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Die Herrin der Savanne

Eduardo Garrigues

DIE
HERRIN
DER SAVANNE

Eine Afrika-Saga

Aus dem Spanischen
von Petra Strien-Bourmer

Aufbau Digital

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Vorwort

ERSTES BUCH

Swakopmund

Hohenzollernhaus

Die Bay-Route

Der bärtige Gelehrte

Die Hauptstadt der Kolonie

Das Massaker von Hopefield

Das Gefecht von Groß-Nabas

Der Kolonialbeamte

Luftschlösser

Das Land des Hendrik Witbooi

Mehr über den Propheten

ZWEITES BUCH

Der Ruf Afrikas

Der schwarze Napoleon

Das Schiff in der Wüste

Jakob Marengos Flucht

Meine Begegnung mit Duwisib

Auf der Landstraße nach Mariental

DRITTES BUCH

Das Gefangenenlager

Die Verschwörung der Buren

Von Estorff

Der Zwischenfall von Kowes

Südwester Stammbaum 1898–1915

Ein Erdbeben

Vogel-Strauß-Politik

Ein Schloss in Afrika

Gepökeltes Schwein

Das Müllgespenst

VIERTES BUCH

Lüderitzbucht

Grasplatz

Lebendige Wüste

Die Haifischinsel

Nächtlicher Schrecken

Marengos Geist

FÜNFTES BUCH

Diamanten in der Wüste

Glücksritter

Das Märchental

Die Reise des Staatssekretärs

Sperrgebiet

Das Hündchen von Frau Zimmer

Rückkehr in die Zivilisation

Verabredung im Hotel Sacher

Wiedersehen mit der Familie

Die Versteigerung auf Schloss Gottop

Meine Haushälterinnen

Die Kellnerin vom Schützenhaus

Die Zugfahrt

Der Lehrling

SECHSTES BUCH

Gute Nachbarschaft

Quitte ou double

Hansheinrich geht in die Politik

Schöne blaue Donau

Der entfernte Nachbar

Die Seite umblättern

Das neue Lüderitz

Überraschender Besuch

Die Kaltblütigkeit des Rebellenführers

Der Abschied

SIEBTES BUCH

Der Bohrmeister

Frühlingsintermezzo

Pegasus verlässt uns

Das Paradies der Hottentotten

Auf der Jagd nach dem Phantom

Nachrichten aus der Kalahari

Die Freunde des Barons

Eine Fahrt in die Hölle

Geierflügel

Das Debakel von Seatsub

Der Ort, wo der Regenbogen entspringt

ACHTES BUCH

Finanzielle Schwierigkeiten

Wiedersehen mit der Familie

Verschneiter Park

Die Geheimnisse des Schreibtischs

Familienangelegenheiten

Weiß oder Schwarz

Das oberste Gericht

Häutung

Seuche in Nauchas

Der Tempel für einen Rebellen

Am Ende geht die Rechnung auf

Kurswechsel

Die Blockade brechen

EPILOG

Rückkehr nach Duwisib

Nostalgische Reise

Orlich taucht wieder auf

Sternenregen

Die neue Besitzerin

Pferde in der Wüste

Das Auob-Tal

Die Schlucht von Kowes

Die stählernen Aasgeier

Die Rache der Wüste

Auf der Terrasse des Kapps

Wie in alten Zeiten

Der treue Bursche des Hauptmanns

Epilog des Herausgebers

Epilog des Autors

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[Informationen zum Autor]

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Vorwort

Herrn Rumsfeld lernte ich während eines Wochenendaufenthaltes in Easthampton kennen, einem Küstenort auf Long Island, wohin mich meine Jugendfreundin Estela Powell kurz nach meiner Rückkehr aus Europa eingeladen hatte. Estela war so nett, noch ein paar alte Kameradinnen aus dem Internat in Richmond hinzuzubitten, die ich, hätte Estela sie mir nicht erneut vorgestellt, wohl kaum wiedererkannt hätte. Der Weg zur Hölle ist bekanntermaßen mit guten Vorsätzen gepflastert, und anstatt mich zu freuen, gab mir dieses unverhoffte Wiedersehen mit meiner Vergangenheit eher zu denken. Ich musste diese liebenswerten Tattergreisinnen erst leibhaftig vor mir sehen, um zu begreifen, dass schon mehr als vierzig Jahre vergangen waren, seit ich in Begleitung meiner Mutter New York verlassen hatte, nachdem Roosevelt meinen Stiefvater John Gaffney 1905 zum Generalkonsul in Dresden ernannt hatte.

Menschen, die relativ häufig den Wohnort wechseln, verlieren die Bezugspunkte, die es sesshafteren Leuten erleichtern, das Verstreichen der Jahre, die Veränderung der Umgebung und vor allem das Altern der Menschen in ihrem Umfeld wahrzunehmen – es widerstrebt uns von Natur aus, die Veränderungen unseres eigenen Erscheinungsbildes zu registrieren. Glücklicherweise verhält sich der Spiegel, vor den wir allmorgendlich treten, gemeinhin nachsichtiger als Schneewittchens böse Stiefmutter, die ihn in tausend Stücke zerschlug, als ihr sprechendes Ebenbild sie daran erinnerte, dass sie nicht mehr die Schönste im ganzen Land war. Ich an ihrer Stelle hätte genau das Gleiche getan.

In den Jahrzehnten, die vergangen waren, seit wir das Internat verlassen hatten, waren zwei Weltkriege ausgebrochen – mit all den grausamen Folgen für jeden Einzelnen –, so dass wir ehemaligen Schulkameradinnen uns eine Menge zu erzählen hatten. Doch mein Schicksal schien die besondere Neugier der anderen zu wecken, denn als wir nach dem Abendessen in den Salon hinüberwechselten, scharten sich mehrere meiner einstigen Mitschülerinnen um meinen Sessel und versuchten, mir Einzelheiten über mein Leben im Südwesten Afrikas zu entlocken, nachdem ich in Dresden den deutschen Hauptmann Hansheinrich von Wolf kennengelernt und bald darauf geheiratet hatte. Ich ahnte schon, dass es meinen Kameradinnen vor allem darum ging zu erfahren, ob ich Zeugin der vermeintlich von den Deutschen begangenen Gräueltaten an den afrikanischen Ureinwohnern geworden war. Wenngleich der Erste Weltkrieg der Präsenz der Deutschen auf dem Kontinent ein abruptes Ende bereitet hatte, waren die Engländer nach dem Zweiten Weltkrieg darum bemüht gewesen, einen alten Bericht aus jener Zeit wieder auszugraben, in dem die deutschen Kolonialherren beschuldigt wurden, die Afrikaner in der kaum verhohlenen Absicht misshandelt zu haben, sich ein Gebiet anzueignen, in dem man reiche Diamantenvorkommen entdeckt hatte.

Doch da ich nicht geneigt war, mich einer Gewissensprüfung auszusetzen, bemühte ich mich, die Neugier des Damenkränzchens mit einer Reihe von Allgemeinplätzen hinsichtlich meiner Erfahrungen in Deutsch-Südwestafrika abzuspeisen, etwa mit Aussagen über den herrlichen afrikanischen Sternenhimmel, die Großartigkeit der Wüste und darüber, wie schwer es einer Frau mit meiner Erziehung fallen musste, sich an diese fernab gelegene Einöde zu gewöhnen; obwohl jene Lebensumstände, wenn ich es recht bedenke, sich vielleicht gar nicht so sehr von denen der Frauen unserer Pioniere in den weiten Einöden des amerikanischen Westens unterschieden. Und so beendete ich meinen langen Vortrag mit einem absichtlich vagen und oberflächlichen Satz: »Meine Zeit in Afrika war zweifellos ein interessantes Experiment für mich.«

Ich hatte bemerkt, dass einer der anderen Gäste es sich in einem Ohrensessel in Hörweite bequem gemacht hatte. Ihm, der scheinbar mit dem Reinigen seiner Pfeife beschäftigt war, schien nichts von unserer Unterhaltung entgangen zu sein. Als Estela mir diesen Mann zu Beginn des Abends als Herrn Rumsfeld vorgestellt hatte, war mir außer der listig drapierten grauen Haarsträhne, mit der er seine Glatze zu kaschieren suchte, nichts Besonderes an ihm aufgefallen. Jedenfalls kam dieser Herr Rumsfeld, kaum hatten meine Gesprächspartnerinnen sich plappernd und gackernd entfernt, auf mich zu und sagte nach einer knappen Verneigung:

»Frau von Wolf, bitte verzeihen Sie, wenn ich mich erdreiste, Sie anzusprechen, aber ich bin der Leiter einer New Yorker Literaturagentur und wollte Sie fragen, ob Sie schon einmal daran gedacht haben, Ihre Memoiren zu schreiben.«

Da ich vor lauter Erstaunen über seinen Vorschlag in dem Moment nicht wusste, was ich ihm erwidern sollte, verschaffte ich mir erst einmal etwas Zeit, indem ich den Mann mit derselben Ungeniertheit musterte, mit der er unsere Unterhaltung belauscht hatte. Äußerlich hob sich Rumsfeld mit seiner ovalen Hornbrille und dem karierten Jackett auffällig von den Bankiers und Börsenmaklern ab, die normalerweise ihre Sommerferien in den Hamptons verbringen und alle in dem gleichen gestreiften Blazer mit Goldknöpfen herumlaufen. Ich dachte mir, dieser ungebetene Zuhörer müsse wohl ein Vertreter jener New Yorker Intellektuellen- und Künstlerkreise sein, die ab und zu in den Hamptons auftauchten und dem Ort mit ihrer Anwesenheit einen Hauch von Kultiviertheit verliehen: so wie die rosa Sauce, die man bei traditionellen Strand-Barbecues zu Meeresfrüchten reicht. Als Herr Rumsfeld den vorwurfsvollen Ausdruck bemerkte, mit dem mein Blick sich auf den Sessel heftete, wo er sich verschanzt gehalten hatte, sah er sich zu einer Entschuldigung genötigt:

»Da die Unterhaltung im Raucherzimmer nicht allzu spannend war, bin ich, wie ich gestehen muss, der Versuchung erlegen, dem zuzuhören, was Sie Ihren Freundinnen erzählten. Aber glauben Sie mir, es ist sonst nicht meine Art, fremde Unterhaltungen zu belauschen. Allerdings hat mich die Erfahrung gelehrt, dass die Menschen schreiben, wie sie reden, und Sie schildern die Dinge auf eine so gewinnende und fesselnde Art, dass es nach meiner festen Überzeugung auch in schriftlicher Form sehr gut ankommen würde.«

Ich versuchte gar nicht erst meinen Ärger über die reichlich ungenierte Art zu verhehlen, mit der der Agent mich angesprochen hatte.

»Herr Rumsfeld, da Sie nun schon einmal ›rein zufällig‹ unserer Unterhaltung gelauscht haben, werden Sie auch festgestellt haben, dass es nichts besonders Faszinierendes an den Erlebnissen gibt, die ich geschildert habe …«

Mein harscher Ton schien Rumsfeld nicht im Geringsten einzuschüchtern, denn er erwiderte:

»Im Gegenteil, die Art, mit der Sie die Aufmerksamkeit Ihrer Freundinnen abgelenkt haben, ohne irgendetwas Wesentliches zu erwähnen, bestärkt mich in der Annahme, dass Sie während Ihres Afrikaaufenthaltes äußerst interessante Erfahrungen gemacht haben müssen. Mir ist aufgefallen, dass Sie vorhin den Ausdruck ›Experiment‹ benutzt haben, um die Jahre zu charakterisieren, die Sie in Südwestafrika verbrachten, während Sie soeben von Ihren ›Erfahrungen‹ gesprochen haben. Welcher der beiden Begriffe erscheint Ihnen treffender?«

»Ich denke, dass Sie den Worten vielleicht aufgrund Ihrer häufigen Kontakte mit Schriftstellern zu viel Bedeutung beimessen, Herr Rumsfeld. Tatsache ist, dass meine Erfahrungen in Afrika für mich auch einem Experiment gleichkamen, denn ich war damals noch sehr jung, hatte gerade geheiratet und wollte ein anderes Leben wagen. Ich wollte etwas ganz Neues ausprobieren, was mir allerdings durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs letztlich verwehrt blieb …«

Ich hielt einen Moment inne und dachte, dass ich diesem dreisten Kerl gerade auf den Leim ging, indem ich ihm Details aus meinem Leben in Südwestafrika verriet, doch Herr Rumsfeld war so schlau, den Mund zu halten, so dass mir nichts weiter übrigblieb, als fortzufahren:

»Mein Mann und ich hatten eine Farm im Süden des deutschen Schutzgebietes gekauft, in einer kargen Gegend von außerordentlicher Schönheit, wo wir Stuten und Deckhengste der weltbesten Rassen hinschafften. Mit vielen Mühen und Opfern stellten wir ein Gestüt von mehr als dreihundert Tieren auf die Beine, doch als die Deutschen das Gebiet infolge des Ersten Weltkriegs und des Sieges der Alliierten aufgeben mussten, waren wir gezwungen, alles zurückzulassen.«

»Sind Sie denn nie mehr auf Ihre Besitztümer in Südwestafrika zurückgekehrt?«

»Nach Kriegsende wurde das Landgut mitsamt dem Schloss, das wir mitten in der Wüste aus Stein erbaut hatten, und den ganzen Nebengebäuden verkauft.«

»Was geschah mit den Pferden?«

»Die Pferde wurden von den Weiden verjagt, damit sie den Schafen nicht in die Quere kamen, die man später auf der Farm züchtete, und viele sind wohl umgekommen. Doch ein paar flohen in die Wüste und überlebten. Noch heute kann man ihre Nachkommen dort frei herumlaufen sehen.«

»Reinrassige Pferde in der Wüste?«

»Man hat ganze Mustangherden zwischen den Dünen gefunden, mehr als hundert Kilometer von dem Ort entfernt, wo wir unser Landgut hatten – das müssen Abkömmlinge unseres Gestüts sein. Bedenken Sie, dass reinrassige Araber aus der Wüste stammen, wenn auch aus einer weniger harten als der südwestafrikanischen.«

»Warum haben Sie Ihren Freundinnen dieses interessante Detail verschwiegen?«

»Ich fürchte, ich habe meinen alten Klassenkameradinnen nicht alles erzählt, was sie hören wollten. Ich bin mir sicher, dass sie hofften, ich würde von den Gräueltaten sprechen, die die Deutschen an den Eingeborenenstämmen begingen. Im Zusammenhang mit den Verbrechen, die momentan hinsichtlich der Konzentrationslager ans Licht kommen, rücken die Schandtaten von damals auch wieder in den Fokus.«

»Ich höre nicht zum ersten Mal, dass die Vernichtungsmethoden, mit denen die Nazis gegen ihre Feinde vorgingen, in der Kolonialzeit bereits gegen die Ureinwohner praktiziert wurden. Ich nehme an, es war ihr Selbstverständnis von der Überlegenheit ihrer eigenen Rasse, das die Deutschen zu einer derart abnormen Entgleisung verleitete.«

»Ich glaube, die Missstände, zu denen die Verhältnisse einer Kolonialherrschaft zwangsläufig führen, haben gemeinhin andere und weitaus komplexere Gründe als das bloße Gefühl rassischer Überlegenheit. Denken Sie nur daran, wie die Engländer mit den irischen Nationalisten umgegangen sind, obwohl es Menschen der gleichen Kultur und Rasse waren. Und wie sie die aufständischen Buren in Südafrika behandelt haben, die sie in Lager sperrten wie die Wanzen … Aber von diesen Konzentrationslagern redet natürlich keiner, denn aus beiden Weltkriegen gingen die Engländer als Sieger hervor.«

Ich muss meine Argumente wohl mit übermäßiger Leidenschaft vorgebracht haben, denn ich bemerkte, wie Rumsfeld mich mit einem Anflug von Lächeln beobachtete.

»Sie verstehen es, Ihre Meinung überzeugend vorzubringen, was mich nur in meiner kühnen Annahme bestätigt, dass Sie ein spannendes Buch schreiben könnten. Aber ich möchte Sie nicht zu etwas überreden, wozu Sie vielleicht gar nicht bereit sind. Wenn Sie erlauben, lasse ich Ihnen meine Karte da, und bei Ihrem nächsten Besuch in New York lade ich Sie zum Tee im Plaza ein. Dann reden wir über das Buch, falls Sie Lust haben.«

Was mich an der Unterhaltung mit dem Agenten vielleicht am meisten beeindruckt hatte, war sein feines Gespür, mit dem er sofort mein Bemühen durchschaut hatte, meine Freundinnen mit nichtssagenden Auskünften über mein Leben in Afrika abzuspeisen. Aber sein Angebot ließ mich nicht kalt. Hatte dieser alte Fuchs etwa erraten, dass ich selbst bereits mit dem Gedanken gespielt hatte, meine Memoiren zu schreiben oder zumindest ein Tagebuch über mein afrikanisches Experiment? Ich hatte sogar irgendwann angefangen, mir einige Notizen zu machen, sie später aber wieder zerrissen. Mir wurde klar, dass ich eine Weile allein sein musste, und so verabschiedete ich mich unter dem Vorwand, ich sei müde, von der Gastgeberin und meinen neugierigen Klassenkameradinnen, zog mich auf mein Zimmer zurück und nahm ein heißes Bad.

Den Körper bis zum Nacken in die breite Wanne getaucht und den Blick nach innen gekehrt, ließ ich meinen Erinnerungen freien Lauf. Mit erstaunlicher Klarheit durchlebte ich noch einmal meine Ankunft am Strand von Swakopmund auf dem Rücken eines afrikanischen Lastträgers, meine erste Strecke mit der Eisenbahn, die mich durch die endlosen Graslandschaften nach Windhuk führte, die Fahrt mit Hansheinrich auf einem Ochsenkarren durch die Savanne, als wir zum ersten Mal das Grundstück sahen, auf dem wir später das Schloss Duwisib errichten sollten, über dessen Eingang wir das Jahr 1909 eingravieren ließen. Schon damals ahnte ich, dass die Dinge überdauern, während die Menschen verschwinden. Und dass jenes Schloss aus rotem Sandstein an dem Tag, an dem der afrikanische Traum zerplatzen würde, als Einziges an uns erinnern würde. Selbst wenn man unsere Namen längst vergessen haben würde.

Das Leben erscheint wie ein ewiger Kreislauf, und so wollte es der Zufall, dass man mir wenige Tage vor meinem Aufbruch nach Easthampton einen großen Überseekoffer mit Fotos, Dokumenten und Rechnungen aus Duwisib – vielen Rechnungen – daheim in der Morris Avenue in Summit zugestellt hatte. Die Sendung war vor langer Zeit in Pretoria von Graf Max von Lüttichau aufgegeben worden, dem Mann, der sich um unsere Besitztümer in Südafrika gekümmert hatte, als wir mit Ausbruch des Krieges in Europa von dort aus auf Reisen gegangen waren. Dieser Koffer, solide deutsche Verarbeitung, mit Guttapercha ausgekleidet und Metallverstärkung an den Ecken, war um die halbe Welt gereist, wie man den diversen Etiketten und Zollstempeln, mit denen er außen beklebt war, sowie mindestens ebenso vielen Verwaltungsplomben entnehmen konnte, die in den Seitenfächern steckten.

Ich war nahe daran gewesen, das mächtige Gepäckstück zurückzuschicken – nicht um mir die fälligen Portokosten zu ersparen, die, gemessen am reichhaltigen Inhalt, nicht unverhältnismäßig hoch waren, sondern weil ich mir nicht sicher war, ob ich jene Bundeslade mit den Tafeln einer Vergangenheit, die ich beschlossen hatte zu vergessen, tatsächlich zurückhaben wollte. Schließlich rang ich mich dazu durch, den Briefträger zu bezahlen und den Koffer zu behalten, um ihn sogleich auf den Speicher zu verfrachten, ohne dass ich mir auch nur die Mühe gemacht hätte, das versiegelte Schloss aufzubrechen. Der Lieferschein gab mir Vorstellung genug vom Inhalt.

Das Gespräch mit Herrn Rumsfeld rief mir nun die Existenz dieses Überseekoffers erneut ins Gedächtnis und schürte meine Neugier, ihn zu öffnen. Ich nahm die Visitenkarte des Literaturagenten vom Badewannenrand, da der Dampf sie allmählich aufweichte und die in englischen Lettern darauf vermerkte Anschrift auf der Wall Street verblassen ließ. Ich dachte darüber nach, dass der Agent mir nicht vorgeschlagen hatte, meine Gedanken über die verschlungenen Pfade der Vergangenheit wandern zu lassen, um diese Erinnerungen anschließend kommentarlos in eine Kiste zu sperren. Nein, er wollte, dass ich ein Buch schrieb, das veröffentlicht werden sollte, was weitaus mehr Mühe und Engagement erforderte. Denn wenn Rumsfeld sein Angebot aufrechterhielt, würden wir einen Vertrag unterzeichnen müssen, und ich würde mich gezwungen sehen, meine Erinnerungen allesamt schwarz auf weiß auszuformulieren. Obwohl es in Anbetracht des sozialen Klimas der Kolonie wohl richtiger wäre, »weiß auf schwarz« zu sagen.

Ich befürchtete allerdings, dass mir nach all den Jahren, die seit meiner Zeit in Afrika vergangen waren, einige Irrtümer und Ungenauigkeiten unterlaufen könnten. Würde ich das, was ich erlebt hatte, so erzählen, wie es sich zugetragen hatte, oder aus der inzwischen erlangten Distanz heraus? Selbst wenn ich mich noch so sehr bemühte, beim Sammeln der Fakten objektiv vorzugehen, konnte ich nicht vermeiden, dass sich hier und da in meinem Kopf tatsächlich Erlebtes mit dem vermengte, was ich mir erträumt hätte. Wie sollte es mir nach so langer Zeit noch gelingen, Erfahrungen von Wunschdenken zu trennen?

Ein wenig beruhigte mich der Gedanke, dass die Dokumente, die mich eingeschlossen in den Koffer auf dem Speicher erwarteten, mir bei der Rekonstruktion der Vergangenheit behilflich sein würden. Ich durfte andererseits nicht zulassen, dass ein allzu verbissenes Streben nach Wahrhaftigkeit jegliche Spontaneität hemmte.

Ich hatte das Badezimmerfenster halb offen gelassen, und in diesem Augenblick zog eine nächtliche Meeresbrise herein. Die Mischung der kühlen Frische von draußen und der angenehmen Wärme des Wassers wirkte auf mich dermaßen entspannend, dass ich in tiefen Schlaf fiel. Als ich aufwachte, hörte ich schon die Vögel im Garten singen, und obwohl der Morgen noch nicht angebrochen war, beschloss ich hinauszugehen, um den Sonnenaufgang am Meeresufer zu betrachten. Rasch streifte ich mir einen Sportpulli und einen Jerseyrock über und schlich so leise wie möglich die Treppe hinunter in den Hausflur, um die übrigen Gäste nicht aufzuwecken. Bis zum Sonnenaufgang war es allerdings noch eine Weile hin, wie mir plötzlich klar wurde. Ich hatte mich durch das helle Mondlicht irritieren lassen, genau wie die Vögel, die mit ihrem Gezwitscher auf den umstehenden Bäumen einen falschen Morgen verkündeten. Doch da ich nun schon einmal wach war, beschloss ich, einen Spaziergang im Mondschein zu machen, auf dem Kiesweg, der zum Strand führte.

Als ich mich dem Atlantik näherte, stieg mir ein beißender Geruch in die Nase, der mich an meine Strandspaziergänge in Südwestafrika erinnerte. An den Küsten kam es dort häufig zu kleineren vulkanischen Eruptionen mit austretendem Magma, die den Strand mit Schwefelschwaden und dem Gestank nach totem Fisch überzogen. Am Ufer waren dann sterbende Robben und die Gerippe großer, von den Vulkandünsten vergifteter Fische zu sehen gewesen. Hier, an den Stränden von Long Island, hinterließ die See bei Ebbe zerbrochene Muschelschalen, Sepiaknochen und faulige Algen, die ebenfalls einen beißenden Geruch verbreiteten. Letzen Endes war es ein und derselbe Atlantische Ozean, wenngleich auf einem ganz anderen Längen- und Breitengrad.

An einem Strand nicht weit von Lüderitz – dem Hafen im Süden der Kolonien – hatte mich einmal ganz in der Nähe eines kleinen Eilands namens Haifischinsel, wo das deutsche Heer nach dem Sieg über die aufständischen Stämme ein Gefangenenlager eingerichtet hatte, die Abenddämmerung überrascht. Aufgrund der mangelhaften hygienischen Verhältnisse jenes Internierungslagers war die Sterblichkeitsrate der Gefangenen dort sehr hoch, und die Gefängniswärter nutzten die nächtliche Ebbe, um die Leichen in Löchern zu vergraben, die sie im feuchten Sand aushoben. Wenn dann die Flut kam, spülte die starke Strömung die nicht sehr tiefen Gräber wieder frei, womit sie sowohl den Schakalen, die am Strand in den Sanddünen herumlungerten, als auch den Haien, die sich in Küstennähe aufhielten, ein wahres Festmahl bereitete. Die Szene, die ich am Strand der Haifischinsel im Mondschein von ferne beobachtet hatte, war so grauenhaft gewesen, dass es mir schwerfallen würde, das Ganze in Worte zu fassen.

Ich schlenderte eine Weile am Wasser entlang, bemüht, die hässlichsten Erinnerungen an jene Zeit beiseitezuschieben. Doch plötzlich stießen meine nackten Füße an einen großen, glitschigen Körper, den die Flut ans Ufer gespült hatte. Ohne mich zu vergewissern, um was es sich dabei handelte, rannte ich wie vom Teufel gejagt davon.

Die Möwen und die Kormorane waren schon dabei, sich an den Abfällen gütlich zu tun, die die nächtliche Flut an den Strand gespült hatte. Auf meiner wilden Flucht scheuchte ich Schwärme von Seevögeln auf, und mit ihnen stieg allmählich mit rötlichem Schimmer der Morgen auf.

Easthampton, 4. Juni 1946

ERSTES BUCH

Swakopmund

Das Kreischen der Seevögel über dem Schiffsdeck an jenem frostigen Morgen im April des Jahres 1907 kündete von der nahen Küste. Der Landstreifen lag hinter einer dichten Nebelwand, und der Kapitän der Windhuk hatte befohlen, die Motoren zu drosseln, aus Sorge, er könnte den Hafen von Swakopmund verfehlen. Doch er wagte es nicht, sich zu sehr der Küste zu nähern, aus Angst, auf eine der Klippen aufzulaufen.

Drei Wochen war es her, dass Hansheinrich und ich Hamburg mit dem Ziel Deutsch-Südwestafrika verlassen hatten – eine Reise, die zugleich unsere Hochzeitsreise war. Es kam mir immer noch seltsam vor, morgens neben diesem Koloss von Mann aufzuwachen. Obwohl wir die geräumigste Kabine mit der komfortabelsten Ausstattung gebucht hatten, passte mein Mann mit seinen langen Beinen nicht in das Ehebett. Zum Glück blieb Hansheinrich nach den Abendmahlzeiten am Tisch des Kapitäns noch auf, um sich an der Bar ein paar Gläschen zu genehmigen oder in der Offiziersmesse Karten zu spielen, während ich mich zurückzog und schon schlief beziehungsweise mich schlafend stellte, wenn er in die Kabine trat und sie mit seinem Geruch nach Zigarrenrauch und Cognac erfüllte.

Doch an den beiden letzten Tagen vor unserer Ankunft in Swakopmund trank mein Mann weder Alkohol, noch rührte er auch nur eine Karte an, und am Abend, bevor wir von Bord gingen, wanderte er bis spät in die Nacht auf der Kommandobrücke umher wie ein Löwe im Käfig. Es war das erste Mal, dass mein Mann auf südafrikanischen Boden zurückkehrte, nachdem er während der Hottentottenkriege in der Schutztruppe gedient hatte. Und so war es nicht verwunderlich, dass er eingedenk dessen, was ihm auf seiner ersten Reise an ebenjener Küste widerfahren war, nervös wurde, je näher wir unserem Ziel kamen.

In der Nacht vom 19. auf den 20. November 1904 war der Dampfer Gertrude Woermann, an Bord die Offiziere und Verstärkungstruppen für den Kampf gegen die Aufständischen sowie reichlich Kriegsmaterial und dreihundert Pferde, bei dichtem Nebel zwanzig Kilometer nördlich von Swakopmund auf Grund gelaufen. Obwohl es bei diesem Unfall keine Toten zu beklagen gab, ging doch ein Großteil der Ladung verloren, ebenso wie der Dampfer, der schließlich kenterte. Nur weil das Panzerschiff SMS Vineta der deutschen Kriegsmarine in Swakopmund, das die Verstärkungstruppen erwartete, unverzüglich zu ihrer Rettung herbeieilte, konnte eine schlimmere Katastrophe verhindert werden.

Gewiss war Hansheinrich unter diesen Voraussetzungen weniger um sein eigenes Schicksal und das des Dampfers besorgt als darum, was mit seinem Bestand von Pferden geschah, die im Frachtraum mitreisten. Er erzählte mir, als das Schiff anfing zu schlingern, hätten die armen Tiere die Gefahr gewittert und gescheut und verzweifelt mit den Hufen gegen ihre Boxen getreten. Glücklicherweise konnten auch die meisten der dreihundert Pferde in Sicherheit gebracht werden, indem man sie auf hölzernen Flößen ans nahe Ufer verfrachtete.

An dem Tag, als wir die Küste von Swakopmund erreichten, wurde ich morgens von merkwürdigen Geräuschen aus dem Flur unserer Kabine geweckt, und als ich das Licht anschaltete, sah ich die imposante Gestalt eines Mannes in Heeresuniform und Reitstiefeln mit den dazugehörigen Sporen. Ich erschrak, da ich meinen Mann in diesem Aufzug – der Uniform eines Artilleriehauptmanns der deutschen Kolonialmacht – zunächst nicht wiedererkannte. Hansheinrich war immerhin ein Meter achtundneunzig groß, von athletischer Statur, mit gleichmäßigen Gesichtzügen und graublauen Augen, passend zu dem graublauen Brustlatz seines Uniformrocks.

Als ich mich an Deck begab, tauchten nach und nach die Umrisse der Dünen aus dem Nebel auf und bald auch die Häuser von Swakopmund, als hätte ein Zauberspruch mitten in der Wüste eine kleine Stadt sprießen lassen. Anders als die von dichtem Busch umgebenen afrikanischen Dörfer, die wir während unserer Fahrt längs der Westküste gesehen hatten, war jene Küstenstadt an einem völlig lichten Ort erbaut worden, wo die mächtigen roten Sanddünen der Wüste sich an die ausgedehnten, sehr weißen Sandstrände anschlossen. Von ferne hatte die Anordnung der von kleinen Palmenwäldchen umgebenen weißgetünchten Häuser mit Türmchen wie Minarette das Flair eines orientalischen Städtchens, doch aus der Nähe erinnerten sie eher an die Wachttürme der hanseatischen Hafenstädte.

Ich nutzte den Moment, den wir auf Deck zubrachten, darauf wartend, dass sich der Nebel verzog, um mich vom Kapitän und den übrigen Besatzungsmitgliedern, die uns mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt hatten, sowie den Passagieren, die noch bis zu der südlich gelegenen Hafenstadt Lüderitz weiterreisten, zu verabschieden. Bei einem Spaziergang auf dem Zwischendeck war ich mit einem gewissen August Stauch aus Eisenach ins Gespräch gekommen, der sich auf dem Weg nach Lüderitz befand, um bei der Gesellschaft zu arbeiten, die die Eisenbahnstrecke durch die Wüste ins Landesinnere baute. Da Stauch an einer Atemwegserkrankung litt, die für ihn ein trockenes Klima erforderlich machte, hatte er keine andere Wahl gehabt, als diese Arbeit anzunehmen und seine Familie in der Hoffnung auf bessere Zeiten in Deutschland zurückzulassen. In dieser vom Wüstenwind gepeitschten Einöde, wo jeder Hauch von Feuchtigkeit sich verflüchtigt, bevor er den Boden erreicht, klang die Empfehlung des Arztes mehr als überflüssig.

Die optimistische Einstellung, mit der Stauch einer so wenig verlockenden Zukunft entgegenblickte, bestärkte mich in meinem Entschluss, in jenem entlegenen Winkel der Erde mein Glück zu suchen, wenngleich Hansheinrich, als ich ihm Stauch vorstellte, zur Begrüßung gerade einmal ein paar Höflichkeitsfloskeln mit ihm wechselte. Gewiss, Stauch war nicht eben eine ansehnliche Erscheinung – mittelgroß und untersetzt, ohne wirklich dick zu sein –, doch in seinen tiefen blauen Augen erkannte ich ein entschlossenes Funkeln, das mich ahnen ließ, dass es ihm gelingen würde, sich in der Gegend eine Zukunft aufzubauen.

Da der Landgang auf mit afrikanischen Ruderern besetzten Booten erfolgen würde, müsse man unbedingt abwarten, bis der Nebel sich vollständig gelichtet habe, erklärte mir der verantwortliche Wachoffizier. Nur so hätten die kru-boys (wie die schwarzen, aus Liberia stammenden Bootsführer hießen) eine Chance, die Kraft der Strömung und die Entfernung zur Küste korrekt einschätzen zu können, falls die Brandung das Schiff zum Kentern brächte. Im Wissen, dass Swakopmund der Hauptversorgungshafen jener Kolonie war, fragte ich den Offizier, ob niemand daran gedacht habe, eine Mole zu bauen, um das Verlassen des Schiffs weniger waghalsig zu machen, woraufhin der Marineoffizier mir zur Antwort gab, dass man in der Tat während des Krieges einen von großen Holzpfählen getragenen Hafendamm gebaut habe, der ins Meer hinausragte. Allerdings hätten die deutschen Ingenieure nicht bedacht, dass sich in jenen Gewässern eine räuberische Moluskenart namens Teredo navalis tummele, die die Träger der Mole binnen weniger Monate komplett ausgehöhlt habe, so dass der Hafendamm in kürzester Zeit in sich zusammengefallen sei.

Ich fand es ergreifend, dass die Naturkräfte Afrikas sich derart gegen die technischen Hilfsmittel der Zivilisation aufgelehnt hatten, doch nur kurze Zeit später änderte ich meine Meinung, als man mich in einen fragilen, nur mit einem einfachen Stahlseil an einer Winde hängenden Weidenkorbstuhl verfrachtete und, Kopf und Füße frei über dem Ozean schwebend, in rasantem Tempo auf das schwankende Deck eines Landeboots herabließ, wo mich die starken Arme eines Offiziers der Woermann-Linie in Empfang nahmen, während die schwarzen Ruderer dem Ansturm der Brandung trotzten, um das Beiboot im Windschatten des Hauptschiffs zu halten.

Als die kru-boys auf halber Strecke an Bord gekommen waren, hatte ich mich durch die Anwesenheit dieses dunkelhäutigen, an Deck herumlungernden Lumpengesindels mit seinem ewigen gutturalen Singsang gestört gefühlt. Doch sobald mir klar wurde, dass wir von der ruhigen Hand und dem Geschick jener guten Meeresgeister abhingen, um den Ansturm der heftigen Brandung zu überlisten, bereute ich, dass ich an ihren traurigen Liedern Anstoß genommen hatte, und schon bald konnte ich bewundern, mit welcher Kraft ihre sehnigen Unterarme die Ruder schwangen.

Geschickt manövrierten die Ruderer das Beiboot so, dass es mit dem Bug die Wellenkämme diagonal durchschnitt und anschließend mit der Leichtigkeit eines Delphins in die Lücke hinabglitt, die die Wellen ließen. Es dauerte nicht lange, bis wir uns jenseits der Brandung in der ruhigen Bucht befanden, in die der Swapok mündete, der Fluss, dem die Stadt ihren Namen verdankt. Mir wurde erklärt, das Flussbett sei den größten Teil des Jahres über ausgetrocknet und führe nur während der Regenzeit einen reißenden Strom voller Schlamm, abgebrochener Zweige und toter Tiere, wobei er das gesamte Umland der Stadt in ein ungesundes Sumpfgebiet verwandle. Wenn es auch wenig romantisch klinge, bedeute Swakopmund im regionalen Stammesdialekt »Fluss voller Abfall«.

Sobald der Bootskiel sich in den sandigen Boden bohrte, sprang einer jener dunkelhäutigen Jasons ins Wasser, packte mich ohne Vorwarnung um die Taille, hievte mich auf den Rücken und trug mich in Windeseile an den Strand. Ich merkte, wie mein Rocksaum in der Brise aufflog und meine Brust sich gegen sein krauses Haar und seine muskulösen Schultern presste. Mit wenigen Schritten durchwatete mein Träger – der nichts als einen Lendenschurz trug – die letzten Meter glasklaren Wassers und setzte mich behutsam auf dem glutheißen Sand ab, ohne dass ich mir auch nur die Spitzen meiner feinen Schnürstiefel benetzt hätte.

Als ich mich nach dem Schiff umblickte, auf dem Hansheinrich zurückgeblieben war, sah ich, wie die kru-boys sich darum balgten, wem die Ehre zuteil würde, eine so hochrangige Persönlichkeit in Uniform zu schultern, während mein Mann sich mit aller Macht ihrer eilfertigen Hilfsbereitschaft zu erwehren versuchte. Bei all dem Gerangel wäre er um ein Haar im Wasser gelandet. Am Ende beschloss er, einfach ins Wasser zu springen und selbst ans Ufer zu waten, auch wenn seine feinen Ziegenlederstiefel stumpf und seine Hosenbeine mit dem leuchtenden Rot ein wenig ausgeblichen waren, als er den Strand erreichte.

Zum ersten Mal fiel mir auf, wie winzig der Orden war, den ihm der Kaiser nach Beendigung seines Dienstes in Afrika verliehen hatte. So winzig, dass er auf dem großen blauen Brustlatz seines Uniformrocks verloren wirkte wie ein Boot auf dem unendlichen Ozean. Da bekam ich, vielleicht wegen der Anspannung während der letzten Überfahrt oder der Erleichterung, endlich im Land der Verheißung angekommen zu sein, einen hysterischen Lachanfall, den ich trotz der Feierlichkeit des Augenblicks nicht zu unterdrücken vermochte. Zuerst starrte mein Mann mich nur verständnislos an, doch nach ein paar Minuten ließ er sich von meiner Heiterkeit anstecken und brach in ein polterndes Lachen aus, und am Ende fielen alle, die mit uns von Bord gegangen waren, mit ein, einschließlich der kru-boys, die sich mit ihren schwieligen Händen auf ihre nackten Schenkel klatschten.

Hohenzollernhaus

Rasch machten uns die Träger des Hotels ausfindig, begrüßten meinen Mann mit zeremonieller Höflichkeit und verfrachteten uns in ein von Maultieren gezogenes Wägelchen, das auf Eisenschienen durch die in Sand versinkenden Straßen der Stadt glitt, zu einem dreistöckigen Gebäude, dem Hohenzollernhaus. Der Hoteleingang war mit neogotischen Säulen und Fresken verziert, die Szenen aus der Mythologie darstellten, und eine Statue des Titanen Atlas mit der Weltkugel auf den Schultern vollendete die prachtvolle Gestaltung der Hauptfassade.

Ein paar weiße und farbige Türsteher stritten sich um die Ehre, uns das Gepäck aufs Zimmer zu tragen, das im obersten Stockwerk lag. Dort erwartete mich eine große Keramikbadewanne mit dampfendem Wasser. Mir blieb kaum Zeit, mich zu entkleiden, als auch schon ein afrikanisches Zimmermädchen namens Esther anklopfte, sich die Ärmel ihres merkwürdig viktorianisch anmutenden Kleides aufkrempelte und sich daranmachte, mich am ganzen Körper mit einem Waschlappen einzuseifen. Damals vermochte ich die charakteristischen Züge der verschiedenen Volksgruppen noch nicht zu unterscheiden, doch Esther hatte das runde Gesicht und die aufgeworfenen Lippen der Hereros, und der Kontrast zwischen ihrem sehr dunklen Teint und dem karierten Turban machte sie zu einer anziehenden, fast majestätischen Erscheinung. Ich stellte fest, dass mir die Berührung ihrer sanften Hände keineswegs unangenehm war, ebenso wenig wie zuvor der Druck der muskulösen Arme des Ruderers, der mich huckepack an den Strand getragen hatte.

Hansheinrich hatte mich gebeten, um sechs Uhr fürs Abendessen fertig angekleidet zu sein, denn das werde in den Kolonien bereits zu einer Zeit eingenommen, wenn der Europäer noch seinen Tee trinke. Tatsächlich erschien er mit militärischer Pünktlichkeit, um mich abzuholen, elegant im grauen Seidenfrack mit passender Krawatte. Zu diesem besonderen Anlass wählte ich das lavendelfarbene Abendkleid mit Spitzenärmeln, das ich schon auf dem Fest im Plaza-Hotel in New York getragen hatte – aber ich brauchte wohl kaum zu befürchten, dass dies hier jemandem auffallen würde. Als ich in dieser Garderobe am Arm meines Mannes in der Hotelhalle erschien, verstummten alle für einen kurzen Moment, dann ging ein anerkennendes Raunen durch den Raum. Da wurde mir klar, dass die Rückkehr in die Kolonien des Barons von Wolf mit seiner Gemahlin, die man damals bereits die »amerikanische Millionärin« nannte, nicht unbemerkt bleiben würde.

Im Speisesaal servierte uns ein deutscher Kellner mit hochgezwirbelten Schnurrbartspitzen Kaviar zu eisgekühltem Wodka und anschließend einen Hummer, den wir mit einem köstlichen, von Hansheinrich sorgfältig ausgewählten Rheinwein begossen. Ich ließ mich von der Magie des Augenblicks und der Extravaganz hinreißen, diese Weine an jenem fernen Ort, nur wenige hundert Kilometer vom tropischen Wendekreis entfernt, zu genießen. Und während ich, tief in die blauen Augen meines Mannes blickend, mein Glas erhob, dachte ich, dass sich in der Nacht vielleicht das Wunder einer leidenschaftlichen Annäherung ereignen würde, wie sie sonst nur die Heldinnen romantischer Liebesromane erleben durften. Ich muss allerdings sagen, dass Hansheinrich sich während der Überfahrt sehr feinfühlig verhalten hatte, ohne eine wollüstige Hingabe von mir zu erwarten, die zu improvisieren ich niemals in der Lage gewesen wäre. Wir waren schon rein physisch gesehen so gegensätzlich, dass die Akrobatik des Liebesakts uns Probleme bereitete, besonders bei hohem Seegang, wenn alles in unserer Kabine schwankte. Ich neige zwar nicht dazu, gleich seekrank zu werden, und hatte zuvor schon mehrmals den Atlantik überquert – wenngleich nicht von Nord nach Süd –, doch auf dieser jüngsten Schiffsreise hatte ich zum ersten Mal erfahren, wie sehr das ständige Schaukeln den Liebeshunger zu bremsen vermag.

Nach dem Abendessen bot Hansheinrich mir erneut seinen Arm und begleitete mich bis zur Zimmertür, wo er mir eröffnete, er habe sich noch mit ein paar alten Kameraden von der Schutztruppe auf ein Gläschen an der Bar verabredet. Ich zweifelte keinen Moment daran, dass dies nur eine feinfühlige Geste meines Mannes war, der mir die nötige Zeit lassen wollte, mich auszukleiden und mir mein Negligé überzustreifen, um so die erste Nacht unserer Hochzeitsreise auf festem Boden zu feiern. Also machte ich in aller Eile meine Toilette und schlüpfte, nachdem ich mein Nachtgewand angezogen hatte, rasch mit einem Buch in der Hand unter das feine Laken, wobei ich noch einmal überprüfte, ob das Gaslicht auf dem Nachttisch auch halb heruntergeschraubt war, um für die angemessene Stimmung zu sorgen. Nach dem langen Tag zogen die Seiten an mir vorbei, ohne dass ich mich recht auf die Lektüre zu konzentrieren vermochte, aber ich wagte auch nicht, den Blick von ihnen abzuwenden, aus Furcht, ich könnte vom Schlaf übermannt werden, woraufhin Hansheinrich es nicht über sich bringen würde, mich aufzuwecken, wenn er zurückkehrte.

Als ich Stunden später erwachte, war der Platz im Bett neben mir immer noch kalt und leer. Da erst begriff ich, dass Hansheinrich womöglich die ganze Nacht über meinem Zimmer fernbleiben und mich sicherlich erst aufsuchen würde, wenn es an der Zeit wäre, mit dem Zug nach Windhuk aufzubrechen. Mich beschlich ein Gefühl tiefer Enttäuschung, das sehr rasch in Wut umschlug. Wie war es möglich, dass dieser Mann mich bis ans andere Ende der Welt schleppte, um mich gleich in der ersten Nacht nach unserer Ankunft im Land der Verheißung alleinzulassen? Wie dumm war ich doch gewesen, nicht auf die Stimmen derer zu hören, die mich rechtzeitig vor dem unsteten Charakter meines stattlichen Verlobten gewarnt hatten!

Kennengelernt hatte ich Hansheinrich kurze Zeit nachdem ich mit meiner Mutter und meinem Stiefvater in Dresden eingetroffen und er selbst erst wenige Monate von seinem Kolonialdienst aus Südwestafrika heimgekehrt war. Während einer Parade der Kaiserlichen Artillerie im Schlosspark hatte ich ein Auge auf ihn geworfen, beeindruckt von der natürlichen Eleganz, mit der er einen riesigen Trakehnerfuchs mit auffällig dunkler Mähne ritt. Ich war immer der Meinung gewesen, Reiter von kleinem Wuchs könnten besser mit dem Sattel verschmelzen, doch eine perfektere Symbiose zwischen einem solch stattlichen Ross und einem ebensolchen Reiter hatte ich noch nie gesehen, und nun verstand ich auch, wie es den teutonischen Rittern gelingen konnte, ganz Europa zu erobern. Einige Wochen später hatten wir unsere Verlobung bekanntgegeben, und wenige Monate darauf hatte Hansheinrich um meine Hand angehalten und mich gebeten, gemeinsam mit ihm ein neues Leben in Südwestafrika zu beginnen.

Während meine Mutter und mein Stiefvater John Gaffney meine überstürzte Verlobung mit Hansheinrich noch hingenommen hatten, konnten sie ihre Besorgnis nicht länger verhehlen, als ihnen mein Verlobter wenige Wochen später eröffnete, er gedenke, mit mir nach Südwestafrika auszuwandern.

»Deine Mutter und ich respektieren deinen Entschluss, diesen Hauptmann von Wolf zu ehelichen, wenn du meinst, in ihm den Richtigen gefunden zu haben«, sagte John. »Aber wir begreifen nicht, warum du, um mit dem Mann, den du liebst, glücklich zu werden, gleich bis ans andere Ende der Welt ziehen musst. Wir machen uns Sorgen, dass du deinen Entschluss später einmal bereuen könntest.«

»Ich verstehe ja, dass ihr euch sorgt, weil alles in meiner Beziehung zu Hansheinrich etwas überstürzt wirkt«, antwortete ich meinem Stiefvater mit der gleichen Aufrichtigkeit und Offenheit, die er mir gegenüber bezeugt hatte. »Aber wenn man schon fünfundzwanzig Jahre alt ist und einen Menschen gefunden hat, der es wert ist, sollte man nicht lange zögern.«

John Gaffney hatte mich in sein Büro ins Konsulat gebeten – vielleicht um unserer Unterredung mehr Feierlichkeit zu verleihen –, und ich weiß noch, dass das Sonnenlicht an jenem Vormittag durch eines der hohen Fenster auf eine große Holztafel mit Fotos fiel, die John zusammen mit berühmten Persönlichkeiten wie Präsident Roosevelt, Kaiser Wilhelm oder seiner Heiligkeit Papst Pius X. zeigten. Auf einem Foto war auch ich zu sehen. Es stammte von einer Reise, auf die ich John ohne meine Mutter begleitet hatte und an die ich wegen eines Autounfalls, in den wir verwickelt wurden, als ich uns durch die engen Gassen Roms kutschierte, keine gute Erinnerung hatte.

»Ich versichere dir, dass Hansheinrichs Entschluss, nach Südwestafrika zurückzukehren, keineswegs nur einer Laune entspringt. Er kennt die deutsche Kolonie aus der Zeit, als er während des Krieges dort stationiert war, und weiß, dass man in der unberührten Natur jener Region ein freies Leben führen kann, ohne die absurden Konventionen, die die sogenannte zivilisierte Gesellschaft uns auferlegt.«

»Um euren Wunsch nach Freiheit und reiner Natur zu stillen, braucht ihr doch nicht so weit fortzugehen. Im Süden Europas, in Spanien oder Italien, kann man auch ausgedehnte Ländereien erwerben, nur nicht ganz so weit abgelegen von der zivilisierten Welt. Warum ausgerechnet Südafrika?«

»An keinem anderen Ort auf diesem Planeten herrschen so gute Voraussetzungen, viel Land zu erwerben und ein eigenes Gestüt aufzubauen. Das ist ein Plan, der uns beiden gleichermaßen am Herzen liegt. Nachdem der Krieg nun zu Ende ist, bietet die Kolonialregierung den Offizieren, die an den Kämpfen teilgenommen haben, überaus günstige Konditionen, denn dort werden weiße Siedler gebraucht, die bereit sind, das Land zu erschließen, und in der Lage, Geld zu investieren.«

»Dein Verlobter mag ja die Chancen kennen, die dieses Land bietet, doch die parlamentarische Opposition wirft der Regierung ständig vor, sie habe ein Vermögen ausgegeben für eine Kolonie, die nichts sei als eine verheerende Wüste.«

»Hansheinrich würde es niemals zulassen, dass ich mich auf ein Unternehmen einlasse, bei dem ich finanziellen Schaden erleiden könnte, und ich versichere dir, dass er in Berlin die nötigen Informationen hinsichtlich der Möglichkeiten eingeholt hat, dort unseren Traum zu verwirklichen. Ich denke, du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich mich niemals von allzu romantischen Gefühlen dazu hinreißen lassen würde, mein Geld für ein Unternehmen zu riskieren, das mich in den Ruin treiben könnte.«

»Es freut mich, dass du so denkst, und ich vertraue darauf, dass es dir gelingt, einen kühlen Kopf zu bewahren, und dass du, sobald die Dinge nicht mehr so laufen, wie du es dir erhoffst, den Mut aufbringst, dich rechtzeitig zurückzuziehen«, fügte er mit einem verschwörerischen Augenzwinkern hinzu. »Das heißt, dass du weißt, wann der Moment gekommen ist, den Schaden zu begrenzen, wie die Geschäftsleute sagen.«

Seit der Heirat mit meiner Mutter hatte John eine Haltung wohlwollender Distanz mir gegenüber bewahrt. Nicht ein Mal hatte er versucht, mir den Vater zu ersetzen, den ich nie kennengelernt hatte, und er wusste, dass er mir mit einem gewissen Grad an Toleranz und Solidarität begegnen musste, so wie in Rom, als er mir aus der misslichen Lage herausgeholfen hatte, in die ich mich durch den Unfall gebracht hatte. John ahnte, dass die einzige Möglichkeit, mich von einem Vorhaben abzubringen, das ich mir einmal in den Kopf gesetzt hatte, darin bestand, es zu verwirklichen, und dass er mir niemals würde ausreden können, nach Afrika zu gehen, allein schon, weil ich finanziell unabhängig war. Gemeinsam mit meinem Bruder Jo-Jo war ich seit meiner Volljährigkeit in den Besitz eines umfangreichen Vermächtnisses gelangt, das uns unser Großvater Frederick Humphreys hinterlassen hatte, und wir waren es, die meiner Mutter freiwillig eine monatliche Zuwendung aus unserem Erbe zukommen ließen.

Allerdings wollte ich unsere Unterredung nicht beenden, ohne John mit einem vertraulichen Eingeständnis zu zeigen, dass ich seine Anteilnahme schätzte.

»Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich nie Zweifel befielen, aber ich habe keine andere Wahl, als dieses Wagnis einzugehen. Hansheinrich und mich verbinden viele gemeinsame Interessen, einschließlich unserer Leidenschaft für Pferde, und da gibt es noch eine Menge anderer Facetten seiner Persönlichkeit, die ich bewundere. Aber ich leugne auch nicht, dass wir eine sehr unterschiedliche Erziehung genossen haben, und hinter seiner scheinbar fröhlichen und kontaktfreudigen Art spüre ich eine Melancholie und eine Unsicherheit, die mir durchaus Sorge bereiten.«

»Gewiss sind Unsicherheit und Scheu nicht gerade die hervorstechenden Charaktereigenschaften deines Verlobten«, sagte John mit einem leicht ironischen Unterton, dessen Bedeutung ich zu erahnen glaubte.

»Keine Sorge, es hat nicht an mitfühlenden Seelen gemangelt, die es für nötig hielten, mich über Hansheinrichs Ruf in Dresdener Kreisen als Glücksspieler und Frauenheld in Kenntnis zu setzen. Aber das ist gewiss nichts, was mir den Schlaf raubt, denn da er, wo er doch so viele andere Frauen haben kann, mich zu seiner Gemahlin erwählt hat, muss ich ihm wohl mehr bedeuten als all die anderen.«

Ich bemerkte, wie John, der trotz seiner irischen Abstammung äußerlich etwas von einem Südländer hatte, besorgt die Stirn runzelte, als er sagte:

»Ich nehme an, man hat dir auch erzählt, dass Hansheinrich im Feldzug gegen die afrikanischen Aufständischen einen schweren Fehlschlag erlitten hat, wenngleich in dieser Angelegenheit anscheinend niemand über den genauen Hergang sprechen will. Aufgrund meiner ausgezeichneten Beziehungen zu den militärischen Befehlshabern wäre es mir allerdings ein Leichtes, Genaueres über den Vorfall herausfinden, aber ich wollte nicht ohne deine Zustimmung tätig werden.«

»Das war ganz richtig, denn wenn man verliebt ist, interessiert man sich weniger für die Vergangenheit des geliebten Mannes als für die gemeinsame Zukunft mit ihm. Falls es etwas in Hansheinrichs früheren Leben gibt, das ich wissen sollte, bin ich sicher, dass er es mir über kurz oder lang erzählen wird. Jedenfalls bezweifle ich, dass er eine traumatische Erfahrung in Afrika gemacht hat, denn dann hegte er sicherlich nicht den Wunsch, dorthin zurückzukehren.«

Während der Nacht, die ich allein im Zimmer des Hohenzollernhauses verbrachte, kam mir dieses Gespräch wieder in den Sinn. Ich dachte, ich müsste endlich diesem Hang abschwören, die ganze Welt zu schultern wie der die Stuckfassade des Hohenzollernhauses beherrschende Atlas. Eine so junge eheliche Verbindung musste zwangsläufig ihre Höhen und Tiefen haben, und außerdem wollte ich keinen Gedanken daran verschwenden, jetzt das Schiff zurück nach Hamburg zu nehmen, denn allzu verlockend war die Aussicht, am nächsten Tag die weiten afrikanischen Ebenen zu durchqueren, um sich dieses einmalige Erlebnis durch einen Streit zwischen Frischvermählten zu verderben.

Ich denke, es wäre mir erheblich schwerer gefallen, meine Seele zu besänftigen, hätte ich gewusst, dass die Behörden von Swakopmund jenem so achtbar wirkenden Etablissement im Zusammenhang mit einem Skandal um Glücksspiel und Prostitution die Lizenz entziehen würden. Aber, wie heißt es doch so schön: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

THE NEW YORK TIMES, 11. April 1904

Gaffney in einen Autounfall verwickelt – von Miss Humphreys gesteuerter Wagen überfährt Kinder in Rom

Rom, 11. April. Miss Humphreys aus New York befand sich in Begleitung von St. John Gaffney, Miss Tupignac aus New York und dem Kapitän Marquis Paolucci, als sie trotz geringer Geschwindigkeit zwei Kinder überfuhr, wobei eines von ihnen schwere Verletzungen erlitt.

Der Unfall ereignete sich in dem meistbevölkerten Stadtteil, und der Wagen wurde umlagert von einer Menschenmenge, die die Insassen beschimpfte. Die Polizei musste zum Schutz der Wageninsassen einschreiten. Man brachte sie aufs Revier, das sie, nachdem man sie über den Unfallhergang befragt hatte, wieder verlassen durften.

St. John Gaffney ist eine bekannte Persönlichkeit aus New York, wohnhaft auf der Riverside Drive Nummer 41, Ecke Morristown, N.Y. Er war eng befreundet mit Charles Steward Parnell und gilt als ebenso prominenter wie einflussreicher Republikaner. Er betreibt eine Anwaltskanzlei auf dem Broadway Nummer 52.

Die Bay-Route

Erst gegen Morgen betrat Hansheinrich das Zimmer mit einem Blumenstrauß in der einen und einer Tasse heißen Tee in der anderen Hand und verkündete, wir müssten uns beeilen, um den Zug nach Windhuk zu erreichen. Er besaß die beneidenswerte Fähigkeit, am Morgen nach einer durchzechten Nacht frisch zu wirken wie eine Rose, und ich brachte es fertig, meinen verletzten Stolz herunterzuschlucken und meinen Mann zu begrüßen, als hätte ich seine Abwesenheit gar nicht bemerkt.

Der Bahnhof sah aus wie eine der kleinen Bergstationen in Deutschland, nur dass sich auf den Bahnsteigen in Swakopmund eine buntgewürfelte Menschenmenge aus afrikanischen Trägern, Militärs in Kolonialuniform und Zivilisten beiderlei Geschlechts mit Koffern, Proviantbeuteln und Schnapsflaschen tummelte, mit denen die Passagiere sich die Langeweile einer langen Reise zu vertreiben gedachten. Glücklicherweise waren die Abteile der ersten Klasse recht geräumig, und in unserem reisten nur vier Personen. Außerdem konnten wir im vorderen Bereich des Waggons auf einen kleinen überdachten Balkon hinaustreten, um frische Luft zu schnappen.

Wenngleich unverkennbar ein deutsches Fabrikat, erinnerte die Dampflok mit ihrem rauchenden Schornstein ein wenig an die Loks aus dem Wilden Westen Amerikas. Als kleines Mädchen hatte Großvater Frederick mich auf eine Fahrt mit der Santa Fe-Topeka Railway ins Grenzgebiet mitgenommen, und an diese in den Fotoalben und auf Postkarten festgehaltenen Szenen, die mein Großvater von der Reise aufbewahrt hatte, erinnerte mich nun viele Jahre später die Landschaft in Südwestafrika. Die Eisenbahnlinie von Swakopmund folgte der alten Strecke ins Landesinnere, die die ersten Händler die Bay-Route genannt hatten, obwohl ihr ursprüngliches Ziel der englische Seehafen Walvis Bay gewesen war, der später zu einer Enklave an der Küste der deutschen Kolonie wurde.

Auf dem ersten Streckenabschnitt war nur wenig durch das Abteilfenster zu sehen, da das Morgenlicht es schwer hatte, den dichten Nebel zu durchbrechen. Als wir die erste Anhöhe erreichten und den Dunstnebel hinter uns gelassen hatten, passierten wir einen Baustellenbereich, wo ein Trupp afrikanischer Arbeiter im bläulichen Schein mehrerer Acetylenlampen den Graben aushob, in dem die Schienen eingelassen wurden. Selbst im Halbdunkel fiel mir die extreme Magerkeit der Zwangsarbeiter auf, unter denen sich auch bis auf die Knochen ausgemergelte Frauen und Kinder befanden. Mehrere bewaffnete Soldaten überwachten die Arbeit dieser armen Teufel, die an den Füßen angekettet waren. Jenes düstere Bild sollte sich mir für ewig einprägen.

Später überflutete ein intensives orangefarbenes Licht eine kahle Hochebene, auf der die Felsformationen unwirkliche Schattierungen zeigten – ein Landschaft, die mich an die Bilder der flämischen Maler denken ließ, auf denen die Halluzinationen irgendeines heiligen Eremiten dargestellt waren, der nicht weniger abgezehrt war als jene Arbeiter, die ich zuvor gesehen hatte.

Je weiter wir Swakopmund hinter uns ließen, desto greller wurde das Wüstenlicht, das eine majestätische, von tiefen Schluchten durchfurchte Einöde enthüllte, wo kleine Eisenstege steinige Taleinschnitte überbrückten. Mit wachsender Entfernung von der Küste war die Temperatur erheblich angestiegen, und alle Schals und Mäntel, die wir beim Aufbruch in Swakopmund noch zum Schutz gegen die kühle Meeresluft benötigt hatten, waren plötzlich überflüssig geworden.

Gegen Einbruch der Dämmerung erreichten wir Karibib, ein Dorf aus weißgetünchten Hütten mit Wellblechdächern, das noch die Spuren der von den Aufständischen im letzten Krieg gelegten Brände zeigte. Mehrere Provinzrouten liefen hier zusammen, und einige Passagiere stiegen hier um, darunter auch Frau Müller, die ich auf dem Schiff kennengelernt hatte. Wir waren einmal ins Gespräch gekommen, als wir uns auf dem Zwischendeck die Beine vertraten. Dort hatte sie mir grauenerregende Details von der Rebellion der Hereros erzählt, die ohne Vorwarnung Farmen überfallen und viele Weiße erschlagen hätten, die bis dahin ihre Herren und Aufseher gewesen seien. Zum ersten Mal seit Kriegsende kehrte Frau Müller nun in die Kolonie zu ihrem Mann zurück, von dem sie voller Ehrfurcht sprach. Sie konnte den Moment kaum erwarten, wieder bei ihm zu sein und ihm beim Wiederaufbau der Farm zu helfen, die sie nach den Kämpfen halb zerstört hatten zurücklassen müssen. Ähnlich wie bei Herrn Stauch beeindruckte mich die Entschlossenheit dieser Frau, sich in einem so fernen Land eine neue Existenz aufzubauen – und das, obschon sie hier während des Krieges zwei ihrer Kinder in zartem Alter verloren hatte.

Von meinem Abteil aus konnte ich sehen, wie die schwarzen Träger Gepäckbündel und Arbeitsgeräte aufhäuften, die Frau Müller aus Deutschland mitgebracht hatte, um die im Krieg zerstörten Dinge zu ersetzen. Nach und nach leerte sich der Bahnsteig, bis nur noch Frau Müller dort auf ihren Gepäckstücken saß und darauf hoffte, jeden Moment den Wagen ihres Mannes auftauchen zu sehen. Als das Pfeifen der Lok die unmittelbare Abfahrt des Zuges verkündete, saß meine Freundin immer noch allein auf dem Bahnsteig. Und während der Zug sich langsam in Bewegung setzte und der Bahnhof immer ferner rückte, krampfte sich mir das Herz zusammen bei dem Gedanken, dass Frau Müller in diesem einsamen Nest mitten im Nichts zurückblieb. Ich machte Anstalten, mich zu erheben, doch Hansheinrich hielt mich zurück, indem er sanft meine Hand ergriff. Als ein in Karibib zugestiegener Farmer mit gewaltigem Schnäuzer mitbekam, dass wir uns für Frau Müller interessierten, kaute er auf seiner Zigarre herum und erklärte uns:

»Frau Müller kann dort warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, ihr Mann wird sie nicht abholen. Nach Kriegsende hat er sich nämlich mit der Mulattin aus Rehoboth eingelassen, die bei ihnen als Haushälterin arbeitete. Mittlerweile tollen mehrere dunkelhäutige Kinder auf ihrer Farm herum.« Er seufzte – aus Entrüstung oder Mitleid. »Sie sollte diese Geräte besser einem anderen weißen Farmer verkaufen, der sie gebrauchen kann, denn wenn einer von uns sich mit einer Farbigen einlässt, vergisst er im Nu, wie man die Instrumente der Zivilisation benutzt.«

Ich tat so, als belästigte mich der Zigarrenqualm, und hustete übertrieben heftig, um mich auf den kleinen Balkon zu entfernen, von wo aus ich in der Ferne Frau Müller schemenhaft auf ihrem Gepäckstapel sitzen sah wie eine im Abendrot schimmernde Bronzestatue auf ihrem Sockel.

Von nun an führte die Eisenbahnlinie durch eine weite Savanne mit gelblichem Gras. Hier und da wurde die baumlose Landschaft von dornigen Büschen oder kleinen Akazienwäldern gesprenkelt, und bisweilen erkannte man auf den kräftigen Ästen riesige Strohnester, die von Hunderten buntgefiederter Bienenfresser durchlöchert worden waren. Der Reisende mit dem Schnauzbart, der, als er uns Englisch reden hörte, die Rolle des Fremdenführers übernommen hatte, zeigte durchs Fenster auf eine Herde kleiner Antilopen mit graubraunem Rückenfell und weißgestreiftem Bauch, die, von der vorbeifahrenden Lok aufgeschreckt, davonpreschten und im vollen Lauf Luftsprünge bis mehrere Spann breit über den Boden vollführten, als seien ihre dünnen Beinchen mit Sprungfedern versehen.

»Springböcke!«, erklärte der schnauzbärtige Herr. »Das beste Wildfleisch: Springbocksteaks!«

Zur einen Seite erstreckte sich die Ebene weiter, als das Auge reichte, und zur anderen verlief die Eisenbahnstrecke parallel zu einer Bergkette mit tiefen Zerklüftungen und steilen Felswänden, zwischen denen Kakteenstauden und blühende Büsche wuchsen. Auf einem der Felsvorsprünge entdeckte ich einen Kudu, eine Antilope mit gewundenen Hörnern, von der ich bereits Abbildungen in Jagdbüchern gesehen hatte. Doch die Schönheit des graubraunen Fells, das die malvenfarbigen Schattierungen der Morgendämmerung aufnahm, und die stolze Pracht der spiralförmigen Hörner wirkten in natura hundertmal imposanter als auf einem Foto. Verzückt betrachtete ich die Eleganz des Tieres, das seinen Hals leicht in unsere Richtung neigte und seine fächerförmigen Ohren in einer Mischung aus Entsetzen und Faszination aufstellte, um dem Dröhnen der vorbeiratternden Lok zu lauschen.

Doch meine Freude währte nur kurz, denn plötzlich wurde der Lärm der Lok durch den Knall eines Gewehrschusses übertönt, und schon zuckte der Kudu unter der Wucht des Treffers zusammen und stürzte von seinem Aussichtspunkt auf dem Felsen in die tiefe Schlucht. Jemand hatte aus dem Fenster eines anderen Waggons heraus geschossen und damit dem Leben jener Antilope, deren Trophäe keinem nützen würde, ein Ende gesetzt. Ihr Kadaver lag jetzt sicherlich zerschmettert am Boden der Schlucht und diente einzig den Aasfressern zum Festschmaus.

Ich fragte mich, ob das die Art des weißen Mannes war, allen Lebewesen auf dem afrikanischen Kontinent, seien es nun Tiere oder Menschen, seine Überlegenheit zu beweisen. Dann flüchtete ich mich wieder in meine Reiselektüre, ein Buch von Peter Moore: Fahrt nach Südwest. Es waren die realen oder fiktiven Erinnerungen eines Freiwilligen aus dem Kolonialkrieg, die nach ihrer Veröffentlichung in Deutschland für einige Furore gesorgt hatten, da der Autor darin das Recht der kolonialen Schutzmacht, den Aufstand der Eingeborenenstämme gewaltsam niederzuschlagen, in Frage stellte.

Doch nach einer Weile ließ mich ein heller Lichtschein, der durch das Abteilfenster hereinfiel, von meiner Lektüre aufblicken. Am Horizont hatten sich schwere bleigraue Wolken zusammengebraut, die sich vom saftigen Grün der Hügel gespenstisch abhoben. Vor dieser melodramatischen Opernkulisse erleuchteten gewaltige Blitze jäh die wie ein Vorhang niederprasselnden Wassermassen eines tropischen Platzregens. An den Berghängen waren die kleinen Bäche zu reißenden Strömen angeschwollen, die sich als spektakuläre Wasserfälle in die Schluchten hinabstürzten. Nach dem Anblick des Kudu auf dem Felsvorsprung war dies das zweite überwältigende Schauspiel meiner noch frischen afrikanischen Erfahrungen.

Der bärtige Gelehrte

Infolge einer kuriosen Gedankenverknüpfung rief das Dröhnen der Donnerschläge und das Aufleuchten der Blitze die Erinnerung an eine Geschichte in mir wach, die Hansheinrich einige Monate zuvor widerfahren war, kurz nachdem wir offiziell unsere Verlobung bekanntgegeben hatten.

Wir hatten gemeinsam die Eltern meines Verlobten auf ihrem Landsitz in Oberlößnitz-Radebeul in der Nähe eines Dorfes namens Ebenrecht besucht. Nach dem Mittagessen im Haus meiner zukünftigen Schwiegereltern mit der gesamten Familie Hansheinrichs unternahmen wir einen Ausflug in das benachbarte Dorf, wo eine Kirmes gefeiert wurde. Die typische Ausgelassenheit solcher Volksfeste – auf denen das Bier in Strömen fließt – wirkte ansteckend, und im Takt von Walzer, Polka und anderen eingängigen Rhythmen tanzten wir bis in den Abend hinein. Bis schließlich im letzten Schein der Dämmerung leuchtende Feuerwerkskörper über unseren Köpfen explodierten und den Himmel erstrahlen ließen. Einige glühende Funken regneten auf das Publikum nieder, das diese zusätzliche Aufregung genoss und die Explosionen mit seinem Getöse übertrumpfte.

Doch als ich Hansheinrich anschaute, bemerkte ich, dass sein Gesicht plötzlich erbleicht war, und sein Arm legte sich so fest um meine Taille, dass es schmerzte. Dann packte er mich bei der Hand und zog mich auf einem Weg durch die Menge, der in den Wald mündete. Wir rannten zwischen wuchtigen Baumstämmen umher, drohten ständig, über irgendein Hindernis zu stolpern, und hielten erst inne, als wir an einen Fels mit einer tiefen Mulde gelangten. Einen Moment lang dachte ich, Hansheinrich habe mich von der Menge weglocken wollen, um mit mir allein zu sein und mir im Dunkeln einen Kuss abzutrotzen. Doch als ich meinen Kopf an seine Brust legte, spürte ich, dass sein Herz heftig schlug, und bemerkte im aufflackernden Licht der Feuerwerkskörper seinen beinah panischen Gesichtsausdruck. Er stammelte Wörter und Sätze auf Deutsch, deren Sinn ich anfangs nicht zu entschlüsseln vermochte. Später verstand ich, dass es Kommandos waren, wie in einer Situation höchster Gefahr: »Sie kreisen uns von allen Seiten ein, wir sollten zum Rückzug blasen! Wir müssen zurück zum Fluss …! Lasst das Geschütz hier, die Zugpferde haben sie getötet, aber entfernt den Zündbolzen, nicht dass diese Lumpen es noch gegen uns wenden! Mein Gott, noch ein Verwundeter, nur raus hier!«

Ich schmiegte mich mit meinem ganzen Körper an ihn, und schon bald normalisierte sich sein Pulsschlag, und er hörte auf, zusammenhangsloses Zeug zu stammeln. Wir blieben eine ganze Weile eng umschlungen an der Felsmulde, bevor wir schließlich dorthin zurückkehrten, wo die Pferdekutsche auf uns wartete.

Der Zwischenfall hatte keinerlei Auswirkung auf unsere Beziehung, denn damals war ich noch zu sehr geblendet von meinem Bräutigam und entzückt, in eine so vornehme Familie einzuheiraten, die eine enge Beziehung zum Kaiserhof pflegte. Immerhin stellte ich mir die Frage, ob Hansheinrich mich womöglich mit irgendeiner dunklen Seite seines Charakters überraschen würde, wenn wir erst einmal verheiratet wären. Jedenfalls dachte ich, es würde uns beiden guttun, ein paar Tage von unserer intensiven Beziehung auszuruhen. Daher nutzte ich die Gelegenheit, als ich ein spezielles Jagdgewehr in Wien abholen sollte, das Hansheinrich – als Ersatz für eines, das er während des Krieges in Afrika verloren hatte – bei einem Waffenschmied dort in Auftrag gegeben hatte, und verließ Dresden mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung, wenngleich in der Überzeugung, dass ich noch verliebter in meinen Bräutigam zurückkehren würde.

Doch als ich in Wien ankam, erlag ich der Versuchung, gegenüber meiner österreichischen Freundin, der Gräfin Eli von Schönborn, die Zweifel zu erwähnen, die mich hinsichtlich des Charakters meines Bräutigams befallen hatten. Meine Freundin Eli gehörte zu den Menschen, die Spaß daran haben, das Leben anderer zu regeln. Sie hielt es für zwingend notwendig, es gewissen prominenten Wiener Damen gleichzutun und die Praxis eines herausragenden, mir allerdings unbekannten Arztes aufzusuchen, der sich damals mit seinen neuen Methoden in der Psychoanalyse einen Namen machte. Was meine Freundin mir nicht gesagt hatte, war, dass die reichlich unkonventionellen Methoden jenes Spezialisten in akademischen Kreisen ebenso viel überschwängliches Lob wie erbitterte Kritik auslösten.

Als täten wir etwas Verbotenes, setzte uns Schönborns Kutsche am Hotel Sacher ab, von wo aus wir uns in einer Mietdroschke in die Berggasse 19 zu einem kleinen Hotel aufmachten, das gut einen neuen Anstrich vertragen hätte. Als uns dann aus dem Hauseingang auch noch ein kräftiger Sauerkrautgeruch entgegenschlug, mutmaßte ich, dass meine Freundin sich in der Adresse geirrt hatte. Aber nein, in diesem ein wenig düster wirkenden Haus führte Professor Sigmund Freud tatsächlich seine Praxis.

Doktor Freud empfing mich in einem engen, schlecht beleuchteten Sprechzimmer. Ich weiß nicht mehr, ob dort in einer Ecke die Couch stand, die später so berühmt werden sollte, jedenfalls hieß er mich, auf einem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen, ohne mir auch nur anzubieten, den Mantel abzulegen, wofür ich ihm allerdings fast dankbar war, denn es war reichlich kühl. Weder der Ort, an dem er seine Behandlung zelebrierte, noch die liederliche Erscheinung des Arztes – dessen Kittel am Kragen leicht ausgefranst war – wirkten auf mich sehr vertrauenerweckend. Was mich allerdings beeindruckte, war der Blick des Doktors, denn Freuds dunkle Augen schienen wie dafür geschaffen, in sein Gegenüber hineinzuschauen.

Da Eli mir bereits angekündigt hatte, dass es zu den Methoden der Psychoanalyse gehörte, den Patienten in Hypnose zu versetzen, beeilte ich mich zu erklären:

»Ich sage Ihnen gleich, Doktor, dass ich mich aufgrund einer schlechten Erfahrung in meiner Kindheit auf keinen Fall irgendeiner Art von Hypnose unterziehen will.«

Ich hatte diese Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da wurde mir klar, dass eine solche Ankündigung als Ausdruck von Misstrauen verstanden werden konnte, doch der Doktor verzog lediglich den Mund zu einem flüchtigen Lächeln, während er einen Blick in die Karteikarte mit meinem Namen warf, die sein Assistent für ihn vorbereitet hatte.

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Fräulein Humphreys, in den ersten Sprechstunden greife ich nie zur Hypnose. Übrigens kommt mir Ihr Familienname bekannt vor, haben Sie zufällig etwas mit dem Doktor Humphreys zu tun?«

Als ich ihm erklärte, der Herr sei mein Großvater, nickte Freud und sagte: »Er war ein großer Erneuerer hinsichtlich der Herstellung homöopathischer Arzneimittel. Als jemand, der in einem anderen Bereich der Medizin ebenfalls versucht eine neue Bresche zu schlagen, halte ich große Stücke auf Ihren Großvater.«

Ermutigt durch die wohlwollende Reaktion des Doktors, wagte ich es, ihm gegenüber offen zu sein:

»Bevor wir anfangen, muss ich Ihnen gestehen, dass ich nicht hergekommen bin, weil ich selbst eine Behandlung brauche … Ich habe Sie aufgesucht, um mit Ihnen über meinen Verlobten zu reden.«

Der Doktor starrte mich an, während er sich mit dem Zeigefinger das Brillengestell auf der Nase zurechtrückte.

»Obwohl ich häufig Dinge zu hören bekomme, die aus dem Rahmen fallen, versichere ich Ihnen, dass Sie die Erste sind, die mich bittet, eine Diagnose indirekt über eine Mittelsperson zu erstellen«, sagte er mit einem leichten Stirnrunzeln, weshalb ich schon fürchtete, er würde die Sprechstunde für beendet erklären. Doch vielleicht aus Respekt vor dem Andenken meines Großvaters oder aus Freundschaft zu Gräfin von Schönborn wollte er sich bemühen, mir entgegenzukommen.

»Nachdem Sie nun schon nach Wien gereist sind, nur um mich zu sehen, will ich nicht, dass Sie diese Chance verpassen. Erklären Sie mir bitte, unter welchen Symptomen Ihr Verlobter leidet?«

»Es würde mir schwerfallen, die Symptome in Worte zu fassen, aber er muss irgendeine schlimme Erfahrung während seines Kolonialdienstes gemacht haben, als er in Afrika als Artilleriehauptmann gegen die Aufständischen kämpfte. Mir gegenüber hat er nie etwas von diesem Vorfall erwähnt, so als wollte er diese Phase seines Lebens einfach vergessen.«

Freud hatte inzwischen ein Notizheft hervorgeholt und begann mitzuschreiben wie ein eifriger Schüler, der dem Diktat folgt.

»Sollte sich Ihr Verlobter während seines Militärdienstes etwas zuschulden kommen lassen haben, würde es mich nicht wundern, wenn er versuchte, diesen Fehltritt der Person zu verheimlichen, die er zu heiraten gedenkt. Er möchte vor Ihnen nicht das Gesicht verlieren und womöglich Ihre Beziehung gefährden«, sagte er schließlich.

»Ja, aber es ist doch äußerst merkwürdig, dass er mir vorgeschlagen hat, mit ihm nach Südwestafrika zu gehen, um dort zu leben, wo es ihm doch sicher schwerer fallen wird, sich seiner Vergangenheit zu entziehen und zu vermeiden, dass ich von dem Vorfall erfahre.«

»Es überrascht mich nicht, dass Ihr Verlobter an den Ort seines Scheiterns zurückkehren will. Offenbar möchte er das Ereignis, das ihn traumatisiert hat, noch einmal durchleben, um seinen Komplex zu überwinden. Und wie steht es mit Ihnen, behagt Ihnen die Vorstellung, in Afrika zu leben?«

»Ich denke, fernab in der Wildnis zu leben, frei von jeglicher gesellschaftlicher Konvention oder Reglementierung, ist die beste Voraussetzung für ein gutes Gedeihen unserer Beziehung. Allerdings wird mir ein wenig bang bei dem Gedanken, dieses neue Leben gleich mit dem Damoklesschwert einer belasteten Vergangenheit über unseren Köpfen zu beginnen.«

»So oder so kann ich Ihnen versichern, dass mir das Verhalten Ihres Verlobten vollkommen logisch erscheint. Was Ihr Verlobter versucht, auch wenn er es vielleicht selbst nicht weiß, ist, sich den verdrängten emotionalen Schock wieder bewusst zu machen. Wenn er einverstanden wäre, sich einer Analyse zu unterziehen, könnte ich ihm möglicherweise bei diesem Prozess behilflich sein.«

Ich begriff nicht so recht, wovon der Doktor redete, doch ich war mir absolut sicher, dass Hansheinrich nicht einmal im Zustand der Amnesie bereit gewesen wäre, dieses düstere Treppenhaus hinaufzusteigen, in dem es nach Sauerkraut stank, um die Praxis des Pioniers einer wenig anerkannten medizinischen Disziplin aufzusuchen. Freud muss wohl erraten haben, was mir durch den Kopf ging, denn er machte sich die Mühe, mir darzulegen, was er gemeint hatte.

»Es ist anzunehmen, dass die schlimme Erfahrung, die Ihr Bräutigam während des Krieges gemacht hat, einen so starken innerlichen Abscheu bei ihm erregt, dass er, um das ertragen zu können, gezwungen war, es ins Unterbewusstsein zu verbannen, von wo es jetzt wieder an die Oberfläche drängt. Die unterdrückten Triebe kämpfen sich auf verschiedenen Wegen, vor allem mit Hilfe der Träume, aus den Tiefen des Unterbewusstseins wieder hervor.«

Als er merkte, dass ich seinen Erläuterungen nicht ganz folgen konnte, versuchte der Doktor, sie mir mit Begriffen zu veranschaulichen, die mir vertrauter waren.

»Stellen Sie sich das Unbewusste vor wie einen großen Salon, wo die Gäste die Impulse oder Erinnerungen darstellen, die versuchen, sich der Aufsicht eines Kammerherrn – welcher in diesem Fall der innere Abscheu ist – zu entziehen und in einen anderen Raum zu wechseln, wo sie mehr Platz und Freiheit erlangen. Das ist der Vorraum des Bewusstseins. Die Erinnerungen, die vom Kammerherrn abgewiesen werden, können sich in Komplexe verwandeln, und diejenigen, denen es gelingt, der Überwachung durch den Zerberus zu entkommen und in den anderen Raum zu wechseln, treten vielleicht wieder auf die Ebene des Bewusstseins, welches das Ich von diesem unterdrückten Impuls befreien kann.«

Allmählich begannen mich die Analysen des Doktors ein wenig zu langweilen, da mir seine Überlegungen zu spitzfindig erschienen, um den Gedanken eines Hauptmanns der Artillerie gerecht zu werden, dessen einziges Problem darin bestand, dass er bei einer militärischen Auseinandersetzung versagt hatte. In dem Moment fiel mir der Vorfall auf der Kirmes in Ebenrecht wieder ein, als das Krachen der Feuerwerkskörper Hansheinrich an den Gefechtsdonner erinnert hatte. Wahrscheinlich hätte ich dem Doktor von dieser Erfahrung erzählen müssen. Doch jenen Augenblick der Schwäche meines zukünftigen Gatten einem Fremden zu offenbaren, wäre mir wie ein Verrat vorgekommen, weshalb ich unter dem Vorwand, noch eine andere Verpflichtung zu haben, die Sprechstunde für beendet erklärte und Eli Schönborn im Wartezimmer abholte, die völlig überrascht war, mich nach so kurzer Zeit schon wiederzusehen.

Mir entging nicht, dass Doktor Freud ziemlich irritiert war, dass ich unser Gespräch so abrupt beendete. Mich beschlich das Gefühl, er hätte gern noch ein wenig tiefer in der Wunde gewühlt, die der Krieg meinem Bräutigam zugefügt hatte. Dennoch bereute ich meinen Besuch in der Berggasse nicht, denn, wenngleich dieses Gespräch mir keinerlei neue Erkenntnis hinsichtlich meiner Beziehung zu Hansheinrich gebracht hatte, bestärkte es mich zumindest in meiner Absicht, ihn nach Südwestafrika zu begleiten, um ihm bei der Verarbeitung jenes traumatischen Erlebnisses zur Seite zu stehen.

Die Hauptstadt der Kolonie

Der Ort, an dem man Windhuk errichtet hatte, entbehrte nicht eines gewissen malerischen Charmes, doch seine Lage – er war umgeben von hohen Bergen, die wie die Mauern einer Festung emporragten – ließ darauf schließen, dass man ihn gewählt hatte, weil er als Zuflucht und Bollwerk gedacht war. Bereits vor der Zeit der deutschen Kolonialisierung, während der anhaltenden Kämpfe der Stämme aus dem Norden gegen die im Süden, hatte dieser Ort dem einen oder anderen Stammesoberhaupt als Stützpunkt gedient. Einer der Herero-Kapitäne war es gewesen, der dem ersten Heeresleiter der Kolonialmacht, einem gewissen Hauptmann von François, die Erlaubnis erteilte, dort eine Festung zu errichten, damit die weißen Soldaten ihm halfen, die ständigen Angriffe der Hottentottenstämme aus dem Süden abzuwehren, die ihnen die Herrschaft über das Weideland und die Viehherden streitig machten.

Nach mehreren Erweiterungen und Reparaturen war die Feste immer noch das auffälligste Wahrzeichen der Stadt. Der massive Bau aus Backstein und Zement mit seinen vier Zwillingstürmen wirkte ein wenig beklemmend – ein Eindruck, der sich verstärkte, wenn man sah, dass sich auf dem Gelände, das sich vor den Mauern erstreckte, die Baracken eines großen, mit Stacheldraht eingezäunten Kriegsgefangenenlagers drängten.

Der Hügel, auf dem die Festung aufragte, teilte die Stadt in zwei Sektoren: Im Westen lag Klein-Windhuk, wo sich noch vor der Stationierung der Truppengarnison die ersten Siedler niedergelassen und die katholischen Priester Gärten angelegt hatten, um die Warmwasserquellen aus den Bergen zu nutzen. Im Osten breitete sich Groß-Windhuk aus, die Neustadt mit den Geschäftshäusern und dem Sitz der zivilen Kolonialverwaltung, dem sogenannten Tintenpalast.

Das Hotel Kaiserkrone, wo wir logierten, ging auf die Hauptstraße, die Kaiser-Wilhelm-Straße, hinaus. Unzählige mit Waren und Schafen oder Ziegen vollgeladene Ochsenkarren waren zum Markt für Lebensmittel und Vieh unterwegs, der auf dem »Außenplatz« stattfand. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße patrouillierten außerdem unentwegt Truppen der Kavallerie. Wenngleich Berlin den Krieg gegen die aufständischen Eingeborenenstämme Ende März, wenige Wochen vor unserer Hochzeit, offiziell für beendet erklärt hatte – was Hansheinrichs Kameraden an einem dieser Abende im Klub der Artillerie, an denen am Ende alle betrunken waren, ausgiebig gefeiert hatten –, hielten sich vereinzelte Widerstandsnester hartnäckig entlang der Grenzen im Süden und im Osten des Territoriums. Manche Eingeborenenhäuptlinge hatten in diesem Gebiet Unterschlupf gefunden und verübten handstreichartige Überfälle auf Garnisonen oder abgelegene Farmen, was ein Klima der Unsicherheit in jener Gegend schuf.

In den Hotels, den Wirtschaften und Kaufläden der Hauptstadt kannten die Menschen kein anderes Gesprächsthema als die Folgen des Konflikts und die Klage über die durch die Vernichtung der Farmen und des Viehs erlittenen Verluste. Die Beharrlichkeit dieser Klage war mir nicht geheuer, fast mochte man denken, dahinter verberge sich das schlechte Gewissen der Kolonialgesellschaft, der zivilen wie der militärischen. Durch meine Lektüre des Buchs von Peter Moore wusste ich, dass die deutschen Truppen im Norden des Landes sich nicht damit begnügt hatten, den Aufstand der Hereros niederzuschlagen, sondern dass sie die gegnerischen Überlebenden in die grausame Omaheke-Wüste getrieben hatten, wo die Alten, Frauen und Kinder des Stammes auf jämmerliche Weise verhungert und verdurstet waren.

Neben diesem leicht bedrückenden gesellschaftlichen Klima bemerkte ich, als ich in Windhuk begann, in militärischen Kreisen zu verkehren, dass viele seiner Waffenbrüder Hansheinrich wie Luft behandelten, während sie mir immer mit ausgesuchter Höflichkeit begegneten. Außerhalb der Offiziersklubs hingegen verhielt sich die Kolonialgesellschaft uns gegenüber äußerst zuvorkommend, man könnte fast behaupten, die Leute rissen sich darum, der Gattin des Barons von Wolf vorgestellt zu werden. Obwohl Hansheinrich einer militärischen Adelsfamilie entstammte und sein Vater es bis zum Kammerherrn des Sachsenkönigs gebracht hatte, wusste ich, dass wir nicht das Recht hatten, diesen Adelstitel zu tragen. Doch in meinem kindlichen Wunsch nach Respekt und Anerkennung in dieser neuen Umgebung ließ ich mich dazu hinreißen, mich mit »Baronin« anreden zu lassen.

In Dresden hatte ich kaum Gelegenheit gehabt, mich im Deutschen zu üben, da man in diplomatischen Kreisen entweder Französisch oder Englisch sprach. Und die Tatsache, dass Hansheinrich sich über meine deutsche Aussprache lustig machte, erleichterte mir das Deutschlernen nicht unbedingt – anstatt mir zu helfen und meine Fehler zu korrigieren, verständigte er sich mit mir ausschließlich auf Englisch, selbst im Beisein von Leuten, die dieser Sprache nicht mächtig waren, was nachgerade an Unhöflichkeit grenzte. Außerdem zeigte mir dergleichen, dass mein Mann mich noch nicht richtig kannte, denn eine echte Herausforderung spornte mich an, über mich hinauszuwachsen.

Ich raffte mich dazu auf, in Hansheinrichs Abwesenheit Deutsch zu sprechen und kam auf diese Weise mit vielen Leuten ins Gespräch, die mir Dinge berichteten, die sie meinem Mann vielleicht nicht erzählt hätten. Dank meines Austauschs mit Kaufleuten und Viehhändlern auf dem Markt am Außenplatz bekam ich eine genauere Vorstellung davon, was in der Kolonie vor sich ging, als durch meine Unterhaltungen mit Vertretern der Kolonialverwaltung, die bisweilen der Realität ferner schienen als der einfachste Farmer.

Das wichtigste Ziel unserer Übersiedelung nach Südwestafrika war, eine große Farm zu erwerben, die es ermöglichte, einen Viehzuchtbetrieb von höchstem Anspruch aufzubauen. Wir wollten Rassepferde aus England und anderen Ländern einführen und deren Erzeugnisse hierzulande verkaufen. In der gesamten Kolonie herrschte infolge der Verluste während des Krieges und einer verheerenden Rinderseuche, von der ein Großteil des Schutzgebiets heimgesucht worden war, ein erheblicher Viehmangel. Nach dem Sieg der deutschen Truppen hatte man die aufständischen Stämme enteignet und das Land in den Besitz der Krone überführt. Die Kolonialverwaltung war bereit, die Offiziere und Soldaten, die für die Befriedung des Landes gekämpft hatten, bevorzugt zu behandeln und den Kriegsveteranen die Ländereien zu einem vernünftigen Preis und guten Zahlungskonditionen anzubieten.

Kurz vor unserer Hochzeit hatten Hansheinrich und ich eine Art ritterlichen Pakt geschlossen – auch wenn mir dieser Ausdruck nicht sonderlich behagt: Unsere Vereinbarung besagte, dass ich mich, auch wenn ich den größten Teil dieser Unternehmung mit dem Vermögen meines Großvaters finanzieren würde, jederzeit aus dem Geschäft zurückziehen könnte, sobald mir Zweifel an dieser Investition kämen. Hansheinrichs Beitrag zu diesem Projekt war auf andere Weise wesentlich, zum einen besaß er wertvolle Erfahrungen im Bereich der Pferdezucht und kannte das Land, zum anderen hatte er als Veteran des Kolonialkriegs die Möglichkeit, das beste Land zum günstigsten Preis zu erwerben.

Bevor wir das Schiff nach Südwest bestiegen, hatte Hansheinrich mit hohen Staatsbeamten der Kolonialverwaltung in Berlin verhandelt und sichergestellt, dass wir Land in dem nötigen Umfang erhielten, um unseren Zuchtbetrieb aufzubauen. Doch als wir in Windhuk eintrafen, stellten wir sehr rasch fest, dass die Mühlen der lokalen Bürokratie unerträglich langsam mahlten und die Anweisungen in unserer Angelegenheit sich länger hinzogen, als unsere Überquerung des Ozeans es getan hatte.

Trotz ihrer totalen Abhängigkeit von der Nabelschnur nach Deutschland meinten die lokalen Verwaltungsbeamten, die Probleme im Land besser zu kennen als die Hauptstädter, und führten sich auf wie die Pharaonen einer auf Wüstensand gebauten Pyramide, stolz, über ein Gebiet zu herrschen, das um ein Vielfaches größer war als das Mutterland.

Während mein Mann durch die Korridore des Tintenpalastes eilte im Bemühen, die bürokratischen Vorgänge zu beschleunigen, und Telegramme nach Berlin sandte, damit die Lokalverwaltung erfüllte, was man uns im Ministerium zugesagt hatte, nutzte ich den milden Herbst, um in einem Zweispanner, den Hansheinrich gekauft hatte, Ausflüge in die Umgebung von Windhuk zu unternehmen.

Mein Mann hatte vorübergehend einen ehemaligen Feldwebel und Veteranen der Schutztruppe namens Victor Orlich als Kutscher und Garde de Corps eingestellt, der, von einem Granatsplitter getroffen, in der Beweglichkeit seines linken Arms eingeschränkt war. Orlich kannte die Gegend wie seine Westentasche, weshalb er als Fremdenführer überaus nützlich war. Obwohl Orlich nur ein paar Brocken Englisch sprach und ich zu der Zeit das Deutsche noch nicht recht beherrschte, schafften wir es, uns in einem schrecklichen Kauderwelsch zu verständigen.

Das Massaker von Hopefield

Eines Tages, als ich mich gerade für eine Spazierfahrt in der Kutsche fertig machte, fiel mir eine Mitteilung in der Lokalzeitung auf, den Windhuker Nachrichten, die ich zu lesen versuchte, um meine Deutschkenntnisse zu verbessern. In der Rubrik »Aktuelles« erfuhr ich, dass unweit der südlichen Grenze des deutschen Territoriums, in einem südafrikanischen Bergbaudorf namens Hopefield, ein schreckliches Verbrechen verübt worden war.

Ohne ersichtlichen Grund hatten farbige Arbeiter den weißen Minenaufseher und seine Familie im Schlaf überfallen und mit allem, was sie finden konnten, Steinen, Knüppeln, selbst mit einem hölzernen Joch, auf sie eingeprügelt. Der Aufseher erlag wenige Stunden nach dem brutalen Übergriff seinen Verletzungen, und ein anderes Opfer starb gleich an Ort und Stelle mit gespaltenem Schädel. Die Frau des Aufsehers konnte sich wie durch ein Wunder retten, mit ihrem Sohn auf dem Arm gelang es ihr, unbemerkt dem Chaos während des Überfalls zu entkommen.

Als die Mitglieder der Bande von der südafrikanischen Polizei gefasst wurden, erfuhr man, dass ein geistig verwirrter Schwarzer namens Hendrik Beeker zu dem Massaker angestiftet hatte – mit keinem geringeren Ziel, als alle in Südafrika lebenden Weißen zu eliminieren. Der Anführer der Bande sagte selbst vor dem südafrikanischen Gericht in Kimberley aus, die Mission, die Afrikaner vom Joch der Kolonialherrschaft zu befreien, sei ein Gottesauftrag. »Die Zeiten, in denen die Weißen das Sagen hatten, sind vorbei«, sagte Beeker. Er gestand außerdem, der Sekte der Äthiopischen Kirche Südafrikas anzugehören, und fügte hinzu: »Es wird nur in Afrika geschehen, aber Gott hat den Weißen überall auf der Welt die Macht entzogen.« Die Komplizen des Verbrechens, die dem Anführer im Glauben an seine Botschaft gefolgt waren, wurden mit ihm zum Tode verurteilt und sollten nun laut Windhuker Nachrichten gehenkt werden.

Am interessantesten an dieser Nachricht fand ich die Tatsache, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen über Hendrik Beekers Hintergrund herausfand, dass er identisch war mit jenem visionären Propheten namens Shepherd Stürmann, der am Nama-Aufstand im Süden des Landes beteiligt gewesen war – in jenem Gebiet, wo mein Mann während des Krieges stationiert gewesen war. Dem Zeitungsbericht zufolge hatte der Prophet Stürmann den Entschluss des charismatischen Nama-Anführers Hendrik Witbooi, das zehn Jahre lang gewahrte Bündnis mit den Weißen aufzukündigen, entscheidend beeinflusst. Der Name Hendrik Witbooi war mir vertraut, denn in einer Vitrine auf dem Landsitz meiner Schwiegereltern in Oberlößnitz-Radebeul hatte ich einen mit einem großen weißen Tuch umbundenen Strohhut gesehen, der Witbooi gehört hatte und den Hansheinrich als Kriegstrophäe aus Südwestafrika mitgebracht hatte. Der Artikel endete mit den Worten, Stürmann sei, nachdem Hendrik Witbooi im Kampf gegen die Deutschen gefallen sei, nach Südafrika geflohen und habe dort eine andere Identität angenommen.

Da ich diesen Artikel noch einmal durchlesen wollte, verstaute ich ihn zusammengefaltet in meinem Mantel, um unseren Aufbruch nicht weiter hinauszuzögern. Doch als wir Hopefield erreichten und Halt machten, um mit herrlichem Blick auf die umliegenden Berge des Khomas-Hochlands zu picknicken, fiel mir die Zeitung aus der Manteltasche. Als Orlich sich danach bückte, blieb sein Blick an dem Artikel über Stürmann hängen. Ich lieh ihm die Zeitung aus, und während ich mich an dem Proviant gütlich tat, sah ich den Kutscher in die Lektüre des Artikels vertieft. Als er fertig war, gab er mir die Zeitung sorgfältig zusammengefaltet zurück und sagte mit bewegter Stimme:

»Ich habe den Propheten Stürmann und seine Gruppe von sechsunddreißig Gefolgsleuten gekannt. Ich musste im Tal des ausgetrockneten Auob-Flusslaufs gegen sie kämpfen. Stürmann und seine Männer waren an dem Gefecht an der Wasserstelle von Groß-Nabas beteiligt, dem schlimmsten Kriegsschauplatz, den ich je erlebt habe. Während der Kämpfe waren Stürmanns fromme Jünger von Kopf bis Fuß weiß gekleidet, und sie duckten sich nicht einmal andeutungsweise, als sie die Kugeln pfeifend an sich vorbeifliegen hörten, wähnten sie sich doch von einer besonderen Kraft beschützt, die sie angeblich unverwundbar machte.«

Als ich das hörte, reichte ich Orlich die Flasche Rheinwein und bat ihn, was ich rückblickend vielleicht besser gelassen hätte, auf einem Felsblock in meiner Nähe Platz zu nehmen und mit seiner Schilderung fortzufahren.

Das Gefecht von Groß-Nabas

»Die Kompanie, der ich angehörte, verbrachte die Heiligabendnacht des Jahres 1904 in den Felsenbergen bei Kalkfontein, nördlich von Stampriet. Wir hatten einen riesigen Dornbusch mit weißer, aus der Sanitätskiste entwendeter Wundwatte wie eine Weihnachtstanne dekoriert und davor ein großes Lagerfeuer angezündet. Noch nie war ich so ergriffen gewesen wie an jenem Tag, als ich unter dem funkelnden afrikanischen Sternenhimmel, an dem hoch oben das Kreuz des Südens leuchtete, die rauen Stimmen der Soldaten Stille Nacht, Heilige Nacht singen hörte. Bis in den frühen Morgen tranken wir heißen Kakao, reichten den Rum, ein Geschenk der Offiziere, sowie Tabakbeutel und Zigarettenschachteln herum.

Doch trotz des vorübergehenden Trostes, den Rum und Weihnachtslieder spendeten, war uns völlig bewusst, dass einige von uns, die wir hier ums Lagerfeuer saßen und Hand in Hand Weihnachtslieder sangen, unter diesem Himmel ihr Grab finden würden. Am nächsten Morgen erhielten wir in aller Frühe den Befehl, uns der Division von Major Meister anzuschließen, die sich im Tal des ausgetrockneten Auob-Flusses in Richtung Süden in Marsch gesetzt hatte. Meister wollte die Truppenbewegungen in der Umgebung der Wasserstelle von Groß-Nabas unter dem Kommando von Hendrik Witbooi unterbinden. Wir beschleunigten unser Tempo, um die Division des Majors einzuholen, deren Nachhut die Geschütze der 5. Batterie mitführte.«

An diesem Punkt seiner Schilderung überkam mich eine Gänsehaut, denn ich hatte nicht vergessen, dass Hansheinrich kurz nach seiner Ankunft in Südwest als Artilleriehauptmann ebendieser Einheit zugeteilt worden war. Sollte Orlich mein Unbehagen bemerkt haben, dann wusste er es gut zu verbergen, denn er fuhr unbeirrt fort:

»Am ersten Tag des Jahres 1905 ging die Sonne wie ein riesiger Feuerball am Horizont auf, und wir, die wir in der Vorhut marschierten, sahen, wie das Flussbett sich weiterschlängelte zwischen steilen Erhebungen zu beiden Seiten. Die erfahreneren Soldaten erkannten sofort, dass wir in eine Falle marschierten. Das Tal von Groß-Nabas war hufeisenförmig, und obwohl es ja heißt, Hufeisen brächten Glück, versichere ich Ihnen, dass es in dem Fall kein gutes Omen war … Sobald wir, gefolgt von der 5. Batterie, das Tal betraten, ging aus allen vier Himmelsrichtungen Granatfeuer auf uns nieder. Unsere Feinde hatten sich hinter aufgeschichteten Steinen und Erdwällen verschanzt und befanden sich strategisch absolut im Vorteil. Das Getöse war so laut, dass die Kommandos der Offiziere im Gefechtslärm untergingen, und bald erlitten wir zahlreiche Verluste. Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel und die geballte Hitze in der trockenen Senke führte dazu, dass man sich Hände und Gesichtshaut an den glühend heißen Kieselsteinen des ausgetrockneten Flussbettes verbrannte, wenn man sich zu Boden warf. Als die Offiziere nach der ersten Verwirrung den Artilleristen der 5. Batterie den Befehl erteilten, die Geschütze in Stellung zu bringen, um das Feuer des Feindes zu erwidern, zogen sie ein so heftiges Kreuzfeuer auf sich, dass alle, die die Geschütze bedienten, sofort zu Boden gingen. Da gaben die Offiziere Befehl, die Kanonen zurückzuziehen oder zumindest die Schlagbolzen abzumontieren, um zu verhindern, dass sie vom Feind noch gegen uns eingesetzt würden, sollten sie ihm in die Hände fallen. Doch sobald sich jemand den Geschützen näherte, wurde er mit einem gezielten Schuss niedergestreckt. Leutnant Semper lag schwer verletzt am Oberschenkel neben dem Geschütz, weigerte sich jedoch, dass man ihn von dort wegschaffte, und brüllte: ›Ich will bei meiner Kanone sterben!‹ Und als ein Soldat versuchte, ihn aus der Schusslinie zu ziehen, schrie der Leutnant: ›Schieß doch endlich, du Idiot, mit mir geht es sowieso in wenigen Sekunden zu Ende!‹ Dank seines Heldenmuts konnten die beiden Geschütze davor bewahrt werden, dem Feind in die Hände zu fallen.

Da die Rebellentruppen den Zugang zu den Wasserstellen von Groß-Nabas kontrollierten, war unsere Wasserversorgung vollständig unterbrochen, und bereits am Nachmittag des 3. Januar machte sich ein weiterer unerbittlicher Feind bemerkbar: der Durst. Die Hottentotten waren über unsere schwierige Lage genauestens im Bilde und hielten über die Felsverschanzungen Ledersäcke voller Wasser hoch mit den hämischen Rufen: ›Du, Dütschmann, hier is stief Water! Hol es dir!‹ Einige von uns verloren vor lauter Durst den Verstand, und ich sah mit eigenen Augen, wie Oberleutnant Bollard-Blockenberg mit entblößter Brust auf den Feind zurannte und dann wenige Schritte vor dem Wasserloch im Kugelhagel zusammenbrach. Es galt mit aller Macht zu verhindern, dass weitere Soldaten und Offiziere vor Durst auf die gleiche Weise Selbstmord begingen.

Mit fortschreitender Nacht verloren die Hyänen und Kojoten, vom Aasgestank angelockt, die Furcht vor unserer Anwesenheit und fielen über die Leichen unserer Männer und die Tierkadaver her. Die Soldaten feuerten mit ihren Gewehren auf die Aasfresser, doch manchmal irrten sie sich, wenn sie ein Augenpaar in der Dunkelheit aufleuchten sahen, und trafen unsere eigenen Maultiere. Mit der Aussicht auf hohe Belohnungen überredeten wir die burischen Kutscher, kleine Schächte im Sand auszuheben, und nutzten die Dunkelheit, um unter uns, die wir ...

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