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Die Liebe des Gauklers

Über dieses Buch

Eine verbotene Liebe in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges

Kurpfalz, 1622. Schon seit Kindertagen sind die protestantische Schneiderstochter Susanna und der Bauernsohn Hannes ineinander verliebt. Doch Susannas Eltern sind gegen die Verbindung, da Hannes katholisch erzogen wurde. Als der Krieg ihre Heimat erreicht, flieht Susanna ins nahe Heidelberg. Dort erreicht sie die Nachricht von Hannes‘ Tod – und bald muss sie um ihr eigenes Leben fürchten: Entfesselte Soldaten wüten in der Stadt. Doch der Gaukler David rettet Susanna. Fasziniert von der Welt der Schausteller schließt sie sich David an und heiratet ihn sogar. Aber dann erfährt sie, dass Hannes noch lebt ...

Über den Autor

Thomas Ziebula war bis Mitte der 90er Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst neben historischen Romanen auch Fantasy-, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik Preis. Mehr über den Autor auf http://www.thomas-ziebula.de

THOMAS ZIEBULA

Die Liebe des Gauklers

beHEARTBEAT

»Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind,
und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.«

Prospero in William Shakespeares DER STURM, IV,1

Die Route des Gauklers 1622–1628

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PROLOG

Die Sonne flimmerte im Zenit. Vom See her fielen heiße Winde den Bergrücken herab. Talwärts stand Rauch über den Wipfeln des Sommerwaldes; zu viel für ein Köhlerfeuer, zu wenig für einen Waldbrand.

Lag nicht ein Weiler dort unten in den Hängen über dem Drautal? Stephan erinnerte sich dunkel an Gehöfte und Hütten zwischen Wiesenmatten und Bachlauf, erinnerte sich auch an Ziegen, Rinder und Bienenstöcke. Auf der Beizjagd war er dort unten vorbeigekommen … Richtig, mit dem Stiefvater; dessen Adler hatte ein Lamm gerissen damals. Hundert Jahre her.

Die Bärin hinter ihm brummte, blieb stehen und hob schnüffelnd den Schädel. »Nur ein Feuerchen, Cura, nur ein bisschen Rauch.« Stephan drehte sich nach dem Tier um und pfiff dreimal leise. »Weiter geht’s.« Er sprach kroatisch mit der Bärin. »Vor Sonnenuntergang sind wir zurück bei der Landgräfin, keine Sorge.« Er nahm den Spieß auf die andere Schulter und folgte dem Wildpfad. Bei jedem Schritt klirrte die Kette an seiner Hüfte. Die Bärin trottete hinter ihm her.

Sechs Tage hatten sie in der Wildnis zugebracht; der Bärenführer in einer Baumhütte, seine pelzige Tänzerin unter den Pranken eines liebestollen Wildbären.

Der Pfad führte aus dem Laubwald und an einen kleinen Wasserfall. Über einen Steg ging es hinter dem Vorhang aus stürzendem Wasser zu einer Viehweide. An deren Mauer entlang konnte der Bärenmann bis hinunter zum Fluss blicken – und auf den Weiler. Eine Hütte brannte dort unten, eine einzige. Männer standen zwischen Backofen und Misthaufen, doch niemand löschte.

Niemand löschte?

»Jesses, Maria und Josef!« Stephan schwante Böses. »Komm her, Cura, komm schnell!«

Er beugte sich zur Bärin hinunter, streifte ihr ein Geflecht aus runzligem Leder über die Schnauze, band die Kette von der Hüfte und schloss sie dem Tier ans Halsband. Vermutlich waren es die gräflichen Totschläger, die untätig um das brennende Haus herumstanden.

Stephan rannte über die Weide – schnell wieder in den Schutz des Waldes eintauchen, schnell weg hier, nichts sehen, nichts hören! Neben ihm sprang die Bärin durchs Gras. Sage niemand, es habe keinen Verstand, so ein Tier – es roch das Feuer, es roch die Furcht seines Herrn und es roch die dumpfe Wut des Mobs.

Es musste der Landeshauptmann sein, der dort unten Lutherische jagte. Warum sonst löschte niemand? Und kehren sie nicht in den Schoß der Kirche zurück, dann fahren sie eben zur Hölle – so pflegte die gräfliche Sau den wahren Glauben zu erklären.

Gehörnte Schädel hoben sich aus dem Gras, die Leitkuh blinzelte zur braunen Bärin herauf, warf den schweren Leib herum, blökte – und dann blökte die ganze Herde. Angst erfasste die Rinder, Hufschlag wurde laut, die Tiere galoppierten zur unteren Einfriedung, drückten sich gegen die Mauer; einige richteten sich gar auf den Hinterläufen auf und setzten die Vorderhufe auf die Mauerkrone.

Im Schutz der Eichen auf der anderen Seite der Weide lauschte Stephan, der Bärenmann. Die Rinder beruhigten sich nach und nach, äugten bald nur noch blöde zu ihm herauf. Schritte raschelten im Unterholz. Er streckte die Rechte nach der Bärin aus, pfiff einen leisen, abschwellenden Ton. Cura ließ sich auf den Hinterläufen nieder. »Brave Tänzerin.« Flüsternd ging er neben einer Eiche in die Hocke und stützte sich auf seinen Spieß.

Schwarz und weiß leuchtete es im Unterholz. Schwarzer Schopf, weißes Gesicht. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen.

Nein – zwei Gesichter: eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm. Sie wankte den Hang herauf, stolperte und stürzte in die Blaubeeren, dann rappelte sie sich wieder auf und setzte ihren Weg fort. Jetzt entdeckte sie ihn. Sie lehnte sich an eine Buche, drückte das Kind an ihren Körper und äugte. Nichts als Angst und Schrecken sprach aus den bleichen Zügen, und der Atem der Frau ging wie in Luftnot, rasselte, keuchte.

»Armes Weib«, murmelte Stephan. »Gönnen sie dir deine lutherische Messe nicht, diese groben Säue? Will der Graf, der verfluchte Hundsfott, euch mit Feuer zwingen zu beten, wie der Kaiser betet?«

Die Frau richtete sich auf, machte große Augen, ließ den Baum hinter sich und kam näher. Erst langsam, dann schneller.

Stephan nahm den Tornister vom Rücken, kramte den Kanten Brot heraus, der von seiner Wegzehrung noch übrig war, und streckte ihn ihr entgegen. Unsinnig im Grunde, denn der Wald nährte jeden, der zuzugreifen wusste. Doch er kannte Hunger und Angst, man hatte ihn selbst oft genug ohne einen Heller in der Tasche aus einer Stadt gejagt.

Vor allem aber sah er die angstvollen Frauenaugen, sah das bleiche Kind, dachte an das brennende Haus und die schlimmen Reden, die in den Tälern und auf den Almen gingen; Reden über das, was man den Lutherischen antat, seit mit dem neuen Jahrhundert der Graf und seine Waffenknechte in den Flusstälern von Drau und Lieser und am Millstätter See hausten. »Nimm«, sagte Stephan. »Nimm und lauf! Ich hab dich nicht gesehen.«

Die Mädchenfrau lief aber nicht, kam sogar noch näher, sank schließlich vor ihm auf die Knie. »Sie sagen, wir hätten die Quelle vergiftet.« Ihre Stimme zitterte. »Sie sagen, wir hätten das Neugeborene der Bäuerin behext, damit es stirbt. Sie sagen, wir hätten Schuld an der Rinderpest im Liesertal …«

Ihre Stimme brach, sie senkte den Kopf. Stephan steckte das Brot weg, blieb ratlos vor der Weinenden hocken, berührte mit linkischer Geste ihre Schulter. Seine Frau weinte nie. Auf einmal drückte sie ihm das Kind an die Brust, einen Knaben mit braunen Augen wie ihre, mit schwarzen Haaren wie ihre. Still war er, der Kleine, wie von Todesschrecken betäubt, aschfahl sein schmales, niedliches Gesichtchen.

Hangabwärts riefen Männer im Wald, Geäst brach unter Stiefeln im Unterholz. Die Mädchenfrau fuhr herum, ihre Zöpfe peitschten dem Bärenführer ins Gesicht. »Sie suchen uns schon.« Sie sprang auf und kramte einen Lederbeutel aus ihrem Umhang. »Beim Ewigen, möget Ihr bloß mein Kindchen retten!« Sie warf ihm den Beutel neben die Stiefel. »Bei Adonai, der das Licht der Welt hervorrief! Nehmt die Dukaten und sorgt für meinen Knaben! Ich bitte Euch!«

Wieder warf sie sich vor ihm ins Unterholz auf die Knie, griff in Stephans langes Haar, riss seine Stirn an ihre und murmelte in einer Sprache, die er nicht kannte. Ein Gebet? Einen Segen? Einen Fluch? Ehe er sich versah, riss sie ihm den Dolch aus dem Hüftgurt und säbelte sich den linken Zopf ab.

»Ich flehe Euch an«, keuchte sie, sprang auf und ließ Klinge und Zopf fallen. »Ich beschwöre Euch …« Sie wandte sich ab und rannte los. Jetzt erst nahm sie die Bärin wahr, wich ihr erschrocken aus, sprang ins Unterholz und lief den Hang hinauf in den Wald hinein.

Stephan hockte wie betäubt auf den Fersen mit dem Knaben im Arm und wusste nicht, was tun, was sagen; als wäre das warme Bündel ihm vom Himmel in die Arme gefallen. Und war es nicht so ähnlich?

Der Bärenmann wandte sich nach dem Hang um und stierte in das Gestrüpp, hinter dem die Mutter des Kindes verschwunden war. Was gab es denn dort oben, wohin sie sich retten konnte? Den Kamm, ein paar Höhlen, den Gipfel des Mirnock, den Steinbruch und auf der anderen Seite des Bergrückens den See.

»Der Steinbruch, Jesses, Maria …!« Kalt und heiß wurde ihm. »Sie wird sich doch nicht …?« Er stand auf, den Jungen im Arm. Etwas schwoll heiß und bitter in seinem Herz. Er stierte in den Rauch über den Wipfeln. »Hundsfott, verfluchter …«

Aus Gewohnheit betete Stephan zur Heiligen Jungfrau, aus Gewohnheit ging er zur Messe, wenn sich’s anbot und er in einer papistischen Stadt Zähne brach und Bärin und Hunde tanzen ließ. Heiliger Mustafa – andere hatten andere Gewohnheiten! Musste man ihnen deswegen gleich das Dach über dem Kopf abbrennen? Musste man deswegen ganze Familien ausrotten?

Stephan spuckte gegen einen Eichenstamm und meinte den Landeshauptmann, den Grafen. Vielleicht auch den Kaiser in Prag oder seinen Bischof in Wien. Vielleicht sogar den Herrgott, der so etwas duldete.

»Was mach ich denn jetzt, Cura?« Den Knaben im Arm trat er vor die Bärin. »Unsere Landgräfin wird mich stäupen, wenn ich noch einen Esser mitbringe!«

Von Marianne sprach er, seiner Frau. Er pflegte sie »Landgräfin« zu nennen oder »Landgräfin zur Wagenburg«, und das weiß Gott nicht ohne Grund. Seine Landgräfin übrigens hatte ihm keine Kinder geboren.

»Einen Esser noch dazu, der nicht mit anpacken kann.« Er seufzte, machte eine trübsinnige Miene und betrachtete kopfschüttelnd den Knaben. »Was mach ich denn jetzt?«

Beide, das neue Jahrhundert und der Knabe, waren kaum zwei Jahre alt, als Stephan, der Bärenführer, Zahnbrecher und Schausteller, mit dem Kleinkind auf dem Arm im Bergwald zwischen Drautal und Millstätter See vor seiner Bärin stand, als er stand und in die glänzenden braunen Augen des Knaben guckte und nicht wusste, was tun und lassen.

In Prag regierte noch der Kaiser Rudolf, der die Lutherischen gewähren ließ, in Kärnten aber wütete der Landeshauptmann, der Graf Johann von Ortenburg, und versuchte, sie mit Feuer und Schwert zurück zum rechten Glauben zu bekehren.

Stephan war bald vierzig Jahre alt damals. Er trug Stulpenstiefel aus Hirschleder, weite Hosen und ein Hemd aus ungarischem Leinen. Sein Schnurrbart war nach Osmanenart lang und gezwirbelt. Seine Mutter hatte ihn nach Kärnten gebracht, da war er sechs gewesen. Sein Vater, angeblich ein kroatischer Baron, war da angeblich schon tot, und seine Mutter, angeblich eine kroatische Baronesse, hatte angeblich vor den Osmanen fliehen müssen.

Geschichten waren das, man glaubt sie kaum.

Recht bald hatte die Mutter dann einen Falkner aus Spittal geheiratet. Der war gut gewesen zu Stephan, hatte ihn ziehen lassen, als es ihn mit fünfzehn in die Welt hinaustrieb.

Zwischen Weichsel, Main und Tiber hatte der Bärenmann die meisten großen Städte des Heiligen Römischen Reiches gesehen, hatte sich in Belgrad von Osmanen über Allah und seinen Propheten belehren, von Benediktinern in Mainz die Segnungen klösterlichen Lebens preisen und von Hugenotten in Paris die alleinige Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift versichern lassen.

Doch menschliche Behausungen verbrennen und Mutter und Kind auseinanderreißen wegen Gottesnamen, Messeform und frommen Schriften? Das überstieg die Vorstellungskraft des Bärenmanns und womöglich sogar sein an sich nicht sehr ausgeprägtes sittliches Empfinden. Der Verdacht, menschliche Dummheit, Gier und Geltungssucht tarnten sich hier mit frommem Mäntelchen, hatte ihn schon in seiner Jugend beschlichen und wuchs seitdem eher, als dass seine Erfahrungen ihn zerstreut hätten.

Und jetzt betrachtete er einen Knaben, der ihm zugefallen war, ohne dass er recht wusste wie und von wem – wieso der »Ewige« und wer war »Adonai«? Stephan seufzte und erschrak, weil ihm dämmerte, dass alles anders werden würde durch so ein Kindchen.

Die Bärin hob die Nase, grunzte und schnüffelte. Stimmen und Schritte unten im Wald kamen näher. Das Kindchen fing an zu wimmern. Hast befiel den Bärenmann: Er legte den Knaben vor dem Tier ab, kramte Schnupftuch aus der Hose und Honig und Schnaps aus dem Tornister. Das Tuch mit beidem getränkt und dem Knaben ins Wimmermäulchen gestopft – schon saugte dieser und gab Ruhe.

Stephan sprang auf und lauschte. Bereits drei Männerstimmen konnte er unterscheiden. Zwei Steinwürfe entfernt, wenn es hochkam, riefen sie einander Flüche zu und gaben einander die Spuren bekannt, die sie entdeckten.

Der Lederbeutel!

Stephan eilte hin und hob ihn auf. Ziemlich schwer. Dukaten? Auch Zopf und Klinge klaubte er aus dem Unterholz. Wieder lauschte er – noch höchstens einen Steinwurf entfernt, die Stimmen! Sein Blick fiel auf eine Mulde. Drei Schritte, ein Sprung über Blaubeersträucher, und er beugte sich über sie. Die Erdröhre eines Fuchsbaus öffnete sich in der Muldenseite.

Schnell hinein in die Mulde mit Lederbeutel und Zopf. Umdrehen, zur Bärin laufen, das Kind greifen und zurück zur Mulde. Die Schritte der Männer wurden jetzt immer lauter. Stephan verstand bereits jedes Wort. »Komm schon, Cura!«, zischte er. »Komm schon her zu mir.«

Er legte das nuckelnde Kind neben Beutel und Zopf und ließ die Bärin sich über der Mulde ausstrecken. Aus einem Haselnussstrauch bog er einen starken Ast und setzte die Messerklinge an.

Und schon tauchten sie aus dem Unterholz zwischen den Bäumen auf – vier Männer: drei Bergbauern und ein Waffenknecht des Landeshauptmanns. Stephan erkannte ihn am Degen und der Armbrust.

»Was treibst du hier, Kerl?«, fuhr der Waffenknecht ihn an, ein grimmiger Schlagetot.

»Einen Bärenmann für meine Bärin habe ich gesucht.« Mit einer Kopfbewegung deutete Stephan auf die Bärin. »Und gefunden. Bärenjunge sind teuer. Sie im Wald machen zu lassen kostet nur ein paar Tage Zeit.«

»Der Stephan!«, rief einer der Bauern. »Stephan, der Schausteller, der Krabat! Man kannte seinen Vater, den Unterkofler, den Falkner. Braver Mann!«

»Krabat« – so wurde ein Kroate noch vielerorts im Reich geheißen.

»Jetzt will sie nicht mehr weiter«, sagte Stephan, wieder auf die Bärin deutend. »Also brauche ich die Rute.«

Die Bärin riss den Rachen auf und gähnte. »Ist ein Judenweib vorbeigekommen hier?« Der Schlagetot guckte mürrisch. »Hat einen Judenbalg dabei.«

Daher also wehte der Wind – mit den Lutherischen mussten auch gleich die wenigen Juden im Tal alte Rechnungen zahlen. »Hier?« Stephan schüttelte den Kopf. »Nix gesehen.« Er zuckte mit den Schultern »Vielleicht bei der Weide vorn, da hat’s geraschelt.« In aller Ruhe schnitt er den Haselnusszweig ab. »Kann aber auch Viehzeug gewesen sein, weiß ich’s?«

Der mit der Armbrust winkte und stapfte Richtung Weide davon, die Bauern hinterher. Böses, lüsternes Pack! Der Bärenmann wartete, bis sie jenseits der Weide beim Wasserfall verschwanden. »Aufstehen, Cura«, raunte er dann. »Wir haben es nun sehr eilig.«

Bei seiner Landgräfin später gab’s Tritte und Hiebe, als sie das immer noch schlafende Kind sah; und ein Gott-sei-gepriesen und einen Kuss, als Stephan die Golddukaten aus dem Ledersäckchen schüttete. So war sie eben, die Landgräfin Marianne zur Wagenburg.

Sie fanden ein Pergament um das Handgelenk des Knaben gebunden. Darauf stand sein Name geschrieben: David Villacher. Seine Mutter, so hörten sie Wochen später, fand man im Steinbruch. Die Jüdin hatte sich dort zu Tode gestürzt. Um Schlimmerem zu entgehen. Und der Adonai hat ihr nicht geholfen. Armes Weib.

Stephan zündete ihr eine Kerze an, in der Pfarrkirche von Spittal.

Im Frühling darauf zogen sie nach Norden; auf zwei Wagen, mit drei Hunden, einem Uhu, einem Kolkraben, sechs Pferden und dem Knaben. Zuerst ins Erzbistum Salzburg, danach ins Herzogtum Bayern, danach weiter dem Rhein entgegen und hinauf bis zum Main. Den Knaben gaben sie als ihren Sohn aus.

So beginnt die Geschichte des Gauklers David Unterkofler. Und ohne sie ist die Geschichte des Mädchens Susanna Almut nicht denkbar, das ein Jahr später in der Gegend von Heidelberg zur Welt kam; ungefähr um die Zeit, als der Bärenmann auf den Märkten der rheinischen Kurpfalz Zähne brach. Und beider Geschichten wären andere geworden ohne die Geschichte des Kriegsmannes Hannes Stein, den seine Mutter in einem noch friedlichen Odenwald-Weiler oberhalb von Handschuhsheim und Heidelberg gebar, als im Drautal und am Millstätter See der Landeshauptmann schon mit Feuer und Schwert gegen die Lutherischen wütete.

ERSTES BUCH
Von der Flüchtigkeit
des Friedens

___

OKTOBER 1612 BIS JULI 1622

1

An einem Herbsttag des Jahres 1612 hörte Susanna zum ersten Mal bewusst das Wort »Papisten«. Später musste sie oft daran denken, wegen dieses einen Wortes und wegen des Jungen auf der anderen Seite des Baches. Seine Augen waren hellblaue Lichter, blond und dürr ragte er auf zwischen allen. Hannes. Seltsam, wie von Anfang an etwas zwischen ihnen strömte.

Susanna erklärte den Mädchen, wie sie die Schleppe zu halten hatten: zwei rechts und links an den langen Säumen, zwei hinten an den Zipfeln. Und nicht herumkichern, es ist schließlich Hochzeit unserer gnädigsten Herrschaft, Ihrer Durchlaucht, des Kurfürsten Friedrich. Festlich geht es zu, ernste Gesichter muss man machen.

Sie wandte sich nach Bachlauf und Brücke um, fasste die anderen am jenseitigen Ufer ins Auge und setzte dann einen Fuß vor den anderen – würdevoll, feierlich, stolz. Und wieder sah sie das blaue Lichterpaar unter blonder Stirn, und wieder strömte es: ein warmes Unsichtbares, ein heimliches Lachen, das nicht in die Gesichtszüge fand, das man aber spürte, wenn die Blicke sich trafen.

Das Leben fühlte sich damals noch leicht an. Wie ein Spiel – und Susanna spielte gern. An jenem Tag spielte sie Hochzeit, auf einem Bauernhof, irgendwo am Rand des Dorfes.

Auf der Wiese, hinter ihr und den Schleppenträgerinnen, standen Apfel- und Birnenbäume ohne Zahl. Taubnesseln und der letzte Rotklee blühten, und zwischen den Bäumen weideten Schafe. Am Hang, auf der anderen Seite des Dorfes, erstreckte sich ein Weingarten zwischen Bachlauf und Wald. Im Hof scharrten Hühner, ein Schwein suhlte sich im Schlamm neben dem Misthaufen, Katzen dösten, und der Kettenhund beäugte zankende Ziegenböcke.

Stallung, Scheune und Werkstatt kauerten am windschiefen Bauernhaus. Als hätte der Allmächtige es am sechsten Schöpfungstag zusammen mit Adam und Eva geschaffen, so alt sah das Hüttennest aus.

Ein paar Jahre noch, dann würde es sie nicht mehr geben, diese alten Hütten, diese morsche Bachbrücke zwischen fetten Obstwiesen, diesen lieben Hof.

Die Brücke schwankte und knarrte, als Susanna und die vier Mädchen hinter ihr den Bach überquerten und den anderen in feierlicher Pose entgegenschritten. Fast ein Dutzend Kinder jeden Alters, und alle beobachteten sie – die meisten neugierig, einige begriffsstutzig, manche spöttisch. Und eigentlich ging sie nur auf ihn zu, auf Hannes. Sie kannte ihn schon immer – seit Jahren kam sie mit dem Vater in sein Dorf herauf –, und doch war es ihr, als sähe sie ihn heute zum ersten Mal.

Die Erwachsenen, einen Steinwurf entfernt, saßen auf Bänken um zwei leere Fässer. Über die hatte Hannes’ Vater eine Holzdiele gelegt und so einen Tisch geschaffen. Die Männer besprachen ihren Handel. Es ging um Färber-Ginster. Vielleicht auch um Obstbrand. Susanna erinnerte sich später nicht mehr genau.

Sie erinnerte sich aber an den Duft der Herbstwiesen. An vielen Bäumen lehnten noch Leitern, und zwischen ihnen standen da und dort Körbe voller Äpfel und Birnen. Auch an das Geblöke der Schafe erinnerte sie sich und an die grobe graue Decke, die sie sich um die Schulter gelegt hatte. Doch es war stets das blaue Lichterpaar auf der anderen Seite des Baches, das ihr als Erstes ins Gedächtnis kam, wenn sie zurückdachte.

Für Susanna war es keine grob gewebte graue Pferdedecke, die sie damals trug: Es war ein kostbares Kleid aus weißer Seide, mit Schleier und schwerer Schleppe; vier Mädchen brauchte es ja, um diese zu tragen. Und natürlich schritt sie auch über keine Brücke, sondern durch das Mittelschiff der Heilig-Geist-Kirche auf den Altar zu. In diesen unvergesslichen Augenblicken war sie eine Prinzessin und hieß Elisabeth Stuart. Ihr war sehr feierlich zumute.

Und den anderen? Das wusste sie nicht, und das kümmerte sie auch nicht. Es kümmerte sie nicht einmal, dass der Kurfürst und die Prinzessin nicht in der Pfalz, sondern wahrscheinlich in irgendeiner Kathedrale Londons heiraten würden. London? Ein fremder Ort, unerreichbar. Also stellte sie sich die schönste Stadt vor, die sie kannte, Heidelberg, und die schönste Kirche, die sie bisher gesehen hatte: die Heilig-Geist-Kirche zu Heidelberg.

Nun hatte Susanna die andere Seite des Baches erreicht. »Ich brauche einen Bräutigam.« Ihr Blick fiel auf ihn, fiel in seine hellblauen Augen. »Du.« Sie deutete auf Hannes. »Du bist mein Kurfürst.«

Plötzlich spürte sie, dass man sie vom Tisch der Erwachsenen aus beobachtete. Ihre Mutter sah herüber; zum ersten Mal hatte diese das Dorf oberhalb der Bergstraße betreten – widerwillig; denn es war der Vater gewesen, der darauf bestanden hatte, dass sie endlich die Bauersleute kennenlernte, die den Färber-Ginster lieferten, mit denen die Verwandtschaft in Heidelberg seit Jahren Wolle und Leinen gelb färbte.

Die Bäuerin stellte Becher auf die Tischdiele und schenkte Wein aus – näherte der Handel sich schon seinem Abschluss? –, und nun sah auch der Vater zu Susanna herüber. Die Eltern bewegten die Lippen, sprachen über sie. Über wen sonst?

Susanna glaubte zu hören, was sie redeten. Mutter seufzte und sagte: »Deine Susanna stolpert mal wieder durch irgendein Traumland.« Und Vater lächelte und antwortete: »Lass sie doch.«

So ging das oft.

Damals fragten sie noch nicht, ob einer es mit den Protestanten hielt oder mit den Katholischen, den »Papisten«; damals wussten sie noch nichts vom Krieg. Und ja: Damals waren sie noch Kinder.

»Das geht nicht.« Hannes schüttelte den Kopf. Er war trotzig, immer schon.

»Wie soll ich ohne Bräutigam heiraten?« Sie streckte den Arm nach ihm aus. »Komm schon zu mir.«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf heftiger. So trotzig. So stur. Die anderen beobachteten ihn, neugierig, kichernd, gespannt.

Er war der Zweitälteste unter den Kindern, ein hellhäutiger, hoch aufgeschossener Junge von höchstens elf Jahren. Sein älterer Bruder Moritz hielt sich fern von der Kinderschar, er machte sich an einem Wagen vor der Scheune zu schaffen.

»Der Fürst muss doch die Prinzessin wählen«, behauptete Hannes. »Nicht die Prinzessin den Fürsten.«

»Jetzt komm endlich, sei mein Friedrich.«

»Nein. Entweder der Kurfürst hat die Wahl, oder ich spiele nicht mit.« Hannes zuckte gleichmütig mit den knochigen Schultern. »Bin ich nicht zu dir nach London gekommen? Bin ich nicht vor deinen Vater getreten, um ihn um deine Hand zu bitten?«

»Viel zu leise hast du gesprochen!« Ungeduld packte Susanna. Dass er in seiner Antwort schon ganz in ihr Spiel eintauchte, wurde ihr kaum bewusst. »Noch dazu in schlechtem Französisch!« Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. »Mein Vater hat dich nicht mal ausreden lassen! Jetzt komm endlich!«

Die Kinder kicherten, Susannas Schwester Anna am lautesten. Hannes runzelte die Stirn. »Woher willst du das wissen?«

»Aus der Zeitung«, rief Anna.

»Ihr könnt lesen?«

»Natürlich.« Susanna rümpfte die Nase.

»Der Vater liest der Mutter immer vor«, krähte die Kleine. »Nach der Abendandacht, und wir hören heimlich zu. Sechzehn ist Durchlaucht, französisch hat er gesprochen, und schüchtern ist er. Und verliebt.« Die Kinder lachten. »Und im nächsten Jahr wird die Hochzeit gehalten – 1613 annidomino.«

»Anno domini«, verbesserte Susanna.

Einmal im Monat kam der Vater mit vier bedruckten Blättern aus Heidelberg zurück, die er »Zeitung« oder »Straßburger Relation« nannte. Die Postkutsche brachte sie dem Zunftvorsteher der Tuchmacher mit, der gab sie dem Onkel weiter, wenn er sie gelesen hatte, und der Onkel, wenn er sie abgeschrieben hatte, gab sie dem Vater, und der Vater gab sie erst den Gesellen und verbreitete sie dann unter den Handschuhsheimern, die lesen konnten.

»Ich hab’s auch gelesen«, behauptete Hannes, und weil sein Gesicht so trotzig war, glaubte Susanna ihm kein Wort. Hatten sie je eine Zeitung hier oben im Wald gesehen? Wenn ihre Mutter recht hatte, wussten diese Bauern hier oben nicht einmal, was eine Zeitung war.

»Französisch oder deutsch, schüchtern oder verliebt – jedenfalls muss ich dich erwählen.«

»Jetzt komm schon!« Susanna stampfte mit dem Fuß auf; es gefiel ihr nicht, aus ihrer feierlichen Hochzeitswelt gerissen zu werden. »Das hier ist der Altar.« Sie deutete auf einen Leiterwagen. Zwei kleine Jungen hockten darin, rotznasige, in alte Hemden gewickelte Zwillinge. Beide nuckelten an triefenden Sauglumpen. »Komm her.«

»Nein.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich muss dich erwählen, und ich muss dich zum Altar führen. Ich spiele doch keinen Unsinn!«

Sie presste die Lippen zusammen und blitzte ihn an. Einmal tief durchgeatmet, dann machte sie kehrt, verließ den Raum vor dem Altar, stapfte durch das Gotteshaus und ging zurück auf die andere Seite des Baches. Da endlich stand er auf, kam herüber und fasste sie unter den Arm. Gemeinsam schritten sie über die Brücke.

Im Hof, vor dem Haus, waren die Erwachsenen handelseinig geworden; Susanna bemerkte es beiläufig. Die Bäuerin, Hannes’ Mutter, packte Honiggläser und Schnapsflaschen in Körbe, Hannes’ älterer Bruder trug Säcke mit Färber-Ginster zum Wagen, und sein Vater, der Bauer Hans Stein, sah zu, wie Susannas Vater Münzen auf den Tisch zählte.

Und die Mutter? Sie äugte zu ihr herüber, wirkte seltsam steif, und obwohl sie einen Steinwurf weit entfernt hinter dem Fass saß, sah Susanna die steile Falte zwischen ihren Brauen, sah die kalte Blässe ihres strengen Gesichts. Die Mutter war nicht gern mitgekommen, der Vater hatte erst mit ihr schimpfen müssen.

Und jetzt rief sie ihren Namen. »Susanna!« Susanna hörte es nicht, wollte es nicht hören. Schließlich war sie die Tochter des Königs von England, und die hieß nicht Susanna, die hieß Elisabeth Stuart.

Endlich standen sie vor dem Leiterwagen mit den nuckelnden Rotznasen, vor dem Altar. »Du musst was sagen.«

Hannes druckste ein wenig herum und murmelte dann: »Ich erwähle dich.«

Hannes’ jüngerer Bruder, der Friedrich, protestierte. Er hatte wohl schon eine Trauung erlebt. Nicht der Bräutigam, der Priester müsse etwas sagen, behauptete er.

»Der Pfarrer«, verbesserte Susanna ihn.

»Jedenfalls nicht der Bräutigam«, beharrte Friedrich, der komme erst am Schluss dran und man brauche einen Priester.

»Einen Pfarrer«, verbesserte Susanna.

Friedrich stand auf. Eigentlich brauche man außer dem Priester auch ein Weihrauchfass und den Vater der Braut, aber gleichgültig. Er stellte sich zwischen sie und den Handkarren, schlug ein Kreuz in die Luft vor Susanna und Hannes, tat, als würde er ein Weihrauchfass schwenken, und nuschelte dabei etwas vor sich hin, das wahrscheinlich Lateinisch klingen sollte. Hinter ihm spuckte einer der Zwillingsbrüder seinen Sauglumpen aus und begann zu plärren.

Schließlich waren sie Mann und Frau. »Und jetzt musst du mich küssen.« Susanna lächelte in das hellblaue Augenpaar.

Friedrich protestierte schon wieder. Bei der Trauung, deren Zeuge er geworden war, hatte er den Bräutigam niemanden küssen sehen. Andere Kinder dagegen schworen, dass der Bräutigam die Braut küssen müsse. Unbedingt.

»Unser Kurfürst wird die englische Prinzessin küssen, wenn sie vor dem Altar stehen«, behauptete Susanna. Sie konnte Dinge auf eine Weise behaupten, die keinen Widerspruch duldete.

»Sie sind doch erst sechzehn«, krähte dennoch ihre kleine Schwester.

»Wer verheiratet ist, darf küssen.« Susanna spitzte die Lippen, schloss die Augen und wandte sich ihm zu. Hannes küsste sie auf den Mund.

Damals duftete alles nach Aufbruch und Abenteuer. Die Welt war riesengroß, war prächtig, schön und voller Geheimnisse – wie das Heidelberger Schloss, vor dessen Tor Susanna einmal gestanden und sehnsüchtig hineingespäht hatte. Öffnete sich nicht ein Tor in diesem Augenblick damals zwischen Bachbrücke und Leiterwagen? Unendlich war das Leben, unsterblich das Herz in der kleinen Brust, und so viele verborgene Schätze, und so ein langer, aufregender Weg hinein in die riesengroße Welt.

»Susanna! Du kommst sofort her zu mir!« Erschrocken riss Susanna die Augen auf: Das Kleid hochgerafft, hastete die Mutter an Pferdeäpfeln und Kuhfladen vorbei und durch die Hühnerschar hindurch zur Bachbrücke. Der Ziegenbock meckerte. Der Hund zerrte an der Kette, kläffte hinter ihr her.

Sie packte Susanna, riss ihr die Pferdedecke von den Schultern und schlug ihr ins Gesicht. Dann zerrte sie die beiden Mädchen weg von Brücke, Bach und Kinderschar – Anna am Ohr, Susanna an den Haaren.

»Das sind Bauerntölpel!«, zischte sie. »Rotznasen! Noch dazu Papisten! Mit denen spielt ihr nicht mehr.«

2

Eine Daumenbreite weit schob David den Vorhang zur Seite. Jedes Mal kurz vor seinem Auftritt tat er das. Auf der Bühne geschah, was zu Beginn einer Vorstellung immer geschah: Der Affe sprang zeternd um Stephan herum, Stephan fuchtelte mit dem Degen, schnippte mit den Fingern, pfiff wie eine Nachtigall, und die Hunde schlugen Salto und schnappten dabei nach den Knochen, die ihnen die Zwergin mit den Zehen ihres rechten Fußes zuwarf.

An der linken Bühnenseite hockte der Rote Milan auf der Sitzstange und spähte in das Publikum. An der rechten Bühnenseite tänzelte der Rabe vor dem offenen Käfig des alten Uhus hin und her, verspottete ihn krähend und wich jedes Mal zurück, wenn der Stärkere, aber Angekettete fauchte und zum nächsten vergeblichen Versuch ansetzte, von seiner Stange zur Käfigtür zu hüpfen.

Stephan trug das prachtvolle Gewand eines venezianischen Edelmannes und nannte sich »Pantalon«, solange er darin das Geschehen auf der Bühne beherrschte. Die Figur des eleganten Herrn hatte er sich bei italienischen Komödianten abgeschaut.

Alles wie immer. Und die Leute von Köln?

Der Hof hinter dem Gasthaus Zur Welschenklause am Heumarkt war zu mehr als zwei Dritteln gefüllt. Sehr gut – falls sie alle gezahlt hatten. Der Rat hatte gestattet, zwei Albus zu nehmen, das waren immerhin vierundzwanzig Heller.

Ein Mann unter all den Schustern, Webern, Schmieden und Rheinschiffern fiel David gleich auf. Ein Edler: kleine, gefaltete Halskröse, blauer Seidenrock, ein spitzer, rötlicher Kinnbart und langes, weit über die Schultern fallendes rotblondes Haar.

Edel auch sein Gesicht: weiß, schmale Lippen, kantige Nase wie ein Greifenschnabel, tiefliegende Augen und ein spöttisches Lächeln in allen Winkeln. Täuschte David sich, oder waren die Lippen röter als bei einem Mann üblich? Wahrscheinlich ein Franzos. Oder ein Engländer? Hoffentlich kein Ratsherr der Stadt Köln, der prüfen wollte, ob die losen Schausteller auch treulich alle Auflagen erfüllten. Nein, ein Ratsherr von Köln würde kaum seine Lippen rot färben.

Der Mann neben dem Edelspitzbart, der massige Kerl mit dem fassartigen Brustkorb, den traurigen Augen und dem Kindergesicht, der gehörte weiß Gott nicht zum ehrwürdigen Rat der Stadt Köln. Rübelrap stammte aus einem Weiler am Züricher See und war einer von ihnen; gehörte zur »Compagnie«, wie Stephan seine Truppe nach Franzosenart nannte.

Auf der Bühne zündete der Directeur de la Compagnie nun einen Holzreifen an, den er an einem von zwei Griffstäben festhielt; nach dem anderen langte der Affe. Stephan fuchtelte mit dem Degen, kommandierte auf Französisch und pfiff wie eine Nachtigall, bis der Englische Hund – ein riesiger, schwarzer Kerl – über den Feuerreif hinwegsetzte. Der Dachshund sprang mitten hindurch.

Die Leute auf dem Hinterhof klatschten. Der Edelspitzbart nicht – der verschränkte nur die Arme vor der Brust und schaute spöttisch drein. Rübelrap, der massige Hüne, schob sich schon weg von ihm, pirschte sich behutsam durch die applaudierende Menge, richtete den müden Blick seiner traurigen Augen bereits auf den Nächsten, der nach Geld aussah.

David ließ den Vorhang los. Sein Herz klopfte ein wenig schneller als normal, nichts Besonderes – das tat es jedes Mal, bevor er auf die Bühne hinausging. Er griff in die Tasche seines kurzen Bauernmantels, seine Finger tasteten nach dem Haarzopf darin und schlossen sich um ihn. Die Augen schließen, tief durchatmen, das Mutterhaar spüren. Gut so, sehr gut. Eine feuchte Schnauze berührte ihn im Nacken. Er drehte sich um.

Der Bär legte die Pranken auf seine Schultern, und ein paar Atemzüge lang bohrte David seine Stirn gegen die breite, pelzige Brust und hielt einfach nur still. Der Lärm auf der anderen Seite des Vorhangs rückte in weite Ferne: Stimmengewirr, Applaus, Stiefelscharren, das Kläffen der beiden Hunde, das Zetern des Affen, Stephans Geschrei und Gezwitscher.

Alles war so weit weg auf einmal, nah waren allein der Zopf in seiner Tasche und das riesige Wesen dicht vor ihm – dessen wummernder Herzschlag, Körperwärme und herber Duft. Bela, der Bär. Gut so.

David ließ das Mutterhaar los, schlang die Arme um den pelzigen Hals. Sehr gut. Das Tier brummte, rieb seine Kehle über den Menschenscheitel und die Tatzen an den Menschenschultern.

Wie oft in solchen Momenten stieg es David in der Brust hoch: eine Wehmut wie vor einem Abschied, eine Sehnsucht wie nach einer Geliebten. Es drohte aber kein Abschied, und nirgendwo wartete eine Geliebte. Leider.

Dafür tauchte Mariannes verbiestertes Gesicht an der Wagenkante auf. »Sein Hut«, flüsterte sie und warf ihm das bunte, kugelartig ausgestülpte Stück vor die Schuhe. Der Dachshund hatte ein Loch hineingebissen, die Landgräfin hatte bis eben daran herumgeflickt. Der Hut des Lustigmachers – ohne den konnte David nicht auf die Bühne.

»Halt’ Er sich bereit!«, zischte die Landgräfin. »Und wehe, Er missachtet wieder die Auflagen des Rates!« Die blonde Domina fuchtelte drohend mit dem Fächer, walzte ihren fetten, in grellbuntes Kleid gezwängten Körper auf die andere Wagenseite.

»Aber gewiss doch, Königliche Hoheit!«, zischte David ihr hinterher, und als ihr schwarzer Rüschensaum und das Federgebüsch ihres Hutes schon außer Sicht waren, fügte er hinzu: »Und wann werdet Ihr mich endlich im Arsch lecken, Königliche Hoheit?«

Er entließ den Tanzbären aus seiner Umarmung, klopfte sich Staub und Fellhaar vom Kostüm und bückte sich nach dem Hut. Nichts Unzüchtiges, hatte der Rat verlangt, nichts, was Ärger erregen könnte. Die Trommeln nur am Schluss und nicht zu laut, und die Bären und den Affen immer brav an der Kette. Den Rest hatte David vergessen.

Er richtete sich auf, schlug mit der Handkante auf den bauchigen Hut, zerrte an ihm und stauchte ihn, bis er ungefähr die Form eines kleinen Ambosses hatte. Danach befestigte er die Federn und stülpte das gute Stück über seine schwarzen Locken. Das Ambosshorn ragte David weit über die Stirn.

Unter ihm, auf dem Pflaster vor dem Zeugwagen, hob Cura den Schädel und blinzelte zu ihm und ihrem Sohn herauf. Die Fürstin hatte sie an die Speichen des Wagenrads gekettet. Unsinnig, denn die Bärin war wie ihr Sohn handzahm und zudem halb blind. Doch man erfüllte die Auflagen des Rats, oder man blieb vor den Toren der Stadt. So war das eben.

Cura war uralt; an die vierzig Jahre, behauptete Stephan. Nicht das kleinste Tänzchen auf der Bühne wollte ihr noch gelingen. Ginge es nach der Landgräfin zur Wagenburg, wäre sie längst zu Speck verarbeitet und ihr Fell verkauft worden. Doch David hatte Marianne das Leben der Bärin durch eine Wette abgewonnen.

»Und nun Attention!«, hörte er Stephan auf der anderen Seite des Vorhangs rufen. »Attention und Obacht, Durrchlauchtete und Verrfinsterrte, Hochwohlgeborene und tiefunwohl zurr Welt Geschissene – jetzt kommt Jean Potage!« Die Kölner Leute lachten, klatschten und riefen »Hoch!«, »Endlich!« und »Bravo!«. Alle liebten Jean Potage, den Lustigmacher, überall.

»Unser Auftritt«, flüsterte David. Er steckte die Hälfte der Bärenkette in seine Jackentasche und wickelte sich einen Teil ums Handgelenk.

»Jean!«, rief Stephan. »Herr mit Ihm!« Der Lärm im Hinterhof ebbte ab. »Jean! Wo steckt Err?« Auf der Bühne übertrieb der Directeur gern das Rollen seines Rs.

Bela öffnete die pelzigen Arme, David rückte den Gurt mit seinem Holzschwert zurecht, sprang an die Bärenbrust, klammerte die Beine um die Bärenhüfte und schlang die Arme um den Bärenhals.

»Jean! Jean Potage!« Schritte stapften über die Bühne, der Affe zeterte. »Wirrd Err wohl endlich kommen!« Stephan schob den Vorhang ein Stück zur Seite, hinter ihm tobte der Affe an dünner Kette. »Jean …!« Stephan riss Augen und Mund auf wie in großem Schrecken, machte kehrt und rannte zurück zur Vorderseite der Bühne. »Jesses, Marria und Josef! Der Bärr hat ihn erwischt, der Bärr will ihn frressen, den arrmen Jean Potage!«

Das Publikum heulte auf wie ein Mann, der Affe und die Zwergin zeterten, der Rabe krächzte und die Hunde kläfften. Und David? Der stimmte ein Geschrei an, als wollte der Satan selbst ihn aufs Rad flechten. Bela, der Tanzbär, hielt ihn fest umschlungen und schaukelte auf die Bühne.

So ging das oft, seit David sich diesen Spaß vor ungefähr zwei Jahren ausgedacht und Bela darauf trainiert hatte. Und seit drei Jahren trug er das Gewand des Jean Potage, wenn sein Ziehvater auf einem Marktplatz oder hinter einem Gasthof vier Wagen zur Bühne zusammenschob: die kurze rote Jacke, die weite grüne Hose, den kleinen braunen Bauernmantel, die roten Schuhe, das Holzschwert und den berühmten, beliebig verformbaren und mit zwei langen Hahnenschwanzfedern geschmückten Hut.

Die Figur hatte Stephan bei den Italienern abgeguckt, ihren Namen und das Kostüm auf den Märkten Frankfurts, Nürnbergs und Augsburgs und den Städten des Herzogtums Württemberg.

Bald neunzehn Jahre alt war David Unterkofler an jenem Markttag zu Köln und schön anzusehen: schmal – beinahe grazil – und von mittlerer Größe, schwarzlockig, mit samtenen braunen Augen und einem Gesicht wie ein griechischer Held. Er sprach fast alle Sprachen, die man im Heiligen Römischen Reich hörte. Er hatte gelernt, mit dem Bären zu tanzen, die Laute zu zupfen und die Flöte zu blasen. Er wusste, wie man Leute zum Lachen brachte und ihnen die Gulden aus der Tasche schwatzte. Und wie viel mehr noch hatte er von dem Mann gelernt, dessen Familiennamen er trug, vom gutmütigen Krabat, der ihn unzählige Male vor den Wutausbrüchen der Landgräfin beschützt hatte, seit Davids Mutter ihren kleinen Jungen in seine Bärenführer-Arme gelegt hatte!

Bald würde ein anderer Mann Davids Leben prägen. Dieser stand bereits im Publikum und sah ihn eben von pelzigen Pranken gehalten und an eine pelzige Brust gepresst auf der Bühne erscheinen.

Die im Hinterhof des Gasthauses versammelten Kölner stießen Entsetzensschreie aus. Man möge dem armen Jean helfen bei der Heiligen Jungfrau, und einer forderte gar einen Spieß, um ihn der braunen Bestie in den Rücken zu rammen.

David hörte es gern und tat zugleich, als wüsste er nichts von denen vor der Bühne: Er schrie, wand sich in Belas Armen, schlug ihm die Faust gegen die pelzige Schulter, doch alles vergeblich, wie es schien. Der Bär presste ihn gegen die Brust, als wollte er seine zappelnde Beute nie mehr hergeben, knurrte, brummte und riss den Rachen auf, wie um sie an Ort und Stelle zu fressen.

Die an den Armen gelähmte Zwergin griff nun mit den Zehen in einen Korb voller Löffel und begann, einen nach dem anderen auf den Bären zu schleudern; keiner verfehlte sein Ziel. Stephan pfiff wie die Nachtigall, und sofort sprangen Englischer Hund, Dachshund und Affe kläffend und zeternd um die Bestie und ihre Beute herum. Auch der Rabe drehte ein paar Runden über ihren Köpfen und lärmte auf seine Weise.

An dieser Stelle wandte der scheinbar in Todesangst schreiende David wie aus Versehen den Kopf nach dem Publikum um – und verstummte. Der Schreck in seinen Zügen wich einem verlegenen Grinsen, die Verlegenheit bald der Empörung.

»Was glotzt ihr?« Als würde er sich ärgern, runzelte er die schwarzen Brauen. »Noch nie einen Bärenjäger gesehen? Dann habt ihr jetzt den tapfersten zwischen Paris und Paderborn vor Augen!« Erstes Gelächter erhob sich unter den verdutzten Zuschauern. In Belas Pranken richtete David sich auf und griff dem Bären ins Schädelfell. »Und seht nur, was für einen prachtvollen Kerl ich gefangen habe! Er hat es nur noch nicht begriffen, der Dummpelz!«

Die Leute kreischten vor Vergnügen. Sie liebten derartige Verdrehungen der Wirklichkeit. In allen Städten und auf allen Marktflecken des Reiches war das so, und je erbärmlicher der vermeintliche Bärenjäger sich nun in den Pranken seiner vermeintlichen Beute wand, desto vergnügter klatschten und jauchzten auch die Leute von Köln.

Jean Potage alias David Unterkofler prahlte herum, mit wie viel List und Tapferkeit er die menschenfressende Bestie in die Falle gelockt und wie er sich selbst todesmutig als Köder dargeboten habe. Zwischendurch schlug er Bela mit der Faust gegen Schulter und Schläfe und forderte ihn auf, endlich zu begreifen, was die Stunde geschlagen hatte, und sein Schicksal demütig aus Gottes Hand anzunehmen. Und all das natürlich, während er sich aus den Pranken zu winden versuchte, als er strampelte und dem aufgerissenen Rachen des Tieres auswich.

»Bist du denn so strohdumm, dass du nicht kapierst?«, rief er wieder und wieder. »Du bist erledigt, Meister Petz! Ich habe dich gefangen, dein Fell und deinen Schädel habe ich längst der Tochter des Grafen von Sayn verkauft. Vielleicht wird die Jungfer dann doch noch geheiratet, wenn sie sich darunter versteckt. Und dein Schinken gibt ein schönes Almosen für den Bischof von Münster, damit er sich endlich einmal richtig satt essen kann, der Ärmste!«

Die Grafentochter galt als hässlich, der Bischof als gefräßig und fettsüchtig, und die Leute von Köln krähten vor Vergnügen.

Derartiges erheiterte nicht alle. In der ersten Reihe vor der Bühne richtete die Landgräfin sich auf den Zehenspitzen auf, um ihren Lustigmacher an die Auflagen des Kölner Rates zu mahnen. Das Federgebüsch auf ihrem Hut zitterte und ihr biestiges Bleichgesicht verhieß nichts Gutes.

Weil auch der Directeur de la Compagnie seine Marianne drohen sah, machte er dem Spektakel ein rascheres Ende als vorgesehen und langte einen Brocken Honig aus einem bereitgestellten Topf. Den hielt er an einem Stock in die Höhe, und sofort ließ Bela seine Beute los.

Unter dem Gejohle der Zuschauer plumpste David auf die Holzbohlen. Hoch aufgerichtet auf den Hinterläufen tänzelte Bela zu Stephan und ließ sich den Honig zwischen die Zähne schieben. Stephan griff nach der Kette, zog sie David aus Hand und Tasche und hielt den Bären an ihr fest.

»Ihr lasst sofort meine Jagdbeute los!« David sprang auf und rieb sich den Hintern. »Das ist mein Bär!« Er zog sein Holzschwert, unter Gelächter und Beifall der Zuschauer ging er auf Stephan los.

Und die einstudierte Posse nahm ihren Lauf: Geschickt wich der Herr Pantalon alias Stephan aus, zückte den Degen und führte die gleichen Hiebe wie immer auf den tollpatschigen Angreifer. »Wie kommt Err mirr vor?«, rief er dabei. »Wir rretten Ihn vorr der Bestie und Err geht mit dem Schwerrrt auf Uns los?« Die vor der Bühne Versammelten forderten ihn auf, den Degen wegzustecken, und feuerten Jean Potage an.

Auch die nächste Attacke des ungeschickten Jean Potage ging ins Leere, seine hölzerne Schwertklinge blieb sogar in einer Lücke zwischen zwei Bodendielen stecken.

Der Herr Pantalon entwaffnete ihn, zerrte ihn an den Bühnenrand und rief ins Publikum: »Machen Wirr ihn also um einen Kopf kürrzer!« Die Leute von Köln waren ganz und gar dagegen. »Aber was soll ich anfangen mit einem, derr so dumm ist, dass er Jäger und Beute verwechselt?«

»Freilassen!« Die Zuschauer waren sich sofort einig.

»Ich kann ihn nicht brrauchen, er macht zu viele Dummheiten.«

»Ja, ich bin zu dumm, um Euer Gaukler zu sein«, sagte Jean Potage mit weinerlicher Stimme. Davids Blick traf sich mit dem des Edelspitzbartes. Der stand noch immer mit vor der Brust verschränkten Armen da, das spöttische Lächeln aber war einem heiteren gewichen.

»Dazu kommt, dass er den ehrlichen Leuten das Geld aus der Tasche zieht!« Stephan hebelte dem Jüngeren den Arm unter das Kinn und mimte den Erzürnten.

»Ja, ich bin zu gierig, um ein guter Gaukler zu sein.«

»Und ständig rrennt er den Weibern hinterherr!«

»Ja, ich bin zu geil, um Gaukler zu sein.«

»Zu dumm, zu gierig, zu geil – er ist zu nichts zu gebrauchen, Jean Potage!«

»Zu dumm, zu gierig, zu geil – zu nichts zu gebrauchen«, jammerte David alias Jean Potage, und das Publikum hatte seinen Spaß an diesem Geständnis. Jeans zerknirschte und bedrückte Miene aber hellte sich plötzlich auf. »Doch! Ich bin schon zu etwas zu gebrauchen!« Stephan ließ ihn los und sah ihn zweifelnd an. »Ich werde Jesuit! Da darf man nach Herzenslust Unsinn treiben, und Geld und Mädchen kommen zu einem von ganz allein!«

Das Publikum wieherte und krähte, hielt sich die Bäuche und wollte nicht mehr aufhören zu klatschen, die Landgräfin Marianne vor der Bühne aber blies die Backen auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. Auch Stephan gab den Entrüsteten: Schimpfend schlug er seinen Jean Potage mit der flachen Seite des Degens auf Rücken und Hintern.

»Strrafe muss sein«, erklärte Stephan, zog die mannshohe Wurfscheibe hinter dem Vorhang hervor und band den jammernden Jean Potage daran fest. Die Zwergin tauchte den rechten Fuß in einen Korb, und als sie ihn wieder herauszog, hielt sie ein Messer zwischen den Zehen. Das Publikum hielt den Atem an, einige Schreie wurden laut. Die Zwergin hob das Bein bis über den Kopf, holte aus und schleuderte die Klinge. Die fuhr knapp über der Hutfeder des armen Lustigmachers in die Wurfscheibe. David sparte nicht mit Geschrei.

Einzelne Leute im Publikum protestierten. Stephan ließ sich in eine Debatte über die Härte der Strafe verwickeln, und als die Kölner im Hinterhof immer lauter die Begnadigung ihres Lieblings forderten, trat er dicht an den Bühnenrand, verschränkte die Arme vor der Brust und verkündete: »Dann halten wirr’s eben, wie es der Herrgott mit unserem lieben Heiland gehalten hat – einerr trritt an die Stelle von Jean Potage, dann lassen wir ihn laufen.« Er wies auf den an die Scheibe Gebundenen. »Werr von euch Kölnern ist berreit, mit ihm zu tauschen?«

David sah nun lauter erschrockene Gesichter, und viele verlegene. Verständlicherweise hatte keiner Lust, sich vom Directeur de la Compagnie an die Wurfscheibe fesseln und von einer Zwergin mit Messern bewerfen zu lassen, zumal von einer, die nur ihre Beine und Füße gebrauchen konnte.

Wie immer gab es ein Hin und Her, und wie immer meldete sich am Ende doch einer freiwillig: der große Kerl mit der fassartigen Brust und den traurigen Augen. Unter dem Beifall der Leute erklomm Rübelrap schweigend die Bühne, ließ sich fesseln und dann, während David die Flöte blies, flogen die Klingen.

Große Freude und lüsterne Schreckensrufe kamen auf dem Hinterhof des Gasthauses Zur Welschenklause auf, und als dann noch wie aus dem Nichts ein angstvolles Ave-Maria in der Mundart der Eidgenossen ertönte – Rübelrap war neben manch anderem auch ein Meister der Bauchrednerkunst –, sah David etliche die Hände falten und die Lippen bewegen.

Rübelrap blieb unverletzt und heimste gemeinsam mit der Zwergin, seiner Liebesgefährtin, tosenden Applaus ein. Danach holte David seine Violine und spielte ein Hochzeitslied, das ihm ein Mädchen im Königreich Ungarn beigebracht hatte. Bela, die Landgräfin und Stephan tanzten dazu, die Hunde und der Affe versuchten es wenigstens. Anschließend gab es Verbeugung und Jubel, und dann war der spaßige Teil des Nachmittags vorbei. Stephan stellte einen Stuhl auf die Bühne und David brachte einen kleinen Tisch, auf dem er Zangen und Haken ausbreitete.

»Und nun herrbei, wer forrtan ein neues Leben führen mag!«, rief Stephan in die sich nur zögernd zerstreuende Menge. »Wer errlöst von faulem oder eiterrndem Zahn davonschweben will, wage sich auf die Bühne und unter die zärrtlichen Finger des besten Dentisten zwischen Donau und Rhein.«

Er nannte den Preis, die Leute stiegen nacheinander auf die Bühne, die Landgräfin kassierte und Stephan ging ans Werk. Da gab David dem Tanzbär bereits seine Belohnung und fütterte auch Cura, die Vögel und die Hunde hinter den Wagen. Auf dem Zeugwagen, zwischen Kisten und Bündeln, kniete Rübelrap, leerte seine Taschen und legte Münzen, Uhren, Messer und dergleichen in einen kleinen Ledersack.

Einer aus dem Publikum stand plötzlich hinter David. Er erkannte ihn am Schatten neben sich und im Umdrehen an den Seidenstrümpfen: der Edelspitzbart. Kein Zuschauer hatte hier, hinter der Bühne, etwas verloren, und David legte sich ein paar höfliche Worte zurecht, um es dem Eindringling klarzumachen. Doch kaum sah er in die eisgrauen Augen des Fremden, hatte er sie alle vergessen.

»Wie heißt du, Jean Potage?«, fragte der Fremde, und am Zungenschlag erkannte David sofort den Engländer.

»David Unterkofler.« Der Mann war eine Handbreite kleiner als er selbst, und dennoch kam er sich plötzlich winzig vor.

»Warum verschwendest du hier dein Talent?« Der Fremde erwartete keine Antwort, sein Tonfall war eindeutig. Und täuschte David sich, oder nahm er ein tadelndes, kaum merkliches Kopfschütteln wahr?

Der Tanzbär und die Hunde beschnüffelten die Beine des Fremden, doch der zeigte nicht die Spur von Angst. Er deutete auf Rübelrap, von dem nur Stiefel und Waden auf dem Wagen zu sehen waren, weil er sich hinter die halb offene Plane verkrochen hatte. »Der Große soll mir meine Taschenuhr zurückgeben.« Er griff in seinen Rock und zog ein Brummeisen heraus. »Dafür gebe ich ihm das hier.«

David starrte das abgegriffene Instrument an. Schließlich nickte er hastig, nahm es dem Engländer ab und stelzte zum Zeugwagen. Von der Vorderseite des Bühnenwagens her hörte er Stephan, wie er einen Zahnkranken aufforderte, den Mund noch weiter zu öffnen.

Rübelrap hockte stocksteif neben der großen Kostümkiste. Seine sonst so müden und traurigen Augen stierten angsterfüllt und hellwach. Am Pranger gestäupt zu werden war das Mindeste, was einem Taschendieb drohte.

»Deine Maultrommel«, sagte David mit belegter Stimme. Rübelrap nahm sein Instrument an sich und reichte David eine goldene Taschenuhr, die bereits in seinen kräftigen Fingern baumelte.

»Ihr müsst sie draußen vor der Bühne verloren haben.« David sprach jetzt Englisch und zwang sich zu einer halb erstaunten, halb lächelnden Miene. »Ein Glück, dass unser Bauchredner sie gefunden hat, bevor irgendjemand …«

»Ja, ein Glück.« Der Engländer versenkte die Uhr in seiner Rocktasche. »Richte ihm meine Grüße aus und versichere ihn meiner großen Dankbarkeit.« Er schmunzelte. »Und meiner vorzüglichen Bewunderung.«

Er musterte David von den Schuhspitzen bis zur Hutfeder, und das nicht nur einmal. Vorn auf der Bühne schrie jetzt jemand wie unter großen Qualen – David hörte das Knirschen des herausbrechenden Zahns, und anders als sonst ging es ihm heute durch und durch.

»Ich und meine Komödianten spielen ab morgen drei Tage lang auf dem Alten-Markt«, sagte der Engländer schließlich. »Danach ziehen wir weiter über Frankfurt, Heidelberg und Nürnberg nach Prag. Frage nach dem Wandertheater von Prinzipal Christopher Greenley, falls Hans Supps Wams dir zu eng ist und du noch etwas zu lernen gedenkst.« Sprach’s, drehte sich um und bog hinter die Schmalseite der Bühnenwagen ab.

David schlich hinterher und sah ihm nach, bis er auf der anderen Seite der Warteschlange vor der Bühne den Hinterhof verließ.

»Hans Supp« – so nannte man den Lustigmacher anderenorts im Reich. Noch nie hatte David darüber nachgedacht, ob dessen Kostüm ihm zu eng wurde, doch wo es etwas Neues zu lernen gab, war er schon von Kindesbeinen an immer ganz vorn mit dabei. Und am Abend, als der Wutanfall der Landgräfin ausgestanden war, beschloss er, gleich am nächsten Morgen auf den Alten Markt zu gehen und nach Prinzipal Greenley zu fragen, und danach, was es bei ihm zu lernen gab.

Es blieb beim Vorsatz. Am nächsten Morgen standen ein Ratsherr, ein Pater und vier Gerichtsdiener vor der Wagenburg. David sah sie vom Zeugwagen aus: Der Ratsherr blinzelte sehr streng aus seiner steifen Halskrause, und der Pater, ein Jesuit, blickte aus einem Gesicht wie aus Stein gemeißelt.

*

Um diese Zeit war der Kaiser Matthias schon fünf Monate unter der Erde und sein Bruder Ferdinand auf dem Weg nach Frankfurt, um dort die Kaiserkrone zu empfangen und fortan den Habsburgern das Reich zu regieren. Und in Heidelberg bereitete Friedrich, der Pfälzer Kurfürst, seine lange Reise nach Prag vor, wo ihn die lutherischen Stände von Böhmen zum König krönen wollten – anstelle des katholischen Ferdinands; dessen Gesandte hatten sie im Jahr zuvor aus dem Fenster der Prager Burg gestürzt.

Friedrich, Kurfürst der Pfalz und künftiger König von Böhmen, war sehr jung, von strammen Calvinisten umgeben und außerstande, sich vorzustellen, seine Reise könnte statt nach Prag zu ruhmreichen Königswürden in ein Meer aus Blut und Tränen führen, in dem selbst einer wie er am Ende ersaufen musste.

*

In der größten deutschen Stadt des Heiligen Römischen Reiches indes, in Köln, verlangte der Ratsherr den »Meister der Gaukler« zu sprechen, wie er ihn nannte. Als Stephan dann vor ihm stand – schon im Kostüm des venezianischen Edelmannes –, teilte er ihm den neuesten Beschluss des ehrwürdigen Rates mit: Er und alle seine Artisten und Gaukler hätten die Stadt bis zum Abend zu verlassen – wegen »anstößiger und ärgerlicher Reden über seine Exzellenz, den Bischof von Münster im Speziellen und über den ehrbaren Orden der frommen Jesuiten im Allgemeinen«, wie er sich ausdrückte.

David blieb nicht einmal Zeit, sich von dem Kölner Mädchen zu verabschieden, dessen Herz er gewonnen hatte – noch am gleichen Nachmittag rollten die vier Wagen Stephan Unterkoflers aus der Stadt. Rheinaufwärts sollte es gehen, zuerst nach Bonn, später nach Koblenz und Trier. Und danach vielleicht in die Kurpfalz hinein, bis zur neuen Festung Mannheim, oder noch weiter, über den Rhein und in die viel gepriesene Residenzstadt Heidelberg. Man würde sehen.

David lenkte das letzte Gespann. Mit finsterer Miene starrte er auf die Pferderücken. Wegen des Stadtverweises war die Gräfin mit einer Peitsche auf ihn losgegangen, und David hatte zum ersten Mal zurückgeschlagen.

Auch die Begegnung mit dem Prinzipal Greenley wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er haderte mit sich selbst, weil er den Engländer nicht noch am selben Abend auf dem Alten Markt gesucht hatte, oder wenigstens am Morgen vor dem Aufbruch. Nun war es zu spät.

3

Am Tag, als Hannes ging, kam der Krieg.

Nicht mit Waffengeklirr, Hufschlag, Getrommel oder Kampfgeschrei kam er nach Handschuhsheim zu Susanna, sondern mit Worten.

Namen fremder Fürsten und Feldherren fielen auf einmal in der Werkstatt, bei Tisch und manchmal auch in der Vituskirche von der Kanzel. Namen eingenommener Städte in Österreich und Böhmen, geplündert und gebrandschatzt. Von Gräueltaten tuschelten die Mutter und die Großmutter; von einem »gewagten Weg« des jungen Kurfürsten, der Böhmens Königskrone angenommen hatte, sprachen der Vater, die Gesellen und mancher Kunde; auch vom Zorn des neuen Kaisers war die Rede und von unerklärlichen Himmelserscheinungen, die nichts Gutes bedeuten konnten.

Worte, die Susanna verwirrten und die in ihrem Elternhaus nicht mehr verstummen sollten, bis der Krieg dann auch mit Waffengeklirr, Hufschlag, Getrommel und Kampfgeschrei an die Bergstraße und nach Handschuhsheim kam.

Hannes ging an einem kalten Dezembertag fort, Sankt Nikolaus war längst vorüber. Noch früher als in den eisigen Wintern der Vorjahre würden Neckar und Rhein zufrieren, hatte die Großmutter prophezeit, als sie gegen Ende der Nacht gemeinsam das Feuer im Küchenherd und im Werkstattofen schürten. Seitdem saß Susanna an einem der Fenstertische der Werkstatt und beugte sich mit blauem Garn und feiner Sticknadel über einen Spannrahmen mit nachtblauem Leinenstoff.

Sie hatte dunkelblaue Augen und kräftige, sehnige Hände. Rote Filzstulpen bedeckten ihre Handgelenke bis hinauf zu den Knöcheln ihrer schmalen Finger. Ein schwarzer Wollmantel verhüllte an jenem Nachmittag ihre drahtige, nicht eben kleine Gestalt und ein wollenes Tuch ihren Kopf. Dunkle Locken quollen da und dort zwischen Mantelkragen und Tuchsaum hervor.

Draußen fiel schon wieder Schnee. Susanna hob den Blick und sah die Flocken schweben. Ein geliebtes Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf: Hannes. Am Abend zuvor war er nach Handschuhsheim hinabgekommen und war beim Vater gewesen, hatte ihm gesagt, dass er sie heiraten wollte. Sie oder keine. Er hatte ja jetzt ein Handwerk gelernt und konnte bald eine Familie ernähren.

Auf welche Weise hatte er das vorgetragen? Demütig und höflich? Oder trotzig und einsilbig, wie es viel zu oft seine Art war? Susanna wusste es nicht. Auch nicht, was der Vater geantwortet hatte.

Eigensinniger Hannes. Sie legte die Sticknadel weg und nahm die andere mit dem roten Wollgarn auf. Geliebter Hannes – wann kommst du? Wann erfahre ich, wie unsere Zukunft aussieht? Wieder beugte sie sich über den Spannrahmen.

Der Stoff war für ein Festkleid bestimmt. Ein Magister der Theologie hatte es für seine Frau in Auftrag gegeben und für sich selbst einen Talar. Der Kurfürst hatte ihn als Professor an die Universität von Heidelberg berufen, und zu Beginn des neuen Jahres würde man ihn feierlich einführen. Die Kurfüstenmutter würde anwesend sein sowie der Pfalzgraf Johann von Zweibrücken, der für den Kurfürsten die Amtsgeschäfte führte, seit der samt Hofstaat nach Böhmen zur Krönungsfeier aufgebrochen war.

Gemeinsam hatten Mutter und Tochter den Brustteil des Kleides bereits zur Hälfte mit Blumenornamenten in Blau und Rot verziert, die andere Hälfte durfte Susanna ganz allein besticken. An Flinkheit konnte sie es noch nicht mit ihrer Mutter aufnehmen; an Kunstfertigkeit jedoch, an Gespür für Farben und Formen hatte sie die Meisterin bereits eingeholt.

Die Mutter saß am Zuschneidetisch. Gemeinsam mit der Tante, einer unverheirateten Schwester des Vaters, arbeitete sie am Talar des Magisters. Wenigstens einmal in jeder Stunde stand sie auf, trat hinter Susanna und sah ihr über die Schulter. Jedes Mal brachte sie die hölzerne Elle mit. Heute hatte sie damit noch nicht zugehauen – die ganze Woche noch nicht, wenn Susanna sich recht erinnerte. Auch an den Haaren riss ihre Mutter sie seltener in letzter Zeit.

»Vollendet muss es ausschauen, das Blumenornament«, hatte sie dem Mädchen erst gestern wieder eingeschärft. »Schließlich werden die durchlauchtigsten Augen unserer ehrwürdigsten Herrschaft darauf ruhen. Sie sollen sehen, dass man in Handschuhsheim mindestens so viel von der Kunst der Schneiderei und Stickerei versteht wie bei den Zunftmeistern zu Heidelberg. Die ganze Stadt soll es sehen!«

Offenbar war die Mutter zufrieden, denn jedes Mal kehrte sie zu Tante und Talar zurück, ohne ein Wort des Tadels verloren zu haben. Wie ein Lachen stieg es Susanna warm aus der Brust ins Gesicht: der Stolz, die Stickerei allein vollenden zu dürfen.

Aus der Küche am anderen Ende des Hauses klapperte Geschirr. Susannas Schwester Anna und die Großmutter bereiteten das Abendessen. Es duftete nach Schweineschmalz und Bohnen. Susanna versank ganz und gar in ihrer Arbeit, und während die rote Blume im nachtblauen Stoff erblühte und wuchs, stellte sie sich vor, wie es sich wohl anfühlen mochte, dieses Kleid zu tragen. Wie es wäre, in diesem schönen nachtblauen Meisterstück an der Seite eines Magisters durch den Festsaal der Universität zu Heidelberg zu schreiten. Die Hofleute des Schlosses, die Magister und Räte samt ihrer Gattinnen würden sie betrachten und bewundern, und sie würden sagen: »Wer ist denn diese junge Frau mit den schwarzen Locken? Wie schön sie doch ist! Ist sie nicht eines Schneiders Tochter? Und jetzt hier? Wie kann das zugehen? Ein Wunder!«

An dieser Stelle lächelte Susanna, hob den Blick und sah in das Gesicht des Mannes an ihrer Seite – in das geliebte Hannesgesicht. Und dann verwandelte es sich in das Gesicht des fremden Magisters. Mit dem Vater war sie bei ihm gewesen, um ihm die Stoffe vorzustellen und Maß zu nehmen für Talar und Kleid.

Susanna vertrieb die Bilder aus ihrem Kopf, beugte sich tiefer über den Stickrahmen. Nein, Hannes ist Zimmermann, und ich werde eine Schneiderin und Stickerin sein. Aber durfte man nicht träumen? Plötzlich schämte Susanna sich.

Hinter ihr, auf dem großen Nähtisch, erhitzten sich die beiden Gesellen über einen Zettel, den der Vater am Tag zuvor aus Heidelberg mitgebracht und den er »Flugblatt« genannt hatte. Von Hand zu Hand war dieses Flugblatt gegangen, auch in der Nachbarschaft. Jeder hatte es betrachten wollen, jedem hatte der Vater vorlesen müssen.

Es zeigte ein Bildnis des Kurfürsten Friedrich als König von Böhmen. Kein sehr hübsches, wie Susanna fand – er wirkte auf dem Kupferstich viel älter, als er wirklich war. Sie hatte ihn erst Ende September gesehen, als er mit großem Tross von Heidelberg nach Böhmens Hauptstadt aufbrach. Am Speyerer Tor hatte sie gestanden und ihm mit vielen anderen zugewinkt. Inzwischen war es mehr als einen Monat her, dass sie ihn und seine Elisabeth Stuart im Veitsdom zu Prag gekrönt hatten.

Das Bildnis war eingerahmt von Rosenranken und flankiert von zwei Löwen: einen zur Rechten des jungen Königs, wo die Rosen noch blühten und schwere Reiterei das Tier angriff, und einen zur Linken, wo die Ranken verdorrt waren und der Löwe in Tuch gehüllt und frierend in winterlicher Landschaft kauerte.

»Ein kaiserlicher Spötter hat das verbrochen!«, wetterte der ältere der beiden Gesellen. »Er schimpft unsere gnädigste Herrschaft einen ›Winterkönig‹!« Das rief er laut und heftig, wie immer wenn er den Vater und vor allem Susanna beeindrucken wollte.

»Einen ›Winterkönig‹?«, fragte der Lehrbub mit scheuer Stimme. »Was ist das, ein ›Winterkönig‹?« Anders als sein Meister und die Gesellen saß er nicht mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch um Glutstövchen und Kienspanhalter, sondern davor auf einem Hocker.

»Nichts, was es wirklich gibt.« Susanna hörte hinter sich das Papier des Flugblattes rascheln. »Doch schau dir den jämmerlichen Löwen an und das welke Dornengestrüpp. Nicht länger als einen Winter lang wird unsere gnädigste Herrschaft als König von Böhmen regieren, soll das heißen, dann wird seine Kraft verdorrt sein. Schmierfink!«

Eine Zeitlang schwiegen die Männer und der Junge. Bis sich der zweite, jüngere Geselle räusperte und sagte: »Was meint Ihr dazu, Meister?«

Der Vater ließ sich Zeit mit der Antwort. »Freilich haben das Leute geschrieben und gestochen, die es mit dem Kaiser und den Papisten halten«, sagte er endlich. »Und freilich sind es Schandmäuler. Beten wir also zu Gott, dass er ihnen ihre Lästermäuler stopfen möge und dass unser Kurfürst durch seine Gnade auch in Böhmen noch viele Sommer und Winter regieren wird.«

Die Männer sprachen weiter, Susanna hörte nicht mehr zu. Etwas an des Vaters Worten hatte sie beunruhigt. Was, vermochte sie nicht genau zu sagen. Vielleicht weil sie nahelegten, der Kurfürst Friedrich habe die Fürbitte seiner Untertanen nötig? Vielleicht weil so ein unausgesprochener Zweifel in ihnen schwang?

Sie schob die Fragen beiseite und gab sich den Fragen hin, die sie weit mehr beunruhigten: Was hatten Hannes und der Vater geredet gestern Abend? Warum hatte der Vater sie noch nicht beiseitegenommen, um von Hannes’ Besuch und Antrag zu berichten? Und warum war er so wortkarg am Frühstückstisch gewesen?

Ihre Öllampe flackerte. Ein Kribbeln im Nacken holte sie aus ihren Grübeleien. Sie merkte, dass sie Nadel und Garn hatte sinken lassen, dass sie wieder ins Schneetreiben vor dem Fenster starrte. Sie wandte sich um – und begegnete dem strengen Blick ihrer Mutter.

Mutter wusste Bescheid! Siedendheiß durchfuhr es Susanna: Natürlich hatten die Eltern über Hannes und sein Begehren gesprochen. Die Mutter kannte die Antwort, hatte sie dem Vater wahrscheinlich schon Tage zuvor in die Ohren gezischt. Ihre bleiche Miene war ein einziges kaltes »Nein!«. Susanna wich ihrem Blick aus, nahm Sticknadel und Rotgarn auf und arbeitete weiter.

Es wurde Nachmittag, der Vater schickte Susannas Schwester Anna mit Leinen und Garn zum Waisenhaus im Atzelhof. Dort nähte der Großvater, der alte Meister Merkel, seit Wochenbeginn Wäsche für die Waisenkinder. Ein eisiger Luftzug fuhr durch die Werkstatt, als die Großmutter der Vierzehnjährigen die Haustür öffnete und sie in den verschneiten Hof hinausschob.

Eine Blume nach der anderen entstand unter Susannas Fingern. Wieder und wieder stand die Mutter mit der Elle hinter ihr, sah Susanna über die Schultern und kehrte stumm zum Zuschneidetisch zurück.

Auf dem Nähtisch rund um das Kohlestövchen, an dem sie sich hin und wieder die klammen Finger wärmten, sprachen die Männer über die Mäuseplage nach dem letzten Winter und über das Hochwasser im Frühsommer, das ihr ein Ende setzte. Auch über die Krönung des Kaisers Ferdinand im Sommer in Frankfurt sprachen sie und dann wieder über Kriegsgeschehen in Österreich und Böhmen.

Namen von Heerführern fielen, die Susanna nie zuvor gehört hatte: Graf von Mansfeld etwa, dessen Kriegsvolk für die protestantische Union und den Kurfürsten Friedrich kämpfte, oder General Tilly, der dem Herzog von Bayern und der katholischen Liga – und damit dem Kaiser – die Schlachten schlug. Sogar den Beinamen des frommen Generals Tilly kannte der ältere Geselle – »geharnischter Mönch« nannte man ihn angeblich. Susanna hörte es und fröstelte.

Überhaupt wusste der ältere Geselle viel zu erzählen, denn er studierte die Zeitungen, die der Vater ins Haus brachte. Er tat alles, was dem Vater gefiel, hatte lesen gelernt, hatte auch seinen lutherischen Glauben aufgegeben und war ein Reformierter geworden, wie es in der Kurpfalz und im Hause des Meisters Friedrich Almut Sitte war. Jetzt hörte Susanna ihn über die Kometen reden, deren Erscheinen im vergangenen Jahr die Gemüter an Rhein und Neckar aufgewühlt hatte.

»Der Kaiser Matthias stirbt«, rief er in seiner lauten Art, »und drei Kometen tauchen am Himmel auf. Ist das nicht seltsam? Drei Kometen in einem Jahr, und am schrecklichsten sah der dritte aus. Wie ein von Blut triefender Türkensäbel leuchtete er am Himmel, von September bis November. Wisst Ihr es noch, Herr Meister? Den Zorn Gottes hat er angekündigt, hat meine Frau Mutter gesagt.«

»Propheten kündigen den Zorn oder die Gnade Gottes an«, entgegnete der Vater. »Kometen aber sind keine Propheten, sondern wandernde Himmelkörper. Wenn sie am Himmel leuchten, bedeutet es, dass sie da sind und bald wieder verschwinden werden. Nichts weiter.«

»Die Leute sagen aber, die Kometen hätten den dichten Nebel im Neckartal vergiftet«, sagte der zweite, jüngere Geselle.

»Unsinn!« Der Vater wurde schroff.

»Und was ist mit den drei Sonnen, die man jüngst tagsüber, und den drei Monden, die man nachtsüber sah?« Der ältere Geselle gab keine Ruhe. »Sie standen nur über Heidelberg. Zu Worms und zu Darmstadt hat keiner sie bemerkt. Drei Kronen seien das gewesen – nach der Krone des Kurfürsten und des Königs zu Böhmen verheißt nun der Herrgott unserer gnädigsten Herrschaft auch die Kaiserkrone des Heiligen …«

»Hat Er nicht zugehört?«, unterbrach der Vater den Gesellen. »Heiße Luft spiegelt dem Verdurstenden sogar in der Wüste Brunnen und Quellen, und am Himmel predigen keine Propheten!«

»Meine Großmutter erzählte, bei der Geburt des Kurfürsten hätte es ein Erdbeben gegeben.« Der sonst so scheue Lehrbub schien zu einfältig, um Tonfall und Miene des Vaters richtig deuten zu können, und wollte auch noch zeigen, was er so alles wusste. »Vor sechs Jahren, als er die Herrschaft antrat, erschienen Feuerzeichen und Kriegsheere am Himmel …«

»Und der ehrwürdige Magister Pareus hatte eine Vision im vergangenen Jahr«, nahm ihm der ältere Geselle das Wort ab. Magister David Pereus war Professor für Altes und Neues Testament an der Universität. »In einer Vision sah er Heidelberg über und über in Rauch gehüllt, und aus dem Schloss schlugen die Flammen.« Wieder ließ Susanna die Nadel sinken. Weniger die Erzählung als vielmehr die unterschwellige Ängstlichkeit in der Stimme des Gesellen erschreckte sie.

»Krieg in der Rheinpfalz bedeutet das«, behauptete der zweite Geselle. »Das hat meine Mutter gesagt. Krieg …«

»Genug geschwätzt!«, rief der Vater. Susanna hörte ihn mit der Faust auf den Tisch schlagen. »Hirngespinste und Weibergewäsch! Kein Wort mehr, und genäht wird jetzt, dass der Faden raucht, sonst fällt das Abendessen aus!«

Schweigen erfüllte die Werkstatt von nun an. Scheren klapperten, Stoffe raschelten, Fäden lispelten, im Ofen knisterte das Feuer und aus der Küche klirrten Teller und Besteck. Die Großmutter deckte den Tisch.

Susanna aber beugte sich tiefer über ihren Stickrahmen und setzte die Stiche hastiger – wie, um es zu zerstechen, das böse Wort, das sich hinter ihrer Stirn festgekrallt hatte: Krieg.

Sie wusste nichts vom Krieg. Oder fast nichts: Großmutter hatte von einem Krieg im Frankreich ihrer Kindheit erzählt, als der französische König die Hugenotten besiegte. In Oberösterreich soll der Kaiser kurz vor Susannas Geburt Krieg gegen die eigenen Bauern geführt haben, und aus Vaters Zeitungen wusste sie, dass die Türken in Wien gegen die Kaiserlichen und die Polen an der Ostsee gegen das Heer des schwedischen Königs kämpften. Und ja – in Holland hatten die tapferen reformierten Bürger einen Waffenstillstand gegen den General der spanischen Krone erzwungen.

Frankreich, Österreich, Ostsee, Holland – das alles lag so weit entfernt von Handschuhsheim. So weit weg wie Böhmen.

Krieg am Neckar? Krieg in der Pfalz? Unvorstellbar.

Sie stickte und stickte, und vor ihrem inneren Auge zogen Heerzüge vorbei, brannten Städte, galoppierten Reiter. Wilde, schwer bewaffnete Reiter wie die auf dem Spottblatt sah sie vor den Toren und der Mauer Handschuhsheims stehen, sah sich plötzlich umzingelt von ihnen, so, wie sie auf dem Spottblatt den Löwen umzingelten. Und dann sah sie Hannes auf einem der beiden schweren Schwarzwälder Kaltblüter seines Vaters den Mühlenweg heraufreiten. Er schwang seine Zimmermannsaxt, schlug auf die wilden Männer ein und ergriff Susannas ausgestreckte Hand, um sie zu sich auf den Sattel zu ziehen.

Gemeinsam flohen sie in den Odenwald, ritten zu einem Haus, das er ihr gebaut hatte – es stand auf einer Lichtung im Buchenwald, weit weg von Städten, Menschen und Krieg. Hier würden sie sich lieb haben, hier würden sie Kinder bekommen. Doch wie sollten sie heißen, all die Jungen und Mädchen? Nach den Eltern und Großeltern oder nach den Heiligen, an deren Tage sie geboren werden? Er war doch ein heimlicher Papist …

»Vier Uhr!« Die Großmutter stand auf der Schwelle zur Werkstatt und klatschte in die Hände. »Zu Tisch!« Lehrbub und Gesellen sprangen als Erste auf. Susanna legte Nadel und Garn ab.

Ein kalter Luftzug wehte durch die Werkstatt, Kienspanflämmchen flackerten, jemand schlug die Haustür zu. Stiefelschritte eilten heran, und eine kalte Hand legte sich auf Susannas Schulter. Anna stand auf einmal neben ihr. Sie roch nach Kälte und Schnee.

»Wie schön du sticken kannst!« Mit der Linken deutete sie auf den Stoff für das Festkleid, mit der Rechten ergriff sie Susannas Hand. Ihre kalten Finger wühlten ein Stück Papier in Susannas Hand. Dann drehte Anna sich um und lief zur Küche. »Großvater wünscht, dass man ihm einen Krug Bier bringt. Im Waisenhaus gibt es wieder nur Wein.«

Die Mutter stand plötzlich hinter ihr, spähte ihr über die Schulter – Susanna hielt den Atem an, barg den Zettel in ihrer Faust auf ihrem Schoß. »Komm zum Essen, Susanna.« Mit der Elle stupste die Mutter sie zwischen die Schulterblätter und wandte sich ab. Susanna öffnete die Faust, entfaltete das Papier. Eine Nachricht von Hannes! Ihr Herz machte einen Sprung: Er war im Ort, wollte sie sehen; sie solle in den Obstgarten des Waisenhauses kommen, es sei wichtig.

Wie im Traum rauschte die letzte Mahlzeit des Tages an ihr vorüber. Sie zwang sich, langsam zu essen, um den Eltern keinen Hinweis auf ihre Erregung zu geben, zwang sich zu einer ganzen Schüssel Getreidebrei und ein paar Speckbohnen. Sie konnte kaum still sitzen. Der Vater hob nur einmal musternd den Blick, die Mutter aber beobachtete sie verstohlen. Musste sie denn alles merken? Und der ältere Geselle, wie er wieder glotzte, der Dummbeutel!

»Ich will dem Großvater das Bier bringen«, erklärte sie nach dem Abräumen. Die Mutter holte schon Luft, um zu widersprechen, doch der Vater erlaubte es. So ging das oft.

Dann hinein in Schal, Mantel und Stiefel. An der Haustür reichte die Großmutter ihr den vollen Bierkrug. Hinaus in den Schnee, vorbei an Pfarrhaus und Vituskirche und den Mühlweg hinunter zum Atzelhof, wie das Waisenhaus im Ort noch immer genannt wurde.

Der Fahrweg zum Hof war geräumt, doch unter dem Torbogen, durch den man in den Obstgarten gelangte, sah Susanna Spuren im Schnee. Hannes.

Die Fußstapfen führten durch den gesamten Garten bis zur Hütte, wo die Leitern und Körbe aufbewahrt wurden. Die Tür dort war nur angelehnt.

Sie huschte in den Garten, sprang durch den Schnee, schlüpfte in die Hütte – und stand vor ihm. Traurig lächelte sein Gesicht im Halbdunkeln. Sie stellte den Krug ab und warf sich in seine Arme.

Eine Zeitlang hielten sie einander einfach nur fest. »Ich gehe fort«, sagte er endlich. »Gleich morgen in der Frühe.«

»Was?« Susanna machte sich los und sah ihm ins ernste Gesicht. Schrecken raubte ihr die Stimme.

»Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Er hat ›vielleicht‹ gesagt und ›nein‹ gemeint.«

»Er hat nicht nein gesagt?« Susanna schöpfte Hoffnung.

»Erst soll ich auf Wanderschaft gehen. Komme ich zurück und finde eine Anstellung, darf ich noch einmal fragen.«

»Auf Wanderschaft …?« Susanna versuchte zu verstehen.

Der Pfarrer von Ladenburg hatte nicht allein dafür gesorgt, dass Hannes Lesen und Schreiben lernte und mit den Waisenknaben die Dorfschule von Handschuhsheim besuchte – auch eine Lehrstelle bei einem Zimmermann seiner Gemeinde hatte er dem Jungen verschafft. Der Dachstuhl des neuen Pfarrhauses war sein Gesellenstück gewesen. Jetzt war Hannes ein Zimmermann und die Lehrzeit vorüber. Und der Lehrzeit folgte die Wanderschaft.

Wie hatte sie das nur vergessen können?

»Mitten im Winter?« Sie schlang wieder die Arme um ihn, hielt ihn ganz fest. »Die Kälte, der Schnee – du wirst erfrieren!«

»Noch sind Neckar und Rhein nicht zugefroren. Mein Meister kennt einen Schiffer, der mich mitnimmt.«

»Aber wohin denn?«

»Nach Frankfurt, später nach Köln, Paderborn und Magdeburg.«

»So weit?« Susannas Vater stammte aus dem reichen Frankfurt, und als Schneidergeselle hatte seine Wanderschaft ihn über Köln ins reiche Magdeburg geführt. Wollte Hannes ihrem Vater beweisen, dass er dasselbe zustande brachte wie er, als er noch jung war? »Und so lange!« Sie seufzte und kämpfte mit den Tränen.

»Vier Jahre, das weißt du doch.«

»Vier Jahre …« Sie flüsterte, die Stimme versagte ihr. Wie vierzig Jahre hörte sich das an. Sie weinte in seinen Mantel hinein.

»Deswegen warte ich nicht bis zum Frühling – damit ich schneller wieder hier bin.« Er streichelte ihren Rücken. »Ich wollte dich noch einmal sehen und Ade sagen und …« Er senkte die Stimme und schluckte. »Und will wissen, ob du …«

»Ich werde auf dich warten!« Sie schob ihn von sich, sah ihm tief in die blauen Augen.

»Und wenn dein Vater dich mit dem Gesellen verheiraten will?«

»Niemand verheiratet mich mit irgendwem.« Sie schluckte. »Ich werde auf dich warten. Ich schwöre es dir bei Jesus Christus, unserem Herrn.«

»Du brauchst mir nichts schwören, ich glaube dir.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine kräftigen Hände. »Ich hab dich so lieb.«

»Komm bald wieder.« Er blieb stumm. »Weißt du noch?« Susanna lächelte unter Tränen. »Damals auf euerm Hof an der Bachbrücke, wir haben Hochzeit gespielt.«

Er nickte. »Der Kurfürst und seine Prinzessin waren erst sechzehn gewesen.«

»Sie haben sich geküsst.«

»Sie waren Mann und Frau.« Er lehnte seine Stirn gegen ihre.

»Wir auch, Hannes.« Susanna drängte sich an ihn. »Wir sind auch bald Mann und Frau. Küss mich. Küss mich ganz lang.«

Ende Januar, um Susannas siebzehnten Geburtstag herum, war es so kalt, dass nicht einmal die kühnsten Dorfjungen das Haus verlassen und zum Schlittschuhlaufen an den Handschuhsheimer Weiher gehen wollten. Der Februar klirrte, der Winter zog sich hin, im März lag immer noch Schnee, und das Eis wollte lange nicht weichen von Mühlbach, Neckar und Rhein.

Die Nachrichten aus Böhmen und der Oberpfalz klangen bedrohlich: Scharmützel hier und dort, Überfälle tatarischer Reiter in Böhmen und der Lausitz, und dazu ging Friedrich, dem Kurfürsten der Pfalz, das Geld aus, weil Friedrich, der König von Böhmen, zwei Tonnen Gold in sein neues Kronland schaffen ließ. Die neuen, böhmischen Untertanen – die meisten lutherisch – waren dennoch nicht gut auf ihn zu sprechen: Sein reformierter Oberhofprediger eiferte für den Calvinismus, wollte ihnen den lutherischen Glauben austreiben und ließ alles fromme Bildwerk aus dem Prager Veitsdom entfernen.

»Was für ein Narrenspiel führt er denn dort unten in Prag auf?«, hörte Susanna den Bauern Hans Stein poltern, als er mit ihrem Vater beim dritten Glas Obstbrand in seinem Hof saß. Es war der Frühsommer des Jahres 1620, kaum einer benutzte das Wort »Krieg«, und doch spürte Susanna es in allen Mienen und Blicken der Erwachsenen auf.

»Der Vater des Kurfürsten Friedrich war wie dieser reformiert und hat die lutherischen Pfaffen aus der Pfalz gejagt«, erzählte Hannes’ Vater. Sie saßen vor Hannes’ Elternhaus, der Wagen war mit Färber-Ginster beladen, und der Bauer füllte sich, seinem ältesten Sohn und seinem Gast die Gläser zum vierten Mal. »Sein Großvater war lutherisch und hat die reformierten Prediger aus der Pfalz gejagt, war es nicht so, Meister Almut? Dessen Vater wiederum, der dritte Friedrich, hielt es mit den Calvinisten und ließ die lutherischen Prediger aus der Pfalz jagen. Soll ich sie weiter aufzählen, seine frommen Vorfahren?« Er winkte ab. »Und jetzt will der junge Kurfürst die lutherischen Prediger aus Prag jagen? Reicht es ihm denn nicht, dass er den Kaiser zum Feind hat? Muss er auch noch die Stände in Böhmen gegen sich aufbringen?«

Susanna wartete gespannt auf die Antwort ihres Vaters. Doch der starrte nur in sein Schnapsglas und machte eine betretene Miene. »Hin und her und her und hin!« Hannes’ Vater fuchtelte mit den Armen. »Mal lutherisch, mal reformiert – wer steigt denn da noch durch? Da lob ich mir doch den bunten Hut und den Krummstab in Rom – der bleibt sich schon seit tausend Jahren gleich.«

»So solltest du nicht reden, Stein.« Ein missmutiger Zug trat in das Gesicht des Vaters. »Das schickt sich nicht für einen kurpfälzischen Bauern.«

»Den kurpfälzischen Bauern schert es wenig, was sich schickt! Er will säen, ernten, in Ruhe die Schafe scheren und seinen Wein und seinen Brand trinken.« Hans Stein leerte sein Glas und beugte sich weit über die Holzbohlen, die er wie immer als Tisch über zwei Fässer gelegt hatte. »Ich will dir etwas sagen, Fritz. Sie haben ihn ›Winterkönig‹ genannt, und ihn und seine englische Prinzessin haben sie ›Traumpaar‹ gerufen …«

»Ich bin stolz auf unsere gnädigste Herrschaft«, hörte Susanna ihren Vater brummen, und es klang merkwürdig kleinlaut.

»… und wahrlich, das sind sie: ein Träumerpaar!« Der Bauer ließ sich nicht beirren. »Und es sollte den kurpfälzischen Bauern wundern, wenn der Traum noch einen weiteren Winter währt.«

Kein Wort des Zorns kam über des Vaters Lippen. Er trank seinen Obstbrand, stierte irgendwie traurig und mit erschlafften Zügen ins leere Glas und wehrte sich nicht, als Hannes’ Vater zum fünften Mal einschenkte. So kannte Susanna ihren Vater nicht.

Jemand zupfte sie am Ärmel, einer der Zwillinge. Er hielt ihr einen Briefbogen hin. »Von Hannes«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Mutter sagt, du könntest uns vorlesen.«

Susannas Herz geriet ins Stolpern – sie sprang auf, ließ die Männer bei Obstbrand und Trübsinn sitzen und trat hinter dem Jungen ins Haus. Auch der Jungbauer erhob sich, Hannes’ ältester Bruder Moritz, und folgte ihr.

In der Küche saßen die Steins entweder am Tisch oder standen an den Fenstern und sahen Susanna erwartungsvoll entgegen: Hannes’ Mutter Martha, seine Schwestern Monica, Isolde und Judith, seine Großeltern, seine Tante, sein jüngerer Bruder Friedrich und all die anderen Jungen und Mädchen. »Lies schon«, verlangte Friedrich. »Wir können es noch nicht so gut.«

Susanna entfaltete den Brief. »Ich vermisse euch, meine Geliebten«, las sie mit zitternder Stimme, »und ich schreibe euch aus Köln. Es geht mir hier gut, besser als im stolzen Frankfurt …«

Sie schluckte, atmete tief und versuchte ihrer Stimme Halt zu geben. Ihr Blick flog über die ungelenke Schrift.

Der Zimmermeister in der Stadt am Main hatte trotz schwerer Arbeit mit Essen und Geld gegeizt. Der in Köln baute große Lagerhäuser am Rhein, zahlte gut, ließ sich auch beim Essen nicht lumpen. Er hatte aber keinen Sohn und wollte Hannes unbedingt mit seiner jüngsten Tochter vermählen.

Susannas Stimme stockte, als sie an diese Stelle gelangte.

»Manche in der Stadt sprechen von Krieg«, schrieb er weiter. »Im ganzen Reich wird der toben, heißt es, und zwanzig Jahre und länger dauern. Ihr Kurfürst hier zu Köln habe das gesagt. Doch nur wenige lassen sich das Herz davon schwer machen …«

Hannes schwärmte von Köln, vom Karneval und der Lebensart dort, plante aber, bald weiter über Paderborn in die Hansestadt Magdeburg zu ziehen. »Weil die guten Leute mich doch allzu sehr drängen, ihr Schwiegersohn zu werden.«

Der Brief stammte von Anfang Mai. Inzwischen war es Mitte Juni, und Hannes musste längst auf dem Weg nach Paderborn sein.

»Mein Herz schlägt unten in Handschuhsheim, wie Ihr wisst«, hieß es am Schluss des Briefes. »Seht also zu, dass es diese Zeilen so schnell wie möglich zu sehen bekommt. Mein nächster Brief dann soll nach Handschuhsheim gehen.«

Unter Tränen verlas Susanna die vielen Grußbotschaften an die einzelnen Familienmitglieder. Dutzende Male kam sie ins Stocken, weil ihre nassen Augen ständig nach oben wanderten – mein Herz schlägt unten in Handschuhsheim, wie ihr wisst 

*

Eine Woche später – am hundertneunzigsten Tag nach Hannes’ Aufbruch – auf dem Weg nach Heidelberg sprach der Vater sie auf den Brief an. Der Bauer Stein hatte ihm davon erzählt, als die Flasche leer gewesen war, und gefragt, ob er, der Meister Almut, die Verbindung der Familien Stein und Almut denn zu fördern gedenke.

Der Vater hatte sich bedeckt gehalten.

»Ich muss an deine Zukunft denken, mein liebes Kind.« Susanna saß neben ihm im vorderen, kleineren Wagen auf dem Kutschbock; sie brachten Kleider, Wolle, besticktes Tuch und Säcke voller Färber-Ginster in die Stadt. »Und der Geselle hat um deine Hand angehalten.«

Sie fuhren an der letzten Mühle vorbei. Über ihnen segelten Schwalben. Susanna fragte sich, wie viele Tage eine Schwalbe nach Paderborn bräuchte und wie lange man bis nach Paderborn oder Magdeburg unterwegs wäre, wenn man jetzt den Wagen wendete und die Pferde nach Norden lenkte. »Ich will ihn nicht«, sagte sie leichthin und mit einem Lächeln um die weit geschwungenen Lippen.

»Ich verstehe dich ja, mein geliebtes Kind, aber verstehe du auch mich: Es geht um die Werkstatt und die Zukunft unserer Familie.«

Ehrgeizige Pläne hatte der Vater, das wusste Susanna: In Heidelberg hatten sie ihm in jungen Jahren die Aufnahme in die Zunft verweigert, weil sie in der Stadt keinen Schneider wollten, der im eleganten Frankfurt gelernt hatte und sein Handwerk wohl besser als die meisten Zunftschneider der Stadt verstand. Schnell jedoch machte er sich auch als Freimeister und Landschneider einen Namen in den höheren Ständen von Heidelberg. Zu seinem Geschick kamen der Fleiß seiner Frau und Susannas Kunstfertigkeit im Schneiden, Nähen und Sticken. Dass er als Landschneider in Handschuhsheim nicht an die Preise der Zunft gebunden war, machte ihm auch die weniger geldschwere Kundschaft geneigt.

Inzwischen arbeitete er mit den Schwägern der Mutter zusammen, einem Tuchmacher und einem Tuchfärber. Auch einen in Heilbronn ansässigen Kürschner gab es in der Verwandtschaft, und gute Beziehungen zu einem reichen Heidelberger Tuchhändler, einem Hugenotten, der wiederum Handelsbeziehungen nach Ulm und Straßburg pflegte. Bis über die Grenzen der Kurpfalz hinaus wollte Meister Almut im nächsten Jahr seinen Handel mit Stoffen und Kleidern ausweiten.

»Unser kleines Leben allein bedeutet nicht viel«, sagte er, und Susanna sollte diesen Satz nie vergessen. »Und wenn wir es nicht dem Leben der Familiengemeinschaft unterordnen, ist es ganz und gar verloren.«

»Ich will aber den Hannes.«

»Was sollen wir denn mit einem Zimmermann, noch dazu einem Bauernsohn?«

»Ich habe ihn sehr lieb!«

»Das vergeht, mein Kind. Was bleibt, ist ein sicheres Auskommen und die Familie.« Die ersten Häuser von Neuenheim kamen in Sicht. »Ich habe den Gesellen lange beobachtet, und ich weiß, dass er deinen Kindern ein guter Vater sein wird.«

»Ich liebe ihn nicht. Er will nur Eure Werkstatt.«

»Wie kommt es, dass du flüchtige Gefühle höher achtest als den Willen deiner Eltern und sogar höher als den Willen Gottes und die Vernunft? Glaube mir, mein geliebtes Kind: Besser allemal einen kalten Topf auf einen heißen Herd, als einen heißen Topf auf einen kalten Herd.«

Verwundert sah sie ihren Vater an. »Wie meint Ihr das, Herr Vater?«

»Die Liebe ist ein heißer Topf, und der wird erkalten, wenn er auf keinen heißen Herd kommt.«

»Und was ist der heiße Herd?«

»Die guten Sitten und der Wille Gottes: eine ordentliche Heirat nach dem Willen der Familie, eine gute Mitgift, derselbe Glaube.« Der Vater runzelte die Stirn, als würde er angestrengt nachdenken. »Der Geselle hat nicht allein das Zeug zu einem guten Gatten, sondern auch zu einem klugen Kaufmann. Den braucht es in diesen Zeiten. Und mag dein Empfinden für ihn jetzt noch einem kalten Topf gleichen – das wird sich geben, glaube mir nur. Der Topf wird heiß, sobald er erst auf dem befeuerten Herd steht.«

Der Wagen rollte über die Dorfstraße von Neuenheim. Ständig grüßte der Vater nun nach links und rechts. Susanna schwieg, bedachte jedes seiner Worte. Bald ließen sie das Dorf hinter sich. Im Osten öffnete sich das Neckartal. Ein Schiff segelte zum Rhein hinunter, eines wie jenes, das Hannes fortgetragen hatte.

Susanna versuchte sich vorzustellen, was er den Worten des Vaters wohl entgegnen würde, und sagte: »Vielleicht wird es Krieg geben, Herr Vater, vielleicht steht hier bald kein Stein mehr auf dem anderen. Und ist der Apostel Paulus nicht ehelos geblieben, weil er das Ende der Welt nahen fühlte?«

Von der Seite staunte Meister Almut seine Tochter an und suchte nach Worten. »Was fällt dir ein, liebes Kind? Willst du jetzt auch noch unter die Magister der Heiligen Schrift gehen?«

Die Türme und das Schloss von Heidelberg rückten näher, lange sprachen sie kein Wort mehr. Erst als die Wagen unter dem Dach der Neckarbrücke entlangrollten, brach der Vater das Schweigen. »Ich liebe niemanden so wie dich, Susanna«, sagte er leise. »Du machst mir das Herz schwer. Doch gehe noch einmal in dich, bedenke alle meine Worte und schlafe darüber. Wenn die Zwetschgen reif sind, werde ich dich noch einmal fragen.«

Am folgenden Tag, einem Samstag, erledigte der Vater seine Geschäfte in der Stadt. Am Abend stießen die Mutter mit der Tante und Susannas jüngerer Schwester zu ihnen. Gemeinsam besuchten sie am Sonntag den Gottesdienst in der Heilig-Geist-Kirche. Es war der Dreieinigkeits-Sonntag und der Pfarrer predigte über ein Wort aus dem dritten Kapitel des Johannes-Evangeliums: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Susanna verstand nicht einmal die Hälfte der Predigt. Sie hing ihren eigenen Gedanken nach. Sie dachte an den Kurfürsten Friedrich, für den der Pfarrer gebetet hatte, und an Hannes: Sie malte sich das prächtige Haus aus, das er gerade in Paderborn baute. Und dann betete sie: Lieber Gott, wenn du allmächtig bist, wirst du den Krieg verhindern und dem Kurfürsten ein langes Leben schenken. Wenn du gütig und gnädig bist, wirst du Hannes heil zu mir zurückbringen, und wenn du machen kannst, dass einer von neuem geboren wird, dann kannst du erst recht machen, dass wir Mann und Frau werden.

4

Der schöne Flecken lag zwischen Rhein und Odenwald: kaum dreißig Häuser und Höfe rund um die Kirche und entlang des Fahrwegs nach Seeheim. Ein Sonntag – der Gottesdienst war seit einer Stunde vorüber, das Kirchenportal stand noch offen. In vielen Küchen hantierten die Frauen bereits an ihren Herden. Doch es würde kein Sonntagsmahl auf die Tische kommen an diesem Spätsommertag, in keinem der Häuser.

Kaiserliche galoppierten von Norden her in das Dorf, an die neunzig Reiter. In zehn Rotten zerteilt preschten sie je einem Offizier hinterher in die Höfe und sprangen dort aus den Sätteln. Gänse begannen zu schreien, Hühner flohen gackernd und flügelschlagend in die Gärten, Hunde schlugen an, und wo sie nicht angekettet waren, fielen Schüsse und ihr Gekläffe verstummte jäh. Ohne anzuklopfen, traten die Soldaten in die Häuser, manche stürmten mit blankgezogenen Degen hinein.

Einzig der Befehlshaber der kursächsischen Kompanie, der Rittmeister, schien es nicht eilig zu haben, in eines der Häuser zu gelangen. Begleitet von seinem Cornet und gefolgt von seinen beiden Burschen, lenkte er seinen Schimmel auf die Kirchenseite des Fahrweges. In dem Haus dort drüben, hinter der Buchenhecke und vor Gotteshaus und Friedhof, wohne der lutherische Pfarrherr, hatte man ihm gesagt.

Merkwürdig entspannt wirkte der Reiter – anders als seine entfesselten Soldaten ringsum in den Häusern und Höfen, anders auch als der hochgewachsene Cornet an seiner Seite, der unter seiner blau-weißen Fahne ständig nach links und rechts in die Anwesen und Gärten spähte.

Dem Rittmeister entging das nicht. »Geduld, Mathes, Geduld«, sagte er. »Du kommst schon noch zu deinem Anteil. Und auch zu deinem Vergnügen.«

Sie hielten auf die Buchenhecke zu, rot und gelb leuchtete ihr Laub in der Mittagssonne. Über die Heckenkrone hinweg lugten mannshohe Sonnenblumen den Reitern entgegen. Dahinter lagen Gemüsebeete und ein weitläufiger Blumengarten, dazwischen führte ein Weg zu einem Haus, dessen Ziegel und Putz noch frisch und dessen Balkenwerk noch hell und glatt aussahen.

Das Prasseln von Flammen mischte sich in den allgegenwärtigen Hufschlag. Auf den benachbarten Höfen fluchten Landsknechte, Frauen riefen nach ihren Männern und Vätern. Aus dem offenen Kirchenportal flehte eine Stimme die Hilfe des Allmächtigen herbei. Und irgendwo hinter der Buchenhecke hörte man singende Kinderstimmen. Es roch nach Brand und Schweinemist.

Der Rittmeister lenkte seinen Schimmel an der Buchenhecke entlang. Er und seine Kompanie gehörten zu den Arkebusieren oder Bandelierreitern, wie man die leichten Kavalleristen des kaiserlichen Heers damals nannte – nach dem Lederband um ihre Schulter nämlich und der etwa drei Fuß langen Schusswaffe, die sie daran trugen: einem Radschlosskarabiner, nach französischer Mode auch als Arkebuse bezeichnet. Den Karabiner des Rittmeisters allerdings trug einer seiner beiden Burschen. Die, ebenfalls zu Pferd, folgten ihm bis zum offenen Gartentor.

Dort hielt der Reiteroffizier seinen Schimmel an, warf einen Blick auf den sorgfältig gejäteten Weg, auf den Gemüsegarten links davon und auf das Fenster neben der Haustür, hinter dem er die Kinder singen hörte. Er lauschte – eine Stimme wie die einer alten Frau stach aus dem seltsamen Chor heraus. Und eine klare Mädchenstimme.

Vom Fenster weg wanderte sein Blick über den großen Blumengarten auf der rechten Wegseite. Aufmerksam betrachtete er die bunte Blütenpracht. Ein Hund bellte hinter dem Haus.

Der Wind trieb den Funkenflug schon bis hierher in den Pfarrgarten, und Ascheflocken schwebten in das Blütenmeer aus violetten Astern, orangefarbenen Ringelblumen, blauen Löwenmäulchen und blutroter Dahlien. In der Kirche hinter dem Anwesen übertönten jetzt raue Männerstimmen das laute Gebet. Lärm wie von Schlägen wurde laut, Frauen und Kinder heulten auf.

Aus den Stallungen des Nachbarhofes loderten Flammen. Ein halbes Dutzend Häuser brannte bereits. Schweine galoppierten quiekend aus einem Hof am anderen Ende des Fahrwegs, Männer des Rittmeisters verfolgten sie mit gezückten Säbeln. Ein dickleibiger Feldwebel zielte mit seinem Panzerstecher nach einer Sau, die sich schützend vor ihre Ferkel stellte. Auf den Höfen schleppten Soldaten Frauen und Mädchen in verborgene Winkel, und in den Häusern quetschten sie den Männern Daumen und Schädel, damit die verrieten, wo sie ihre Dukaten, ihren Schmuck und ihr Weißzeug versteckt hielten.

Fern im Osten – in der Oberpfalz und dem angrenzenden Böhmen – hatte der Krieg zu dieser Zeit schon Tausende gefressen und mit ihnen die Königsträume des jungen Kurfürsten. In der linksrheinischen Kurpfalz wütete der Krieg seit dem Sommer. Jetzt war er auch an die Bergstraße gekommen.

Und der Krieg hatte Gesichter.

Das breite, großporige des stämmigen Feldwebels etwa, eines Bayern, der jetzt ein Dutzend Pferdelängen weiter mit seinem Panzerstecher auf die zuckende Muttersau einhieb. Oder das lange, flaumbärtige des blonden Cornets unter der blauen Standarte mit dem Wappenzeichen der Grafschaft Herzenburg, einem goldenen Hirschgeweih. Oder das kantige und fast ein wenig jungenhafte Gesicht ihres Befehlshabers, des Rittmeisters Maximilian von Herzenburg.

Dieser zeigte auf die Dahlien. »Solche blühen jetzt auch zu Hause im Burggarten.« Dahlien waren die Lieblingsblumen seiner Mutter gewesen, und sie blühten Jahr für Jahr auf ihrem Grab und auf dem kleineren neben ihrem. Davon jedoch sprach der Rittmeister nicht; dabei meinte er, die vertrauten Gräber und die roten Dahlien auf ihnen deutlich vor sich zu sehen.

»Sieht neu aus.« Mit einer Kopfbewegung deutete der Cornet neben ihm auf das Haus.

Mathias von Torgau hieß er, ein junger sächsischer Freiherr und Sohn eines Burggrafen, und zudem mit dem Rittmeister verwandt, denn ihre Väter waren Cousins. Ein spitzer Adamsapfel tanzte unter der Haut seines dünnen Halses, wenn er sprach, und eine große Hakennase und hervortretende Augen beherrschten sein gelbliches Gesicht. Schon als kleiner Junge hatte Mathias den sechs Jahre älteren von Herzenburg bewundert, den er nun um eine Handbreite überragte. Wie dieser trug er einen dunkelblauen Reitermantel mit silbernen Tressen und Knöpfen und einen flachen weißen Spitzenkragen über der Brustwehr, und wie der Rittmeister hatte er die weiten Stulpen seiner Hirschlederstiefel mit weißen Spitzen ausgefüllt. Ein blau-roter Federbusch wehte über seiner halbkugelförmigen und mit Nackenschirm, Nasenschutz und Wangenklappen ausgerüstete Sturmhaube.

»Sieht nach Geld aus. Wollen wir nicht hineingehen, Max?«

Der Rittmeister löste sich vom Anblick der Dahlien, nickte und stieg aus dem Sattel. Seine Bewegungen hatten etwas Müdes. Er trug einen langen, sorgfältig gepflegten Schnurrbart. Lange schwarze Locken, kunstvoll drapiert, quollen unter der geschwungenen Krempe seines schwarzen Hutes hervor, den er statt der vorgeschriebenen Sturmhaube aufzusetzen pflegte und den schneeweiße Schwanenfedern schmückten.

Er winkte hinter sich, und die anderen schwangen sich nun ebenfalls von den Pferden. Hinter dem Haus bellte noch immer der Hund, und im Haus sangen noch immer die Kinder – mit dünneren Stimmchen inzwischen, wie es dem Rittmeister scheinen wollte. Darüber schwebte die klare Mädchenstimme noch genauso laut wie zuvor. Die alte, krächzende Stimme hörte er nicht mehr.

Dafür erkannte er nun hinter dem Fenster die Umrisse einer weißhaarigen Frau. Sie äugte zu ihnen heraus. Die Hände hielt sie wie zum Gebet gefaltet vor der Brust.

Die Burschen – Trabanten, wie man die Leibgardisten eines Hauptmanns auch nannte – drückten sich an den Offizieren vorbei; der jüngere, Conrad, reichte seinem Herrn den Karabiner und zückte die Klinge. Der andere, Simon, füllte die Pulverpfanne seiner eigenen Feuerwaffe, während von Torgau die Fahne zwischen das Zwiebelrohr am Rand des Gemüsegartens rammte und sein Seitengewehr, einen kurzen Degen, zog. Da stapften die Burschen schon über den Weg der Haustür entgegen, der eine mit blanker Klinge, der andere mit schussbereitem Rohr.

Nur mit gezückten Seitengewehren und geladenen Rohren in die Gehöfte und Dörfer – so lautete der Befehl des Generals di Spinola, seit vor Tagen in Guntersblum auf der anderen Rheinseite närrische Bauern und Rheinschiffer meinten, ihr Hab und Gut verteidigen zu müssen. Dabei hatten sie Reiter einer spanischen Kompanie erschossen. Seitdem lag Guntersblum in Asche und die Spanier waren vorsichtiger, wenn es zum Fouragieren ging – zum Plündern, Brennen und Schänden.

Einen wie den jungen Rittmeister Maximilian von Herzenburg musste keiner zur Vorsicht mahnen. Einer wie er war auf der Hut, immer. Und er hatte seine deutsche Kompanie im Griff – Kursachsen zumeist und zwei Rotten Bayern.

Der General Tilly, Feldherr des bayrischen Herzogs Maximilian, hatte ihn und sein Fähnlein mit einer Botschaft des Kaisers aus Böhmen zu den verbündeten Spaniern in die Generalstaaten geschickt, nach Holland. Von dort aus waren der kursächsische Rittmeister und seine Reiterei unter dem Befehl des Generals di Spinola in die Kurpfalz gezogen, um eine zweite Front gegen den Kurfürsten Friedrich und die protestantische Union zu eröffnen. Gemeinsam mit den Spaniern hatten sie seitdem viele linksrheinische Dörfer und Ortschaften verwüstet, waren mit Gottes Segen gegen Kreuznach und Worms gezogen, hatten zwischen Mainz und Oppenheim eine Schiffsbrücke über den Rhein geschlagen und stießen nun entlang der hessischen Bergstraße nach Süden gegen die rechtsrheinische Kurpfalz vor.

Jemand zog die Haustür auf. Ein Mann in Talar und eine Frau in schwarzem Kleid und mit weißer Haube traten aus dem Haus; beide weißhaarig und sicher weit über siebzig. »Wen sucht Ihr, Ihr Herren?«, fragte der Mann mit fester Stimme.

Die Burschen des Rittmeisters blieben stehen. Simon, der ältere, wandte den Kopf ein wenig. Er schien auf ein Wort seines Herrn zu warten. Der aber blieb stumm. »Wen sucht ihr?«, wiederholte der alte Pfarrherr, und seine klare und feste Stimme wollte dem Rittmeister gar nicht gefallen. Die Kinder im Haus hatten inzwischen aufgehört zu singen; auch das gefiel ihm nicht.

»Was von den Dukaten übrig ist, mit denen Er sein neues Haus bezahlt hat – das suchen wir!« Von Torgau lief los, drängte sich an den Burschen vorbei. Er sah furchterregend aus mit seiner Nasenstange zwischen den Glubschaugen und dem krebsschwanzartigen Nackenschirm am Helm. Den Haudegen auf den alten Mann gerichtet, marschierte er zur Tür. »Heraus damit!«

Die Frau des Pfarrherrn – jedenfalls nahm der Rittmeister an, dass es sein Eheweib war – schob sich vor ihren Gatten, und die Degenspitze des Cornets berührte ihre Kehle. Sie riss Augen und Mund auf und wagte nicht mehr zu atmen.

»Ich bitte Euch, Ihr Herren!« Der alte Pfarrherr zog seine Frau weg von Degenspitze und Türschwelle und schob sie hinter sich. »Benehmt Euch doch wie Christenmenschen, in Gottes Namen! Oder wenigstens wie Edle – das seid Ihr doch, oder?«

»Wer hat dir das Wort erteilt, in drei Teufels Namen?!« Von Torgau griff in dessen schlohweißes Haar, drückte ihm die Klinge unter das Kinn und drängte ihn gegen den Türsturz. »Wo hast du deine Dukaten versteckt, Pfaffe?« Mit einem Blick winkte er die Burschen zu sich. Die stürmten an ihm vorbei ins Haus. Drinnen erhob sich Kindergeschrei. »Wo, verflucht?!«, zischte der Cornet. Der Hund hinter dem Haus kläffte wie tollwütig.

»Erbarmen, Ihr Herren!« Der Alte im Talar verdrehte die Augen und lugte zum Rittmeister. Wenigstens begriff er, wer hier das Kommando führte. »Ich besitze kein Geld. Meine Gemeinde hat mir das Haus gebaut, und unsere Königliche Hoheit, der allergnädigste Landgraf Georg, hat uns einige Reichstaler zukommen lassen für Ziegel und Putz.«

»Na, prächtig. Dann sind deine Dukaten also noch nicht auf und davon. Wo verbirgst du sie?« Mit einem Blick erbat der Cornet den Rittmeister um Zustimmung zu den üblichen Quälereien.

Max von Herzenburg aber hängte seinen Karabiner ins Band, schritt über den Weg und betrat an seinem Cornet vorbei das Haus, ohne diesem zu antworten. Aus irgendeinem Grund zog ihn das Geplärre und Gezeter der Kinder an.

»Ich flehe Euch an, Rittmeister«, rief ihm der Pfarrherr nach. »Denkt doch an das Gebot unseres Gottes!«

An der Schwelle zur Tür, hinter der von Herzenburg die Kinder wähnte, fiel plötzlich die Alte vor ihm auf die Knie und begann unverständliches Zeug zu flüstern. Im Zimmer dahinter drängten etwa zwanzig Jungen und Mädchen sich um ein halbwüchsiges schwarzhaariges Mädchen, während Conrad, der jüngere seiner Burschen, Kind um Kind zur Seite zerrte, um es greifen zu können.

Von Herzenburg traute seinen Augen kaum: Die Kinderschar versuchte wahrhaftig, das Mädchen zu beschützen!

»Auch wenn Ihr es mit dem Papst haltet, Herr Rittmeister, so ist es doch der gleiche Gott, dem Ihr Rechenschaft ablegen werdet …«

»Ich bin lutherisch wie Er«, schnitt von Herzenburg dem Pfarrherrn das Wort ab. Sein Blick hing an der Halbwüchsigen hinter der Kinderschar. Etwas loderte in ihren Augen, ihre Kaumuskeln zuckten.

»Ihr seid …?« Weil sein Befehlshaber mit dem Pfarrer sprach, lockerte von Torgau den Druck seiner Klinge unter dessen Kinn. »Ihr haltet es mit den Evangelischen?«, krächzte der Alte ungläubig. »Aber warum kämpft ihr dann mit den Spaniern?«

»Ich halte es mit dem Kaiser«, sagte Maximilian. »Wie mein Kurfürst. Anders als er jedoch kämpfe ich, wenn der Kaiser mich ruft, und bleibe nicht zu Hause sitzen.« Die Halbwüchsige hatte dunkelblaue Augen und einen stolzen Zug um den breiten Mund. »Schreibt nicht der Heilige Paulus ›seid der Obrigkeit untertan‹?«

Von Herzenburgs Bursche trat und schlug nach den Kindern, und endlich bekam er das Mädchen zu packen.

»Ihr sollt Gott mehr gehorchen als den Menschen«, flüsterte die Frau des Pfarrherrn; noch immer kniete sie neben ihm auf den Holzdielen. »Hat nicht so unser Heiland geboten?«

»Wenn Ihr Gott liebt, müsst Ihr hassen, was die Spanier im Land anrichten«, rief der Pfarrherr. »Wenn Ihr Gott liebt, müsst Ihr Euern Reitern Einhalt gebieten …«

Ein Stoß, ein Schritt – die Frau stürzte hin, und der Rittmeister schlug den Pfarrherrn mit dem Handrücken ins Gesicht. »Nichts muss ich, gar nichts!« Weil der Cornet zurückgewichen war, taumelte der Alte von der Wucht des Schlages über die Türschwelle, stolperte nach draußen und fiel auf den Weg.

Der Rittmeister fuhr herum, weil er das Mädchen jammern hörte: Sein Bursche Conrad zerrte es aus der Stube, die heulende Kinderschar versuchte, es an Armen, Beinen und Kleidersaum festzuhalten.

Konnte das denn wahr sein? Noch nie hatte von Herzenburg dergleichen gesehen, seit er mit Degen und Radschlosskarabiner seine Taler verdiente. Und wahrhaftig: Ihm waren schon die tollsten Kriegsgeschichten unter die Augen gekommen im letzten Jahr – in Böhmen, in der Oberpfalz und zuletzt drüben, auf der anderen Seite des Rheins.

Er stürzte zu seinem Burschen, packte ihn und riss ihn weg von der Halbwüchsigen. »Wie heißt du?«, fragte er sie.

»Eva«, flüsterte sie. Fünfzehn mochte sie sein, vielleicht erst vierzehn. Von Herzenburg hörte den Namen und sah im Geist ein nur wenig älteres Mädchen vor sich; eins, das Hildegard geheißen hatte.

Auch Hildegard hatte schwarzes Haar gehabt, dunkelblaue Augen und einen ähnlich stolzen Zug um den Mund. Seine Schwester. Jetzt lag sie neben seiner Mutter zu Hause unter der Linde im hinteren Burghof, und Dahlien blühten zu dieser Jahreszeit über ihr. Blutrot.

»Simon!« Er lief zur offenen Tür auf der anderen Seite des Ganges. »Simon, Herrgott noch mal!« Ein Raum mit guten Möbeln, Bildern an der Wand, mit vollen Bücherborden und einem Kamin. In dem kniete der ältere seiner beiden Burschen und tastete im Rauchabzug nach versteckten Dukaten. »Her mit Ihm!« Der Gerufene sprang auf, wischte die Hände an der Hose ab und kam zu ihm. »Er bringe sie weg.« Er deutete auf die Halbwüchsige. »Auf den Friedhof von mir aus. Und keiner rührt sie an. Mein Befehl!«

Er drehte sich nach Conrad um. »Und Er bürgt mir mit Seinem Leben für ihr Leben und ihre Unschuld. Hat Er das verstanden?« Der Bursche nickte. »Und die Blagen hier jagt aus dem Haus.«

»Bitte nicht, Herr!« Das Mädchen rang die Hände, fast hätte es vor ihm gekniet. »Lasst die Kleinen doch bei mir bleiben!« Sie sah ihm in die Augen. Wie konnte jemand Angst empfinden und betteln und dennoch diesen stolzen Zug um den Mund bewahren? Der Rittmeister presste die Lippen aufeinander. »Bitte«, flehte sie, und wohl zwanzig Kinderaugenpaare hefteten sich an ihn. Hinter dem Haus kläffte der Hund. Kläffte und kläffte.

»Was hattet ihr da drinnen zu treiben?« Mit einer Kopfbewegung deutete von Herzenburg in die Stube, wo sie gesungen hatten. »Und was tun all die Blagen hier?«

»Der Herr Pfarrer hat uns Unterricht in der Heiligen Schrift erteilt.« Das Mädchen schluckte, die Blicke seiner dunkelblauen Augen fühlte von Herzenburg wie forschend über sein Gesicht wandern. »Und die Frau Pfarrer hat ein Danklied mit uns gesungen.«

»Ein Danklied?« Er zog die Brauen hoch. »Wahrhaftig?«

»Weil wir leben dürfen und danach in den Himmel kommen.«

Der Rittmeister nickte langsam. Er erinnerte sich, dass auch zu Hause nach dem Sonntagsgottesdienst der Bibelunterricht für die Kinder im Pfarrhaus gefolgt war. Und wie gut er sich daran erinnerte: Maximilian von Herzenburgs Vater, der düstere Herr Graf, hatte ihn und seine Schwester oft genug hingeprügelt.

Er wandte sich an seine Burschen und den Cornet. »Sie bekommt, was sie erbittet. Und Schläge für jeden, der meinen Befehl vergisst.« Sein strenger Blick traf Conrad.

Die Burschen führten Kinder und Halbwüchsige zur Hintertür und in den Hof. Von dort ging es über den Friedhof zur Kirche. Der Hund bellte noch lauter, bellte wie von Sinnen. Bis ein Schuss krachte; danach bellte nichts mehr.

Der Rittmeister aber trat auf den Weg hinaus, wo sein Cornet den Pfarrherrn und seine Frau mit Schlägen und Tritten drangsalierte. »Ihr wollt Edle sein?«, rief der Alte. »Ihr wollt Christenmenschen sein? Teufel seid ihr, gierige Teufel!«

Wahrhaftig, er war wütend! Statt sich zu fürchten, schäumte er vor Wut. Maximilians Kinn zuckte nach oben. »Bring ihn zum Schweigen.« Von Torgau trat zu – und der Pfarrherr verstummte.

Die Standarte der Grafschaft Herzenburg wehte über Zwiebeln und letzten Tomaten, und an Karottenkraut und Kohl labten sich die Pferde, als durch das Tor des Anwesens der Feldwebel an der Spitze einer bayrischen Rotte hereinmarschierte. Alle trugen gelbliche Rindslederkoller über den Brustharnischen, und alle waren mit Kisten, Körben und Bündeln beladen.

Dem Feldwebel klemmte sein Karabiner unter dem rechten und ein schlaffes, aus dem Hals blutendes Ferkel unter dem linken Arm. Er und seine Männer wichen den Pferden aus und stampften durch die Blumen. »Unser Tagewerk geht voran, wie ich sehe?«, tönte er.

Der Feldwebel hieß Johann Schneeberger und hatte eine vom Rauchen und Saufen heisere Stimme. Seine großen, haarigen Hände und seine blauen Hosen und braunen Stiefel waren blutig, um den Kolben seines Karabiners hing ein Tuch, auf dem unter Blut- und Schmutzflecken das Bildnis der Jungfrau Maria zu erkennen war. »Wir haben mächtig Gewinn gemacht, wenn mich nicht alles täuscht!« Schneeberger feixte und wirkte sehr zufrieden.

»Wird Er wohl gleich aus den Blumen springen?«, fuhr von Herzenburg ihn an.

Verdutzt äugte Schneeberger an sich hinunter, hastete dann aus dem Blumenbeet und winkte auch seine Männer zu sich auf den Weg. Vor seinem Rittmeister blieb er stehen. »Sollen wir die restlichen Häuser anzünden?«

»Es wird nichts mehr angezündet.« Dem Rittmeister war die Lust aufs Fouragieren vergangen, er wusste selbst nicht, warum. Er musterte den feisten Feldwebel von den blutigen Stiefeln bis zum roten Federbusch seiner Schützenhaube, musterte das tote Ferkel, musterte den Karabiner und das Bildnis der Jungfrau Maria. War es Ekel, was ihn auf einmal würgte und seinen Mund verzerrte? »Er hat sich schmutzig gemacht, Johann!«

»Oha!« Schneeberger sah erneut an sich hinunter. »Schweineblut. Ich habe eine Sau und ein paar Ferkel abgestochen. Steht uns nicht ein Sonntagsbraten nach vollendetem Tagwerk zu, Herr Rittmeister?«

Maximilian nickte. »So ist es, Johann, wahrhaftig, so ist es.« Seufzend und mit einer müden, schon beinahe resignierenden Geste klopfte er dem Bajuwaren auf die Schulter. Dann wandte er sich wieder dem Haus zu.

Sein glubschäugiger Cornet winkte ein paar Bayern herbei, die den Pfarrherrn und seine Frau packten. »Er will nicht reden, Max.« In von Torgaus Augen glitzerte es kalt. »Er will um keinen Preis verraten, wo er seine silbernen und goldenen Göttlein versteckt hält.«

»Dir wird schon etwas einfallen, Mathes. Dir ist noch immer ein Mittel eingefallen, jemanden von seinen Dukaten erzählen zu lassen.«

Der andere grinste, drehte sich um und lief den Soldaten und Pfarrersleuten hinterher.

Maximilian ging zu seinem Schimmel. Von der anderen Fahrwegseite ritten sein Leutnant und dessen Bursche herbei. Der Leutnant, nach dem Rittmeister der zweite Mann in der Kompanie, gab seinen Bericht. »Ich habe befohlen, das Plündern zu beenden«, schloss er. »Es kann weder Gott noch dem Kaiser gefallen, wenn wir auf dem Weg nach Heidelberg jede Jungfrau schänden und jeden Flecken niederbrennen.«

»So, meint Ihr?« Der Rittmeister führte seinen Schimmel aus dem Tor und sah zurück. Ein Corporal lehnte eine Leiter gegen das Haus und kletterte aufs Dach. Ein Seil hing um seine Schulter. »Dann lasst also die Männer sammeln und gebt Befehl, die Beute auf Wagen zu packen. Wir ziehen weiter die Bergstraße hinunter.«

Drinnen, in der guten Stube, zerrten der Cornet und der Feldwebel den an Füßen und Händen gebundenen Pfarrherrn zum Kamin. Durch das offene Fenster reichten Soldaten Holz hinein. Der mit dem Seil kletterte zum Schornstein.

Maximilian von Herzenburg stieg auf seinen Schimmel, der Leutnant hielt ihm den Zügel. Im Haus hörte man die Pfarrfrau heulen. Im Nachtbargehöft schrie ein Mann und blökte Vieh. Überall züngelnde Flammen und dunkler Rauch. Von Herzenburg legte den Kopf in den Nacken und blickte zum wolkenlosen Spätsommerhimmel hinauf. »Seht Euch die Mittagssonne an«, murmelte er wie zu sich selbst. »Sie strahlte schon so freundlich und warm über diesem hübschen Flecken, als wir noch auf dem Weg hierher waren. Und genauso freundlich und warm wird sie herabstrahlen, wenn wir weitergezogen sind.« Halb spöttisch, halb wehmütig lächelnd schüttelte er den Kopf. »Rätselhafte Welt, Herr Leutnant, habe ich nicht recht? Rätselhafte Welt.«

5

In Neuenheim leisteten sie sich Kopfsteinpflaster. Vielleicht weil die Landstraße zur kurpfälzischen Residenz führte, vielleicht aber auch wegen des Hochwassers nach der Schneeschmelze in den letzten Jahren. Jedenfalls fühlte Susanna sich mächtig durchgeschüttelt, als ihr Vater Wagen und Pferdegespann durch das Dorf lenkte. Sie hielt sich am Seitenverschlag der Ladefläche fest.

Am Ausgang des Dorfes bog die Landstraße nach Osten ins Neckartal ab. Hinter dem Pferdewagen, auf dem Kutschbock des Ochsenkarrens, schwenkte der Großvater seinen Hut und wechselte im Vorüberfahren ein paar Worte mit einem Bauern, der auf dem Dach seines Hauses Ziegel austauschte. Dessen Frau arbeitete im sich anschließenden Hühnerhof und war wie Susannas Mutter eine geborene Merkel, gehörte also zur Verwandtschaft des Großvaters.

»Der Krabat und seine Gaukler sind in Heidelberg«, sagte sie und hielt sich die Backe. »Hat mir heute Morgen einen bösen Zahn gezogen, jetzt geht es mir wieder gut.«

Dann blieb auch das letzte Neuenheimer Gehöft hinter ihnen zurück und mit ihm das Kopfsteinpflaster. Die beiden Wagen rollten nun wieder ruhiger über den staubigen Fahrweg nach Osten.

Links, an den Hängen des Heiligenbergs, schlängelten sich Pfade in verblühte Obsthaine und stiegen Stufen in Weingärten hinauf; rechts glitzerten die Wogen des Neckars. Meister Almuts Wagen rollten den Uferweg entlang. Längst sah man die Kirchturmspitzen Sankt Peters und der Heilig-Geist-Kirche über den noch fernen Dächern Heidelbergs; jetzt rückte an der Wegbiegung unterhalb der Bergflanke auch der doppelte Südturm der Neckarbrücke ins Blickfeld und dann, nach und nach, deren Überdachung.

Es war der erste Samstag im Juli, und in Heidelberg hielt man Markttag ab – nur die Großmutter und die Tante waren in Haus und Werkstatt zurückgeblieben. Alle anderen hatten schon um die Mittagszeit, nach nur sechs Stunden Arbeit, Nadel und Zwirn aus der Hand gelegt, um mit zwei Gespannen zur Stadt aufzubrechen.

Susanna saß auf der Ladefläche des ersten – hinter ihren Eltern und gegenüber dem Gesellen, der sie so gern zur Frau gehabt hätte. Sie vermied es, ihm ins Gesicht zu schauen, und er hatte es aufgegeben, sie in ein Schwätzchen zu verwickeln.

»Hast du gehört, Liesel?«, rief der Großvater seiner Tochter zu. »Der Zahnbrecher ist wieder in der Stadt. Er wird dich von allem Übel erlösen.« Die Mutter auf dem Kutschbock wurde ganz steif, zog die Schultern hoch und wandte ein wenig den Kopf. Seit Wochen plagte sie ein fauler Zahn.

Man schrieb das Jahr des Herrn 1621, ein milder Frühsommer ließ die Menschen im Neckartal und an der Bergstraße den harten Winter vergessen. Hannes arbeitete inzwischen den neunzehnten Monat in der Fremde. Drei Briefe hatte er geschrieben in dieser Zeit – an seine Familie im Walddorf, nicht an sie, Susanna. Sie hatte den Steins die Briefe vorgelesen: In den letzten beiden stand nicht einmal mehr ein Gruß an Susanna.

Ihre Blicke schweiften über den Hang, über Rebstöcke und Apfelbäume, zurück zu den kleiner werdenden Häusern von Neuenheim und hinunter zu den Anlegestellen und Fischerbooten am Neckarufer. Unvorstellbar, dass der Krieg mit Kanonendonner, Feuer und wilden Reitern in eine friedvolle Flusslandschaft wie diese einbrechen könnte. Und dennoch hörte man dergleichen in letzter Zeit viel zu oft aus viel zu vielen pfälzischen Gegenden jenseits des Rheins; sogar aus einigen Flecken der hessischen Bergstraße nördlich von Bensheim. Susanna mochte es nicht glauben.

Doch in Heidelberg gab es Bürger, die glaubten es. Und einige waren bereits geflohen – nach Wiesloch, Bretten oder sogar Durlach. Unter ihnen angeblich so berühmte Leute wie der Magister Pareus und die Mutter des Kurfürsten.

Ein Zweimaster glitt auf der Flussmitte dahin, eine Ostbrise blähte seine Segel. Hinter den Baumkronen der anderen Neckarseite sah Susanna den Turm des Speyrer Tors über der Heidelberger Westmauer aufragen. In der Kiste, auf der sie hockte, lag ein Teil der Stoffbahnen, die sie seit dem letzten Christfest bestickt hatte. Auf dem Markt wollte der Vater sie dem hugenottischen Tuchhändler verkaufen.

Der Geselle ihr gegenüber auf der Kleiderkiste machte ein missmutiges Gesicht und pulte an seinen Fingernägeln herum. Körbe mit Salatköpfen, Kirschen und Erdbeeren standen zwischen ihnen.

Vorn auf dem Kutschbock hatte der Vater allerhand zu erzählen. Er redete die ganze Zeit, schon seit sie in Handschuhsheim losgefahren waren; nicht mit ihr, sondern mit der Mutter.

Die hockte neben ihm, gab sich einsilbig, nickte nur dann und wann und spähte manchmal über die Schulter nach hinten zu Susanna und dem Gesellen. Ihr knochiges Gesicht war noch härter geworden in letzter Zeit, und der bittere Zug um den Mund hatte sich noch tiefer eingegraben. Lag es an den Kriegsgerüchten? Oder am Kummer, den Susanna ihr bereitete? Oder einfach nur an ihrem faulen Zahn?

Auf dem hinteren Wagen, dem Ochsenkarren, hatten sie Säcke mit Rüben und dem ersten Färberginster geladen, dazu Käfige mit ein paar Legehennen und zwei Ferkeln für die Familien von Mutters Schwestern. Auf dem Kutschbock palaverte der Großvater mit Anna, dem Lehrbub und dem jüngeren der beiden Gesellen.

Mit Susanna sprach keiner, schon seit Tagen nicht mehr. Nicht einmal ihre Schwester.

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