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Die Leseratte

Zwei hübsche Damen

Wieder einmal befand ich mich in geistigem Leerlauf. Seit Tagen suchte ich verzweifelt nach einem nützlichen Sujet für eine unterhaltsame Erzählung. Die Weidefläche meiner Phantasie hatte ich abgegrast. Sie musste erst wieder nachwachsen. Der Redakteur der Monatsschrift Leseratte drängte mich, schnellstens einen weiteren Artikel zu schreiben. Eine Fundgrube für realitätsnahe Erzählungen sei das tätige Leben. Ich solle gehen und sehen. Ich tat danach.

Zwei hübsche Damen fesselten meinen Blick. Sie saßen im Schatten eines großen Kaufhauses auf einer Bank. Ihr luftiges Kleidchen war dem warmen Sommertag angepasst. Manche Passanten sahen zu ihnen. Allerdings nur flüchtig. Ich wollte ihnen nah sein. Deshalb scherte ich aus dem Menschenstrom auf dem Einkaufsboulevard aus. Im Schatten des Kaufhauses befand sich eine weitere Bank, die ebenfalls besetzt war. Auf ihr saßen drei Greise, unbeeindruckt von der verführerischen Nachbarschaft.

Da ich jünger als sie war, drängte es mich, ihren Platz einzunehmen. Auf anständige Art und Weise. Antrieb erhielt mein Ansinnen durch die Aufmerksamkeit der beiden Schönen. Sie guckten interessiert, ob es mir gelingen würde, die Alten zum Verlassen ihres Platzes zu bewegen. Ich umschritt die Bank einige Male, eine Lücke zu entdecken, in die ich mich zwängen könnte. Keiner der Alten fühlte sich jedoch veranlasst, mir seinen Platz anzubieten. Den beiden Damen tat ich wohl leid, weshalb sie mich baten, bei ihnen Platz zu nehmen.

Mein Herz begann so rasch zu schlagen, dass meine Gefühlssprünge Mühe hatten, diesem Tempo zu folgen. Mit triumphaler Gebärde kehrte ich mich von den Alten ab. Die Hübschen empfingen mich freundlich. Als ich mich nach einer höflichen Verbeugung zwischen ihnen niedergelassen hatte, stieg mir der Duft ihres wohlriechenden Parfüms in die Nase. Mich erfasste lasterhafter Lust, derer ich mich schämte, weil ich glaubte, mein Abgleiten in die Abgründe männlicher Begierde würde schnell erkannt sein. Ich mäßigte mich. Die Reizenden fanden das reizend, weil sie ahnten, was mich zurückhaltend machte. Sie ließen mich die wohlgeformten Konturen ihres Oberkörpers spüren. Meine Sinne gerieten in Zwiespalt. Zu gern hätte ich mich jeder einzeln zugewandt, doch ließ ihr gemeinsames Körperspiel das nicht zu. So ließ ich es mit mir geschehen. Genährt wurde mein Erdulden durch die freie Sicht in den Ausschnitt jedes Kleides. Mein Blick pendelte zwischen beiden Busen und machte mir die Entscheidung schwer, welcher der schönere sei. Meine Unruhe kam zur Ruhe, als Beide geruhten, ihr verlockendes Körperspiel einzustellen. Eine fragte, ob ich nur Gucken wolle. Weil ich nicht zu antworten wusste, fragte die andere, ob ich schon einmal Sex gehabt hätte. Ich verneinte, ließ aber wissen, dass mein Trachten auf einen Sechser im Lotto ziele. Beide lachten ein herzliches Lachen. Ich fiel in dieses ein.

Die senilen Alten auf der Nachbarbank teilten unseren Frohsinn nicht. Weshalb auch? Sie wussten ja nicht, weshalb wir lachten.

Die Bezaubernden fragten wie aus einem Munde, ob ich schon einmal Lotto gespielt habe. Ich erwiderte, dass ich das regelmäßig tue. Erfolglos bislang, obwohl stets mit hohem Einsatz gewagt.

Nachdem ich weitere, sehr persönlich und zum Teil finanziell gehaltene Fragen beantwortet hatte, meinten Beide, wir sollten zu mir nach Hause gehen, um gemeinsam einen Tippschein auszufüllen. Ein Sechser könne nur nach gründlichem Sex gelingen. Ich freute mich; Fortunas Gehilfinnen würden mir sicherlich Glück bringen. Vergnügt schritt ich mit ihnen davon, eine links, eine rechts am Arm. Innerlich dankte ich dem Redakteur der Monatsschrift Leseratte. In ihrer nächsten Ausgabe würde sich eine lustige Erzählung aus meiner Feder finden.

Als ich am nächsten Tag völlig mittel- und kraftlos erwachte, schwor ich, nie wieder Lotto zu spielen. Den Redakteur der Leseratte würde ich um Vorschuss bitten müssen.

Malheur auf dem Bürgersteig

Die Ratte, Spitzname des Redakteurs, war nicht sonderlich erbaut, mir aus finanzieller Not helfen zu müssen. Da meine Beiträge einem großen Leserkreis gefielen, tobte seine innere Entscheidungsschlacht nur kurze Zeit. Dann ließ er mich wissen, dass es fernerhin keine Finanzspritze mehr geben werde. Diese sei die erste und zugleich letzte. Ich solle mich künftig weniger tollpatschig anstellen.

„Ich werde mich wieder aufs gefahrlose Terrain der Phantasie begeben“, versicherte ich der Ratte.

„Nein, mein Lieber, an eine Rückkehr in alte Gewohnheiten ist nicht zu denken. Seit einiger Zeit verlangen zahlreiche Leser vehement die Veröffentlichung realistischer Erzählungen. Nimm dir ein Beispiel an deinen Kollegen. Denen gelingt es bravourös, der oftmals betrüblichen Gegenwart Vergnügliches abzugewinnen. Das solltest auch du tun. Mit Vorsicht gepaart und nicht mit Nutten.“

Ich fand mich wieder auf der Straße, diesmal in der festen Absicht, der Gegenwart Vergnügliches abzugewinnen. Vergnügte Menschen sah ich hie und da. Doch nur die äußere Form ihres frohen Gemüts zu beschreiben, wäre zu dürftig. Es müsste mehr sein.

Vielleicht interessierte den Leser die Frau, die nicht nur an der Fülle ihres Körpers, sondern auch an der zweier überfüllter Einkaufstaschen schwer trug. Und das mit vergnügtem Gesicht. Mir stellte sich die Frage, weshalb sie nicht erschwert guckte. Ich vermutete, dass sie ihre eigene Last als gegebenen Ballast ertrug, frei nach dem Motto: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Ich freute mich, einen Ansatzpunkt für eine realitätsnahe und zugleich vergnügliche Geschichte gefunden zu haben.

Ich näherte mich der Drallen bis in den Wahrnehmungsbereich ihrer Ausdünstungen. Die waren in ihrer Ergiebigkeit den sommerlichen Temperaturen angepasst. Ihr zu folgen war nicht schwer, denn sie watschelte gemächlich wie eine Ente. Auch keuchte sie, was eine Ente nicht tut. Mein Interesse galt dem Inhalt ihrer Einkaufstaschen. Von ihm wollte ich Schlüsse auf ihre zufrieden leuchtenden Augen ziehen. Es war nicht leicht, einen Blick in eine ihrer Taschen zu werfen, da sich jede bei jedem ihrer Watschelschritte heftig mitbewegte. Setzte sie den linken Fuß nach vorn, scherte ihre linke Gesäßhälfte so weit nach links, dass die auf dieser Seite befindliche Hand mit der Einkaufstasche nach links gestoßen wurde. Rechtsseitig vollzog sich das Gleiche.

Als Kind hatte ich Geschick beim Griff in fremde Taschen gezeigt, was stets mit einer Tracht Prügel belohnt wurde. An diese Geschicklichkeit erinnerte ich mich und wollte mir dieses Können wieder zunutze machen. Ich arbeitete mich an die Beleibte dicht heran. Das Atmen stellte ich kurz ein, um von ihrer Ausdünstung nicht ohnmächtig zu werden. Dann fasste ich flink in ihre linke Einkaufstasche. In diesem Moment tat die Dicke einen linken Schritt, und die Tasche sauste nach links. Meine in der Tasche befindliche Hand riss mich ebenfalls nach links. Ich stürzte auf die Fahrbahn. Quietschend und krachend kamen einige Autos zum Stehen. Passanten schrien entsetzt. Ich nicht, denn die Korpulente saß mit ihrem Hintern auf meinem Gesicht. Ich hatte sie mitgezerrt. Hilfsbereite Bürger hievten sie auf den Gehsteig. Als ich neben sie gesetzt wurde, guckte sie verwundert. Das glückliche Funkeln ihrer Augen war durch Tränen erloschen. Verständlich, ihre linke Einkaufstasche hing zerquetscht zwischen zwei kollidierten Autos.

Während die geschädigten Autofahrer ihren Unmut äußerten – einer tat es durch die geborstene Frontscheibe -, trafen bei der Dicken und mir ein Polizist und zwei Paparazzi ein. Noch ehe der Ordnungshüter den Sachverhalt ermitteln konnte, hatten die Paparazzi verschiedene Fragen gestellt. Nicht eine beantworteten wir, weil wir nicht wussten, wer gefragt war. Außerdem waren wir nicht im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte. Den Fragestellern fiel es deshalb leicht, uns Antworten zuzuordnen, die wir nicht gegeben hatten. Als der Polizist endlich die Möglichkeit hatte, seinerseits Fragen an uns zu richten, tauchte mit lauter Sirene ein Krankenfahrzeug auf. Das befreite uns von der sensationsgierigen Menge.

Nachdem ich körperlich und geistig genesen war, betrat ich das Redaktionsbüro der Leseratte. Mein Chef empfing mich herzlich und nannte mich einen Günstling des Glücks. Ich musste nicht fragen weshalb, denn er erklärte es fast in einem Atemzuge.

„Du hast der ‚Leseratte’ einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Nicht, weil du nichts geschrieben hast, sondern weil du nichts geschrieben hast. Das haben zwei Journalisten der ‚Bild’ für dich getan. Kaum war das veröffentlicht, lief bei mir das Telefon heiß. Unzählige Anrufer, vor allem weibliche, erkundigten sich nach deinem Befinden und äußerten den Wunsch, bald wieder etwas von dir lesen zu können. Auch einige Briefe trudelten ein. Schon das rote Herz auf deren Umschlag ließ den Inhalt erahnen. Die Briefe ließ ich natürlich ungeöffnet. Wenn ich sie dir übergeben habe, kannst du zwischen einer deiner Verehrerinnen wählen. Oder du entscheidest dich für eine weitaus gewichtigere.“

Die Ratte hielt kurz inne, um Luft zu holen. Dann erfuhr ich, weshalb das Glück mich überrumpelt habe. Die Dicke, die sich auf mein Gesicht gesetzt hatte, sei die bekannte Opernsängerin Mechthild Monstrosa vom Städtischen Opernhaus. Sie habe, nachdem sie vom Polizeichef Näheres zu meiner Person erfahren hatte, den dringlichen Wunsch geäußert, mich wiederzusehen. Diesmal nicht auf dem Bürgersteig, sondern in ihrem Boudoir.

„Seit vorgestern tötet sie mir mit dieser Bitte telefonisch den Nerv. Ihre Dankbarkeit beendet sie stets mit einem verkürzten Ariengesang aus irgendeiner Oper. Scheinbar hat sie unter dem Unfall gelitten.“

Mein Chef grinste und brachte seinen Redeschwall mit der Bemerkung zu Ende: „Vielleicht bringt dich Mechthild vor den Traualtar, denn sie ist unbemannt, aber mannstoll. Ich freue mich auf eine nächste spannende Geschichte aus deiner Feder. Sie darf auf keinen Fall von der Monstrosa abweichen. Die Schar deiner Leser brennt vor Neugier.“

Ninette

Zum Missfallen der Leser gab ich keinen Bericht über meinen Besuch bei der Opernsängerin. Mein Chef hatte mir untersagt, ihn zu schreiben. Er würde das moralische Ansehen der Leseratte schädigen. Weshalb hatte er diese Entscheidung getroffen?

Zur vereinbarten Zeit war ich bei Mechthild Monstrosa mit einem Blumenstrauß erschienen. Sie sah ihm den geringen Kaufpreis sofort an. Mit der überheblichen Eleganz einer gut bezahlten Künstlerin übergab sie den im Welken begriffenen Strauß dem Stubenmädchen. Ein reizendes Fräulein mit weißem Schürzchen auf schwarzem Röckchen und weißem Häubchen auf schwarzen Härchen. Mein Blick folgte ihm.

Die Monstrosa räusperte sich, und meine Augen kehrten zu ihr zurück. Ob es mir bei ihr gefalle, fragte sie. Es gefalle mir sehr, erwiderte ich. Es sei eine entzückende Person in wohltuendem Kontrast zu ihrer Arbeitgeberin. Das Gesicht der Opernsängerin rötete sich. Ihr Blutdruck stieg. Sie sog Luft und bat mich, näher zu treten. Ich trat näher. Doch nicht nahe genug, weshalb sie mich näher zog. Als sie meinen Kopf zwischen ihren voluminösen Brüsten eingeklemmt hatte, schob sie den Rest meines Körpers in einen halbdunklen Raum. In dem gab sie meinen Kopf frei. Ich sah mich von vielfaltiger und vielfarbiger Garderobe umgeben.

„Mein Boudoir“, sprach sie mit erhabenem Stolz. „Du weißt, was Boudoir heißt?“ fragte sie, um meine journalistische Schläue zu testen.

„Das weiß doch jedes Kind“, entfloh ich den Gefilden totaler Unwissenheit.

„Dann sag’ es mir!“, forderte sie und näherte ihre Brust wieder meinem Kopf.

„Das ist französisch und heißt ‚Bude’“, sagte ich rasch und versteckte mich rasch im Gewimmel der stoffreichen Kleider.

„Du Schelm“, kicherte sie und arbeitete sich in die Stofffülle vor. Sie grapschte links, sie grapschte rechts und geradeaus. Zu fassen bekam sie mich nicht, da mich plötzlich zwei Händchen fassten und in einen Nebenraum zogen. In dem war es stockdunkel.

„Die Besenkammer“, flüsterte ein Stimmchen.

„Wer bist du?“, flüsterte ich zurück.

„Ich bin Ninette“, hauchte es und biss zart in eins meiner Ohrläppchen.

„Bist du die…?“

„Die bin ich. Lass’ die Dicke suchen. Wir wollen ein bisschen Liebe machen.“

„Hier ist es so dunkel; ich sehe dich nicht.“

„Liebe muss man nicht sehen, sondern fühlen.“

Und schon fühlte ich meine Hände an eine zierliche Brust gedrückt. Mich durchfuhr es warm.
Während ich die Hügelchen umfasst hielt, spürte ich, dass Ninette an der Öffnung meines Beinkleids zurrte, um sodann an ihrer Kleidung zu nesteln. Sie presste mich an sich und bat, mit der Liebe zu beginnen.

„Wie soll ich’s tun?“, fragte ich bewusst naiv. Sie schien mir zu jung.

„Menschenskind“, erboste sie sich, „hast du noch nie geliebt?“

„Natürlich“, blieb ich zurückhaltend, „meine Eltern von ganzem Herzen.“

Ihr war das nicht genug, weshalb sie fest in meinen Schritt griff. Meinen Schmerzensschrei hörte die Monstrosa.

„Da bist du ja, du Ausreißer“, gurrte sie und zerrte mich, da ich der Tür am nächsten stand, aus dem kleinen Raum. Hinter mir fielen einige Besen um. So blieb Ninette unentdeckt.

Als Mechthild meinen geöffneten Hosenstall sah, grunzte sie: „Du bist mir ja ein ganz Flotter!“

Mit einem Fußtritt warf sie die Tür der Besenkammer zu und mich auf einen Kleiderhaufen am Boden. Während sie sich entblößte, entschwand ich erneut in ihrer mottenmuffigen Garderobe. Wieder begann das Suchspiel; sie nun nackt, ich mit offenem Hosenstall. Und wieder rettete mich Ninette in die Besenkammer, die sie von innen verschloss.

Mechthild Monstrosa, mein Versteck nun wissend, wollte die Kammer öffnen. Da ihr das nicht gelang, bat sie flehentlich, ich solle ihr erscheinen. Da ich keinen Laut von mir gab, forderte sie, die Kammer sofort zu öffnen. Wir könnten das Liebesspiel auch in ihr vornehmen.

„Ich werde öffnen“, sagte ich, „Mechthild wird sonst die Tür zerstören.“

„Was bist du doch für ein Schlappschwanz“, meinte Ninette verächtlich. Sie öffnete die Tür und stieß mich nach draußen.

Die Monstrosa umfing mich mit ihren wulstigen Armen. Ich entschlüpfte diesen, entfloh dem Boudoir und schließlich dem Haus.

Die glutäugige Tamara

Seitdem die Straße mein Wirkungsbereich sei, gehe ich nur zwielichtigen oder wollüstigen Weibern auf den Leim, meinte mein Chef abfällig. So könne kein vernünftiger Artikel für die „Leseratte“ aus meiner Feder fließen. Viele Leserinnen lechzten förmlich nach einer interessanten, aber ehrbaren Geschichte. Damit ich nun endlich einen vernünftigen Anhaltspunkt finde, solle ich die Familie seines ehemaligen Studienfreundes Fred Rummich aufsuchen. Fred habe nach Beendigung seines Studiums die Laufbahn eines Militärarztes eingeschlagen. Seine Gattin Tamara habe er bei einem gemeinsamen Manöver der sozialistischen Bruderarmeen in der Sowjetunion kennengelernt. Sie sei die Ehefrau eines sowjetischen Generals gewesen, der sie bei einem Saufgelage an Fred Rummich verloren hatte. Tamara, Tochter eines Donkosaken, sei eine glutäugige Schönheit. Ich solle aber nicht auf die leichtfertige Idee kommen, sie zur Untreue zu bewegen. Fred Rummich sei ein jähzorniger und brutaler Mensch. In einem Anfall eifersüchtiger Wut habe er Tamara ein Kind gemacht und den, der das vor ihm wollte, umgebracht. Getarnt als Autounfall. Das Kind sei ein inzwischen fünfjähriger Knabe, verzogen und ungezogen.

„Ich habe Fred seit unserem letzten Studientreffen vor einigen Jahren nicht mehr gesehen, nehme aber an, dass er sich kaum verändert hat. Begib dich zu ihm und mache aus deinen Eindrücken eine schöne Geschichte. Vor allem eine moralisch saubere. Lass’ die Finger von Tamara, wenn du noch ein bisschen leben willst.“

Der Chef überreichte mir einen verschlossenen Briefumschlag. Er enthalte liebe Grüße und empfehle meine Person, sagte er und entließ mich aus dem Büro. Ich entschloss mich, den Besuch am nächsten Tag zu wagen. Um einen angenehmen Eindruck zu machen, begab ich mich zum Friseur und ließ meine Haare auf Bürstenlänge schneiden. Die meisten Russen bevorzugen diesen preiswerten Haarschnitt. Vielleicht erinnerte er Fred Rummich an seine einstigen sowjetischen Freunde, die seit Gorbatschows Glasnost wieder nur Russen waren. Um auch Tamara zu gefallen, die sicher dunkelhaarig war, ließ ich meine Haarstoppel pechschwarz färben. Als ich mich im Spiegel besah, befiel mich ein leichter Schreck. Ich ähnelte dem steckbrieflich gesuchten Sexualstraftäter H. Ich setzte eine Sonnenbrille auf und war nun dem bekannten Volksmusiksänger S. ähnlich. Besser der als der andere entschied ich, entnahm meinem Kleiderschrank den hellgrauen Sommeranzug und glich jetzt dem Zuhälter des städtischen Freudenhauses.

Nach dem Frühstück putzte ich besonders gründlich die Zähne. Vielleicht wollte der Militärarzt mein Gebiss besehen. Auch die anderen Körperteile hatte ich mittels Bad einer gründlichen Reinigung unterzogen. Bei einem Militärarzt, auch wenn bereits pensioniert, weiß man ja nie.

Der sonnige Sommertag beflügelte meine Sinne und Schritte. Bald schon hatte ich das am Stadtrand gelegene Villenviertel erreicht. Hierher hatte es mich noch nie gezogen, weshalb ich einige Zeit brauchte, bis ich das schnörkelreiche Gebäude Fred Rummichs, Militärarzt a.D., gefunden hatte. Ich drückte den vergoldeten Klingelknopf an der Vorgartenpforte und hörte aus einem kleinen Lautsprecher sagen: „Wir geben nichts! Verschwinden Sie!“

Ein laut kläffender Köter verstärkte diese Aufforderung. Er sprang so wütend gegen das Gartentor, dass ich fürchtete, es werde bersten und er mich beißen. Für diesen geahnten Fall hatte ich vorgesorgt. Ich warf eine eingeschweißte 5er-Packung Würstchen in ein Gebüsch des Vorgartens. Den Köter war ich los. Wiederum bediente ich den Klingeltopf. Diesmal hörte ich eine Kinderstimme.

„Bist du ein Einbrecher oder der Weihnachtsmann?“ fragte sie.

„Der Weihnachtsmann“, log ich.

Es surrte, und die Pforte öffnete sich. Wacker schritt ich gen Haus, den Köter nicht fürchtend. Der hatte sicherlich noch mit der Öffnung der eingeschweißten Packung zu tun.

An der rustikalen Eichentür des Hauses verhielt ich und machte einige liebliche Gesichtsverrenkungen. Ich sah mich durch den Türspion beobachtet. Nachdem ich für einlasswürdig befunden war, öffnete sich die Tür. Mir verschlug es den Atem. Eine bildhübsche, schwarzhaarige und glutäugige Schöne, nach der sich Hollywood die Finger ablecken würde, fragte nach meinem Begehr. Der Knabe an ihrer Seite nahm mir die Antwort ab und sagte, dass ich der Weihnachtsmann sei. Über das braune Gesicht der Dame huschte ein nachsichtiges Lächeln. Ich hielt ihr den Briefumschlag meines Chefs hin.

„Ah“, sagte sie und entblößte ihre perlmuttgleichen Zähne, „Sie sind der, dessen Besuch die Ratte angekündigt hat.“

Der Reiz ihrer Erscheinung wurde durch den leicht russischen Akzent vertieft. Wenn mein Chef mich nicht gewarnt hätte, hätte ich meine Arme um die Schöne geschlungen und ihr einen innigen Freundschaftskuss gegeben.

„Ist das alles, was du mir schenkst?“, murrte der Knabe und riss den Umschlag an sich.

„Grigori“, schalt ihn die Mutter und entzog ihm das Papier.

Der Junge stampfte wütend mit einem Fuß auf, knurrte: „Das sage ich Papa!“ und verschwand ins Hausinnere.

„Entschuldigen Sie“, entschuldigte die bildhübsche Dame des Hauses die Frechheit ihres Sohnes. „Treten Sie doch näher!“

Ich trat näher - so nahe an Tamara heran, dass ich ihren heißen Atem spürte. Wieder überkam mich das Verlangen, ihr meine Zuneigung durch eine inbrünstige Umarmung deutlich zu machen.

Weil sie meinen Wunsch ahnte, drehte sie bei und schritt eilig dem Empfangsraum zu. Ich folgte ihr und bewunderte die Eleganz ihrer Schritte sowie ihre tadellose Figur. Nach wenigen Metern verhielt sie und bat mich, in einem wuchtigen Ledersessel Platz zu nehmen. Kaum hatte ich das getan, dröhnte aus einem Nebenraum die unfreundliche Frage: „Wer da?“

Spontan antwortete ich: „Gut Freund!“

„Parole?“

„Ra-ra-ratte!“, stotterte ich, weil mein Chef mich hierher delegiert hatte.

Aus besagtem Raum rollte ein Elektro-Rollstuhl auf mich zu, besetzt von einem vierschrötigen Kerl. Der Knabe Grigori folgte ihm. Mit einem Ruck verhielt der Rollstuhl vor mir. Zwei finster blickende Augen durchbohrten mich.

Grigori erläuterte: „Papa, der Kerl hat sich als Weihnachtsmann ausgegeben. Er ist aber nur wegen Mama hier.“

Ich hätte dem Jungen in den Hintern getreten, wäre ich mit ihm allein gewesen. So aber guckte ich einfältig und sagte: „Exzellenz, ich bin hierher gesandt, um einen Artikel über Sie und ihren bezaubernden Familienanhang zu schreiben. Urheber meines Ansinnens ist die Ratte:“

Die Augen des Rollstuhlinsassen blieben unverwandt finster. Söhnchen Grigori stachelte: „Papa, gib dem Betrüger eine Giftspritze.“

Mich erfasste ein Schaudern. Sollte der Militärarzt a.D. Fred Rummich, denn der war es ohne Zweifel, der Forderung seines missratenen Sohnes nachkommen, bliebe mir das Schreiben eines Artikels über diese Familie erspart. Ich schnellte aus dem Ledersessel und bat, mich verabschieden zu dürfen.

„Stillgestanden!“, schnarrte Fred.

Ich riss meine Glieder in stramme Haltung.

„Gedient?“, fragte er.

„Jawoll!“, entkam es mir zackig.

„Wann? Wo?“

„Anno 1960 bis 1967 bei den Jungen Pionieren allhier, sodann bei der Freien Deutschen Jugend als Fahnenträger.“

„Arschloch!“, wurde Fred ausfallend. „Bei welcher Einheit der Nationalen Volksarmee?“

„Bei keiner.“

„Weshalb nicht?“

„Bei der Musterung stellte man fest, dass ich einen Knick im rechten Auge habe. Ich könnte deshalb nicht den imperialistischen Gegner treffen, sondern möglicherweise einen sozialistischen Armee-Bruder.“

„Und? Das linke Auge?“

„Links kann ich nicht zielen, weil ich Rechtshänder bin.“

„Die Idioten hätten dich bei der Flak unterbringen sollen. Da kannst du auch linksäugig zielen.“

Fred Rummich war mit meinem bisherigen Lebenslauf unzufrieden. Er knurrte wie ein Hund, dem man den Knochen vorenthält. „Hast das Waffenhandwerk also nicht erlernt, du Sesselfurzer!“ fraß Fred den Frust weiter in sich.

„Hat dich wohl sehr gefreut, als der Kapitalismus die DDR überrumpelt hatte?“

Weil ich bei ihm sozialistische Restspuren vermutete, log ich artig: „Mich erzürnte dieses.“

Rummichs Knurren klang nun weniger bedrohlich. Das behagte Grigori nicht, weshalb er den Vater wieder auf Touren bringen wollte.

„Papa“, riet er, „töte den Mann. Wenn du das nicht machst, macht er sich an Mama ran.“

„Halt’s Maul!“, befahl der Vater. Mich fragte er, ob ich wenigstens das Schnapstrinken erlernt hätte.

Um ihn zu mäßigen, sagte ich, dass Schnapstrinken meine Leidenschaft sei. Das freute Fred, und er befahl seinem Sohn, eine Pulle Wodka zu bringen. Als der sich auf den Weg machte, rief ihm Fred nach: „Die Flasche stellst du ins Arbeitszimmer.“

Mir befahl er: „Auf in mein Reich!“

Er rollte vorweg, ich trottete hinterdrein. Innerlich bedauerte ich, dass Tamara nicht an unserer Seite war. Sie hatte sicherlich in der Küche zu tun.

Im Arbeitszimmer angekommen, erschien bald auch die Wodkaflasche. Sie war bereits geöffnet. Ihr fehlte ein Fingerbreit Alkohol.

„Hast wieder gesoffen!“, stellte Fred barsch fest.

„Angetrunken“, antwortete Grigori lallend und verließ wankend den Raum.

Nun tranken Fred und ich. Wortlos leerten wir je drei Schnapsgläser. D.h., er leerte drei, ich nur eins. Den Inhalt der beiden anderen hatte ich mir hinters Hemd gegossen. Fred sah das nicht, weil er beim Trinken selig ein Wandbild anstarrte, von dem Erich Honecker zurücksah.

Tamara kam ins Zimmer und beklagte, dass Grigori wieder betrunken sei. Er liege auf der Küchenbank und schlafe.

„Wer schläft, der sündigt nicht!“ kommentierte Fred und befahl seine Frau unfreundlich in die Küche zurück.

Als sie ging, warf sie mir einen entschuldigenden Blick zu. Wofür entschuldigte sie sich? Für ihr Erscheinen? Dafür, dass ihr Söhnchen wieder mal betrunken war oder dass ihr Gatte eine Flasche Wodka vernichtete?

Ich sandte ihr einen verstehenden Blick, begleitet von begehrlichem Verlangen. Bald in ihrer Nähe zu sein, verwirklichte sich rasch. Fred trank nicht mehr aus dem Glas, sondern aus der Flasche. Als der letzte Tropfen in seinem Schlund verschwunden war, fiel ihm die Flasche aus der Hand und der Kopf zur Seite. Sogleich begann er zu schnarchen. Ich trat an ihn heran und zwickte in seine Nase. Vielleicht war ein er geübter Trinker, der trotz Schnarchens noch wahrnahm, was um ihn geschah. Aber nein, mein Zwicken rührte ihn nicht.

Auf leisen Sohlen schlich ich zur Küche, um Tamara mit meiner Gegenwart zu beglücken. Sie befand sich in gebückter Haltung vor einer unteren Schublade des Küchenschranks, um etwas zu entnehmen. Ihr nach oben gerutschter Rocksaum ließ mich ihren wundervoll geformten Popo sehen, den ein schmaler Slip nur spärlich bedeckte. Sofort tastete mein Gehirn Möglichkeiten ab, wie diesem schönen Körperteil näher zu kommen sei. Einige Überlegungen verwarf ich, weil sie unzüchtig waren. Ich wollte nicht geohrfeigt, sondern geküsst werden. Ein schneller Entschluss musste gefasst sein, denn Tamara würde nicht ewig hantieren. Ich räusperte mich.

Sie fuhr aus ihrer Haltung hoch und guckte verwirrt. Ihr dunkler Teint überzog sich mit Röte. Das machte sie noch schöner.

„W…wie ko…kommen Sie hierher?“, stotterte sie. „Eben waren Sie noch mit meinem Mann im Gespräch.“

„Im Gespräch nicht“, korrigierte ich, „sondern beim Trinken.“

Eigentlich wollte ich ‚Saufen’ sagen, doch das hätte meine Enthaltsamkeit ins Gegenteil verkehrt und Tamara wohl abgeschreckt. Sie sollte von mir den besten Eindruck gewinnen.

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