo ist die Suppe?«

»Ich habe die Suppe aufgekocht«, stammelte Henrike und senkte den Kopf. »Aber sie roch nicht mehr gut.«

»Bitte?« Esther sah sie entsetzt an.

»Sie roch faulig.«

»Nichts, was man nicht mit einer Handvoll Kümmel hätte beheben können.« Esther schnaufte. »Wo hast du sie hingetan? In den Hof?«

Henrike schluckte. »Ich habe sie weggeschüttet. Sie roch wirklich schlecht.«

»Was?« Esther schüttelte den Kopf. »Und was sollen wir jetzt essen?«

»Ich habe Speck ausgelassen und Buchweizen dazugetan. Die Grütze müsste gleich fertig sein«, sagte Henrike leise.

»Du dummes Ding, der Speck war für morgen.« Esther verzog wütend das Gesicht, dann atmete sie tief ein und ging zum Herd. Aus dem Topf stieg Dampf, sie rührte um, sog den Duft ein. »Hast du Zwiebeln zugefügt?«

»Nein, ein paar Wurzeln und den Rest vom Sellerie.«

Catharina deckte schnell den Tisch und schnitt das Brot an. Obwohl es frisch gebacken war, duftete es nicht so köstlich wie das der von der Leyen. Die hatten das feinste weiße Mehl, und das Brot war wunderbar locker und luftig gewesen. Noch nie zuvor hatte sie so delikates Brot gegessen.

Alle setzten sich um den Holztisch in der Küche, und die Mutter sprach ein Gebet, dann gab sie allen von der Grütze.

Das Essen verlief schweigend, anschließend nahm sich Esther eine Öllampe und zog sich in die Stube zurück, um die restlichen Kostüme zu säumen. Catharina räumte die Küche auf, wusch das Geschirr ab und setzte den Sauerteig für den nächsten Tag an. Schließlich ging sie in die Stube.

»Kann ich dir helfen oder noch etwas bringen, Maman?«

Esther schaute auf, zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine tiefe Falte eingegraben. Sie schüttelte den Kopf.

»Vielleicht noch einen Becher Würzwein?«

Die Mutter überlegte, nickte dann seufzend. »Ich werde noch eine Weile beschäftigt sein, fürchte ich, da kann ein Becher Würzwein nicht schaden.«

Der Würzwein bei den von der Leyen war süß und köstlich gewesen, hatte nach edlen Gewürzen geschmeckt, anders als der, den ihre Mutter aufkochte.

»Wie bekommen sie den Wein so süß?«, fragte Catharina Esther, als sie ihr den Becher reichte.

»Die von der Leyen? Nun ja, sie haben Geld, viel Geld – sie können sich schweren und süßen Wein leisten, Kassonade und vermutlich auch Zucker aus dem Süden. Sie betreiben Handel und werden Kontakte zu Gewürzhändlern haben.« Sie nippte an dem Becher, verzog das Gesicht. Der Wein war sauer, sie hatten nur wenig Zimt und Anis, Kardamom war unerschwinglich für sie und Muskatnuss und Kassonade ebenfalls. Aber der Wein war heiß und stärkte sie. »Geh zu Bett, Kind.«

»Soll ich dir nicht noch helfen?«, fragte Catharina zweifelnd.

»Nein, ist schon gut.«

Langsam stieg Catharina die steile Stiege in den oberen Stock hinauf. Sie teilte sich das Zimmer mit Henrike, während ihre Mutter und die beiden jüngeren Schwestern das andere Zimmer hatten. In der Wand zwischen den Räumen lag der Kaminzug und wärmte somit die Zimmer. Nur wenn der Wind von Norden pfiff, wurde es empfindlich kalt, da die Fenster nicht mehr dicht schlossen.

Henrike lag schon im Bett, war aber noch wach. Auch von nebenan war noch das leise Gemurmel von Stimmen zu hören, hin und wieder auch ein unterdrücktes Kichern.

»Gute Nacht!«, rief Catharina energisch. »Zeit zum Schlafen!«

»Nun lass sie doch. Immerhin scheinen sie Spaß zu haben.« Henrike zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch.

»Ja, du hast ja recht. Aber Morgen kommen sie nicht aus den Federn, und du weißt doch, wie wütend das Mutter macht.«

»Mutter macht alles wütend«, sagte Henrike leise. »Man kann es ihr nie recht machen.«

»Sie hat es nicht leicht.« Catharina zog das Kleid aus, legte es ordentlich zusammen und zog das Nachthemd über und schlüpfte unter die Decke. Das Bett war groß genug für sie beide, und meist genossen sie die Gesellschaft und Wärme der anderen.

»Nein, wir aber auch nicht. Es ist weder ihre noch unsere Schuld. Der Kohl war verdorben, dafür konnte ich nichts.«

»Sie hätte ihn noch gegessen – Kümmel dazu und vielleicht Pfeffer.« Catharina verzog das Gesicht.

»Uns allen hätte der Magen gegrummelt am nächsten Tag, wenn nicht sogar noch schlimmer.«

»Du hast gut daran getan, Henrike, den Kohl wegzuschütten.« Catharina kuschelte sich tiefer in ihr Kissen und seufzte.

»Wie war es bei den von der Leyen?« Henrike drehte sich zu ihrer Schwester um und schaute sie aus großen Augen an. »Das Haus ist so imposant.«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie es innen aussieht – es ist alles ...« Catharina runzelte die Stirn.

»Wie? Wie denn?«

»Edel ist es. Wir sind durch die Küche hineingegangen, Mutter mochte nicht an der Eingangstür klopfen.«

»Hätte sie denn gekonnt, ich meine ...?«

»Ich weiß es nicht. Mamsell Luise hat uns herzlich begrüßt, es gab süßes Brot und würzigen Wein, der dem Gaumen schmeichelt. So etwas habe ich noch nie gekostet«, schwärmte Catharina.

»Ach, ihr wurdet beköstigt?« Ein wenig Neid klang in Henrikes Stimme mit.

Catharina nickte. »Wir haben einen Moment in der Küche gewartet – sie ist so groß wie unser Erdgeschoss.«

»Parbleu!«

»Ja, und alle Töpfe blinken und blitzen – sie haben Kupferpfannen und Glaskaraffen, Gläser und Schüsseln aus Porzellan.«

»Keine irdenen Schüsseln?«

»Bestimmt, aber die anderen sind mir einfach ins Auge gefallen.«

»Ward ihr nur in der Küche?«

»Nein, nein. Das Mädchen hat uns in den Salon geführt. Stell dir vor, die Böden sind über und über mit Teppichen bedeckt. Und an den Wänden hängen auch einige.«

»Wirklich? Was haben sie denn ... ich meine ... treten sie da ...? Bei den Flohs gibt es im Chambre auch einen Teppich, aber niemand darf ihn mit Straßenschuhen betreten.«

»Oh, wir durften, auch wenn ich erst Skrupel hatte. Es ist ein wunderbares Gefühl, so muss es sich anfühlen, wenn man auf Wolken geht. Noch weicher als frisches Gras im Frühjahr.« Catharina seufzte auf und schloss in Erinnerung an den Nachmittag die Augen. Sofort hatte sie das Bild von Frieder von der Leyen im Kopf.

»Und dann?«, drängte ihre Schwester.

»Im Salon wartete Madame Margaretha auf uns. Sie begrüßte uns sehr herzlich. Mutter hat ihr die Kostüme gezeigt und den Wein abgelehnt.« Catharina zog einen Flunsch. »Dabei sah der so samtig aus, so weich und köstlich.«

»Das ist nicht schlicht und somit nicht gottgefällig, kein Wunder, dass Mutter abgelehnt hat. Dabei sind die von der Leyen auch Mennoniten. Wenn sie es dürfen, warum wir dann nicht?«

»Sie sind anders als wir.« Catharina zog die Stirn in Falten. »Sie machen sich bestimmt keine Gedanken darüber, bei ihnen gehört das einfach dazu. Madame Margaretha trug keinen Schmuck, doch ihr Gewand war aufwendig gewebt und verarbeitet, feinste Spitze und Samtbänder.«

»Das würde der Gemeindevorstand bei allen anprangern, bei ihnen tut er es nicht.«

»Nein, stimmt.« Catharina dachte wieder an Frieder. Er hatte ein nettes, ein offenes Gesicht. Sein Händedruck war warm, sein Lachen ehrlich gewesen. Röte stieg ihr den Hals hoch in die Wangen.

»Was war noch?«, fragte Henrike und grinste.

»Nichts.« Catharina zog sich die Decke bis zur Nasenspitze.

»Nun komm schon, erzähl es mir.« Henrike stupste ihre Schwester liebevoll in die Seite.

»Der Neffe war da.« Catharina biss sich auf die Lippe.

»Frieder von der Leyen? Oh. Und?«

»Er ist sehr nett.«

»Aha.« Henrike zog die Stirn kraus. »Nett? Ist das alles? Hast du etwa mit ihm gesprochen?«

»Ja doch. Er hat mir die Hand gereicht und wollte mir Wein anbieten, doch Mutter hat das nicht zugelassen. Er ist so stattlich und elegant.«

»So, so.«

»Ja, und er riecht so gut.« Catharina schloss die Augen.

»Nach was denn?«, fragte Henrike verwundert.

»Na, nach Seife und Leder und Parfüm. Er roch irgendwie wie eine Heuwiese.«

»Du hast doch von dem Wein getrunken, und er ist dir zu Kopf gestiegen.« Henrike kicherte.

Die beiden Mädchen hatten zwar die Familie von der Leyen regelmäßig in der Kirche gesehen, doch obwohl die Familie immer sehr freundlich war, blieb sie doch in gewisser Distanz zu den anderen Gemeindemitgliedern.

»Was hatte er an? Und was hat er gesagt? Ich will jedes Detail wissen.«

Catharina blies die Kerze aus. Die Mädchen kuschelten sich im Dunkeln aneinander und flüsterten.

Das liebe ich, dachte Catharina schließlich, glücklich und müde. Das ist zu Hause sein, auch wenn es manchmal schwierig ist. Mit diesem Gedanken schlief sie ein und träumte von Teppichen, seltsamen Knollen und edlen Weinen.

Am nächsten Tag war Esther noch wortkarger als sonst. Sie sah übernächtigt aus.

»Die Kostüme sind fertig«, sagte sie müde zu Catharina, als diese das Feuer schürte.

»Tres bien, Maman. Die von der Leyen schienen sehr zufrieden zu sein.«

»Das wird man sehen. Auch wie ihre Gäste die Kleider beurteilen.« Sie seufzte, nahm den Brotteig aus der Schüssel und begann ihn zu kneten.

»Lass mich das machen, Maman. Hast du geschlafen?«

»Ein wenig. Im Sessel.« Esther drückte ihre Hände ins Kreuz.

»Ich mache Frühstück und schicke die Mädchen zur Schule. Leg du dich hin.«

Esther schüttelte den Kopf. »Die Kostüme müssen noch zu den von der Leyen.«

»Ich kann sie doch hinbringen.« Catharina merkte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Die Aussicht darauf, Frieder wieder zu treffen, ließ ihr Herz schneller pochen. Sie beugte sich über den Brotteig.

»Das würdest du machen?« Die Mutter sah sie zweifelnd an.

»Naturellement.«

»Es wäre eine große Erleichterung für mich. Auf dem Rückweg könntest du ein paar Dinge einkaufen. Es fehlt Mehl und Speck. Zum Glück habe ich schon einen Teil des Geldes bekommen, jetzt können wir die Vorräte wieder auffüllen.«

»Ich habe gestern nur drei Eier aus den Gelegen geholt. Ich fürchte, die Hühner werden zu alt und legen nicht mehr«, sagte Catharina leise. »Dabei werden die Tage jetzt doch wieder länger, und sie sollten mehr legen.«

»Da helfen auch keine längeren Tage. Den beiden alten Hennen kannst du ruhig den Hals umdrehen, für eine Suppe und ein wenig Frikassee sind sie noch gut genug. Wir werden uns Junghennen kaufen müssen.« Wieder seufzte sie.

Catharina schob den Brotlaib in den Ofen, rührte die Grütze um. »Wir haben noch einen halben Schinken, ein paar Kohlköpfe, zwei Lagen Wurzeln, ein halbes Fässchen Sauerkraut und drei Lagen Äpfel.«

Besorgt schaute Esther nach draußen. Der Winter schien kein Ende zu nehmen, eisige Winde drückten den Qualm der Kamine in die Gassen. »Es ist erst Anfang Februar, wir haben bestimmt noch zwei kalte Monate vor uns. Dieses Jahr war die Ernte schlecht, und durch die Besatzer sind die Preise allerorts gestiegen. Wäre doch schon das Frühjahr da, und wir könnten frische Kräuter und junges Gemüse ernten.«

»Bis dahin wird es noch dauern. Mal schauen, ob ich auf dem Markt noch etwas finde. Hast du die Kleider schon verpackt?«, fragte Catharina.

Esther nickte. »Du kannst sie gleich wegbringen. Und sag Mamsell Luise, dass wir gerne kommen, um die Kleider anzupassen.«

»Oui.«

Elisabeth und Mette hüpften die Treppe herunter. Die beiden Mädchen waren meist unbekümmert und schienen die Last, die auf der Familie lag, besser zu ertragen als ihre großen Schwestern.

Vielleicht, dachte Catharina, liegt das daran, dass sie es fast nur so kennen. Viele Erinnerungen an »früher« konnten die beiden nicht haben.

Als der Vater noch gelebt hatte, war das Leben der Familie unbeschwerter und sorgloser gewesen. Selbst Esther hatte damals öfter gelacht. Heute zwang sie sich hin und wieder zu einem Lächeln, laut lachen hatte Catharina sie seit der Schlacht an der Hückelsmay nicht mehr gehört.

Catharina füllte die Schalen der Mädchen mit Grütze, nahm das Brot aus dem Ofen und schnitt es auf. Sie hatten Gänse- und Schweineschmalz statt süßer Butter.

»Guten Morgen«, sagte Henrike und schob sich neben Mette auf die Bank. »Alle gut geschlafen?« Sie strich der einen Schwester über den Kopf, knuffte die andere liebevoll in die Seite.

»Lasst uns beten.« Esther klang tadelnd.

Alle senkten den Kopf, und Esther sprach ein kurzes Gebet, verteilte dann das Brot. »Schling nicht so«, ermahnte sie Henrike.

»Muss mich beeilen«, murmelte Henrike.

»Du könntest einfach früher aufstehen.«

Henrike warf Catharina einen Blick zu und verdrehte die Augen.

»Deine Schwester ist schon seit einer Stunde auf und hat das Frühstück bereitet.«

»Ja, Maman.«

Sie aßen schweigend. Nach dem Frühmahl stand Esther auf, wieder seufzte sie.

»Leg dich hin, Maman«, sagte Catharina leise. »Ich kümmere mich schon um alles.«

»Kind, das ist schön. Bring doch bitte dann die Bücher zurück zu den ter Meers.« Sie tätschelte die Schulter ihrer Tochter und stieg langsam die Treppe nach oben.

Abraham ter Meer, ein Gemeindemitglied, hatte vor einigen Monaten Anna te Kloot geheiratet. Sie war zwölf Jahre älter als Catharina und ihr zu einer mütterlichen Freundin geworden. Die größte Leidenschaft des jungen Ehepaars waren Bücher. Abraham hatte von seinem Bruder Claes eine Sammlung von dreitausend Büchern und Folianten geerbt. Die kostbaren Bücher hielt er in Ehren, verlieh sie jedoch für eine geringe Gebühr an Mitglieder der Gemeinde. Zu den te Kamps gab es freundschaftliche Verbindungen, und so kamen die Frauen unentgeltlich in den Genuss mannigfaltiger Lektüre.

Nachdem sie den Mädchen die Haare gekämmt und hochgesteckt, ihre Kleidung und die Fingernägel überprüft und sie zur Schule geschickt hatte, räumte Catharina die Küche auf, spülte das Geschirr und setzte eine Brühe für die Abendmahlzeit auf. Henrike hatte nach wenigen Bissen den Frühstückstisch verlassen und war zum Haus der Floh geeilt.

Dort bekommt sie sicher etwas Besseres, dachte Catharina ohne Neid.

Schließlich hatte sie den Haushalt so weit geregelt und zog sich Stiefel und Mantel an, setzte die Haube auf und nahm den Korb. In der Stube lagen die drei Kostüme, sauber in Leinentücher eingeschlagen.

Inzwischen schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel, alle Schneewolken waren verflogen, und es war eisig kalt. Doch Catharina ging mit zügigem Schritt und fror nicht.

Am Neumarkt hatten die Bäuerinnen ihre Stände aufgebaut und boten die wenigen Waren feil. Ihr begegneten einige Soldaten, doch nun gingen sie in Reih und Glied, belästigten niemand.

Soll ich an der Eingangspforte klopfen? fragte sich Catharina, als sie vor dem imposanten Haus der von der Leyen stand. Oder gehe ich wieder durch die Toreinfahrt und klopfe an der Tür zur Küche?

Dort würde Mamsell Luise oder eine der Mägde sie in Empfang nehmen. Friedrich von der Leyen würde sie nicht begegnen. Aber selbst wenn ich vorne klopfe, wird er die Tür nicht öffnen, wurde ihr klar.

Das Haus wirkte im grellen Tageslicht viel größer und abweisender als am vergangenen Abend. Die Fenster erschienen ihr wie große Spiegel, kein warmes Licht ergoss sich auf die Straße, stattdessen reflektierte sich das Sonnenlicht in den Scheiben. Sie konnte keinen Blick in die Räume werfen, wusste nicht, ob hinter den Fenstern jemand stand und sie beobachtete.

Nein, ich werde nicht am Portal klopfen, sagte sich Catharina. Sie ging am Haus vorbei durch die Toreinfahrt. Nun konnte sie auch einen Blick auf das Grundstück werfen. Der Garten war schneebedeckt, und doch konnte man die einzelnen Flächen unterscheiden, die Kieswege und die Buchshecken, welche die Beete umrandeten. Das war kein Nutzgarten.

Voller Staunen schaute Catharina auf die große Fläche und überlegte, was ihre Familie dort alles pflanzen könnte. Te Kamps hatten das Glück, einen Wallgarten vor den Toren der Stadt zu besitzen, und bewirtschafteten ihn redlich. Ohne den Nutzgarten hätten sie die letzten Jahre nicht überstehen können. Doch dieser Garten war zum Lustwandeln angelegt.

Im Sommer muss das eine Pracht sein, dachte Catharina und drehte sich um. Einen Moment zögerte sie, doch dann klopfte sie energisch an die Tür auf der Rückseite des Hauses.

»Bonjour, Mamsell Luise.«

»Ah, Ihr seid die Kleine te Kamp, nicht wahr? Kommt herein, kommt herein.« Eilig zog die Köchin Catharina in die Küche.

Catharina schloss kurz die Augen und sog den Duft ein.

»Meine Mutter schickt mich mit den letzten Kostümen«, sagte Catharina schüchtern. Die riesige Küche, die unbekannten Aromen, die Köchin und die Mägde in ihren gebügelten Schürzen und mit den Hauben auf den Köpfen – alles wirkte so imposant. Die Kupferkessel und Pfannen blitzten und blinkten, so dass man sich darin spiegeln konnte.

»Oui, superb! Das wird Madame und Monsieur bestimmt freuen.«

Unsicher griff Catharina in den Korb und zog das Paket hervor. Sie wusste nicht, ob sie es der Köchin geben sollte.

»Ich bring es gleich in den Salon«, sagte die Magd, die sie gestern nach vorne geführt hatte.

»Ja. Hmm.« Catharina reichte ihr den Stoß Kleider. Das Mädchen lächelte freundlich, drehte sich um und ging.

»Ich soll noch ausrichten, dass wir gerne kommen, um die Kostüme anzupassen«, sagte Catharina fast tonlos und biss sich auf die Lippe. Sie spähte der Magd hinterher, erhaschte aber nur einen Blick auf die Diele.

»Ich werde es ausrichten.« Mamsell Luise war zum Herd geeilt und rührte in einem Topf, setzte dann eine Pfanne auf und gab ein Stück fetten Speck hinein. Es zischte, Rauch stieg auf. Mamsell Luise griff nach einem Messer und zerteilte eine Zwiebel mit flinken Bewegungen. Fasziniert schaute Catharina ihr zu, das Wasser lief ihr im Mund zusammen.

Plötzlich wurde die Tür polternd aufgerissen, und Jakob, der Knecht, stapfte in die Küche. Er trug einen Käfig, in dem mindestens ein Dutzend Wachteln verängstigt piepsten.

Mamsell Luise schaute auf, nickte dann zufrieden. »Du kannst ihnen gleich den Hals umdrehen, Jakob. Nele soll sie rupfen, dann kann ich sie ausnehmen und fürs Frühstück braten.«

»Frühstück?«, entfuhr es Catharina. Der Tag hatte längst begonnen.

»Oui. Der junge Herr schläft gerne aus und speist dann ausgiebig.« Mamsell Luise wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Mademoiselle te Kamp, ich bin mir sicher, dass die Kostüme Eurer Mutter zur vollen Zufriedenheit der Herrschaft sein werden. Falls Änderungen benötigt werden, schicken wir jemanden vorbei.«

Oh, dachte Catharina und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Du Esel hältst hier alles auf.

»Au revoir«, flüsterte sie und schlüpfte hinter dem Knecht vorbei und durch die Tür. Im Hof holte sie tief Luft und schlang das Tuch fester um die Schultern. Ihr Gesicht glühte nicht nur von der Wärme in der Küche.

Ich wüsste mich in so einem Haushalt überhaupt nicht zu benehmen, dachte sie. Frühstück am späten Vormittag, das Leben der Familie schien so ganz anders zu sein als ihres. Aber natürlich, sie mussten nicht kochen und putzen, nicht einkaufen oder ernten.

Der Einkauf, fiel ihr ein, ich muss noch schauen, ob ich etwas ergattere. Wie wohl Wachteln schmecken? Vermutlich schmeckten sie wie anderes Geflügel auch, nur waren sie kleiner. Die winzigen Vögel zu rupfen und zuzubereiten war bestimmt nicht einfach. Noch einmal ließ sie ihren Blick über die stattliche Fassade des Hauses und den prächtigen Garten gleiten, dann eilte Catharina durch die Toreinfahrt auf die Straße.

Sie lief in Richtung Schwanenmarkt, drehte sich aber am Ende der Gasse noch einmal um. Stand dort jemand hinter dem Fenster und beobachtete sie, oder gaukelte ihr das Licht etwas vor? Seufzend nahm sie den Korb in die andere Hand. Nein, der junge Herr schlief noch und träumte wahrscheinlich von all den Köstlichkeiten, die in der Küche für ihn zubereitet wurden. Zu gerne hätte sie ihn noch mal gesehen und gesprochen, er hatte etwas Besonderes an sich, etwas, das sie berührte, ohne dass sie es benennen konnte.

Kapitel 3

Nur wenige Bauern hatten ihre Stände aufgebaut. Der eisige Wind pfiff durch die Gassen, und schon wieder zogen dichte Wolken am Horizont auf. Catharina besah sich das magere Angebot. Außer Sauerkraut und Kohlköpfen, schrundigen Äpfeln, Porree, einigen Sellerieknollen und anderem Wintergemüse wurde nicht viel feilgeboten.

Die zwei letzten Sellerieknollen sind verfault, dachte Catharina, aber diese hier sind schrundig und haben schon weiche Stellen. Die nehme ich nicht, auch der Porree sieht kümmerlich aus.

Seufzend schaute sie sich um, konnte sich aber für nichts entscheiden. Düfte und Aromen wie in der von der Leyenschen Küche würde sie mit diesen Waren nicht zaubern können.

Schließlich ging sie, ohne etwas gekauft zu haben, zur Oberstraße. Dort wohnte ihre mütterliche Freundin Anna te Kloot. Auch hier ging Catharina am Haus vorbei durch die Toreinfahrt und zur Küchentür an der Rückseite des Hauses.

Sie schaute durch das Fenster und sah Anna am schrundigen Küchentisch sitzen und Bohnen verlesen.

Catharina klopfte, Anna stand auf und eilte zur Tür, um zu öffnen.

»Bonjour, mon amie. Störe ich?«, fragte Catharina und rieb sich die kalten Hände.

»Kommt herein, bevor Ihr Euch den Tod holt.« Anna zog sie in die mollig warme Küche. Die Wärme des Herds und der Duft von frischem Brot und heißer Grütze hüllten Catharina ein.

»Mögt Ihr einen Becher Würzwein?« Anna wartete nicht auf die Antwort, nahm einen Becher vom Brett über dem Kamin und füllte ihn. »Hier nehmt und wärmt Euch auf.« Sie warf einen Blick in die Diele in Richtung Stube. »Wir haben wieder einen Quartiergast, den Docteur. Er ist schwierig.« Sie verdrehte die Augen und zog ein Gesicht. »Ich hoffe, er bleibt nicht all zu lange.«

»Wieso ist er schwierig?« Catharina wärmte sich die Hände an dem Becher.

»Ach, er mochte den Wein nicht, der sei nicht schwer genug. Das Zimmer ist ihm zu klein.« Anna seufzte. »Er wollte eine Kohlepfanne, und generell scheint er eher unleidlich zu sein.« Sie senkte den Kopf. »Er war schon einmal hier im letzten Monat, ist aber dann in ein größeres Quartier gezogen. Doch dort musste er jetzt weg und kam zurück zu uns. Ein Hin und Her.«

Catharina legte ihr die Hand auf den Arm. »Sicherlich wird er nicht lange bleiben. Verzagt nicht.« Sie trank hastig einen weiteren Schluck. »Ich will auch gar nicht stören.«

»Ihr stört doch nicht.« Anna lachte leise. »Geht es Euch gut?«

Catharina legte den Kopf schief und nahm das wollene Umschlagtuch von den Schultern. »Maman hatte einen großen Auftrag von den von der Leyen. Das hat einiges an Geld gebracht. Aber auf dem Markt gibt es kaum noch etwas zu kaufen.«

»Das ist wahr. Die Ernte war schlecht, weil es letzten Sommer so geregnet hat, und der Herbst kam zu früh. Dazu der strenge Winter.« Anna seufzte. »Zum Glück hat Abraham Verwandte draußen bei den Flöthhöfen. Von ihnen bekommen wir immer noch etwas.« Sie schaute auf, lächelte. »Wenn Ihr mögt, nehme ich Euch das nächste Mal mit, wenn wir dorthin fahren. Dann könnt Ihr Eure Vorräte auffrischen. Sie haben nicht mehr viel, aber alles ist von bester Qualität.«

»Das wäre wundervoll.«

»Aber natürlich. So machen wir das. Ich werde nachher Abraham fragen. Er wollte vor Karneval noch zum Scheutenhof fahren.«

»Die von der Leyen planen ein großes Fest. Sie wollen Karneval mit den Franzosen feiern, viele Narreteien sind geplant, Gäste werden erwartet.« Catharina trank noch einen Schluck vom Würzwein. »Aber ich will Euch nicht länger aufhalten, ich wollte nur die Bücher zurückgeben.«

»Catharina, Ihr seid immer herzlich willkommen, und wenn Ihr mögt, dann legt ab und nehmt teil an unserem Mahl. Es gibt Grütze mit Schweineschwarte und Brot.«

Vermutlich mehr, als es zu Hause geben wird, dachte Catharina mit leisem Bedauern und ging in Gedanken die Vorräte durch, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich muss noch für die Familie kochen. Gerade habe ich die letzten Kostüme bei den von der Leyen abgeliefert.« Sie nahm die Bücher aus dem Korb, legte sie vorsichtig auf den Tisch, schlang dann das Tuch wieder um ihre Schultern. »Beste Grüße an Euren Gemahl. Ich hoffe, dass es Euch so weit gut geht.« Sie hüstelte kurz, warf einen Blick Richtung Diele. »Abgesehen von dem schwierigen Gast«, sagte sie dann leise.

»Mir geht es gut.« Anna lächelte und legte die Hand auf ihren Bauch. »Ich glaube, ich bin guter Hoffnung«, flüsterte sie mit einem Zwinkern. »Ich würde es Abraham so wünschen.«

»Oh.« Catharina schlug die Hand vor den Mund. »Das wäre wundervoll.«

Zwei Jahre zuvor war Annas erster Ehemann unter unglücklichen Umständen ums Leben gekommen. Aus dieser Ehe hatte sie eine Tochter. Anna hatte viel Leid erfahren, und Catharina, die mit ihren zwanzig Jahren nur erahnen konnte, was ihre Freundin durchgemacht hatte, wünschte ihr nun alles Glück auf Erden.

»Abraham weiß es noch nicht«, wisperte Anna. »Er sitzt in der Stube bei dem Docteur und liest die Zeitung. Ich will erst ganz sicher sein, bevor ich es ihm sage.«

»Oh, ich glaube daran.« Catharina stellte den Becher auf den Tisch, drückte der Freundin die Hand und zog dann wieder das Umschlagtuch über ihre Haube. »Nach Karneval habe ich sicher mehr Zeit, und wir können uns mal wieder in Ruhe treffen. Au revoir!«

Catharina verließ das heimelige Haus der ter Meers und eilte die Straße entlang zum Quartelnmarkt. Die Kirchturmuhr hatte schon zwölf Mal geschlagen, und noch hatte Catharina kein Essen vorbereitet. Hektisch ging sie in Gedanken die Vorräte durch. Viel Auswahl hatte sie nicht.

Seufzend schloss sie die Tür auf, schüttelte das Tuch aus, hängte den Mantel an den Haken und schnürte die Stiefel auf. Dann schlüpfte sie in die Holzpantinen und öffnete die Tür zur Küche. Das Feuer war fast heruntergebrannt. Sie legte Holz nach, schüttete ein paar Kohlen in den Herd und schürte das Feuer. Schließlich ging sie in die Vorratskammer, die neben der Küche lag. Aber die Regale und Schütten waren fast leer. Im Hof, in einem kleinen Raum neben dem Schuppen, in dem die Hühner untergebracht waren, gab es eine weitere Kammer. Dort war es deutlich kühler als in der Vorratskammer, und dort wurden im Winter das gepökelte oder geräucherte Fleisch, der getrocknete oder eingelegte Fisch und andere Lebensmittel gelagert.

Sie nahm ihr Umschlagtuch und ging über den Hof zum Schuppen. Immer noch hatte sie den Duft von frisch gebratenem Speck in der Nase. Speck war ein wichtiges Nahrungsmittel, das sie sparsam verwendeten.

Aber heute, dachte Catharina, gönnen wir uns etwas. Sie schnitt ein reichliches Stück aus der Bauchseite, die am Haken von der Decke hing. Dann suchte sie Möhren aus dem Sand der Lage im Regal, schnitt Zwiebeln und Knoblauch von den Zöpfen, die neben der Tür hingen. Buchweizen hatte sie noch in der Küche. Sie würden zwar nicht so köstlich und reichhaltig speisen wie die von der Leyen, aber heute würden sie auch nicht darben. Catharina legte die Sachen in den Korb, öffnete dann die Tür zum Hühnerstall. Sie fand nur zwei Eier. Seufzend wollte sie die Tür wieder schließen, doch dann fasste sie einen Entschluss, wozu die alte Henne weiterhin mit durchfüttern?

Sie holte eine Wanne aus der Kammer nebenan sowie das Beil. Dann packte sie mit einem raschen Griff die alte Henne, nahm sie bei den Läufen und ließ sie schwungvoll vier- oder fünfmal durch die Luft kreisen. Die anderen Hennen stoben erschrocken und laut gackernd davon. Schließlich war der alte Vogel bewusstlos. Catharina legte den Vogel auf den Hackklotz, nahm das Beil, enthauptete das Tier und legte es in den Bottich, wo es unter letztem Geflatter ausblutete.

Danach holte Catharina einen Eimer mit Wasser. Sie tauchte das Tier hinein und rupfte es mit flinken und routinierten Bewegungen, trug es dann in die Küche. Ihre Hände waren blau gefroren, und sie brauchte einen Moment, um sich wieder aufzuwärmen. Im Kessel war nur noch wenig Würzwein, doch die wenigen Schlucke taten ihr gut. Sie flämmte die Henne über dem Herdfeuer ab, trug sie in den Hof, schnitt sie unterhalb des Brustbeines bis zur Kloake hin auf, ohne diese zu beschädigen. Herz, Magen und Leber sowie das Fett aus dem Bauchraum legte sie in eine Schüssel. Damit konnte sie der Mutter eine leckere Mahlzeit bereiten. Die Galle knipste sie mit spitzen Fingern von der Leber ab. Kaspar, der dicke Hauskater, schmiegte sich eng an Catharinas Beine und schnurrte vernehmlich.

»Ja, ja«, murmelte Catharina. »Hier hast du.« Sie wollte ihm ein Stück der restlichen Innereien abschneiden, doch mit einem raschen Tatzenschlag krallte er sich alles und sauste hinter den Schuppen.

»Du alter Räuber«, sagte Catharina lachend. »Wehe, du vergisst darüber das Mausen.«

In der Henne hatte sie ein reifes Ei gefunden und legte es in die Schüssel mit den Innereien.

Hab ich das Tier unnötig getötet? fragte sie sich und biss sich auf die Lippen. Zu früh und vor der Zeit? Oder war es doch noch nicht zu alt zum Eierlegen? Habe ich gar das falsche Tier gegriffen? Aber nein, sie kannte die Hühner. Dies war vermutlich ein letztes Ei gewesen.

Catharina löste den Hals aus der Karkasse, entfernte den Kropf und wusch das nun ausgenommen Tier noch einmal mit frischem Wasser ab. Sie band die Läufe zusammen und hängte den Vogel in den Vorratsraum. Gegen Abend wäre er ein wenig abgehangen und könnte zubereitet werden.

Sie trug die Schale mit dem Fett und den Innereien in die Küche, ließ das Fett aus und schmorte Herz, Magen und Leber darin, gab etwas Majoran, Zwiebeln und Knoblauch hinzu und salzte sparsam. Schon bald zog ein köstlicher Duft durch das Haus. Catharina lief das Wasser im Mund zusammen.

»Käthe?« Esther kam die Stiege hinunter, steckte sich die Haare hoch und setzte die Haube auf. »Was hast du denn Leckeres auf dem Markt erstanden?«

»Hast du dich etwas ausruhen können?«

»Ja, dank dir, mein Kind.« Esther hob den Deckel vom Topf und schnupperte.

»Ich habe die alte Henne geschlachtet.« Catharina biss sich auf die Lippe, denn sie wusste nicht, ob es ihrer Mutter recht war. »Auf dem Markt gab es kaum etwas und ich dachte ... wir müssen uns mal wieder ein ordentliches Essen gönnen. Denn noch ist der Winter lang und das Frühjahr fern.« Ihre Stimme war immer leiser geworden.

»Ist schon recht, Käthe.« Esther brach ein Stück Brot ab und tauchte es in die würzige Soße aus dem Hühnerfett. »Sehr gut. Eine Zwiebel könntest du noch würfeln und dazu fügen.« Sie tätschelte ihrer Tochter die Schulter, und Catharina atmete erleichtert auf.

Zwei Tage später – einige der französischen Soldaten hatten den Fastnachtsbetrieb schon begonnen – schickten die von der Leyen den Knecht zu te Kamps.

»Madame, die Gäste sind alle eingetroffen, und nun bräuchten die Herrschaften doch die eine oder andere Änderung, soll ich Euch ausrichten. Wäre es Euch morgen Nachmittag recht?«

»Naturellement.« Esther lächelte, und nur Catharina erkannte die Anspannung ihrer Mutter.

»Du kommst mit und hilfst mir«, sagte Esther zu ihr. »Und bürste dein gutes Kleid aus.«

»Werden die Herrschaften anwesend sein?« Catharina spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

»Natürlich. Im letzten Jahr hat mir ihre Magd geholfen – aber sie war keine wirkliche Hilfe, kann mit Nadel und Faden kaum umgehen und ist lange nicht so flink wie du.«

Am Abend war Catharina sehr aufgeregt. Ihr gutes Kleid hatte sie zwei Mal ausgebürstet, es dann schließlich über kochendes Wasser gehängt. Nun lag es ordentlich zusammengefaltet auf dem Stuhl neben dem Bett. Kaspar, der Hauskater, schlich sich wie sooft in kalten Nächten in das Zimmer der Mädchen. Im letzten Moment konnte Catharina ihn davon abhalten, auf den Stuhl zu springen und sich auf dem Kleid zusammenzurollen.

»Nichts da«, sagte sie und nahm ihn hoch. Kaspar schnurrte laut. Seit sie einen Teil der Haushaltsführung übernommen hatte, hing er an ihr, was daran liegen mochte, dass immer wieder kleine Häppchen und Leckereien für ihn abfielen. Der Kater schmiegte sich an sie. Als Catharina unter die Decke schlüpfte, rollte er sich neben ihr zusammen. Immer wieder schüttelte sie ihr Kissen auf, rückte die Decke zurecht.

»Nun komm endlich zur Ruhe«, sagte Henrike lachend.

»Aber vielleicht sehe ich morgen Friedrich von der Leyen wieder«, wisperte Catharina.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass du ihn wiedersiehst.«

»Und das ist so aufregend.« Catharina bekam fast einen Schluckauf.

Ihre Schwester schüttelte es vor Lachen. »Was ist daran aufregend?«

»Du verstehst das nicht. Es ist alles so anders dort, so tres chic. Es riecht sogar anders.«

»Naturellement. Bei den Flohs ist auch alles viel vornehmer als bei uns.« Mit einem kleinen Lächeln lehnte sich Henrike zurück in die Kissen. »Viel besser ist es dort – angefangen beim Essen bis hin zu den dicken Decken in den Betten.«

Catharina riss die Augen auf. »Woher weißt du das?«

Wieder lachte Henrike. Sie sah aus wie der Kater, wenn er von der Sahne genascht hatte. »Ich helfe manchmal beim Bettenmachen, was hast du denn gedacht?«

»Oh.«

»Du solltest aber nun versuchen, etwas Schlaf zu bekommen. Sonst werden die von der Leyen ganz erschrocken sein ob deiner bleichen Gesichtsfarbe, und auch das Nähen wird dir nicht gelingen.«

Catharina blies die Kerze aus und kuschelte sich unter die Decke. Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Ihr Herz pochte, und das Blut rauschte in ihren Ohren. Immer wieder sah sie Friedrich vor sich, wie er sie galant zur Tür geleitet hatte, mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Oder war das Lächeln gar nicht freundlich gewesen? Hatte er sich insgeheim über sie lustig gemacht? War sie in seinen Augen vielleicht nur ein tumbes Mädchen, die Tochter der Näherin?

Nein, so war er nicht, dachte sie, und mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie endlich ein.

Kapitel 4

Am nächsten Morgen war Catharina schon früh wach. Sie überlegte, ob sie das Kleid ein weiteres Mal ausbürsten sollte, doch die Zeit drängte. Zwar sollten sie erst im Laufe des Tages zu den von der Leyen kommen, bis dahin aber musste sie den Haushalt erledigt haben.

Nach wenigen Bissen stand Henrike vom Frühmahl auf. Sie zwinkerte ihrer Schwester zu. »Möge es ein erfolgreicher Tag für dich werden«, wisperte sie, bevor sie sich zum Bürgermeisterhaus aufmachte.

»Was müsst ihr immer flüstern?«, tadelte Esther sie. »Henrike hat wieder kaum etwas gegessen.« Sie schüttelte den Kopf und sah ihrer Tochter hinterher, die eilig ihren Mantel und die Stiefel anzog und dann das Haus verließ. »Wo soll das noch hinführen?«

»Ich denke, sie bekommt bei den Flohs genügend zu essen«, murmelte Catharina.

»Diese Woche müssen wir waschen.« Esther warf einen Blick nach draußen. Es war immer noch kalt, aber klar, kein Wölkchen war am Himmel zu sehen. »Heute wäre es ideal ...«

»Aber heute müssen wir doch ...«

»Naturellement. Vielleicht haben wir ja Glück, und es bleibt so in den nächsten Tagen.«

Die Wäsche zu waschen war eine schwere Aufgabe. Schlimm war es dann, wenn es wochenlang regnete und sie kaum eine Chance hatten, die nassen Laken und Tücher zu trocknen.

Esther und Catharina beeilten sich, den Haushalt zu machen und das Essen vorzubereiten. Nachdem sie den Brotteig angesetzt und die Hühner gefüttert hatte, holte Catharina einen Eimer Wasser vom Brunnen im Hof. Sie setzte einen Kessel auf und erwärmte einen Teil des Wassers, füllte damit einen Krug. Ihre Mutter suchte die Nähsachen in der Stube zusammen, Catharina konnte sie kramen hören. Vorsichtig öffnete Catharina die Küchentür, warf einen Blick in die Diele, von ihrer Mutter war nichts zu sehen. Catharina streifte die Holzpantinen ab, schlich, so leise sie konnte, die steile Stiege hoch. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Bretter der dritten und siebten Stufe knarrten, und deshalb vermied sie diese Stufen. Behutsam öffnete sie die Tür zu dem kleinen Zimmer, das sie sich mit ihrer Schwester teilte. Durch den Kaminzug war das Zimmer anheimelnd warm geworden. Catharina goss das Wasser aus dem Krug in die Schüssel, die auf der Kommode stand. Dann zog sie sich das schlichte Kleid aus, das sie am Morgen übergezogen hatte. Catharina besaß vier Kleider. Ein dünnes Sommerkleid, zwei einfache aus derbem Stoff für jeden Tag und das gute Wollkleid, das sie gestern ausgebürstet hatte. Das Wollkleid durfte sie gewöhnlich nur an Sonn- und Feiertagen anziehen, es war fein, aber schlicht gearbeitet.

Henrike hatte eine Spiegelscherbe an der Wand befestigt, sehr zum Missfallen der Mutter.

»Was braucht ihr einen Spiegel? Er verleitet nur zur Eitelkeit, und das ist nicht gottgefällig«, hatte sie gesagt, dennoch hatte sie den Mädchen die Scherbe gelassen.

Für Mennoniten war Eitelkeit eine Sünde und nicht gottgefällig.

Wir sind nicht wirklich eitel, dachte Catharina, während sie versuchte, einen Blick von sich zu erhaschen, es ist doch nur eine kleine Scherbe und kein prunkvoller Spiegel.

Ein Stück Seife lag neben der Waschschüssel. Catharina nahm es in die Hand. Vermutlich müssen wir erst wieder Seife sieden, bevor wir die große Wäsche angehen können. Sie seufzte. Es gab immer etwas im Haushalt zu tun, eine Tätigkeit zog die nächste nach sich.

Ihre Mutter mengte Kräuter unter die Lauge und verlieh der Seife dadurch einen wunderbaren Duft. Wir haben noch getrockneten Lavendel, fiel Catharina ein, und auch noch ein paar Zweige Rosmarin.

Sie schnupperte an dem Stück in ihrer Hand, die Seife roch leicht herb, aber nicht unangenehm, ein wenig nach Kamille vielleicht. Doch an die Düfte bei den von der Leyen kam sie nicht heran. Sie benutzen bestimmt sündhaft teures Parfüm, sagte Catharina sich, etwas, was ihre Mutter niemals erlauben und was auch in der Gemeinde auf Missfallen stoßen würde.

Sie tauchte die Seife in das inzwischen nur noch lauwarme Wasser, rieb, bis es schäumte, und wusch sich langsam und sorgfältig. Dabei war sie gar nicht schmutzig. Von klein auf hatte die Mutter ihnen beigebracht, sich jeden Abend zu waschen. Im Winter wurde daraus eher eine flüchtige Katzenwäsche, denn warmes Wasser durften sie nicht mit aus der Küche hochnehmen. Einmal in der Woche wurde die Leibwäsche gewaschen, meist samstags, und danach durften die Mädchen in das seifige Wasser im großen Zuber. Im Sommer war das sehr angenehm, aber jetzt im Winter kühlte das Wasser im Zuber schnell ab, auch wenn es zu Anfang kochend gewesen war.

Catharina trocknete sich sorgfältig ab, löste den Haarknoten. Wie ein Wasserfall ergoss sich ihr langes blondes Haar über die Schultern. Sie kämmte die Haare, flocht sie zu einem festen Zopf, dann zog sie das gute Kleid aus dunkler Wolle an, steckte die Haare im Nacken fest und bedeckte sie mit der Haube. Sie konnte nur wenig in der kleinen Spiegelscherbe erkennen, drehte und wendete sich, um möglichst viele Details auszumachen. Die Haube saß, ihre blauen Augen blickten klar, das Kleid war ordentlich geschlossen. Zu gerne hätte sie ein wenig Spitze an den Ärmeln gehabt oder einen etwas tieferen Ausschnitt, beides Dinge, die ihre Mutter nicht billigte.

»Schlicht sollst du dich kleiden, gottesfürchtig und mäßig. Eitelkeit ist nicht ehrerbietig«, sagte Esther tadelnd. Dabei wären ein paar Änderungen schnell gemacht und würden ausgezeichnet aussehen. Doch gegen ihre Mutter kam sie nicht an, und sie suchte auch keinen Streit.

»Käthe?«, scholl nun durch das kleine Haus. »Wo bist du?«

»Ich ... hier ...«, stammelte Catharina. Hatte es etwa an der Haustür geklopft, und sie hatte es nicht gehört? War der Knecht der von der Leyen schon da? Vorsichtig goss sie das nun seifige Waschwasser zurück in den Krug, um es später in den Hof zu schütten. Sie achtete darauf, dass kein Tropfen ihr gutes Kleid beschmutzte, ging dann die steile Stiege hinab. Der Kater hatte, auf dem Bett liegend, ihr Treiben verfolgt und kam ihr nun hinterher. Er rannte an ihr vorbei, um ja nur als Erster in der Küche zu sein, und hätte sie beinahe zu Fall gebracht.

»Mistvieh!«

»Käthe! Du sollst nicht fluchen!« Ihre Mutter stand am Fuß der Treppe und schaute ihr entsetzt entgegen. »Was hast du da oben überhaupt getrieben? Das Brot wäre fast verbrannt, und die Wurzeln haben angesetzt.«

»Ich ... ich ...«, stammelte Catharina und suchte verzweifelt nach einer guten Ausrede.

»Oh, du hast die Nachttöpfe entleert?« Ohne weiter nachzufragen, drehte Esther sich um.

»Ich habe mich umgezogen«, murmelte Catharina.

»Dann pass bloß auf, dass du das gute Kleid nicht beschmutzt.«

Als endlich der Knecht der von der Leyen kam, um sie abzuholen, war Catharina sehr nervös. Zweimal war sie in die Dachstube gestiegen und hatte sich in der Spiegelscherbe begutachtet. Es gab nichts zu bemängeln, sie sah aus wie immer, vielleicht ein wenig bleicher. Doch das würde vermutlich nur ihrer Mutter auffallen.

Das Haus der von der Leyen wirkte wie ein geschäftiger Bienenstock. In der Küche wurde Gemüse geputzt, Fleisch gebraten und gekocht, Geflügel zerlegt oder gefüllt, Früchte wurden kandiert, Brot und Küchlein gebacken.

Die Mägde liefen emsig vom Vorderhaus zu den Hauswirtschaftsräumen und zurück, trugen Wein, Bier, Speisen und Süßigkeiten auf und leeres Geschirr zurück.

In der Spülküche waren zusätzliche Hilfskräfte an der Arbeit, der Knecht schleppte Holz und Kohlen heran. Obwohl die Küche von Dampfschwaden durchzogen war, überwachte Mamsell Luise gelassen das Geschehen.

»Mon dieu.« Esther schüttelte den Kopf. »Wer soll sich denn hier noch zurechtfinden?«

»Ach!« Mamsell Luise winkte ab. »Das ist doch gar nichts. Am Wochenende, wenn es das große Fest gibt, wird es beschwerlich. Aber auch das ist nichts dagegen, wenn die Herrschaften hochgestellten Besuch haben. Dann ist es hier wie im Tollhaus.«

Auch im Salon, in den Nele die beiden Frauen führte, herrschte allgemeiner Trubel. Die Schiebetüren zu dem zweiten Raum waren aufgeschoben worden, im Erker spielte ein Musiker auf dem Cembalo, begleitet von einem Flötisten, lustige Weisen. Die Tische waren beiseite geräumt worden und standen nun an der Wand. Sie bogen sich unter Platten und Schüsseln, gefüllt mit allerlei Speisen. Ein Diener kredenzte Wein und Bier. Tabakqualm erfüllte die Luft.

Catharina sah sich verstohlen um, konnte aber Friedrich von der Leyen auf den ersten Blick nicht entdecken.

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