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Die Küste der Freiheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Erstes Buch - In der Heimat
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  1. Zweites Buch - Ferne Ufer
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  16. Kapitel 15
  17. Kapitel 16
  1. Drittes Buch - Das Wiedersehen
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  1. Viertes Buch - Zwischen den Fronten
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  1. Fünftes Buch - Entscheidungen
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  1. Epilog
  2. Nachwort
  3. Glossar
  4. Für die Romanhandlung bedeutsame historische Persönlichkeiten
  5. Danksagung
  6. Auf den Spuren von Anna und Lorenz - Reise- und Stöbertipps

Über die Autorin

Maria W. Peter ist seit Langem von Amerika begeistert. Während ihres Studiums der Amerikanistik und Anglistik war sie das einzige deutsche Mitglied eines Chors der US-Gemeinde in Kaiserslautern und pflegte intensive Freundschaften zu amerikanischen Familien. Später lebte sie in Columbia, Missouri, wo sie als Fulbright-Stipendiatin die School of Journalism besuchte. Dort erlag sie endgültig der Faszination amerikanischer Kultur und Geschichte. Schon zu Studienzeiten arbeitete Maria W. Peter als Journalistin. Heute ist sie als freie Autorin tätig und pendelt zwischen dem Rheinland und dem Saarland.

Besuchen Sie auch die Homepage der Autorin: www.mariawpeter.de

Für Lisa Lapsley
zur Erinnerung an unsere Studienzeit in Missouri
und die gemeinsame Suche nach den Wurzeln.

Sowie für Edith und Eddie Lanuzga,
mit deren Familie ich bereits in Deutschland
ein Stück Amerika erleben durfte.

Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht,
dass alle Menschen gleich erschaffen worden,
dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen
Rechten begabt worden, worunter sind Leben,
Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.

Präambel der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung

Warum sollte ich meine Freiheit richten lassen von dem Gewissen eines andern?

1 Korinther 10,29

ERSTES BUCH – IN DER HEIMAT

Herbst 1775 bis Frühjahr 1776

Fürstentum Waldeck-Pyrmont,
Cöln und Cassel

KAPITEL 1

Dorf Berich, Fürstentum Waldeck-Pyrmont,
September 1775

Ein erbärmliches Wimmern erfüllte die stickige Luft in der Hütte, deren Fenster lediglich mit schmutzigen Stofffetzen verhangen waren. Zuerst schwach und hilflos, steigerte es sich langsam zu einem herzerweichenden Schreien, während Anna den dämmrigen Raum durchquerte und ihre Hände in einen Bottich tauchte. Das Blut, das sie sich abwusch, färbte das warme Wasser dunkel. Am Stoff ihrer Schürze rieb sie sich die Finger trocken, strich sich über die erhitzte Stirn und hörte zufrieden, wie das Schreien verebbte.

Mit einem müden Lächeln näherte sie sich dem Bett der jungen Mutter, die noch ein wenig unbeholfen ihren Säugling im Arm hielt, der sich unter der Wärme der Decke beruhigte. Leicht berührte Anna sein Köpfchen, an dem der Flaum feuchter Haare klebte. Jedes Mal aufs Neue erschien ihr die Geburt eines Menschen wie ein Wunder, ein Geschenk Gottes.

Einen Moment lang ruhte ihre Hand auf dem Neugeborenen, dann schloss sie die Augen und sprach ein kurzes Gebet, bevor sie wieder in die Gegenwart zurückkehrte und an die Gefahr dachte, der sie sich durch ihre Anwesenheit hier aussetzte.

»Ich muss jetzt aufbrechen«, sagte sie leise. »Bald geht die Sonne auf, und es wäre nicht gut, wenn ich bis dahin nicht zurück bin.«

Während die junge Mutter ihr lächelnd zunickte, stand der Vater des Kindes, ein einfach gekleideter Bauer, etwas unsicher neben dem Bett. Jung und unerfahren, wie er war, würde er es nicht leicht haben, für den Lebensunterhalt seiner Familie zu sorgen. Doch dies war seine Aufgabe.

Aus Erfahrung wusste Anna, dass beim ersten Kind die Freude meist noch groß war. Wenn aber dann die Familie ständig wuchs und es immer mehr hungrige Mäuler zu stopfen galt, hielt in vielen Familien die Not Einzug.

Schweigend nahm sie ihren Umhang, den sie auf einem Stuhl neben dem Bett abgelegt hatte, gab noch Anweisungen, das Wasser im Bottich zu erneuern und die blutigen Leinentücher zu waschen. Dann schlug sie die Kapuze über ihren Kopf, trat durch die Tür nach draußen und atmete tief die kühle Septemberluft ein. Am Horizont war bereits ein grauer Streifen zu sehen. Dunstschwaden stiegen aus der nahegelegenen Eder auf und schwebten gespenstisch über dem Wasser.

Obwohl sie die ganze Nacht über gewacht hatte, fühlte sich Anna nicht müde, eher leicht und ein wenig schwindelig. Ihre Rocksäume schleiften über den feuchten Boden, als sie den steilen Rückweg durch den herbstlichen Wald antrat. Noch immer verweilten ihre Gedanken bei dem Neugeborenen, dem sie gerade auf die Welt geholfen hatte, während ihr Magen mit einem leisen Rumoren signalisierte, dass sie lange nichts mehr gegessen hatte.

Morgennebel hing über dem taufeuchten Gras, das Grau am Horizont löste sich allmählich auf und nahm die unterschiedlichsten Rosatöne an. In der Luft hing der vertraute Geruch nach trockenem Stroh, reifen Äpfeln und abgeernteten Feldern.

Es war kein allzu weiter Weg vom Dorf Berich zurück nach Waldeck, wo Anna und ihr Vater Zuflucht gefunden hatten, als sie ihre Heimat auf dem Weyerhof im vergangenen Frühjahr aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit verlassen mussten. Dem dortigen Fürsten von Nassau-Weilburg waren Mennoniten wie sie – abschätzig auch Wiedertäufer genannt – nicht sonderlich willkommen. Aus diesem Grunde durfte in seinem Fürstentum die mennonitische Bevölkerung eine bestimmte Anzahl nicht überschreiten. Dies hatte zur Folge, dass viele von ihnen, gerade junge Menschen, immer wieder gezwungen waren, ihr Glück in der Fremde zu suchen.

Es waren Glaubensbrüder aus dem unweit von Cassel gelegenen Fürstentum Waldeck-Pyrmont, die sich bereit erklärt hatten, Anna und ihren Vater in ihrer Mitte aufzunehmen. Als amische Täufer, einer besonders strenggläubigen Ausrichtung, unterschied sich die Waldecker Gemeinde jedoch in manchen Traditionen deutlich von dem, was Anna von ihrer Heimat her kannte. Gleichwohl war die Geschwisterlichkeit im gemeinsamen täuferischen Glauben ein spürbarer Trost für sie, der ihr, nach allem, was hinter ihr und ihrer Familie lag, das Gefühl von Sicherheit verlieh. Und an diesem seltsam verzauberten Herbstmorgen war Anna bereit zu glauben, hier, bei den Amischen in Waldeck, wirklich eine neue Heimat gefunden zu haben.

Ein plötzliches Knacken von Zweigen ließ sie zusammenfahren. Unvermittelt stieg das Gefühl einer drohenden Gefahr, die im Verborgenen lauerte, in ihr auf. Wurde sie beobachtet? Ihr Herz hämmerte wie wild, als sie stehen blieb und sich umschaute. Doch sie sah nur eine Krähe, die über die sich schon gelb verfärbenden Bäume flatterte, und eine streunende Katze, deren grünliche Augen aus dem Unterholz leuchteten.

Angeblich sollte dieser Landstrich verwunschen sein. Kein Wunder, dass Geschichten von Geistern, Hexen und Zauberern die Runde machten und sich viele des Nachts gar nicht mehr in den Wald trauten. Dieser Aberglaube hatte Anna gelehrt, ihr heilkundliches Wissen zurückhaltend einzusetzen, um den Leuten keinen Anlass zu Gerede und Verdächtigungen zu geben. Ohnehin standen die häufig auf abgeschiedenen Pachthöfen lebenden Täufer bei den Dorfbewohnern in dem Ruf, fremdartig und eigenbrötlerisch zu sein, ja im Bunde mit den unterirdischen Mächten zu stehen. Da musste man den Gerüchten nicht noch weitere Nahrung liefern.

Anna fürchtete sich weder vor Hexen noch vor Gespenstern. Doch zwischen den vom Nebel verhangenen Bäumen lag der Hauch einer wirklichen Gefahr. Sie glaubte, ein gehetztes Atmen zu hören.

Erschrocken raffte sie die Röcke und wollte ihre Schritte beschleunigen. Ein erneutes Knacken ließ sie herumfahren. Hinter einer der dicken, knorrigen Eichen sprang eine Gestalt hervor, hatte sie mit wenigen Schritten erreicht, packte sie und presste ihr eine schwielige Hand auf den Mund. Wie eine kalte Woge schwappte Panik über sie und raubte ihr den Atem, sodass bunte Sterne vor ihren Augen tanzten.

»Nicht schreien, Mademoiselle! Nicht schreien!«

Verzweifelt wand sich Anna im Griff des Mannes, unfähig, um Hilfe zu rufen.

»Versprich mir, still zu sein! Dann lass ich dich los.«

Ihr fehlte die Kraft, um sich zu rühren.

Der Fremde schüttelte sie so fest, dass sie fast das Bewusstsein verlor.

»Hast du gehört?«, zischte er. »Du sollst nicht schreien, oder …«

Ein Zittern hatte sich in Annas Körper ausgebreitet, und nur unter Aufbietung all ihrer Willenskraft gelang ihr ein Nicken.

Vorsichtig, als traue er ihr nicht, lockerte der Mann den Griff, löste seine Finger aus ihrem Gesicht und gab sie schließlich frei. Wie eine Ertrinkende rang sie nach Luft und wäre beinahe zu Boden gestürzt, doch mit einem Ruck riss der Fremde sie herum, sodass sie ihn direkt anschauen musste.

Ein dunkelgrüner Rock, rote Aufschläge und messingfarbene Knöpfe. Ein Soldat, einer der Hessischen. Aber was …

»Hör zu, du musst mir helfen. Ich brauche einen Unterschlupf! Schnell!«

Ungläubig vor Überraschung starrte sie ihn an. Sie sollte ihn verstecken? Einen Soldaten? Einen von denen, die bereit waren, auf bloßen Befehl hin Tod und Krieg über ein Land zu bringen, statt auf Gottes Weisungen der Gewaltlosigkeit und des Friedens zu hören?

Aber weshalb?

Anna bemerkte seinen gehetzten Blick, sein unrasiertes Gesicht, die zerrissenen, mit verkrustetem Schlamm bedeckten Leinenhosen, und plötzlich begriff sie: Er war ein Entlaufener, ein Deserteur! Aus Gründen, die sie nicht kannte, hatte er sein Heil in der Flucht gesucht, Leib und Leben riskiert, um das blutige Handwerk des Soldatenlebens hinter sich zu lassen, wohl wissend, dass ihm bei Gefangennahme Hiebe und Demütigung drohten, wenn nicht gar der Tod. Und nun bat er sie um Hilfe.

Noch immer raste Annas Herz, und das Blut rauschte in ihren Ohren. Dort, wo der Soldat sie festgehalten hatte, brannte ihr Arm, ebenso wie ihr Gesicht. Ein irrer Glanz lag in seinen Augen, und sie wünschte sich weit weg, in die Sicherheit ihrer Hütte.

Aber hatte sie das Recht, ihm ihre Unterstützung zu verweigern, wenn er den Willen hatte, dem Kriegshandwerk abzuschwören? Sie, Anna Hochstetter, deren Vorfahren für ihren Glauben und ein Leben in Gewaltlosigkeit Verachtung, Vertreibung und sogar den Tod riskiert hatten?

Zögernd nickte sie dem Fremden, der noch immer schwer atmend vor ihr stand, zu. »Kommt mit mir!«

Obgleich eine innere Stimme sie davor warnte, ihm zu trauen, ging sie an ihm vorbei. Ein gepresstes Aufatmen und das Rascheln seiner Schritte zeigten ihr, dass er ihr folgte.

Die ersten mit Lehm verputzten Fachwerkhäuser tauchten vor ihnen auf, und Anna blieb einen Moment stehen, um das friedlich daliegende Waldeck zu betrachten, über dessen Schloss bereits die Sonne aufstieg. Doch das angespannte Keuchen neben ihr erinnerte sie daran, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte, und so beschleunigte sie ihren Schritt und erreichte schließlich den etwas außerhalb gelegenen Pachthof, in dem um diese Zeit ein geschäftiges Leben erwachte.

Zielstrebig hielt sie auf eine der Scheunen zu, die im Winter auch als Stall genutzt wurden. Gerade wollte Anna die grob behauene Holztür öffnen, als sie aufgeregte Stimmen, Hufgetrappel und schwere Schritte vernahm. Da ihr das Gebäude jedoch den Blick versperrte, konnte sie nicht sehen, was da vor sich ging.

Einen kurzen Moment lang war sie versucht, nachzuschauen, aber der Soldat packte sie am Ellbogen und zerrte sie grob zurück.

»Mademoiselle, bitte!«, zischte er.

Anna gab sich einen Ruck und öffnete die Tür. Sie schaute sich nach allen Seiten um und spähte hinein, um sich zu vergewissern, dass sich niemand dort aufhielt. Erst dann gab sie dem Fremden ein Zeichen, ihr zu folgen.

Staubkörner tanzten in der Luft und schimmerten matt in den durch die Fenster und zwischen den Balken hereinfallenden Lichtstrahlen. Der vertraute, warme Geruch nach sauberem Heu und den Kräutern, die zum Trocknen an der Decke aufgehängt waren, stieg ihr in die Nase.

Als die Tür zufiel, riss das Knarren der Scharniere Anna aus ihren Betrachtungen. Sie fuhr zusammen, da der Fremde plötzlich hinter ihr stand und seine Hand auf ihre Schulter legte. Entschieden schob sie diese beiseite und wandte sich um.

»Das ist alles, was ich Euch anbieten kann. Im hinteren Teil wird das Heu in Ballen gelagert. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr Euch dort einrichten, bis …« Sie unterbrach sich und trat einen Schritt zurück, als der Deserteur ihr mit den Fingerkuppen die Wangen entlang über das Gesicht strich.

»Lasst das!«, zischte sie empört, doch mit einem Griff hatte er ihren Arm gepackt und zog sie näher zu sich heran.

»Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Du hast mein armseliges Leben gerettet, und dafür möchte ich …«

»Ich versuche nur, nach Gottes Willen zu handeln, und benötige keinen Dank.« Mit einer ruckartigen Bewegung gelang es Anna, sich zu befreien und aus seiner Reichweite zu kommen. Seine Augen blieben auf sie geheftet, aber er unternahm keinen weiteren Versuch, sich ihr zu nähern.

»Ich werde heute Abend nach Euch schauen«, sagte sie hastig und wandte sich dem Ausgang zu, während sie das Gefühl überkam, dass sie gerade einen großen Fehler begangen hatte. »Wenn es mir möglich ist, werde ich Euch etwas zu essen bringen, aber jetzt muss ich …«

Noch bevor sie die Tür erreicht hatte, war der Fremde auf sie zugesprungen und fasste sie am Handgelenk.

»Hiergeblieben!« Mit einem Ruck riss er sie herum und presste sie so eng an sich, dass sie das Kratzen seiner unrasierten Wangen auf ihrem Gesicht spürte und seinen unangenehmen Atem roch. »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dir erlaubt habe zu gehen.«

Aus dem unguten Gefühl wurde Angst. Verzweifelt versuchte Anna, ihn abzuschütteln. »Was soll das, lasst mich los!«

Doch er fasste sie noch fester und presste seine Lippen erst auf ihren Hals, dann auf ihre Wange. Bevor er ihren Mund erreichen konnte, holte Anna aus und versetzte ihm mit solcher Kraft eine schallende Ohrfeige, dass ihre Handfläche brannte.

Überrascht hielt der Mann für einen Moment inne. Doch dann verengten sich seine Augen, und er packte ihren Kopf, sodass Anna sich wie in einem Schraubstock fühlte.

»Du willst wohl kämpfen, du kleines Biest? Das wundert mich aber. Ich dachte, ihr Ketzer wärt so friedliebend. Aber wenn du’s nicht anders haben willst.«

Hart stieß er sie auf die Erde. Der Aufprall raubte Anna den Atem. Keuchend rang sie nach Luft, und der süßliche Geschmack von Blut breitete sich in ihrem Mund aus.

Panik ergriff sie, als der Fremde mit seinem Knie ihre Beine auseinanderzwang, während er sich gleichzeitig an ihrem Mieder zu schaffen machte.

Sie schrie auf. Entsetzt und ungläubig zugleich.

»Keinen Ton mehr!« Ein unerwarteter Schlag riss ihr Gesicht zur Seite und ließ sie verstummen. Die Klinge eines Messers blitzte vor ihren Augen auf. »Noch ein Wort, du ketzerisches Miststück und …« Wie zur Warnung ließ er die scharfe Schneide ihren Hals entlanggleiten. Ein Tropfen Blut quoll hervor, rann langsam ihre Haut hinab und tränkte den steifen Stoff ihres Mieders.

Der Blick des Fremden war der Blutspur gefolgt und verweilte an ihrem Brustansatz. Mit einem Ruck des Messers durchtrennte er das Mieder und schlitzte dann ihren Rock auf, der langsam zu Boden sank. Anna trug nun nichts mehr als ihre Chemise, das dünne leinene Unterkleid, das sie nur noch notdürftig bedeckte.

»Was wollt Ihr von mir? Was …«

»Schweig!« Das schwere Gewicht seines Körpers presste Anna fester auf den Boden, als er ihr seine schwielige Hand auf den Mund drückte. »Ich hab doch gesagt, du sollst still sein, allerdings …« Ein hässliches Lachen entblößte seine ungepflegten Zähne. »Gelegentlich weiß ich es durchaus zu schätzen, wenn eine Frau zu schreien versteht.«

Gierig fuhr seine Zunge über seine Lippen, während er mit der freien Hand ihre Wangen und den Hals hinabglitt.

Annas Blick verschwamm. In seinem Griff war es ihr unmöglich zu atmen. Mit letzter Kraft versuchte sie, sich zu wehren, doch gegen diesen Irren hatte sie keine Chance.

»So, kleine Ketzerin!« Seine Stimme keuchte vor Anstrengung und Erregung, und beim Geruch seines stinkenden Atems glaubte Anna, sich übergeben zu müssen. »Jetzt zeig ich dir, wozu ein aufrechter Mann in der Lage ist, und du wirst schön … Au! Verflucht!«

In schierer Verzweiflung hatte Anna ihm ihre Zähne in die Hand geschlagen, die er noch immer auf ihren Mund gepresst hielt. Fluchend fuhr er zurück und besah sich die kleinen tiefen Wunden, aus denen rubinrote Blutstropfen perlten.

Anna nutzte die Gunst des Augenblicks, um sich unter dem Angreifer wegzurollen. Doch dessen anfänglicher Schreck über ihre unerwartete Gegenwehr schien seine Wut und seine Begierde nur noch weiter angestachelt zu haben.

»Du dreckiges Ding!« Ein Faustschlag traf ihre Wangenknochen, Schmerz explodierte in ihrem Kopf, und einen Moment lang glaubte sie, die Besinnung zu verlieren. »Wie kannst du es wagen, du elendes …«

Mehr hörte Anna nicht, denn erneut hatte der Fremde sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie geworfen. Gellend stieß sie einen Schrei aus, bevor er mit seiner blutenden Hand ihren Mund endgültig verschloss.

Doch während ihre zuckenden Bewegungen immer schwächer wurden und die Kraft aus ihrem Körper wich, wurde es plötzlich hell um sie herum. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sich vor der geöffneten Scheunentür eine Gestalt abzeichnete.

»Da ist der Kerl!« Wie durch Nebel spürte sie, dass der Fremde von ihr abließ und hastig auf die Beine sprang. Einen Augenblick blieb sie benommen liegen, dann bemerkte sie, dass der Neuankömmling ebenfalls die rot-grüne Uniform der hessischen Jäger trug.

Unerwartete Hoffnung durchströmte Anna, als sie sich aufrappelte, die Fetzen von Rock und Mieder an den Körper presste und langsam zum anderen Ende des Raumes zurückwich. Sie ließ die beiden Männer nicht aus den Augen, die sich wie wild gewordene Kampfhunde anstarrten und sich umkreisten, bis schließlich einer zum ersten Schlag ausholte.

Dann verkeilten sich beide ineinander, stürzten gemeinsam zu Boden, und irgendwo in dem Gemenge aus Armen und Beinen sah Anna die Klinge eines Messers aufblitzen.

Sie vernahm einen Schrei, gefolgt von einem lauten Keuchen. Mit einem Ruck hatte der Deserteur den anderen Soldaten hochgerissen und ihn mit der Kraft eines Irrsinnigen an die Wand geschleudert, wo sein Kopf gegen das harte Holz schlug. Anna stockte der Atem, als sie den triumphierenden Blick in den Augen ihres Peinigers sah.

Doch bevor der leblose Körper des zweiten Soldaten vollständig zu Boden gesackt war, stürzte ein weiterer Uniformierter durch die Tür. Wieder folgte ein Handgemenge, heftiger, rücksichtsloser als zuvor. Bretter zerbarsten, Schreie ertönten, irgendwo ging etwas zu Bruch. Dann sah Anna, wie sich ihr Angreifer aufrichtete und seinem Gegner die Messerklinge bis zum Schaft in den Leib rammte.

Dieser erstarrte kurz. Ein ungläubiger Ausdruck breitete sich in seinem Gesicht aus, als er an sich herunterblickte und sah, dass ein tiefroter Blutfleck seine Jacke tränkte. Dann stürzte er wie ein gefällter Baum zu Boden.

Schwer atmend blieb der Deserteur stehen, leicht vornübergebeugt, das blutige Messer noch immer in der Hand. Einen Augenblick später erinnerte er sich offenbar wieder Annas Gegenwart, und der irrsinnige Ausdruck auf seinem Gesicht lähmte sie vor Angst und Entsetzen.

»So, meine Süße, jetzt sind wir wieder allein …« Mit wenigen Schritten war er bei ihr, warf sie, die mit dem Rücken an die Wand gepresst stand, wiederum zu Boden. Schmerz durchzuckte sie, als ihre Handflächen und Knie auf dem rauen Untergrund aufgerissen wurden.

»Du wirst nicht mehr schreien!«, keuchte der Fremde. »Es würde dir auch nichts nützen. Oder glaubst du ernsthaft, einer der feigen Betbrüder hier würde es wagen, Hand an mich zu legen?«

Verzweifelt flog Annas Blick umher. Er hatte recht, man würde ihre Schreie nicht hören. Zudem lehnten die Amische jede Anwendung von Gewalt strikt ab, sogar wenn es darum ging, sich selbst zu verteidigen.

Sie war verloren. Rettungslos!

Angst und Ekel mischten sich mit der verzweifelten Erkenntnis ihrer Ohnmacht, als er seine stinkenden Lippen auf die ihren presste, mit seinen Fingern ihre Taille entlangglitt – und sie erstarrte.

Ein Rascheln war im Hintergrund zu hören, ein Schatten durchbrach das hereinfallende Licht, doch der Mann schien es nicht zu bemerken. »Jetzt gehörst du mir!«, zischte es an ihrem Ohr. Anna schloss die Augen und betete vergeblich darum, dass eine Bewusstlosigkeit sie davor bewahrte, mitzuerleben, was nun unweigerlich geschehen würde. Sie spürte, wie das Gewicht seines schweren Körpers sie fest auf den lehmigen, mit Stroh bedeckten Boden presste.

Gott, hilf mir!, flehte sie stumm.

Plötzlich hörte sie einen dumpfen Aufprall, das Geräusch eines Schlages. Zwei, drei Atemzüge lang geschah nichts, dann erschlaffte ihr Angreifer. Ehe sie verstand, was geschehen war, wurde der leblose Körper von ihr weggezerrt. Jemand half ihr auf die Beine, und als diese einzuknicken drohten, wurde sie vom Boden emporgehoben, zum anderen Ende des Stalls getragen und vorsichtig auf einem Strohbündel abgesetzt. Eine Hand stützte ihren Rücken und hinderte sie daran, vor Schwäche umzusinken.

»Alles in Ordnung mit dir?«

Nur langsam wurde Anna sich wieder ihrer Umgebung bewusst, und ihr Sichtfeld klärte sich. Ein junger Mann kniete neben ihr. Ein paar schwarze Locken hatten sich gelöst und fielen in sein von der Sonne leicht gebräuntes Gesicht, das nur eine Spur von Puder aufwies.

»Geht es wieder?«

Anna wandte den Kopf und sah in ein Paar graue Augen, in denen sie Besorgnis lesen konnte.

Doch dann erkannte sie, dass der Mann die gleiche Uniform trug wie der Angreifer – das grün-rote Tuch der hessischen Jäger. Sie wollte erschrocken aufspringen, sank jedoch mit einem leisen Schmerzenslaut zurück auf das Stroh.

»Bleib sitzen, Mädchen, du bist verletzt.« Ohne sie loszulassen, nestelte der Fremde an seinem Leinenbeutel. »Hier, trink das.« Mit einer routinierten Bewegung zog er eine Feldflasche hervor, schraubte sie auf und hielt sie Anna hin. Noch immer zitternd nahm sie diese entgegen und setzte sie vorsichtig an.

Das Wasser schmeckte frisch und vertrieb den Geschmack des Blutes in ihrem Mund. Beruhigend spürte sie die Hand des Soldaten auf ihrem Rücken, und das Zittern ließ ein wenig nach. Mit einem Nicken gab sie ihm die Flasche zurück, wobei ihre Fingerspitzen kurz die seinen berührten.

Dann fiel ihr Blick auf die drei regungslosen Männerkörper auf der Erde, und der Geruch von Blut ließ Ekel in ihr aufsteigen. Schamesröte brannte in ihrem Gesicht, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie außer ihrer Chemise und den Resten ihres Leinenrocks nichts mehr am Leib trug. Hastig tastete sie nach ihrem Mieder und hielt es schützend vor sich.

Inzwischen hatte sich ihr Retter von ihr abgewandt und stieß den Deserteur, der noch immer reglos dalag, mit der Stiefelspitze an. Dieser stöhnte leise, rührte sich jedoch nicht.

»Elender Kerl!« Offensichtlich kostete es den Soldaten all seine Selbstbeherrschung, ihm keinen weiteren Tritt zu verpassen. Stattdessen wandte er sich den beiden Verletzten zu. Der eine war inzwischen wieder zu sich gekommen und hielt sich mit der Hand den Hinterkopf.

»Ist Er schwer verletzt, Sergeant?«

Noch immer blass im Gesicht, schüttelte der Mann langsam den Kopf. »Es geht schon wieder.« Wie um seine Worte zu beweisen, kam er, wenn auch schwankend, auf die Füße. Dann beugte er sich über seinen verletzten Kameraden, der die Besinnung noch nicht wiedererlangt hatte.

»Er lebt, aber er hat viel Blut verloren, Herr Leutnant. Was …?«

»Wir nehmen ihn mit!« Wütend presste der Offizier seine Kiefer zusammen, als er zu dem Bewusstlosen trat und ihm vorsichtig Rock, Weste und Hemd öffnete. Auf dessen behaarter Brust zeigte sich eine blutende, aber nicht tiefe Fleischwunde. »Er wird es überstehen. Los!«

Der Zorn wich aus seinem Gesicht, als er sich wieder Anna zuwandte und sie einen Moment von oben bis unten musterte. »Kennst du diesen Mann?«, fragte er und zeigte auf ihren Peiniger. Dem Klang seiner Stimme nach schien er sie eines Verbrechens für fähig zu halten.

»Nein.« Nur mühsam brachte Anna das Wort hervor, ihr Hals brannte dort, wo der Angreifer zugedrückt hatte, noch immer wie Feuer. »Ich habe ihn noch nie gesehen. Er ist mir im Wald begegnet, und ich wollte …« Sie unterbrach sich, als ihr klar wurde, dass sie dem Offizier um ein Haar verraten hätte, dass sie drauf und dran gewesen war, einem Deserteur Zuflucht zu gewähren.

Das Schuldbewusstsein war ihr offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn mit wenigen Schritten war der Leutnant auf sie zugetreten, schob ihr seinen behandschuhten Zeigefinger unter das Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Was wolltest du?« Sein Tonfall zeigte, dass er gewohnt war, Befehle zu erteilen. »Sprich!«

»Ich war auf dem Weg zurück von Berich«, begann Anna schließlich, um das eigentliche Thema zu umschiffen. »Dort habe ich einer Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes geholfen.« Sie unterbrach sich, doch ein Nicken ihres Gegenübers zeigte, dass er gewillt war, ihr zuzuhören. »Die Wehen haben die ganze Nacht gedauert. Erst im Morgengrauen konnte ich nach Hause zurückkehren. Ich war müde und erschöpft, deshalb habe ich ihn zuerst nicht bemerkt. Er hat mich bedroht und …« Erneut durchlief sie ein Schauder, als sie sich die schicksalhafte Begegnung ins Gedächtnis rief. Nichts, von dem, was sie gesagt hatte, war gelogen. Noch nicht.

Sie schwieg.

Einen Moment lang sah der Offizier sie durchdringend an, als wolle er prüfen, ob das, was sie sagte, tatsächlich der Wahrheit entsprach. Doch die Spuren der Gewalt und die Angst in ihren Augen mussten ihn überzeugt haben, denn er ließ schließlich von ihr ab.

»Darf ich mich wieder ankleiden?«

Er nickte knapp. Eilig raffte sie ihren Rock zusammen, griff nach ihrem Mieder und bemühte sich, es trotz der zerschnittenen Kordel notdürftig zu verschnüren.

Sie spürte den Blick des Leutnants auf sich, der jede ihrer Bewegungen beobachtete, und errötete.

Schließlich wandte er sich ab. »Sergeant Weiser«, wies er den anderen an, »kümmere Er sich um den Verwundeten und siehe Er zu, dass jemand hilft, ihn aufs Pferd zu heben. Doch zuvor sorge Er dafür, dass der da«, er zeigte auf den Deserteur und spuckte die letzten Worte regelrecht aus, »gefesselt wird. Wir reiten heute noch zurück!«

»Zu Befehl, Herr Leutnant!« Sogleich eilte der Angesprochene, zu tun, wie ihm geheißen.

Bei dem Versuch, die Scheune zu verlassen, wäre er beinahe mit einem blonden Mann zusammengestoßen, der mit hochrotem Gesicht hereingestürzt kam. Er trug eine schlichte dunkle Kniebundhose zu weißen Strümpfen, darüber ein Leinenhemd mit brauner Weste. In seinen Augen standen Schrecken und ein Anflug von Zorn.

Sofort schien er die Situation erfasst zu haben und eilte zu Anna, die mit dem Ankleiden fertig war und den Ankömmling stumm, fast ein wenig trotzig ansah.

»Anna, was ist los? Ist dir etwas geschehen?«

»Die Herren werden dir sicher Bericht erstatten.« Ihre Worte klangen kühl und wesentlich sicherer, als sie sich fühlte. »Ich wurde überfallen, aber wie du siehst, geht es mir gut.«

Obwohl der Angriff des Fremden Anna bis ins Mark erschüttert hatte, legte sie keinen Wert darauf, ausgerechnet von Gideon Beiler getröstet zu werden. Er war der Neffe eines der Gemeindeältesten und spielte sich gerne als ihr Wohltäter auf. Allerdings ärgerte sie sich über die Selbstgerechtigkeit, mit der er sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu belehren versuchte.

»Nun denn.« Mit zwei Schritten war der Offizier hinzugetreten, und Anna bemerkte, dass er Gideon um einen halben Kopf überragte. »Ich fürchte, es gab einen kleinen Zwischenfall. Ein Deserteur, den wir schon seit Tagen verfolgen, hat sich offensichtlich hier in den Wäldern versteckt und versucht, dem Mädchen hier Gewalt anzutun.«

Anna bemerkte, dass Gideon entsetzt zusammenfuhr, erst den Offizier und dann sie anstarrte. »Mir ist nichts geschehen, wie du siehst.« Beruhigend legte sie dem Amischen ihre Hand auf die Schulter. Im Augenblick erschien es ihr besser, sich umgänglich zu zeigen, als ein weiteres Unwetter heraufzubeschwören. »Dank der Hilfe von Leutnant …« Sie unterbrach sich und wandte sich fragend an den Offizier, der ihr noch immer gegenüberstand und Gideon stumm musterte, nun jedoch andeutungsweise den Kopf neigte.

»Sekondeleutnant Lorenz von Tannau, zu Diensten!«

»Ich statte Euch meinen Dank ab, Sekondeleutnant«, brachte Gideon gepresst hervor, und aus den Augenwinkeln heraus konnte Anna erkennen, dass Dankbarkeit bestimmt nicht das Gefühl war, welches er in diesem Augenblick empfand.

Fürsorglich, fast besitzergreifend, legte er den Arm um ihre Schultern und zog sie zu sich heran. »Komm, Anna, du bist verletzt, du musst dich waschen und deine Wunden versorgen lassen.«

Zu schwach, um sich ihm zu widersetzen, ließ sie sich von Gideon zum Scheunentor führen, durch das nun die Morgensonne hereinflutete.

Für einen Augenblick gelang es Anna, sich umzudrehen und einen letzten Blick auf den jungen Offizier zu erhaschen. Ihre Augen trafen sich, und zu ihrem Erstaunen las sie Mitleid darin.

Mitleid für sie?

Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in ihr aus, doch bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte Gideon sie nach draußen geschoben.

*

»Zum Henker mit diesem Kerl!« Angewidert betrachtete Lorenz von Tannau die noch immer regungslos auf dem strohbedeckten Scheunenboden liegende Gestalt Kurt Pauls. Tagelang hatten er und seine Männer diesen Verbrecher verfolgt. Dass er sich ausgerechnet hier, auf einem Pachthof dieser Wiedertäufer, verkriechen wollte, dann jedoch gleich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit versucht hatte, eine Frau zu schänden, passte genau ins Bild, das er sich von diesem Feigling gemacht hatte. Schon in Cassel hatte sich Paul an der Tochter eines Schankwirtes vergangen, die allerdings ohnehin keinen Ruf mehr zu verlieren gehabt hatte. Nur wenige Tage später sollte er die Schwester eines ansässigen Töpfers überfallen und schwer verletzt haben. Als ihn die Militärgerichtsbarkeit deswegen zur Rechenschaft ziehen wollte, hatte er sein Heil in der Flucht gesucht.

Schritte näherten sich und rissen Lorenz aus seinen Gedanken. Als er sich umwandte, sah er Sergeant Peter Weiser, der offensichtlich seine Befehle ausgeführt hatte und nun auf weitere Anweisungen zu warten schien.

Mit einem Blick auf den gefesselten Kurt Paul befahl er knapp: »Hol Er mir noch einen Eimer Wasser, Sergeant!« Es wurde Zeit, von hier aufzubrechen, wenn sie noch heute zurück in Cassel sein wollten.

Auf Lorenz’ Geheiß hatte Weiser, unterstützt von einer der einheimischen Bäuerinnen, die Wunden seines Kameraden so gut es ging, versorgt. Dann hatte er ihn auf eine provisorische Bahre gebettet und diese an einem Pferd vertäut. Zwischenzeitlich war der Soldat, dessen Verletzungen sich glücklicherweise als nicht lebensbedrohend erwiesen, wieder zu Bewusstsein gekommen.

Lorenz versuchte noch, von den anwesenden Bauern etwas über den Deserteur zu erfahren. Da aber niemand etwas gesehen oder gehört haben wollte, hatte er sich zum sofortigen Aufbruch entschieden.

Doch hätte er sich gerne noch vergewissert, ob es diesem Mädchen auch wirklich gut ging. Noch immer flackerte Zorn in ihm auf, wenn er an das blanke Entsetzen in ihren Augen dachte. Nur seine Würde als Offizier des Landgrafen hielt ihn davon ab, mit einem festen Stiefeltritt an die richtige Stelle dafür zu sorgen, dass der noch immer bewusstlose Deserteur in Zukunft keine Möglichkeit mehr haben würde, Frauen zu schänden.

Wie hatte dieser amische Bauer sie gerufen? Anna? Armes Ding, einem solchen Galgenstrick wie diesem Paul in die Hände zu fallen. Aber obgleich sie während seiner Befragung völlig verängstigt und im Unterkleid vor ihm gestanden hatte, hatte sie eine gewisse Würde ausgestrahlt. Und selbst dem jungen Amischbauern, der nach ihr sehen wollte, hatte sie trotz ihrer erbärmlichen Lage eine subtile Abfuhr erteilt.

Bei der Erinnerung daran kräuselte ein leichtes Lächeln Lorenz’ Lippen. Ob das ihr Ehemann gewesen war? Seinem besitzergreifenden Gebaren nach zu urteilen, wäre es möglich. Doch die Reaktion des Mädchens auf seine Annäherung hatte eine andere Sprache gesprochen. Vielleicht ihr Verlobter oder jemand, der einen gewissen Anspruch auf die junge Frau anzumelden gedachte.

Aber das sollte seine Sorge nicht sein. Fahrig wischte er sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er hatte weiß Gott genügend eigene Probleme.

Der Sergeant kam mit einem Eimer Wasser zurück. Wortlos griff Lorenz danach und goss ihn mit einem Schwung über Pauls Kopf aus, der daraufhin prustend zusammenfuhr.

Einen Augenblick lang schien er nicht zu wissen, wo er sich befand. Sein Blick irrte orientierungslos hin und her. Doch dann erkannte er Lorenz, was ihm offenbar schlagartig das Geschehene wieder ins Bewusstsein brachte, denn er zuckte zusammen und versuchte aufzuspringen, strauchelte jedoch in seinen Fesseln.

»Versuch es erst gar nicht, du Wurm!«

Weiser nahm die unweit der Stalltür abgestellte Büchse, entsicherte sie und baute sich damit vor Paul auf. »Los, mitkommen!«

Einen Augenblick lang sah es so aus, als wolle Paul sich widersetzen, seine Muskeln spannten sich, und seine Augen suchten den Raum blitzschnell nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Dann aber erkannte er wohl, wie aussichtslos seine Lage war. Er ließ die Schultern sinken und rappelte sich auf, soweit es ihm mit den Fesseln möglich war.

Mit einer knappen Kopfbewegung wies Lorenz ihn an, nach draußen zu treten. Doch erst nachdem Weiser ihm zur Bekräftigung einen leichten Stoß mit dem Kolben seiner Büchse verpasst hatte, setzte er sich endlich in Marsch und leistete auch keinen Widerstand, als er mit einem groben Strick an das Pferd des Sergeanten gebunden wurde.

Vor den Haustüren beobachteten Frauen, alle in ähnliche braune Röcke, blaue Schürzen und schlichte Hauben gekleidet, das Geschehen. Stumm verbargen sie die Kinder hinter ihrem Rücken, als wollten sie diese daran hindern, allzu viel von dem zu sehen, was sich vor ihren Augen abspielte.

Wunderliche Fanatiker, allesamt, diese Wiedertäufer, schoss es Lorenz durch den Kopf, doch grüßte er höflich und ließ seinen Blick unauffällig umhergleiten, ohne dass er Annas blasses, aber entschlossenes Gesicht entdecken konnte. Überrascht stellte er fest, dass er ein leichtes Bedauern darüber empfand. Nach einem letzten Blick auf den gefesselten Paul, der mit gesenktem Kopf dastand, saß er ebenfalls auf. Er nahm das Pferd des Verwundeten am Zügel, gab dem Sergeanten hinter sich einen Wink und trieb sein eigenes Tier mit einem leichten Schenkeldruck an.

Als er an den Häusern entlangritt, glaubte er für einen Augenblick hinter einer kleinen, trüben Scheibe das helle Oval von Annas Gesicht wahrgenommen zu haben, ein Blick aus samtbraunen Augen. Doch vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet, denn als er wieder hinsah, war am Fenster nichts mehr zu sehen. Dann ließ er sein Pferd in einen leichten Trab fallen.

KAPITEL 2

Waldeck, September 1775

»Hier Vater, das wird dir guttun.« Vorsichtig nahm Anna einen mit heißem Minztee gefüllten Messingbecher vom Tisch und reichte ihn dem alten Mann, der ein wenig gekrümmt auf seinem Holzschemel neben der Herdstelle saß. Mit schwieligen Händen griff er nach dem Gefäß, während sich der Duft des Tees und der Rauch des Feuers in dem kleinen Raum verteilten. Einen Augenblick lang genoss sie den stillen Frieden, während sie gemeinsam mit ihrem Vater hinaus in den Herbstmittag blickte, wo eine blasse Sonne die schäbigen Häuser und Hütten in ein warmes Licht tauchte.

»Man hat mir gesagt, meine Tochter«, begann er leise, und seiner rauen, leicht schleppenden Stimme gelang es kaum, das Knistern des Feuers zu übertönen, »dass der Vorfall heute Morgen …«

Anna spürte, wie sie sich verspannte und das Pochen in ihren aufgeschürften Händen und Knien sich verstärkte. Doch sie presste die Lippen zusammen und starrte weiterhin wortlos durch die trüben Scheiben.

»Soldaten, hier auf dem Hof und dann dieser Kerl …« Ihr Vater unterbrach sich für einen Moment. »Sie sagen, dass du nicht ganz unschuldig an dem Vorgefallenen warst.«

Annas Fingernägel gruben sich in ihre Schürze, während sich ihr Körper an die Schrecken des Tages erinnerte und sie die harten Hände wieder spürte, die sie mit roher Gewalt gepackt hatten. »Was meinen sie damit?«, fragte sie tonlos, obgleich sie befürchtete, die Antwort bereits zu kennen.

»Nun …« Eine tiefe Traurigkeit hatte sich in die Stimme des alten Mannes eingeschlichen, »dass es deine Schuld war, dass diese Soldaten hergekommen sind. Und …« Er zögerte, »dass das, was dieser Fremde mit dir tun wollte …«

»Dass ich ihn dazu ermuntert hätte?« Übelkeit stieg in ihr auf, und alles kehrte zurück: ihre Hilflosigkeit, ihre Angst, die bodenlose Erleichterung, als alles vorbei war, als der fremde Offizier sie gerettet hatte. Beim Gedanken an ihn entspannten sich ihre Muskeln, ihr Puls ging schneller und leichter. Stahlgraue Augen, dunkle Locken … Doch gleich darauf überkam sie wieder das Gefühl der Demütigung, weil man sie, ausgerechnet sie, für fähig hielt, willig und aus freien Stücken Unzucht mit einem entlaufenen Soldaten zu treiben.

Sie, die immer fest zum Glauben ihrer Väter gestanden, sich um die Kranken und Bedürftigen der Gemeinde gekümmert hatte und lieber Spott und Vertreibung riskiert hätte, als auch nur einen Fingerbreit von Gottes Geboten abzuweichen.

Ihr Vater wusste das, er musste es wissen. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie zu ihm hinschaute, wie er dasaß, alt, schwach und auf die Hilfe anderer angewiesen.

»Du weißt, dass es nicht so war. Du kennst mich, Vater.«

Der Angesprochene nickte stumm, und als Anna ihn ansah, erkannte sie seinen Schmerz, die Besorgnis um das Wohl der einzigen Tochter, die ihm geblieben war.

»Ich weiß es, mein Kind«, sagte er leise. »Ich weiß es. Doch die Leute hier … Sie haben ihre eigene Meinung zu gewissen Dingen …«

Anna fuhr herum, die Hände in den gestärkten Stoff ihrer Schürze gekrallt. »Und das gibt ihnen das Recht zu lügen? Falsches Zeugnis abzulegen wider mich, in dieser Sache?«

Ein Schatten lag auf dem zerfurchten, bärtigen Gesicht des Alten, als er zu ihr aufblickte. »Sie sind überzeugt, genau zu wissen, was falsch oder richtig, gut oder verdammenswert ist. Und du weißt, dass es hier nicht gerne gesehen wird, wenn eine junge Frau nachts allein durch den Wald zu den Dörfern läuft, um sich mit Fremden abzugeben.«

»Hätte ich also die Frau lieber sterben lassen sollen, geschwächt und mittellos, wie sie war?« Anna spürte, wie ihr der Zorn rote Flecken ins Gesicht trieb. »Ohne meine Hilfe hätte sie keine Chance gehabt, denn ihr fehlt das Geld, einen Arzt zu bezahlen.«

»Ich weiß, Anneli.« Die Miene des alten Mannes wurde sanft, ein Anflug von Zärtlichkeit glitt über sein Gesicht, während er nickte. »Du redest wie deine Mutter. Bisweilen erinnerst du mich sehr an sie.«

Stumm presste Anna ihre erhitzte Stirn an das kühle Glas der Fensterscheiben und schloss die Augen. Sie konnte nicht verstehen, dass man ihr wegen ihres Handelns Vorhaltungen machte. Es entsprach doch in allem dem, was man sie über Menschlichkeit und Nächstenliebe gelehrt hatte. In ihrer Familie war ein solches Verhalten stets eine Selbstverständlichkeit gewesen. Und der Geist der Freiheit hatte bei ihren Eltern und Geschwistern immer einen hohen Stellenwert gehabt. Bei dem Gedanken an ihre einst so zahlreiche Familie kamen ihr wieder die Tränen.

Als einziges von sechs Kindern war sie noch am Leben. Noch immer schmerzte sie der Verlust der Geschwister und besonders stark der ihrer Mutter. Von ihr hatte sie die Kunst des Heilens und der Geburtshilfe gelernt. Aber ausgerechnet ihr hatte sie nicht helfen können, als sie bei der Entbindung ihres letzten Kindes unter ihren Händen gestorben war, zusammen mit dem Neugeborenen, Annas jüngstem Bruder. Seit diesem Tag hatten sie und ihr Vater keine wirklich glückliche Stunde mehr erlebt.

Ihre Mutter hätte sie verstanden, genau wie jetzt ihr Vater. Doch war dieser zu alt, auch von jahrzehntelanger harter Arbeit, dem Tod seiner Frau und seiner Kinder und der Vertreibung aus seiner Heimat zu geschwächt, um sich gegen die Ungerechtigkeit der Welt aufzulehnen.

»Die Menschen sehen nur das Äußere, Gott aber sieht auf das Herz«, zitierte sie leise Mutters Lieblingswort aus der Schrift, »und ich weiß, dass ich nach seinem Willen gehandelt habe. Das genügt.«

Ohne ihren Vater anzusehen, löste sie sich vom Fenster und begann damit, das Geschirr zusammenzuräumen. Dann machte sie sich daran, mit einem Reisigbesen den Boden zu fegen. Der körperliche Schmerz, den ihr geschundener Körper bei der Anstrengung empfand, lenkte sie für den Moment von weiteren Grübeleien ab.

*

»Halt! Alle absitzen! Wir machen hier eine kurze Rast.« Mit einem Ruck am Zügel brachte Lorenz sein Pferd zum Stehen und glitt aus dem Sattel.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass die Soldaten es ihm gleichtaten. Er stöhnte leise und machte ein paar vorsichtige Schritte, um die Verspannungen von dem langen Ritt zu lösen. Aufmunternd klopfte er Perikles, seinem jungen rotbraunen Hengst, den ihm sein Vater zum Erwerb seines Offizierspatents geschenkt hatte, den Hals und führte ihn, noch immer etwas steifbeinig, zu dem kleinen Bach unweit der Straße. Dann zog Lorenz die Handschuhe aus, warf sie achtlos neben sich ins Gras, schöpfte Wasser aus der hohlen Hand, benetzte damit erst Lippen und Gesicht und trank in vollen Zügen.

Nach all den Tagen im Sattel und den Nächten in billigen Gasthäusern, seitdem sie auf der Suche waren, fühlte er sich müde und schmutzig. Es war ungewöhnlich warm für September, und Lorenz spürte, wie seine schweißgetränkte Uniform an seinem Körper klebte.

Zum Kuckuck mit diesen Quacksalbern, die so nachdrücklich vor den Gefahren des Wassers für die menschliche Gesundheit warnten. Entschlossen entledigte er sich seines Rocks, der Halsbinde und der Weste. Dann knöpfte er mühsam das feuchte Hemd auf und riss es mit einem Ruck über den Kopf.

Ohne auf die Männer zu achten, die es ihm wie auf ein stummes Zeichen hin gleichtaten, begann er, sich Gesicht, Hals, Arme und Oberkörper zu waschen, und endlich fühlte er sich wieder sauber und erfrischt. Dankend nahm er das Tuch, das einer der Burschen ihm reichte, um sich damit trocken zu reiben.

Dann ließ er sich, so wie er war, ins Gras fallen. Er spürte, wie die von der Sonne angewärmten Halme seinen nackten Rücken kitzelten und der Duft nach Heu, reifen Äpfeln und den ersten Pilzen in seine Nase strömte.

Unmittelbar nachdem er mit dem Gefangenen und seinen beiden Männern Waldeck verlassen hatte, war er wieder auf die anderen Soldaten des Suchtrupps getroffen. Diese hatten ihn von Cassel aus auf der Jagd nach dem Deserteur begleitet, waren jedoch zuletzt in unterschiedliche Richtungen ausgeschwärmt, in der Hoffnung, diesen einzukreisen und ihm so von allen Seiten den Weg abschneiden zu können.

Fast bedauerte es Lorenz, dass er nun so schnell den Rückweg zur Garnison nach Cassel antreten musste, wo wenig angenehme Verpflichtungen auf ihn warteten. Viel lieber hätte er die Gelegenheit genutzt, weiter nach Cöln zu reiten, um dort den Verwandten seiner verstorbenen Mutter einen Besuch abzustatten. Als Kind war er mit ihr oft dort gewesen.

Gern erinnerte er sich an die unbeschwerten Sommertage, die er mit seiner Mutter, deren Geschwistern, Onkeln und Tanten in den Residenzstädten am Rhein verbracht hatte. Tage voller Gelächter und Frohsinn, wo reichlich starkes Bier und teurer Wein genossen wurden.

Nach Mutters Tod hatte er nur noch selten Gelegenheit dazu gehabt, denn sein Vater hatte diesen Kontakt nicht gerne gesehen, waren doch alle in der Familie seiner seligen Frau Katholiken und noch dazu mit dem Cölner Kurfürsten und Erzbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels befreundet – eine Tatsache, die es im protestantischen Cassel besser diskret zu verschweigen galt, wo ein Dekret die politische Vorrangstellung des Glaubens der Reformation garantierte.

Doch diesmal würde es nichts werden mit dem Abstecher nach Cöln. So erhob sich Lorenz, rief Perikles mit einem leisen Zungenschnalzen herbei und zog einen Kanten Brot aus der Satteltasche. Er hoffte, Cassel ohne weitere Zwischenfälle bis zum Sonnenuntergang zu erreichen und den Gefangenen endlich dem Profos übergeben zu können.

Erneut stieg Zorn in Lorenz auf, als er daran dachte, was dieser Kerl diesem unschuldigen Ding hatte antun wollen. Während er den letzten Bissen hinunterschluckte, ging er einige Schritte den Bach entlang, wo Paul, die Hände noch immer mit einem Strick am Sattel eines der Pferde angebunden, im Gras saß und auf einem gelben Halm kaute. Der herablassende Blick, den er Lorenz zuwarf, stand im krassen Gegensatz zu seinem zerrissenen Rock, dem Schmutz in seinem Gesicht, auf seiner Uniform und seinen Stiefeln.

»Ich werde dich töten, von Tannau, das schwöre ich«, sagte er mit einer solchen Gelassenheit und Ruhe, als befände er sich bei einer Teegesellschaft, wo es darum ging, belanglose Kleinigkeiten auszutauschen. »Eines Tages werde ich dich erwischen.«

»Du wirst hängen, noch ehe du die Gelegenheit dazu hast.« Lorenz lächelte kühl, doch konnte er sich eines unguten Gefühls nicht erwehren. »Man wird dich aufknüpfen, sobald du Casseler Boden betrittst. Und ich werde danebenstehen und warten, bis du blau angelaufen bist.«

»Tatsächlich?« Nachlässig spuckte Paul den Halm aus und stützte das Kinn auf seine gefesselten Hände, ohne sein Gegenüber aus dem Auge zu lassen. »Worum wollen wir wetten?«

Ein seltsam kalter Schauder rann Lorenz’ Wirbelsäule hinab, doch hielt er dem Blick des anderen stand. »Ich wette nicht mit Verbrechern und Frauenschändern.« Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Stiefelabsatz um und stapfte davon.

»Dein Leben gegen meines? Ein gerechter Einsatz, findest du nicht?«, brüllte der Kerl ihm hinterher.

Ohne ihn weiter zu beachten, ging Lorenz zurück zu seinem Pferd, zog sich an und gab das Zeichen zum Aufsitzen. Während er Perikles zurück zur Straße lenkte, fragte er sich, wie dieser Hundesohn sich seiner Sache nur so sicher sein konnte.

*

Der süße Geruch reifer Äpfel drang Anna in die Nase und ließ ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Stimmen der arbeitenden Frauen verschwammen zu einem melodischen Singsang, und das Feuer im Backofen verbreitete eine angenehme Wärme. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich fast vorstellen, wieder zu Hause zu sein, im pfälzischen Weyerhof, wo sie so häufig mit ihrer Mutter in der Küche gesessen, Kräuter getrocknet, Brot gebacken und die Mahlzeiten zubereitet hatte.

Es bereitete ihr Freude, gemeinsam mit den amischen Bäuerinnen Kuchen zu backen, Brotteig zu kneten oder Obst für den Winter zu dörren. Wenn sie sich auch oft heimatlos vorkam – an Abenden wie diesen wusste sie die Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen hier zu schätzen. Dann fühlte sie sich geborgen durch das gemeinsame Band des Glaubens, das friedliche, täuferische Erbe.

Verstohlen steckte sich Anna ein Stück Apfel in den Mund und genoss den frischen Saft, der über ihre Zunge spritzte, während sie die übrigen Schnitze in eine kleine Schüssel füllte, die Schalen hingegen in einen am Boden stehenden Eimer warf. Später würden sie an die Schweine verfüttert werden.

Ruth Wiehler, eine rundliche Bäuerin von etwa sechzig Jahren, öffnete vorsichtig die schwere Eisentür des Backofens. Mit einem energischen Wedeln ihrer Hand verscheuchte sie den herausströmenden Rauch und zog schließlich mit einer Holzschaufel aus der vor Hitze glühenden Röhre zwei prächtige Kuchen hervor. Sie dufteten so köstlich, dass die fünfjährige Rachel, die mit gerötetem Gesicht danebenstand, nur mit einem Klaps auf die Hand davon abzuhalten war, sich ein Stück davon herauszubrechen.

Auf einen Wink Ruths hin ging Anna mit ihrer Schüssel zum Backofen und begann, die Apfelstücke in dem sich langsam abkühlenden Ofen zu verteilen, um sie zu dörren und auf diese Art für den Winter haltbar zu machen. Der rußige Qualm trieb ihr die Tränen in die Augen, und mehrfach musste sie ein Husten unterdrücken. Doch eine der Frauen reichte ihr einen Becher mit schwärzlich bitterem Zichorienkaffee, den sie dankbar entgegennahm und in kleinen Schlucken trank. Danach wischte sie sich mit einem Zipfel ihrer Schürze den Schweiß von der Stirn und setzte sich wieder auf den Holzschemel, um mit dem Entkernen dicker tiefvioletter Zwetschgen zu beginnen, die in einem Eimer neben ihr auf der Erde standen.

Während ihr der klebrig süße Saft der Früchte über die Finger rann, den sie genüsslich abschleckte, dankte sie Gott im Stillen für diese Oase des Friedens und der Gemeinschaft, in der sie leben durfte, nach den schweren Zeiten, die sie und ihr Vater in den vergangenen Jahren durchlebt hatten. Und sie spürte, wie bei diesem Gebet eine tiefe Ruhe über sie kam.

Stimmen, Trommeln und laute Schritte rissen Anna jäh aus ihrer frommen Andacht. Der Lärm, der durch das kleine geöffnete Fenster von draußen hereindrang, schwoll immer mehr an. Nach und nach hielten die Frauen in ihren Arbeiten inne und wandten ihre Gesichter den Fenstern zu, durch deren kleine Scheiben, die von Dampf und Kondenswasser beschlagen waren, jedoch nichts zu erkennen war.

»Alle herhören!«, ertönte eine laute Stimme. »Ich bringe Nachricht von unserem höchst ehrenwerten Fürsten Friedrich Karl August von Waldeck-Pyrmont.«

Bei diesen Worten erstarrte Anna, und ihre Fingerspitzen wurden kalt. Das Messer entglitt ihr und fiel in ihre Schürze, wo es eine Spur des klebrigen braunen Saftes hinterließ. Ihr Mund wurde trocken, und während sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, fragte sie sich, ob der Fremde, wer auch immer er sein mochte, ihretwegen gekommen war.

Wenn man Soldaten hierherschickte, konnte das nichts Gutes bedeuten. Annas Gedanken überschlugen sich. Hatte der Deserteur aus Rache womöglich seinem Vorgesetzten verraten, wie willig sie ihm Unterschlupf gewährt hatte? Ein solcher Frevel wurde ähnlich hart bestraft wie die Fahnenflucht selbst. Waren sie nun hier, um sie zu holen und der gerechten Vergeltung zuzuführen?

Steifbeinig erhob sich Anna und starrte nach draußen. Was sollte sie tun? Bei Gott, was konnte sie nur sagen?

»Anna, was hast du?« Ruths zerfurchtes Gesicht war ernst, und besorgt legte sie ihr eine Hand auf die Schulter »Du bist ja auf einmal so blass, ist dir nicht gut?«

»Ich …« Anna stockte. Sie brachte es nicht über sich, von ihren Befürchtungen zu erzählen.

»Alle mal herkommen!«, erscholl es wieder von draußen, gefolgt von einem Trommelwirbel, der dazu angetan schien, die Glasscheiben der Fenster zum Vibrieren zu bringen.

Was auch immer dahintersteckte, sie würde es nicht herausfinden, wenn sie sich weiter in der Hütte verkroch. Und sollte wirklich sie der Grund für das Auftauchen der Soldaten sein, so hatte sie kein Recht, andere in die Sache hineinzuziehen, indem sie sich feige verbarg.

Entschlossen schob sie Ruths Hand beiseite, legte das Messer auf den Tisch und ging an den Frauen vorbei zur Tür. Bevor jemand sie daran hindern konnte, hatte sie diese geöffnet und trat nach draußen in die abendlich kühle Herbstluft. Wie in Trance nahm Anna wahr, dass die anderen Frauen ihr folgten und von den Ställen her Männer und Kinder herbeikamen – neugierig, was der Aufmarsch zu bedeuten hatte.

Anna verkrampfte sich, als sie die Uniformen der Neuankömmlinge sah. Ein weiteres Mal rissen sich die sorgfältig in ihrem Herzen verborgenen Erinnerungen wie wütende Kettenhunde los und fielen über sie her. Der Fremde im Wald, sein Arm, der sie festhielt, die schwielige Hand, die sich auf ihren Mund presste, die kalte Klinge an ihrem Hals.

Gewaltsam schob sie diese Bilder beiseite und machte einen weiteren Schritt auf die Uniformierten zu, um die sich zwischenzeitlich eine Menschentraube gebildet hatte.

Einer der Soldaten hatte einen kleinen Tisch vor sich aufgebaut, mit einem Stapel Dokumente, einem dicken Buch, Feder und Tintenfass. Zwei seiner Kameraden standen daneben, während ein vierter, in vollem Ornat, mit lauter Stimme die Vorzüge des Dienstes als Soldat in der Armee des Fürsten von Waldeck-Pyrmont anpries.

Erleichterung durchströmte Anna wie eine erfrischende Brise. Die Männer waren gar nicht ihretwegen gekommen. Es waren Soldatenwerber, die durch die Dörfer zogen, um Bauern und Handwerker für den Dienst beim Militär zu rekrutieren. Nun denn, mochte es im Waldecker Land genügend Männer geben, die so arm waren, dass sie sich willig auf die Versprechen von Sold, Ausstattung, Bier, Brot und Fleisch einließen. Bei den Täufern hingegen würden die Werber des Fürsten kein Glück haben.

Doch offensichtlich waren die Soldaten sich dessen nicht bewusst. Anna zog sich das Schultertuch fester um den Körper. Dann fasste sie sich ein Herz, ging einige Schritte auf die Gruppe zu und wurde Zeuge eines Gespräches, bei dem einer der Offiziere ausgerechnet den alten Jakob, Ruth Wiehlers Bruder, von seinem Anliegen zu überzeugen versuchte.

»Und behauptet Er ernsthaft, Bauer, dass Er tatenlos dabeistehen und zusehen würde, wenn Fremde kämen, Sein Land verwüsten, Frau und Kinder abschlachten würden?«

Mit mehr Ruhe, als Anna von ihm kannte, erwiderte Jakob: »Ich wüsste nicht, wer uns hier angreifen sollte. Doch ja, ist schon mal vorgekommen, dass unsere Brüder beschimpft, gefangen genommen, vertrieben und getötet wurden.« Gelassen zog er die Schultern hoch. »Doch keine Waffe der Welt hätte das verhindern können. Es hätte nur zu noch mehr Blutvergießen geführt und dazu, dass wir außer unserem Besitz und unserem Leben auch noch unsere Seligkeit verloren hätten.« Langsam drehte er sich um und ging zurück zum Haus.

Mit leichtem Unbehagen stellte Anna fest, dass das Gesicht des Werbeoffiziers bei dieser unverhohlenen Absage rot angelaufen war. Einen Moment lang befürchtete sie schon, er würde sich auf Jakob stürzen, um diesem die Unverschämtheit aus dem Leib zu prügeln.

Doch nach einigen Atemzügen, während derer nur eine klopfende Stirnader seine Wut verriet, wandte sich der Soldat wieder den Schaulustigen zu. »Und was ist mit den anderen? Sicher ist der eine oder andere von euch Manns genug, um mit einer Waffe in der Hand für seinen Fürsten zu kämpfen?«

Leises Gemurmel erhob sich.

»Der Fürst wird sich nicht lumpen lassen. Ausreichend zu essen, ärztliche Versorgung! He, wie wäre es mit Ihm, Bursche?«, wandte er sich schließlich an einen hoch aufgeschossenen Jungen von etwa fünfzehn Jahren, von dem Anna wusste, dass er Thomas hieß und der jüngste Enkel der alten Ruth war. »Er sieht aus, als hätte Er das Zeug dazu.« Der Offizier lachte heiser. »Oder will Er mir weismachen, dass Er es vorzieht, seine Tage zu Hause zuzubringen, statt etwas von der Welt zu sehen und in kleidsamer Uniform junge Frauen zu beeindrucken?«

Der Kampf zwischen Pflicht und Neigung, zwischen seiner religiösen Überzeugung und den Verlockungen, welche die Worte des Werbers in seinem Kopf heraufbeschworen hatten, waren im Gesicht des Jungen deutlich abzulesen. Seine Augenbrauen hoben sich, seine Stirn legte sich in Falten, und die Sommersprossen auf der Nase schienen aufgeregt zu tanzen, während seine schmale Brust sich vor Erregung hob und senkte.

»Dacht ich mir’s doch. Einen guten Kerl erkenne ich gleich. Na …« Mit wichtigtuerischer Geste winkte der Offizier einen seiner Adjutanten herbei, und neugierig machte Thomas einen Schritt auf ihn zu.

»Du kommst sofort ins Haus, Junge!« Ruths Stimme war leise, aber unerbittlich.

Mit einem sehnsuchtsvollen Blick sah der Halbwüchsige noch einmal zu den bunten Uniformen der Werber hinüber, steckte aber schließlich seine Hände in den Hosenbund und folgte seiner Großmutter.

Der Bann war gebrochen. Die Menschentraube löste sich auf, die Leute kehrten in ihre Häuser zurück.

Dankbar, dass alles so glimpflich verlaufen war, betrat auch Anna wieder die warme Küche. Doch hatte sich ein ungutes Gefühl in ihr festgesetzt, als sei diese Begegnung nur ein Vorspiel zu einem drohenden Unheil gewesen. Und so war die friedliche Stimmung, die sie zuvor noch inmitten der arbeitenden Frauen verspürt hatte, verschwunden.

Ein Hauch von Veränderung hing in der Luft.

KAPITEL 3

Cassel, Oktober 1775

Der Morgennebel hob sich langsam, die Wolkendecke brach auf, und die ersten Strahlen der schwachen Herbstsonne bahnten sich ihren Weg über den Exerzierplatz.

Zwei endlos scheinende Reihen von Soldaten in den grün-roten Uniformen der hessischen Jäger standen sich gegenüber. Mit ihren polierten Waffen und verbissenen Mienen wirkten sie so bedrohlich wie Gestalten aus einer alten Sage. Jeder der Männer hielt in der rechten Hand ein Bündel aus Weidenruten. In der Mitte blieb eine etwa zwei Schritt breite Gasse.

Kein Laut war zu hören, bis auf den Wind, der durch die Bäume strich, und das Husten eines Soldaten.

Hoch aufgerichtet saß Lorenz von Tannau auf seinem Pferd, die linke Hand hatte sich um den Zügel zur Faust geballt. Unwillkürlich glitt seine Rechte zum Griff seines Degens, obgleich es noch zu früh war, das Signal zu geben. Wenige Schritte vor ihm, am Kopfende der beiden Reihen, stand jeweils ein Tambour, die Schlegel ruhten auf dem Lederbezug der Trommeln.

Das laute Quietschen eines sich öffnenden Tores zerriss die angespannte Stille. Die Tamboure begannen, einen dumpfen Rhythmus zu schlagen, als Kurt Paul, flankiert von Sergeant Weiser und dem Profos in seiner grauen Uniform, durch das Tor auf den Platz trat.

Ein kurzes Nicken von Lorenz, und der Sergeant wandte sich zu dem bis auf Stiefel und Hose entkleideten Gefangenen um. Seine linke Hand ergriff den Strick, mit dem die Hände des Mannes gefesselt waren, die rechte hielt die Spitze seines Hirschfängers, der Stichwaffe der Jäger, vor dessen Brust.

Kurz hob Kurt Paul den Kopf und schaute ihn an. Lorenz las einen solch irrsinnigen Hass in seinen Augen, dass er sich zwingen musste, dem Blick standzuhalten.

Paul war zum Gassenlaufen und zur Brandmarkung als Deserteur verurteilt worden. Anschließend würde er aus dem Militär ausgestoßen werden. All das würde ihn zwar von einem gut situierten Soldaten zum verachteten Niemand machen, ihn jedoch voraussichtlich nicht das Leben kosten.

Lorenz gab das Zeichen und sah mit unbewegter Miene zu, wie Kurt Paul, durch den Hirschfänger des Sergeanten vor seiner Brust zur Langsamkeit gezwungen, mit gebeugtem Oberkörper begann, das Spalier der Soldaten zu durchschreiten. Das Zischen der Ruten durch die Luft, gefolgt vom klatschenden Aufschlagen auf nackter Haut durchschnitt die morgendliche Stille. Unterdrücktes Stöhnen war zu vernehmen, die Schritte des Gepeinigten wurden schwerfälliger.

Unmerklich wandte Lorenz den Blick ab. Der Mann war ein Frauenschänder und Verbrecher. Er hatte die Züchtigung mehr als verdient. Gleichwohl war Lorenz die Zurschaustellung drakonischer Strafen verhasst, mochten sie zur Aufrechterhaltung der Disziplin der Männer auch noch so notwendig sein.

Je länger die Prozedur dauerte, desto mehr steigerte sich das Stöhnen des Deserteurs zu kaum verbissenen Schmerzensschreien, aus dem Gehen wurde ein Stolpern, während die Hiebe ununterbrochen auf ihn niederprasselten. Kurz vor dem Ende brach Paul zusammen, erhielt die letzten Schläge auf der Erde liegend. Dann war es vorbei. Eine gespenstische Stille blieb zurück, bis der Profos das Zeichen gab, den Mann fortzuschaffen.

Auf einen Befehl hin machte die Formation der Männer kehrt und marschierte schweigend zurück zur Kaserne.

Lorenz spürte, wie die Anspannung von ihm wich. Wortlos wandte er sein Pferd und ritt auf den Ausgang zu. Der Spuk um diesen Verbrecher hatte sein Ende gefunden. Man würde Kurt Paul noch brennen und anschließend mit Schimpf und Schande aus dem Regiment jagen. Danach würde er diesen Dreckskerl hoffentlich nie wieder zu Gesicht bekommen.

*

Schweiß rann Anna über Stirn und Gesicht, als sie mit aller Kraft die Hacke in den harten, schon halb gefrorenen Boden stieß. Einzelne Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und hingen ihr ins Gesicht.

Ein Aufstöhnen unterdrückend, legte sie schließlich das Gerät beiseite und schob die klebrigen Strähnen zurück unter die Haube, wobei sie etwas von der feuchten Erde in ihrem Gesicht verteilte. Dann begann sie, die Steckrüben mit der Hand aus dem gelockerten Erdreich zu ziehen.

Ihre Finger waren eisig, die Innenseiten aufgerissen und ihre Nägel schmutzig. Doch mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete sie weiter und legte eine Rübe nach der anderen in den kleinen, zerschlissenen Korb, der neben ihr auf dem Boden stand.

In diesem Jahr war der Winter früh hereingebrochen. Obgleich es erst Oktober war, wurde es in den Nächten bisweilen so empfindlich kalt, dass am Morgen die Pfützen und die mit Wasser gefüllten Fässer eine dünne Eisschicht trugen.

Vor Kälte und Schweiß fröstelnd, zog Anna das wollene Schultertuch enger um ihren Körper und ging dann zur Dachtraufe hinüber, unter der das zerkleinerte Brennmaterial zum Trocknen lagerte. Das Holzhacken hatte einer der Amischbauern für sie übernommen.

Die in Waldeck und den umliegenden Dörfern lebenden Amischen kümmerten sich gut um ihren Vater und sie. Hatten sie die beiden doch, ohne groß zu fragen, in ihrer Mitte aufgenommen und ihnen eine leer stehende Hütte auf einem der von ihnen gepachteten und bewirtschafteten Höfe sowie ein Stückchen Land zur Verfügung gestellt. Und nun sorgten sie dafür, dass sie weder verhungerten noch erfroren. Wenn nur die Gemeindezucht weniger streng gehandhabt würde, hätte Anna womöglich hier so etwas wie eine neue Heimat finden können.

Heimat. Geborgenheit. Eine stumme Sehnsucht breitete sich in ihrer Brust aus. Das war schon der Traum ihrer Mutter gewesen: einen Flecken Erde ihr Eigen zu nennen, auf dem niemand, weder Fürst noch König, das Recht hatte, sie zu knechten, herabzuwürdigen oder gar zu vertreiben.

Zwar gehörten die blutigen Täuferverfolgungen der Vergangenheit an, und es musste niemand mehr aufgrund seines mennonitischen Glaubens um sein Leben fürchten. Doch waren sie immer noch Bürger zweiter Klasse. Mancherorts wurden ihnen gar die Ausübung vieler Berufe, der Bau eigener Gemeindehäuser und die Verbreitung ihres Glaubens verboten.

Seufzend wischte Anna ihre schmutzigen Hände an der Schürze ab, sammelte ein paar der Holzscheite auf und legte sie zu den noch mit Erdklumpen verklebten Rüben in den Korb. Dann öffnete sie, mit ihren Schätzen beladen, die Tür der kleinen Hütte. »Ich bin wieder da, Vater.«

Ein leises Murmeln aus der gegenüberliegenden Seite des Raumes, gefolgt von einem Husten, war die einzige Antwort. Rasch zog Anna die Tür hinter sich zu und stellte den Korb auf einem Stuhl ab. Dann trat sie an das mit einem Strohsack gefüllte Holzbett, wo ihr Vater beim Licht einer heruntergebrannten Kerze in seiner vom Alter und jahrelangem Gebrauch zerfledderten Bibel las.

Ein erneuter Hustenanfall schüttelte ihn. Besorgt beugte sie sich zu ihm hinunter, nahm ihm das Buch aus der Hand und zog ihm die Decke bis zum Kinn. »Aber du sollst dich doch warm halten!« Kopfschüttelnd legte sie die Bibel auf einen Schemel. »Und bei dem schwachen Licht verdirbst du dir nur die Augen.«

Ein schelmisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Dieser Tage wird es nicht mehr heller. Und alles, was mir noch bleibt, sind Gottes Wort und meine Tochter … also.«

»Oh, du bist sturköpfig, Vater!« Hin- und hergerissen zwischen Auflachen und Sorge entschloss sich Anna, ihm seinen Willen zu lassen und dafür zu sorgen, dass es im Raum warm blieb.

Mit einem Schürhaken stocherte sie im Feuer, sodass Ruß und Asche aufgewirbelt wurden, nahm ein paar Scheite aus dem Korb und legte sie auf die neu angefachte Glut. Dann begann sie, über einem Eimer die Erdklumpen von den Rüben abzubröckeln, bevor sie diese in einer Schüssel mit eisigem Wasser wusch und in kleine Stücke zerteilte.

Ein weiteres Husten, rau, heiser, fast erstickt, ließ sie innehalten. Sie füllte einen Kessel mit Wasser und stellte ihn übers Feuer, um ihrem Vater einen heißen Aufguss aus Heilkräutern zuzubereiten.

Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Hatten schon der Tod seiner Frau und seines jüngsten Kindes, später die Vertreibung aus der angestammten Heimat dem alten Mann zugesetzt, so schien er seit dem Überfall auf seine Tochter immer schwächer zu werden.

Das Husten steigerte sich zu einem Röcheln, und als Anna an das Bett ihres Vaters eilte, sah sie, dass er gelblichen, mit Blutschlieren durchzogenen Schleim spuckte, den er rasch in einem groben Leinentuch zu verbergen suchte.

»Warte, Vater, ich bring dir gleich etwas zu trinken.« Hastig wandte sich Anna ab, damit der alte Mann nicht sah, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. In Momenten wie diesem haderte sie mit Gott, der doch angeblich alles so gut behütete. Wie hatte Er es zulassen können, dass fast ihre gesamte Familie nun in kalter Erde ruhte und sie mit ihrem Vater in der Fremde leben musste?

Wenn jetzt auch dieser noch starb! Anna wusste nicht, was aus ihr werden, wovon sie in Zukunft ihren Lebensunterhalt bestreiten sollte. Zwar hatte der Vater einen Beutel voller Münzen, die er vom Verkauf seiner Tiere und der kleinen Werkstatt erhalten hatte, unweit der Hütte in der Erde vergraben. Doch es war nicht genug, dass sie sich auf Dauer damit würde über Wasser halten können. Und dann wäre sie vollständig auf die Gunst fremder Leute angewiesen.

Als hätten ihre schwarzen Gedanken plötzlich körperliche Gestalt angenommen, näherten sich von draußen Schritte, und kurz darauf klopfte es an der Tür.

Auf ihr Zurufen hin öffnete sich diese, und zusammen mit einem Schwall kalter Luft trat Gideon Beiler ein. Bis zum Hals in einen schweren Wollmantel gehüllt, die Finger in wärmenden Handschuhen, trug er einen Korb bei sich, der mit einem grün karierten Tuch abgedeckt war.

»Ich wünsche einen guten Abend«, sagte er leichthin, während er ohne Aufforderung den klammen Mantel auszog, zusammenfaltete und auf einem der Schemel ablegte. »Scheußliches Wetter, dabei ist es erst Oktober.« Gönnerhaft hielt er Anna den Korb hin, aus dem es verführerisch duftete. »Das schickt euch meine Mutter. Sie lässt euch grüßen und meint, bei dieser Kälte könntet ihr das sicher gut gebrauchen.«

Widerwillig nahm Anna den Korb entgegen, schlug das Tuch beiseite und unterdrückte einen überraschten Aufschrei. Ihr Magen knurrte vernehmlich, als sie eine knusprige Speckseite, einen Beutel mit Nüssen, vier Eier, ein Glas Honig und ein gut verschnürtes Säckchen entdeckte, das sich nach dem Öffnen als mit Zucker gefüllt erwies. Dazu eine braun gefärbte Flasche, die Anna mit fragend gerunzelter Stirn gegen das Licht hielt.

»Spitzwegerichsaft«, erklärte Gideon mit unverhohlenem Stolz. »Mutter meint, dass ihr euch solche Dinge bestimmt nicht leisten könnt.«

Bestürzt legte Anna die Kostbarkeiten in den Korb zurück. Sie mochte Gideons verwitwete Mutter nicht leiden, obwohl sie sich ehrlich bemühte, dieses Gefühl zu unterdrücken. Während sie ihren einzigen Sohn für nahezu unfehlbar hielt, teilte Wiltrud Beiler anderen gerne ungefragt und sehr deutlich ihre Meinung mit.

»Danke«, presste Anna hervor. »Das ist wirklich … sehr großherzig von euch.«

Am liebsten hätte sie den Korb samt Inhalt in Gideons selbstgerechtes Gesicht geworfen. Doch arm, wie sie waren, sah sie sich nicht in der Lage, solche Gaben abzulehnen – daraus konnte sie ihrem Vater die eine oder andere kräftigende Mahlzeit zubereiten. Allerdings befürchtete sie, dass Gideons neu erwachte Großmut nicht so sehr seiner christlichen Nächstenliebe entsprang, sondern etwas völlig anderes dahintersteckte. Es fiel ihr schwer, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen.

»Setz dich doch, Gideon. Ich mache Vater gerade einen Kräuteraufguss. Möchtest du einen Zichorienkaffee?«, fragte sie, ohne sich zu ihrem Gast umzudrehen.

»Wer könnte bei einer solch freundlichen Einladung schon Nein sagen?« Sollte Gideon ihre Reserviertheit bemerkt haben, so ließ er es sich nicht anmerken, sondern lehnte sich zufrieden zurück und sah in aller Seelenruhe zu, wie Anna Kräuter in einen Becher zerkrümelte, den Kessel mit dem kochenden Wasser mit einem Lappen vom Feuer nahm und die Mischung damit übergoss. Vorsichtig brachte sie das Getränk zu ihrem Vater, der jedoch wieder eingeschlafen war. So stellte sie den Becher neben seinem Bett ab. Dann zog sie eine Büchse mit gerösteter Zichorie vom Regal, maß etwas davon in den Kessel ab und stellte diesen erneut auf die Flamme.

Während Anna den Blick nicht von dem braunschwarzen, brodelnden Gebräu wandte, begann Gideon, mit den Fingerspitzen auf der hölzernen Tischplatte zu trommeln, ehe er wieder das Wort ergriff.

»Ich muss gestehen, ich mach mir Sorgen um euch.«

»Tatsächlich?« Ruckartig packte Anna den Kessel, stellte ihn auf der Tischplatte ab, nahm einen weiteren Becher vom Regal und goss ihrem Gast ein.

»Aber ja doch.« Als er nach dem Gefäß griff, zog Anna hastig ihre Hand zurück, um nicht von seinen Fingern berührt zu werden. »Wenn ich sehe, wie schlecht es euch geht, wie krank dein Vater ist und wie du dich abrackern musst.«

Die Hände vor der Schürze verschränkt, stand Anna neben dem Tisch. Sie schwieg, konnte aber nicht verhindern, dass sie sich durch Gideons Worte schäbig und wertlos fühlte. Trotzig reckte sie das Kinn. Dann war dem eben so. Hatte der Herr nicht die Armen seliggepriesen?

»Also wirklich …« Gideons Tonfall wurde jovial, geradezu väterlich, was ihm mit seinen fünfundzwanzig Jahren nicht gut anstand. »So schau dich doch an. Verschmutzt und abgezehrt, kaum ein Gramm Fett auf dem Leib. Hast du dir so dein Leben vorgestellt?«

Anna biss die Zähne zusammen, um die Tränen zu unterdrücken, die ihr bei diesen Worten in die Augen geschossen waren. Stand es bereits so schlimm um sie, dass es selbst einem Bauern wie ihm auffallen musste?

»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, antwortete sie. »Es gebührt unsereinem nicht, sie zu beurteilen. Oder hast du das etwa vergessen?«

»Aber wer denkt denn an so was? Ganz im Gegenteil! Ich bin doch hier, um seine Lehren zu befolgen. Ja, um sie in die Tat umzusetzen.« Wieder nahm er einen Schluck, ließ Anna dabei aber nicht aus den Augen. »Um ehrlich zu sein, kann ich es nicht mehr mit ansehen, wie du dich abmühst, nur um euch gerade so am Leben zu halten …«

Sein Tonfall jagte Anna eine Gänsehaut über den Rücken. Worauf wollte er hinaus?

»Wir sind nicht allein! Die Gemeinde kümmert sich um uns, versorgt uns mit dem, was nottut.«

»Nun ja …« Ein kurzer Anflug von Spott huschte über Gideons Gesicht, als er Annas abgetragenen Rock, ihr noch immer mit Erde beschmutztes Gesicht betrachtete. »Aber trotzdem schindest du dich über deine Kräfte, und deinem Vater …« Er ließ seinen Blick zu dem Bett hinübergleiten, das vom schwachen Licht der Kerze eingehüllt war. »Deinem Vater will es nicht besser gehen. Es ist Zeit, an deine Zukunft zu denken, Anna.«

Bei diesen Worten griff er nach ihrer Hand. Schnell zog sie diese weg, was er mit einem unwilligen Stirnrunzeln quittierte.

»Also, was ich dir sagen wollte«, fuhr er ernüchtert fort. »Weißt du, dass bereits viele von unseren Glaubensbrüdern nach America, in die britische Kolonie Pennsylvanien ausgewandert sind, um dort ein besseres Leben zu finden und ihren Glauben unbehelligt ausüben zu können?«

Anna keuchte auf. »America?«

Gideon nickte, zufrieden über die Wirkung seiner Worte auf die junge Frau. »Und immer mehr Täufer aus dem ganzen Reich machen sich auf den Weg. Land gibt’s da genug, es fehlt nur an Männern, die es roden und bestellen. Also, was sagst du?«

»America«, wiederholte Anna tonlos. In ihrem Kopf wirbelten die schrecklichsten Bilder durcheinander, von dem, was ihr bisher darüber zu Ohren gekommen war: endlose Weiten, undurchdringliche Wälder und blutgierige Wilde, die Menschen wie Vieh abschlachteten, während sie heidnische Rituale zelebrierten.

Natürlich hatte sie auch schon von Pennsylvanien gehört, dieser Quäkerkolonie. Bereits hundert Jahre zuvor waren die ersten deutschen Glaubensbrüder dorthin aufgebrochen, weil man ihnen die freie Ausübung ihrer Religion zugesichert hatte. Ein verlockendes Angebot für Mennoniten, deren religiöse Überzeugungen vielerorts als Ketzerei angesehen wurden. Immerhin lehnten sie Eid und Kriegsdienst ebenso ab wie die Taufe von Kindern. Stattdessen nahmen sie nur mündige Erwachsene, die ihren Glauben selbst vor Gott und der Gemeinde bekennen konnten, in ihren Reihen auf.

Aber Deutschland verlassen, um in eine ungewisse Fremde zu gehen? Anna schwindelte es schon bei der bloßen Vorstellung.

»Du musst doch zugeben, dass jemand wie du hier kaum eine Zukunft hat.« Gideons selbstgefällige Stimme dröhnte wie ein Urteilsspruch durch den Raum. »Du hältst das doch sicher auch für die beste Lösung.«

Wütend wandte Anna sich wieder ihren Rüben zu. Sie warf sie in einen großen Topf, gab etwas getrockneten Lauch hinzu und füllte alles bis zum Rand mit frischem Wasser auf. Zuletzt nahm sie eine faustgroße Zwiebel und fing an, sie in winzige Würfel zu hacken.

»Die beste Lösung für wen?«, gab sie zurück, ohne sich umzudrehen. »Willst du mich etwa loswerden, Gideon Beiler, indem du mich wie einen Sträfling in die Neue Welt verbannst? Aber wenn ich schon, wie du sagst, unfähig bin, hierzulande meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, wie soll mir das dann dort drüben gelingen …«, mit dem Messer machte sie ein vage Bewegung Richtung Westen, »… wo es nichts gibt außer Wildnis, zwielichtigen Glücksrittern und blutrünstigen Eingeborenen?« Mit einem flüchtigen Blick auf ihren Vater fügte sie kaum hörbar hinzu: »Noch dazu ganz allein.« Denn dass ihr Vater den Winter nicht überstehen würde, geschweige denn eine monatelange Überfahrt, schien unabänderlich.

»Du wärst nicht allein, Anna …«

Das Gefühl, das Gideon in diese leisen, fast geflüsterten Worte gelegt hatte, ließ Anna herumfahren. Und als sie, das mit Zwiebelsaft verschmierte Messer in der Hand, in Gideons Gesicht sah, erkannte sie schlagartig den Grund seines Besuches. Seine Freundlichkeit, seine Sorge, ja womöglich die ganze geheuchelte Mildtätigkeit ihrem Vater gegenüber diente nur einem Ziel: Sie sollte mit ihm in die Neue Welt gehen, mit ihm, als seine – Gott sei ihr gnädig – als seine Ehefrau.

»Nein!«, entfuhr es ihr, noch ehe er die Gelegenheit hatte, sein Anliegen vorzubringen. »Nein, Gideon Beiler, niemals!« Sie stockte und wich zurück, als sie sah, dass er sich von seinem Platz erhob und seine Hände nach den ihren ausstreckte, bis sie mit dem Rücken zur Wand stand.

»Anna, so hör mir doch zu! Sicher ist dir nicht entgangen, dass ich mich seit deiner Ankunft um dich und deinen Vater gekümmert habe.«

»Danke für deine Mildtätigkeit«, brachte sie mühsam hervor und spürte, wie Gideons Finger ihr das Messer aus der Hand nahmen und schließlich die ihren umschlangen, fest, fordernd und unausweichlich.

»Mildtätigkeit? Ach was!« Auf seinem breiten Gesicht erschien ein gönnerhaftes Lächeln, »Ich habe von Gott den Auftrag erhalten, für dich da zu sein und für dich zu sorgen. Für alle Zeit, an deiner Seite, als dein Ehemann …«

Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Anna überlegte kurz, ob sie den Topf mit Gemüsestücken und Wasser über Gideons Kopf ausgießen sollte, um ihm zu zeigen, was sie von seiner Idee hielt. Aber als Mennonitin hatte sie sich der Gewaltlosigkeit verschrieben, und zudem erschienen ihr die guten Rüben doch zu schade, um sie auf diese Art an ihn zu vergeuden. An einen Mann, der die Worte der Schrift im Mund führte, jedoch Stolz und Überheblichkeit an den Tag legte, was für jeden rechtschaffenen Täufer eine Schande war.

»Nun, was sagst du dazu, liebe Anna?«

»Ich …« Verzweifelt wandte sie den Kopf, um zu sehen, ob ihr Vater das Gespräch mitgehört hatte. Doch nur die rasselnden Atemzüge des Kranken waren zu vernehmen. »Ich muss sagen … ich …«

»Das kommt natürlich alles ein bisschen überraschend für dich.« Wie ein unmündiges Kind führte er Anna zu einem der Schemel und drückte sie auf den Sitz. »Du musst dich ja nicht sofort entscheiden. Denk einfach in Ruhe darüber nach, besprich dich mit deinem Vater und dann …«

Langsam erwachte Anna aus ihrer Benommenheit und fand zu ihrer üblichen Nüchternheit zurück. »Da gibt’s nicht viel nachzudenken, Gideon. So großherzig dein Angebot auch ist, ich muss es leider ablehnen.«

Seine Augen verengten sich.

»Wir sind zwar nicht gutgestellt, aber es ist nicht viel, was Vater und ich brauchen, und dafür vermag ich noch selbst zu sorgen. Ich kann spinnen und nähen, kenne mich mit Pflanzen und Heilkräutern aus und, wie du siehst, gehen mir auch die Arbeiten in Haus und Garten leicht von der Hand.«

»Aber …«

»Außerdem«, sie ließ Gideon keine Chance, sie zu unterbrechen, »gibt es hier in der Gemeinde gottesfürchtige und sehr gütige Menschen, die gewiss nicht zusehen würden, wie wir … wie ich … zugrunde gehe. Also vielen Dank.«

Das Schweigen, das nun entstand, wurde nur durch das Knistern des Feuers unterbrochen, das zuckende Schatten an die Wände warf.

»Gütige Menschen, das ist wahr. Aber du willst doch bestimmt nicht dein Leben lang auf das Wohlwollen anderer angewiesen sein. Wenn dein Vater nicht mehr ist, wirst du das karge Stück Land hier beackern und davon leben müssen, was andere dir zukommen lassen.« Eine unausgesprochene Drohung schwang in seinen Worten mit, und Anna spürte, wie ihr Mund trocken wurde. »Und dann heiratest du womöglich aus Verzweiflung irgendwann einen alten zahnlosen Witwer, der dich nur braucht, um seine Brut aufzuziehen. Oder, noch schlimmer, du nimmst einen Mann aus dem Dorf, aus der Welt, einen ungläubigen Fremden, und wirst deswegen von der Gemeinde verstoßen!«

Ein Schauder überlief Anna. Sie wusste, wie streng die Amischen mit ihren Gläubigen umgingen und wie unerbittlich die Gemeindeältesten diejenigen unter den Bann stellten, welche die Glaubenslehren missachteten. Und die Heirat mit einem Fremden, einem Menschen, der die Lehren der Täufer nicht teilte, war ein Vergehen, für das es keine Nachsicht geben konnte.

»Du redest Unsinn, Gideon Beiler! Dabei weißt du genauso gut wie ich, dass ich so was nie tun würde. Einen Fremden heiraten! … Also wirklich! Was hab ich getan, dass du das von mir auch nur denken kannst?«

Die Wut, dass er es sich herausnahm, sie in Anwesenheit ihres Vaters eines solchen Frevels für fähig zu halten, ließ Anna zittern. Dennoch sah sie Gideon ruhig in die Augen.

»Um es nochmals zu sagen: Ich muss nicht überlegen. Weder habe ich vor, dich zu heiraten, noch will ich nach Pennsylvanien auswandern. Doch danke ich dir für deine Freundlichkeit und die Gaben deiner Mutter.«

Nur für einen kurzen Moment zeichnete sich Enttäuschung auf Gideons Gesicht ab, dann gruben sich Linien des Zorns in Stirn und Wangen, ehe er nach seinem Mantel griff und aufstand.

»Ich sehe, ich bin in diesem Hause nicht erwünscht.« Langsam wandte er sich um und schritt zur Tür. Bevor er öffnete, wandte er sich noch einmal um. »Mir scheint, dein guter Vater hat es versäumt, dich den nötigen Respekt dem Manne gegenüber zu lehren.« Er zog den Mantel über und öffnete die Tür, sodass ein eisiger Wind in die Kammer fegte. »Also dann, ich hab’s zumindest versucht. Mehr kann ich nicht für dich tun.« Mit diesen Worten trat er nach draußen und schloss die Tür mit einem solchen Knall hinter sich, dass Anna erschrocken zusammenzuckte.

KAPITEL 4

Cassel, Oktober 1775

Knarrend öffnete sich das Tor, und sogleich drangen kalte Luft und Morgennebel herein sowie der Lichtschein einer Laterne.

Kurt Paul stellte sich schlafend auf dem Lager aus Stroh, auf das man ihn in dem stinkenden Verschlag geworfen hatte. Erst als der Ankömmling ihm einen Fußtritt versetzte, richtete er sich auf und erkannte Sergeant Weiser, den Unteroffizier, der beim Gassenlaufen vor ihm hergegangen war.

»Mach, dass du von hier verschwindest«, sagte Weiser kalt. »Du bist kein Soldat mehr.«

Er schloss die Ketten auf, stellte die Laterne und ein in ein Tuch eingeschlagenes Bündel ab.

Kurt verfluchte die Schmerzen, die er von den Schultern bis zum Steißbein verspürte, und er verfluchte von Tannau, dem er diese zu verdanken hatte, als er sich das Hemd in die Hose stopfte. Mit aufreizender Langsamkeit band er sich seinen Zopf, ergriff das Bündel samt Laterne und ging zur Tür.

»Auf Nimmerwiedersehen«, knurrte Weiser und versetzte ihm noch einen Stoß.

Heiße Wut kochte in Kurt auf. Das Gassenlaufen, die Brandmarkung seiner Daumen und vor allem das Ende seiner Karriere bei der Armee, die ihm zwar keinen Reichtum, aber doch Schuhe, Kleidung und einen festen Sold eingebracht hatte – das alles war die Schuld dieses verdammten Leutnants.

Dafür wirst du zahlen!, schwor er, während er sich beeilte, das Gelände zu verlassen, bevor zum Morgenappell gerufen wurde.

*

Der Dampf, der aus der Schüssel aufstieg, mischte sich in Lorenz’ Sichtfeld mit dem Nebel vor den Fensterscheiben, der einen verhangenen, ungemütlichen Tag ankündigte.

Ohne allzu großen Appetit tauchte er den Löffel in den Frühstückseintopf aus Graupen und Erbsen, den ihm seine Hauswirtin zusammen mit zwei Scheiben Brot sowie einem Krug Bier serviert hatte. Dazu trank er echten schwarzen Bohnenkaffee, der in einer zierlichen Tasse aus blau-weißer Delfter Keramik auf dem Tisch stand und seinen intensiven Geruch verbreitete. Da er sich mit seinem Vater und dessen neuer Familie nicht gut verstand, hatte er es vorgezogen, sich in der Stadt eine eigene Wohnung zu suchen.

Seine Gedanken wanderten zur Kaserne, wo in letzter Zeit verstärkt neue Rekruten ausgebildet wurden. Vermehrt waren auch Anwerber unterwegs, um junge Männer in Stadt und Land zum Militärdienst zu drängen. Gerüchte gingen um, dass der Landgraf mit dem König von England in Verhandlungen stand, um diesem Teile seiner Truppen zur Verfügung zu stellen – zum Wohle der Landgrafschaft Hessen-Cassel, wie es später wohl offiziell heißen würde. Immerhin würden die nicht unbeträchtlichen Einnahmen eines solchen Vertrages mit der britischen Krone durchaus in die unzähligen Bauvorhaben des Fürsten fließen, der sich der Herkulesaufgabe gewidmet hatte, der noch vom letzten Krieg halb zerstörten Stadt Cassel neue Lebensqualität und nie da gewesenen Glanz zu verleihen. Auf der anderen Seite jedoch ließen Rekrutierung und Verschiffung von Landeskindern als Soldaten die Grafschaft ausbluten, und sie verlor dringend benötigte Arbeitskräfte.

Wie die anderen Offiziere konnte auch Lorenz nur darüber spekulieren, zu welchem Zweck und wohin die Truppen verschickt werden sollten. Aber er war Soldat und hatte zu gehen, wohin man ihn auch schickte. Womöglich würden sie in Irland eingesetzt, wo es immer wieder zu Aufständen gegen die britische Herrschaft kam. Nachdenklich nahm Lorenz die zierliche Tasse zwischen seine Finger und nippte an dem heißen, bitteren Gebräu, das alle Lebensgeister in ihm weckte.

Ein Klopfen ließ ihn innehalten. Auf seine Aufforderung hin öffnete sich die Tür, und sogleich schob die Hauswirtin ihre beleibte Gestalt mit den ausladenden Röcken ins Zimmer. »Ein Bote ist da, für den Herrn Leutnant.«

Überrascht sah Lorenz auf. »Ein Bote?«

»Ja, Herr Leutnant, ein Bote aus Cöln. Wenn er eintreten dürfte.«

»Ich bitte darum.«

Lorenz’ Erleichterung, dass es sich nicht um einen Marschbefehl handeln konnte, mischte sich mit ernsthafter Besorgnis. Wenn man versuchte, von Cöln aus Kontakt zu ihm aufzunehmen, war womöglich ein Unglück in der Familie geschehen. Doch bevor er Gelegenheit hatte, sich weiter darüber den Kopf zu zerbrechen, öffnete sich die Tür erneut. Ein vielleicht zwanzigjähriger Kurier in schlichtem Hemd und Kniehosen trat ein und murmelte eine Begrüßung. Dann übergab er Lorenz einen mit rotem Lack versiegelten Brief, nahm seinen Botenlohn entgegen und schlüpfte nach einer kurzen Verbeugung wieder hinaus.

Ein strenger Blick unter hochgezogenen Augenbrauen überzeugte die Wirtin, die noch immer mit neugieriger Miene im Raum stand, dass es besser sei, sich nun zurückzuziehen. Danach drehte Lorenz das Schreiben um und erkannte das Siegel seines Onkels aus Cöln, dem ältesten Bruder seiner Mutter. Vorsichtig erbrach er es, faltete das Papier auseinander, suchte zuerst nach der Unterschrift und war beruhigt, als er die vertrauten Schriftzüge Onkel Johanns entdeckte. Zumindest ihm ging es also gut.

Dann erst widmete sich Lorenz dem Inhalt, während er am Rest seines Kaffees nippte. Noch während er las, hellte sich seine Miene auf, denn statt der befürchteten Hiobsbotschaft enthielt das Schreiben die Aufforderung zu einem Besuch. Sein Onkel lud ihn, im Namen der ganzen Familie, zu den Winterfeierlichkeiten des Cölner Kurfürsten Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels ein. Diese sollten in dessen endlich fertig gestelltem Brühler Jagdschloss und anschließend im hohen Dom zu Cöln stattfinden. Es würde alle freuen, schrieb der Onkel, wenn sie den lieben Neffen unter den Gästen begrüßen könnten.

Lorenz’ Stimmung hob sich schlagartig, da ihm dies ein willkommener Vorwand war, die Feiertage nicht mit seinem Vater und dessen zweiter Frau Mathilde verbringen zu müssen, ohne dabei grob unhöflich zu wirken. Sicher würden weder diese noch seine verzogene Halbschwester, die sich mit ihren dreizehn Jahren ohnehin nur für Prunk und die neuste Mode interessierte, seine Anwesenheit sonderlich vermissen. Er dachte kurz nach. Vor Beginn des neuen Jahres rechnete er nicht mit einem Marschbefehl. Und bis dahin galt es, die Feste zu feiern, wie sie fielen, und die Wintermonate am Rhein versprachen eine willkommene Abwechslung, mit Geselligkeit und Bällen.

*

Die schwere Holztür des Hauses öffnete sich erneut, und schnell presste sich Kurt Paul tiefer in sein Versteck hinter den Holzfässern, die mit gärendem Sauerkraut gefüllt waren, das seinen intensiven Geruch in der ganzen Gasse verbreitete. Seine Hände verkrampften sich, als er unter dem Dreispitz das glatt rasierte Gesicht von Tannaus erkannte.

Er war allein. Sehr gut! Von Tannau wechselte noch ein paar Worte mit seiner Wirtin, der dicken Alten, die sich bisher geweigert hatte, mit Kurt auch nur zu sprechen, und griff dann nach einer prall gefüllten Satteltasche.

Wollte von Tannau etwa verreisen?

Vorsichtig lockerte Kurt seine verspannten Muskeln. Tagelang hatte er hier ausgeharrt, versteckt hinter den Fässern oder in dunklen Tornischen, immer in Sichtweite des stuckverzierten Hauses, in dem von Tannau wohnte. Stunde um Stunde hatte Kurt hier gewartet, um den richtigen Moment abzupassen, in dem er sich an dem Offizier rächen konnte. Doch bisher hatte sich nie die Gelegenheit dazu ergeben. Entweder waren zu viele Menschen auf der Straße oder der Kerl war in Begleitung gewesen. Meist jedoch hatte von Tannau bei dem scheußlichen Wetter sein Quartier überhaupt nicht verlassen.

Kurt hingegen hatten weder Frost noch Unwetter abgehalten. Alles, was er spürte, war der Schmerz der langsam verheilenden Rutenstreiche und das brennende Gefühl des Hasses, das ihn durchhalten ließ, bis er seine Chance gekommen sah.

Während er dem jungen Offizier nachschaute, der offensichtlich den Weg zu den Stallungen nahm, war er sicher, dass seine Stunde näher rückte. Zwar wusste Kurt nicht, wohin von Tannau reiten wollte, noch, wie er diesem folgen könnte. Doch er würde es herausfinden.

Zufrieden lächelnd tastete er nach dem kleinen Ledersäckchen, das an seinem Gürtel hing und wieder mit einigen Münzen gefüllt war. Auf sein Talent als Taschenspieler konnte er sich noch immer verlassen. Kein Vermögen, aber es würde genügen, um sich ein Reittier zu mieten, und bei dieser Gelegenheit beiläufig nach den Reiseplänen eines jungen Offiziers zu fragen, der kurz vor ihm aufgebrochen war. Stallburschen waren geschwätzig wie Waschweiber und arm wie Kirchenmäuse. Es würde kaum einer dort arbeiten, der sich beim Anblick einer Münze nicht auf ein Gespräch einlassen würde. Kurt vergewisserte sich, dass der Offizier aus dem Sichtfeld verschwunden war, ehe er vorsichtig aus seinem Versteck schlüpfte und seine Kleidung glattstrich. Er wusste, wo von Tannau sein Pferd untergebracht hatte. Einen kleinen Vorsprung würde er ihm gönnen.

KAPITEL 5

Cöln, 6. Januar 1776

»Verbum patris, lumen gentium …«

Hunderte von Kerzen an den Schreinen und auf den Heiligenaltären tauchten das dunkle Gemäuer des seit Jahrhunderten im Bau befindlichen Domes zu Cöln in ein flackerndes Licht. Die Morgensonne fiel durch die bunten Glasfenster, und ihre Strahlen spiegelten sich wie lebendiges Feuer auf dem goldenen Schrein, der die Gebeine der Heiligen Drei Könige beherbergte, deren Fest an diesem Tag begangen wurde.

Lorenz ließ seinen Blick über die Menge der Anwesenden gleiten. Arme und Reiche waren hier versammelt, in schwere Umhänge aus gefärbter Wolle oder in abgetragene Gewänder gehüllt. Auf fast allen Gesichtern las er eine fromme Ehrfurcht, so nah bei den Reliquien derer zu knien, die das Wunder von Bethlehem mit eigenen Augen gesehen hatten.

Der Geruch von schmelzendem Wachs und Weihrauch stieg ihm in die Nase, überdeckte die Ausdünstungen der Menschen nach Schweiß und parfümierten Puder. Auf das Läuten eines Glöckchens hin knieten die Gläubigen nieder. Plötzlich runzelte Lorenz die Stirn. Ihm war, als hätte er in der Menge ein bekanntes Gesicht gesehen, eines, das nicht an diesen Ort gehörte – eines, das er lieber vergessen wollte.

Lorenz kniff die Augen zusammen, sein Blick glitt über die Reihen der Betenden auf der Suche nach der Person, die dieses plötzliche Unbehagen verursacht hatte, aber er erkannte niemanden. Gerade als er glaubte, sich das Ganze nur eingebildet zu haben, sah er aus den Augenwinkeln, wie eine in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt den Dom eilig durch ein Seitenportal verließ.

*

Die Scharniere quietschten leise, als Anna die Tür öffnete und ihr ein Schwall Nebel und eisiger Luft entgegenschlug. Einen Moment hielt sie inne und warf einen Blick auf das Bett ihres Vaters, um zu sehen, ob sie ihn geweckt hatte. Doch der alte Mann hatte die Augen geschlossen, und sein rasselnder Atem ging gleichmäßig. Erleichtert schlüpfte Anna nach draußen und schloss die Tür hinter sich.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch am Horizont zeichnete sich bereits ein heller Streifen ab. Der frostige Boden knirschte unter ihren Schritten, und so beeilte sie sich, um nicht an Ort und Stelle festzufrieren. Der schwere Korb in ihrer Armbeuge beruhigte sie, wusste sie doch, dass dessen Inhalt der jungen Mutter über die kalten Tage helfen würde.

Trotz der Ermahnung ihres Vaters hatte Anna sich dazu entschlossen, das zu tun, was sie für richtig hielt, und sich auch weiterhin in Waldeck und den umliegenden Dörfern um Gebärende und Kranke zu kümmern. Es war nicht viel, was sie anzubieten hatte, eine Kanne mit Milch von ihrer Ziege, getrocknetes Obst und ein Säckchen Hafer. Und die sorgsam abgemessenen Heilkräuter – Thymian, Salbei und Minze – würden, mit heißem Wasser aufgegossen, einen lindernden Aufguss ergeben. Die Reste könnte Anna für heiße Umschläge verwenden.

Eilige Schritte, die hinter ihr zu hören waren, ließen die junge Frau kurz innehalten. Doch dann entschied sie sich, nicht darauf zu achten, sondern ihren Weg fortzusetzen. Wenn jemand sie entdeckt hätte, würde man sie noch früh genug ob ihres Tuns rügen. Da konnte sie zuvor auch noch getrost ihre Dienste erledigen.

Anna!«, rief eine leise Frauenstimme. »Anna! So bleib doch stehen!«

Unwillig schloss sie für einen Moment die Augen, atmete tief durch, tat aber dann, wie ihr geheißen.

Als sie sich umwandte, sah sie Ruth Wiehler, die, in einen dicken Wollumhang gehüllt, auf sie zukam. Ihr Gesicht war von Kälte und Anstrengung gerötet, doch Anna las darin weder Vorwurf noch Verärgerung.

»Guten Morgen, Ruth«, sagte sie leise.

»Bist du auf dem Weg runter nach Berich?« Die Ältere klang noch immer atemlos und schien unter einem Husten zu leiden.

Wie zu ihrer Verteidigung presste Anna die Lippen zusammen, nickte jedoch.

»Gut«, fast erleichtert atmete die andere aus. »Ich hatte schon Angst, dass ich dich verpasse.«

Anna schluckte. Ruth hatte sie abfangen wollen? Aber wieso? Hatte sie durch ihr Verhalten bereits so viel Anstoß erregt, dass die Gemeindeältesten sie beobachten ließen, um sie zu maßregeln?

»Da ist noch was, das ich dir mitgeben möchte.«

Erst jetzt bemerkte Anna, dass die Amischfrau unter ihrem schweren Umhang einen Korb hervorgezogen hatte. Als sie das darübergebreitete Tuch beiseiteschlug, entdeckte Anna einen halben Laib Käse, gedörrte Äpfel, zwei Köpfe Grünkohl, ein Bündel schon etwas runzeliger Karotten und ein Stück Schinken.

»Ich dachte mir, vielleicht könntest du das bei deinem Besuch gebrauchen …«

Verständnislos sah Anna erst die kostbaren Lebensmittel und dann wieder die alte Frau an, über deren Gesicht ein warmes, mütterliches Lächeln glitt.

»Ich weiß, dass manche in der Gemeinde nicht gutheißen, was du tust. Du musst das verstehen, sie haben Angst um dich. Eine junge Frau, ganz allein … Aber nicht alle sehen das so. Gott wird dich segnen für deine Güte! Hier, nimm das von mir, du weißt sicher, wer es am nötigsten hat.«

Ruth war also nicht hier, um Anna von ihrem Vorhaben abzuhalten, sondern um sie zu unterstützen! Sie hatte sogar etwas von dem abgezweigt, das sie durchaus für ihre eigene große Familie hätte brauchen können, in der es fast jedes Jahr ein Maul mehr zu stopfen gab.

»Ruth, das ist …« Einen Moment fehlten Anna die Worte, sie war hin- und hergerissen: Sollte sie das wertvolle Geschenk annehmen oder der Frau erklären, sie könne nicht zulassen, dass ihre Familie in diesem harten Winter Mangel litt.

»Dein Handeln sollte so manchen in der Gemeinde beschämen. Allen voran Gideon Beiler.« Anna spürte, dass Ruth gern noch mehr gesagt hätte, doch sie unterbrach sich und beeilte sich stattdessen, ihre Gaben in Annas Korb zu legen. »Aber denk nicht zu schlecht von uns. Es sind die schlimmen Erfahrungen, die manche so hartherzig gemacht haben. Es ist nicht leicht, zu entscheiden, ob man sich von Städten und Fürstentümern fernhält, damit man seinen Glauben leben kann, oder sich der Gefahr aussetzt, sich mit der Welt da draußen gemein zu machen. Gott weiß, dass du recht handelst.«

Beim Sprechen hatten sich feine Nebelwölkchen vor Ruths Mund gebildet, und fröstelnd schlang sie ihren Umhang fester um sich. »Ich muss jetzt gehen. Aber vergiss nicht, dass du Gottes Willen erfüllst, ganz gleich, wem du deine Hilfe zukommen lässt.«

Mütterlich tätschelte die alte Frau Annas Schulter, wandte sich um und eilte dann den Weg zurück, den sie gekommen war.

Anna verharrte noch einen Augenblick, murmelte einen leisen Dank und sah Ruth Wiehler nach, bis die morgendliche Kälte sie dazu zwang, ihren Weg nach Berich fortzusetzen.

*

Es war beinahe Mittag, als Lorenz die Zügel anzog und Perikles in einen leichten Trab verfallen ließ.

Zwei Tage zuvor war er in Cöln aufgebrochen. Trotz des Protestes von Onkel Johann hatte er darauf bestanden, die Strecke bis Cassel auf dem Pferd zurückzulegen. Die Nächte hatte er in einfachen Gasthäusern auf strohgefüllten Matratzen verbracht, einen Krug Bier mit anderen Gästen in der Schankstube getrunken und sich dabei so frei gefühlt wie schon lange nicht mehr.

Doch je näher er Cassel kam, desto mehr verdüsterte sich seine Stimmung, und so fragte er sich, ob er aus Absicht oder Versehen vom Weg abgekommen war. Seine behandschuhten Finger schlossen sich fester um die Zügel, als er seinen Blick über die hügelige Waldlandschaft streifen ließ, die ihm seltsam vertraut vorkam. Behutsam brachte er sein Pferd zum Schritttempo, während er sich weiterhin umsah und herauszufinden versuchte, wo er sich befand.

Perikles’ Hufe ließen den gefrorenen Boden knirschen, und einen Moment lang glaubte Lorenz, in einer unwirklichen Welt aus Schnee, Wald und Nebel gefangen zu sein. Doch schließlich teilte sich das Dickicht, und eine Lichtung öffnete sich. Als er den Blick weiter nach oben schweifen ließ, entdeckte er auf der Spitze einer Hügelkette die protzigen Anlagen einer Festung und erkannte bei genauerem Hinsehen die Silhouette des Schlosses von Waldeck.

Also musste er sich in der Nähe der Stelle befinden, wo er vor nicht allzu langer Zeit den Deserteur Paul gefasst und dieses junge Mädchen vor der Schändung bewahrt hatte. Wie es ihr wohl jetzt ging? Ob sie inzwischen über die Ereignisse jenes Tages hinweggekommen war?

Doch das war nicht seine Sache. Im Augenblick hatte er genügend eigene Sorgen, und wenn es stimmte, was er über die Wiedertäufer gehört hatte, so tat man besser daran, diese Sonderlinge sich selbst zu überlassen.

In jedem Fall bot dieser Flecken Erde eine günstige Gelegenheit zur Rast. Die hohen Bäume schirmten die Lichtung vor dem kalten Wind ab, und der Blick hinauf zu der halb von winterlichem Nebel verhüllten Burg hatte etwas Geheimnisvolles.

Lorenz brachte das Pferd zum Stehen, sprang ab und machte ein paar ungelenke Schritte, um die Steifheit zu vertreiben. Dann nahm er Feldflasche, Proviant und eine Decke aus der Satteltasche. Das Leder seiner Stiefel knirschte leicht, als er sich auf einem Baumstumpf niederließ und die Beine ausstreckte.

*

Das Bild, das Kurt Paul durch die kahlen Zweige der niedrigen Büsche vor sich sah, befeuerte den Zorn, der ohnehin schon in ihm loderte.

Vor seinen Augen saß der verfluchte Sekondeleutnant Lorenz von Tannau, entkorkte in aller Seelenruhe seine Feldflasche, nahm genüsslich einen Schluck und zog anschließend ein gebratenes Stück Schinken aus seinem Beutel. Bei diesem Anblick lief Kurt das Wasser im Munde zusammen, und er glaubte, den verführerischen Duft in seiner Nase zu spüren. Sein ausgehungerter Magen ließ ein wütendes Knurren vernehmen und erinnerte ihn daran, dass er nichts mehr gegessen hatte, seit er in aller Frühe aufgebrochen war, um den verhassten Kerl nicht aus den Augen zu verlieren. Wie ein Bettler hatte er die ganze Nacht in eisiger Kälte unweit des Gasthauses verbracht, in welchem von Tannau gemütlich schlafen konnte. Seit dieser vor zwei Tagen von Cöln aufgebrochen war, befand er sich nun offensichtlich auf dem Weg zurück nach Cassel. Endlich hatte Kurt sein Opfer vor sich, ungeschützt und sprichwörtlich zum Greifen nahe.

Gerade nahm von Tannau einen weiteren Schluck aus der Feldflasche. Elende Bastarde, diese Offiziere! Wahrscheinlich genehmigte sich dieser vornehme Schnösel teuren Wein, während er selbst kaum seinen Hunger stillen konnte. Am liebsten hätte er sich gleich auf ihn gestürzt. Doch wie eine Katze, die sich ihrer Beute sicher ist und sie eine Weile beobachtet, bevor sie ihre scharfen Krallen in sie hineinstößt, verharrte er in seinem Versteck.

Dies Irae, der Tag des Zorns, war gekommen. Der Moment seiner persönlichen Rache.

*

Der ärgste Hunger war gestillt, doch durch die längere Rast empfand Lorenz die Kälte so heftig, als dringe sie ihm durch den wollenen Rock direkt bis ins Mark. Der Branntwein wärmte ihn für kurze Zeit, konnte jedoch die plötzliche Unruhe, die ihn überfallen hatte, nicht vertreiben.

Er schob den Dreispitz in den Nacken und sah hinauf zu dem auf dem Gipfel thronenden Schloss, das beinahe vollständig im Nebel versank. Ein seltsamer Schauder überkam ihn, als er an die alten Geschichten dachte, welche die Magd Berthe ihm erzählt hatte, wenn er heimlich – sein Vater hätte dergleichen nie geduldet – in der rußigen Küche hockte und sich getrocknete Apfelstücke in den Mund schob. Vom hohen Meißner, der Frau Holle, den Naturgeistern. All diese Bilder hatten sich in seinem Kopf mit den Legenden der Heiligen vermischt, die seine Mutter ihm am Abend, wenn sie ihn zu Bett brachte, aus einem vergilbten, schwarz eingebundenen Buch vorgelesen hatte, das beim Durchblättern den Geruch von Staub, altem Leder und Papier verbreitete. Der Zauber der Jahrhunderte …

Ein Knacken zerriss die Stille. Aufgeschreckte Vögel stoben mit wild schlagenden Flügeln auf. Lorenz sprang auf und griff nach seinem Degen. Suchend glitt sein Blick über die Lichtung, die kahlen Büsche – niemand war zu sehen. Doch mit dem untrüglichen Instinkt des geschulten Soldaten spürte Lorenz, dass sich jemand im Gebüsch verbarg. Aber wer? Und weshalb?

Das Bersten eines morschen Astes unterbrach seine Gedanken und ließ ihn herumfahren. Etwas kam auf ihn zugeschossen, krachte gegen seine Brust, riss ihn zu Boden. Der harte Schlag, mit dem sein Körper auf dem gefrorenen Erdreich aufschlug, raubte Lorenz den Atem.

Dann folgte Schlag auf Schlag. In blinder Wut hatte ihn jemand gepackt und hieb wahllos mit den Fäusten auf ihn ein, traf Brust, Magen, Stirn und Schläfen. Lorenz war ein guter Kämpfer, immer wieder gelang es ihm, den Angreifer, der wie ein Raubtier wütete, von sich zu schieben. Dann jedoch blitzte es metallisch in der blassen Wintersonne auf. Ein Messer! Der nächste Hieb war von einem stechenden Schmerz begleitet, der Lorenz in Brust und Seite durchzuckte.

Panik verlieh ihm neue Kräfte. Mit dem gesunden Arm stieß er den Angreifer zur Seite und richtete sich auf. Doch schon war auch der andere aufgesprungen, umklammerte von hinten seinen Hals, stach wieder und wieder zu.

Warmes Blut tränkte Lorenz’ Hemd und seinen Rock. Er spürte, wie sein Widerstand erlahmte. Ein Hieb traf seinen Hinterkopf, und die Welt um ihn herum versank. Erneut stürzte er zu Boden, während ein Schlag nach dem anderen auf seinen Körper niederging.

Sein Blick verschwamm. Schwarze Schatten breiteten sich vor seinen Augen aus, Wald und Lichtung verloren ihre Konturen. Bevor er vollständig das Bewusstsein verlor, schälte sich aus dem Chaos vor seinen Augen ein Gesicht heraus: hasserfüllte Augen, ein triumphierend aufgerissener Mund.

Kurt Paul.

*

Kurz bevor sie die Lichtung erreichte, blieb Anna einen Moment stehen. Es war noch immer entsetzlich kalt, denn das Licht der Sonne war so schwach, dass sie den Nebel nicht aufzulösen vermochte. Hätte sie nicht doch besser auf Gideons Rat hören sollen? War es vielleicht Hochmut, dass sie sich in die Idee verrannte, es sei Gottes Auftrag für sie, den Bedürftigen zu helfen und sich immer neu der Gefahr auszusetzen, allein die umliegenden Dörfer aufzusuchen?

Während ihr Vater zu Hause womöglich im Sterben lag.

Der eisige Wind pfiff ihr um die Ohren, und mit tauben Fingern schob sie sich ihre Haube tiefer ins Gesicht.

Du bist eine Närrin, du bist eine Närrin, schien es um sie herum zu wispern, und sie wusste nicht, ob es die Stimme Gottes war, um sie zu warnen, oder die des Versuchers, der sie vom rechten Weg abbringen wollte.

Einen Moment erschauderte sie, als hätte sie eine eisige Hand gestreift. Fest presste sie den Korb an ihre Brust und war kurz davor, zurück nach Hause zu laufen.

»Was soll ich tun, Herr?« Ihr Herz hämmerte im Rhythmus ihres Gebetes. »Wohin soll ich gehen?«

Anna atmete aus, und die Dampfwolke, die sich dabei vor ihrem Mund bildete, zerfaserte langsam. Dann setzte sie ihren Weg fort. Der Augenblick der Versuchung war vorüber.

Gefrorene Erde und trockene Zweige knackten unter ihren Schuhen, als sie weiter rasch voranschritt, getrieben von einem Gefühl drohender Gefahr. Die vertraute Strecke ins Dorf Berich flog förmlich an ihr vorbei, es wurde hell, als sie aus dem Wald hinaus auf die Lichtung trat … und wie angewurzelt stehen blieb.

Ein Bündel aus buntem Stoff, leuchtend grün und rot, lag auf dem mit Reif bedeckten Boden. Anna schnappte nach Luft. Im nebligen Licht des Morgens nahm die unförmige Gestalt deutliche Formen an.

Ein Mensch!

Ein Mann, zusammengekrümmt, mit zerrissener Kleidung, von Blut getränkt. Geistesgegenwärtig stellte Anna den Korb ab, eilte auf die am Boden liegende Gestalt zu und tastete am Hals nach dem Herzschlag. Obgleich die Haut so kalt war, dass man sie für die eines Toten hätte halten können, spürte sie, dass der Puls darunter schlug, sehr schwach zwar, aber gleichmäßig.

Allmächtiger! Hier war dringend Hilfe vonnöten. Der Mann hatte offenbar viel Blut verloren, das seine Kleider und den gefrorenen Boden rot färbte. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.

Mit hämmerndem Herzen fasste Anna den leblosen Körper an Arm und Hüfte und drehte ihn auf den Rücken, um die Jacke zu öffnen und feststellen zu können, wie ernst die Verletzungen waren. Ihre schweren Röcke bauschten sich auf, als sie niederkniete. Zitternd nestelte sie an den massiven Silberknöpfen und hoffte, dass sie dem Verwundeten dadurch nicht auch noch den Rest der Körperwärme entzog und ihn so dem sicheren Tod preisgab. Sie schob den Wollstoff der Jacke beiseite, öffnete behutsam die Weste und das blutige Hemd. Das Blut war noch nicht völlig getrocknet – der Kampf musste also vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden haben. Sie hob den Kopf des Verwundeten leicht an, und ihr Blick fiel auf sein Gesicht. Wie erstarrt hielt sie in ihrer Bewegung inne. Diese von schwarzen Locken umrahmten aristokratischen Züge, die vornehm geschwungene Nase und das stark ausgeprägte Kinn! Trotz der Schwellungen und des verkrusteten Blutes erkannte sie ihn sogleich wieder. Vor ihr lag Lorenz von Tannau! Der hessische Offizier, der sie gerettet hatte.

Aber, bei Gott, was hatte er hier in dieser Einöde verloren? Und wer hatte ihn derart zugerichtet? Erschrocken fuhr Anna auf und schaute gehetzt in alle Richtungen. Bei dem Gedanken, dass der Täter sich womöglich noch in der Nähe aufhalten und ein weiteres Mal zuschlagen könnte, stieg Panik in ihr auf. Sie musste sich zwingen, regelmäßig zu atmen und zu horchen, ob irgendein verdächtiges Geräusch zu vernehmen war. »Steh mir bei, Herr!«, flehte sie tonlos, als sie sich wieder dem Bewusstlosen zuwandte. Wenn dieser Mann nicht innerhalb kürzester Zeit behandelt würde, wäre er dem sicheren Tod geweiht.

Ohne zu wissen, ob es klug war, ergriff sie seine Arme, schob seinen Oberkörper ein wenig nach oben, und legte den schweren Leib so über ihre Schulter.

Hoffnungslos!

Auf diese Weise würde sie mit ihm keine zwei Ruten weit kommen, geschweige denn den Berg hinauf nach Waldeck. Der Mann, dem sie ihr Leben verdankte, würde hier elend sterben, nur weil sie zu schwach war.

»Wie kannst du das zulassen, Gott?« Der eisige Wind schluckte ihre Stimme und ließ sie frösteln. Lautlos rieselte Schnee von den kahlen Zweigen.

Und dann hörte sie es. Ein Knacken im Unterholz, ein Geräusch wie von zerbrechenden Ästen.

Bis ins Mark erschrocken fuhr Anna herum. Kam der Angreifer zurück? Wollte er sich vergewissern, ob sein Opfer wirklich tot war? Oder hatte er sie entdeckt? Hilflos ballte sie ihre Hände zu Fäusten, obgleich sie wusste, dass sie nie in der Lage wäre, sich einem bewaffneten Mann entgegenzustellen. Ihre Muskeln spannten sich, und sie musste sich zwingen, nicht einfach davonzurennen. Doch sie konnte diesen Offizier nicht seinem Schicksal überlassen, und so blickte sie starr vor Angst in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

Wieder ein Krachen, gefolgt von einem Rascheln und schweren Schritten. Ein Kopf schob sich hinter einem Baumstamm hervor, braun, länglich, zottelige Haare bis in die Stirn.

Ein Pferd! Beinahe hätte Anna aufgelacht. Mit Sattel und vollem Zaumzeug stand es da, und sie glaubte, das Tier des Offiziers wiederzuerkennen, das er damals mit sich geführt hatte. An jenem Tag im vergangenen Herbst …

»Dich schickt der Himmel!« Vorsichtig, um es nicht zu erschrecken, machte sie mit ausgestreckten Händen einen Schritt auf das Pferd zu. Schnaubend fuhr es zurück.

»Brav, ich tu dir nichts«, murmelte sie weiter. »Aber dein Herr braucht deine Hilfe …« Während sie noch sprach, eilte sie rasch zu ihrem Korb, zog zwei der Rüben heraus, die ihr Ruth mitgegeben hatte, und hielt sie dem Tier hin. »Hast du Hunger, mein Guter?«

Das Pferd stellte die Ohren auf.

»Warte! Sicher schmeckt dir das.«

Vor Anspannung und Kälte zitternd, sah Anna, wie das Tier den Kopf schüttelte, als würde es überlegen, bis es die Leckereien mit seinen weichen Lippen aus ihrer Hand genommen hatte, dann jedoch langsam auf sie zutrottete. Vorsichtig nahm sie die Zügel und führte das Pferd in die Nähe des verletzten Offiziers. Ihr Atem ging keuchend, während sie ihn unter den Achseln packte und langsam über den Schnee schleifte, sodass seine Stiefel zwei tiefe Furchen hinterließen.

Das Tier wieherte leise, als es seinen Herrn erkannte, und rieb seine Nase am Gesicht des Bewusstlosen, das Anna noch blasser erschien als zuvor. Tief atmete sie ein, dann stemmte sie ihre Füße fest in die gefrorene Erde und zog den schweren Männerkörper nach oben. Es kostete sie all ihre Kraft, ihn gegen den Leib des Pferdes gedrückt zu halten, bis sie wieder zu Atem gekommen war und ihn vollständig auf dessen Rücken schieben konnte, wo er wie eine leblose Puppe hing.

Noch einmal flehte sie Gott um Hilfe an, dann griff sie mit vor Kälte steifen Fingern nach den Zügeln des Pferdes. Sie wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb.

*

Die ewige Finsternis umgab ihn!

Sengendes Feuer verbrannte ihn von innen. Züngelnde Flammen jagten Salven des Schmerzes durch seinen Körper. Er wollte sich krümmen, laut schreien, doch war er zu keiner Bewegung fähig, gerade so, als wären alle seine Glieder gelähmt. Er fühlte sich wie im eisernen Schraubstock eines Folterknechtes.

War er gestorben und jetzt in der Hölle? Gütige Mutter Gottes, aber warum? Was hatte er getan, dass …

Eine erneute Schmerzattacke ließ ihn die Frage vergessen.

Irgendetwas packte ihn, weich, kühl und zart. Und obgleich die unerwartete Berührung im ersten Augenblick guttat, löste sie doch eine solche Welle von Qualen aus, dass die Frage, in welchen Sphären des Jenseits er sich befand, plötzlich unwichtig erschien.

Er keuchte. Etwas in ihm verkrampfte sich. Bunte Blitze tanzten um seine Augen. Ein dumpfer Schlag traf ihn in den Leib. Er wollte schreien, hatte jedoch keine Stimme. Hilflos fühlte er, wie die immer höher lodernden Flammen ihn verschlangen. Dann wurde es mit einem Mal schwarz um ihn. Wehrlos stürzte er in den innersten Kreis der Hölle.

KAPITEL 6

Waldeck, Januar 1776

Unbemerkt war Anna zur Hütte ihres Vaters gelangt. Es war bereits Mittag, und zu ihrem Glück waren die meisten Waldecker um diese Zeit im Haus, um das Essen einzunehmen. Vorsichtig ließ sie den Verletzten, der noch immer ohne Bewusstsein war, vom Pferd gleiten. Dann führte sie das Tier in den Stall zu ihrer Ziege. Mit letzter Kraft schleifte sie den Mann bis zur Tür der Hütte. Leise schob sie diese auf und zerrte den Leutnant bis zu ihrem eigenen Bett, wobei er auf dem Holzboden eine Spur aus Blut, Schlamm und feuchter Erde hinterließ. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ihr Vater schlief, und war erleichtert darüber, ihn nicht mit dem Anblick eines von Blut besudelten, halb toten Offiziers erschrecken zu müssen.

Hastig legte Anna zwei Holzscheite nach und fachte mit dem Schüreisen die Glut an, bis helle Flammen aufschossen. Der Mann hatte viel Blut verloren, war halb erfroren und brauchte Wärme. Aus einem bereitstehenden Eimer goss sie Wasser in einen Kessel und stellte ihn auf die Feuerstelle. Dann verhängte sie mit einem Tuch das kleine Fenster und hoffte, dass ihr in nächster Zeit niemand einen Besuch abstatten würde.

In einer irdenen Schüssel, die an der Seite einen großen Sprung aufwies, wusch sie sich rasch die Hände, bevor sie sich wieder dem Offizier zuwandte. Bewegungslos lag er vor ihr, sie nahm kein Stöhnen, keine einzige Regung seines Körpers wahr, und einen entsetzlichen Moment lang glaubte Anna, einen Toten auf ihr Lager gebettet zu haben. Ihre Angst unterdrückend, trat sie an ihn heran und fühlte ihm die Stirn. Die Hitze, die er ausstrahlte, zeigte ihr, dass er zwar noch lebte, aber sein Körper sich anschickte, Wundbrand und Unterkühlung durch ein heftiges, lebensbedrohliches Fieber zu bekämpfen.

Anna murmelte ein kurzes Gebet, während sie sich daranmachte, dem Offizier die kniehohen, mit Schlamm verschmierten Stiefel auszuziehen. Als sie spürte, dass das Feuer seine Wärme im gesamten Raum verbreitete, begann sie eilig, Knöpfe und Haken zu lösen, um den Mann seiner Uniform zu entledigen, die zwischenzeitlich vom getrockneten Blut steif geworden war.

Bei dem Anblick, der sich ihr bot, schrie sie erschrocken auf. Eilig presste sie die Hand vor ihren Mund und sah rasch zu dem Bett ihres Vaters hinüber. Doch dieser schlief noch immer den schweren Schlaf eines Kranken.

Wieder richtete sie ihren Blick auf den entkleideten Oberkörper des jungen Offiziers, und Tränen ließen ihren Blick verschwimmen. Hässliche Blutergüsse und scheinbar wahllos zugefügte Stichwunden übersäten Bauch, Brust und Arme. Deutlich sichtbare Schwellungen waren rot verfärbt, und an der rechten Bauchseite klafften zwei tiefe Wunden, deren Ränder bereits schwärzlich verkrustet waren, aber noch immer bluteten.

Wer auch immer der Angreifer gewesen war, er hatte die Absicht gehabt, diesen Mann zu töten. Und so, wie er ihn zugerichtet hatte, musste er von besinnungslosem Hass getrieben sein.

Wer in aller Welt war zu so etwas fähig?

Annas Blick fiel auf eine dünne Kordel am Hals des Offiziers, an deren Ende, halb im Brusthaar verborgen, ein Anhänger zu sehen war. Vorsichtig griff Anna danach und hielt ihn ins schwache Licht.

Zwischen ihren Fingern hing ein silbernes Kreuz mit einer lebensecht gestalteten Christusfigur, deren Ausdruck von unendlichem Schmerz Anna für einen Moment den Atem stocken ließ. Ein Papist! Für einen Moment wurde Anna schwarz vor Augen, als ihr bewusst wurde, was das bedeutete. Dieser Offizier, der ihr das Leben gerettet hatte, gehörte zu denen, die dem römischen Papst und hölzernen Heiligenfiguren huldigten, aber für die Täufer nur Verachtung und Feindschaft übrig hatten.

Als hätte sie sich an dem Kruzifix verbrannt, ließ Anna es los und eilte zurück zur Feuerstelle. Mit zitternden Händen löste sie Seife in dem heißen Wasser auf, tauchte einen Lappen in die Schüssel und begann, den Mann zu waschen.

Seine Haut glühte, die Muskeln waren von Fieber und Schmerzen verspannt. Zähflüssig klebte die Mischung aus Blut und Schweiß auf seinem Körper, und Anna musste das Tuch mehrmals auswaschen, bis der Verletzte sauber war.

Vorsichtig tastete sie mit den Fingerspitzen über die Prellungen, um zu fühlen, ob es unter der Haut weitere Verletzungen gab. Sie stellte fest, dass zwei Rippen gebrochen waren. Wenn sich diese nun in die Lunge gebohrt hatten …?

Nicht zum ersten Mal wünschte Anna sich, eine solch umfassende medizinische Ausbildung zu haben wie die Doktoren aus der Stadt. Aber ihre Mutter hatte sie schon früh die richtige Verwendung der Heilkräuter gelehrt, die zuweilen selbst dann halfen, wenn die gelehrten Ärzte nicht mehr weiterwussten.

Auf einem der Regale bewahrte Anna eine Flasche mit Branntwein auf, sorgfältig hinter Kästen mit getrocknetem Obst, Zucker und Mehl verborgen, den sie in Notfällen als Tinktur einsetzte. Eilig griff sie danach, entkorkte die Flasche und goss etwas von der intensiv riechenden Flüssigkeit auf die erste Verletzung.

Der Mann bäumte sich auf, warf sich auf die Seite und stöhnte. Noch mehr Schweiß trat auf seine Stirn und lief in feinen Rinnsalen über Wangen und Schläfen hinab auf das Kopfkissen. Anna wartete einen Moment ab, bevor sie ihn wieder auf den Rücken drehte und mit der anderen Stichwunde genauso verfuhr, ihren Patienten dabei jedoch mit eisernem Griff auf der mit Stroh gefüllten Matratze hielt.

Nach dieser Prozedur waren beide mit Schweiß bedeckt. Nun holte Anna einen kleinen Tiegel mit Heilsalbe hervor. Sie öffnete ihn, tauchte ein frisches Tuch hinein und tupfte damit sorgfältig die Ränder der Stich- und Schürfwunden ab. Dann machte sie sich daran, die Verletzungen mit sauberen Stofflappen abzudecken und die gebrochenen Rippen zu bandagieren. Zuletzt zog sie die Decke über den Verletzten, wischte mit einem trockenen Tuch den Schweiß von seinem Gesicht und ließ sich erschöpft auf einen Schemel sinken.

Sie hatte alles getan, was sie konnte. Sein Schicksal lag nun in Gottes Hand.

*

Noch immer loderte die Hitze in seinem Körper, züngelte es wie Feuer über seine Haut, doch brannte es nicht mehr so heftig. Ein Stöhnen entrang sich ihm, als er versuchte, seine Arme und Beine zu bewegen, und einen Moment lang drohte ihn die Schwärze erneut zu verschlucken. Schwer atmend wartete er darauf, dass der Schmerz nachließ und sich das Toben in seinem Schädel wieder beruhigte.

Schließlich lichteten sich die roten Flammen um ihn herum, und stattdessen erschien ein blasses Gesicht, das von einer schlichten Haube umrahmt war.

Ein Engel, durchfuhr es ihn. Obgleich der Anblick dieser ebenmäßigen Züge angenehm war und sich wie Balsam auf seine verwundete Seele legte, war es ihm nicht möglich, die Augen offen zu halten, und so verschwamm alles in weißem Nebel.

Etwas Kühles wurde auf seine Stirn gedrückt. Dann spürte er, wie zwei Arme vorsichtig seinen Kopf anhoben, etwas Festes an seine Lippen pressten und wie schließlich eine bittere Flüssigkeit durch seine Kehle rann. Es schmeckte scheußlich. Lorenz würgte und hustete, um nicht daran zu ersticken.

Aber bald danach ließ der Schmerz nach, das Feuer erlosch, und er versank in einer tiefen Leere.

*

»Anneli …«

Eine leise Stimme. Schwach, kaum mehr als ein Hauch.

Schläfrig blinzelte Anna und wandte sich in dem dämmrigen Raum um, unsicher, ob sie die Stimme wirklich gehört oder nur geträumt hatte.

Halb aufgerichtet saß ihr Vater in seinem Bett und blickte sie an.

»Vater.« Schuldbewusst stand sie auf und machte einen Schritt auf ihn zu. »Vater, ich …«

»Wer ist dieser Mann?« Eine Frage, kein Vorwurf.

Dennoch zuckte Anna zusammen. Bisher hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht, wie sie ihrem Vater die Anwesenheit des Soldaten erklären sollte. Insgeheim hatte sie gehofft, dass er in seinem Zustand nichts von allem bemerken würde. Sie hätte es besser wissen können.

»Ein Verwundeter. Ich habe ihn auf dem Weg nach Berich gefunden und seine Verletzungen versorgt. Wenn es Gottes Wille ist, wird er die Nacht überleben.« Stumm wartete sie die Entgegnung ihres Vaters ab. Würde er sie verurteilen, sie davor warnen, was die anderen, die Ältesten dazu sagen würden?

Aber es kam keine Antwort.

»Es ist der Offizier, der mein Leben gerettet hat, an dem Tag, als dieser Deserteur versucht hat …« Sie unterbrach sich, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen. Fast flüsternd setzte sie hinzu: »… als er versucht hat, mich zu schänden.«

Das fortdauernde Schweigen bedrückte Anna. Es schien, als ob jeder Herzschlag in ihren Ohren widerhallte, und die Stille, die sich im Raum ausbreitete, war beinahe greifbar.

»Eine seltsame Fügung.« Als ihr Vater endlich sprach, klang seine Stimme so leise, dass Anna Mühe hatte, ihn zu verstehen.

»Du meinst …?«

»Welchen Plan verfolgt Gott damit?« Seine Stirn war in Falten gelegt, sein Blick abwesend, als lausche er in die Nacht hinein auf eine Antwort.

Erleichterung durchströmte Anna. Was ihr Vater mit diesen Worten auch meinte, er hatte ihr ihr eigenmächtiges Handeln nicht übel genommen. »Du meinst also, es war kein Fehler?«

Sein Blick richtete sich wieder auf sie. Der Schatten eines Lächelns glitt über seine Züge. »Du hast recht gehandelt, auch wenn ich den Sinn noch nicht verstehe.«

»Er wäre sonst gestorben«, brachte sie als Entschuldigung hervor, obgleich sie wusste, dass es nicht mehr nötig war, da ihr Vater ohnehin auf ihrer Seite stand. So hatte sie ihn immer gekannt, weise, still und von großer Herzensgüte. Auch darin waren sich ihre Eltern ähnlich. Und diese aus Freiheit erwachsene Großherzigkeit hatten sie auch ihr stets vermittelt.

Bei der Erinnerung an die glücklichen Tage ihrer Kindheit spürte Anna, wie sich ihre Brust zusammenzog. Die Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wandte sich rasch ab.

»Ich mache uns das Abendessen, Vater.«

Während sie sich an den Töpfen zu schaffen machte, fragte sie sich, ob ihr Vater recht hatte und es Gottes Plan war, dass sie den Offizier wiedergesehen hatte.

Anna wusste nicht, wie weit die Nacht bereits fortgeschritten war. Müde warf sie einen Blick durch das kleine Fenster, doch draußen war es dunkel, und kein Lichtstreifen kündigte den Tag an.

Stöhnend wälzte sich der Verletzte im Bett hin und her. Schweiß lief in zähen Rinnsalen über sein Gesicht, tränkte seine Verbände und das Leintuch.

In regelmäßigen Abständen wischte Anna ihm mit einem Tuch über das feuchte, glühende Gesicht und versuchte ihm von dem Kräutersud einzuflößen, der in einem Tonkrug neben ihrem Stuhl auf dem Boden stand. Immer wieder drohte die Müdigkeit Anna zu übermannen, doch sie zwang sich dazu, wach zu bleiben und den verwundeten Soldaten zu versorgen.

Wenn er diese Nacht überstand, hatte er gute Chancen, andernfalls …

Annas Hand krampfte sich zitternd um den Lappen, als sie noch einmal den Schweiß von seiner Stirn tupfte. Der schwache Schein der Kerze fiel auf sein Gesicht. Und in diesem Moment erschien es Anna so ebenmäßig und schön, dass es sie unwillkürlich an die Darstellung eines gefallenen Kriegers erinnerte, die sie einmal in einem Buch gesehen hatte.

Bei Gott, er durfte nicht sterben! Er war doch noch so jung.

Das erste Licht der Morgendämmerung zeigte sich am Fenster, als das Fieber schließlich sank. Der Mann begann, ruhiger zu atmen, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Vor Erschöpfung schwankend, stellte Anna die Schüssel mit Wasser ab und setzte sich wieder auf ihren Schemel. Kurz darauf fielen ihr die Augen zu, ihr Kopf sank auf die Brust, und auch sie schlief ein.

Ein Klopfen ließ Anna aus dem Schlaf schrecken.

Sie fuhr zusammen, und im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Jeder Knochen ihres Körpers schmerzte, ihre Muskeln waren verkrampft. Während sie die verspannten Glieder schüttelte, fragte sie sich, weshalb sie auf einem harten Holzschemel statt in ihrem Bett geschlafen hatte.

Durch das verhangene Fenster fiel fahles Licht in die Stube. Der Morgen musste bereits weit vorangeschritten sein.

Aber weshalb …?

Blitzartig fiel Anna alles wieder ein. Der fremde Offizier, seine Verletzungen, das Blut und ihre verzweifelten Versuche, ihn am Leben zu erhalten.

Ein erneutes Klopfen, diesmal heftiger.

Erschrocken fiel ihr Blick auf den Verwundeten, der noch schlief und gleichmäßig atmete. Der Schweiß, der ihm auf Wangen und Stirn stand, zeigte, dass das Fieber wieder gestiegen war.

Das Klopfen wurde ungeduldiger. »Anna! Anna, wo bist du?«

Gideon!

Panik erfasste Anna, und sie sprang hastig auf.

Was hatte Gideon hier zu suchen? Aber natürlich! Seit sie am Morgen des Vortages mit dem Verwundeten zurückgekommen war, hatte sie das Haus nicht mehr verlassen. Sicher wurde sie schon vermisst, man machte sich womöglich Sorgen. Und nun stand Gideon vor der Tür. Nach ihrem letzten Gespräch hätte sie nicht gedacht, dass sie ihn so schnell wiedersehen würde. Mit nervösen Fingern steckte sie sich eine widerspenstige Haarsträhne unter die Haube, strich ihren zerknitterten Rock glatt und eilte zur Tür.

Die gedrungene Gestalt Gideons zeichnete sich vor dem nebeligen Hintergrund ab. Ehe sie noch Gelegenheit hatte, ihn zu begrüßen und hereinzubitten, hatte er bereits seinen schwarzen Hut abgenommen und trat auf sie zu.

»Wie ich sehe, ist alles in Ordnung mit dir.« Mit der flachen Hand klopfte er die Schneeflocken von seinem Mantel. Sein fleischiges Gesicht war von der Kälte gerötet. »Wo hast du denn gestern gesteckt? Man hat schon nach dir gefragt, und ich dachte …«

Er unterbrach sich, als er bemerkte, wie blass Anna war. »Ist etwas geschehen? Dein Vater?«

»Nein, mein Vater ist … ich meine, sein Zustand hat sich nicht verschlechtert.« Noch immer versuchte sie, mit ihrem Körper den Blick auf ihr eigenes Bett zu verstellen, während sie fieberhaft überlegte, wie sie den unwillkommenen Gast höflich und ohne allzu großes Aufsehen zum Gehen bewegen konnte. »Er schläft viel, und ich weiche kaum von seiner Seite, um …«

Sie senkte den Kopf, als sei sie zu bescheiden, um mit ihrer Wohltätigkeit zu prahlen, in Wirklichkeit jedoch, um die aufsteigende Röte zu verbergen, die ihr ins Gesicht schoss, als ihr bewusst wurde, wie dicht sie an einer Lüge vorbeigeschlittert war.

»Deine Aufopferungsbereitschaft ehrt dich.« Noch immer machte Gideon keine Anstalten zu gehen. »Doch ich fürchte, du bürdest dir zu viel auf. Es ist wirklich an der Zeit, dass dir ein liebender Ehemann helfend unter die Arme greift, wie Gott der Herr es für die Frauen vorgesehen hat.«

Die Bilder, die Anna bei diesen Worten vor sich sah, hatten nichts mit Gideon zu tun – unwillkürlich flogen ihre Augen zu ihrem Bett, wo sie den Fremden wusste.

»Wenn du erlaubst, würde ich mich gern selbst davon überzeugen, dass euch nichts fehlt.« Mit einer entschlossenen Bewegung schob er sie beiseite. »Wir haben zu Hause noch was von dem Braten übrig, falls dein Vater …«

Mitten in der Bewegung hielt er abrupt inne. Seine Stimme erstarb, und er erstarrte. Anders als üblich schienen ihm mit einem Mal die Worte zu fehlen. Einige Atemzüge lang blieb er bewegungslos stehen, den Hut in der Hand, den Blick auf das Bett gerichtet. Es war offensichtlich, dass er nicht glauben konnte, was er sah.

Langsam wandte er sich zu Anna um. »Wer ist das?«, brachte er schließlich hervor, und alle Freundlichkeit war aus seiner Stimme verschwunden.

»Ein verwundeter Offizier. Als ich gestern auf dem Weg nach Berich war … da war er … ich meine, da hab ich ihn gefunden, blutüberströmt, halb erfroren und ohne Bewusstsein.«

Gideon sagte nichts, sah sie aber mit kalten Augen an.

»Ich konnte ihn doch nicht seinem Schicksal überlassen, also hab ich ihn hierhergebracht, seine Wunden versorgt …« Wie um sich zu entschuldigen oder um jeden weiteren Verdacht im Keim zu ersticken, fügte sie hinzu: »Er ist seither noch nicht wieder zu sich gekommen, Gott sei’s geklagt.«

»Du hast ihn hierhergebracht? In deine Hütte? Ohne jemandem etwas davon zu sagen? Ohne Erlaubnis der Gemeinde?« Seine Worte waren wie Ohrfeigen, aber es klang auch Ungläubigkeit in ihnen mit.

»Dazu war keine Zeit. Er wäre gestorben. Du hättest sehen sollen, wie schwach er war, kaum noch am Leben und …«

»Das hätte ich nicht von dir gedacht, Anna Hochstetter!« Zorn und Enttäuschung hatten Gideons bartloses Gesicht tiefrot gefärbt. Sie konnte sehen, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. »Dass du einfach …«

»Was hättest du nicht gedacht, Gideon?« Ihre Stimme war ruhig, ihr Blick fest auf ihn gerichtet. »Dass ich es nicht über mich bringe, einen Mann einfach sterben zu lassen? Nur weil er ein Fremder ist, einer aus – der Welt?«

Gideons Gesicht färbte sich noch einen Ton tiefer, er schnaubte und reckte Anna drohend den Zeigefinger vors Gesicht. »Du weißt genau, was ich meine. Du öffnest der Unzucht Tor und Tür, missachtest die gebotene Absonderung, du …«

Ein paar Herzschläge lang verharrte er so in seiner Position, dann fuhr er herum, setzte seinen Hut auf und riss die Tür so heftig auf, dass ein Schwall eisiger Luft in die Hütte wehte. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal zu ihr um. »Das müssen die Ältesten erfahren. Du wirst hören, was sie über die ganze Sache zu sagen haben.« Mit einem lauten Knall schlug er die Tür hinter sich zu. Durch das Holz gedämpft, vernahm Anna das Gackern der durch den Lärm aufgescheuchten Hühner, dann war alles still.

»Ist er weg?«

Eine leise Stimme kam von der anderen Seite des Raumes. Müde wischte sich Anna mit dem Handrücken über die Stirn und wandte sich dann ihrem Vater zu. Mit offenen Augen lag dieser auf seinem Lager.

»Vater?«

»Gideon, ist er weg?«

»Ja, Vater, er ist gegangen, er …« Anna wusste nicht, was sie sagen, wie sie ihrem Vater die Situation erklären sollte. Bisher war sie sicher gewesen, dass sie das Richtige tat und ihre Christenpflicht erfüllte. Doch das rüde Auftreten Gideons hatte sie verunsichert, und nun stand sie mit hängenden Armen da und wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Er ist ein blinder Tor.« Sie musste sich zu ihm hinunterbeugen, um seine Worte zu verstehen. »Einer von denen, die Gott auf den Lippen, aber nicht im Herzen tragen, die sich an die Buchstaben des Gesetzes klammern, den Geist jedoch dabei außer Acht lassen.«

»Gideon? Aber er ist der Neffe eines Gemeindeältesten …«

»Und ein noch viel größerer Narr, eitel und besitzgierig. Nicht die Sorge um das geistige Wohl der Gemeinschaft treibt ihn, sondern bloße Eifersucht.«

Anna nickte, erleichtert, dass ihr Vater das Gleiche empfand wie sie.

»Er will dich besitzen, meine Tochter, um jeden Preis.«

Ein Schauder überlief Anna, und fröstelnd zog sie ihr Schultertuch fester um ihren Körper. »Aber ist es nicht seine Pflicht vor Gott und der Gemeinde, sich eine Frau zu suchen, eine Familie zu gründen?«

»Er will dich, Anneli. Und dabei geht es ihm nicht um dein Glück und Wohlergehen, sondern nur darum, seinen Willen durchzusetzen. Und er wird nicht eher ruhen, bis er sein Ziel erreicht hat. Sieh dich also vor, mein Kind, ich kann …«

Ein Hustenanfall erstickte den Rest des Satzes.

»Du sollst nicht so viel reden, Vater. Das strengt dich nur an.« Liebevoll strich Anna ihm mit der Hand über die dünn gewordenen Haare und spürte, dass er vor Fieber glühte.

»Ich mach dir einen Aufguss, der wird …« Als sie sich abwenden wollte, spürte sie, wie eine Hand sie festhielt.

»Anneli, hör mir zu. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, doch du musst mir eines versprechen: Hüte dich vor Gideon Beiler und Männern wie ihm. Sie würden dir keinen Funken Freiheit lassen.«

»Was redest du da?« Eine seltsame Unruhe hatte Anna erfasst. »Du bist krank, du hast Fieber. Da ist es normal, dass du die Zukunft düster siehst. Aber sei versichert, ich …«

»Du erinnerst mich immer mehr an deine Mutter.« Auf das eingefallene Gesicht des Vaters stahl sich für einen kurzen Moment ein Lächeln. »Genauso dickköpfig! Unbeirrbar in ihren Entscheidungen! Und voller Mitleid für andere Menschen.«

Anna errötete, als sie an den Mann dachte, der in ihrem Bett lag, seine wohlgeformte Gestalt, die gepflegten Hände … Beschämt senkte sie den Kopf.

»Unser Leben war nicht immer einfach, wie du weißt. Doch in einem Punkt waren wir uns stets einig: Unser Ziel war es, unsere Kinder in der Liebe zu Gott zu erziehen.«

Mit einem sauberen Tuch tupfte Anna ihrem Vater den Schweiß von der Stirn. »Mach dir keine Sorgen, Vater. Das ist euch gelungen.«

»Ja, aber nicht nur in der Liebe, sondern auch in der Freiheit Gottes. Die Freiheit ist, wie der Apostel Paulus schon sagte, eines der größten Geschenke Christi an die Welt.« Der Griff seiner Finger wurde fester, und Anna spürte, wie wichtig ihm das war, was er ihr mitzuteilen versuchte. »Als unsere Vorfahren sich vor Generationen vom Bann des Papsttums gelöst haben, war einer der Gründe, dass sie ihren Glauben in Freiheit leben wollten. Sie sehnten sich danach, nichts und niemandem auf der Welt verpflichtet zu sein, niemandem außer Gott. Keiner weltlichen Macht, keinem Fürsten und keinem Papst. Nichts als Gottes Wort, das uns in der Heiligen Schrift überliefert ist. Frei zugänglich für jeden Menschen, der bereit und willig ist, es in sich aufzunehmen.«

Freiheit, Liebe und Verantwortung. Wie oft hatte sie diese Worte aus dem Mund ihrer Mutter gehört, die ihr dabei zärtlich mit den von der Arbeit rau gewordenen Händen über die Wange strich.

»Menschen wie Gideon, die glauben, andere mit vermeintlich unverrückbaren Wahrheiten, Vorstellungen und starren Regeln beherrschen zu müssen, sind gefährlich. Solche Menschen waren es, welche die von unserem Herrn Jesus verkündete Freiheit nicht ertragen konnten und ihn töteten. Solche Menschen waren es, die ihre Nachbarn und Brüder verfolgt, gefoltert und getötet haben, nur weil sie dachten, sie würden nicht mit ihren überlieferten Wahrheiten übereinstimmen. Und warum? Sie haben den Sinn der Worte Jesu nicht begriffen. Sie haben die Botschaft der Liebe und Freiheit in einengende Regeln und Gesetze umgewandelt, statt nach Jesu Wort in der Freiheit des Geistes und der Liebe zu leben. Lass dir von solchen Menschen nicht deine Freiheit rauben. Einzig und allein Gott gegenüber bist du Rechenschaft schuldig.«

Einen Moment lang blieb Anna am Bett des Vaters sitzen, ihre Hand in der seinen. Sie hörte das leise Knistern des Holzes in der Feuerstelle und wünschte sich, einfach die Augen zu schließen und wieder ein Kind zu sein, geborgen in der Fürsorge ihrer Eltern. Aber das war nur ein schöner Traum. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ihr auch noch der Vater genommen werden würde. Sie spürte, wie ihr bei diesen Gedanken die Tränen in die Augen schossen.

»Ich liebe dich, Vater.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die fiebrige Stirn. »Und ich werde deine Worte nicht vergessen.«

Sorgfältig wickelte sie ihn wieder in die Decke ein. Dabei fragte sie sich, was ihr Vater sagen würde, wenn er ihre Gedanken lesen könnte. Denn dieser verletzte Soldat weckte in ihr weitaus mehr als nur Mitgefühl mit einem gequälten Erdenwurm, der ihrer selbstlosen Hilfe bedurfte.

KAPITEL 7

Waldeck, Januar 1776

Die ersten Strahlen der Wintersonne bahnten sich ihren Weg durch das mit einem Tuch verhangene Fenster, hinter dem Anna bereits dabei war, Hafer für den morgendlichen Brei zu zerstampfen.

Das Feuer in der Herdstelle brannte schon, und seine Flammen waren die einzige Quelle von Wärme und Licht im gesamten Raum. In einem Kessel köchelte mit etwas Salz und Kümmel versetztes Wasser, in das Anna den zerstoßenen Hafer rührte. Die gleichmäßigen Bewegungen mit dem schweren Holzlöffel entspannten sie. Nachdem sie die dritte Nacht in Folge statt in ihrem Bett auf einem provisorischen Lager aus Decken und Strohsack vor der Feuerstelle verbracht hatte, fühlte sie sich wie zerschlagen. Als sich in dem Kessel eine gleichmäßige, sämige Masse gebildet hatte, fügte Anna noch einen winzigen Hauch Pfeffer hinzu. Zu viel wäre eine Verschwendung gewesen, denn Gewürze waren teuer.

Sie zündete eine Kerze an und näherte sich damit dem Bett ihres Vaters, der noch schlief. Sein Gesicht wirkte stark eingefallen, seine Augenpartie wies eine ungesunde dunkle Färbung auf, und sein Atem ging röchelnd.

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