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Die Legende von Rohedan


Prolog

Sie hatten sich bereits versammelt. Als er durch die Tür trat, zog der Alte missbilligend die Augenbrauen hoch. „Du kommst spät.“
„Der Auftrag hat sich länger hingezogen, als erwartet“, erwiderte er gleichmütig, während er den einzigen, leeren Stuhl am Tisch ansteuerte. „Ich bin gerade erst zurückgekehrt.“
„Hattest du Erfolg?“
Er nickte, weitere Worte waren überflüssig. Keiner der hier Anwesenden legte Wert auf eine detaillierte Schilderung.
„Dann können wir beginnen!“ Der Alte lehnte sich zurück, dass seine Züge ebenso wie die der anderen im flackernden Kerzenlicht nicht zu erkennen waren.
Verwirrt runzelte er die Stirn: „Womit beginnen?“
„Mit der Abstimmung. Hat dich meine Nachricht nicht erreicht?“
„Gleichwohl verstehe ich immer noch nicht die Dringlichkeit dieser Entscheidung.“
„Er ist sehr stark geworden, wir müssen ihn aufhalten, bevor er das wahre Ausmaß seines Potentials erkennt.“ Dieses Mal kam die Antwort von einem der anderen Männer.
„Ich sehe eher Nachteile bei einer sofortigen Ernennung.“ Sein Nachbar zur Linken hatte diesen Einwand vorgebracht.
„Niemals zuvor sind wir diesen Weg gegangen“, stimmte ein weiterer zu.
Gebieterisch hob der Alte die Hand: „Das haben wir alles zur Genüge diskutiert. Die Mehrheit wird entscheiden.“
„Ist er sich seiner Macht wirklich nicht bewusst?“ Bevor er es verhindern konnte, waren ihm die Worte herausgerutscht.
„Nein“, wieder war es der Alte, der antwortete. „Zwar weiß er, dass er als einer der Besten gilt, doch ist es uns bisher gelungen, einen großen Teil seiner Energie zu blockieren. Jetzt, mit dem Beginn der weiteren Ausbildung, können wir seine Kräfte nicht mehr genügend kontrollieren. deshalb möchte ich, dass er den Schwur bereits in vier Tagen ablegt.“
Er nickte. „Ich verstehe deinen Entschluss, ich bin dafür.“
Nacheinander gaben die Männer am Tisch ihre Stimmen ab. Mit großer Mehrheit wurde der Vorschlag des Alten angenommen. Zufrieden lächelnd erhob sich dieser und nickte den Anwesenden dankend zu. „Wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Gleich morgen werde ich ihn über die bevorstehende Zeremonie informieren.“
Nacheinander verließen die Männer schweigend den Saal. Er wollte sich ebenfalls zur Tür wenden, als der Alte ihn mit einem Wink zu sich rief. „Setz dich“, sagte er, nachdem der Letzte den Raum verlassen hatte. „Wir haben einiges zu besprechen.“


Teil I

1. Kapitel

Graues Dämmerlicht sickerte bereits durch das schmale, hohe Fenster als er sich ruckartig von seinem Lager erhob und hastig nach seinem Umhang griff, dann aber mitten im Raum wie erstarrt stehen blieb. Ein warmes Lächeln breitete sich nach und nach über seine schmalen Gesichtszüge aus und seine Augen blitzten vergnügt, als er, wie aus einem Traum erwachend, sich genüsslich zu recken und strecken begann. Nein, er hatte nicht verschlafen, er brauchte heute nicht am Training der Novizen teilnehmen – nie mehr. Gestern war er zum Druiden ernannt worden, endlich nach fünf langen Lehrjahren, die ihm vorgekommen waren wie ein Jahrzehnt.
Doch der bedeutendste Tag seines bisherigen Lebens war der heutige: SIE wollten ihm jetzt schon einen magischen Stein verleihen. Das war eine große Ehre. Normalerweise erhielt man erst nach einer weiteren, fast zweijährigen Lehrzeit einen solchen Stein. Und erst dann wurde man als gleichwertiges Mitglied in den Orden aufgenommen.
Er konnte es kaum glauben; das war das erste Mal, dass er sich wirklich akzeptiert fühlte. Man hatte ihm gesagt, er sei etwas Außergewöhnliches, dabei fühlte er sich wie ein ganz normaler Mensch, spürte nichts von der Kraft, die man ihm zuschrieb. Sicher, er war unter den Novizen immer ein Außenseiter gewesen, die Übungen, das Training und die Anforderungen hatte er mühelos bewältigen können, aber er fühlte sich nicht anders.
Es sei wichtig, dass er seine Kräfte kontrollieren lerne, sagten SIE. Er solle hart trainieren, um ein Druide der besonderen Art zu werden. SIE, das waren die Erzdruiden, mächtige Magier, die den Zirkel der Druiden regierten. Man nannte SIE auch den Rat. SIE waren Druiden der ersten Stufe und hatten alle etwas Besonderes geleistet. Er konnte sich mit IHNEN nicht messen, und doch hatten SIE darauf bestanden ihn nun persönlich zu unterrichten.
Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch das lange, schwarze Haar um es zu ordnen und mit dem blauen Band der Druiden zu binden. Während er den Gürtel um die ebenso blauen Gewänder schlang, strebte er bereits zur Tür. Es wurde Zeit, man ließ SIE nicht warten.
Die Gänge, die er mit gemessenen Schritten durchquerte um von den Schlafgemächern hoch oben im Turm zu der Zeremonienhalle des Rates zu gelangen, die sich hinter dem großen Empfangsraum direkt im Eingangsbereich befand, lagen völlig verlassen vor ihm. Die Novizen hatten bereits ihr kärgliches Mahl beendet und sich in den Unterrichts- und Trainingsräumen versammelt. Er hielt einen Moment inne und trat an eines der schmalen, mit buntem Glas verkleideten Fenster. Genau unter ihm, direkt neben den flachen, rechteckigen Gebäuden, die halbkreisförmig an die Burg anschlossen, lag das große Feld, das normalerweise für ihre morgendlichen Übungen genutzt wurde. Gestern hatte er hier mit zehn weiteren Novizen seine Prüfung abgelegt. Jetzt war der Platz verlassen, in den großen Pfützen, die der nächtliche Regen hinterlassen hatte, spiegelten sich graue, drohend zusammengeballte Wolkengebilde.
Der helle Ton einer Glocke ließ ihn herumfahren. Die Zeremonie, seine Zeremonie begann. Wie gehetzt lief er los und stürmte die Treppen hinunter. Man ließ SIE nicht warten.
Und dann stand er vor IHNEN, ein hoch gewachsener junger Mann, der nach außen völlig ruhig wirkte, dem hingegen innerlich ganz anders zumute war. Schon als er in die kleine Halle eingetreten war, hatten seine Muskeln fast unmerklich zu zittern begonnen und er war sich klein und unbedeutend vorgekommen, als er SIE in IHREN schimmernden Prunkrüstungen und Helmen und prächtigen Umhängen sah. SIE hatten sich in der Mitte des Raumes im Halbkreis um eine schmale, halbhohe Säule versammelt und sahen ihm schweigend entgegen, als er auf einen Wink von IHNEN näher kam. Er bemerkte, dass auf der Säule ein schwarzer, Gold verzierter Kasten stand.
Ein uralter Druide, löste sich aus IHRER Reihe, kam auf ihn zu, fasste ihn bei der Schulter und begann mit einer Stimme wie Donner zu sprechen: „Du hast deine Lehrzeit beendet. Wir haben dich erwählt unserem Orden beizutreten, um dich in unserem Sinne weiter auszubilden. Du hast die Kraft und die Macht in dir, die dich zu etwas Außergewöhnlichem machen kann. Gleichwohl bedarf es unserer Anleitung und unserer Hilfe diese Kraft zu wecken und zu formen. Wenn du unserem Orden wirklich beitreten willst, so öffne diesen Kasten, er enthält dein Schicksal. Überlege dir diese Entscheidung gut, noch kannst du wählen.“
Er hielt inne und musterte den jungen Mann vor sich eindringlich. Das unruhige Flackern in dessen grünen Augen entlockte ihm ein grimmiges Lächeln. „Du bist ein einfacher Druide“, sprach er, „und kannst uns jederzeit verlassen. Bindest du dich aber mit der heutigen Zeremonie an uns, gilt diese Zustimmung für den Rest deines Lebens und du bist für alle Zeiten dem Orden verpflichtet. Versuchst du trotzdem, dich von uns zu lösen, wird unser Fluch dich treffen und vernichten.“
Er sah sich unsicher um und versuchte in den Mienen der Druiden zu lesen. Die Hände vor IHREN prächtigen Gewändern gefaltet, blickten SIE ernst und streng auf ihn. Es war das erste Mal, dass er SIE aus der Nähe sah und IHRE Erhabenheit ließ ihn sich noch viel kleiner fühlen. Wollte er wirklich sein ganzes Leben in IHREM Kreis verbringen? Er schluckte, das Zittern seiner Muskeln nahm zu und er musste sich anstrengen, um es vor IHNEN zu verbergen. Kleine Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, als er versuchte, seine Entscheidung zu treffen. Sein Gehirn war völlig leer, außerstande auch nur einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen. Wieder versuchte er in IHREN Gesichtern zu lesen. Doch SIE starrten ihn mit unbeweglichen Mienen an, kein Blinzeln, kein aufmunterndes Zwinkern konnte er entdecken, starr und stumm harrten SIE seiner Entscheidung.
Schließlich gab er sich einen Ruck. Natürlich wollte er in IHREN Kreis eintreten, fünf harte Jahre hatte er auf dieses Ziel hingearbeitet, nun lag es zum Greifen nah vor ihm! Er räusperte sich und sah den alten Druiden an: „Ja, ich will dem Orden beitreten.“
Der Alte nickte bestätigend, als hätte er nichts anderes von ihm erwartet. Dann wies er auf die Schatulle: „Bevor du sie öffnest, schwöre uns den Treueeid. Damit bist du ausschließlich uns, dem Rat, verpflichtet. Unser Wort ist Gesetz, unser Wille dir Befehl. Sprich mir nach: Ich schwöre …“
Während er klar und deutlich die Worte des Alten wiederholte, wagte er es zum ersten Mal, seine Gegenüber etwas genauer zu mustern. Der Rat bestand aus dreizehn Männern, alle gleich gekleidet in golden schimmernde Rüstungen, die allerdings viel zu dünn waren, um ihre Träger im Kampf wirklich vor Verletzungen bewahren zu können. Zudem waren die Brustpanzer mit Juwelen geschmückt, die das Wappen des Ordens nachbildeten. Er wusste nicht, ob die Farbabstufungen der Steine etwas über die Bedeutung jedes Einzelnen aussagten, schätzte aber, dass diese Vermutung zutreffend war.
Der uralte Druide, der ihm den Eid abnahm, schien der Ranghöchste des Ordens zu sein und gleichzeitig der Älteste, sein von tiefen Falten zerfurchtes Gesicht und die von braunen Altersflecken dünnen, sehnigen Hände, sprachen von einer hohen Anzahl von Lebensjahren. Zehn der Ratsmitglieder hatten ebenfalls die Lebensmitte schon deutlich überschritten, zwei der Druiden waren jünger, ihre langen Haare zeigten erst leichte Ansätze von grau. Allen gemeinsam waren die gerade, nahezu hochmütige Haltung und die wissenden Augen, die den Eindruck unendlicher Macht vermittelten. Er hatte bereits gehört, dass diese Männer in der Lage waren, ohne Mühen die stärksten Zauber zu wirken. Selbst der König ließ SIE gewähren. Offiziell gehörte dieses Gebiet zu seinem Reich, zu Rohedan, dessen ungeachtet waren SIE hier, in dieser IHRER Stadt, die uneingeschränkten Herrscher und niemand wagte es, sich IHNEN entgegen zu stellen.
Er hatte seinen Schwur beendet und der Alte wies erneut auf die Schatulle: „Öffne sie!“
Er ging auf das Kästchen zu und ließ seine Fingerspitzen vorsichtig darüber gleiten. Ein Ruck ging durch seinen Körper, als sich seine Muskeln spannten, kurz bevor er den Deckel hob. Was für einen Stein hatten SIE für ihn ausgesucht?
Ohne es zu merken hatte er den Atem angehalten, jetzt entwich dieser in einem erstickten Keuchen: In dem Kasten lagen drei Steine, ein länglicher blauer Stein, von verwaschenem Muster; ein Kristall, der zerbrochen aussah, als habe man ein Stück entfernt und dennoch ein inneres Feuer zu besitzen schien und ein wunderschönes Tigerauge, das seine Farbe in den Streifen von Gelb nach Braun und zurück wechselte.
Verwirrt sah er auf. „Dies sind die Steine unserer Ahnen“, sagte der alte Druide, „der Stein der Elemente, der Stein des Mondes und der Stein der Wandlung. Wir wollen, dass du sie erhältst.“
Völlig verdutzt wandte er sich an den Kreis der Druiden: „Jeder Druide besitzt nur einen Stein, ich aber erhalte drei, und mit ihnen die Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft, Schatten und Licht. Wieso soll ich über all das gebieten?“
Wieder war es der alte Druide, der antwortete: „Du bist der Träger einer gewaltigen Kraft. Du hast großes Potential in viele, verschiedene Richtungen, und wir glauben, dass du mit unserer und der Hilfe der Steine lernen kannst diese Macht voll zu entfalten und zu nutzen. Nimm sie an dich und bewahre sie gut.“
Doch als er Anstalten machte dem Befehl zu folgen, hob der Alte die Hand und hielt ihn zurück. „Als neues Mitglied unserer Gemeinschaft wähle, indem du diese Steine erhältst, deinen neuen Namen, den du von heute an tragen sollst, bis zu deinem Ende.“
Er nahm die Steine behutsam aus dem mit Samt ausgebetteten Kästchen und hielt sie erst zögerlich, dann immer selbstbewusster. „Wolf! So will ich mich nennen, dass die Macht, die ich als Träger dieser Steine erhalte, sich in meinem Namen widerspiegelt.“
2. Kapitel

Eng an den Felsen gepresst stand er da, der Körper ausgezehrt von den Entbehrungen, die Haut von blutigen Striemen gezeichnet. Längst hatte er es aufgegeben gegen die Ketten, die ihn fesselten anzukämpfen. Ohne Klage ertrug er die häufigen Quälereien seiner Peiniger, ohne Murren den quälenden Hunger und Durst. Seit Beginn seiner Gefangenschaft wiederholten sie die Erniedrigungen in immer wiederkehrendem Muster; Schläge, kein Essen, Wasserentzug. Viele Mondphasen war es her, dass sie ihn gefangen genommen hatten und er merkte, dass er schwächer wurde.
Mehr noch als die eigene Gefangenschaft machte ihm der Umstand zu schaffen, dass er nun völlig abgeschnitten von den anderen war, nicht mehr fühlte, wo sie sich aufhielten, nicht mehr über sie wachen konnte. Die Welt, wie sie einmal gewesen war, hatte für ihn aufgehört zu existieren. Hier unten in dem riesigen Gewölbe schien sogar die Zeit anders zu verrinnen.
Mühsam hob er den Kopf, dass die Kette leise klirrte. Oder lag es daran, dass es hier unten keine anderen lebenden Wesen gab? Seit seiner Ankunft hatte er bis auf die Wachen, die in gleich bleibendem Rhythmus wechselten, nur seine Peiniger zu Gesicht bekommen. Sonst schien es in der riesigen, öden Landschaft weder Menschen noch Tiere zu geben.
Ein Gedanke, mehr eine Ahnung blitzte kurz in seinem Gedächtnis auf, war aber, bevor er es wirklich erfassen konnte, wieder verschwunden. Er war zu erschöpft um sich darüber zu grämen. Vorsichtig verlagerte er sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Sofort zog sich die enge Kette, die sich von seinem Kopf über den gesamten Körper spannte, zusammen. Eine der Krusten, die sich gerade erst über der wund gescheuerten Haut gebildet hatte, platzte erneut auf und er stöhnte leise. Wie von selbst schlossen sich seine Augen und trotz der unbequemen Haltung fiel er in einen erschöpften Schlaf.


3. Kapitel

Hatte Wolf geglaubt, sein Leben würde angenehmer, sah er sich schnell eines Besseren belehrt. Wie in seiner Zeit als Novize galt der ganze Tag dem Lernen. Und die Meister waren wesentlich strengere Lehrer als die einfachen Druiden, die die Ausbildung der Anfänger übernommen hatten.
Aber einige Privilegien gab es mit Erreichen des neuen Status trotzdem. Genüsslich lehnte sich Wolf noch einmal in seinem warmen Bett zurück und streckte sich, bevor er endgültig mit einem Satz heraussprang. Eine Gänsehaut bedeckte sofort seinen gesamten Körper und er beugte sich eilig über die kleine Waschschüssel. Das eisige Wasser ließ ihn kurz zusammenzucken, verbannte allerdings den letzten Rest seiner Müdigkeit.
Die Glocke läutete zum zweiten Mal. Hastig fuhr er in seine Gewänder, richtete sein Bett und eilte hinaus. Während er bereits die Treppe hinunter lief, band er die Haare zusammen, nahm mit Schwung die Kehre zum Speisesaal und wäre beinahe mit Jalg zusammen geprallt.
„Kannst du nicht aufpassen?“, zischte der und sein Doppelkinn wackelte voll Entrüstung. Wolf verbeugte sich stumm und wand sich eilig an ihm vorbei. Jalg war natürlich bereits mit seinem Mahl fertig. Er grinste, während er sich mit einem gemurmelten Gruß an seine Tischnachbarn niederließ und nach seiner Schüssel griff. Der Dicke musste morgens wohl auf das erste Glockenklingeln lauern, um anschließend sofort hinunter zu stürmen. Sonst könnte er die gewaltigen Portionen, die er verspeiste, nicht innerhalb so kurzer Zeit zu sich nehmen.
Dass dieser feiste Novize, es ebenfalls geschafft hatte, in die gehobene Ausbildung zu kommen, ärgerte ihn. Er hatte gedacht, ihn endlich los zu sein. Jalg hatte ihm von Anfang an das Leben schwer gemacht, ihn gehänselt, ihn geärgert und mit seinen Künsten angegeben. Denn, obwohl eher ein schwabbeliger Fleischklops als ein junger Mann, war er einer der Besten in angewandter Magie. Wolf seufzte leise. Von seinen schon in der Novizenzeit eher spärlichen Freunden hatte es allein Kiram geschafft, in die weitere Ausbildung übernommen zu werden. Doch hatte er mit ihm nur einmal am Tag gemeinsamen Unterricht.
Die Glocke klingelte zum dritten Mal und die letzten im Saal erhoben sich. Mit einem unterdrückten Fluch sprang Wolf auf. Jetzt hatte er auch noch die Bücher oben vergessen! Rasch zwängte er sich an den Männern vorbei und jagte die Treppen hinauf. Eines der neuen Privilegien als Druide war es gewesen, dass man den großen Gemeinschaftssaal, in dem jeder außer seinem Bett lediglich ein winziges Pult zum Studieren nutzen konnte, gegen ein Einzelzimmer hoch oben im Turm tauschen konnte. Wolf hatte bei diesem Angebot sofort zugegriffen. Zwar war es kalt und zugig, aber er war endlich allein.
Natürlich war Meister Ankal im Unterrichtsraum, als er diesen keuchend betrat. Mit grimmig gerunzelten Augenbrauen musterte der Lehrer ihn kurz und bedeutete ihm, sich an seinem Pult niederzulassen. „Nun, Wolf“, seine Stimme ließ mühsam beherrschten Zorn erkennen, „dann zeige du uns als Erster die Verwandlung der Klinge.“
Er unterdrückte ein Seufzen der Erleichterung. Diese Übung war ihm gestern erstaunlich leicht gefallen. Mit einer fließenden Bewegung zog er den kurzen Dolch, der in einer Tasche an seinem Gürtel befestigt war und konzentrierte sich. Im Nu wurde die Klinge von fließendem Wasser überspült.
Ankal nickte nur: „Lass sie in Flammen stehen!“
Unwillkürlich zuckte Wolf zurück und runzelte die Stirn. Der Meister wusste genau, dass er diese Fähigkeit noch nicht besaß. Keiner in diesem Saal hatte diese Magie jemals angewendet. Er wollte protestieren, überlegte es sich jedoch und konzentrierte sich erneut. Das Wasser verschwand und das Messer sah aus wie vorher. Wie es ihm beigebracht worden war, leerte er sein Gehirn und versuchte die Macht in seinem Inneren zu spüren und zu formen.
Die Verbindung herzustellen fiel ihm leicht, er zog etwas davon ab und stellte sich in seinen Gedanken eine von Feuer umspielte Klinge vor. Er konnte das Bild ganz genau vor sich sehen, trotzdem geschah nichts. Schweißperlen begannen sich auf seiner Stirn zu sammeln und liefen über sein Gesicht, aber er wagte nicht aufzublicken. Stumm konzentrierte er sich weiter und spürte, wie er immer nervöser wurde. Plötzlich wurde der Messergriff in seiner Hand glühend heiß und mit einem Aufschrei ließ er ihn los.
„Allein mit eurem Willen könnt ihr die Macht in euch derzeit nicht steuern. Deshalb heißt es üben, üben, üben.“ Meister Ankal deutete ihm mit einem Kopfnicken an sich zu setzen. „Daher bitte ich mir aus, dass ihr zu meinen Stunden pünktlich erscheint – alle.“
Wolf blickte auf seine Hand, auf der sich bereits Brandblasen gebildet hatten. In der nächsten Stunde hatte er Kampfkunst, wie sollte er mit dieser Verletzung arbeiten können? Störrische Gedanken jagten sich hinter seiner Stirn. Es war seine erste Verspätung gewesen, und er empfand diese Strafe als übertrieben hart. Meister Ankal verlangte stets das Unmögliche von seinen Schülern um ihnen zu zeigen, wie viel ihnen an Wissen noch fehlte. Nie war er mit ihren Ergebnissen zufrieden, ständig wollte er Höchstleistungen sehen. Dabei waren seit Beginn ihrer Ausbildung erst sechs Monate vergangen.
Im Klassenraum war es still geworden. Jeder der Schüler beschäftigte sich mit seinem eigenen Messer. Der Ausbilder ging von Tisch zu Tisch und kontrollierte die Übung. Während Wolf, das Messer nun in der linken Hand, versuchte, die verschiedensten Erscheinungsformen der Klinge, die er beherrschte, aufzurufen, ließ er immer wieder unter gesenkten Lidern seine Blicke schweifen und konnte ein leichtes, zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken, als er bemerkte, dass keiner der anderen Schüler so viele verschiedene Formen zustande brachte, wie er.
„Du weißt nur zu gut, dass du der Beste bist“, leise, dass ausschließlich er es hören konnte, hatte Meister Ankal, der unverhofft hinter ihm aufgetaucht war, gesprochen. „Gleichwohl für uns lange nicht gut genug. Daher hast du keinen Grund weniger hart zu arbeiten als die anderen. Du hast ein großes Talent, nutze es.“
Mit seiner Rechten ergriff er grob Wolfs verletzte Hand und drehte sie zu sich. Die Brandblasen hatten sich bereits mit Wasser gefüllt und bildeten große, schmerzende Beulen. Als der Meister fester zugriff, musste Wolf sich auf die Lippe beißen, um einen Schmerzenslaut zu unterdrücken. Ein weiteres Mal drückte der Lehrer hart zu, dann ließ er die Hand fallen.
Wolf blinzelte unter Tränen, seine Lippe war mittlerweile aufgeplatzt, aber er hatte keinen Laut von sich gegeben. Erst als die Schritte des Meisters sich entfernten, wagte er tief durchzuatmen und auf seine Hand zu blicken. Die schwere Verletzung war verschwunden, die Haut wies noch nicht einmal mehr eine Rötung auf. Er schluckte und wusste nicht, ob er dankbar oder wütend sein sollte.
Nachdem die Glocke das Ende des Unterrichts verkündet hatte, begab Wolf sich hinaus auf den großen Platz, wo die Kampfübungen stattfanden. Egal ob es regnete, stürmte oder die Sonne heiß vom wolkenlosen Himmel brannte; der Unterricht fand hier im Freien statt. Ein Druide muss jederzeit bereit sein, sein Bestes zu geben, hatte ihnen Meister Ceyon gleich zu Beginn erklärt. „Ihr müsst lernen, euch zu konzentrieren, dass ihr nur den Kampf seht und euer Ziel, den Gegner zu besiegen.“
Bereits als Novize hatte Wolf dieses Fach Spaß gemacht und er war einer der Besten gewesen. Durch die schwere Arbeit auf dem Hof waren seine Muskeln gestählt und die regelmäßigen Übungen mit seinem Großvater hatten ihn zu einem gewandten Kämpfer mit gut ausgebildeten Reflexen werden lassen. Das Schwert lag wie ein Freund in seiner Hand und er kannte jede Finte, jede Angriffstaktik, die er anwenden konnte. Daher war er schon bald in die Gruppe der Druiden gewechselt, die, älter und Kampf erfahrener als er, auf eine wesentlich längere Trainingszeit zurück blicken konnten. Dennoch war er ihnen mit dem Schwert ein gleichwertiger Gegner, mangelnde Technik ergänzte er durch Schnelligkeit und überragende Reflexe.
„Heute konzentrieren wir uns auf den Zweikampf“, erklärte Meister Ceyon gleich zu Beginn der Stunde und wies auf die große Kiste vor sich, in der sich die Holzmesser befanden.
Wolf seufzte innerlich, ausgerechnet heute. Zweikampf lag ihm nicht sonderlich, er hasste es sich im Dreck zu wälzen. Zudem war er kein großer Freund dieser Klinge, das elegantere Schwertfechten sagte ihm wesentlich mehr zu.
Auf ein Nicken des Meisters stellten sich jeweils zwei Männer einander gegenüber und der Kampf begann. Wolfs Gegner war, wie eigentlich immer bei diesen Übungen, Darius, ein Druide aus dem Clan der Wölfe. Mit ihm verband ihn fast so etwas wie eine Freundschaft, zumindest hier auf dem Feld. Darius liebte die Herausforderung und war ein überragender Kämpfer. Binnen kurzem hatte er erkannt, dass Wolf ihm fast ebenbürtig war und ihn zu seinem Partner gemacht. Er liebte das Kämpfen um des Kampfes willen, es ging ihm nicht um den Sieg sondern um den Kampf an sich.
Als er mit gezücktem Messer vorsprang, wich Wolf zur Seite aus und hob gleichfalls den Arm. Lauernd umkreisten sie einander. Dann schnellte Darius vor. Wieder wich Wolf zur Seite aus, aber der Druide hatte den Stich nur angetäuscht und warf sich auf ihn. Noch im Fallen drehte Wolf sich zur Seite, nutzte den eigenen Schwung und kugelte sich mehrmals überschlagend außer Reichweite. Behände sprang er auf und stürzte sich seinerseits auf Darius. Sein Messer durchdrang die Abwehr des anderen und die Klinge stieß gegen dessen rechte Schulter. Sogleich breitete sich ein großer, gelber Fleck auf dem blauen Gewand des Druiden aus, doch es war bloß Farbe des magisch veränderten Messers. So stellte Meister Ceyon sicher, dass alle Treffer zu sehen waren. Daher grinste Darius lediglich anerkennend, ging geradewegs zum Gegenangriff über und der Kampf wurde mit gleicher Intensität fortgesetzt.
Erst als die Glocke zum Mittagsmahl läutete, ließ der Meister innehalten. Schweigend verbeugten sich die Druiden vor ihm, legten die Messer zurück in die Kiste und machten sich auf zum Speisesaal.
„Heute warst du gar nicht schlecht“, bemerkte Darius, der sich neben Wolf hielt.
„Deshalb habe ich auch viel mehr gelbe Flecken als du“, konterte Wolf lakonisch. „Du hast gehört was Ceyon gesagt hat, ich konzentriere mich nicht genug und kämpfe zu oberflächlich.“
Der Druide lächelte begütigend und legte ihm, leise einen Zauber murmelnd, die Hand auf den Arm. „Siehst du, nichts mehr von deiner Schande zu entdecken. Du darfst dir seine Belehrungen nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Für deinen Ausbildungstand bist du mehr als gut. Glaube mir, ich war in deinem Alter lange nicht so weit.“
Betrübt blickte Wolf an seinem Gewand herab, aus dem die Flecken verschwunden waren. „Und wann lerne ich diesen Zauber endlich? Ich will nicht ewig auf dich angewiesen sein mich zu säubern.“
Darius schüttelte über diese Unvernunft nur den Kopf. „Du kannst nicht alles auf einmal erwarten. Man muss dem Potential des Einzelnen Zeit lassen sich zu entwickeln.“
Mittlerweile hatten sie den Speisesaal erreicht, wo sich ihre Wege trennten. „Bis morgen“, verabschiedete sich Darius bevor er durch die Tür zu seinem Raum trat.
Wie schon so oft verspürte Wolf Bedauern, als er sich abwandte, um durch die gegenüberliegende Tür in seinen Esssaal zu treten. Die einzelnen Ränge des Ordens kamen normalerweise hier in der Burg nicht zusammen. Die Novizen, deren Anzahl am größten war, hatten genauso eigene Räume, wie die Druiden in der weiteren Ausbildung. Die einzigen höheren Druiden, die sie normalerweise zu Gesicht bekamen, waren die Lehrer. Sonst hatten sie allein mit Ihresgleichen zu tun. Die Burg zu verlassen, war ihnen verboten. Die Ausbildung fand in strenger Isolation statt. Es war ein großes Entgegenkommen von IHNEN, dass SIE Wolf mit den fertig ausgebildeten Druiden trainieren ließen, die, wenn sie nicht auf irgendeiner Mission unterwegs waren, einmal am Tag aus den umliegenden Dörfern zum großen Platz kamen, um gemeinsam das Kämpfen zu vervollkommnen. Ihm war es als einzigem gestattet an diesen Übungen teilzunehmen.
Während er sich an seinem Platz niederließ und seinen Teller mit Fleisch und Gemüse füllte, dachte er über SIE nach. Damals bei der Weihe hatte er tatsächlich gedacht, SIE würden ihn jetzt selbst unterrichten und hatte dieser Zeit einerseits mit Bangen, andererseits mit großer Hoffnung entgegengesehen.
In seiner Zeit als Novize hatte er nur die grundlegenden magischen Fähigkeiten erlernt. Damals war es das wichtigste Anliegen der Lehrer gewesen, das Potential jedes Einzelnen zu erwecken und sie im Gebrauch einfacher Zauber zu unterrichten, sodass die Fähigkeiten der Druiden, die nach dem Abschluss die Burg verließen, nicht sonderlich groß waren. Jeder hatte genug Kenntnisse in Heilkunst und Kräuterkunde um die einfacheren Krankheiten der Dorfbewohner heilen zu können. Kleinere Zauber wie das Erwärmen von Wasser und das Schaffen von Lichtkugeln beherrschten sie ebenfalls. Dazu kam eine intensive Ausbildung in den Kampfkünsten, sodass jeder ehemalige Novize zumindest einfachen Soldaten überlegen war. Damit waren die Jahre mehr als ausgefüllt gewesen.
Im Rückblick schienen die fünf Winter und Sommer trotz stundenlangen Lernens viel zu knapp bemessen, um sich all das Wissen aneignen zu können. Selbst ihm, dem alle Lehrer ein großes Potential nachgesagt hatten, war es schwer gefallen, diese Kraft in sich zu erspüren und darauf zuzugreifen. Das richtige Maß für den jeweiligen Zauber zu finden war dann noch schwerer gewesen.
Er lächelte in der Erinnerung an diese Zeit. Denn trotz allem hatte er Spaß daran gehabt, zu sehen, wie er ganz allmählich seine eigene Magie weben konnte. Und nachdem es ihm gelungen war seine Kraft zu beherrschen, war es ihm leicht gefallen, die Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, zu erfüllen. Er hatte darauf gebrannt, mehr zu lernen, sich auch an schwierigeren Sachen zu versuchen. Deshalb hatte er sofort zugegriffen als ihm die weitere Ausbildung angeboten wurde. Das allein war eigentlich eine große Ehre. Nur vereinzelt wurden überhaupt Schüler von außerhalb, die nicht bereits in einen der Clans des Zirkels hinein geboren worden waren, angenommen. Und selbst aus diesen Clanangehörigen wurden ausnahmslos die besten für eine weitere Ausbildung herausgesucht. Die anderen zogen zurück in die umliegenden Dörfer, die alle auf dem Gebiet des Ordens lagen und unter dessen Schutz standen. Die, die sich als würdig erwiesen hatten, wurden zu den verschiedensten Druiden ausgebildet.
Die einen spezialisierten sich auf den Kampf und lernten alle herkömmlichen und magischen Techniken. Die anderen wurden zu Heilern ausgebildet. Einige wenige vertieften ihr Können in ein, zwei Fähigkeiten und wurden selbst zu Lehrern. Zusätzlich gab es andere wie ihn, die man in sämtlichen magischen Fähigkeiten unterrichtete, doch das waren eher die Ausnahmen. Und selbst unter diesen gab es verschiedene Richtungen des Lernens, die sie einschlagen mussten.
All das wurde von IHNEN, dem Rat, gesteuert. SIE bestimmten, welcher Lehrer welche Schüler unterrichtete und an welchen Kursen der Einzelne teilnehmen musste. SIE selbst bekam man selten und ausschließlich aus der Ferne zu Gesicht. Trotzdem hatte er das Gefühl, als wüssten SIE ganz genau über den Entwicklungsstand jedes einzelnen Bescheid. Er hoffte nur, dass SIE nicht zu enttäuscht von ihm waren. Seine Fähigkeiten entwickelten sich langsam, immer noch war er nicht in der Lage ohne strikte Konzentration Zauber zu wirken. Die drei magischen Steine, die ihn unterstützen sollten, schienen nahezu wirkungslos.
Jalgs Anblick, der genüsslich schmatzend mit dem letzten Rest seines Brotes den Bratensaft vom Teller aufsaugte, ließ ihn die trüben Gedanken vorübergehend vergessen. Kein Wunder, dass der Fettklops im letzten halben Jahr weiter an Gewicht zugelegt hatte. Dieses Essen, ein weiteres Privileg der gehobenen Ausbildung, war wirklich nicht mit dem täglich gleich bleibenden, fade schmeckenden Eintopf der Novizenzeit vergleichbar.
Mit neu erwachtem Heißhunger wandte Wolf sich seinem Teller zu und genoss das Aroma der Speisen alle Überlegungen beiseite schiebend.
Kaum hatte er sich erhoben und den Speisesaal verlassen, kehrten die Zweifel zurück. Ein Viertel der Ausbildung war bereits vorbei und er hatte kaum Fortschritte gemacht. Vielleicht war er zu ungeduldig, vielleicht verlangte er wirklich zu viel. All die anderen jungen Männer und Frauen, die mit ihm in die nächste Stufe der Ausbildung gekommen waren, schienen diese Art von Problemen nicht zu kennen. Sie lachten und scherzten während der Mahlzeiten, absolvierten die Übungen ohne diesen ständigen Drang es besser machen zu wollen, nahmen die Kritik der Lehrer als gegeben, freuten sich auf die freien Abende, kurz, genossen die verlängerte Ausbildung, als würde es die Sorge seine Bestimmung zu finden und seinen Platz im Leben einnehmen und ausfüllen zu müssen, nicht geben.
Wolf seufzte, so konnte er nicht sein. Wahrscheinlich war er tatsächlich anders als die anderen.


4. Kapitel

Still stand er da. Der Kopf war herabgesunken, die Augen blickten ins Leere. Nur das leichte Heben und Senken des mächtigen Brustkorbes verriet, dass noch Leben in ihm war. Er hatte sich selbst in Trance versetzt, einen Zustand, den er über lange Zeit beibehalten wollte. Was nützte es ihm, was nutzte es den anderen, wenn er sich weiter peinigen ließ. Er selbst konnte sich nicht retten, der Zauber der die Ketten band, war selbst für ihn zu stark. So musste er auf Rettung von außen warten, die irgendwann kommen würde, davon war er fest überzeugt.
Nun träumte er. Und in seinen Träumen war er wieder im alten Rohedan, dem Land, das er und seine Geschwister gemeinsam über Äonen regiert und gelenkt hatten. Unter ihrer Herrschaft war das Land erblüht und Wohlstand hatte unter seinen Bewohnern geherrscht. Die Könige, die sie erwählten, waren ihnen treu ergeben gewesen und hatten in ihrem Sinne regiert, einer genauso gut wie der andere. Die Armeen, geführt von den Hütern, waren kaum zum Einsatz gekommen. Lediglich vereinzelt hatten sie gegen Eindringlinge von außen eingesetzt werden müssen. Doch da die vielen einzelnen Länder unter einer einheitlichen Führung standen, war es für sie ein leichtes gewesen ihre Gegner auf das offene Meer zurückzuschlagen, bis es zuletzt keiner mehr gewagt hatte, sie anzugreifen. Es war eine lange, ruhige Zeit des Friedens.
Vielleicht waren sie deshalb ein wenig zu unvorsichtig geworden. Geleitet von der Überzeugung, dass alle Völker diese Stabilität, die sie unter der Herrschaft der Götter erreicht hatten, zu würdigen wussten, wurden sie nachlässig in ihrer ständigen Wachsamkeit. Zu spät erkannten sie, dass es immer einzelne geben würde, die mit der eigenen Position unzufrieden waren und die sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden wollten. Unbeobachtet von ihnen hatten sich diese zusammenschließen können um gegen die bestehende Ordnung zu revoltieren.
Ein Stich des Bedauerns durchzuckte sein Herz. Zu spät! Sie hatten versagt.


5. Kapitel

Hastig beendete Wolf seine Mahlzeit. Wie immer in der letzten Zeit war er zu spät zum Essen erschienen und hatte sich beeilen müssen, rechtzeitig zur nächsten Stunde fertig zu werden. Kiram stand ungeduldig neben ihm und wippte auf den Fußsohlen hin und her. „Komm endlich, wir müssen los“, drängte er, als dieser nach dem Becher mit Wasser griff, um den letzten Bissen hinunter zu schlucken. „Wir werden wie so oft die Letzten sein.“
Wolf grinste, sprang gehorsam auf und drängte sich gemeinsam mit dem Gefährten durch die hinausströmenden Druiden. Geschickt schlängelten sie sich an den langsam die Treppe hinab steigenden Gruppen vorbei und verfielen ohne ein weiteres Wort in einen schnellen Lauf. Wolf war kaum außer Atem, als sie kurz darauf den Tempel erreichten, aber Kiram keuchte vernehmlich.
„Vielleicht solltest du in deiner Freizeit ein paar sportliche Übungen einschieben“, stichelte Wolf, als sie in gemächlichem Tempo zu der kleinen Gruppe von Schülern traten, die bereits im Inneren des Tempels auf den ausgelegten Bodenkissen saßen.
„Diese Hetzerei wäre überhaupt nicht nötig, wenn du nicht immer erst verspätet zum Essen kämest“, konterte Kiram unwirsch. „Was machst du bloß so lange auf deinem Zimmer?“
Zum Glück für Wolf enthob ihn das Eintreten der Mondpriesterin einer Antwort. Luna nickte zur Begrüßung leicht mit dem Kopf und lächelte ihre Schüler an. „Heute werden wir ein neues Thema beginnen“, erklärte sie mit ihrer hellen, betörenden Stimme, die es schaffte, die Schüler dermaßen in ihren Bann zu ziehen, dass die langweiligsten Legenden interessant und lernenswert erschienen. „Wir wenden uns nun der Zeit nach dem Verschwinden der Götter zu. Welche Auswirkungen hatte ihre Abwesenheit auf das Land und deren Bewohner?“
Während ihres Vortrages konnte Wolf die Augen nicht von ihr abwenden. Er fand sie über alle Maßen schön, wie sie da vor ihnen saß, die dunklen Augen fast unverwandt auf ihre Schüler gerichtet, die lebhaften Bewegungen ihrer schmalen Hände, die ihre Worte unterstrichen und die Bedeutung des Gesagten noch hervorhoben, der melodische Klang ihrer Stimme. Sie war der Grund, warum er sich Abend für Abend abhetzen musste. Er konnte ihr schließlich nicht in dem schweißdurchtränkten Gewand gegenüber treten, in dem er gerade seine Übungen zur Verteidigung durchgeführt hatte. Also musste er sich waschen und umziehen. Da Meister Rhaun den Unterricht meist erst beim zweiten Glockenklingeln abbrach, half auch seine Schnelligkeit nicht, er kam jedes Mal verspätet zum Essen. Und essen musste er. Die nachmittäglichen Übungen waren dermaßen Kräfte zehrend, dass er in der letzten Zeit, obwohl er wirklich ein guter Esser war, ständig aufpassen musste, dass er kein Fett verlor. Er war immer schon eher sehnig und mager gewesen, jetzt betonten die durch ständiges Üben entstandenen Muskeln vorteilhaft seine schlanke Gestalt, doch konnte er sich keine Gewichtsabnahme leisten.
Ein leichtes Stirnrunzeln Lunas riss ihn zurück in die Gegenwart. Er bemerkte, wie eine leichte Röte sein Gesicht zu bedecken begann und senkte hastig die Augen auf den Boden vor sich. Er richtete seine Aufmerksamkeit nun auf ihren Vortrag und war bald wie die anderen von ihren Erzählungen gefesselt. Wie diese seufzte er enttäuscht, als sie in die Hände klatschte und den Unterricht für heute beendete. Langsam, widerstrebend nur erhob er sich und trottete hinter den Druiden her, die dem Ausgang des Tempels zuströmten. Aus den Augenwinkeln entdeckte er, dass Kiram sich zu Naomi gesellt hatte und auf sie einsprach, die Gelegenheit war also günstig.
Zögernd blieb er stehen und sah zurück. Tatsächlich, da stand sie und blickte ihm nach. Wirklich ihm? Unsicher verharrte er. Sollte er es wagen? Mit wild klopfendem Herzen gab er sich einen Ruck und überwand die Entfernung zwischen ihnen, bevor er es sich anders überlegen konnte. Dann stand er vor ihr und sah in ihre dunklen Augen. „Ich ... ja, also, ich …wollte Euch fragen, ich meine …“, er wusste nicht mehr weiter und spürte wie eine heiße Röte sein Gesicht überflutete. Sein Ziel so dicht vor Augen, wusste er nicht mehr, was er sagen, wie er beginnen sollte.
Mit einer anmutigen Handbewegung strich sie sich eine Strähne ihrer langen, weißen Haare aus dem Gesicht und lächelte. „Hast du Lust einen kleinen Spaziergang mit mir zu machen?“
Erleichtert nickte er. „Ja, gern.“
Sie winkte ihm, ihr zu folgen. Schweigend verließen sie den Tempel durch eine Tür im hinteren Bereich. Sie lief vor ihm her, mit flinken und doch anmutigen Bewegungen eilte sie den Pfad, der zum Wald führte, hinauf. Er musste seine Glieder zwingen einen rascheren Rhythmus einzuschlagen. Starr und verkrampft schienen sie kaum fähig, ihr Tempo mitzuhalten.
Erst oben auf der Kuppe des Berges hatte er sie endlich eingeholt und passte sich ihrem Schritt an, dass sie genau im Einklang nebeneinander herliefen. Obwohl endlich am Ziel seiner Wünsche fühlte er sich unbehaglich. Wie sollte er das Gespräch beginnen, was sollte er sagen? Er grübelte stumm vor sich hin und hatte immer noch keinen vernünftigen Anfang gefunden, als Luna stehen blieb. „Schau! Hier ist mein Lieblingsplatz. Hierhin ziehe ich mich zurück, wenn ich nachdenken möchte oder über ein Problem grüble. Oder“, sie lachte ein glockenhelles Lachen, „wenn ich einfach entspannen will. Ist es nicht ein herrlicher Ort?“
Zum ersten Mal sah er sich um. Direkt vor ihnen befand sich eine natürliche Lichtung, die dicht mit Gras und Moos bewachsen war. Im Licht des Mondes meinte er ganz am Ende des Platzes einen kleinen Bach zu entdecken, neben dem sich einige kleinere Steine, aufgeschichtet wie zu einer natürlichen Bank, befanden. Dorthin führte sie ihn und ließ sich, ohne ihn weiter zu beachten, direkt am Wasser nieder. Sie schöpfte in der hohlen Hand etwas von dem klaren Nass und trank durstig. „Willst du auch?“, fragte sie, als er sich schweigend neben ihr niederließ.
Wieder spürte er, wie die Röte ihn übermannte, sie musste ihn für einen kompletten Trottel halten, dass er nicht fähig war, normal mit ihr zu sprechen. Dennoch fiel ihm nichts ein, was er sagen konnte und so schüttelte er stumm den Kopf.
„Weißt du, du bist ein Rätsel für mich“, bekannte sie und musterte ihn. „Seit fast einem Jahr unterrichte ich dich nun und mir wird immer mehr bewusst, wie sehr du dich von deinen Kameraden unterscheidest. Ich möchte gerne meine Neugier befriedigen und dich besser kennen lernen. Verrätst du mir, wie du in den Orden der Druiden gekommen bist?“
Enttäuschung überflutete ihn wie eine große, schwarze Welle. Alle Hoffnung, die er sich gemacht hatte, brach zusammen. Ihr Interesse an ihm war von ganz anderer Art als seines an ihr. „Was wollt Ihr wissen?“, fragte er etwas gepresst, aber fest entschlossen, sie seine Enttäuschung nicht spüren zu lassen. „Es gibt keine dunklen Geheimnisse in meiner Vergangenheit.“
Sie lachte leise. „Das hatte ich auch nicht vermutet. Gleichwohl bist du anders als meine anderen Schüler. Es ist nicht so offensichtlich, dass es jedem auffallen würde, es ist eher so, dass ich es merke, weil ich gezielt darauf achte.“
„Ich weiß nicht, was Ihr meint“, erwiderte Wolf völlig verwirrt.
Verlegen befingerte Luna ihr Diadem mit dem Mondstein, dem Zeichen, dass sie als Mondpriesterin auswies. „Ich kann es dir leider nicht besser erklären“, meinte sie nach einer kurzen Weile. „Ich weiß nur, dass ich bei dir irgendetwas spüre, das ich bei keinem Menschen je zuvor bemerkt habe. Deshalb möchte ich gern mehr über dich erfahren.“
Wolf spürte neue Hoffnung in sich aufkeimen. Das wäre zumindest ein Anfang. Und wenn sie ihn erst besser kannte, würde sie sich vielleicht ebenso zu ihm hingezogen fühlen, wie er sich zu ihr. Zumindest brauchte er die Hoffnung nicht ganz aufzugeben. „Ja, gern“, erklärte er deshalb, direkt nachdem sie geendet hatte. „Ich werde Euch alles sagen, was Ihr wissen wollt.“
„Wie bist du zu dem Orden gekommen?“
Jetzt zögerte Wolf doch. „Das ist eine lange Geschichte.“
„Und? Wir haben Zeit. Wenn es nicht zu persönlich ist, erzähle es mir bitte. Es interessiert mich wirklich.“
„Nun“, einen Moment war er noch unschlüssig, dann zuckte er ergeben mit den Schultern. Wenn er sein Ziel erreichen wollte, näher mit ihr bekannt zu werden, musste er bereit sein, Persönliches von sich preis zu geben. Vielleicht würde sie sich so irgendwann ihm gegenüber öffnen. „Ich stamme aus Bilis im Süden von Rohedan. Dort hatten meine Eltern einen kleinen Hof. Eines Tages brachen sie zu einer Reise in das Dorf meiner Großeltern väterlicherseits auf. Meine zwei jüngeren Brüder begleiteten sie, ich blieb mit unserem Gehilfen allein zurück, um den Hof nicht ohne Aufsicht zu lassen. Tage später erreichte mich die Nachricht, dass sie von Räubern überfallen und getötet worden waren. Genau zu diesem Zeitpunkt traf der Vater meiner Mutter ein, der auch davon erfahren hatte. Um mir mein Erbe zu erhalten übernahm er gemeinsam mit mir den Hof. Drei Jahre später suchten während eines heftigen Sturms Reisende bei uns Schutz. Es waren Druiden des Ordens. Bevor sie uns verließen, luden sie mich ein, sie zu begleiten, um hier als Novize Magie zu studieren, aber mein Großvater war strikt dagegen und warf sie schließlich hinaus. Ungefähr ein halbes Jahr später brannte unser Hof ab, er kam dabei ums Leben.“
„Und kurz darauf tauchten die Druiden auf und machten dir erneut ein Angebot“, mutmaßte Luna, als Wolf schweigend vor sich hin starrte.
Er zuckte zusammen, als hätte er ihre Anwesenheit völlig vergessen. Zu ihr aufblickend nickte er zögernd. „Ja, sie waren gerade zu einem weiteren Besuch im Dorf gewesen, als das Unglück geschah und boten mir abermals eine Ausbildung an.“
„Hättest du nicht den Hof wieder aufbauen können?“
Wolf lachte bitter: „Natürlich hätte ich es versuchen können. Doch waren die Ernte, sämtliche Gerätschaften und der gesamte Hausstand durch das Feuer vernichtet worden. Trotzdem hätte ich es vielleicht schaffen können. Nur“, er blickte sie direkt an und sie glaubte einen trotzigen Zug um seine Mundwinkel erkennen zu können, „ich wollte es eigentlich gar nicht.“
Schweigend saßen sie da. Eine ganze Weile sagte niemand von ihnen ein Wort. Luna ließ seine Geschichte noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen, Wolf starrte mit hochgezogenen Schultern auf seine Schuhspitzen.
„Und?“, fragte die Mondpriesterin endlich, „Ist es dir nicht seltsam vorgekommen, dass die Druiden sofort an Ort und Stelle waren und ihr Angebot wiederholten?“
Wolf erstarrte. „Wie meint Ihr das?“
Begütigend hob sie die Hände, als er Anstalten machte aufzuspringen und wegzulaufen. „Entschuldige, das ist wirklich ein unglaublicher Zufall.“
Misstrauisch blickte er sie an und sie sah die Ablehnung in seinen Augen. „Sie haben mir geholfen, als ich in Not war. Außerdem wollte ich wirklich gern Magie erlernen, viel lieber als weiter den Hof zu betreiben. Das hatte ich versucht meinem Großvater zu erklären, aber er wollte davon nichts hören. Deshalb war es zwischen uns beiden zu unserem ersten ernsten Streit gekommen. Ich drohte, einfach zu gehen, woraufhin er zornig wurde und erklärte, dass er mich zurückholen würde. Er hätte genug Mittel und Wege, mich jederzeit zu finden. Schließlich gab ich nach, allerdings eher dem Zwang als der Einsicht gehorchend.“
„Was hatte er gegen eine magische Ausbildung vorzubringen?“
„Nichts, was mich hätte überzeugen können.“ Wolf schnaubte heftig. „Elis sagte …..“
„Was? Wie hast du ihn genannt?!“
„Der Name meines Großvaters lautete Elis, so habe ich ihn meist angesprochen.“ Irritiert musterte Wolf Lunas Miene, die plötzlich Bestürzung und Erregung zugleich ausdrückte. „Kanntest du ihn?“
Sie ignorierte seine Frage. „Bevor er zu dir kam, wo hat er gelebt, welches Handwerk übte er aus?“ Sie hatte sich weit vorgebeugt, als erwarte sie eine wichtige Enthüllung.
Stirn runzelnd sah Wolf sie an. „Er war ein … nein“, er brach ab und überlegte. „Wisst Ihr, dass ich mir darüber eigentlich nie Gedanken gemacht habe.“ Seine Stimme klang ungläubig, erstaunt über sich selbst, schüttelte er den Kopf. „Ich weiß überhaupt nichts von ihm. Weder wo er gelebt hat, noch was er gemacht hat. Er besuchte uns selten, ich habe ihn vor dem Tod meiner Eltern vielleicht fünf Mal gesehen. Und dann kam er und blieb. Ich habe ihn nicht einmal gefragt, was er dafür aufgab.“ Beschämt vergrub Wolf sein Gesicht in den Händen. War er wirklich ein solcher Egoist gewesen? Sein Großvater hatte sein vorheriges Leben kommentarlos hinter sich gelassen um ihm zu helfen und er hatte nichts Besseres im Sinn gehabt, als bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bot, sich ihm zu widersetzen. Er hatte unbedingt ein Magier werden wollen und den Gedanken bei aller nach außen vorgetäuschten Fügsamkeit nie wirklich aufgegeben. Natürlich hatte er um seinen Wunschtraum zu erfüllen nicht Großvaters Tod billigend in Kauf genommen. Gleichwohl hatte er neben seiner ehrlichen Trauer um den alten Mann dieses tiefe Glücksgefühl empfunden, als im klar wurde, dass nun seinem geheimen Ziel nichts mehr im Wege stand.
„Wie sah er aus?“, unterbrach Luna seine Gedanken.
„Er hatte meine Statur, grüne Augen wie meine und lange, bis auf den Rücken fallende, graue Haare, die er stets mit einem Band zusammenfasste. Er war kein besonders auffallender Mann. Doch wenn man mit ihm sprach, spürte man eine eigenartige Überlegenheit, der niemand etwas entgegen zu setzen hatte, auch ich nicht.“
Luna war erregt aufgesprungen. „Und deine Mutter? Wie hieß sie. War sie ihm sehr ähnlich?“
Verwirrt starte Wolf in ihre blitzenden Augen. „Äh.., Amika, und nein, sie hatte graue Augen, schwarzes Schulter langes Haar und war von zierlicher Gestalt.“
„Ich meine ihre Art, denk nach!“, fuhr sie ihn an, dass er zurück zuckte.
Wolf schloss die Augen und beschwor ein Bild seiner Mutter herauf. „Sie war ein sehr fröhlicher Mensch“, begann er leise. „Schlechte Stimmungen verflogen in ihrer Gegenwart im Nu. Alles was sie tat, wirkte mühelos und voller Hingabe. Sie kapitulierte vor keiner Aufgabe, irgendwie fand sie für jedes Problem eine Lösung.“
Er verstummte, als ihm bewusst wurde, wie ähnlich sie trotz ihrer ganz anderen Art ihrem Vater gewesen war.
„Es passt alles“, murmelte Luna, „deine Beschreibung von ihnen, der Zeitpunkt des Verschwindens deines Großvaters, sein Name. Nur der Name deiner Mutter ist nicht der, den ich erwartet hatte …, aber den wird sie wohlweislich geändert haben.“ Behutsam ergriff sie seine Hände „Wolf, ich glaube, dass dein Großvater ein Druide war und ….“
„Nein!“ Wolf sprang ebenfalls auf und entzog ihr ruckartig seine Hände. „Das kann nicht sein, ich hätte es bemerkt.“
„Er wird seine Fähigkeiten vor dir verborgen haben um dich zu schützen.“ Sehr ruhig und bestimmt klang Lunas Stimme. „Ich bin mir sicher, dass ich deinen Großvater kenne, dass er jahrelang hier gelebt hat.“
„Das kann nicht sein“, beharrte Wolf eigensinnig. „Weder die fremden Druiden noch irgendjemand hier im Orden hat etwas davon erwähnt. Warum hätten sie mir ihr Wissen vorenthalten sollen?“
„Ich weiß es nicht, vielleicht wegen der Umstände, wie deine Mutter den Orden verließ.“
„Meine Mutter“, ein neuer Gedanke durchzuckte ihn. „Wenn das stimmt, was Ihr sagt, müsste sie eine Druidin sein.“
„Natürlich, sie ist schließlich im Orden erzogen worden.“
„Und mein Vater?“
Die Mondpriesterin stutzte kurz, nur einen kleinen Moment, doch instinktiv wusste Wolf, dass sie ihre Antwort genau überlegen würde. „Dein Vater war auch ein Druide“, sagte sie. „Um es genau zu sagen, ein sehr mächtiger sogar.“
Entgeistert sank Wolf zu Boden. Konnte Lunas Verdacht wirklich stimmen?
Weiterhin wehrte sich alles in ihm gegen das, was er gerade erfahren hatte. Wenn seine Eltern und sein Großvater Druiden gewesen waren, wieso hatte er nie etwas davon gemerkt? Er war sich sicher, dass sie zumindest in seinem Beisein nie Magie gewirkt hatten. Und Großvater war den Druiden des Ordens eher verächtlich begegnet, als hielte er sie für Scharlatane. Luna musste sich irren, es konnte nicht sein, was sie vermutete.
Zudem war er jetzt durch die Zeremonie ein vollwertiges Mitglied des Ordens, unwiderruflich mit ihnen verbunden. Wenn das, was die Mondpriesterin ihm eröffnet hatte, der Wahrheit entsprach, warum hatten SIE ihm diese vorenthalten?
Kopfschüttelnd sah er zu ihr auf. „Ihr müsst euch irren“, wiederholte er laut. „Ich bin nicht der, den Ihr in mir seht.“
Nachdenklich blickte sie auf ihn hinunter. „Woher hast du sonst deine Fähigkeiten?“, fragte sie schließlich. „Magie wird vererbt, ich kenne nicht eine Ausnahme.“
Schweigend, voller Ablehnung schüttelte Wolf den Kopf. Wieder wollte sie nach seinen Händen greifen, doch er wich erneut vor ihr zurück.
„Wolf“, sie kniete sich vor ihn. „Vertrau mir bitte, ich will dir nichts Böses. Lass uns morgen nach dem Unterricht hier noch einmal treffen. Vielleicht habe ich bis dahin einen Beweis für meine Vermutung. Bitte!“, wiederholte sie eindringlich, als er sich nicht rührte.
Er wandte den Kopf ab, nickte aber. Aufatmend erhob sie sich und lief ohne ein weiteres Wort den Weg, auf dem sie hergekommen waren, zurück.
Völlig verwirrt blickte Wolf ihr nach. Und wenn sie Recht hatte? Obwohl sich alles in ihm gegen das soeben Gehörte sträubte, konnte er eine leise Stimme in seinem Inneren nicht unterdrücken. „Woher stammen deine Fähigkeiten?“, fragte sie. „Alle Novizen blicken auf Vorfahren zurück, die entweder Druiden oder Magier waren. Dein Potential soll größer sein, als das deiner Kameraden. Wie bist du dazu gekommen?“
Entnervt sprang Wolf auf. Hätte er sich nur nie auf ein Gespräch mit Luna eingelassen!


6. Kapitel

Er träumte, träumte um den Schmerz über diesen Verrat zu vergessen. Weiter und weiter reiste er in der Zeit zurück, bis er wie in einer Vision die Anfänge von allem erblickte.
Ein Meer aus Flammen zog sich über die Oberfläche der Welt, Stürme tobten, die Erde tat sich auf und schlug um sich, nur um von den Wellen bedeckt zu werden, die tosend über alles hinweg fegten, bis heftige Winde sie zurück zwangen. Leben entstand und verschwand, wie in einem ewigen Kreislauf. Die Kraft der Elemente war zu stark. Das einzige Volk, das es schaffte, den wütenden Mächten zu trotzen, waren die mächtigen Drachen. Dennoch gelang es auch ihnen nicht, mehr als einige einzelne, kleine Gebiete zu beleben.
Da endlich betrat die Entität, ein uraltes Wesen von größter Macht, die Welt und beschloss diese zu beleben. Sie bändigte die Gewalten und schuf aus ihnen die ersten Völker; die Wasserwesen, wunderschöne Nymphen und Sirenen mit reinster Stimme, die Erdwesen, mächtige Golem und scheue Einhörner, die Feuerwesen, lebende Flammen und sengende Phönixvögel und die Windwesen, Vögel, die den Sturm zu reiten vermochten.
Ungeachtet dessen steckte immer noch viel zuviel Kraft in den Elementen. So mischte die Entität die Macht und schuf daraus Elfen, Menschen und Tiere.
Aber die Energie ließ sich auf diese Weise nicht verbrauchen. Sie wuchs und wuchs in einem unendlichen Strom und drohte die gerade erst vollendete Schöpfung zu zerstören. Da leitete die Entität die Kraft in die ganze Welt und ließ sie als stetigen Strom dort pulsieren. Und dieser Strom wurde die Basis der Magie.
Tief in seinem Herzen verspürte er das gleiche Entzücken, das einst die Entität bei der Erschaffung dieser Welt getrieben hatte. Und er sah, wie die erschaffenen Wesen ihre Welt in Besitz nahmen, sich vermehrten und sich schließlich über das ganze Land verteilten und der gleiche Stolz, den einst die Entität empfunden haben mochte, pulsierte in seiner Seele.


7. Kapitel

Am nächsten Morgen erschien Wolf der gestrige Tag wie ein Traum. Diese Geschichten, die sie erzählt, die Andeutungen, die sie gemacht hatte, das konnte alles nicht stimmen. Warum sollte ausgerechnet Luna diejenige sein, die ihm die Wahrheit enthüllte.
Trotzdem hatten sich die Zweifel bereits tief in sein Herz gefressen. Sie war so sicher gewesen, so völlig überzeugt von dem, was sie gesagt hatte. Am liebsten hätte er sie sofort aufgesucht um den angeblichen Beweis zu prüfen.
Noch nie war ihm ein Schultag derart lang geworden. Obwohl er sich bemühte, sich nichts anmerken zu lassen, gelang ihm diesmal in Meister Ankals Unterricht fast gar nichts. Selbst Zauber, die er mittlerweile ohne große Anstrengung beherrschte, misslangen oder ließen sich erst nach mehreren Versuchen ausführen. Mehrmals musste der Lehrer eingreifen um ihn vor Verletzungen zu bewahren. Doch außer ständigem Stirnrunzeln enthielt sich dieser jeglichen Kommentars, was Wolf fast schlimmer fand, als die gehässigen Bemerkungen und Sticheleien, die er sonst bei jedem Fehlversuch über sich ergehen lassen musste. Als die Glocke endlich klingelte und er den Raum verlassen konnte, war er auf sich selbst wütend.
Stumm drängte er sich durch den Pulk der anderen Schüler, die jeder für sich eilig zu ihrem nächsten anstehenden Unterricht eilten. „Reiß dich gefälligst zusammen“, beschimpfte er sich innerlich selbst. „Soll den wirklich jeder erkennen, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt. Hinterher fällt ihr Verdacht auf Luna und sie wird dir nichts mehr erzählen können.“
Die Wut über sich selbst kam ihm bei den folgenden Kampfübungen zupass. Darius, der wie immer sein Gegner war, hatte heute einen schweren Stand. „Du wirst immer besser“, schnaufte er, nachdem Wolf ihn zum dritten Mal hintereinander besiegt hatte. „Bald werde ich nicht mehr gegen dich antreten können. Du wirst zu gut.“
Selbst Meister Ceyon nickte anerkennend, als das Läuten der Glocke das Ende der Stunde bekannt gab. „Du machst dich.“ Mehr sagte er nicht, Darius hingegen zog bedeutungsvoll eine Augenbraue hoch. „Sein größtes Lob“, murmelte er leise, während sie sich auf den Weg zu den Speisesälen machten. „Mehr hat keiner von uns je von ihm gehört. Demnächst wirst du gegen ihn persönlich kämpfen müssen.“
Wolf stöhnte laut. „Mit ihm kann ich es nie aufnehmen“, erklärte er dann wesentlich leiser, da ihm die anderen Druiden, die der Burg zuströmten, seltsame Blicke zu warfen.
„Das erwartet er gar nicht“, Darius lachte. „Keiner von uns kann gegen ihn bestehen.“ Er hielt inne und zog Wolf kurzerhand am Ärmel zur Seite. Mit einem kurzen Blick vergewisserte er sich, dass ihn nun niemand hören konnte. „Meister Ceyon ist der beste Kämpfer, den ich kenne“, sagte er, „aber er hat nur wenig magische Kräfte. Deshalb unterrichtet er uns ausschließlich im Umgang mit Messer und Schwert und im Zweikampf. SIE wollen, dass IHRE Druiden auch ihre manuellen Fähigkeiten stärken. Dadurch, meinen SIE, wird man ein besonders guter Kämpfer.“
Wolf blickte ihn verwirrt an. „Woher weißt du das alles?“
Wieder lachte Darius. „Mein Lebensalter liegt weit über dem deinen. Außerdem diene ich dem Orden seit meiner Jugend. Da erfährt man einiges.“
„Also werde ich zu einem Kämpfer ausgebildet?“, fragte Wolf schnell, als Darius Anstalten machte weiterzugehen. Dieser wandte sich wortlos ab. Wolf beeilte sich ihn einzuholen. „Werde ich ein Kämpfer wie du?“, fragte er noch einmal.
Ein Schatten fiel über Darius Gesicht, als er langsam den Kopf schüttelte. „Ich weiß es nicht“, murmelte er leise, dass Wolf ihn fast nicht verstanden hätte. „Eine derartige Ausbildung wie du sie erhältst, hat hier bisher kein anderer Druide bekommen.“ Als hätte er zuviel gesagt, beschleunigte er seine Schritte und verschwand im Gewühl der Menge.
Verwirrt blieb Wolf stehen und blickte ihm nach. Schon wieder hatte er das Gefühl in einer Traumwelt gefangen zu sein. Das konnte alles nicht sein. Wieso hatte er bisher die ganze Zeit nichts von alldem geahnt?
Die Stunden des Nachmittags zogen sich gleichermaßen endlos hin. Obwohl eigentlich Wolfs liebstes Unterrichtsfach, ließen ihn heute selbst die magischen Übungen kalt. Dabei gab sich der Meisterdruide heute besondere Mühe ihnen einige schwierigere Zauber beizubringen. Doch Wolf versagte kläglich, weder schaffte er es, sein Tempo der Geschwindigkeit eines Pferdes anzugleichen, noch gelang es ihm, sich von Baum zu Baum springend vorwärts zu bewegen. Bei der dritten Übung versagte er bereits bei dem leichten Teil der Aufgabe, ein Feuer allein mit der Kraft seiner Energien zu entzünden. Die Flamme anschließend in einen Feuerball zu verwandeln und auf einen nahe gelegenen Strohhaufen zu werfen, verwehrte ihm schließlich der Meister.
„Wenn du krank bist, geh zu den Heilern“, erklärte er und warf seinem besten Schüler einen kurzen, strafenden Blick zu. „Ansonsten versuche dich heute ausschließlich an den einfachen Übungen. Ich habe keine Lust, dass du aus reiner Zerstreutheit Schaden anrichtest.“
Wolf senkte den Blick, dass der Lehrer nicht das rebellische Aufblitzen in seinen Augen sehen konnte. Gelangen ihm sonst selbst die schwersten Übungen am besten von allen, war dies Meister Rhaun kein Lob wert. War er aber einmal nicht auf der Höhe, wurde er sogleich gemaßregelt.
Seufzend wandte er sich den einfacheren Übungen zu und versuchte wenigstens dafür genug Konzentration aufzubringen. Insgeheim konnte er seine Lehrer sogar verstehen, er brachte heute kaum etwas Vernünftiges zustande. Vielleicht war es gut, dass keiner größeren Anteil an seinem Zustand nahm, was hätte er denn auch für eine Erklärung abgeben sollen?
Bei den letzten Unterrichtsstunden riss er sich dann so gut wie möglich zusammen. Meister Berum war der übellaunigste Lehrer von allen Druiden. Er würde nicht ähnlich nachsichtig reagieren, wie seine Kollegen. Heimlich musterte er die wenigen Mitschüler, die genau wie er mit ernster Miene den Worten des Lehrers lauschten. Ob sie wirklich Interesse an dem hier Vermittelten aufbrachten oder genau wie er gezwungenermaßen, weil SIE es so bestimmt hatten, teilnahmen, hatte er bisher nicht in Erfahrung bringen können. Keiner war bereit, seine Meinung dem anderen mitzuteilen, alle hatten Angst, es könne am Ende IHNEN zu Ohren kommen.
Irgendwie war es seltsam, dass man selbst nicht mitbestimmen durfte, in welche Richtung die weitere Ausbildung lief. Er wusste weder, warum er diesen Kurs besuchen musste, noch warum er wichtig für ihn war. Obwohl - er hatte vieles erfahren, was er irgendwann in seinem weiteren Leben bestimmt würde gebrauchen können: Wie groß das Land Rohedan früher einmal gewesen und dass es mittlerweile in viele verschiedene Staaten aufgeteilt worden war, hatte er wirklich nicht gewusst. Welche Völker in welchen Grenzen lebten, wie ihre Bräuche waren, welche Sprache sie sprachen, war eigentlich interessant. Selbst die breiten Ausführungen zu Geographie, Klima und Vegetation waren einigermaßen zu ertragen. Richtig langweilig aber fand Wolf Meister Berums Ausführungen zu der herrschenden politischen Lage und den Unterricht in Staatsführung. Weder strebte er es an unter dem König von Rohedan zu dienen, noch war er in der Lage als Druide Einfluss auf die Politik der einzelnen Länder zu nehmen. Er hoffte nur, dass er dieses Fach zur Hälfte seiner Ausbildung endlich los wäre und er die ihm viel wichtiger erscheinenden Heilkünste erlernen könnte. Weiterhin war er nicht in der Lage mehr als einfache Verletzungen zu heilen. Er brannte darauf, seine Kenntnisse zu vertiefen und zu mehren.
Innerlich seufzend wandte er sich der Karte zu, während der Lehrer erklärte, warum die weißen Tiger und die Schneewölfe, die einst wertvolle Verbündete gewesen waren, nun als Todfeinde gegeneinander kämpften.
Selbst Lunas Erzählungen der alten Legenden schenkte er heute wenig Aufmerksamkeit. Er war der Erste, der, als sie geendet hatte, hastig aufsprang und nach draußen lief. Ohne sich um die Mitschüler zu kümmern, schlug er gleich den Weg in den Wald ein und eilte mit großen Schritten davon. Kiram hatte er erzählt, er müsse unbedingt ein paar der Übungen wiederholen. Die anderen würden seine Abwesenheit wahrscheinlich gar nicht bemerken, da er sich in den wenigen Mußestunden, die sie hatten, meist allein in seinem Zimmer aufhielt. Diese Vorsicht, diesmal vor ihr am Treffpunkt zu sein, sodass man ihn nicht mit ihr in Verbindung bringen würde, schien ihm nach seinen neuen Erkenntnissen zwingend erforderlich. Er wollte nicht, dass irgendwer ihn mit Luna allein sah.
Lange brauchte er nicht auf sie zu warten, kurz darauf hörte er ihren leichten Schritt näher kommen. Zur Begrüßung lächelte sie und ließ sich mit einer anmutigen Bewegung neben ihm nieder. „Ich dachte mir, dass du hier auf mich wartest. Es ist sinnvoller, wenn die anderen uns nicht zu oft zusammen sehen. An diesen Platz kommt normalerweise nie jemand. Hier sind wir ungestört.“
Jetzt, wo sie endlich neben ihm saß, wusste Wolf nicht, wie er beginnen sollte. „Habt Ihr den Beweis?“, brachte er schließlich mühsam hervor.
So viel Not sprach aus dieser Frage, dass Luna sich vorbeugte und ihm beruhigend über die Hand strich. „Ja, ich habe etwas gefunden, dass meine Vermutung zweifelsfrei bestätigt. Aber bevor ich es dir zeige, muss ich weiter ausholen und dir erzählen, wie alles begann. Du bist der Sohn einer Druidin und eines Druiden. Deine Mutter stammt aus dem Clan der Wölfe und dein Vater aus dem Clan der Adler.“
Wolf zuckte zusammen. Der neue Name, den er sich bei der Aufnahmezeremonie ausgesucht hatte, erschien ihm nach ihren Worten noch passender. Dabei war es eine spontane Entscheidung gewesen, zumindest war es ihm damals so vorgekommen. Hatte er vielleicht tief in seinem Innersten doch etwas von den Zusammenhängen seiner Herkunft geahnt?
„Sie haben es beide nie erwähnt“, sagte er leise, „und nie Magie angewandt. Zumindest nicht, wenn ich oder meine Brüder in der Nähe waren. Warum nur haben sie den Orden verlassen und sich in diese Einöde zurückgezogen um einen Hof zu bewirtschaften?“
Die Mondpriesterin schüttelte den Kopf und seufzte. „Deine Gedankengänge sind nicht ganz richtig. Der Mann, den du Vater nanntest, war nicht dein leiblicher Vater. Deine Mutter muss ihn nach dem Verlassen des Ordens kennen gelernt haben.“
Wolf fuhr auf: „Das kann nicht sein, ich habe schon immer dort gelebt. Mit meiner Mutter und meinem Vater. Sie hätten es mir erzählt, wenn es anders gewesen wäre.“
„Wie alt warst du, als das Unglück geschah?“, fragte Luna ruhig. „Erst zwölf, nicht wahr?“
Er nickte stumm, immer noch fühlte er sich aufgewühlt und auch zornig. Seine Herkunft war seine Identität, an die er sich in den schwärzesten Stunden hatte klammern können, die ihm Auftrieb gab, wenn er voll Verzweiflung vor fast unlösbaren Aufgaben stand, die ihm half, die Zähne zusammen zu beißen um sein Ziel zu erreichen. Sollte sein ganzes bisheriges Leben auf einer Lüge aufgebaut sein?
„Wolf, sie hätten es dir bestimmt gesagt. Du warst damals viel zu jung, du hättest nicht verstanden. Niemand rechnete damit, dass sie so früh sterben mussten.“
„Und mein Großvater, denn wenigstens das war er doch?“, fragte Wolf weiter und die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Warum hat er mir nicht die Wahrheit gesagt?“
Gebieterisch hob Luna die Hände. „Lass mich die Geschichte von Anfang an erzählen. Du hast ein Recht darauf, alles zu erfahren. Dann wirst du wissen, warum der alte Mann dich von den Druiden fern halten wollte.“
Sie sah hinunter auf ihre zusammengefalteten Hände, als sie weiter sprach. „Deine Mutter war damals eine der besten Novizinnen ihrer Zeit. Daher war es nicht verwunderlich, dass ihr die weiterführende Ausbildung zum Druiden angeboten wurde. Allerdings kam es bald zum Streit. Du musst wissen, deine Mutter war eine sehr temperamentvolle, junge Frau. Und sie hatte sich in den Kopf gesetzt eine Heilerin zu werden. Darin sah sie ihre Bestimmung. Der Rat hingegen hatte andere Pläne mit ihr. Da ihre Talente breit gefächert waren, sollte sie eine möglichst umfassende Ausbildung erhalten, um später auf möglichst vielfältige Weise dem Orden dienen zu können. Nun“, Luna seufzte leicht, „sie machte sich und IHNEN von Anfang an das Leben schwer, war sehr bemüht, in den Fächern, die sie interessierte, sehr unangepasst und faul dagegen in den anderen. Sie wollte nicht, dass SIE später nach eigenem Gutdünken über sie verfügten, sie wollte ihr Leben selbst bestimmen. Zu der Zeit wird sie vermutlich deinen Vater kennen und lieben gelernt haben, denn ein halbes Jahr später, also ungefähr zu der Zeit, als sie die Hälfte ihrer Ausbildung hinter sich gebracht hatte, verließ sie den Orden und verschwand spurlos. SIE waren wütend und versuchten sie zu finden, um sie zurück zu holen, doch sie hatte ihre Spuren gut verwischt. Ihr neuer Aufenthaltsort wurde nie entdeckt.“
„Und mein Vater?“, fragte Wolf verwirrt. Lunas Erklärungen schienen immer neue Fragen aufzuwerfen, von einem wirklichen Verstehen war er noch weit entfernt.
„Dein Vater“, während ihrer gesamten Erzählung hatte sie vor sich auf ihre zusammengefalteten Hände gestarrt, auch als sie weiter sprach, hob sie nicht den Blick. „Sein Name wurde nie bekannt. Außer ihr verschwand niemand, es blieben nur Mutmaßungen und Gerüchte. Es solle einer ihrer Lehrer gewesen sein, hieß es, einige sprachen sogar hinter vorgehaltener Hand davon, es wäre einer von IHNEN gewesen.“
Wolf schnaubte: „Einer dieser Greise? Was sollte ein junges Mädchen wie sie an ihnen finden?“
Luna sah ihn an und in ihren Augen las er die Wahrheit. „Nein!“, stieß er entsetzt hervor, „Das glaube ich einfach nicht.“
„Warum sollte ich lügen?“, Lunas Stimme wurde ganz sanft, fast wie ein Streicheln empfand er ihre Worte. Wäre dies ein normales Treffen zwischen zwei jungen Leuten gewesen, hätte er diesen Ton höchst erfreut vernommen, so aber blieb er völlig erstarrt sitzen und schüttelte völlig ungläubig den Kopf.
„Du vergisst, dass SIE mächtige Zauberer sind, viel, viel mächtiger, als die einfachen Druiden. Es heißt, einer von IHNEN habe deine Mutter in sich verliebt gemacht um mit ihr ein Kind zu zeugen. Als sie den Betrug bemerkte, lief sie davon und versteckte sich mit dir zusammen.“
Misstrauisch blickte Wolf sie an „Und woher weißt du das alles?“
„Meine Mutter war die beste Freundin deiner Mutter. Sie hat ihr einige ihrer Geheimnisse anvertraut. Anderes brachte sie nach und nach in Erfahrung nachdem diese verschwunden war. Als ich zur Frau heran reifte, erzählte sie mir von dieser Freundschaft und auf welche Weise sie endete. Dein Großvater dagegen sprach nie mehr von seiner Tochter und beantwortete keinerlei Fragen nach ihrem Verbleib. Bevor er den Orden verließ, kam er zu meiner Mutter und gab ihr einen Brief, den sie erst öffnen sollte, wenn sie von seinem Tode erfuhr. Ich fand ihn unter ihren Habseligkeiten, damals, als meine Eltern starben.“
„Also weißt du schon, die ganze Zeit von mir?“
Luna schüttelte den Kopf. „Ich habe den Brief nie geöffnet, da ich nicht wusste, dass er gestorben war. Erst als du seinen Namen erwähntest, stellte ich die Verbindung her.“
„Aber jetzt bist du dir sicher, dass du die Fakten richtig interpretierst?“ Wolfs Stimme triefte vor Spott. Er wollte ihr ganzes Lügengebäude zum Einsturz bringen, sie zwingen zu bekennen, dass sie das alles nur erfunden hatte. Diese Geschichte war viel zu unwahrscheinlich um auf echten Tatsachen zu beruhen. Und außerdem wollte er auch gar nicht, dass sie wahr war.
Luna seufzte wieder. „Der Brief deines Großvaters bestätigt meine Vermutung. Du bist wirklich dieses Kind.“ Sie erhob sich und zog unter ihrem Gewand eine schmale, dünne Papierrolle hervor. „Hier, es ist vielleicht besser, wenn du es selber liest.“
Hastig griff Wolf nach den Blättern. Seine Hand zitterte, sein Herz klopfte wie rasend. Im ersten Moment gelang es ihm kaum, die geschwungenen Buchstaben zu entziffern. Trotzdem hatte er auf den ersten Blick erkannt, dass es sich zweifelsfrei um die Schrift seines Großvaters handelte.
„Nami, wenn du diese Zeilen liest, bin ich tot und es ist an dir, dich um das Vermächtnis meiner Tochter, deiner Freundin zu kümmern. Wie du bereits herausgefunden hattest, war sie schwanger, als sie den Orden verließ. Es gibt einen Sohn, der aus dieser unseligen Verbindung entstanden ist. Gerade erreicht mich die Nachricht, dass sie, ihr Mann und ihre jüngeren Kinder bei einem Unfall ums Leben kamen, ob Zufall oder Absicht kann ich im Augenblick nicht sagen, gleichwohl fühle ich, dass der Junge ebenfalls in Gefahr ist. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun ihn zu schützen, doch sollte ich versagen, bitte ich dich, sich seiner anzunehmen. Er lebt in Bilis unter dem Namen Bealok und …
Wolf erstarrte, als er den Namen seiner Familie in Großvaters Handschrift vor sich sah. Die letzten hartnäckigen Zweifel verschwanden, er konnte die Wahrheit nicht mehr leugnen.
Tief Luft holend wandte er seinen Blick zurück auf die Zeilen. Genau in diesem Moment verschwand der Mond, der den Platz bis gerade eben in ein helles Licht getaucht hatte, hinter einer Wolke und es wurde schlagartig so dunkel, dass er gerade noch die Mondpriesterin neben sich schemenhaft erkennen konnte. Fast gleichzeitig ergriff sie seinen Arm und drückte ihn hart. Mit einer Kopfbewegung wies sie zur Burg, wandte sich abrupt in die entgegengesetzte Richtung und lief völlig lautlos davon.
Rasch verbarg Wolf den Brief in seinem Gewand. Statt los zu laufen, blieb er an der gleichen Stelle wie bisher sitzen. Scheinbar tief in Gedanken versunken starrte er in das Wasser des kleinen Sees. In Wirklichkeit lauschte er aufmerksam auf das leichte Rascheln, das Luna einen Bruchteil vor ihm vernommen hatte. Irgendjemand verbarg sich dort zwischen den Bäumen und arbeitete sich langsam immer näher an ihn heran. Sich der nahenden Gefahr bewusst zog er den Brief wieder aus der Tasche des Gewandes und verbarg ihn, die Tatsache, dass sein eigener Körper ihn vor den Blicken des Unbekannten schützte, ausnutzend, unter einem Stein. Ein letzter prüfender Blick aus den Augenwinkeln und die Stelle hatte sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Dann blieb er regungslos sitzen.
Er brauchte nicht lange zu warten. Ein etwas lauteres Rascheln in seinem Rücken verriet ihm, dass der Mann, wie seine feine Nase an dessen Ausdünstung erkannt hatte, sich knapp hinter ihm befand. Auf den heftigen Stoß, der ihn direkt in das eisige Wasser katapultierte, war er nicht vorbereitet gewesen. Der Länge nach landete er in dem kleinen See und versuchte hastig auf die Beine zu kommen, während am Ufer lautes Gelächter aufbrandete. Als es Wolf endlich gelungen war, sicheren Stand unter den Füßen zu bekommen und er sich einige nasse Haarsträhnen aus den Augen gestrichen hatte, erblickte er vor sich Kiram, der sich scheinbar vor Lachen krümmte. Langsam watete Wolf aus dem Wasser heraus, seine vollgesogene Kleidung verhinderte, dass er schneller vorwärts kam. Doch übertrieb er diese Tatsache noch etwas, während seine Gedanken fieberhaft arbeiteten.
„Du hättest dein Gesicht sehen müssen“, japste Kiram lachend und wich einen Schritt zurück, als Wolf sich wütend vor ihm aufbaute. „He, he, das war ein Scherz.“ Mit hoch erhobenen Händen begann er rückwärts zu stolpern, denn Wolf hatte grimmig lächelnd die Arme nach ihm ausgestreckt. Bei der ersten sich bietenden Möglichkeit fuhr er herum und rannte wie von Furien gehetzt davon.
Erst am Fuße der Burg hatte Wolf ihn eingeholt. Bevor er ihn endlich packen konnte, hörte er ein lautes Räuspern hinter sich. „Was treibt ihr um diese Zeit hier draußen?“, hörte er Meister Ceyon fragen. Bevor er antworten oder auch nur herumfahren konnte, legte sich die Hand des Lehrers auf seine Schulter und schüttelte ihn. „Und wieso bist du nass?“
Kirams Lachen enthob ihn einer Antwort. „Entschuldigt Meister“, begann dieser zu erklären, „es handelte sich um eine Wette. Wir beide hatten gewettet, dass ich Wolf nicht besiegen könnte. Ich weiß, dass ich normalerweise keine Chance gegen ihn habe. Heute allerdings ergab sich die Gelegenheit ihn zu überrumpeln und diese nutzte ich.“
Erneut fühlte Wolf sich von oben bis unten gemustert, schließlich nickte Meister Ceyon. „Geh dich umziehen. Kiram, du hilfst ihm dabei.“
Und wirklich folgte ihm der Gefährte bis hinauf in sein Zimmer und reichte ihm Handtücher und frische Gewänder. „Ich hoffe, du bist nicht sauer auf mich, aber die Gelegenheit war einfach zu günstig.“
Wolf schüttelte stumm den Kopf, während er begann sich abzutrocknen.
„Gut“, seufzte Kiram erleichtert, griff nach der nassen Hose und Jacke und verschwand mit einem leisen Gruß aus der Tür.
Aus zusammengekniffenen Augen blickte Wolf ihm nach. War Kiram wirklich der Freund, für den er ihn bisher gehalten hatte?


8. Kapitel

Jahrhunderte vergingen wie Stunden und er sah vor seinem inneren Auge, wie der erste Krieg begann.
Die Elfen, hervorragende Magier und überaus stolze Wesen fühlten sich als die Krone der Schöpfung Milrinurs, wie sie die Entität nannten. Sie waren der festen Überzeugung, zu den Herrschern des Inselreiches Zylatha auserkoren zu sein, da sie wie kein anderes Volk in der Lage waren, die Energien der Welt zu beherrschen und in ihrem Sinne zu nutzen. Von überall her wanderten Elfen nach Zylatha und lernten dort die hohe Kunst der Magie. Bald waren sie so zahlreich, dass sie den Versuch unternahmen alle anderen Völker zu unterwerfen. Ein erbitterter Krieg begann und zog sich über viele Monate hin.
Schließlich sah sich Milrinur gezwungen einzugreifen, dass nicht die ganze Welt durch die freigesetzte Energie zerstört wurde. Er sandte sein Wort zu jenen, die den Krieg als das erkannt hatten, was er war, eine sinnlose, zerstörerische Untat. Sechs Wesen dieser Völker, die von Krieg und Feindschaft unberührt geblieben waren, erwählte er und erfüllte sie mit großer Macht um sie als Wächter für den Frieden einzusetzen. Vom brennenden Volk nahm Milrinur den Phönix Flame'tharul, vom Volk der Meere die Sirene Arkanna, von den Waldwesen das Einhorn Dariana, von den Wesen des Windes Taifun, den Sturmfalken, aus der Finsternis die große Schlange Shal'ater und vom Volk der Drachen den weißen Drak'en. Sie waren es, die den Kämpfenden Einhalt geboten und den Frieden wieder herstellten.
Dass diese Tat sich nie wiederhole, entzog Milrinur den wenigen überlebenden Elfen einen großen Teil ihrer magischen Kräfte. Die sechs Auserwählten wurden als Götter über alle Völker erhoben und wählten als ihren Sitz den höchsten Berg der im Zentrum des Krieges gelegenen Insel. Das Land ihrer Herrschaft nannten sie Rohedan, Land der Götter.


9. Kapitel

Am nächsten Morgen klopfte es, noch während er sich anzog. Auf seine Aufforderung erschien Kiram, die gewaschenen und getrockneten Gewänder säuberlich zu einem Päckchen gefaltet. Verlegen trat er von einem Fuß auf den anderen. „Ich wollte dir wirklich nicht hinterher spionieren“, begann er zögernd und vermied es dabei, Wolf in die Augen zu schauen. „Ich kam ganz zufällig nach einer Verabredung dort vorbei und entdeckte dich im Gespräch mit Luna. Als ich mich gerade zurückziehen wollte, sah ich, dass sie sich abwandte um zu gehen.“ Er kicherte leise. „Du sahst so abwesend aus, dass ich es einfach tun musste.“
Wolf, der sich gerade das Druidenband um die langen schwarzen Haare schlang, hielt kurz inne, verzichtete dann aber auf jeglichen Kommentar. Er wusste, seine Stimme hätte ihn verraten. Kiram mochte seine Unschuld beteuern, in den langen Nachtstunden war er zu der Überzeugung gekommen, dass er ihm nicht mehr trauen konnte. Bloß fiel es ihm sehr schwer, sein Misstrauen zu verbergen.
„Habe ich ein Stelldichein gestört?“, wollte Kiram wissen.
Mit dieser Frage hatte Wolf bereits gerechnet, deshalb gelang es ihm ohne Mühe eine leicht gekränkte Miene aufzusetzen und mit einem wohlbedachten Zögern zu antworten: „Nein, wir haben dich nicht gehört. Sie hatte gesagt, was sie mir mitteilen wollte und ist deshalb gegangen.“
„Und? Ist sie jetzt deine Freundin oder was?“ Natürliche Wissbegierde schien alles zu sein, was in Kirams Stimme mitschwang. Wolf musste sich zusammen reißen, um sich nicht auf ihn zu stürzen und ihn zu packen. Daher schüttelte er nur stumm den Kopf und wandte sich zur Tür. Sollte der Gefährte ruhig denken, er wäre zu stolz die Niederlage zuzugeben. Außerdem war er sich sicher, dass der andere nicht locker lassen würde, bis er genau das erfahren hatte, was er wissen wollte.
„Was hat sie dir denn gegeben?“, fragte Kiram, als sie nebeneinander die Stufen zum Esssaal hinunter liefen.
Unvermittelt blieb Wolf stehen und drückte ihn gegen die Wand. „Du bist mein Freund, dennoch treib es nicht zu weit. Ich frage dich auch nicht aus, wenn ich bemerke, dass dein Versuch einer Eroberung nicht geklappt hat.“ Er runzelte die Stirn und ließ den anderen langsam los. „Obwohl ich eigentlich gedacht habe, dass man mit eigenen Versen eine Frau wirklich beeindrucken könnte.“
„Du hast ihr Gedichte geschrieben?“, Kiram kicherte leise. „Das hätte ich nie von dir erwartet.“
Wolf drehte sich in der Tür des Speiseraums um und musterte sein Gegenüber mit verächtlicher Miene. „Vielleicht kennst du mich doch nicht so gut wie du glaubst.“ Mühsam riss er sich wieder zusammen. „Behalte diese Angelegenheit bitte für dich, ich möchte nicht, dass die anderen davon erfahren.“
„Natürlich nicht“, Kirams Entrüstung klang echt. „Du bist schließlich mein Freund.“ Verwundert schüttelte er den Kopf. „Dass du es ausgerechnet bei ihr versucht hast? Man nennt sie die Unnahbare, wusstest du das denn nicht?“
Wolf zuckte mit den Schultern und steuerte seinen Platz am Tisch an. „Nein, sonst hätte ich es wohl kaum gewagt. Und nun lass es bitte genug sein. Die zwei Niederlagen des gestrigen Abends haben mir völlig gereicht. Ich muss nicht ständig daran erinnert werden.“
Der Vormittag verging nur langsam. Zähflüssig rannen die Stunden dahin. Wolf versuchte, sich zusammen zu reißen um nicht erneut die Missbilligung der Lehrer auf sich zu ziehen. Seine Wut und sein Hass kamen ihm dabei zur Hilfe. Die ganze Nacht hatte er wach gelegen und gegrübelt, nicht nur über Kiram. Auch Lunas Enthüllungen hatten ihn nicht schlafen lassen und er brannte darauf, den Brief weiter zu lesen. Vielleicht enthielten die Worte seines Großvaters sogar die Lösung, warum SIE ihn unbedingt zu einem IHRER Druiden machen wollten.
Als die Glocke zur Mittagsstunde läutete, entfernte er sich rasch von den anderen und harrte versteckt hinter einem Busch aus, bis der Platz sich geleert hatte. Sein Vorhaben war riskant, das wusste er selbst, aber er konnte einfach nicht länger warten. Vorsichtig sah er sich nach allen Seiten um und prüfte mit all seinen Sinnen, wie Meister Rhaun es ihn gelehrt hatte, die Umgebung. Es schien wirklich niemand in der Nähe zu sein. Er schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief ein und aus und konzentrierte sich auf seine Stärke. Langsam, ganz langsam spürte er, wie sie sich ihm öffnete. Wärme drang in seine Glieder, seine Muskeln erzitterten sanft, als er den Zauber wirkte. Dann rannte er los. Geschwind wie ein echter Wolf sprang er den Weg zum Wald hinab, an dem Tempel vorbei, die Anhöhe hinauf und weiter zum See. Trotz der Anspannung, die ihm geblieben war, jubelte er innerlich und reine Freude durchströmte ihn. Es hatte wirklich funktioniert! Zum ersten Mal war ihm der Schnelligkeitszauber perfekt gelungen.
Er war kaum außer Atem, als er den See erreichte und sich nach dem Stein bückte, unter den er gestern den Brief geschoben hatte. Das Papier war verschwunden. Hektisch, mit wild klopfendem Herzen begann er sämtliche Steine in der Umgebung umzudrehen. Das Resultat blieb dasselbe.
Endlich gab er auf. In seiner Erregung gelang ihm der Zauber nicht und er musste den ganzen Weg zurück rennen. Außer Atem und völlig erschöpft kam er zurück, sein Gewand verschwitzt, zwei kleine Risse in seinem Ärmel zeugten von seiner Hast. Er schaffte es noch im Brunnen sein hochrotes Gesicht zu kühlen, da klingelte die Glocke und der nachmittägliche Unterricht begann.
Kiram, der mit ihm zusammen am magischen Unterricht teilnahm, sah ihn prüfend an, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn Meister Umis betrat den Platz und verkündete, dass heute in den magischen Hallen trainiert würde. Wolf war nicht der einzige, der missmutig das Gesicht verzog. Diese Räume wurden von den meisten Druiden in der Ausbildung gefürchtet. Nichts dort entsprach dem, was es darstellte, überall befanden sich magische Fallen, die Wege führten ins Nichts, die Gegenstände die sich dort befanden, waren allesamt verzaubert. Es ging keine wirkliche Gefahr von diesem Training aus, doch wurde man sich nur allzu gut seiner Grenzen bewusst. Allerdings hatte das Ganze den Vorteil, dass die Druiden mit sich selbst beschäftigt waren, denn jeder einzelne musste sein Glück allein versuchen. So bestand wenigstens nicht die Gefahr, dass Kiram neugierige Fragen stellen konnte.
Deshalb beeilte Wolf sich diesmal sogar, in vorderster Reihe die Tür zu erreichen, durch die sie einer nach dem anderen hineingeschickt wurden. Direkt nach dem Eingang tat sich ein verwirrendes Labyrinth von Gängen vor ihm auf. Dadurch wurde sichergestellt, dass wirklich jeder auf sich allein gestellt versuchte, einen Weg zum anderen Ende zu finden. Tief einatmend trat er ein, bereit sein Bestes zu geben.
Als die Glocke das Ende der Übungsstunden ankündigte, war er wieder einmal einer der vielen, die von dem Meister aus den Räumen befreit werden mussten. Nachdem dieser die Magie der Hallen aufgehoben hatte, stellte er deprimiert fest, dass er sich erst mitten im zweiten, der drei Räume befand. Er hatte gerade einmal die Hälfte der Mission erfüllt. Eilig strebte er dem Ausgang zu, nicht ohne befriedigt festzustellen, dass es Kiram nicht besser ergangen war. Jalg dagegen stand breit grinsend neben dem Lehrer. Seine hochnäsige Miene machte deutlich, dass er sie allesamt für Versager hielt.
Stumm drückte Wolf sich an ihm vorbei und rannte zurück zu den Unterrichtsräumen. Dieses letzte Fach hatte wenigstens den Vorteil, dass er weder auf Kiram noch auf Jalg stoßen würde. Beide nahmen an diesem Unterricht nicht teil. Bisher hatte Wolf sie immer beneidet, da sie in der Heilkunst unterwiesen wurden. Heute war er froh, ihnen entronnen zu sein. Vielleicht würden zum Ende des Mondes die Fächer getauscht und er könnte endlich das Heilen erlernen - ohne Kiram und Jalg.
Wolf war einer der ersten beim abendlichen Mahl. Voll Heißhunger stürzte er sich auf die Gerichte und stopfte so viel in sich hinein, wie er schaffte. Der leere Magen hatte ihm ein dröhnendes Hämmern in den Schläfen beschert, das nun langsam wich. Aufseufzend trank er einen letzten Becher Milch, bevor er sich vorsichtig im Saal umsah. Als er bemerkte, dass Kiram und Jalg gerade erst herein kamen, die Heiler nahmen es mit der Pünktlichkeit nicht gerade genau, erhob er sich hastig und schlich, ihnen in einem großen Bogen ausweichend, zur Tür hinaus. Im Laufschritt verließ er die Burg und machte sich auf zum Tempel. Vielleicht hatte er Glück und Luna war allein.
Doch der Tempel war verschlossen und die Mondpriesterin nicht zu sehen. Erschöpft ließ Wolf sich auf den Eingangsstufen nieder. Jetzt begann er die durchwachte Nacht und den anstrengenden Tag in jedem einzelnen Muskel zu spüren. Er begann zu gähnen und konnte gar nicht mehr aufhören. Müde rieb er sich die Augen und erhob sich. Er musste wirklich aufpassen, dass er nicht auf der Stelle einschlief.
Langsam umrundete er das Gebäude und sah sich prüfend nach allen Seiten um. Von Luna war immer noch nichts zu sehen. Stattdessen entdeckte er die ersten Schüler, die sich ebenfalls langsam näherten. Missmutig lehnte Wolf sich an einen breiten Baumstamm. Er würde hier bis zum Beginn des Unterrichts warten. Einem Gespräch mit den Kameraden fühlte er sich heute nicht mehr gewachsen.
Die Sonne war schon untergegangen, als Luna endlich erschien. „Entschuldigt bitte, dass ich euch habe warten lassen“, ihre sanfte Stimme schaffte es ohne Mühe, sich über das empörte Gemurmel Gehör zu verschaffen. „Ich wurde zu einer Audienz vor den Rat geladen und es blieb keine Zeit mehr euch Bescheid zu geben. Wollen wir den heutigen Unterricht lieber ausfallen lassen?“
Entschiedenes Kopfschütteln antwortete ihren Worten und alle drängten zum Eingang. Wolf schloss die Augen. Hatte sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen? Es schien wirklich keine Möglichkeit zu geben, Luna allein zu treffen. Dann durchfuhr ihn ein eisiger Stich. Vor den Rat hatte sie treten müssen. Was war geschehen? Hatten SIE bereits in Erfahrung gebracht, dass die Mondpriesterin ihn über seine Vergangenheit ...

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