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Die Päpstin

Inhaltsübersicht

PROLOG

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Epilog: Zweiundvierzig Jahre später

Anmerkungen der Verfasserin: Gab es Päpstin Johanna?

PROLOG

Es war am siebenundzwanzigsten Tag des Wintarmanoth im Jahre unseres Herrn 814, im härtesten Winter seit Menschengedenken. Hrotrud, die Hebamme des Dorfes Ingelheim, kämpfte sich durch den Schnee zum Haus des Dorfpriesters. Eine Windböe fegte zwischen den Bäumen hindurch, krallte ihre eisigen Finger in Hrotruds Körper und drang durch die Löcher und Flicken ihrer dünnen Wollkleidung. Der Waldweg war von hohen Schneewehen bedeckt; bei jedem Schritt sank Hrotrud fast bis zu den Knien ein. Eine Schneekruste hatte sich über ihren Brauen und Lidern gebildet; immer wieder wischte sie sich übers Gesicht, um den Weg sehen zu können. Die Hände und Füße schmerzten ihr vor Kälte, obwohl sie mehrere Stofflappen darumgewickelt hatte.

Ein Stück voraus erschien ein verschwommener schwarzer Fleck auf dem Pfad. Es war eine tote Krähe. Selbst diese zähen Aasfresser starben in diesem bitterkalten Winter. Sie verhungerten, weil die Kadaver dermaßen hart gefroren waren, daß sie mit den Schnäbeln das Fleisch nicht lospicken konnten. Hrotrud erschauderte und schritt schneller aus.

Bei Gudrun, der Frau des Dorfpriesters, hatten die Wehen eingesetzt, einen Monat früher als erwartet. Da hat sich das Kleine ja eine schöne Zeit ausgesucht, ging es Hrotrud voller Bitterkeit durch den Kopf. Allein letzten Monat habe ich fünf Kinder zur Welt gebracht, und keins von ihnen hat länger als eine Woche gelebt.

Ein Schwall windgepeitschten Schnees blendete Hrotrud, und für einen Moment verlor sie den spärlich markierten Weg aus den Augen. Entsetzen stieg in ihr auf. Schon mehr als ein Dorfbewohner war ums Leben gekommen, weil er bei einem solchen Wetter die Orientierung verloren hatte und bis zur völligen Erschöpfung im Kreis umhergeirrt war, manchmal nur ein paar Schritt von seinem Haus entfernt. Hrotrud zwang sich, stehenzubleiben und zu warten, während der Schnee um sie herum toste und wirbelte und sie mit einer vollkommen konturlosen Landschaft aus reinem Weiß umgab. Als der Sturmwind endlich nachließ, konnte Hrotrud nur noch mit Mühe die Umrisse des Weges erkennen. Sie setzte sich wieder in Bewegung. Der Schmerz in den Händen und Füßen war verschwunden; sie waren jetzt völlig taub vor Kälte. Hrotrud wußte, was das bedeuten mochte; aber sie konnte es sich nicht leisten, groß darüber nachzudenken. Es war wichtig, die Ruhe zu bewahren.

Ich darf nicht an die Kälte denken.

Sie rief sich das Bild des Anwesens ins Gedächtnis, auf dem sie aufgewachsen war: eine casa, ein herrschaftliches Haus mit gut sechs Hektar fruchtbarem Ackerland. Das Haus war gemütlich und warm gewesen, mit festen Wänden aus dicken Balken – viel schöner als die Häuser der Nachbarn, deren Wände aus schlichten, mit Lehm verfugten Holzlatten bestanden. Im Herd, der sich in der Mitte des Hauses befand, hatte ein großes Feuer gelodert, und der Rauch, der kräuselnd aufgestiegen war, zog durch eine Öffnung in der Decke zum Himmel empor. Hrotruds Vater hatte ein kostbares Wams aus Otternfell über seinem bliaud aus feinem Leinen getragen, und ihre Mutter besaß Bänder aus Seide für ihr langes schwarzes Haar. Hrotrud selbst hatten zwei Überkleider mit weiten Ärmeln gehört, und ein warmer Mantel aus feinster Wolle. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie kuschelig und weich der teure Stoff sich auf ihrer Haut angefühlt hatte.

Und dann hatte alles ein so schnelles Ende gefunden. Zwei Dürresommer und eine verheerende Frostperiode hatten die Ernten vernichtet. Überall verhungerten die Menschen; in Thüringen hatte es angeblich Fälle von Kannibalismus gegeben. Durch den umsichtigen Verkauf des Familienbesitzes hatte Hrotruds Vater die Familie eine Zeitlang vor dem Hungern bewahrt. Hrotrud hatte geweint, als der Vater ihr den wollenen Mantel fortnahm. Damals hatte sie sich nichts Schlimmeres vorstellen können, als ihren Mantel abgeben zu müssen. Hrotrud lächelte trotz der Eiseskälte. Damals war sie acht Jahre alt gewesen und hatte die Schrecknisse und Grausamkeiten dieser Welt noch nicht gekannt.

Erneut wühlte sie sich durch eine hohe Schneewehe und wehrte sich gegen ein zunehmendes Schwindelgefühl. Sie hatte seit mehreren Tagen nichts gegessen. Aber, sagte sie sich, wenn alles gutgeht, bekomme ich heute abend ein Festessen. Falls der Dorfpriester zufrieden mit mir ist, wird er mir sogar Speck als Bezahlung mit auf den Nachhauseweg geben. Der Gedanke verlieh ihr neue Kraft.

Hrotrud gelangte auf eine Lichtung. Dicht voraus konnte sie die konturlosen Umrisse einer großen Hütte sehen: das Grubenhaus des Dorfpriesters. Hier, auf der Lichtung, lag der Schnee höher, da nun das schützende Dach fehlte, das die Bäume gebildet hatten. Doch Hrotrud kämpfte sich unbeirrt weiter, wühlte sich mit ihren kräftigen Schenkeln und Armen voran, von der Gewißheit erfüllt, bald in Sicherheit zu sein.

An der Tür angelangt, klopfte sie einmal; dann trat sie unaufgefordert ein, ohne zu warten. Es war zu kalt, um auf standesgemäße Höflichkeiten Rücksicht zu nehmen. Dann stand sie blinzelnd in der Dunkelheit des Raumes. Das einzige Fenster des Grubenhauses war der Winterkälte wegen mit Brettern vernagelt, und das einzige Licht stammte vom Herdfeuer sowie mehreren rauchenden Talglichtern, die an verschiedenen Stellen standen. Nach kurzer Zeit gewöhnten Hrotruds Augen sich an das Licht, und sie sah zwei Jungen, die in der Nähe des Herdfeuers beieinander saßen.

»Ist das Kind schon da?« fragte sie.

»Noch nicht«, antwortete der ältere der beiden Jungen.

Hrotrud murmelte ein kurzes Dankgebet an den heiligen Kosmas, den Schutzpatron der Hebammen. Mehr als einmal war sie um ihre Bezahlung betrogen worden, weil das Kind ein bißchen zu früh gekommen war, so daß sie ohne einen denarius für all die Mühe, die sie auf sich genommen hatte, wieder nach Hause gehen mußte.

Am Herdfeuer wickelte sie sich die gefrorenen Lappen von Händen und Füßen und stieß einen erschreckten Schrei aus, als sie die kränkliche, blauweiße Farbe der Haut sah. Heilige Mutter, laß nicht zu, daß der Frost mir die Hände und Füße nimmt. Für eine verkrüppelte Hebamme hatten die Dorfbewohner nur noch wenig Verwendung. Elias, der Schuhmacher, hatte auf diese Weise seinen Broterwerb verloren. Auf dem Rückweg von Mainz war er von einem Schneesturm überrascht worden. Seine Fingerkuppen waren binnen einer Woche schwarz geworden und dann abgefallen. Seither kauerte er halb verhungert und zerlumpt neben den Kirchentüren und erbettelte sich sein tägliches Brot von mildtätigen Mitmenschen.

Hrotrud schüttelte zornig den Kopf, als sie nun ihre tauben Finger und Zehen rieb und massierte, wobei die beiden Jungen ihr schweigend zuschauten. Der Anblick der Knaben erfüllte Hrotrud mit Zuversicht. Es wird eine leichte Geburt, sagte sie sich und versuchte, die Gedanken an den armen Elias zu vertreiben. Schließlich habe ich Gudrun schon von diesen beiden Jungen entbunden, ohne daß es Probleme gab. Der ältere mußte jetzt beinahe sechs Winter zählen; er war ein untersetzter Knabe, auf dessen Gesicht ein Ausdruck wacher Intelligenz lag. Sein jüngerer, pausbäckiger, dreijähriger Bruder schaukelte vor und zurück, wobei er mißmutig am Daumen lutschte. Beide Jungen besaßen den dunklen Teint und das fast schwarze Haar ihres Vaters; keiner von beiden hatte das außergewöhnliche, weißgoldene Haar seiner sächsischen Mutter Gudrun geerbt.

Hrotrud konnte sich erinnern, wie die Männer im Dorf Gudruns Haar angestarrt hatten, als der Dorfpriester sie von einer seiner Missionsreisen nach Sachsen mitbrachte. Zuerst hatte es für ziemlichen Wirbel gesorgt, daß ein Priester sich eine Frau genommen hatte. Einige Leute sagten, es würde gegen das Gesetz verstoßen; denn der Kaiser habe eine Verordnung erlassen, die es Männern der Kirche untersagte, sich Frauen zu nehmen. Andere jedoch erklärten, so könne es nicht sein; denn es liege ja auf der Hand, daß ein Mann ohne Frau allen Arten sündhafter Verlockungen und verderbten Lastern ausgesetzt wäre. Schaut euch die Mönche von Bobbio an, sagten diese Leute, die mit ihrer Unzucht und ihren Saufgelagen Schande über die Kirche bringen. Und daß der Dorfpriester ein nüchterner, hart arbeitender Mann war, stand für die Bewohner Ingelheims außer Frage.

Im Zimmer war es warm. Neben der großen Feuerstelle lagen, hoch aufgestapelt, dicke Scheite Birken- und Eichenholz, und in gewaltigen Schwaden stieg der Rauch zu dem Loch im Strohdach empor. Wenngleich nur eine bessere Hütte, war das Grubenhaus ein gemütliches Heim. Die Wände bestanden aus festen Holzbalken; die Fugen zwischen den Balken waren mit einer dicken Schicht aus Stroh und Lehm abgedichtet, die Wind und Kälte draußen hielt. Das einzige Fenster war mit kurzen, dicken Eichenbrettern vernagelt – eine zusätzliche Schutzmaßnahme gegen die nordostroni, die klirrend kalten, winterlichen Nordostwinde. Das Haus war sogar groß genug, daß man es in drei getrennte Bereiche unterteilen konnte: in einem befanden sich die Schlafstätten des Dorfpriesters und seiner Frau; in einem weiteren waren die Tiere zum Schutz vor der strengen Kälte untergebracht – Hrotrud hörte das leise Scharren und Kratzen der Hufe zu ihrer Linken –; und schließlich gab es den eigentlichen Wohn- und Arbeitsraum, in dem die Familie beisammensaß, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und in dem die Kinder schliefen. Vom Bischof abgesehen, dessen Haus aus Stein errichtet war, besaß niemand in Ingelheim ein schöneres Zuhause.

Als das Gefühl in Hrotruds Glieder zurückkehrte, begannen sie zu jucken und zu pochen. Sie betastete ihre Finger: Sie waren rauh und trocken, doch die bläuliche Farbe der Haut wich allmählich einem gesunden und kräftigen Rot. Hrotrud seufzte vor Erleichterung und nahm sich vor, dem heiligen Kosmas zum Dank eine Opfergabe darzubringen. Hrotrud blieb noch einige Minuten am Feuer stehen und genoß dessen Wärme; dann – nachdem sie den beiden Jungen aufmunternd zugenickt und ihnen auf die Schultern geklopft hatte – eilte sie um die Trennwand herum, hinter der die Frau auf sie wartete, die in den Wehen lag.

Gudrun war auf ein Lager aus Torf gebettet, das mit frischem Stroh bestreut war. Der Dorfpriester, ein dunkelhaariger Mann mit dichten, buschigen Augenbrauen, die ihm einen ständigen Ausdruck von Strenge verliehen, saß ein Stück entfernt. Er begrüßte Hrotrud durch ein Kopfnicken; dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem großen, in Holz gebundenen Buch zu, das auf seinem Schoß lag. Hrotrud hatte dieses Buch schon bei früheren Besuchen in diesem Haus bemerkt, doch sein Anblick erfüllte sie stets aufs neue mit Ehrfurcht. Es war eine Abschrift der heiligen Bibel und das einzige Buch, das Hrotrud jemals gesehen hatte. Wie auch die anderen Dorfbewohner, konnte Hrotrud weder lesen noch schreiben. Dennoch wußte sie, daß dieses Buch ein kostbarer Schatz war, viel mehr Gold-solidi wert, als alle Dorfbewohner zusammen in einem Jahr verdienten. Der Dorfpriester hatte das Buch aus seiner Heimat England mitgebracht, wo Bücher nicht so selten waren wie im Frankenreich.

Als Hrotrud ihre Patientin untersuchte, erkannte sie sofort, daß es sehr schlecht um Gudrun bestellt war. Ihr Atem ging flach, ihr Puls raste bedrohlich schnell, und ihr ganzer Körper war gedunsen und aufgebläht. Hrotrud erkannte diese Zeichen. Sie durfte keine Zeit mehr verlieren. Sie griff in ihren Beutel und nahm eine bestimmte Menge Taubendung heraus, den sie im letzten Herbst mühsam gesammelt hatte. Sie ging zum Herd zurück, warf den Dung ins Feuer und beobachtete zufrieden, wie der dunkle Qualm aufstieg und die Luft von bösen Geistern reinigte.

Sie mußte den Schmerz lindern, damit Gudrun sich entspannen und das Kind zur Welt bringen konnte. Hrotrud beschloß, zu diesem Zweck Bilsenkraut zu benutzen. Sie holte ein kleines, getrocknetes Bündel der winzigen, gelben, purpurn geäderten Blumen hervor, legte sie in einen Mörser aus gebranntem Ton und zerstampfte sie geschickt zu Pulver, wobei sie bei dem stechenden Geruch, der dabei entstand, die Nase rümpfte. Dann gab sie das Pulver in einen Becher mit kräftigem Rotwein und brachte ihn Gudrun zum Trinken.

»Was willst du ihr denn da geben?« fragte der Dorfpriester, der unvermittelt hinter Hrotrud erschienen war.

Hrotrud zuckte zusammen; sie hatte beinahe vergessen, daß der Mann bei ihnen war. »Die Wehen haben Eure Frau geschwächt. Dieses Mittel wird ihren Schmerz lindern und es dem Kinde erleichtern, aus dem Mutterleib hervorzukommen.«

Der Dorfpriester machte ein düsteres Gesicht. Er nahm Hrotrud das Bilsenkraut aus der Hand, umrundete die Trennwand und warf das Kraut ins Herdfeuer, wo es zischend verbrannte. »Du versündigst dich gegen Gott, Weib.«

Hrotrud konnte es nicht fassen. Da hatte es sie Wochen anstrengender Suche gekostet, um diese kleine Menge der kostbaren Medizin zu sammeln, und nun so etwas! Sie wandte sich dem Dorfpriester zu und wollte ihrem Zorn Luft machen, hielt dann aber inne, als sie den harten, kalten Blick in seinen Augen sah.

»›Zur Frau sprach der Herr: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären‹«, sagte er und klopfte zur Bekräftigung seiner Worte mit der Hand auf den Einband des Buches. »So steht es geschrieben. Eine solche Medizin ist gottlos!«

Hrotrud wurde von wildem Zorn gepackt. An ihrer Medizin gab es nichts Gottloses. Sprach sie nicht jedesmal, wenn sie eine Pflanze aus der Erde zog, neun Vaterunser? Aber sie hatte nicht die Absicht, ein Streitgespräch mit dem Dorfpriester zu führen. Er war ein einflußreicher Mann. Ein Wort von ihm über ihre ›gottlosen‹ Praktiken, und sie mußte ihren Beruf aufgeben und betteln gehen.

Gudrun stöhnte, als eine neuerliche Schmerzwoge sie durchflutete. Also gut, dachte Hrotrud. Wenn der Dorfpriester ihr die Benutzung des Bilsenkrauts nicht erlaubte, mußte sie eben etwas anderes versuchen. Sie ging zu ihrem Beutel und nahm ein langes Stück Stoff heraus, das so zurechtgeschnitten war, daß es der wahren Körpergröße Jesu Christi entsprach. Mit raschen, geschickten Bewegungen band Hrotrud das Tuch um Gudruns Unterleib. Als sie Gudrun dabei auf die Seite drehte, stöhnte die Schwangere erneut. Jede Bewegung bereitete ihr Schmerzen; aber dagegen konnte man nun mal nichts tun. Hrotrud nahm ein Päckchen aus ihrem Beutel, das zum Schutz gegen Beschädigungen sorgfältig in ein Stück Seide eingewickelt war. Im Innern des Päckchens befand sich eine von Hrotruds Kostbarkeiten – das Sprungbein eines Kaninchens, das an Weihnachten getötet worden war. Sie hatte es sich letzten Winter von einer der Jagdgesellschaften des Kaisers erbettelt. Mit äußerster Sorgfalt schabte Hrotrud drei hauchdünne Stückchen ab und legte sie der Schwangeren auf die Zunge.

»Kaue ganz langsam«, wies sie Gudrun an, die mit einem schwachen Kopfnicken reagierte. Hrotrud setzte sich zurück und wartete. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie den Dorfpriester, der weiterhin in dem Buch las, die Stirn in tiefer Konzentration gefurcht, so daß seine buschigen Augenbrauen sich über der Nasenwurzel beinahe berührten.

Wieder stöhnte Gudrun und wand sich vor Schmerzen, doch der Dorfpriester blickte nicht einmal auf. Er ist ein kalter Mann, ging es Hrotrud durch den Kopf. Trotzdem muß er Feuer in den Lenden haben, sonst hätte er Gudrun nicht zur Frau genommen.

Wie lange war es jetzt her, daß der Dorfpriester diese sächsische Frau mit nach Ingelheim gebracht hatte? Zehn Winter? Elf? Nach fränkischen Maßstäben war Gudrun schon damals nicht mehr jung gewesen – sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig vielleicht –; aber wunderschön mit ihrem langen, weißgoldenen Haar und den blauen Augen der alienigenae. Gudrun hatte ihre ganze Familie bei dem Massaker in Verden an der Aller verloren. Tausende von Sachsen waren an jenem Tag lieber gestorben, als die Wahrheit Unseres Herrn Jesus Christus als ihren Glauben anzunehmen. Verrückte Barbaren, dachte Hrotrud. Das wäre mir nicht passiert. Sie hätte auf alles geschworen, auf das zu schwören man von ihr verlangt hätte – und so würde sie es auch heute noch halten, sollten die Barbaren jemals wieder über das Frankenreich hinwegfegen. Sie würde auf sämtliche fremden und schrecklichen Götter schwören, die von diesen Schlächtern angebetet wurden. Was machte das schon aus? Wer wußte denn, was im Innern eines Menschen wirklich vor sich ging? Eine Hebamme und Kräuterfrau behielt nicht nur ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Meinung für sich.

Das Feuer war inzwischen heruntergebrannt. Es flackerte und sprühte Funken. Hrotrud ging zum Holzstapel, der in einer Zimmerecke stand, suchte zwei große Scheite Birkenholz heraus und legte sie auf den Herd. Sie beobachtete, wie die Scheite prasselnd Feuer fingen und die Flammen um das Holz herum in die Höhe leckten. Dann begab Hrotrud sich wieder zu Gudrun, um nach der Schwangeren zu sehen.

Es war eine gute halbe Stunde vergangen, seit Gudrun die abgemeißelten Stückchen vom Kaninchenknochen zu sich genommen hatte, doch ihr Zustand war unverändert. Selbst diese starke Medizin hatte nicht gewirkt. Die Schmerzen blieben, unberechenbar und hartnäckig, und Gudrun wurde immer schwächer.

Hrotrud seufzte müde. Offensichtlich mußte sie zu stärkeren Mitteln greifen.

Der Dorfpriester lehnte brüsk ab, als Hrotrud ihm erklärte, daß sie bei der Geburt seine Hilfe bräuchte.

»Laß die Frauen aus dem Dorf holen«, sagte er gebieterisch.

»Äh … das ist unmöglich, Herr. Wer sollte die Frauen holen?« Hrotrud hob die Hände, um ihre Worte zu unterstreichen. »Ich kann nicht fort, denn Eure Frau braucht mich. Euren ältesten Sohn können wir auch nicht schicken. Er scheint zwar ein kräftiger Bursche zu sein, aber bei einem solchen Wetter könnte er sich verirren, und dann wär’s aus mit ihm. Ich hätte mich beinahe selbst verlaufen.«

Unter seinen dunklen, buschigen Brauen hervor starrte der Dorfpriester Hrotrud düster an. »Also gut«, sagte er. »Dann gehe ich selbst.« Als er sich aus dem Stuhl erhob, schüttelte Hrotrud ungeduldig den Kopf.

»Das nützt nichts. Bis Ihr zurück seid, ist es zu spät. Wenn Ihr wollt, daß Eure Frau und das Kind überleben, brauche ich Eure Hilfe, und zwar rasch.«

»Meine Hilfe? Hast du den Verstand verloren, Weib? Das«, er wies mit allen Anzeichen von Abscheu auf das Bett, »ist Sache der Frauen. Schlecht und unrein. Ich habe nichts damit zu tun.«

»Dann wird Eure Frau sterben.«

»Das liegt in Gottes Hand, nicht in der meinen.«

Hrotrud zuckte die Achseln. »Mir soll’s egal sein. Aber Ihr werdet Schwierigkeiten haben, zwei Kinder ohne Mutter großzuziehen.«

Der Dorfpriester starrte Hrotrud an. »Warum sollte ich dir glauben? Die beiden Jungen hat sie auch zur Welt gebracht, ohne daß es Komplikationen gab. Meine Gebete haben ihr Kraft gegeben. Du kannst gar nicht wissen, ob die Gefahr besteht, daß sie stirbt.«

Das war zuviel. Priester oder nicht – daß der Mann ihre Fähigkeiten als Hebamme in Frage stellte, konnte sie nicht hinnehmen. »Ihr wißt gar nichts«, sagte sie mit scharfer Stimme. »Ihr habt sie Euch ja nicht einmal angesehen. Geht und schaut sie Euch jetzt an, und dann sagt mir, ob sie sterben wird oder nicht.«

Der Dorfpriester ging zur Liegestatt und blickte auf seine Frau hinunter. Ihr schweißnasses Haar klebte auf der Haut, die eine gelblichweiße Farbe angenommen hatte. Um die stumpfen, tief eingesunkenen Augen lagen dunkle Ringe. Wäre nicht ihr schwaches, unregelmäßiges Atmen gewesen, hätte man Gudrun für tot halten können.

»Nun?« fragte Hrotrud mit drängender Stimme.

Der Dorfpriester fuhr zu ihr herum. »Um Himmels willen, Weib! Warum hast du die anderen Frauen nicht sofort mit hierhergebracht?«

»Wie Ihr selbst gesagt habt, Herr, hat Eure Frau die beiden Söhne ohne die geringsten Schwierigkeiten geboren. Ich hatte keinen Grund, diesmal damit zu rechnen. Außerdem – wer wäre bei einem solchen Wetter schon bis hierher gekommen?«

Der Dorfpriester ging zur Feuerstelle und schritt vor den flackernden Flammen nervös auf und ab. Schließlich blieb er stehen. »Was soll ich tun?«

Hrotrud lächelte breit. »Oh, nur sehr wenig, Herr, nur sehr wenig.« Sie führte ihn wieder zur Liegestatt. »Zuerst einmal helft mir, sie hochzuheben.«

Sie nahmen Gudrun in die Mitte, packten sie unter den Armen und zogen sie hoch. Gudruns Körper war schwer und gedunsen, doch gemeinsam schafften es Hrotrud und der Dorfpriester, sie auf die Beine zu stellen. Schwankend taumelte Gudrun gegen ihren Mann. Der Dorfpriester war kräftiger, als Hrotrud geglaubt hatte. Das war gut so, denn gleich würde sie alle seine Kräfte brauchen.

»Wir müssen das Ungeborene in die richtige Lage bringen. Wenn ich die Anweisung gebe, dann hebt sie hoch, so hoch Ihr nur könnt. Und schüttelt sie ganz fest.«

Der Dorfpriester nickte; Entschlossenheit kerbte seine Mundwinkel. Gudrun hing wie ein totes Gewicht zwischen ihm und Hrotrud; der Kopf war ihr auf die Brust gesunken.

»Eins, zwei – hoch!« rief Hrotrud. Sie zerrten Gudrun an den Armen in die Höhe und schüttelten sie auf und nieder. Die Ärmste kreischte und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien. Schmerz und Angst verliehen ihr ungeahnte Kräfte; Hrotrud und ihr Helfer mußten sich sehr mühen, Gudrun zu bändigen. Hätte er mir doch bloß erlaubt, ihr das Bilsenkraut zu geben! dachte Hrotrud. Dann würde sie inzwischen so gut wie nichts mehr spüren.

Rasch ließen sie Gudrun herunter, doch sie wehrte sie weiterhin und schrie pausenlos. Hrotrud erteilte dem Dorfpriester einen zweiten Befehl, und wieder packten sie Gudrun, hoben sie hoch und schüttelten sie auf und ab; dann legten sie die Frau auf die Liegestatt. Halb bewußtlos lag sie da und murmelte in ihrer Barbaren-Muttersprache unverständliche Dinge. Gut, dachte Hrotrud. Wenn ich schnell mache, ist alles vorüber, bevor sie wieder richtig bei Sinnen ist.

Hrotrud schob die Hand in Gudruns Unterleib und suchte mit tastenden Fingern nach der Öffnung der Gebärmutter. Sie fand die Stelle und fühlte, daß sie von den langen Stunden nutzloser, ergebnisloser Wehen verkrampft und geschwollen war. Mit dem Nagel des rechten Zeigefingers, den sie sich zu diesem Zweck besonders lang hatte wachsen lassen, zerrte Hrotrud an dem widerspenstigen Gewebe. Gudrun stöhnte auf; dann wurde ihr Körper vollkommen schlaff. Warmes Blut strömte Hrotrud über die Hand, den Arm hinunter und aufs Bett. Dann, endlich, spürte sie, wie die Öffnung sich erweiterte. Mit einem leisen Jubelschrei griff Hrotrud sanft hinein und bekam den Kopf des Ungeborenen zu fassen. Ganz vorsichtig drückte sie ihn hinunter.

»Packt ihre Schultern und drückt sie in meine Richtung«, wies Hrotrud den Dorfpriester an, dessen Gesicht nun ziemlich bleich geworden war. Dennoch gehorchte er: Hrotrud spürte, wie der Druck stärker wurde, als die Kraft des Mannes zu der ihren hinzukam. Nach einigen Minuten konnte sie fühlen, wie das Ungeborene sich bewegte. Beharrlich zog Hrotrud an dem winzigen Leib, vorsichtig darauf bedacht, die weichen Knochen an Kopf und Hals nicht zu verletzen. Endlich erschien der Kopf des Kindes, von dichtem, nassem Haar bedeckt. Behutsam zog Hrotrud den Kopf aus dem Leib der Mutter; dann drehte sie den Körper ein wenig zur Seite, um zuerst der linken, dann der rechten Schulter den Durchgang zu ermöglichen. Ein letzter kräftiger Ruck, und der kleine nasse Körper glitt in Hrotruds wartende Hände.

»Ein Mädchen«, verkündete die Hebamme. »Und ein gesundes und kräftiges obendrein, so wie’s aussieht«, fügte sie hinzu, nahm mit Zufriedenheit den kräftigen Schrei des Neugeborenen zur Kenntnis und betrachtete wohlgefällig die rosige Haut.

Sie wandte sich dem Dorfpriester zu – und blickte in dessen mürrisches Gesicht.

»Ein Mädchen«, sagte er abfällig. »Also war alles für die Katz.«

»So etwas solltet Ihr nicht sagen, Herr.« Hrotrud hatte plötzlich Angst, daß der Dorfpriester ihr aus Enttäuschung weniger Lebensmittel als Lohn geben könnte. »Das Kind ist kräftig und gesund. Gott hat ihr das Leben geschenkt, auf daß sie Eurem Namen Ehre mache.«

Der Dorfpriester schüttelte den Kopf. »Sie ist eine Strafe Gottes. Eine Strafe für meine Sünden – und die ihren.« Er zeigte auf Gudrun, die regungslos dalag. »Wird sie überleben?«

»Ja.« Hrotrud hoffte, daß ihre Stimme sich überzeugt anhörte. Sie konnte es sich nicht leisten, daß der Dorfpriester auf den Gedanken kam, womöglich gleich zweimal enttäuscht zu werden. Sie hoffte immer noch, heute abend ein saftiges Stück Fleisch zwischen die Zähne zu bekommen. Außerdem bestanden ja tatsächlich begründete Aussichten, daß Gudrun überlebte. Sicher, es war eine schwere Geburt gewesen. Nach einer solchen Tortur erkrankten viele Frauen an Fieber und Auszehrung. Doch Gudrun war stark, und Hrotrud würde sie mit einer Wundsalbe aus Fuchsfett und Beifuß behandeln. »Ja«, wiederholte sie mit fester Stimme. »Wenn es Gottes Wille ist, wird sie überleben.« Hinzuzufügen, daß Gudrun wahrscheinlich nie mehr Kinder bekommen konnte, hielt Hrotrud nicht für erforderlich.

»Na, wenigstens das«, sagte der Dorfpriester. Er trat ans Bett und blickte auf Gudrun hinunter. Dann streichelte er ihr sanft über das weißgoldene Haar, das jetzt dunkel vom Schweiß war. Für einen Augenblick glaubte Hrotrud, der Dorfpriester würde seine Frau küssen. Dann aber veränderte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck; er blickte ernst, ja zornig drein.

»Per mulierem culpa successit«, sagte er. »Durch eine Frau entstand die Sünde.« Er ließ Gudrun die schweißnasse Haarsträhne auf die Stirn fallen und trat zurück.

Hrotrud schüttelte den Kopf. Was war das denn für ein Spruch? Irgendwas aus dem heiligen Buch, kein Zweifel. Der Dorfpriester war wirklich ein seltsamer Mann; aber das sollte ihr egal sein, dem Himmel sei Dank. Sie machte sich eilig daran, Gudruns Körper von Blut und Fruchtwasser zu säubern, damit sie sich noch bei Tageslicht auf den Nachhauseweg machen konnte.

Gudrun schlug die Augen auf und sah den Dorfpriester neben dem Bett stehen. Der Anflug eines Lächelns gefror ihr auf den Lippen, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.

»Was ist, mein Gemahl?« fragte sie zögernd.

»Ein Mädchen«, erwiderte der Dorfpriester mit kalter Stimme und gab sich gar nicht erst die Mühe, sein Mißfallen zu verbergen.

Gudrun nickte; dann kehrte sie das Gesicht der Wand zu. Der Dorfpriester drehte sich um und wollte gehen, hielt dann aber kurz inne und warf einen Blick auf das Neugeborene, das bereits sicher und behaglich auf seiner strohgedeckten Pritsche lag.

»Johanna. Sie soll den Namen Johanna tragen«, verkündete er und verließ abrupt das Zimmer.

1.

Ganz in der Nähe des Grubenhauses grollte Donner, und das kleine Mädchen erwachte. Es bewegte sich in seinem Bett und suchte die Wärme und Behaglichkeit, die von den Körpern seiner schlafenden älteren Brüder ausgingen. Dann fiel es dem Mädchen wieder ein: die Brüder waren fort.

Regen prasselte; Donner krachte. Ein heftiges Frühlingsgewitter tobte und erfüllte die Nachtluft mit dem süßsauren Geruch feuchter, frisch gepflügter Erde. Der Regen trommelte laut auf das Dach der Hütte des Dorfpriesters, doch das dicht verwobene Stroh hielt das Innere trocken, sah man von den ein, zwei Stellen in den Zimmerecken ab, in denen das Wasser sich sammelte, um dann in dicken, schweren Tropfen träge auf den festgestampften, lehmigen Fußboden zu klatschen.

Der Wind frischte auf, und eine Eiche, die neben der Hütte stand, begann unrhythmisch gegen die Wände zu klopfen. Der Schatten ihrer Äste fiel ins Zimmer. Das Mädchen betrachtete gebannt, wie die riesenhaften dunklen Finger an den Bettkanten zu zerren schienen. Dann griffen sie plötzlich gierig nach dem Kind, und es schrak zurück.

Mama! dachte das kleine Mädchen ängstlich und öffnete den Mund, um die Mutter zu rufen, hielt dann aber inne. Falls es ein Geräusch machte, würde die drohende schwarze Hand es packen und zerquetschen. Das Mädchen lag wie erstarrt da, beobachtete voller Entsetzen das Zucken der Blitze und brachte weder den Mut noch die Willenskraft auf, sich zu bewegen. Dann aber reckte es voller Entschlossenheit das kleine Kinn vor. Es mußte getan werden; also würde Johanna es tun. Sie bewegte sich mit größter Langsamkeit und nahm nicht für einen Moment den Blick vom Feind, als sie aus dem Bett kroch. Ihre Füße spürten die kalte Oberfläche des Fußbodens, und dieses vertraute Gefühl gab dem Mädchen Sicherheit. Dennoch wagte es kaum zu atmen, als es sich in Richtung der Trennwand bewegte, hinter der seine Mutter lag und schlief. Ein Blitz zuckte auf; die Finger des Ungeheuers bewegten sich wieder, wurden länger, griffen nach Johanna. Mit Mühe unterdrückte sie einen Schrei, und vor Anstrengung schmerzte ihr die Kehle. Sie zwang sich, nicht wild loszurennen, sondern sich langsam und vorsichtig zu bewegen.

Sie hatte ihr Ziel fast erreicht, als plötzlich eine Salve von Donnerschlägen über ihr krachte. Im selben Moment wurde sie von irgend etwas berührt, das hinter ihr stand. Sie kreischte; dann warf sie sich herum, flitzte hinter die Trennwand und kippte dabei den Stuhl um, auf den sie sich geflüchtet hatte.

In diesem Teil des Hauses war es dunkel und still; das kleine Mädchen hörte nur das regelmäßige Atmen seiner Mutter. Am Geräusch konnte es erkennen, daß die Mutter tief und fest schlief, zumal das Poltern des Stuhles sie nicht geweckt hatte. Rasch ging das Mädchen zum Bett, hob die Wolldecke an und kroch schnell darunter.

Gudrun lag auf dem Rücken; ihre Lippen waren leicht geöffnet. Das Mädchen kuschelte sich an den Körper der Mutter und spürte die wohltuende Wärme und Weichheit ihrer Haut durch das dünne Hemdkleid aus Leinen.

Gudrun gähnte und drehte sich im Halbschlaf auf die Seite. Von der Berührung geweckt, schlug sie die Augen auf und blickte schläfrig auf das Kind. Dann erwachte sie vollends und umarmte ihre Tochter.

»Johanna«, schimpfte sie leise, wobei ihre Lippen das weiche Haar des Mädchens berührten. »Du solltest längst schlafen, mein Kleines.«

Hastig sprudelte Johanna ihre Geschichte hervor und erzählte der Mutter mit hoher, vor Anspannung atemloser Stimme von der Riesenhand.

Gudrun hörte zu, tätschelte und streichelte ihre Tochter, drückte sie an sich und sprach mit leiser Stimme beruhigend auf sie ein, wobei sie ihr sanft mit den Fingerspitzen übers Gesicht strich, das in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Hübsch ist sie nicht, dachte Gudrun reuevoll. Äußerlich kommt sie zu sehr nach ihm, mit seinem dicken Hals und den breiten Kiefern. Johannas kleiner Körper war jetzt schon untersetzt und stämmig; ganz anders als der der hochgewachsenen, anmutigen Menschen von Gudruns Volk. Doch das Kind hatte gute Augen, groß und ausdrucksvoll und von kräftiger Farbe: grün, mit dunkelgrauen Rauchringen im Zentrum der Pupillen. Zärtlich nahm Gudrun eine Strähne von Johannas Haar zwischen die Finger und betrachtete es, erfreute sich an seinem Schimmer – weißgolden, sogar in der Dunkelheit. Mein Haar, dachte sie stolz. Nicht das dicke schwarze Haar ihres Mannes oder das seines grausamen dunklen Inselvolkes. Mein Kind. Sanft wickelte sie Johannas Haarsträhne um den Zeigefinger und lächelte. Wenigstens dieses Kind ist meins.

Durch die Aufmerksamkeiten ihrer Mutter beruhigt, entspannte sich Johanna. In spielerischer Nachahmung zupfte sie an Gudruns langem Zopf, bis er sich löste und die Fülle des weißblonden Haares ihr über die Schultern fiel. Staunend betrachtete Johanna die schimmernde Pracht, die sich wie flüssiges Gold auf der Tagesdecke aus dunkler Wolle ausbreitete. Noch nie hatte Johanna das Haar ihrer Mutter offen gesehen. Der Vater bestand darauf, daß sie es stets sorgfältig geflochten trug, verborgen unter einer Kappe aus grobem Leinen. Das Haar einer Frau, sagte der Dorfpriester, ist das Netz, in dem der Teufel die Seele eines Mannes fängt. Und Gudruns Haar war außergewöhnlich schön – lang und weich und von makelloser, weißgoldener Farbe, ohne jeden Hauch von Grau, obwohl sie nun schon eine alte Frau war, die vierzig Winter erlebt hatte.

»Warum sind Matthias und Johannes fortgegangen?« fragte Johanna unvermittelt. Ihre Mutter hatte es ihr schon mehrere Male gesagt; doch Johanna wollte es noch einmal hören.

»Du weißt warum. Dein Vater hat sie auf seine Missionsreise mitgenommen.«

»Warum durfte ich nicht auch mitgehen?«

Gudrun seufzte geduldig. Das Kind war so wißbegierig, so voller Fragen. »Matthias und Johannes sind Jungen«, sagte sie. »Eines Tages werden sie Priester sein, genau wie dein Vater. Du bist ein Mädchen; deshalb hast du mit solchen Dingen nichts zu tun.« Als Gudrun erkannte, daß Johanna mit dieser Antwort nicht zufrieden war, fügte sie hinzu: »Außerdem bist du noch viel zu jung.«

Johanna rief entrüstet: »Im Wintarmanoth war ich schon vier!«

Gudruns Augen blitzten vor Erheiterung, als sie in das rundliche Kleinmädchengesicht blickte. »Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Du bist ja schon ein großes Mädchen. Vier Jahre! Das hört sich schon sehr erwachsen an.«

Johanna lag still da, als die Mutter ihr übers Haar streichelte. Dann fragte sie: »Was sind eigentlich Heiden?« Ihr Vater und ihre Brüder hatten sich vor ihrer Abreise ziemlich ausgiebig über ›Heiden‹ unterhalten. Johanna verstand nicht genau, was ein Heide war; sie hatte allerdings genug aufgeschnappt, um zu wissen, daß es etwas sehr Schlimmes sein mußte.

Gudruns Körper spannte sich an. Dieses Wort besaß Zauberkräfte. Die einmarschierenden Soldaten hatten es im Munde geführt, als sie Gudruns Zuhause geplündert und ihre Freunde und Familienangehörigen abgeschlachtet hatten. Die dunklen, grausamen Soldaten des fränkischen Kaisers Karl. ›Magnus‹, nannten die Leute ihn nun, da er tot war. ›Carolus Magnus.‹ Karl der Große. Würden die Menschen ihn immer noch so nennen, fragte sich Gudrun, wenn sie miterlebt hätten, wie seine Soldaten sächsischen Müttern die Säuglinge aus den Armen gerissen, sie herumgeschleudert und ihre Köpfe an Steinen zerschmettert hatten, die schon rot vom Blut anderer unschuldiger Kinder waren? Gudrun zog die Hand von Johanna fort und drehte sich auf den Rücken.

»Was ein Heide ist, mußt du deinen Vater fragen«, sagte sie.

Johanna wußte nicht, was sie falsch gemacht hatte, doch sie hörte die seltsame Härte in der Stimme ihrer Mutter und erkannte, daß sie ins eigene Bett zurückgeschickt wurde, falls es ihr nicht gelang, den Fehler auszubügeln. Rasch sagte sie: »Erzähl mir noch einmal von den alten Göttern.«

»Das kann ich nicht. Dein Vater mag es nicht, wenn ich dir solche Märchen erzähle.« Die Worte waren zum Teil eine Frage, zum Teil eine Feststellung.

Johanna wußte, was zu tun war. Feierlich legte sie sich beide Hände aufs Herz und sprach den heiligen Eid genau so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte. Beim geheiligten Namen von Thor dem Donnerer gelobte Johanna ewige Verschwiegenheit.

Gudrun lachte und zog das Mädchen wieder an sich. »Also gut, du kleine Wachtel. Ich werde dir die Geschichte erzählen, weil du so nett zu fragen verstehst.«

Ihre Stimme war wieder warm, wehmütig und melodisch, als sie von den Göttern ihrer Kinderzeit in Sachsen erzählte, von Wotan und Thor und Freyja und all den anderen – bis Karls Armeen einmarschiert waren und mit Flamme und Schwert das Wort Christi gebracht hatten. Andächtig erzählte Gudrun von Asgard, der strahlenden Heimstatt der Götter, einem Ort mit goldenen und silbernen Schlössern, der nur erreicht werden konnte, wenn man Bifrost überquerte, die geheimnisvolle Brücke des Regenbogens, die von Heimdall dem Wächter behütet wurde, der niemals schlief und dessen Ohren so scharf waren, daß er sogar das Gras wachsen hören konnte. In Walhall, dem schönsten aller Orte, wohnte Wotan, der Göttervater, auf dessen Schultern zwei Raben saßen: Hugin, der Gedanke, und Munin, die Erinnerung. Während die anderen Götter feierten, saß Wotan auf seinem Thron und grübelte darüber nach, was Gedanke und Erinnerung ihm erzählten.

Johanna nickte glücklich. Diesen Teil der Geschichte hörte sie am liebsten. »Erzähl mir von der Quelle der Weisheit«, bettelte sie.

»Obwohl er bereits sehr, sehr klug war«, erzählte Gudrun, »war Wotan stets auf der Suche nach immer mehr Wissen. Eines Tages ging er zur Quelle der Weisheit, die von Mimir dem Weisen bewacht wurde, und bat um einen Schluck aus dieser Quelle. ›Was gibst du mir dafür?‹ fragte Mimir. Wotan antwortete, daß Mimir sich wünschen könne, was immer sein Herz begehrt. ›Die Weisheit muß stets mit Schmerz erkauft werden‹, sagte Mimir. ›Wenn du einen Schluck von diesem Wasser haben möchtest, mußt du mit einem deiner Augen dafür bezahlen.‹«

Das Gesicht vor Aufregung gerötet, rief Johanna: »Und Wotan hat es getan, nicht wahr, Mama? Er hat es getan!«

Ihre Mutter nickte. »Obwohl es eine schwere Entscheidung war, erklärte Wotan sich einverstanden, eins seiner Augen herzugeben. Dann trank er von dem Wasser. Später gab er die Weisheit, die er auf diese Weise erlangt hatte, an die Menschen weiter.«

Mit großen, ernsten Augen schaute Johanna ihre Mutter an. »Hättest du das auch getan, Mama? Um weise zu sein? Um über alle Dinge Bescheid zu wissen?«

»Nur Götter treffen solche Entscheidungen«, erwiderte Gudrun, doch als sie den beharrlichen, fragenden Blick ihrer Tochter sah, gab sie schließlich zu: »Nein. Ich hätte zu große Angst gehabt.«

»Ich auch«, sagte Johanna nachdenklich. »Aber ich würde es tun wollen. Ich würde wissen wollen, was die Quelle mir erzählen kann.«

Gudrun lächelte auf das kleine, entschlossene Gesicht hinunter. »Aber es würde dir wahrscheinlich gar nicht gefallen, was du von der Quelle erfahren würdest. Bei meinem Volk gibt es ein Sprichwort. ›Das Herz eines weisen Mannes ist nur selten froh.‹«

Johanna nickte, obwohl sie den Sinn dieser Worte nicht richtig verstanden hatte. »Und jetzt erzähl mir von dem Baum«, sagte sie und kuschelte sich wieder eng an ihre Mutter.

Und Gudrun beschrieb Irminsul, die Weltesche. Der Baum hatte im heiligsten aller sächsischen Wälder gestanden, an der Quelle der Lippe. Gudruns Volk hatte diesen Baum verehrt; doch er war von den Armeen Kaiser Karls gefällt worden.

»Es war ein wunderschöner Baum«, erzählte Gudrun, »und so hoch, daß niemand den Wipfel sehen konnte. Der Baum …«

Sie hielt inne. Johanna spürte plötzlich, daß noch jemand im Raum war. Sie hob den Kopf. Ihr Vater stand im Türeingang.

Gudrun setzte sich im Bett auf. »Mein liebster Gemahl«, sagte sie erstaunt. »Ich habe dich erst in vierzehn Tagen zurückerwartet.«

Der Dorfpriester gab keine Antwort. Er nahm eine Wachskerze vom Tisch in der Nähe der Tür, ging zum Herdfeuer und zündete die Kerze an den glühenden Scheiten an.

»Das Kind hatte Angst vor dem Donner«, sagte Gudrun nervös, als das Licht der Kerze sich ausbreitete. »Da habe ich mir gedacht, ich lenke es mit einer harmlosen Geschichte ab.«

»Harmlos!« Die Stimme des Dorfpriesters zitterte vor Anstrengung, als er sich mühte, seine Wut im Zaum zu halten. »Eine solche Gotteslästerung nennst du harmlos?« Mit zwei langen Schritten war er neben dem Bett, stellte die Kerze ab und zog mit einem Ruck die Decke zur Seite, so daß Mutter und Tochter im flackernden Licht der Flamme zu sehen waren. Johanna hatte die Arme um Gudruns Leib geschlungen und war halb von einem Vorhang aus langem, weißgoldenem Haar verdeckt.

Für einen Augenblick starrte der Dorfpriester fassungslos auf das Bild, das sich ihm bot, und betrachtete ungläubig Gudruns langes, gelöstes Haar. Dann übermannte ihn wilder Zorn. »Wie kannst du es wagen! Wo ich es dir ausdrücklich verboten habe!« Er packte Gudrun und wollte sie aus dem Bett zerren. »Heidnische Hexe!«

Johanna klammerte sich an ihre Mutter. Das Gesicht des Dorfpriesters lief dunkel an. »Scher dich fort, du Balg!« brüllte er. Johanna zögerte, hin und her gerissen zwischen Furcht und dem Verlangen, ihre Mutter irgendwie zu beschützen.

Hastig und drängend stieß Gudrun sie an. »Geh. Rasch. Geh rasch!«

Johanna löste sich von ihr, sprang auf den Fußboden und rannte los. An der Tür drehte sie sich um und sah, wie ihr Vater das Haar der Mutter packte, ihren Kopf brutal nach hinten drückte und sie auf die Knie zwang. Johanna lief los, wollte zur Mutter zurück. Doch vor Entsetzen blieb sie wie angewurzelt stehen, als sie sah, wie ihr Vater sein langes Jagdmesser mit dem Hirschhorngriff unter dem geschnürten Gürtel hervorzog.

»Forsachistu diabolae?« fragte er Gudrun auf Sächsisch, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Als sie nichts erwiderte, drückte er ihr die Messerspitze an die Kehle. »Sag die Worte«, zischte er drohend. »Sag die Worte!«

»Ec forsacho allum diaboles«, schluchzte Gudrun unter Tränen, doch in ihren Augen funkelte Trotz. »Wuercum und wuordum, thunaer ende woden ende saxnotes ende allum …«

Vor Angst wie erstarrt, beobachtete Johanna, wie ihr Vater wieder Gudruns Haar packte, mit der einen Hand einen dicken Zopf bildete und mit der anderen Hand das Messer darüberzog. Es gab ein reißendes Geräusch, als die seidenen Strähnen durchtrennt wurden, und ein langes, dickes, weißgoldenes Haarbüschel fiel zu Boden.

Johanna schlug die Hand vor den Mund, um ein Schluchzen zu unterdrücken, warf sich herum und rannte los.

In der Dunkelheit prallte sie gegen eine Gestalt, die nach ihr griff. Sie kreischte vor Angst, als sie gepackt wurde. Die Hand des Ungeheuers! Die hatte sie vollkommen vergessen! Johanna wand sich, trommelte mit den kleinen Fäusten auf die Bestie ein und wehrte sich mit aller Kraft. Doch das Ungeheuer war riesengroß und hielt sie fest gepackt.

»Johanna! Was ist denn, Johanna? Ich bin’s!«

Die Worte durchdrangen den Schleier aus Angst und Entsetzen. Es war ihr zehnjähriger Bruder Matthias, der gemeinsam mit dem Vater heimgekehrt war.

»Wir sind wieder zu Hause. Hör endlich auf, um dich zu schlagen, Johanna! Es ist alles gut! Ich bin’s.« Johanna streckte einen Arm aus und spürte die glatte Oberfläche des Brustkreuzes, das Matthias stets trug. Dann ließ sie sich erleichtert gegen ihn sinken.

Einige Zeit später saßen sie zusammen in der Dunkelheit und lauschten den leisen, ratschenden Lauten, mit denen das Messer des Vaters das lange Haar ihrer Mutter abtrennte. Einmal hörten sie, wie Gudrun vor Schmerz aufschrie. Matthias fluchte laut, und wie als Antwort erklang ein Schluchzen aus dem Bett, auf dem sich Johannas jüngerer, achtjähriger Bruder Johannes unter den Decken versteckt hatte.

Endlich verstummten die gräßlichen Laute. Nach einer kurzen Pause erklang die murmelnde Stimme des Dorfpriesters. Er betete. Johanna spürte, wie Matthias sich entspannte. Es war vorüber. Sie schlang die Arme um den Hals des älteren Bruders und weinte. Er hielt sie fest und wiegte sie sanft.

Nach einer Weile blickte sie zu ihm auf.

»Vater hat Mama eine Heidin genannt.«

»Ja.«

»Aber das ist sie nicht«, sagte Johanna zögernd, »oder doch?«

»Sie war es.« Als er den Ausdruck entsetzten Unglaubens auf dem Gesicht der kleinen Schwester sah, fügte er rasch hinzu: »Vor langer Zeit. Sie ist es längst nicht mehr. Aber was sie dir vorhin erzählt hat, waren Geschichten von den Heiden.«

Johanna hörte zu weinen auf, denn diese Information war höchst interessant.

»Du kennst doch das erste Gebot, nicht wahr?«

Johanna nickte und zitierte gehorsam: »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.«

»Ja. Das bedeutet, daß es die Götter gar nicht gibt, von denen Mama erzählt hat, und daß es Sünde ist, von ihnen zu sprechen.«

»Hat Vater sie deshalb …?«

»Ja«, unterbrach Matthias die kleine Schwester. »Mama mußte zum Wohle ihrer Seele bestraft werden. Und sie hat ihrem Ehemann nicht gehorcht, und auch das ist ein Verstoß gegen Gottes Gesetz.«

»Warum?«

»Weil es so in der Heiligen Schrift steht«, erwiderte Matthias und zitierte: »›Denn der Gatte ist der Beherrscher des Weibes; deshalb sollen die Weiber sich in allen Dingen dem Manne unterwerfen.‹«

»Warum?«

»Wa- warum?« Matthias war perplex. Diese Frage hatte ihm noch niemand gestellt. »Na ja, ich nehme an, weil … weil Frauen von Natur aus den Männern unterlegen sind. Männer sind größer, stärker und klüger.«

»Aber …«, setzte Johanna zur Erwiderung an, wurde jedoch von ihrem Bruder unterbrochen.

»Das waren vorerst genug Fragen, Schwesterchen. Du müßtest längst im Bett sein. Komm jetzt.« Er trug sie zum Bett und legte sie neben Johannes, der bereits in tiefem Schlaf lag.

Wie immer war Matthias lieb zu ihr gewesen. Um ihm seine Freundlichkeit zu danken, schloß Johanna die Augen, deckte sich zu und tat so, als würde sie schlafen.

Doch sie war viel zu aufgeregt, als daß sie hätte schlafen können. Sie lag in der Dunkelheit und spähte auf den leise schnarchenden Johannes, dessen Kinnlade schlaff herunterhing; der Mund stand offen.

Er ist schon acht Jahre alt und kann immer noch nichts aus dem Buch der Psalmen aufsagen. Johanna war erst fünf, doch sie kannte die ersten zehn Psalmen bereits auswendig.

Folglich war Johannes nicht so klug wie sie. Aber er war ein Junge und hätte klüger sein müssen. Wie konnte Matthias sich so sehr irren? fragte sich Johanna. Er wußte doch alles, und später würde er Priester werden wie ihr Vater.

Johanna lag wach in der Dunkelheit und ließ sich diese Dinge wieder und wieder durch den Kopf gehen.

Bei Anbruch der Morgendämmerung schlief sie ein, doch ihr Schlaf war ruhelos, und sie wurde von Träumen über gewaltige Kriege zwischen eifersüchtigen und zornigen Göttern heimgesucht. Der Engel Gabriel persönlich kam mit einem Flammenschwert vom Himmel, um mit Thor und Freyja den Kampf zu wagen. Die Schlacht war wild und schrecklich, doch am Ende wurden die falschen Götter zurückgeschlagen, und Gabriel stand triumphierend vor den Toren des Paradieses. Sein Flammenschwert war verschwunden; in seiner Hand funkelte ein kurzes Jagdmesser mit Hirschhorngriff.

2.

Der hölzerne Griffel bewegte sich schnell und bildete Buchstaben und Worte im weichen gelben Wachs der Schreibtafel. Aufmerksam blickte Johanna ihrem Bruder Matthias über die Schulter, während dieser die Lektion des heutigen Tages niederschrieb. Dann und wann hielt er inne und wedelte mit einer Kerzenflamme über die Schreibtafel, damit das Wachs nicht zu schnell hart wurde.

Johanna schaute Matthias sehr gern bei der Arbeit zu. Mit dem spitzen Holzgriffel drückte er Furchen in das formlose Wachs, die in Johannas Augen eine geheimnisvolle Schönheit besaßen. Nur zu gern hätte sie verstanden, für welchen Buchstaben jedes Zeichen stand. Wie stets verfolgte sie auch diesmal voller Aufmerksamkeit alle Bewegungen des Griffels, als wollte sie den Schlüssel finden, der ihr die Bedeutung enthüllte, die sich hinter der Gestalt der verschiedenen Linien im Wachs verbarg.

Matthias legte den Griffel zur Seite, lehnte sich im Stuhl zurück und rieb sich die Augen. Johanna nutzte die Gelegenheit, beugte sich über das Schreibpult und zeigte auf eins der Worte.

»Was hat das hier zu bedeuten?«

»Geronimus. So hieß einer der großen Kirchenväter.«

»Geronimus«, wiederholte Johanna langsam. »Das hört sich so ähnlich wie mein eigener Name an.«

»Weil einige Buchstaben dieselben sind«, erwiderte Matthias lächelnd.

»Zeig sie mir.«

»Lieber nicht. Es würde Vater nicht gefallen, wenn er’s herausfände.«

»Das glaube ich nicht«, bettelte Johanna. »Bitte, Matthias. Ich möchte es so gern wissen. Zeig es mir. Bitte, bitte.«

Matthias zögerte. »Also gut. Was kann es schon schaden, wenn ich’s dir beibringe, deinen Namen zu schreiben. Es könnte dir sogar von Nutzen sein, wenn du eines Tages verheiratet bist und deinen eigenen Haushalt führen mußt.«

Er legte die Hand auf die der Schwester und half ihr, die Buchstaben ihres Namens ins Wachs zu ritzen: J-O-H-A-N-N-A, mit einem schön geschwungenen ›A‹ am Schluß.

»Gut. Und jetzt versuch es allein.«

Johanna packte den Griffel ganz fest, brachte ihre Finger in die seltsame, unbequeme Schreibhaltung und zwang sie, jene Schriftzeichen zu bilden, die sie zuerst vor dem geistigen Auge formte. Einmal stampfte sie vor Zorn und Enttäuschung mit dem Fuß auf, als sie den Griffel nicht in die gewünschte Richtung führen konnte.

»Langsam, kleine Schwester, langsam«, beruhigte Matthias sie. »Du bist erst fünf. In diesem Alter ist es nicht so leicht, schreiben zu lernen. Ich kann mich gut daran erinnern; ich habe auch mit fünf Jahren angefangen. Laß dir Zeit, dann geht es zum Schluß ganz wie von selbst.«

Am nächsten Tag stand Johanna sehr früh auf und ging nach draußen. In der weichen Erde um den Viehpferch herum malte sie mit dem Finger immer wieder bestimmte Buchstaben, bis sie sicher war, es richtig gemacht zu haben. Dann rief sie stolz Matthias zu sich, damit er ihr Werk bewundern konnte.

»Oh! Das ist sehr gut, kleine Schwester! Wirklich, ich muß schon sagen, daß du …« Abrupt hielt er inne und murmelte schuldbewußt: »Aber wenn Vater das hier sieht, wird es ihm ganz und gar nicht gefallen.« Mit der Schuhsohle glättete er die Erde und verwischte die Buchstaben, die Johanna geschrieben hatte.

»Nein, Matthias! Nein!« Johanna versuchte, ihren Bruder fortzuziehen. Von dem Lärm gestört, begannen die Schweine mit einem Grunzkonzert.

Matthias beugte sich herunter, um die Schwester zu umarmen. »Mach dir nichts draus, Johanna. Sei nicht traurig.«

Sie fing an zu weinen. »Ab-aber du hast ge-gesagt, daß meine Bu-buchstaben schön sind!«

»Das sind sie auch.« Matthias mußte staunen, wie schön sie waren. Schöner als die seines Bruders Johannes, und der war drei Jahre älter als die kleine Schwester. Wäre Johanna kein Mädchen gewesen, hätte Matthias ihr gesagt, daß sie eines Tages ein guter Schreiber werden könne. Aber es war besser, einem Kind keine derart wirren Gedanken in den Kopf zu setzen. »Ich konnte die Buchstaben nicht stehen lassen, weil Vater sie nicht sehen darf. Deshalb hab’ ich sie fortgewischt.«

»Wirst du mir noch mehr Buchstaben beibringen, Matthias?«

»Ich habe dir schon mehr gezeigt, als ich dir hätte zeigen sollen.«

»Bitte!« bettelte sie, und in ihren graugrünen Augen schimmerten Tränen. »Vater wird’s schon nicht herausfinden. Ich werde es ihm nie erzählen, ich versprech’s. Und wenn ich fertig bin, werde ich die Buchstaben ganz gründlich fortwischen. Ja?« Sie blickte ihm in die Augen und wünschte sich ganz fest, er möge zustimmen.

Mit reuevoller Erheiterung schüttelte Matthias den Kopf. Seine kleine Schwester war hartnäckig; das mußte man ihr lassen. Er wischte ihr eine Träne von der Wange. »Also gut«, willigte er ein. »Aber denk daran. Wir müssen das Geheimnis für uns behalten.«

Bald darauf wurde es eine Art Spiel zwischen ihnen beiden. Sobald sich die Gelegenheit bot – was längst nicht so oft der Fall war, wie Johanna es sich gewünscht hätte –, zeigte Matthias ihr, wie man Buchstaben in den Boden zeichnete. Johanna war eine eifrige Schülerin, und wenngleich er sich der möglichen Folgen bewußt war, konnte Matthias sich ihrer Begeisterung nicht entziehen. Auch er liebte das Lernen, und Johannas Eifer rührte ihm das Herz.

Doch selbst er war schockiert, als Johanna eines Tages mit der riesigen, in Holz gebundenen Bibel zu ihm kam, die dem Vater gehörte.

»Was tust du da?« rief er. »Bring das Buch zurück! Du hättest es niemals anrühren dürfen!«

»Bring mir das Lesen bei.«

»Was?« Ihre Hartnäckigkeit war erstaunlich. »Also wirklich, kleine Schwester, jetzt verlangst du aber zuviel von mir.«

»Warum?«

»Na ja … zum einen ist das Lesen sehr viel schwieriger, als bloß das Abc zu lernen. Ich bezweifle, daß du es jemals schaffen wirst.«

»Warum sollte ich’s nicht schaffen? Du hast es doch auch geschafft.«

Er lächelte nachsichtig. »Ja. Aber ich bin ein Mann.« Das stimmte allerdings nicht ganz, denn Matthias war nicht einmal dreizehn Jahre alt. Aber in gut einem Jahr, wenn er vierzehn wurde, würde er wirklich ein Mann sein. Doch es gefiel ihm, diesen Anspruch jetzt schon zu erheben. Außerdem kannte seine kleine Schwester den Unterschied sowieso nicht.

»Ich kann es schaffen. Ich weiß, daß ich’s kann.«

Matthias seufzte. Diese Sache würde ihm noch Kopfzerbrechen bereiten. »Es ist nicht nur die Frage, ob du es schaffen kannst, Johanna. Es ist gefährlich, und wider die Natur, daß ein Mädchen lesen und schreiben kann.«

»Die heilige Katharina konnte es auch. Der Bischof hat’s in seiner Predigt gesagt, erinnerst du dich nicht? Er sagte, sie wurde ihrer Weisheit und ihrer Gelehrsamkeit wegen geliebt.«

»Das ist etwas anderes. Sie war eine Heilige. Du bist bloß ein … Mädchen.«

Daraufhin schwieg Johanna. Matthias war froh, bei ihrem kleinen Disput so leicht und rasch gesiegt zu haben; er wußte, wie dickköpfig seine Schwester sein konnte. Er streckte die Hand nach der Bibel aus.

Johanna wollte sie ihm gerade reichen, als sie die Hand plötzlich wieder zurückzog. »Warum ist Katharina eine Heilige?« fragte sie.

Matthias hielt inne, die Hand noch immer nach der Bibel ausgestreckt. »Sie war eine Märtyrerin, die für den Glauben gestorben ist. Der Bischof hat’s in seiner Predigt gesagt, erinnerst du dich nicht?« Er konnte nicht widerstehen, ihr wie ein Papagei nachzuplappern.

»Warum hat man sie zu Tode gemartert?«

Matthias seufzte. »Sie hat Kaiser Maxentius und fünfzig seiner klügsten Philosophen bei einem Streitgespräch besiegt, indem sie durch eine unwiderlegbare Argumentation bewiesen hat, daß ihr Entschluß rechtens war, sich vom Heidentum abzukehren und Gott als den Schöpfer der Welt und Christus, seinen Sohn, als Erlöser anzuerkennen. Dafür wurde sie bestraft. Und jetzt komm, kleine Schwester, gib mir das Buch.«

»Wie alt war Katharina, als sie das getan hat?«

Was für seltsame Fragen dieses Kind stellte! »Ich möchte jetzt nicht mehr darüber reden«, sagte Matthias verärgert. »Gib mir jetzt endlich das Buch!«

Sie wich zurück und drückte die Bibel fest an sich. »Katharina war alt, als sie nach Alexandria gegangen ist, um mit den klügsten Philosophen des Kaisers ihr Streitgespräch zu führen, nicht wahr?«

Matthias fragte sich, ob er ihr das Buch entwinden sollte. Nein, lieber nicht. Dabei könnte sich der zerbrechliche Einband lösen. Und dann steckten sie beide in größeren Schwierigkeiten, als ihnen lieb sein konnte. Da war es schon besser, weiter zu reden und Johannas Fragen zu beantworten, so dumm und kindisch sie auch sein mochten, bis Johanna des Spiels müde war.

»Sie war dreiunddreißig, hat der Bischof gesagt. Genauso alt wie Jesus Christus bei der Kreuzigung.«

»Als die heilige Katharina den Kaiser besiegte – wurde sie da für ihre Gelehrsamkeit schon so sehr bewundert, wie der Bischof gesagt hat?«

»Offensichtlich«, erwiderte Matthias herablassend. »Wie sonst hätte sie die klügsten Männer des ganzen Landes bei einem solchen Streitgespräch übertrumpfen können?«

»Dann«, Johannas kleines Gesicht strahlte vor Triumph, »muß sie das Lesen gelernt haben, bevor sie eine Heilige wurde. Als sie bloß ein Mädchen war. So wie ich!«

Für einen Moment war Matthias sprachlos, hin und her gerissen zwischen Zorn und Erstaunen. Dann lachte er laut. »Du kleiner Teufelsbraten!« sagte er gutmütig. »Darauf also wolltest du hinaus. Ich muß schon sagen, du hast ein beachtliches Talent, Diskussionen zu führen, das steht fest.«

Da gab sie ihm die Bibel und lächelte erwartungsvoll.

Matthias nahm ihr das Buch aus der Hand und schüttelte den Kopf. Was für ein seltsames Wesen sie war. So wißbegierig, so entschlossen und so selbstsicher. Sie war ganz anders als Johannes und alle Kinder, denen er je begegnet war. In ihrem Kleinmädchengesicht strahlten die Augen einer weisen alten Frau. Kein Wunder, daß die anderen Mädchen im Dorf nichts mit ihr zu tun haben wollten.

»Also gut, kleine Schwester«, sagte er schließlich. »Heute fängst du an, das Lesen zu lernen.« Er sah die freudige Erwartung in ihren Augen und beeilte sich, ihre Vorfreude zu dämpfen. »Aber erhoffe dir nicht zuviel. Es ist viel schwieriger, als du glaubst.«

Johanna warf dem Bruder die Arme um den Hals. »Ich hab’ dich lieb, Matthias.«

Matthias befreite sich aus ihrer Umarmung, schlug das Buch auf und sagte schroff: »Hier fangen wir an.«

Johanna beugte sich über das Buch und nahm den durchdringenden Geruch nach Pergament und Holz wahr, als Matthias auf den Absatz zeigte. »Das Evangelium des Johannes, Kapitel eins, Vers eins. In principio erat verbum et verbum erat apud Deum et verbum erat Deus. – Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott …«

Der Sommer und Herbst dieses Jahres waren mild und fruchtbar; die Ernte war die beste, die es seit Jahren im Dorf gegeben hatte. Doch an Heilagmanoth fiel Schnee, und in eisigen Böen wehte ein kräftiger Wind aus dem Norden. Wieder wurde das Fenster des Grubenhauses zum Schutz gegen die Kälte mit Brettern vernagelt; der herangewehte Schnee türmte sich hoch an den Wänden, und die Familie blieb den größten Teil des Tages im Innern des Hauses. Für Johanna und Matthias wurde es zunehmend schwieriger, Zeit für ihre Unterrichtsstunden zu finden. An schönen Tagen ging der Dorfpriester noch immer seinem geistlichen Amt nach und nahm Johannes mit, während er Matthias seinen außerordentlich wichtigen Studien überließ. Sobald Gudrun in den Wald ging, um Feuerholz zu sammeln, eilte Johanna an das Schreibpult, an dem Matthias über seiner Arbeit saß, und schlug die Bibel an der Stelle auf, an der sie die vorherige Lektion beendet hatten. Auf diese Weise machte Johanna auch weiterhin rasche Fortschritte, so daß sie vor der Fastenzeit im nächsten Jahr beinahe das gesamte Buch des Johannes gemeistert hatte.

Eines Tages holte Matthias etwas aus seinem Ranzen hervor und hielt es Johanna mit einem Lächeln hin. »Für dich, kleine Schwester.« Es war ein Medaillon aus Holz, an einer langen Kordel befestigt. Matthias legte Johanna die Kordel um den Hals, so daß das Medaillon auf ihrer Brust ruhte.

»Was ist das?« fragte Johanna neugierig, denn sie hatte nie zuvor einen Halsschmuck gesehen.

»Es ist für dich. Damit du es trägst, so wie jetzt.«

»Oh«, sagte sie und fügte dann, als ihr auffiel, daß noch etwas fehlte, hinzu: »Danke schön.«

Matthias lachte, als er ihre Verblüffung sah. »Schau dir mal die Vorderseite des Anhängers an.«

Johanna tat wie geheißen und entdeckte, daß auf der einen Seite des Medaillons die groben Umrisse eines Frauenkopfes eingeschnitzt waren. Es handelte sich um eine ziemlich unbeholfene Arbeit; Matthias war schließlich kein Schnitzer. Doch die Augen der Frau waren sorgfältig geformt und von bemerkenswerter Schönheit: Sie schauten den Betrachter mit einem Ausdruck wacher Intelligenz an.

»Und jetzt«, forderte Matthias sie auf, »schau dir die Rückseite an.«

Johanna drehte den Anhänger. In derben Buchstaben, die sich am Rand des Medaillons aneinanderreihten, las sie die Worte: ›Heilige Katharina von Alexandria.‹

Mit einem Jubelschrei drückte Johanna sich das Medaillon an die Brust. Sie wußte, was dieses Geschenk bedeutete. Auf seine Weise wollte Matthias ihr damit zu verstehen geben, wie hoch er ihre Fähigkeiten schätzte und wieviel ihre gemeinsame Arbeit ihm bedeutete. Für Johanna war es das schönste Geschenk, das sie je bekommen hatte. »Vielen Dank«, sagte sie noch einmal, und diesmal kam der Dank von Herzen. Johanna wußte nicht, was sie noch sagen sollte; deshalb beugte sie sich vor und gab dem Bruder einen Kuß.

Matthias lächelte sie an, und jetzt erst sah Johanna die dunklen Ringe um seine Augen. Er sah müde und erschöpft aus.

»Dir geht es doch gut, oder?« fragte sie besorgt.

»Aber natürlich!« erwiderte Matthias ein bißchen zu überzeugt und nachdrücklich. »Fangen wir mit dem Unterricht an, einverstanden?«

Doch er war nervös und nicht recht bei der Sache. Zum erstenmal entging es ihm, daß die Schwester einen Flüchtigkeitsfehler machte.

»Stimmt etwas nicht?« fragte Johanna.

»Nein, nein. Ich bin nur ein bißchen müde.«

»Sollen wir nicht lieber aufhören? Es macht mir nichts aus. Wir können morgen weitermachen.«

»Nein. Ich war mit den Gedanken woanders. Tut mir leid. Also, wo waren wir stehengeblieben? Ach, ja. Lies den letzten Abschnitt noch einmal. Und paß diesmal bei dem Verb auf. Es heißt videat, nicht videt

Als Matthias am nächsten Morgen erwachte, klagte er über Kopf- und Halsschmerzen. Gudrun brachte ihm einen Becher heißen Molkentrank aus gewürzter Milch und Wein, mit Gurkenkraut und Honig versetzt.

»Den Rest des Tages mußt du im Bett bleiben«, sagte sie. »Der Junge von der alten Frau Wigbod hat Schüttelfrost und Fieber. Vielleicht bekommst du’s auch.«

Doch Matthias lachte nur und sagte, es wäre keine solche Krankheit. Er stand auf und arbeitete mehrere Stunden an seinen Studien; dann bestand er darauf, nach draußen zu gehen und Johanna dabei zu helfen, die Weinreben zu beschneiden.

Am nächsten Morgen hatte er Fieber und Schluckbeschwerden. Selbst der Dorfpriester mußte zugeben, daß sein Sohn tatsächlich krank aussah.

»Heute bist du von deinen Studien befreit«, sagte er zu Matthias. Es war eine Ausnahmebewilligung, wie man sie noch nie von ihm gehört hatte.

Die Familie wandte sich mit der Bitte um Hilfe an das Kloster von Lorsch. Nach zwei Tagen erschien ein heilkundiger Mönch und untersuchte Matthias, schüttelte ernst den Kopf und murmelte irgend etwas vor sich hin. Zum erstenmal erkannte Johanna, daß der Zustand ihres Bruders möglicherweise ernst war. Der Gedanke war erschreckend. Der Mönch ließ Matthias reichlich zur Ader und setzte sein gesamtes Repertoire an Gebeten und gesegneten Amuletten ein. Doch an Mariä Verkündigung war Matthias’ Zustand bedrohlich. Er war vom Fieber völlig benommen und wurde von dermaßen schrecklichen Hustenanfällen geschüttelt, daß Johanna sich die Ohren zuhielt, um es nicht mit anhören zu müssen.

Den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht wachte die Familie am Krankenbett. Johanna kniete neben ihrer Mutter auf dem festgestampften Lehmfußboden. Die Veränderung in Matthias’ Erscheinungsbild machte ihr schreckliche Angst. Sein Gesicht war dermaßen ausgezehrt, daß die Haut sich über den Knochen spannte und die vertrauten Züge zu einer entsetzlichen Fratze verzerrte, und unter der fiebrigen Rötung war ein beängstigender grauer Unterton zu erkennen.

Über ihnen, in der Dunkelheit, klang die monotone Stimme des Dorfpriesters hinaus in die Nacht, als er Gebete für die Errettung seines Sohnes sprach. »Domine sancte, pater omnipotens, aeterne Deus, qui fragilitatem conditionis nostrae …«

Johanna nickte schläfrig.

»Nein!«

Bei dem klagenden Schrei ihrer Mutter erwachte sie schlagartig.

»Er ist tot! Matthias, mein Sohn!«

Johanna schaute auf das Bett. Nichts schien sich verändert zu haben. Matthias lag so regungslos da wie zuvor. Dann aber fiel ihr auf, daß seine Haut die fiebrige Röte verloren hatte; sie war vollkommen grau – die Farbe von Gestein.

Johanna nahm die Hand des Bruders. Sie war schlaff und schwer, aber nicht mehr so heiß wie zuvor. Johanna hielt sie ganz fest und drückte sie an ihre Wange. Bitte, sei nicht tot, Matthias. Wenn er tot war, würde sie nie mehr neben ihm und Johannes in dem großen Bett schlafen können; sie würde nie mehr erleben, wie er an seinem Schreibpult aus Fichtenholz saß, die Stirn vor Konzentration gefurcht, wenn er seine Texte studierte; sie würde nie mehr neben ihm sitzen, während seine Finger sich über die Seiten der Bibel bewegten und dann und wann innehielten, um Worte zu bezeichnen, die Johanna laut vorlesen sollte. Bitte, sei nicht tot.

Nach einer Weile schickten sie Johanna aus dem Zimmer, damit ihre Mutter und die Frauen des Dorfes Matthias’ Körper waschen und in ein Leichenhemd aus Leinen kleiden konnten. Als die Frauen fertig waren, durfte Johanna wieder ans Bett kommen und ihrem Bruder die letzte Ehre erweisen. Von der unnatürlichen grauen Farbe seiner Haut abgesehen, hatte es den Anschein, als würde Matthias schlafen. Johanna stellte sich vor, daß er aufwachen würde, wenn sie ihn berührte; daß seine Augen sich öffnen und sie so liebevoll und verschmitzt wie früher anschauen würden, so, als wäre alles nur Verstellung gewesen. Sie küßte ihn auf die Wange, wie die Mutter sie angewiesen hatte. Die Haut war kalt und seltsam hart, so wie die Haut des toten Kaninchens, das Johanna erst letzte Woche aus dem Erdschuppen geholt hatte. Rasch zog sie den Kopf zurück.

Matthias gab es nicht mehr.

Nun würde es auch keine Unterrichtsstunden mehr geben.

Sie stand neben dem Viehpferch und betrachtete die Flecken dunkler Erde, die allmählich unter der schmelzenden Schneeschicht zum Vorschein kamen. Es war jenes Fleckchen Erde, in das Johanna ihre ersten Buchstaben gezeichnet hatte.

»Matthias«, flüsterte sie. Sie sank auf die Knie. Der feuchte Schnee durchdrang ihren wollenen Umhang, bis sie die Nässe auf der Haut spürte. Ihr war sehr kalt, aber sie konnte nicht zurück ins Haus. Erst mußte sie etwas erledigen. Mit dem Zeigefinger malte sie die vertrauten Buchstaben aus dem Johannesevangelium in den feuchten Schnee.

Ubi sum ego vos non potestis venire. »Dort, wo ich bin, könnt ihr nicht hingehen.«

»Wir alle werden Buße tun«, verkündete der Dorfpriester nach Matthias’ Beisetzung, »um Vergebung für unsere Sünden zu erbitten, die den Zorn Gottes auf unsere Familie herabbeschworen haben.« Er hieß Johanna und Johannes, sich in schweigendem Gebet auf das harte Brett zu knien, das als Familienaltar diente. Dort verharrten sie ohne Essen und Trinken den ganzen Tag bis zum Anbruch der Dunkelheit; dann endlich ließ der Vater sie gehen und erlaubte ihnen, im Bett zu schlafen, das jetzt, ohne Matthias, riesengroß und leer erschien. Johannes stöhnte vor Hunger. Mitten in der Nacht weckte Gudrun die Kinder, wobei sie warnend den Zeigefinger auf die Lippen legte. Der Dorfpriester war eingeschlafen. Rasch reichte Gudrun den Kindern ein paar Stücke Brot und eine Holzschale voller Ziegenmilch; weitere Nahrungsmittel hatte sie nicht aus der Speisekammer hinauszuschmuggeln gewagt, aus Angst, den Verdacht ihres Mannes zu erregen. Johannes schlang das Brot hinunter und war immer noch hungrig, worauf Johanna ihren Anteil mit ihm teilte. Als die Kinder gegessen hatten, zog Gudrun ihnen die wollenen Decken bis unters Kinn, nahm die Holzschale und ging. Die Kinder kuschelten sich aneinander, um sich gegenseitig ein bißchen Wärme und Trost zu spenden, und schliefen rasch ein.

Mit dem ersten Tageslicht weckte der Dorfpriester die Kinder und schickte sie ohne Frühstück zum Altar, um dort ihre Buße fortzuführen. Der Morgen zog vorüber und die Mittagsstunde, und noch immer verharrten die Kinder auf den Knien.

Die Strahlen der Spätnachmittagssonne, die durch die Ritzen im vernagelten Fenster des Grubenhauses sickerten, fielen auf den Altar. Johanna stöhnte und versuchte, auf dem harten Brett des behelfsmäßigen Altars eine bequemere Körperhaltung einzunehmen. Ihr schmerzten die Knie, und ihr Magen knurrte. Sie versuchte mit aller Kraft, sich auf die Worte ihres Gebets zu konzentrieren. Pater noster qui es in coelis, sanctificetur nomen tuum, adveniat regnum tuum …

Es hatte keinen Sinn. Es gab kein Entrinnen aus dieser Situation. Johanna war müde und hungrig, und sie vermißte Matthias. Sie fragte sich, warum sie nicht weinte. Sie verspürte ein Druckgefühl in der Kehle und der Brust; aber die Tränen wollten nicht fließen.

Sie starrte auf das kleine hölzerne Kruzifix, das über dem Altar an der Wand hing. Der Dorfpriester hatte es aus seiner Heimat mitgebracht, aus England, als er zum erstenmal auf das Festland gekommen war und mit seiner Missionsarbeit bei den heidnischen Sachsen begonnen hatte. Von einem Künstler aus Northumbrien gefertigt, besaß die Christusgestalt eine größere dramatische Ausstrahlung und Detailgenauigkeit als die meisten französischen Arbeiten. Der Körper Jesu wand sich am Kreuz; die Gliedmaßen waren gestreckt; die Rippen traten hervor, und die untere Körperhälfte war seitlich verdreht, um die Todesqualen des Gekreuzigten zu unterstreichen. Sein Kopf war nach hinten gesunken, so daß der Adamsapfel deutlich hervortrat – eine seltsam beunruhigende Erinnerung an die Männlichkeit Jesu Christi. Das Holz wies tiefe Ätzspuren auf, die den Blutstrom aus den vielen Wunden Christi verdeutlichen sollten.

Doch trotz aller Ausdruckskraft war die Gestalt grotesk. Johanna wußte, daß sie angesichts des Opfers Christi von Liebe und Ehrfurcht erfüllt sein sollte; statt dessen fühlte sie sich von dem Anblick abgestoßen. Verglichen mit den schönen und starken Göttern ihrer Mutter sah diese Gestalt häßlich, zerbrochen und besiegt aus.

Neben Johanna begann ihr Bruder leise zu schluchzen. Tröstend ergriff sie seine Hand. Johannes nahm Bestrafungen schwer. Sie war stärker als er – und das wußte sie. Obwohl Johannes fast zehn Jahre alt war und sie noch nicht einmal sieben, hielt sie es für ganz natürlich, daß sie sich seiner annahm, ihn tröstete und beschützte, und nicht andersherum.

Johannes liefen Tränen über die Wangen. »Es ist so ungerecht«, sagte er.

»Nicht weinen.« Johanna hatte Angst, daß die Geräusche ihre Mutter auf den Plan rufen könnten oder – schlimmer noch – ihren Vater. »Bald ist die Zeit der Buße vorbei.«

»Darum geht es doch gar nicht!« erwiderte er mit verletzter Würde.

»Um was geht es dann?«

»Du würdest es nicht verstehen.«

»Sag’s mir.«

»Vater will bestimmt, daß ich Matthias’ Aufgabe übernehme. Daß ich die Studien weiterführe. Ich weiß, daß er’s will. Aber das kann ich nicht. Ich kann es nicht!«

»Vielleicht doch«, sagte Johanna, obwohl sie wußte, was ihrem Bruder so großen Kummer bereitete. Der Vater beschuldigte ihn der Trägheit und schlug ihn, wenn er bei seinen Studien keine Fortschritte machte; aber es war nicht Johannes’ Schuld. Er versuchte, sein Bestes zu geben, doch sein Verstand arbeitete zu langsam. So war es immer schon gewesen.

»Nein«, beharrte Johannes. »Ich bin nicht so wie Matthias. Hast du gewußt, daß Vater ihn nach Aachen schicken wollte, um seine Aufnahme an die scola palatina zu erbitten?«

»Wirklich?« Johanna war erstaunt. Die Palastschule zu Aachen! Sie hatte gar nicht gewußt, daß der Vater mit Matthias so hochfliegende Pläne gehabt hatte.

»Und ich kann noch nicht einmal Donatus lesen. Vater hat gesagt, daß Matthias Donatus schon beherrscht hat, als er erst neun Jahre alt war, und ich bin zehn. Was soll ich tun, Johanna? Was soll ich nur tun?«

»Na ja …« Johanna versuchte, sich eine Antwort einfallen zu lassen, um den Bruder zu beruhigen, doch die Anstrengungen der letzten zwei Tage hatten Johannes in einen Zustand apathischer Furcht versetzt.

»Er wird mich schlagen. Ich weiß, er wird mich schlagen.« Jetzt begann Johannes laut zu weinen und zu jammern. »Ich will aber nicht geschlagen werden!«

Stirnrunzelnd erschien Gudrun im Eingang. Nach einem nervösen Blick in den Raum hinter ihr eilte sie zu Johannes hinüber. »Hör auf. Möchtest du, daß Vater kommt? Hör sofort auf, sag ich dir!«

Unbeholfen robbte Johannes vom Altar, warf den Kopf in den Nacken und plärrte. Als hätte er die Worte seiner Mutter gar nicht gehört, weinte er herzzerreißend, wobei ihm die Tränen über die heißen, rotgefleckten Wangen liefen.

Gudrun packte Johannes’ Schultern und schüttelte ihn. Sein Kopf ruckte heftig vor und zurück; seine Augen waren geschlossen, und sein Mund stand offen. Johanna hörte das scharfe Klicken der Zähne, als seine Kiefer aufeinanderschlugen. Verdutzt öffnete Johannes die Augen und blickte die Mutter an.

Gudrun umarmte ihn und zog ihn an sich. »Du wirst jetzt nicht mehr weinen. Um deiner Schwester willen – und um meinetwillen – darfst du nicht mehr weinen. Alles wird gut, mein Sohn. Aber dann mußt du jetzt ruhig sein.« Sie wiegte den Jungen, besänftigte ihn und wies ihn gleichzeitig zurecht.

Johanna beobachtete die Szene nachdenklich. Sie erkannte die Wahrheit in den Worten ihres Bruders. Johannes war kein besonders kluges Kind. Nie und nimmer konnte er in Matthias’ Fußstapfen treten.

Doch ihr Gesicht rötete sich vor Erregung, als ein plötzlicher Gedanke sie mit der Kraft der göttlichen Offenbarung durchfuhr.

»Was ist mit dir, Johanna?« Gudrun hatte den eigenartigen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Tochter gesehen. »Ist dir nicht gut?« Gudrun war besorgt, denn die bösen Geister, die das Fieber brachten, suchten ein bestimmtes Haus für längere Zeit heim, wie sie wußte.

»Nein, Mama. Aber ich habe eine Idee. Eine wundervolle Idee!«

Gudrun seufzte ergeben. Dieses Mädchen steckte voller Ideen, die sie allerdings nur in Schwierigkeiten brachten.

»Ja?«

»Vater wollte, daß Matthias zur Aachener Palastschule geht.«

»Ich weiß.«

»Und jetzt möchte er, daß Johannes an Matthias’ Stelle die Schule besucht. Deshalb weint Johannes, Mama. Er weiß, daß er es nicht schaffen kann, und er hat Angst, daß Vater wütend auf ihn ist.«

»Ich weiß. Und?« fragte Gudrun verwirrt.

»Ich könnte zu der Schule gehen, Mama. Ich könnte Matthias’ Studien weiterführen.«

Für einen Augenblick war Gudrun zu schockiert, als daß sie hätte antworten können. Ihre Tochter, ihr kleines Mädchen, das Kind, das sie am liebsten hatte – der einzige Mensch, dem sie die Sprache und die Geheimnisse ihres Volkes anvertraut hatte – ausgerechnet dieses Kind wollte die heiligen Bücher der christlichen Eroberer studieren? Es schmerzte Gudrun tief, daß Johanna so etwas auch nur in Erwägung zog.

»Was für ein Unsinn!« sagte sie.

»Ich kann hart arbeiten«, beharrte Johanna. »Ich lese gern, und ich lerne gern. Ich kann es schaffen. Und dann braucht Johannes nicht dorthin zu gehen, wo er’s doch nicht möchte.« Johannes, der den Kopf noch immer an die Brust der Mutter gedrückt hielt, gab einen gedämpften Schluchzer von sich.

»Aber du bist ein Mädchen. Solche Dinge sind nichts für dich«, sagte Gudrun abweisend. »Außerdem würde dein Vater es niemals gutheißen.«

»Aber Mama! Das war früher. Die Dinge haben sich geändert. Siehst du das denn nicht? Vielleicht denkt Vater jetzt anders darüber.«

»Ich verbiete dir, mit deinem Vater über diese Sache zu reden. Offensichtlich hat es dich und deinen Bruder wirr im Kopf gemacht, daß ihr auf Essen und Schlaf verzichten mußtet. Sonst würdest du nicht solchen Unsinn reden.«

»Aber wenn ich ihm nur zeigen dürfte, daß ich …«

»Schluß jetzt! Ich will nichts mehr davon hören!« Gudruns Stimme klang endgültig.

Johanna verstummte. Sie griff in ihre Tunika und umklammerte das Medaillon mit dem Bildnis der heiligen Katharina, das Matthias ihr geschnitzt hatte. Ich kann Latein lesen, und Johannes kann es nicht, dachte sie hartnäckig. Warum sollte es eine Rolle spielen, daß ich ein Mädchen bin?

Sie ging zur Bibel, die auf dem kleinen hölzernen Schreibpult lag, hob das Buch in die Höhe, spürte sein Gewicht und das vertraute Gefühl des rauhen Einbands. Der Geruch nach Holz und Pergament, den sie so eng mit Matthias in Verbindung brachte, ließ sie an ihre gemeinsame Arbeit denken, an alles, was er sie gelehrt hatte, und alles, was er sie noch hatte lehren wollen. Vielleicht, wenn ich Vater zeige, was ich gelernt habe … vielleicht erkennt er dann, daß ich es schaffen kann. Wieder einmal spürte sie, wie eine Woge der Erregung in ihr aufstieg. Aber es könnte Ärger geben. Vielleicht wird Vater sehr wütend. Und der Zorn ihres Vaters ängstigte Johanna; sie war oft genug von ihm geschlagen worden, um seine Zornesausbrüche und die Kraft seiner Wut zu kennen und zu fürchten.

Unschlüssig stand sie da und betastete gedankenversunken die glatte Oberfläche des hölzernen Einbands der Bibel. Dann, einem impulsiven Entschluß folgend, schlug sie das Buch auf – und blickte auf die ersten Seiten des Johannesevangeliums, jenes Textes, den Matthias sie zuerst zu lesen gelehrt hatte. Das ist ein Zeichen, ging es Johanna durch den Kopf.

Ihre Mutter hatte ihr den Rücken zugekehrt und hielt Johannes in den Armen, dessen Schluchzer zu einem trostlosen, verzweifelten Schluckauf abgeklungen waren. Jetzt ist die beste Gelegenheit. Johanna nahm die aufgeschlagene Bibel und ging mit ihr in den angrenzenden Raum.

Ihr Vater saß gebeugt auf einem Stuhl, den Kopf gesenkt, die Hände vors Gesicht geschlagen. Er bewegte sich nicht, als Johanna auf ihn zutrat. Von plötzlicher Angst erfüllt, blieb sie stehen. Die Idee war lächerlich, unmöglich; Vater würde niemals seine Einwilligung erteilen. Johanna wollte den Raum schon wieder verlassen, als ihr Vater die Hände vom Gesicht nahm und den Kopf hob. Johanna stand vor ihm, die aufgeschlagene Bibel in den Händen.

Ihre Stimme war nervös und zittrig, als sie zu lesen begann: »In principio erat verbum et verbum erat apud Deum et verbum erat Deus.«

Es gab keine Unterbrechung, kein Stocken. Johanna las weiter, und je länger sie las, desto zuversichtlicher wurde sie. »Alle Dinge wurden von Gott gemacht; und ohne ihn ist nichts, das gemacht wurde. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Dunkelheit, und die Dunkelheit begriff es nicht.« Die Schönheit und Macht dieser Worte erfüllten sie, geleiteten sie und gaben ihr Kraft.

Schließlich gelangte sie zum Ende. Johannas Gesicht war vor Stolz und Aufregung gerötet; sie wußte, sie hatte ihre Sache gut gemacht. Sie blickte auf und sah, wie ihr Vater sie anstarrte.

»Ich kann lesen. Matthias hat es mir beigebracht. Wir haben es geheim gehalten; deshalb hat niemand davon gewußt.« Atemlos sprudelte sie die Worte hervor. »Ich kann dich zu einem stolzen Mann machen, Vater. Ich weiß, daß ich es kann. Gib mir die Erlaubnis, Matthias’ Studien weiterzuführen, und ich …«

»Du!« Die Stimme ihres Vaters bebte vor Zorn. »Du warst es!« Anklagend richtete er den Zeigefinger auf Johanna. »Du warst diejenige! Du hast den Zorn Gottes auf uns herabbeschworen. Du widernatürliche Kreatur! Du Wechselbalg! Du hast deinen Bruder ermordet!«

Johanna stockte der Atem. Mit erhobenem Arm kam der Dorfpriester auf sie zu. Johanna ließ die Bibel fallen und warf sich herum, wollte entfliehen, doch er packte sie, zerrte sie herum und schmetterte ihr die Faust mit solcher Wucht auf die Wange, daß sie durchs Zimmer geschleudert wurde, mit dem Rücken an die gegenüberliegende Wand prallte und sich heftig den Kopf stieß.

Dann stand ihr Vater über ihr. Johanna krümmte sich in Erwartung eines weiteren Schlages. Nichts geschah. Augenblicke vergingen; dann hörte sie, wie ihr Vater erstickte Laute von sich gab, die rauh und heiser aus seiner Kehle aufstiegen. Johanna erkannte, daß er weinte. Noch nie hatte sie ihren Vater weinen sehen.

»Johanna!« Gudrun kam herbeigeeilt und warf einen raschen, furchtsamen Blick auf ihren Mann. »Was hast du getan, Kind?« Sie kniete sich neben Johanna nieder und entdeckte die Prellung unter dem rechten Auge, die rasch anschwoll. Gudrun achtete darauf, daß ihr Körper sich schützend zwischen Johanna und ihrem Mann befand. »Was habe ich dir gesagt?« flüsterte sie. »Du dummes Mädchen. Sieh nur, was du getan hast!« Dann fügte sie mit kräftigerer Stimme hinzu: »Geh zu deinem Bruder. Er braucht dich.« Sie half Johanna auf und drängte sie rasch hinaus.

Der Dorfpriester beobachtete seine Tochter mit düsteren Blicken, als sie zur Tür ging.

»Denk nicht mehr an das Mädchen, mein Gemahl«, sagte Gudrun beschwichtigend. »Sie ist unwichtig. Und gib dich nicht der Verzweiflung hin, denn du hast noch einen anderen Sohn.«

3.

Es war im Aranmanoth, dem Monat der Getreideernte, im Spätsommer ihres neunten Lebensjahres, als Johanna zum erstenmal Aeskulapius begegnete. Auf dem Weg nach Mainz, wo er an der dortigen scola, der Domschule, eine Stelle als Lehrmeister antreten sollte, hatte er am Grubenhaus des Dorfpriesters von Ingelheim eine Rast eingelegt.

»Seid willkommen, Herr, seid willkommen!« begrüßte Johannas Vater den Gast hocherfreut. »Wir danken Gott, daß Ihr sicher und wohlbehalten eingetroffen seid. Ich hoffe, die Reise war nicht zu anstrengend.« Er verbeugte sich dienstbeflissen und führte Aeskulapius durch die Tür. »Kommt herein und erfrischt Euch. Gudrun! Bring Wein! Mit Eurem Besuch erweist Ihr uns und unserem bescheidenen Heim eine große Ehre, Herr.« Dem Gebaren ihres Vaters konnte Johanna entnehmen, daß Aeskulapius ein Gelehrter von beträchtlichem Ansehen und Rang sein mußte.

Er war Grieche und nach byzantinischer Mode gekleidet. Sein chlamys aus feinem weißen Leinen besaß als Verschluß eine schlichte Brosche aus Metall; darüber trug er einen langen blauen Umhang mit silbernem Saum. Sein eingeöltes Haar war kurz geschnitten wie bei einem Bauern und straff nach hinten aus der Stirn gekämmt. Und anders als Johannas Vater, der seinen Bart gestutzt, nach Art der fränkischen Kirchenleute trug, hatte Aeskulapius einen langen Vollbart, der so weiß war wie sein Haar.

Als der Vater nach Johanna rief, den Ankömmling zu begrüßen, erlebte sie eine Anwandlung von Schüchternheit. Verlegen stand sie vor dem fremden Mann und hielt den Blick gesenkt, starr auf das komplizierte Flechtwerk seiner Sandalen gerichtet. Dann, endlich, hatte der Dorfpriester ein Nachsehen und schickte Johanna hinaus, ihrer Mutter bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen.

Als sich später alle an den Tisch im Wohnraum setzten, sagte der Dorfpriester zu Aeskulapius: »Wir haben die Gewohnheit, aus der Bibel zu lesen, bevor wir die Mahlzeiten einnehmen. Würdet Ihr uns die Ehre erweisen und heute Abend den Segensspruch vortragen?«

»Aber gewiß«, sagte Aeskulapius lächelnd. Behutsam schlug er das holzgebundene Buch auf und blätterte vorsichtig die brüchigen, pergamentenen Seiten um. »Der Text stammt von Ecclesiastes. ›Omnia tempus habent, et momentum suum cuique negotio sub caelo …‹«

Nie zuvor hatte Johanna jemanden so wunderschön Latein reden hören. Aeskulapius’ Aussprache war ungewöhnlich: Er reihte die Worte nicht aneinander, wie es bei der gallischen Sprechweise üblich war; statt dessen war bei ihm jedes einzelne Wort rund und betont, wie ein Tropfen klaren Regenwassers. »Denn für alles gibt es eine Jahreszeit, und unter Gottes Himmel hat jedes Ding auf Erden seine Zeit. Es gibt eine Zeit des Gebärens; eine Zeit des Sterbens; eine Zeit des Pflanzens und eine Zeit zu pflücken, was gepflanzt worden ist; es gibt eine Zeit zu töten, und eine Zeit zu heilen; eine Zeit des Niederreißens, und eine Zeit des Aufbaus.« Johanna hatte ihren Vater diesen Absatz viele Male lesen hören, doch bei Aeskulapius hörte sie eine Schönheit heraus, die sie nie zuvor darin vermutet hätte.

Als er geendet hatte, schlug Aeskulapius das Buch zu. »Ein prächtiger Band«, sagte er anerkennend zum Dorfpriester. »Von kunstvoller Hand geschrieben. Ihr müßt ihn aus England mitgebracht haben; wie mir gesagt wurde, blühen dort noch die Künste der Buchmacherei. Heutzutage findet man nur noch selten eine Handschrift, die so frei von grammatischen Sprachwidrigkeiten ist.«

Der Dorfpriester errötete vor Freude. »In der Bibliothek zu Lindisfarne gab es viele solcher Bände. Dieser hier wurde mir vom Bischof anvertraut, als er mich zur Missionsarbeit in Sachsen auserwählte.«

Das Essen war ausgezeichnet; es war die üppigste Mahlzeit, welche die Familie je einem Gast bereitet hatte. Es gab ein knusprig gebratenes, mit Salz gewürztes Lendenstück vom Schwein, dazu gekochten Dinkel und rote Bete, scharfen grünen Käse und Scheiben von dem dunklen Brot, das frisch in den glühenden Holzscheiten im Herd gebacken worden war. Der Dorfpriester schenkte fränkisches Bier aus, würzig, dunkel und dickflüssig wie Suppe. Nachher aßen sie geröstete Mandeln und süße gebratene Äpfel.

»Köstlich«, sagte Aeskulapius am Ende des Mahls. »Es ist lange her, daß ich so gut gegessen habe. Seit meiner Abreise aus Byzanz habe ich kein so wohlschmeckendes Schweinefleisch mehr genossen.«

Gudrun war erfreut. »Es liegt daran, daß wir unsere eigenen Schweine halten und sie mästen, bevor sie geschlachtet werden. Das Fleisch der Schweine aus dem Schwarzwald dagegen ist zäh und unappetitlich.«

»Erzählt uns von Konstantinopel!« bat Johannes voller Begeisterung. »Stimmt es, daß die Straßen dort mit kostbaren Steinen gepflastert sind und daß flüssiges Gold aus den Brunnen sprudelt?«

Aeskulapius lachte. »Das nicht gerade. Aber Byzanz bietet in der Tat einen herrlichen Anblick.« Johanna und ihr Bruder lauschten mit offenem Mund, als der Besucher ihnen nun die Stadt am Bosporus beschrieb, die sich auf einem hohen Vorgebirge ausbreitete – mit ihren Bauwerken aus Marmor, von Kuppeln aus Gold und Silber gekrönt, die sich mehrere Stockwerke hoch erhoben und über dem Hafen am Goldenen Horn aufragten, in dem Schiffe aus der ganzen Welt vor Anker lagen. In dieser Stadt war Aeskulapius geboren, und hier hatte er seine Jugend verbracht. Dann war er zur Flucht gezwungen worden, als seine Familie in einen religiösen Streit mit Basileus verwickelt wurde – ein Streit, der irgend etwas mit der Zerstörung von Heiligenbildern zu tun gehabt hatte. Johanna verstand nicht, was damit gemeint war, wohl aber ihr Vater, denn er nickte mit ernster Mißbilligung, als Aeskulapius schilderte, wie man seine Familie verfolgt hatte.

Dann wandte das Gespräch sich theologischen Fragen zu, und die sich sträubende Johanna und ihr Bruder wurden in jenen Teil des Hauses gebracht, in dem die Eltern schliefen; als geehrter Gast sollte Aeskulapius das große Bett in der Nähe des Herdes für sich ganz allein bekommen.

»Bitte, bitte, darf ich nicht bleiben und zuhören?« bettelte Johanna ihre Mutter an.

»Nein. Es wird höchste Zeit, daß du ins Bett kommst. Außerdem erzählt unser Gast jetzt keine Geschichten mehr. Und diese Gelehrtengespräche dürften dich kaum interessieren.«

»Aber …«

»Schluß jetzt, Kind. Ab ins Bett. Morgen früh brauche ich deine Hilfe. Dein Vater möchte, daß wir seinem Besucher ein weiteres Festmahl bereiten.« Sie seufzte und fügte murmelnd hinzu: »Wenn noch mehr solche Gäste kommen, müssen wir bald am Hungertuch nagen.« Sie bettete die Kinder auf die strohgedeckte Pritsche, küßte die beiden und ging.

Johannes schlief rasch ein. Johanna aber lag wach und versuchte zu hören, was die Stimmen auf der anderen Seite der dicken hölzernen Trennwand sagten. Schließlich wurde die Neugier so stark, daß Johanna vom Strohlager stieg und über die Trennwand hinwegkroch. Auf der anderen Seite kniete sie nieder und spähte aus der Dunkelheit dorthin, wo ihr Vater und Aeskulapius am Herdfeuer saßen und sich unterhielten. Es war bitterkalt; die Wärme der Flammen reichte nicht bis zu dem kleinen Mädchen. Außerdem trug Johanna nur ein dünnes Hemdkleid aus Leinen. Sie schauderte, zog aber nicht einmal in Betracht, wieder ins Bett zu gehen; sie mußte hören, was Aeskulapius sagte.

Das Gespräch hatte sich der Mainzer Domschule zugewandt, und Aeskulapius fragte den Dorfpriester soeben: »Könnt Ihr mir etwas über die dortige Bibliothek sagen?«

»O ja«, erwiderte der Dorfpriester, offensichtlich erfreut darüber, daß ihm diese Frage gestellt worden war. »Ich habe dort viele Stunden verbracht. Die Bibliothek umfaßt eine hervorragende Sammlung von Bänden, mehr als fünfundsiebzig alte Codices.«

Aeskulapius nickte höflich, wenngleich er nicht beeindruckt zu sein schien. Johanna aber konnte sich so viele Bücher an ein und demselben Ort gar nicht vorstellen.

Der Dorfpriester sagte: »Es gibt dort Abschriften von Isidor von Sevillas Etymologiarum, und von Salvianus’ De gubernatore dei. Außerdem die vollständigen Commentarii des Geronimus mit herrlich kunstvollen Illustrationen. Und Ihr findet dort ein ganz besonders schönes Exemplar des Hexameron meines Landmannes Aelfric.«

»Gibt es dort auch Abschriften der Werke des Plato?«

»Plato?« Der Dorfpriester war schockiert. »Bestimmt nicht. Seine Schriften sind kein angemessenes Studium für einen Christen.«

»Ach, meint Ihr? Dann meßt Ihr Platos Werk über die Logik keine Bedeutung bei?«

»Ich finde, es gehört ins Trivium, in den niederen Teil der freien Künste«, erwiderte der Dorfpriester unbehaglich, »und es ist allenfalls als Hilfsmittel beim Studium wirklich wertvoller Schriften wie denen des Boethius von Nutzen. Der Glaube gründet sich auf die Autorität der Heiligen Schrift und nicht auf die Beweise der Logik. Mitunter erschüttern die Menschen ihren Glauben lediglich aus närrischer Neugierde.«

»Ich verstehe, was Ihr meint.« Aus Aeskulapius’ Worten sprach eher Höflichkeit als Zustimmung. »Aber vielleicht könnt Ihr mir dann folgende Frage beantworten: Wie kommt es, daß der Mensch zu vernünftigem Denken fähig ist?«

»Das vernünftige Denken ist der Funke des göttlichen Wesens im Menschen. ›Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.‹«

»Ihr versteht Euch ausgezeichnet darauf, die Heilige Schrift auszulegen. – Demnach würdet Ihr mir zustimmen, daß die Fähigkeit zum vernünftigen Denken von Gott gegeben ist?«

»Ganz gewiß.«

Johanna kroch näher heran, kam aus den Schatten hervor, die von der Trennwand geworfen wurden. Sie wollte nicht versäumen, was Aeskulapius als nächstes sagte.

»Weshalb fürchtet Ihr Euch dann, den Glauben im Licht der Vernunft zu betrachten? Und was ist Logik anderes als streng vernunftbestimmtes Denken? Gott selbst hat uns die Vernunft gegeben. Wie könnte sie uns da von ihm wegführen?«

Johanna hatte ihren Vater noch nie so unbehaglich dreinschauen sehen. Er war Missionar und dafür ausgebildet, aus der Bibel zu lesen und zu predigen, doch im verbalen Schlagabtausch bei logischen Streitgesprächen war er nicht geschult. Er öffnete den Mund, um zu antworten; dann schloß er ihn wieder.

»Ist es nicht gar so«, fuhr Aeskulapius fort, »daß das Fehlen des Glaubens die Menschen dazu bringt, sich vor der Prüfung eines Sachverhalts durch logisches Nachdenken zu fürchten? Falls die Bestimmung zweifelhaft ist, muß der Weg voller Furcht sein. Ein fester Glaube braucht keine Furcht; denn falls es Gott gibt, kann die Vernunft uns nur zu ihm führen. Cogito, ergo Deus est, sagte der heilige Augustin. Ich denke; also gibt es Gott.«

Johanna folgte dem Gespräch dermaßen gespannt, daß sie alles um sich herum vergaß und bei Aeskulapius’ Bemerkung voller bewunderndem Begreifen einen leisen, erstaunten Ruf ausstieß. Ihr Vater blickte scharf zu der Trennwand hinüber, und Johanna zog sich hastig in die Schatten zurück, wartete und wagte kaum zu atmen, bis sie wieder das Stimmengemurmel hörte. Dann kroch sie zurück zur strohgedeckten Pritsche, auf der Johannes lag und leise schnarchte.

Noch lange Zeit nachdem die Gespräche der Männer verstummt waren, lag Johanna wach in der Dunkelheit. Sie fühlte sich unglaublich beschwingt und frei, als wäre ein drückendes Gewicht von ihr genommen. Matthias’ Tod war nicht ihre Schuld gewesen. Ihr Verlangen nach Wissen, ihr Wunsch zu lernen hatten ihn nicht das Leben gekostet – mochte ihr Vater sagen, was er wollte. Heute abend, als sie Aeskulapius zuhörte, hatte Johanna entdeckt, daß ihre Liebe zum Wissen weder sündhaft noch wider die Natur war, sondern eine unmittelbare Folge der dem Menschen von Gott geschenkten Fähigkeit, logisch und vernunftbestimmt zu denken. Ich denke; also gibt es Gott. Im Herzen spürte Johanna die Wahrheit, die in diesem Zitat lag.

Aeskulapius’ Worte hatten ein Licht in ihrer Seele entfacht. Vielleicht kann ich morgen mit ihm reden, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht bekomme ich die Möglichkeit, ihm zu zeigen, daß ich lesen kann.

Diese Aussicht war so aufregend, daß Johanna an nichts anderes mehr denken konnte. Erst im Morgengrauen schlief sie ein.

Am nächsten Morgen wurde Johanna in aller Frühe von der Mutter in den Wald geschickt, um Eicheln und Bucheckern als Futter für die Schweine zu sammeln. Da Johanna so schnell wie möglich zum Haus und zu Aeskulapius zurückkehren wollte, beeilte sie sich, ihre Arbeit zu erledigen. Doch der Boden des herbstlichen Waldes war von einer dicken Schicht abgefallener Blätter bedeckt, so daß das Schweinefutter schwer zu finden war. Aber Johanna konnte erst zurück, wenn sie den Weidenkorb gefüllt hatte.

Als sie schließlich wieder zum Haus gerannt kam, rüstete Aeskulapius zur Weiterreise.

»Oh, und ich hatte gehofft, Ihr erweist uns die Ehre und eßt mit uns zu Mittag«, sagte der Dorfpriester. »Eure Gedanken über das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit haben mich sehr interessiert, und ich hätte gern noch länger mit Euch darüber gesprochen.«

»Sehr freundlich von Euch, aber ich muß heute abend in Mainz sein. Der Bischof erwartet mich, und ich brenne darauf, meine neuen Pflichten an der scola zu übernehmen.«

»Natürlich, natürlich«, sagte der Dorfpriester und fügte nach einer Pause hinzu: »Aber Ihr erinnert Euch gewiß an unser Gespräch über den Jungen. Würdet Ihr noch so lange bleiben, um bei seiner Lektion zuzuschauen?«

»Es ist die kleinste Gefälligkeit, die ich einem so großzügigen Gastgeber erweisen kann«, erwiderte Aeskulapius mit einstudierter Höflichkeit.

Johanna nahm ihr Strickzeug und setzte sich in einen Stuhl in nächster Nähe, wobei sie versuchte, einen so unscheinbaren Eindruck wie möglich zu machen, damit der Vater sie nicht fortschickte.

Ihre Sorgen waren unbegründet. Die Aufmerksamkeit des Dorfpriesters war ausschließlich auf Johannes gerichtet. Er hoffte, Aeskulapius mit dem ›umfassenden Wissen‹ des Jungen zu beeindrucken, und er begann die Lektion, indem er Johannes über die Sprachlehre befragte, wobei er sich an der Grammatik des Donatus orientierte. Das war ein Fehler; denn die Sprachlehre war Johannes’ schwächstes Fach. Wie nicht anders zu erwarten, war seine Vorstellung kläglich: Er verwechselte den Ablativ mit dem Dativ, verpfuschte die Verben und erwies sich zum Schluß als vollkommen unfähig, auch nur einen Satz grammatisch richtig zu analysieren. Aeskulapius beobachtete das Ganze ernst, schweigend und mit gefurchter Stirn.

Das Gesicht vor Verlegenheit gerötet, zog der Dorfpriester sich nun auf sicheres Gelände zurück. Er begann mit dem Rätselkatechismus des großen Alkuin, in dem Johannes gründlich gedrillt worden war. Im ersten Teil des Katechismus machte der Junge seine Sache auch ganz gut:

»Was ist ein Jahr?«

»Ein Karren mit vier Rädern.«

»Welche Pferde ziehen ihn?«

»Die Sonne und der Mond.«

»Wie viele Paläste hat das Jahr?«

»Zwölf.«

Zufrieden über den bescheidenen Erfolg, wagte der Dorfpriester sich zu schwierigeren Teilen des Katechismus vor. Johanna hatte Angst vor dem, was nun kam; denn sie sah, daß Johannes kurz davor stand, in Panik auszubrechen.

»Was ist Leben?«

»Die Freude der Gesegneten, das Leid der Traurigen, und … und …« Johannes verstummte.

Aeskulapius rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Johanna schlug die Augen zu, konzentrierte sich auf die Worte und versuchte, Johannes durch die schiere Kraft ihres Willens dazu zu bringen, sie auszusprechen.

»Ja?« hakte der Dorfpriester nach. »Und was noch?«

Johannes’ Gesicht leuchtete auf, als es ihm einfiel. »Und die Suche nach dem Tod!«

Der Dorfpriester nickte knapp. »Und was ist der Tod?«

Es hatte keinen Sinn. Daß er bei der vorletzten Frage beinahe versagt hätte – und die wachsende Unzufriedenheit seines Vaters – machten Johannes’ letzte Hoffnungen zunichte und brachten ihn endgültig aus der Fassung. Er konnte sich an gar nichts mehr erinnern. Sein Gesicht verzog sich; Johanna sah, daß er jeden Augenblick in Tränen auszubrechen drohte. Sein Vater starrte ihn düster an, während Aeskulapius den Jungen mit mitleidigen Augen betrachtete.

Johanna hielt es nicht mehr aus – die Qualen des Bruders, der Zorn des Vaters und die peinliche Demütigung Johannes’ vor den Augen Aeskulapius’ waren zuviel für sie. Bevor sie wußte, was sie tat, platzte sie heraus: »Der Tod ist ein unausweichliches Geschehnis, eine ungewisse Pilgerreise, die Tränen der Lebenden und der Dieb aller Menschen.«

Ihre Worte trafen die beiden Männer und den Jungen wie ein Keulenschlag. Die drei hoben gleichzeitig den Blick; auf ihren Gesichtern spiegelte sich eine Skala unterschiedlichster Gefühle wider. Bei Johannes war es Verdruß; bei ihrem Vater Zorn und bei Aeskulapius Verwunderung. Der Dorfpriester fand als erster die Sprache wieder.

»Wie kannst du es wagen!« fuhr er Johanna an; dann erinnerte er sich an Aeskulapius und fügte hinzu: »Wäre unser Gast nicht bei uns, würde ich dir eine ordentliche Tracht Prügel verpassen. So aber muß deine Bestrafung noch warten. Und jetzt gehe mir aus den Augen.«

Johanna erhob sich aus dem Stuhl und kämpfte darum, die Fassung zu wahren, bis sie zur Tür des Grubenhauses hinaus war und sie hinter sich zuzog. Dann lief sie los, so schnell sie konnte, und rannte den ganzen Weg bis zum Adlerfarn, der am Waldrand wuchs. Dort warf sie sich zu Boden.

Sie hatte das Gefühl, vor Schmerz vergehen zu müssen. Wie schrecklich und ungerecht, vor den Augen des einzigen Menschen, den sie beeindrucken wollte, auf diese Weise herabgesetzt zu werden. Das ist ungerecht! Johannes wußte die Antwort nicht, aber ich. Warum hätte ich da schweigen sollen?

Lange Zeit saß sie da und beobachtete, wie die Schatten der Bäume länger wurden. Ein Rotkehlchen flatterte neben ihr zu Boden und begann auf der Suche nach Würmern zwischen den Blättern zu picken. Als es einen Wurm entdeckt hatte, streckte das Tierchen die Brust heraus und stolzierte in einem kleinen Kreis umher, die Beute im Schnabel. Es ist genau wie ich, dachte Johanna mit einem Anflug von Selbstironie. Genauso aufgeplustert vor Stolz, daß es schon an Hochmut grenzt. Und Johanna wußte, daß Hochmut eine Sünde war – sie war deswegen oft genug ausgeschimpft worden -; doch sie konnte nichts dagegen tun, daß sie sich im Recht fühlte. Ich bin klüger als Johannes. Warum soll er dann studieren und lernen dürfen, ich aber nicht?

Das Rotkehlchen flog davon. Johanna beobachtete, wie es zu einem winzigen flatternden Punkt aus Farbe zwischen den Bäumen wurde. Sie betastete das hölzerne Medaillon mit dem Bildnis der heiligen Katharina, das sie um den Hals trug, und dachte an Matthias. Er hätte jetzt bei ihr gesessen, hätte mit ihr geredet und ihr alles erklärt, so daß sie hätte verstehen können. Sie vermißte ihn so sehr.

Du hast ihn ermordet, hatte Vater gesagt. Ein vertrautes Gefühl der Übelkeit stieg in Johannas Innerm auf, als sie daran dachte. Dennoch rebellierte ihr Geist dagegen. Sie war hochmütig. Sie wollte mehr als das, was Gott für eine Frau vorgesehen hatte. Aber warum sollte Gott Matthias für ihre Sünden bestrafen? Das ergab keinen Sinn.

Was war in ihrem Innern, daß sie ihre sinnlosen Träume nicht aufgab – Träume, die sich niemals verwirklichen ließen? Jeder sagte ihr, daß ihr Wunsch zu lernen unnatürlich sei. Dennoch dürstete es Johanna nach Wissen, und sie sehnte sich danach, die riesige Welt der Gedanken und Ideen zu erforschen, die gelehrten Menschen zugänglich war. Die anderen Mädchen im Dorf interessierten sich nicht für solche Dinge. Sie waren es zufrieden, die Zeit durchzuhalten, die eine heilige Messe dauerte, ohne daß sie ein einziges Wort verstanden. Sie akzeptierten, was ihnen gesagt wurde, und schauten nicht nach vorn. Sie träumten von einem guten Ehemann – womit sie einen Mann meinten, der sie freundlich behandelte und sie nicht prügelte– und einem kleinen Stück Ackerland; sie spürten kein inneres Verlangen, das sie über die sichere und vertraute Welt des Dorfes hinausführte. Sie waren für Johanna so unerklärlich, wie Johanna es für sie war.

Warum bin ich anders? fragte sie sich. Was stimmt nicht mit mir?

Hinter ihr erklangen Fußschritte, und eine Hand berührte sie an der Schulter. Es war Johannes.

Eingeschnappt sagte er: »Vater hat mich geschickt. Er möchte mit dir reden.«

Johanna nahm die Hand des Bruders. »Es tut mir leid, was vorhin geschehen ist.«

»Du hättest den Mund halten müssen. Du bist nur ein Mädchen.«

Angesichts seiner schroffen Worte fiel es ihr nicht leicht, doch sie mußte sich bei Johannes entschuldigen, weil sie ihn vor ihrem Gast blamiert hatte.

»Ja, es war falsch. Verzeih mir.«

Johannes versuchte, die Fassade verletzten Stolzes aufrechtzuerhalten, schaffte es aber nicht. »Also gut, ich verzeihe dir«, gab er nach. »Immerhin ist Vater jetzt nicht mehr auf mich wütend. Tja – komm, und sieh selbst.«

Er zog sie vom klammen Erdboden hoch und half ihr, die Blätter und die feuchten Stücke Adlerfarn von ihrer Kleidung abzuklopfen. Dann gingen sie Hand in Hand zur Hütte zurück.

An der Tür schob Johannes die Schwester vor sich her. »Geh du vor«, sagte er. »Schließlich möchten sie dich sehen.«

Sie? Johanna fragte sich, was er damit meinte, hatte aber keine Gelegenheit mehr, sich zu erkundigen, denn sie stand bereits ihrem Vater und Aeskulapius gegenüber, die vor dem Herdfeuer warteten.

Johanna trat auf die Männer zu und blieb unterwürfig vor ihnen stehen. Auf dem Gesicht des Vaters lag ein seltsamer Ausdruck, so, als hätte er irgend etwas Saures verschluckt. Er grunzte und bedeutete Johanna, vor Aeskulapius hinzutreten, der sie bereits zu sich winkte. Er nahm Johannas Hände in die seinen und schaute ihr mit einem forschenden Blick ins Gesicht. »Du beherrschst die lateinische Sprache?« fragte er.

»Ja, Herr.«

»Wie hast du dieses Wissen erlangt?«

»Ich habe immer zugehört, Herr, wenn mein Bruder seine Stunden hatte.« Johanna konnte sich die Reaktion des Vaters auf diese Enthüllung vorstellen. Sie schlug die Augen nieder. »Ich weiß, ich hätte es nicht tun dürfen.«

»Welches Wissen hast du dir sonst noch angeeignet?« erkundigte sich Aeskulapius.

»Ich kann lesen, Herr, und ein bißchen schreiben. Mein Bruder Matthias hat es mich gelehrt, als ich noch klein war.« Aus den Augenwinkeln sah Johanna, wie im Gesicht ihres Vaters Zorn aufloderte.

»Zeig es mir.« Aeskulapius schlug die Bibel auf, suchte nach einem Abschnitt und hielt Johanna dann das Buch hin, wobei er mit dem Finger auf die Stelle zeigte, die er für sie ausgesucht hatte. Es war das Gleichnis vom Senfkorn aus dem Lukasevangelium. Johanna begann zu lesen, wobei sie über die ersten lateinischen Worte stolperte – es war eine Weile her, seit sie das letzte Mal aus dem Buch gelesen hatte. »Quomodo assimilabimus regnum Dei aut in qua parabola ponemus illud? – Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen?« Ohne zu Zögern fuhr sie fort und las bis zum Ende: »Darauf sagte er: Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten in die Erde steckte; es wuchs und wurde zu einem Baum, und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen.«

Johanna hörte zu lesen auf. In der plötzlichen Stille konnte sie das leise Rascheln des Herbstwindes hören, der über das Strohdach des Hauses wehte.

Schließlich fragte Aeskulapius leise: »Was du da eben gelesen hast – verstehst du, was es bedeutet?«

»Ich glaube schon.«

»Erkläre es mir.«

»Es bedeutet, daß der Glaube wie ein Senfkorn ist. Man pflanzt ihn im Herzen ein, genauso wie ein Same im Garten gepflanzt wird. Wenn man den Samen des Senfkorns hegt und pflegt, wird ein wunderschöner Baum daraus wachsen. Wenn man seinen Glauben hegt und pflegt, wird man das himmlische Königreich erlangen.«

Aeskulapius zupfte sich am Bart. Ihm war nicht anzusehen, ob er mit Johannas Antwort zufrieden war. Hatte sie die Worte falsch ausgelegt?

»Oder …« Ihr fiel eine andere Erklärung ein.

»Ja?« Aeskulapius hob die Brauen.

»Es könnte bedeuten, daß die Kirche wie ein Samenkorn ist. Die Kirche hat klein angefangen; sie ist im Dunkeln gewachsen, und nur Christus und die zwölf Apostel haben sich um sie gekümmert. Aber dann ist die Kirche zu einem riesigen Baum herangewachsen. Ein Baum, dessen Schatten über die ganze Erde fällt.«

»Und die Vögel, die in den Zweigen nisten?« fragte Aeskulapius.

Johanna dachte rasch nach. »Sie sind die Gläubigen, die Errettung in der Kirche finden, genauso wie die Vögel in den Zweigen des Baumes Schutz finden.«

Noch immer war der Ausdruck auf Aeskulapius’ Gesicht nicht zu deuten. Wieder zupfte er sich ernst am Bart. Johanna beschloß, noch einen dritten Versuch zu unternehmen.

»Oder …« Sie dachte gründlich darüber nach, während sie bereits nach den richtigen Worten suchte. »Das Senfkorn könnte für Jesus Christus stehen. Christus war wie ein Same, als man seinen Körper in der Höhle zu Grabe trug, und wie ein Baum, als er auferstanden und zum Himmel gefahren ist.«

Aeskulapius wandte sich dem Dorfpriester zu. »Habt Ihr das gehört?«

Der Dorfpriester verzog das Gesicht. »Sie ist bloß ein Mädchen. Ich bin sicher, sie wollte sich nicht erdreisten …«

»Das Senfkorn als Symbol des Glaubens, der Kirche und Christi«, sagte Aeskulapius. »Allegoria, moralis, anagoge. Eine klassische Bibelauslegung über die Dreifaltigkeit. Mit ziemlich schlichten Worten ausgedrückt, gewiß, aber dennoch – es ändert nichts daran, daß diese Auslegung so umfassend ist wie die des großen Gregor selbst. Und das ohne jeden Unterricht! Es ist kaum zu glauben! Das Kind zeigt eine außerordentliche Geistesschärfe. Ich werde sie unterrichten. Ich werde ihr Tutor sein.«

Johanna war wie benommen. Träumte sie? Beinahe hatte sie Angst zu glauben, daß dies alles wirklich geschah.

»Natürlich nicht an der scola«, fuhr Aeskulapius fort, »denn das würde man ihr nicht gestatten. Aber ich werde es so einrichten, daß ich alle zwei Wochen hierherkommen kann. Und ich werde ihr Bücher besorgen, damit sie in der Zwischenzeit ihren Studien nachgehen kann.«

Doch der Dorfpriester war ganz und gar nicht einverstanden. Einen solchen Ausgang hatte er sich nicht erhofft. »Das ist ja alles schön und gut«, sagte er gereizt, »aber was ist mit dem Jungen?«

»Ach ja, der Junge. Tja, ich fürchte, er zeigt keine Begabung, die darauf hoffen läßt, daß ein Gelehrter aus ihm wird. Bei entsprechender weiterer Ausbildung kann er es vielleicht zu einem Geistlichen niederen Ranges bringen. Das Gesetz unserer heiligen Mutter Kirche verlangt ja lediglich, daß er Lesen und Schreiben beherrscht und die korrekte Form der Sakramente kennt. Aber weiter würde ich bei dem Jungen nicht nach vorn schauen. Die scola ist nichts für ihn.«

»Ich glaube, ich kann meinen Ohren nicht mehr trauen! Ihr wollt das Mädchen unterrichten, nicht den Jungen?«

Aeskulapius zuckte die Achseln. »Das Mädchen hat Begabung, der Junge nicht. Es kann keine andere Entscheidung geben.«

»Eine Frau als Gelehrter!« Der Dorfpriester war empört. »Sie soll die Heilige Schrift und die Wissenschaften studieren, während ihr Bruder übergangen wird? Das werde ich nicht zulassen. Entweder Ihr unterrichtet beide oder keinen.«

Johanna hielt den Atem an. Sie war der Erfüllung ihres Traumes so nahe gekommen. Wurde jetzt alles grausam zunichte gemacht? Das durfte nicht sein! Sie murmelte ein Gebet vor sich hin; dann hielt sie plötzlich inne. Vielleicht wollte Gott die ganze Sache nicht so recht gefallen. Johanna griff unter ihre Tunika und umfaßte das Medaillon der heiligen Katharina. Ihr würde es gefallen, und sie würde Johannas glühenden Wunsch nach Wissen verstehen. Bitte, betete sie schweigend, mach, daß Aeskulapius mein Lehrer wird. Dann werde ich dir ein schönes Opfer bringen. Aber, bitte, nimm mir diese Gelegenheit nicht fort.

Aeskulapius blickte ungeduldig drein. »Ich habe Euch doch gesagt, daß der Junge sich nicht fürs Studium eignet. Ihn zu lehren wäre Zeitverschwendung.«

»Dann ist die Entscheidung gefallen«, erwiderte der Dorfpriester zornig. Johanna beobachtete fassungslos, wie er sich aus dem Stuhl erhob.

»Einen Augenblick«, sagte Aeskulapius. »Eure Entscheidung ist unumstößlich, wie ich sehe.«

»Ja.«

»Also gut. Das Mädchen läßt alle Anzeichen eines überragenden Verstandes erkennen. Bei entsprechender Ausbildung kann sie es sehr weit bringen. Eine solche Gelegenheit möchte ich nicht ungenutzt lassen. Da Ihr darauf beharrt, werde ich beide unterrichten, das Mädchen und den Jungen.«

Hörbar stieß Johanna den Atem aus. »Danke«, sagte sie und meinte damit gleichermaßen die heilige Katharina und Aeskulapius. Sie versuchte, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben. »Ich werde so hart arbeiten, daß ich mich Eures Vertrauens würdig erweise.«

Aeskulapius schaute sie an. In seinen Augen spiegelte sich eine scharfe und wache Intelligenz. Wie ein inneres Feuer, dachte Johanna. Ein Feuer, das die Wochen und Monate erleuchten sollte, die vor ihr lagen.

»Das wirst du bestimmt«, sagte er. Unter seinem dichten weißen Bart war der Anflug eines Lächelns zu erkennen. »O ja, das wirst du bestimmt.«

4.

ROM

Im gewölbten marmornen Innern des Lateranpalastes war es nach der sengenden Hitze in den Straßen Roms wohltuend kühl. Nachdem die riesigen hölzernen Türen der päpstlichen Residenz hinter Anastasius zugeschwungen waren, stand der zehnjährige Junge blinzelnd da: für einen Augenblick kam er sich im Halbdunkel des Patriarchums wie ein Blinder vor. Instinktiv griff er nach der Hand seines Vaters; dann aber erinnerte er sich der Worte seiner Mutter und zog den Arm wieder zurück.

»Steh gerade und halte dich nicht an deinem Vater fest«, hatte sie an diesem Morgen zu Anastasius gesagt, als sie über sein Erscheinungsbild schimpfte. »Du bist jetzt zehn Jahre alt. Da wird es langsam Zeit, daß du lernst, die Rolle eines Mannes zu spielen.« Sie zerrte an seinem edelsteinbesetzten Gürtel und zog ihn in die richtige Lage. »Und schaue jedem, der dich anspricht, fest in die Augen. Dein Familienname ist unübertroffen; du hast es nicht nötig, demütig zu sein.«

Nun, da er sich dieser Worte erinnerte, zog Anastasius die Schultern zurück und reckte den Kopf in die Höhe. Er war klein für sein Alter – eine ständige Quelle des Kummers für den Jungen –; deshalb versuchte er stets, seinem Körper eine Haltung zu verleihen, daß er so groß wie nur möglich erschien. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das schummrige Licht, und er schaute sich neugierig um. Es war sein erster Besuch im Lateran, der majestätischen Residenz des Papstes und der Sitz aller Macht in Rom. Anastasius war beeindruckt. Das Innere des Palasts war so gewaltig wie sein Äußeres. Der Lateran war ein riesiges Bauwerk, in dem sich die Kirchenarchive befanden, die Schatzkammer, Dutzende von Andachtsräumen, tricliniae und Kapellen, darunter die Privatkapelle der Päpste, die Sancta Sanctorum. Vor Anastasius, an einer Wand der Großen Halle, hing eine riesige mappa mundi, eine mit Anmerkungen versehene Wandkarte, auf der die ganze Welt abgebildet war, und zwar in ihrer tatsächlichen Form: als flache Scheibe, die von den Meeren umgeben war. Die drei Erdteile – Asien, Afrika und Europa – wurden durch die gewaltigen Flüsse Tanais und Nil sowie durch das Mittelmeer voneinander getrennt. Genau im Mittelpunkt der Erde befand sich die heilige Stadt Jerusalem, die im Osten an das irdische Paradies grenzte. Anastasius betrachtete die Karte. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf riesige freie Flächen, geheimnisvoll und beängstigend, die an den Rändern der Karte zu sehen waren, dort, wo die Scheibe der Erde endete und die Düsternis begann.

Ein Mann kam herbei. Er trug die weiße seidene Dalmatika, die ihn als Angehörigen des päpstlichen Stabes kennzeichnete. »Ich überbringe Euch die Grüße und den Segen unseres allerheiligsten Vaters, Papst Paschalis«, sagte er.

»Möge ihm ein langes Leben beschieden sein, auf daß wir uns weiterhin an den Früchten seiner segensreichen Führung erfreuen dürfen«, erwiderte Anastasius’ Vater.

Jetzt, da die erforderlichen Formalitäten ausgetauscht waren, entspannten die beiden Männer sich.

»Nun, Arsenius?« fragte der Vertraute des Papstes. »Wie geht es Euch? Ich nehme an, Ihr seid gekommen, um mit Theodorus zu sprechen.«

Anastasius’ Vater nickte. »Ja. Um alles Erforderliche für die Ernennung meines Neffen Cosmas zum arcarius in die Wege zu leiten.« Er senkte die Stimme, als er vorwurfsvoll hinzufügte: »Das Geld ist schon vor Wochen bezahlt worden. Ich kann mir wirklich nicht erklären, weshalb die Ernennung sich so lange hinausgezögert hat.«

»Theodorus war in letzter Zeit sehr beschäftigt. Es gab da einen häßlichen Disput, was den Besitz des Klosters zu Farfa betrifft, müßt Ihr wissen. Dem Heiligen Vater hat die Entscheidung des kaiserlichen Hofes in dieser Sache sehr mißfallen.« Er beugte sich vor und fügte mit verschwörerischer Flüsterstimme hinzu: »Und es hat ihm noch mehr mißfallen, daß Theo für den Kaiser Partei ergriffen hat. Es ist durchaus möglich, daß Theo jetzt nicht mehr allzu viel für Euch tun kann. Seid darauf gefaßt.«

»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen.« Anastasius’ Vater zuckte die Achseln. »Aber Theo ist noch immer der primicerius, und das Geld wurde bereits bezahlt, wie ich schon sagte.«

»Wir werden sehen. Erst einmal …«

Das Gespräch verstummte abrupt, als ein zweiter Mann, ebenfalls in eine weiße Dalmatika gekleidet, zu ihnen herüberkam. Anastasius stand dicht genug an der Seite seines Vaters, um zu spüren, wie dessen Rücken sich leicht spannte. »Möge der Segen des Heiligen Vaters mit Euch sein, Sarpatus«, sagte Anastasius’ Vater.

»Und mit Euch, mein lieber Arsenius, und mit Euch«, erwiderte der Ankömmling. Sein Mund war eigenartig schief. »Oh, Lucian«, sagte er und wandte sich an den anderen Mann, »Ihr wart gerade so sehr ins Gespräch mit Arsenius vertieft. Habt Ihr irgendwelche interessanten Neuigkeiten? Dann würde ich sie liebend gern hören.« Er gähnte gekünstelt. »Seit der Abreise des Kaisers ist das Leben hier so langweilig.«

»Nein, Sarpatus, selbstverständlich gibt es keine Neuigkeiten. Denn gäbe es welche, hätte ich sie Euch längst schon erzählt«, erwiderte Lucian nervös. Zu Anastasius’ Vater sagte er: »Nun denn, Arsenius, ich muß jetzt gehen und mich um meine Aufgaben kümmern.« Er verbeugte sich, machte auf dem Absatz kehrt und ging rasch davon.

Sarpatus schüttelte den Kopf. »In letzter Zeit ist Lucian ziemlich reizbar. Ich möchte bloß wissen, warum.« Er blickte Anastasius’ Vater forschend an. »Na ja, es spielt keine Rolle. Wie ich sehe, seid Ihr heute in Begleitung.«

»Ja. Darf ich Euch meinen Sohn Anastasius vorstellen? Er wird bald die Prüfung für die Stelle eines lector ablegen.« Mit Betonung fügte er hinzu: »Sein Onkel Theo ist besonders stolz auf ihn. Deshalb habe ich meinen Jungen heute zu unserem Treffen mit hierhergenommen.«

Anastasius verbeugte sich. »Der Segen des Herrn sei mit Euch«, sagte er förmlich, so, wie man es ihn gelehrt hatte.

Der Mann lächelte. Dabei verzerrte sein ohnehin schiefer Mund sich noch mehr.

»Erstaunlich! Der Junge spricht ausgezeichnet Latein. Meinen Glückwunsch, Arsenius. Er wird sich als Bereicherung erweisen … es sein denn, er besitzt einen so bedauernswerten Mangel an Urteilsvermögen wie sein Onkel.« Der Mann kam jeder Erwiderung zuvor, indem er rasch fortfuhr: »Ja, ein wirklich netter Junge, Wie alt ist er?« Die Frage war an Anastasius’ Vater gerichtet.

Anastasius antwortete: »Ich bin kurz nach Advent zehn geworden.«

»Was du nicht sagst! Du siehst jünger aus.« Er tätschelte Anastasius’ Kopf.

In dem Jungen wuchs die Abneigung gegenüber dem Fremden. Er reckte sich so gerade, wie er nur konnte, schob das Kinn vor und sagte: »Und ich glaube, das Urteilsvermögen meines Onkels kann so schlecht nicht sein. Wie hätte er es sonst zum primicerius bringen können?«

Warnend drückte Anastasius’ Vater den Arm des Jungen, doch seine Augen blickten anerkennend, und auf seinen Lippen lag der Hauch eines Lächelns. Der Fremde starrte Anastasius an, und irgend etwas – Erstaunen? Zorn? – spiegelte sich in seinen Augen. Anastasius hielt dem Blick des Mannes gelassen stand. Erst nach einer ganzen Weile drehte der Mann den Kopf zur Seite, nahm den Blick vom Jungen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dessen Vater zu.

»Was für eine Treue und Anhänglichkeit der Familie gegenüber! Wirklich rührend. Tja, dann laßt uns hoffen, daß die Meinung des Jungen sich als so korrekt erweist wie sein Latein.«

Ein lautes Geräusch lenkte aller Aufmerksamkeit zur gegenüberliegenden Seite der Halle, als dort schwere Türen geöffnet wurden.

»Ah! Da kommt unser primicerius ja auch schon. Dann werde ich Euch jetzt nicht länger stören.« Sarpatus verbeugte sich kunstvoll und zog sich zurück.

Stille senkte sich über die Versammlung, als Theodorus in den Saal kam, begleitet von seinem Schwiegersohn Leo, der vor kurzem in das Amt eines Nomenklators erhoben worden war, dessen Aufgabe darin bestand, Theodorus die Namen jener Personen zu nennen, die ihm vorgestellt wurden, und seinen Gästen die Plätze anzuweisen. Theodorus blieb kurz im Türeingang stehen und wechselte ein paar Worte mit einigen Klerikern und Adeligen, die in der Nähe standen. In seiner rubinroten seidenen Dalmatika und dem goldenen Gürtel seines Priestergewandes war Theodorus der mit Abstand am prächtigsten gekleidete Mann der Versammlung. Er liebte schöne Stoffe und besaß einen Hang zur Prachtentfaltung, was sein Äußeres betraf; eine Eigenschaft, die Anastasius bewunderte.

Nachdem er die förmlichen Begrüßungen beendet hatte, ließ Theodorus den Blick durch die Halle schweifen. Dann sah er Anastasius und dessen Vater, lächelte und kam durch die Halle zu ihnen herüber. Als er näher kam, zwinkerte er Anastasius zu, und seine rechte Hand bewegte sich zu einer Falte in seiner Dalmatika. Anastasius grinste, denn er wußte, was diese Bewegung zu bedeuten hatte. Theodorus liebte Kinder und hatte stets einige besondere Leckerbissen dabei, um sie zu verteilen. Was mag es heute sein? fragte sich Anastasius, dem vor Vorfreude das Wasser im Munde zusammenlief. Eine kandierte Feige? Ein Bonbon? Oder vielleicht sogar ein Stück kremiges Marzipan, mit gezuckerten Mandeln und Walnüssen gefüllt?

Anastasius’ Aufmerksamkeit war so fest auf die Falte in Theodorus’ Dalmatika gerichtet, daß er die anderen Männer zuerst gar nicht sah. Rasch kamen sie – es waren drei – von hinten heran; einer drückte Theodorus die Hand vor den Mund und zerrte ihn zurück. Anastasius hielt es für eine Art Possenspiel. Lächelnd schaute er seinen Vater an und wollte um eine Erklärung bitten – und dann tat sein Herz einen Sprung, als er die Angst in dessen Augen sah. Er wandte den Blick wieder nach vorn und sah, wie Theodorus sich loszureißen versuchte. Theodorus war ein großer, schwerer Mann, doch gegen diese Übermacht war er hoffnungslos unterlegen. Die Angreifer umringten ihn, hielten seine Arme fest und zerrten ihn zu Boden. Die Vorderseite von Theodorus’ rubinroter Dalmatika wurde zerrissen; die kostbare Seide hing in gezackten Fetzen herab und gewährte den Blick auf Theodorus’ nackte weiße Haut.

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