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Die Hexe von Gerresheim

Stephan Peters

Die Hexe von Gerresheim

Ein Cassiopeiapress Krimi aus der Umgebung von Düsseldorf





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Hexe von Gerresheim

von Stephan Peters

 

ROMAN

 

Jetzt, am Ende meines langen Lebens angekommen – ich bin nunmehr 89 Jahre alt geworden, mache ich mich auf, dem zu begegnen, den ich mein Leben lang gesucht habe, denn die Ewigkeit wartet auf mich. Es sind rund zwanzig Jahre her, dass ich meine Pfarre, Sankt Margareta, in die Hände meines Nachfolgers, Pater Martin, gelegt habe. Mein Name tut nichts zur Sache, denn Namen sind nur etwas für Leute mit Zukunft. Ich glaubte, mich von da an von der Welt zurückzuziehen zu können, um in meiner kleinen Wohnung, hoch über den Gipfeln Gerresheims, auf das Wesentliche zu konzentrieren, ja zu meditieren, streng nach der Regel: wir haben zwar viele Informationen, aber keine einzige Wahrheit!

Meine Hand zittert, wenn sie das niederschreibt, was all meine Pläne zunichte gemacht hat und von jenen schrecklichen Ereignissen berichtet, die nur kurze Zeit nach meinem Abschied, der Gemeinde widerfahren sind. Es war an einem frostklirrenden Abend im letzten Winter, und ein Schneesturm heulte ums Haus. Ich bereitete mich für die Komplet vor und zündete drei Kerzen an, die auf meinem Schreitisch stehen. Plötzlich pochte es an meine Tür, und Schwester Felicitas, vom Orden der Benediktinerinnen, klopfte an meine Tür. Sie macht mir seit Jahren den Haushalt, aber nun konnte ich sie gar nicht gebrauchen, denn es war die Zeit der Meditation.

„Herein!“

„Entschuldige, dass ich störe. Aber ich habe im Keller der Basilika ein paar furchtbare Dokumente gefunden! Sie sind noch nicht mal so alt, aber der Inhalt ist einfach grauenvoll! Die Niederschrift heißt - Die Hexe von Gerresheim!“

Felicitas Gesicht war kreidebleich, was ich an der fleißigen Nonne noch nie festgestellt hatte. So schnell, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Widerstrebend las ich die ersten Blätter und erstarrte. Von Mord ist da die Rede, von Inzucht, und – möge mir der Herr Kraft verleihen: von Adolf Hitlers Droge, die es tatsächlich gegeben hatte. Der Autor sprach aber auch von Hoffnung, Humor und Liebe, ein Zeichen dafür, dass der Antichrist nicht endgültig den Sieg erringen wird.

Und ich hoffe nun auf Kraft von oben, wenn ich ein paar Kapitel aus jenem Dokument lesen werde, das von der Presse, von den Medien und sogar von den Einwohnern verschwiegen worden ist:

Heute, im November des Jahres 2013. Und in wenigen Stunden ist es Mitternacht.

 

 

An einem eiskalten Morgen des Jahres 2008, als der Winter seine Krallen über Düsseldorf ausgestreckt hatte, fuhr ein schwarzes Schiff in den Hafen der Landeshauptstadt ein. Es war von mittlerer Größe und bewegte sich träge über das Wasser. Der eingeknickte Turm von Sankt Lambertus lag unter einer weißen Haube. Träge wiegte sich das Restaurantschiff Kollers Kahn auf den schmatzenden Wellen. Undenkbar, dass hier im Sommer Tausende von Menschen auf den Stufen sitzen und in die untergehende Sonne hinter Oberkassel blicken. Der Kiel bahnte sich krachend eine Schneise durch Nebel und Eisschollen.

Auf dem Deck war niemand zu sehen, mit Ausnahme der großen, schlanken Frau über die Reling gebeugt, die sich lässig eine Zigarette mit einem alten, deutschen Armeefeuerzeug anzündete. Trotz der Kälte trug sie nur ein weinrotes Abendkleid und darüber eine dünne Robe. Auf ihrem schmalen, bleichen Gesicht lag ein Hauch von feuchtem Nebel, was sie nicht weiter zu stören schien.

Die Fremde hatte ein beinahe osteuropäisches Gesicht mit hohen Wangenknochen. Sie lächelte und zitierte leise Hamlet:

Nun ist die wahre Schreckenszeit der Nacht, wo Grüfte gähnen, und die Hölle selbst Pest haucht in diese Welt. Nun trink’ ich wohl heiß’ Blut, und tue bitt’re Dinge, die der Tag mit Schaudern sieht.“ Ein gieriger Möwenschwarm war im Begriff, seine Bahn über das schwarze Schiff zu ziehen. Sie flogen pfeilgerade. Aber als die Tiere das Boot mit der Frau darauf erblickten, änderten sie plötzlich ihre Route und schlugen laut krächzend einen Haken. Selbst den Vögeln war diese Szenerie zu unheimlich und der Blick der Frau zu bösartig.

Am Abend des gleichen Tages. Die unbekannte Frau mit den langen, roten Haaren war inzwischen in einem feudalen Haus aus dem neunzehnten Jahrhundert angekommen. Es lag, von Bäumen und Ruinen versteckt, am alten Bahnhof in Gerresheim an einem verrosteten Bahngleis, zwischen dem sich bräunliches Unkraut, das aus dem Schnee herausragte, einen Weg nach oben bahnte.

An der Alten Rampenstraße hätte man Edgar-Wallace-Filme drehen können und Klaus Kinski, der von Blacky Fuchsberger gejagt wurde, wäre nicht aufgefallen. Leider gibt es diese Gegend nicht mehr, denn Bagger haben alles zugeschaufelt, und jede Menge Flair einfach vernichtet, um neuen, sterilen Bauten ohne Vergangenheit, Platz zu machen.

Ein paar esoterische Gerresheimer nannten die Villa Das Haus zur letzten Laterne.

Die dicken Halme sahen aus wie Leichenfinger, die sich aus der Erde gruben. Mülltonnen standen neben der eleganten, aber abbruchreifen Villa aus der Gründerzeit. Schiefe Schornsteine ragten gen Himmel und eine alte Laterne warf ihr fahles Licht auf die düstere Szenerie. Katja hatte am Hafen einen jungen Rocker aufgetrieben, der ihr anbot, ihr Gepäck zu tragen. Natürlich hatte er auch noch Hintergedanken im Kopf. Er war gerade zwanzig geworden, war lang und hager, ging aber gebeugt wie ein alter Mann.

Toni Voglers schäbige Lederjacke schlotterte um seine schmale Brust, und die dunkle Haartolle war mit öliger Pomade nach hinten gekämmt. In Nase und Ohr trug er ein Piercing, das bei seiner Freundin Tammy gut ankam. Mit ihr wollte er glücklich werden und Kinder haben. Aber auf der anderen Seite hatte Toni Angst, dann keine andere Frau mehr ins Bett zu kriegen. So nutzte er jede Gelegenheit zu Abenteuern. Bald würde es für ihn zu spät sein, und die Doomesday-Gang würde ihn auslachen, weil er zum Pantoffelheld degeneriert war. Die Gang und Tammy waren sein Zuhause, denn die Eltern waren zerstritten, hingen nur in Kneipen oder vor dem Fernseher herum und wollten von allem nichts wissen.

„Mach doch deinen Scheiß alleine!“, sagten sie immer, wenn er Rat suchte. Nur Pater Martin hatte für ihn jederzeit ein offenes Ohr, aber das wiederum durfte die Gang nicht erfahren. So war Toni mitten im Schlamassel.

Aber heute vielleicht nicht, denn er hatte diese ungewöhnliche Dame kennen gelernt. Vielleicht würde sie ihn für kurze Zeit in ein anderes Leben entführen?

Nun öffnete sich quietschend die verzogene Eichentür mit dem Löwengriff. Katja von Stahl knipste die Lampe an und ihr Begleiter zuckte zusammen, als er schwere Eichenmöbel erblickte, über denen Staub und gelbliche Abdecktücher lagen. Sie dachte: „Endlich, endlich bin ich wieder zu Hause! Ich kann mein Werk beginnen.“

Ein riesiger, kalter Kamin war Mittelpunkt des Raumes, über dem ein Ölgemälde hing, das die alte Basilika im Winter am Gerricusplatz zeigte. Die kostbaren Tapeten, auf denen exotische Vögel zu sehen waren, hingen abgerissen bis auf den Boden. Es roch muffig, und Katja öffnete eines der hohen Fenster mit teuren Einlegearbeiten. Ihr Begleiter fühlte sich wie in einer Kirche. Und da hing auch schon ein zerbeulter Weihrauchkessel, der geräuschvoll hin und her schwang.

Eine Wendeltreppe führte vom Wohnzimmer nach oben, direkt ins Schlafzimmer. Auch dort hing ein Weihrauchkessel und Katja von Stahl zündete die dicken Kerzen an, die auf Kandelabern standen. Hier war es weniger muffig, und in der Mitte stand ein großes Bett aus dem vorletzten Jahrhundert. Ein Baldachin war darüber, auf dem eine riesige Spinne eingestickt war. Der schwere Perserteppich verschluckte jeden Schritt. Sie ging lässig zu einem kleinen Beistelltisch und füllte zwei Gläser mit Sekt. Zwischen ihnen lagen dunkle, tote Rosen.

„Magst du Sekt?“ fragte sie beinahe verschämt.

„Ich habe lange keinen mehr getrunken“, antwortete Toni zögernd. So eine Umgebung war neu für ihn, er fühlte sich unsicher und meinte: „Sonst trinke ich immer nur Altbier. Kölsch mag ich gar nicht.“

Sie sah ihn fragend an.

„Bei Kölsch hat man zwei Arten von Angst, weißt du? Bei der ersten hat man Angst, gleich sterben zu müssen. Bei der zweiten hat man dann Angst, nicht sterben zu können.“

„Pssst!“ Mein kleiner Prinz redet zu viel. Du scheinst ziemlich nervös zu sein. Spar dir deine Kraft lieber für nachher. Entspanne dich!“

Der Mann kam sich wie ein Stück Fleisch vor, von seiner künftigen Herrin Zentimeter um Zentimeter gemustert.

„Hab’ Geduld, mein kleiner Prinz. Gleich wirst du in den Genuss größerer Wonnen kommen.“

Toni war verwirrt und lächelte unbeholfen. Er stieg aus seinen Sachen, Pulli, Jeans und Stiefel flogen in die Ecke. Sein Gesicht war heiß, voller Erwartung, als ihn Katja über die öligen Haare streichelte.

Sie ging an einen kleinen Tisch, dessen Platte von einem geschnitzten Drachen getragen wurde und drückte auf die Starttaste des riesigen Rekorders und Michel Cretu erklang mit Enigma. Das Schlafzimmer wurde von schweren Basstönen und Klangteppichen erfüllt, Gregorianische Choräle erklangen, und Sandra hauchte: Mea culpa! Der Chor antwortete mit Kyrieeleison! Ein dumpfes Schlagzeug sorgte für eine Gänsehaut.

Der kleine Prinz stand unsicher auf und lächelte sie verlegen an. Was war mit ihm geschehen? Hatte sie ihn mit ihrer Selbstsicherheit aus der Fassung gebracht? War die Einsamkeit, die Atmosphäre daran schuld?

„Wir kennen uns ja eigentlich noch gar nicht. Willst du nicht wissen, was ich ...“

„Schweig!“ sagte sie wie eine Domina.

Er legte sich, wie ihm geheißen, auf den Rücken aufs Bett, das mit lila Seidenstores verhangen war. Katja beobachtete wie eine Katze jeden seiner Schritte. Dann fesselte sie ihn mit den Lederriemen an die Pfosten. Ein Stromstoß vor Lust durchzuckte seinen gierigen Körper. Anschließend verband Katja ihm die Augen mit einem roten Seidentuch.

„Ich bin gleich wieder da“, hauchte sie und klimperte wie Betty Woop mit den Augen.

Sie verschwand ins Badezimmer. Er holte tief Luft und entspannte sich. Dabei dachte er an ihre süße Zunge, die sich wie eine Eidechse zwischen seine Lippen geschoben hatte. Er roch noch den schweren Duft des Parfüms, den zart eingecremten Körper, gleich einer ägyptischen Gottheit. Noch einmal atmete er tief durch und fühlte die Erregung in seinen Lenden. Es war totenstill.

Beinahe zu still. Vogler fühlte sich plötzlich wie verlassen. Draußen hörte er einen Zug durch die Nacht fahren. Er hatte ein ungutes Gefühl, das er nicht näher beschreiben konnte. Was hatte er da eigentlich gemacht? Er kannte Katja nicht und was wäre, wenn sie auf einmal weggehen würde?

Er wünschte sich plötzlich, genau in diesem Zug zu sitzen, weit weg vom Haus zur letzten Laterne. Etwas zutiefst Böses lag in der Atmosphäre, vor allem in Katja von Stahl. Er kam sich nun tatsächlich wie eine Fliege in einem riesigen Spinnennetz vor. Aber dann vernahm er wieder Katjas Schritte und atmete erleichtert auf. Das Warten war unerträglich gewesen.

Im Bad legte Katja ihre schwarze Robe ab und schlüpfte aus ihrem schwarzen Seidenkleid von Versace. Die Träger löste sie lasziv von ihren Schultern, lautlos glitt der Stoff zu Boden. Danach wechselte sie ihre Kleider und kam zurück ins Schlafzimmer. Sie trug nur eine Metzgerschürze, die sie zur Hälfte gekürzt hatte. Katjas Beine steckten in schwarzen Gummistiefeln und um ihren Mund herum hatte sie sich eine Operationsmaske gebunden. Aber das Schlimmste war das, was sie in ihren Händen hielt.

„Willst du mir nicht das Tuch abnehmen, ich möchte dich endlich nackt sehen.“ Schweigen. Toni standen die Haare zu Berge. Langsam setzte sich Katja rittlings auf ihn und starrte ihr Opfer aus ihren dunkel geschminkten Augen über den hohen Wangenknochen an. Sie fühlte seine Erregung unter sich, aber gleichzeitig wimmerte er.

„Bitte, mach mich frei! Dann kannst du mit mir machen, was du willst! Bitte …“

Die Hexe antwortete grinsend: „Sex und Tod sind die beste Droge!“

Und dann schlug ihm das Mädchen die eiserne Maske, in der sich Eisendorne befanden, mit einem riesigen Hammer aufs Gesicht. Die Maske trug die verzerrte Fratze eines Teufels mit langen Hörnern. Vogler hatte keine Chance zu entkommen. Dafür war die Maske zu schwer und die Schläge zu hart. Zwei Dornen bohrten sich in seine Augen, ein weiterer zerbrach die Zähne. Tonis Schreie waren entsetzlich, deshalb schlug sie mit dem Hammer noch mehr auf die Maske ein und beobachtete aus den Augenwinkeln das Vibrieren des Mannes, als sei er unter Strom. Aus Mund- und Augenöffnungen ergoss sich Blut, das leise auf den dicken Teppich floss. Die Schreie Voglers wurden von der vorbeirasenden S-Bahn verschluckt. Nach endlos lang erscheinenden Minuten herrschte Totenstille. Katja wischte sich mit einem Seidentuch den Schweiß von der Stirn und beobachtete fasziniert und erregt, wie das Blut des Fremden langsam von ihrer Metzgerschürze floss. Ihre Augen waren tiefschwarz, kalt, gefühllos - teilnahmslos und tot. Tock, tock, tock. Sie summte leise dazu. Danach zündete sie sich eine Zigarette an und steckte eine zweite in den mit Blut besudelten Mund der Maske. Katja von Stahl spitzte die Lippen und flüsterte Toni ins Ohr:

„Los - Eine rauchen wir noch, und dann gehen wir.“

 

 

An einem frostklirrenden Morgen des Jahres 2008, als der Winter seine Krallen über Düsseldorf ausgestreckt hatte, fuhr ein schwarzes Schiff in den Hafen der Landeshauptstadt ein. Es war von mittlerer Größe und bewegte sich träge über das Wasser. Der eingeknickte Turm von Sankt Lambertus lag unter einer weißen Haube. Träge wiegte sich das Restaurantschiff Kollers Kahn auf den schmatzenden Wellen. Undenkbar, dass hier im Sommer Tausende von Menschen auf den Stufen sitzen und in die untergehende Sonne hinter Oberkassel blicken. Der Kiel bahnte sich krachend eine Schneise durch Nebel und Eisschollen. Auf dem Deck war niemand zu sehen, mit Ausnahme der großen, schlanken Frau über die Reling gebeugt, die sich lässig eine Zigarette mit einem alten, deutschen Armeefeuerzeug anzündete. Trotz der Kälte trug sie nur ein weinrotes Abendkleid und darüber eine dünne Robe. Auf ihrem schmalen, bleichen Gesicht lag ein Hauch von feuchtem Nebel, was sie nicht weiter zu stören schien. Die Fremde hatte ein beinahe osteuropäisches Gesicht mit hohen Wangenknochen. Sie lächelte und zitierte leise Hamlet: „Nun ist die wahre Schreckenszeit der Nacht, wo Grüfte gähnen, und die Hölle selbst Pest haucht in diese Welt. Nun trink’ ich wohl heiß’ Blut, und tue bitt’re Dinge, die der Tag mit Schaudern sieht.“ Ein gieriger Möwenschwarm war im Begriff, seine Bahn über das schwarze Schiff zu ziehen. Sie flogen pfeilgerade. Aber als die Tiere das Boot mit der Frau darauf erblickten, änderten sie plötzlich ihre Route und schlugen laut krächzend einen Haken. Selbst den Vögeln war diese Szenerie zu unheimlich und der Blick der Frau zu bösartig.

Am Abend des gleichen Tages. Die unbekannte Frau mit den langen, schwarzen Haaren war inzwischen in einem feudalen Haus aus dem neunzehnten Jahrhundert angekommen. Es lag, von Bäumen und Ruinen versteckt, am alten Bahnhof in Gerresheim an einem verrosteten Bahngleis, zwischen dem sich bräunliches Unkraut, das aus dem Schnee herausragte, einen Weg nach oben bahnte. An der Alten Rampenstraße hätte man Edgar-Wallace-Filme drehen können und Klaus Kinski, der von Blacky Fuchsberger gejagt wurde, wäre nicht aufgefallen. Leider gibt es diese Gegend nicht mehr, denn Bagger haben alles zugeschaufelt, und jede Menge Flair einfach vernichtet, um neuen, sterilen Bauten ohne Vergangenheit, Platz zu machen.

Ein paar esoterische Gerresheimer nannten die Villa Das Haus zur letzten Laterne. Die dicken Halme sahen aus wie Leichenfinger, die sich aus der Erde gruben. Mülltonnen standen absurderweise neben der eleganten, aber abbruchreifen Villa aus der Gründerzeit. Schiefe Schornsteine ragten gen Himmel und eine alte Laterne warf ihr fahles Licht auf die düstere Szenerie. Der Mann, den Katja im Schlepptau hatte, blieb unvermittelt stehen. „Was geht hier vor?“, fragte er und schien Angst zu haben. Katja blickte ihn fragend an. „Jedes Mal, wenn ich zum Dach hinaufschaue, sehe ich andere Formen. Vorhin hätte ich schwören können, dass da oben drei lange, alte Schornsteine in den Himmel ragen. Doch kaum ändert sich das Licht, ändert sich auch die Geometrie. Jetzt sind anscheinend fünf lange Verstrebungen zu sehen und erinnern mich an …“

„An einen Drudenfuß, das Zeichen des Teufels“, ergänzte Katja lächelnd. „Wenn die Arme nach oben zeigen, also die zwei Spitzen, bedeutet es geistige Gesundheit. Steht der Fünfzack allerdings auf dem Kopf, ist man vom Irrenhaus nicht weit entfernt. Aber hab’ keine Angst, vielen geht es so, die zum ersten Mal hier sind, denn hier weht ein anderer Wind.“

Der Junge lächelte zaghaft. Er war gerade zwanzig geworden, war lang und hager, ging aber gebeugt wie ein alter Mann. Seine schäbige Lederjacke schlotterte um seine schmale Brust, und die dunkle Haartolle war mit öliger Pomade nach hinten gekämmt. In Nase und Ohr trug er ein Piercing, das bei seiner Freundin Tammy gut ankam. Mit ihr wollte er glücklich werden und Kinder haben. Aber auf der anderen Seite hatte Toni Angst, dann keine andere Frau mehr ins Bett zu kriegen. So nutzte er jede Gelegenheit zu Abenteuern. Bald würde es für ihn zu spät sein, und die Doomesday-Gang würde ihn auslachen, weil er zum Pantoffelheld degeneriert war. Die Gang und Tammy waren sein Zuhause, denn die Eltern waren zerstritten, hingen nur in Kneipen oder vor dem Fernseher herum und wollten von allem nichts wissen. „Mach doch deinen Scheiß alleine!“, sagten sie immer, wenn er Rat suchte. Nur Pater Martin hatte für ihn jederzeit ein offenes Ohr, aber das wiederum durfte die Gang nicht erfahren. So war Toni Vogler mitten im Schlamassel. Aber heute vielleicht nicht, denn er hatte diese ungewöhnliche Dame kennen gelernt. Vielleicht würde sie ihn für kurze Zeit in ein anderes Leben entführen?

Nun öffnete sich quietschend die verzogene Eichentür mit dem Löwengriff. Katja von Stahl knipste die Lampe an und ihr Begleiter zuckte zusammen, als er schwere Eichenmöbel erblickte, über denen Staub und gelbliche Abdecktücher lagen. Endlich, dachte sie. Endlich! als sie die schwere Tür öffnete und Staub und Moder gerochen hatte. Wieder zu Hause. Ich kann mein Werk beginnen.

Ein riesiger, kalter Kamin war Mittelpunkt des Raumes, über dem ein Ölgemälde hing, das die alte Basilika im Winter am Gerricusplatz zeigte. Die kostbaren Tapeten, auf denen exotische Vögel zu sehen waren, hingen abgerissen bis auf den Boden. Es roch muffig, und Katja öffnete eines der hohen Fenster mit teuren Einlegearbeiten. Ihr Begleiter fühlte sich wie in einer Kirche. Und da hing auch schon ein zerbeulter Weihrauchkessel, der geräuschvoll hin und her schwang. Eine Wendeltreppe führte vom Wohnzimmer nach oben, direkt ins Schlafzimmer. Auch dort hing ein Weihrauchkessel und Katja von Stahl zündete die dicken Kerzen an, die auf Kandelabern standen. Hier war es weniger muffig, und in der Mitte stand ein großes Bett aus dem vorletzten Jahrhundert. Ein Baldachin war darüber, auf dem eine riesige Spinne eingestickt war. Der schwere Perserteppich verschluckte jeden Schritt. Sie ging lässig zu einem kleinen Beistelltisch und füllte zwei Gläser mit Sekt. Zwischen ihnen lagen dunkle, tote Rosen.

Katja fragte: „Sekt ist dir doch recht?“

„Ich habe lange keinen mehr getrunken“, antwortete Toni zögernd. So eine Umgebung war neu für ihn, er fühlte sich unsicher und meinte: „Sonst trinke ich immer nur Altbier. Kölsch mag ich gar nicht.“

Sie sah ihn fragend an.

„Bei Kölsch hat man zwei Arten von Angst, weißt du? Bei der ersten hat man Angst, gleich sterben zu müssen. Bei der zweiten hat man dann Angst, nicht sterben zu können.“ Katja verstand ihn nicht sofort und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen.

„Pssst!“, sagte sie leise. „Mein kleiner Prinz redet zu viel. Du scheinst ziemlich nervös zu sein. Spar dir deine Kraft lieber für nachher. Entspanne dich!“ Ihr Haar fiel wie ein sanfter, weicher Wasserfall über sein erregtes Gesicht.

Ihre Augen waren dabei halb geöffnet, so wie ihr fleischiger, sinnlicher Mund. Sie war entrückt und vollkommen präsent zugleich. Der Mann kam sich wie ein Stück Fleisch vor, von seiner künftigen Herrin Zentimeter um Zentimeter gemustert.

Sie hatte ihn erst vor sechs Stunden kennen gelernt. Hier, am Hafen von Düsseldorf. Sie waren ins Gespräch gekommen, als er sich erbot, ihre Koffer zu tragen. Natürlich hatte er auch noch etwas anderes im Sinn. Vielleicht ..? Danach ..? Und es gab ein Danach. Er war Anton Vogler, einer der weniger gut aussehenden Mitglieder der Doomesday-Gang und einigermaßen helle.

„Hab’ Geduld, mein kleiner Prinz. Gleich wirst du in den Genuss größerer Wonnen kommen.“

Der junge Mann war verwirrt und lächelte unbeholfen. Er stieg aus seinen Sachen, Pulli, Jeans und Stiefel flogen in die Ecke. Sein Gesicht war heiß, voller Erwartung, als ihn Katja über die öligen Haare streichelte. Katja ging an einen kleinen Tisch, dessen Platte von einem geschnitzten Drachen getragen wurde und drückte auf die Starttaste des riesigen Rekorders und Michel Cretu erklang mit Enigma. Das Schlafzimmer wurde von schweren Basstönen und Klangteppichen erfüllt, Gregorianische Choräle erklangen, und Sandra hauchte: Mea culpa! Der Chor antwortete mit Kyrieeleison! Ein dumpfes Schlagzeug sorgte für eine Gänsehaut.

Der kleine Prinz stand unsicher auf und lächelte sie verlegen an. Was war mit ihm geschehen? Hatte sie ihn mit ihrer Selbstsicherheit aus der Fassung gebracht? War die Einsamkeit, die Atmosphäre daran schuld?

„Wir kennen uns ja eigentlich noch gar nicht. Willst du nicht wissen, was ich ...“

Dann sagte Katja: „Oh, ich denke, du bist wie alle. Du willst mich nackt auf dem Silbertablett haben!“

Aber er schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete grinsend: „Nein. Ich will nur deine Seele und deinen Charakter kennen lernen. Dafür ist allerdings jedes Kleidungsstück vollkommen unnötig. Auf ein Tablett kann ich auch verzichten, auf alles andere aber nicht.“

Katja lächelte. „Mein Kompliment! Ein Rocker mit Verstand!“

„Ich möchte jetzt zu gerne mein Gesicht …“

Katja fuhr ihn wie eine Domina an: „Schweig!“

Er legte sich, wie ihm geheißen, auf den Rücken aufs Bett, das mit lila Seidenstores verhangen war. Katja beobachtete wie eine Katze jeden seiner Schritte. Dann fesselte sie ihn mit den Lederriemen an die Pfosten. Ein Stromstoß vor Lust durchzuckte seinen gierigen Körper. Anschließend verband Katja ihm die Augen mit einem roten Seidentuch.

„Ich bin gleich wieder da“, versprach sie ihm und verschwand ins Badezimmer. Sie warf ihm mit der Handfläche einen Kuss zu. „Denk’ an mich, es wird sich lohnen. Sozusagen ein Vorgeschmack auf kommende Attraktionen, wenn du sie wieder öffnest.“

Er holte tief Luft und entspannte sich. Dabei dachte er an ihre süße Zunge, die sich wie eine Eidechse zwischen seine Lippen geschoben hatte. Er roch noch den schweren Duft des Parfüms, den zart eingecremten Körper, gleich einer ägyptischen Gottheit. Noch einmal atmete er tief durch und fühlte die Erregung in seinen Lenden. Es war totenstill. Beinahe zu still. Vogler fühlte sich plötzlich wie verlassen. Draußen hörte er einen Zug durch die Nacht fahren. Er hatte ein ungutes Gefühl, das er nicht näher beschreiben konnte. Was hatte er da eigentlich gemacht? Er kannte Katja nicht und was wäre, wenn sie auf einmal weggehen würde? Er wünschte sich plötzlich, genau in diesem Zug zu sitzen, weit weg vom Haus zur letzten Laterne. Etwas zutiefst Böses lag in der Atmosphäre, vor allem in Katja von Stahl. Er kam sich nun tatsächlich wie eine Fliege in einem riesigen Spinnennetz vor. Aber dann vernahm er wieder Katjas Schritte und atmete erleichtert auf. Das Warten war unerträglich gewesen.

Im Bad legte Katja ihre schwarze Robe ab und schlüpfte aus ihrem schwarzen Seidenkleid von Versace. Die Träger löste sie lasziv von ihren Schultern, lautlos glitt der Stoff zu Boden. Danach wechselte sie ihre Kleider und kam zurück ins Schlafzimmer.

Sie war nackt und trug nur eine Metzgerschürze, die sie zur Hälfte gekürzt hatte. Katjas Beine steckten in schwarzen Gummistiefeln und um ihren Mund herum hatte sie sich eine Operationsmaske gebunden. Aber das Schlimmste war das, was sie in ihren Händen hielt.

„Willst du mir nicht das Tuch abnehmen, ich möchte dich endlich nackt sehen.“ Schweigen. Toni standen die Haare zu Berge. Langsam setzte sich Katja rittlings auf ihn und starrte ihr Opfer aus ihren dunkel geschminkten Augen über den hohen Wangenknochen an. Sie fühlte seine Erregung unter sich, aber gleichzeitig wimmerte er.

„Bitte, mach mich frei! Dann kannst du mit mir machen, was du willst! Bitte …“

Aber sie flüsterte nur: „Sex und Tod sind das beste Aphrodisiakum!“

Und dann schlug ihm das Mädchen die eiserne Maske, in der sich Eisendorne befanden, mit einem riesigen Hammer aufs Gesicht. Die Maske trug die verzerrte Fratze eines Teufels mit langen Hörnern. Vogler hatte keine Chance zu entkommen. Dafür war die Maske zu schwer und die Schläge zu hart. Zwei Dornen bohrten sich in seine Augen, ein weiterer zerbrach die Zähne. Tonis Schreie waren entsetzlich, deshalb schlug sie mit dem Hammer noch mehr auf die Maske ein und beobachtete aus den Augenwinkeln das Vibrieren des Mannes, als sei er unter Strom. Aus Mund- und Augenöffnungen ergoss sich Blut, das leise auf den dicken Teppich floss. Die Schreie Voglers wurden von der vorbeirasenden S-Bahn verschluckt. Nach endlos lang erscheinenden Minuten herrschte Totenstille. Katja wischte sich mit einem Seidentuch den Schweiß von der Stirn und beobachtete fasziniert und erregt, wie das Blut des Fremden langsam von ihrer Metzgerschürze floss. Ihre Augen waren tiefschwarz, kalt, gefühllos - teilnahmslos und tot.

Tock, tock, tock. Sie summte leise dazu. Danach zündete sie sich eine Zigarette an und steckte eine zweite in den mit Blut besudelten Mund der Maske. Aus dem Rekorder drang die alte Scheibe von Enigma: „Je ne dors plus. Je suis folle! Je veux tout!“ Die Mönche, die elektronischen Töne und das Schlagzeug antworteten düster: „Mea Culpa!“

Katja von Stahl spitzte die Lippen und flüsterte Toni ins Ohr: „Eine rauchen wir noch, dann gehen wir.“

 

*

 

Nebel. Soweit man blickte, nichts als Nebel. Pater Martin dachte: Ich brauche endlich Ruhe, und ich brauche Geld. Der Schneesturm tobte über die Felder zwischen Erkrath und Düsseldorf wie ein Löwe, der irgendein Tier zwischen seinen Zähnen hat. Es war Anfang November, der Winter zögerte noch, aber in dieser Nacht brach er wie ein Ungeheuer herein, das alles verschlingen wollte. Eine Nacht zuvor hatte eine Bestie bereits Toni Vogler wie ein Tier gerissen. Bei gutem Wetter konnte man von den Gerresheimer Höhen aus schon den Fernsehturm der Landeshauptstadt sehen, aber heute nicht mal den nächsten Baum. Pater Martin fröstelte es unter seinem schwarzen Mantel. Er hatte anstrengende Arbeitstage hinter sich, denn die Weihnachtspredigten mussten vorbereitet werden. Dazu kamen etliche Beerdigungen. Es war Winter, wo es bekanntlich die meisten Toten gibt. Und die meisten Armen, die er mit einem kostenlosen Mittagstisch im Zentrum Plus erfreuen wollte. Doch die Bankenkrise veranlasste die Gerresheimer, mehr auf den Taler zu gucken. Man war nicht mehr so freigiebig. Martin war sowieso mehr ein Mensch der Literatur, als ein Mensch der Seelsorge. Er schrieb lieber anspruchsvolle Vorträge über das Kirchenrecht, als nachts aus dem Bett geklingelt zu werden, um Trost zu spenden. Seine Nerven waren einfach überreizt. Natürlich liebte Martin die Gemeinde, doch manchmal nervten ihn die immer gleichen, für ihn langweiligen Probleme derer, die ihn aufsuchten. Meine Frau hat mich verlassen! – hieß es häufig. Oder: Was soll ich nur mit meinen pubertierenden Töchtern anfangen? Dann warf der Geistliche die Augen nach oben und dankte Gott für seine Berufung in höhere Gefilde. Die simplen Nöte seiner Gemeinde wären eher etwas für den Evangelist Markus gewesen. Bodenständig, sachlich und überaus dröge. Aber Pater Martins Lieblings-Evangelist war Johannes! Welch ausufernde Weitsicht! Alleine schon die Worte: „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht angenommen“. Welche Weite, welche Tiefe, welche Gottversunkenheit! Aber genau in diesem Augenblick der Seligkeit klingelte das Telefon und Berta Buchleitner sagte: „Herr Pfarrer, mein Mann ist soeben besoffen die Treppe hinuntergefallen!“ Da stöhnte der Priester laut auf und fragte sich, ob der Herr im Himmel nichts Besseres zu tun hat, als sich um solche Versager zu kümmern. Martin kam wieder in die Gegenwart von Düsseldorf zurück, denn das alles lag schon sehr lange zurück.

Aber ausgerechnet heute musste ihm so etwas Schreckliches passieren! Ein Toter! Wie hatte er sich auf einen gemütlichen Abend neben dem Kamin gefreut! Er wollte die neuesten philosophischen Theorien studieren. Peter Sloterdijk zum Beispiel. Martin wollte dem Kulturphilosoph mit einem geharnischten Brief Paroli bieten. Dies wiederum wäre der Anlass einer kommenden Predigt! Ein Glas Rotwein sollte ihm Gesellschaft leisten, während Motetten aus der Stereoanlage erklangen. Stattdessen musste er nun mit der Rechten seinen Schlapphut festhalten, damit dieser nicht über den Schnee geschleudert wurde. Unter seinem Hut bäumte sich eine beachtliche Tolle aus dichtem, weißem Haar, das an den Ohren zu Koteletten wurde. Mehr als ein Tourist blieb verblüfft stehen, als er den hochgewachsenen Mann sah. Pater Martin war über sechzig und viele dachten, dass Donald Sutherland in einer Rolle als Geistlicher unterwegs sein musste. Der Pater hatte das gleiche, dämonische Lächeln, über dem ein schmaler, eisgrauer Schnurrbart hing. Ein Lächeln, das rasch wieder todernst werden konnte. Der Hut warf einen bedrohlichen Schatten auf Martins Gesicht, der ihn unheimlich machte. Der Blick war voller Melancholie. Seine tiefen Furchen im Gesicht erzählten von alten, aber nun durch den Willen gebändigten, Leidenschaften. Man wollte seinen stechenden, scheinbar allwissenden Augen, die tief in die Seele blicken konnten, gerne ausweichen. Martin schauderte in der Einsamkeit. Aber nicht die Einsamkeit machte ihm zu schaffen, sondern der Tote, dem er vorhin die Absolution erteilt hatte: Es handelte sich um Toni Vogler, einem Rocker und dem Geistlichen wohl bekannt. Vor dem alten Haus Morp hatte man ihn gefunden. Einer prächtigen Villa mit Teich davor, in der heute eine Werbefirma ansässig ist. Sein Gesicht war völlig durchlöchert, von unsichtbaren Dornen entstellt, als habe jemand Speere dort hineingestoßen. Das Schlimmste: Der Tote hatte keine Augen mehr. Mit leeren Höhlen starrte er in die nächtliche Schwärze, der Schnee wurde rasch zum Leichentuch. Ja, dachte Martin, die Tiere holen sich die Augen zuerst. Nun fiel ihm auf, dass er noch nie einen Leichnam gesehen hatte. Dabei sollte es zu seinem Beruf gehören, Sterbenden den letzten Wunsch zu gewähren. Und so spendete er Toni die letzte Ölung.

Vor etwa dreißig Jahren war Martin ein Elitestudent in Rom, dessen Weg ihn später nach Cambridge geführt hatte. Ja. Die Wissenschaft war’s, die ihn begeisterte. Um geistigen Trugschlüssen zu entgehen, studierte der Wahrheitsbesessene Aristoteles, seine Logik oder Denklehre. Er machte den Doktor in Theologie, später in Philosophie. Also durchgängig zwei Stockwerke. Das untere, die Philosophie, war klar auf das höhere, die Theologie, ausgerichtet. Unterschiedlich, doch keineswegs ein Widerspruch. Ancilla theologieae: Philosophie als Magd der Theologie. Und die akademische Welt begeisterte den Pater mehr, als eine öde Stelle als Dorfpfarrer in der Eifel. Sein scharfer Verstand war gefürchtet. Nur wenige Atheisten konnten sich ernsthaft mit ihm messen, deren Philosophie er als ebenso abgedroschen wie schnell durchschaubar deklarierte. Vor allem als zu eindimensional. Er erwies sich als Fachmann in Kirchenfragen und wischte Argumente vom Tisch, die die angebliche Alleinherrschaft der Katholischen Kirche und deren Machtanspruch anprangerte. So können nur Ungebildete argumentieren, sagte er sich. Aber bis zum 11. Jahrhundert war die Kirche frei und zwang niemanden zu irgendetwas. Aber danach … Und so konnte er stundenlang im Kreise von Theologen und Laien fachsimpeln. Hier, an der Universität zu Tübingen, war sein Zuhause. Dei providentia hominum confusione: durch Gottes Vorsehung und der Menschen Verwirrung. Er liebte die Geschlossenheit theologischer Systeme und die Perfektion in der Philosophie. Mit einem kleinen Salär konnte er in exquisiter Umgebung seine Tage verbringen. Große Freude bereitete ihm sein geringes Interesse an so genannten natürlichen Gelüsten. Seine Lust war das Studium, die Musik und Natur. Er schloss sich gerne übers Wochenende in seinem Zimmer in der Universität ein und studierte die Nächte durch. Ab und zu hörte er auf seinem Plattenspieler Gustav Mahler oder Quartette von Brahms. Er meditierte danach, oder schrieb wissenschaftliche Artikel. Das zehrte an ihm mehr, als hätte er sich nächtelang in Discos aufgehalten oder auf Partys gefeiert. Obwohl er aus seiner Zelle nicht herauskam, machte der Theologe geistige Exkursionen, die die wenigsten nachvollziehen konnten. Sie fanden in seinem spartanischen Zimmer statt, das aus einem Metallbett, Schreibtisch, Stuhl und Tisch, sowie einem Betschemel bestand. Darüber ein schlichtes Holzkreuz, neben dem jeweils links und rechts ein Bücherregal hing. Ideal für sein ständiges Silentium Religiosum. Pater Martin hatte an seiner Gesundheit Raubbau getrieben, sodass er montags wie ein Gespenst aussah. Die Atemübungen des Yoga, das wenige Essen und Trinken, die durchlesenen Nachtstunden forderten ihren Tribut.

Eines Nachts nun fand folgendes, unerhörtes Gespräch statt:

Martin wälzte sich vorher unruhig auf seinem Bett herum. Der Schlaf wollte sich nicht einfinden und niemand war da, dem er seine Gedanken anvertrauen konnte. Niemand? Doch! Denn ganz in seiner Nähe wohnte Schwester Magdalena in einem kleinen Stift, mit der Martin Jugendgruppen betraut hatte, oder beide hielten leicht verständliche Bibelstunden, die wegen ihrer Heiterkeit in der Gemeinde sehr beliebt waren. Unvergessen blieb das Seminar über die Ähnlichkeiten zwischen dem Buch Die Möwe Jonathan und dem Johannes-Evangelium. Obwohl zweitausend Jahre zwischen den Büchern liegen, handeln beide von Freiheit und dem Mut, sich nicht anzupassen, auch wenn es das eigene Leben kostet.

Schnell zog sich der Pater an und eilte wehenden Umhangs in Schwester Magdalenas Kloster, das unweit in einem Dorf bei Straubing an der Donau stand. Unser Wahrheitssucher befand sich im kläglichen Zustand der Genesis, des ersten Buches Moses, wo es am Anfang heißt: Die Erde ward wüst und leer. Auf Hebräisch wird das mit Tohuwabohu beschrieben. Martin Buber hat es genialer mit Irrsal und Wirrsal übersetzt. Ein wüster Ort ohne den Geist Gottes. Der Wind peitschte dem Priester ins schmale Gesicht, und er musste mit einer Hand seinen großen Schlapphut festhalten. Das Kloster hob sich gespenstisch vor dem Vollmond ab, der von Wolkenfetzen beinahe verdeckt wurde. Martin stolperte über uralte Grabkreuze, und es war gegen Mitternacht, als er an Magdalenas Zellentür pochte. Wie er die junge Nonne kannte, las sie gerade ein Buch über Psychoanalyse oder meditierte Za-Zen. Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte Martin in ihre Zelle hinein. Zu seiner Verblüffung las die Benediktinerin gerade ein Asterix-Heft. Der Raum war klein, und überall stapelten sich Gelehrtenbücher, auf denen Kerzen standen. An den kargen Wänden hingen Fotos von indischen Heiligen oder Astrophysikern, die ein schlichtes Holzkreuz umrahmten.

Schwester Magdalena trug einen weißen Jogginganzug und blickte Martin strafend an und sagte: „Ich bin zwar nur eine Nonne und dir unterstellt, trotzdem solltest du die Anstandsregeln einer Dame gegenüber nicht vergessen! Guck‘ mal auf die Uhr! Du hättest zumindest vorher anrufen können.“

Der Geistliche erwiderte betroffen: „Oh – du tadelst mich zu recht, Verzeihung. Ich benehme mich wieder wie der letzte Wilde. Aber es ist auch alles zu schrecklich!“

Magdalena ordnete ihre langen, roten Haare und reichte ihm einen Whisky. Sich selbst goss sie ein Glas Milch ein. Und als sie sah, dass Martin eine Zigarette hervorholte, rümpfte sie die Nase und kramte einen Aschenbecher in Form eines Totenkopfes hervor.

 

„Bist du gekommen, um mir die Bude voll zu stinken? Dann darfst du gleich wieder gehen.“

Er ging gar nicht darauf ein und setzte sich ächzend auf einen klapprigen Stuhl. Schwer atmend sagte Martin: „Ich bin nur von Idioten und Versagern umgeben!“

Sie lächelte und meinte: „Wie ich dich kenne, meinst du damit deine Gemeinde.“

„Genau - alles Knalltüten.“

„Es gibt ein Buch, das nennt sich die Bibel, da steht allerdings etwas anderes darin. Solltest du mal lesen. Da ist von Schäflein die Rede, die der gute Hirte mit Demut und Liebe weiden sollte. Von Idioten und Versagern ist dort nichts zu finden. Und das alles hat unser lieber Herr Jesus im Neuen Testament gesagt.“ Der Geistliche konterte: „Ja, ich weiß. Aber wenn er Bauer Huber und Frau Seppelmeier gekannt hätte, wäre das Evangelium anders geschrieben worden! Huber ist besoffen von der Treppe gefallen, und die minderjährige Tochter der Seppelmeier ist schwanger. Beide fragen mich um Rat! Mich! Bin ich der liebe Gott?“

Magdalena lächelte: „Nicht? Ich dachte doch! Du führst dich zumindest immer so auf.“

„Sei nicht albern.“

„Aber leider ist es so.“

Martin wurde nachdenklich. Plötzlich schnupperte er wie ein Jagdhund und fragte: „Sind das die Räucherstäbchen, die ich dir gestern geschenkt habe?“

„Nein. Das ist die Erbsensuppe von heute Abend.“

„Aha.“

Magdalena konterte: „Und deshalb bist du hier?“

Sie schenkte ihm ein neues Glas ein.

„Ja – auch. Mir steht das alles bis zum Hals. Ich arbeite lieber an wissenschaftlichen Texten, als mich mit Pfeif … mit den armen Schäflein herumzuplagen. Meine Berufung liegt im Studium und nicht in der Seelsorge. Ich will ein Buch über die Jesuiten schreiben und eines über den Heiligen Augustinus. Und keines über Frau Seppelmeier und Bauer Huber! Kurzum, ich habe mich nach Rom beworben! Ich habe die besten Voraussetzungen dafür. Mein Ruf als Theologe ist ausgezeichnet, vor allem bin ich frei … frei von den üblichen Anfechtungen, mit denen sich die meisten Priester herumschlagen müssen. “

Schwester Magdalena wurde bleich.

„Nach Rom? Und unsere Arbeit hier? Wir kamen doch immer sehr gut miteinander aus, von der Gemeinde ganz zu schweigen. Du bist bei denen beliebter, als dir recht ist. Hast du unsere Spaziergänge vergessen? Unsere Diskussionen über Heidegger und Meister Eckehart?“

Martin schluckte und antwortete: „Ja, ich weiß. Aber wenn ich erst mal ein hohes Amt in der Glaubenskongregation innehabe, kann ich dich jederzeit einfliegen lassen, oder ich komme hier her.“

„Du in der Inquisition! Das kann ich mir sehr gut vorstellen.“

„Die hieß früher so. Und so schlimm bin ich ja nun auch nicht.“

„Das stimmt, Gott sei dank. Du würdest den Abtrünnigen eine Bußpredigt halten und sie nachher wieder in Ruhe ziehen lassen. Da bist du anders, als früher Ratzinger. Äh – ich meine, unseren Heiligen Vater.“

Beide schwiegen betroffen. Und hätte Martin gewusst, dass Magdalena drei Monate später überraschend an Herzversagen sterben sollte, wäre das Gespräch ganz anders ausgegangen. Oder es hätte gar nicht stattgefunden …

Die Glocke der Klosteruhr schlug ein Uhr, in wenigen Stunden würde der Tag anbrechen. Martin erhob sich schwermütig und sagte zum Abschied das übliche: Gelobt sei Jesus Christus.

Aber anstelle der Antwort: In Ewigkeit, amen, sagte Magdalena: „Martin - komm doch noch einmal her!“ Er sah sie verblüfft an und setzte sich wieder.

„Weißt du, was du bist?“

Er schüttelte den Kopf, wobei seine weiße Haartolle elegant über die hohe Stirn fiel.

„Du bist ein ganz, ganz großes Ferkel!“

Pater Martin war entsetzt. So etwas hatte noch niemand gewagt zu sagen! Dazu noch eine junge, ihm untergebene Nonne! Er war sprachlos. Aber die Schwester fuhr fort: „Du glaubst, von allen Sünden frei zu sein. Prima! Also Gott, unser Herr, kann ja froh sein, dich zu haben! Was würde er ohne dich anfangen? Er könnte seinen Laden dicht machen. Du bist so ein Paradestück an Unschuld und Gelehrsamkeit. Soll ich dir mal was sagen? Du hast dafür gegen fast alle Gebote verstoßen! Du bist selbstverliebt, eitel und voller Arroganz! Und somit hast du die schlimmste Sünde überhaupt begangen. Die Sünde wider den Heiligen Geist! Und nun – geh! Ich gebe dir einen Rat: Lauf ins Dorf und sündige mal richtig! Schau dich unter den Frauen der Gemeinde um. Aber das tust du ja sowieso nicht, weil dich das alles nicht interessiert. Du betrachtest Menschen wie Ameisen unter der Lupe und amüsierst dich königlich dabei!“

Aber da war die Tür schon zugefallen. Martin stand schwer atmend, davor. So hatte er sich das Gespräch nicht vorgestellt. Aber verflixt – Magdalena hatte Recht! Das war ihm schlagartig klar geworden.

Und eines Tages wurde tatsächlich alles anders. Das ist nun bereits drei Jahrzehnte her. Etwas war geschehen, das sein Leben auf den Kopf gestellt hatte.

Der Geistliche befand sich damals bereits für kurze Zeit in Düsseldorf, um alte Kirchen zu studieren. Sankt Suitbertus in Kaiserswerth, die Maxkirche, Sankt Lambertus, zum Schluss Sankt Margareta in Gerresheim. Er wohnte in einem bescheidenen Hotel und unternahm von dort aus seine Exkursionen.

An jenem denkwürdigen Morgen saß er in seinem alten Käfer, denn das Erzbistum in Köln hatte ihn gerufen, um an einem Seminar für Theologen teilzunehmen. Sein Koffer wog gut zwanzig Kilo, voller Bücher, versteht sich. Die Sonne ging allmählich auf, und diesige Sommerluft lag über dem Land zwischen Mettmann und Hochdahl. Er machte Halt, um eine Tasse Tee zu trinken, da bemerkte er, wie sich der dichte Morgennebel auf seltsame Weise zu materialisieren schien. Und zwar genau da, wo sich die schmale Fußgängerbrücke befand. Aus dem Nebel wurden zwei dürre Hände geformt, dann die klapprigen Ärmchen, die immer näher kamen. Pater Martins Hände zitterten leicht. Der Teebecher wäre um ein Haar aus seinen Fingern geglitten. Eine beinahe durchsichtige Erscheinung ging über die Brücke. Der Morgennebel war noch dicht, dennoch war die zarte, kindliche Gestalt eines Mädchens zu sehen. Es ging wie in Trance. Die Arme nach vorn gestreckt, die schwarzen Haare ungepflegt und wie in Öl getaucht. Ein Märchendichter hätte geschrieben: das Kindlein war bettelarm, es war geschunden und trug ein armseliges Hemdchen. Pater Martin war wie erstarrt. Er hielt den Plastikbecher fest umklammert, als würde er ihm Halt gewähren. Dann stellte er ihn auf dem Autodach ab und ging auf das Mädchen zu. Es war höchstens dreizehn Jahre alt. Die großen, dunklen Augen lagen wie in Kohle, das Gesicht war abgezehrt, ebenso der ganze Körper. Als Pater Martin die vielen Einstiche an den Handgelenken sah, die blauen Flecken an den Beinen, betete er unwillkürlich ein kurzes Vaterunser. Das Mädchen flüsterte beinahe unhörbar: „Jack in the box ..! Jack in the bohooxxx ..! Tu’s für van Gogh!“

Schaum stand auf den blau gefrorenen Lippen, die dunkle Zunge schnellte nach vorn, dann wieder zurück. Wieso ist sie so kalt? dachte der Geistliche. Wir haben doch Sommer. Und dann brach es zusammen. Im letzten Augenblick gelang es ihm, es aufzufangen. Auf den Armen trug er das Mädchen in den Wagen und legte es vorsichtig auf die Rückbank. Er flößte ihm heißen Tee ein, der an den Mundwinkeln wieder hinunterlief. Was war zu tun? Wo mochte es hergekommen sein? Pater Martin überlegte fieberhaft. Er setzte sich in den Wagen und fuhr Richtung Wuppertal, wo sich ein Nonnenkloster befand, das er von früheren Vorträgen kannte. Er referierte damals über christliche Astrologie und mittelalterliche Metaphysik. Es galt, keine Zeit zu verlieren, denn Handys gab es noch nicht. Sein Wagen hielt kreischend vor der Klosterpforte, aus der Schwester Miriam geeilt kam. Sie schlug die Hände vors Gesicht, als sie das dürre Kind sah.

„Gütiger Gott!“, stammelte die Nonne.

„Lassen Sie uns sofort hinein!“, befahl Pater Martin. „Sehen Sie nicht, dass es Hilfe braucht?“

Aber zugleich bemerkte er, dass die Nonne damit überfordert war. So wie ich eigentlich auch, dachte er. Auf praktische Nächstenliebe, die sie langzeitig gefordert hätte, war sie nicht vorbereitet. Dann lieber eine schnelle Suppe für die Armen, oder Wanderern Obdach gewähren. Aber das hier …?

„Das geht weiß Gott nicht, Pater. Wir sind doch kein Krankenhaus.“ Schroff unterbrach Pater Martin:

„Wenn Sie nicht sofort aufmachen und die Krankenschwester rufen, sorge ich dafür, dass Sie bis ans Ende Ihrer Tage in Afghanistan Ihren Rosenkranz beten! Sie wissen wohl nicht, wen Sie vor sich haben? Mein Name ist Pater Martin, mit zwei Doktortiteln davor. Ich habe beste Beziehungen zu Monsignore Dürckheim, und …“

Die Nonne erbleichte, öffnete die Pforte und sorgte dafür, dass der Kleinen die nötige erste Hilfe zuteil wurde. Anschließend gab ihr der Geistliche genügend Geld für das Mädchen. Dann musste er tatsächlich los, und Schwester Miriam versprach, sich um alles zu kümmern. Als sich Pater Martin drei Tage später im Kloster nach dem Zustand des Kindes erkundigte, wurde ...

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