Logo weiterlesen.de
Die Macht der Sechs

Pittacus Lore

Die Macht der Sechs

Das Erbe von Lorien Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Brunstermann

Menü

Inhaltsübersicht

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

 

Die Ereignisse in diesem Buch entsprechen der Wirklichkeit. Namen und Orte wurden geändert, um die sechs Loriener zu schützen, die weiter im Verborgenen leben.

Andere Zivilisationen existieren.

 

Einige von ihnen trachten danach, euch zu zerstören.

 

1

Mein Name ist Marina. Marina wie die Königin der Meere. Doch so sollte ich erst viel später genannt werden.

Zu Beginn war ich nur unter dem Namen Sieben bekannt, als eine der neun überlebenden Garden vom Planet Lorien, dessen Schicksal in unseren Händen lag und immer noch liegt.

In den Händen derer, die nicht verloren sind.

In den Händen derer, die noch leben.

Ich war sechs Jahre alt, als wir landeten. Als das Schiff zitternd auf der Erde aufsetzte, spürte ich trotz meiner jungen Jahre, wie viel für uns – neun Cêpan und neun Gardisten – auf dem Spiel stand, und dass unsere einzige Chance hier zu finden war. Wir waren inmitten eines Sturms, den wir selbst erschaffen hatten, in die Atmosphäre des Planeten eingedrungen. Ich erinnere mich an die Dampfschwaden des Schiffs und die Gänsehaut auf meinen Armen, als unsere Füße zum ersten Mal die Erde berührten. Seit Jahren hatte ich den Wind nicht mehr gespürt und draußen war es eiskalt.

Jemand wartete auf uns. Ich weiß nicht, wer er war. Ich weiß nur, dass er jedem Cêpan zwei Bündel Kleidung und einen großen Umschlag überreichte. Noch immer habe ich keine Ahnung, was sich darin befand.

Unsere kleine Gruppe kauerte sich zusammen. Wir wussten, dass wir einander vielleicht nie wieder sehen würden. Wir sprachen Abschiedsworte und umarmten uns. Dann teilten wir uns wie vorab besprochen auf und gingen paarweise in neun verschiedene Richtungen davon. Ich schaute über meine Schulter, während sich die anderen immer weiter entfernten, bis sie, sehr langsam, einer nach dem anderen verschwunden waren.

Dann waren nur noch Adelina und ich übrig. Mit schweren Schritten betraten wir eine Welt, von der wir so gut wie gar nichts wussten. Heute ist mir klar, wie verängstigt Adelina gewesen sein muss.

Ich erinnere mich an ein Schiff, das uns an ein unbekanntes Ziel brachte. Danach zwei oder drei Züge. Adelina und ich kuschelten uns in dunklen Ecken aneinander und hielten uns abseits von allem und jedem. Per Anhalter fuhren wir von Stadt zu Stadt, über Berge und Felder, klopften an Türen, die uns vor der Nase zugeknallt wurden. Wir waren hungrig, müde und verängstigt. Ich erinnere mich, dass wir auf einem Gehsteig hockten und um Kleingeld bettelten. Ich erinnere mich auch, dass ich weinte anstatt zu schlafen. Ich bin sicher, dass Adelina ein paar unserer wertvollen Edelsteine aus Lorien opferte, nur um ein Essen zu bekommen. Vielleicht hat sie auch alle weggegeben. So groß war unsere Not. Dann fanden wir diesen Ort in Spanien.

Eine streng aussehende Frau, die ich später als Schwester Lucia näher kennenlernen sollte, kam an die schwere Eichentür. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte Adelinas Verzweiflung schon allein an ihren herabhängenden Schultern.

»Glaubst du an das Wort Gottes?«, fragte die Frau auf Spanisch, schürzte die Lippen und sah Adelina prüfend an.

»Gottes Wort ist mein Gelübde«, erwiderte Adelina mit ernstem Nicken. Ich weiß nicht, woher sie diese Antwort kannte. Vielleicht hatte sie sie gehört, als wir Wochen zuvor im Keller einer Kirche hausten.

Die Antwort war richtig. Schwester Lucia öffnete die Tür.

Seit diesem Tag sind wir hier. Elf Jahre in diesem steinernen Konvent mit seinen muffigen Räumen, zugigen Fluren und Böden wie Eisschollen. Abgesehen von wenigen Besuchern ist das Internet mein einziger Zugang zu der Welt außerhalb unseres kleinen Dorfes; ständig durchkämme ich das Netz, suche nach irgendeinem Hinweis darauf, dass die anderen da draußen sind, dass auch sie auf der Suche sind und vielleicht sogar kämpfen. Forsche nach einem Zeichen, dass ich nicht allein bin, denn mittlerweile kann ich nicht mehr sagen, ob Adelina noch an uns glaubt und für mich da ist.

Irgendwo auf dem Weg über die Berge hat Adelina sich verändert. Vielleicht lag es an einer der Türen, die zugeknallt wurde und eine hungernde Frau und ein Kind ein weiteres Mal der kalten Nacht überließ. Was immer es war, Adelina hat die nötige Achtsamkeit verloren. Ihr Glaube an die Wiederauferstehung Loriens scheint vom Glauben der Klosterschwestern abgelöst worden zu sein. Ich erinnere mich an den veränderten Ausdruck in Adelinas Augen, ihre plötzlichen Vorträge über Führung und Struktur, die wir bräuchten, wenn wir überleben wollen.

Mein Glaube an Lorien ist unerschütterlich. Vor anderthalb Jahren berichteten vier verschiedene Personen von einem Jungen in Indien, der Objekte allein mit der Kraft seines Geistes bewegen konnte. Nachdem man dem Ereignis zunächst keine große Beachtung geschenkt hatte, verursachte das plötzliche Verschwinden des Jungen viel Unruhe in der Region. Der Junge wurde gejagt. So weit ich weiß, wurde er nicht gefunden.

Dann, vor ein paar Monaten, gab es Berichte über ein Mädchen in Argentinien, das nach einem Erdbeben einen fünf Tonnen schweren Betonblock angehoben hatte, um einen darunter eingepferchten Mann zu retten; als sich die Berichte über diese Heldentat vermehrten, verschwand das Mädchen. Wie der Junge in Indien wird auch es noch immer gesucht.

Dazu all die Nachrichten über dieses Vater-Sohn-Gespann aus Ohio, das jetzt von der Polizei gesucht wird, nachdem die beiden angeblich ein ganzes Schulgebäude aus eigener Kraft zerstört und dabei fünf Menschen getötet haben sollen. Auch von ihnen keine Spur, nur ein paar mysteriöse Aschehaufen blieben zurück.

»Es sieht so aus, als hätte hier eine Schlacht stattgefunden. Anders kann ich mir das nicht erklären«, wurde der leitende Ermittlungsbeamte zitiert. »Aber unterschätzen Sie uns nicht. Wir werden der Sache auf den Grund gehen und Henri Smith und seinen Sohn John finden.«

Vielleicht ist John Smith, wenn er denn so heißt, auch nur ein Junge mit viel Wut im Bauch, weil man ihn zu sehr herumgestoßen hat. Aber daran glaube ich nicht. Mein Herz pocht, wann immer ich ihn auf dem Bildschirm sehe. Ich werde von tiefer Verzweiflung ergriffen, die ich nicht erklären kann. Ich kann in meinen Knochen spüren, dass er einer von uns ist. Und ich weiß, dass ich ihn irgendwie finden muss.

2

Ich lege meine Arme auf die kalte Fensterbank und sehe den Schneeflocken zu, die vom dunklen Himmel herabfallen und sich über den Abhang verteilen. Vereinzelte Pinien, Korkeichen und Buchen wachsen dort zwischen schroffen Felsformationen. Der Schnee hat den ganzen Tag nicht nachgelassen, und die Leute sagen, dass es auch die ganze Nacht durchschneien wird. Ich kann im Moment nicht viel weiter sehen als bis zum Rand des Dorfes im Norden – die Welt hat sich in einen weißen Dunstschleier aufgelöst. Wenn der Himmel klar ist, kann man tagsüber den blauen Schein des Golfs von Biskaya sehen. Aber nicht bei diesem Wetter, und ich frage mich, was wohl in all der weißen Unendlichkeit außerhalb meines Blickfelds lauert.

Ich drehe mich um. In dem zugigen Raum mit den hohen Decken gibt es zwei Computer. Um sie benutzen zu können, müssen wir uns auf einer Liste eintragen und warten, bis wir an der Reihe sind. Am Abend dürfen wir zehn Minuten am Computer sitzen, wenn ihn nach uns noch jemand benutzen will, zwanzig Minuten, wenn keiner wartet. Die beiden Mädchen sitzen nun schon seit einer halben Stunde davor. Mein Geduldsfaden wird dünner. Das letzte Mal habe ich die Nachrichten gecheckt, als ich mich heute vor dem Frühstück kurz hierher geschlichen habe. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Neuigkeiten über John Smith. Und doch zittere ich förmlich vor Aufregung. Was mag in der Zwischenzeit geschehen sein? Nachdem die Geschichte erst einmal aufgetaucht war, gab es bisher jeden Tag eine neue Enthüllung.

Santa Teresa ist ein Kloster, das auch ein Waisenhaus für Mädchen betreibt. Ich bin jetzt das älteste von siebenunddreißig Mädchen; eine Position, die ich seit sechs Monaten innehabe, nachdem die letzte junge Frau, die achtzehn wurde, aus dem Kloster verschwand. Mit achtzehn müssen wir uns entscheiden, ob wir uns ein selbstständiges Leben aufbauen oder eines unter den Fittichen der Kirche führen wollen. Von all den Mädchen, die volljährig wurden, ist nicht ein einziges geblieben. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Der Geburtstag, den Adelina und ich uns bei unserer Ankunft für mich ausgedacht haben, wird in weniger als fünf Monaten sein. Dann werde auch ich achtzehn. Wie die anderen beabsichtige ich ebenfalls, dieses Gefängnis hinter mir zu lassen, unabhängig davon, ob Adelina mich begleitet oder nicht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie mit mir kommt.

Das Kloster wurde im Jahr 1510 aus Stein erbaut und ist viel zu groß für die wenigen, die hier leben. Die meisten Zimmer stehen leer. Die bewohnten Räume sind durchdrungen von einer feuchten, erdigen Atmosphäre und unsere Stimmen hallen von der Decke wider. Das Kloster ruht auf dem höchsten Berg oberhalb des Dorfes, dessen Namen es trägt und das sich tief unter den Gipfeln der Picos de Europa im nördlichen Spanien an die Felsen schmiegt.

Wie das Kloster ist auch das Dorf aus Stein errichtet, und es gibt viele Häuser, die direkt in die Felsen hineingebaut wurden. Wenn man über die Hauptstraße des Dorfs läuft, die Calle Principal, ist es kaum möglich, den Verfall zu ignorieren. Als hätte die Zeit diesen Ort vergessen; als hätten die vergangenen Jahrhunderte nur moosgrüne und braune Schattierungen hinterlassen, während ein durchdringender Geruch von Moder in der Luft hängt.

Bereits vor fünf Jahren habe ich Adelina zum ersten Mal angefleht, diesen Ort zu verlassen und weiterzuziehen, so wie man es uns gesagt hatte. »Ich werde bald mein Erbe empfangen, und das möchte ich nicht hier unter all diesen Mädchen und Nonnen erleben«, hatte ich gesagt. Sie hatte abgelehnt und aus der Reina-Valera, einer spanischen Bibelübersetzung aus dem Jahre 1569, zitiert, dass wir uns ruhig verhalten müssten, um Erlösung zu erlangen.

Seitdem bettele ich jedes Jahr aufs Neue, und jedes Jahr sieht sie mich mit leeren Augen an und wehrt mich mit einer neuen Bibelstelle ab. Doch ich weiß, dass meine Rettung hier nicht zu finden ist.

Hinter den Kirchenpforten und unterhalb des sanft abfallenden Hügels kann ich die schwachen Lichter des Dorfs erahnen. Inmitten dieses Schneesturms sehen sie aus wie ineinanderfließende Halluzinationen. Obwohl ich die Musik aus den beiden Cantinas nicht hören kann, bin ich sicher, dass sie voller Menschen sind. Abgesehen von ihnen gibt es noch ein Restaurant, ein Café, einen Markt, eine Bodega sowie einige Händler, die ihre Waren an den meisten Morgen und Nachmittagen auf der Calle Principal anbieten. Am Fuße des Hügels, am südlichen Ende des Dorfs, befindet sich die Backsteinschule, die wir alle besuchen.

Mein Kopf fährt herum, als die Glocke läutet: In fünf Minuten wird das Abendgebet gesprochen, danach geht es direkt ins Bett. Panik überkommt mich. Ich muss wissen, ob es neue Nachrichten gibt. Vielleicht ist John gefasst worden. Vielleicht hat die Polizei etwas anderes gefunden, was für die Zerstörung der Schule verantwortlich war, etwas, das bisher übersehen wurde. Auch wenn es nichts Neues gibt, muss ich es wissen. Sonst finde ich keinen Schlaf.

Ich richte meinen starren Blick auf Gabriela García genannt Gabby, die an einem der Computer sitzt. Gabby ist sechzehn und sehr hübsch, mit langem dunklen Haar und braunen Augen. Wann immer sie sich außerhalb des Klosters befindet, trägt sie extrem knappe Blusen, die ihren gepiercten Bauchnabel zeigen. Jeden Morgen zieht sie sich etwas Weites und Luftiges an, doch sobald wir außer Sichtweite der Schwestern sind, zieht sie die Sachen wieder aus und enthüllt ein eng sitzendes, knappes Outfit darunter. Auf dem Schulweg trägt sie dann immer Make-up auf und richtet ihr Haar. Und wenn der Tag zu Ende geht, wischt sie sich auf dem Heimweg die Schminke vom Gesicht und schlüpft wieder in ihre ursprünglichen Klamotten.

Dasselbe gilt für ihre vier Freundinnen, von denen drei ebenfalls hier leben.

»Was?«, fragt Gabby in pampigem Tonfall und glotzt zurück. »Ich schreibe eine E-Mail.«

»Ich warte schon länger als zehn Minuten«, erwidere ich. »Außerdem schreibt du keine E-Mail. Du siehst dir halbnackte Jungs an.«

»Na und? Willst du mich etwa verpetzen, du kleine Tratschtante?«, fragt sie spöttisch, so als spreche sie mit einem Kind.

Das Mädchen neben ihr, das Hilda heißt, doch von den meisten in der Schule nur La Gorda – ›die Dicke‹ – genannt wird, fängt an zu lachen.

Gabby und La Gorda sind ein unzertrennliches Paar. Ich beiße mir auf die Zunge, drehe mich wieder zum Fenster und verschränke die Arme. Innerlich schäume ich, weil ich erstens an diesen Computer muss und zweitens nie weiß, was ich Gabbys Spötteleien entgegensetzen soll. Es sind noch vier Minuten übrig. Meine Ungeduld geht in pure Verzweiflung über. Jetzt gerade könnte es Neuigkeiten geben – eine Eilmeldung! –, aber ich werde es nicht erfahren, weil diese egoistischen Ziegen keinen der Computer freigeben.

Noch drei Minuten. Ich zittere vor Wut. Doch dann kommt mir eine Idee. Ein Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Es ist eine riskante Idee, die sich aber lohnt, wenn sie klappt.

Ich drehe mich so weit herum, dass ich Gabbys Stuhl im Augenwinkel habe. Ich hole tief Luft, konzentriere all meine Energie auf ihren Stuhl und benutze Telekinese, um ihn ein Stück nach links zu rücken. Dann stoße ich ihn ganz schnell nach rechts, sodass er beinahe umfällt. Gabby springt auf und kreischt. Scheinbar überrascht sehe ich zu ihr.

»Was ist los?«, fragt La Gorda.

»Ich weiß nicht. Es hat sich angefühlt, als hätte jemand an meinem Stuhl gerückt. Hast du auch was gemerkt?«

»Nein«, antwortet La Gorda. Kaum hat sie das Wort ausgesprochen, bewege ich ihren Stuhl ein paar Zentimeter rückwärts und stoße ihn dann hart nach rechts, wobei ich die ganze Zeit meinen Platz am Fenster nicht verlasse.

Diesmal schreien beide Mädchen auf. Ich schiebe Gabbys Stuhl umher, dann noch mal den von La Gorda. Ohne einen weiteren Blick auf den Bildschirm zu werfen, flüchten die Mädchen schreiend aus dem Raum.

»Ja!«, rufe ich triumphierend, haste an den Computer, den Gabby benutzt hat, und gebe die Web-Adresse des Nachrichtensenders ein, der mir am vertrauenswürdigsten erscheint. Ungeduldig warte ich, bis sich die Seite hochlädt. Das langsame Internet in Kombination mit den alten Computern ist der Fluch meines hiesigen Daseins.

Der Browser arbeitet. Zeile für Zeile formt sich die Seite. Als ein Viertel davon geladen ist, läutet die letzte Glocke. Noch eine Minute bis zur Andacht. Ich spiele mit dem Gedanken, die Glocke zu ignorieren, selbst auf die Gefahr einer möglichen Bestrafung hin. In diesem Moment ist es mir egal. »Noch fünf Monate«, sage ich flüsternd zu mir selbst.

Die halbe Seite ist jetzt hochgeladen und zeigt die obere Hälfte von Johns Gesicht. Er sieht nach oben. Seine dunklen Augen wirken selbstsicher, auch wenn ihr Ausdruck ein Unbehagen verrät, das fast unwirklich scheint. Ich hocke auf der Kante meines Stuhls und warte. Die in mir aufkommende Erregung lässt meine Hände zittern.

»Nun mach schon«, versuche ich vergeblich, den Bildschirm anzutreiben. »Mach schon, mach schon, mach schon.«

»Marina!«, bellt plötzlich eine Stimme von der Tür her. Ich wirbele herum und entdecke Schwester Dora, eine beleibte Frau, die als Küchenchefin arbeitet. Sie sieht mich vorwurfsvoll an. Das ist nichts Ungewöhnliches. Jedes einzelne Mädchen, das mit seinem Tablett an der Essensausgabe wartet, wird von ihr normalerweise so vorwurfsvoll angestarrt, als wäre die Notwendigkeit unserer Versorgung eine persönliche Beleidigung für sie. Sie presst ihre Lippen zu einem perfekten Strich aufeinander und kneift die Augen zusammen. »Komm! Sofort! Und ich meine jetzt sofort!«

Ich seufze und weiß, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu gehorchen. Also lösche ich die Chronik des Browsers und schließe ihn, dann folge ich Schwester Dora durch den dunklen Gang.

Es gab irgendwelche News; ich weiß es ganz einfach. Warum sonst hätte Johns Gesicht die komplette Seite einnehmen sollen? Nach anderthalb Wochen sind alle Nachrichten alt und abgestanden. Es muss also eine entscheidende Neuigkeit aufgetreten sein, wenn ihm so viel Platz auf dem Bildschirm eingeräumt wird.

Wir gehen zur Klosterkirche. Sie ist riesig. Ihre Stützpfeiler führen zu einer hohen, gewölbten Decke, bunte Glasfenster zieren die Wände. Hölzerne Kirchenbänke nehmen den ganzen Raum ein. Bis zu dreihundert Menschen können hier sitzen. Schwester Dora und ich betreten die Kirche als Letzte. Ich setze mich allein in eine der mittleren Bankreihen.

Schwester Lucia, die Adelina und mir einst die Tür öffnete und das Kloster noch immer leitet, steht auf der Kanzel. Sie schließt die Augen, neigt den Kopf und hält ihre gefalteten Hände vor den Brustkorb. Alle anderen folgen ihrem Beispiel.

»Padro divino«, beginnt das Gebet der murmelnden Stimmen. »Que nos bendiga y nos proteja en su amor …«

Ich blende sie aus und schaue auf die Hinterköpfe in der Reihe vor mir, die alle in Andacht geneigt sind. Oder einfach nur geneigt. Ich entdecke Adelina, die sich etwas rechts von mir sechs Reihen weiter vorn in der ersten Bankreihe befindet. In tiefer Meditation versunken kniet sie. Ihr braunes, zu einem dichten Zopf geflochtenes Haar fällt ihr auf den Rücken. Nicht ein einziges Mal sieht sie auf, unternimmt keinen Versuch, mich weiter hinten im Raum ausfindig zu machen, so wie sie es in den ersten Jahren hier immer getan hat. Damals, als sich angesichts unseres Geheimnisses jedes Mal ein Lächeln auf unsere Lippen schlich, wenn sich unsere Blicke trafen. Noch immer teilen wir dieses Geheimnis, doch irgendwann auf dem Weg hat Adelina aufgehört, an es zu glauben. Irgendwo unterwegs ist unser Plan, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, bis wir uns stark und sicher genug fühlen würden, das Kloster zu verlassen, von Adelinas Wunsch abgelöst worden, ganz einfach zu bleiben. Oder schlichtweg von der Angst zu gehen.

Bevor die Meldungen über John Smith in den Nachrichten erschienen und ich Adelina davon erzählte, haben wir zuletzt vor ein paar Monaten über unsere Mission gesprochen. Im September hatte ich ihr meine dritte Narbe gezeigt – das dritte Signal, das uns den Tod eines weiteren Garden verkündete und uns einen Schritt näher an den Punkt brachte, selbst von den Mogadori gejagt und getötet zu werden. Sie hatte so reagiert, als sei nichts geschehen. Als ob wir beide nicht wüssten, was die Zeichen bedeuteten. Und als ich ihr von John erzählte, verdrehte sie nur die Augen und riet mir, nicht länger an Märchen zu glauben.

»En el nombre del Padre, y del Hijo, y del Espíritu Santo. Amen«, murmeln sie und beim letzten Wort bekreuzigen sich alle in der Kirche, so wie ich es selbst der Wahrung des Scheins halber tue: Stirn, Nabel, linke Schulter, rechte Schulter.

Ich hatte geschlafen und davon geträumt, mit ausgestreckten Armen einen Berg hinunterzulaufen, so als ob ich jeden Moment losfliegen würde. Dann aber war ich von dem stechenden Schmerz und dem Aufglühen der dritten Narbe erwacht, die sich an meinem Knöchel bildete. Das Licht hatte ein paar der Mädchen geweckt, aber Gott sei Dank nicht die Aufmerksamkeit der Schwestern erregt. Die Mädchen dachten, ich hätte eine Taschenlampe und eine Zeitschrift unter der Bettdecke und würde das Gebot der nächtlichen Ruhe missachten. Vom Bett nebenan hatte Elena – ein stilles sechzehnjähriges Mädchen mit pechschwarzem Haar, das es sich beim Sprechen oft in den Mund steckt – mich mit einem Kissen beworfen. Meine Wunde hatte Blasen geworfen und der Schmerz war so intensiv gewesen, dass ich auf den Zipfel meiner Bettdecke beißen musste, um ruhig zu bleiben. Ich konnte mir nicht helfen und weinte, weil irgendwo da draußen Nummer Drei sein oder ihr Leben verloren hatte. Jetzt waren noch sechs von uns übrig.

Heute Abend verlasse ich die Kirche in Reih und Glied mit den anderen Mädchen und trotte auf die Schlafräume zu, die mit knarrenden, in gleichmäßigem Abstand voneinander aufgestellten Betten bestückt sind. Doch in meinem Kopf verfolge ich einen Plan.

Zum Ausgleich für die harten Betten und die eisigen Fußböden in jedem Raum sind die Bettlaken weich und die Bettdecken schwer. Der einzige Luxus, der uns zugestanden wird. Mein Bett steht in der hinteren Ecke, am weitesten von der Tür entfernt. Es ist der am meisten begehrte Platz, dort ist es ruhig. Lange hat es gedauert, ihn mir zu erkämpfen. Mit jedem Mädchen, das das Kloster verließ, konnte ich ein Bett weiter vorrücken.

Nachdem nun alle im Bett liegen, sind die Lichter ausgeschaltet. Ich liege auf dem Rücken und starre auf die gezackte Verzierung der hohen Decke. Ein gelegentliches Flüstern durchbricht die Stille, doch wer immer es verursacht, wird von der diensthabenden Schwester sogleich zur Ruhe ermahnt. Ich halte meine Augen offen und warte ungeduldig darauf, dass alle einschlafen. Nach einer halben Stunde ist das letzte Flüstern erstorben und von den sanften Geräuschen des Schlafs abgelöst worden. Aber noch wage ich es nicht. Zu früh.

Weitere fünfzehn Minuten vergehen ohne ein auffälliges Geräusch. Dann kann ich es nicht mehr aushalten.

Ich halte den Atem an und schiebe meine Beine ein paar Zentimeter über die Bettkante, während ich auf den Rhythmus von Elenas Atemzügen neben mir lausche. Bei der Berührung des eisigen Bodens werden meine Füße sofort kalt. Ich stehe langsam auf, um das Quietschen des Betts zu vermeiden, und schleiche mich dann auf Zehenspitzen quer durch den Raum. Dabei lasse ich mir Zeit und achte sorgfältig darauf, nicht gegen eines der Betten zu stoßen. Ich erreiche die offene Tür, haste in den Flur und laufe hinunter zum Computerraum. Dort nehme ich mir einen Stuhl und schalte den Computer ein.

Nervös hin- und herzappelnd warte ich darauf, dass der Computer hochfährt. Dabei werfe ich immer wieder einen Blick in Richtung Flur, um mich zu vergewissern, dass mir niemand gefolgt ist. Endlich kann ich die Internet-Adresse eingeben. Der Bildschirm wird weiß. Dann tauchen in der Mitte der Seite zwei Bilder auf, umgeben von Text und einer Überschrift in schwarzen Großbuchstaben, die zu unscharf sind, um sie lesen zu können. Mittlerweile sind es also zwei Bilder. Ich frage mich, was inzwischen geschehen ist, seitdem ich zuletzt versucht habe, die Seite aufzurufen. Und dann schließlich kann ich es erkennen.

 

International gesuchte Terroristen?

 

John Smith, mit seinem kantigen Kinn, den strubbeligen blonden Haaren und den blauen Augen nimmt die linke Seite des Bildschirms ein, während sein Vater – oder wohl eher sein Cêpan – Henri auf der rechten Seite erscheint. Allerdings sind es keine Fotos, sondern von einem Künstler angefertigte Bleistiftzeichnungen in schwarzweiß. Ich überfliege die Details, die ich bereits kenne – eine zerstörte Schule, fünf Tote, das plötzliche Verschwinden – und stürze mich direkt auf die ganz neu veröffentlichte Nachricht.

 

In einer aufsehenerregenden Aktion sind Ermittler des FBI heute auf die Ausstattung eines anscheinend professionellen Fälschers gestoßen. Verschiedene Geräte, die normalerweise für die Erstellung von Dokumenten verwendet werden, wurden im Haus von Henri und John Smith in Paradise/Ohio in einer Luke unterhalb der Dielenbretter im Hauptschlafzimmer gefunden. Die Ermittler befürchten eine Verbindung zum internationalen Terrorismus. Nachdem Henri und John Smith in der Gemeinde von Paradise erhebliche Unruhe verursacht haben, sind sie nun verdächtig, die nationale Sicherheit zu gefährden. Die Verdächtigen befinden sich auf der Flucht. Die Ermittlungsbeamten bitten um Hinweise, die Aufschluss auf den derzeitigen Aufenthaltsort der Gesuchten geben können.

 

Ich scrolle zurück zu Johns Bild. Als ich seinem Blick auf dem Foto begegne, beginnt meine Hand zu zittern.

Obwohl es nur eine Zeichnung ist, kommen mir seine Augen vertraut vor. Wie könnte ich mich an sie erinnern, wenn ich sie nicht auf der jahrelangen Reise gesehen hätte, die uns hierherbrachte? Jetzt kann mich niemand mehr davon abbringen, dass er einer der sechs übrig gebliebenen Garden ist, die in dieser fremden Welt noch leben.

Ich lehne mich zurück, puste mir die Ponyfransen aus der Stirn und wünschte, ich könnte mich selbst auf die Suche nach ihm machen. Natürlich sind Henri und John Smith dazu fähig, sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen; elf Jahre lang haben sie sich versteckt gehalten, genau wie Adelina und ich. Wie könnte ich darauf hoffen, sie zu finden, wenn die ganze Welt nach ihnen sucht? Wie könnte irgendeiner von uns darauf hoffen, wieder mit den anderen zusammenzutreffen?

Die Augen der Mogadori sind überall. Ich weiß nicht, wie sie Eins oder Drei finden konnten, aber ich glaube, sie haben Zwei wegen des Blogeintrags aufgespürt, den er oder sie geposted hatte. Fünfzehn Minuten lang hatte ich überlegt, wie ich darauf antworten könnte, ohne mich selbst zu verraten. Obwohl der Eintrag an sich sehr merkwürdig war, schien er doch für uns Andere ganz offensichtlich:

 

Neun, jetzt acht. Seid ihr anderen irgendwo da draußen?

 

Die Nachricht war von einem Account mit der Bezeichnung Zwei verfasst worden. Meine Finger flogen über die Tastatur und schrieben eine kurze Antwort, doch gerade als ich sie online stellen wollte, erneuerte sich die Seite – jemand anderer war mir zuvorgekommen.

 

Wir sind hier, stand da.

 

Mit offenem Mund saß ich eine Weile völlig schockiert da. Angesichts dieser beiden Nachrichten keimte Hoffnung in mir auf. Doch gerade als ich einen neuen, anders lautenden Eintrag verfasst hatte, erschien ein helles Leuchten an meinem Fuß und das brutzelnde Geräusch von verbrennendem Fleisch drang an mein Ohr. Ein höllischer Schmerz überkam mich. Ich fiel zu Boden, wand mich vor Schmerzen und schrie aus Leibeskräften nach Adelina, während ich meinen Knöchel mit den Händen bedeckte, damit niemand etwas bemerkte. Als Adelina schließlich kam und ihr klar wurde, was passiert war, deutete ich auf den Bildschirm. Doch er war leer. Beide Einträge waren gelöscht worden.

Ich wende den Blick von John Smiths vertrauten Augen auf dem Bildschirm ab. Neben dem Computer steht eine kleine vergessene Blume. Sie wirkt müde und verwelkt, ist auf die Hälfte ihrer Normalgröße zusammengeschrumpft und an ihren Blättern hat sich ein brauner, trockener Rand gebildet. Einige Blütenblätter sind abgefallen und liegen nun verschrumpelt neben dem Blumentopf auf dem Schreibtisch. Noch ist die Blume nicht gestorben, aber sie ist kurz davor. Ich beuge mich nach vorn, lege meine Hände um sie und bringe mein Gesicht so nahe an sie heran, dass meine Lippen den Rand der Blätter berühren. Dann blase ich warme Luft auf sie. Ein eisiges Gefühl durchfährt meine Wirbelsäule und wie zur Antwort wird die Blume zu neuem Leben erweckt. Sie richtet sich auf, ein zartes Grün umfängt Blätter und Stängel, und neue Blütenblätter, erst farblos, doch dann leuchtend violett, wachsen aus ihr hervor. Ein verschmitztes Grinsen umspielt meine Lippen. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Schwestern reagieren würden, wenn sie so etwas sähen. Doch das lasse ich nicht zu. Sie würden es missverstehen und ich will nicht in die Kälte hinausgeworfen werden. Dazu bin ich noch nicht bereit. Bald werde ich es sein, aber jetzt noch nicht.

Ich schalte den Computer aus und beeile mich, zurück ins Bett zu kommen, während meine Gedanken um John Smith kreisen. Irgendwo da draußen ist er. Pass auf und bleib in deinem Versteck, denke ich. Wir alle werden uns wieder finden.

3

Ein leises Flüstern erreicht mich. Die Stimme klingt kalt. Ich kann mich irgendwie nicht richtig bewegen, lausche aber intensiv.

Ich schlafe nicht mehr, bin aber auch noch nicht wach. Ich bin gelähmt, und während sich das Geflüster verstärkt, wird alles von der undurchdringlichen Dunkelheit des Motelzimmers verschluckt. Die Elektrizität, die ich verspüre, als sich die Vision über meinem Bett abzeichnet, erinnert mich daran, wie ich in Paradise/Ohio mein erstes Erbe, Lumen, empfing. Es brachte meine Handflächen zum Leuchten.

Damals, als Henri noch lebte und bei mir war. Aber Henri ist nicht mehr da. Er kommt nicht mehr zurück. Selbst in meinem jetzigen Zustand kann ich der Realität nicht entkommen.

Ich tauche in die Vision über mir ein, erleuchte ihre Düsternis mit meinen Händen, doch der Schein wird von den Schatten verschluckt. Dann erstarre ich. Alles wird still. Ich hebe meine Hände, berühre jedoch nichts. Meine Füße sind über dem Boden, ich schwebe in einer allumfassenden Leere.

Noch mehr Geflüster in einer Sprache, die ich nicht kenne, aber trotzdem irgendwie verstehe. Angsterfüllt brechen die Worte hervor. Die Dunkelheit lichtet sich und die Welt, in der ich mich befinde, wird erst grau und verwandelt sich dann in ein so strahlendes Weiß, dass ich die Augen zukneifen muss. Ein Nebel erscheint. Als er sich wieder auflöst, sehe ich einen großen offenen Raum, an dessen Wänden brennende Kerzen aufgereiht sind.

»Ich … ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist«, sagt eine ziemlich erregte Stimme.

Der Raum ist lang und breit und hat die Größe eines Fußballplatzes. Beißender Schwefelgeruch dringt in meine Nase und lässt meine Augen tränen. Die Luft ist heiß und stickig. Und dann sehe ich sie am Ende des Raums: zwei in den Schatten verborgene Gestalten. Eine ist viel größer als die andere und wirkt noch aus der Ferne bedrohlich.

»Sie sind entkommen. Irgendwie sind sie entkommen. Ich weiß nicht, wie …«

Ich bewege mich vorwärts. Ich verspüre die Art von Ruhe, die dich manchmal in Träumen überkommt, wenn du weißt, dass du schläfst und nichts dir etwas anhaben kann. Schritt für Schritt nähere ich mich den größer werdenden Schatten.

»Alle. Alle wurden getötet. Dazu noch drei Piken und zwei Krauls«, sagt die kleinere Gestalt, die mit fuchtelnden Händen neben der größeren steht.

»Wir hatten sie. Wir waren kurz davor …«, ertönt die Stimme, doch die andere unterbricht sie.

Der Schatten scannt die Umgebung, um das zu entdecken, was er bereits gespürt hat. Ich stoppe, bleibe reglos stehen und halte die Luft an.

Dann entdeckt er mich. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. »John«, sagt irgendjemand. Die Stimme ist wie ein entferntes Echo.

Die größere Gestalt kommt auf mich zu. Sie ragt hoch auf, ist gute sechs Meter groß, muskulös, mit kantigem Kinn. Sein Haar ist nicht lang wie das der anderen, sondern kurz geschnitten. Seine Haut ist gebräunt. Unsere Blicke treffen sich, während er langsam näher kommt. Erst zehn Meter, dann sechs. Drei Meter vor mir bleibt er stehen. Mein Amulett wiegt schwer, die Kette schneidet mir in den Nacken.

An seiner Kehle entdecke ich eine groteske, lilafarbene Narbe. Wie ein Halsband. »Ich habe dich erwartet«, sagt er. Seine Stimme ist gleichmäßig und ruhig. Er hebt den rechten Arm und zieht ein Schwert aus der Scheide auf seinem Rücken. Es erwacht sofort zum Leben, behält seine Form, während das Metall sich zu verflüssigen scheint. Die Verletzung an meiner Schulter, die mir der Dolch des Mogadori-Soldaten während des Kampfes in Ohio zugefügt hat, scheint mit einem Glühen wieder aufzubrechen, so als würde sie mir ein weiteres Mal zugefügt. Ich falle auf die Knie.

»Es ist lange her«, sagt er.

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, erwidere ich in einer Sprache, die ich noch nie zuvor gesprochen habe.

Ich will diesen Ort sofort verlassen, wo auch immer ich mich gerade befinde. Ich versuche aufzustehen, doch es ist, als würde ich plötzlich am Boden kleben.

»Wirklich nicht?«, fragt er.

»John!«, höre ich wieder jemanden am Rand meines Bewusstseins rufen. Der Mogadori scheint es nicht zu bemerken, sein Blick hält meinen gefangen. Ich kann nicht wegsehen.

»Ich habe hier nichts zu suchen«, sage ich. Meine Stimme klingt dünn. Alles verdunkelt sich, bis nur noch wir beide übrig sind.

»Ich kann dich verschwinden lassen, wenn es das ist, was du willst«, erwidert er, schwingt das Schwert in einer schnellen Bewegung über den Kopf und hinterlässt mit der Klinge einen leuchtend weißen Streifen in der Luft. Dann greift er an, hält das vor Energie vibrierende Schwert empor. Er holt aus, das auf meine Kehle gerichtete Schwert saust wie eine Kugel herab, und ich weiß, dass ich nichts tun kann, um den Schlag aufzuhalten und meiner Enthauptung zu entgehen.

»John!«, schreit die Stimme wieder.

Meine Augenlider klappen auf. Zwei Hände halten mich fest an der Schulter. Ich bin schweißüberströmt und völlig außer Atem. Mein Blick fokussiert zuerst Sam, der über mir steht. Dann sehe ich Sechs, mit ihren haselnussbraunen Augen, die manchmal blau und manchmal grün wirken, neben meinem Bett knien. Sie wirkt müde und erschöpft, so als hätte ich sie gerade aufgeweckt – was ich zweifellos auch getan habe.

»Was ist denn los?«, fragt Sam.

Ich schüttele den Kopf, lasse meine Vision verblassen und nehme die Umgebung in mir auf. Das Zimmer ist dunkel, die Vorhänge sind zugezogen. Ich liege in demselben Bett, in dem ich seit anderthalb Wochen liege, um meine Kampfverletzungen verheilen zu lassen. Sechs hat sich ebenfalls langsam erholt, und seit unserer Ankunft haben weder sie noch ich diesen Ort verlassen, sondern nur auf Sam vertraut, der uns mit Lebensmitteln und allem Möglichen versorgt.

Ein heruntergekommenes Motel mit zwei Doppelbetten abseits der Hauptstraße von Trucksville/North Carolina. Um das Zimmer zu mieten, hat Sam einen der siebzehn verschiedenen Führerscheine benutzt, die Henri vor seinem Tod für mich angefertigt hat. Glücklicherweise war der alte Mann an der Rezeption viel zu beschäftigt mit dem Fernseher, als dass er sich das Foto genauer angesehen hätte. Das Motel befindet sich am nordwestlichen Rand des Bundesstaats und ist fünfzehn Autominuten sowohl von Virginia als auch von Tennessee entfernt. Wir sind hierher gekommen, weil wir angesichts unserer Verletzungen nicht viel weiter hätten fahren können. Doch nun sind unsere Wunden nach und nach verheilt und unsere Kräfte kehren endlich zurück.

»Du hast in einer Sprache gesprochen, die ich noch niemals gehört habe«, sagt Sam. »Du hast sie sicher erfunden, oder?«

»Nein, er hat Mogadorisch gesprochen«, korrigiert ihn Sechs. »Und sogar ein bisschen Lorienisch.«

»Echt?«, frage ich. »Das ist wirklich sehr seltsam.«

Sechs geht zum Fenster und zieht den rechten Vorhang beiseite. »Wovon hast du geträumt?«

Ich schüttle den Kopf. »Ich weiß nicht genau. Ich hab zwar geträumt, aber nicht richtig. Ich glaube, ich hatte Visionen und es ging um sie. Wir standen kurz vor einer Schlacht, aber ich war, ich weiß nicht, zu schwach oder zu verwirrt oder irgendwas.« Ich schaue zu Sam, der auf den Fernseher guckt und die Stirn runzelt. »Was?«

»Schlechte Nachrichten.« Er seufzt und schüttelt den Kopf.

»Was ist denn?« Ich setze mich auf und reibe mir den Schlaf aus den Augen.

Sam deutet auf die andere Seite des Zimmers und ich richte meinen Blick auf den leuchtenden Fernseher. Mein Gesicht nimmt die gesamte rechte Hälfte des Bildschirms ein, während auf der linken Seite eine Phantomzeichnung von Henri prangt. Die Zeichnung ähnelt ihm überhaupt nicht: Sein Gesicht wirkt spitz und verhärmt, beinahe ausgezehrt, was ihm ein Aussehen verleiht, bei dem er zwanzig Jahre älter erscheint, als er ist. Oder war.

»Terrorist oder Bedrohung für die nationale Sicherheit war wohl als Beschreibung nicht schlimm genug«, meint Sam. »Jetzt setzen sie sogar ein Kopfgeld aus.«

»Auf mich?«, frage ich.

»Auf dich und Henri. Hunderttausend Dollar für jede Information, die zu eurer Ergreifung führt. Zweihundertfünfzigtausend für denjenigen, der euch persönlich bei der Polizei abliefert.«

»Ich bin schon mein ganzes Leben auf der Flucht«, sage ich und reibe mir erneut die Augen. »Wo ist der Unterschied?«

»Tja, ich aber nicht, und auf mich ist ebenfalls eine Belohnung ausgesetzt«, sagt Sam. »Lumpige fünfundzwanzigtausend, ist das zu fassen? Und ich weiß nicht mal, wie gut ich mich als Flüchtiger mache. Ich bin’s noch nie gewesen.«

Behutsam rutsche ich aus dem Bett; ich bin immer noch ein wenig steif.

Sam lässt sich auf das andere Bett fallen und legt seine Hände vors Gesicht.

»Aber du bist mit uns zusammen, Sam. Wir passen schon auf dich auf«, sage ich.

»Ich mache mir keine Sorgen«, murmelt er in sich hinein.

Sam macht sich vielleicht keine Sorgen, aber ich. Ich kaue auf der Innenseite meiner Wange herum und denke darüber nach, wie ich ihn in Sicherheit sowie Sechs und mich ohne Henri am Leben halten kann.

Ich schaue zu Sam, der vor lauter Nervosität ein Loch in sein schwarzes NASA-T-Shirt bohrt. »Hör zu, Sam. Ich wünschte, Henri wäre hier. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mir das wünsche, und zwar aus verschiedenen Gründen. Er hat nicht nur für meine Sicherheit gesorgt, wenn wir von einem Bundesstaat in den nächsten zogen, sondern er wusste auch alles über Lorien und meine Familie. Außerdem hatte er diese erstaunliche Ruhe an sich, die uns lange Zeit vor Ärger bewahrt hat. Ich weiß nicht, ob ich je in der Lage sein werde, ebenso für unsere Sicherheit zu sorgen. Wenn er heute noch leben würde, hätte er dich sicher nicht mit uns kommen lassen. Auf keinen Fall hätte er dich dieser Gefahr ausgesetzt. Aber jetzt bist du hier und ich werde nicht zulassen, dass dir etwas geschieht. Versprochen.«

»Ich möchte ja hier sein«, sagt Sam. »Das ist das Coolste, was mir je passiert ist.« Er macht eine kleine Pause und sieht mir dann in die Augen. »Außerdem bist du mein bester Freund. Und ich hatte noch nie einen besten Freund.«

»Ich auch nicht«, antworte ich.

»Na los, umarmt euch schon«, sagt Sechs. Sam und ich müssen lachen.

Mein Gesicht ist immer noch auf dem Bildschirm. Das Foto, das da im TV zu sehen ist, hat Sarah an meinem allerersten Schultag geschossen – dem Tag, an dem ich ihr begegnet bin. Mein Gesichtsausdruck wirkt verlegen und hilflos. Auf der rechten Seite des Bildschirms sieht man jetzt kleinere Fotos von den fünf Personen, die wir angeblich getötet haben sollen: drei Lehrer, der Trainer der Jungen-Basketballmannschaft und der Hausmeister der Schule. Dann wechselt die Kamera zu Aufnahmen der zerstörten Schule – und … Mann … sie ist wirklich zerstört. Die ganze rechte Seite des Gebäudes besteht nur noch aus einem Trümmerhaufen. Im Anschluss kommen ein paar Interviews mit Bewohnern aus Paradise, zu guter Letzt sogar mit Sams Mutter. Als sie auf dem Bildschirm erscheint, ist sie tränenüberströmt und sieht direkt in die Kamera. Sie appelliert an die ›Kidnapper‹, dass sie ihr ›bitte bitte bitte ihr Baby zurückbringen‹. Als Sam dieses Interview sieht, spüre ich, dass sich etwas in ihm verändert.

Als Nächstes folgen Filmausschnitte von den Beerdigungen und Kerzenmahnwachen der letzten Woche. Sarah erscheint auf dem Bildschirm. Sie hält eine Kerze, während ihr Tränen über die Wange laufen. In meiner Kehle bildet sich ein Kloß. Ich täte alles, um ihre Nummer wählen und ihre Stimme hören zu können. Es bringt mich fast um, mir vorzustellen, was sie gerade durchleidet. Das Video, das zeigt, wie wir aus Marks brennendem Haus entkommen – womit diese ganze Geschichte überhaupt erst begann –, ist über das Internet verbreitet worden. Trotz der Tatsache, dass ich auch für den Brand verantwortlich gemacht werde, tritt Mark vor die Kamera und schwört Stein und Bein, dass ich nichts damit zu tun habe, wenngleich es ihn völlig entlasten würde, wenn er mich als Sündenbock abstempelte.

Nachdem wir Ohio verlassen haben, wurde die Zerstörung der Schule zunächst einem unverhofft aufgetretenen Tornado zugeschrieben. Doch dann durchkämmten Rettungsmannschaften die Trümmer und in kürzester Zeit wurden alle fünf Leichen in gleichem Abstand voneinander liegend gefunden. Ohne eine einzige Verletzung, noch dazu in einem Raum, der von dem Ganzen völlig unberührt geblieben ist. Die gerichtsmedizinische Untersuchung hat ergeben, dass sie alle eines natürlichen Todes gestorben sind und keinerlei Anzeichen von Drogen oder Traumata aufwiesen. Wer kann wissen, wie es wirklich passiert ist?

Als einer der Reporter davon erfuhr, wie ich aus dem Fenster des Rektors gesprungen und von der Schule weggelaufen bin, und als danach weder Henri noch ich aufzufinden waren, hat er eine Story konstruiert und uns beide für alles verantwortlich gemacht. Der Rest war dann nur noch eine Frage der Zeit. Aufgrund der Entdeckung von Henris Fälschungsinstrumenten sowie ein paar der gefälschten Dokumente, die er im Haus hinterlassen hatte, wuchs dann die öffentliche Entrüstung.

»Wir müssen jetzt sehr vorsichtig sein«, sagt Sechs, die an der Wand lehnt.

»Noch vorsichtiger, als in einem schäbigen Motelzimmer hinter zugezogenen Vorhängen zu sitzen?«, frage ich.

Sechs geht wieder ans Fenster, schiebt den Vorhang etwas zur Seite und sieht hinaus. Ein Streifen Sonnenlicht fällt auf den Fußboden. »Die Sonne geht in drei Stunden unter. Lasst uns verschwinden, sobald es dunkel ist.«

»Gott sei Dank«, sagt Sam. »Wenn wir nach Süden fahren, können wir heute Nacht einen Meteoritenschauer sehen. Außerdem werde ich verrückt, wenn ich noch eine Minute länger in diesem beschissenen Zimmer sitze.«

»Sam, du bist verrückt, schon seit ich dich kenne«, scherze ich. Er wirft mit einem Kissen nach mir, das ich abwehre, ohne die Hand zu heben. Mit meinen telekinetischen Fähigkeiten wirbele ich das Kissen mehrmals in der Luft herum und schleudere es dann wie eine Rakete auf den Fernseher, der daraufhin ausgeht.

Ich weiß, dass Sechs recht hat. Wir müssen weiterziehen. Dennoch bin ich frustriert. Es sieht so aus, als wäre kein Ende in Sicht, als gäbe es keinen Ort, an dem wir sicher sind. Am Fußende des Bettes hockt Bernie Kosar und wärmt mir die Füße. Seit Ohio ist er kaum von meiner Seite gewichen. Er öffnet die Augen, gähnt und streckt sich. Dann sieht er zu mir hoch und kommuniziert mir auf telepathischem Weg, dass es ihm ebenfalls besser geht. Die meisten der kleinen Wunden auf seinem Körper sind verschwunden und die größeren verheilen gut. Er trägt noch immer die provisorische Schiene an seinem gebrochenen Vorderlauf und wird wohl noch ein paar Wochen hinken. Doch er sieht schon wieder aus wie der alte Bernie. Er lässt ein dezentes Schwanzwedeln erkennen und kratzt an meinem Bein. Ich fasse nach unten, setzte ihn mir auf den Schoß und kraule seinen Bauch.

»Was ist mir dir, Kumpel? Bereit, dieses Loch zu verlassen?«

Bernie Kosar klopft mit dem Schwanz auf das Bett.

»Also wohin, Leute?«, frage ich.

»Ich weiß nicht«, sagt Sechs. »Am liebsten irgendwohin, wo es warm ist und wir den Winter verbringen können. Mir wird übel von diesem ganzen Schnee. Noch übler wird mir allerdings, weil ich nicht weiß, wo die anderen sind.«

»Im Augenblick sind es nur wir drei. Vier plus Sechs plus Sam.«

»Ich steh’ auf Algebra«, scherzt Sam. »Sam ist gleich x. Die unbekannte Größe x.«

»Mann, du bist so ein Nerd«, gebe ich zurück.

Sechs geht ins Badezimmer und kommt eine Sekunde später mit ein paar Toilettenartikeln zurück. »Wenn es irgendeinen Trost bei der ganzen Sache gibt, dann wissen die anderen Garden jetzt immerhin, dass John seinen ersten Kampf nicht nur überlebt, sondern gewonnen hat. Vielleicht schöpfen sie ja irgendeine Hoffnung daraus. Unsere erste Priorität ist, die anderen zu finden. Und in der Zwischenzeit gut zu trainieren.«

»Das werden wir«, sage ich und sehe Sam an. »Noch ist es nicht zu spät zur Umkehr, Sam. Du könntest eine x-beliebige Geschichte über uns erfinden. Erzähl ihnen, dass wir dich entführt und gegen deinen Willen festgehalten haben, und dass du bei der erstbesten Gelegenheit getürmt bist. Das wird einen Helden aus dir machen. Du wirst dich vor Mädchen kaum retten können.«

Sam beißt sich auf die Unterlippe und schüttelt den Kopf. »Ich will gar kein Held sein. Und vor Mädchen kann ich mich auch jetzt schon kaum retten.«

Sechs und ich verdrehen die Augen, doch ich sehe auch, wie Sechs errötet. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein.

»Es ist mein Ernst«, sagt er. »Ich werde nicht gehen.«

Ich zucke mit den Schultern. »Dann wäre das geklärt. Sam ist gleich x in dieser Gleichung.«

Sam sieht zu, wie Sechs zu ihrer kleinen Tasche geht, die neben dem Fernseher steht. Seine Faszination steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sechs trägt schwarze Baumwollshorts und ein weißes Tanktop. Ihre Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ein paar lose Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Auf ihrem linken Oberschenkel ist eine purpurfarbene Narbe erkennbar. Die vom Nähen stammenden Nadeleinstiche sind blass rosa und noch leicht verschorft. Sie hat die Wunde nicht nur eigenhändig genäht, sondern auch die Fäden selbst gezogen. Als Sechs aufschaut, verändert Sam verschüchtert seinen Gesichtsausdruck. Es gibt natürlich einen weiteren Grund, warum er bei uns bleiben will.

Sechs beugt sich hinunter und holt eine gefaltete Landkarte aus ihrer Tasche. Am Fußende des Bettes zieht sie die Karte auseinander. »Genau hier«, sie zeigt auf Trucksville, »sind wir. Und hier«, fährt sie fort und bewegt dabei ihren Finger von North Carolina zu einem winzigen, mit roter Tinte markierten Stern im Zentrum von West Virginia, »ist die Höhle der Mogadori. Zumindest die, die ich kenne.«

Ich sehe mir an, wo sie hinzeigt. Selbst auf der Karte ist erkennbar, dass der Ort sehr abgeschieden liegt. Anscheinend gibt es in einem Radius von fünf Kilometern keine Hauptstraße, in einem Umkreis von zehn keine Stadt.

»Woher weißt du überhaupt, wo sich die Höhle befindet?«

»Das ist eine lange Geschichte«, erwidert sie. »Die erzähl ich besser mal unterwegs.«

Ihr Finger zeichnet eine weitere Route nach, bewegt sich von West Virginia in südwestliche Richtung, überquert Tennessee und stoppt an einem Punkt in Arkansas, nahe des Mississippi.

»Was ist da?«, frage ich.

Sie bläst ihre Wangen auf und atmet dann tief aus. Zweifellos erinnert sie sich an ein früheres Ereignis. Ihr Gesicht nimmt einen Ausdruck an, als befände sie sich in tiefster Konzentration.

»Hier ist mein Kasten gewesen«, erklärt sie. »Und noch ein paar andere Dinge, die Katarina aus Lorien mitbrachte. Hier war er versteckt.«

»Was meinst du mit ›war versteckt‹?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Ist er nicht mehr da?«

»Nein. Sie hatten unsere Spur verfolgt und wir konnten nicht riskieren, dass er in ihre Hände fiel. Er war bei uns nicht mehr sicher, also versteckten wir ihn und Katarinas Artefakte in Arkansas und flohen so schnell wir nur konnten, in der Hoffnung, dass wir ihnen entkommen würden …« Sie verstummt.

»Sie haben euch gekriegt, nicht wahr?«, frage ich, im Wissen, dass ihre Cêpan Katarina vor drei Jahren gestorben ist.

Sie seufzt. »Das ist eine andere Geschichte, die ich auch besser mal irgendwann unterwegs erzähle.«

***

Ich brauche nur ein paar Minuten, um meine Sachen in die Tasche zu stopfen. Während ich das tue, erinnere ich mich an das letzte Mal, als diese Tasche gepackt wurde. Sarah hatte es getan. Nur anderthalb Wochen sind vergangen, doch sie kommen mir wie anderthalb Jahre vor. Ich frage mich, ob sie von der Polizei vernommen wurde oder nun in der Schule irgendeine besondere Position einnimmt. Welche Schule besucht sie überhaupt, nachdem die Highschool zerstört wurde? Ich bin sicher, dass sie alles übersteht. Dennoch kann es nicht einfach für sie sein, insbesondere weil sie keine Ahnung hat, wo ich bin oder wie es mir überhaupt geht. Ich wünschte, ich könnte sie kontaktieren, ohne uns gleichzeitig in Gefahr zu bringen.

Sam schaltet den Fernseher wieder ein, auf altmodische Art mit der Fernbedienung, und sieht sich die Nachrichten an, während Sechs sich unsichtbar macht, um unseren Truck zu checken. Wir gehen davon aus, dass Sams Mutter das Verschwinden des Wagens bemerkt hat, was sicherlich bedeutet, dass die Polizei Ausschau nach ihm hält. Vor ein paar Tagen hat Sam die Nummernschilder eines anderen Trucks gestohlen. Vielleicht hilft uns das für eine Weile, bis wir unser Ziel erreicht haben.

Ich stelle die gepackte Tasche neben die Tür. Sam lächelt, als sein Foto auf dem Bildschirm erscheint. Wieder derselbe Nachrichtenkanal. Ich weiß, dass er diesen kleinen Moment des Berühmtseins genießt, selbst auf die Gefahr hin, als Flüchtiger zu gelten. Dann wird wieder mein Bild gezeigt, gefolgt von Henris. Es zu sehen, zerreißt mir das Herz, auch wenn ihm die Zeichnung gar nicht ähnelt. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Schuldgefühle und Trübsal, aber ich vermisse ihn so sehr. Es ist meine Schuld, dass er tot ist.

Fünfzehn Minuten später kommt Sechs mit einer weißen Plastiktüte zurück. Sie hält sie hoch und schüttelt sie leicht. »Ich hab euch was mitgebracht.«

»Was denn?«, frage ich.

Sie fasst in die Tüte und zieht einen Haarschneider heraus. »Ich glaube, Sam und du könntet mal eine neue Frisur vertragen.«

»Ach nöö, komm. Mein Kopf ist viel zu klein. Ich sehe dann bestimmt aus wie eine Schildkröte«, wehrt Sam ab. Ich muss lachen und versuche, ihn mir ohne sein struppiges Haar vorzustellen. Er hat einen langen dünnen Hals. Ich fürchte, er könnte recht haben.

»Danach bist du völlig inkognito«, wirft Sechs ein.

»Wozu? Ich bin doch schon die unbekannte Größe x.«

»Sei nicht so’n Weichei«, schimpft Sechs.

Sam sieht finster drein. Ich versuche, etwas Optimismus zu verbreiten. »Nun komm schon, Sam«, sage ich und ziehe mein Hemd aus. Sechs folgt mir ins Badezimmer und öffnet die Verpackung des Haarschneiders, während ich mich über die Badewanne beuge. Ihre Finger sind etwas kühl, was Gänsehaut bei mir hervorruft. Ich wünschte, Sarah würde mich jetzt an der Schulter festhalten und mir ein neues Aussehen verpassen. Sam beobachtet uns von der Tür, seufzt laut und demonstriert so seinen Unwillen.

Sechs ist fertig. Ich wische mir mit einem Handtuch die losen Haare ab, stehe auf und sehe in den Spiegel. Mein Kopf ist viel weißer als der Rest meines Gesichts, was aber nur daran liegt, dass er bisher noch nicht ungeschützt der Sonne ausgesetzt war. Ein paar Tage auf den Florida Keys, wo Henri und ich vor unserer Ankunft in Ohio gelebt haben, würden das Problem schnellstens beseitigen.

»Na bitte, John sieht jetzt cool und abgebrüht aus. Ich hingegen werde eine Schildkröte sein«, kommentiert Sam grummelnd.

»Ich bin cool und abgebrüht, Sam«, erwidere ich.

Er verdreht die Augen.

Sechs reinigt den Haarschneider. »Los, runter«, sagt sie.

Sam gehorcht, kniet sich hin und beugt sich über die Wanne. Nachdem Sechs mit der Rasur fertig ist, steht Sam auf und wirft mir einen flehentlichen Blick zu. »Wie schlimm ist es?«

»Du siehst gut aus, mein Freund«, antworte ich. »Wie ein Flüchtiger.«

Sam rubbelt sich ein paarmal über den Kopf und sieht schließlich in den Spiegel. Er zuckt zusammen. »Ich sehe wie ein Alien aus!«, ruft er in vorgetäuschtem Entsetzen und sieht über seine Schulter. »Nichts für ungut!«, fügt er beiläufig hinzu.

Sorgfältig sammelt Sechs alle Haare aus der Badewanne und wirft sie in die Toilette. Sie achtet darauf, dass alles weggespült wird. Dann wickelt sie die Schnur des Haarschneiders zu einem hübschen, festen Knoten und steckt alles wieder in die Verpackung. »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.«

Wir legen ihr unsere Taschen über die Schulter. Sie hält sie mit beiden Händen fest und macht sich dann unsichtbar, sodass auch die Taschen im Nichts verschwinden. Ohne gesehen zu werden, geht sie zur Tür hinaus und bringt unser Gepäck zum Wagen.

Als sie weg ist, greife ich in die äußerste rechte Ecke des Wandschranks, schiebe ein paar Handtücher beiseite und nehme den lorienischen Kasten heraus.

»Wirst du das Ding überhaupt jemals öffnen?«, fragt Sam. Seitdem ich ihm das erste Mal davon erzählt habe, möchte er zu gern wissen, was sich darin befindet.

»Ja, werde ich«, sage ich. »Sobald ich mich sicher fühle.«

Die Tür des Motelzimmers öffnet sich und geht wieder zu. Sechs wird sichtbar, ihr Blick fällt auf den Kasten.

»Ich werde euch nicht zusammen mit diesem Ding da unsichtbar machen können. Immer nur das, was ich anfassen kann. Ich bring’s erst mal zum Wagen, okay?«

»Nein, ist nicht nötig. Nimm Sam mit dir, ich komme dann nach.«

»Das ist idiotisch, John. Wie willst du denn ungesehen nachkommen?«

Ich setzte mir die Mütze auf und schlüpfe in meine Jacke. Dann ziehe ich den Reißverschluss hoch und ziehe mir die Kapuze über den Kopf. Nur mein Gesicht ist zu sehen.

»Ich komme schon klar. Genau wie bei dir ist mein Hörsinn ziemlich gut ausgeprägt«, entgegne ich.

Sechs sieht mich skeptisch an und schüttelt den Kopf.

Ich nehme Bernie Kosars Leine und befestige sie am Halsband. Nach kurzem Zögern beuge ich mich hinunter, um ihn zu tragen. Immerhin ist sein Bein noch nicht ganz verheilt. Aber er kommuniziert mir, dass er lieber selbst laufen möchte.

»Ich bin bereit«, sage ich.

»In Ordnung, dann lasst uns gehen«, sagt Sechs.

Etwas zu überschwänglich reicht Sam ihr seine Hand. Ich muss mir ein Lachen verkneifen.

»Was denn?«, fragt er.

Ich schüttele den Kopf. »Nichts. Ich folge euch, so gut es geht. Aber lauft nicht zu weit voraus.«

»Huste einfach, wenn du nicht weitergehen kannst, dann warten wir. Der Wagen steht nur ein paar Minuten entfernt, gleich hinter der verlassenen Scheune«, sagt Sechs. »Du kannst ihn nicht verpassen.«

Als die Tür aufschwingt, werden Sechs und Sam unsichtbar.

»Das ist unser Stichwort, BK. Nur noch wir beide.«

Er trottet mir fröhlich hinterher und lässt dabei seine hechelnde Zunge sehen. Abgesehen von kurzen Gassi-Ausflügen auf dem kleinen Rasen vor dem Motel war Bernie Kosar die ganze Zeit mit uns zusammen eingesperrt.

Die abendliche Luft ist kühl und frisch, mit einem Duft von Pinien. Der Wind auf dem Gesicht weckt meine Lebensgeister. Beim Gehen halte ich die Augen geschlossen und versuche Sechs zu erspüren, indem ich die Luft mit meinen Sinnen erforsche, mich vortaste und die Landschaft durch meine geistigen Fähigkeiten in mir aufnehme. Genauso konnte ich die heransausende Kugel in Athens aufhalten, auch damals konnte ich alles um mich herum erfühlen. Jetzt spüre ich sie ein paar Meter vor mir auf der rechten Seite. Ich gebe Sechs einen kleinen Schubs. Sie erschrickt und schnappt nach Luft. Drei Sekunden später stößt sie gegen mich und bringt mich fast zum Stolpern. Ich lache. Sie auch.

»Was treibt ihr da?«, fragt Sam. Unser kleines Spielchen geht ihm auf die Nerven. »Wir sollten doch möglichst ruhig sein, schon vergessen?«

Wir schaffen es zum Wagen, der hinter einer baufälligen Scheune geparkt ist. Sie sieht aus, als könne sie jeden Moment einstürzen. Sechs lässt Sams Hand los und er krabbelt in die Mitte der Fahrerkabine. Sechs setzt sich hinter das Steuer, ich quetsche mich mit BK zu meinen Füßen neben Sam.

»Heilige Scheiße! Was ist mit deinen Haaren passiert?«, ärgere ich Sam.

»Halt’s Maul.«

Sechs startet den Wagen. Ich muss lachen, als sie ihn auf die Straße lenkt und die Scheinwerfer einschaltet.

»Was ist denn?«, fragt Sam.

»Ich dachte nur gerade, dass von uns Vieren drei Aliens sind, zwei sind Flüchtige mit Verbindungen zum Terrorismus und keiner von uns hat einen gültigen Führerschein. Irgendetwas sagt mir, dass das interessant werden könnte.«

Sogar Sechs kann jetzt ein Grinsen nicht unterdrücken.

4

»Ich war dreizehn, als sie uns entdeckt haben«, sagt Sechs, während wir nach fünfzehn Minuten Fahrt die Grenze zu Tennessee überschreiten. Ich hatte sie gebeten uns zu erzählen, wie sie und Katarina geschnappt worden waren. »Wir waren in West Texas, nachdem wir aufgrund eines dummen Missverständnisses Mexiko verlassen hatten. Wir waren beide völlig gebannt wegen dieses blöden Interneteintrags, den Nummer Zwei gepostet hatte. Allerdings hatten wir zu diesem Zeitpunkt gar keine Ahnung, dass der Eintrag von Zwei stammte, und haben darauf geantwortet. In Mexiko waren wir einsam und lebten in einer verstaubten Stadt irgendwo in der Einöde. Wir mussten einfach wissen, ob der Eintrag wirklich von einem der Garden stammte.«

Ich nicke. Ich weiß genau, wovon sie spricht. Henri hatte während unseres Aufenthalts in Colorado diesen Blogeintrag ebenfalls entdeckt. Ich hatte in der Schule an einem Buchstabierwettbewerb teilgenommen und stand gerade auf der Bühne, als die Narbe auftauchte. Ich wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo der Arzt die erste Narbe untersuchte und sich die frische zweite Wunde ansah, die bis auf den Knochen ging. Als Henri kam, warfen sie ihm Kindesmisshandlung vor, was den Ausschlag gab, den Bundesstaat zu verlassen und neue Identitäten anzunehmen. Ein weiterer Neubeginn.

»›Neun, jetzt acht. Ist der Rest von euch da draußen?‹«, frage ich.

»Ja, genau das war’s.«

»Ihr habt also geantwortet«, sage ich. Henri hatte mir einen Screen Shot des Eintrags gezeigt. Verzweifelt hatte er versucht, den Computer von Zwei zu hacken, um den Eintrag zu löschen, bevor etwas Schlimmes passierte. Aber er war nicht schnell genug. Zwei wurde getötet. Irgendwer hatte den Eintrag gleich danach gelöscht. Wir vermuteten, dass es die Mogadori waren.

»Wir haben einfach nur geschrieben ›Wir sind hier‹. Nach nicht mal einer Minute erschien die Narbe.« Sechs schüttelt den Kopf. »Es war wirklich dumm von Zwei, diese Nachricht ins Netz zu stellen. Sie wusste doch, dass sie die Nächste sein würde.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Macht der Sechs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen