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Die Nacht auf dem Walfisch

Friedrich Gerstäcker

Die Nacht auf dem Walfisch

Erzählung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Nacht auf dem Walfisch

 

Der englische Walfischfänger „König Harold“ kreuzte in der Nähe der Kingmills-Gruppe, dicht unter dem Äquator, in der Absicht, die Wintermonate hier zuzubringen, um mit Beginn des Frühjahrs wieder nach Norden auf den Fang von Walfischen auszulaufen. Vergebens waren sie aber jetzt monatelang hin- und hergefahren und durch die sonst besten Jagdgründe wieder und wieder auf- und abgesegelt. Die Ausgucks in den Tops der Masten, die dort oben den ganzen Tag gehalten werden, um nach etwa auftauchenden Walen auszuschauen, und die einander zu gewissen Stunden ablösen müssen, blieben still und stumm, und wenn wirklich einmal ein Ruf kam, glaubte schon niemand mehr daran. Solche Meldungen hatten sich bis jetzt auch fast jedes Mal als ein nicht zu gebrauchender Finnwal oder vielleicht eine Herde kleinerer Braunfische ausgewiesen, auf die man nicht Jagd machen wollte.

Die Sonne brannte heiß und sengend auf das Deck nieder, und das Schiff, so still und reinlich, mit den kleingerefften Segeln in der leichten Brise, sah gerade so aus, als ob es hier an einem freundlichen, aber etwas langen Sonntagnachmittag zum Vergnügen herumfahre und keinen andern Zweck, kein bestimmtes Ziel kenne.

Die Leute haben dabei natürlich immer ihre Arbeit: Segel müssen ausgebessert, das Takelwerk, stehendes wie laufendes, muss nachgesehen werden; die Eisen und Lanzen für den Fang des Fisches selber dürfen nicht rosten, und den Bootssteuermännern liegt die besondere Pflicht ob, sie blank und in Stand zu halten. Auch der Böttcher an Bord hat seine Arbeit, mit den Fässern bei einem Fang gleich bereit zu sein, und der Zimmermann macht sich eine Beschäftigung an den zur Vorsorge mitgenommenen Booten, hier und da morsche Stellen daran zu finden und. neue Stücke einzusetzen. Aber in der ganzen Sache ist kein Leben, keine wirkliche Tätigkeit; man sieht, dass die Leute, die sich schon monatelang herumgetrieben, eben nur arbeiten, um nicht müßig zu sein, und von der Arbeit schweift bei allen der sehnsüchtige Blick über die leicht gekräuselte Meeresfläche in der vergeblichen Hoffnung, vom Deck aus den Strahl eines Wals zwischen dem Blitzen der Wogen zu erkennen. Wäre aber wirklich etwas Derartiges in Sicht, so hätten es die Leute oben in den Masten schon lange ausgerufen:

„There she blows!“ (Dort bläst er.)

Wie auf Kommandowort ruht dann jede Arbeit. Der Böttcher wirft seinen Hammer, der Tischler seinen Hobel hin, und der Kapitän, der unten in seiner Kajüte auf dem Sofa gelegen und gelesen oder geschlafen hat, um die langweilige Zeit eines solchen müßigen Umherfahrens zu töten, springt die Kajütentreppe hinauf, um windwärts und nach dem Mann oben im Top zu sehen und die Details über die „aufgekommenen“ Wale erfahren zu können.

„There she blows!“, ruft der Mann oben wieder; und „blow – blow – blow –“, setzt er langsam und gedehnt hinzu, wenn mehrere Strahlen nacheinander aufschießen.

„Wo hinaus zu?“, lautet der Ruf vom Deck, und der ausgestreckte Arm des Ausgucks bezeichnet die Richtung: aber der Arm deutet windwärts, das heißt gegen den Wind an, und die Bootssteuermänner rufen in wilder Eile ihre Bootsmannschaften zusammen, um die Ersten zu sein, die fertig in See sind. Das kleine Wasserfass wird gefüllt, die Butte mit dem aufgerollten Tau für die Harpunen, die auf einem Gestell an der Wand dicht über dem Boot gestanden, damit sie dieses durch ihre Schwere nicht schädige, wird hineingelassen, das Boot selber gleitet unter den Kranen nieder aufs Wasser. Die Leute folgen wie Katzen an den Außenwänden des Schiffes niederkletternd, die Riemen werden eingelegt, und sobald der Harpunier seinen Platz hinten am Steuerruder eingenommen hat, stoßen sie ab, und der Bug des schnittigen kleinen Fahrzeugs strebt schäumend der bezeichneten Richtung zu.

K

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