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Die Lawine

Max von der Grün

Die Lawine

Roman

Mit einem weiteren Text
von Max von der Grün

und einem Nachwort
von Rüdiger Scholz

PENDRAGON

Inhalt

Die Lawine

Stephan Reinhardt, Eigentumsverhältnisse

Max von der Grün, Die Absturzstelle

Nachwort von Rüdiger Scholz

Editorische Notiz

 

 

Die Lawine

1

Es war in jenem heißen Sommer des Jahres 83, den die Leute einen Jahrhundertsommer nannten, obwohl viele solcher heißen Sommer in diesem Jahrhundert gebrütet hatten, wie die alten Leute zu berichten wussten. Die Bewohner unseres Vorortes, der eine Mischung aus Landwirtschaft und Industrie, individuellen Häusern und uniformierten Siedlungen ist, saßen nicht nur an den Wochenenden oft bis weit über Mitternacht in ihren Gärten, auf ihren Terrassen oder ihren Balkonen, denn in den Wohnungen staute sich die Hitze, so dass auch der Müdeste nur kurzen und verschwitzten Schlaf land. Die Nachbarn luden sich zum Grillen ein oder einfach nur auf ein Bier; Christa und ich vermieden es, Einladungen auszusprechen oder anzunehmen. Uns gefiel es, allein auf unserer Terrasse zu sitzen, und wer lange nachts im Freien ist, der vernimmt Laute, die er tagsüber überhört oder denen er in der Vielfalt der Geräusche keine Bedeutung beimisst.

Es war Mittwoch, der 10. August. Die Mücken und Fliegen wurden so lästig, dass ich mich nur noch mit einer Fliegenpatsche wehren konnte. Ich war gerade dabei, mir ein Glas Wein einzuschenken aus einer Glaskanne, die mit einem zylindrischen Einsatz versehen und mit Eiswürfeln gefüllt war, so dass der Weißwein eine gleichbleibende Temperatur behielt, das Eis mit dem Wein jedoch nicht in Berührung kam, als ich einen seltsamen Laut hörte. Er ähnelte dem Schrei einer Katze in Todesangst und ließ mich beim Eingießen einen Moment innehalten. Auch Christa hob den Kopf, aber während ich weiter angestrengt in die Nacht lauschte, senkte sie den Kopf wieder auf ihre Handarbeit. Christa strickte an einem Pullover, den ich im Herbst tragen sollte. Mehrmals in letzter Zeit hatte sie Teile des komplizierten Musters wieder aufgetrennt; entweder hatte sie sich verzählt oder die Maschen waren ihr zu fest oder zu locker. Das alles machte sie mit bewundernswerter Geduld, ohne ärgerlich zu werden. Ich hatte manchmal den Eindruck, sie freute sich darüber, gewisse Arbeiten mehrmals auszuführen.

»Hörte sich wie eine Katze an, die irgendwo eingeklemmt ist«, sagte ich und nahm neben ihr auf der gepolsterten Gartenbank Platz.

Christa antwortete nur: »Trink nicht so viel, denk an deine Leber, es muss nicht jeden Abend ein Liter Wein sein. Jedenfalls ist es nicht unsere Katze.«

Dann saßen wir lange schweigend nebeneinander. Die Schwüle und das gleichmäßige Aneinanderschlagen der Stricknadeln schläferten mich ein, ich wurde träge wie unsere Katze, die sich neben mir auf der Bank räkelte. Nur die Fliegen, nach denen ich manchmal schlug, hielten mich wach.

Da war er wieder, der klagende Laut. Unsere Katze schoss hoch; sie sprang von der Bank und streckte sich lang auf den roten Klinkern aus, mit denen die Terrasse ausgelegt ist.

»Das war eine Katze irgendwo draußen«, sagte ich mit Nachdruck.

Eine Stunde nach Mitternacht war es und das Außenthermometer wies immer noch dreißig Grad Hitze aus. Christa hatte ihre Strickarbeit unterbrochen und ließ Nadeln und Wolle in ihren Schoß sinken.

»Du hast Recht, es war eine Katze. Die Katzenfänger sind wieder mal unterwegs, ich habe es gestern in der Zeitung gelesen. Hoch lebe die Wissenschaft.«

Anderntags erwachte ich schweißgebadet. Ich zog im Wohnzimmer die Jalousien hoch; draußen war es friedvoll, kein Laut war zu hören, die Schwalben flogen noch nicht, die Sonne war schon zu ahnen, der Himmel versprach abermals einen heißen Tag. Noch im Schlafanzug trat ich auf die Terrasse. Unsere Katze, die während der Nacht draußen gewesen war, sprang mir mit weiten Sätzen und laut miauend entgegen. Sie umkreiste mit hochgestelltem Schwanz schnurrend meine Beine und lief dann durch das Wohnzimmer in die Küche, wo sie ihren gefüllten Fressnapf wusste.

Als ich ins Haus zurückkehren wollte, sah ich etwas am Turm der zweihundert Meter entfernten katholischen Kirche leuchten. Im Kirchturm sind zwei schmale, übermannshohe Fensteröffnungen, die, weil nicht verglast, gewöhnlich mit braunen Holzläden verschlossen werden; heute aber war der rechte Laden geöffnet und in der Öffnung hing eine lebensgroße Puppe. Sie trug ein blaues Hemd und eine blaue Hose und einen Strick um den Hals.

Ich wollte es genau wissen und holte aus dem Wohnzimmerschrank mein Fernglas.

Was im Rundbogenfenster des Kirchturms hing, war keine Puppe. Dort oben hing ein Mensch, ein Mann. Es war der Fabrikant Heinrich Böhmer, mein Schwager, der Bruder meiner Frau.

Ausgezogen war Heinrich Böhmer kurz entschlossen aus seiner feudalen Villa, nachdem dreimal innerhalb eines Vierteljahres die Fensterscheiben im Erdgeschoss eingeworfen worden waren. Die Villa, die vor der Jahrhundertwende erbaut und von seinem Großvater im Inflationsjahr 1923 – sozusagen für ein Butterbrot – gekauft worden war, liegt im Süden unserer Stadt am Nordhang des Ruhrtals einsam und versteckt inmitten hundertjähriger Ulmen, Eichen und hoher Föhren; der Garten glich weniger einer Anlage als einer von Menschenhand unberührten Wildnis. Heinrich Böhmers Wahlspruch hieß: So wenig wie möglich eingreifen. Wuchern lassen. Die Natur hilft sich selber.

Die polizeilichen Ermittlungen brachten damals keine brauchbaren Ergebnisse. Gefunden wurden lediglich die Steine, wertlose Fußabdrücke und Reifenspuren auf den umliegenden Feldwegen, Fußspuren im Rasen und im Erdreich zwischen dem dichten Strauchwerk, das wie ein Schutzwall ein verwunschenes Schloss umzäunte.

Als dann in einer Juninacht des Jahres 82 bei wolkenbruchartigem Regen und böigen Winden beinahe alle Fensterscheiben und die wertvollen Scheiben der hohen Terrassentüre auch in weniger als fünf Minuten zum dritten Male in Scherben fielen und Böhmers Frau in panischer Angst in den Heizungskeller flüchtete, fasste Böhmer den Entschluss, sich eine Stadtwohnung zu suchen, möglichst in einem Hochhaus, das ihm die Möglichkeit bot, anonym zu leben und doch Menschen wie zum Schutz in unmittelbarer Nähe um sich zu haben.

Heinrich Böhmer fühlte sich bedroht.

Seine Zwillingssöhne Lars und Sascha waren in jener Sturmnacht nicht zu Hause gewesen. Als sie anderntags von einer Fete bei Freunden zurückkehrten, die neue Zerstörung mit Schrecken und Wut betrachteten und von der Absicht ihres Vaters erfuhren, beschworen sie ihn, seinen Entschluss zu überdenken. Der Auszug wäre, wie sie meinten, Flucht vor einer Gewalt, vor der man nicht fliehen dürfe, sondern die man bekämpfen müsse. Böhmer hatte seinen Söhnen erwidert, dass man nur die Gewalt bekämpfen könne, die einen Namen habe. Zudem sei die Aufgabe der Villa praktisch, sie sei ganz einfach zu groß geworden, seit beide Söhne zum Studium außer Haus waren, fast unbewohnbar für ihn und ihre Mutter, die selten genug hier sei, sich sechs Monate im Jahr in Südfrankreich aufhalte und diese Aufenthalte von Jahr zu Jahr verlängere. Für ihn allein sei das palastähnliche Haus ein unzumutbarer Zustand, auch Köchin und Dienstboten seien überflüssig, weil diese drei Menschen sich täglich selbst überlassen blieben und kaum noch Aufgaben zu erfüllen hätten.

Dank seiner guten Verbindungen und seines Geldes fand Böhmer schnell eine große Eigentumswohnung mit Rundbalkon, eine Luxuswohnung im vierten Stock eines eben erst fertiggestellten Blocks in Innenstadtnähe. Die Villa wollte er verkaufen. Es liefen auch reichlich Angebote ein; plötzlich aber besann sich Böhmer anders. Er hing doch mehr an dem Haus, als er sich eingestehen wollte; er war darin geboren und aufgewachsen, hatte glückliche Jahre darin verlebt.

Zu Beginn des Wintersemesters im Oktober 82 zogen dann zwanzig Studenten von der nahen Dortmunder Universität in die leere Villa ein. Sie flickten notdürftig die Schäden, hielten den Bau in Ordnung und schliefen einfach auf dem Fußboden, denn alles Inventar hatte Böhmer in der neuen Stadtwohnung untergebracht oder bei einer Spedition einlagern lassen.

Als er vom Einzug der Studenten erfuhr, wollte er die Polizei rufen und die jungen Leute vertreiben lassen. Das Gesindel, wie er es nannte, sollte Prügel beziehen. Seine Söhne rieten ihm ab, er solle erst mal abwarten, wie sich das Leben der Studenten entwickle, vielleicht könnten sie sogar von Nutzen sein, denn ein unbewohntes Haus nehme mehr Schaden als ein bewohntes.

Böhmer folgte widerwillig. Er verachtete, er hasste Leute, die mit dem Eigentum anderer umgingen, als sei es Schnee, der für jedermann kostenlos vom Himmel fällt. Er war davon überzeugt, dass diese Sorte Menschen nur so lange gegen Besitz und Besitzende wettern, solange sie nicht selbst Besitzende sind; wären sie es einmal, würden sie mit den rüdesten Methoden ihren Besitz verteidigen. Er habe da seine Erfahrungen in den letzten zwanzig Jahren gesammelt.

Durch die Villenbesetzung war auch für jene ein Ärgernis entstanden, die in dieser Gegend ebenfalls in umzäunten Häusern lebten und sich nur unter ihresgleichen wohl fühlten, weitab von der verrußten großstädtischen Wirklichkeit. Dorthin flüchtete nun Heinrich Böhmer, Alleininhaber der Böhmer-Elektrowerke mit fünfhundert Arbeitern und Angestellten, vor einer Gefahr, deren Namen er nicht kannte. Sein Werk, zeitweise bis zu neunzig Prozent exportabhängig, arbeitete seit Bestehen mit guten Gewinnen. Von wirtschaftlicher Flaute hatte es bislang kaum etwas verspürt, zum Erstaunen und Neid der Konkurrenten, denen Böhmer bei Tagungen des Arbeitgeberverbandes zwangsläufig begegnete. Missgünstige unterstellten ihm unlautere Methoden; er war sogar politisch anrüchig geworden, weil – wie allgemein bekannt – ein Großteil seiner Produktion in kommunistische Länder floss. Ihn berührten alle süffisanten Unterstellungen wenig. Er wusste nur zu genau, dass zu allen Zeiten die weniger Erfolgreichen Zuflucht bei der Verleumdung suchten, weil es ihnen an Verstand und Phantasie mangelte. Verächtlich sagte er: Gäbe es Verstand und Phantasie zu kaufen, die würden beides nicht kaufen, weil der Geiz ihnen längst die Gehirnzellen vermauert hat und allein Habgier ihre Lebensgrundlage ist.

Böhmer war nie selbst in einem kommunistischen Land gewesen. Er ließ die Leute von dort zu sich kommen oder schickte seinen Wirtschaftsberater Dr. Pauls, den Prokuristen Gebhardt, den Chefingenieur Adam.

Was Böhmer beim Unternehmensverband, bei Kollegen und Konkurrenten besonderer politischer Bedenklichkeit aussetzte, war die Tatsache, dass er in seinem Betrieb einen linkslastigen Sozialdemokraten beschäftigte, der von der Belegschaft einstimmig in den Betriebsrat und vom Betriebsrat einstimmig zum Vorsitzenden gewählt worden war. Innerhalb und außerhalb des Betriebes verkündete dieser Mann, der Manfred Schneider hieß, seinen politischen Glaubenssatz: In unserem Lande wird sich erst dann etwas ändern, wenn die Besitzverhältnisse geändert werden, wenn die Eigentumsfrage zum zentralen Thema aller Parteiprogramme erhoben wird.

Diesen Mann ließ Böhmer gewähren. Auf alle Vorwürfe erwiderte er gleichmütig: Ich wünschte, ich hätte mehr solcher qualifizierter Mitarbeiter, dann würde das Made in Germany wieder seinen alten Glanz bekommen.

Das war Heinrich Böhmer, der Halbbruder meiner Frau, der unehelichen Tochter seines Vaters Klemens. Der hatte seinen Seitensprung immer hartnäckig geleugnet und an Christas Mutter weder Alimente noch eine Abfindung gezahlt. Zahlen, so sagte er, bedeutet doch nur Eingeständnis.

Heinrich Böhmer nahm Christa in sein Haus auf, als sein Vater bei einem Autounfall in der Nähe von Düsseldorf ums Leben gekommen war. Der Sohn wollte gutmachen, was der Vater geleugnet hatte. Christa lebte fortan im Hause Böhmer, nicht aber als die Halbschwester eines reichen Mannes: Sie wurde das Kindermädchen der Zwillinge Lars und Sascha. Sie hat die beiden Jungen mit großgezogen, sie vielleicht durch ihren Einfluss ein wenig geprägt.

Später, als wir uns kennengelernt hatten – in der Straßenbahn, ich half ihr, Apfelsinen aufzulesen, die aus einer geplatzten Plastiktüte über den Boden kullerten –, bat sie mich, in der Fabrik bei ihrem Halbbruder vorzusprechen, damit er mir eine angemessene Arbeit verschaffe. Ich hatte zwanzig Jahre als Industriekaufmann gearbeitet, bevor ich Photograph wurde; der Beruf eines freien Photographen – ich knipste für Zeitungen und Zeitschriften – war meiner späteren Frau zu unsicher. Ich drang auch bis in Böhmers Büro vor, aber dieser massige Mann beschied mich freundlich und entschieden: Ich stelle keine Leute ein, die beabsichtigen, in absehbarer Zeit mit meinem Haus in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten, in welcher Form auch immer und wie die Verwandtschaft auch gelagert sein mag.

So abgefertigt stand ich wieder auf der Straße.

Ich war nicht einmal wütend, ich schämte mich. Nie wieder Böhmer, sagte ich mir.

Beinahe hätte diese Abfuhr zum Bruch mit Christa geführt. Sie fand, ich hätte mich ungeschickt benommen, mich unklug verhalten, lenkte aber nach Tagen des Schmollens ein und sagte: Verzeih mir, Edmund, ich hätte es besser wissen müssen. Es war dumm von mir, dir diesen Rat zu geben, dumm von mir, dich in diese Lage zu bringen. Es bewahrheitet sich wieder einmal:Man darf mit Verwandtschaft keine Geschäfte tätigen.

Acht Wochen später heirateten wir, und weil wir nie Kinder bekamen, so sehr wir uns welche wünschten, wurden Sascha und Lars, ohne es eigentlich zu wollen, Christas Kinder. Sie besuchten uns regelmäßig; auf diese Weise erfuhren wir, was in der Villa vor sich ging, was dort gesprochen und geplant wurde, denn seit unserem Hochzeitstag hatte Christa die Villa nicht wieder betreten.

Ich hatte mich nie besonders für Heinrich Böhmer und seine Welt interessiert. Christa aber blieb den Zwillingen Kindermädchen: Sie durften alle kleinen und großen Sorgen bei uns abladen, vor allem wurden jene Sorgen gebeichtet, die man den Eltern nicht beichten wollte. Lars studierte Betriebswirtschaft in Bonn, Sascha Jura in Münster. Soweit ich es mitbekam, hatten beide ein erträgliches Verhältnis zu ihren Eltern – schon deshalb, weil sich Heinrich Böhmer selten in die Angelegenheiten seiner Söhne einmischte und beide konsequent vom Betrieb fernhielt. Frau Böhmer, eine geborene Horsemann, hielt sich jedes Jahr für mehrere Wochen oder gar Monate in Südfrankreich, in Avignon, auf, in einem zwar kleinen, aber komfortablen Haus, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Der alte Horsemann hatte zur Expansion des Böhmerwerkes nicht unwesentlich beigetragen. Zur Hochzeit hatte er seiner Tochter eine halbe Million Mitgift in bar vermacht, die Frau Böhmer ohne Wenn und Aber ihrem Mann gab, der das Kapital in seine Fabrik investierte. Er konnte die modernsten Fertigungsanlagen kaufen, was ihm für Jahre einen konkurrenzlosen Vorsprung sicherte. Ehe die Branche begriff, was im Böhmerwerk vorging, hatte er sich ein bescheidenes Monopol geschaffen.

Heinrich Böhmer war ein erfolgreicher Fabrikant, der mit Härte, ohne rüde zu werden, seine Interessen durchsetzte, jedoch immer im Rahmen der bestehenden Gesetze blieb: nicht mehr, nicht weniger.

Nun baumelte er imTurm der katholischen Kirche, die vom Ruß und Dreck der vergangenen neunzig Jahre hässlich geworden war und wie ein vierkant angespitzter Bleistift über der Siedlung »Neue Heimat« aufragte.

Ich legte das Fernglas auf den Gartentisch, schnürte den Gürtel meines Bademantels fester und lief in Pantoffeln hinunter zur Kirche.

Trotz der frühen Stunde standen etwa ein Dutzend Menschen auf dem Vorplatz und starrten nach oben. Ein alter Rentner, den ich aus meiner Kneipe kannte, trat neben mich und sagte: »Da hat sich einer aufgehängt. In der Kirche. Den Menschen ist nichts mehr heilig, das müsste bestraft werden.«

Einen Moment dachte ich darüber nach, wie man einen Toten wohl bestrafen könnte, erwiderte aber nur: »Man muss die Polizei verständigen.«

»Ist schon passiert. Ich war der Erste, der den Toten entdeckt hat. Ich kann ab vier Uhr einfach nicht mehr schlafen.«

Der Alte sah sich erwartungsvoll um. Eine junge Frau schlug die Hände vors Gesicht und weinte, auf der nahen Durchgangsstraße quietschten Autoreifen. Der Kirchturm war von der Hauptstraße gut einsehbar; morgens und abends fuhren zahllose Pendler vorbei.

Oben am Wasserturm, der sich auf einer Anhöhe ausnahm wie ein Riesenei auf Stelzen, sah ich Blaulicht aufblitzen und wieder verschwinden; wenige Minuten später hielt auf dem Kirchvorplatz ein Polizeiwagen. Zwei Beamte stiegen aus und sahen sich wie verschüchtert um; der Rentner lief eilfertig auf sie zu und deutete aufgeregt hinauf zum Kirchturm.

Der jüngere Polizist, der höchstens Anfang zwanzig war, sagte leise: »Auf was die Leute für Ideen kommen.Wenn das so weitergeht, quittier ich meinen Dienst. Jeden Tag Tote, das hält kein Mensch aus.«

Ich schlich mich fort. Ich schämte mich plötzlich, weil ich mich zum Gaffer hergegeben hatte, obwohl ich mehr wusste als alle anderen.

Zu Haus holte ich meinen Photoapparat aus dem Schrank, schraubte das Teleobjektiv auf, setzte mich auf die Terrasse in einen Korbsessel und photographierte mehrmals den Mann imTurm. Plötzlich stand Christa neben mir und fragte: »Was photographierst du denn so früh? Willst du nicht Frühstück machen?«

Ich hörte, wie sie ein paar Schritte über die Klinker schlurfte, anhielt und umkehrte. Dann trat sie hinter mich und legte ihre Hände auf meine Schultern.

Ich saß stocksteif und wagte kaum zu atmen. Christa nahm zögernd das Fernglas vom Tisch, setzte es an die Augen und sah zum Kirchturm hinauf. Sekunden später krachte das Glas auf die Klinker und zerbrach vor meinen Füßen.

»Wie kannst du nur so unbeteiligt dasitzen und einfach knipsen?«, sagte sie und stöhnte. »Was bist du nur für ein Mensch?«

»Soll ich vielleicht runtergehen und auf den Turm steigen und ihn abschneiden? Das wird die Feuerwehr besorgen, die Polizei ist schon da.«

Ich verschwieg, dass ich schon unten gewesen war. Ich hatte einfach Angst, ihr das einzugestehen, und wusste nicht, warum ich Angst vor diesem Eingeständnis hatte.

Später beobachtete ich, wie die Feuerwehr eine lange Leiter ausfuhr, wie zwei Feuerwehrleute die Leiter hochkletterten und den Toten abschnitten oder abknüpften. Ich wunderte mich nur, dass sie von außen eine Leiter angelegt und den Turm nicht von innen erklettert hatten.

Ich fürchtete mich und wusste nicht wovor.

Am nächsten Tag waren die lokalen Zeitungen voll mit Berichten über den Freitod – das Wort Selbstmord vermied man – des Unternehmers Heinrich Böhmer. Er sei, wie sie schrieben, beliebt und geschätzt, eine markante Persönlichkeit, ein honoriger Mäzen für die kulturellen und sozialen Einrichtungen unserer Stadt gewesen, wenn er auch persönlich selten am öffentlichen Leben teilnahm. Er habe erfolgreich einen Musterbetrieb durch alle wirtschaftlichen Flauten und Fährnisse gesteuert, deshalb gebe sein Freitod mehr als ein Rätsel auf: einmal sein Tod selbst, zum anderen der ungewöhnliche Ort. Das Unternehmen sei kerngesund, der Sechzigjährige selbst geistig und körperlich topfit gewesen, wie alle Befragten einstimmig bezeugt hätten, vor allem jene, die täglich mit ihm zu tun hatten. In diesem Zusammenhang wurde auch an die bislang unaufgeklärten Vorkommnisse in seiner Villa im vorigen Jahr erinnert, die Böhmer veranlasst hätten, resignierend seinen schönen Besitz im Ruhrtal zu verlassen. Seine Frau sei verständigt worden, sie halte sich, wie so oft, in Avignon in Südfrankreich auf, seine beiden Söhne habe man noch nicht ausfindig gemacht, wie der Prokurist Gebhardt, ein alter Vertrauter Heinrich Böhmers, erklärt habe. Die Söhne seien auf einer Informations- und Urlaubsreise in Nordafrika, Prokurist Gebhardt habe zwar Anlaufadressen und an diese Telegramme geschickt, eine Rückmeldung sei jedoch noch nicht erfolgt.

Tags darauf leuchtete mir, als ich morgens die Zeitung aus dem Briefkasten holte, eine rot unterstrichene Balkenüberschrift entgegen: »Heinrich Böhmer Opfer eines Verbrechens«. Etwas kleiner stand darunter: »Gibt es einen Zusammenhang mit den vorjährigen Ereignissen in seiner Villa?«

Weiter hieß es, dass die gerichtsmedizinische Untersuchung einwandfrei ergeben habe, dass Heinrich Böhmer schon tot war, als man ihn im Kirchturm aufknüpfte. Ein kräftiger, mit einem harten Gegenstand ausgeführter Schlag auf den Hinterkopf habe den sofortigen Tod herbeigeführt.

»Das hat er nicht verdient«, sagte Christa. »Er war ein grundanständiger Mann und für meine Existenz ist er nicht verantwortlich. Was wird jetzt aus der Fabrik?«

»Erstmal müssen die Zwillinge gefunden werden«, antwortete ich. »Sie werden alles erben, natürlich mit ihrer Mutter zusammen. Ich fürchte aber, sie wissen mit dem Erbe wenig anzufangen. Lars spielt Mozart und Sascha Tennis. Das reicht nicht aus, um ein Unternehmen zu führen, und auch der beste Prokurist ist nur so viel wert, wie sein Chef wert ist. Bis die Zwillinge mit dem Studium fertig sind, vergehen noch Jahre. Fremde aber wirtschaften am liebsten in die eigene Tasche.«

»Nicht immer«, sagte Christa ungehalten und sah mich beinahe böse an.

»Reg dich nicht auf«, sagte ich, »ich geh jetzt erst mal einkaufen.«

Ich nahm den Weg an der Kirche vorbei und blieb auf dem Vorplatz stehen. Der Holzladen des rechten Fensters war wieder geschlossen, als sei nichts, absolut nichts geschehen. Der Kirchturm schien mir hässlicher denn je, der Ruß von hundert Jahren wirkte wie ein Anstrich.

Ich hatte Heinrich Böhmer, diesen Koloss, nur einmal gesehen und gesprochen. Er hatte mich höflich bestimmt abblitzen lassen und dafür musste ich ihm im Nachhinein sogar dankbar sein, denn seine Weigerung, mich in seinem Betrieb einzustellen, war für mich der Beginn einer bescheidenen, dennoch erfolgreichen Karriere als Photograph gewesen. Nun war er tot: Trotz der verwandtschaftlichen Beziehung, trotz der regelmäßigen Besuche seiner Söhne, die meine Frau Tante Christa nannten, war er mir zehn Jahre lang ein Fremder geblieben.

Christas Mutter war Köchin im Hause Böhmer gewesen, der alte Böhmer hatte sie geschwängert, nichts Ungewöhnliches. Dienstboten müssen für ihn Menschen gewesen sein, die zugleich Untertanen waren und Objekte zur Befriedigung seiner Lust, wenn es sich um Frauen handelte. Als Christas Mutter schwanger war, wies Klemens Böhmer sie aus seinem Haus. Das war 1943, mitten im Bombenkrieg. Sie hat später nie geheiratet, hat sich und ihr Kind mit niederen Arbeiten durchgebracht durch Krieg und Nachkriegshunger und erst 1963, Sascha und Lars waren gerade zwei Jahre alt, holte Heinrich Böhmer seine Halbschwester in die Villa an den Hängen der Ruhr. Sein Vater hatte ihm auf dem Sterbebett – er lebte nach dem Autounfall noch drei Tage – den Seitensprung gestanden und den Sohn gebeten, das Kind seiner Lust ins Haus zu holen, an Christa gutzumachen, was er der Mutter verweigert hatte.

Klemens Böhmer wurde hochgeehrt zu Grabe getragen. Das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, verliehen für außergewöhnliche Verdienste beim Wiederaufbau, trug ein Mann mit weißen Handschuhen auf einem schwarzen Samtkissen dem Sarg nach. Nichts wird schneller im Gedächtnis begraben als Not und Hunger.

Neben mir zeigte jemand zum Turm hinauf und sagte: »Dort oben hat er gehangen. Ein unrühmlicher Tod für einen erfolgreichen Mann. Warum man ihn wohl gerade hier zur Schau gestellt hat und nicht in einer anderen Kirche?«

Zwischen den Worten rang er nach Atem, vielleicht war er Asthmatiker. Er war einen halben Kopf kleiner als ich, hatte einen Bürstenschnitt, trug weiße Turnschuhe und eine Khakihose. Hinter dicken Brillengläsern blinzelten flinke Augen; vielleicht verzerrten die Gläser seinen Blick. Das fette Gesicht war tropfnass, der ganze Mann roch sauer nach Schweiß.

»Das müssen Sie die fragen, die ihn aufgeknüpft haben«, antwortete ich.

Ich war sicher, diesen Mann noch nie gesehen zu haben. Und doch war er mir irgendwie nicht fremd.

Natürlich sprachen die Leute in den Läden über das Ereignis, das unseren Vorort in Aufregung versetzt hatte. Viel mehr als das, was ich schon wusste, erfuhr ich jedoch nicht. Ich hörte Vermutungen, Gerüchte; bekannt geworden war, dass das Schloss des Kirchenportals mit einem Dietrich geöffnet wurde. Spuren aber, die weiterführen könnten, so jedenfalls drückte es der zuständige Polizeidirektor in einer Pressekonferenz aus, fanden sich bislang nicht. Sicher war nur, dass es mehrere Täter gewesen sein mussten, denn eine Person allein wäre unfähig gewesen, einen so schweren Mann wie Böhmer hinauf in den Turm zu schleppen. Und verbittert waren die Leute, weil ausgerechnet unsere Kirche für das Verbrechen ausgesucht worden war. Sie empfanden das als eine persönliche Kränkung.

Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt stand noch vor der Kirche, als ich mit gefüllter Einkaufstasche zurückkam. Er lächelte vertraulich, wischte sich Gesicht und Nacken mit einem Taschentuch trocken und trat einen Schritt auf mich zu.

»Sonderbar«, sagte er, »ausgerechnet in einem so abgelegenen Stadtteil haben die Täter ihre Fracht abgeladen. Hier ist alles so friedlich, so ruhig, so dörflich. Vielleicht war das der Grund.«

»Da müssen Sie schon die Täter fragen«, sagte ich. »Ich kann Ihnen nicht helfen.«

Fast schmerzlich spürte ich seinen Blick in meinem Rücken, während ich gemächlich den kleinen Berg zu unserem Haus hinaufstieg.

Christa saß in einem Korbstuhl auf der Terrasse.

»Wir sollten zur Beerdigung gehen«, sagte sie. »Ich meine, das verlangt schon der Anstand. Ich bin schließlich seine Halbschwester, und er war immer gut zu mir. Ich kann mich über ihn nicht beklagen.«

»Für mich ist er ein Fremder«, antwortete ich.

»Für dich vielleicht. Ich war zehn Jahre in seinem Haus.«

»Und du hast nun mehr als zehn Jahre nicht mehr mit ihm gesprochen. Er heißt Böhmer. Wir heißen Wolff, und du bist eine geborene Klaasen, wenn dein Erzeuger auch ein Böhmer war.«

»Dafür kann mein Halbbruder nichts. Denn wenn meine Mutter gewollt hätte, wäre ich nicht auf der Welt.«

»Ich werfe deinem Vater ja nicht vor, dass er dich gezeugt hat. Ich werfe ihm vor, dass er deine Mutter aus dem Haus gejagt hat wie einen Hund. Dieser Herr Klemens Böhmer hat nicht mal nach dir gefragt, du warst für ihn nur ein Ärgernis.«

»Vielleicht hat sich meine Mutter ein besseres Leben versprochen, wenn sie den Herrn des Hauses drüber lässt. Ich habe sie nie danach gefragt, und sie hat von sich aus nie etwas erzählt. Kann doch sein: Vielleicht versprach sie sich tatsächlich ein besseres Leben als das einer Köchin. Und vergiss nicht, sie war jung und hübsch und unerfahren und er ein Boss mit viel Geld. Es ist doch so, eine Gefälligkeit fordert eine andere.«

»Ach was. Er hat einfach seinen Schwanz vorgestreckt und kommandiert: Komm. Er hat deine Mutter nicht gevögelt, weil er sie liebte, er hatte Lust auf sie, mehr nicht. Und jetzt lass mich bitte mit diesem Begräbnis in Ruhe.Wenn du unbedingt willst, gehen wir hin.«

Sascha und Lars waren zwölf gewesen, als Christa das Haus Böhmer verließ. Beide hatten uns in der Folgezeit regelmäßig besucht, niemals aber besuchte Christa die Zwillinge in der Villa. Sie mied dieses Haus konsequent, aber auch Heinrich Böhmer und dessen Frau waren nie zu uns gekommen. Niemand in unserer Nachbarschaft wusste über unsere verwandtschaftlichen Verhältnisse Bescheid. Für Neugierige war Christa früher einmal Kindermädchen bei Böhmers gewesen, sonst nichts.

Da fiel mir der Mann mit dem Stiftenkopf ein.

Ich wollte Christa von meiner Begegnung erzählen, tat es dann aber doch nicht, aus mir unerklärlichen Gründen.

Meine Frau hatte noch bis Ende August Urlaub, wir blieben zu Hause.Wir fuhren nicht wie früher in eine kleine Pension nach Süddeutschland oder Österreich, wir wollten unseren Garten genießen in diesem Jahrhundertsommer, auch unser Erspartes wollten wir nicht angreifen in einer Zeit, in der den Ungesicherten genommen, den ohnehin Gesicherten gegeben wird.Mein Nachbar hatte gesagt: Ja, die Wirtschaft ist frei und der Arbeiter vogelfrei.

Die Beerdigung Heinrich Böhmers auf dem Ostfriedhof war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war die Hitze, das Thermometer zeigte schon morgens um zehn vierundzwanzig Grad im Schatten, ungewöhnlich waren die vielen Trauergäste, ungewöhnlich die vielen Honoratioren mit dem Oberbürgermeister an der Spitze, ungewöhnlich die vielen Reden. Der Vertreter des Arbeitgeberverbandes, ein Mittvierziger, sportlich, rundum eine stattliche Erscheinung, nannte den Verstorbenen pathetisch seinen Freund, der Vertreter der Gewerkschaft lobte Böhmer als fairen Partner, die Vertreter der Kommune und der Landesregierung leierten ihre üblichen und wohl auch notwendigen Phrasen ab und gedachten des Toten als generösen Mäzens, der die kulturellen Bestrebungen in diesem Land großzügig unterstützt hatte. Außerdem waren die Abgesandten der Interessenverbände vertreten, eine in blau gekleidete Blaskapelle und vier Männer eines Streichquartetts im Smoking am offenen Grab. Es war mehr eine Feier als eine Beerdigung.

Sascha und Lars hatten ihre Mutter zu beiden Seiten untergehakt. Ein bis zur Brust reichender schwarzer Schleier verdeckte Frau Böhmers Gesicht; die Zwillinge waren braun gebrannt und standen ausdruckslos an der Gruft. Ich hatte den Eindruck, sie hörten den Reden überhaupt nicht zu, beugten sich nur einem unvermeidlichen Ritual.

Beide jedoch hoben ruckartig den Kopf, als der Betriebsratsvorsitzende Schneider ans Grab trat, im Namen der Belegschaft einen großen roten Nelkenkranz niederlegte und sich dann der Trauergemeinde zuwandte. Er sprach langsam und bewegt: »Sehr geehrte Familie Böhmer, verehrte Trauergäste, ich will es kurz machen nach so vielen bei Beerdigungen notwendigen Reden. Ein Mann wird hier zu Grabe getragen, der für uns, die Arbeiter und Angestellten des Böhmerwerkes, nicht zu ersetzen sein wird. Mögen andere seinen Tod aufklären, wir wollen ihn keinesfalls verklären. Wir trauern tief um diesen Mann. Ich wünschte nur, dass das einmal gedruckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, was er mir gegenüber, der ich die Ehre habe, seit sieben Jahren die Belange der Belegschaft zu vertreten, an Gedanken, Ansichten und Einsichten geäußert hat. Er war kein Rechthaber und Verdiener um jeden Preis, er war ein Partner, mit dem man vernünftig reden konnte. Die Arbeitnehmer hat er stets als Menschen behandelt.«

Und dann hob Schneider etwas die Stimme: »Heinrich Böhmer, halte weiterhin über das Grab hinaus schützend deine Hand über die Menschen deines Werkes.«

Dann folgte das Allerungewöhnlichste: Fünfhundert Arbeiter und Angestellte klatschten Schneider Beifall. Das hatte es wohl auf einem deutschen Friedhof noch nie gegeben.

Durch die Trauergäste ging ein Ruck. Schneiders Ansprache und fünfhundert klatschende Menschen wirkten skandalös, das las ich von vielen Gesichtern ab. Die Empörung prickelte geradezu über den Köpfen in der Hitze. Die Zwillinge aber senkten wieder die Köpfe und gaben sich so, als sei das alles normal. Angestrengt hörten sie zu, während die Blaskapelle das Lied vom Guten Kameraden spielte.

Etwa um diese Zeit fiel mir ein Mädchen auf, das wie wir den Trauerfeierlichkeiten etwas abseits hinter Sträuchern zusah. Bekleidet war sie mit einem schwarzen Hosenanzug und schwarzen hochhackigen Schuhen; sie war zierlich und ausnehmend schön und weinte hemmungslos. Ihre Zartheit forderte Mitleid heraus und Anteilnahme; das Beben der Schultern verriet, dass sie aus Schmerz weinte und sich ganz ihrem Schmerz hingab. Es war ein Bild, wie es kein Bühnenbildner reißerischer hätte arrangieren können: Wie das Mädchen hinter der schwarzen Menschenmauer dastand, das sah fast frivol aus. Als das Largo angestimmt wurde, klagend und doch erlösend, und die schwarzen Puppen wieder zu atmen begannen, wischte sie sich mit dem Handrücken über Augen und Kinn und hob für einen Moment hilflos beide Arme über den Kopf. Dann rannte sie fort, quer über den Friedhof. Nur wenige Besucher hatten sie bemerkt; der Betriebsrat Schneider streckte einen Augenblick die Arme aus, als wollte er sie aufhalten oder zurückholen.

Sechs Männer ließen den Sarg in die Gruft hinab. Die Stricke glitten gleichmäßig durch ihre Hände, die in weißen Handschuhen steckten; als der Sarg unten angekommen war und die Stricke wieder oben lagen, zogen die Träger die Handschuhe aus und warfen sie auf den Sarg.

Wer war dieses Mädchen gewesen? Ich dachte zuerst an eine professionelle Heulsuse, dann faszinierte mich der Gedanke, sie könnte die uneheliche Tochter Heinrich Böhmers sein, so wie meine Frau die uneheliche Tochter seines Vaters ist.

Christa ergriff meine Hand und zog mich fort. Wir verließen den Friedhof, ohne uns noch einmal nach den Trauergästen umzusehen. Die Sonne stach unbarmherzig, die Hitze brütete auf Pflaster und Asphalt.

Vor dem Ausgang erkannte ich den Mann sofort wieder: Es war der Stiftenkopf, der uns in den Weg trat. Er schützte sich mit einem Sonnenschirm vor der Sonne und schwitzte dennoch zum Erbarmen. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht und sammelte sich an der Kinnspitze zu Tropfen.

Ich war ratlos und unangenehm berührt. Der Mann verbeugte sich leicht, fast devot vor Christa; sie blickte verständnislos in sein nasses Gesicht.

»Ich arbeite für eine Illustrierte«, sagte er. »Wir haben uns schon mal gesehen, Herr Wolff, vor der Kirche. Können Sie mir über den Tod Ihres – äh, quasi Schwagers etwas sagen? In den Zeitungen stehen ja nur Spekulationen, und die Situation ist mysteriös genug, aber mein Blatt ist an der Aufklärung dieses Falls höchst interessiert. Ich meine natürlich: an der Aufklärung dieses Verbrechens. Sie verstehen, was ich meine. Sie arbeiten ja auch für Zeitungen, wenn auch nur mit Bildern.«

»Lassen Sie uns in Ruhe«, sagte ich.

Ich schob ihn beiseite und Christa und ich gingen zu meinem Wagen in der dreihundert Meter entfernten Hamburger Straße.

Der Stiftenkopf blieb hartnäckig. Er folgte uns und stand auf einmal neben mir, während ich die Tür aufschloss und darauf wartete, dass die angestaute Hitze entwich.

»Kennen Sie das Mädchen?«, fragte er.

»Welches Mädchen?«

»Die Kleine in dem schwarzen Hosenanzug. Beim Largo ist sie weggelaufen.«

»Ich habe keine Kleine bemerkt.«

»Eigenartig.Mir war, als hätten Sie sie dauernd angestarrt. Wie man sich doch irren kann. Nichts für ungut.«

Er wischte sich mit einem großen Taschentuch den Schweiß von Gesicht und Nacken; dann wandte er sich um und trippelte zum Friedhof zurück.

Christa sah mich über das Wagendach fragend an. Ich zuckte nur die Schultern und tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn: Vermutlich hatten wir es mit einem Verrückten zu tun. Auf der Rückfahrt erzählte ich von meinem ersten Zusammentreffen mit dem Stiftenkopf.

«Ich habe es nicht so wichtig genommen, deshalb habe ich nichts gesagt«, versuchte ich mich zu entschuldigen.

»Hast du die Kleine tatsächlich nicht bemerkt?«, fragte meine Frau.

»Nein«, antwortete ich.

»Aber ich, und ich frage mich, was der Kerl von ihr will. Wer weiß, von welchem Schmierblatt er ist. Woher kennt er unseren Namen und wieso kennt er meine Verwandtschaft zu Böhmer? Der Mann ist mir nicht geheuer. Und mir sind Menschen, die so schwitzen, widerwärtig.Mit ihrem Schweiß wollen sie nur Mitleid erregen.«

»Mich beunruhigt, dass er dein Verhältnis zu den Böhmers kennt.«

»Er wird eine schlüpfrige Story schreiben wollen.Warum nicht, das ist sein Job.«

»Wir haben nichts zu verheimlichen. Ein guter Journalist muss nun mal ein guter Schnüffler sein – im Interesse der Öffentlichkeit.«

»Du musst es ja wissen«, sagte meine Frau.

Vor der Haustür wartete unser Nachbar mit einem Eimer voller Pflaumen.

»Wir haben dieses Jahr einfach zu viel«, sagte er.

»Das ist lieb von Ihnen, Herr Bleicher«, sagte Christa. »Ich bringe Ihnen heute Abend den Eimer wieder rüber.«

»Wissen Sie, bei uns sind alle Gefäße schon voll, meine Frau kommt mit dem Einkochen nicht mehr mit. Ein reicher Segen, dieses Jahr … Sie sind beide in Schwarz? Auf einer Beerdigung gewesen?«

»Ja, leider, Herr Bleicher«, antwortete ich.

»Ein Verwandter? Entschuldigen Sie die indiskrete Frage.«

»Nein, ein Bekannter«, erwiderte Christa hastig.

»Schon älter?«

»Sechzig«, sagte ich.

»Gutes Alter, Herr Wolff, gutes Alter. Jaja, und jetzt hat er nichts mehr von seiner Rente, das Leben ist ungerecht. Er hat womöglich sein Leben lang geschuftet und nun lebt die Witwe wie die Made im Speck. Ich hab da in der Verwandtschaft so einen Fall.«

»Vielleicht ist nicht das Leben ungerecht, vielleicht sind es nur die Gesetze«, sagte ich.

»Wissen Sie, früher hat man nach einer Beerdigung deftig gefeiert, heute laufen die Leute auseinander wie die Hühner beim Gewitter. Ich sags immer, es gibt keine Kultur mehr unter den Leuten. Heute wurde ja auch der Tote vom Kirchturm beerdigt. Ich habs in der Zeitung gelesen, die großen Anzeigen konnte man einfach nicht übersehen. Soll ja ein verdienstvoller Mann gewesen sein. Naja, ich sage es immer: Wenn man Geld genug hat, ist es leicht, verdienstvoll zu sein.«

Ich nahm Christa den Eimer ab und ging ins Haus.

In der Küche sagte sie: »Ich dachte schon, der hört überhaupt nicht mehr zu quasseln auf.«

»Für einen vollen Eimer Pflaumen muss man das schon in Kauf nehmen.«

»Du entkernst die Pflaumen und ich koche ein. Bleicher hat dafür gesorgt, dass der Tag nicht langweilig wird.«

Um acht Uhr abends klingelte das Telefon. Es war Sascha. Er kündigte seinen Besuch für den nächsten Tag an.

»Hoffentlich erbst du etwas«, sagte ich zu Christa.

»Gott bewahre uns, ich habe auch schon mal daran gedacht. Es wäre schrecklich«, antwortete sie.

Auf unserer Terrasse erlebten wir einen Sascha, wie wir ihn noch nie gesehen hatten: nervös, die Hände fahrig, die Augen unstet. Wenn er seine Tasse zum Munde führte, zitterte seine Hand wie die eines Säufers. Mehrmals verschüttete er Kaffee in die Untertasse; während er Kuchen aß, ließ er keinen Blick vom Kirchturm. Auch wenn er uns ansprach oder antwortete, blickte er uns nicht an.

»Das Telegramm hat uns in Casablanca erreicht«, sagte er. »Lars und ich dachten logisch an einen natürlichen Tod, Herzinfarkt oder so was Ähnliches. Wir bekamen sofort eine Maschine nach Madrid und von dort eine direkt nach Frankfurt. Wenn man Geld hat, gibt es keine Komplikationen.«

Das erzählte er ruhiger, wenn auch mit Pausen zwischen den Sätzen.

»Wissen Sie, Herr Wolff, mein Vater hat einmal zu uns gesagt, noch bevor bei uns zu Hause zum ersten Mal die Fensterscheiben klirrten: Es werden schwere Zeiten kommen und schlimme dazu. Dann werden wir unser schönes Haus aufgeben, in die Stadt in eine Allerweltswohnung ziehen müssen, wo wir wenigstens sicher sind, denn hier draußen in der Einsamkeit werden wir nicht sicher sein, nicht mehr. Die angestaute Wut der Arbeitslosen wird sich in Gewaltakten entladen. Ich kann diese Wut sogar verstehen, weil unten immer nur entlassen wird, während Spitzenmanager abgefunden werden. Ja, mein Vater hatte manchmal sonderbare Gedanken … Gehen Sie mit mir mal zur Kirche? Begleiten Sie mich?«

»Sie ist tagsüber abgeschlossen. Wir müssten vom Pfarrer oder vom Küster den Schlüssel holen. Beide kenne ich nicht so gut, als dass ich mir erlauben könnte, sie zu belästigen. Aber weil wir gerade von Arbeitslosen sprechen: Die haben Ihren Vater gewiss nicht umgebracht, denn er hat keine Arbeiter entlassen. Sie sind da auf der falschen Fährte.«

»Wer war es dann, Herr Wolff?«

»Die Polizei wird es herausfinden.«

»Die Polizei? Eine Polizei, die mit sich selber genug zu tun hat, weil sie immer korrupter und gewalttätiger wird? Gerade auch in unserer Stadt, Sie lesen ja Zeitung, bald werden wir amerikanische Zustände haben. Die Polizei spielt Dieb, Hehler und Justiz, wir sind schon eine amerikanische Kolonie.«

»Übertreibungen helfen manchmal, Herr Böhmer«, sagte ich.

Ich duzte die Zwillinge nicht und war für sie deshalb immer Herr Wolff geblieben; das Du wäre mir nie über die Lippen gekommen. Christa hätte es vulgär genannt.

»Der Tod unseres Vaters hat uns sehr getroffen«, sagte Sascha. »Vielleicht war er für uns immer zu alt, vielleicht hatten wir deshalb mit ihm nie Schwierigkeiten. Er mit uns übrigens auch nicht. Wahrscheinlich ging es bei uns zu Hause ohne Reibereien ab, weil mein Bruder und ich nie nach der Fabrik gefragt haben. Jeder von uns hatte sein eigenes Revier. Jetzt fällt uns eins zu, in dem wir nicht bewandert sind. Der Prokurist Gebhardt ist zwar ein braver Mann, treu und ehrlich, aber er hat in seinem ganzen Leben nur Befehle ausgeführt.Wer nur gelernt hat, Befehlen zu gehorchen, der kann selbst nicht mehr befehlen. Gebhardt also fällt aus. Herr Schneider? Er soll grundgescheit und ehrlich sein, aber er ist Ideologe. Mit Ideologie aber, so unser Vater, kann man zwar Menschen betrunken machen, aber keine Fabrik leiten. Und Schwierigkeiten hat Schneider sogar in seiner eigenen Partei.«

»Das spräche eigentlich für ihn.Wer hat keine Schwierigkeiten, wenn er denkt und nicht blökt.«

»Wir werden die Fabrik verkaufen. Was sollen mein Bruder und ich mit dieser Lawine? Sie wird uns erdrücken.Wir haben das Werk höchstens fünfmal von innen gesehen. Als wir noch klein waren, durften wir zu Weihnachten kleine Geschenke an die Belegschaft verteilen, Christkind spielen. Das war alles.«

»Man kann sich einarbeiten«, sagte Christa.

»Man kann fließend Spanisch sprechen und ist doch kein Spanier … Ich mag diese Fabrik nicht, Tante Christa, mein Bruder auch nicht. Wir haben sie nie gemocht. Sie war für uns seit unserer frühesten Kindheit wie der Turmbau zu Babel: Da wird gewerkelt und gewerkelt und einer streicht den Rahm ein. Das war unser Vater.«

»Diese Fabrik hat Ihnen und Ihrem Bruder bislang ein sorgenfreies Leben garantiert«, sagte ich. »Durch die Fabrik, durch die Lawine, wie Sie sie nennen, haben Sie regelmäßig das bekommen, wonach Millionen sich die Finger schlecken. Natürlich können Sie die Fabrik auch schließen, in unserem Land darf jeder mit seinem Eigentum machen, was er will. Machen Sie dicht, Geld haben Sie genug bis ans Ende Ihrer Tage. Sie können die Fabrik auch verkaufen, was für Sie wahrscheinlich lukrativer ist.«

»An die Konkurrenz? Einige Vertreter dieser Konkurrenz habe ich in unserem Hause kennengelernt. Ich weiß, ein Herr Wagenfuhr ist hinter der Fabrik her wie der Teufel hinter der Seele. Das wäre ein möglicher und potenter Käufer. Aber ich glaube, er würde das Werk nach einer bestimmten Anstandsfrist seinem amerikanischen Konzern einverleiben. Ich kann es auch anzünden, warum nicht, solange dabei keine Menschen zu Schaden kommen und ich von der Versicherung keinen Pfennig verlange.«

»Immerhin, es ist das Werk Ihres Vaters, sein Lebenswerk. Es ist, wie ich den Zeitungen entnehme, ein durch und durch gesundes Werk, das Produkte herstellt, die in aller Welt verkauft werden. Solide Arbeit, überragende Qualität.«

»Mein Bruder spielt Mozart und ich bin nicht Berthold Beitz.«

»Immerhin ein exzellenter Mann und Ehrendoktor an einer Universität in einem kommunistischen Land, in Greifswald. Das ist nicht alltäglich.«

»Ich will aber nicht Ehrendoktor werden, schon gar nicht in Greifswald. Ich will – Herr Wolff, wissen Sie, wer meinen Vater umgebracht hat?«

»Ich habe nicht einmal eine Ahnung.«

»Und warum gerade auf Ihrem Kirchturm?«

»Es ist nicht mein Kirchturm, ich wohne nur hier«, sagte ich.

Am frühen Abend verabschiedete sich Sascha wie immer korrekt und freundlich. Meine Frau konnte sich nicht verkneifen, noch einmal zu mahnen: »Sascha, man kann sich in alles einarbeiten, wenn man den Willen und die Verantwortung mitbringt.«

»Ich weiß, aber eben da hapert es. Verantwortung? Für wen?«

Wenig später heulte dumpf und kraftvoll der Motor seiner schweren BMW-Maschine auf. In seiner schwarzen Vermummung saß Sascha im Sattel wie ein Wesen aus einem Horrorfilm.

»Jungen Leuten dürfte man so schwere Maschinen nicht anvertrauen«, sagte Christa.

Der Abend wurde merklich kühler, der Jahrhundertsommer kündigte seinen Abschied an. Sascha hatte kein Wort darüber verloren, warum er uns besucht hatte. Von der Villa oder Böhmers Stadtwohnung hatte er nichts erzählt, auch nichts davon, was in seiner Familie für die Zukunft beschlossen worden war. Schließlich ging es um ein nicht unbeträchtliches Vermögen, eine große Erbschaft.

»Sie werden es sich überlegen«, sagte Christa, »sie werden sich einarbeiten. Sie sind noch etwas unbeholfen, aber sie sind nicht dumm.«

Später lud uns Herr Bleicher zum Grillen in seinen Garten ein. Es gab Rostbratwürste, Schnitzel und Kartoffelsalat, dazu ein kleines Fässchen Bier.Während des Abends setzten sich noch andere Nachbarn hinzu, die Bleicher über die Zäune hinweg eingeladen hatte, beim Essen und Trinken mitzuhelfen.

»Es wird sowieso das letzte Mal sein in diesem Jahr, dass wir so gemütlich im Garten sitzen. Das Barometer fällt«, sagte er.

Ich genoss den Abend, vergaß Sascha und den Kirchturm. Der schwarze Himmel weckte Vertrauen, die Sterne leuchteten wie Zigarettenglut; über die Glut im Grill deckte sich langsam weiße Asche. Die Nacht verkündete Abschied von einer Zeit, die es uns leicht gemacht hatte, den ausgefallenen Urlaub im Süden zu vergessen. Christa strickte, ich trank langsam in kleinen Schlückchen meinen Wein.

Das feuchtkalte Wetter mit gelegentlichen Regengüssen bedrückte unsere Stimmung in den folgenden Tagen um so mehr, als wir die lange Hitzeperiode, den wolkenlosen Himmel wie selbstverständlich hingenommen und uns in ein Land versetzt gefühlt hatten, das keine Kälte kennt. In der zweiten Septemberwoche brach dann über die Stadt ein Wolkenbruch nieder, der schlimme Schäden befürchten ließ. Die herabstürzenden Wassermassen waren so gewaltig, dass ich das fünfzig Meter entfernte Haus meines Nachbarn nur noch als Schemen sah. Die Keller ganzer Straßenzüge liefen voll, Straßen wurden wegen Überflutung gesperrt, von den Bäumen brachen dicke Äste, Bus und Straßenbahn fuhren nicht mehr, über Stunden ruhte in der Innenstadt der Verkehr.

Auch in unserem Garten hatte der Regen gewütet. Alle Dahlien waren geknickt, Rosen abgebrochen, Erde über und durch die Ritzen der Palisaden auf die Straße geschwemmt. Die Katze umschmeichelte schnurrend meine Beine, das Wetter behagte ihr nicht.

Gegen Abend schrillte die Türglocke. Ich lief in die Küche und sah durch die Scheibengardinen: Vor unserem Haus war ein grüner Mercedes vorgefahren. Lars hielt wie ein geschulter Cheffahrer eine der hinteren Türen auf; zwei junge Frauen stiegen aus. Sascha hatte geklingelt.

Die Freundinnen der Zwillinge hatten wir vorher nie gesehen; sie kamen wohl aus guten Häusern, wie sich das gehört. Christa begrüßte den unverhofften Besuch überschwänglich, dabei musterte sie ungeniert die jungen Frauen. Bei der Vorstellung erfuhr ich nur, dass die Aschblonde Susanne, die Schwarzhaarige Nina hieß. Beide waren verlegen; womöglich hatten die Zwillinge sie gegen ihren Willen mitgeschleppt, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht nur, um sie Christa endlich vorzustellen.

Während sich die Vier in den Polstern des Wohnzimmers niederließen, begriff ich erst die unmögliche Situation: Vor mir saßen zwei junge Männer mit ihren hübschen Freundinnen und warteten darauf, von mir bedient zu werden.

Die Frauen waren modisch dezent und teuer gekleidet; vielleicht waren sie vordem nie in einem Reihenhaus zu Besuch gewesen.

»Ihr hättet anrufen sollen, ich bin auf vier zusätzliche Esser nicht vorbereitet«, sagte Christa.

»Wir sind nicht zum Essen gekommen«, erwiderte Lars, der noch jungenhafter aussah als sein Bruder. »Wir wussten vor einer halben Stunde noch nicht, dass wir hier landen würden. Mach dir keine Sorgen, wir verhungern schon nicht. Wir sind bloß gekommen, um dir, um Ihnen Nina und Susanne vorzustellen, und wir werden uns nicht lange aufhalten. Wir hatten in den letzten Tagen viel zu tun. Ein unerwarteter Tod bringt unerwartete Komplikationen.«

Sascha nickte zu den Worten seines Bruders und ich versuchte mir vorzustellen, welche Komplikationen er gemeint haben könnte. Ich wollte nach der Zukunft der Fabrik fragen, aber da fuhr Lars schon fort: »Unsere Mutter wird jetzt endgültig nach Frankreich ziehen. Sie bricht hier ihre Zelte ab, wie man so sagt, die Stadtwohnung wird sie unseretwegen behalten. Sie sagt, sie kann hier nicht atmen, in Frankreich sei die politische Luft besser. Sie wird abreisen, wenn alles erledigt ist. Sie will fort, einfach fort, redet nur noch von Avignon.«

Das Mokante in seiner Stimme ärgerte mich und auch die Tatsache, dass Ausreißen leicht ist, wenn man Geld hat.

»Die Villa wird vermietet, vielleicht auch verschleudert«, ergänzte Sascha und lächelte.

»Und die Fabrik?«, fragte Christa.

»Die Fabrik?«

Lars zögerte, beiden Brüdern war die Frage lästig. Sie sahen sich an und nickten sich zu.

»Es ist beschlossen, so gut wie beschlossen, Tante Christa, dass wir sie verkaufen werden«, antwortete Lars. »Auch unsere Mutter hat innerlich mit diesem Kapitel abgeschlossen. Sie hat erklärt, dass sie an der Fabrik kein Interesse mehr hat, sie will in Avignon sterben und dort begraben werden. In den nächsten Tagen steht die Testamentseröffnung durch die Anwälte und Notare an, bis dahin bleibt unsere Mutter in der Stadt. Wir wissen im Einzelnen nicht, wie Vater vorgesorgt hat, ein Chaos wird er uns nicht hinterlassen haben. Jedenfalls läuft der Betrieb gegenwärtig so, als ob er von morgens bis abends hinter seinem Schreibtisch sitzen würde.«

»Ein kleiner Trost für Sie«, sagte ich.

»Der Tod unseres Vaters ist ein Irrtum gewesen, muss ein Irrtum gewesen sein«, sagte Sascha. »Davon sind wir mehr und mehr überzeugt.«

»Irrtum? Du meinst das Verbrechen an deinem Vater. Und wie kommst du auf Irrtum?«, fragte Christa.

»Weil der Tod unseres Vaters keinen Sinn ergibt, absolut keinen. Wir hatten mit dem zuständigen Kriminaldirektor eine lange Aussprache, auch er steht vor einem Rätsel. Die Polizei steht ja immer vor einem Rätsel, wenn sie kein Motiv findet. Wissen Sie, Herr Wolff«, sagte Sascha und sah mich dabei direkt an, »es fehlt ganz einfach ein Motiv, und deshalb, so die ermittelnde Behörde, muss der Tod unseres Vaters ein Irrtum, eine Verwechslung gewesen sein. Unser Vater war, wenn schon nicht geliebt, so doch ein hoch geachteter Mann. Er war erfolgreich und gerecht.«

»Erfolgreiche wecken Missgunst«, sagte ich.

»Unser Vater wurde bewundert, denn Erfolg ist das Einzige, was Menschen überzeugt. Das war Vaters Wahlspruch.«

Mich verwunderte, wie kühl und sachlich die jungen Männer über ihren Vater sprachen, so, als hätte es einen Mord nie gegeben.

»Schön, bleiben wir dabei, dass es ein Irrtum war. Wer aber hat den Irrtum begangen?«, fragte ich.

Ehe Sascha antworten konnte, standen Nina und Susanne plötzlich auf und traten an die Terrassentür.

»Einen traumhaft schönen Garten haben Sie«, sagte Nina, »ich bin ganz begeistert.«

»Das Unwetter hat ihn arg zerzaust«, antwortete ich.

»Überhaupt, alles ist so ländlich hier«, sagte Susanne. »Nur der Misthaufen Ihres Nachbarn stinkt.«

»Manchmal, nicht immer. Wir jedenfalls wissen, stinkt der Haufen, wird es anderes Wetter geben.«

Die beiden Frauen setzten sich wieder auf ihre Plätze und blickten ratlos in die Runde. Vielleicht fühlten sie sich hilflos in der für sie ungewohnten Umgebung, vielleicht wollten sie einfach nur fort und wussten nicht, wie sie es anfangen sollten.

»Wir werden uns jetzt für längere Zeit nicht sehen«, sagte Lars zu Christa. »Die Fabrik, das Studium, wir müssen sehen, wie wir zurechtkommen, aber wir lassen auf jeden Fall von uns hören.«

Ich musterte die Vier verstohlen: Die Zwillinge kannte ich seit Jahren, ich fand sie aufrichtig und brav. Sie waren sich aber auch ihrer Bedeutung bewusst, die sie durch die Bedeutung ihres Vaters gewonnen hatten; ihre Begleiterinnen spielten für sie nur Statistenrollen. Und die Frau Mama, die Grande Dame, wie sie allseits genannt wurde, setzte sich nach Frankreich ab und wollte dort auch sterben. Die Herren Söhne aber fürchteten ihr Erbe wie eine Lawine, die alles zudeckt. Andererseits: Womöglich war ich nur neidisch auf die Gelassenheit der jungen Leute, vielleicht auch auf ihr Geld, das ihnen diese Gelassenheit erst gab.

»Und die Fabrik?«, fragte Christa noch einmal.

»Wir werden uns wegen einer Fabrik nicht die Zukunft verbauen lassen«, antwortete Sascha.

Ich atmete auf, als sie endlich gingen. Die Frauen verabschiedeten sich mit Kopfnicken, die Zwillinge mit Handschlag.

Später half ich Christa, in der Küche das Abendessen zu richten. Sie arbeitete nachdenklich, und weil sie beharrlich schwieg, fragte ich: »Bist du aus dem Besuch schlau geworden?«

»Alte Anhänglichkeit, nichts weiter«, antwortete sie. »Ich sehe es so: Beide sind jetzt allein, auch diese Freundinnen sind nur Ersatz. Die Zwillinge sind einsam, weiter nichts, und ich finde es einfach brutal von ihrer Mutter, sie hier sitzen zu lassen. Schließlich sind die beiden genau genommen noch Kinder, wenn sie auch über einsachtzig groß sind.«

»Sie sind doch sonst auch allein, der eine in Münster, der andere in Bonn.«

»Das ist etwas anderes. Und mit den Anwälten und Notaren können sie nicht so sprechen wie mit mir. Anwälte wollen nur verdienen.

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