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Die Schönheit der toten Mädchen – Fandorin ermittelt.

Boris Akunin

Die Schönheit der toten Mädchen

Fandorin ermittelt.

Roman

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

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Inhaltsübersicht

Ein scheußlicher Anfang

Je weiter, desto schlimmer

»Ein Päcksen«

Schildkröte, Setter, Löwin, Häschen

Studienfreunde

Der Triumph Plutos

Stenographischer Bericht

Ein mühevoller Tag

Das scheußliche Ende einer scheußlichen Geschichte

Ein scheußlicher Anfang

4. April, Kardienstag, Morgen

Erast Fandorin, dem Beamten für Sonderaufträge beim Moskauer Generalgouverneur, Träger russischer und ausländischer Orden, drehte sich der Magen um.

Sein schmales bläulich blasses Gesicht verzog sich leidend, eine Hand im weißen Glacéhandschuh mit Silberknöpfchen war gegen die Brust gepreßt, die andere fuhr krampfhaft durch die Luft – mit dieser vagen Geste wollte er seinen Assistenten beruhigen: Lappalie, geht gleich vorüber. Aber nach den anhaltenden qualvollen Konvulsionen zu urteilen, war es durchaus keine Lappalie.

Fandorins Assistent, der Gouvernementsekretär Anissi Tulpow, ein dürrer, unansehnlicher junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, hatte seinen Chef nie zuvor in einem derart desolaten Zustand gesehen. Tulpow war übrigens selbst ein bißchen grün im Gesicht, aber dem Brechreiz hatte er widerstanden, worauf er jetzt insgeheim stolz war. Dieses unfeine Gefühl währte nur einen Moment und verdiente keine weitere Aufmerksamkeit, doch die unerwartete Dünnhäutigkeit des vergötterten, stets so kaltblütigen und jeder Gefühlsduselei abholden Chefs beunruhigte ihn ernstlich.

»G-Gehen Sie …«, stieß der Kollegienrat Fandorin hervor und wischte sich mit dem Handschuh die lila Lippen. Sein leichtes Stottern, Folge einer lange zurückliegenden Hirnprellung, wurde durch die seelische Erschütterung deutlich verstärkt. »Gehen Sie h-hinein … Ein P-Protokoll … ein ausführliches … Photographische A-Aufnahmen aus allen Blickwinkeln. Und daß die Spuren nicht z-zertrampelt werden …«

Er krümmte sich wieder, aber diesmal zitterte die ausgestreckte Hand nicht, und er wies mit dem Daumen unerbittlich auf die schiefe Tür des Holzschuppens, aus dem er vor wenigen Minuten kreideweiß herausgewankt war.

Zurückzugehen in das graue Halbdunkel, wo es nach Blut und Eingeweiden roch, widerstrebte Anissi. Aber Dienst ist Dienst.

Er atmete möglichst viel feuchte Aprilluft ein (ach, wenn ihm bloß nicht schlecht wurde), bekreuzigte sich und trottete gottergeben hinein.

In dem Schuppen, der zur Aufbewahrung von Brennholz diente, jetzt aber, vor dem baldigen Ende des Frostes, fast leer war, hatten sich zahlreiche Leute versammelt: der Untersuchungsführer, Polizeiagenten, Gendarmen, der Quartalsaufseher, der Reviervorsteher, der Gerichtsarzt, der Photograph, Schutzleute und der Hausmeister Klimuk, der die ungeheuerliche Untat entdeckt hatte – am Morgen hatte er Holz aus dem Schuppen holen wollen und die Bescherung gesehen, er hatte gehörig geschrien und dann die Polizei geholt.

Zwei Öllampen brannten, über die niedrige Decke schwankten Schatten. Es war still, nur in der Ecke schluchzte und schniefte ein blutjunger Polizist.

»Na, was haben wir denn da?« schnurrte neugierig der Gerichtsmediziner Jegor Williamowitsch Sacharow und hob mit dem Gummihandschuh etwas Schwammiges Blaurotes vom Boden auf. »Das ist ja die Milz, die Gute. Ausgezeichnet. In die Tüte damit, in die Tüte. Noch was Inneres, die linke Niere, nun haben wir alles beisammen bis auf ein paar Kleinigkeiten … Was haben Sie denn da unter dem Stiefel, Monsieur Tulpow? Gekröse?«

Anissi blickte nach unten, wich entsetzt zur Seite und wäre fast gegen den ausgestreckten Körper der Toten geprallt – Stepanida Andrejitschkina, 39 Jahre alt, ledig. Diese Angaben, wie auch der Beruf der Toten, waren dem gelben Ausweis entnommen, der ordentlich auf der geöffneten Brust lag. Sonst war nichts ordentlich an der toten Frau.

Ihr Gesicht, das wohl auch zu Lebzeiten nicht eben anziehend gewesen war, sah im Tod grauenhaft aus: blau angelaufen, voller verklumpter Puderflecke, die Augen aus den Höhlen getreten, der Mund in einem stummen Schrei erstarrt. Weiter unten hinzuschauen war noch schrecklicher: Der Täter hatte den armen Körper der Straßendirne längs und quer aufgeschnitten, hatte die gesamte Füllung herausgenommen und sie auf der Erde zu einem bizarren Muster ausgebreitet. Sacharow hatte bereits fast alles eingesammelt und in numerierte Tüten gesteckt. Übrig waren noch eine schwarze Blutlache und winzige Fetzen des zerschnittenen oder zerrissenen Kleides.

Leonti Ishizyn, der Untersuchungsführer für wichtige Fälle beim Bezirksstaatsanwalt, hockte sich neben den Arzt und fragte sachlich: »Spuren von Geschlechtsverkehr?«

»Das sage ich Ihnen später, mein Bester. Ich schreibe einen hübschen Bericht, in dem ich alles ausführlich darlege. Hier herrscht ja, wie Sie selber sehen, ägyptische Finsternis und Höllengestöhn.«

Wie jeder Ausländer, der die russische Sprache perfekt beherrscht, flocht Doktor Sacharow in seine Rede gern farbige Wendungen ein. Ungeachtet des russischen Nachnamens war der Arzt britischen Geblüts. In der Regierungszeit des verblichenen Zaren war sein Herr Vater, ebenfalls Arzt, nach Rußland gekommen, hatte sich eingelebt und den für russische Ohren schwierigen Namen Zacharias den örtlichen Bedingungen angepaßt – das hatte Sacharow selbst einmal erzählt. Man sah ihm an, daß er kein richtiger Russe war: hochaufgeschossen, knochig, sandfarbenes Haar, breiter Mund, schmale Lippen, beweglich, ständig eine Meerschaumpfeife von einem Mundwinkel zum anderen schiebend.

Untersuchungsführer Ishizyn sah mit gespieltem Interesse zu, wie der Arzt den nächsten Gewebefetzen des geschundenen Leibes in den Händen drehte, und sagte sarkastisch: »Na, Herr Tulpow, schnappt Ihr Chef immer noch nach Luft? Ich habe ja gesagt, wir wären auch ohne Überwachung durch den Gouverneur zurechtgekommen. Das hier ist kein Anblick für empfindsame Augen, wir dagegen sind an alles gewöhnt.«

Verständlich, daß Ishizyn unzufrieden und mißgünstig war. Sollte er vielleicht jubeln, daß ihm Fandorin höchstselbst zur Beaufsichtigung beigegeben wurde? Das würde keinem Ermittler gefallen.

»Linkow, heul nicht wie ein Weib«, schnauzte er den schluchzenden Polizisten an. »Gewöhn dich dran. Du bist nicht für ›Sonderaufträge‹ zuständig, du wirst noch alles mögliche zu sehen kriegen.«

»Verhüte Gott, daß man sich an so was gewöhnt«, brummte der Wachtmeister Pribludko, ein erfahrener alter Polizist, den Anissi von einem drei Jahre zurückliegenden Fall kannte.

Auch mit dem Untersuchungsführer Ishizyn arbeitete er nicht das erstemal zusammen. Ein unangenehmer Herr – nervös, stets ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, aber stechende Augen. Immer wie aus dem Ei gepellt, der Kragen wie aus Alabaster, die Manschetten von noch strahlenderem Weiß. Schnipste ständig imaginäre Stäubchen von den Schultern. Ein Ehrgeizling, der im Begriff war, eine große Karriere zu machen. Doch Anfang Januar, zu Epiphanias, war er in dem Erbschaftsfall des Kaufmanns Sitnikow nicht weitergekommen. Der Fall erregte Aufsehen, berührte zum Teil sogar die Interessen einflußreicher Personen und duldete keine Verzögerung, darum hatte Fürst Dolgorukoi den Kollegienrat Fandorin gebeten, der Staatsanwaltschaft zu helfen. Und wie Fandorins Hilfe aussieht, weiß man ja – er machte sich an die Arbeit und entwirrte den Fall innerhalb eines Tages. Und nun fürchtete Ishizyn nicht zu Unrecht, daß ihm abermals kein Lorbeer winkte.

»Das wär’s dann wohl«, sagte er. »Also, die Leiche ins Schauhaus der Polizei in der Boshedomka. Den Schuppen versiegeln und einen Polizisten davorstellen. Alle Bewohner ringsum befragen, und zwar eindringlich. Ob sie etwas Verdächtiges gesehen oder gehört haben. Klimuk, du hast das letztemal in der elften Stunde Holz aus dem Schuppen geholt, richtig?« fragte Ishizyn den Hausmeister. »Und der Tod ist nicht später als zwei Uhr nachts eingetreten?« (Das galt dem Gerichtsmediziner Sacharow.) »Also interessiert uns die Zeit zwischen zehn und zwei Uhr nachts.« Und wieder zu Klimuk: »Hast du vielleicht mit jemandem aus der Nachbarschaft geredet? Hat man dir irgend etwas erzählt?«

Der Hausmeister (besenartiger scheckiger Bart, buschige Brauen, beuliger Schädel, etwa 1,60 Meter groß, besonderes Kennzeichen: eine Warze mitten auf der Stirn – so übte sich Anissi in der Personenbeschreibung) stand da und knetete die ohnehin hoffnungslos zerknautschte Schirmmütze.

»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Ich weiß rein nichts. Ich hab das Schuppentor zugesperrt und bin gleich hin zu Herrn Pribludko. Und vom Polizeirevier haben sie mich nicht weggelassen, bis der Oberste gekommen ist. Die Bewohner, die haben keinen Schimmer. Das heißt, sie haben natürlich gesehen, daß die Polente hier aufgekreuzt ist … Daß die Herren Polizisten sich hierher bemüht haben. Aber von diesem Graus da«, er schielte furchtsam zu der Leiche, »davon wissen sie nichts.«

»Genau das werden wir überprüfen«, sagte Ishizyn auflachend. »Also, die Agenten an die Arbeit. Und Sie, Herr Sacharow, schaffen Ihre Schätze weg. Und daß mir bis Mittag ein vollständiger Bericht vorliegt, in aller Form.«

»Die Herren Geheimagenten b-bitte ich noch dazubleiben«, erklang von hinten Fandorins leise Stimme. Alle drehten sich um.

Wann war der Kollegienrat hereingekommen? Die Tür hatte überhaupt nicht gequietscht. Selbst im Halbdunkel war zu sehen, wie blaß und verstört er war, doch seine Stimme war ruhig, seine Redeweise unverändert – zurückhaltend, höflich, aber so, daß keiner Lust verspürte zu widersprechen.

»Herr Ishizyn, selbst der Hausmeister hat begriffen, daß es sich v-verbietet, über das Vorgefallene zu sprechen«, sagte er streng. »Ich habe den Auftrag, für strikte Geheimhaltung zu sorgen. Keinerlei Befragungen. Darüber hinaus bitte, ja, verpflichte ich alle Anwesenden, über die Umstände des Falles Stillschweigen zu wahren. Den Anwohnern ist zu erklären, daß … eine Straßendirne sich e-erhängt, Hand an sich gelegt hat, das Übliche. Sollten Gerüchte über den Vorfall in Moskau umgehen, wird jeder von Ihnen überprüft, und wer die Schweigepflicht verletzt hat, wird streng bestraft. Entschuldigung, meine Herren, aber diese I-Instruktionen habe ich erhalten, und dafür gibt es gute Gründe.«

Die Polizisten wollten auf ein Zeichen des Arztes die an der Wand lehnende Bahre ergreifen, um die Tote darauf zu legen, aber der Kollegienrat hob die Hand.

»W-Warten Sie.«

Er beugte sich über die Tote.

»Was hat sie da auf der Wange?«

Ishizyn zuckte pikiert mit den schmalen Schultern.

»Einen Blutfleck. Wie Sie sehen, gibt es hier Blut im Überfluß.«

»Aber nicht im Gesicht.«

Fandorin wischte den ovalen Fleck vorsichtig mit dem Finger ab – auf dem weißen Glacéleder des Handschuhs blieb eine Spur zurück. In äußerster Erregung, wie es Anissi schien, murmelte der Kollegienrat: »Kein Schnitt, kein Biß.«

Der Untersuchungsführer beobachtete die Handlungen des Beamten mit Befremden, der Arzt mit Interesse.

Fandorin holte eine Lupe aus der Jackentasche, hielt sie an das Gesicht des Opfers, schaute hindurch und seufzte.

»Der Abdruck von Lippen! Mein Gott, das ist die Spur eines Kusses! Daran gibt es keinen Zweifel!«

»Was echauffieren Sie sich so?« giftete Ishizyn. »Als ob’s hier keine schlimmeren Zeichen gäbe.« Er wies mit der Stiefelspitze auf den geöffneten Brustkasten und die gähnende Bauchhöhle. »So ein Halbirrer verfällt auf die absurdesten Ideen.«

»Ach, wie scheußlich«, murmelte der Kollegienrat, an niemanden gewandt.

Mit einer raschen Bewegung riß er sich den beschmutzten Handschuh herunter und warf ihn weg. Dann richtete er sich auf, schloß die Augen und sagte ganz leise: »Mein Gott, geht das jetzt etwa in Moskau los …«

 

What a piece of work is man! how noble in reason! how infinite in faculty! In form and moving how express and admirable! in action how like an angel! in apprehension how like a god! the beauty of the world! the paragon of animals! And yet, to me, what is this quintessence of dust!1 Sei’s drum! Mag der Prinz von Dänemark, ein müßiges und blasiertes Wesen, nichts mit dem Menschen im Sinn gehabt haben, ich ja! Der Barde hat zur Hälfte recht: Im Handeln der Menschen ist wenig Engelhaftes, und es ist lästerlich, das menschliche Begreifen mit dem Gottes zu vergleichen, aber etwas Schöneres als den Menschen gibt es nicht auf Erden. Was aber das Handeln und Begreifen angeht – so ist das eine Schimäre, Eitelkeit, Betrug, wirklich die Quintessenz von Staube. Der Mensch, er ist nicht Handeln, er ist Körper. Selbst die Pflanzen, die dem Auge schmeicheln, die üppigsten und wundersamsten Blumen sind nicht zu vergleichen mit dem grandiosen Bau des menschlichen Körpers. Blumen sind primitiv und simpel, innen gleichermaßen wie außen: Wie du ein Blütenblatt auch drehst, es ist langweilig anzuschauen. Was sind ihre gierigen Stengel, die armselig-geometrischen Blütenstände, die jämmerlichen Staubfäden gegen den Purpur straffer Muskeln, die Elastizität seidiger Haut, das silbrige Perlmutt des Magens, die graziösen Windungen des Darms und die geheimnisvolle Asymmetrie der Leber!

Läßt sich denn die eintönige Färbung blühenden Mohns vergleichen mit den vielfältigen Nuancen des menschlichen Blutes – vom tiefen Scharlachrot des Arterienstroms bis zum königlichen venösen Purpur? Was ist das vulgäre Blau der Glockenblume gegen die zarte hellblaue Zeichnung der Kapillaren oder die herbstliche Färbung des Ahorns gegen das flammende Rot des monatlichen Flusses? Der weibliche Körper ist viel raffinierter und hundertmal interessanter als der männliche. Die Funktion des weiblichen Körpers ist nicht grobe Arbeit und Zerstörung, sondern Erschaffung und Wartung. Die elastische Gebärmutter gleicht einer kostbaren Perlmuschel. Das ist die Idee! Einen befruchteten Schoß öffnen, um im Innern der Muschel eine heranreifende Perle zu entdecken – ja, ja, unbedingt! Gleich morgen!

Ich mußte zu lange fasten seit der Butterwoche2.

Meine Lippen dörrten aus, als sie immer wieder sagten: »Erquicke mein verfluchtes Herz mit Fasten, das die Leidenschaft ertötet!« Der Herr ist gütig und gnädig, Er wird mir nicht zürnen, daß die Kraft nicht reichte, noch sechs Tage bis zum Ostersonntag auszuharren. Immerhin ist der 3. April kein gewöhnlicher Tag, sondern der Jahrestag der Erleuchtung. Damals war es auch der 3. April. Daß ein anderer Kalender galt, ist unwichtig. Wichtig ist die Musik der Worte: drit-ter A-pril.

Ich habe meine eigenen Fasten, mein eigenes Ostern. Wenn ich schon die Fasten breche, dann richtig. Nein, ich werde nicht bis morgen warten. Heute! Ja, ja, ein Festmahl veranstalten. Nicht sich sättigen, nein, sich übersättigen. Nicht um meinetwillen, sondern zum Ruhme Gottes.

Denn Er war es, der mir die Augen öffnete und mich lehrte, wahre Schönheit zu sehen und zu begreifen. Mehr noch, sie zu enthüllen und der Welt sichtbar zu machen. Und das ist gleichbedeutend mit Erschaffen. Ich bin ein Geselle des Schöpfers.

Was für ein Genuß, nach langer Enthaltsamkeit die Fasten zu brechen. Ich erinnere mich an jeden köstlichen Augenblick, ich weiß, daß das Gedächtnis alles bis ins kleinste Detail bewahren wird, jede visuelle, geschmackliche, fühlbare, hörbare, geruchliche Empfindung. Ich schließe die Augen und sehe:

 

Später Abend. Ich kann nicht schlafen. Erregung und Begeisterung führen mich durch schmutzige Straßen, vorbei an Ödplätzen, krummen Häuschen und schiefen Zäunen. Schon viele Nächte hintereinander flieht mich der Schlaf. Ich spüre einen Druck auf der Brust und ein Pochen in den Schläfen. Tagsüber entschlummere ich für eine halbe oder eine Stunde und erwache von schrecklichen Traumgesichten, an die ich mich dann nicht mehr erinnern kann.

Ich gehe und träume vom Tod, von der Begegnung mit Ihm, aber ich weiß: Sterben darf ich nicht, es ist zu früh, meine Mission ist noch nicht erfüllt.

Eine Stimme aus der Dunkelheit: »Wie wär’s mit einem Schnäpschen?« Eine klirrende, versoffene Stimme. Ich drehe mich um und sehe das widerlichste und häßlichste aller menschlichen Geschöpfe: eine heruntergekommene Nutte, betrunken, abgerissen, aber dabei grotesk angemalt mit weißer Schminke und Lippenstift.

Ich wende mich angeekelt ab, aber plötzlich durchdringt wohlbekanntes Erbarmen mein Herz. Arme Kreatur, was hast du mit dir gemacht! Und das soll eine Frau sein, Meisterwerk göttlicher Kunst! Wie kann man nur sich selbst so verhöhnen und erniedrigen, Gottes Gabe so schänden!

Du selbst hast natürlich keine Schuld. Die seelenlose, grausame Gesellschaft hat dich in den Schmutz geworfen. Aber ich werde dich reinigen und retten. Die Seele ist licht und froh.

Wer hätte gedacht, daß es so kommt. Ich habe nicht die Absicht gehabt, die Fasten zu brechen, sonst wäre ich nicht durch dieses Elendsviertel gegangen, sondern durch die stinkenden Gassen von Chitrowka oder Gratschowka, wo Gemeinheit und Laster zu Hause sind. Aber Edelmut und Großzügigkeit, ganz leicht gefärbt von ungeduldiger Begierde, erfüllen mich.

»Ich will dich erfreuen, meine Liebe«, sage ich. »Komm mit.«

Ich trage Männersachen, und die Hexe denkt, es habe sich ein Käufer für ihre faulige Ware gefunden. Sie lacht heiser. »Wohin gehn wir denn? Hör mal, haste überhaupt Kohle? Spendier mir was, vor allem was zu trinken.« Ein armes verirrtes Schaf.

Ich führe sie durch einen dunklen Hof, zu den Schuppen. Ungeduldig rüttle ich an einer Tür, einer zweiten, die dritte ist nicht verschlossen.

Die Glückliche atmet mir Fuseldunst ins Genick und kichert. »Na so was, in den Schuppen bringste mich. Hast es aber nötig.«

Ein zügiger Schnitt mit dem Skalpell, und ich öffne ihrer Seele die Tür zur Freiheit.

Aber die Befreiung erfolgt nicht ohne Qualen, es ist wie eine Geburt. Die Frau, die ich jetzt von ganzem Herzen liebe, hat große Schmerzen, sie röchelt und beißt auf den Knebel, aber ich streichle ihren Kopf und tröste sie: »Gedulde dich.« Meine Hände tun rasch und sauber ihr Werk. Licht brauche ich nicht, meine Augen sehen in der Nacht so gut wie am Tage.

Ich öffne die geschändete, schmutzige Hülle ihres Körpers, die Seele meiner lieben Schwester schwingt sich empor, und ich ersterbe in Andacht vor der Vollkommenheit des göttlichen Mechanismus.

Als ich mit einem innigen Lächeln ihr heißes Herz zu meinem Gesicht hochhebe, zuckt und zappelt es noch wie ein gefangener Fisch, und ich küsse das wunderbare Fischlein zärtlich auf die geöffneten Lippen der Aorta.

Der Ort ist gut gewählt, niemand stört mich, und dieses Mal wird die Hymne auf die Schönheit bis zum Ende gesungen und mit einem Kuß auf die Wange vollendet. Schlafe, meine Schwester, dein Leben war widerlich und scheußlich, dein Anblick hat das Auge beleidigt, aber dank meiner bist du schön geworden.

 

Nehmen wir wieder die Blume. Ihre wahre Schönheit ist nicht auf der Wiese und nicht auf dem Beet zu sehen, o nein! Die Rose wirkt königlich im Mieder, die Nelke im Knopfloch, das Veilchen im Haar einer schönen Frau. Der Triumph einer Blume bricht an, wenn sie schon geschnitten ist, ihr wahres Leben ist vom Tod nicht zu trennen. So ist es auch mit dem menschlichen Körper. Solange er lebt, kann er sich nicht in der ganzen Großartigkeit seines wunderschönen Baus zeigen. Ich helfe dem Körper zu triumphieren. Ich bin ein Gärtner.

Doch nein, ein Gärtner schneidet nur die Blumen ab, ich aber schaffe aus Körperorganen ein Wandgemälde von berauschender Schönheit, eine erhabene Dekoration. In England kommt ein neuer Beruf in Mode – decorator, ein Spezialist für die Verschönerung des Hauses, des Schaufensters, der festlichen Straße.

Ich bin kein Gärtner, ich bin ein Dekorateur.

Je weiter, desto schlimmer

4. April, Kardienstag, Mittag

An der außerordentlichen Sitzung beim Moskauer Generalgouverneur Fürst Wladimir Dolgorukoi nahmen teil:

der Oberpolizeimeister, Generalmajor der Suite Seiner Kaiserlichen Hoheit Jurowski;

der Staatsanwalt der Moskauer Strafkammer, wirklicher Staatsrat und Kammerherr Kosljatnikow;

der Leiter der Moskauer Kriminalpolizei, Staatsrat Ejchman;

der Beamte für Sonderaufträge beim Generalgouverneur, Kollegienrat Fandorin;

der Untersuchungsführer für wichtige Fälle beim Staatsanwalt der Moskauer Strafkammer, Hofrat Ishizyn.

»Ein Wetter ist das, ein Wetter, einfach ekelhaft.« Mit diesen Worten eröffnete der Generalgouverneur die geheime Sitzung. »Das ist doch eine Schweinerei, meine Herren. Trüber Himmel, Wind, Nässe, Dreck, und das Schlimmste, die Moskwa führt mehr Hochwasser als sonst. Ich bin nach Samoskworetschje gefahren – ein Alptraum. Das Wasser ist auf fast siebeneinhalb Meter gestiegen! Bis zur Pjatnizkaja ist alles überschwemmt. Und auch am linken Ufer geht es drunter und drüber. Man kann nicht über den Neglinny-Projesd fahren. Wir werden uns blamieren, meine Herren. Auf seine alten Tage muß Dolgorukoi noch solch eine Schande erleben!«

Alle Anwesenden seufzten bekümmert, nur auf dem Gesicht des Untersuchungsführers für wichtige Fälle malte sich Befremden, und der Fürst, der sich durch außerordentliche Beobachtungsgabe auszeichnete, hielt es für angebracht zu erklären: »Ich sehe, junger Mann … wie war doch gleich … Glagolew? Nein, Bukin.«

»Ishizyn, Hohe Exzellenz«, soufflierte ihm der Staatsanwalt, aber nicht laut genug, denn in seinem neunundsiebzigsten Lebensjahr war der Moskauer Vizekönig (wie der Generalgouverneur auch genannt wurde) schon recht harthörig.

»Verzeihen Sie einem alten Mann.« Der Gouverneur breitete gutmütig die Arme aus. »Also, Herr Pyshizyn, ich sehe, Sie sind nicht auf dem laufenden … Sicherlich fällt es nicht in Ihr Ressort. Aber da wir nun hier zusammensitzen … Also«, Dolgorukois längliches Gesicht mit dem herabhängenden kastanienbraunen Schnurrbart nahm einen feierlichen Ausdruck an, »zum lichten Osterfest wird Seine Majestät unsere Residenz mit einem Besuch beehren. Kein Pomp, keine Zeremonien, man will sich vor den Moskauer Heiligenbildern verneigen. Es wurde angeordnet, die Moskauer Bevölkerung im voraus nicht in Kenntnis zu setzen, denn die Visite soll impromptu sein. Was uns natürlich nicht der Verantwortung für das Niveau der Begegnung und den allgemeinen Zustand der Stadt enthebt. Da erhalte ich zum Beispiel heute morgen, meine Herren, ein Schreiben von Seiner Eminenz Ioanniki, dem Moskauer Metropoliten. Er führt Klage darüber, daß vor dem heiligen Osterfest in den Konditoreien Unerhörtes zu sehen ist: In den Schaufenstern und auf den Verkaufstischen stapeln sich Konfektschachteln und Bonbonieren mit Abbildungen des Abendmahls, des Kreuzeswegs, Golgathas und so weiter. Das ist Lästerung, meine Herren! Geruhen Sie, liebwerter Herr«, wandte sich der Fürst an den Oberpolizeimeister, »noch heute Anweisung an die Polizei ergehen zu lassen, solcherlei Liederlichkeiten aufs strengste zu unterbinden. Die Schachteln sind zu vernichten, der Inhalt ist dem Findelhaus zu übergeben. Sollen sich die Waisenkinder zum Festtag daran gütlich tun. Die Ladenbesitzer sind mit einer Strafe zu belegen, damit sie mich vor dem allerhöchsten Besuch nicht in die Bredouille bringen.«

Der Generalgouverneur rückte aufgeregt die etwas verrutschte Lockenperücke zurecht, wollte noch etwas sagen, mußte aber husten.

Da tat sich sogleich eine unsichtbare Tür auf, die in die inneren Gemächer führte, und von dort kam, lautlos in hohen Filzschuhen, ein krummbeiniger dürrer Greis mit einem blitzblanken kahlen Schädel und übergroßem Backenbart hereingehuscht – der persönliche Kammerdiener des Fürsten, Frol Wedistschew. Sein plötzliches Erscheinen verwunderte niemanden. Alle Anwesenden erachteten es für unerläßlich, den Eingetretenen mit einer Verbeugung oder zumindest einem Nicken zu begrüßen, denn Wedistschew galt, ungeachtet seiner bescheidenen Stellung, in der altehrwürdigen Stadt als eine einflußreiche und in mancher Beziehung sogar allmächtige Person.

Der Kammerdiener träufelte aus einem Fläschchen flink eine Mixtur in einen kleinen Silberbecher, reichte ihn dem Fürsten und verschwand ebenso rasch, wie er gekommen war, ohne jemanden anzublicken.

»Dank dir, Frol, mein Beschter«, nuschelte der Generalgouverneur und ruckte mehrmals mit dem Kinn, um das Gebiß zurechtzurücken. Dann fuhr er in normaler Aussprache fort: »Und nun bitte ich Erast Petrowitsch, uns zu erklären, warum die heutige Sitzung so dringlich ist. Wie Sie sich wohl denken können, mein Guter, ist bei mir jede Minute gezählt. Also, was ist passiert? Befürchten Sie, daß sich Gerüchte über die schreckliche Missetat unter der Bevölkerung ausbreiten? Das hätte uns vor dem allerhöchsten Besuch noch gefehlt.«

Fandorin erhob sich, und die Blicke der höchsten Moskauer Ordnungshüter richteten sich auf das blasse, entschlossene Gesicht des Kollegienrats.

»Maßnahmen zur Wahrung des G-Geheimnisses sind ergriffen, Euer Erlaucht«, begann er zu referieren. »Jeder, der an der Tatortbesichtigung teilgenommen hat, wurde auf seine Verantwortung hingewiesen und mußte eine Schweigeverpflichtung unterschreiben. Der Hausmeister, der die Leiche gefunden hat, ein Mann, der zu übermäßigem Alkoholgenuß neigt und dann unberechenbar ist, wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen und in einer speziellen Z-Zelle der Gendarmerieverwaltung untergebracht.«

»Sehr schön«, lobte der Gouverneur. »Wozu bedurfte es dann dieser Zusammenkunft? Warum haben Sie gebeten, die Leiter der Ermittlungs- und der Polizeibehörden zusammenzuholen? Sie hätten doch alles mit Pyshizyn entscheiden können.«

Fandorin warf unwillkürlich einen Blick auf den Untersuchungsführer, zu dem der vom Fürsten erfundene Name1 erstaunlich gut paßte, aber ihm war in diesem Moment nicht nach Scherzen zumute.

»Hohe Exzellenz, ich habe nicht g-gebeten, den Leiter der Kriminalpolizei einzuladen. Der Fall ist äußerst beunruhigend und von höchster Wichtigkeit, so daß sich außer der Staatsanwaltschaft die operative Abteilung der Gendarmerie unter persönlicher Kontrolle des Herrn Oberpolizeimeisters damit beschäftigen muß. Die Kriminalpolizei jedoch möchte ich überhaupt nicht einschalten, dort sind zu viele zufällige Leute. Erstens.«

Fandorin machte eine vielsagende Pause. Der Staatsrat Ejchman wollte protestieren, doch der Gouverneur gebot ihm mit einer Geste zu schweigen.

»Da habe ich Sie also umsonst herbemüht, Verehrtester«, sagte er freundlich. »Gehaben Sie sich wohl und halten Sie Ihre Taschendiebe und Freimaurer im Zaum, sie sollen den Ostersonntag bei sich in Chitrowka feiern und ja nicht die Nase herausstecken. Ich hoffe da sehr auf Sie, Pjotr Rejngardowitsch.«

Ejchman erhob sich, verbeugte sich schweigend, lächelte nur mit den Lippen Fandorin zu und ging hinaus.

Der Kollegienrat stieß einen Seufzer aus, denn er wußte, daß er nun in dem Leiter der Moskauer Kriminalpolizei einen ewigen Feind haben würde, doch der Fall war so fürchterlich, daß er kein zusätzliches Risiko duldete.

»Ich kenne Sie«, sagte der Gouverneur und blickte seinen zuverlässigen Beamten gespannt an. »Wenn Sie ›erstens‹ sagen, dann folgt auch ein ›zweitens‹. Reden Sie. Spannen Sie uns nicht auf die Folter.«

»Es tut mir sehr leid, Wladimir Andrejewitsch, aber Sie müssen den Besuch des Zaren absagen«, sagte Fandorin ziemlich leise, aber diesmal hörte der Fürst sehr gut.

»Absagen?« ächzte er.

Die übrigen Anwesenden nahmen die empörende Erklärung des anmaßenden Beamten stürmischer auf.

»Sie sind ja verrückt!« rief der Oberpolizeimeister Jurowski.

»Unerhört!« blaffte der Staatsanwalt.

Der Untersuchungsführer für wichtige Fälle erlaubte sich keine Äußerung, dazu war sein Rang zu gering, aber er preßte die dicken Lippen zusammen, um so seine Empörung über Fandorins aberwitzige Auslassung zu zeigen.

»Absagen?« wiederholte der Fürst mit erloschener Stimme.

Die Tür zu den inneren Gemächern öffnete sich einen Spalt, in dem sich das Gesicht des Kammerdieners zeigte.

Der Gouverneur erhob in äußerster Erregung die Stimme und verschluckte ganze Wörter: »Petrowitsch, nicht das erste Jahr … Sie kein leeres Stroh … Aber allerhöchsten absagen! Unerhörter Skandal! Sie wissen doch, wie ich mich bemüht … für mich, für uns alle …«

Fandorin runzelte die hohe Stirn. Er wußte sehr gut, wie lange und intrigenreich der Gouverneur diesen allerhöchsten Besuch angestrebt hatte. Und was für Ränke die gegnerische Petersburger Kamarilla geschmiedet hatte, die schon seit zwanzig Jahren den alten Fuchs von dem beneidenswerten Posten zu verdrängen suchte. Der österliche Besuch Seiner Majestät war für den Fürsten ein Triumph, ein sicheres Indiz für die Unerschütterlichkeit seiner Position. In der nächsten Woche stand ihm ein großer Festtag bevor – das sechzigjährige Offiziersjubiläum. Aus diesem Anlaß konnte er auf den Andreas-Orden hoffen. Und nun sollte er selber den Besuch absagen!

»Ich v-verstehe alles, Euer Erlaucht, aber nicht absagen wäre noch schlimmer. Diese Untat wird nicht die letzte sein.« Das Gesicht des Kollegienrats wurde mit jedem Wort finsterer. »Ich fürchte, daß Jack the Ripper nach Moskau gekommen ist.«

Wieder löste Fandorins Erklärung bei den Anwesenden einhelligen Unmut aus.

»Nicht die letzte?« entrüstete sich der Generalgouverneur.

Der Oberpolizeimeister und der Staatsanwalt riefen im Chor: »Jack the Ripper?«

Und Ishizyn erkühnte sich nun doch und fauchte: »Blödsinn!«

»Was denn für ein Ripper?« knarrte von seiner Tür her Frol Wedistschew, als eine Pause eingetreten war.

»Ja, ja, was für ein Jack?« Der Gouverneur fixierte seine Untergebenen mit sichtlicher Unzufriedenheit. »Alle wissen davon, bloß ich bin nicht eingeweiht. Immer ist es dasselbe!«

»Euer Erlaucht, das ist ein berüchtigter englischer Mörder, der in London Straßenmädchen abschlachtet«, erklärte der Untersuchungsführer.

»Wenn Sie erlauben, Wladimir Andrejewitsch, erzähle ich a-ausführlicher.«

Fandorin zog einen Notizblock aus der Tasche und blätterte einige Seiten durch.

Der Fürst legte die Hand um die Ohrmuschel, Wedistschew setzte eine Brille mit starken Gläsern auf, Ishizyn lächelte ironisch.

»Wie sich Euer Erlaucht vielleicht erinnern, habe ich im vergangenen Jahr einige Monate in England verbracht, als ich in dem Ihnen bekannten F-Fall der verschwundenen Korrespondenz Katharinas der Großen ermittelte. Sie äußerten noch Ihr Mißfallen über meine lange Abwesenheit. Ich hielt mich über das Notwendige hinaus in London auf, weil ich aufmerksam die Fahndungsmethoden der Polizei zur Ergreifung eines Verbrechers verfolgte, der im Verlauf von acht Monaten, von April bis Dezember vorigen Jahres, in East End acht bestialische Morde verübte. Der Mörder benahm sich äußerst dreist. Er schrieb der Polizei B-Briefchen, in denen er sich Jack the Ripper nannte, und einmal schickte er dem mit dem Fall betrauten Kommissar eine halbe Niere, die er einem seiner Opfer herausgeschnitten hatte.«

»Herausgeschnitten? Aber warum?« wunderte sich der Fürst.

»Es ist nicht die Tatsache der Morde, was die Menschen an den Untaten des Rippers so e-erschüttert hat. In einer Großstadt wie London, in der nicht alles zum besten bestellt ist, gibt es genug Verbrechen, auch Bluttaten. Doch die Art und Weise, wie der Ripper seine Opfer tötete, war in der Tat monströs. Gewöhnlich schnitt er den armen Frauen die Kehle durch, dann weidete er sie aus wie Rebhühner und ordnete die entnommenen Innereien zu einer Art grausigem Stilleben.«

»Heilige Jungfrau«, hauchte Wedistschew und bekreuzigte sich.

Der Fürst rief emphatisch: »Was für Scheußlichkeiten erzählen Sie da! Und, wurde der Verbrecher dingfest gemacht?«

»Nein, aber seit Dezember gab es keine derartigen Morde mehr. Die Polizei kam zu dem Schluß, daß der Verbrecher entweder Hand an sich gelegt oder … England verlassen hat.«

»Und er hatte nichts Besseres zu tun, als zu uns nach Moskau zu kommen.« Der Oberpolizeimeister schüttelte skeptisch den Kopf. »Selbst wenn, es ist ein leichtes, den englischen Mordbuben aufzuspüren und festzusetzen.«

»Wie kommen Sie darauf, daß er Engländer ist?« fragte Fandorin den General. »Alle Morde wurden in Londoner Elendsvierteln verübt, wo viele Auswanderer vom europäischen K-Kontinent leben, auch Russen. Übrigens suchte die englische Polizei den Verdächtigen vorrangig unter immigrierten Medizinern.«

»Warum gerade Mediziner?« erkundigte sich Ishizyn.

»Weil den Opfern die inneren Organe äußerst sachkundig entnommen wurden, höchstwahrscheinlich mit einem Skalpell. Die Londoner Polizei ist überzeugt, daß Jack der Ripper Arzt oder Medizinstudent ist.«

Staatsanwalt Kosljatnikow hob den gepflegten weißen Finger, an dem ein Brillantring funkelte, und sagte: »Aber wie kommen Sie darauf, daß die Andrejitschkina ausgerechnet von dem Londoner Verbrecher getötet und zerstückelt wurde? Als ob wir nicht genug eigene Mörder hätten! Da hat sich so ein Hundesohn bis zum Delirium besoffen und sich dann eingebildet, daß er mit dem grünen Drachen kämpft.«

Der Kollegienrat seufzte und antwortete geduldig: »Fjodor Kallistratowitsch, Sie haben doch den Bericht des Gerichtsarztes gelesen. Im D-Delirium kann man nicht so exakt präparieren, noch dazu ›mit einem Gegenstand von chirurgischer Schärfe‹. Erstens. Wie auch in East End fehlen die sonst üblichen Anzeichen sexueller Exzesse. Zweitens. Das Bedenklichste aber sind die Spuren des blutigen Kusses auf der Wange der Getöteten, drittens. Alle Opfer des Rippers trugen so einen blutigen Stempel – auf der Stirn, auf der Wange, einmal auf der Schläfe. Inspektor Gilson, von dem ich dieses Detail erfuhr, maß dem keine B-Bedeutung bei, denn Absonderlichkeiten gab es bei dem Ripper mehr als reichlich, auch weitaus weniger harmlose. Aus den spärlichen Informationen, die die Kriminalistik über Triebtäter hat, ist jedoch bekannt, was für eine Rolle das Ritual für diese Verbrecher spielt. Den Serienmorden eines Triebtäters liegt stets e

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