Logo weiterlesen.de
Die Knickerbocker-Bande: Dreizehn blaue Katzen

Haus Nummer 12.076

„Wir sind da, Nummer 12.076“, sagte Axel. „Komisch, was für hohe Hausnummern es in Amerika gibt!“

„Wir müssen aber zu Nummer 12.078“, widersprach Lilo und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Selbst um zehn Uhr abends hatte es hier in Las Vegas noch mindestens 30 Grad.

Sie standen vor einer Einfahrt. Links und rechts thronten zwei steinerne Löwen auf Mauerpfeilern. Das weiße Tor mit der kunstvollen Schmiedeeisenarbeit stand weit offen und sah einladend aus.

„Hier sind wir richtig!“, beharrte Axel. „Das ist die Villa der verrückten Klavierspielerin, in der es spuken soll.“

„Nein, die Spuk-Villa ist die Nummer 12.078 und das ist noch ein Stück weiter!“ Lilo wurde langsam ungeduldig. Sie warf einen Blick auf die Uhr und sagte: „Zwei Minuten vor zehn. Gleich beginnt die Nachtführung. Angeblich lässt sich der Geist der großen Klavierspielerin dabei manchmal blicken und spielt sogar etwas. Das will ich nicht verpassen.“

„Ich auch nicht!“, schloss sich Dominik an.

„Ich auch nicht!“, warf Poppi ein.

Die drei Knickerbocker liefen los.

Nur Axel blieb stehen. Sollten die anderen ruhig zur falschen Adresse rennen! Dann war er eben der Einzige, der die Führung durch das Spukhaus miterlebte.

Axel rückte seine Baseballkappe zurecht. Dann marschierte er mit großen Schritten durch die offene Einfahrt.

Der Weg durch den Park war nur schlecht beleuchtet. Da und dort brannte ein Scheinwerfer und tauchte Palmen und Sträucher in unheimliches Licht. Der Kies knirschte unter den Sohlen seiner Joggingschuhe. In der Stille der Nacht klang das Geräusch unnatürlich laut.

In vielen Kurven führte der Weg durch den riesigen Park. Axel musste lange laufen, bis er endlich das Haus erreichte.

Dann stand er vor einer prunkvollen weißen Villa. Das Vordach wurde von vielen Säulen gestützt.

Über dem Eingang brannte eine schwache Lampe. Die doppelflügelige Tür war weit geöffnet.

Axel wunderte das nicht im Geringsten. Schließlich fand hier eine Führung statt, und es wurden zahlende Gäste erwartet. Selbstverständlich ließ man für sie die Tür offen stehen.

Er sah auf die Uhr. Bereits vier nach zehn! Bestimmt hatte die Führung schon begonnen.

Er trat ein und stand in einer riesigen, zweistöckigen Halle. Ein breiter Treppenaufgang führte in das obere Stockwerk.

Auf mehreren kleinen Tischchen waren elektrische Kerzenleuchter aufgestellt, die ein flackerndes, rötliches Licht verbreiteten. An den Wänden ringsum erkannte Axel große, dunkle Holztüren. Wo war die Führung? Sie konnte doch noch nicht weit sein.

Die Stille im Haus war beklemmend.

Axel hörte sein Herz pochen. Er war schnell gelaufen und in der schwülen Hitze der Nacht ins Schwitzen geraten.

Axel versuchte, eine Tür nach der anderen zu öffnen, aber alle waren abgeschlossen. Er konnte auch nirgendwo einen Ticketschalter oder einen Souvenirstand entdecken.

Sonderbar. Sehr sonderbar!

Zum ersten Mal kamen Axel Zweifel, ob Lilo nicht doch Recht gehabt hatte. War er im falschen Haus? Axel räusperte sich laut.

Stille. Nichts. Auch von draußen kam kein Laut.

„Hier oben! Komm rauf!“, rief plötzlich eine schwache, heisere Stimme aus dem ersten Stock. Sie klang gedämpft, als befände sich ihr Besitzer weiter weg.

Das musste der Führer sein, der die Besucher begleitete.

„Coole Stimme, klingt echt unheimlich“, sagte Axel leise zu sich. Hier in Las Vegas wussten die Leute, was eine gute Show war.

Er lief die Treppe nach oben und nahm dabei immer drei Stufen auf einmal. Aber auch oben war alles menschenleer. Axel stand in einer weitläufigen Galerie. An den Wänden flackerten weitere elektrische Kerzen.

Und wieder gab es viele verschlossene Türen.

„Ha… hallo?“, rief Axel zaghaft.

Nach Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, kam eine Reaktion.

„Hier! Hier bin ich!“ Wieder hatte die schwache, heisere Stimme geantwortet.

Wie von Geisterhand öffnete sich die hinterste Tür.

„Guter Gag“, brummte Axel. „Gehört bestimmt zur Show!“

Langsam ging er auf die Tür zu. Der dicke, flauschige Teppich schluckte jedes Geräusch. Der Raum hinter der Tür lag in völliger Dunkelheit.

Bestimmt stehen alle anderen dadrin und machen „Huuuh!“, wenn ich reingehe, dachte Axel.

Er schob sich durch den Spalt, aber nichts geschah.

Kein „Huuuh!“, kein Kichern, kein Lachen, keine Begrüßung. Nur Dunkelheit und unheimliche Stille.

Ich habe es getan

Allmählich gewöhnten sich Axels Augen an die Finsternis …

Mitten im Raum stand ein riesiges Himmelbett und darin lag eine Gestalt. Axel konnte nicht sehen, wer im Bett lag. Dazu war es zu dunkel. Er erkannte nur die Form eines dünnen, langen Körpers unter der Decke.

Der Mann im Bett sprach langsam, keuchend und mit letzter Kraft.

„Ich muss es dir sagen, ich muss es gestehen, sonst finde ich keine Ruhe. Ich habe es doch getan. Ich habe es getan, obwohl du mich gewarnt hast.“

Nein, Axel war nicht im Spukhaus der Klavierspielerin gelandet. Das hier war echt und viel, viel schauriger.

„Ich habe es getan, und es gibt dreizehn Opfer. Die blauen Katzen wissen alles. Alles … wissen die blauen Katzen!“

Die Stimme des Mannes war mit jedem Wort schwächer geworden. Den letzten Satz hatte er nur noch gehaucht. Danach kehrte wieder Stille ein.

Axel hielt den Atem an und lauschte angestrengt.

Kein Geräusch. Kein Atmen. Nichts.

Kaltes Grauen überfiel ihn. Er spürte, wie Panik in ihm aufstieg, und hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. War der Mann eingeschlafen? Oder etwa gestorben? Axel ahnte, dass er gerade Zeuge eines letzten Geständnisses geworden war.

Nein, keine Sekunde hielt er es in einem Zimmer aus, in dem vielleicht ein Toter lag.