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Die Schwere des Lichts

Inhaltsübersicht

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

DANKSAGUNGEN

Dieses Buch ist meinen Kindern gewidmet, Meagan Steele Henry, Patrick Thomas Henry jr. und George Rusk Henry. Sie sind der offenste Teil meines Herzens, der kreativste Teil meiner Seele.

Lieben heißt verletzlich sein. Liebe irgendetwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen oder gar das Herz brechen. Wenn du ganz sicher sein willst, daß deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal einem Tier. Umgib es sorgfältig mit Hobbys und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließ es sicher im Schrein oder Sarg deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftlos – verändert es sich. Es bricht nicht; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar.

C. S. Lewis

EINS

Es gibt wunderbare und schreckliche Momente im Leben einer Frau. Beides in rauen Mengen. In einem weißen Kleid vor Familie und Freunden zu stehen und dem gutaussehenden Mann vor mir ewige Liebe zu schwören steht ganz oben auf meiner »Wunderbar«-Liste. Zwanzig Jahre später dann auf der Beerdigung meiner Mutter die Beileidsbekundungen der Trauergäste entgegenzunehmen und mich der Berührung desselben Mannes zu entziehen, weil ich weiß, dass ich ihn nicht mehr liebe, nicht mehr lieben kann, ist schlimmer als schrecklich. Es ist tragisch.

Ich schreibe, um den Wirbelsturm meiner Gefühle mit Worten zu bändigen, um einen Sinn in dem zu finden, was im Moment so sinnlos erscheint.

Mutters Beerdigung

Auf der Beerdigung meiner Mutter gab es weit und breit nur eine Art von Blumen: Lilien. Überall. Unzählige. Wenn man bedenkt, wie viele verschiedene Blumen es auf der Welt gibt, Millionen von Blüten und Knospen, hätte irgendwem doch auch etwas anderes einfallen können.

In der Sprache der Blumen steht die Lilie für Unschuld, Reinheit und Schönheit. Aber nicht deswegen wurde die Kirche von einem Meer aus Lilien überschwemmt. Seit zwölf Generationen, vielleicht auch schon länger, bekommt die erstgeborene Tochter der erstgeborenen Tochter in unserer Familie den Namen Lillian. Es war also klar, warum alle Trauergäste gerade diese Blumen mitgebracht hatten, aber der Geruch war nicht auszuhalten, die widerliche Süße nahm mir die Luft zum Atmen.

Sadie, meine beste Freundin, stand neben mir, während die kondolierenden Trauergäste vorbeiströmten. »Ellie«, flüsterte sie.

»Was?« Ich rückte näher an sie heran.

»Ich frage mich, ob noch irgendwo in ganz Atlanta Lilien zu haben sind. Das ist ja der Wahnsinn.«

»Auch die hätten ihr nicht gereicht«, sagte ich.

Sadie lachte ein respektvoll verhaltenes Kirchenlachen. »Stimmt«, erwiderte sie, »sie konnte nie genug kriegen.«

Auf meiner anderen Seite stand mein Mann Rusty, seine Hand auf meinem Rücken, links neben ihm unsere neunzehnjährige Tochter Lil. Sadie und ich unterdrückten nach Kräften den sich anbahnenden Lachanfall und rangen um die unseren siebenundvierzig Jahren angemessene Contenance. Das Amüsement war natürlich völlig fehl am Platze. Ich habe keine Ahnung, warum Gelächter sich immer dort regt, wo es so ganz und gar nicht hingehört. Ich weiß nicht, warum es immer im falschen Moment regnet oder warum die Liebe verschwindet, wenn wir sie am meisten brauchen. Aber so war es: Wir lachten über den Tod.

»Ich wette«, sagte ich und verhinderte gerade noch ein unschickliches Losprusten, »alle fanden sich wahnsinnig originell, Lilien zu Lillys Beerdigung zu schicken.«

Bei dem Versuch, ein Glucksen herunterzuschlucken, entwischte Sadie ein Schnaufen, und das brachte das Fass zum Überlaufen. Wir lachten uns schief und krumm über etwas, das nur ansatzweise oder vielleicht auch gar nicht komisch war. Aber wenn man etwas nicht haben kann, will man es erst recht, und so waren wir nicht in der Lage, unser Gelächter dort unter Kontrolle zu bringen, wo es am wenigsten hinpasste – beim Entgegennehmen der Beileidsbekundungen auf Mutters Beerdigung.

Rusty warf mir einen Blick zu, der mich seltsamerweise noch mehr zum Lachen brachte. Er streckte die Hand aus, wollte mich berühren, aber ich entzog mich. Meine Tochter sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Sadie drückte meine Hand, wir beruhigten uns – und setzten wieder Trauermienen auf.

Natürlich war an Mutters Tod überhaupt nichts komisch. Sie war plötzlich und unerwartet gestorben und hatte unsere Familie entsetzt und verstört zurückgelassen. Ich weiß jetzt, dass der Tod endgültig ist: Er lässt sich nicht durch Einsamkeit, Reue oder Trauer umkehren. Mein Bedürfnis nach meiner Mutter, nach einer Art Erlösung oder Aussöhnung loderte mit jedem Gedanken und jeder Erinnerung an ihre Abwesenheit wieder auf. Das Vermissen tat weh, ich wachte auf, erinnerte mich an den Schmerz und sank mit diesem Wissen wieder in rastlosen Schlaf zurück.

Die Beerdigung war eine Riesenveranstaltung. Mutter wäre stolz gewesen auf die große Schar ihrer Trauergäste, vor allem, wenn man bedenkt, wie klein unsere Familie ist. Mutter war Einzelkind, und Vater hat nur einen Bruder, Onkel Cotton – eine Randfigur in meinem Leben, ein ständig an exotische Orte reisender Autor, über den meine Mutter nur die Augen verdrehte, als sei die Schriftstellerei nichts als brotlose Kunst, die man am besten ignorierte (wie jede andere Art von Kunst ebenfalls brotlos war, eigentlich eine ziemlich merkwürdige Einstellung für eine Frau, die im Vorstand des High Museum of Art saß). So war meine Mutter – Widersprüche passten nahtlos in weitere Widersprüche, wie bei einer dieser Babuschka-Puppen, die mir meine Großmutter von einer Russlandreise mitgebracht hatte.

Mutters beste Freundin, Sadies Mutter Birdie, ging durch die Menge und lenkte die Menschen und die Veranstaltung genauso elegant in die richtigen Bahnen, wie Mutter es selber getan hätte. Unser Freundeskreis nahm Dad, Lil, Rusty und mich in seine Mitte und umhüllte uns mit Trauer und Anteilnahme. Es gab Zeitungsartikel und Gedenktafeln, Bäume wurden gepflanzt, und vor dem High Museum stellte man eine Bank auf.

Nun kam die letzte Beileidsbekunderin auf uns zu, in der Hand eine einzige Lilie, wie eine Braut auf dem Weg zum Altar. Ich befürchtete einen weiteren Lachanfall, aber ich hatte ausgelacht. Der Tag war fast zu Ende, und ich war erleichtert, weil ich durchgehalten und das Schlimmste hinter mich gebracht hatte.

»Ellie?« Hinter mir sagte jemand meinen Namen. Eine sanfte Stimme.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter, und dann sah ich sein Gesicht. Zwanzig Jahre war es her, aber die Minuten, Stunden und Tage zogen sich zu einem Augenblick zusammen und zeigten ihn mir so, als wäre keine Zeit vergangen. Vor allem sah ich seine Augen: mandelförmig und freundlich, Braun mit Grün unterlegt, als ob die Augen die Farbe von Waldfarn hatten annehmen wollen und sich erst im letzten Augenblick anders entschieden hätten.

Aus dem Gleichgewicht gebracht, griff ich nach Rustys Hand, aber der gestikulierte gerade weitschweifig im Gespräch mit seinem Freund Weston und bekam meine hilfesuchende Hand gar nicht mit.

Als Nächstes sah ich Hutchs Lächeln, ein wenig schief und rechts leicht höher gezogen.

Er hasst es, zu spät zu kommen.

Ich lächelte ihn an. »Hey, hallo, Hutch O’Brien.« Meine Stimme klang zum Glück sicher und fest.

Er hat Humor, mit einer Prise Sarkasmus.

Er mag Spiegelei auf gebuttertem Toast.

Auf seiner Wange ist eine Narbe von einem Hundebiss, als er zehn war. Jedem, der fragt, erzählt er eine andere Geschichte, woher die Narbe stammt. Ich kann mich gar nicht mehr an alle Versionen erinnern.

»Ellie«, sagte er. »Das mit deiner Mutter tut mir sehr leid. Ich weiß, wie nah ihr euch gestanden habt.«

»Danke, Hutch.« Ich schüttelte seine Hand, als wären wir entfernte Bekannte, die sich aus den Augen verloren hatten.

Schweigend standen wir Hand in Hand da. Ich fühlte Tränen aufsteigen und wollte meinen Kopf an seine Brust lehnen, ich wusste genau, wo er da hinpasste.

»Weine nicht«, sagte er und drückte meine Hand.

Ich nickte.

»Es ist wunderbar, dein schönes Gesicht zu sehen. Sogar in Trauer bist du umwerfend.«

»Eine glatte Lüge«, sagte ich. »Trotzdem danke.«

»Hat deine Mom dir erzählt, dass ich sie letzte Woche für die Atlanta-History-Center-Ausstellung interviewt habe?«

»Ja, hat sie.« Lange Jahre der Übung in Small Talk und sozialen Gepflogenheiten halfen mir, korrekte Sätze zu formen.

Er mag die kühle Kissenseite und sitzt in Flugzeugen lieber am Gang.

Hutch warf einen Blick durch die Sakristei. »Das ist jetzt bestimmt kein guter Moment, und wahrscheinlich weißt du nachher nicht mal mehr, dass ich da war, aber kann ich dich um etwas bitten?«

»Alles«, sagte ich.

Wir hielten uns immer noch an den Händen, ich wollte nicht mehr loslassen.

»Wir – deine Mutter und ich – haben unser Interview nicht zu Ende geführt. Würdest du … mit mir reden, wenn sich alles etwas gelegt hat?«

Ich nickte.

»Okay«, sagte er und ließ meine Hand los. »Dann rufe ich dich an? Geht das?«

»Ja.«

»Es tut mir leid, Ellie. Es tut mir so leid, was du durchmachen musst.«

»Danke, Hutch. Und danke, dass du gekommen bist.«

Rusty schaltete sich ein, der Name hatte ihn hellhörig werden lassen. Hutch ging von dannen, und Rusty ergriff meine gewärmte Hand. »War das Hutch?«

»Ja«, flüsterte ich.

»Was zum Teufel wollte der denn hier?«

Ich zuckte die Achseln. »Vermutlich sein Beileid bekunden, wie alle anderen auch.«

Rusty drehte sich wieder zu Weston um und ließ meine Hand los.

Erst als wir die Kirche verließen, sah ich den Wildblumenstrauß: eine Glasvase in der Form eines großen Goldfischglases, voll mit Kornblumen und Schwarzäugiger Susanne, Vergissmeinnicht und Texaslupinen. Ich hielt inne und ließ meinen Finger über den Stiel einer Kornblume gleiten, rieb das Blütenblatt gegen meine Wange. Der Geruch des Süßen Jasmins, der wie Wein über das Gefäß hing, ließ mich schwindeln.

Wildblumen.

Ich nahm die Karte aus dem Strauß. »Mein Beileid, Hutchinson O’Brien.«

Rusty kam von hinten, umarmte mich und wischte mir die Tränen von der Wange, die ich noch gar nicht bemerkt hatte. »Ich glaube, das Schlimmste ist überstanden, Schatz. Fahren wir heim«, sagte er.

»Ja«, sagte ich. »Heim.«

Ich steckte die Karte wieder in den Strauß, aber sie flatterte zu Boden und blieb so liegen, dass sein Name mich anstarrte.

Hutch.

Wir treffen unsere Entscheidungen und leben dann damit.

Wir alle.

ZWEI

Nur vier Tage vor der Beerdigung, mitten in der Eröffnung meiner eigenen Kunstausstellung, hatte meine Mutter Hutchs Namen so beiläufig fallenlassen, wie man eine zerknüllte Papierserviette in den Müll wirft.

EINLADUNG

Die

ANNE LOMAX GALLERY

ATLANTA, GEORGIA

lädt Sie herzlich ein zur Vernissage der Ausstellung

Achtundvierzig Achtundvierzig

von Lillian (ELLIE) Eddington Calvin

48 Originalkunstwerke

anlässlich von Ellies 48stem Geburtstag

Ein Teil der Einnahmen geht an

Lilly’s Love Charity

Die Galerie platzte aus allen Nähten. Die Ausstellung war nach zehn einsamen Jahren in meinem Atelier auf dem Dachboden der Höhepunkt meiner Arbeit. Sie war die Feier zu meinem achtundvierzigsten Geburtstag, achtundvierzig Gemälde wurden gezeigt, die letzten zehn davon hatte ich in schlaflosen Nächten erst im letzten Monat vollendet. Mein eigentlicher Geburtstag war zwar erst im September, und jetzt hatten wir Ende Juli, aber die Terminabsprache mit den Spendensammlern meiner Mutter war wichtiger gewesen als mein Geburtsdatum.

Ich male Blumen – aller Art. Mich fasziniert, dass ich damit bis an mein Lebensende weitermachen könnte und immer noch nicht jede bekannte Blume gesehen hätte. Es war Mutters Idee gewesen – die 48 zum 48ten. Sie kannte alle Tricks und Kniffe.

Das war typisch meine Mutter – aus etwas, das sie eigentlich nicht guthieß (meine Kunst), eine Wohltätigkeitsveranstaltung zu machen, über der groß und breit ihr Name stand (und zwar buchstäblich, da zehn Prozent der Einnahmen der von ihr gegründeten Wohltätigkeitsorganisation für obdachlose Kinder zugutekamen).

Ich stand in meinem Seidenkleid auf dem Podium, von wo aus die gute Gesellschaft von Atlanta leicht unscharf wirkte, als würde Nebel durch den Raum treiben. Alle waren da – Freunde, Familie, Fremde –, standen dicht an dicht und redeten über meine Kunstwerke, die bisher ein Dasein wie weggeworfene Erbstücke in meinem Dachbodenatelier gefristet hatten. Mein Mann Rusty kam zu mir und gab mir einen Kuss auf die Wange, ich drehte mich zu ihm um.

»Ich bin so stolz auf dich«, sagte er.

»Danke.« In der Hand hielt ich ein Glas Wein, war aber zu aufgeregt, um zu trinken.

Ich fing Sadies Blick auf, sie lächelte mir zu. Dann war da noch Mutter – sie war mir den ganzen Abend keinen Zentimeter von der Seite gewichen.

Sissy Parkland kam auf uns zu. Ein Band zog ihre Haare so straff nach hinten, als würde jemand hinter ihr stehen und daran ziehen. »Oh, Ellie, ich habe das Bild mit den Gardenien gekauft. Ich werde es in den Wintergarten hängen. Ich bin ja so begeistert. Am liebsten würde ich alle Bilder kaufen.«

»Gardenia jasminoides«, sagte Mutter mit einem schmallippigen Lächeln.

»Was?«, fragte Sissy.

»Der echte Name«, erwiderte Mutter und griff nach meinem Arm. »Ellie nennt ihre Bilder gerne nach den gewöhnlichen Blumennamen, aber alle Blumen haben einen botanischen Namen, einen echten Namen.«

»Egal, gewöhnlich oder botanisch, das Bild ist wunderschön.« Sissy winkte jemandem am anderen Ende des Raums und warf uns einen Abschiedskuss zu.

Ob aus Dickköpfigkeit oder Faulheit, ich war immer hartnäckig dabei geblieben, die Blumen mit ihren gewöhnlichen Namen zu bezeichnen. Mutter – ob aus Dickköpfigkeit oder Penibilität – wies mich immer zurecht und wurde nicht müde, zu erklären, dass jede Blume einen Vor- und einen Nachnamen hatte, genau wie ein Mensch.

Lil tauchte neben mir auf. »Mom, die wollen ein Foto machen«, sagte sie und nahm meine Hand.

Don Morgan, Fotograf des Points-North-Magazins, baute sich vor dem Podium auf. »Die einzige Tochter einer einzigen Tochter einer einzigen Tochter, und alle heißen Lillian«, rief Don, während Lil und ich lächelten, die Köpfe zu Mutter gebeugt. »Rusty, kannst du aus dem Bild gehen? Ich will die drei Eddington-Damen alleine.«

Rusty rührte sich erst nicht, dann lächelte er – das charmante Lächeln. »Zwei davon sind Calvin-Damen, Don.«

»Ja, stimmt ja, was?« Das Blitzlicht leuchtete auf.

Rusty stolzierte zur Bar hinüber. Instinktiv wollte ich ihm nachgehen und mich um seine verletzten Gefühle kümmern, aber da klopfte Mutter prüfend mit dem Finger gegen das angeschaltete Mikrofon. Ein hohes Jaulen brachte die Menge abrupt zum Schweigen, alle wandten sich dem Podium zu.

Die Party hatte aus vielen Gründen etwas von einem Traum, aber vor allem aus diesem: Weder mein Mann noch meine Mutter hatten viel übrig für mein »Hobby«. Die Zeit und der Aufwand, die ich in etwas in ihren Augen Unwichtiges steckte, hatten über die Jahre zu unzähligen Streitereien, Unstimmigkeiten und in feindseligem Schweigen verbrachten Abenden geführt, aber hier und jetzt waren die beiden auf einmal meine größten Fans.

Der schlimmste Streit, den Rusty und ich je gehabt hatten, war dadurch ausgelöst worden, dass ich vergessen hatte, Lil vom Reiten abzuholen. Er hatte ein Glas mit Pinseln auf den Atelierboden geworfen, die sich überall im Raum verteilten und über die unebenen Dachdielen rutschten, als ob sie vor ihm fliehen und sich in den dunklen Ecken verstecken wollten. Er hatte meine Kunst mit einer Droge verglichen, behauptet, sie sei nichts als eine Flucht. Vielleicht stimmte das, aber jetzt hing diese Flucht an der Wand und hatte »Verkauft«-Schilder an den Rahmen kleben.

Mr. Lomax, der Mann der Galeriebesitzerin, übernahm das Mikrofon und hieß alle herzlich zur Party willkommen. Ich lächelte, aber meine Locken bebten vor Nervosität.

»Heute Abend feiern wir Ellie Calvin, ihren Geburtstag und ihre Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt, aber erst möchte ich noch etwas bekanntgeben.« Mr. Lomax deutete auf Mutter.

Mutter legte mir die Hand auf den Arm. »Oh, ich hatte gehofft, er würde das lassen.«

»Heute Abend hat die Atlanta Historical Society ihre brandneue Ausstellung für den nächsten Frühling angekündigt: Porträts von Frauen, die in den Sechzigerjahren zur ›Atlanta Woman of the Year‹ gewählt wurden. Und unsere geliebte Lillian Ashford Eddington ist eine von ihnen! Wir sind sehr stolz auf sie und freuen uns auf die Ausstellung.«

Die Menge jubelte. Mutter übernahm wieder das Mikrofon und errötete, wobei sie wie ein schüchternes kleines Mädchen unter ihren Wimpern hervorblinzelte. Sie trug ein nagelneues, petrolfarbenes Kostüm von St. John mit Kristallknöpfen. Das silbergraue Haar fiel weich und dicht auf ihre Schultern. Sie war eine schöne Frau und wusste das auch. Wir alle wussten es.

»Vielen Dank. Es erfüllt mich mit großem Stolz, Teil dieser Ausstellung über die vielen, vielen Frauen zu sein, die sich in Atlanta und im Süden für Veränderungen eingesetzt haben. Die Ehrung wurde mir vor über vierzig Jahren zuteil, aber dabei ging es weniger um mich, als um meine Wohltätigkeitsorganisation – Lilly’s Love Charity, der auch Einnahmen aus dem heutigen Abend zufließen. Unsere Feier hier ist für meine Tochter, Ellie – Lillian Eddington Calvin. Zehn Jahre lang hat sie im stillen Kämmerlein gemalt.« Mutter sah mich voller Stolz mit großen Augen an, falschen Augen, die genauso gut aus Glas oder Plastik hätten sein können. »Auf dem Dachboden hatte sie sich verkrochen, bis ich sie endlich davon überzeugen konnte, ihr Talent der Öffentlichkeit zu zeigen, damit wir alle etwas davon haben.«

Höflicher Applaus brandete auf, Mutter gab das Mikrofon an mich weiter. Ich hatte eine Rede vorbereitet über Kunst und wie Kreativität Hirn und Herz öffnet, aber plötzlich war mein Kopf leer. Ich lächelte in die Menge. Da war mein Mann, da waren meine Freunde, meine Tochter, mein Vater, und ich sagte die wenigen Worte, zu denen ich in der Lage war. »Ich bin euch allen für diesen Abend sehr dankbar. Danke, dass ihr gekommen seid.«

Damit gab ich das Mikrofon an Mutter zurück, die »Happy Birthday« anstimmte, gefolgt von Kuchen und Kerzen und Glückwünschen und Umarmungen.

Und wie alles Schöne im Leben verging der Abend viel zu schnell.

Am Ende standen überall leere Plastikweingläser, zerknüllte Papierservietten lagen herum, und das Servicepersonal räumte auf und wartete auf seine Bezahlung. Rusty hatte Lil nach Hause gefahren, aber Sadie blieb bis zum Ende. Wir saßen am langen Galerietisch und lachten über Mrs. Palo, die ein Bild aus der Dauerausstellung der Galerie gekauft hatte, im Glauben, es wäre von mir. Ob sie jemals dahinterkommen würde?

Auch Mutter saß bei uns. »Nun, Liebes, das hätte gar nicht besser laufen können. Ein wundervoller Abend. Ganz und gar wundervoll. Und du siehst wunderhübsch aus.«

»Danke, Mutter. Und herzlichen Glückwunsch zur History-Center-Ausstellung. Das hattest du mir gar nicht erzählt.«

»Ich habe auf den richtigen Moment gewartet.«

Ich nickte, während Sadie mir unter dem Tisch gegen das Schienbein trat.

»Ach, und noch was …« Mutter klickte ihre manikürten Fingernägel gegeneinander, es klang wie die Klauen eines kleinen Tieres, das über einen Holzfußboden läuft. »Der Mann, der die Ausstellung kuratiert, hat mich gestern interviewt. Ich konnte ihn erst nicht einordnen, aber dann habe ich mich erinnert – es war dieser alberne Exfreund von dir.«

»Exfreund?«, fragte ich, während ich Portemonnaie und Handy einsammelte.

»Ja, aus dem College. Hutch irgendwie was.«

»Hutch O’Brien?«, fragte ich.

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich hatte ihn völlig vergessen.«

Als von mir keine Antwort kam, drehte sie sich zu mir um. Ich wandte den Blick ab – ich wusste genau, was sie wollte. Wie immer. Sie wollte von mir hören, dass ich ihn ebenfalls völlig vergessen hatte.

Das konnte ich beim besten Willen nicht sagen.

In jener Nacht war Hutch in meinen Träumen. Wie Feuchtigkeit in der Sommerluft zog die Erinnerung an ihn und seinen Geruch durch die Dunkelheit und drang in die Traumwelt meines Schlafes ein, in der man keinen Einfluss darauf hat, wer oder was dort zum Leben erweckt wird. Ich sitze auf seinem Schoß, die Beine um seine Hüfte geschlungen. Sanft beiße ich in seine Unterlippe. Er sieht mir beim Malen zu, dann winkt er mir durch ein Flugzeugfenster zum Abschied. Er führt mich durch ein Haus mit vielen Zimmern.

Als es dämmerte, stand ich auf und trank allein in der Küche Kaffee. Auch wenn es nur ein Traum gewesen war, ich hatte Hutch in mein Schlafzimmer gelassen und fühlte mich deswegen schuldig.

Das Verlangen nach Hutch hatte mir einmal so tief in den Knochen gesteckt, dass es nicht nur Teil von mir, sondern zu meinem Ich geworden war. Aber die Frau war ich nicht mehr. Jetzt war ich seit über zwanzig Jahren mit Rusty Calvin verheiratet. Ich war Ehefrau. Und Mutter.

Um die in der Nacht hervorgekrochenen alten Gefühle wieder loszuwerden, las ich im Atlanta Journal-Constitution einen Artikel über die Kunstausstellung. Ich nahm die Zeitung mit ins Schlafzimmer, um sie Rusty zu zeigen. Da er unter der Dusche stand, legte ich sie auf die Kommode. Dann griff ich zum Telefon und rief Mutter an. Sie ging nicht dran, also hinterließ ich ihr eine Nachricht, bedankte mich für den wunderbaren Abend und sagte ihr, sie solle sich den AJC besorgen.

Hätte ich etwas anderes gesagt, wenn ich gewusst hätte, dass das meine letzte Nachricht an sie war?

Bestimmt.

Unter lautem Geschirrklappern räumte ich die Spülmaschine aus, als plötzlich ein Roter Kardinal seitwärts gegen das Küchenfenster flog und mit dem Flügel den Rahmen streifte, rote und braue Federn fielen auf das Fensterbrett. Ich stand da, atmete scharf ein und sah den Vogel zu Boden stürzen. In den zwanzig Jahren meines Ehelebens hatte ich unzählige Stunden an eben diesem Küchenfenster verbracht und hinausgeschaut, aber noch nie hatte ich einen Vogel gegen das Glas fliegen sehen.

Das Fenster wies in den Garten – perfekt getrimmter Ausdruck gediegener Garten- und Grünflächenpflege. Unser Swimmingpool lag ruhig da, das Wasser spiegelglatt. Ein Topf mit Geranien war umgefallen, die Blumenerde bildete einen rotbraunen Fleck auf den cremefarbenen Travertinplatten um den Whirlpool herum. Viel zu spät hob ich die Hand gegen das Glas, als könnte ich den Vogel zum Abbiegen bewegen.

Dann rannte ich aus der Küchentür auf den frisch gemähten Rasen, die Halme rutschten zwischen meine Fußsohlen und die Ledersandalen, weich und glitschig wie Würmer. Der Rote Kardinal lag auf dem Gras, seine Flügel zuckten nur, die schwarzen Augen waren weit geöffnet. War das ein sterbender Blick? Mein Herz schlug heftig, ich hockte mich einen knappen Meter neben dem Vogel auf den Rasen und sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. Er blinzelte mit den Augen, durch die dünnen Beine lief ein vergebliches Zittern.

Ich saß da und spürte kaum, dass die Nässe des Rasens mein Baumwollkleid durchdrang, dass überall an meinen Beinen abgemähte Grashalme klebten. Der Geruch von Erde und frisch geschnittener Kiefer wehte mir in die Nase, vermischt mit dem klebrigen Geruch einer Gardenie. Der Vogel und ich starrten einander an, vereint in Verwirrung und Schock. Wow, schienen wir zu denken, so was ist uns ja noch nie passiert.

»Kann ich helfen?«, fragte ich den Vogel. Er starrte nur zurück. Ich erinnerte mich, dass man einen Vogel angeblich nie anfassen soll, weil die anderen Vögel ihn dann meiden würden. Das erinnerte mich immer an Der scharlachrote Buchstabe, wo die Protagonistin erst berührt, dann verstoßen wurde.

»Also«, sagte ich zu dem Vogel, »ich werde dich nicht anfassen.« Er wirkte erleichtert. »Lass dir Zeit, damit du wieder einen klaren Kopf bekommst.«

Ich betrachtete den Vogel genau, nie zuvor war ich einem kleinen wilden Tier so nah gewesen. Ich wusste, dass die männlichen Kardinäle leuchtendrot gefiedert waren, die Weibchen eher braun, mit rotem Federschopf und Schwanz. Auf der rechten Seite des Vogels standen ein paar Federn ab, ich hätte sie gerne glatt gestrichen. Zwei rote Federn und eine braune steckten deplatziert im Gras, der Vogel sah sie an, als wüsste er, dass sie einmal zu ihm gehört hatten.

Bei genauem Hinsehen wirkte der Flügel unversehrt. Die Vogelaugen schimmerten abgrundtief.

Ich wartete.

Ich weiß nicht, wie lange der Vogel und ich uns auf dem feuchten Rasen beäugten, ab und zu blinzelten und über die merkwürdige Situation nachsannen. Jedenfalls klingelte irgendwann im Haus das Telefon. Ich war schon fast in der Küche, als der Anruf zu meinem Handy weitergeleitet wurde.

Ich schnappte mir das Telefon vom Küchentisch. »Hallo.«

»Du gehst nie ans Festnetz. Warum gehst du nie ans Festnetz?« Mein Dad, mit lauter und gepresster Stimme.

»Ich war draußen«, sagte ich. »Was ist passiert? Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Deine Mutter –« Seine Stimme brach ab wie ein Zweig in einem tosenden Sturm. Die Küche schien sich vor meinen Augen in ein Puzzle aufzuteilen und zu zerfallen. Ich griff nach der Lehne eines Küchenstuhls, verfehlte und stolperte rückwärts gegen die Kante der Arbeitsfläche.

»Was, Dad? Was ist mit Mutter?«

Ich wollte hören, dass er über sie nörgelte: Mutter ist schon wieder einkaufen gefahren; Mutter ist böse, weil ich nicht zum Sonntagsessen komme; Mutter will schon wieder Leute zum Dinner einladen, und Dad will, dass ich ihr das ausrede. Eine Beschwerde.

Bitte lass es eine Beschwerde sein.

»Ich habe sie gefunden, Ellie. In unserem Bett. Ich habe sie gefunden. Mein Gott, warum musste ich sie finden?«

Ich stellte keine weitere Frage, manchmal fragt man lieber nicht, wenn man die Antwort nicht hören will.

»Bist du noch dran? Hörst du mich?« Dads Stimme dröhnte aus dem Hörer.

»Ja«, sagte ich.

»Sie ist tot, Ellie. Deine Mutter ist tot.«

»Ich weiß«, erwiderte ich, weil ich es tatsächlich wusste. Ich hatte es gewusst, sobald ich seine Stimme gehört hatte. Vielleicht hatte ich es schon gewusst, als der Vogel gegen das Fenster geflogen war. Jedenfalls wusste ich es.

»Ich bin auf dem Weg.« Dann legte ich auf.

Rusty kam in frisch gebügelter Khakihose und weißem Hemd in die Küche, in der Hand den AJC-Artikel über die Ausstellung. Das Foto von Mutter, Lil und mir auf der Seite sprang mich an, verhöhnte mich dafür, dass ich vor zwölf Stunden noch geglaubt hatte, alles sei gut.

»Schöner Artikel«, sagte Rusty. »Haben sie gut gemacht.« Dann warf er die Zeitung in den Eimer für das Altpapier.

Ich starrte meinen Mann an, als würde ich ihn nicht kennen, als wäre ein Fremder in meine Küche marschiert und hätte mit mir gesprochen.

Er zuckte auf so eine »Was ist?«-Weise die Schultern.

»Mutter ist gestorben«, sagte ich in demselben Ton, als würde ich sagen: »Möchtest du Rührei?«

Da kam er auf mich zu und zog mich an sich. »Oh, Ellie.«

Ich zuckte zurück, ging zum Altpapier und zog meinen Artikel heraus. »Den wollte ich für sie rahmen.«

Er wand sich vor Unbehagen.

Ich warf die Zeitung wieder in den Eimer. »Ist wohl zu spät.«

Er streckte die Hand nach mir aus, aber ich wehrte ab. »Ich muss zu Dad.«

»Ich komme mit«, sagte er und nahm die Autoschlüssel vom Tisch.

Der Tag fühlte sich länger an als jeder andere zuvor in meinem Leben, als würden alle schlechten Tage sich zu einem einzigen zusammenziehen. Als ich am Abend nach Hause kam, ging ich gleich hinaus in den Garten, um nach dem Roten Kardinal zu sehen, gegen alle Wahrscheinlichkeit hoffend, er wäre weggeflogen.

Auf dem Gras lag der tote Vogel, ein kleiner roter Punkt. Ich weinte.

Rusty fand mich schließlich auf dem Rasen liegen. Er half mir auf und führte mich ins Haus, wobei er beruhigend auf mich einsprach wie auf ein untröstliches Kind. An die Tage zwischen diesem Augenblick und der Beerdigung erinnere ich mich nur noch mit verschwommener Müdigkeit. Ich tat, was getan werden musste, um Abschied zu nehmen.

Obwohl ich wusste, dass ich nie ganz von meiner Mutter würde Abschied nehmen können.

DREI

Als eine Woche nach der Beerdigung mein Handy klingelte und der Name Hutch O’Brian auf dem Display erschien, starrte ich erst einmal nur darauf. Mir war, als würde sich eine Erscheinung in meiner Küche und in meinem Leben niederlassen. Was ja irgendwie auch der Fall war.

Ich ging nicht dran und wartete zwei ganze Stunden, bevor ich die Nachricht abhörte.

»Hey, Ellie, hoffentlich geht es dir und deiner Familie gut. Ich will dich wirklich nicht unter Druck setzen mit dem Gespräch über deine Mutter, ich weiß ja, dass du trauerst, aber die Deadline für die Ausstellung kommt immer näher. Ich brauche bloß noch ein paar letzte Antworten. Wenn es irgendwie geht, würdest du mich zurückrufen?«

Er hatte seine private Handynummer hinterlassen, ich kritzelte sie auf einen Papierschnipsel, den ich sauber zusammenfaltete und in die Seitentasche meines Portemonnaies steckte.

Ich stand einbeinig auf einem Drahtseil zwischen zwei Entscheidungen – ihn anrufen oder ihn nicht anrufen –, fand das Gleichgewicht nicht und war sicher, in Erinnerungen abzustürzen. Jeder Mensch hat seine eigene Liebesgeschichte. Ich komme mir nicht besser oder besonders vor, weil Hutch und ich eine miteinander hatten. Das ist eben meine Geschichte.

Wir hatten uns ganz normal kennengelernt, wie sich viele Leute um die zwanzig eben kennenlernen – mit Freunden in einer Kneipe. Nichts daran ist ungewöhnlich oder besonders. Aber in dem Moment war alles anders – wie mein Lächeln unsicher wurde, wie ich die Narbe auf seinem Gesicht berühren wollte, wie die Zeit sich um uns herum dehnte und ausstreckte.

Die Bar, die Freunde und der Lärm um uns herum rückten in weite Ferne, bis nur noch der Mann übrig war, den ich vor mir stehen sah. Sadie war dazugekommen und brüllte über die Band und den Lärm hinweg: »Ich gehe jetzt.« Ich nickte ihr zu, als würde ich sie nicht kennen, als wäre sie nicht meine Mitbewohnerin, mit der ich eigentlich zurück ins Studentenwohnheim fahren sollte.

Schließlich streckte ich die Hand aus und berührte seine Wange. »Diese Narbe – wie ist das passiert?«

Er legte seine Hand auf meine. »Ein Hundebiss. Ich war zehn.«

»Oh«, sagte ich.

Mit seiner Hand auf meiner zog er mich zu sich heran, meinen Mund auf seinen zu unserem ersten Kuss.

Drei Tage nach seiner Nachricht griff ich zum Telefon und wählte die inzwischen zerknitterte Nummer. Ich saß auf der Veranda hinter dem Haus und stierte auf den Pool, in dem schon seit fast einem Jahr niemand mehr geschwommen war. Es klingelte und klingelte, bis ich sicher war, dass gleich die Mailbox angehen würde, aber dann erklang seine atemlose Stimme.

»Hallo«, sagte er.

»Hi, Hutch. Hier ist Ellie Calvin. Passt es gerade schlecht?«

Er lachte, ein irgendwie tiefer und gleichzeitig melodischer Klang. »Nein, es passt gut. Ich komme nur von draußen reingerannt. Meine verdammten Tomaten sind von Baumwollkapselkäfern oder Läusen oder so was befallen.«

»Wahrscheinlich Läuse«, sagte ich. »Baumwollkapselkäfer essen nur Baumwolle.«

Sein Lachen rollte durch meinen Körper. »Danke für den Rückruf. Ehrlich gesagt habe ich nicht mehr daran geglaubt.«

»Na, jetzt bin ich ja dran, aber ich denke nicht, dass ich viel weiterhelfen kann.«

»Ich erzähle dir mal, was ich mache, vielleicht ergibt dann alles mehr Sinn. Die Ausstellung zeigt zehn Frauen, die in den Sechzigern ›Atlanta Woman of the Year‹ waren. Deine Mutter wurde natürlich für ihre wohltätigen Aktivitäten ausgezeichnet, aber nachdem ich die alten Sitzungsprotokolle gelesen habe, glaube ich, dass ihr Einsatz für die Bürgerrechte 1961 den Ausschlag gegeben hat. Ich weiß, dass sie erst 1968 ausgezeichnet wurde, aber zumindest teilweise wegen ihrer Arbeit 1961. Nur scheint niemand mir genau sagen zu können, was sie damals eigentlich gemacht hat.«

»Hutch, bist du sicher, dass du sie nicht mit einer anderen Frau verwechselst? Mutter war nie in der Bürgerrechtsbewegung.«

Er schwieg so lange, dass ich schon auf dem Telefon nachsah, ob die Verbindung unterbrochen war. »Na ja, genau darum geht es. Sie war darin involviert, aber wollte im Interview nicht mit mir darüber sprechen. Sie meinte, ein kurzer Sommer hätte nichts mit der Auszeichnung zu tun, aber ich glaube, sie irrte sich.«

»Ein kurzer Sommer? Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, sagte ich, stand auf und lief auf der Veranda hin und her.

»Mist«, sagte er.

»Tut mir leid.«

»Muss es nicht. Aber wenn wir uns vielleicht mal zum Reden treffen könnten, dann kriege ich möglicherweise noch Informationen, die helfen würden. Fotos?«

»Die hat alle Dad.«

»Ja«, sagte er.

In der Stille zwischen uns lagen Millionen Worte, alle durcheinander. Manchmal gibt es so viel zu sagen, dass nichts gesagt werden kann.

»Na gut, war schön, dich zu hören«, sagte er.

»Gleichfalls, Hutch.«

Ich genoss es unendlich, seinen Namen auszusprechen. Wirklich. Als wir aufgelegt hatten, sagte ich ihn noch einmal.

Aber nur einmal.

Später an dem Abend lag die Veranda im Zwielicht – das Licht, das ich am liebsten mag –, ich saß auf dem Sofa und telefonierte mit Lil.

»Mom, echt, ich habe keinen Schimmer, wie sie ihre Klamotten findet, die liegen überall in der Wohnung verteilt. Wie kann man so leben?«

Ich lachte über meine penible und durchorganisierte Tochter, die ihre Kleidung nach Farbe und Stil geordnet aufhängt. »Liebes, ich habe keine Ahnung. Aber das macht die Welt so interessant – jeder ist anders.«

»Ach, ich habe genau gewusst, dass du das sagst. Ich schwöre, ich könnte auch ohne dich eine Unterhaltung mit dir führen, weil ich genau weiß, was du sagen würdest.«

Die Gartentür ging auf, ich drehte mich um und sah Rusty über den Rasen schlendern. Ich winkte und lächelte.

»Dad ist da«, sagte ich zu Lil. »Ich rufe dich morgen an. Muss jetzt auflegen …«

»Grüß Dad«, sagte Lil.

Rusty küsste mich auf die von der Sonne gewärmten Haare. »Hey, Liebling. Was gibt’s zum Abendessen?«

Ich zuckte zusammen. »Ich habe nichts gekocht. Ich war den ganzen Tag bei Dad. Ihm geht’s nicht gut.«

Er setzte sich ans andere Ende des Sofas und rieb meine Fußgelenke. »Bist du okay?«

Rusty hatte mir diese Frage seit Mutters Tod jeden Tag gestellt, als ob er sichergehen wollte, dass ich mich nicht in Luft auflösen und verschwinden würde, als ob bei mir ein Rad locker sein und beim Fahren jederzeit abfallen könnte.

»Ich bin nicht sicher, was ›okay‹ bedeutet, aber es geht mir gut.«

»Mit wem hast du telefoniert?«

»Mit Lil.«

Er schmollte. »Mit mir wollte sie wohl nicht reden?«

»Du kannst sie jederzeit anrufen. Sie war auf dem Weg zu irgendeiner Studienveranstaltung.«

»Okay«, sagte er und starrte auf den Rasen. »Wir müssen den Gärtner anrufen und ihm sagen, dass die Hecke hinten zu hoch ist und dass der Zaun an der Ecke auseinanderfällt.«

Ich erwiderte nichts, da sah er mich an. »Ellie, hast du mir zugehört?«

Ich nickte.

»Im Ernst, bist du okay?«

Ich stand auf und sah ihn von oben an. »Was meinst du mit okay?«

Er stand ebenfalls auf und blickte mir ins Gesicht. »Ich meine, dass ich mir Sorgen um dich mache. Ich weiß, wie schwer es für dich ist, aber warum redest du nicht mit mir? Du sagst immer nur: ›Es geht mir gut.‹ Das meine ich, Ellie.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es tut weh. Es ist eine große Erleichterung, und ich fühle mich deswegen schuldig. Es ist traurig und plötzlich, und es fühlt sich an, als hätte sich der Boden unter meinen Füßen verschoben, aber ich weiß nicht, was das ändert. Vielleicht ändert es gar nichts, aber vielleicht ändert es auch alles. Ich habe keine Ahnung. Ich fühle mich wie benebelt und von der Welt abgeschnitten, aber ich bin okay.«

Er umarmte mich, drückte mich an seine Brust und strich mir durch die Haare. »Lass uns essen gehen, ja?«, fragte er.

Ich lehnte mich an ihn und entspannte mich. »Perfekt.«

In dem Moment glaubte ich, dass Ehen von solchen Momenten zusammengehalten werden, wie der Saum eines Kleidungsstücks von den Stichen einer Naht, die alles dann noch zusammenhalten, wenn die ausgefransten Enden sich schon aufribbeln.

VIER

Nach der Beerdigung verlangte Dad mir mehr ab, als ich geahnt hatte. Lil machte Sommerkurse an der Auburn University, und alles ging viel zu schnell und gleichzeitig viel zu langsam. Zwei Wochen später räumte ich Mutters Kleiderschrank aus, völlig übermüdet und angespannt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich allein in ihrem Ankleidezimmer. Und doch war sie überall anwesend – im Zimmer, in meinem Herzen, in meinem Kopf.

Mutter hatte mich zwar fortwährend mit Anweisungen, Worten und Reden bedacht, aber mir nie mitgeteilt, was nach ihrem Tod mit ihren Sachen geschehen sollte. Sie hatte mir vorgeschrieben, was ich fühlen soll, wohin ich gehen soll, sogar wen ich zu heiraten hatte, aber nie, was in diesem Moment zu tun sein würde.

Ich hatte ihre Kleidung nach Farbe und Alter geordnet in Kisten und Kästen gepackt, die für die Junior League Newly New bestimmt waren. Einige Stücke hatte ich für mich behalten wollen – die St.-Johns-Kostüme, die Prada-Schuhe, die Chanel-Kleider –, mich dann aber anders entschieden. Nicht nur weil sie weder Lil noch mir passen würden, sondern auch weil sie nicht zu meinem Leben passten. Die Sachen meiner Mutter hatten nichts mit mir zu tun. Dass ich nichts von meiner Mutter behalten würde, war unerwartet, hatte ich meine Mutter doch in so vieler Weise und so oft gebraucht, dass ich sicher gewesen war, ich würde an ihren Überbleibseln genau wie an ihr hängen.

Schließlich kniete ich vor der abgeschlossenen untersten Schublade der Kommode. Mutters Ballkleider, dick in Plastik eingewickelt, hingen aufgereiht wie bunte Juwelen darüber: Rot, Blau, leuchtendes Orange. In der Hand hielt ich den Schlüssel, den Dad mir gegeben hatte. Dazu hatte er gesagt: »Das ist der Schlüssel zu der verschlossenen Schublade deiner Mutter. Bitte kümmere du dich darum. Ich ertrage es nicht, ihre Sachen zu sehen oder anzufassen. Kannst du das machen?« Dann war er mit Rusty Golf spielen gegangen.

Ich warf den Schlüssel von einer Hand in die andere. Ich wollte diesen letzten und winzigen Triumph mit allen Sinnen genießen – den Moment, in dem ich diese Schublade ohne ihre Erlaubnis öffnete. Aber irgendwie fühlte es sich nicht nach Sieg an, sondern nach purer Leere.

Ihre Worte hallten in meinem Kopf nach, als ob sie mich beobachten würde: Jeder Wunsch, der in Erfüllung geht, ist ein Verlust.

Ja.

Das Schloss im polierten Holz verhakte sich. Ich steckte den Finger in den Spalt zwischen Schublade und Kommode und zog. Nur zwei Dinge lagen da: ein großes, ledergebundenes Buch und ein silberner Füller mit einem eingravierten keltischen Zeichen.

Der Größe nach hielt ich das Buch für eine Bibel und fühlte mich betrogen. Ich zog die Schublade ganz heraus, schob sie in die Mitte des Zimmers und nahm das Buch in die Hände. Es war schwer, fühlte sich alt und gewichtig an. Das Leder war glatt und abgenutzt, in der linken oberen Ecke hatte es eine kleine Delle, als hätte Mutter dort über die Jahre immer wieder den Daumen hin und her gerieben. Das Buch war mit einem geflochtenen Lederband umwickelt, an dessen Ende ein blauer Stein hing. Ich öffnete den Knoten und schlug es in der Mitte auf. Das mache ich mit jedem Buch – ich öffne es irgendwo in der Mitte und lese eine Seite, um zu sehen, ob die Worte mir etwas sagen. Manche Menschen schlagen Bücher immer am Anfang auf, andere ganz am Ende. Wenn ich nicht ganz falschliege, hatte Mutter Bücher immer ganz am Ende aufgeschlagen – um zu sehen, wie die Geschichte ausging, bevor sie sich überhaupt zum Lesen entschloss.

Dieses lederne Buch hatte ich noch nie gesehen. Ich ging ins hell erleuchtete Schlafzimmer hinüber, setzte mich auf die Bank am Ehebett meiner Eltern und blätterte die Seiten durch. Die Handschrift meiner Mutter in schwarzer Tinte bedeckte Seite um Seite des dicken, cremefarbenen Papiers. Sie schrieb in langgezogenen Bögen, die unten links und oben rechts offen waren.

»Was ist das?«, murmelte ich, mit dem Finger über einen Satz irgendwo in der Mitte einer Seite fahrend.

Heute Nacht verstecke ich mich in diesem Haus mit gebrochenem Herzen. Diese Zerbrochenheit habe ich noch nie erlebt. Aber ich fühle mich nicht zerbrochen, eher leer.

Mein Herzschlag setzte aus, wie wenn man unter Wasser den Atem anhält, und wenn man einatmet, stirbt man. Ein Schauer lief mir über den Rücken, ich hob den Kopf und starrte auf den Marmorkamin, über dem das gerahmte Ölgemälde meiner Mutter im Hochzeitskleid hing. Dann schlug ich die erste Seite auf.

Für meine geliebte Enkelin, Lilly,

mit all den Geheimnissen

und der Kraft in diesen Worten.

– Lillian Rose Caulfield, 1952, 31. Dezember

Es war ein Tagebuch, ein in Leder gebundenes Tagebuch, das meine Mutter von ihrer Großmutter erhalten hatte, meiner Urgroßmutter. Ich zählte nach – 1952 war meine Mutter zwölf gewesen.

Ich blätterte schnell durch und sah, dass sie immer nur einmal im Jahr etwas geschrieben hatte – immer am Silvesterabend.

Dann las ich die erste Seite:

Ich habe immer gewusst, dass ich anders bin. Großmutter hat mir dieses Tagebuch gegeben, weil sie es auch weiß – sie kennt das Gefühl.

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