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Die Königsmalerin

Kohlschwarz

»Die beste Zeichenkohle macht ihr aus Stücken von Weidenstäben. Verschließt sie in einem Topf und stellt diesen bei einem Bäcker in den Ofen, bis die Stücke schwarz gebrannt sind. Macht ihr die Kohlezeichnung zu Beginn des Bildes mit der rechten Hand, muss das Licht von links kommen. Sofonisbas Sonne dagegen muss stets von der rechten Seite scheinen.«

Bernardino Campi

Seit Wochen sprach man in den Bürger- und Adelshäusern von nichts anderem als von der Ankunft des königlichen Trosses aus Spanien. Von Barcelona aus war Kronprinz Philipp von Habsburg mit dem Schiff nach Italien gekommen. Nun reiste er mit seinem Gefolge zu Pferde in Richtung Milano, um von dort aus über die Alpen und durch die deutschen Lande nach Brüssel zu gelangen. Und wenige Tagesritte vor Milano lag unsere Stadt: Cremona, das sich auf einem der sanften Hügel in der Lombardei über dem Fluss Po erhebt.

Unsere Stadtherren, zu denen auch mein Vater Amilcare gehörte, hatten Cremona gut vorbereitet: In diesem Winter im Jahr 1549 leuchtete die Stadt bunter als der große Tuchmarkt auf der Piazza del Comune an den sonnigsten Tagen im Juli. Seit einigen Tagen wölbten sich schon die bemalten Triumphbögen über die Straßen. Jede Adelsfamilie versuchte mit ihrem festlich hergerichteten Palazzo die Nachbarn auszustechen. Auch unser Haus– ein hohes Stadtgebäude, dessen wuchtige Mauern einen kleinen Garten umarmten– trug seit zwei Tagen einen Schmuck aus Bändern und Fahnen.

»Schaut euch das an, da draußen sieht es aus wie in Sofonisbas Malerkammer, wenn sie überall die bunt verfärbten Lappen herumliegen lässt«, sagte meine Mutter, als sie an diesem Wintermorgen vom Balkon aus auf die Straße hinunterblickte.

Meine Schwester Elena, die mir die Haare zu zwei Zöpfen flocht, zwinkerte mir im Spiegel zu. Manchmal hätte unsere Mutter es wohl doch lieber gesehen, wenn wir uns etwas ernsthafter mit der Kunst des Stickens beschäftigt hätten, statt das Malerhandwerk zu erlernen.

Wie jeden Morgen ging unsere ganze Familie auch an diesem Dezembertag zur Kirche San Giorgio zum Gebet: Amilcare Anguissola, unser Vater, in seine würdige schwarze Robe gekleidet, den graublonden Bart fein zurechtgestutzt. Meine Mutter, aufrecht und streng, und dennoch mit diesen zwei sichelförmigen Lachfältchen um die Mundwinkel, die ich so gerne an ihr mochte. Und dann meine fünf Schwestern und ich, alle herausgeputzt, wie es sich für Mädchen des Patrizierstandes gehörte: die Haare streng gescheitelt, geflochten und zu einer Zopfkrone hochgesteckt, die wir mit Perlenbändern schmückten. Sechs Töchter zwischen zwei und vierzehn Jahren, kein einziger Sohn. Kein Wunder, dass unsere Mutter viel seufzte.

Anna-Maria, die kleinste, war noch so müde, dass sie ihr rundes Gesichtchen am Hals unserer Kinderfrau Bartola verbarg. Neben Bartola ging meine zweitjüngste Schwester Europa. Sie war in diesem Sommer vier Jahre alt geworden und blickte missmutig vor sich hin, ernst wie eine Erwachsene in Miniaturform, weil ihr Mieder unter dem Kleid aus rostrotem Brokatsamt ungewohnt eng geschnürt war. Lucia und Minerva wirkten wie Zwillinge, sie tuschelten und kicherten viel und trugen die gleichen Bänder im Haar: golden und grün, was den Honigton ihrer Locken betonte. Auch Elena und ich taten vieles gemeinsam, doch unterschiedlicher als wir beide hätten Schwestern nicht sein können.

Ich, Sofonisba, bin die älteste Tochter der Familie Anguissola. »Gott hat dir ein großes Talent geschenkt«, ermahnte mich mein Vater oft. »Du bist die begabteste von allen Schwestern und dein Alter gibt dir Vorrechte, auf die die Jüngeren verzichten müssen. Aber du hast auch die Pflichten, die Verantwortung und die Würde unserer Familie zu tragen.« Meine Mutter nahm mein ungestümes Wesen etwas leichter und sagte im Scherz gerne, dass ich wie ein Jagdhund sei: »Kaum nimmt sie eine ferne Witterung wahr, zieht es sie aus dem Haus. Und dann verfolgt sie ihre Fährte, ohne dass jemand sie davon abhalten kann.«

Meine Mutter, Bianca Ponzoni, war eine kluge Frau.

Elena war die hübschere von uns zwei Ältesten, sehr sanft und zart, beinahe durchscheinend. Dennoch war sie es, die stets zu laut lachte und deren Temperament ihr so einige Bilder verdarb, weil sie ihre Hand nicht ruhig halten konnte. Während ich mir wünschte, wie ein Sohn einfach in die Stadt gehen und ausreiten zu können, wann es mir gefiel, war Elena diejenige, die nichts lieber tat als zu tanzen und sich nach den Kavalieren umzusehen. Ihr Haar war heller und glatter als meines, doch beide haben wir die blaugrauen Augen der Anguissolas geerbt.

Als wir an diesem Dezembertag mit unseren Eltern ins Freie traten, strich uns ein kalter Ostwind über die Wangen und zerrte an unseren Mänteln und Röcken. Der Himmel war noch dämmrig grau und über Nacht hatte ein feiner Regen das Kopfsteinpflaster und die roten Kirchen und Stadtpaläste noch dunkler gefärbt. Um die Roben der Damen zu schützen waren eigens für den Umzug farbige Baldachine über den Balkonen und Fenstern aufgespannt worden, die selbst im spärlichen Morgenlicht einen leuchtenden Kontrast zu dem Gemäuer bildeten.

»Schau keine Löcher in den Himmel, Sofonisba!« Elena zupfte ungeduldig an meinem Ärmel. »Wenn wir uns jetzt beeilen, sehen wir vielleicht noch den Cavaliere Andreoli vor der Kirche.«

»Du meinst wohl eher den Sohn des Cavaliere«, erwiderte ich. Elena lachte und legte den Zeigefinger über die Lippen.

»Scht!«, sagte sie mit einem warnenden Blick auf unsere Eltern. »Ja, vielleicht auch den Sohn. Meinst du, der spanische Prinz sieht ebenso gut aus wie Luca? Ob er auch schwarze Locken hat?«

»Wie soll er sonst aussehen?«, antwortete ich so gelassen wie möglich. Nie hätte ich zugegeben, dass ich wie alle Mädchen der Stadt schon seit Wochen davon träumte, einen Blick auf den Prinzen zu erhaschen. »Er ist ein Spanier, natürlich wird er dunkel sein. Und bestimmt hübscher als Luca Andreoli! Nun, aber das ist ja kein Kunststück, nicht wahr?«

»Sofonisba!« Voller Empörung kniff mich Elena in den Unterarm. »Du hast doch gar keinen Blick für die Schönheit der Männer. Auf deinen Skizzen sehen sie alle aus wie verkleidete Affen mit Bärten! Eine Schande für eine Porträtmalerin, meinst du nicht?«

»Du meinst also wirklich, Luca ist hübscher als ein Affe?«

»Mädchen!«, rief uns unsere Mutter streng zur Ordnung. »Es geht doch nicht an, dass meine beiden Ältesten sich derart albern aufführen!«

Auf der kleinen Piazza warteten die Kirchgänger unseres Stadtteils bereits darauf, dass das Gotteshaus seine Tore öffnete. So wie wir waren auch die anderen Familien heute früher als gewöhnlich zum Morgengebet gekommen. Weiße Atemzüge bauschten sich vor winterblassen Gesichtern.

Wenn ich heute die Augen schließe, sehe ich dieses Bild vor mir und bilde mir sogar ein, die Kälte zu spüren und den Stallgeruch von nassem Schuhleder wahrzunehmen, vermischt mit dem flüchtigen Duft des Lavendelwassers, das Elena sich auf die Haut getupft hatte.

Ein paar Straßen weiter hörte man Hufe auf das Pflaster schlagen. »Das sind unsere Cavalieri, die dem Prinzen und seinem Gefolge entgegenreiten«, erklärte mein Vater voller Stolz. »Zweihundert Reiter! Wenn es stimmt, was der Bote gesagt hat, wird der Hofstaat lange vor Mittag in der Stadt eintreffen.«

Wie immer, wenn er ungeduldig oder nervös war, zupfte er an seinem Bart. Er war stets ganz und gar Energie, anders als meine besonnene Mutter. Man sah ihm seine fünfzig Jahre nicht an, denn er ging federnd und flink und beherrschte es wie kein anderer, mit den Menschen zu sprechen und Bande aus Freundlichkeit und Verträgen zu knüpfen.

»Da vorne ist Luca!«, flüsterte Elena mir aufgeregt zu. Tatsächlich, dort, in der Nähe einer Kutsche, stand Elenas Schwarm. Er war gut aussehend, aber farblos, wie ich fand. Obwohl er erst siebzehn Jahre alt war, wirkten seine Wangen schlaff und sein Blick träge wie der eines älteren Mannes. Ich konnte mir sehr genau ausmalen, wie er in zehn Jahren aussehen würde: ein italienischer Edelmann, aufgedunsen vom Wein, gelangweilt von den teuren Festen im Haus seiner Familie. Was mochte Elena wohl an ihm gefallen? Möglicherweise sein sanfter, hübsch geschwungener Mund?

»Komm mit! Wir begrüßen seine Familie«, drängte meine Schwester. Ich sah mich verstohlen um. Der Augenblick war günstig: Meine Eltern waren gerade dabei, mit einem befreundeten Kaufmann und dessen Frau zu plaudern, das Lachen meines Vaters erhob sich über das Gemurmel der Menge.

Bartola warf uns nur einen tadelnden Blick zu, als wir uns davonstahlen, und wie immer lief Elena mir schon nach wenigen Schritten voraus. Ich folgte ihr betont langsam und ließ den Abstand größer werden. Luca kannte ich schon zur Genüge, auf einem der vielen Sommerfeste hatte ich ein langweiliges Gespräch über Musik mit ihm durchlitten, also hatte ich es nicht eilig, mich in den höflichen Floskeln zu üben, nur damit Elena ihm ungestört schöne Augen machen konnte. Viel interessanter waren andere Gesichter.

Ich liebte es schon damals, Menschen zu betrachten und nach den Geheimnissen in ihren Augen zu suchen. Und ich liebe es auch heute noch, obwohl ich das tiefste und grausamste Geheimnis, das Augen bergen können, längst erkundet habe.

Nicht weit von mir schob sich eine junge Frau durch das Gedränge in Richtung Kirche. Sie war eine Bürgerin, das sah ich an der Art, wie sie gekleidet war, vielleicht die Frau eines Weinhändlers. Sie hatte sich ein helles Wolltuch um die Schultern geschlungen. Am Rand war es mit schwarzer Stickerei verziert. Das zierliche Muster– verschlungene Ranken und Reben– wirkte, als hätte ein geschickter Maler mit seiner Zeichenkohle eine filigrane Skizze entworfen. Das Haar der Frau war unter einer Leinenhaube verborgen. Bestimmt war es hell oder rötlich, denn ihre Haut war blass und mit zarten Sommersprossen übersät. Inmitten der Leute wirkte sie farblos, doch ihre Augen bargen so viel Schatten und Licht, dass ich gar nicht anders konnte, als sie fasziniert zu betrachten.

Sie ließ ihren Blick über die Menge schweifen– und einen Wimpernschlag lang streifte er auch mich. Ich wäre beinahe gestolpert, so abrupt blieb ich stehen.

»Es sind die Augen, die die Seele jedes Bildes sind.« Diese Worte wiederholte unser Zeichenlehrer Bernardino Campi jeden Tag. »Achtet immer besonders auf die Augen. Sie geben das Innerste eines Menschen preis. In ihnen brennt das Licht, an dem das Talent des Malers sich entzünden kann.«

Doch das Licht dieser Augen entzündete mich nicht nur, sondern löschte alle anderen Gesichter um mich herum aus.

Als hätte sie meine stumme Frage gehört, blieb die Frau stehen und wandte sich ganz zu mir um. Plötzlich war mir kalt, Gänsehaut an meinen Armen. Über die Menge hinweg verband uns ein Blick, der mir die Kehle zuschnürte. Ich fühlte mich, als hätte eine heiße Hand meinen Hals umfasst und eine Stimme würde mir Geheimnisse ins Ohr flüstern, so schrecklich und unglaublich, dass ich vor Entsetzen weinen wollte. Einsamkeit sah ich in diesen Augen, eine Entschlossenheit, die mich einschüchterte– und dieses andere, Dunkle, das ich damals noch nicht benennen konnte.

Ich erinnere mich noch, dass die Augenfarbe der Fremden eine Mischung aus Ocker und einem schattigen Grün war. Und ich erinnere mich daran, wie sie rasch den Kopf senkte und weitereilte, als würde jemand oder etwas sie verfolgen– zur Kirche, deren Tore sich gerade für die Gläubigen öffneten.

In der Kirche war es dunkel, nur die Kerzen flackerten im Luftzug der Menschen, die an ihnen vorübergingen, und das ewige Licht glomm in der Düsternis. Alle Geräusche klangen gedämpft, die Stimmen sanken zu einem Flüstern. Drei alte Witwen beteten murmelnd und erfüllten auch die letzten steinernen Winkel mit dem Klang gekrächzter Fürbitten. Während ich mich auf der marmorkalten Kirchenbank niederließ und das Kreuzzeichen schlug, suchte ich verstohlen nach der Fremden.

Sie kniete mit gesenktem Kopf auf einer der hinteren Bänke. Mit den Ellenbogen hatte sie sich auf der Lehne der Bank vor ihr aufgestützt. Ihre zum Gebet verflochtenen Hände lagen an ihrem Scheitel. Kein Maler auf dieser Welt hätte mehr Kummer in den Ausdruck der Hände legen können. Der Anblick berührte und beunruhigte mich gleichermaßen, und mein Herz begann schneller zu schlagen bei dem Wunsch, sofort nach Stift und Malerkohle zu greifen und diese Linien zu skizzieren. Ich wollte Ordnung in diese Verwirrung bringen, wollte sie bannen und ihr eine Form geben, damit der Anblick der Frau nicht mehr so verstörend wäre.

Mit angehaltenem Atem suchte ich nach Vertrautem und fand es: Die Haltung der Frau glich der einer Maria, die unter dem Kreuz kniet und um ihren Sohn weint. Erleichtert atmete ich auf. Um wen mochte diese verzweifelte Frau weinen?

»Hast du es gehört?«, wisperte Elena mir aufgeregt zu. »Wir sind eingeladen– zu einem Hausfest bei den Andreolis!«

Wie ertappt fuhr ich herum.

»Und Luca hat mich angelächelt«, fuhr meine Schwester fort und wurde rot. »Oh, Sofonisba, glaubst du, dass ich ihm gefalle?«

»Vielleicht gefällt es dem eitlen Pfau auch nur, bewundert zu werden«, gab ich ebenso leise zurück. »Schlag ihn dir aus dem Kopf, Elena. Für seine Mutter wärst du niemals gut genug, sie nennt uns ›Kittelmädchen‹ und spottet über unsere Malerei. Die Einladung hast du allein der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Feste gerne mit kuriosen Gestalten schmückt.«

Hier sprach Sofonisba, die Älteste. Doch unter diesem Mantel von Vernunft raste mein Herz.

»Ach, wenn ich alt genug bin, um zu heiraten, werde ich für Signora Andreoli gut genug sein«, sagte Elena vertrauensvoll zu ihrem Gebetbuch. »Ich habe doch dich, Sofonisba! Du wirst berühmt werden und so viele kostbare Geschenke für deine Porträts bekommen, dass die Anguissolas den halben Tuchmarkt werden kaufen können. Dann wird Lucas Mutter mich mit Kusshand als Schwiegertochter nehmen.«

Ich musste lächeln. Elena glaubte an mein Talent wie niemand anderes. Sie war fest davon überzeugt, dass alles sich zum Guten wenden würde und dass alle Schwierigkeiten sich auflösten, weil es so sein musste, weil sie lächelte, so wie jetzt, und glücklich war. Wer weiß, dachte ich wehmütig. Vielleicht würde meine Schwester eines Tages wirklich heiraten. Luca oder einen anderen Edelmann. Und dann würden wir nicht mehr in einem Zimmer schlafen und die ganz Nacht über flüstern. Luca betrachtete meine Schwester, als wäre er ein Verdurstender und sie ein köstlicher Wein.

Für diesen Moment nahm ich ihn mit Elenas Augen wahr, erkannte die Sehnsucht und die Sanftheit in seinem Gesicht. Und ich wusste plötzlich, dass er seine Mutter dazu gedrängt hatte, die Anguissola-Töchter einzuladen.

»Sieht er zu mir herüber?«, wisperte Elena und errötete noch mehr. Ich nickte kaum merklich und nahm mir vor, nie wieder ein hämisches Wort über Luca zu verlieren.

»Amen«, brummte mein Vater. Es klang wie ein Befehl. Noch während er sich bekreuzigte, stand er auf und trat auf den Seitengang. Nicht einmal in der Kirche konnte er seine Ungeduld verbergen. Eine wichtige Aufgabe stand ihm bevor. Die Stadträte versammelten sich bereits, um den königlichen Tross am Stadttor zu empfangen. Unsere Mutter und wir würden den Umzug auf dem Balkon eines Stadtpalastes an der Hauptstraße verfolgen, als Gäste der Familie Gonzaga.

Die eiligen Schritte meines Vaters schlugen auf den Steinplatten. Jetzt waren sie auf der Höhe der Kirchenbank, auf der die fremde Frau kniete und ihr Gebet sprach. Eine gute Gelegenheit, mich noch einmal nach ihr umzuschauen.

Sie war fort! Ich hatte keine Schritte gehört, sie war verschwunden wie ein Gespenst, vertrieben von den Gebeten der zahnlosen alten Frauen.

Meine Mutter zuckte zusammen, als ich aufsprang und mich hastig bekreuzigte. »Sofonisba!« Ihr Flüstern klang so scharf wie ein Hieb. »Warte, bis ich das Amen spreche.«

»Ich komme sofort wieder«, antwortete ich leise. »Ich muss Vater noch etwas fragen.«

Schon war ich auf den Gang getreten und eilte Vater hinterher.

Die Dämmerung des Morgens hatte sich aufgelöst und der Himmel zeigte sich nicht mehr dunkel und matt, sondern in einem zarten, klaren Aschblau. Sogar eine blasse Wintersonne kam hervor. Mein Vater schritt über den Platz, doch ich rief nicht nach ihm. Stattdessen hielt ich Ausschau nach der Fremden. Dort war sie: Mit gesenktem Kopf eilte sie über den Platz, direkt in die Richtung des Torrazzo– des höchsten Glockenturms nicht nur unserer Stadt, sondern ganz Italiens. Jeder Reisende konnte ihn schon von Weitem erkennen, wenn er auf Cremona zuritt.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter. »Donnolina, wo willst du nur hin?«

Bartola. Natürlich. Meine Mutter hatte unsere Dienerin nach draußen geschickt, um die ungehorsame Tochter einzufangen. Niemand anderem hätte ich je erlaubt, mich »Wieselchen« zu nennen. Aber Bartola war keine gewöhnliche Dienerin, sondern Vertraute, Kindermädchen, Anstandsdame und Trösterin in einem. Meine Mutter hörte auf ihren Rat, und wenn Bartola uns schalt, rief mein Vater sie niemals zur Ordnung. Ich erinnere mich daran, dass sie dunkles Haar gehabt hatte, als ich noch ein Kind war, aber inzwischen war es grau geworden.

»Lass mich. Ich muss etwas erledigen, Bartola«, erwiderte ich ungeduldig.

Ihr gutmütiges Gesicht verzog sich zu einer strengen Miene. »Deine Mutter sagt aber, du sollst sofort wieder in die Kirche kommen.«

Über Bartolas Schulter hinweg erspähte ich die Fremde. Eben bog sie in eine Seitengasse ein und verschwand aus meinem Blickfeld.

»Gib mir dein Wolltuch! Schnell!«, rief ich und zerrte mir meine bestickte Samtmantille von den Schultern.

»Was? Aber Donnolina, was willst du…«

»Bitte, Bartola!«, bettelte ich. »Du bist die Beste, Liebste, du musst mir dein Tuch leihen.«

Sie schüttelte energisch den Kopf, sie schimpfte und schlug meine Finger weg, die ihr das Wolltuch von den Schultern zogen. »Nichts da! Du bleibst hier. Ein junges Mädchen…«

»geht niemals allein durch die Straßen. Ich weiß, Bartolina!«

»Dann begreife es endlich auch, du Sturkopf!«

Gute Bartola! Wie oft hatte ich diese nutzlose Belehrung schon von ihr gehört? Beinahe tat es mir leid, sie wieder einmal einfach zurückzulassen.

»Danke!«, sagte ich, doch dann lief ich los, Jagdhund Sofonisba, und hörte nicht auf die empörten Rufe der Kinderfrau.

Im Laufen schlang ich ihr Wolltuch um meine Schultern, zog den hellen Stoff wie eine Kapuze über das Perlenband in meinem Haar und verbarg auch meine Halskette. Die Anguissolas konnten es sich nicht leisten, Kostbarkeiten zu verlieren. Zu wenige besaßen wir davon. Bartola hatte völlig Recht: Ein junges Mädchen allein in der Stadt, noch dazu ein Mädchen aus dem Adelsstand, das würde mir Ärger einbringen. Obwohl das Tuch meinen Stand verbarg, würden der bestickte Rock und die feinen Schuhe mich dennoch verraten. Es war unvernünftig, und ich wusste selbst nicht, was ich mir davon erhoffte, der Frau zu folgen. Im Augenblick zählte die Vernunft nicht, der Drang in mir, das Rätsel dieser Fremden zu ergründen, war stärker.

Bald entdeckte ich sie wieder. Mit hochgezogenen Schultern huschte sie dicht an den Hauswänden entlang.

Ich versuchte mich unsichtbar zu machen und beschleunigte meine Schritte. Zum Glück hatten die Menschen an diesem Tag Besseres zu tun, als sich Gedanken über ein vorüberhastendes Mädchen zu machen. Alle Blicke waren auf die Häuser und die Triumphbögen gerichtet. Und als ich atemlos die Piazza del Comune erreichte, den großen Dom vor mir sah und die Loggia dei Militi, ein prächtiges Gebäude mit hohen Bogengängen und einer Krone von Turmquadern, musste auch ich kurz stehen bleiben und staunen.

Cremona war seit jeher die Stadt der Webkunst. Unsere Stoffe waren berühmt, Damen in Frankreich und in den Niederlanden, in England und anderswo bezahlten ein Vermögen für schillernden Gold- und Silberbrokat, für Rankenmuster und feinste Seidenstickereien mit schwarzem Faden. Die Stoffe wurden in Cremona auf dem Tuchmarkt feilgeboten und konnten in den Lagerhallen und Geschäften besichtigt werden. An diesem besonderen Tag aber waren sie zu Ehren der königlichen Gäste über die ganze Stadt verteilt und flatterten von Fenstern und Brüstungen! Venezianischrot leuchtete neben Veronesergrün, alle Farben von Safrangelb über Ocker bis zu einem braunen Umbra fanden sich in den Stoffbändern und Bannern, mit denen die Balkone der Gebäude geschmückt waren. Die Carozzas– die reichste Familie der Stadt, deren Palast sich nicht weit vom Rathaus befand– hatten es sich natürlich nicht nehmen lassen, kostbare tiefblaue Bänder an den Fenstern zu befestigen.

Die Fremde wurde langsamer und blieb neben dem Stand eines Gewürzhändlers stehen, der vor dem großen Dom seine Waren anbot. Inmitten der Menschen, die sich auf dem Markt auf die Füße traten, wirkte die Frau wie eingefroren. Nun sah sie sich um. Ich nahm kaum wahr, wie ein Schustergeselle mich anrempelte und beschimpfte.

Ich sah nur die Frau und ihr Anblick verband sich für mich unauslöschlich mit dem Duft des getrockneten Lavendels, den die Bäuerinnen in großen Bündeln feilboten. Seit diesem Tag riecht Lavendel für mich nach Trauer und Verzweiflung.

Sie hatte mich entdeckt und… erkannte mich wieder! Ärger blitzte in ihren Augen und der Schmerz eines waidwunden Tieres, dem ein Jäger auf der Spur ist. Nein!, wollte ich erwidern. Ich will doch nur helfen, ich will doch nur wissen

Sie kniff ihre Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, als hätte sie meinen stummen Ruf gehört. Dann wandte sie sich um und floh. Hätte ich in diesem Augenblick nicht gezögert, ich hätte sie einholen können, aber zu spät gehorchten meine Beine. Noch viele Jahre später dachte ich an schwarzen Tagen darüber nach, ob ich sie nicht hätte retten können, wenn ich schneller gewesen wäre. Sie lief mitten in das Marktgedränge und tauchte unter wie ein Sperling, der in einen Busch schlüpft, um dem Falken zu entfliehen.

Wie viele Frauen mit hellen Hauben und bestickten Wolltüchern erschraken in der folgenden Stunde, weil ich sie ansprach? Ich suchte auf dem Marktplatz und in den Bogengängen der großen Loggia, ich bekreuzigte mich und betrat den großen Dom, dann eilte ich zurück und suchte in den Straßen rund um den Torrazzo. Im Meer der Leiber trieb ich ab wie ein Boot in der Strömung und ließ mich von der Piazza del Comune aus in die entfernteren Gässchen tragen, zu kleineren Höfen, in denen nur ein Brunnen stand. Meine Schritte hallten zwischen eng stehenden Häuserwänden wider, und die Dachränder über mir stutzten den Himmel auf ein kantiges, schmales Band zusammen. Schließlich kam ich zum Stehen, atemlos und mit glühenden Wangen. Das Korsett war plötzlich zu eng, um noch Atem zu schöpfen, viel schlimmer aber war das Gefühl, die Fremde verloren zu haben– und mit ihr das Geheimnis ihrer kummervollen Hände und Augen.

»Willst du denn den Prinzen nicht sehen, hübsche Fanciulla?«, rief mir eine alte Frau zu, die an einem Fenster saß.

Ich schreckte auf, als wäre ich aus einem Traum erwacht. Im selben Augenblick erklangen im Herzen der Stadt Fanfaren.

Jubel. Das Läuten der Kirchenglocken und Hufgetrappel.

Mir wurde heiß und kalt. Der Prinz! Ich hatte den Prinzen vergessen!

Ich kam zu spät. Als ich endlich beim Haus der Familie Gonzaga ankam, sah ich schon von der Straße aus, dass niemand mehr auf dem Balkon stand. Nur zwei Diener traten gerade hinaus und begannen den Baldachin abzubauen. Das Gefolge war weitergezogen, vermutlich wurden die königlichen Herrschaften gerade in einem der großen Häuser empfangen und fürstlich bewirtet. Hier dagegen zeugten nur noch Pferdeäpfel, zertretene Bänder und Sträuße getrockneter Blumen auf der Straße von dem festlichen Einzug. Vor Enttäuschung und Wut über mich selbst stiegen mir die Tränen in die Augen.

»Sofonisba!« Der Ruf ließ mich zusammenzucken. Ich blinzelte und erkannte meine Mutter und meine Schwestern, die eben das Haus verließen und auf die Straße traten. Erleichterung zeichnete sich im stolzen, strengen Gesicht meiner Mutter ab, doch gleich darauf verschloss sich ihre Miene und ihr Mund wurde hart. Bartola trug einen Ausdruck tief gekränkter Würde zur Schau und meine Schwester Elena hatte verweinte Augen. Ich hatte ihnen das große Ereignis verdorben. Beschämt senkte ich den Kopf und ging über die Straße auf sie zu.

Meine Mutter war kein Mensch, der seinem Zorn freien Lauf ließ. Eine steile Falte zeichnete sich zwischen ihren Brauen ab, doch vor den Augen der Leute, die neugierig von den Balkonen aus auf uns hinunterblickten, gab sie sich nicht die Blöße, ihre Enttäuschung zu zeigen. Stattdessen sah sie an mir vorbei, als sei ich unsichtbar, während sie mit wütenden Bewegungen ihre Mantille zurechtzupfte.

»Nach Hause«, sagte sie nur. »Sofort!«

Auf der Stelle wurde mir kalt. Das klang anders als sonst. So, als würde es von nun an eine Zeit vor diesem Tag und eine Zeit danach geben. Und meine Mutter bestätigte mir diese Befürchtung, als sie leise, aber messerscharf hinzufügte: »Das, Sofonisba, war das allerletzte Mal, dass du Zeit und Gelegenheit hattest, dich einfach so davonzustehlen!«

Beim Klang der ungewohnt barschen Worte bekam Anna-Maria, die Kleinste, einen Schreck und begann zu weinen. Bartola wiegte sie im Gehen, strich ihr über die Wangen und sang ihr ein Lied vor, das von jungen Reben handelte und von der Traubenernte im Herbst. Wie eine Ausgestoßene folgte ich meiner Familie, selbst Elena vermied es, mir in die Augen zu sehen. Ich wusste, warum sie wütend auf mich war: Ich würde nicht zu Luca Andreolis Fest gehen dürfen. Und das bedeutete, sie würde auch zu Hause bleiben müssen. Ich verstand ihre Wut auf mich und fühlte mich schuldig, sie um die Begegnung mit Luca betrogen zu haben. Doch wie hätte ich Elena erklären sollen, warum ich der Fremden folgen musste? Wie hätte ich ihr die Augen beschreiben sollen und das Geheimnis, das mich alles andere vergessen ließ?

Minerva schien mir als Einzige nichts übel zu nehmen. Verstohlen huschte die Kleine zu mir und flüsterte mir aufgeregt zu: »Der Prinz sieht gar nicht aus wie ein Spanier, eher wie ein Flame. Er ist hellblond und blass und hat sogar blaue Augen!«

Je weiter wir in Richtung der Piazza kamen, desto lauter wurde es. Ein Windstoß bauschte unsere Röcke und ließ mich blinzeln. Wie durch einen Schleier nahm ich in der Ferne einen Aufschrei aus vielen Kehlen wahr. Einige Lumpenkinder rannten johlend an uns vorbei und reckten die Hälse, riefen »Da drüben! Beim Torrazzo!« und rannten weiter.

Ganz in der Nähe des Doms traten wir auf den Platz. Nicht weit entfernt von uns, am Fuße des Glockenturms, drängte sich eine Menschenmenge. Aufgeregte Rufe erschollen, die Leute blickten nach oben, deuteten auf die Galeriefenster des viereckigen Turms. Einige bekreuzigten sich und eilten mit gesenktem Kopf weiter. Bartola drückte Anna-Maria fester an sich und meine Mutter nahm die kleine Europa bei der Hand.

»Was ist passiert?«, fragte Elena eine Bäuerin, die ihren Stand mit getrocknetem Lavendel allein gelassen hatte und einige Schritte von ihm entfernt fassungslos zum Glockenturm starrte. Die Bäuerin sah sich nach Elena um wie eine Schlafwandlerin, die ein Ruf geweckt hatte, und fuchtelte hilflos mit den Händen.

»Da oben! Die Frau hat sich gerade eben zu Tode gestürzt, vom Torrazzo! Ich habe sie fallen sehen– oh Jesus Christus!« Hastig bekreuzigte sie sich. Elena schlug die Hand vor den Mund und sah sich nach mir um. In ihren Augen stand das Entsetzen, ich dagegen fühlte nur eine seltsame, taube Leere in meiner Brust. Sie ist es nicht!, wiederholte ich wie eine Beschwörung. Es ist eine andere! Lieber Gott, lass es eine andere Frau sein!

»Weiß keiner, wie die da oben in den Glockenturm gekommen ist«, sprach die Bäuerin aufgeregt weiter. »So ein schrecklicher Tod! So eine junge Frau. Gott sei ihrer Seele gnädig.«

»Kommt nach Hause, Mädchen!«, rief meine Mutter. Alle Strenge war aus ihrer Stimme verschwunden. »Seht nicht zum Torrazzo«, ermahnte sie uns sanft und legte Europa die Hand über die Augen. »Komm, Elena! Minerva! Lucia! Hört auf, dorthin zu starren. Und Sofonisba, Kind, bleib nicht stehen.«

»Sofonisba?« Ich spürte Elenas Hand auf meiner Schulter. Hörte das besorgte Flüstern, doch ich brachte kein Wort heraus, um meine Schwester zu beruhigen. »Was ist denn?«, rief Elena erschrocken. »Du bist ganz blass! Weinst du? Oh Sofonisba, du weinst doch nicht etwa?«

Ich versuchte zu antworten, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Aber wie hätte ich Elena auch erklären können, was mich so erschütterte: Nicht weit von der Menschentraube entfernt, von Hufen und Füßen getreten und vom Pfützenwasser durchtränkt, lag ein Stück heller Wollstoff. Der Wind musste der Frau das Tuch im Fallen von den Schultern gerissen und fortgetragen haben. Es war verschmutzt, aber immer noch erkannte ich die mit kohlschwarzem Faden eingestickten Ranken und Reben.

Bleiweiß

»Bleiweiß wird auf chemischem Weg aus Blei erzeugt und duldet jede Mischung. Reibt es stets mit klarem Wasser. Doch Bleiweiß hat ein schwarzes Herz: Es ist giftig! Dennoch gibt es den reinsten Dingen ihre Farbe: Wenn ihr eine junge Braut porträtiert, malt mit diesem Weiß die Blüten ihres Myrtenkranzes. Malt ihr dagegen eine Nonne, gebt ihr drei weiße Lilien in die Hand. Sie stehen für die Dreifaltigkeit und die Jungfrau Maria.«

Bernardino Campi

Bisher kannte ich den Tod als Gast, der nur bei anderen Familien einkehrte, die Neugeborenen oder Mütter im Kindbett dahinraffte oder die Seelen der Alten und Kranken auf seinem Knochenross ins Jenseits trug. Bei unserer Familie hatte er noch nicht an die Tür geklopft, und weder meine Mutter noch Elena konnten verstehen, warum der Tod einer Fremden mich so erschütterte, dass ich noch am selben Abend Fieber bekam. Noch dazu war diese Fremde eine Selbstmörderin, die kein christliches Begräbnis erhalten würde. Durch ihre Todsünde war ihr das Himmelreich für immer verschlossen. Bartola sah meinen Kummer als schlechtes Omen, verbrannte Kräuter neben meinem Bett und legte mir ein kleines Medaillon mit dem Bildnis der Jungfrau Maria auf die heiße Stirn. Meine Mutter hielt nichts von diesem Aberglauben, sondern rief lieber die Wissenschaft und einen Arzt zu Hilfe. Doch weder die Muttergottes noch der Aderlass vermochten es, die Fremde mit den verstörenden Augen zu vertreiben. Zwei fiebrige Nächte lang lief ich in meinen Träumen immer wieder durch die engen Straßen meiner Stadt, sah die Frau innehalten, erschrak vor dem Dunklen in ihren Augen und zögerte einige Sekunden zu lange. »Halt!«, rief ich dann und stürzte hinter ihr her– Stufe um Stufe hetzte ich keuchend den Torrazzo hinauf und bewegte mich dennoch kaum von der Stelle, als würde ich in zähem Öl waten. Nur ein einziges Mal gelang es mir, ihr wehendes Tuch zu greifen, doch bereits im nächsten Augenblick entglitt mir der Stoff– und sie fiel! Fiel vor meinen Augen. Hunderte von blassen Gesichtern starrten zum Torrazzo hinauf und mein verzweifelter Ruf wurde vom Heulen des Windes übertönt.

»Ruhig, Donnolina!«, vernahm ich Bartolas sanfte Stimme, als ich mit einem erstickten Schrei hochschreckte. Ich zitterte am ganzen Körper, am linken Arm pochte schmerzhaft die Wunde, die die Lanzette des Arztes in der weichen Haut der Armbeuge hinterlassen hatte. Der Verband schnürte mir das Blut ab. Es war mitten in der Nacht, ich konnte den Wind an den geschlossenen Fensterläden rütteln hören. Nur ein Öllicht brannte neben meinem Bett und ließ Bartolas faltiges Gesicht wie eine zu grob schattierte Zeichnung wirken. Im Nebenzimmer hörte ich meine Mutter leise mit einem Diener sprechen.

»Ich muss wissen, wer sie ist!«, flüsterte ich und ergriff Bartolas Hand.

Sie strich mir über das Haar. »Wer, Kind?«

»Stell dich nicht dumm, Bartola. Du weißt genau, wen ich meine. Die unglückliche Frau natürlich! Hat man nicht darüber gesprochen?«

Bekümmert schüttelte Bartola den Kopf, doch die Art, wie sie meinem Blick auswich, zeigte mir, dass sie nicht die Wahrheit sprach. »Denke nicht mehr an sie, das beschwört nur Unglück«, murmelte sie.

Ich packte Bartolas Ärmel und richtete mich auf. Sofort brach mir wieder der Schweiß aus. »Aber du warst doch heute sicher auf dem Markt, oder nicht?«, rief ich. »Du musst doch etwas gehört haben. Irgendetwas! Warum hat sie sich vom Turm gestürzt? Wie hieß sie?«

»Halt! Bleib liegen, Kind. Was denkst du dir nur dabei, du bist krank.«

»Ich muss aber aufstehen und…«

»Nichts da!«

Bartola wand sich sanft, aber entschlossen aus meinem Griff, drückte mich an den Schultern in das Kissen und zog mir die Bettdecke wieder über den Körper.

»Signora!«, rief sie in Richtung Tür. »Sie ist wach. Aber wenn wir nicht aufpassen, springt sie uns gleich wieder aus dem Bett.«

Eilige Schritte erklangen, dann erschien meine Mutter in der Tür. Ich liebte sie dafür, dass sie lächelte, obgleich um ihre Augen der Schatten schlafloser Nächte lag.

»Mein Mädchen«, sagte sie mit zärtlichem Tadel. Bartola machte ihr Platz und sie ließ sich an meinem Bett nieder und legte mir die Hand auf die Stirn. »Gott sei Dank, das Fieber sinkt. Du hast dich verkühlt, als du durch die Straßen gelaufen bist. Den Tod hättest du dir holen können, du Trotzkopf! Siehst du nun endlich ein, dass du zur Ruhe kommen musst, mein kleiner Jagdhund?« Ich wollte antworten, mich rechtfertigen und aufbegehren, und fand mich plötzlich in ihrer festen Umarmung wieder. Bianca Ponzoni war eine Frau, die die Dinge anpackte, und auch ihre Umarmungen bargen alle Festigkeit und Sicherheit der Erde. Die Augen zu schließen und den Kopf an ihre Schulter zu lehnen, tat unendlich gut. »Ich will, dass du schnell gesund wirst und deine Studien fortsetzt, hast du mich verstanden?«, flüsterte sie in mein Haar.

»Aber ich wollte doch nur wissen, wer die Frau war.«

»Eine Verzweifelte, Kind. Eine Sünderin. Es gibt so viel Unglück auf der Welt. Sei froh, dass wir dich vor all dem beschützen. Wer weiß, was sie zu dieser Tat getrieben hat. Aber wir haben nichts mit ihr zu tun. Vergiss sie.«

»Aber das kann ich nicht!« Heftig machte ich mich aus den Armen meiner Mutter los. »Sie ist keine Sünderin. Und ich werde erfahren, wer sie war, ganz gleichgültig, ob es euch hier recht ist oder nicht.«

»Sofonisba«, sagte meine Mutter mit dieser tiefen, besonders ruhigen Stimme, die Donner und Blitz ankündigte und mich jedes Mal sofort verstummen ließ. »Du bist krank und ich will dich nicht tadeln. Doch ich hatte ohnehin vor, mit dir zu sprechen, und da du dich kräftig genug fühlst, mit mir zu streiten, bist du sicher auch stark genug, um mir jetzt genau zuzuhören.« Alle Weichheit war aus ihren Zügen verschwunden, im Schein der Nachtlampe sahen sogar die lachenden Halbmonde an ihren Mundwinkeln aus wie tiefe Scharten und ließen das Gesicht wie eine wütende Maske wirken.

Ich schluckte. Mir war ein wenig schwindlig, doch ich schob entschlossen das Kinn vor und nickte. Niemand– vor allen Dingen nicht meine Mutter– sollte mir nachsagen, ich sei nicht stark genug.

»Gut«, fuhr sie etwas leiser fort. »Merke dir meine Worte: Vor dem Haus der Gonzagas sagte ich dir, dein Ungehorsam wird ein Ende haben. Und das meine ich auch jetzt noch ernst. Du musst mich gar nicht so wütend ansehen. Ich verstehe dich besser, als du denkst. Glaubst du, ich war nie jung? Ich weiß sehr genau, wie es ist, sich nach einer Freiheit zu sehnen, die man als Mädchen nun mal nicht haben kann. Und dennoch: Es geht nicht um dich oder deine Wünsche. Es geht um unsere Familie. Die Familie ist das Einzige, was zählt, und du bist als Älteste zwar ein wichtiger Teil davon, nichtsdestotrotz bist du nur ein Teil.«

»Ich weiß«, stieß ich hervor. »Vater sagt es mir jeden Tag. Ich habe Pflichten, die…«

»Schweig und hör mir zu!«, unterbrach sie mich barsch. »Du magst die Worte hören, aber verstanden hast du sie offenbar noch nicht. Wir haben keinen Sohn, und du und Elena, ihr habt dadurch das Vorrecht, wie Söhne erzogen zu werden.« Es hatte sachlich und vernünftig klingen sollen, doch ich bemerkte sehr wohl, dass die Stimme meiner Mutter bei diesen Worten zitterte. Wir alle wussten, wie sehr sich mein Vater einen Sohn wünschte, auch wenn unsere Eltern uns Mädchen nie spüren ließen, dass wir den Erben nicht ersetzen konnten. »Der Unterricht, die Malerei– es ist ein Zugeständnis an euch«, fuhr meine Mutter fort. »Ein Geschenk. Doch jedes Geschenk hat seinen Preis. Du bist es unserer Familie schuldig, das Beste aus diesen Gaben zu machen– zum Wohle von uns allen. Die Anguissolas halten alle zusammen, sie steigen gemeinsam auf oder gehen gemeinsam unter, merke dir das. Für einen eigenen Weg ist hier kein Platz.«

Ich hätte so vieles erwidern wollen, aber unter den strengen Augen Bianca Ponzonis schwieg ich nur und wartete. Meine Mutter hob die Hand und strich mir zärtlich eine verschwitzte Strähne aus der Stirn. »Das Leben in Cremona ist kein Spiel, das du gewinnst, indem du gegen Regeln verstößt. Bisher konnten wir darüber hinwegsehen, Sofonisba. Du warst ein Kind, nun aber…« Sie deutete mit einem Lächeln auf mein Nachthemd, dorthin, wo sich seit einiger Zeit Brüste abzuzeichnen begannen, »ist es nicht mehr zu verleugnen, dass du erwachsen wirst. Du bemerkst es vielleicht nicht, aber die Männer schauen dich bereits seit dem Sommer anders an. Wenn du allein durch die Straßen gehst, bist du nicht mehr nur in Gefahr, ausgeraubt zu werden. Die Einladung zu den Gonzagas war eine Ehre für uns. Du weißt, sie haben über den Familienzweig in Mantua Verbindungen zum spanischen Königshaus und zum Hof von Milano. Kannst du nur im Entferntesten ermessen, wie die Leute sich gerade das Maul darüber zerreißen, dass du dort nicht erschienen bist?«

Ich schlug die Augen nieder. Oh doch, ich konnte es mir vorstellen. Ich musste nur an die ältliche Katharina Gonzaga denken, deren Mundwerk nie stillstand und deren Lachen durch das Haus hallte wie das Meckern einer Ziege. Meine Lippen waren trocken und die Wangen glühten nicht nur vom Fieber. Trotz meiner Wut schämte ich mich. »Willst du, dass es heißt, die Älteste der Anguissolas treibt sich allein in den Gassen herum wie… eine Dirne?«, flüsterte meine Mutter und mir lief ein Schauer über den Rücken. Heftig schüttelte ich den Kopf.

»Es tut mir so leid«, brachte ich heraus. »Ich wollte doch nicht…«

»Ich glaube dir ja, mein Kätzchen. Du schadest uns nicht mit Absicht. Genau aus diesem Grund bitte ich dich doch, dir meine Worte zu merken, wenn du schon auf deinen Vater nicht hörst. Denke an die Zukunft– an deine und die deiner Schwestern. Die Familie zählt darauf, dass deine Bilder eines Tages begehrt und reich belohnt sein werden. Aber Bilder bringen nur mit guten Beziehungen und einem tadellosen Ruf Geld ein!«

Mir war, als würde mir ein heißer Ring die Kehle zuschnüren. Noch nie zuvor war mir so bewusst geworden, wie viele Erwartungen auf mir ruhten. Ich hatte immer gedacht, es würde mir gelingen, mich den Regeln so gut es ging unterzuordnen und dabei heimlich noch einen Zipfel eines anderen Lebens zu erhaschen. Doch jetzt erkannte ich, dass es mit dem heimlichen Leben vorbei war.

Meine Mutter atmete erleichtert auf. »Gut«, schloss sie ihren Vortrag. »Du hast verstanden. Werde erwachsen, Sofonisba, und lebe und benimm dich so, wie es den Anguissolas zur Ehre gereicht. Für solche Verrücktheiten wie dein Verhalten neulich ist kein Platz mehr und ich will nie wieder ein Wort von dieser Sünderin hören. Es wird sich einiges ändern für dich. Aber glaube mir, es ist nur zu deinem Besten.«

»Darf… wenigstens Elena zum Hausfest der Andreolis gehen?«, fragte ich mit schwacher Stimme. »Bitte, es war doch nicht ihre Schuld.«

»Natürlich nicht. Es ist allein deine Schuld.« Meine Mutter erhob sich. »Nein, keine von euch wird diese Einladung annehmen. Was würden die Leute wohl denken, wenn Elena ohne ihre ältere Schwester aufs Fest ginge? Und nachdem du die Gonzagas versetzt hast, kannst du nicht einfach so bei den weniger einflussreichen Andreolis auftauchen. Das nächste Mal überlege eben vorher, was jeder Schritt von dir für deine Familie bedeutet.«

Sie ging hinaus und ließ mich zurück in meinem Elend. Irgendwann kam Bartola ins Zimmer und brachte mir einen Krug mit frischem Wasser. Sie murmelte irgendetwas vor sich hin, aber ich hörte ihr nicht zu, sondern vergrub mich in meine Kissen und presste die Augenlider zusammen, bis rote Sterne vor mir tanzten. Endlich nahm die alte Dienerin das Licht vom Nachttisch und entfernte sich mit schlurfenden Schritten. Nun war ich allein mit dem Gespenst der Fremden.

Ich musste trotz allem eingeschlafen sein, denn als ich erwachte, war es still im Raum. Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt, der Schein der Glut erhellte nur noch den gewachsten Holzboden. Der Wind rüttelte immer noch an den Fensterläden und in der Dunkelheit bildete ich mir ein, die Schatten von Geistern zu sehen, die um mein Bett herumglitten und mit dürren Fingern über die Bettvorhänge strichen. Vorher war mir heiß gewesen, nun fror ich, dass meine Zähne klapperten. Die Worte meiner Mutter lasteten schwer auf meiner Brust und drohten mich zu zermalmen. Und irgendwo hier im Schatten meines Halbschlafs wartete die Fremde auf mich, ich konnte ihre Gegenwart geradezu spüren, ihren Todesatem hören. Es war, als würde sie mich mit sich in die Tiefe hinabziehen, in ein Leben, das nicht mehr das meine war.

»Sofonisba!«

Das Flüstern erschreckte mich so sehr, dass ich einen erstickten Laut von mir gab. Dann lagen schon schlanke Finger auf meinem Mund. Ich riss die Augen auf und der Schatten der Fremden verwandelte sich in die Gestalt meiner Schwester.

»Psst! Weck bloß den alten Bartola-Drachen nicht auf!«, befahl sie mir flüsternd, dann hob sie die Bettdecke und schlüpfte flink zu mir ins Bett. Sie schlang ihre Arme um mich und drückte mich fest an sich. Kühle Lippen küssten meine glühende Schläfe. Wie froh ich war, Elena in meiner Nähe zu haben!

»Du wirst Luca nicht treffen können«, flüsterte ich unglücklich.

Sie seufzte und legte den Kopf an meine Schulter.

»Ich weiß. Mutter hat gesagt, ich soll mich bei dir dafür bedanken. Nun, bedanken werde ich mich ganz bestimmt nicht, aber du bist trotzdem meine Schwester, du Verrückte! Meister Campi und seine Frau lassen dich grüßen.«

An ihrer Stimme hörte ich, dass sie lächelte. Und das war beinahe schlimmer, als wenn sie mich gescholten hätte. Es beschämte mich, dass Elena so bedingungslos verzeihen konnte– ich konnte es niemals, bis heute nicht. Tränen stiegen mir in die Augen.

»Oh, nicht!«, sagte Elena leise und küsste mich wieder. »Weine doch nicht!«

Ich war die Älteste und sollte die Vernünftige und Starke sein, nun aber war es meine jüngere Schwester, die mich tröstete. Stockend und flüsternd sprudelte alles aus mir heraus: Ich sprach über den unwiderstehlichen Sog, den die Gestalt der Fremden auf mich ausgeübt hatte, über das Geheimnis ihrer Augen und mein Zögern, das an ihrem Tod schuld war.

»Ich träume von ihr– und ich komme immer zu spät«, schloss ich nach einer ganzen Weile. »In jedem Traum. Sie stürzt vor meinen Augen in die Tiefe, ohne dass ich es verhindern kann. Aber ich muss doch wenigstens wissen, wer sie war!«

Elena schwieg, ich konnte ihre Anspannung fast mit Händen greifen. Einige Herzschläge lang spürte ich nur ihren Atem auf meiner Schläfe.

»Hör zu«, sagte sie dann so leise, dass ich ihre Worte kaum verstand. »Schwöre mir, dass du es für dich behältst, was ich dir nun sage.«

»Was, Elena?«

»Schwöre!«

»Ich schwöre.«

Ihre Lippen kitzelten an meinem Ohr. Jetzt klang ihr Flüstern laut wie ein Sturm.

»Ich weiß, wie sie hieß. Aber ich musste Mutter fest versprechen, dir gegenüber stillzuschweigen, weil es dich nur aufregen würde.«

Ein kalter Schauer rieselte über meinen Rücken. »Du kennst ihren Namen?«

»Pssst! Sei doch leise! Minerva hat es mir erzählt. Sie und Bartola waren gestern auf dem Markt. Die Leute reden von nichts anderem. Die Frau hieß Maria. Maria Fogliami. Sie war seit Kurzem Witwe. Ihr Mann gehörte zu den Rebleuten und hatte ein Stück Weinberg gepachtet. Doch die Arme musste gleich nach der Beerdigung erfahren, dass er kurz vor seinem Tod alles Hab und Gut beim Spiel verloren hatte. Kannst du dir das vorstellen? Von einem Tag auf den anderen stand sie mit ihrem Kind mittellos auf der Straße. Sie musste zu den barmherzigen Schwestern gehen, um Obdach zu erhalten. Und zu allem Überfluss starb wenig später ihr Kind an einem Fieber. Sie war sehr verzweifelt.«

Und stolz, dachte ich niedergeschlagen. Oder vielleicht gar wahnsinnig? Maria hatte ihr besticktes Wolltuch nicht versetzt. Und dennoch: Ihre Verzweiflung erklärte, warum sie gesprungen war, nicht jedoch, was in ihren Augen vorging.

»Du hättest sie nicht retten können, Sofonisba«, fuhr Elena fort. »Selbst wenn du sie eingeholt hättest. Sie war nicht bei Verstand, sie hätte auf niemanden gehört, schon gar nicht auf eine Fremde. Versprichst du mir, dass du sie vergessen wirst und nicht mehr traurig bist?«

»Ja«, antwortete ich, ohne an meine eigenen Worte zu glauben.

»Alles wird gut«, flüsterte Elena in mein Ohr und lachte leise. Sie schob ihre eiskalten Füße unter meine Beine und wärmte sie an meiner fieberheißen Haut. »Und Luca… Er wird mich heiraten«, fuhr sie voller Zuversicht fort. »Eines Tages, du wirst sehen! Dann werde ich so oft mit ihm tanzen können, wie ich will.«

Meine Schwester war eine Träumerin. Doch selbst heute noch, wenn ich die Augen schließe und an sie denke, sehe ich sie in dem Bild, das sie in jener Nacht mit Worten für mich gemalt hat: Sie tanzt mit Luca auf ihrer eigenen Hochzeit, den Myrtenkranz auf dem Kopf, ihr blondes Haar fliegt bei jeder Drehung durch die Luft, und sie lacht.

Bernardino Campi freute sich am meisten von allen, mich nach den Tagen der Krankheit wiederzusehen. Auch seine Frau– eine rundliche, lebhafte Dame, die uns liebte wie eigene Töchter– umarmte mich herzlich und führte mich sofort in die Küche, wo bereits die Töpfe mit kochendem Leim und Öl auf dem Herd standen. Auf dem Tisch wartete ein Teller mit Schmalzgebäck auf uns– große, goldbraune Taler, die mit Nusssplittern bestreut waren. Es roch süß nach Honig und Zimt, und auch ätherisch und scharf nach dem heißen Leinöl im Topf.

»Iss, damit du wieder lachst und kräftig wirst!«, forderte Signora Campi mich mit einem liebevollen Zwinkern auf. »Denn du wirst eine Menge aufholen müssen.«

»Allerdings!«, erklang die tiefe, immer etwas atemlose Stimme von Bernardino Campi. Unser Zeichenlehrer war in die Küche getreten und griff sogleich nach dem Schmalzgebäck. »Los, los, Beeilung, Mädchen!«, sagte er und biss herzhaft in einen Taler. »Rein in die Malerkittel! Ihr werdet heute schwarzes Öl verarbeiten.«

Wer Campi nicht kannte, musste ihn für einen strengen Mann halten. In seinem schwarzen Malerkittel mit den langen Ärmeln wirkte er ernsthaft und asketisch wie ein Geistlicher, und sein scharf geschnittenes Gesicht verstärkte diesen Eindruck noch. Doch düster war Campi nur dann, wenn er einen Pinsel in der Hand hielt.

»Schon wieder Öl?«, rief Elena. »Wann lernen wir denn endlich, Kleider und Hautfarben zu malen?«

»Ungeduldig, schöne Elena?«, fragte Campi und zog verschmitzt die linke Braue hoch. »Der größte Teil der Malerei ist Handwerk, ein kleiner Teil nur Kunst. Die wahre Kunst, die du aber zuallererst noch erlernen musst, ist, dich in Geduld zu üben!«

Mit diesen Worten trat er zu einem Topf mit Leinöl. Später würde er es mit Wacholderharz vermengen und Knoblauch und Lavendelöl hinzufügen. Das Gemisch würde der Schlussfirnis für ein Ölbild sein, eine glasklare, glatte Schicht, die dem Schutz der Farben diente.

Elena zog eine Schnute und biss missmutig in ihr Gebäck, doch ich musste plötzlich lächeln. Nach den vergangenen Tagen tat es unendlich gut, sich wenigstens für einige Stunden in die vertraute Welt von Farben und Firnis flüchten zu können. Im Gegensatz zu Elena liebte ich das Handwerk, das nötig war, um den Malgrund und die Ölfarben zu bereiten. So ungeduldig ich auch sonst war, hier brachte ich mühelos die Geduld auf, die Meister Campi forderte. Ich liebte die Vormittage in der Küche zwischen Eisentöpfen und Bronzepfannen und staunte immer wieder, wie aus Stücken von getrocknetem Kaninchenleder Leim entstand. Vorsichtig strich ich Tag für Tag viele dünne Schichten von diesem Leim und dazu Kreide auf die Leinwand, um einen guten, weißen Malgrund zu schaffen.

Ebenso viel Freude bereitete es mir, Pinsel aus Eichhörnchenhaar und Schweineborsten zu binden oder die Farben zu reiben und zu mischen. Meister Campi lehrte uns, welche Farben trocken und welche mit Wasser zerrieben werden mussten und welches Öl man benutzte, um das Pigment danach mit Wachsen, Harzen und einer Beize aus Alaun zu einer Ölfarbe zu mischen. »Zur Herstellung heller Farben eignet sich nur gebleichtes Öl«, betonte Campi an diesem Tag.

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