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Die Runen der Macht (03) - Das zerbrochene Band

PHILIPPA BALLANTINE

Die Runen

der Macht

Das zerbrochene Band

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Michaela Link

Zu diesem Buch

Nach ihrem Kampf gegen die Geistherrin Hatipai ist die Kriegerin Sorcha Faris noch immer stumm und bewegungsunfähig. Eine Art Fluch scheint auf ihr zu liegen. Selbst ihr Partner Merrick Chambers kann nicht zu ihr durchdringen. Trotzdem gibt es noch immer viele in ihrem Orden, denen Sorcha ein Dorn im Auge ist und die das Geheimnis ihrer Herkunft und ihrer außergewöhnlichen Kräfte fürchten. Während die Kriegerin in ihrem Körper gefangen liegt, entspinnt sich zwischen Merrick und der Schwester des Kaisers ein zartes Band der Zuneigung. Zophiya beauftragt ihn, den neuen Vertrauten ihres Bruders unter die Lupe zu nehmen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Als Sorcha plötzlich verschwindet – angeblich, um woanders Heilung zu erfahren –, erkennt Merrick, dass seine Ordensbrüder ihn hintergangen haben. Zophiya ist nun die einzige Person, der er vertrauen kann. Doch im Palast des Kaisers gerät er in eine perfide Falle – längst haben die Feinde des Kaisers und des Ordens ihre Klauen ins Herz des Imperiums geschlagen und warten nur darauf, den letzten, tödlichen Streich zu tun. Merrick muss alles daran setzen, die Zerstörung des Reiches und des Ordens zu verhindern.

Den Bibliothekaren, die ich in meinem Leben kennengelernt habe – Sie alle haben mir eine Welt des Wissens und des Abenteuers eröffnet und mir dadurch geholfen, diese Geschichten zu ersinnen und zu Papier zu bringen.

Kapitel 1

Im Schatten genommen

In der Zeit, da die Erde bebte und zitterte, wurden viele Geheimnisse offenbart – einige zum Guten, andere eindeutig zum Schlechten.

Während Caoirse ihrem Partner in die Dunkelheit folgte, konnte sie nur hoffen, was sie erwartete, fiele in die erste Kategorie. Es war für sie und Klanasta bereits ein langer Tag gewesen. Er zeichnete sich vor ihr gegen das Mondlicht nur als grauer Schatten auf einem Pferd ab, aber sie hatten viel mehr gemeinsam als Mondlicht. Ihr Aktiver brannte in ihrem Geist wie warme Glut; er gab ihr Halt, sie konnte ihm in dieser gefährlichen Welt blind vertrauen. Niemals allein zu sein – das war das eigentlich Schöne daran, eine Diakonin zu sein. Es war kein Ausgleich für die Gefahren der Jagd auf Geister, aber es kam dem sehr nahe.

Sie schob rötliche, feuchte Locken aus ihrem Gesicht und zog zitternd den grünen Umhang enger um sich. Ihr Pferd, Tilin, stammte aus der Zucht der Diakone und war ein prächtiges Reittier, aber sie saß jetzt schon seit fast drei Tagen im Sattel. So etwas setzte jedem zu, deshalb trieb Caoirse Tilin mit einem leichten Druck der Knie neben Klanastas Pferd.

»Wie weit ist es noch?«, fragte sie seufzend.

Klanastas lange Nase war das einzige Detail, das sie in Nebel und Dunkelheit ausmachen konnte. »Der Tunnel ist nicht mehr weit, und Goine und Leontis dürften mit einem guten Eintopf auf uns warten.«

Da beide junge Burschen waren, die ihr Noviziat gerade erst hinter sich hatten, hegte Caoirse ernsthafte Zweifel an ihren Kochkünsten, aber sie schwieg. Stattdessen öffnete sie auf der Suche nach ihren Landsleuten ihr Zentrum und breitete es weit um sie aus.

Caoirse runzelte die Stirn. Alles lag vor ihr: die Schlange, die in ihrer unterirdischen Höhle schlief; ein Geier, der den Kopf unter den Flügel gesteckt hatte; eine Füchsin, die durchs Unterholz pirschte.

Sie brauchte Klanasta nicht zu sagen, was fehlte; sie teilten die Verbindung und ihre Sicht.

»Keine Diakone«, flüsterte er. Die Hände des Aktiven Diakons tasteten sofort nach den Handschuhen, die in seinem Gürtel steckten. Als er sie überstreifte, fühlte Caoirse sich besser. Ihr Partner war kein Novize und nicht mehr feucht hinter den Ohren. Wenn ein Geist auf sie wartete, dann war es der Untote, der sich fürchten sollte, nicht sie.

Auch sie tat das Ihre. Als Sensible in dem Paar tastete sie tiefer und konzentrierter in den Nebel und den Sumpf hinein. Alles, was sie entdeckte, waren weitere hungrige Raubtiere und deren verängstigte Beute. Keine Geister und keine Diakone.

Erst als Tilins großer Huf auf einen Zinnteller schlug, merkte sie, dass sie im Lager ihrer Mitdiakone waren. Das Feuer war schon lange aus. Es hatte mindestens zwei Tage geregnet; alles war nass.

Gemeinsam glitten sie und Klanasta von den Pferden und landeten mit einem feuchten Klatschen im Schlamm. Ihr Partner brauchte nicht zu fragen. Caoirse richtete ihre Konzentration auf das Lager. Sie aktivierte Aiemm, die zweite Rune der Sicht, und ließ ihren Geist in der Zeit zu dem Moment zurückwandern, da an diesem Lagerfeuer zwei Diakone gesessen und über die Dinge geredet hatten, über die junge Männer eben reden, selbst die vom Orden des Auges und der Faust.

Sie achtete nicht auf ihr Gespräch, bis sie sich erhoben. Ihre Gesichter verrieten, dass sie etwas gehört hatten, aber Caoirse konnte nichts wahrnehmen. Sehr seltsam.

Die Jungen griffen nach ihren Umhängen und den Foki des Ordens, also nach den Handschuhen des Aktiven und dem Riemen des Sensiblen.

»Sie haben etwas gehört«, sagte sie zu Klanasta, »und sind hier entlanggegangen.«

Er folgte ihr auf dem Weg, den Goine und Leontis genommen hatten. »Sie sind zum Tempel hinunter.«

Ihr Partner stöhnte in kaum verhohlenem Ärger. »Sie sollten doch auf uns warten.«

Kaltes Grauen packte Caoirse, doch sie gingen weiter. Der Tempel war nichts Besonderes, ein paar alte Felsen, die mit verwitterter Schrift bedeckt waren. Niemand hatte je die Sprache der Alten entziffern können, aber das hinderte Gelehrte des Ordens nicht, es immer aufs Neue zu versuchen.

Ein Erdbeben hatte vor einem Monat die Felswand am Tempel aufgerissen. Diese Nachricht hatte den Gelehrten der Mutterabtei das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Vielleicht gab es dort unten ja unberührte Kultgegenstände oder unversehrte Schriften? Durch Wehrsteine hatten sie ihr Verlangen übermittelt, jemand solle Nachforschungen anstellen. Goine und Leontis waren als Diakone eines benachbarten Klosters die Nächsten, und ihre Aufgabe hatte nur darin bestanden, den Ort zu sichern. Caoirse und Klanasta kamen von weiter her, um die eigentliche Untersuchung vorzunehmen.

»Hier entlang«, zischte sie ihrem Partner zu, während sie Zweige beiseiteschob und dem Pfad folgte, den die törichten jungen Diakone genommen hatten.

Ein großer Teil des kleinen Hügels war tatsächlich weggebrochen und hatte einen alten Tunnel zum Vorschein gebracht.

»Mir ist noch kein Junge begegnet, der einem Tunnel widerstehen kann.« Klanasta verdrehte die Augen. »Es musste ja so kommen.«

»Sie hätten jemanden mit mehr Erfahrung schicken sollen«, stimmte Caoirse ihm zu, »aber es ist nun mal nicht zu ändern. Kommt weiter.«

Sie krochen durch Schlamm und zerstörte Vegetation bis zum Eingang hinauf. Daneben stand eine Laterne auf einem Steinbrocken. Klanasta zog eine Braue hoch. »Anscheinend haben sie uns erwartet.« Er öffnete die Laterne, riss ein Streichholz an und entzündete den Docht.

Er ging voraus, und ein schwacher Schimmer kam von seinen Handschuhen, als wollte er Caoirse daran erinnern, dass sie sicher war.

Der Tunnel war abschüssig, und Klanasta sprang verärgert zurück. Der Regen der letzten Tage hatte sich in der Senke gesammelt und aus dem Gang einen breiten Teich gemacht. Es war unmöglich, das andere Ende zu sehen oder festzustellen, ob der Tunnel wieder anstieg.

Dann wurde das für die Diakone plötzlich nebensächlich. Es war, wie Caoirse befürchtet hatte: Die Leichen von Goine und Leontis trieben mit dem Gesicht nach unten im Wasser.

Klanasta schüttelte den Kopf. »Vermutlich saßen sie hier unten fest, als der Tunnel abgesoffen ist. Bei den Knochen, wann nimmt die Jugend Vernunft an!« Er raffte seinen Umhang mit einer Hand zusammen und watete auf die beiden zu, wobei er die ganze Zeit vor sich hin brummelte. Diakone verdienten ein anständiges Begräbnis – selbst wenn sie Narren waren.

Caoirse verspürte kein Verlangen, die Jungen sterben zu sehen, aber das Pflichtgefühl trieb sie dazu, sich den Rest der Szene durch Aiemm anzusehen.

Klanasta erreichte den ersten Leichnam und drehte ihn um. »Das ist merkwürdig«, rief er, während er den toten Jungen langsam aus dem Wasser zog. Caoirses Augen weiteten sich, als das Bild des Gewesenen sich über das legte, was gerade geschah.

»Klanasta!«, rief sie, während ihr Zentrum sich um ihn legte. Gleichzeitig brach etwas aus dem Wasser hervor und hielt auf ihn zu.

Es war kein Geist, und sie hätte schwören können, dass ihr Zentrum es nun erst sah. Ihr Partner wurde von dem Leichnam behindert und kam im Wasser nur langsam voran. Zu ihrem Entsetzen erhaschte sie einen kurzen Blick auf Beine, lang und scharf wie die eines Krebses, aber viel, viel größer. Sie schlangen sich um Klanasta und rissen ihn in den aufgewühlten Teich hinab.

Caoirse zog ihr Schwert und sprang ihm in den trüben Tümpel nach, brauchte das Blut im Wasser aber nicht zu sehen, um zu wissen, dass er tot war; das sagte ihr die abrupt durchtrennte Verbindung. Sie stieß einen entsetzten Schrei aus, drang jedoch weiter vor, und sei es nur, um dieser abscheulichen Kreatur den Leichnam ihres Partners abzuringen.

Sie nahm keine Rücksicht auf ihre Sicherheit, weil die in diesem Augenblick kaum eine Rolle für sie spielte. Als sie untertauchte, dachte sie kurz, Klanasta zu fassen bekommen zu haben, bis ihre Finger sich um etwas Härteres schlossen. Die Klaue drehte sich in ihrer Hand und griff ihrerseits nach der Diakonin.

Caoirse versuchte verzweifelt, an die Oberfläche zu kommen, aber immer mehr Klauen griffen von allen Seiten nach ihr und zogen sie hinab. Sie trat um sich und schluckte einen Mund voll schmutzigen, blutigen Wassers.

Worum es sich bei diesen Kreaturen auch handeln mochte – sie waren stark. Ihre Scheren und Beine bildeten einen Käfig um Caoirse und zogen sie hinab in ungesehene Tiefen.

Ihr letzter, verzweifelter Gedanke war Empörung darüber, dass sie sie nicht hatte kommen sehen.

Kapitel 2

Das Leben einer Motte

Für Sorcha Faris gab es nichts Schlimmeres auf der Welt, als bei Besinnung zu sein und nicht kommunizieren zu können. Auf Kissen gestützt lag sie da, starrte an die Decke der Krankenstube der Mutterabtei und zählte die tanzenden Motten über ihrem Bett, um nicht wahnsinnig zu werden.

Sie spürte Kolyas Finger am Handgelenk, konnte die Hand aber nicht wegziehen. Ihr ach so künftiger Exmann traute sich nur bei ihr zu sitzen, wenn Merrick nicht zugegen war. Zuerst hatte er stockend von seinem Kummer gesprochen, von den Dingen, die er bereute. Dass er sich geirrt habe. Dass er sie hätte an sich heranlassen, ihr hätte vertrauen sollen.

Dafür ist es zu spät, war ihre unausgesprochene, ungehörte Antwort gewesen.

Doch gegen ihren Willen begann sie zuzuhören. Sorcha wusste, dass sie nicht die beste Ehefrau gewesen war. Es war leicht, dies in der Stille der Krankenstube zuzugeben, wo sie nichts anderes zu tun hatte als nachzudenken.

Aber Kolya war auch nicht fehlerfrei, selbst jetzt nicht. Sie spürte seinen Versuch, ihr verkümmertes Band zu erneuern, die magische Verbindung zwischen einem Aktiven und einem Sensiblen Diakon. Sorcha teilte eine außerordentlich starke Verbindung mit ihrem jüngeren Partner, Merrick Chambers. Was Kolya versuchte, war unmoralisch und höchst illegal innerhalb der strengen Regeln des Ordens des Auges und der Faust, und sie hatte den Verdacht, er handelte auf Erzabt Rictuns Befehl. Nicht, dass sie, die stumm und bewegungsunfähig dalag, imstande war, dies jemandem zu sagen. Selbst Merrick vermochte sie sich nicht wie früher durch ihre Verbindung mitzuteilen. Er konnte ihre Gefühle spüren, mehr nicht, und es war schwer, Kolyas falsches Spiel allein dadurch aufzudecken. Bei diesem Versuch hatte sie Merrick vermutlich mehr als genug Kopfschmerzen bereitet. Es tat Sorcha leid, aber solche Bemühungen waren alles, was ihr geblieben war. Hätte sie den Blick mühsam nach links gewendet, so hätte sie Kolyas Kopf ausmachen können, dessen Stirn in ihre Hand drückte. Sie spürte das leise Ziehen der Reste ihrer gemeinsamen Verbindung wie ein unangenehmes Jucken, an dem sie nicht kratzen konnte. Diakon Kolya Petav nahm ihr die Kraft. Sorcha widersetzte sich so gut sie konnte. Sie bot ihren ganzen Willen auf, um die Verbindung mit Merrick am Leben zu erhalten und diejenige zu begraben, die sie einst mit Kolya geteilt hatte.

Sie hatte gegen die Geistherrin Hatipai gekämpft und sie besiegt, aber sie hatte ihre Grenzen als Diakonin überschritten. Jetzt war dies ihr Leben, und zwar ein erbärmliches.

Bei den Knochen, Kolya, spar dir die Mühe. Ich bin es nicht wert …

»Diakon Petav?« Hätte Sorcha an Götter geglaubt, sie hätte in diesem Moment einen Jubelschrei ausgestoßen. Der dunkle Lockenkopf ihres jetzigen Partners erschien im Türrahmen. »Welchem Umstand verdanken wir diesen unerwarteten Besuch?« Immer Diplomat, stieß er keinen Fluch aus, wie sie es an seiner Stelle getan hätte. Dennoch war sein Ton anklagend. Innerlich spendete Sorcha ihm Beifall. Es war schön zu sehen, wie der junge Diakon sich sofort zum Herrn der Situation machte. Während sie von ihrem Bett aus zuschaute, wurde Sorcha klar, dass ihr Partner erwachsen geworden war.

Kolya, wie stets die Ruhe selbst, streichelte Sorchas Handrücken. »Ich bin immer noch ihr Mann, Diakon Chambers.«

Darum geht es doch gar nicht, oder, Kolya?

Merrick trat ein und stellte vorsichtig ein Tablett auf den Tisch. Aus ihrem Blickwinkel konnte Sorcha nicht sehen, was sich darauf befand. In den guten alten Tagen, vor zwei Monaten, hätte sie auf eine Zigarre oder ein Gläschen Schnaps gehofft, jetzt aber waren ihr solche Genüsse versagt. Stattdessen begnügte sie sich damit, zu verfolgen, wie die beiden Männer über ihrem ausgestreckten Körper stritten.

Ihr eigentlicher Partner ließ sich auf der anderen Seite des Betts nieder, und seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. »Nur weil sie der abschließenden Verlesung der Eheauflösung nicht beiwohnen konnte. Es war eine bloße Formalität, an der Sorcha bedauerlicherweise nicht teilzunehmen vermochte.«

»Trotzdem, Formalitäten sind Formalitäten«, sagte Kolya, und es war das erste Mal, dass Sorcha bei ihm einen stahlharten Ton hörte. Nach Jahren der Ehe kannte sie ihn gut, und Kolya konnte stur sein, sogar mehr als stur.

Sorcha kniff die Augen zusammen, gewahrte Merricks angespannte Miene und sah ihn schlucken. Ohne die vollständige Verbindung musste sie sich an jede Nuance und jedes Mienenspiel klammern. Komisch: Früher hatte sie sich immer über den Fluss von Wörtern und Gedanken zwischen ihnen geärgert – und jetzt vermisste sie sie schrecklich.

»Bruder Salay hat gesagt, wir sollen sie schlafen lassen, und ich glaube, Presbyter Mournling leitet heute Abend eine Diskussion über die jüngsten Erkenntnisse zu den Geistherrn.« Die Sensiblen standen sich am Bett gegenüber, und selbst Sorcha, gefangen in ihrem Körper, spürte die Spannung. Wären sie Aktive gewesen, wäre es bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen, aber Sensible waren völlig andere Wesen. Tatsächlich hatte Sorcha keine Ahnung, wie sie einen Streit beilegten. »Auf diese Diskussion bin ich gespannt«, versetzte Kolya, wandte sich zum Gehen, besann sich, drehte sich um und drückte Sorcha energisch einen Kuss auf die Wange. »Bis dann.«

Komm nicht zurück. Lass es einfach gut sein. Sie wollte unbedingt den Arm bewegen, nur ein bisschen, gerade genug für eine kleine Geste. Doch nichts geschah.

Dann waren sie und Merrick allein, und sie richtete die Aufmerksamkeit auf ihre Verbindung, kanalisierte all ihre Enttäuschung in sie hinein. Merrick trat einen Schritt zurück und drückte die Fingerspitzen an seine Stirn. »Ich weiß, Sorcha. Ich weiß, aber ich kann nicht viel tun. Ich kann ihm seine Besuche hier nicht verbieten, da sein Status als Euer Partner und Ehemann noch nicht widerrufen wurde.«

Sorcha hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Während der letzten zwei Monate hatte sie sich schwer auf ihre Verbindung gestützt. Indem sie all ihre Gefühle auf ihrem Partner abgeladen hatte, hatte sie sich an ihren Verstand zu klammern vermocht, den jungen Mann dadurch aber genauso belastet.

Ich will einfach wieder gesund werden. Eine Welle der Verzweiflung brach über ihr zusammen, und als sie verebbte, war Sorcha nicht die mächtige, strenge Diakonin – sie war nur eine Frau, die in ihrem Körper gefangen war und furchtbare Angst hatte, dass es für immer so bliebe. Wenn das der Fall sein sollte, bringt mich jetzt um, Merrick!

Er konnte ihr Flehen nicht hören, nahm aber das Gefühl wahr, das es begleitete. Merrick setzte sich neben sie aufs Bett und nahm ihre Hand. »Es wird alles wieder gut. Bedenkt nur, wie viel besser es Euch geht als noch vor Wochen, als wir Euch von Orinthal zurückgebracht haben. Ihr befindet Euch wirklich auf dem Weg der Genesung! Bruder Salay sagt, Eure Muskeln sprechen auf die Übungen an, die sie mit Euch machen.« Seine braunen Augen glitzerten gefährlich, er war den Tränen nahe. »Bitte gebt nicht auf, Sorcha.«

Es war ihr nicht peinlich, als ihr selbst eine Träne über die Wange lief. Merrick wischte sie weg und lächelte. »Ich werde es nicht verraten. Jetzt möchte ich auch hören, was Presbyter Mournling zu sagen hat. Bis morgen.« Er belog sie – so viel konnte sie der Verbindung entnehmen. Aber sie würde ihm seine Geheimnisse nicht verwehren.

Ihr Partner stand auf und löschte alle Lampen bis auf zwei. Das Geräusch, mit dem er die Tür hinter sich schloss, hatte etwas zutiefst Trostloses. Die Motten passten ihren Tanz dem veränderten Licht an, aber diese neuen Muster hatten für Sorcha keinen Reiz. Sie war allein. Die späten Nachtstunden waren immer die schlimmsten.

Gedämpft hörte sie auf den Fluren Laienbrüder ihre Arbeit verrichten, leises Flüstern und bisweilen das Schluchzen von Verwandten, die ihre Angehörigen in der Krankenstube besuchen kamen. Dann öffnete sich noch einmal knarrend die Tür.

Vielleicht hatte Merrick es sich anders überlegt und kam wieder, um die Nacht bei ihr am Krankenbett zu sitzen, wie er es getan hatte, als man sie nach Vermillion zurückgebracht hatte.

»Hier ist ihr Zimmer.« Sorcha erkannte die Stimme und fühlte sich noch besser, als wenn es Merrick gewesen wäre. Es war eine Stimme, die sie in den letzten Monaten schmerzlich vermisst hatte. Ihr Partner vor Kolya, Garil Reeceson, war jetzt ein Sensibler im Ruhestand, alt, vom Leben gezeichnet, aber immer noch einer ihrer besten Freunde. Als Ausbilder in der Abtei hatte er viel zu tun, daher hatte sie Verständnis für seine unregelmäßigen Besuche.

Sie sah ihn, als er ans Fußende ihres Betts trat, aber sein Gesicht hatte sich seit seinem letzten Besuch verändert. Sorcha kannte Garil, kannte seine Stärken, seine Ängste und seine Schwächen. Sie hatte ihn im Schmerz, in Furcht und im Triumph erlebt. Doch diese Miene hatte sie bei ihm noch nie gesehen. Große Schuld lag in seinen Augen, aber sein Mund war zu einem harten, entschlossenen Strich zusammengepresst.

Gerade als sie zu enträtseln versuchte, was das bedeuten mochte, stellte sie fest, dass er nicht allein war. Den Prinzen von Chioma auftauchen zu sehen hätte Sorcha nicht mehr überraschen können, als es jetzt Aachons Erscheinen tat. Er war der Erste Maat der Herrschaft, Raed Rossins Freund, und sie hatte ihn seit dem Kampf im Beinhaus in Vermillion nicht mehr gesehen. Als sie den Jungen Prätendenten in Orinthal getroffen hatte, hatte er beschrieben, wie er Aachon und den größten Teil seiner Mannschaft auf der Herrschaft zurückgelassen hatte. Er hatte geplant, sich später mit ihnen zu treffen, wenn er seine Schwester gefunden hatte. Konnte das bedeuten, dass der Junge Prätendent in der Nähe war?

Sorchas Herz tat einen Satz. Wenn es einen Mann auf der Welt gab, den sie sehen wollte, dann Raed Syndar Rossin, den Jungen Prätendenten. Trotz ihres Zustands hatte sie nicht aufgehört, an ihn zu denken. Oft träumte sie mitten in der Nacht von ihren kurzen Augenblicken der Leidenschaft, stellte sich seine Haut auf ihrer vor, seinen Atem an ihrem Ohr …

Aber wahrscheinlich war es im Moment besser, nicht darüber nachzudenken. Sorcha blickte verzweifelt suchend nach links und rechts, aber der Erste Maat war allein. Obwohl Aachon bisher keine besondere Sympathie für sie gezeigt hatte – womöglich, weil sie seinen Prinzen ständig in Schwierigkeiten brachte –, wirkte auch er jetzt schuldbewusst. Zwei Männer mit demselben Blick, das konnte nichts Gutes verheißen.

Garil? Bei den Knochen, was geht hier vor?

Sie sandte die Frage als letzten verzweifelten Versuch, aber ihre Verbindung war schon lange tot – so zerstört und zerschmettert wie sein Körper, nachdem Straßenschläger über ihn hergefallen waren. Als sie das Blinken eines Messers in seinen Händen auffing, war sie für eine Sekunde erleichtert. Merrick mochte es vielleicht nicht über sich bringen, ihrem Dasein ein Ende zu machen, aber Garil war aus härterem Holz geschnitzt. Sie würde bald selbst die Anderwelt erleben, und obwohl sie Angst hatte, wollte sie nicht in einem Körper existieren, der zu einem Gefängnis geworden war.

Das Messer fuhr herab. Sorcha verspürte keinen Schmerz, nur einen seltsamen Druck. Garil zog das Messer zurück, und es klebte kein Blut daran. Für einen Moment starrten sie drei die Klinge an.

In dieser Stille erinnerte Sorcha sich an den Prinzen von Chioma, teils Mensch, teils Geistherr. In Vorbereitung auf ihren Kampf mit Hatipai hatte er ihr seine Unverwundbarkeit geschenkt. Er hatte gesagt, es würde nur kurzzeitig sein. Das war vor vielen Wochen gewesen. Er musste eine merkwürdige Vorstellung von Kurzzeitigkeit haben.

»Das nenne ich eine beeindruckende Demonstration«, brummte Aachon, nahm das Messer und hielt es hoch, um es im schwachen Licht zu untersuchen.

Die Diakonin konnte sich nicht hochstemmen, um zu sehen, ob das Messer sie verletzt und die Wunde sich dann geschlossen hatte oder ob die Klinge von ihrer Haut abgeprallt war.

»Ein Laienbruder hat letzte Woche bemerkt, dass die Egel beim Aderlass kein Blut von ihr trinken wollten.« Garil steckte sein Messer abrupt zurück ins Futteral. »Jetzt sehe ich, dass sie es gar nicht konnten. Das wahre Problem hat sich gezeigt.«

»Eine unverwundbare Diakonin?«, erwiderte der Erste Maat der Herrschaft. »Ist das kein Grund zum Feiern?«

»Es ist widernatürlich!« Garils Stimme war von solcher Wut und Bitterkeit erfüllt, als hätte er Sorcha nie als Freundin bezeichnet. »Eine solche Vermischung der Kräfte eines Geistherrn und eines Diakons kann nur Schrecken in die Welt bringen und darf nicht fortbestehen.«

Sorcha spürte einen eisigen Klumpen im Magen, aber sie konnte sich nicht bewegen, um Garil zu erklären, was geschehen war. Die Runen, die die Diakone benutzten, waren im Wesentlichen die gleichen wie die der Geister; sie gingen durch Mauern und sahen mit den Augen eines anderen, aber niemand hatte je die größeren Kräfte eines Geistherrn gezähmt. Garil mochte zwar viele Jahre ihr Freund, Vertrauter und Mentor gewesen sein, aber seine Ausbildung als Beschützer des Reichs galt nach wie vor. Für ihn und alle Mitglieder des Ordens hatte sich gezeigt, dass Sorcha etwas anderes war. Etwas Fremdartiges.

»Ihr müsst sie weit von der Mutterabtei fortbringen.« Garil sprach leise und rieb sich die Stirn, als litte er Schmerzen. »Der Pfad ist dunkel, aber es ist ihre einzige Möglichkeit, sich von … dem hier zu befreien.«

»Aber die Laienbrüder müssen es versucht haben.« Aachon beugte sich vor, um Sorcha zu betrachten. »Was lässt Euch vermuten, die Heilung liege jenseits dieser Mauern?«

»Der Orden hat keine Antwort auf diese Frage. Nur wer ihr die Gabe geschenkt hat, kann sie zurücknehmen.« Ihr alter Partner stieß langsam den Atem aus, als zentrierte er sich so gut er konnte. »Irgendwo dort draußen wartet ihr Heiler auf sie.«

»Und deshalb muss ich sie herumtragen, bis eines dieser Geschöpfe auftaucht?« Aachon wirkte über diesen Plan nicht erfreut.

»Da es wunderbar zu Eurem Ziel passt … ja.« Der alte Diakon lächelte schief. »Ich habe etwas, das Euch helfen wird, den zu finden, nach dem Ihr sucht.« Garil griff in seine Tasche und zog einen Stein an einer Kette hervor. Es war ein Wehrstein. Er ließ die ungewöhnliche, blau-weiß wirbelnde Kugel über Sorchas Brust kreisen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie der Gegenstand sich drehte, dann aber unvermittelt Richtung Westen strebte wie ein eifriger Hund, der sein Herrchen witterte.

Aachon streckte die Hand aus, und Garil legte den Wehrstein hinein. Der Erste Maat schloss die Finger darum und zog eine buschige Braue hoch. »Eine weitere beeindruckende Darbietung, alter Mann. Ihr habt Euer Händchen dafür nicht verloren.«

»Der Wehrstein macht sich die Verbindung zwischen Sorcha und Eurem Prinzen zunutze. Er sollte Euch direkt zu ihm führen.« Der betagte Diakon neigte den Kopf. »Und versucht bitte nicht zu verändern, was ich mit dem Stein gemacht habe. Ich erinnere mich, dass Ihr nicht zuletzt deshalb aus dem Orden ausgeschlossen wurdet. Jetzt könnt Ihr eine echte Verwendung für Eure Fähigkeiten finden.«

»Dieser Versuchung werde ich widerstehen.« Der Erste Maat legte einen rauen, braunen Mantel über Sorcha. »Wenn sie mich zu ihm führen kann, wird alles gut.«

Der Diakon packte Aachons Hand und fixierte ihn mit einem Blick, der Eisen hätte schmelzen können. »Nehmt Euch in Acht, alter Freund. Ihr werdet Euch in Gefahr begeben – in größere Gefahr, als Ihr sie je erlebt habt.«

Aachon legte Garil die Hand auf den Arm; eine überraschend sanfte Geste. »Was habt Ihr in der Zukunft gesehen?«

Der ältere Mann sah auf Sorcha hinab. »Blut und Schatten, Aachon. So viel Chaos und so viele Entscheidungen, dass ich kaum ausmachen kann, was kommt.« Er berührte sie am Kopf, und sie wünschte, sie könnte es spüren.

Schick mich nicht fort, Garil. Nicht ohne Merrick. Hol Merrick!

Ihr alter Partner konnte ihr nicht in die Augen sehen, und Sorcha begriff plötzlich, dass er drauf und dran war, sie in ein Meer von Möglichkeiten zu werfen.

Dann geriet sie in Panik.

Merrick! Merrick, kommt zurück!

Er konnte sie natürlich nicht hören, aber sie hoffte, dass er, wo er auch sein mochte, in der Nähe war und ihre Bedrängnis spürte. Alles war falsch. Garil war nicht nur ihr Partner gewesen, sondern auch ihr Mentor und Freund. Wie konnte er sie in ihrem Zustand in die Welt hinausschicken? Vielleicht war all dies Teil einer Wahnvorstellung, und sie lag immer noch hilflos da und starrte an die Decke?

Keiner der Männer nahm Notiz von ihren großen, starrenden Augen; Sorchas alter Partner gab sich sogar größte Mühe, sie nicht zu genau anzusehen. Stattdessen überreichte er Aachon eine Schriftrolle. Als der Erste Maat sie öffnete, kam das Siegel des Presbyters der Sensiblen zum Vorschein, ein dicker Wachsklecks mit gedrehten Bändern. Er betrachtete es für einen Moment. »Garil«, sagte er kopfschüttelnd, »das ist ein ungeheures Risiko für Euch.«

Garil seufzte. »Ihr denkt, ich hätte das Siegel dafür gestohlen? Nein, alter Freund, Presbyter Yvril Mournling hat diesen Text tatsächlich unterschrieben und autorisiert. Ihr werdet die Luftschiffe zu Eurer vollen Verfügung haben. Ich empfehle die Herbstadler und glaube, sie liegt im Moment im Hafen. Kapitän Lepzig ist ein guter Mann, der weiß, welchen Wert es hat, nicht zu viele Fragen zu stellen, wenn er im Auftrag des Ordens unterwegs ist.«

Sorcha stutzte für einen Moment. Aktive Diakone flüsterten manchmal über die Sensiblen, sie würden Dinge zurückhalten und ihre eigenen Pläne verfolgen. Sie hatte das immer für hirnloses Geschwätz gelangweilter Novizen gehalten. Doch der Ausdruck in den Augen ihres ehemaligen Partners war düster und tief. Warum sollte Mournling so etwas tun – und vor allem für diejenigen, auf die der Kaiser selbst einen Preis ausgesetzt hatte?

Aachon nickte. »Er ist also einverstanden. Schön, ich werde die Herbstadler anfordern.«

Während sie innerlich schrie und sich wehrte, beugte Garil sich vor, hob ihre Handschuhe auf und legte sie ihr auf die Brust. »Es ist ein Segen, dass die Feuer in ihr so weit heruntergebrannt sind.« Es war gefährlich, die Talismane eines anderen zu berühren, solange er noch am Leben war, selbst für einen verbundenen Partner. Die dicken Lederhandschuhe mit ihren schrecklichen Runen waren jetzt nicht gefährlicher als jeder andere Schmuck für Damen, den man auf einem Markt finden konnte. Während ihr alter Partner aus seinem vernarbten und zerschundenen Gesicht auf sie herabsah, gab Aachon ein Zeichen, und zwei in Kapuzenumhänge gewandete Gestalten betraten den Raum, wickelten Sorcha in eine Decke und hoben sie mit vereinten Kräften vom Bett.

Der logische Teil ihres Gehirns, der wundersamerweise noch funktionierte, fragte sich, wie sie eine Diakonin aus der Mutterabtei schmuggeln wollten. Am Ende stellte es sich als bemerkenswert einfach heraus.

Sie hatte wirklich fast all ihre Kräfte verloren. Außerstande, ihren Sensiblen zu erreichen, und an der Schwelle zwischen Leben und Tod, wirkte sie wie ein normaler Patient. Als sie sich dem Tor näherten, sah sie aus dem Augenwinkel, wie der diensthabende Sensible mit einem Wachmann von den Laienbrüdern redete und lachte. Ein kleiner Menschenstrom verließ die Mutterabtei: Händler, die gekommen waren, um Geschäfte mit dem Küchenpersonal zu machen; Arbeiter und Handwerker, die in ihre Häuser jenseits der Kaiserlichen Insel zurückkehrten; viele Familienmitglieder, die ihre Angehörigen aus dem Hospital abholten.

Aachon und seine kleine Matrosenschar, begleitet von einem alten Diakon, fügten sich nahtlos ein. Nichts im Äther verriet, dass sie eine Aktive Diakonin unter der Nase ihrer Landsleute aus der Abtei brachten.

Haltet sie auf! Ich bin hier drin … holt Merrick!

Ihr Geschrei hallte nur im eigenen Kopf wider. Der Sensible sah nicht einmal auf, als sie an ihm vorbeikamen, und das Tor zur Abtei wurde hinter ihnen fest verschlossen.

»So habe ich mir das nicht vorgestellt«, murmelte Aachon in ihre Richtung. »Auch wenn es Euch nichts bedeuten mag: Es tut mir leid, Sorcha.«

Es spielte keine Rolle. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Sorcha vom Orden abgeschnitten und wirklich allein.

Kapitel 3

Seltene Gefühle

Großherzogin Zofiya gefiel der Umgang nicht, den ihr Bruder pflegte. Kein bisschen.

Sie presste das Auge ans Guckloch und beobachtete den dunklen Gang so scharf wie eine Eule, die auf eine Maus wartet. Nur dass sie diesen Mann für weit gefährlicher hielt als eine Maus. Die Breite seiner Schultern deutete eher auf einen Raufbold als auf einen Dandy hin, während seine großen Schritte von einem Mann zeugten, der eine Mission hatte. Zofiya spürte noch etwas an ihm, etwas, das ihr gut bekannt war: Gefahr.

Seit die Schwester des Kaisers ihren Glauben verloren hatte, versuchte sie bewusst, sich von Aberglauben in jeder Form fernzuhalten. Nachdem ihre Göttin in einer gewaltsamen öffentlichen Zurschaustellung, die sie beinahe getötet hätte, als Betrügerin entlarvt worden war, hatte Zofiya beschlossen, ein neuer Pfad sei das Beste. Zusammengekauert auf dem Kaiserlichen Luftschiff, der Sommerhabicht, hatte sie sich gelobt, von nun an nur noch ihren Augen zu trauen. Doch diesen Neuankömmling am Kaiserlichen Hof, der in den vergangenen Wochen immer mehr Zeit in den Privatgemächern ihres Bruders verbracht hatte, umgab eine Aura von Bedrohung, für die sie kein treffendes Attribut fand. Das Einzige, woran sie sich halten konnte, war ein tief verwurzeltes Unbehagen.

Lord Vancy del Rue wurde seinem etwas merkwürdigen Namen nicht gerecht. Er war groß, und Haar und Bart waren grau, doch sein Gesicht wirkte sehr jung. Seine hauchdünnen Kalbslederhandschuhe zog er nie aus, nicht einmal in der Hitze des Palasts. Er war der neue Botschafter von Ensomn, obwohl er nicht so aussah, als stammte er aus diesem westlichen Fürstentum. Zofiya hatte nie persönlich mit ihm gesprochen, aber er hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.

Ein leises Klopfen an der Tür bedeutete ein Ende ihrer heimlichen und äußerst frustrierenden Beobachtungen. Sie trat von der Stufe vor dem Guckloch herunter, verließ schnell den Schrank, setzte die falsche Rückwand an ihren Platz zurück und ließ sich wieder in ihrem Sessel nieder. Ihr Kabinett war ein privater und intimer Raum, in den sie nur Menschen einließ, denen sie vertraute; daher sah er nur sehr wenige Besucher.

Auf ihren Befehl hin trat Diakon Merrick Chambers ein und begrüßte sie mit einer sehr korrekten, gut ausgeführten Verbeugung. Zofiya konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Der Diakon hatte einfach diese Wirkung auf sie. Sie würde es jedoch niemandem – erst recht nicht ihm – erzählen. Als er den dunklen Kopf hob, war es ihr gelungen, eine ausdruckslose Miene aufzusetzen.

»Eure Kaiserliche Hoheit.« Merrick mochte über seine anfängliche Nervosität in ihrer Gegenwart hinweggekommen sein, aber sie konnte ihm nicht abgewöhnen, sie unter vier Augen so förmlich anzusprechen. Sie hatte beschlossen, das als eine liebenswerte Eigenschaft zu betrachten. »Ihr habt mich gerufen?«

Sie hatte eine ganze Reihe von Gründen gefunden, um Diakon Chambers in den Monaten seit ihrer Flucht aus Chioma zu sich zu rufen. Zuerst waren es echte Gründe gewesen, die seine Mutter betroffen hatten, die den Erben jenes Fürstentums in den Mauern des Kaiserlichen Palasts zur Welt gebracht hatte. Aber nachdem klar geworden war, dass der Kaiser eine unmittelbare Rückkehr des neuen kleinen Prinzen, um den Thron von Chioma in Anspruch zu nehmen, nicht unterstützen würde, hatte sie andere Ausreden gefunden, um den jungen Diakon aus der Mutterabtei zu holen. Sie hatte Angst, dass der Hofklatsch unerträglich werden und ihr Bruder ihr vielleicht Fragen stellen würde – oder dass gar Merrick selbst etwas bemerken könnte. Dennoch ließ sie nicht locker.

»Ich brauche Eure Hilfe, Merrick.«

Die braunen Augen des Diakons weiteten sich, und ein Ausdruck vager Verwirrung glitt über seine Züge. Zofiya wünschte, sie wäre nicht so dumm gewesen, ihn beim Vornamen anzureden, als seien sie Freunde oder noch intimer bekannt. »Geht es um meinen Bruder?«, platzte er heraus.

Er machte sich immer größte Sorgen um Lyons Zukunft, aber vielleicht begann er die Absichten ihres Bruders zu erraten. Sie wollte Merrick nicht enttäuschen, indem sie ihm erzählte, dass der Kaiser nicht die Absicht hatte, einen weiteren Prinzen von Chioma hochkommen zu lassen. Frisch verheiratet hoffte er auf einen eigenen Sohn, den er sofort zum Herrscher über dieses Reich machen würde. Im Grunde genommen war die Schein-Unabhängigkeit des Südens erledigt.

Zofiya tat ihr Bestes, ihre Gefühle zu verbergen, während sie ihre Röcke ordnete. Vielleicht war der Flitter einer Frau doch zu etwas nutze. »Nein«, sagte sie und strich mit einer Hand die Spitze glatt. »Es geht um etwas völlig anderes.«

»Ich stehe Euch zu Diensten, Kaiserliche Hoheit.« Er hielt inne und tat einen vorsichtigen Atemzug, bevor er fortfuhr: »Vorausgesetzt, es verstößt nicht gegen meine Gelübde als Diakon.«

»Natürlich.« Sie stand auf, legte ihm die Hand kühn unter den Ellbogen und zog ihn zum Fenster hinüber. Ein kleines Teeservice aus Emaille war bereits nach ihren Anweisungen gedeckt worden. Die Isolierkanne hatte den Tee genau auf der richtigen Temperatur gehalten, und als die Großherzogin sich setzte, roch sie die Äpfel von Delmaire – ein Duft, der schöne und schmerzliche Erinnerungen an ihren Geburtsort weckte. »Bitte setzt Euch zu mir, Diakon Chambers. Ich lasse diesen Tee aus der Hauptstadt meines Vaters bringen, und es ist mir ein Vergnügen, ihn mit jemandem zu teilen, von dem ich weiß, dass er nicht auf Vorteile aus ist.«

Nach kurzem Zögern schlug Merrick seinen Umhang zurück und nahm ihr gegenüber Platz. Sein leicht verzogener Mund ließ ihn so glücklich aussehen wie eine ins Wasser getauchte Katze. Er unternahm einen höflichen Versuch, das zu verbergen, war aber nicht sehr gut darin, zumindest in den Augen der Großherzogin.

Zu seinem Pech bemerkte Zofiya solche Dinge sofort. Eine Kindheit inmitten von Intrigen und Adligen, die sich einschmeicheln wollten, hatte sie das eine oder andere gelehrt. Da er nicht zu wissen schien, wo er beginnen sollte, übernahm sie das für ihn.

»Ich weiß, dass ihr Sensiblen Dinge seht, die andere nicht sehen«, sagte sie, während sie den Tee einschenkte und ihm die zarte Tasse hinschob, »und ich brauche einen solchen Menschen. Ich brauche ihn sehr dringend.«

»Der Orden ist immer bereit, die Anforderungen des Kaisers und seiner Familie zu erfüllen. Der Sensible Diakon, der Eurem Bruder zugeteilt ist, Lolish, ist sehr gut, aber wenn Ihr mit ihm nicht glücklich seid, könntet Ihr sicher jemanden von der Mutterabtei anfordern, der …«

Er blieb seiner Arbeit so verbunden, wie sie es in Erinnerung hatte, aber Zofiya musste ihn bremsen, bevor er eine vollkommen falsche Vorstellung bekam. »Das ist wahr. Aber etwas Derartiges würde bei Hofe bemerkt werden, und ich wünsche, dass es nicht bemerkt wird.« Sie bedachte ihn mit einem harten Blick. »Habt Ihr von Lord Vancy del Rue gehört?«

Nach einem schnellen Schluck Tee schüttelte Merrick den Kopf. »Ihr müsst verzeihen – ich kenne mich mit dem Kommen und Gehen im Palast Eures Bruders nicht gut aus. Diakone halten sich normalerweise von Politik fern.«

»Gewiss eine weise Entscheidung.« Zofiya rührte mit einem kleinen Messinglöffel in ihrem Getränk und überlegte, wie viel sie diesem Diakon erzählen sollte. Es war sehr lange her, dass sie jemandem ihre Gedanken anvertraut hatte. Nicht einmal Kaleva, ihr Bruder und Kaiser, kannte jede Sorge und jede dunkle Überlegung, die ihr durch den Kopf ging, und mit den Geliebten, die sie sich am Kaiserlichen Hof genommen hatte, hatte sie nichts Gehaltvolleres ausgetauscht als ein Stöhnen oder ein Seufzen.

Doch als sie nun über den Tisch zu dem jungen Diakon schaute, fühlte sie sich daran erinnert, wie gut er die geheime Schande der Ereignisse in Chioma für sich behalten hatte. Die Aufstände in dem fernen Fürstentum wurden allgemein nur als weiterer Ausbruch von Bürgerunruhen betrachtet. Sie hatte keine Gerüchte gehört, dass jemand den Verdacht hegte, die Göttin Hatipai sei in Wirklichkeit eine Geistherrin gewesen. Wer von ihren Anhängern in den Wüstentempel gegangen war, hatte den Ruf vernommen und sogar einige Dinge gesehen, war ihr aber nicht nahe genug gewesen, um die wahre Natur der Göttin zu erkennen. Zofiya wurde klar, dass sie in jeder Hinsicht mehr Glück gehabt hatten als sie.

Nur der Junge Prätendent Raed, dessen Verbleib unbekannt war, die in tiefe Bewusstlosigkeit gefallene Diakonin Faris und ihr Partner, der ihr gerade gegenübersaß, kannten die Wahrheit. Während sie darüber nachsann, schob Merrick seine Tasse zurück und heftete den Blick seiner ruhigen, braunen Augen mit einer Eindringlichkeit auf ihr Gesicht, die sie sonst nur bei den vollkommensten Kriegern gesehen hatte. »Ihr seid in Eurer Fürsorge für meine Mutter und meinen Bruder gütig und großzügig gewesen, Kaiserliche Hoheit. Ihr habt Euer Bestes getan, damit ihr Anspruch auf das chiomesische Fürstentum nicht vergessen wird, und vor allem wart Ihr darauf bedacht, an diese Güte nicht als eine Art Schuld zu gemahnen. Ich würde Euch daher selbst dann auf jede erdenkliche Art helfen wollen, wenn ich kein Diakon wäre.«

Etwas an der ehrlichen Art seiner kleinen Ansprache trieb ihr das Blut in die Wangen. Glücklicherweise war sie kein blasses Mädel, bei dem man so etwas als Erröten bezeichnen könnte. »Ich wurde in einen ränkeschmiedenden Hof hineingeboren, Diakon Chambers. Ich habe schon Schurken und Verräter gekannt, bevor ich laufen konnte, und doch verunsichert mich dieser Lord del Rue auf eine Weise, wie keiner von ihnen das je getan hat.« Sie schob ihre leere Tasse auf dem Unterteller hin und her. »Er wird häufig zur Audienz bei meinem Bruder vorgelassen, aber unter vier Augen. Ich bin ihm vorgestellt worden, da er mit dem übrigen Hof speist und tanzt, und er ist der Inbegriff eines wohlerzogenen, respektvollen Höflings, und doch rebelliert hier etwas« – sie legte eine Hand auf ihren Bauch – »gegen seine Nähe. Jedes Mal fühle ich mich krank, und oft bilde ich mir ein, dass er einen Geruch an sich hat – wie etwas Verfaultes. Ich muss gestehen, dass ich seinetwegen mehrmals krank gewesen bin.«

Es war ein peinliches Eingeständnis, aber Merrick richtete sich höher in seinem Stuhl auf, und sie bemerkte, wie seine Hand zu dem Leder an seinem Gürtel ging, zu dem Riemen, der der Fokus der Macht eines Sensiblen Diakons war. Die Falte zwischen seinen Brauen war tief und ließ ihn viel älter erscheinen, und er presste die Lippen zusammen. Als er schließlich aufsah, musterte er sie so eindringlich, dass sie sich wie ein Insekt unter der Lupe fühlte. »Es könnte sein«, meinte er schließlich, »dass Eure Nähe zur Geistherrin Hatipai ein Bewusstsein in Euch geweckt hat, das bisher verborgen war.«

Zofiya konnte die Worte nicht aufhalten. »Ihr denkt, ich bin eine Art Sensible?«

Merrick wurde plötzlich kühn, nahm ihre Hand und zeichnete ein Muster hinein. Sie ließ ihn gewähren, denn seine Hand war warm, und sie sehnte sich nach seiner Berührung. »Nein.« Er lehnte sich zurück und legte die Hand der Großherzogin wieder auf den Tisch. »Da ist ein Schimmer, doch für eine Ausbildung zur Diakonin reicht er nicht. Aber Euer inneres Auge wurde anscheinend für gewisse Dinge geöffnet.« Er lächelte beruhigend. »In Eurer Position, Kaiserliche Hoheit, könnte sich das als recht nützlich erweisen.«

»Nun, es ist recht unangenehm, mich während eines Staatsbanketts entschuldigen und davoneilen zu müssen, um mich zu übergeben. Auf diese Weise entstehen Gerüchte.«

Diesmal errötete der Diakon. »Ich werde versuchen, eine Möglichkeit zu finden, zufällig Eurem Lord del Rue zu begegnen und zu sehen, ob mehr hinter diesen Gefühlen steckt. Vielleicht war er nur einmal Ziel eines Angriffs der Unlebenden. So etwas hinterlässt Narben.« Er stand auf. »Wenn Ihr es einrichten könntet, dass ich mich morgen unter die Höflinge mische, kann ich Euch sicher beruhigen.«

Sie schaute zu ihm auf und lächelte. »Ich sage dem Seneschall, dass Ihr als zusätzlicher Sicherheitsposten amtiert, wenn Prinz Gyor aus dem Westen eintrifft. Der Kaiser gibt einen Staatsball für ihn. Das sollte Euch Gelegenheit bieten, einen Blick auf del Rue zu werfen.«

Der Diakon verbeugte sich. »Dann bis morgen.« Als er schon gehen wollte, fand Zofiya eine weitere Möglichkeit, seinen Besuch in die Länge zu ziehen. »Wie steht es um Eure Partnerin?«

Merrick wandte den Blick ab. »Nicht besser und nicht schlechter, Kaiserliche Hoheit. Niemand konnte ihre tiefe Bewusstlosigkeit durchdringen, selbst ich nicht. Alles, was ich fühlen kann, sind ihre Enttäuschung und Wut. Die Presbyter sind kurz davor, mir einen neuen Partner zuzuweisen, und ich kann sie nur für begrenzte Zeit hinhalten.«

Zofiya verspürte angesichts seiner Sorge einen Stich der Eifersucht. Sie wusste, dass die Verbindung zwischen Aktivem und Sensiblem stark war, aber Diakonin Faris war eine Frau. Dennoch konnte sie ihren Unmut verbergen. »Es tut mir leid, das zu hören. Ihr geht vermutlich zurück, um Wache zu sitzen?«

Er schüttelte den Kopf. »Das habe ich nach unserer Rückkehr aus Chioma getan, aber nach zwei Wochen haben sich ihre Gefühle so stark mit meinen vermischt, dass ich nicht mehr schlafen konnte.«

»Das hat sie sicher nicht absichtlich getan«, murmelte Zofiya. »Dann halte ich morgen bei Hof nach Euch Ausschau.«

Kaum hatte er sich abermals verbeugt und sich zurückgezogen, konnte sie über die Unbesonnenheit ihrer Taten nachdenken. Sie war es gewohnt, mit Blut und Körper Risiken einzugehen, aber sie fragte sich, ob der junge und gut aussehende Diakon Merrick Chambers nicht ein Risiko vollkommen neuer und noch gefährlicherer Art war. Doch was war das Leben ohne Risiken?

Kapitel 4

Schattenwächter

Als er im Schatten der Mauern kauerte und über den See zur Festung von Phia hinüberschaute, hörte Raed das Knurren seiner Bürde.

Sie ist da drin. Die Verräterin. Das Ungeziefer.

»Sie ist meine Schwester«, erwiderte er leise, »vergiss das nicht.« Er war sich vollauf bewusst, wie schlecht es aussehen würde, wenn man ihn auf der Straße in Selbstgespräche versunken fand. Einen weiteren Zwischenfall wie den gestern mit dem Kopfgeldjäger durfte er nicht riskieren.

Auf der Suche nach seiner Schwester, weit von Freunden und Familie entfernt, hatte er sich auf den Rossin verlassen müssen, aber das hieß nicht, dass es ihm gefiel. Seit Fraine und ihre Mitarbeiterin Tangyre Greene in allen Fürstentümern Rebellionen anzettelten, hatte der Kaiser den Preis auf Raeds Kopf erhöht. Es war alles sehr viel schwieriger geworden, und ohne seine Mannschaft fühlte er sich so verwundbar wie eine Schildkröte ohne ihren Panzer. Kopfgeldjäger tauchten plötzlich von allen Seiten auf.

Deshalb hatte er sich an den Rossin gewandt. Irgendwo in den feuchten Dschungeln des Westens hatte er alle Hoffnung verloren und war auf die eine Hilfe verfallen, die er noch hatte. Es war ein Risiko gewesen, den Geistherrn einzuladen, die oberen Teile seines Bewusstseins zu bewohnen, aber nur das hatte der Rossin als Gegenleistung für seine Hilfe akzeptiert. So sehr es den Jungen Thronprätendenten quälte, war ihm doch klar, dass er tags zuvor ohne die Warnung der grausamen Kreatur auf der Straße gestorben wäre. Noch vor Monaten wäre ihm die Vorstellung, mit dem Wesen zu feilschen, das er jahrzehntelang verabscheut hatte, lächerlich erschienen. Jetzt war es grimmige Realität.

Die Stadt hinter ihm war still. Der Kopfgeldjäger war schnell gestorben, aber viele Bürger hatten die riesige, geschmeidige Gestalt des Rossin auf den Dächern gesehen. Falls Fraine es nicht schon gewusst hatte, würde sie bald hören, dass ihr Bruder in der Nähe war. Was sie mit dieser Information anfangen würde, war ein Rätsel. Unbehaglicherweise kannte er seine Schwester nicht besonders gut. Nie hätte er zum Beispiel vermutet, dass sie einen solchen Hass auf ihn hegte und dazu fähig war, Mitglieder seiner Mannschaft kaltblütig zu ermorden.

Wie Snook mit aufgeschlitzter Kehle und in den Sand von Chioma geflossenem Blut dagelegen hatte, verfolgte ihn immer noch in seinen Träumen.

Narr. Denk nicht an die Vergangenheit. Denk an das, was du tun musst.

Die Stimme des Rossin war wieder verführerisch; wie Samt strich sie ihm über die Sinne und erinnerte ihn daran, wie gut es war, stark und mächtig zu sein. Es war eine tägliche Willensanstrengung, dem Geistherrn nicht einfach nachzugeben. Das durfte er noch nicht – nicht wenn Fraine drohte, das Reich in die Knie zu zwingen.

Sollte Fraine eine Revolution anzetteln können, würden Tausende von Menschen in Bürgerkriege und regionale Kämpfe verstrickt werden, während alte Fehden und Rivalitäten sich mit dem Untergang der Kaiserlichen Kontrolle Bahn brächen. Es würde Generationen dauern, bis der Kontinent wieder Frieden fände; sie würden alle in eine weitere Zeit der Dunkelheit geworfen werden – wie damals, als der Anderwelt der Durchbruch in die Welt der Lebenden gelungen war. Es hatten sich zwar nur wenige schriftliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit erhalten, doch Geschichten und dunkle Legenden waren von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben worden. In Arkaym wäre beinahe das Licht verloschen. Seine Familie hatte diese Flamme neu entfacht. Raed würde nicht zulassen, dass ebendiese Familie sie jetzt endgültig ausblies.

Zuerst musste er zu Fraine in die Festung gelangen. Die herrschende Familie von Ensomn, die Shin, waren berühmt für ihren Verfolgungswahn, ihre Schläue und ihren Ehrgeiz. Ihre Schattenwächter sollten in vierhundertdreißig Arten des lautlosen Tötens ausgebildet sein, und ihre Häuser waren angeblich Labyrinthe voll tödlicher Fallen. All dies hatte dazu beigetragen, dass die Shin für Hunderte von Jahren die Monarchen dieses Fürstentums geblieben waren.

Sie waren außerdem wohlbekannt für ihren Hass auf den Kaiser, der an der Ostküste des Kontinents lebte und ihnen ihrer Meinung nach viel zu hohe Steuern abverlangte. Niemand mochte Steuern, obwohl sie die Straßen sicher hielten und den Ausbruch von Kleinkriegen verhinderten. Provinzen fern vom hellen Herzen des Reichs sahen die Kaiserlichen Luftschiffe oder die Kaisergarde nur selten und neigten darum dazu, ihre Existenz zu vergessen.

»Dann hast du mir nichts zu bieten?«, flüsterte Raed, während er näher an den Fluss glitt. »Keine großgeistherrlichen Erkenntnisse über die Shin?«

Die Bosheit, die ihn überflutete, ließ seinen Kiefer schmerzhaft verkrampfen. Seit Generationen in deiner Blutlinie gefangen, weiß ich nur wenig von den kleinlichen Taten der Menschen. Ich weiß nur, wie ihr Blut schmeckt.

Also konnte er sich nur auf das verlassen, was man ihm über die Shin beigebracht hatte, und ein Grundriss ihrer Festung gehörte nicht dazu. Glücklicherweise gab es hier immer noch einige Menschen, die der Familie Rossin treu ergeben waren. Nicht jeder war über die Entscheidung der Prinzenversammlung erfreut gewesen, einen fremden Prinzen zu holen, der als Kaiser die Macht übernahm; einige erinnerten sich noch der »guten alten Tage«, als Raeds Großvater geherrscht hatte, und hielten daran fest. So hatte er es geschafft, jemanden in der Stadt zu finden, der bereit war, ihm die grundlegenden Informationen darüber zu geben, was er in der Festung vorfinden würde.

Aus denselben Gründen hatte seine Schwester den Weg hierher gefunden. Zu Zeiten ihres Großvaters hatten die Shin eine viel größere Freiheit bei der Herrschaft über ihr Königreich genossen. Sie erinnerte sie zweifellos daran. Jede Minute, die man sie mit ihnen verhandeln ließ, war ein weiterer Schritt Richtung Bürgerkrieg. Es sei denn, er konnte ihn verhindern.

Der Kaiser auf seinem warmen Thron in Vermillion würde nie erfahren, dass er seinem Rivalen so viel schuldete. Doch vielleicht würde Sorcha davon hören.

Raed zog scharf die Luft ein und dachte an den letzten Anblick der Diakonin. Sie hatte in Merricks Armen gehangen wie eine weggeworfene Puppe. Der Junge Prätendent fragte sich jeden Tag, ob der Sensible sein Versprechen gehalten hatte, Sorcha zu retten. Gäbe es nur Götter, zu denen er ehrlich dafür beten könnte!

Schwacher Sterblicher. Der Rossin knurrte. In einem solchen Moment denkst du an sie?

Ausnahmsweise einmal hatte die Kreatur recht. Er musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, nicht auf das, was nie sein konnte.

Es war warm, und der Himmel über ihm war klar, keine Wolken verbargen die Schönheit der hell leuchtenden Sterne. Bevor ihn der Mut verließ, streifte Raed schnell Kleider und Stiefel ab und stopfte sie in einen Seesack aus Öltuch. Der Sack enthielt bereits die Karten, die er sich in der vergangenen Nacht beschafft hatte, ferner sein Schwert und seine Pistolen. In so einem Sack hielten Seeleute ihre Habe trocken, während sie auf Deck waren. Raed hatte sich einmal zu oft nackt in der Wildnis wiedergefunden und wollte in der Festung nicht so verwundbar sein.

»Ich bin bereit«, flüsterte er mehr zu sich als zum Rossin, hockte kurz nackt am Wasserrand und zog die gewachste Kordel stramm, die den Sack verschloss. »Du erinnerst dich an die Abmachung?«, fragte er den Geistherrn möglichst selbstbewusst. Raed wusste, dass es nutzlos war, seine wahren Gefühle vor der Bestie zu verbergen, aber es ging ihm dadurch besser.

Ich fliege. Du brichst ein. Ich fresse.

»Zuerst suchen wir meine Schwester – dann frisst du.«

Es sei denn, wir werden entdeckt.

Es hätte unmöglich sein sollen, dass ein anderes Bewusstsein in seinem Kopf so gerissen klang, aber der Rossin tat es. Raed wurde allmählich klar, dass seine lebenslange Einschätzung des Geistherrn als blutgierige Bestie ein Irrtum gewesen war. Es war bequem, den Geistherrn als ein Tier zu betrachten, aber sie waren jetzt enger miteinander verbunden denn je, und Raed erhaschte Blicke auf etwas anderes: auf eine ungeheure Geduld und auf eine ängstliche Freude, dass alles verwirklicht wurde. Was dies jedoch genau bedeuten könnte, war noch immer in Dunkel gehüllt. Nicht zum ersten Mal fragte Raed sich, was die Bestie gewonnen hatte, indem sie sich mit der Blutlinie von Raeds Vorfahren, dem ersten Kaiser-Diakon, verbündet hatte.

»Nur wenn wir entdeckt werden«, sagte Raed, während er aufgerichtet am Rand des Sees stand. »Dann darfst du loslegen und sehen, wie die Würfel rollen. Aber wenn du unsere Abmachung brichst, heißt es für dich: Zurück in die Tiefen. Und ich werde dich nie wieder herausrufen. Wie wir es vereinbart haben.« Etwas an dem Pakt, den sie geschlossen hatten, band dieses Geschöpf des Todes und des Chaos. Raed würde nicht hinterfragen, wie es funktionierte, aber vielleicht wusste ein Diakon mehr darüber als er.

Früher war der Junge Prätendent, wann immer der Geistherr die Kontrolle übernommen hatte, stets von ihm beherrscht worden. Er war nach dem Toben des Rossin mit nur bruchstückhaften Erinnerungen, dem Geschmack von Blut im Mund und schrecklichen Schuldgefühlen erwacht. Da er die Bestie jedoch in sein Bewusstsein gezogen hatte, verfügten sie nun über eine gemeinsame Wahrnehmung. Das war Raeds Ansicht nach ein fairer Preis für die Hilfe des Rossin. Wie viel Kontrolle er in diesem Zustand über seinen Passagier hatte, hatte er nie ausprobiert. Er wusste, dass er es früher oder später würde tun müssen.

Schmerz. Das war eine weitere Veränderung. Er verspürte einen tieferen Schmerz, als der Rossin sein Fleisch dehnte und verzog, um seine eigene Gestalt zu bilden. Knochen knackten und wurden neu geschaffen. Jeder Nerv und jede Sehne wurde durchtrennt und vom Willen des Geistherrn verdreht. Er wollte schreien, um einem Teil der Qual Luft zu machen, doch nicht einmal die Kehle wollte ihm mehr gehorchen. Er konnte sich nirgendwo vor dem Schmerz verstecken.

Der Rossin hatte Gestalt angenommen und knurrte vor Hunger. Sein Kopf war der eines großen Adlers, während sein Körper katzenhaft und gewaltig blieb. Ein langes, gefiedertes Flügelpaar schlug zornig in der Luft. Der Schnabel war gebogen und bösartig und konnte menschliches Fleisch so leicht zerlegen wie die Zähne seiner anderen Gestalten. Der Rossin war schön und tödlich. Prachtvoll – wenn man jemand anderer war als der Junge Prätendent. Er wurde wie ein unfreiwilliger Reiter auf einem durchgegangenen Pferd mitgetragen.

Nachdem die Bestie den Seesack mit dem Schnabel gepackt hatte, schwang sie sich in die Luft. Zu fliegen, davon träumten viele Menschen: emporgetragen werden, die Welt unter sich zurücklassen und die höchste Freiheit berühren. Als der Rossin die Flügel ausbreitete, verspürte Raed ein Glücksgefühl, versuchte aber, es zu unterdrücken. Freude an etwas zu finden, das der Geistherr tat, war falsch.

Sorcha hatte in seinen Armen von dem wilden Rausch der Macht gesprochen, den ein Diakon verspürte, wenn er die Handschuhe benutzte, und wie sie dagegen ankämpfen musste; dass es ein ständiges Ringen und eine tödliche Versuchung sei. Jetzt verstand er, was sie gemeint hatte.

Diakone sollten getötet werden, nicht geliebt. Sie sind Lügner und Manipulateure. Wir sollten sie alle umbringen.

Der Rossin verabscheute die Diakone natürlich; er hasste nicht nur den ersten, der mit dem Geistherrn Handel getrieben hatte, sondern auch Sorcha, die ihm mit der Verbindung Kontrollen auferlegt hatte. Die Bestie mochte jedwede Beschränkung überhaupt nicht.

Raed wollte noch etwas länger an Sorcha denken, aber er wagte es nicht. Der Geistherr hasste sie so sehr, und sie war eine Komplikation in seinem bereits zerstörten Leben. Er rechnete nicht damit, sie wiederzusehen. Er rechnete nicht damit, noch lange zu leben.

Die Luft oben in den Wolken war kalt, aber die Hitze des Rossin war größer. Vögel stoben vor der großen Gestalt davon wie in den Himmel geworfene Kieselsteine. Die Natur spürte die Unlebenden seit eh und je sehr viel besser als die Menschen.

Es war nicht weit bis zur Festung der Shin, aber der Rossin kreiste darüber und achtete darauf, tief zu fliegen und sich von der Sichel des zunehmenden Mondes fernzuhalten. Es war eine gute Nacht für dunkle Taten. Die Schwingen, die die Flügel des Rossin säumten, waren wie Eulenfedern, weich und still. Das Geschöpf war in all seinen Formen ein Raubtier. Es hatte auch scharfe Augen. Es konnte Details der Festung und ihrer Verteidigungsanlagen erkennen; eine Ansammlung niedriger, gewölbter Dächer bekrönte die Türme, die scharf in die Wolken ragten. Alles in allem ein wenig einladender Anblick.

Als der Rossin drehte und sich in die Kurve legte, konnte er eine Hand voll menschlicher Gestalten ausmachen, die über das gewölbte Dach gingen. Sie rochen nach Stahl und Schießpulver, aber jetzt waren sie Futter für den Geistherrn. Der Rossin faltete die Flügel zusammen, ließ sich vom dunklen Himmel fallen und zielte auf einen Wachposten, der an seiner Lanze lehnte, auf die Stadt hinabschaute und sein Ende nicht kommen sah. Der Rossin warf ihn zu Boden, schlang die Flügel um den Wächter und stieß ihm den Schnabel in die ungeschützte Kehle. Raed spürte den Geschmack von Blut im Mund, dickflüssig, intensiv und erschreckend befriedigend. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass er ihn genoss.

Der Geistherr labte sich an Fleisch, Blut und Knochen, bis er gesättigt war. Da er erst vor wenigen Tagen den Kopfgeldjäger verschlungen hatte, brauchte er nicht lange. Als der Geistherr den letzten Rest Blut einsog, übernahm Raed wieder die Kontrolle. Nun, da ihr Hunger gestillt war, gab die Bestie ohne Zögern nach und zog sich in die Tiefen der Seele des Jungen Prätendenten zurück, wie sie es getan hatte, bevor sie ihren neuen Pakt geschlossen hatten. Dann war Raed auf dem Boden, blutbedeckt und mit dem abscheulichen Geschmack, der ihm tief in der Kehle klebte. Er blieb kurz liegen und wappnete sich, aufzustehen und zu tun, was getan werden musste. Er rollte sich auf die Seite, öffnete den Sack, zog seine Kleider heraus und streifte sie über seinen verschmutzten und besudelten Körper.

Dem Jungen Prätendenten tat alles weh, als wäre er von einem Pferd niedergetrampelt worden, aber Fraine war jetzt nah, näher als je seit ihrer Begegnung in der Wüste. Sie hatte ihn in eine Falle gelockt, ihn an eine Geistherrin verkauft, die sich als Göttin ausgegeben hatte, und fünf Mitglieder seiner Mannschaft kaltblütig ermordet.

Raed konnte verstehen, warum Fraine sich gegen ihn gewandt hatte: Ihre Kindheit war durch den Tod ihrer Mutter im Maul des Rossin ruiniert worden. Die Zuneigung, die sie danach – wenn überhaupt – noch für Raed gehegt hatte, war von Tangyre Greenes Lügen verzerrt worden. Das bedeutete nicht, dass er ihr erlauben würde, das Reich zu zerstören. Welche Gefühle er auch für seine Schwester hatte – Schuld, Liebe, Zorn – spielte eigentlich keine Rolle. Das ganze Reich stand auf dem Spiel.

Die Karte, unter großen Risiken in der Stadt erlangt, war immer noch nicht vollständig; sie zeigte nur die oberen und äußeren Ebenen der Festung, die wie ein kunstvoller Geheimkasten konstruiert war.

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