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Die Sehnsucht der Pianistin

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Nora Roberts

Die Sehnsucht der Pianistin

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ruth Nachtigall

1. KAPITEL

Was tue ich hier?

Immer wieder stellte Vanessa sich diese Frage, während sie die Main Street hinunterfuhr. Das verschlafene Städtchen Hyattown in Maryland hatte sich in den letzten zwölf Jahren kaum verändert. Es schmiegte sich noch immer in die Ausläufer der Blue Ridge Mountains, umgeben von Ackerland und dichten Wäldern. Apfelplantagen und Kuhweiden drängten sich bis an die Grenzen des kleinen Ortes heran, in dem es weder Ampeln noch hohe Bürogebäude noch Verkehrslärm gab.

Solide alte Häuser, wohin man sah, mit nicht eingezäunten Gärten, wo Kinder spielten und Wäsche auf der Leine flatterte. Es war noch alles genauso, wie sie es verlassen hatte. Vanessa war erleichtert und ein wenig verwundert. Die Bürgersteige waren noch immer holprig und rissig, unterwandert von den Wurzeln der mächtigen Eichen, die gerade ihr erstes Grün aufgesetzt hatten. Die Forsythien zeigten ihr flammendes Gelb, und auch die Knospen der Azaleen standen kurz davor aufzubrechen. Die Krokusse, diese freundlichen Vorboten des Frühlings, wurden überragt von Narzissen und frühen Tulpen. Überall machten die Leute sich an diesem Samstagnachmittag in ihren Vorgärten zu schaffen, wie Vanessa es seit ihrer Kindheit gewöhnt war.

Manche schauten auf, möglicherweise überrascht, einen fremden Wagen vorbeifahren zu sehen. Gelegentlich winkte jemand – nicht, weil er sie erkannt hätte, sondern aus reiner Gewohnheit, um sich dann wieder seiner Hobbygärtnerei zuzuwenden. Vanessa hatte das Wagenfenster geöffnet. Es roch nach frisch gemähtem Gras, nach Hyazinthen und umgegrabener Erde. Sie hörte das Brummen der Rasenmäher, das Bellen eines Hundes und das Rufen und Lachen der spielenden Kinder.

Vor dem Bankgebäude standen zwei alte Männer in Gummistiefeln und Arbeitsoveralls und hielten einen Schwatz. Ein paar Jungen ächzten auf ihren Fahrrädern die ansteigende Straße hinauf, vermutlich zu „Lester’s Store“, wo sie eine Cola trinken oder sich mit Süßigkeiten eindecken wollten. Wie oft hatte sie den gleichen Weg mit dem gleichen Ziel gemacht! Das muss vor hundert Jahren gewesen sein, dachte sie und spürte, wie sich ihr Magen schon wieder zusammenzog.

Was tue ich hier, überlegte sie wieder und griff nach dem Pillendöschen in ihrer Handtasche. Im Gegensatz zu der Stadt hatte sie sich verändert. Manchmal erkannte sie sich selbst kaum wieder.

Sie wollte daran glauben, das Richtige zu tun. Zurückzukommen. Zurück, aber nicht nach Hause, dachte sie wehmütig. War dies denn ihr Zuhause? Wollte sie, dass es das war?

Mit kaum sechzehn hatte sie Hyattown verlassen. Ihr Vater hatte sie mitgenommen auf eine Odyssee – endlose Übungsstunden, Auftritte und immer wieder neue Städte. New York, Chicago, Los Angeles, London, Paris, Bonn, Madrid … Es war aufregend gewesen, eine endlose Fülle von Eindrücken. Und über allem hatte immer die Musik gestanden.

Mit zwanzig war sie auf Drängen ihres Vaters und mithilfe ihres Talentes die jüngste Konzertpianistin des Landes. Bereits mit achtzehn hatte sie den anspruchsvollen „Van-Clyburn“-Wettbewerb gewonnen, wobei ihre Konkurrenten teilweise zehn Jahre älter gewesen waren. Sie hatte für königliche Hoheiten gespielt und mit Präsidenten diniert. Sie hatte sich mit ihrem zielstrebigen Erklimmen der Karriereleiter den Ruf einer brillanten und temperamentvollen Künstlerin erworben. Sie war die attraktive, leidenschaftliche, ihrer Kunst verschriebene Vanessa Saxton.

Und nun, mit achtundzwanzig Jahren, kehrte sie zurück zum Haus ihrer Kindheit und zu der Mutter, die sie zwölf Jahre nicht gesehen hatte.

Vanessa fuhr an den Straßenrand. An das brennende Gefühl in ihrem Magen war sie so gewöhnt, dass sie es kaum noch zur Kenntnis nahm. Das Haus, in dem sie aufgewachsen war, hatte sich genauso wenig verändert wie die gesamte Stadt. Die alten Backsteine wirkten derb und unverwüstlich, und die Fensterläden waren frisch gestrichen. Entlang der Mauer standen üppige Pfingstrosenstauden, die aber erst frühestens in einem Monat blühen würden, wohingegen die Azaleen bereits in Knospe standen.

Bewegungslos saß Vanessa da, die Hände fest um das Steuer gekrampft, und kämpfte den verzweifelten Wunsch nieder, einfach weiterzufahren. Fort von hier. Sie hatte schon zu vielen spontanen Regungen nachgegeben. Sie hatte das Mercedes-Cabrio gekauft, hatte Dutzende von Angeboten abgelehnt und war nach ihrem letzten Auftritt in Chicago einfach losgefahren. Seitdem sie erwachsen war, war ihr Tagesablauf immer minutiös geplant worden. Alles war sorgfältig überlegt und organisiert gewesen. Obwohl von Natur aus eher impulsiv, hatte sie lernen müssen, wie wichtig Ordnung im Leben war. Herzukommen, alte Wunden wieder aufzureißen und Erinnerungen aufzufrischen, gehörte nicht zu dieser Ordnung.

Aber wenn sie jetzt fortlief, würde sie nie Antworten auf ihre Fragen bekommen. Vanessa gab sich einen Ruck, stieg aus dem Wagen und holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Wenn es ihr nicht gefiel, brauchte sie ja nicht zu bleiben. Sie war ein freier Mensch. Sie war eine erwachsene, weit gereiste und finanziell abgesicherte Frau. Ihr Zuhause konnte sie sich aussuchen, wo immer es ihr passte. Seitdem ihr Vater vor sechs Monaten gestorben war, hatte sie keine Wurzeln mehr.

Dennoch war sie hierher gekommen. Und hier musste sie sein – zumindest bis sie die Antworten auf ihre Fragen gefunden hatte.

Vanessa überquerte den Bürgersteig und ging die fünf Steinstufen zum Haus hinauf. Sie hielt sich bewusst gerade, obwohl ihr Herz wie ein Schmiedehammer klopfte. Ihr Vater hatte nie zugelassen, dass sie die Schultern hängen ließ. Ihre äußere Erscheinung war genauso wichtig wie ihr Vortrag. Mit erhobenem Kinn und gestrafften Schultern ging sie direkt auf das Haus zu.

Als die Haustür sich öffnete und ihre Mutter auf die Veranda heraustrat, blieb Vanessa wie angewurzelt stehen.

Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf. Sie sah sich selbst an ihrem ersten Schultag, als sie stolz die Treppe hinaufgelaufen war und ihre Mutter dort an der Tür hatte stehen sehen. Sie sah sich schluchzend auf das Haus zuhinken, als sie von ihrem Fahrrad gefallen war und ihre Mutter die Schrammen säuberte und den Schmerz wegküsste. Sie sah sich wie auf Wolken über den Weg schweben, als sie ihren ersten Kuss bekommen hatte, und das wissende Lächeln in den Augen ihrer Mutter, die jedoch keine Fragen gestellt hatte, obwohl es ihr sichtlich schwergefallen war.

Und dann dieses allerletzte Mal. Damals allerdings war sie nicht gekommen, sondern gegangen, und ihre Mutter hatte auch nicht winkend auf der Veranda gestanden.

„Vanessa!“

Loretta Saxton stand in der Tür und flocht nervös die Finger ineinander. In ihrem dunkelbraunen Haar zeigten sich noch keine grauen Strähnen. Es war kürzer, als Vanessa es in Erinnerung hatte, und umrahmte ein noch fast faltenloses Gesicht. Es war etwas runder und auch weicher als damals. Trotzdem wirkte sie irgendwie kleiner. Nicht eingeschrumpft, aber irgendwie kompakter, lebendiger, jünger. Einen Augenblick musste Vanessa an ihren Vater denken. Er war mager gewesen, zu mager, blass und alt.

Loretta wollte ihrer Tochter entgegenlaufen, aber sie konnte es nicht. Die junge Frau, die dort auf dem Gartenweg stand, war nicht das Mädchen, das sie verloren und nach dem sie sich so gesehnt hatte. Sie sieht mir ähnlich, dachte Loretta und kämpfte mit den Tränen. Stärker, selbstsicherer, aber trotzdem ist sie mir ähnlich.

Vanessa wappnete sich, wie sie es so oft vor einem Auftritt hatte tun müssen, und ging weiter auf das Haus zu, die knarrenden Holzstufen hinauf, bis sie vor ihrer Mutter stand. Sie waren fast gleich groß, und das überraschte sie beide. Ihre Augen hatten das gleiche überschattete Grün, ihre Blicke tauchten ineinander.

Sie standen dicht voreinander, aber es gab keine Umarmung. „Ich freue mich, dass ich kommen durfte“, sagte Vanessa steif und hasste sich selbst dafür.

Loretta räusperte sich. „Du bist hier immer willkommen“, sagte sie mühsam beherrscht. „Das mit deinem Vater tut mir leid.“

„Danke. Du siehst gut aus.“

„Ich …“ Was sollte sie sagen? Was in aller Welt konnte sie sagen, um zwölf verlorene Jahre zu überbrücken? „Herrschte dichter Verkehr unterwegs?“

„Nein, nicht nachdem ich aus Washington heraus war. Es war eine angenehme Fahrt.“

„Trotzdem wirst du müde sein. Komm herein und setz dich.“

Sie hat die Einrichtung verändert, dachte Vanessa, als sie ihrer Mutter ins Haus folgte. Die Zimmer wirkten heller und luftiger. Das beeindruckende Haus, an das sie sich erinnerte, war gemütlich geworden. Dunkle, unpersönliche Farben waren warmen Pastelltönen gewichen. Auf dem hellen Kiefernboden lagen farbige Webteppiche. Vanessa entdeckte liebevoll restaurierte Antiquitäten, und überall duftete es nach frischen Blumen. Es war eindeutig das Heim einer Frau, einer Frau von Geschmack und Format.

„Vielleicht möchtest du erst hinaufgehen und auspacken?“ Loretta blieb an der Treppe stehen und hielt sich am Pfosten fest. „Oder hast du vielleicht Hunger?“

„Nein, danke.“

Loretta nickte und ging die Treppe hinauf. „Ich dachte, du möchtest vielleicht dein altes Zimmer.“ Sie presste die Lippen zusammen, als sie den Treppenabsatz erreichten. „Ich habe es ein bisschen umgeräumt.“

„Das sehe ich.“ Vanessa mühte sich um einen gleichmütigen Ton.

„Aber du hast immer noch den Blick über den hinteren Garten.“

„Das ist sicher hübsch.“

Loretta öffnete eine Tür, und Vanessa folgte ihr ins Zimmer.

Es gab keine aufgeputzten Puppen mehr und auch keine Kuscheltiere. Die Poster waren von den Wänden verschwunden und auch die sorgsam gerahmten Urkunden. Verschwunden war das schmale Bett, in dem Vanessa einst geträumt hatte, und das Pult, an dem sie sich mit französischen Verben und Geometrie abgequält hatte. Es war kein Mädchenzimmer mehr, es wirkte jetzt wie ein Gästezimmer.

Die Wände waren hell, und vor den Fenstern bauschten sich hübsche Gardinen. An der Wand stand ein breites Bett mit einer pastellfarbenen Tagesdecke und vielen farbenfrohen Kissen. Auf einem eleganten Queen-Anne-Sekretär stand eine Vase mit Freesien, und eine Potpourri-Schale verströmte einen angenehmen Duft.

Befangen ging Loretta durchs Zimmer, zupfte an der Tagesdecke und wischte ein imaginäres Staubkorn von der Frisierkommode. „Ich hoffe, es wird dir hier gefallen. Wenn du etwas brauchst, musst du es mir nur sagen.“

Vanessa hatte das Gefühl, in ein vornehmes Hotelzimmer einzuziehen. „Es ist sehr geschmackvoll“, sagte sie. „Es wird mir hier gefallen. Danke.“

„Gut.“ Loretta verflocht erneut die Finger. Wie gern sie Vanessa berührt hätte! Wie sie sich danach sehnte! „Soll ich dir beim Auspacken helfen?“

„Nein“, wehrte Vanessa rasch ab. Aber dann rang sie sich ein Lächeln ab. „Ich komme schon zurecht.“

„Also gut. Das Bad ist gleich nebenan.“

„Ich erinnere mich.“

Loretta unterbrach sich und schaute hilflos aus dem Fenster. „Ja … natürlich. Ich bin unten, wenn du irgendetwas brauchst.“ Sie überwand ihre Scheu und legte die Hände um Vanessas Gesicht. „Willkommen daheim.“ Dann ging sie rasch hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Vanessa setzte sich aufs Bett. Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen. Sie presste die Hände darauf und sah sich in dem Zimmer um, das einst ihr gehört hatte. Wie war es möglich, dass die Stadt so unverändert wirkte, während ihr Zimmer ganz anders geworden war? Vielleicht traf das auch auf die Menschen zu. Nach außen hin wirkten sie vertraut, aber im Innern waren sie Fremde geworden.

Wie sie selbst.

Wie verschieden war sie von dem Mädchen, das einst hier gelebt hatte. Würde sie sich selbst wiedererkennen? Würde sie das überhaupt wollen?

Sie trat vor den Spiegel in der Ecke. Gesicht und Figur waren wie immer. Vor jedem Konzert hatte sie ihre äußere Erscheinung einer sorgfältigen Prüfung unterzogen, bevor sie die Bühne betrat. Das erwartete man von ihr. Ihr Haar hatte elegant frisiert zu sein – zurückgenommen oder hochgesteckt, niemals lose herabfallend –, ihr Gesicht dezent geschminkt und ihr Kleid von unauffälliger Eleganz. Das war das Image der Vanessa Saxton. Jetzt war ihr Haar ein wenig windzerzaust, aber nun sah sie ja auch niemand. Ihr Haar war von dem gleichen satten Braun wie das ihrer Mutter, nur etwas länger. In der Sonne leuchtete es manchmal feurig auf, und im Mondschein schimmerte es weich. Um die Augen wirkte sie ein wenig müde, aber das war kein Wunder. Sie hatte am Morgen sorgfältig Make-up aufgelegt, sodass noch eine Spur Rouge auf den Wangen und ein Hauch Lippenstift auf ihrem Mund war. Sie trug ein pinkfarbenes Kleid mit engem Jäckchen und weitem Rock. In der Taille war es ein bisschen locker, aber ihr Appetit war auch nicht der beste gewesen.

Aber all das war nur ein Teil ihres Images – die selbstbewusste, gelassene und sichere Erwachsene. Sie wünschte, die Zeit zurückdrehen und sich selbst noch einmal als Sechzehnjährige sehen zu können, voller Hoffnung, trotz der Probleme, die das Familienleben überschatteten. Und voller schöner Träume und Musik.

Seufzend wandte sie sich ab, um auszupacken.

Als Kind war ihr Zimmer ihr Reich und ihre Zuflucht gewesen. Aber sie war kein Kind mehr. War sie nicht nach Hause gekommen, um das Band zu ihrer Mutter neu zu knüpfen? Das war kaum möglich, wenn sie in ihrem Zimmer saß und einsam vor sich hin brütete.

Als Vanessa hinunterging, hörte sie leise Musik aus der Küche. Ihre Mutter hatte schon immer lieber Pop als klassische Musik gehört, worüber Vanessas Vater stets ungehalten war. Vanessa erkannte einen alten Presley-Song, weich und ein wenig schmalzig. Sie folgte der Musik und blieb in der Tür zum ehemaligen Musikzimmer stehen.

Der große alte Flügel, der früher den ganzen Raum beherrscht hatte, war fort, ebenso wie der mächtige alte Schrank mit der umfangreichen Plattensammlung. Jetzt standen hier zierliche kleine Stühle mit gestickten Kissen. In einer Ecke entdeckte sie einen wunderschönen alten Servierwagen und darauf eine üppige Grünpflanze. An den Wänden hingen gerahmte Aquarelle, und vor den beiden Fenstern lud ein geschwungenes viktorianisches Sofa zum Sitzen ein.

Den Mittelpunkt aber bildete ein kostbares Rosenholzklavier. Wie magisch angezogen ging Vanessa darauf zu. Spielerisch schlug sie die ersten Akkorde einer Chopin-Etüde an. Am Anschlag der Tasten merkte sie, dass das Klavier brandneu war. Hatte ihre Mutter es gekauft, nachdem sie den Brief ihrer Tochter bekommen hatte? War dies eine Geste, ein Versuch, die Kluft von zwölf Jahren zu überbrücken?

So einfach würde es aber nicht sein. Vanessa rieb sich über die Augen, denn sie spürte einen beginnenden Kopfschmerz. Sie wussten beide, dass es vieles zu überwinden galt.

Sie wandte sich ab und ging in die Küche.

Loretta hatte einen Salat gemacht und füllte ihn gerade in eine blassgrüne Schüssel. Vanessa erinnerte sich, dass ihre Mutter sich schon immer gern mit schönen Dingen umgeben hatte. Das sah man auch jetzt an den hübschen Spitzensets auf dem Tisch, der blassrosa Zuckerdose und der Sammlung von Glasfiguren in einer offenen Vitrine. Loretta hatte das Fenster geöffnet, und eine leichte Frühlingsbrise spielte mit den blitzsauberen Gardinen über der Spüle.

Als Loretta sich umdrehte, sah Vanessa, dass ihre Augen gerötet waren. Aber sie lächelte, und ihre Stimme war klar. „Ich weiß, du sagtest, du seist nicht hungrig, aber ich dachte, vielleicht magst du ein Schüsselchen Salat und Eistee.“

Vanessa lächelte mühsam. „Danke. Das Haus ist sehr schön. Es kommt mir irgendwie größer vor. Ich dachte immer, alles wirkt kleiner, wenn man älter wird.“

Loretta stellte das Radio ab. Vanessa bedauerte es, denn jetzt waren sie mit dem einsetzenden Schweigen allein. „Hier gab es früher zu viele dunkle Farben“, sagte Loretta. „Und zu viele schwere Möbel. Manchmal hatte ich das Gefühl, darunter begraben zu sein.“ Sie unterbrach sich verwirrt. „Ich habe ein paar Stücke aufgehoben, vor allem die, die deiner Großmutter gehörten. Sie stehen auf dem Dachboden. Ich nahm an, du möchtest sie vielleicht eines Tages haben.“

„Schon möglich“, sagte Vanessa beiläufig. Sie setzte sich, während ihre Mutter den bunten Salat servierte. „Was hast du mit dem Flügel gemacht?“

„Verkauft.“ Loretta griff nach der Teekanne. „Vor Jahren schon. Wozu sollte ich ihn behalten, wenn doch niemand darauf spielte? Außerdem habe ich ihn immer gehasst.“ Sie zuckte zusammen und stellte die Teekanne hin. „Tut mir leid.“

„Keine Ursache. Ich verstehe es ja.“

„Nein, das glaube ich nicht.“ Loretta sah sie offen an. „Ich glaube, das kannst du nicht.“

Vanessa war noch nicht bereit für eine Aussprache. Schweigend nahm sie die Gabel.

„Ich hoffe, das neue Klavier gefällt dir. Ich verstehe nicht viel von Musikinstrumenten.“

„Es ist wunderschön.“

„Der Mann, von dem ich es gekauft habe, hat mir versichert, dass es das Nonplusultra ist. Ich weiß, dass du üben musst. Deshalb dachte ich … Wie dem auch sei, wenn es dir nicht gefällt, brauchst du nur …“

„Es ist ausgezeichnet.“ Sie aßen schweigend, bis Vanessa das Gespräch wieder aufnahm. „Die Stadt sieht genauso aus wie früher“, begann sie in höflichem Plauderton. „Wohnt Mrs. Gaynor noch immer an der Ecke?“

„Ja, sicher.“ Erleichtert nahm Loretta den Faden auf. „Sie ist jetzt fast achtzig und geht jeden Tag zur Post, egal ob es regnet oder nicht. Die Breckenridges sind weggezogen, das muss jetzt etwa fünf Jahre her sein. Ihr Haus hat eine nette Familie gekauft. Sie haben drei Kinder. Das jüngste kommt dieses Jahr in die Schule. Das ist vielleicht ein aufgeweckter kleiner Bursche! Erinnerst du dich noch an Rick, den Jungen der Hawbakers? Du hast für ihn den Babysitter gespielt.“

„Ich erinnere mich, einen Dollar pro Stunde bekommen zu haben, um von einem kleinen Monster mit Raffzähnen und einer Steinschleuder fast in den Wahnsinn getrieben zu werden.“

„Das ist er.“ Loretta lachte. An dieses Lachen hatte Vanessa sich all die Jahre gut erinnern können. „Er ist jetzt auf dem College, sogar mit einem Stipendium.“

„Kaum zu glauben.“

„Als er letzte Weihnachten zu Hause war, hat er mich besucht. Er hat auch nach dir gefragt.“ Loretta spielte mit ihrer Gabel. „Joanie lebt immer noch hier.“

„Joanie Tucker?“

„Jetzt heißt sie Joanie Knight“, sagte Loretta. „Vor drei Jahren hat sie den jungen Jack Knight geheiratet. Sie haben ein goldiges Baby.“

„Joanie“, murmelte Vanessa. Joanie Tucker, die von klein auf ihre beste Freundin gewesen war. Sie war für sie Vertraute, Verbündete und Klagemauer gewesen. „Sie hat ein Kind?“

„Ein kleines Mädchen, Lara. Sie haben eine Farm außerhalb der Stadt. Ich weiß, dass sie dich gern sehen würde.“

„Ja.“ Zum ersten Mal an diesem Tag kam Leben in Vanessa. „Ja, ich möchte sie auch sehen. Geht es ihren Eltern gut?“

„Emily ist vor fast acht Jahren gestorben.“

„Oh!“ Spontan legte Vanessa die Hand auf die Hand ihrer Mutter. Emily Tucker war für ihre Mutter eine genauso enge Freundin gewesen wie Joanie für sie selbst. „Das tut mir aber leid.“

Loretta blickte auf ihre Hände nieder, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich vermisse sie immer noch.“

„Sie war die netteste Frau, die ich je gekannt habe. Ich wünschte, ich hätte …“ Aber ihre Reue kam zu spät. „Und Dr. Tucker? Geht es ihm gut?“

„Adam ist okay.“ Loretta blinzelte die Tränen fort und unterdrückte den aufsteigenden Schmerz, als Vanessa ihre Hand wegnahm. „Es hat ihn hart getroffen, aber mithilfe seiner Familie und seiner Arbeit ist er darüber hinweggekommen. Er wird sich ebenfalls freuen, dich wiederzusehen, Vanessa.“

„Hat er die Praxis noch immer im Haus?“

„Natürlich. Aber du isst ja gar nichts. Möchtest du etwas anderes?“

„Nein, es schmeckt gut.“ Pflichtschuldig nahm Vanessa eine Gabel Salat.

„Möchtest du nichts über Brady hören?“

„Nein.“ Vanessa nahm den nächsten Happen. „Eigentlich nicht.“

In diesem Augenblick erinnerte sie Loretta an die Tochter, die sie vor Jahren verloren hatte – der angedeutete Schmollmund und die steile Falte zwischen den Brauen. Es wärmte ihr Herz, und sie fühlte sich ihr auf einmal viel näher als der höflichen Fremden. „Brady Tucker ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten.“

Vanessa verschluckte sich fast. „Er ist Arzt?“

„Stimmt. Er hatte eine sehr gute, bedeutende Stellung in einem Krankenhaus in New York. Stationschef, glaube ich.“

„Ich dachte, Brady würde entweder als Profi bei den „Orioles“ oder im Knast enden.“

Loretta lachte wieder. „So ging es uns allen. Aber er ist ein sehr respektabler junger Mann geworden. Ich gebe allerdings zu, er hat immer besser ausgesehen, als ihm gut tat.“

„Und anderen“, murmelte Vanessa, und ihre Mutter lächelte verständnisvoll.

„Diese großen, dunklen, gut aussehenden Burschen sind meist unwiderstehlich, besonders wenn sie auch noch solche Schwerenöter sind.“

„Das ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts.“

„Na ja, etwas wirklich Schlimmes hat er eigentlich nie angestellt“, wandte Loretta ein. „Auch wenn er Emily und Adam so manches Kopfzerbrechen bereitet hat.“ Sie lachte. „Aber um seine Schwester hat er sich immer rührend gekümmert. Schon dafür mochte ich ihn. Und in dich war er ganz vernarrt.“

Vanessa schnaubte verächtlich. „Brady Tucker war in alles vernarrt, was Röcke trug.“

„Er war noch jung.“ Ihr wart alle noch jung, dachte Loretta und sah die attraktive, beherrschte Fremde an, die ihre Tochter war. „Von Emily weiß ich, dass er wochenlang wie ein geprügelter Hund herumgeschlichen ist, nachdem du … nachdem du mit deinem Vater nach Europa gegangen warst.“

„Das ist lange her“, beendete Vanessa das Thema und stand auf.

„Ich kümmere mich um das Geschirr.“ Loretta stellte rasch die Teller zusammen. „Es ist dein erster Tag daheim. Vielleicht hast du Lust, das Klavier auszuprobieren. Es würde mir Freude machen, dich wieder spielen zu hören.“

„Gut.“ Vanessa wandte sich zur Tür.

„Vanessa?“

„Ja?“

Würde sie sie je wieder „Mom“ nennen? „Ich möchte, dass du weißt, wie stolz ich auf dich bin.“

„Wirklich?“

„Ja.“ Loretta sah ihre Tochter an und wünschte den Mut zu haben, ihr die geöffneten Arme entgegenzustrecken. „Ich wünschte nur, du würdest glücklicher aussehen.“

„Ich bin durchaus glücklich.“

„Wenn du es nicht wärst, würdest du es mir dann sagen?“

„Ich weiß es nicht. Eigentlich kennen wir uns gar nicht mehr.“

Das war zumindest aufrichtig. Es tat weh, aber es war aufrichtig. „Ich hoffe, du bleibst lange genug, damit wir uns wieder kennenlernen.“

„Ich bin hier, weil ich Antworten brauche. Aber noch bin ich nicht so weit, Fragen zu stellen.“

„Lass dir Zeit, Vanessa, und glaube mir, wenn ich sage, dass ich immer nur das Beste für dich gewollt habe.“

„Mein Vater hat stets das Gleiche gesagt“, gab Vanessa leise zurück. „Ist es nicht komisch, dass ich jetzt als Erwachsene keine Ahnung habe, was das bedeutet?“

Sie ging hinüber ins Musikzimmer. Sie spürte einen bohrenden Schmerz direkt unter dem Brustbein. Rein gewohnheitsmäßig nahm sie eine Pille aus dem Döschen in ihrer Rocktasche, bevor sie sich ans Klavier setzte.

Vanessa begann mit Beethovens Mondscheinsonate. Sie spielte ohne Noten, und die Musik kam tief aus ihrem Herzen und besänftigte sie. Sie erinnerte sich, dass sie dieses Stück wie so viele andere hier in diesem Zimmer gespielt hatte, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Weil es ihr Freude machte, ja, aber sehr oft auch, weil man es von ihr erwartete, sogar verlangte.

Ihre Gefühle gegenüber der Musik waren immer ein wenig gespalten gewesen. Sie liebte sie leidenschaftlich. Es drängte sie, das ihr gegebene Talent optimal zu nutzen, aber gleichzeitig war sie immer von dem brennenden Wunsch beseelt gewesen, ihrem Vater zu gefallen und seinen hohen Ansprüchen zu genügen.

Er hatte nie verstanden, dass die Musik für sie Liebe war und nicht Berufung. Sie war Trost für sie gewesen, ein Mittel, sich auszudrücken, aber niemals ein Ziel ihres Ehrgeizes. Als sie gelegentlich versucht hatte, es ihm zu erklären, war er so zornig und ungeduldig geworden, dass sie es aufgegeben hatte. Sie, die für ihr leidenschaftliches Temperament bekannt war, war in Gegenwart ihres Vaters ein gehemmtes Kind gewesen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie es nie geschafft, sich ihm zu widersetzen.

Vanessa wechselte zu Bach über, schloss die Augen und ließ sich treiben. Sie spielte über eine Stunde, verloren in der Schönheit, der Sanftheit und der Genialität dieser Musik. Das war es, was ihr Vater nie verstanden hatte, dass es ihr genügte, zu ihrem eigenen Vergnügen zu spielen. Und dass sie es hasste, ihr Leben lang gehasst hatte, auf der Bühne im Rampenlicht zu sitzen und für Tausende zu spielen.

Als sie die aufsteigende Erregung spürte, begann sie ein schnelles, lebhaftes Stück von Mozart, in das sie all ihre Gefühle legen konnte. Als der letzte Akkord verklang, empfand sie eine tiefe Befriedigung.

Der gedämpfte Applaus hinter ihr ließ sie herumfahren. Obwohl die Sonne ihr in die Augen schien und es zwölf Jahre her war, erkannte sie ihn sofort.

„Unglaublich.“ Brady Tucker stand auf und trat zu ihr. Seine hohe, drahtige Gestalt verdeckte die Sonne für einen Augenblick und umgab ihn gleichsam mit einer goldenen Gloriole. „Absolut unglaublich.“ Lächelnd streckte er ihr die Hand hin. „Willkommen daheim, Vanessa.“

Sie stand auf. „Brady“, sagte sie und stieß ihm mit aller Kraft die Faust in den Magen.

Er taumelte rückwärts auf einen Stuhl und stieß pfeifend die Luft aus. Das Geräusch war Musik in Vanessas Ohren. Anklagend sah er zu ihr auf. „Freut mich auch, dich wiederzusehen.“

„Was, zum Teufel, willst du hier?“

„Deine Mutter hat mich hereingelassen.“ Nachdem er ein paar Mal probeweise tief durchgeatmet hatte, stand er auf. Vanessa musste den Kopf zurücklegen, um ihn ansehen zu können. Er hatte noch immer diese unglaublich blauen Augen in einem Gesicht, dem die vergangenen Jahre in keiner Weise geschadet hatten. „Ich wollte dich nicht beim Spielen stören. Deshalb habe ich mich einfach hingesetzt. Ich konnte ja nicht wissen, dass du dermaßen über mich herfallen würdest.“

„Damit hättest du rechnen müssen.“ Es freute sie, ihn überrumpelt und damit zumindest einen kleinen Teil des Schmerzes zurückgezahlt zu haben, den er ihr zugefügt hatte. Seine Stimme war noch immer die gleiche, tief und verführerisch. Allein dafür hätte sie ihm am liebsten noch einen Hieb versetzt. „Mutter hat nichts davon gesagt, dass du in der Stadt bist.“

„Ich bin aber hier. Schon fast ein Jahr.“ Den umwerfenden Schmollmund hat sie immer noch, dachte er und wusste, dass das für sein Seelenheil nicht gut sein würde. „Darf ich mir die Bemerkung erlauben, dass du fantastisch aussiehst, oder begebe ich mich damit wieder in Gefahr?“

Sich auch in heiklen Situationen in der Gewalt zu haben war eines der Dinge, die sie im Laufe der Jahre gelernt hatte. Vanessa setzte sich und strich umständlich ihren Rock glatt. „Tu dir keinen Zwang an.“

„Also gut. Du siehst fantastisch aus. Vielleicht ein bisschen zu dünn.“

Das Schmollen wurde noch ausgeprägter. „Ist das Ihre ärztliche Diagnose, Dr. Tucker?“

„Offen gestanden, ja.“ Er nahm die Gelegenheit wahr, sich neben sie auf den Klavierschemel zu setzen. Ihr dezenter Duft erinnerte ihn an eine laue Mondnacht. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, und das störte ihn. Obwohl sie neben ihm saß, wusste er doch, dass sie für ihn unerreichbar war.

„Du siehst auch gut aus“, sagte sie und wünschte, dass es nicht wahr wäre. Er war noch immer so schlank und athletisch wie in seiner Jugend. Sein Gesicht war zwar nicht mehr so glatt, dafür aber umso männlicher. Sein dunkles Haar war noch immer dicht, und seine Wimpern waren so lang wie eh und je. Und seine Hände waren noch immer so sehnig und kraftvoll wie damals, als sie sie zum ersten Mal berührt hatten. Aber das war in einem anderen Leben gewesen.

„Meine Mutter erzählte mir, dass du eine gute Position in New York hast.“

„Das war einmal.“ Er kam sich vor wie ein Schuljunge, nein, eher noch unsicherer. Vor zwölf Jahren hatte er genau gewusst, wie er sie behandeln musste. Zumindest war er davon überzeugt gewesen. „Ich bin zurückgekommen, um meinem Vater in der Praxis zu helfen. Er möchte sich in einem oder zwei Jahren zur Ruhe setzen.“

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Du zurück in Hyattown und Doc Tucker als Pensionär!“

„Die Zeiten ändern sich nun mal.“

„Ja, das stimmt.“ Sie konnte nicht neben ihm sitzen. Das ist ja albern, dachte sie, stand aber trotzdem auf. „Es fällt mir sehr schwer, mir dich als Arzt vorzustellen.“

„Das habe ich auch gedacht, als ich mich durchs Studium rackerte.“

Neugierig musterte Vanessa ihn. Er trug Jeans, ein Sweatshirt und Joggingschuhe – dasselbe Outfit wie auf der Highschool. „Du siehst gar nicht aus wie ein Arzt.“

„Soll ich dir mein Stethoskop zeigen?“

„Nicht nötig.“ Sie schob die Hände in die Rocktaschen. „Wie ich höre, hat Joanie geheiratet.“

„Ja, und ausgerechnet Jack Knight. Erinnerst du dich an ihn?“

„Ich glaube nicht.“

„In der Highschool war er eine Klasse über mir. Ein Footballstar. War ein paar Jahre Profi, doch dann haben sie ihm das Knie zusammengetreten.“

„Ist das vielleicht eine medizinische Ausdrucksweise?“

„Kommt der Sache aber am nächsten.“ Er grinste ihr zu. Die kleine Ecke an seinem Vorderzahn war noch immer abgesplittert, was sie schon als junges Mädchen so attraktiv gefunden hatte. „Joanie wird ganz aus dem Häuschen sein, dich wiederzusehen, Vanessa.“

„Ich freue mich auch darauf.“

„Ich habe nachher noch ein paar Patienten, werde aber so gegen sechs Uhr fertig sein. Wollen wir dann zusammen essen und anschließend hinaus auf die Farm fahren?“

„Ich glaube nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil du mich bei unserer letzten Verabredung zum Dinner – und zum Abschlussball – versetzt hast.“

Er schob die Hände in die Hosentaschen. „Du bist aber nachtragend.“

„Ja.“

„Ich war achtzehn, Vanessa, und ich hatte einen triftigen Grund.“

„Der jetzt wohl kaum noch eine Rolle spielt.“ Sie spürte wieder das Brennen im Magen. „Tatsache ist, dass ich nicht dort weitermachen will, wo wir vor Jahren aufgehört haben.“

Nachdenklich sah er sie an. „Das war auch nicht meine Absicht.“

„Dann ist es ja gut.“ Zum Teufel mit ihm. „Wir leben beide unser eigenes Leben, Brady, und dabei wollen wir es belassen.“

Er nickte langsam. „Du hast dich mehr verändert, als ich dachte.“

„Ja, das habe ich.“ Sie ging zur Tür, blieb stehen und sah über die Schulter zurück. „Das haben wir beide. Ich denke, du findest allein wieder hinaus.“

„Ja“, murmelte er, nachdem sie schon gegangen war. Er kannte den Weg zur Haustür. Womit er nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass sie mit ihrem schmollenden Blick bei ihm noch immer das Unterste zuoberst kehren konnte.

2. KAPITEL

Die Farm der Knights lag inmitten sanfter Hügel und brauner und grüner Felder. Das Getreide zeigte schon zarte grüne Spitzen. Eine graue Scheune stand hinter drei quadratischen Koppeln. Im Hof gackerten und scharrten die Hühner, und auf einer Weide grasten gefleckte Kühe, die zu träge waren, sich um den herannahenden Wagen zu kümmern. Ganz anders eine Schar Gänse, die, von dem plötzlichen Motorengeräusch aufgeschreckt, schnatternd am Bachufer entlanglief.

Ein holpriger Kiesweg führte zum Farmhaus. Vanessa fuhr ihn bis zum Ende und hielt dann an. Aus der Ferne hörte sie das Tuckern eines Traktors und das fröhliche Bellen eines Hundes.

Sicher war es dumm, jetzt nervös zu sein, aber sie konnte nicht anders. Hier in diesem geräumigen, dreistöckigen Farmhaus mit den hohen Schornsteinen und der breiten Veranda lebte ihre älteste und beste Freundin. Jemand, mit dem sie jeden Gedanken, jedes Gefühl, jeden Wunsch und jede Enttäuschung geteilt hatte.

Doch damals waren sie Kinder gewesen, junge Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, wo man ganz aus dem Gefühl heraus lebt. Sie hatten keine Zeit gehabt, sich allmählich auseinanderzuleben. Ihre Freundschaft war rasch und endgültig beendet worden, und seitdem hatten sie beide viel erlebt – zu viel. Es war sicher naiv und übertrieben zu glauben, dass diese Freundschaftsbande erneuert werden könnten.

Daran dachte Vanessa und wappnete sich mit Gleichmut, während sie die Holzstufen zur Vorderveranda hinaufstieg.

Die Tür flog auf. Der Anblick der Frau, die heraustrat, löste in Vanessa eine Flut von Erinnerungen aus. Ganz anders als vor dem Haus ihrer Mutter, empfand Vanessa in diesem Augenblick weder Verwirrung noch Kummer.

Joanie sieht ja noch immer aus wie damals, dachte sie verdutzt. Ihre Freundin war von kräftigem Wuchs und hatte noch immer all die reizvollen Rundungen, um die Vanessa sie in ihrer Jugend so beneidet hatte. Das kurz geschnittene Haar lockte sich um ein anziehend hübsches Gesicht. Dunkles Haar und blaue Augen, wie ihr Bruder, aber ihre Züge waren weicher, und besonders ihr verwegener Kussmund hatte die Jungen früher ganz wild gemacht.

Vanessa suchte nach Worten, aber im gleichen Augenblick stieß Joanie einen begeisterten Jauchzer aus. Sie fielen sich in die Arme und drückten und herzten sich. Lachen, Tränen und abgehackte Wortfetzen ließen die Jahre in nichts zusammenschmelzen.

„Ich kann noch gar nicht glauben, dass du hier bist.“

„Du hast mir gefehlt. Du siehst … es tut mir so leid.“

„Als ich hörte, dass du …“ Kopfschüttelnd strahlte Joanie die Freundin an. „Es tut so gut, dich wiederzusehen, Vanessa.“

„Ich hatte fast Angst, herzukommen.“ Vanessa wischte sich mit dem Handrücken über die Wange.

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